IX. Reportagen als Beispiele in:

Silke Heimes

Wie schreibe ich spannend?, page 119 - 144

Ideen für Autoren, Journalisten & Medienschaffende

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4251-9, ISBN online: 978-3-8288-7162-5, https://doi.org/10.5771/9783828871625-119

Tectum, Baden-Baden
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119 IX. Reportagen als Beispiele 1. Der letzte Saurier (Willeke 2011) Inhalt: Die Reportage Der letzte Saurier von Stefan Willeke, erschienen 2011 in der ZEIT und 2012 mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet, beschreibt den RWE-Manager Jürgen Großmann auf einer Reise nach Japan und bietet einen Einblick in sein persönliches Leben: Wie er als letzter Saurier zunehmend auf verlorenem Posten für die Atomkraft kämpft und dabei selbst immer mehr ins Zweifeln kommt. Für seine Reportage begleitet Willeke den Manager Großmann auf einer dreitägigen Reise nach Japan, wo er sich mit einem Geschäftsmann der japanischen Atomindustrie treffen will. Obwohl das Meeting sein wichtigster Termin ist und er es als Chance versteht, um die Wichtigkeit seiner Person und seines Kampfes gegen den Atomausstieg zu demonstrieren, kommt Großmann zu spät zu dem Treffen. Am Abend desselben Tages trifft er sich noch mit japanischen Managern zum Essen in einem Restaurant. Einer der Manager erzählt, wie Großmann einmal auf einen Fabrikschlot kletterte, um mit einem Kameramann Videoaufnahmen für einen Imagefilm zu drehen, weil ihm damals die Miete für einen Helikopter zu teuer war. Dass Großmann nicht nach Fukushima fährt, begründet er damit, dass er keine Genehmigung erhalten habe und überdies nicht wisse, was er dort solle. Immer wieder schweift Großmann ab, erwähnt, wie gut er in der Schule war, in welchen Ländern er studiert hat, in welchem Alter er den ersten Vorstandsposten innegehabt hatte, wie viel er verdient und welches Auto er fährt. Obwohl er sich als starken und überlegenen Charakter dar- 120 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? stellt, erfährt der Leser zugleich von seinen Zweifeln und den Anfeindungen, denen er ausgesetzt ist, bis hin zu Morddrohungen. Aufbau und Struktur: Die Reportage Der letzte Saurier ist fünfzehn Onlineseiten lang. Für das Eskalationsmodell wurden insgesamt dreiunddreißig Szenen identifiziert. Es gibt viele Spannungsplateaus, die größtenteils dadurch entstehen, dass zahlreiche Hintergrundinformationen gegeben werden, die einzig dazu dienen, Großmanns Grandiosität zu betonen, und die Spannung deswegen nicht zu steigern vermögen, zumal es etliche Wiederholungen und Redundanzen gibt. Nachdem die Reportage in der ersten Szene mit einer Provokation eröffnet wird, die darin besteht, dass Großmann ein Atomkraftwerk kaufen will, bleibt die Spannung in Szene 2 und Szene 3 erst einmal auf einem Plateau, da in diesen Szenen nur Informationen aus der Vergangenheit und bezüglich seines Charakters gegeben werden – wie Großmann sein erstes Stahlwerk gekauft hat und was für ein „Grizzly“ er sei. Obwohl auch Szene 4 nur die Vergangenheit beschreibt, trägt sie dennoch zur Spannungssteigerung bei, weil in ihr deutlich wird, dass Großmann ein Mensch ist, der sich niemals irgendwo anpassen oder einfügen wird. Der Zeitsprung in der fünften Szene, der mit einer Antizipation einhergeht und andeutet, dass Großmann nach dem Vorfall in Fukushima gehasst werden wird, führt zu einem Spannungsanstieg, dem die Spannungsspitze in Szene sechs durch eine hohe Informationsdichte allerdings wieder genommen wird. In der siebten Szene wird das One-Way Gate durchschritten, der Deal mit den Japanern ist geplatzt, Großmann bekommt das Atomkraftwerk nicht. Der Asiate, mit dem er sich in Japan treffen wollte, hatte schon früher einen Termin platzen lassen (Szene 8) und auch der Umweltminister der CDU war nicht gesprächsbereit (Szene 9). Der nächste Block beinhaltet zu Beginn (Szene 10 und Szene 11) zwei Spannungsanstiege, die vor allem auf den Widerständen beruhen, mit denen Großmann zu kämpfen hat. Die RWE-Aktie stürzt ab, aber Großmann muss sie den Investoren dennoch schönreden (Szene 10) und das Tepco-Management verweigert ihm den Besuch des Atomkraftwerks in Fukushima (Szene 11). Die darauf folgenden Szenen (Szene 12 bis 121 122 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Szene 16) bilden das breiteste Spannungsplateau der Reportage. Sie enthalten zahlreiche Redundanzen und dienen vor allem der Imagepolitur des Managers. Er wird von einem japanischen Journalisten interviewt (Szene 12), prahlt mit seiner Japanerfahrung (Szene 13) und erzählt grandiose Anek do ten über sich selbst (Szene 14 bis Szene 16). Erst in der siebzehnten Szene erfolgt der nächste Spannungsanstieg, der erneut durch einen Widerstand entsteht, dieses Mal auf Seiten Großmanns, der sich weigert, seinen Skiurlaub abzubrechen, als es zur Reaktorkatastrophe von Fukushima kommt. Auch in der achtzehnten Szene steigt die Spannung an, als das Image Großmanns erste Risse bekommt: Großmann ist herzkrank, angeblich weil er sich im Kampf gegen den Atomausstieg so aufgerieben hat. Der nächste Sprung in die Vergangenheit, in der Merkel und Großmann sich immer einig waren (Szene 19), führt zu einem erneuten Spannungsplateau. Danach folgen zwei Spannungsspitzen (Szene 20 und Szene 25), beide jeweils gefolgt von zwei Plateauphasen, einmal einer erneuten Imagepolitur geschuldet (Szene 21 bis Szene 24) und einmal der Informationsvergabe (Szene 26 bis Szene 28). Der Spannungsanstieg in Szene 20 wird dadurch bedingt, dass die Energiewendepolitik nach Fukushima in Frage steht und die Politik um Kompromisse ringt. In den Szenen 21 bis 24 geht es dann wieder um Großmanns Leben und seine Vergangenheit sowie darum, wie er sich von den Medien ablichten lässt und sogar den Dino- Schmähpreis mit Grandezza entgegennimmt. Szene 25 ist eine Art Schlüsselszene, weil ehemalige Verbündete sich von Großmann abwenden, der nun auf verlorenem Posten steht und isoliert ist. Die Szenen 26 bis 29 vermögen die Spannung nicht zu steigern, da in ihnen vorwiegend wieder Informationen zu Großmanns Vergangenheit gegeben werden. Der nächste Spannungsanstieg in der neunundzwanzigsten Szene ist Großmanns Verblendung zu verdanken: Obwohl Fukushima Gesundheitschecks startet, will er von alledem nichts wissen. Ein kurzer Sprung in die Vergangenheit (Szene 30) kupiert die Spannungsspitze, bevor die Spannung in der einunddreißigsten Szene wieder ansteigt, weil Großmann Gegenwind erfährt, als der Aufsichtsrat über ihn berät. Dies führt zum nächsten Spannungsanstieg in der zweiunddreißigsten Szene, in der 123 rEportagEn alS bEiSpiElE Großmann einen Freund bittet, sein Testament zu vollstrecken, was dem Eingeständnis einer Kapitulation gleichkommt (Szene 33). Beispielszenen: Exemplarisch herausgegriffen werden die Szenen 7, 17, 20, 25 und 33. Die ersten vier ausgewählten Szenen veranschaulichen gut, welchen antagonistischen Kräften Großmann ausgesetzt ist und welchen Widerstand er selbst leistet, so dass sich der Konflikt zwischen ihm und der deutschen Politik res pek ti ve den deutschen Medien sowie den Japanern immer weiter zuspitzt. Szene 33 wurde ausgewählt, weil sie Großmanns folgerichtigen und unabwendbaren Sturz sowie seine Kapitulation zeigt. Szenennummer: 7 Szenentitel: Deal geplatzt. Szenenziel: Die Japaner lassen den Deal mit Großmann platzen, weil ihnen das Risiko zu groß ist. Ort: Tokyo, Restaurant. Zeit: Juni 2011. Figuren: Großmann, japanischer Geschäftsmann. Handlung: Großmann könnte das Kraftwerk in England aufstellen, aber die Japaner scheuen das Risiko. Widerstände: Der japanische Geschäftsmann fordert, dass die britische Regierung und RWE einen Teil des Risikos tragen. Wendepunkt: Der Japaner kippt den Deal. Einstieg: Großmann könnte das Kraftwerk in England aufstellen. Ausstieg: Es wird nur das Risiko der Investition erwähnt, nicht aber das der Kernspaltung. 124 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Sonstiges: Großmann wird als abgeklärter Manager dargestellt, der sachlich und knapp reagiert, wenn ein Deal platzt. Szenennummer: 17 Szenentitel: Großmann im Skiurlaub. Szenenziel: Großmanns Grandezza und Abgebrühtheit. Ort: Skigebiet Arosa Lenzerheide. Zeit: 11. März 2011. Figuren: Großmann, seine Familie, Gerd Jäger (Chef der Sparte Kraftwerk im Konzern). Handlung: Jäger ruft Großmann im Urlaub an und erzählt ihm von Fukushima. Obwohl er ihn bittet zu kommen, um sich der Sache zu widmen, will Großmann den Urlaub nicht abbrechen. Widerstände: Großmann weigert sich, seinen Urlaub abzubrechen. Wendepunkt: Später wird Großmann sagen, dass kein Tag sein Leben so verändert habe wie der 11. März 2011. Einstieg: Großmann im Sessellift. Ausstieg: Großmann behauptet, schon Schlimmeres überstanden zu haben. Sonstiges: Zum ersten Mal zeigt sich, dass Großmann auch anders sein kann, als großkotzig und gewinnorientiert. Szenennummer: 20 Szenentitel: Die Welt steht Kopf. 125 rEportagEn alS bEiSpiElE Szenenziel: Fukushima verändert alle bisherigen politischen Absprachen. Ort: Deutschland. Zeit: März 2011. Figuren: Großmann. Handlung: Nach Fukushima ringt die Politik um Kompromisse. Widerstände: Der Prozess ist unabsehbar. Wendepunkt: Die Energiewendepolitik steht nach der Katastrophe von Fukushima in Frage. Einstieg: Fernsehbilder von Fukushima. Ausstieg: Das Stimmendurcheinander der Politiker. Sonstiges: Großmanns Gesetze gelten plötzlich nicht mehr. Szenennummer: 25 Szenentitel: Die Wende. Szenenziel: Großmann befindet sich auf dem absteigenden Ast. Ort: Deutschland. Zeit: März bis April 2011. Figuren: Großmann, Merkel, Chefs der Schwerindustrie. Handlung: Nach Fukushima wird Großmann isoliert, ehemals Verbündete befürworten die Energiewende. Fehler werden allesamt ihm angelastet. Großmann sucht nach neuen Geldquellen. 126 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Widerstände: Heckenschützen feuern auf Großmann. Wendepunkt: Verbündete lassen Großmann im Stich. Einstieg: Es wird einsam um Großmann. Ausstieg: Der Atomausstieg bringt Großmann in eine unübersichtliche Lage. Sonstiges: Das Blatt scheint sich gegen Großmann zu wenden. Szenennummer: 33 Szenentitel: Breakdown. Szenenziel: Großmann wird zu Fall gebracht. Ort: Deutschland. Zeit: Keine konkrete Zeit. Figuren: Großmann, Jäger (Fachmann von RWE), Kellner. Handlung: Arbeiter abgeschalteter Atomkraftwerke werden Großmann Vorwürfe machen. Großmann wird seine Biographie aus den Trümmern von Fukushima retten müssen. Fukushima wurde nicht durch das Restrisiko verursacht, sondern durch einen zu niedrigen Wall gegen den Tsunami. Großmann bekommt Morddrohungen. Widerstände: Die Trümmer, die Großmanns Biographie zuzuschütten drohen, und die Morddrohungen. Wendepunkt: Großmanns Sturz ist endgültig. Er muss sehen, was er noch retten kann. Einstieg: Enttäuschte Arbeiter werden Großmann Vorwürfe machen. 127 rEportagEn alS bEiSpiElE Ausstieg: Großmann ist eingeschlafen. Sonstiges: Der Grund für den Ausstieg in Deutschland ist nicht ganz korrekt, der Ausstieg selbst aber schon. Großmann kapituliert. Gesamtanalyse: Der Text hat sehr viele Zeitsprünge. Er wechselt rasch zwischen Vergangenheit und Gegenwart und führt oftmals schon nach ein paar Sätzen eine neue Zeitebene ein. Ähnlich verhält es sich mit der Thematik. Auch inhaltlich springt die Reportage sehr schnell zwischen den verschiedenen Themen und greift oft wenige Zeilen später einen neuen Aspekt auf, der zu dem vorherigen nicht oder nur in mittelbarer Verbindung steht. Würde man den Text zerlegen und neu zusammensetzen, würden sich im Großen und Ganzen drei Themenblöcke ergeben: Eine Biographie Großmanns, die sich in großen Teilen um seine Berufsanfänge dreht, ein Einblick in sein aktuelles Berufsleben und die sich ergebenden Widerstände sowie eine Charakterisierung Großmanns sowohl als Manager als auch als Privatperson, weswegen die Reportage in einigen Zügen einem Porträt gleicht. Spannungsanstiege ergeben sich immer dann, wenn Konflikte in Großmanns Berufsleben zur Sprache kommen und die antagonistischen Kräfte benannt und dargestellt werden. Die meisten Spannungsanstiege und Spannungsspitzen werden allerdings schnell wieder kupiert, indem sehr viele Hintergrundinformationen gegeben werden oder eine Charakterisierung beziehungsweise Glorifizierung Großmanns erfolgt. Das Element der Irritation, das als Spannungsmittel eingesetzt werden kann und in der Reportage vor allem durch Zeitsprünge entsteht, führt in diesem speziellen Fall eher dazu, dass kein Spannungsanstieg erfolgt, da die sehr sprunghafte Struktur der Reportage zu Lasten der Orientierung geht und der Leser gezwungen ist, Zeilen und Absätze mehrfach zu lesen, um sich zeitlich zu orientieren und den Überblick zu behalten. Hauptfaktoren für die Spannung sind die zahlreichen Konflikte auf gesellschaftlicher und politischer Ebene und die sich daraus ergebenden Widerstände. Ein weiteres Spannungselement sind die Umbrüche, die 128 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? sich aus der politischen Geschichte der Atomkraft sowie deren Folgen für alle Beteiligten ergeben. Auch Großmanns starrer Charakter trägt zur Spannungssteigerung bei, weil dieser ein großes Konfliktpotential birgt. 2. Der Getriebene (Faller 2012) Inhalt: Der Getriebene ist eine Reportage von Heike Faller, die 2012 in der ZEIT erschien und 2013 mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet wurde. Für die Reportage hat die Journalistin einen jungen pädophilen Mann, der in der Reportage mit dem Pseudonym „Jonas“ bezeichnet wird, ein Jahr lang bei seiner Teilnahme an einer Gruppentherapie in der Berliner Charité begleitet. Dafür hat sie ihn alle paar Wochen zwischen Zugankunft und Therapiebeginn getroffen, um mit ihm über seine Fortschritte sowie Rückschläge zu reden. Jonas selbst bezeichnet die Therapie als letzte Chance, auch wenn es für ihn nie ein Happy End mit „Frau, Kind und Haus“ geben werde. Jonas’ Therapieziel ist es, seine Neigungen, kinderpornographische Filme zu sehen, zu unterdrücken; sexuell übergriffig war er nie. Jonas findet Gewaltdarstellungen zwar erregend, hat aber zugleich Mitleid mit den Opfern, weswegen er mit dem Ansehen kinderpornographischer Filme aufhören möchte. Bevor er die Chance zur Gruppentherapie in der Berliner Charité erhielt, hatte er sogar darüber nachgedacht, sich umzubringen, um den Kampf in seinem Inneren endlich zu beenden. Immer wieder unternimmt Jonas Anläufe, seiner Schwester von seinen Neigungen zu erzählen, aber nie scheint der richtige Zeitpunkt zu sein und auch der Rest der Familie weiß nichts von seinen Problemen. Jonas hat Angst, dass seine Eltern und seine Schwester ihn verachten, wenn sie davon erfahren. Zugleich ist er es leid, sich immer verstellen und alles mit sich allein ausmachen zu müssen. Das Therapieprogramm, das an der Berliner Charité angeboten wird, ist verhaltenstherapeutisch ausgerichtet und basiert auf der Idee, dass Menschen nur das beeinflussen können, was sie als Teil ihres Selbst akzeptieren, da sie nur auf diese Weise Gefahrensituationen einschätzen und 129 rEportagEn alS bEiSpiElE ihr Verhalten danach ausrichten können. In der Therapie geht es also weniger um Heilung als vielmehr darum, Kontrolle über die Neigungen und Triebe zu erhalten. Zusätzlich können testosteronsenkende Medikamente eingesetzt werden, die auch bei Jonas zur Anwendung kommen. Nach einem halben Jahr Therapie erzählt Jonas der Gruppe, dass er Kinderpornos angesehen hat, und als er erlebt, dass ihn deswegen niemand verurteilt, erzählt er es eine Woche später auch seiner Schwester, die ihn ebenfalls nicht angreift, sondern lediglich sagt: „Die Welt dreht sich weiter“, um sich danach intensiver denn je um Jonas zu kümmern. Davon ermutigt erzählt er es seinen Eltern, die ebenfalls verständnisvoll reagieren. Ein Erfolg für Jonas, für den dennoch das Gefühl bleibt, sein Leben lang gegen seine Veranlagung kämpfen zu müssen. Aufbau und Struktur: Die Reportage Der Getriebene ist dreizehn Onlineseiten lang. Für das Eskalationsmodell wurden insgesamt dreißig Szenen identifiziert. Es gibt drei größere Spannungsplateaus, die vor allem dadurch entstehen, dass in diesen Szenen viele Hintergrundinformationen gegeben werden. In der ersten Szene kommt die Geschichte dadurch in Gang, dass Jonas den Versuch einer Veränderung unternimmt. Noch besteht die gewohnte Welt, aber wenn alles gut läuft, wird es zu einer großen Wende kommen, die einer vollständigen Transformation gleicht. In der zweiten Szene werden moralische Fragen aufgeworfen, die zwar interessant sind, aber die Spannung ebenso wenig steigern wie die Informationen über das Therapiesetting in der Berliner Charité (Szene 3). Erst die vierte Szene führt zum Spannungsanstieg, weil sich in ihr der Pro tago nist unter dem Pseudonym Jonas bereit erklärt, sich während seiner einjährigen Gruppentherapie von einer Journalistin begleiten zu lassen. Das Vorgespräch in der Berliner Charité (Szene 5) liegt dann auf dem gleichen Spannungsniveau, weil es keine großen Neuigkeiten beinhaltet. Erst die sechste Szene führt wieder zum Spannungsanstieg, weil Jonas in ihr den Versuch unternimmt, sich seiner Schwester zu offenbaren, wenn auch unter einem falschen Label: Statt seine Pädophilie als Therapiegrund zu nennen, erzählt er seiner Schwester, dass er unter Depressionen leidet. Die siebte Szene führt ebenfalls zu einem Anstieg der Spannung, weil in ihr deutlich wird, wie sehr der Protagonist seit seinem 131 rEportagEn alS bEiSpiElE zwölften Lebensjahr mit der Krankheit kämpft. Und auch sein erstes Geständnis in der ersten Therapie, die er im Alter von dreiundzwanzig Jahren gemacht hat, steigert die Spannung (Szene 8) und führt unmittelbar zum One-Way Gate, das durchschritten wird, als Jonas von seinem ersten Therapeuten erfährt, dass es keine Heilung gibt, sondern nur die Möglichkeit der Kontrolle seiner Krankheit (Szene 9). Szene 10 und Szene 11, in denen klar wird, dass der erste Therapieversuch gescheitert ist, Jonas aber dank testosteronsenkender Medikamente weiterleben kann, belassen die Geschichte auf dem erreichten Spannungsniveau. Neue Hoffnung und damit einen Anstieg der Spannung findet sich in der zwölften Szene, in der Jonas den ersten Termin in der Berliner Charité hat. Und auch die nächste Szene, in der Jonas einen zweiten Versuch unternimmt, seiner Schwester seine Pädophilie zu gestehen (Szene 13), führt zu einem Anstieg der Spannung, die sodann auf einem Plateau gehalten wird, als Jonas in der ersten Gruppensitzung erfährt, dass er mit seinem Problem nicht allein ist (Szene 14). In Szene 15 führt Jonas’ Entscheidung für einen neuen Weg und das daraus resultierende Löschen der Festplatte seines Computers zu einem Spannungsanstieg, dem ein kurzes Spannungsplateau folgt, als die Behandlungsmethode und das Präventionsprogramm beschrieben werden (Szene 16). Jonas’ Rückfall (Szene 17) führt zum nächsten Spannungsanstieg, dem ein langes Spannungsplateau folgt, weil in den Szenen 18 bis 23 viele Hintergrundinformationen bezüglich des Therapieverlaufs, Jonas’ Vergangenheit und der Vorbereitung auf das Gespräch mit der Schwester gegeben werden. Szene 24 markiert einen Wendepunkt und führt zum Anstieg der Spannung: Jonas’ Schwester reagiert, entgegen seiner Ängste und Befürchtungen, verständnis- und liebevoll und akzeptiert Jonas mit allen seinen Schwierigkeiten, so dass Jonas in ihr eine neue Verbündete im Kampf gegen seine Krankheit hat (Szene 25). Das Ende der Therapie in der Berliner Charité führt zu einem weiteren Spannungsanstieg (Szene 26), da sich die Frage stellt, wie Jonas ohne die Unterstützung der Gruppe zurechtkommen wird. In der siebenundzwanzigsten Szene kommt es zu keinem weiteren Anstieg der Spannung, da in ihr beschrieben wird, wie Jonas mit seiner Familie in die Sommerferien fährt. 132 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Die Beichte seinen Eltern gegenüber lässt die Spannung wieder ansteigen (Szene 28) und führt nach deren Bekunden ihrer bedingungslosen Liebe zu einem Plateau, da Jonas versucht, sich ausschließlich im Hier und Jetzt zu bewegen (Szene 29). Der letzte Spannungsanstieg verdankt sich der Transformation, die Jonas am Ende der Therapie durchgemacht hat und die dazu führt, dass er akzeptiert, seine Triebe ein Leben lang unterdrücken zu müssen und dennoch sein Potential entfalten zu können (Szene 30). Beispielszenen: Exemplarisch herausgegriffen werden die Szenen 7, 15, 24 und 30. In der siebten Szene wird der Kampf deutlich, den Jonas seit frühester Jugend führt und der ihn an den Punkt gebracht hat, an dem die Geschichte einsetzt. Szene 15 ist deswegen von Bedeutung, weil sie einen Wendepunkt markiert, da Jonas sich in ihr für einen neuen Weg entscheidet. Szene 24 markiert einen weiteren Wendepunkt, an dem seine Schwester ihn trotz seiner Krankheit voll akzeptiert und liebevoll unterstützt. Die letzte Szene (Szene 30) zeigt schließlich Jonas’ Transformation. Szenennummer: 7 Szenentitel: Die ganze Wahrheit. Szenenziel: Darstellung von Jonas’ Vergangenheit. Ort: Kein konkreter Ort. Zeit: Jonas’ Vergangenheit. Figuren: Jonas. Handlung: Mit zwölf Jahren ahnt Jonas zum ersten Mal, dass seine sexuellen Neigungen für ihn viele Schwierigkeiten in seinem Leben bereithalten werden. Mit siebzehn Jahren hat Jonas die Gewissheit, dass er pädophil ist, und hat Angst, entdeckt und für seine Neigungen bestraft zu werden. 133 rEportagEn alS bEiSpiElE Widerstände: Schon damals erfuhr niemand von Jonas’ Ängsten. Wendepunkt: Bereits mit zwölf Jahren entdeckt Jonas seine Neigungen. Einstieg: Jonas’ Versprechen, die ganze Wahrheit zu erzählen. Ausstieg: Jonas bezeichnet sich selbst als pervers. Sonstiges: Jonas’ Kampf beginnt schon in frühester Jugend. Szenennummer: 15 Szenentitel: Jonas löscht die Festplatte seines Computers. Szenenziel: Jonas bekräftigt seine Entscheidung für den neuen Weg. Ort: Jonas’ Wohnung. Zeit: Mai 2011, zwei Tage nach der ersten Therapiestunde. Figuren: Jonas. Handlung: Jonas lässt ein Löschprogramm über die Festplatte seines Computers laufen, wenn auch nicht zum ersten Mal. Widerstände: Es ist nicht das erste Mal, dass Jonas die kinderpornographischen Bilder auf seinem Computer löscht. Wendepunkt: Jonas löscht alle Bilder. Einstieg: Zwei Tage nach der Therapiestunde. Ausstieg: Alle Bilder sind gelöscht. Sonstiges: Jonas’ fortgesetzte Bemühungen, seinen Trieben zu widerstehen. 134 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Szenennummer: 24 Szenentitel: Versöhnung mit der Schwester. Szenenziel: Die Schwester akzeptiert Jonas trotz seiner Pädophilie. Ort: Zug, Park der Stadt, in der die Schwester lebt. Zeit: März 2012. Figuren: Jonas, Jonas’ Schwester. Handlung: Jonas sitzt im Zug zu seiner Schwester und spielt im Kopf alle möglichen Szenarien durch. Für den Fall, dass seine Schwester ihn bitten sollte zu gehen, hat er einen Brief dabei. Widerstände: Jonas’ Angst. Wendepunkt: Die SMS seiner Schwester mit einem „OK“. Einstieg: Jonas’ Zugfahrt zu seiner Schwester. Ausstieg: Seine Schwester weint um Jonas und sein schwieriges Schicksal. Sonstiges: Jonas’ Schwester reagiert liebe- und verständnisvoll. Szenennummer: 30 Szenentitel: Transformation. Szenenziel: Jonas’ Lebensgelingen besteht darin, seine Triebe zu unterdrücken. Ort: Kein konkreter Ort. Zeit: Keine konkrete Zeit. 135 rEportagEn alS bEiSpiElE Figuren: Jonas. Handlung: Jonas wird für seine Bemühungen kein Bundesverdienstkreuz bekommen und ist trotzdem überzeugt, das Richtige getan zu haben. Widerstände: Fehlende Anerkennung seiner Leistungen durch die Öffentlichkeit. Wendepunkt: Seine Familie liebt Jonas so, wie er ist. Einstieg: Was ist ein gelungenes Leben? Ausstieg: Jonas’ Familie weiß um seinen Kampf. Sonstiges: Jonas hat sein persönliches Ziel erreicht und Frieden mit sich und seiner Krankheit geschlossen. Gesamtanalyse: Den roten Faden der Reportage bildet Jonas’ Therapieverlauf. Zwischendurch wird mit Rückblenden in die Vergangenheit gearbeitet, mit Kindheits- und Studienerinnerungen sowie Erinnerungen an Familienerlebnisse. Außerdem baut die Journalistin in der Mitte der Reportage einen größeren Wissensteil ein, in dem der Leser etwas über Pädophilie, die Berliner Charité und das Gruppentherapieprogramm erfährt. Die ganze Reportage über wird mit den Mitteln des Enthüllens und Verschweigens Spannung aufgebaut und mit der Hauptfrage, die erst am Ende beantwortet wird: Wird Jonas es schaffen, seine Triebe unter Kontrolle zu bekommen? Die Unwägbarkeit des Therapieerfolges ist ein Hauptspannungsmittel, zumal sie zu wiederholten Antizipationsversuchen führt. Das Identifikationspotential, das durch die sorgsame Charakterisierung des Protagonisten ermöglicht wird, stellt ein weiteres wichtiges Spannungsmittel dar und erklärt, warum die Reportage zugleich als halbes Porträt angelegt ist. Anders als in der Reportage von Willeke führen die Zeitsprünge in dieser Reportage zu keinem Orientierungsverlust, weil sie klarer und sparsamer eingesetzt werden. 136 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Die innere Ambivalenz des Protagonisten stellt ebenfalls eine Quelle der Spannungssteigerung dar, weil sie den inneren Konflikt und den daraus resultierenden Kampf des Protagonisten deutlich macht. Dabei kämpft der Protagonist nicht nur gegen seine Krankheit, sondern zugleich gegen seine Angst, sich seiner Familie zu offenbaren und für seine Neigungen verachtet zu werden. Ein doppeltes Konfliktpotential also, das bestens geeignet ist, die Spannung über den gesamten Text hinweg aufrechtzuerhalten. 3. Die Liebe seines Lebens (Gezer 2013) Inhalt: In der Reportage Die Liebe seines Lebens von Özlem Gezer, die 2013 im Spiegel erschien und 2014 mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet wurde, geht es um Cornelius Gurlitt (80 Jahre alt), dessen Kunstsammlung von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt wird. Eine Sammlung aus der NS-Zeit im Wert von mehreren Millionen Euro, die Gurlitt von seinem Vater geerbt hat, der Geschäfte mit den Nazis gemacht haben soll. Aufgefallen ist Gurlitt den Zollfahndern, als er bei einer Zugfahrt von der Schweiz nach Deutschland neuntausend Euro Bargeld bei sich hatte und behauptete, nicht gewusst zu haben, dass es verboten ist, so viel Bargeld unangemeldet über die Grenze zu bringen. Gurlitt lebt zurückgezogen. Er hat weder Freunde noch Familie und redet abends mit seinen Bildern, die ihn an seinen Vater erinnern. Seine Wohnung verlässt er selten, Arztrechnungen zahlt er bar, Hotelzimmer bucht er per Post. Er lebt in seiner eigenen Welt, hat nie gearbeitet, immer nur Bilder verkauft, sobald er Geld benötigte. Er sieht kein Fernsehen und liest keine Zeitungen; was in der Welt vor sich geht, interessiert ihn nicht, seine Lebenserfahrungen stammen aus Büchern. Für sein Unglück macht Gurlitt immer andere verantwortlich, wie etwa seine Mutter, die damals nach München wollte, oder seine Schwester, die vor ihm gestorben ist und ihm deswegen jetzt nicht helfen kann. Sogar die Deutsche Bahn erklärt Gurlitt für schuldig an seinem Zustand, weil die Mitarbeiter ihm einen Zettel mit der Erklärung hätten geben müssen, dass man so viel Bargeld nicht mit sich führen darf. Gurlitt versteht nicht, was man von ihm will und warum er angeklagt wird. Die Bilder 137 rEportagEn alS bEiSpiElE versteht er als sein Privateigentum und er behauptet, nichts Böses getan zu haben. Er will einzig seine Bilder zurück: Sie sind die Liebe seines Lebens. Gurlitt ist schwer herzkrank und braucht bereits für dreihundert Meter ein Taxi. Der Arzt seines Vertrauens praktiziert hundert Kilometer von Gurlitts Wohnort entfernt und doch nimmt Gurlitt die Fahrt in Kauf, weil er nur ihm vertraut, wie er insgesamt ein misstrauischer Mensch ist, sein Leben auf Gewohnheiten beruht und Veränderungen ihn verunsichern. Gurlitts Kindheit war behütet, aber voller Umbrüche und Abschiede. Er war sehr auf seinen Vater fixiert, eigenständiges Denken und Handeln hat er nicht entwickelt, weil ihm immer alles abgenommen wurde und er nie für seinen Unterhalt arbeiten musste. Für Verbrechen in Zusammenhang mit den Bildern lehnt er jede Verantwortung ab. Aufbau und Struktur: Die Reportage Die Liebe seines Lebens ist fünf Zeitungsseiten lang. Für das Eskalationsmodell wurden insgesamt dreiundzwanzig Szenen identifiziert, von denen einige über mehrere Absätze gehen. Die erste Szene ist ein dramatischer Auftakt: Fremde dringen in Gurlitts Welt und zerstören seine Stille und Einsamkeit. In der zweiten Szene folgt gleich der zweite Übergriff, der mindestens so invasiv ist wie das Eindringen der Staatsgewalt in Gurlitts Wohnung: Ein psychologischer Dienst erscheint und bietet Unterstützung an. Nachdem der Einstieg auf einem sehr hohen Spannungsniveau erfolgt, wird in den Szenen 3 bis 5 das Spannungsplateau gehalten, weil in diesen Szenen vor allem die nötigen Informationen für den spannenden Auftakt nachgeliefert werden. Nachdem der Staat in Gurlitts Wohnung eingedrungen ist, belagert nun die Presse seine Wohnung und es stellt sich die Frage nach Recht und Unrecht und danach, ob es sich bei den Bildern in Gurlitts Besitz um NS-Raubkunst handelt. 139 rEportagEn alS bEiSpiElE Gurlitt beharrt darauf, nichts Böses getan zu haben und der rechtmäßige Besitzer der Bilder zu sein. Er bezeichnet die Bilder als seine Freunde (Szene 6) und die emotionale Relevanz dieser Aussage für Gurlitts Leben und den Fortgang der Geschichte führt zum Spannungsanstieg, der in der siebten Szene einen weiteren Anstieg erfährt, da die Frage aufgeworfen wird, ob Gurlitt krank ist. Dass er seine Bilder als einzige Freunde bezeichnet, sagt eine Menge über Gurlitt aus und ist eine wichtige Information, um zu verstehen, warum der Verlust der Bilder ihn zur Einsamkeit verdammt und mit dieser Information das One-Way Gate durchschritten wird. In der achten und neunten Szene weist Gurlitt jegliche Schuld von sich. Dabei wird deutlich, dass er den Anschluss ans Weltgeschehen und die Veränderungen verpasst hat, was zwar interessant ist, die Spannung allerdings nicht weiter zu steigern, sondern nur auf einem Plateau zu halten vermag. In der zehnten Szene steigt die Spannung wieder an, als Gurlitt den Verlust der Bilder schwerer gewichtet als den Tod seiner Eltern und man sich fragt, ob er an einer Realitätsverzerrung leidet. Von der elften bis zur dreizehnten Szene kommt es in jeder Szene zum kontinuierlichen Spannungsanstieg, weil in diesen Szenen deutlich wird, dass Gurlitt schwer herzkrank und sehr fragil ist und er jede Veränderung als Bedrohung erlebt, gegen die er sich wehren muss, was ermessen lässt, was der Verlust der Bilder für ihn bedeutet. Besonders spannend ist die dreizehnte Szene, in der Gurlitt sich einen Anschlag wünscht, nur um die Aufmerksamkeit der Presse von sich abzulenken, wodurch klar wird, dass ihm jede Verhältnismäßigkeit abhandengekommen ist. Es folgt ein erneutes Spannungsplateau (Szene 14 und Szene 15), weil Gurlitt in diesen Szenen im Widerstand verharrt und die Journalistin von seiner Kindheit erzählt. Ein Umdenken in der sechzehnten Szene, in der Gurlitt erwägt, einen Anwalt hinzuzuziehen, führt ebenso zum Spannungsanstieg wie die zunehmende Realitätsverzerrung in der siebzehnten Szene, in der Gurlitt sich zum Retter des Kunstschatzes stilisiert. Fortgesetzte Unschuldsbeteuerungen (Szene 18) und Klagen über die Staatsanwaltschaft (Szene 19) tragen zwar zu Gurlitts Charakterisierung bei, vermögen die Spannung aber nicht weiter zu steigern. 140 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Der nächste Spannungsanstieg erfolgt in der zwanzigsten Szene, in der Gurlitt erzählt, wie er ein Bild verkaufen musste, um seine Arztrechnungen zu bezahlen. Aus dem bisher Erfahrenen kommt das dem Verrat eines Freundes gleich, weswegen auch das Spannungspotential dieser Szene hoch ist. Nach einer Szene mit Spannungsplateau (Szene 21), in der immer deutlicher wird, wie lebensuntüchtig Gurlitt ist, folgen zwei Szenen mit Spannungsanstieg (Szene 22 und Szene 23), in denen Gurlitt um seine Bilder weint, sich aber Hoffnung auf eine Lösung abzeichnet, weil der bayrische Justizminister angekündigt hat, mit Gurlitt in einen Dialog treten zu wollen. Beispielszenen: Exemplarisch herausgegriffen werden die Szenen 1, 10, 17 und 22. Die erste Szene hat ein sehr hohes Spannungspotential, weil sie den massiven Übergriff zu Tage treten lässt, der Gurlitts gewohnte Welt zerstört. Die zehnte Szene wurde ausgewählt, weil in ihr deutlich wird, wie sehr Gurlitt in seiner eigenen Welt gefangen ist und den Bezug zur Realität verloren hat, was in der siebzehnten Szene erneut aufgegriffen wird, als er sich vom potentiellen Täter zum Retter des Kunstschatzes aufschwingt. Szene 22 zeigt dann, wie fragil und verletzlich Gurlitt ist und was der Verlust der Bilder für ihn bedeutet. Szenennummer: 1 Szenentitel: Das Eindringen Fremder in Gurlitts Leben. Szenenziel: Beschlagnahmung der Kunstwerke. Ort: Gurlitts Wohnung. Zeit: Februar 2012. Figuren: Gurlitt, Zollfahnder, Beamte der Staatsanwaltschaft. Handlung: Das Schloss von Gurlitts Wohnung wird aufgebrochen. Vier Tage lang werden die Kunstwerke sowie private Dinge verpackt und weggetragen. 141 rEportagEn alS bEiSpiElE Widerstände: Gurlitt leistet keinen äußeren Widerstand, sondern sitzt auf Anweisung in einem Sessel in der Ecke und ist still. Innerlich allerdings wehrt er sich gegen die Zumutung, die mit dem Vorgehen verbunden ist, und ist empört. Seine geliebten Bilder werden ihm genommen: „Vier Tage lang wickelten sie sein Leben in Tücher, verpackten es in Pappkartons und trugen es fort […].“ Mit dem Eindringen der Fremden existiert Gurlitts vertraute Welt nicht mehr. Wendepunkt: Gurlitts vertrautes Leben verändert sich radikal und schlagartig. Einstieg: Gurlitt wird im Schlafkleid von den Zollfahndern und den Beamten der Staatsanwaltschaft überrascht. Ausstieg: Gurlitt ist wieder allein. Zollfahnder und Beamte der Staatsanwaltschaft haben alle Bilder eingepackt und sind wieder gegangen. Sonstiges: Die Szene hat eine Art Kreisstruktur. Zunächst ist Gurlitt allein, dann dringen die Zollfahnder und Beamten der Staatsanwaltschaft in seine Wohnung ein und am Ende der Szene ist er wieder allein, allerdings ohne seine geliebten Bilder. Die vier Tage, die das Geschehen dauert, werden im Zeitraffer erzählt. Szenennummer: 10 Szenentitel: Gurlitts Abschiede. Szenenziel: Aufzuzeigen, wie fern Gurlitt von der Realität ist und dass er vielleicht gar nicht in der Lage ist, zu begreifen, was vor sich geht. Ort: Zug. Zeit: Eine Woche vor dem Schreiben der Reportage. Figuren: Gurlitt, Gezer. 142 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Handlung: Gurlitt zählt alle Abschiede seines Lebens auf und gewichtet dabei den Verlust seiner Bilder schwerer als den Tod seiner Eltern. Widerstände: Gurlitt weigert sich, Verantwortung zu übernehmen. Wendepunkt: Dass der Abschied von den Bildern ihm gewichtiger vorkommt als die Todesfälle in seiner Familie, rücken ihn in die Nähe des Wahnsinns. Einstieg: Aufzählung der Todesfälle in seiner Familie. Ausstieg: Gurlitts Wunsch und Hoffnung, die Bilder bald wiederzubekommen. Sonstiges: Gurlitts Fähigkeit zur Gewichtung verschiedener Ereignisse wird in Frage gestellt. Szenennummer: 17 Szenentitel: Retter des Kunstschatzes. Szenenziel: Gurlitts verzerrte Wahrnehmung wird immer deutlicher. Ort: Zug. Zeit: Eine Woche vor dem Schreiben der Reportage. Figuren: Gurlitt, Gezer. Handlung: Gurlitt beteuert, nie etwas mit der Anschaffung der Bilder zu tun gehabt zu haben, sondern immer nur mit deren Rettung, und fordert, die Staatsanwaltschaft solle den guten Ruf seines Vaters wiederherstellen. Widerstände: Gurlitt stilisiert sich zum Retter des Kunstschatzes. 143 rEportagEn alS bEiSpiElE Wendepunkt: Gurlitt fordert Dankbarkeit und die Wiederherstellung des väterlichen Rufes. Einstieg: Gurlitt weiß auf die meisten Fragen keine Antworten. Ausstieg: Gurlitt fordert, den guten Ruf seines Vaters wiederherzustellen. Sonstiges: Durch die Verkehrung der Tatsachen wird deutlich, wie bizarr Gurlitts Welt und sein Denken sind. Szenennummer: 22 Szenentitel: Arztbesuch. Szenenziel: Gurlitts Gesundheitszustand hat sich verschlechtert. Ort: Arztpraxis, Hotel. Zeit: Arztbesuch. Figuren: Gurlitt, Arzt. Handlung: Gurlitt erfährt vom Arzt, dass die Aufregung um die Bilder seinem Herz geschadet hat. Wieder im Hotel angekommen, weint er, als er seine Bilder in der Zeitung sieht. Widerstände: Gurlitts Krankheit fordert fast schon, dass man ihn schont. Wendepunkt: Gurlitt ist schwerkrank. Einstieg: Fahrt zur Arztpraxis. Ausstieg: Gurlitts Weinen um seine verlorenen Bilder. Sonstiges: Gurlitt scheint zunehmend in sich zusammenzufallen. 144 Silke HeimeS: Wie ScHreibe icH Spannend? Gesamtanalyse: Die Reportage gleicht in vielen Punkten einem Porträt, da der Fokus auf dem Protagonisten Gurlitt liegt und nicht etwa auf der Straftat oder den Ermittlungen. Der Text verläuft nicht chronologisch, sondern wechselt schnell und sprunghaft zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Informationen und Hintergründe werden immer wieder im Text verteilt. Es wird sehr szenisch gearbeitet; Atmosphärischem wird mitunter mehr Bedeutung beigemessen als Faktischem. Der Text arbeitet mit zahlreichen Wiederholungen, die zum einen die Bedeutung bestimmter Sachverhalte für Gurlitt zum Ausdruck bringen und zum anderen deutlich machen, wie wichtig Strukturen und Gewohnheiten für ihn sind. Die Wiederholungen führen allerdings auch dazu, dass die Spannung in diesen Szenen nicht weiter ansteigt, sondern nur auf einem Spannungsplateau gehalten werden kann, wie das auch in den Szenen der Fall ist, in denen Informationen bezüglich Gurlitts Vergangenheit und Kindheit gegeben werden. Dass die Vergangenheit fast mehr Bedeutung bekommt als der dramaturgische Spannungseffekt, mag unter anderem damit zusammenhängen, dass die Reportage eher einem Porträt gleicht, so dass die zu porträ tie rende Person stärker in den Fokus rückt als die Struktur und der Spannungsbogen der Reportage. Die Zugfahrt fungiert dabei als Geschichte innerhalb der Geschichte und geht mit einem großen Informationsblock einher, der nur ein Spannungsplateau zu bieten hat. Die Hauptspannungsmittel der Reportage sind Gurlitts Ambivalenz und die vielen offenen Fragen bezüglich der Ermittlungen. Weiteres Spannungspotential ergibt sich aus dem Ideal-Ich des Protagonisten, das an die Vaterfigur angelehnt ist, und dem realen Ich, das fragil und schwach ist, beinahe kindlich, und das in seinen Zwängen verharrt, statt sich der aktuellen Situation zu stellen. Die zahlreichen Wiederholungen vermögen die Geschichte deswegen immerhin auf einem Spannungsplateau zu halten, weil durch sie deutlich wird, wie sehr Gurlitt in seinem eigenen Leben gefangen ist und wie wenig er auf aktuelle Geschehnisse zu reagieren vermag.

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Zusammenfassung

Wie schreibe ich spannend? Wie bringe ich den Leser dazu, weiterzulesen? Am besten atemlos. Diese Fragen sind fürs literarische Schreiben ebenso relevant wie fürs faktische. Dabei geht es darum, den Leser emotional zu packen und in den Text hineinzuziehen. Es gilt, Geschichten zu erzählen, in der Belletristik wie im Journalismus. Wie man Spannung aufbaut und hält, können wir von den Großmeistern Hitchcock und Highsmith ebenso lernen wie von Gegenwartsautoren sowie preisgekrönten Journalisten. Das Buch erklärt systematisch, was Spannung ist und wie man diese beim Schreiben erzeugt. Es arbeitet genreübergreifend und interdisziplinär und erstellt ein eigenes Eskalationsmodell, dessen vielseitige Anwendbarkeit es anhand von Romanen, Erzählungen und Reportagen demonstriert.