VII. Erzählungen als Beispiele in:

Silke Heimes

Wie schreibe ich spannend?, page 61 - 88

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1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4251-9, ISBN online: 978-3-8288-7162-5, https://doi.org/10.5771/9783828871625-61

Tectum, Baden-Baden
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61 VII. Erzählungen als Beispiele 1. Sommerhaus, später (Hermann 1998) Inhalt: Die Protagonisten der Erzählung Sommerhaus, später aus dem gleichnamigen Erzählband von Judith Hermann sind ein erzählendes Ich und ein Mann namens Stein. Während schnell deutlich wird, dass es sich bei Stein um einen männlichen Taxifahrer handelt, wird das Geschlecht des erzählenden Ichs bis zum Ende nicht explizit genannt, wobei anzunehmen ist, dass es sich um eine weibliche Person handelt, weswegen in der Folge von der Ich-Erzählerin oder dem erzählenden Ich die Rede sein wird. Handlungsorte sind Berlin-Kreuzberg und der fiktive Ort Canitz im Oderbruch. Die Geschichte beginnt mit einem Telefonat zwischen Stein und dem erzählenden Ich, in dem Stein erklärt, sich ein Sommerhaus gekauft und sich damit einen Traum erfüllt zu haben. Vielleicht nicht nur seinen Traum, sondern zugleich den des erzählenden Ichs und ihrer Clique, wobei Stein sich das wünscht, ohne es jemals auszusprechen. Nachdem sie sich zwei Jahre lang nicht gesehen haben, überredet Stein das erzählende Ich, sich das Haus anzusehen, und holt es in seinem Taxi ab. Während der Fahrt erinnert sich die Ich-Erzählerin an die Zeit, in der Stein zu ihrer Clique stieß, die in erster Linie Drogen konsumierte und sich amüsierte. Stein wohnte abwechselnd bei einem von ihnen und schlief mit den Frauen der Clique. Obwohl er sich sehr darum bemühte, Teil der Clique zu werden, gehörte er nie wirklich dazu. Das gekaufte Sommerhaus erweist sich als stark renovierungsbedürftig und Stein scheint dort ebenso wenig willkommen zu sein wie früher in 62 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? der Clique. Dennoch möchte er, wie sich durch Andeutungen im Verlauf der Geschichte herausstellt, mit der Ich-Erzählerin in dem Haus wohnen. Sie teilt Steins Begeisterung für das Haus allerdings nicht und will sich überdies auf nichts festlegen. Das erzählende Ich weicht allen Entscheidungen aus und verschiebt sie auf ein unbenanntes Später. Nachdem das erzählende Ich wieder in seiner Wohnung ist, informiert Stein es durch Postkarten über den Stand der Renovierung und schreibt von einer gemeinsamen Zukunft, ohne das erzählende Ich explizit aufzufordern, zu ihm ins Haus zu kommen. Die Ich-Erzählerin, die auf eine direkte Aufforderung Steins zu warten scheint, zögert weiterhin jegliche Entscheidung hinaus und antwortet nicht auf die Karten. Eines Tages erhält das erzählende Ich statt einer Postkarte einen Brief mit einem Zeitungsartikel, in dem steht, dass das Haus abgebrannt und der Besitzer verschwunden sei. Der Brief trägt den Poststempel von Stralsund, Stein hat handschriftlich ein Datum vermerkt. Das erzählende Ich legt den Brief in die Küchenschublade neben die Postkarten und den Schlüsselbund vom Haus und verharrt damit konsequent in seiner passiven Rolle. Alles Weitere bleibt offen, auch ob Stein noch lebt. Aufbau und Struktur: Die Erzählung Sommerhaus, später ist achtzehn Seiten lang. Für das Eskalationsmodell wurden insgesamt dreiundzwanzig Szenen identifiziert. Von sechs Spannungsplateaus abgesehen, auf denen Informationen über die frühere Beziehung zwischen dem erzählenden Ich und Stein gegeben werden, steigt die Spannung mit jeder Szene an. Die gewohnte Welt des erzählenden Ichs verändert sich mit dem Anruf von Stein, in dem er verkündet, das Haus gefunden und gekauft zu haben (Szene 1). Die Vorgeschichte zu Steins Haussuche (Szene 2) dient zunächst vor allem als Hintergrundinformation und führt deswegen zu keinem direkten Spannungsanstieg. Dennoch wird das Spannungsplateau gehalten, weil die gegebenen Informationen sowohl für die Entwicklung der Geschichte als auch zum Verständnis der Beziehung essentiell sind. Die Aufforderung Steins, das erzählende Ich solle sich das Haus ansehen (Szene 3), weckt zwar Neugier, führt allerdings ebenfalls nur zu einem weiteren Spannungsplateau und nicht zu einem unmittelbaren Spannungs- 63 64 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? anstieg, weil sie vorerst nur das Versprechen einer spannenden Geschichte ist. Die dritte Szene besitzt also durchaus Spannungspotential, aber noch keine spannungssteigernde Dramatik. Sobald das erzählende Ich in Steins Taxi steigt (Szene 4), ist das One-Way Gate durchschritten, die Spannung steigt, die Geschichte ist in Bewegung gekommen, die Protagonisten handeln und es wird eine Veränderung in Aussicht gestellt. Dass die vom erzählenden Ich getroffene Entscheidung zu einer Wende führen wird, erscheint unausweichlich, und deswegen ist es auch möglich, die nächsten drei Szenen (5 bis 7) auf einem Spannungsplateau zu halten, um weitere Informationen aus der Vergangenheit im Text zu platzieren. In der achten Szene kommt es wieder zu einem Spannungsanstieg. Obwohl der Bruch, der den Spannungsanstieg bewirkt, in der Vergangenheit liegt, besitzt er Brisanz, weil das erzählende Ich den Taxifahrer vor zwei Jahren aus der Wohnung geschmissen hat, was zu der Frage führt, warum das erzählende Ich sich dennoch zur Hausbesichtigung hat überreden lassen und zu Stein ins Taxi gestiegen ist. Diese Spannung wird in der übernächsten Szene (Szene 10) weiter gesteigert, weil sich das erzählende Ich eben genau diese Frage selbst stellt und bei ihm die Zweifel aufkommen, die der Leser zwei Szenen zuvor bereits antizipiert hat. Szene 9 fungiert eher als Verbindungsszene und vermag deswegen lediglich das Spannungsniveau zu halten, nicht aber zu steigern. Sowohl die elfte als auch die zwölfte Szene treiben die Geschichte sodann voran und damit die Spannung in die Höhe. Hier zahlen sich die zur Vorgeschichte gegeben Informationen aus; Stein scheint in dem neuen Haus ebenso wenig willkommen wie damals in der Clique des erzählenden Ichs, dessen Ambivalenz in diesen beiden Szenen besonders deutlich wird. Szene 13 und 14 halten das Spannungsniveau, indem in ihnen die Vorgeschichte des Hauses erzählt wird, die notwendig ist, um den Kampf in der fünfzehnten Szene vorzubereiten, der zu einem Spannungsanstieg führt und in erster Linie darauf beruht, dass das erzählende Ich Steins Begeisterung für das Haus nicht teilt, was Stein verärgert. Die unterschiedlichen Wahrnehmungen ob des Hauses und der daraus entstehende Streit sind wiederum die Voraussetzung für das Spannungs- 65 ErzählungEn alS bEiSpiElE potential, das in Szene 16 aufgebaut wird. In dieser Szene offenbart Stein indirekt, dass er das Haus für das erzählende Ich gekauft hat. Die Weigerung des erzählenden Ichs, in Steins Traum einzusteigen, führt zu einem weiteren Spannungsanstieg (Szene 17). Danach ist Stein nur noch selten bei den Aktivitäten der Clique dabei (Szene 18), was allerdings vorerst wenig Dramatik besitzt, weswegen ein weiteres Spannungsplateau entsteht, auf das allerdings die nächste dramatische Wendung folgt (Szene 19), die dadurch zustande kommt, dass ein Mitglied der Clique beim winterlichen Schlittschuhlaufen ins Eis einbricht, was Stein und das erzählende Ich mit einer Gleichgültigkeit beantworten, die Fragen aufwirft. Der letzte Anstieg der Spannung vor dem finalen Spannungsanstieg findet sich in Szene 20. Dabei handelt es sich um eine Rätselspannung, die entsteht, weil Stein verschwindet und dem erzählenden Ich nur noch Postkarten schickt (Szene 21), in denen er es über den Stand der Renovierungen informiert. Der Showdown mit einem doppelten Spannungsanstieg findet sich dann in der vorletzten Szene (22), in der das erzählende Ich einen Brief mit einem Zeitungsartikel bekommt, in dem steht, dass das Haus abgebrannt und der Besitzer verschwunden sei. Die letzte Szene (Szene 23) ist dann nur noch ein melancholischer Ausklang, der das Spannungsplateau allerdings zu halten vermag, da die Szene verdeutlicht, dass das erzählende Ich seine Chance verpasst hat. Beispielszenen: Um einen Einblick in die Mikrostruktur zu geben, wurden die Szenen 1, 4, 15, 22 und 23 ausgewählt. Die ersten und die letzten zwei Szenen, um den Spannungsbogen der Geschichte deutlich zu machen – vom Kauf des Hauses bis zu dessen Vernichtung durch einen Brand, der zugleich das Ende der Beziehung darstellt, vielleicht sogar das Ende von Steins Leben, was allerdings offenbleibt. Szene 4 ist deswegen zen tral, weil sie der Geschichte die entscheidende Wendung gibt und das One-Way Gate markiert: Als das erzählende Ich in Steins Taxi steigt, um das Haus zu besichtigen, gibt es keinen Weg zurück. Szene 15 scheint deshalb relevant zu sein, weil in ihr die Kluft zwischen Stein und dem erzählenden Ich deutlich wird, sowohl ihr Verhalten als auch ihre Wahrnehmung betreffend. Die Szenen 22 und 23 bilden den Spannungsgipfel, 66 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? weil das Haus abbrennt und Stein verschwindet, was das erzählende Ich seltsam gleichgültig aufnimmt. Szenennummer: 1 Szenentitel: Telefonat Stein & erzählendes Ich. Szenenziel: Stein meldet sich nach einiger Zeit bei dem erzählenden Ich. Er hat das Haus gefunden. Ort: Kein konkreter Ort; der weiteren Geschichte zufolge aber vermutlich Berlin. Zeit: Dezember. Figuren: Stein, erzählendes Ich. Handlung: Stein hat das Haus gefunden und ruft das erzählende Ich, scheinbar nach längerer Zeit, an. Widerstände: Misstrauen des erzählenden Ichs, das wissen will, warum Stein ausgerechnet bei ihm anruft. Wendepunkt: Stein hat das Haus gefunden und es klingt, als habe er lange danach gesucht. Einstieg: Stein findet das Haus. Ausstieg: Stein ist gereizt. Sonstiges: Viele offene Fragen, unter anderem, warum das erzählende Ich überhaupt in Steins Taxi steigt. Szenennummer: 4 Szenentitel: Stein holt das erzählende Ich mit seinem Taxi ab. 67 ErzählungEn alS bEiSpiElE Szenenziel: Stein und das erzählende Ich machen sich in Steins Taxi auf den Weg zum Haus. Ort: Berlin. Zeit: Dezember. Figuren: Stein, erzählendes Ich. Handlung: Stein holt das erzählende Ich ab. Nachdem sich das erzählende Ich ein wenig gesträubt hat, fahren sie los. Widerstände: Das erzählende Ich ist genervt und widersetzt sich zunächst. Wendepunkt: Das erzählende Ich steigt in Steins Taxi. Einstieg: Fünf Minuten nach dem Telefongespräch ist Stein bereits beim erzählenden Ich. Ausstieg: Das erzählende Ich kurbelt das Fenster herunter. Sonstiges: Die Reise beginnt. Szenennummer: 15 Szenentitel: Das Haus. Szenenziel: Haus und Garten werden beschrieben. Ort: Canitz. Zeit: Dezember. Figuren: Stein, erzählendes Ich. Handlung: Stein führt das erzählende Ich durch das baufällige Haus, bei dem es sich um ein zweistöckiges Gutshaus handelt. 68 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Widerstände: Das erzählende Ich weigert sich, Steins Begeisterung zu teilen. Wendepunkt: Stein stößt das erzählende Ich die Treppe nach unten in den Garten. Einstieg: Das Haus sieht aus, als würde es jeden Moment zusammenfallen. Ausstieg: Das erzählende Ich landet im Garten. Sonstiges: Der Konflikt spitzt sich zu. Szenennummer: 22 Szenentitel: Der Brand. Szenenziel: Aufwerfen der Frage, ob Stein sein Haus selbst angezündet hat. Ort: Berlin. Zeit: Mai des Folgejahres. Figuren: Erzählendes Ich, Mann aus der Clique. Handlung: Das erzählende Ich liegt bei einem Mann aus der Clique im Bett und liest den Zeitungsausschnitt, den Stein seinem Brief beigelegt hat. Das Haus ist abgebrannt, der Besitzer wird vermisst. Widerstände: Das erzählende Ich will nicht wahrhaben, was passiert ist. Wendepunkt: Der Poststempel ist aus Stralsund. Einstieg: Es kommt ein Brief statt einer Karte. 69 ErzählungEn alS bEiSpiElE Ausstieg: Vielleicht befindet sich der vermisste Stein noch in Stralsund oder er ist tot. Sonstiges: Die Tragik der Geschichte erreicht den Höhepunkt. Szenennummer: 23 Szenentitel: Später. Szenenziel: Verpasste Momente aufzeigen. Ort: Berlin. Zeit: Mai des Folgejahres. Figuren: Erzählendes Ich, Mann aus der Clique. Handlung: Das erzählende Ich verlässt das Bett, steht stumpfsinnig vor dem Herd und legt den Brief schließlich in die Küchenschublade zu den Karten. Widerstände: Das erzählende Ich ist nicht bereit, sich auf die Suche nach Stein zu begeben. Wendepunkt: Dass das erzählende Ich ein „Später“ in Aussicht stellt, obwohl doch alles zu Ende scheint. Einstieg: Das erzählende Ich verlässt das Bett. Ausstieg: Das erzählende Ich denkt: später. Sonstiges: Die Passivität des erzählenden Ichs, die sich durch die gesamte Geschichte zieht, wird am Ende noch einmal besonders deutlich. Gesamtanalyse: Die Geschichte ist eine skelettartige Erzählung des Enthüllens und Verbergens, die mit Rückblenden und Zeitsprüngen arbeitet, wobei der Text von einer eher emotionsarmen und einfachen Spra- 70 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? che getragen wird. Das Haus dient genau genommen nur als Aufhänger für eine Beziehungsgeschichte zwischen dem Taxifahrer Stein und dem erzählenden Ich. Zu Spannungsplateaus kommt es immer dann, wenn Informationen gegeben werden, ein Spannungsanstieg erfolgt meist dann, wenn es um emotionale und sinnliche Aspekte der Geschichte res pek tive der Beziehung zwischen den Protagonisten geht. Spannung wird vor allem dadurch erzeugt, dass immer wieder aufs Neue Fragen aufgeworfen werden, die zum Teil offenbleiben oder bei denen durch Ambivalenzen und Widersprüche Zweifel an den Antworten aufkommen. Dass die Geschichte mit Zeitsprüngen und Rückblenden arbeitet, führt zu einer Verzögerung der Dynamik, da einige Szenen erforderlich sind, um die Vorgeschichte zu erzählen. Spannung wird immer dann aufgebaut, wenn es zum Wechsel von Abwehr und Versöhnung zwischen Stein und dem erzählenden Ich kommt. Die Hauptspannung entsteht durch das unklare Verhältnis zwischen Stein und dem erzählenden Ich – sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Der Subtext trägt ebenfalls zur Spannungserzeugung bei. Viele Gedanken und Emotionen der Protagonisten schimmern durch, sowohl in den Dialogen als auch der Handlung. Durch das offene Ende bleibt die Spannung bis zum Schluss und sogar darüber hinaus erhalten. Der Einsatz des Hauptprotagonisten Stein ist sehr hoch, wodurch die Fallhöhe ebenfalls groß ist: Stein kauft ein Haus und hofft, mit dem erzählenden Ich dort einziehen zu können. Nachdem dies nicht geschieht, verbrennt das Haus auf unklare Weise und Stein verschwindet oder ist tot. 2. Wir fliegen (Stamm 2008) Inhalt: In der Erzählung Wir fliegen aus dem gleichnamigen Erzählband von Peter Stamm wartet die Erzieherin Angelika darauf, dass die Kinder der Tagesstätte von ihren Eltern abgeholt werden. Dominics Eltern tauchen allerdings auch eine Stunde nach Schließung der Tagestätte noch nicht auf und nachdem die Erzieherin die Eltern nicht erreichen kann und ihnen auf die Mailbox gesprochen hat, hinterlässt sie einen Zettel 71 ErzählungEn alS bEiSpiElE an der Eingangstür der Tagesstätte und nimmt den Jungen mit zu sich nach Hause. Während sie sich auf dem Heimweg noch stolz fühlt, fast so, als wäre Dominic ihr Sohn, endet dieses Hochgefühl, als sie nach Hause kommt und Dominic sich als schwieriges Kind erweist. Als Angelikas Freund Benno, der nichts von Angelikas Kinderwunsch weiß, dazukommt, spitzt sich die Situation weiter zu. Zunächst benimmt Benno sich ebenso kindisch wie Dominic und animiert ihn sogar zu schlechtem Benehmen, doch dann wird er zunehmend zynisch, bis er sich schließlich einen Krimi ansieht und den Jungen ignoriert. Als Angelika sich zu Benno setzt, will er Sex. Nachdem sie ihn mit Verweis auf den Jungen von sich gestoßen hat, wendet Benno sich erneut dem Jungen zu und fragt ihn, woher die Babys kommen und andere unangemessene Dinge. Dominic antwortet zwar, sagt dann aber für den Rest des Abends kaum noch ein Wort, bis seine Mutter anruft, sich entschuldigt und Dominic kurz darauf abholt. Als Benno danach erneut versucht, mit Angelika zu schlafen, reißt sie sich los, sperrt sich im Badezimmer ein und vergräbt ihr Gesicht in den Händen. Aufbau und Struktur: Die Erzählung Wir fliegen ist elf Seiten lang. Für das Eskalationsmodell wurden insgesamt sechzehn Szenen identifiziert. Abgesehen von drei kurzen Spannungsplateaus, von denen das erste dem Aufbau der gewohnten Welt dient und die anderen Übergangsszenen darstellen, steigt die Spannung mit jeder Szene kontinuierlich an, bis sie ihren Höhepunkt im zerplatzten Traum der Protagonistin findet. Die gewohnte Welt verändert sich in den ersten drei Szenen graduell. Nachdem Dominic in der ersten Szene nicht abgeholt wird, versucht die Erzieherin Angelika in der zweiten erfolglos, die Eltern zu erreichen und verschiebt in der dritten ihre Verabredung mit ihrem Freund Benno. 73 ErzählungEn alS bEiSpiElE Die vierte und fünfte Szene markieren das One-Way Gate, weil Angelika entscheidet, den Jungen mit zu sich nach Hause zu nehmen. Dadurch kommt die Geschichte in Gang und die Spannung steigt zum einen dadurch, dass der Leser antizipiert, was das für Folgen haben könnte, und zum anderen durch das ungute Gefühl, das die Erzieherin ob ihrer eigenen Entscheidung hat. Außerdem entstehen durch Angelikas Handeln offene Fragen, zum Beispiel weshalb sie den Jungen mit nach Hause nimmt und warum Dominic auf der Straße tanzt und dabei behauptet, fliegen zu können (Szene 6). In Szene 7 und 8 wird zumindest die Frage des Motivs geklärt: Angelika wünscht sich selbst ein Kind, weiß allerdings nicht, wie ihr Freund dazu steht und ob sie selbst in der Lage wäre, einem Kind ein geschütztes Heim zu bieten. Sie spielt Mutter (Szene 8) und kocht für Dominic und wird zugleich von ihren Zweifeln umgetrieben (Szene 9), die noch stärker werden, als ihr Freund Benno kommt und zunächst ungehalten über Dominics Anwesenheit ist (Szene 10). Der Spannungsanstieg in diesem Szenenblock entsteht hauptsächlich durch die Träume und Widerstände sowie die Zweifel und Ambivalenzen, sowohl in der Protagonistin selbst als auch in der Beziehung zu ihrem Freund. Das Spiel zwischen den antagonistischen Kräften und den unterschiedlichen Bedürfnissen von Angelika, Benno und Dominic steigert die Spannung auch in den Szenen 11 bis 14, zumal in Szene 13 noch eine vermeintliche Lüge von Dominics Mutter hinzukommt, welche behauptet, es handele sich um ein Missverständnis, dass ihr Sohn bisher nicht abgeholt wurde, und in Szene 14 Bennos unsinniges Verhalten, da er sich vor allem für das Aussehen von Dominics Mutter interessiert und dafür, ob die Eltern Geld haben, nicht aber dafür, ob und wann der Junge endlich abgeholt wird. Der Spannungshöhepunkt erfolgt in Szene 15, in der Angelika mit Benno allein in ihrer Wohnung zurückbleibt und nicht mehr phantasieren kann, dass Dominic ihr Sohn ist. Dominics Familie ist komplett und weder er noch seine Mutter drehen sich nach Verlassen des Wohnhauses noch einmal nach Angelika um. Diese weist Bennos erneute Annäherungsversuche zurück, schließt sich im Badezimmer ein und weint (Szene 16), was das tragische Ende komplettiert. 74 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Beispielszenen: Ausgewählt wurden die Szenen 4, 5, 9, 12 und 16. Die vierte und fünfte Szene zeigen gut, wie Angelikas gewohnte Welt zunehmend ins Wanken gerät. Zudem beinhalten sie bereits eine Vorausahnung sowie das Motiv der Protagonistin, den Jungen mitzunehmen. Szene 9 ist deshalb relevant und kann als stellvertretend für andere Szenen angesehen werden, weil in ihr der innerpsychische Konflikt der Protagonistin deutlich wird: Der Wunsch nach einem Kind und die Angst, ihm nicht gerecht zu werden. Szene 12 zeigt, dass neben Angelikas innerem Konflikt auch ein äußerer besteht, da ihr Freund zu unreif für ein Kind erscheint. Szene 16 veranschaulicht schließlich, dass die Geschichte nur ein Traum für einen Abend war, eine Phantasie Angelikas, die nicht aufrechterhalten werden kann, nachdem Dominic von der Mutter abgeholt wurde. Szenennummer: 4 Szenentitel: Ein ungutes Gefühl. Szenenziel: Angelika ist zunehmend beunruhigt. Ort: Kindergarten. Zeit: Zwischen sieben und halb acht Uhr abends. Figuren: Angelika, Dominic. Handlung: Angelika wartet auf Dominics Eltern. Alle fünf Minuten beschließt sie zu gehen, bleibt dann aber doch. Schließlich schreibt sie den Eltern ihre Handynummer auf einen Zettel, den sie an die Tür der Kindertagesstätte heftet, und nimmt Dominic mit zu sich nach Hause. Widerstände: Auch Angelikas Chefin ist nicht zu erreichen. Wendepunkt: Angelika beschließt, nicht länger zu warten. Einstieg: Die Mutter bringt den Jungen normalerweise in die Tagesstätte und der Vater holt ihn ab. 75 ErzählungEn alS bEiSpiElE Ausstieg: Angelika heftet den Zettel mit ihrer Handynummer an die Tür. Sonstiges: Eine dunkle Vorahnung beschleicht Angelika, was beim Leser zu Neugier und antizipativen Gedanken führt und Spannung erzeugt. Szenennummer: 5 Szenentitel: Angelika phantasiert. Szenenziel: Angelika fühlt sich, als wäre sie mit ihrem eigenen Kind unterwegs. Ort: Straßenbahn. Zeit: Nach halb acht Uhr abends. Figuren: Dominic, Angelika. Handlung: Angelika fährt mit Dominic in der Straßenbahn zu sich nach Hause. Der Junge spielt das „Warum-Spiel“. Widerstände: Der Junge stellt unablässig Fragen und beginnt schon hier, ein wenig unbequem zu werden. Wendepunkt: Angelikas Umdeutung der Situation, die dazu führt, dass sie sich vorstellt, Dominic sei ihr Sohn. Einstieg: Angelika vergleicht die Situation mit den normalen Kindergartenausflügen. Ausstieg: Angelika sagt, dass sie zu ihr nach Hause gehen. Sonstiges: Es wird die Frage aufgeworfen, ob sich die Erzieherin ein eigenes Kind wünscht. Die Antwort scheint naheliegend, zumal sie den Jungen mit nach Hause genommen hat und wie ihren eigenen behandelt. 76 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Szenennummer: 9 Szenentitel: Angelikas Traum. Szenenziel: Angelika fragt sich, ob sie einem Kind je ein gutes Zuhause wird bieten können. Ort: Angelikas Wohnung. Zeit: Zwischen halb acht und halb neun Uhr abends. Figuren: Dominic, Angelika. Handlung: Angelika denkt an ihr Elternhaus und findet ihre Wohnung plötzlich hässlich. Widerstände: Angelikas Sorge, einem Kind kein gutes Zuhause bieten zu können. Wendepunkt: Angelika betrachtet ihr Zuhause mit einem Mal abfällig. Einstieg: Ihre Wohnung kommt ihr plötzlich ungemütlich vor. Ausstieg: Angelika hat das Gefühl, dass es ihr an Sicherheit und Liebe mangelt und sie deswegen keine gute Mutter sein kann. Sonstiges: Angelika schlüpft zunehmend in ihre phantasierte Welt und das von ihr begonnene Mutter-Sohn-Spiel. Szenennummer: 12 Szenentitel: Benno will Spaß mit Angelika. Szenenziel: Bennos mangelndes Verantwortungsbewusstsein dem Jungen gegenüber. Ort: Angelikas Wohnung. 77 ErzählungEn alS bEiSpiElE Zeit: Zwischen halb neun und neun Uhr abends. Figuren: Angelika, Dominic, Benno. Handlung: Benno beginnt Angelika zu begrapschen und versucht, ihre Bluse zu öffnen. Er will sich seinen Spaß von dem Jungen nicht verderben lassen und zeigt sich wenig verantwortungsbewusst. Widerstände: Erst wehrt Angelika sich gegen Bennos Annäherungsversuche. Wendepunkt: Schließlich umarmt Angelika Benno doch und verflucht dabei Dominic ebenfalls. Einstieg: Dominic will nach dem Essen weiterspielen, aber Benno will fernsehen. Ausstieg: Dominic erklärt, dass er aus dem Bauch seiner Mutter gekommen ist und sehr winzig war. Sonstiges: Benno wirkt selbst wie ein Kind und viel zu unreif, um ein guter Vater zu sein. Szenennummer: 16 Szenentitel: Angelikas Enttäuschung und Einsamkeit. Szenenziel: Angelikas Traum von einer Familie erweist sich als das, was er war: ein Traum für einen Abend. Ort: Angelikas Wohnung. Zeit: Nach neun Uhr abends. Figuren: Angelika, Benno. 78 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Handlung: Während Benno duscht, öffnet Angelika das Geschenk, das Dominics Mutter als Dankeschön mitgebracht hat. Ein Parfüm. Als Benno mit ihr schlafen will, schließt sie sich im Bad ein. Widerstände: Angelika entzieht sich Benno. Wendepunkt: Angelika schließt sich im Bad ein und weint. Einstieg: Benno duscht. Ausstieg: Angelika sitzt im Bad, das Gesicht in den Händen verborgen. Sonstiges: Es wird klar, wie weit Angelika von ihrem Traum entfernt ist. Gesamtanalyse: Auf den ersten Blick scheint es sich um eine einigerma- ßen banale Geschichte zu handeln, die allerdings als Blaupause für wichtige Themen dient, wie etwa die Beziehungsgestaltung, die Elternschaft und Verantwortung sowie Werte und Moralvorstellungen. Ein einziger Abend, der damit beginnt, dass ein Kind nicht rechtzeitig von der Tagesstätte abgeholt wird, erweist sich als Drama, das sowohl das Selbstverständnis einer jungen Frau als auch ihre damit verbundenen Träume in Frage stellt. Obwohl Stamm die Leser in seiner Erzählung des Öfteren auf verschiedene Fährten lockt und immer neue Fragen aufwirft, bleibt der rote Faden der Geschichte erhalten. Spannung wird vor allem durch den Subtext generiert und dadurch, dass viele Fragen offenbleiben und wichtige Themen nicht direkt verhandelt werden. Im Mittelpunkt stehen die inneren und äußeren Konflikte sowie Ambivalenzen der Protagonistin, die in unterschiedlichen Facetten durchgespielt werden und auf diese Weise zum Spannungsanstieg beitragen. Der Text ist atmosphärisch sehr dicht, was ebenfalls zum Spannungsaufbau führt. Die Kluft zwischen Wunsch und Erfüllung ist in dieser Geschichte für die Protagonistin besonders groß und wächst im Verlauf der Erzählung immer weiter an. Das gleiche gilt für die Widerstände, die der Wunscherfüllung entgegenstehen und zu einem Zustand zwischen Hoffen und Bangen führen. Immer wieder werden Muster gebrochen und 79 ErzählungEn alS bEiSpiElE der Umstand, dass der Junge endlich von seinen Eltern abgeholt werden soll, trägt zu einer Art time-ticking-Faktor bei, der durch das Kommen von Angelikas Freund noch verstärkt wird, weil dieser nur darauf zu warten scheint, dass er Angelika endlich für sich allein hat, um seine eigenen sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. 3. Ungewollter Schwangerschaftsabbruch (Gavalda 2002) Inhalt: In Anna Gavaldas Erzählung Ungewollter Schwangerschaftsabbruch aus dem Erzählband Ich wünsche mir, daß irgendwo jemand auf mich wartet geht es um den Schwangerschaftsverlauf einer Frau, die bereits Mutter eines kleinen Sohnes ist. Die Handlung startet mit der Vermutung der Frau, wieder schwanger zu sein, wobei sie den Schwangerschaftstest unerklärlich lange hinauszögert und sich durch All tagstätigkeiten scheinbar ablenken lässt. Nachdem das Ergebnis des Schwangerschaftstests positiv ausgefallen ist, weiht die Frau ihren Mann und ihren Sohn ein, die sich beide freuen, und beginnt, Ratgeber zu lesen, die sie noch aus der Zeit der ersten Schwangerschaft hat, wobei sie bewusst darauf verzichtet, sich über mögliche Komplikationen zu informieren. Zudem denkt sie die ganze Zeit über die Hochzeit ihrer Cousine nach, an deren Planung sie beteiligt ist und bei der ihr Sohn eines der Blumenkinder sein wird. Im dritten Monat geht sie zur Vorsorgeuntersuchung zu dem Frauenarzt, der ihr erstes Kind zur Welt gebracht hat, wobei sie übermäßig aufgeregt ist. Der Arzt lässt sie die Herztöne des Fötus hören und zeigt ihr das Ultraschallbild des Ungeborenen, auf das die Schwangere erstaunlich nüchtern und sachlich reagiert. Kurz darauf sucht die Frau eine Boutique für werdende Mütter auf, um sich ein Kleid für die bevorstehende Hochzeit der Cousine zu kaufen, wobei sie überlegt, wie sinnvoll ein solcher Kauf ist, da sie das Kleid vermutlich nur einmal tragen kann, was darauf hindeutet, dass sie nach dieser Schwangerschaft offensichtlich keine weiteren Kinder haben möchte. Schließlich lässt sie sich von der Verkäuferin doch zum Kauf des Schwangerschaftskleides überreden. 80 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Bei der zweiten Vorsorgeuntersuchung im fünften Monat verzichtet die Frau darauf, sich das Geschlecht des ungeborenen Kindes sagen zu lassen, weil sie sich überraschen lassen will. Als sie für die Hochzeit der Cousine für ihren Sohn Schuhe kauft, verspürt sie plötzlich einen heftigen Schmerz im Bauch, den sie allerdings überspielt, um niemanden zu beunruhigen, inklusive sich selbst. Parallel dazu richtet ihr Mann das Kinderzimmer für das Baby ein. Bei der Untersuchung im sechsten Monat, die die Frau wegen der Hochzeitsvorbereitung für ihre Cousine eigentlich als lästig empfindet, erfährt sie, dass das Baby tot ist. Geschockt spielt sie im Kopf alles durch, was sie jetzt erwartet. Weil sie aber die Hochzeit ihrer Cousine nicht verderben will, zieht sie das dafür gekaufte Kleid an, geht mit ihrem Sohn zu der Feier und verschweigt ihr Unglück, selbst dann noch, als eine Fremde ihr die Hand auf den Bauch legt und Glück für das Baby wünscht. Aufbau und Struktur: Die Erzählung Ungewollter Schwangerschaftsabbruch ist dreizehn Seiten lang. Für das Eskalationsmodell wurden insgesamt sechzehn Szenen identifiziert. Es gibt Spannungsplateaus, auf denen das Hinauszögern des Schwangerschaftstests und der unspektakuläre Fortgang der Schwangerschaft beschrieben werden. Neben der Stimme der Schwangeren gibt es eine Erzählerstimme, die unter Umständen mit den Gedanken der Schwangeren gleichgesetzt werden könnte und die die Geschichte mit einer Provokation in der ersten Szene eröffnet. Szene 2 und Szene 3, in denen die potentiell Schwangere den Schwangerschaftstest kauft, tragen nur bedingt zur Spannungssteigerung bei, indem eine Ambivalenz der Protagonistin bezüglich der Schwangerschaft vermuten werden kann. Nach der dritten Szene wird das One-Way Gate durchschritten, da sich die Vermutung der Protagonistin ob der Schwangerschaft bewahrheitet und ihre Ambivalenz sich erneut darin zeigt, dass sie die Schwangerschaft zunächst vor ihrem Mann und ihrem Sohn geheim hält (Szene 4). In der fünften Szene erscheint die Erzählerstimme wieder und erklärt, dass Schwangere so auf ihre Schwangerschaft fixiert seien, dass sie nichts anderes mehr wahrnehmen würden. 81 82 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Es folgt die Bekanntgabe der Schwangerschaft dem Sohn und Mann gegenüber (Szene 6) sowie die erste Vorsorgeuntersuchung im dritten Monat (Szene 7), der Kauf des Kleides für die Hochzeit der Cousine (Szene 8) und die Vorsorgeuntersuchung im fünften Monat (Szene 9). Da dies alles in relativ sachlichem Ton beschrieben wird, ist kein Spannungsanstieg spürbar. Lediglich die Vorahnung, dass das alles nicht ohne Grund in dieser Ausführlichkeit erzählt wird und der Fortgang der Geschichte womöglich eine Wende bringen wird, vermag das Spannungsniveau zu halten. Die Wende erfolgt dann in der zehnten Szene, in der die Frau einen heftigen Stoß in ihrem Bauch spürt, der, wenn auch nicht explizit benannt, ein Vorbote für einen ungünstigen Schwangerschaftsverlauf darstellen könnte. Dennoch geht es auch an diesem Punkt zunächst harmlos weiter: Der Mann richtet in der elften Szene das Zimmer für das Baby ein und die Hochzeitsvorbereitungen für die Cousine werden beschrieben (Szene 12). Diese Harmlosigkeit wird in der dreizehnten Szene dann von einem Paukenschlag abgelöst: Bei der Vorsorgeuntersuchung im sechsten Monat bestätigt sich die Vorahnung aus der zehnten Szene: Das Baby ist tot. Doch wieder erzählt die Protagonistin niemandem davon, sondern phantasiert nur für sich selbst, was eine Totgeburt bedeutet, während sie auf der Handlungsebene weiter an den Hochzeitsvorbereitungen teilnimmt (Szene 14 und 15). Die letzte Szene (16) beinhaltet dann wieder einen Höhepunkt. Da die Frau allen vorspielt, weiterhin schwanger zu sein, muss sie es sich gefallen lassen, dass eine Fremde ihr die Hand auf den Bauch legt und Glück für das Baby wünscht. Die Tragik und Ironie dieser Geste ist der Höhepunkt der Geschichte. Beispielszenen: Exemplarisch herausgegriffen werden die Szenen 2, 4, 10 und 16. In der zweiten Szene wird deutlich, dass die Autorin Fragen aufwirft, ohne sie zu beantworten, und dass sich dadurch ein Raum für Vorahnungen öffnet. Neben den offenen Fragen schwebt die Ambivalenz der Schwangeren über dem Text, was in Szene 4 gut zu sehen ist. Szene 10 verdeutlicht den Subtext, der unter den nüchternen Beschreibungen der Alltagsvorgänge liegt, und in der letzten Szene (Szene 16) wird die ganze Tragweite und Ironie der Geschichte deutlich. 83 ErzählungEn alS bEiSpiElE Szenennummer: 2 Szenentitel: Kauf des Schwangerschaftstests. Szenenziel: Ambivalenz ob der Schwangerschaft. Ort: Kein konkreter Ort. Zeit: Keine konkrete Zeit. Figuren: Die potentiell Schwangere. Handlung: Die unbekannte Protagonistin glaubt, schwanger zu sein, will den Schwangerschaftstest allerdings noch nicht durchführen. Sie hat bereits ein Kind, von dem man das Alter vorerst nicht erfährt. Schließlich wartet sie doch nicht mehr, sondern rennt zu einer Apotheke, in der man sie nicht kennt, wobei unklar bleibt, warum sie ausgerechnet in diese geht. Widerstände: Ambivalenz der Protagonistin bezüglich der Frage, ob sie den Schwangerschaftstest gleich durchführen oder ein paar Tage warten soll. Wendepunkt: Schließlich rennt sie doch zur Apotheke. Einstieg: Die Protagonistin ist wie alle anderen. Ausstieg: Das Herz der Protagonistin rast, als sie den Schwangerschaftstest kauft. Sonstiges: Nach der zweiten Szene bleiben wie auch schon nach der ersten Szene viele Fragen offen. Man weiß noch immer nichts über die Erzählstimme und die Protagonistin, außer, dass Letztere Mutter ist. Es drängt sich allerdings die Idee auf, dass die Stimme des Erzählers unter Umständen Gedanken der Protagonistin verbalisiert. 84 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Szenennummer: 4 Szenentitel: Schwanger. Szenenziel: Die Protagonistin ist schwanger, will es aber vorerst geheim halten. Ort: Wohnung der Protagonistin. Zeit: Nachmittags. Figuren: Schwangere Protagonistin. Handlung: Die Protagonistin liest die Gebrauchsanweisung des Schwangerschaftstests und wartet auf das Ergebnis, das sich schließlich als positiv erweist. Sie behauptet, es gewusst zu haben und dass es ihr jetzt besser gehe. Nun seien die Schleusen geöffnet und sie werde fortan an nichts anderes mehr denken können als an die Schwangerschaft. Widerstände: Die Protagonistin will die Schwangerschaft vorerst geheim halten. Wendepunkt: Der Test bestätigt die Schwangerschaft. Einstieg: Die Protagonistin liest die Gebrauchsanweisung. Ausstieg: Die Protagonistin will nie wieder an etwas anderes denken als an das werdende Baby. Sonstiges: Weiterhin scheinen das Verhalten sowie die Gedanken und Gefühle der Protagonistin bezüglich der Schwangerschaft ambivalent. Szenennummer: 10 Szenentitel: Stoß im Bauch. 85 ErzählungEn alS bEiSpiElE Szenenziel: Die Schwangerschaft macht der Protagonistin zunehmend zu schaffen. Ort: Schuhgeschäft. Zeit: Sommer. Figuren: Schwangere Protagonistin, Sohn. Handlung: Der Bauch der Schwangeren wird zunehmend dicker und die Hochzeit der Cousine rückt immer näher. Die Protagonistin will sich um die Blumen für die Hochzeit kümmern und muss Schuhe für ihren Sohn kaufen, der eines der Blumenkinder sein wird, die alle die gleichen Schuhe tragen sollen. Widerstände: Die Protagonistin schläft schlecht. Wendepunkt: Die Protagonistin spürt einen heftigen Stoß im Bauch. Einstieg: Ein dicker Bauch im Sommer wärmt. Ausstieg: Der Sohn bekommt einen Luftballon im Laden. Sonstiges: Unklar bleibt, ob der heftige Stoß im Bauch normal ist oder ein Vorbote dafür, dass etwas mit der Schwangerschaft nicht in Ordnung ist. Szenennummer: 16 Szenentitel: Was hätte sie tun sollen? Szenenziel: Die schwangere Protagonistin verheimlicht den Tod des Babys, verbirgt ihre wahren Gefühle und feiert die Hochzeit ihrer Cousine. Ort: Klinik, Kirche. 86 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Zeit: Samstag, Hochzeit. Figuren: Schwangere Protagonistin, Familie. Handlung: Vor der Hochzeit fährt die Protagonistin in die Klinik, um die Abtreibungspille zu nehmen. Auf der Hochzeit wirft sie Reis und macht Small Talk. Widerstände: Die Hochzeit lässt vorerst keine Trauer zu. Wendepunkt: Eine unbekannte Frau legt ihre Hände auf den Bauch der schwangeren Protagonistin und wünscht ihr Glück. Einstieg: Die Protagonistin zieht das für die Hochzeit der Cousine gekaufte Leinenkleid an. Ausstieg: Die Protagonistin versucht, die fremde Frau anzulächeln. Sonstiges: Das Verhalten der Schwangeren bleibt bis zum Ende nur partiell verständlich. Gesamtanalyse: Der Erzähler der Geschichte berichtet mal aus der Vogelperspektive und mal aus Sicht der Protagonistin, wobei seine Identität bis zum Ende der Geschichte nicht gelüftet wird, seine Aussagen und Behauptungen gut aber die Gedanken der Protagonistin widerspiegeln könnten. Während der gesamten Geschichte wird Vieles im Ungewissen gelassen, was durch die daraus entstehenden Vorahnungen zum Spannungsanstieg führt, wie auch die Widersprüche und Ambivalenzen der schwangeren Protagonistin Spannungspotential besitzen. Die Diskrepanz zwischen der Freude auf das Baby und der scheinbaren Gleichgültigkeit dem Schmerz und auch dem darauf folgenden Verlust des Babys gegenüber, wirft Fragen auf und sorgt für Irritationen, die die Spannung zu steigern vermögen. Anzumerken ist, dass die unzureichende Orientierung auf der anderen Seite zugleich dazu führt, dass die Spannung zwischendurch immer wieder auf einem Plateau verbleibt, weil der Leser damit beschäftigt ist, das Geschehen einzuordnen, zumal Vieles nicht zusammenzupassen scheint, wie etwa die Dramatik des Gesche- 87 ErzählungEn alS bEiSpiElE hens und die Verrichtung der Alltagsgeschäfte sowie die nüchterne, sachliche Sprache. Erzähler wie Protagonistin scheinen ihren Gefühlen auszuweichen, die mit dem dramatischen Geschehen einhergehen, was die Identifikation mit der Protagonistin ebenso erschwert wie die Verallgemeinerungen des Erzählers, die von der Hauptfigur wegführen und eine weniger emotionale Ebene eröffnen. Die Hauptspannung entsteht durch den Subtext sowie die Gegenüberstellung von Handlungs- und Emotionsebene, sofern diese deutlich wird. Handlungen, Gedanken und Emotionen scheinen voneinander abgekoppelt, was einerseits spannend ist, andererseits die bereits erwähnte Identifikation erschwert, so dass die Spannung eher auf eine Rätsel- als auf eine Emotionsspannung hinausläuft.

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Zusammenfassung

Wie schreibe ich spannend? Wie bringe ich den Leser dazu, weiterzulesen? Am besten atemlos. Diese Fragen sind fürs literarische Schreiben ebenso relevant wie fürs faktische. Dabei geht es darum, den Leser emotional zu packen und in den Text hineinzuziehen. Es gilt, Geschichten zu erzählen, in der Belletristik wie im Journalismus. Wie man Spannung aufbaut und hält, können wir von den Großmeistern Hitchcock und Highsmith ebenso lernen wie von Gegenwartsautoren sowie preisgekrönten Journalisten. Das Buch erklärt systematisch, was Spannung ist und wie man diese beim Schreiben erzeugt. Es arbeitet genreübergreifend und interdisziplinär und erstellt ein eigenes Eskalationsmodell, dessen vielseitige Anwendbarkeit es anhand von Romanen, Erzählungen und Reportagen demonstriert.