III. Grundlagen von Spannung in:

Silke Heimes

Wie schreibe ich spannend?, page 31 - 36

Ideen für Autoren, Journalisten & Medienschaffende

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4251-9, ISBN online: 978-3-8288-7162-5, https://doi.org/10.5771/9783828871625-31

Tectum, Baden-Baden
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31 III. Grundlagen von Spannung 1. Motive, Ziele & Bedürfnisse Um Spannung zu erzeugen, benötigen die Charaktere einer Geschichte eine Ausrichtung; sie brauchen Bedürfnisse, Motive und Ziele – erst dadurch werden sie zu aktiven, handelnden Personen und nicht zum Spielball der Gegebenheiten. Sofern sich der Leser mit den Motiven und Zielen der Charaktere identifizieren kann, kann er sich in der Regel auch mit den Figuren selbst identifizieren, da die Motive und Ziele den Figuren eine Richtung geben, ohne die keine oder nur wenig Bewegung möglich ist. Motive und Ziele sind aber auch deswegen wichtig, weil sie Konfliktpotential enthalten und Konflikte maßgeblich zur Erzeugung von Spannung beitragen. Ziele führen zu einer Ausrichtung der Charaktere und bergen Handlungspotential, was zur Dynamisierung einer Geschichte beiträgt und zudem die Möglichkeit birgt, über Handlung und Dialog Subtext zu transportieren. Auf der Plotebene lässt sich Spannung allein dadurch herstellen, dass den Zielen der Protagonisten Kräfte entgegenstehen, sogenannte antagonistische Kräfte, die den Protagonisten daran hindern, seine Ziele zu erreichen. Die Kunst, Spannung zu erzeugen, besteht also unter anderem darin, die Protagonisten mit ausreichend starken Motiven und Zielen zu versehen und sie auf ebenso starke antagonistische Kräfte prallen zu lassen. Percy (2016: 21–22) schreibt diesbezüglich, dass höhere, möglicherweise sogar moralische Ziele zwar erstrebenswert seien, die Protagonisten aber Ziele bräuchten, die für sie eine persönliche Dringlichkeit besäßen, was er als human urgency bezeichnet. Das soll nicht bedeuten, dass auf 32 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? höhere Ziele zu verzichten ist, sondern vielmehr, dass diesen ein persönliches Streben beizuordnen ist. Für die Charaktere sollte etwas auf dem Spiel stehen, damit der Leser sich mit ihnen identifizieren kann und die Geschichte an Spannung gewinnt: „These are the stakes of the situation. Whether financial, professional, emotional, physical, or spiritual, they give your character a reason to go on their journey – and us a reason to follow“ (ebd.: 22). 2. Widerstände & antagonistische Kräfte Es war bereits die Rede von antagonistischen Kräften, die bewusst so bezeichnet werden, weil Protagonisten meist nicht nur einen Gegenspieler (Antagonisten) haben, sondern oft zahlreiche verschiedene Kräfte, die verhindern, dass sie ihre Ziele erreichen. Dadurch, dass es zwei oder mehr Kräfte gibt, die in unterschiedliche Richtungen streben, entsteht Spannung, insbesondere dann, wenn die Kräfte ungefähr gleich groß sind. Dabei hält die Spannung so lange an, wie die verschiedenen Kräfte miteinander ringen, wobei es sich bei einer solchen antagonistischen Kraft beispielsweise schon um etwas handeln kann, das die Entwicklung des Protagonisten verhindert. Die Spannung wird umso größer, je stärker die sich widersprechenden Kräfte sind und umso unerbittlicher und härter sie aufeinandertreffen. Ziele, Bedürfnisse und Motive müssen also so groß sein, dass ein Nichterreichen selbiger unweigerlich zum Zusammenbruch führt oder doch zumindest einen großen Verlust bedeutet beziehungsweise als Scheitern erlebt wird. Dabei gilt, dass die Überwindung eines jeden noch so kleinen Hindernisses auf dem Weg zur Zielerreichung ein Unterziel darstellt (Beinhart 2015: 32). Die Konzentration auf das Ziel sowie die Kräfte der Gegenspieler sorgen für die Erzähldynamik, durch die sich Spannung entwickelt (ebd.: 34). Bei der Definition von Spannung wurde bereits ausgeführt, dass diese unter anderem aus einem Zustand zwischen zwei Extremen entsteht, und bei dem Protagonisten und den antagonistischen Kräften handelt es sich um genau solche Extreme. Dadurch, dass nur eine der beiden Kräfte gewinnen kann, ergibt sich eine Dualität, die Spannung erzeugt, ähnlich 33 grunDlagEn von Spannung wie beim Tauziehen, bei dem sich mal die eine und mal die andere Kraft in der überlegenen Position befindet, was es ermöglicht, die Spannung über eine längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten. Dabei können die antagonistischen Kräfte auf Figurenebene angesiedelt sein, wie etwa in bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen, oder sich auf der innerpsychologischen Ebene manifestieren. Zwei oder mehr entgegenstehende Kräfte bedeuten Konflikte und diese tragen wiederum dazu bei, Spannung zu erzeugen. Hennequin (1890: 125–126) betont, dass Hindernisse eine wesentliche Rolle bei der Erzeugung von Spannung spielen, und empfiehlt, immer Hindernisse einzubauen: „If one element of suspense is removed then it should be replaced by another, and this can be done by the introduction of an additional ‚obstacle’.“ Dafür, so Hennequin, könne man ein bekanntes Hindernis noch einmal aufleben lassen und betonen, ein neues implementieren oder eines hervorholen, das die ganze Zeit versteckt bereits vorhanden war. Was zunächst einigermaßen theoretisch klingt, lässt sich anhand von Psychothrillern gut verifizieren. In Psychothrillern ist es nämlich unerlässlich, immer neue und überraschende Wendungen einzubauen, um die Spannung aufrecht zu erhalten. Letztlich können Hindernisse auch implementiert werden, indem etwas zunächst verschwiegen oder die Auflösung einer Frage immer wieder hinausgezögert wird. Percy (2016: 22) schreibt: „Create obstacles that ramp up the tension“ und führt aus, dass Widerstände die Charaktere in die Enge treiben, bis zu einem Punkt, an dem sie verloren scheinen, bis zum Punkt maximaler Spannung, an dem sowohl die Protagonisten als auch die Leser verzweifelt nach Lösungen suchen, und das umso stärker, je aussichtsloser die Lage scheint. 3. Identifikation & Immersion Der Begriff der Identifikation stammt aus dem Lateinischen (idem = derselbe, facere = machen) und bedeutet wörtlich ‚gleichsetzen’. In der Psychologie ist damit ein innerseelischer Vorgang gemeint, der identitätsstiftend ist. Dabei kann der Prozess der Identifikation bewusst stattfinden, wenn beispielsweise ein Schauspieler in seine Rolle schlüpft, oder unbewusst beziehungsweise vorbewusst, wie etwa beim Lesen eines Buches 34 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? oder Ansehen eines Filmes. Vorbewusst deswegen, weil die Leser oder Zuschauer sich dessen wahrscheinlich sehr wohl bewusst sind, die Identifikation in der Regel aber nicht willentlich durch die Rezipienten herbeigeführt, sondern von der Geschichte sowie den Charakteren getriggert wird. Menschen sind aber nicht nur in der Lage, sich mit einem anderen Menschen zu identifizieren, sondern auch mit Gruppen, einer Organisation oder Institution, einer Religion oder einer Weltanschauung. Diese Form der Identifikation wird jedoch bewusst außen vor gelassen, da sie für das Thema keine unmittelbare Relevanz besitzt. Auch die Diskussion, ob der Begriff der Identifikation in dem hier verwendeten Sinn angemessen ist, weil sich der Rezipient schließlich nicht selbst an die Stelle der Figuren setzt, wird hier nicht vertieft, sondern Identifikation wird im weitesten Sinne als Mitschwingen und Mitfühlen mit einer Figur definiert, einschließlich der Übernahme von Bedürfnissen und Zielen und damit der Übernahme der Gefühle im Fall des Scheiterns oder Siegens der Figur. Identifikation ist ein wichtigstes Mittel, um eine Bindung zwischen dem Protagonisten und dem Rezipienten herzustellen und damit eine maßgebliche Grundlage für den Aufbau von Spannung. Denn nur, wenn es zu einer emotionalen Involviertheit kommt, steht sowohl für die Protagonisten als auch die Leser etwas auf dem Spiel. Nur, wenn der Leser mit dem Protagonisten hofft und bangt, entsteht emotionale Spannung. Interessiert sich der Leser hingegen nicht oder nur mäßig für den Protagonist, werden ihm der Verlauf der Geschichte und das Schicksal des Protagonisten gleichgültig sein. Und wenn keine Emotionen im Spiel sind, wird Spannung zu einer rein intellektuellen Rätselspannung, die geistig herausfordernd sein kann, den Leser jedoch nicht in vergleichbarer Weise packt und mitreißt wie eine emotionale Beteiligung. Um Identifikation zu ermöglichen, sollte der Protagonist dem Leser zumindest ansatzweise sympathisch sein. Ohlander (1989: 9) geht sogar so weit, zu behaupten, dass die Sympathie des Zuschauers für den Protagonisten in einem direkten proportionalen Verhältnis zur Spannungsintensität stehe, während Vorderer (1994: 334–336) vorschlägt, nicht unbedingt von Sympathie zu reden, sondern ganz allgemein von einer Be- 35 grunDlagEn von Spannung zie hung zwischen dem Rezipienten und dem Protagonisten als notwendiger Voraussetzung für die Erzeugung von Spannung. Carroll (1996) wiederum geht vom Spannungsaufbau aufgrund einer moralischen Beurteilung der Protagonisten durch den Leser aus. Während eine Partei vom Rezipienten als moralisch klassifiziert werde, werde die andere als unmoralisch bewertet und es erfolge eine Identifikation mit der als moralisch empfunden Partei, für die ein positiver Ausgang des Geschehens gewünscht werde. Und der Medienpsychologe Zillmann (1996: 204–209) ist der Meinung, dass Spannung vor allem als emotionale Reaktion zu verstehen sei, in der Regel als eine akute Besorgnis des Lesers um einen beliebten Protagonisten, der durch bestimmte Ereignisse bedroht wird. Schärf (2013: 55) postuliert, dass sich die Spannung des Textes immer direkt aus den psychischen Zuständen des Protagonisten heraus vermittele, und führt aus, dass es weder um eine reine Rätsel- oder Zukunftsspannung gehen könne, wenn man den Leser fesseln und seine Aufmerksamkeit dauerhaft aufrecht erhalten wolle, sondern in erster Linie darum, wie man den Leser aktiv beteilige, also in das Geschehen involviere (ebd.: 119–120). Spannung hängt dementsprechend davon ab, „inwieweit es dem Autor gelingt, einen Leser zu schaffen, der seine eigenen Projektionen und Hypothesen auf die Handlung bezieht und damit eine Identifikation […] herstellt“ (ebd.: 123). Das bedeutet, dass eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Leser und Protagonist bei der Identifikation eine große Rolle spielt, wobei sich Ähnlichkeiten unter anderem an Kategorien wie Geschlecht, Herkunft, sozialer Klasse und Alter festmachen (Groebel 1981: 49). Kreitler und Kreitler (1980: 259) gehen davon aus, dass Spannungsepisoden, in denen die Aktionen der Figuren handlungsgerichtet sind, besonders geeignet sind, Empathie und Identifikation hervorzurufen, und damit zugleich ein Eintauchen in die Erlebniswelt der Charaktere ermöglichen, die mehr oder weniger weitreichend sein könne. Schlüpft der Leser mit allen Sinnen, Gedanken und Gefühlen in die Figur und erlebt die Ereignisse als eine Art Stellvertreter, kommt es zum Verschmelzen von Leser und Figur, was eine gute Grundlage dafür schafft, die Span- 36 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? nung von der Figur auf den Leser zu übertragen. Dies wird mitunter auch als Immersion bezeichnet. Der Begriff der Immersion stammt ursprünglich aus der Virtuellen Realität (VR) und meint, dass das Bewusstsein des Rezipienten illusorischen Stimuli ausgesetzt wird, die bewirken, dass die virtuelle Umgebung als real empfunden wird. Im Unterschied zur filmischen Im mersion, so die Idee, erlaube die Interaktion mit einer virtuellen Umgebung einen höheren Grad der Immersion. Auch in Computer- und Rollenspielen gewinnt die Immersion eine immer größere Bedeutung. Eine amerikanische Professorin für digitale Medien beschreibt den Begriff wie folgt: „Immersion ist ein metaphorischer Begriff, abgeleitet von der physikalischen Erfahrung des Untertauchens in Wasser“ (Murray 1997). Der Begriff und das Konzept der Immersion wurde später oft in Film und Literatur aufgegriffen, beginnend mit Platons Höhlengleichnis – „Was, wenn unsere wahrgenommene Umwelt nur ein Schatten einer höheren Realität ist“ (zit. n. Müller 2018) – bis beispielsweise zu dem Roman Hikikomori (2012) von Kevin Kuhn, in dem der Protagonist allmählich in eine virtuelle Welt driftet, die von ihm als real erfahren wird. Dem Begriff der Immersion verwandt ist der Begriff des Flow von Csíkszentmihályi (2007), der ein völliges Absorbiertsein beschreibt, das Aufgehen in einer Tätigkeit, wie etwa dem Lesen oder Zuschauen.

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Zusammenfassung

Wie schreibe ich spannend? Wie bringe ich den Leser dazu, weiterzulesen? Am besten atemlos. Diese Fragen sind fürs literarische Schreiben ebenso relevant wie fürs faktische. Dabei geht es darum, den Leser emotional zu packen und in den Text hineinzuziehen. Es gilt, Geschichten zu erzählen, in der Belletristik wie im Journalismus. Wie man Spannung aufbaut und hält, können wir von den Großmeistern Hitchcock und Highsmith ebenso lernen wie von Gegenwartsautoren sowie preisgekrönten Journalisten. Das Buch erklärt systematisch, was Spannung ist und wie man diese beim Schreiben erzeugt. Es arbeitet genreübergreifend und interdisziplinär und erstellt ein eigenes Eskalationsmodell, dessen vielseitige Anwendbarkeit es anhand von Romanen, Erzählungen und Reportagen demonstriert.