Content

1 Einleitung in:

Wolfgang Franzen

Europa ohne Europäer?, page 7 - 10

Die Europäische Union aus Sicht ihrer Bevölkerung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4246-5, ISBN online: 978-3-8288-7160-1, https://doi.org/10.5771/9783828871601-7

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
7 1 Einleitung „United in diversity – in Vielfalt geeint“: So lautet das Motto der Europäischen Union seit dem Millenniumsjahr 2000. Damals umfasste die Gemeinschaft 15 europäische Staaten. Mittlerweile sind es fast doppelt so viele und es scheint, als läge die Betonung heutzutage mehr auf der Vielfalt und den Unterschieden als auf der Einheit und den Gemeinsamkeiten. Die Finanz- und Eurokrise 2008 spaltete die EU in Nord- und Südeuropa und hauchte alten nationalen Stereotypen und Ressentiments neues Leben ein: Plötzlich war wieder von „faulen Südeuropäern“ und „deutschen Nazis“ die Rede. Wenige Jahre später offenbarte sich in der Flüchtlingskrise eine weitere Konfliktlinie, die dieses Mal eher zwischen West- und Osteuropa verlief, als sich die postkommunistischen Staaten weigerten, Flüchtlinge aus dem Nahen Osten aufzunehmen. Die zentrifugalen Kräfte in Europa gipfelten im Brexit-Votum der Briten, das wie ein Schock auf die EU wirkte: Statt von Integration war zunehmend von einem drohenden Zerfall der Gemeinschaft die Rede. Die Krisen erschütterten das Image der EU und vielerorts verzeichneten euroskeptische Parteien beträchtliche Stimmengewinne. Auf der anderen Seite drängte es plötzlich Tausende von Menschen in zahlreichen europäischen Städten auf die Straße, um ihr Bekenntnis zu Europa zu demonstrieren. Die Bürgerinitiative Pulse of Europe betrachtet die kulturelle Vielfalt Europas als Bereicherung; Medien berichten wieder häufiger von der friedens- und wohlstandsstiftenden Rolle der EU, und Politiker stellen neue Initiativen für die Zukunft der EU vor. Wie denken die Europäerinnen und Europäer über die Europäische Union? Stehen sie noch zur EU oder droht ein „Europa ohne Europäer“? Haben die Menschen noch Vertrauen in die Gemeinschaft oder überwiegt mittlerweile das Misstrauen? Wie hat sich das Image der EU über die Jahre und Jahrzehnte hinweg entwickelt? Wie beurteilen die Bürger die europäischen Institutionen wie Parlament und Kommission? Gibt es überzeugte EU-Befürworter, und wenn ja, wer tritt für die EU ein? Wer ist EU-Skeptiker? Welche Rolle spielen nationale Unterschiede in Europa und welche Gemeinsamkeiten gibt es innerhalb der EU? Auf der Grundlage eines Forschungsprojekts der Forschungsstelle für empirische Sozialökonomik e. V. liefert dieses Buch Antworten auf diese und weitere Fragen. Mit Sekundäranalysen im Quer- und Längsschnitt wurden empirische Daten aus zehn Mitgliedstaaten von den 1970er-Jahren bis 2017 untersucht, die die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der EU repräsentieren. Als Untersuchungsinstrument dient in erster Linie das Eurobarometer, das seit 1973 im Auftrag der Europäischen Kommission regelmäßig die Einstellungen der Bürger in den Mitgliedsländern der EU erhebt. Der Querschnitt konzen- 8 triert sich im Allgemeinen auf zehn Länder, die für unterschiedliche Regionen und Kulturen innerhalb der EU stehen: Skandinavien wird vertreten durch Schweden, Mitteleuropa durch Großbritannien, Deutschland und Frankreich, das postsozialistische Osteuropa durch Polen, Tschechien und Rumänien und Südeuropa durch Spanien, Italien und Griechenland. Damit werden mehr als 80 Prozent der Gesamtbevölkerung der EU erfasst. Neben der Querschnittsanalyse ermöglichen die aus dem Eurobarometer errechneten Zeitreihen eine Analyse der Entwicklung im Längsschnitt von den frühen 1970er-Jahren bis Ende 2017. Wenngleich es keine kompletten Zeitreihen über die gesamte Geschichte der Europäischen Union gibt, so bietet das Eurobarometer doch die größte Konstanz und Kontinuität in europäischen Meinungsumfragen. Aus der Vielzahl der Daten haben wir relevante Indikatoren ausgewählt, anhand derer deutliche Tendenzen ersichtlich werden. Begleitend werden Daten aus anderen internationalen Befragungen hinzugezogen, unter anderem aus Studien des Pew Research Center und der Friedrich-Ebert-Stiftung sowie aus dem European Social Survey. Die empirischen Befunde liefern ein vielschichtiges und detailliertes Bild von der öffentlichen Wahrnehmung der Europäischen Union und zeigen, dass diese oft besser ist als angenommen. Die Daten zeigen freilich Unterschiede zwischen den Ländern, die Folge und Ausdruck der europäischen Vielfalt – diversity – sind, aber auch Gemeinsamkeiten in der Europäischen Union, auch wenn diese nicht immer geeint – united – erscheint. Zu Beginn wird noch einmal das Bedrohungsszenario konkretisiert: Das Brexit- Votum der Briten und der Dissens in der Flüchtlingskrise stellen die bislang gefährlichsten Herausforderungen für die EU dar. Zugleich werfen wir einen ersten Blick auf entsprechende Einstellungen in der Bevölkerung (Kapitel 2). Zum Zwecke einer besseren Einordnung der empirischen Ergebnisse wird anschließend in einem kurzen Überblick die historische Entwicklung der EU nachgezeichnet, von der Montanunion (1951) über Erweiterungen und Modifikationen bis zu den großen Krisen, die die Gemeinschaft der 28 Mitgliedstaaten in den letzten zehn Jahren erlebte (Kapitel 3). Der eigentliche empirische Teil beginnt mit dem allgemeinen Bild der Bürger von der EU und zeigt, wie sich das Image der EU und das Vertrauen der Menschen in die Union im Laufe der Jahre entwickelt haben, welche Vorteile die Bürger wahrnehmen und wie sich diese Einschätzungen in den einzelnen Ländern unterscheiden. Im Anschluss daran werden die Einstellungen zu den einzelnen Institutionen der EU untersucht, insbesondere zum Europäischen Parlament und zur EU-Kommission. Bedeutsam für das Image der EU ist des Weiteren, wie zentrale Politikbereiche der EU, die Erweiterungen und das Krisenmanagement der Gemeinschaft bewertet werden. Was verbinden die Bürger mit der EU und welche Erwartungen haben sie an die Gemeinschaft (Kapitel 4)? 9 Das fünfte Kapitel widmet sich den inneren und äußeren Bedrohungen der Europäischen Union, die nicht selten als Bürokratiemonster und Eliteprojekt mit Demokratiedefiziten kritisiert wird. Eine wesentlich größere Herausforderung stellten die Finanz-, die Euro- und die Flüchtlingskrise dar, die innerhalb weniger Jahre über die Gemeinschaft hereinbrachen. Zudem bewegt sich die EU in einem Spannungsfeld, das einerseits durch die Auswirkungen der Globalisierung, andererseits durch zunehmend nationalistische Tendenzen geprägt ist. Die Konstruktion eines EU-Commitment-Index soll dabei helfen, überzeugte EU-Befürworter, EU-Skeptiker und eher unentschlossene Bürger voneinander zu unterscheiden und zu beschreiben. So bekennen sich junge, gut ausgebildete und erfolgreiche Befragte eher zur EU, während ältere Bürger mit geringer Bildung und niedrigem Status der EU skeptisch gegenüberstehen. Der Zeitvergleich offenbart, dass die Bindung der Bürger zur EU in den letzten Jahren nicht ab-, sondern zugenommen hat (Kapitel 6). Abschließend werden aktuelle Initiativen zur Zukunft Europas vorgestellt, die etwa der EU-Kommissionspräsident Juncker oder der französische Staatspräsident Macron präsentiert haben. Mithilfe der Sekundäranalysen lässt sich untersuchen, inwieweit die Vorschläge auf Rückhalt in der europäischen Bevölkerung zählen können (Kapitel 7). Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Europäer die EU noch nicht aufgegeben haben. Das Image der Gemeinschaft hat infolge der Krisen gelitten, und regionale – Nord-Süd-Gefälle in der Finanzkrise oder West-Ost-Dissens in der Flüchtlingskrise – sowie nationale Interessenunterschiede führen immer wieder zu internen Konflikten. Die Bevölkerung scheint das Krisenmanagement der Union zu schätzen, denn nach erfolgreicher Bewältigung von Problemen kommt es immer wieder zur Imageverbesserung und einem Anstieg des Vertrauens in die Europäische Union. Die Studie soll dazu beitragen, sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten in der Europäischen Union in differenzierter Form und im langjährigen Vergleich zu erkennen und damit auch Lösungsansätze für die Probleme der Gegenwart und Zukunft zu finden. Aus den Unterschieden erwachsen Schwierigkeiten, aber auch Chancen für ein gemeinsames Europa, getreu dem Motto: united in diversity. An dieser Stelle sei der Margarete und Johann Ley-Stiftung für die finanzielle Förderung der Studie gedankt. Herzlicher Dank geht auch an Dr. Wilga Föste und Kerstin Thorwarth für wertvolle Hinweise, Anmerkungen und Korrekturen.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Brexit – rund 70 Jahre nach Gründung der Montanunion steht die Europäische Union vor ihrer größten Herausforderung. Statt von vertiefter Integration ist in Politik und Medien zunehmend von Zerfall die Rede.

Doch was denken die Menschen selbst über die Europäische Union? Stehen sie noch zur EU oder droht ein „Europa ohne Europäer“? Wie hat sich das Ansehen der Gemeinschaft über die Jahrzehnte entwickelt? Und wie haben sich die Krisen auf das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die EU und ihre Institutionen ausgewirkt? Welche Rolle spielen Demokratiedefizite und Bürokratie? Gibt es überzeugte EU-Befürworter? Und wer sind die EU-Skeptiker?

Quer- und Längsschnittanalysen mit Daten des Eurobarometers aus zehn ausgewählten Mitgliedstaaten belegen, dass das Ansehen der EU in der Bevölkerung besser ist als erwartet. Vor allem junge, gut ausgebildete Menschen unterstützen die Union. Gleichwohl zeigen sich in den Analysen immer wieder Nord-Süd- oder West-Ost-Gefälle in der EU, die insbesondere aus dem Spannungsfeld zwischen Globalisierung und Nationalisierung entstehen. Aus den Unterschieden resultieren Schwierigkeiten, aber auch Chancen für ein gemeinsames Europa, getreu dem Motto: „united in diversity“.