VIII. Romane als Beispiele in:

Silke Heimes

Wie schreibe ich spannend?, page 89 - 118

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1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4251-9, ISBN online: 978-3-8288-7162-5, https://doi.org/10.5771/9783828871625-89

Tectum, Baden-Baden
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89 VIII. Romane als Beispiele 1. Hagard (Bärfuss 2017) Inhalt: Philip, ein Schweizer Liegenschaftsentwickler Ende 40, wartet in einem Café der Züricher Altstadt auf einen Mann, dessen Malergeschäft bankrott ist und der deshalb sein Grundstück verkaufen will. Nachdem er eine Zeit lang vergeblich gewartet hat, geht er auf die Straße und schickt seiner Sekretärin eine Nachricht mit der Bitte, für ihn einen Flug nach Las Palmas zu buchen, wo er einen Komplex mit Seniorenwohnungen bauen und verkaufen will. Eine Weile steht Philip noch an einem Brezelstand vor einem Warenhaus, bis ihm ein Paar pflaumenblaue Ballerinas an den Füßen einer zierlichen Frau auffallen, welche er jedoch nur von hinten sieht. Er folgt der Frau und sagt sich wie im Spiel: Geht sie dort lang, folge ich ihr nicht mehr, geht sie dagegen in die andere Richtung, spiele ich das Spiel noch eine Weile weiter. Es bedeutet ja nichts, niemand kommt zu Schaden und der Abstand in der Menge ist so groß, dass sie mich nicht bemerken wird. Noch klingt das Ganze wie eine sportliche Aufgabe, zumal Philip in einer knappen Stunde ohnehin einen wichtigen Termin hat, von dem er sich allerdings bereits fragt, ob er ihn nicht verschieben kann. Was ihn dazu bewegt, der Frau zu folgen, bleibt zunächst unklar. Philip beobachtet, wie die Frau ein Pelzgeschäft betritt, einen Mantel abholt und mit Karte bezahlt. Dann fährt die Frau mit der Straßenbahn zum Bahnhof und steigt in einen Vorortzug, in den Philip ebenfalls einsteigt. In einem Vorort verlässt die Frau die Bahn und verschwindet in einem Mietshaus mit zwölf Parteien. Philip verbringt die Nacht in seinem Auto, das er sich von einem Taxifahrer gegen Bezahlung aus einem Parkhaus 90 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? hat holen lassen, und folgt der Frau am nächsten Morgen weiter. Bei der Verfolgung verliert er einen Schuh, weswegen er sich Schuhe klaut, ein paar lächerliche Pantoffeln, um der Frau weiter folgen zu können. Als Philip später seinen Wagen vor dem Wohnhaus abholen will, wurde dieser abgeschleppt, weil er im Halteverbot stand. Der Taxifahrer, der ihn zu seinem Wagen gebracht hat und nun kein Geld erhält, weil das im Wagen liegt, tritt Philip, dem vermeintlichen Betrüger, in den Rücken und wirft ihn zu Boden, wo er ihn weiter malträtiert. Als Philip wieder zu sich kommt, hört er Schritte, und die Frau, deren Gesicht er noch immer nicht gesehen hat, geht ins Haus. Als gleich darauf in einem Fenster im oberen Stockwerk das Licht angeht, schafft Philip es auf das Flachdach und springt von dort auf den Balkon des Apartments, in dem er die Frau vermutet. Als er die Fensterscheibe einschlägt, schneidet er sich am Handgelenk, womit die Geschichte endet, so dass offen bleibt, ob Philip überlebt. Aufbau und Struktur: Der Roman Hagard ist hundertvierundsiebzig Seiten lang. Für das Eskalationsmodell wurden insgesamt dreißig Szenen identifiziert. Bis auf wenige Spannungsplateaus, die vor allem dem Setup der Geschichte sowie der Einführung des Erzählers dienen und einigen weniger spektakulären Verfolgungsszenen geschuldet sind, steigt die Spannung bei den meisten Szenen kontinuierlich an. In den ersten fünf Szenen wird bereits ein Geheimnis angedeutet und in Widerspruch zu der vermeintlich konservativen Stadt gesetzt, in der die Geschichte spielt. Zudem wird über den Anfang von Geschichten philosophiert, was für den Zirkelschluss am Ende des Romans eine wichtige Rolle spielt. In der sechsten Szene werden die pflaumenblauen Ballerinas der unbekannten Frau etabliert, die sich wie ein Leitmotiv durch den Roman ziehen, wobei in der siebten Szene angemerkt wird, dass nicht bekannt ist, ob Philip zuvor bereits jemals eine fremde Frau verfolgt hat, was wiederum andeutet, dass es sich dabei wahrscheinlich um ein ungewöhnliches Ereignis handelt. Szene 8 und 9 pointieren, dass Philip entgegen seiner Vernunft handelt und die Frau weiterverfolgt, auch wenn sein Verstand ihm sagt, dass er das Spiel beenden sollte. Die beiden Szenen sind zentral, um Philips Triebverhalten und seine Obsessionen zu verstehen. 91 92 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? In der zehnten Szene projiziert der zu Beginn eingeführte Erzähler seine Fragen und Wünsche auf den Protagonisten, was Fragen aufwirft und zugleich Vorausdeutungen bezüglich des Fortgangs der Geschichte ermöglicht. Aber noch bleibt der Erzähler im Hintergrund und folgt vordergründig in erster Linie seinem Helden, der die unbekannte Frau bis zu ihrer Wohnung verfolgt (Szene 11), um nach einigen Fehlversuchen schließlich in das Mietshaus zu gelangen, in dem sie wohnt (Szene 12). Nachdem Philip sich von einem Taxifahrer seinen Wagen aus einem Parkhaus hat bringen lassen, verbringt er die Nacht im Auto, um die Frau am nächsten Morgen nicht zu verpassen (Szene 13 und 14). Als sie am nächsten Tag vor das Haus tritt (Szene 15), folgt Philip ihr bis zu ihrer Arbeitsstelle, wobei er einen Schuh verliert, so dass er einen Pantoffel klauen muss, wodurch er aufgrund seiner Obsessionen zum Dieb wird (Szene 16 bis 18). Spätestens in Szene 19 wird deutlich, dass die Unterschiede zwischen der Person des Erzählers und der Hauptfigur immer kleiner werden und beide miteinander verschmelzen, so dass sie gemeinsam zunehmend tiefer in den Sog ihrer Leidenschaft geraten, was dazu führt, dass der Protagonist sogar bereit ist, aus dem Müll zu essen, um die Verfolgung nicht abbrechen zu müssen (Szene 20). Erst nachdem der Protagonist auf einem von der Frau organisierten Vortrag über das Gehirn landet, erkennt er, wie gefährlich es ist, die Verfolgung fortzusetzen (Szene 21). Doch gerade, als er bereit ist, in die Realität zurückzukehren und die Verfolgung abzubrechen, entzieht sich ihm die Realität (Szene 22) und der Protagonist scheint, gemeinsam mit dem Erzähler, in den Wahn zu gleiten (Szene 23): Philips Handy ist leer und er hat Angst, von der Polizei aufgegriffen und in die Psychiatrie gebracht zu werden (Szene 24), während der Erzähler an seiner Redlichkeit zweifelt und daran, die Geschichte zum Ende bringen zu können (Szene 25). Szene 26 bis 29 stellen eine Art Zwischenspiel dar, in dem die Sekretärin als mögliche Schuldige benannt wird, weil sie im entscheidenden Augenblick nicht im Büro war, um Philips Hilfeanruf entgegenzunehmen. Die letzte Szene (Szene 30) bildet den dramatischen Höhepunkt: Philip dringt in die Wohnung der unbekannten Frau ein, schneidet sich am 93 romanE alS bEiSpiElE Fensterglas das Handgelenk auf und sendet am Ende die kryptische Nachricht, dass dies nicht das Ende sei, sondern der Anfang und verweist damit in einer Art Zirkelschluss auf die Anfangsreflexion des Erzählers, was nahelegt, dass beide Personen zu einer Einheit verschmolzen sind. Beispielszenen: Exemplarisch herausgegriffen werden die Szenen 1, 6, 14, 18, 19, 22, 27 und 30. Die erste Szene etabliert den Erzähler, der zunächst im Hintergrund agiert, sich aber zunehmend ins Geschehen einmischt (Szene 14), um am Ende immer mehr mit dem Protagonisten zu verschmelzen (Szene 19) und schließlich eine Einheit mit ihm zu bilden (Szene 30). Szene 6 ist deswegen von Bedeutung, weil der Protagonist in ihr das One-Way Gate durchschreitet und mit der Verfolgung der Unbekannten beginnt, die für ihn zunehmend zur Obsession wird, was sich unter anderem darin äußert, dass er einem moralischen Verfall unterliegt, der dazu führt, dass er in Szene 18 Pantoffeln klaut. Die Szene 22 zeigt, wie der Protagonist die Gefahr erkennt, in den ihn die Verfolgungsjagd gebracht hat, und dass er bereit ist, aufzugeben, die Umstände sich aber nun gegen ihn gewendet haben. Szenennummer: 1 Szenentitel: Der Erzähler. Szenenziel: Der Erzähler erklärt, dass er unbedingt Philips Geschichte erzählen muss, weil er nichts begreift, auch wenn er alles weiß. Ort: Schreibtisch. Zeit: Nach den Ereignissen. Figuren: Erzähler. Handlung: Der Erzähler behauptet, dass alle Ereignisse der Geschichte geklärt sind, die Umstände jedoch verborgen bleiben. Widerstände: Der Erzähler findet keinen Zusammenhang in den Bildern, die ihn verfolgen. 94 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Wendepunkt: Einen Versuch will der Erzähler noch wagen, obwohl er wie ein Spieler kurz vor dem Bankrott steht. Einstieg: Der Erzähler versucht schon seit langer Zeit, Philips Geschichte zu verstehen. Ausstieg: Wenn er es dieses Mal wieder nicht schafft, will er es sein lassen. Sonstiges: Die Rahmengeschichte zur eigentlichen Geschichte wird er- öffnet. Die eigentliche Geschichte hat einen Countdown von sechsunddreißig Stunden, wobei nicht klar wird, welche Funktion dieser timeticking-Faktor hat. Szenennummer: 6 Szenentitel: Die Jagd beginnt. Szenenziel: Auftritt der unbekannten Frau in den pflaumenblauen Ballerinas, die Philip sodann verfolgt. Ort: In der Nähe des Cafés, Parkhaus, Brezelstand. Zeit: Dienstag, 11. März, kurz vor siebzehn Uhr. Figuren: Philip, unbekannte Frau in den pflaumenblauen Ballerinas (Alter: Mitte 20). Handlung: Philip schreibt seiner Sekretärin, dass er in der Nähe des Cafés bleiben wird, falls sein Geschäftspartner noch auftauchen sollte. Er bittet darum, auf den Flug nach Las Palmas eingecheckt zu werden, wo er Interessenten für seine neuen Wohnungen treffen will. Vor dem Besuch bei Belinda, deren Funktion erst am Ende der Geschichte klar wird, will er sich in sein Auto im Parkhaus legen, allerdings hat er dort keinen Handyempfang. Also geht er wieder in die Nähe des Cafés zum Brezelstand und beobachtet die Menschen. 95 romanE alS bEiSpiElE Widerstände: Er sieht das Gesicht der Frau in den pflaumenblauen Ballerinas nicht. Wendepunkt: Er sieht in der Menge die pflaumenblauen Ballerinas und folgt der Frau, von der er glaubt, dass sie ihn mit einer Geste dazu aufgefordert hat. Einstieg: Philip steht in der Sonne und zündet sich eine Zigarette an. Ausstieg: Philip folgt der unbekannten Frau. Sonstiges: Die Jagd beginnt und das One-Way Gate wird durchschritten. Szenennummer: 14 Szenentitel: Die Nacht. Szenenziel: Der Erzähler gibt Details der Nacht preis, in der Philip im Auto wartet. Ort: Schreibtisch. Zeit: Nach den Ereignissen. Figuren: Erzähler. Handlung: In Gedanken hat der Erzähler bereits zahlreiche Nächte mit Philip im Auto verbracht und erinnert sich an eine Reise Philips nach Colmar. Er erzählt, dass Philip sich eine Pizza ins Auto liefern lässt und Belindas Nachrichten löscht, die sie ihm sendet, weil er sie versetzt hat. Widerstände: Philip beschließt, sich keine Sorgen ob seiner Geschäfte zu machen. Wendepunkt: Philip gelingt es, im Hier und Jetzt zu sein, ohne an die Zukunft zu denken. 96 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Einstieg: Der Erzähler hat die Nacht schon diverse Male durchlebt. Ausstieg: Alles schläft. Sonstiges: Der Erzähler und Philip scheinen zunehmend zu einer Person zu verschmelzen. Szenennummer: 18 Szenentitel: Der Aussätzige. Szenenziel: Philip wird zum Dieb. Ort: Arbeitsgebäude der Frau. Zeit: Mittwoch, 12. März. Figuren: Philip, unbekannte Frau. Handlung: Philip flüchtet in einen Hauseingang. In einem Laden mit Konkursware klaut er Plüschtierpantoffeln. Als die Ladenbesitzerin mit einer Trillerpfeife aus dem Laden kommt, flieht Philip in Richtung des Gebäudes, in dem die unbekannte Frau arbeitet, und versteckt sich zwischen Blumenkisten. Widerstände: Philip überlegt, einfach in das Gebäude zu gehen, hat aber Angst, dass man ihn für einen Aussätzigen halten und die Polizei rufen könnte. Wendepunkt: Philip bleibt in seinem Versteck und hofft, nicht von Kindern aufgestöbert zu werden. Einstieg: Regen setzt ein und es wird kalt. Ausstieg: Die Sonne steigt, aber in Philips Winkel bleibt es schattig. Sonstiges: Immer wieder handelt Philip entgegen seiner Vernunft. 97 romanE alS bEiSpiElE Szenennummer: 19 Szenentitel: Begierde. Szenenziel: Der Erzähler erkennt, dass es Philip bei der Verfolgung um Begierde geht und dieser deswegen gar nicht mehr in der Lage ist, frei zu entscheiden. Ort: Schreibtisch. Zeit: Nach den Ereignissen. Figuren: Erzähler. Handlung: Zu lang hat sich der Erzähler mit der Frage aufgehalten, warum Philip der Frau folgt. Widerstände: Der Erzähler hält seine Obsessionen im Zaum, während Philip sich seinen hingibt. Wendepunkt: Plötzlich versteht der Erzähler, dass es in Philips Geschichte um die Hingabe an die Liebe geht. Einstieg: Der Erzähler hat schon immer kurz entschlossene Menschen bewundert. Ausstieg: Das Herz wird einem Menschen aus dem Leib gerissen. Sonstiges: Der Erzähler und Philip verschmelzen immer weiter, aber noch widersteht der Erzähler seinen Trieben, während Philip seinen Obsessionen erliegt. Szenennummer: 22 Szenentitel: Rückkehr der Vernunft. 98 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Szenenziel: Philip scheint wieder klar denken zu können und ist bereit, die Verfolgung zu beenden. Ort: Auditorium. Zeit: Mittwoch, 12. März. Figuren: Philip, die Hand eines Unbekannten. Handlung: Philip muss aufpassen, dass ihn keine Polizeistreife aufgreift und man ihn in die Psychiatrie bringt, denn dann würde das Geschäft auf Las Palmas platzen. Widerstände: Bevor Philip in sein Leben zurückkehren kann, muss er den Stoffpantoffel loswerden, da man ihn sonst für verrückt halten wird. Wendepunkt: Philip will in sein altes Leben zurück. Einstieg: Philip entscheidet, dass er in sein Leben zurückkehren muss. Ausstieg: Eine kalte Hand packt Philip im Nacken. Sonstiges: Die Szene stellt einen klassischen Cliffhanger dar. Szenennummer: 27 Szenentitel: Geister. Szenenziel: Wird Philip wahnsinnig oder ist es der Erzähler, der durchdreht? Ort: Kein konkreter Ort. Zeit: Keine konkrete Zeit. Figuren: Philip. 99 romanE alS bEiSpiElE Handlung: Philip phantasiert sich als Schäfer auf einer Alp. Dann wieder verbringt er in seiner Phantasie einen Winter am Col de la Forclaz mit einem spanischen Schmuggler, gerät in Untersuchungshaft und besucht später einen Frisörsalon. Er treibt sich in Schrebergärten herum, arbeitet als Fliesenleger, reist weiter, begeht schließlich einen Selbstmordversuch und wird von einem Förster gerettet, woraufhin er zu der Witwe eines Garagisten zieht und mit deren Jaguar flieht, um als Taxifahrer zu arbeiten, und später von einem Kameruner zusammengeschlagen wird. Widerstände: Philips Phantasie scheint in Wahn umzuschlagen. Wendepunkt: Philip wird zusammengeschlagen oder phantasiert, dass er zusammengeschlagen wird. Einstieg: Die erste Dekade des 21. Jahrhunderts. Ausstieg: Eine Elster krächzt in der Abendstille. Sonstiges: Wahn und Realität vermischen sich. Szenennummer: 30 Szenentitel: Letzte Nachricht. Szenenziel: Philip und der Erzähler werden zu einer einzigen Person und senden eine letzte Nachricht: „Dies ist das Ende und hier will ich beginnen.“ Ort: Schreibtisch. Zeit: Nach den Ereignissen. Figuren: Erzähler. Handlung: Philip erwacht auf dem Asphalt, nachdem er von einem Kameruner zusammengeschlagen wurde. Sein Wagen ist verschwunden. Belinda, die Tagesmutter von Philips Sohn, von dem man erst spät und 100 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? sehr beiläufig erfährt, wird sich um den Jungen gekümmert haben, so die Annahme des Erzählers, auch wenn dieser vorgibt, nicht zu wissen, was mit Belinda und dem Jungen geschah. Vermutlich, so der Erzähler weiter, wird sich Belinda irgendwann bei der Polizei melden und der Junge wird in ein Heim kommen, nachdem man keinen Erziehungsberechtigten wird ausfindig machen können. Als Philip die Frau in ihre Wohnung gehen sieht, steigt er aufs Dach und versucht, sich auf ihren Balkon abzuseilen. Er zerschlägt eine Fensterscheibe und dringt in die leere Wohnung ein. Dort sind Pelz und Schuhe, aber keine Frau. Widerstände: Philip gelingt es nicht mehr, den Kontakt zu seiner alten Welt herzustellen. Wendepunkt: Die Frau kommt zurück und macht Licht in ihrer Wohnung, was Philip als letzten Ruf versteht. Einstieg: Wie Philip auf den Balkon kam, bleibt unklar. Ausstieg: Ich sterbe, aber ich verschwinde nicht. Sonstiges: Ist die letzte Botschaft von Philip oder dem Erzähler? Und stirbt Philip wirklich an dem Schnitt, den er sich beim Zerschlagen der Fensterscheibe zugezogen hat? Gesamtanalyse: Die ersten Fragen, die bereits eine gewisse Neugier auslösen und sich wie ein roter Faden durch den Roman ziehen und an Brisanz gewinnen, betreffen den Erzähler. Wer ist er? Woher bezieht er sein Wissen? In welcher Beziehung steht oder stand er zu Philip? Zu Beginn wird von dem Erzähler eine Art time-ticking-Faktor etabliert, indem er von sechsunddreißig Stunden spricht, innerhalb derer sich die Geschichte abspielt, auch wenn unklar bleibt, welche Relevanz der Zeitfaktor hat, außer um zu zeigen, in welch kurzer Zeit Philips Leben aus den Fugen gerät. Wie diese Fragen bleiben auch viele weitere Fragen offen, unter anderem die zen trale Frage, warum Philip der Frau überhaupt folgt. Es werden zwar immer wieder mögliche Lösungen angeboten, beispielsweise dass er ein Spiel spielt oder seinen Trieben unterliegt, aber ganz genau erfährt 101 romanE alS bEiSpiElE man es nicht. Wie man auch nie genau herausfinden kann, ob der Erzähler und Philip ein und dieselbe Person sind, zumal der Erzähler über Philip und die Geschichte sehr detailliert Bescheid weiß. Insgesamt ist das Aufwerfen von Fragen ein vielgenutztes Mittel zur Spannungserzeugung, zumal der Erzähler Fragen aufwirft, die sich der Leser im Verlauf der Geschichte unweigerlich selbst stellt. Dass es sich um einen unzuverlässigen Erzähler handelt, trägt ebenfalls zur Spannung bei, zumal sich daraus mehrere Lesarten ergeben, wie etwa die einer erotischen Phantasie oder die eines Verfolgungsromans, insbesondere weil immer wieder Bilder einer Jagd generiert werden: Philip als Jäger, die unbekannte Frau mit den pflaumenblauen Ballerinas als Wild. Zu dieser Lesart passen auch die Hypervigilanz und die Hyperdetailliertheit der Beschreibungen, die der Wachheit eines Jägers entsprechen. Alles muss wahrgenommen werden, auch vom Leser, da man während der Jagd noch nicht weiß, was später relevant wird. Neben der Spannung, die sich aus Jagd und Erotik res pek ti ve Obsession ergibt, besteht von Anfang an eine Art Rätselspannung, die sogar über das Ende der Geschichte hinaus bestehen bleibt, zumal die Ausgangsfrage wieder aufgegriffen wird: Wo ist der Anfang einer Geschichte und wo das Ende? Wer ist der Erzähler, der am Ende mit Philip eine Einheit bildet, so dass die Augen, die den Protagonisten ansehen, sowohl die des Erzählers sind als auch seine eigenen und die Frau möglicherweise nur ein Trugbild war. Bei der Spannungserzeugung spielt zudem der Subtext eine wichtige Rolle. Immer wieder werden Andeutungen und das, was verschwiegen wird, zu einer Art Angelhaken für den Leser. So erfährt er beispielsweise erst gegen Ende, dass Philip einen Sohn hat, den er eigentlich von der Tagesmutter hätte abholen müssen, während er die unbekannte Frau verfolgt. Die durch das Verschweigen entstehenden Leerstellen bieten Raum für Projektionen und Vorausdeutungen und steigern dadurch die Spannung. 102 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? 2. Du hättest gehen sollen (Kehlmann 2016) Inhalt: Ein Drehbuchautor fährt Anfang Dezember mit seiner Frau und seiner vierjährigen Tochter in die Berge, wo sie ein Haus gemietet haben, in dem er an der Fortsetzung seiner Filmkomödie schreiben will, da ihm sein Produzent im Nacken sitzt. Während er für die Filmfiguren Dialoge entwickelt und an Beziehungsproblemen bastelt, gerät auch er in Beziehungsstreitigkeiten und notiert in seinem Notizbuch sowohl die Filmdialoge als auch die Dialoge mit seiner Frau sowie Merkwürdigkeiten, die das gemietete Haus und seine Wahrnehmung betreffen. Sehr schnell verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität und als der Drehbuchautor mit seinem Auto eine gefährliche Serpentinenstraße ins Dorf fährt, um im Gemischtwarenladen einzukaufen, erzählt ihm der Verkäufer, dass auf dem Berg erst kürzlich ein Urlauber verschwunden sei, und deutet dabei alles mögliche Mysteriöse an. Schließlich rät er dem Drehbuchautor sogar, das Haus und die Gegend mit seiner Familie so schnell wie möglich zu verlassen. In der Folge ereignen sich immer mehr Merkwürdigkeiten: Ein Bild, das der Drehbuchautor definitiv zu sehen gemeint hat, hängt nicht mehr an der Wand und auch sein eigenes Spiegelbild ist im dunklen Wohnzimmerfenster nicht zu erkennen, während alles andere sehr wohl zu sehen ist. Seine Tochter und er haben seltsame Träume, rechte Winkel sind nicht mehr neunzig Grad und der Drehbuchautor entdeckt Notate in seinem Notizbuch, von denen er definitiv behauptet, sie nicht geschrieben zu haben. Der Drehbuchautor vertraut seinen Wahrnehmungen zunehmend weniger und gerät in eine immer tiefere Verwirrung, die er sich nicht mehr allein mit schlechten Träumen, Einbildungen, Halluzinationen oder Fieberanfällen erklären kann. Auch glaubt er nicht mehr an optische Täuschungen, sondern vermutet, dass von dem Haus eine reale Gefahr für ihn und seine Familie ausgeht. Er selbst fühlt sich, als würde er in zwei Personen zerfallen und hat Sorge, sich selbst gegenüber zu stehen, sobald er die Haustür öffnet. Auch das Haus wird immer unheimlicher und verändert sogar seine Gestalt, wirkt mal größer und dann wieder kleiner. 103 romanE alS bEiSpiElE Nach einem Streit mit seiner Frau, die er des Fremdgehens verdächtigt, weil er eine entsprechende SMS auf ihrem Handy gefunden hat, fährt seine Frau weg und lässt ihren Mann samt Tochter im Haus zurück. Der Drehbuchautor hat das Gefühl, in der Falle zu sitzen und will mit seiner Tochter aus dem Haus fliehen. Als er aber mit ihr ins Dorf zu gehen versucht, führt ihn die Straße wieder zurück vor die Tür des seltsamen Hauses, wo er nicht einmal Hilfe rufen kann, weil der Handyempfang zusammengebrochen ist. Seine Frau, die ihn nicht erreichen kann, kehrt zurück zum Haus, um nach ihm und ihrer Tochter zu sehen. Er allerdings setzt seine Tochter zu seiner Frau ins Auto und schickt sie beide weg und bleibt selbst als eine Art Pfand für den Teufel zurück. Aufbau und Struktur: Die Erzählung Du hättest gehen sollen ist sechsundneunzig Seiten lang. Für das Eskalationsmodell wurden insgesamt siebzehn Szenen identifiziert. Wie in dem Roman von Bärfuss gibt es in der Langerzählung Kehlmanns so gut wie keine Spannungsplateaus, sondern die Spannung steigt kontinuierlich an. Nur die ersten beiden Szenen dienen dem Set-up, wobei es auch hier schon zu einer Vermischung von Realität und Fiktion kommt, wodurch Fragen aufgeworfen werden und Neugierde geweckt wird, so dass bereits zu Beginn eine gewisse Spannung besteht. Schon nach der dritten Szene ist das One-Way Gate durchschritten. In der vierten Szene ist alles angelegt, was die Geschichte braucht: Zu den optischen Täuschungen kommen Alpträume hinzu, die sich mit Wahrnehmungsverzerrungen vom Tag vermischen. Was bisher nur eine Ahnung war, wird in der fünften Szene zur Gewissheit. Der Drehbuchautor sieht den ganzen Raum in der dunklen Fensterscheibe, sich selbst allerdings nicht. Die optischen Täuschungen werden manifest und massiv, das Mysteriöse gewinnt an Macht und ergreift in der sechsten Szene schließlich den Rest der Familie, so dass sie beschließen abzureisen. 105 romanE alS bEiSpiElE Bevor es allerdings zur Abreise kommt, entdeckt der Autor anhand einer SMS, dass seine Frau fremdgeht (Szene 7). Es kommt zum Streit und die Frau reist allein ab (Szene 8), während der Drehbuchautor und seine Tochter in dem seltsamen Haus zurückbleiben. In dem Maß, in dem die äußeren Widerstände zunehmen, nimmt der Wahn des Drehbuchautors ebenfalls zu und steigt auch die Spannung. Der Drehbuchautor findet in seinem Buch Notizen, die er selbst nicht gemacht hat (Szene 9 und Szene 10), und seine Alpträume werden immer bizarrer und bedrohlicher (Szene 11). In der zwölften Szene bricht das Handynetz auf dem Berg zusammen, zeitgleich erfährt der Drehbuchautor vom Gemischtwarenhändler, dass schon früher Urlauber an diesem Ort verschwunden seien. Er notiert alles für die Nachwelt und will mit seiner Tochter fliehen. Sie verlassen das seltsame Haus, wobei sie rückwärtsgehen (Szene 13). Aber der Sog des Hauses ist stärker und obwohl sie zahlreiche Serpentinen in Richtung Tal zurückgelegt haben, befinden sie sich am Ende wieder vor der Tür des seltsamen Hauses (Szene 14). Der Drehbuchautor scheint in seinem eigenen Bewusstsein gefangen zu sein. Seine Familie kann er zwar noch retten, er selbst aber scheint bereits verloren (Szene 15). Also setzt er seine Tochter zu seiner Frau ins Auto (Szene 16) und bleibt, gewissermaßen als Faustpfand für den Teufel, allein zurück (Szene 17). Beispielszenen: Exemplarisch herausgegriffen werden die Szenen 4, 5, 14 und 17. In der vierten und fünften Szene schleicht sich das Grauen bereits subtil ein und es ist zu ahnen, dass etwas nicht stimmt, wobei sich dieses ‚Etwas’ noch nicht benennen lässt. Spannungssteigernd ist vor allem, dass man nicht einschätzen kann, ob mit dem Haus und dem Ort etwas nicht stimmt oder mit dem Drehbuchautor, der zugleich als unzuverlässiger Erzähler fungiert. Die Täuschungen, Alpträume und Verzerrungen steigern sich von Szene zu Szene und erreichen einen Höhepunkt in der vierzehnten Szene, in der der Drehbuchautor mit seiner Tochter dem Haus zu entfliehen versucht und doch nur wieder vor der Tür des Hauses landet. Szene 17 bringt die Geschichte zu einem Ende und den Protagonisten zu der Einsicht, dass er sein Schicksal akzeptieren muss. 106 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Szenennummer: 4 Szenentitel: Mysteriöse Andeutungen. Szenenziel: Vorbereitung von etwas Schrecklichem. Ort: Haus in den Bergen, Dorf. Zeit: 4. Dezember. Figuren: Drehbuchautor, Susanna, Esther. Handlung: Der Drehbuchautor liest seiner Tochter Esther vor dem Zubettgehen ein Buch vor. Als er das Kinderzimmer verlässt, verirrt er sich allerdings im Haus. Nachdem er sich wieder orientieren kann, trinkt er mit seiner Frau Susanna Wein und sie erinnern sich an ihr Kennenlernen. Immer wieder drängen sich dem Drehbuchautor Gedanken bezüglich seines Drehbuchs auf. Am Tag fährt er dann ins Dorf, um Vorräte zu kaufen. Die Fahrt stresst ihn und er hat Angst, von der Straße abzukommen. Auch der Einkauf gestaltet sich anstrengend, da der Verkäufer die gewünschten Waren mühsam zusammensucht, obwohl es sich um Alltagsartikel handelt. Dabei deutet er etwas über den Vermieter des Hauses an, das der Drehbuchautor allerdings nicht versteht. Widerstände: Der Drehbuchautor leidet darunter, dass seine Frau studiert hat und er nicht. Es zeigen sich erste Merkwürdigkeiten in dem Haus auf dem Berg. Wendepunkt: Der Drehbuchautor hat einen Alptraum, in dem er Angst vor einer Frau hat, die er auf einem Foto in der Wäschekammer des Hauses gesehen hat. Einstieg: Der Vorabend war gut, aber dann hat der Autor einen Traum. Ausstieg: Der Autor schreibt wieder an seinem Drehbuch. 107 romanE alS bEiSpiElE Sonstiges: Hat der Drehbuchautor Wahrnehmungsstörungen? Was bedeuten die Andeutungen des Gemischtwarenhändlers über das Haus und den Vermieter? Szenennummer: 5 Szenentitel: Optische Täuschung. Szenenziel: Die Wahrnehmung des Autors wird zunehmend bizarrer. Ort: Haus in den Bergen. Zeit: 4. Dezember. Figuren: Autor, Susanna, Esther. Handlung: Der Drehbuchautor notiert die optische Täuschung und möchte sie fotografieren, findet aber sein Handy nicht. In der Fensterscheibe sieht er das ganze Zimmer, nur sich nicht. Als er aufsteht, um sein Handy zu suchen, hört die Täuschung auf und er setzt sich wieder an sein Drehbuch. Dann denkt er erneut an seinen Traum und als er sich das Foto in der Wäschekammer ansehen will, ist es weg. Er setzt sich wieder ans Drehbuch. Beim Abendessen behauptet er, ganz normal zu sein. Als er seine Tochter badet, kommt es zu einer weiteren optischen Täuschung. Seine Tochter hat Angst, allein zu sein und schlecht zu träumen. Seine Frau gibt vor, müde zu sein. Er schreibt weiter. Widerstände: Während er alles notiert, denkt er bereits, es wäre Einbildung gewesen. Wendepunkt: Auch seine Tochter scheint Alpträume zu haben. Einstieg: Wieder unterliegt der Autor einer optischen Täuschung, die dieses Mal allerdings länger andauert. Ausstieg: Er schreibt die nächste Szene im Drehbuch. 108 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Sonstiges: Das Grauen des Drehbuchautors überträgt sich auf den Leser und scheinbar auch auf seine Familie. Szenennummer: 14 Szenentitel: Nachtwanderung. Szenenziel: Alle ihre Mühen sind vergeblich, das Haus hält sie fest im Griff. Ort: Haus in den Bergen, Talstraße. Zeit: Nacht vom 6. auf den 7. Dezember. Figuren: Drehbuchautor, Esther. Handlung: Als sie am Abend rückwärtsgehend das Haus verlassen, sehen sie jemandem im Wohnzimmer und das Haus verändert Größe und Form. Mit dem Handy als Taschenlampe gehen sie die Straße entlang ins Tal. Widerstände: Nachdem sie zahlreiche Serpentinen in Richtung Tal entlanggegangen sind, landen sie wieder vor dem Haus. Wendepunkt: Der Drehbuchautor versucht, seiner Tochter die Wanderung als Abenteuer zu verkaufen. Einstieg: Der Drehbuchautor ist sich nicht einmal mehr des Datums sicher. Ausstieg: Der Drehbuchautor verspricht seiner Tochter, Essen zu machen. Sonstiges: Um seine Tochter zu beschützen, benimmt sich der Drehbuchautor so normal wie möglich. Entweder sieht seine Tochter tatsächlich auch alle Seltsamkeiten oder der Drehbuchautor phantasiert auch das. Eine große Hoffnungslosigkeit breitet sich aus. 109 romanE alS bEiSpiElE Szenennummer: 17 Szenentitel: Einsicht. Szenenziel: Akzeptanz. Ort: Haus in den Bergen. Zeit: 7. Dezember. Figuren: Drehbuchautor. Handlung: Der Drehbuchautor geht zurück ins Haus, es gibt nichts mehr zu tun oder zu notieren. Widerstände: Im dunklen Fenster spiegelt er sich wieder nicht. Wendepunkt: Der Drehbuchautor fügt sich in sein Schicksal. Einstieg: Alles ist berichtet. Ausstieg: Der Drehbuchautor hat das Gefühl, erst am Anfang zu sein. Sonstiges: Es fühlt sich an wie Einsicht, nicht wie Resignation. Gesamtanalyse: Kehlmanns Langerzählung erinnert an die Tradition der Schauerromane, wobei das Mysteriöse, das in diesen Romanen eine wesentliche Rolle spielt, in seiner Erzählung subtiler eingearbeitet wird und nicht als namenloses Grauen in die Geschichte einbricht, wie das in den Schauerromanen oftmals der Fall ist. Der Autor spielt bewusst mit dem Spannungsmittel Orientierung versus Irritation, wobei die Irritationen im Verlauf der Erzählung zunehmen. Die existentielle Verunsicherung des Protagonisten wird zur Verunsicherung des Lesers und steigert die Spannung, weil etwas auf dem Spiel steht, nämlich der gesunde Menschenverstand. Neben den Wahrnehmungsverzerrungen sind die parallel zu der eigentlichen Geschichte beschriebenen Szenen und geführten Dialoge des 110 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Drehbuchs, die im gleichen Notizbuch festgehalten werden, verwirrend und lösen Fragen sowie Verunsicherung und Neugier aus. Zudem werden zahlreiche Widerstände etabliert, von der Schreibhemmung des Drehbuchautors über die Streitereien mit seiner Frau bis hin zur Widerspenstigkeit seiner Tochter sowie zu den mysteriösen Ereignissen in und um das Haus herum. Die Frage, ob der Drehbuchautor einem Wahn oder einer Paranoia unterliegt, zieht sich wie ein roter Faden durch die Erzählung und bleibt bis zum Ende offen. Alle Ereignisse, inklusive des Fremdgehens der Ehefrau, werden uns lediglich anhand der Notizen des Drehbuchautors geschildert, so dass wir nicht sicher sein können, ob sie den Tatsachen entsprechen oder phantasiert sind. Ähnlich wie bei Bärfuss trägt auch bei Kehlmann der unzuverlässige Erzähler zur Steigerung der Spannung bei. Und wie Bärfuss’ Roman weist auch Kehlmanns Erzählung zahlreiche Ähnlichkeiten mit einer Jagd auf, wobei in diesem Fall der Protagonist, sprich der Drehbuchautor, der Gejagte ist. Wie in Bärfuss’ Roman trägt auch in Kehlmanns Erzählung die Hyperdetailliertheit zu einer spannungssteigernden Verzögerung der Geschichte bei, da alle erzählten Details sowohl für den Protagonisten als auch für den Leser relevant werden könnten. Für den Protagonisten, um dem Sog des seltsamen Hauses zu entkommen, und für den Leser, um zu erkennen, ob es sich um Wahn oder Realität handelt. Die parallel geführten Stränge von Alltag und Drehbuch führen zu einer Kluft zwischen heiler und bedrohlicher Welt. Die Welt des Drehbuchs ist komisch und banal, die Welt des Drehbuchautors zunehmend bedrohlich. Genau genommen bildet die Familie des Protagonisten einen dritten Strang. Seine Frau und seine Tochter stehen zwischen ihm und den Geschehnissen und können deswegen am Ende auch gerettet werden, während der Protagonist verloren ist. 3. Duell (Zwagerman 2006) Inhalt: Das Hollands Museum in Amsterdam soll renoviert werden, weil es die Brandschutzbestimmungen nicht mehr erfüllt. Die letzte große 111 romanE alS bEiSpiElE Ausstellung vor der Schließung wird von dem vierzigjährigen Verhooff, dem neuen Leiter des Museums, organisiert und heißt Duel. Zu der Ausstellung sind junge Künstler eingeladen, die vor allem Installationskunst machen. Sie sollen sich mit den Meisterwerken der Sammlung aus ei nander setzen und mit ihnen in einen künstlerischen Dialog treten. Unter den Künstlern ist nur eine einzige, Emma Duiker, die klassisch malt und das Werk Untitled No. 18 von Rothko kopiert, dessen Original sich ebenfalls in der Sammlung des Museums befindet. Während die Ausstellung insgesamt nur mäßiges Aufsehen erregt, wird Duikers Kopie ausführlich in den Medien besprochen und gelobt. Nach Beendigung der Ausstellung stellt der Chefrestaurator des Museums allerdings fest, dass es sich bei dem Untitled No. 18, das sich im Bestand Museums befindet, um eine Fälschung handelt. Duiker wird verdächtigt, das Bild beim Kopieren ausgetauscht zu haben, um es in die Welt zu entlassen und damit den Menschen auf der Straße nahezubringen, wie sie sagt. Statt den Kunstraub zu melden, nimmt Verhooff, der als junger Mann selbst eine kleine Galerie aufgebaut und junge Künstler gefördert hat, mit dem Restaurator die Spur des Bildes auf und findet es schließlich in einer Schule für lernbehinderte Kinder in Slowenien. Weil die Direktorin das Bild allerdings nicht freiwillig herausgibt, engagiert Verhooff zwei Kleinkriminelle, um das Bild zu stehlen. Als diese es ihm zurückgeben und mehr Geld fordern, kommt es zum Streit und Verhooff zerstört das Gemälde aus Versehen mit der Faust. Verhooff und der Restaurator bringen das zerstörte Bild heimlich zurück ins Museum, wo es in aller Stille wiederhergestellt werden soll, während Duikers Kopie solang das Original ersetzen soll. Wider Erwarten erhält Verhooff allerdings keine zweite Amtszeit, wodurch es schwierig wird, das Geheimnis zu bewahren. Bei der Wiedereröffnung des Museums mit einer neuen Direktorin will der Direktor des Museum of Modern Art (MoMA) sich den Rothko leihen, der in seinen Augen unerwartet gut erhalten ist. Als er Verhooff darum bittet, flieht dieser. Alles Weitere bleibt offen. Aufbau und Struktur: Die Novelle Duell ist hundertsechzig Seiten lang. Für das Eskalationsmodell wurden insgesamt fünfundzwanzig Szenen identifiziert. Wie in dem Roman von Bärfuss und der Langerzählung 112 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? von Kehlmann gibt es so gut wie keine Spannungsplateaus, sondern die Spannung steigt kontinuierlich an. Es bedarf nur einer einzigen Szene, um das Set-up zu beschreiben, bereits die zweite Szene führt zum skandalösen Höhepunkt der Novelle, bei dem der Direktor des Hollands Museums ungewollt den dreißig Millionen teuren Rothko mit der Faust zerstört. Mit dieser Vorausdeutung ist die Neugier geweckt und die Antizipation wird in Gang gesetzt. In der dritten Szene folgt ein kleines Spannungsplateau, weil in dieser Szene erklärt wird, warum der Direktor im Museum wohnt: Um nämlich einer Hausbesetzung während der Renovierungsmaßnahmen vorzubeugen. Die vierte Szene bietet bereits einen Spannungsanstieg, da ein Umbruch stattfindet: Kaum dass Verhooff als Museumsdirektor eingesetzt ist, wird klar, dass das Museum schließen und umgebaut werden muss, da es den aktuellen Brandschutzbestimmungen nicht mehr entspricht. In der fünften Szene sorgt eine politische Kontroverse für einen Spannungsanstieg, der bis zur siebten Szene anhält, wobei in Szene 6 und Szene 7 Duikers Rolle als Kopistin erklärt wird, was als Grundlage für die nachfolgende Geschichte wichtig ist. In der achten Szene steigt die Spannung erneut an, als sich herausstellt, dass der Rothko im Museum eine Kopie ist, was nahelegt, dass Duiker das Original entwendet hat, womit sie eine Revolution im Sinn hat, nämlich die Kunst auf die Straße zu bringen (Szene 9). Verhooff rutscht in Szene 10 bereits selbst in die Kriminalität, als er jemanden beauftragt, Duikers Account zu hacken, um herauszufinden, wo sich der Rothko aktuell befindet, was auch gelingt und die Jagd in Gang setzt (Szene 11). Szene 12 hat wieder ein Spannungsplateau, weil das Überreden des Restaurators zur Reise nur eine notwendige Vorbedingung für das Folgende darstellt und kein eigenes Spannungspotential besitzt. Die antagonistischen Kräfte, die in Szene 13 wirken, steigern die Spannung dann wieder, denn die Direktorin der Schule in Slowenien, in der sich das Gemälde befindet, verweigert dessen Herausgabe und Verhooff rutscht völlig in die Kriminalität ab, als er zwei Kleingangster engagiert, um das Bild zu stehlen (Szene 14). Szene 15 entspricht wieder einem Spannungsplateau, da es in ihr nur um die Verhandlungen mit den Ganoven geht (Szene 16). 113 114 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Szene 17 ist wieder mit einem deutlichen Spannungsanstieg verbunden und hat einen Bezug zur ersten Szene, denn jetzt erfährt der Leser, wie es dazu gekommen ist, dass Verhooff das Bild zerstört hat. Die Spannung steigt weiter an, da Verhooff sich noch immer im Graubereich bewegt, als er vorschlägt, das Bild heimlich zu restaurieren (Szene 18), und er und der Restaurator mit dem Bild in einem Köcher zurück nach Amsterdam fliegen (Szene 19). In Szene 20 spitzt sich der Konflikt zu, denn es wird klar, dass Verhooff keine zweite Amtszeit erhält, wodurch es erschwert wird, das Geheimnis zu wahren. Auch die Idee, während der Restaurierung des Originals eine von Duikers Kopien aufzuhängen (Szene 21), trägt zur Spannungssteigerung bei, ebenso wie die Tatsache, dass Verhooff Duikers Projekt offiziell kauft, um die Angelegenheit wie eine Inszenierung wirken zu lassen. Dadurch wird er endgültig zum Verbündeten der Künstlerin und Kunstdiebin (Szene 22). Als er schließlich gefeuert wird, ist er einzig darauf bedacht, das Geheimnis weiterhin zu wahren (Szene 23). Bei der Wiedereröffnung des Museums beachtet in schon niemand mehr (Szene 24), bis der Direktor des MoMA ihn darum bittet, sich den Rothko leihen zu dürfen, woraufhin Verhooff flieht (Szene 25). Beispielszenen: Exemplarisch herausgegriffen werden die Szenen 2, 8, 22 und 25. Die zweite Szene ist deswegen relevant, da in ihr bereits klar wird, wie es zur Zerstörung des Kunstwerks kam. Die achte Szene ist von Bedeutung, weil hier der Austausch des Originals gegen eine Kopie offengelegt wird, was die Jagd nach dem Original in Gang setzt, wodurch das One-Way Gate durchschritten wird. In Szene 22 wird der Direktor endgültig zu Duikers Komplizen und damit ebenfalls zum Kriminellen, wie sich das in den vorherigen Szenen bereits angekündigt hat. In Szene 25 besteht die Gefahr, dass Verhooff doch noch auffliegt, weswegen er flieht, wodurch der Spannungsgipfel erreicht ist. Szenennummer: 2 Szenentitel: Die zerrissene Leinwand. 115 romanE alS bEiSpiElE Szenenziel: Verhooff hat die Leinwand eines teuren Kunstgemäldes, Untitled No. 18 von Rothko, zerstört. Ort: Museum. Zeit: Gegenwart. Figuren: Verhooff. Handlung: Verhooff schätzt den Verlust auf dreißig Millionen Euro und vergleicht die Blamage mit seinem Bauchklatscher als Neunjähriger. Widerstände: Die Weltbevölkerung wird ihn verhöhnen. Wendepunkt: Verhooff hat einen Fehler gemacht. Einstieg: Die Tage, nachdem Verhooffs Faust die Leinwand zerstört hat. Ausstieg: Die Weltbevölkerung wird über ihn lachen. Sonstiges: Das Ausmaß von Verhooffs Beschämung wird deutlich, die Neugier des Lesers ist geweckt. Szenennummer: 8 Szenentitel: Kunstraub? Szenenziel: Hat Duiker das Original gestohlen? Ort: Museum. Zeit: Acht Monate nach der Ausstellung. Figuren: Verhooff, Restaurator, Duiker. Handlung: Untitled No. 18 von Rothko hat eine Transportnummer vom Guggenheim Museum, obwohl es nie dort ausgestellt war. Der Restau- 116 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? rator hat bisher nur mit Verhooff darüber gesprochen. Das Bild ist drei- ßig Millionen Euro wert und Verhooff beschließt, Emma Duiker zusammen mit dem Restaurator zu besuchen. Widerstände: Verhooffs Unglaube und Skepsis. Wendepunkt: Hat Duiker beim Kopieren das Original entwendet? Einstieg: Acht Wochen nach der Ausstellung bekommt Verhooff eine E- Mail vom Chefrestaurator des Museums. Ausstieg: Verhooff und der Restaurator machen sich auf den Weg zu Duikers Atelier. Sonstiges: Handelt es sich um Betrug? Szenennummer: 22 Szenentitel: Der Kauf von Duikers Projekt. Szenenziel: Verhooff kauft schließlich Duikers komplettes Projekt, um die Ereignisse wie eine geplante Inszenierung erscheinen zu lassen. Ort: Hilton, Amsterdam. Zeit: Monate nach der Reise. Figuren: Verhooff, Duiker. Handlung: Duiker klärt Verhooff über die Reise des Bildes auf. Widerstände: Verhooff behauptet, dass er mitgemacht hätte, wenn Duiker ihn von Anfang an eingeweiht hätte, aber sie glaubt ihm nicht. Wendepunkt: Verhooff fühlt sich versöhnt mit Duiker und der Welt. Einstieg: Duiker hat Verhooffs Lehrer Shorto um ein Essay gebeten. 117 romanE alS bEiSpiElE Ausstieg: Verhooff sieht Duiker nach, als sie mit dem Rad davonfährt. Sonstiges: Verhooff lässt sich auf einen Deal mit der Kunsträuberin ein, wodurch er zu ihrem Komplizen wird. Dadurch wird es auch immer schwieriger oder nahezu unmöglich, Duiker anzuzeigen. Szenennummer: 25 Szenentitel: Bredouille. Szenenziel: Der Leiter des MoMA will sich den Rothko leihen. Ort: Museum. Zeit: Wiedereröffnung. Figuren: Verhooff, Leiter des MoMA. Handlung: Der Leiter des MoMA will eine Rothko-Retrospektive machen und schwärmt, wie gut erhalten Untitled No. 18 ist. Widerstände: Verhooff erklärt dem Leiter des MoMA nicht, warum das Bild so gut erhalten ist. Wendepunkt: Verhooff flieht aus dem Museum. Einstieg: Der Leiter des MoMA spricht Verhooff an. Ausstieg: Verhooff flieht. Sonstiges: Das Ende bleibt offen. Gesamtanalyse: Die Novelle Duell wirft einen kritischen Blick auf den Kunstmarkt und stellt Fragen wie: Was ist Kunst und was ihr Wert? Handelt es sich um einen materiellen oder ideellen Wert? Und für wen wird Kunst eigentlich gemacht? Für reiche Sammler, die die Werke unter Verschluss halten, für Museumsbesucher in klimatisierten Räumen oder für 118 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? die gewöhnlichen Menschen auf der Straße? Das titelgebende Duell ist nicht nur eine Ausstellung, sondern zugleich das Leitthema der Novelle. Es findet ebenso zwischen Duiker und Verhooff statt wie zwischen dem Kunstbetrieb und seinen Rebellen sowie unterschiedlichen Ideen von Kunst. Die Konflikte auf den verschiedenen Ebenen und die zunehmenden Verstrickungen des Protagonisten sind die Hauptmittel zur Spannungserzeugung. Hinzu kommt die innere Zerrissenheit des Protagonisten, die dazu führt, dass er seine Kontrahentin nicht wirklich bekämpft, weil er sich ihr ideell nahe fühlt. Dass nun ausgerechnet Verhooff dem Kunstwerk Schaden zufügt, hält die Spannung ebenso wie die Tatsache, dass er seine Kontrahentin am Ende um Hilfe bitten muss, wodurch die Komplizenschaft besiegelt ist und Verhooff ebenfalls zum Kriminellen wird. Wie bei Bärfuss und Kehlmann geht es auch bei Zwagerman in Teilen der Novelle um eine Jagd, in diesem Fall die Jagd nach dem Kunstwerk, das gerettet werden muss, bevor der Kunstraub auffällt. Die zahlreichen Wendungen sorgen für Spannung: Erst wird die Kunstdiebin von den Medien gefeiert, weil sie eine so gute Kopistin ist, dann stellt sich heraus, dass sie genau diese Fähigkeiten dazu genutzt hat, das Original zu stehlen. Statt die Polizei einzuschalten, macht sich der Protagonist selbst auf den Weg, was einer Art Seitenwechsel gleichkommt. Und weil er sich immer weiter verstrickt, wird auch seine Mitschuld immer größer, was eine Aufdeckung zum Skandal machen würde. Zuletzt ist er zum Haupttäter geworden, der fliehen muss.

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Zusammenfassung

Wie schreibe ich spannend? Wie bringe ich den Leser dazu, weiterzulesen? Am besten atemlos. Diese Fragen sind fürs literarische Schreiben ebenso relevant wie fürs faktische. Dabei geht es darum, den Leser emotional zu packen und in den Text hineinzuziehen. Es gilt, Geschichten zu erzählen, in der Belletristik wie im Journalismus. Wie man Spannung aufbaut und hält, können wir von den Großmeistern Hitchcock und Highsmith ebenso lernen wie von Gegenwartsautoren sowie preisgekrönten Journalisten. Das Buch erklärt systematisch, was Spannung ist und wie man diese beim Schreiben erzeugt. Es arbeitet genreübergreifend und interdisziplinär und erstellt ein eigenes Eskalationsmodell, dessen vielseitige Anwendbarkeit es anhand von Romanen, Erzählungen und Reportagen demonstriert.