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V. Nachwort: Die Haltung des Frankfurters Adorno als mögliches Leitbild für (u.a.) Frankfurter Schüler_innen in:

Roland Mugerauer

Gibt es eine wahre Religion?, page 165 - 168

Eine systematisch-theologische und philosophische Einführung samt Wettbewerbsbeiträgen von Oberstufenschülern

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4205-2, ISBN online: 978-3-8288-7164-9, https://doi.org/10.5771/9783828871649-165

Tectum, Baden-Baden
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Nachwort: Die Haltung des Frankfurters Adorno als mögliches Leitbild für (u.a.) Frankfurter Schüler_innen Der Herausgeber und Hauptautor dieser Publikation zitiert hier zum Abschluss etwas aus dem Schrifttum des Frankfurters Adorno, was für ihn, selbst vor allem von Sokrates herkommend, in gewisser Weise Beschluss geworden ist, und was ausdrückt, wohin er, wie er hofft, seine Frankfurter Mitautor_inn_en und möglichst viele der Schülerinnen und Schüler, die er durch die gymnasiale Oberstufe begleiten durfte und darf, ein Stück weit führen konnte und kann – nicht nur in Fragen der Religion sowie Ethik, Philosophie und Geschichte, vielmehr ganz generell. Das Zitat markiert auch das, was der Autor Schülern und Schülerinnen sowie seinen Studierenden wie auch allen Leserinnen und Lesern wünscht: „Demgegenüber ist der kompromißlos kritisch Denkende, der weder sein Bewußtsein überschreibt noch zum Handeln sich terrorisieren läßt, in Wahrheit der, welcher nicht abläßt. Denken ist nicht die geistige Reproduktion dessen, was ohnehin ist. Solange es nicht abbricht, hält es die Möglichkeit fest. Sein Unstillbares, der Widerwille dagegen, sich abspeisen zu lassen, verweigert sich der törichten Weisheit von Resignation. In ihm ist das utopische Moment desto stärker, je weniger es – auch das eine Form des Rückfalls – zur Utopie sich vergegenständlicht und dadurch deren Verwirklichung sabotiert. Offenes Denken weist über sich hinaus. Seinerseits ein Verhalten, eine Gestalt von Praxis, ist es der verändernden verwandter als eines, das um der Praxis willen pariert. Eigentlich ist Denken schon vor allem besonderen Inhalt die Kraft zum Widerstand und nur mühsam ihr entfremdet worden. Ein solcher emphatischer Begriff von Denken allerdings ist nicht gedeckt, weder von bestehenden Verhältnissen noch von zu erreichenden Zwecken, noch von irgendwelchen Bataillonen. Was einmal gedacht ward, kann unterdrückt, vergessen werden, verwehen. Aber es läßt sich nicht ausreden, daß etwas davon überlebt. Denn Denken hat das Moment des Allgemeinen. Was triftig gedacht wurde, muß woanders, von anderen gedacht werden: dies Vertrauen begleitet V. 165 noch den einsamsten und ohnmächtigsten Gedanken. Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert. Weil der Denkende es sich nicht antun muß, will er es auch den anderen nicht antun. Das Glück, das im Auge des Denkenden aufgeht, ist das Glück der Menschheit. Die universale Unterdrückungstendenz geht gegen den Gedanken als solchen. Glück ist er, noch wo er das Unglück bestimmt: indem er es ausspricht. Damit allein reicht Glück ins universale Unglück hinein. Wer es sich nicht verkümmern läßt, der hat nicht resigniert.“158 Mögen sich die Mitpublizierenden wie alle Schülerinnen und Schüler sowie Studierenden und auch alle Leserinnen und Leser das rückhaltlos kritische Denken auf ihrem Lebensweg, wie unauffällig und insgeheim auch immer, niemals ‘austreiben’ lassen! Denn die ‘Selbständigkeit im Denken’ (Theodor Ballauff) bzw. die Fähigkeit zum ‘problematisierenden Vernunftgebrauch’ (Jörg Ruhloff) dürfte dasjenige sein, was als ‘problematisch-vernünftige’ Bildung heute an der Zeit ist. Einer der auch heute noch pädagogisch wie gesellschaftlich relevantesten Gründe hierfür – und zwar in derzeit vielfach ungeahnter Aktualität – findet sich bei Adorno selbst ausgeführt: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, daß man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat. Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug. Daß man aber die Forderung, und was sie an Fragen aufwirft, so wenig sich bewußt macht, zeigt, daß das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist, Symptom dessen, daß die Möglichkeit der Wiederholung, was den Bewußtseins- und Unbewußtseinsstand der Menschen anlangt, fortbesteht. Jede Debatte über Erziehungsideale ist nichtig und gleichgültig diesem einen gegenüber, daß Auschwitz nicht sich wiederhole. Es war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht. Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, sondern Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern. Das ist das ganze Grauen.“159 158 Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Kritische Modelle 3. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 8731f. (vgl. GS 10.2, S. 798–799) http:// www.digitale-bibliothek. de/band97.htm. 159 Ebenda, S. 8516 (vgl. GS 10.2, S. 674). V. Nachwort: Die Haltung des Frankfurters Adorno als mögliches Leitbild 166 „[…] Das ist von keinem Lebendigen als Oberflächenphänomen, als Abirrung vom Lauf der Geschichte abzutun, die gegenüber der großen Tendenz des Fortschritts, der Aufklärung, der vermeintlich zunehmenden Humanität nicht in Betracht käme. Daß es sich ereignete, ist selbst Ausdruck einer überaus mächtigen gesellschaftlichen Tendenz.“160 „Der Nationalsozialismus lebt nach, und bis heute wissen wir nicht, ob bloß als dessen, was so monströs war, daß es am eigenen Tode noch nicht starb, oder ob es gar nicht erst zum Tode kam; ob die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen, die sie umklammern.“161 160 Ebenda, S. 9517f. (vgl. GS 10.2, S. 675). 161 Ebenda, S. 8315 (vgl. GS 10.2, S. 555). V. Nachwort: Die Haltung des Frankfurters Adorno als mögliches Leitbild 167

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Zusammenfassung

Die modernen westlichen Gesellschaften sind gekennzeichnet durch religiöse Pluralität und Vielfalt. Schon damit stellt sich die Frage nach der vermeintlich wahren Religion. Ausgehend von den Fragestellungen „Gibt es eine wahre Religion? Welchen Glaubensannahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?“ widmet sich der habilitierte Pädagoge, Theologe und Philosoph Roland Mugerauer den damit einhergehenden Problemen aus christlich-theologischer, religionsphilosophischer und allgemeinphilosophischer Sicht. Zudem präsentiert der Autor im Mittelteil des Buches Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschülern zum Thema, die im Rahmen des Evangelischen Religionsunterrichts an einer hessischen Europaschule (Gymnasium) entstanden sind. Sie wurden verfasst im Kontext eines von katholischer Seite ausgeschriebenen länderübergreifenden (Italien, Österreich, Deutschland) Essaywettbewerbs, der 2018 zum Thema „Der echte Ring / vermutlich ging verloren (G.E. Lessing) – Zum spannungsreichen Verhältnis von Religion und Wahrheit“ durchgeführt wurde. Viele der enthaltenen Beiträge wurden durch die Juroren des Wettbewerbs ausgezeichnet.