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Einleitung: Drei Meister intellektueller Lyrik in:

Gunter E. Grimm

Moderne Lyriker, page 1 - 4

Benn - Brecht - Enzensberger

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4264-9, ISBN online: 978-3-8288-7158-8, https://doi.org/10.5771/9783828871588-1

Tectum, Baden-Baden
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1 Einleitung: Drei Meister intellektueller Lyrik In der Tradition deutscher Lyrik-Poetologie galt lange Zeit die Ansicht, Gedichte müssten entweder Erlebnisse gestalten oder Empfindungen ausdrücken. Im Sturm und Drang, in der Romantik und im gesamten 19. Jahrhundert wurde diese Auffassung geradezu zur Doktrin erhoben. Ein Paradebeispiel solcher auf Gefühlsausdruck und Stimmungshaftigkeit fokussierten Lyrik bietet Theodor Storm, der von der ‚eigentlichen‘ Lyrik „das echte ‚Tirili‘ der Seele“ erwartete. Erst im Symbolismus kam das handwerkliche Element, das im Barock und in der Aufklärung selbstverständlich war, wieder zu neuer Geltung. Zur unerlässlichen Inspiration gesellte sich das erlernbare sprachlich-rhetorisch-metrische Können, eben die ‚Machart‘. Diese Erweiterung der Schreibarbeit wirkte sich auch auf den Kreis der behandelten Sujets aus. Sie rekrutierten sich nicht mehr ausschließlich aus dem Bereich der Herzensangelegenheiten und Seelenzustände, sondern öffneten sich philosophischen oder kulturgeschichtlichen Themen – und zwar in Form von Reflexionen und Meditationen, in kritischer oder in rühmender Absicht. Diese reflektierende Lyrik griff dabei auf die Tradition des Lehrgedichts zurück, des diskursiv philosophischen Gedichts, des pointierten Epigramms und der breiter angelegten Weltanschauungslyrik, wie sie schon Goethe gepflegt hatte. Der Expressionismus brachte insofern neue Ausdrucksmöglichkeiten, indem er Aufbegehren und Apokalyptik, Rühmen und Weltbejahung als zwei Grundeinstellungen lyrischen Sagens innovatorisch gestaltete. Zu ihm gehörten in ihren Anfängen auch die beiden großen Lyriker der ersten Jahrhunderthälfte: Benn und Brecht. Ihre Gedichte erwuchsen aus dem Protest. Interessanterweise nahmen beide Dichter eine entgegengesetzte Entwicklung. Benn wurde zum Vertreter des modernen l’art pour l’art-Gedichts, des „absoluten Gedichts“, das in sich vollkommen war und keines Publikums bedurfte. Dabei war das von Benn propagierte „absolute Gedicht“ keineswegs voraussetzungslos. Benns kulturkritische Poesie bezog sich auf den naturwissenschaftlichen und den geistesgeschichtlichen Diskurs seiner Zeit und er verarbeitete auch poetische Vorbilder, von denen die Reminiszenzen an Goethe für die eigene Dichtung am wichtigsten waren. Brechts anfänglich anarchistisch geprägter Protest wandelte sich bereits in der Weimarer Republik, wurde politisch-programmatische Kampf- und Lehr-Dichtung, deren dialogischer Charakter sie strikt von der monologischen Kunst eines Benn unterschied. Auch Brecht nahm trotz der Negation bürgerlicher Traditionen ständig Bezug auf sie, insbesondere auf Luthers Bibeldeutsch. Er verwendete sie für seine Didaxe, die moralistische Botschaften der aufklärerischen Fabeltradition aufgriff und auf den sozialistischen Meridian umpolte. Es verwundert angesichts dieser Umprägung bürgerlicher Tradition auch nicht, dass er sich in besonderem Maße der Ballade zuwandte. Zu solchen radikalen Positionen, wie man sie bei Benn und Brecht findet, wurde Enzensberger, der einer jüngeren Generation angehört, nicht gezwungen. Seine Lyrik lässt sich weder zur monologischen noch zur didaktischen Tradition rechnen. Von Anfang an – auch in seinen politischen Gedichten – nimmt er sich vielmehr die Freiheit eines individuellen Standorts. Man hat ihm deshalb Unverbindlichkeit vorgeworfen – zu Unrecht, denn welches Gesetz verpflichtet einen Schriftsteller oder gar einen Lyriker zu ideologischen Festlegungen? Er ist Betrachter und Glossateur, der am Rande steht und seine sehr individualistischen Kommentare abgibt, ähnlich dem Beobachter im „Avercamp“-Gedicht der späten Sammlung „Rebus“. Wenn die poetologischen Positionen beider ‚klassischer‘ Antagonisten – radikaler Solipsismus und linksideologische Didaxe – ihren adäquaten lyrischen Ausdruck im monologischen „absoluten Gedicht“ und in einer appellativen Neuauflage der „Volkspoesie“ fand, so lässt sich Hans Magnus Enzensbergers kritisches Räsonnement als Versuch einer Synthese werten, die sich in der Form einer „diskursiven Meditation“ präsentiert und durch pointierte Prägnanz glänzt. Das gilt auch hinsichtlich der Form, wo er Benns lockeren Parlandostil und Brechts synkopierten Rhythmus weiterführt und zu einer eigengeprägten Verssprache findet. Obwohl dieses Buch nicht als Monographie konzipiert wurde und selbstständige, in den Jahren 2006 bis 2018 entstandene Studien versam- 2 Einleitung: Drei Meister intellektueller Lyrik melt, gibt es doch einen zentrierenden Kern: Die drei Lyriker pflegen eine intellektualistische Lyrik mit Themen aus Kultur, Gesellschaft und Geschichte. Nicht zufällig verkörpern sie den Typus des „poeta doctus“, was zugleich die freizügigen Rückgriffe auf die poetische Tradition erklärt und den intertextuellen Modus moderner Lyrik belegt. 3 Einleitung: Drei Meister intellektueller Lyrik

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Zusammenfassung

Die hier versammelten Studien widmen sich drei wichtigen Vertretern moderner deutscher Lyrik. Sie ist durch die rigide Bipolarität von „radikalem Solipsismus“ (Benn) und „sozialem Engagement“ (Brecht) gekennzeichnet. Beide Positionen finden ihre adäquate lyrische Form im monologischen „absoluten Gedicht“ und in einer appellativen, mit deiktischen Elementen ausgestatteten Neuauflage der „Volkspoesie“. Hans Magnus Enzensbergers kritisches Räsonnement kann als Versuch einer Synthese gewertet werden, die sich in der Form einer „diskursiven Meditation“ präsentiert und durch pointierte Prägnanz glänzt. Nicht zufällig gehören die drei Lyriker zum Typus „poeta doctus“, was die freizügigen Rückgriffe auf die poetische Tradition erklärt und zugleich den intertextuellen Modus moderner Lyrik belegt.