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6 EU-Befürworter und EU-Skeptiker in:

Wolfgang Franzen

Europa ohne Europäer?, page 135 - 166

Die Europäische Union aus Sicht ihrer Bevölkerung

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4246-5, ISBN online: 978-3-8288-7160-1, https://doi.org/10.5771/9783828871601-135

Tectum, Baden-Baden
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135 6 EU-Befürworter und EU-Skeptiker In den vorangegangenen Kapiteln stand der Ländervergleich ausgewählter EU-Mitgliedstaaten im Vordergrund der Analyse von Einstellungen zur Europäischen Union. Im Folgenden wird untersucht, inwieweit sich mithilfe der Eurobarometerdaten ausgesprochene Befürworter der Union und Skeptiker bzw. Gegner der EU identifizieren, voneinander abgrenzen und näher beschreiben lassen. Dabei kommen vor allem Variablen der Sozialstruktur zum Einsatz, auf die aus Gründen der Lesbarkeit bislang weitgehend verzichtet wurde, weil eine weitere Differenzierung die ohnehin komplexe Quer- und Längsschnittanalyse mit einem Vergleich von zehn europäischen Ländern über mehrere Jahrzehnte hinweg überfrachtet hätte. Eine derartige empirische Analyse von Gruppen ist letzten Endes immer willkürlich und nur ein Versuch, die Realität abzubilden. Die extrahierten Gruppen sind daher eher idealtypisch zu verstehen und mit der gebotenen Vorsicht zu bewerten. Methodische Kautelen sind unvermeidlich und bei der Interpretation der Ergebnisse zu berücksichtigen. Zur Konstruktion der drei Gruppen – Befürworter, Skeptiker und Indifferente – wurde in Rahmen der Sekundäranalyse der Eurobarometerdaten ein neuer Index aus vier Variablen gebildet. 6.1 Der EU-Commitment-Index Der englische Begriff Commitment erfasst besser als jedes deutsche Wort die Gesamtheit der Komponenten, die im Index aus den vier einzelnen Variablen zusammengefasst werden. Er soll in diesem Fall eine Bindung bzw. ein Bekenntnis von Bürgern zur Europäischen Union umschreiben – eine Haltung, die über Akzeptanz und Sympathie hinausgeht. Der Index setzt sich aus vier Indikatoren des Eurobarometers 88.3 vom Herbst 2017 zusammen: Während die Vertrauensvariable (1) dichotom erfasst wird (vertraue eher bzw. vertraue eher nicht), messen die übrigen drei Variablen die Einstellungen zur EU mithilfe von Ordinalskalen mit vier bzw. fünf Ausprägungen. So können die Befragten beispielsweise ihren Eindruck von der EU (2) in abgestufter Weise als sehr positiv, ziemlich positiv, weder positiv noch negativ, ziemlich negativ oder sehr negativ einordnen. Bei den Fragen zur Verbundenheit zur EU (3) und dem Gefühl, EU-Bürger zu sein (4), ist keine Mittelkategorie (z. B. weder noch) vorhanden. Alle Variablen enthalten die Kategorie Weiß nicht/Keine Angabe für Unentschiedene. 136 Mit Hilfe des Index wurden drei verschiedene Kategorien gebildet. Als Befürworter der EU wurden jene Befragte kategorisiert, die der EU vertrauen, ein (sehr bzw. ziemlich) positives Bild von der EU haben, sich der EU als (sehr bzw. ziemlich) verbunden betrachten und sich (voll und ganz bzw. einigermaßen) als EU-Bürger fühlen.6 Für diese Zuordnung mussten also alle vier Voraussetzungen gegeben sein, um eine möglichst hohe innere Konsistenz in den Einstellungen zu gewährleisten. Umgekehrt wurden Befragte, die der EU nicht vertrauen, ein (sehr bzw. ziemlich) negatives Bild von der EU haben, sich der EU als nicht (sehr bzw. als überhaupt nicht) verbunden sehen und sich (eher bzw. überhaupt) nicht als EU-Bürger fühlen, als EU-Skeptiker kategorisiert. Alle übrigen Befragten wurden durch den EU- Commitment-Index als Indifferente eingestuft. Indifferenz ist somit als sehr weit gefasstes Label zu verstehen, da sich darunter nicht nur explizit Indifferente befinden, die sich für eine Mittelkategorie entschieden oder Fragen mit „Weiß nicht“ beantworteten, sondern auch jene Befragten, die nicht auf alle Fragen konsistent positiv oder negativ reagierten.7 Diese harte Form der Operationalisierung scheint angemessen, da der Index nicht einer realitätsgetreuen Quantifizierung von EU-Befürwortern und -Skeptikern dient. Seine Aufgabe ist es nicht, präzise zu ermitteln, wie hoch der Anteil der Bürger ist, die zur EU stehen, oder wie viele die EU ablehnen. Vielmehr soll der Index qualitativ und möglichst trennscharf Befürworter von Skeptikern unterscheiden und eine inhaltlich belastbare Beschreibung der Gruppen ermöglichen. Mit der Anzahl der Variablen, die den Index bilden und den Fokus des EU- Commitments schärfen, sinkt zwangsläufig auch der Anteil derer, die als Befürworter oder Skeptiker identifiziert werden. Insgesamt fühlen sich gut zwei Drittel der Befragten (68%) als EU-Bürger; gut jeder Zweite (56%) fühlt sich der EU verbunden. 40 Prozent haben ein positives Bild von der Europäischen Union und 39 Prozent vertrauen der EU. Der Index ordnet indes nur Befragte den EU-Befürwortern zu, die sich in konsistenter Weise in allen vier Indikatoren positiv zur EU äußern. Er fungiert gewissermaßen als mehrstufiges Ausleseverfahren und bildet Schnittmengen zwischen den vier Variablen. Schrittweise reduziert der Index damit den Anteil der Befürworter von 68 Prozent jener Befragten, die sich als EU-Bürger fühlen, auf 52 Prozent unter denen, die zudem eine Verbundenheit mit der EU empfinden, auf 31 Prozent unter jenen, die zusätzlich ein positives Bild von der EU haben, und schließlich auf 23 Prozent, die zu alledem auch der EU vertrauen (Abb. 6 Eine Konzentration auf die Befragten, die in allen vier Variablen die maximale Bindung zur EU erkennen lassen (sehr positives Bild, sehr verbunden etc.), würde die Fallzahl im Mittel auf 1,5 Prozent reduzieren, was eine sinnvolle Analyse quasi ausschließt. 7 Eine explizite Kategorisierung wie in den beiden anderen Gruppen erscheint aus methodischen Gründen nicht sinnvoll, da die Verwendung von UND-Verknüpfungen im Index zu äußerst geringen Fallzahlen führen und die Mehrheit der Befragten aus der Analyse ausschlie- ßen würde. 137 6.1). Auch der Anteil der Skeptiker geht mit zunehmender Zahl der Selektionsvariablen zurück, von 30 auf 11 Prozent. Der Anteil der Indifferenten hingegen steigt, weil mit jeder zusätzlichen Anforderung an die innere Konsistenz der Antworten weniger Befragte als überzeugte Befürworter oder Skeptiker gelten. Unter den einzelnen Auswahlvariablen korreliert das EU-Image am stärksten (.73) mit dem EU-Commitment-Index, gefolgt vom Vertrauen in die EU (.66), der Verbundenheit mit der EU (.59) und dem Gefühl, EU-Bürger zu sein (.59). Dem EU-Commitment-Index zufolge werden über alle zehn Länder hinweg 22,5 Prozent als EU-Befürworter, 11,0 Prozent als EU-Skeptiker und 66,5 Prozent als Indifferente kategorisiert. Die vergleichsweise geringe Besetzung der Kategorien Befürworter und Skeptiker spricht für eine hohe Trennschärfe, besonders vor dem Hintergrund der Tatsache, dass für die Kategorisierung im Index eine jeweils eindeutige und insgesamt kohärente Stellungnahme in vier Selektionsvariablen vorausgesetzt wird. Im Ländervergleich sind nach dem EU-Commitment-Index vor allem in Deutschland, Polen, Rumänien und Spanien viele Menschen der EU besonders verbunden, während in Griechenland, Großbritannien und Tschechien skeptische Ansichten stärker vertreten sind als positive (Abb. 6.2). Auch wenn diese Ergebnisse aus den oben genannten Gründen nicht als absolute, quantitative Befunde inter- 138 pretiert werden sollten, ermöglichen sie einen relativen Ländervergleich. Dieser ist erwartungsgemäß konsistent mit den bisherigen Erkenntnissen: Schließlich setzten Rumänen, Polen und Deutsche zuletzt vergleichsweise hohes Vertrauen in die EU, deren Image zudem in diesen Ländern deutlich besser ist als in Griechenland oder Tschechien. Die deutliche Mehrheit der Befragten wird indes in allen Ländern der Kategorie der Indifferenten zugeordnet. In den folgenden Unterkapiteln werden Befragte mit hohem Commitment zur EU (EU-Befürworter), mit niedrigem (Skeptiker) und mittlerem Commitment (Indifferente) anhand ihrer Sozialstruktur näher beschrieben und damit soziodemographische Profile der drei Gruppen erstellt. Da sich die Bevölkerung in den zehn Ländern bislang als relativ heterogen hinsichtlich ihrer Ansichten zur EU erwies, können sich in einer länderübergreifenden Analyse des EU-Commitments kontroverse Einstellungen in der Gesamtbetrachtung ausgleichen. Die Analyse ist dennoch wichtig, da die zehn Länder mehr als vier Fünftel der Gesamtbevölkerung der EU und die zentralen politischen, geographischen und ökonomischen Unterschiede in Europa erfassen. Die darüber hinausgehende Analyse auf der Ebene der einzelnen Länder gibt zusätzlich Aufschlüsse über nationale und regionale Unterschiede in der Haltung der Europäer zur EU. 6.2 EU-Befürworter Der EU-Commitment-Index weist in der Gesamtstichprobe vor allem jüngere, höher gebildete und gut situtierte Europäer als Befürworter der Union aus. Während auf der europäischen Ebene eine starke Verbundenheit mit der EU mit Einstellungen aus dem linken politischen Spektrum einhergeht, stellen sich die Zusammen- 139 hänge zwischen politischen Ansichten und der Bindung zur EU auf der Länderebene differenziert dar. Mehr jüngere als ältere Befürworter Im Durchschnitt der zehn Länder lassen sich die Befürworter der EU vor allem in den jüngeren Altersgruppen finden. Mit zunehmendem Alter geht das EU-Commitment nahezu stetig zurück, von 27 Prozent in der jüngsten Altersgruppe (unter 25 Jahre) auf 17 Prozent in der Gruppe der ältesten Befragten (ab 75 Jahre). Somit stehen unter den Jüngeren fast doppelt so viele Bürger der EU positiv gegenüber als unter den Älteren. Besonders deutlich sind die Unterschiede zwischen den Altersklassen in Rumänien und in Griechenland (Abb. 6.3). In Rumänien ist ein deutlicher Trend erkennbar: In der jüngeren Bevölkerung steht fast jeder Dritte zur EU, während ab dem 45. Lebensjahr die Bindung zur EU sukzessive nachlässt, bis hin zu 8 Prozent in der höchsten Altersgruppe. In Griechenland gibt es keinen klaren Trend. Unter den jüngsten Griechen bekennen sich 22 Prozent zur EU, während es in der Altersgruppe ab 75 lediglich 6 Prozent sind. Bereits in der zweitjüngsten Gruppe (25-34 J.) sinkt der Anteil auf 8 Prozent, beträgt aber im Alter zwischen 35 und 44 Jahren 15 Prozent. In Deutschland, Polen, Italien, Griechenland und Rumänien sind die meisten Befürworter der EU unter den jüngsten Befragten unter 25 zu finden: 38 Prozent der Deutschen, 35 Prozent der Polen, 32 Prozent der Rumänen, 28 Prozent der Italiener und 22 Prozent der Griechen in dieser Altersgruppe weisen in ihrem Land die stärkste Bindung zur Europäischen Union auf. 140 In Großbritannien sinkt der Anteil der EU-Befürworter stufenweise mit zunehmendem Alter – ein Ergebnis, was mit den Analysen zum Brexit-Referendum übereinstimmt. Bis zum 44. Lebensjahr spricht sich rund jeder Fünfte für die EU aus. Zwischen 45 und 64 sind es nur noch 15 Prozent und ab dem 65. Lebensjahr stehen nur noch 9 Prozent zur Gemeinschaft. In den meisten Ländern ist das EU-Commitment unter den jüngeren Befragten relativ hoch und sinkt mit zunehmendem Alter. In Spanien ist der Alterseffekt dagegen nur schwach ausgeprägt; lediglich im mittleren Alter ist die Bindung zur EU etwas geringer, aber zwischen jüngeren und älteren Spaniern ist kaum ein Unterschied im Commitment erkennbar. In Schweden, Tschechien und Frankreich sind die Alterseffekte zwar stärker als in Spanien, aber immer noch relativ gering. Im Vergleich mit früheren Analysen zeigt sich, dass der Alterseffekt in den Ländern nicht konstant ist, sondern immer mal wieder kleineren Schwankungen unterliegt. Als eher unbedeutend für das EU-Commitment erweist sich das Geschlecht der Befragten. Im Ländermittel sind Frauen mit 22 Prozent kaum weniger oft unter den EU-Befürwortern vertreten als Männer mit 23 Prozent. Auch in den einzelnen Ländern sind die Geschlechterunterschiede hinsichtlich der EU-Bindung meist gering. Lediglich in Schweden (Männer-Frauen-Verhältnis: 22 zu 18%), Großbritannien (18:14) und Spanien (28:22) stehen Männer häufiger als Frauen entschieden zur EU. Formale Bildung fördert EU-Commitment Die Bildung wird im Eurobarometer über das Alter operationalisiert, in dem die Befragten ihre Schul- bzw. Hochschulausbildung beendet haben. Der Anteil der EU-Befürworter ist im Länderdurchschnitt mit 37 Prozent am höchsten unter Befragten, die sich noch im Studium befinden. Je kürzer die (Aus-)Bildung, umso geringer das EU-Commitment: Befragte, die 20 Jahre alt oder älter waren, als sie ihre Ausbildung beendeten, sind zu 31 Prozent Befürworter der EU; bei einem ‚Bildungsalter‘ von 16 bis 19 Jahren beträgt der Anteil der Befürworter 18 Prozent, bis 15 Jahre liegt er bei 14 und ohne formale Bildung bei 13 Prozent. Schweden, Großbritannien, Deutschland und Griechenland zeigen auf Länderebene dasselbe Muster wie der Länderdurchschnitt (Abb. 6.4): Je höher die formale Bildung, umso stärker das EU-Commitment. In den meisten der zehn Länder lässt sich diese positive Korrelation zwischen Bildung und EU-Commitment erkennen: Je mehr Zeit die Befragten für ihre Bildung aufgewendet haben, umso positiver ist ihre Haltung zur EU. Tschechien weicht etwas von diesem Muster ab, da die Bindung zur EU bei den (noch) Studierenden wieder etwas zurückgeht. Dies trifft auch auf Rumänien zu. 141 Vor allem leitende Angestellte und Freiberufler befürworten die EU Unter den verschiedenen Berufsgruppen zeichnen sich vor allem leitende Angestellte sowie freie Berufe im Ländermittel mit 38 Prozent durch eine überdurchschnittlich positive Einstellung zur Europäischen Union aus, gefolgt von Studierenden mit 37 Prozent. Am niedrigsten ist das EU-Commitment im Agrarsektor und bei Personen im Ruhestand (je 18%), bei Arbeitern (16%) und bei Arbeitslosen (13%). Dieses Muster in den Berufsgruppen lässt sich in den meisten der zehn Länder wiederfinden. In Großbritannien, Deutschland, Italien und Griechenland stehen am stärksten die Studierenden zur EU, in Schweden, Polen, Tschechien sind es mehr die leitenden Angestellten und freien Berufe. In Spanien weisen auch die einfachen und mittleren Angestellten ein hohes EU-Commitment auf. In Griechenland ist die EU-Bindung nur unter den Studierenden ausgesprochen hoch – etwa dreimal so hoch wie unter den übrigen Gruppen. Höchstes Commitment in der upper class Die soziodemographische Variable zur Schichteinschätzung beruht im Eurobarometer auf der Selbsteinstufung der Befragten in vorgegebene Kategorien und unterliegt damit in besonderem Maße subjektiven und länderspezifischen Besonderheiten. Während sich zum Beispiel im Ländermittel 26 Prozent der Befragten der Arbeiterklasse zuordnen, fällt der entsprechende Anteil in Großbritannien mit 46 Prozent deutlich höher aus, weil sich viele Briten traditionell dieser Schicht zugehörig fühlen. Auch in Spanien ist diese Klasse mit 46 Prozent überdurchschnittlich stark und in Italien mit 13 Prozent vergleichsweise schwach besetzt. Zudem sind 142 die Zellenbesetzungen für die Oberschicht in vielen Ländern zu gering für differenzierte empirische Analysen. Auf der Ebene der zehn Länder insgesamt sind diese methodischen Probleme von geringerer Bedeutung. Dort korreliert das EU-Commitment deutlich mit der sozialen Schichteinschätzung: Während in der Arbeiterklasse und in der unteren Mittelschicht lediglich 15 Prozent den Befürwortern der EU zugeordnet werden können, steigt dieser Anteil mit der gesellschaftlichen Stratifizierung kontinuierlich an und erreicht in der mittleren Mittelschicht 27, in der oberen Mittelschicht 41 und in der Oberschicht 49 Prozent – damit liegt er dort mehr als drei mal so hoch wie in den unteren Schichten. Auf Länderebene ist die positive Korrelation von EU-Commitment und Schichteinschätzung in Frankreich besonders deutlich (Abb. 6.5). Während nur 10 Prozent der Befragten, die sich der untersten Schicht zuordnen, ein hohes EU-Commitment aufweisen, steigt dieser Anteil mit zunehmender Schichteinstufung stetig an und erreicht in der Oberschicht einen Umfang von 54 Prozent. Ein ähnlich stetiger Verlauf lässt sich in Schweden erkennen, wo die Befürworter in der Arbeiterschicht lediglich 11, in der Oberschicht 33 Prozent ausmachen. Dass das Commitment in der Oberschicht in Schweden um den Faktor 3 und in Frankreich um den Faktor 5 höher liegt als in der Arbeiterschicht, ist aufgrund der niedrigen Zellenbesetzungen in der Oberschicht mit Vorsicht zu bewerten. Aussagefähig bleibt aber der schichtbedingte Trend zwischen unterster und oberer Mittelschicht, die in den meisten Fällen ausreichend besetzt sind. Somit nimmt das EU- Commitment in Schweden, Deutschland, Polen, Tschechien und Frankreich zu, je höher sich die Befragten in der sozialen Rangordnung einschätzen. In Großbritannien, Spanien und Rumänien sind die Effekte durch die Schichteinschätzung eher gering, wenn man einmal von der mit geringen Fallzahlen be- 143 setzten Oberschicht absieht. Britische und spanische Arbeiter stehen mehr zur EU als die untere Mittelschicht in diesen Ländern. In Italien zeigen Arbeiter und untere Mittelschicht ein etwa gleich hohes EU-Commitment, das sich erst ab der Mittelschicht deutlich steigert. In Griechenland steigt die Bindung zur EU nur bis zur Mittelschicht und geht in der oberen Mittelschicht wieder etwas zurück. Insgesamt betrachtet ist also das EU-Commitment im Allgemeinen bei Befragten, die sich selbst eher gesellschaftlich besser gestellt sehen, höher als bei jenen, die sich unteren Schichten zuordnen. Hoher Lebensstandard fördert EU-Verbundenheit Das Eurobarometer erhebt keine Informationen zum Einkommen der Befragten. Angaben zum Lebensstandard liefert indes eine Frage, die Schwierigkeiten beim Bezahlen von Rechnungen am Monatsende nachgeht. Insgesamt berichten im Ländermittel 8 Prozent von häufigen finanziellen Engpässen; ein Viertel der befragten Europäer meint, es käme gelegentlich zu Schwierigkeiten, und 65 Prozent geben an, (nahezu) nie in Geldnot zu geraten. In dieser letzten Gruppe befinden sich auch die meisten EU-Befürworter. Befragte aus gut situtierten Haushalten haben zu 26 Prozent ein hohes EU-Commitment – fast dreimal so oft wie in der Gruppe derer, die unter konstanten finanziellen Engpässen leiden (9%). In der mittleren Gruppe, die von Zeit zu Zeit Liquiditätsprobleme hat, beträgt der Anteil 17 Prozent. Somit steigt der Anteil des EU- Commitments nahezu stetig mit zunehmend besserer finanzieller Ausstattung des privaten Haushalts. Dieser auf europäischer Ebene eindeutige Befund lässt sich auf viele, aber nicht auf alle Länder übertragen. In Polen sind die Anteile der EU-Befürworter bei häufigen Geldproblemen etwa gleich hoch wie bei guter finanzieller Ausstattung, während das Commitment deutlich niedriger ist bei gelegentlichen Finanzproblemen (Abb. 6.6). Auch in Rumänien ist die Bindung zur EU am niedrigsten bei gelegentlichen Schwierigkeiten mit dem Haushaltsgeld. In Deutschland und Spanien ist der Unterschied zwischen konstanter und gelegentlicher Geldnot relativ gering, aber ein deutlicher Sprung zu gut situierten Haushalten vorhanden. Trotz dieser Brüche sind die Befürworter der EU überwiegend in den finanziell gut ausgestatteten Haushalten am stärksten vertreten. In acht von zehn Ländern (Schweden, Großbritannien, Deutschland, Tschechien, Frankreich, Spanien, Italien und Griechenland) steigt das Commitment zudem mehr oder weniger kontinuierlich mit verbesserter finanzieller Haushaltslage an. Höheres EU-Commitment im urbanen Umfeld In der Länderauswahl liegt der Anteil der EU-Befürworter, die in großen Städten leben, im Mittel bei 26 Prozent, während er bei Befragten aus kleineren Städten 144 lediglich 21 und in ländlicher Umgebung 22 Prozent beträgt. Am stärksten ist die Bindung zur EU also im urbanen Umfeld, während der Unterschied zwischen ruralem und kleinstädtischem Milieu auf EU-Ebene gering ist. Dass sich kein eindeutiger Trend ausmachen lässt, liegt auch an den deutlichen Unterschieden des Wohnorteffekts in den einzelnen Ländern. Ein relativ kontinuierlicher Anstieg von ruraler zu urbaner Umgebung liegt etwa in Schweden vor, von 15 Prozent (ländliches Umfeld) über 21 (kleinstädtisch) auf 23 Prozent (Großstadtmilieu). Auch in Italien steigen die entsprechenden Anteile von 14 über 17 auf 32 Prozent. In den meisten Ländern aber ist keine klare Korrelation erkennbar. In Deutschland ist das EU-Commitment am höchsten im kleinstädtischen Umfeld, allerdings mit 34 Prozent nicht wesentlich höher als im ländlichen (28%) oder großstädtischen (29%) Milieu. In Tschechien und Frankreich sind die Unterschiede noch geringer. In Spanien ist die Bindung zur EU auf dem Land am größten – in Polen, Griechenland und Rumänien dagegen in größeren Städten, wobei die Unterschiede zwischen Land und Kleinstadt dort relativ gering sind. Die Volatilität der Befunde über die Zeit veranschaulicht die Entwicklung in Großbritannien (Abb. 6.7): Im November 2016 – wenige Monate nach dem Brexit- Referendum – war der Anteil an EU-Befürwortern in großen Städten mit 22 Prozent relativ hoch, während er in kleineren Städten (16%) und in ländlichen Regionen (14%) deutlich geringer ausfiel. Ein halbes Jahr später war der Wohnorteffekt – wohl infolge der allgemein gestiegenen Zustimmung zur EU, die der Brexit-Schock bei vielen Briten bewirkt hatte – geschrumpft, auf Werte zwischen 16 und 19 Prozent. Im Herbst 2017 hat sich das Bild erneut geändert: Im urbanen Umfeld be- 145 kannten sich 21 Prozent zur EU, im ländlichen Raum 17 und im kleinstädtischen Milieu nur noch 11 Prozent. Politische Linke zeigt hohe Verbundenheit mit EU Im Ländermittel sind die EU-Befürworter am stärksten vertreten unter Befragten, die sich selbst dem linken politischen Spektrum zuordnen. Rund 28 Prozent beträgt deren Anteil, während er am geringsten unter jenen 16 Prozent ist, die jegliche Auskunft über ihre politische Ausrichtung verweigern. Bürger, die sich der politischen Mitte zugehörig fühlen, werden durch den Index zu 23 Prozent den EU-Befürwortern zugewiesen und Konservative zu 20 Prozent. Auch in dieser Frage treten auf nationaler Ebene deutliche Unterschiede zutage (Abb. 6.8). Entgegen dem länderübergreifenden Muster ist in Schweden, Tschechien, Spanien und Rumänien der Anteil der EU-Befürworter unter den konservativen Bürgern am höchsten – gleichzeitig ist er unter den schwedischen und tsche- 146 chischen Linken am niedrigsten. Spanier und Rumänen, die sich der Linken oder der politischen Mitte zugehörig fühlen, unterscheiden sich in ihrer Haltung zur EU nur wenig, während die spanischen Rechten eine deutlich stärkere Bindung zur Union zeigen. In Griechenland sind offenbar sowohl Linke als auch Rechte von der EU enttäuscht; nur die politische Mitte weist eine etwas höhere Bindung zur EU auf. Ein höheres EU-Commitment haben auch die italienischen Linken, doch die Unterschiede fallen dort eher gering aus, ähnlich wie in Schweden und Griechenland. Der Trend aus dem Ländermittel mit stärkster EU-Verbundenheit bei den Linken und schwächstem Commitment bei den Konservativen zeigt sich in Großbritannien und Frankreich, aber am deutlichsten in Deutschland und Polen: Dort sind die Anteile der EU-Befürworter unter den Linken fast doppelt so hoch wie unter den Rechten. I 6.3 EU-Skeptiker Die Vermutung, EU-Skeptiker seien zwangsläufig ‚Antipoden‘ oder Spiegelbild der EU-Befürworter, ist naheliegend, aber nicht zutreffend. Die Ablehnung der EU weicht, auch aufgrund der hohen Trennschärfe des EU-Commitment-Index und des großen Anteils an Indifferenten, in manchen Fällen von einer simplen Umkehrung des Commitments ab. Dies zeigt sich beispielsweise am Einfluss der Größe des Wohnorts oder der politischen Orientierung, die zumindest kein präzises ‚Negativ‘ der hohen EU-Bindung abbilden. Dennoch erscheinen die Skeptiker in vielen Fällen als Gegenpole der Befürworter: Sie sind eher älter, haben eine niedrige formale Bildung und sehen sich eher den unteren sozialen Schichten zugehörig. Ältere sind skeptischer gegenüber der EU als Jüngere Im Ländermittel steigt die Ablehnung der EU mit dem Alter der Befragten von 6 Prozent (unter 25 Jahre) auf 15 Prozent (75 Jahre und älter), allerdings nicht ohne Brüche. Bei den 25 bis 34-Jährigen liegt der Anteil der Skeptiker bei 11 Prozent, 147 fällt dann auf 8 Prozent (35-44 Jahre) und steigt wieder auf 10 Prozent (45-54 Jahre). Nicht in allen Ländern ist die Korrelation zwischen EU-Skepsis und Alter so deutlich wie in Griechenland (Abb. 6.9), wenngleich in den meisten Fällen die Skepsis in höherem Alter größer ist als in jungen Jahren. In Deutschland beispielsweise spielt das Alter keine nennenswerte Rolle – auch deshalb, weil die Skepsis gegenüber der EU vergleichsweise gering ist. Dies gilt auch für Frankreich, Schweden, Spanien und Rumänien. In Großbritannien, Tschechien und Polen ist die ablehnende Haltung der EU gegenüber ab dem mittleren Alter deutlich stärker ausgeprägt als bei den jüngeren Befragten. Im Ländermittel ist die EU-Skepsis bei den Männern geringfügig größer als bei den Frauen. Etwas deutlicher ist dieser Unterschied in Großbritannien, Polen und Griechenland. Dagegen stehen in Schweden, Spanien und Italien die Frauen der EU etwas häufiger ablehnend gegenüber. Doch auch dort ist der Gendergap letztlich marginal. Hohe EU-Skepsis bei niedriger formaler Bildung Im Länderdurchschnitt ist die Ablehnung der EU mit 17 Prozent am größten unter denjenigen, die bei Beendigung ihrer (Aus-)Bildung 15 Jahre alt oder jünger waren. Der Wert sinkt kontinuierlich mit steigendem Bildungsalter bis auf 5 Prozent unter Studierenden. Befragte ohne formale Bildung sind mit 8 Prozent unter den Skeptikern vertreten. Dieser Zusammenhang lässt sich nicht nur auf europäischer Ebene feststellen, sondern in fast allen Fällen auch auf die Länderebene übertragen. So geht beispielsweise in Großbritannien der Anteil der EU-Skeptiker von 33 Prozent (Bil- 148 dungsalter bis 15 Jahre) stetig auf 3 Prozent (noch studierend) zurück. In Deutschland reicht die Spanne lediglich von 9 bis 3 Prozent – in Polen von 17 bis 1 Prozent. In Großbritannien sind die Unterschiede also besonders groß, aber auch in Griechenland, wo die Werte von 42 Prozent beim niedrigsten Bildungsalter über 34 (16-19 Jahre) und 25 (20 Jahre und älter) bis auf 16 Prozent bei den Studierenden sinken. Nur Frankreich weicht von dem Antwortmuster ab. Dort ist die Ablehnung der EU mit 18 Prozent am größten bei einem Bildungsalter zwischen 16 und 19 Jahren; bei einem geringeren Bildungsalter oder gar keiner formalen Bildung liegt der Anteil bei 11 Prozent, unter den Studierenden bei 12 und mehr als 20 Jahren formaler Bildung bei 8 Prozent. Geringes EU-Commitment unter Nichterwerbstätigen Insgesamt ist der Anteil der EU-Skeptiker nach Erwerbstätigkeit am größten unter den Arbeitslosen mit 15 Prozent. Etwa gleich hoch ist er bei denjenigen, die für den privaten Haushalt zuständig sind oder sich bereits im Ruhestand befinden. Die geringste Skepsis gegenüber der EU findet sich unter den Studierenden (5%). Während in Deutschland, Tschechien, Spanien, Italien und Griechenland die EU-Skepsis unter den Arbeitslosen am größten ist, sind es in Großbritannien und Polen vor allem Befragte im Ruhestand, die die EU am stärksten kritisieren. In Schweden und Rumänien ist dagegen die Ablehnung der EU am höchsten unter einfachen Arbeitern und in Frankreich unter Hausfrauen und -männern. Ablehnung der EU vor allem in den unteren Schichten 16 Prozent der Angehörigen der Arbeiterklasse in den zehn ausgewählten Ländern können als ausgewiesene EU-Skeptiker gelten. Unter den Angehörigen der unteren Mittelschicht sind es 15 Prozent, in den mittleren und höheren Schichten liegen die Anteile bei 8 und 6 Prozent; die Oberschicht ist bei den Skeptikern zu gering besetzt für eine empirische Auswertung. Im empirisch belastbaren Bereich lässt somit das Misstrauen gegenüber der EU im Ländermittel mit steigender sozialer Schicht nach. Auch in den einzelnen Ländern ist die EU-Skepsis vor allem in den unteren Schichten verbreitet (Abb. 6.10). So sind beispielsweise 29 Prozent der Tschechen, die sich der Arbeiterklasse zuordnen, den Skeptikern zuzuordnen, sowie ein gutes Fünftel der unteren Mittelschicht, aber nur ein Zehntel der oberen Mittelschicht. In Deutschland stehen 13 Prozent der Arbeiterklasse der EU ablehnend gegenüber, doch nur jeweils 4 Prozent der Mittel- und der oberen Mittelschicht. In fast allen der zehn Länder ist die EU-Skepsis in der Arbeiterklasse am größten. In Großbritannien dagegen lehnt die untere Mittelschicht die EU am häufigsten ab (24%), während die übrigen Schichten in etwa auf dem gleichen Niveau 149 liegen (17-18%). Auch in Schweden ist die EU-Skepsis in der unteren Mittelschicht etwas größer als in der Arbeiterklasse und damit in beiden Schichten mehr als doppelt so hoch wie in den oberen Schichten. Ein vergleichbares Muster auf höherem Niveau findet sich in Italien – auch dort verläuft der Bruch zwischen unterer Mittelschicht und Mittelschicht, während er sich bei den Griechen eher zwischen Arbeiterklasse und den übrigen Schichten befindet. EU-Skepsis steigt mit finanziellen Haushaltsproblemen Unter Befragten, die nie oder fast nie in finanzielle Schwierigkeiten geraten, zählen lediglich 8 Prozent zu den EU-Skeptikern. Mit zunehmender Geldnot im privaten Haushalt steigt dieser Anteil: Bürger mit gelegentlichen Haushaltsproblemen lassen sich zu 13 Prozent den Skeptikern zuordnen, und bei häufigen finanziellen Engpässen sind es 28 Prozent. Im Ländermittel ist also die Skepsis in prekären Haushalten dreimal so hoch wie in gut situierten privaten Haushalten Diese deutlichen Unterschiede finden sich in Deutschland, Italien, Spanien und Rumänien wieder: Während der Anteil der finanziell besser gestellten Deutschen unter den EU-Skeptikern nur 5 Prozent ausmacht, erreicht er in den Haushalten mit regelmäßigen Geldnöten 37 Prozent und ist damit sogar mehr als siebenmal höher. In Italien macht die Relation lediglich das Fünffache aus, in Spanien das Vierfache und in Rumänien das Dreifache. Obwohl die Ablehnung der EU in fast allen Ländern in privaten Haushalten mit regelmäßigen finanziellen Schwierigkeiten am größten ist, korrelieren die beiden Variablen nicht immer so deutlich wie in den genannten Fällen. In Schweden beispielsweise ist der Unterschied zwischen gelegentlichen Finanzproblemen und gut situierten Haushalten sehr gering – im Vergleich dazu ist die EU-Skepsis in Haushalten mit konstanter Geldnot deutlich höher. Dies gilt auch für Großbritannien 150 und Frankreich. In diesen Ländern entscheidet sich die Ablehnung der EU an der Frage, ob die private Haushaltslage wirklich prekär ist oder ob die Befragten gut oder zumindest einigermaßen über die Runden kommen. In Polen ist die EU-Skepsis am höchsten in der mittleren Kategorie mit zeitweiligen finanziellen Schwierigkeiten mit dem Haushaltsgeld, die in Griechenland den geringsten Anteil an Skeptikern aufweist. Große nationale Unterschiede beim Einfluss der Ortsgröße Länderübergreifend lässt sich nur ein schwacher Trend zwischen der Größe des Wohnorts und der EU-Skepsis erkennen. Wie die EU-Befürworter kommen auch die Skeptiker eher aus Großstädten, doch mit 11,9 Prozent ist der Anteil nur geringfügig größer als in kleinstädtischem Milieu mit 11,4 oder in ländlichem Umfeld mit 9,8 Prozent. Die niedrige Varianz liegt vor allem daran, dass sich länderspezifisch gegenläufige Trends in der Gesamtsicht ausgleichen. So korrelieren etwa in Schweden, Großbritannien und Frankreich Ortsgröße und EU-Skepsis negativ miteinander (Abb. 6.11): Die Skeptiker leben in diesen Ländern vornehmlich in ländlichen Regionen und mit steigender Ortsgröße lässt die EU- Skepsis nach. Während im ruralen Raum 23 Prozent der Briten der EU ablehnend gegenüberstehen, sind es in Großstädten nur 16 Prozent. In Schweden beträgt der Anteil der Skeptiker in ländlichem Umfeld 10 Prozent, in kleinen und mittleren Städten sind es 7 und in Großstädten 5 Prozent. In Italien ist die Korrelation dagegen positiv und die Ablehnung der EU steigt mit der Größe des Wohnorts: Auf dem Land liegt der Anteil der Skeptiker bei 10 Prozent, im kleinstädtischen Milieu bei 14 und in Großstädten bei 18 Prozent. Auch in Deutschland ist die Ablehnung der EU in Großstädten am stärksten – in Kleinstädten aber weniger als im ruralen Umfeld. In Rumänien spielt die Größe des Wohn- 151 orts keine nennenswerte Rolle für die ablehnende Haltung zur EU. In Tschechien, aber auch in Polen und Griechenland zeigen sich vor allem Befragte aus kleinstädtischem Milieu als EU-Skeptiker. In Spanien sind ländliches und kleinstädtisches Umfeld gleichermaßen stärkere Indikatoren für eine ablehnende Haltung gegenüber der EU. Konservative stehen der EU ablehnender gegenüber Im Ländermittel sind die Anhänger der politischen Rechten unter den EU- Skeptikern mit 18 Prozent deutlich überrepräsentiert. Nur etwa halb so hoch sind die Anteile in der politischen Mitte (8%) und unter den Befragten, die sich dem linken Spektrum zurechnen (9%). Unter den Skeptikern lässt sich damit nicht ein derart klarer Trend erkennen wie unter den Befürwortern der EU (S. 145). Doch auch bei den Skeptikern gibt es große nationale Unterschiede. In der Mehrheit der ausgewählten Länder – Schweden, Großbritannien, Deutschland, Polen, Frankreich und Italien – ist die Skepsis gegenüber der EU tatsächlich deutlich stärker unter Konservativen verbreitet als unter Anhängern der politischen Mitte oder der Linken (Abb. 6.12). Die Unterschiede sind teilweise gering, wie in Schweden, teilweise aber auch beträchtlich, wie in Großbritannien: Im Vereinigten Königreich beträgt die Ablehnung der EU im rechten Lager 38 Prozent, 17 Prozent in der Mitte und 12 Prozent unter den Linken. Auch in Deutschland und Polen sind die Skeptiker unter den Konservativen mehr als dreimal so stark vertreten wie unter den Linken. In Schweden sind die Unterschiede dagegen eher gering. Während im Allgemeinen die Ablehnung der EU in der politischen Linken am niedrigsten ausfällt, ist es in Deutschland, Griechenland und Rumänien eher die politische Mitte, die die wenigsten Skeptiker hervorbringt. In Schweden, Deutschland, Frankreich und Italien liegen Anhänger linker Positionen und Vertreter der Mitte hinsichtlich der EU-Skepsis etwa gleichauf. 152 In Tschechien, Spanien, Griechenland und Rumänien sprechen sich mehr die Linken gegen die Europäische Union aus: Unter den Tschechen, die sich dem linken Spektrum zuordnen, stehen 28 Prozent der EU ablehnend gegenüber. Auch in der politischen Mitte fällt der Anteil mit 18 Prozent relativ hoch aus. Die im Vergleich mit den Konservativen höhere EU-Skepsis der spanischen Linken kommt auch in EU-kritischen Positionen der Partei Podemos zum Ausdruck. Griechenland wird zwar von einer linken Partei regiert, aber weite Teile der griechischen Bevölkerung sind sowohl mit der EU als auch mit der eigenen Regierung und deren Zusammenarbeit mit der EU unzufrieden. 6.4 Indifferente Die Kategorie der Indifferenten ist methodisch sehr weit gefasst und beinhaltet Befragte mit sehr heterogenen Einstellungen. Nicht nur jene, die sich explizit einer Meinung enthalten haben, sondern alle, die die vier dem EU-Commitment-Index zugrundeliegenden Variablen nicht konsistent positiv oder negativ beantwortet haben, werden als indifferent kodiert, um Befürworter und Skeptiker präziser bestimmen und besser abgrenzen zu können. Indifferente müssen also der EU nicht zwangsläufig gleichgültig gegenüberstehen – sie sind nur weniger gefestigt in ihren Einstellungen zur Union als überzeugte Befürworter und Skeptiker. Die möglichst trennscharfe Konstruktion des Index stellt indes eine Herausforderung für die inhaltliche Beschreibung der Gruppe dar, da sie eine Vielzahl unterschiedlicher, teils konträrer Ansichten vereint. Gleichwohl dürften Indifferente aufgrund der geringeren Konsistenz ihrer Einstellungen zur Europäischen Union leichter für die ein oder andere Seite zu motivieren sein. Für eine EU-Imagekampagne sind Erkenntnisse über die Unentschlossenen damit von großem Nutzen. 153 Indifferenz gegenüber der EU ist relativ unabhängig vom Alter Während das EU-Commitment bei den Jüngeren eher hoch und bei den Älteren eher niedrig ausfällt, ist die Indifferenz in allen Altersgruppen etwa gleich stark vertreten. Im Ländermittel lässt sich kein Alterseffekt ausmachen. Der Anteil der Indifferenten schwankt zwischen den Gruppen nur um drei Prozentpunkte: Im Alter zwischen 25 und 34, aber auch zwischen 55 und 64 Jahren liegt er bei 65 Prozent, während er ab dem 75. Lebensjahr 68 Prozent erreicht. Auf der Länderebene sind die Unterschiede zwischen den Altersgruppen größer und betragen zwischen 10 und 15 oder in Ausnahmefällen (Rumänien) 20 Prozent. Klare Trends lassen sich im Allgemeinen nicht erkennen und unterschiedliche nationale Befunde gleichen sich auf europäischer Ebene aus, was den schwachen Alterseffekt im Ländermittel erklärt. Am ehesten lässt sich in Rumänien ein Effekt erkennen, mit moderater Indifferenz in den unteren Altersgruppen und zunehmender Unentschlossenheit, je älter die Befragten sind (Abb. 6.13). In einigen Ländern ist die Indifferenz in den mittleren Altersgruppen am geringsten, d. h. im mittleren Alter beziehen vergleichsweise viele Bürger klare Stellung für oder gegen die EU, etwa in Tschechien, Großbritannien, Schweden, Frankreich und Italien, während dort vor allem Jüngere und Ältere eher unsicher in ihrer Haltung sind. Umgekehrt ist es bei Spaniern und Polen, die vor allem im mittleren Alter eine stärkere Indifferenz aufweisen. In Deutschland steigt die Indifferenz tendenziell mit zunehmendem Alter, während sie in Griechenland eher nachlässt. Frauen stehen der EU im Länderdurchschnitt mit 68 Prozent etwas häufiger ambivalent gegenüber als Männer mit 65 Prozent. Während sich in Deutschland und Tschechien so gut wie keine geschlechtsspezifischen Unterschiede ausmachen lassen, sind sie in Großbritannien, Polen, Spanien und Rumänien etwas stärker und in den übrigen Ländern relativ schwach ausgeprägt. 154 Bildung verringert Indifferenz Bildung und Indifferenz korrelieren nicht ausgesprochen stark, aber ein Zusammenhang ist bereits im Ländermittel erkennbar: Der Anteil der Unentschlossenen liegt in der niedrigsten Bildungskategorie bei 69 Prozent und sinkt mit zunehmender Bildung auf 59 Prozent. Diese negative Korrelation zwischen Bildung und Indifferenz lässt sich auch in einigen Ländern gut erkennen, etwa in Deutschland, Frankreich oder Italien. So sind fast drei Viertel der Deutschen (74%) mit dem niedrigsten Bildungsalter (bis 15 Jahre) wenig konsistent in ihren Einstellungen zur EU; im Bildungsalter von 16 bis 19 Jahren sinkt der Wert auf 71 Prozent und bei denjenigen, die zum Ende ihrer Bildung 20 Jahre oder älter waren, liegt der Anteil nur noch bei 50 Prozent. Studierende zeigen sich in Deutschland sogar nur zu 42 Prozent indifferent der EU gegenüber. In Frankreich gehen die Prozentzahlen von 80 auf 59 Prozent zurück, in Italien dagegen nur von 66 auf 62 Prozent. In Großbritannien steigt der Anteil der Indifferenten mit zunehmendem Bildungsalter, von 58 auf 69 Prozent: Je höher die formale Bildung der Briten, desto unsicherer erscheinen sie in ihren Meinungen über die Europäische Union. In den übrigen Ländern sind die Trends oft brüchig, aber folgen im Wesentlichen dem Muster des Ländermittels. Einfache Arbeiter und Arbeitslose sind häufiger indifferent Insgesamt betrachtet stehen in der Länderauswahl vor allem einfache Arbeiter und Arbeitslose der EU eher unentschlossen gegenüber. Dies trifft auch auf die meisten Länder selbst zu. In Deutschland und Frankreich weisen zudem Befragte im Ruhestand einen hohen Anteil an Indifferenten auf, in Tschechien und Griechenland einfache Angestellte und in Spanien und Schweden Hausfrauen und Hausmänner. Je höher die Schicht, desto geringer die Indifferenz Befragte, die sich selbst der Arbeiterschicht zuordnen, werden über den Index im Mittel der Vergleichsländer zu 69 Prozent der indifferenten Gruppe zugeordnet. In der unteren Mittelschicht steigt der Anteil leicht auf 71 Prozent, geht dann aber sukzessive zurück und beträgt in der oberen Mittelschicht nur noch 53 und in der Oberschicht, die bei den Indifferenten stärker besetzt ist, 43 Prozent. Auf Ebene der einzelnen Länder lässt sich dieser Zusammenhang vor allem in Großbritannien wiederfinden. Gut zwei Drittel der britischen Arbeiterklasse (67%) werden als indifferent kategorisiert. In der unteren Mittelschicht sind es mit 68 Prozent etwas mehr, in der Mittelschicht und der oberen Mittelschicht beträgt der Anteil 60 Prozent und in der Oberschicht 50 Prozent. 155 Eindeutig negative Korrelationen liegen in Deutschland und Frankreich vor. So stehen in der deutschen Arbeiterklasse 77 Prozent der EU indifferent gegenüber, in der unteren Mittelschicht 73 Prozent, in der Mittelschicht 61, in der oberen Mittelschicht 47 und in der Oberschicht 38 Prozent. In den meisten Ländern sind die Zusammenhänge weniger stetig. So ist in Polen und Tschechien die Indifferenz in der Mittelschicht am größten, während sie in Spanien, Italien und Rumänien in der unteren Mittelschicht besonders ausgeprägt ist. Stets fällt sie in den unteren Schichten aber höher aus als in den oberen – mit Ausnahme von Griechenland, wo sie in der oberen Mittelschicht am größten ist. Erhöhte Indifferenz bei ungewisser privater Haushaltslage Auf der aggregierten europäischen Ebene ist die tendenzielle Gleichgültigkeit gegenüber der EU mit 70 Prozent am stärksten bei Befragten, die von Zeit zu Zeit finanzielle Haushaltsprobleme beklagen. Gut situierte Haushalte verzeichnen einen Anteil von 65 Prozent, doch am geringsten ist die Quote mit 63 Prozent bei denjenigen mit regelmäßigen Geldnöten. Dieses auf den ersten Blick erstaunliche Ergebnis erklärt sich damit, dass in finanziell gut ausgestatteten privaten Haushalten das EU-Commitment vergleichsweise hoch und in prekären Haushalten entsprechend niedrig ist. Folglich dominiert dort, wo die finanzielle Haushaltslage unsicher ist, auch die Unsicherheit gegenüber der EU. Und so zeigt sich dieser Zusammenhang auch in neun der zehn Vergleichsländer. Nur in Tschechien sinkt die Indifferenz stetig mit der finanziellen Haushaltssicherheit, wenn auch nicht sonderlich stark, sondern lediglich von 71 auf 66 Prozent. In den übrigen Ländern ist die Indifferenz am höchsten bei gelegentlichen Finanzproblemen, z. B. in Deutschland mit 67 Prozent, während sie nur 62 Prozent in gut situierten und 46 Prozent in prekären Haushalten beträgt. Je größer der Wohnort, umso geringer die Indifferenz Im Ländermittel lässt sich bei zunehmender Größe des Wohnorts eine Tendenz zur Verringerung der Unentschlossenheit gegenüber der EU feststellen. Während im ländlichen Umfeld der Anteil der Indifferenten bei 69 Prozent liegt, beträgt er in kleinen und mittleren Städten rund 65 und in Großstädten knapp 63 Prozent. Die Analyse der einzelnen Länder bietet ein sehr heterogenes Bild. In Schweden und Deutschland sind die Unterschiede sehr gering, und die Indifferenz ist im ländlichen Raum etwas höher als in den beiden anderen Milieus. In Polen und Italien ist die negative Korrelation klar erkennbar (Abb. 6.14): Im ländlichen Polen ist die Indifferenz am größten (71%), in Kleinstädten liegt sie bei 69 und in Großstädten bei 60 Prozent. In Tschechien fällt die Indifferenz im kleinstädtischen Milieu geringer aus als auf dem Land oder in der Großstadt. Dies gilt in schwächerem Ausmaß 156 auch für Griechenland. In Frankreich und Spanien dagegen steigt die Indifferenz mit der Größe des Wohnorts, wenn auch nur geringfügig, in Frankreich beispielsweise von 68 über 69 auf 72 Prozent. In Großbritannien und Rumänien wiederum ist die Indifferenz in Kleinstädten am größten (75%) und im ruralen Umfeld (69%) und in Großstädten (64%) geringer. Anhänger der politischen Mitte neigen zur Indifferenz Im Durchschnitt der zehn Länder sind die Indifferenten mit 69 Prozent am stärksten unter den Anhängern der politischen Mitte vertreten, gefolgt von 63 Prozent bei den Linken und 62 Prozent bei den Konservativen. In nahezu allen Ländern ist die Indifferenz in der politischen Mitte am stärksten ausgeprägt (Abb. 6.15). Lediglich in Schweden sind es mehr die Linken und in Po- 157 len die Rechten, deren Einstellungen zur EU sich als vergleichsweise wenig konsistent erweisen. In Schweden, Frankreich und Italien sind die Unterschiede nach der politischen Ausrichtung eher gering – in Großbritannien, Deutschland, Polen, Spanien und Griechenland dagegen deutlicher. 6.5 EU-Commitment im Vergleich Fasst man die Ergebnisse auf der europäischen Ebene der zehn Vergleichsländer zusammen, dann ergibt sich mit Hilfe des EU-Commitment-Index ein recht eindeutiges Bild von EU-Befürwortern und EU-Skeptikern, während Indifferente schwerer einzuschätzen sind (Tab. 6.1). EU-Befürworter sind generell betrachtet vergleichsweise jung, verfügen über eine hohe Bildung, einen höheren beruflichen und gesellschaftlichen Status sowie über einen hohen Lebensstandard. Sie leben eher in der Großstadt und ordnen sich selbst meist dem linken politischen Spektrum zu. EU-Skeptiker sind dagegen eher älter, haben eine geringere formale Bildung und sind oft nicht erwerbstätig. Ihr sozialer Status ist eher gering und sie leben häufiger unter schwierigen finanziellen Bedingungen. Politisch neigen sie zum konservativen Lager. 158 Indifferente sind ebenfalls weniger gut ausgebildet; ihr beruflicher und sozialer Status ist eher gering bei unsicheren sozioökonomischen Bedingungen. Sie leben vorwiegend in ländlicher Umgebung und tendieren politisch zur Mitte. Hinsichtlich ihres Alters sind die Befunde uneindeutig. Grundsätzlich ähneln sie in ihrem Profil eher den Skeptikern als den Befürwortern der EU. Die Analyse des EU-Commitments nach der Sozialstruktur dient der soziodemographischen Beschreibung, vor allem der überzeugten EU-Befürworter und der EU-Skeptiker. Die Sozialstruktur allein kann allerdings nicht befriedigend erklären, warum manche Europäer eine starke Bindung zur EU entwickeln und andere nicht. Die Einstellungen zur EU werden auch durch Wertorientierungen, Persönlichkeitsmerkmale und Variablen beeinflusst, die im Eurobarometer nicht erhoben werden. Folglich können die verfügbaren sozialstrukturellen Variablen nur einen bescheidenen Beitrag zur Erklärung der Gesamtvarianz des Commitments leisten (vgl. S. 161). Gleichwohl zeigen Befunde aus Regressionsanalysen, dass sich im Europa der zehn ausgewählten Länder insbesondere Bildung, Schicht und Lebensstandard signifikant auf das EU-Commitment der Europäer auswirken. Der Einfluss von Beruf und Alter ist ebenfalls erkennbar, aber im Vergleich weniger stark. EU-Commitment im Vergleich zu 2012 gestiegen Einige Variablen zur Konstruktion des EU-Commitment-Index wurden erst in den letzten Jahren in das Eurobarometer aufgenommen. Langjährige Zeitvergleiche sind daher mit dem Index nicht möglich. Der früheste Zeitpunkt, zu dem der Index berechnet werden kann, ist Mai 2012 (Eurobarometer 77.3) – der zeitliche Abstand zur aktuellen Auswertung beträgt also gerade einmal fünfeinhalb Jahre, doch selbst in diesem relativ kurzen Zeitraum hat sich das Commitment deutlich verändert (Abb. 6.16). Der Anteil an EU-Befürwortern ist zwischen 2012 und 2017 im Ländermittel um 8 Prozent gewachsen – dagegen haben sich die Anteile an Indifferenten und Skeptikern um jeweils rund vier Prozent verringert. In fast allen zehn Ländern ist das EU-Commitment gestiegen (Abb. 6.17). Am stärksten war der Zuwachs in Deutschland, wo der Anteil an EU-Befürwortern um 159 15 Prozentpunkte stieg; rückläufig war der Anteil an Skeptikern, aber vor allem an Indifferenten (minus 10 Prozentpunkte). Ähnlich stark war der Anstieg des EU- Commitments in Spanien mit 14 Prozentpunkten. Dort verringerte sich vor allem der Anteil der Skeptiker. In Großbritannien gewannen die Befürworter – nach dem Brexit-Votum – 11 Prozentpunkte hinzu; dies ging vor allem zu Lasten der Skeptiker und weniger der Indifferenten. In Italien und Schweden konnte das EU-Commitment ebenfalls zulegen, um 9 bzw. 7 Prozentpunkte. In Schweden ging vor allem der Anteil der Skeptiker zurück, während in Italien eher die Indifferenz abnahm. Auch in Polen ist das Commitment gestiegen, etwa gleichermaßen auf Kosten der Indifferenten und Skeptiker. In Rumänien sind sowohl die Anteile von EU-Befürwortern als auch von Skeptikern geringfügig gestiegen. 160 In Tschechien ist die Skepsis um 4 Prozentpunkte gesunken; dies hat allerdings nicht zu einem Anstieg des Commitments, sondern der Indifferenz beigetragen. Auch in Frankreich ist die Indifferenz gewachsen, auf Kosten der Befürworter, deren Anteil um den gleichen Betrag schrumpfte. Eine nennenswerte Zunahme der Skepsis gab es nur in Griechenland, wo offenbar ehemals Unentschlossene mittlerweile überwiegend eine ablehnende Haltung zur EU entwickelt haben. Ein differenzierter Zeitvergleich der Daten von 2012, 2016 und 2017 zeigt, dass sich das EU-Commitment der Deutschen und Spanier fortwährend erhöht hat (Abb. 6.18). In Deutschland hat es sich seit 2012 fast (von 16 auf 31%) und in Spanien mehr als verdoppelt (von 11 auf 25%). In vielen Ländern wurde allerdings im Mai 2017 ein Höhepunkt erreicht. Anschließend ging die Verbundenheit mit der EU wieder zurück – eher geringfügig in Schweden, Großbritannien, Italien und Rumänien, aber deutlich in Frankreich. In Frankreich stieg die Unzufriedenheit mit der EU zwischen 2012 und Ende 2016 deutlich an (Rückgang der EU-Befürworter von 21 auf 13%), schwächte sich in der Folgezeit aber wieder ab: Im Mai 2017 zeigte sich jeder vierte Franzose als überzeugter Europäer. In diese Zeit fällt der Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich, bei dem sich in der Stichwahl eine breite politische Front gegen die EU-Gegnerin Marine Le Pen gebildet hatte. Ein halbes Jahr später war der Anteil wieder um 6 Prozentpunkte gefallen – vielleicht, weil die Bedeutung der EU wieder in den Hintergrund gerückt war. In Großbritannien hat sich die Bindung zur EU ab November 2016 verdreifacht – vermutlich in Reaktion auf das Referendum, das viele EU-Anhänger unter den Briten schockiert und aktiviert hat.8 Seither ist das Commitment im Vereinigten Königreich etwa auf diesem relativ hohen Niveau geblieben. 8 Für Mai 2016 lässt sich der Index aufgrund fehlender Konstruktionsvariablen nicht berechnen. 161 Schweden und Italien zeigen ebenfalls beachtliche Zuwachsraten im EU-Commitment. In Polen und Rumänien sind leichte Steigerungen und geringfügige Rückgänge erkennbar. In Tschechien und Griechenland hat sich seit 2012 nur wenig in der Verbundenheit zur EU verändert; in beiden Ländern liegt das Commitment auf niedrigem Niveau. Die Eurobarometerbefragung im Mai 2012 markiert im langjährigen Zeitvergleich einen Tiefpunkt der Entwicklung des Vertrauens in die EU und des EU- Images, mithin zweier dem EU-Commitment-Index zugrundeliegenden Variablen, die infolge der Finanz- und Eurokrise herbe Einbrüche zwischen 2008 und 2012 erlebten (Kap. 4.1.1). Ein Zeitvergleich des Index mit Daten von 2008 oder 2010, der aus technischen Gründen nicht möglich ist, würde daher sicher zu einem anderen Ergebnis kommen. Aber seit 2012 haben sich Vertrauen, Image und Verbundenheit mit der EU in den meisten Ländern verbessert, trotz des erneuten Rückschlags durch die Flüchtlingskrise. Einstellungen sind wichtiger als die Sozialstruktur Neben der Sozialstruktur wird das EU-Commitment u. a. durch soziale und politische Einstellungen bestimmt, wie Regressionsanalysen der Eurobarometerdaten zeigen. Bereits die begrenzte Auswahl an erklärenden Variablen zeigt, dass ihre Erklärungskraft größer ist als die der soziodemographischen Variablen. Die verfügbaren Variablen erklären fast zwei Drittel der Gesamtvarianz des EU- Commitments (R²=,63). Das ist ein sehr zufriedenstellendes Ergebnis, bedeutet aber auch, dass es noch andere Einflussfaktoren gibt, die darüber entscheiden, ob man zum überzeugten Befürworter der EU oder zum EU-Skeptiker wird, oder ob man der Europäischen Union indifferent gegenübersteht. Die Regressionsfunktion ist signifikant (Anova: F=561,83; Sig.=,00). Unter den soziodemographischen Variablen wirken sich vor allem Bildung, Schicht und Lebensstandard auf das EU-Commitment aus (Tab. 6.2). Geschlecht, Alter, Beruf und Größe des Wohnorts haben nur einen geringen Einfluss und sind nicht signifikant. Deutlich stärker als der Einfluss der Sozialstruktur wirken sich indes soziale und politische Einstellungen aus. Am wichtigsten ist die Zufriedenheit mit der Demokratie in der EU (Betakoeffizient von 0,27): Wer die EU für demokratisch hält, weist mit größerer Wahrscheinlichkeit ein stärkeres EU-Commitment auf als Befragte, die unzufrieden mit der Demokratie in der EU sind. Auch die Überzeugung, dass die Interessen des eigenen Landes in der EU ausreichend berücksichtigt werden (0,19), stärkt die Verbundenheit mit der Gemeinschaft. Ebenso sind Bürger, die den Wertekonsens innerhalb der Europäischen Union für groß halten (0,12), eher zu den EU-Befürwortern zu rechnen. Das Commitment steigt des Weiteren 162 mit dem Vertrauen in die Zukunft, einer positiven Einstellung zu Migranten und einer hohen Lebenszufriedenheit. Dagegen sinkt das EU-Commitment, wenn man davon ausgeht, das eigene Land wäre außerhalb der EU besser für die Zukunft gerüstet (negativer Betakoeffizient von -0,17). Auch Befragte, die eher nationale Gemeinsamkeiten betonen, wenden sich signifikant häufiger von der EU ab. Die hohe Bedeutung, die politische Einstellungen für das EU-Commitment haben, lässt sich auch bivariat darstellen. Abb. 6.19 zeigt den Zusammenhang zwischen dem Commitment und der Zufriedenheit mit der Demokratie in der EU. Je zufriedener die Bürger mit den demokratischen Verhältnissen in der Union sind, umso wahrscheinlicher ist ein hohes EU-Commitment: Befragte, die überhaupt nicht zufrieden sind, werden lediglich zu rund 2 Prozent den EU-Befürwortern zugeordnet. Mit steigender Zufriedenheit nimmt der Anteil über 9 und 39 auf 61 Prozent zu, bei jenen, die sehr zufrieden mit der Demokratie in der EU sind. Auf der anderen Seite steigt der Anteil der EU-Skeptiker mit zunehmender Unzufriedenheit mit der Demokratie in der EU. Sehr zufrieden ist unter den Skeptikern niemand; 2 Prozent sind ziemlich zufrieden, 15 Prozent sind nicht sehr und 44 Prozent sind überhaupt nicht zufrieden. Der Anteil der Indifferenten ist am größten unter den Befragten, die nicht sehr zufrieden sind, gefolgt von jenen, die ziemlich zufrieden sind – also erwartungsgemäß in den beiden mittleren Antwortkategorien. Der starke Zusammenhang zwischen der Zufriedenheit mit der Demokratie in der 163 EU und dem EU-Commitment drückt sich in einem sehr hohen Korrelationskoeffizienten (Gamma für ordinale Variablen) von = .76 aus. Hoch ist auch die negative Korrelation ( = -.48) zwischen dem EU-Commitment und der Überzeugung, das eigene Land sei besser für die Zukunft gerüstet, wenn es nicht Mitglied der EU wäre. Unter denjenigen, die dieser Ansicht völlig zustimmen, befinden sich 14 Prozent EU-Befürworter. Je weniger die Befragten zustimmen, umso höher steigt das Commitment, bis auf 39 Prozent unter jenen, die der Aussage überhaupt nicht zustimmen (Abb. 6.20). Gleichzeitig beträgt der Anteil der Skeptiker bei maximaler Zustimmung zur These 36 Prozent und geht zurück auf 3 Prozent bei niedrigster Zustimmung. Bei den Indifferenten sind abermals die gemäßigten Kategorien (stimme eher zu bzw. stimme eher nicht zu) deutlich höher vertreten als die dezidierte Zustimmung oder Ablehnung. 164 6.6 Schlussfolgerungen Welche zentralen Erkenntnisse sind aus den Ergebnissen zum EU-Commitment festzuhalten? Und welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen, etwa für die europäische Politik? 1. Jüngere Europäer haben höheres EU-Commitment als Ältere Die gute Nachricht ist, dass in den zehn Vergleichsländern insgesamt die jungen Europäer eine stärkere Bindung zur Europäischen Union aufweisen als die Älteren. Das dürfte innerhalb der EU Hoffnungen auf die Zukunft wecken: Das überdurchschnittlich hohe EU-Commitment unter den Jungen könnte die Einstellung zur Union auf mittlere und lange Sicht verbessern, wenn die Ergebnisse nicht Ausdruck eines Lebenszykluseffekts sind. 2. EU-Commitment seit 2012 gestiegen Positiv stimmt auch der Zuwachs an EU-Befürwortern in vielen Ländern seit 2012. Nur in wenigen Ländern ist der Anteil der Skeptiker gestiegen. Das spricht dafür, dass die EU nach den Krisen wieder an Bindungskraft gewonnen hat. 3. Starker Anstieg des EU-Commitments in Großbritannien Seit 2012 ist der Anteil der EU-Befürworter unter den Briten um 11 Prozent gestiegen, während die Zahl der britischen EU-Skeptiker rückläufig ist. Das Brexit-Referendum scheint auch für viele Menschen im Vereinigten Königreich als Weckruf gewirkt zu haben – auch wenn er vermutlich zu spät kommt. 4. EU-Commitment abhängig von Wohlstand, Schicht und Bildung Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Auffällig ist der hohe Einfluss der (interdependenten) Variablen Bildung, Schicht und Wohlstand auf die Bindung 165 zur EU. Sozial und wirtschaftlich erfolgreiche Bürger zeigen ein ausgeprägtes Commitment – Befragte aus unsicheren sozioökonomischen Verhältnissen und mit niedrigem Status stehen der EU ablehnend oder ambivalent gegen- über. Damit drängt sich der Eindruck auf, dass die Unterschiede zwischen EU- Befürwortern und EU-Skeptikern die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern widerspiegeln: Auf der einen Seite stehen Wohlhabende und Gebildete, die z. B. von der Arbeits- und Reisefreiheit in der EU profitieren – auf der anderen Seite ärmere Bevölkerungsschichten mit geringer Bildung, die wenig Nutzen erfahren, aber viele Unsicherheiten und Ängste mit der EU verknüpfen. Die EU sollte das Image einer Union der Gewinner und Reichen überwinden, unteren und mittleren Schichten mehr Partizipation ermöglichen und stärker am Wohlstand beteiligen. 5. Indifferente näher an EU-Skeptikern als an Befürwortern Die Gruppe der Indifferenten ähnelt in ihrem Profil auf der Gesamtebene mehr dem der Skeptiker als dem der EU-Befürworter. Dies ist aus Sicht der EU insofern bedenklich, als dass die Wahrscheinlichkeit, dass Indifferente zu Skeptikern werden, aufgrund der soziostrukturellen Kontextvariablen höher ist, als dass sie zu Befürwortern avancieren. 6. Weniger EU-Commitment in ländlichem Umfeld Neben dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gefälle ist ein Stadt-Land- Gefälle erkennbar. In etlichen Staaten zeigt die ländliche Bevölkerung eine geringe Bindung an die EU, vor allem dort, wo sie nicht von Agrarsubventionen profitiert. Aus Sicht der EU wäre zu überlegen, wie man die Landbevölkerung stärker von Sinn und Nutzen der EU überzeugen kann.

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References

Zusammenfassung

Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Brexit – rund 70 Jahre nach Gründung der Montanunion steht die Europäische Union vor ihrer größten Herausforderung. Statt von vertiefter Integration ist in Politik und Medien zunehmend von Zerfall die Rede.

Doch was denken die Menschen selbst über die Europäische Union? Stehen sie noch zur EU oder droht ein „Europa ohne Europäer“? Wie hat sich das Ansehen der Gemeinschaft über die Jahrzehnte entwickelt? Und wie haben sich die Krisen auf das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die EU und ihre Institutionen ausgewirkt? Welche Rolle spielen Demokratiedefizite und Bürokratie? Gibt es überzeugte EU-Befürworter? Und wer sind die EU-Skeptiker?

Quer- und Längsschnittanalysen mit Daten des Eurobarometers aus zehn ausgewählten Mitgliedstaaten belegen, dass das Ansehen der EU in der Bevölkerung besser ist als erwartet. Vor allem junge, gut ausgebildete Menschen unterstützen die Union. Gleichwohl zeigen sich in den Analysen immer wieder Nord-Süd- oder West-Ost-Gefälle in der EU, die insbesondere aus dem Spannungsfeld zwischen Globalisierung und Nationalisierung entstehen. Aus den Unterschieden resultieren Schwierigkeiten, aber auch Chancen für ein gemeinsames Europa, getreu dem Motto: „united in diversity“.