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2. Anatomie und Physiologie der Stimme in:

René Frank

Mehrstimmiges Singen, page 3 - 16

Wege zur Einführung der Mehrstimmigkeit in Kinder- und Jugendchören

2. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4223-6, ISBN online: 978-3-8288-7154-0, https://doi.org/10.5771/9783828871540-3

Tectum, Baden-Baden
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3 2. Anatomie und Physiologie der Stimme Dieses Kapitel kann nur einen begrenzten Überblick über die Physiologie der Stimme geben, da die Singstimme aus einer Vielzahl von anatomisch-physiologischen Einzelkomponenten besteht, deren detaillierte Erläuterungen hier den Rahmen sprengen würden. Zur Erzeugung eines Tones treten drei wichtige Komponenten in Wechselwirkung zueinander: 2.1 Der Stimmapparat 2.1.1 Das Atemsystem Wenn wir Luft durch den Mund oder die Nase einatmen, gelangt sie durch die Luftröhre in die Lunge. Die Lunge, bestehend aus zwei Lungenflügeln, ist der Behälter für die Atemluft. „Verschiedene Muskulaturen können das Volumen des Brustkorbs vergrößern und verringern, völliges Ausatmen ist physiologisch [aber] unmöglich. Etwa ein Drittel der eingeatmeten Luft bleibt immer in den Lungen“ (Mohr, Seite 11). Zu diesen Muskulaturen gehört auch das Zwerchfell, das beim Sin- Abb. 1: Die Zwerchfellatmung (aus: Melchert, S. 32) gen eine wichtige Funktion hat (siehe Kapitel 2.2.2). Das Zwerchfell liegt direkt unter der Lunge und trennt die Lunge vom Bauchraum. „Beim Einatmen spannt sich die Zwerchfellmuskulatur an, verkürzt sich dadurch und senkt die im entspannten Zustand nach oben gewölbte Zwerchfellkuppel. Die Erweiterung des Lungenraumes erfolgt bei dieser Bewegung des Zwerchfells besonders in den unteren Regionen des Brustkorbs. Durch den, wegen der Raumerweiterung in den Lungen entstandene, Unterdruck strömt Luft in die Lungen ein“ (Mohr, Seite 12). Bei der Ausatmung löst sich die Anspannung der Zwerchfellmuskulatur und die Zwerchfellkuppel wird nach oben Richtung Lunge zurückgeführt; dadurch verkleinert sich der Lungenraum und die Luft entweicht durch Luftröhre und Mund oder Nase. Dies war eine sehr einfache Darstellung der Atmung, bei der in der Realität nicht nur das Zwerchfell beteiligt ist. Aber ein guter „Zwerchfelleinsatz“ ist für die Tonqualität beim Singen von großer Bedeutung und das Wissen um die Wirkung des Zwerchfells auf die Atmung ist unerlässlich. 2.1.2 Das Tonerzeugungssystem Die Tonerzeugung selbst findet im Kehlkopf statt. Hier befinden sich zwei Stimmfalten, die in Schwingung versetzt werden. „Der Kehlkopf ist in das Röhrensystem des Atemweges (Luftröhre) so eingeschaltet, dass der Strom der Ausatmung den tonerzeugenden Impuls gibt. Beim Sprechen, Schreien und Singen öffnen und schließen sich die sog. Stimmbänder [Ränder der Stimmfalten, siehe Abb. 2] in Schwingungen. Die Höhe des Tones hängt von Länge, Dicke und Spannung der Stimmbänder ab“ (Großkurth, Seite 223).Abb.2: Der Kehlkopf von oben gesehen mit Stimmfalten (aus: Husler, S. 34) 4 Anatomie und Physiologie der Stimme Die Stimmbänder sind Teil der oben genannten Stimmfalten – zwei kräftige Muskelsysteme, die vom Rand des Kehlkopfes her wulstig in die Mitte ragen. Die Muskelpaare selbst werden Stimmlippen genannt. Die Stimmfalten sind zur Mitte hin zu einer sehnigen Kante ausgeformt, den Stimmbändern, die die Stimmritze umschließen. Durch die Stimmritze wiederum strömt die Luft, welche die Stimmbänder in Schwingung versetzt. Durch die Schwingungen öffnet und schließt sich die Stimmritze und „es entstehen periodische Luftverdichtungen und -verdünnungen im Kehlraum, die sich im gesamten Atemsystem fortsetzen (Longitudinalwellen)“ (Mohr, Seite 18). Ein geschulter Sänger kann die Masse der zur Schwingung verwendeten Stimmfalten variieren. Hierdurch ändert sich Klangfarbe und Lautstärke des Tones. Diese Variation wird als „Register“ bezeichnet. Andreas Mohr unterscheidet 5 verschiedene Stimmregister: a) Brustregister: entsteht, wenn die gesamte Masse der Stimmfalten in Schwingung versetzt wird. b) Kopfregister: entsteht, wenn die Stimmfaltenmuskulatur beim Tonerzeugungsvorgang kaum gespannt ist und fast nur die Ränder der Stimmfalten schwingen. Sie liegen lose aneinander und werden durch den leicht ausströmenden Atem in Schwingung versetzt. c) Mittelregister: entsteht, wenn die Stimmfaltenmuskulatur anteilig angespannt ist und daher nur Teile der Muskulatur in Schwingung versetzt werden. d) Falsettregister: nur in der Männerstimme. Ähnlich wie im Kopfregister schwingen nur die Ränder der Stimmlippen, welche dar- über hinaus sehr dünn sind. Das Register schließt an die normale Männerstimme nach oben hin an. e) Pfeifregister: nur bei Kinder- und Frauenstimmen. Die Stimmfalten sind stark gedehnt und führen nur sehr geringe Schwingungsbewegungen aus. Dabei schließen sie nicht ganz, so dass es in dem entstehenden Spalt zu Luftwirbelungen kommt. 5 Der Stimmapparat 2.1.3 Das Tonverstärkungssystem Die Schwingungen, die an den Stimmfalten erzeugt wurden, setzen sich in Form von Longitudinalwellen durch die gesamte Luft im Atemsystem fort. Wird ein Raum, den die Luft durchströmt, in Eigenschwingung versetzt, entsteht Resonanz3. „Resonanzfähig sind sämtliche Hohlräume im Körper, die mit Luft gefüllt und an die Atmung angeschlossen sind:“ (Mohr, Seite 20) • Brustraum (Lunge, Luftröhre) • Rachenraum • Nasenraum • Kehlkopf • Schlundraum • Mundraum • Nasennebenhöhlen (u. a. Stirnhöhlen, Keilbeinhöhlen, Kieferhöhlen) Der Mundraum unterscheidet sich hierbei durch seine mögliche Verformbarkeit von den anderen Resonanzräumen. Die Größe und Gestalt des Mundraums lässt sich vielfältig verändern und dadurch seine Schwingungsfähigkeit beeinflussen. Für den Sänger ist das ein wichtiges Instrument um z. B. verschiedene Buchstaben zu artikulieren (vgl. Ehmann, Seite 24). 2.2 Stimmbildung Wichtig für das Singen sind eine richtige Haltung der Sänger, die Beherrschung der Atemtechnik und eine „saubere“ Tonerzeugung durch das Zusammenspiel aller dieser Faktoren. 3 Musikalische Fachausdrücke werden im Glossar ab Seite 97 erläutert. 6 Anatomie und Physiologie der Stimme 2.2.1 Haltung Eine aufrechte, lockere Haltung trägt zur Ausnutzung aller Resonanzräume und zum unverkrampften Singen (denn für den Gesang arbeiten viele Muskeln zusammen) ebenso wie zur Nutzung des gesamten Luftvolumens im Körper bei. Für das Erzielen einer guten Haltung gibt es vielerlei spielerische Übungen. Robert Göstl empfiehlt: „Man sollte am meisten auf guten Bodenkontakt (Knie nicht durchstrecken [und Füße parallel, leicht auseinanderstehend]), einen durch das Aufrichten möglichst „leichten“ Oberkörper, und eine Kopfhaltung mit dem Hinterkopf als höchsten Punkt hinarbeiten“ (Göstl, Seite 26). Dabei können sich die Sänger z. B. als Marionette sehen, die zuerst reglos in ihren Schnüren hängt und dann von einem imaginären Spieler aufgerichtet wird. Achtung: Der Faden ist bei der Marionette am Hinterkopf befestigt (vgl. Göstl, Seite 26). Da „die Musik ihrem Wesen nach ein schwebendes Körpergefühl erfordert, dient dazu besonders die Übung „Glocken-Läuten“: sich mit geschlossenen Augen vorstellen, am eigenen Kopf aufgehängt zu sein“ (Ehmann, Seite 15). Letztendlich zielen diese Übungen darauf ab, sich frei und entspannt zu fühlen um wie selbstverständlich die Luft in sich einströmen zu lassen, die für das Singen notwendig ist. Hinweis: Werden Lieder im Sitzen eingeübt, ist auf die gleiche „aufrechte“ Haltung des Oberkörpers zu achten. Die Beine stehen fest auf dem Boden und knicken im 90-Grad-Winkel ab. 2.2.2 Atmung „Die wichtigsten Ziele für Atemübungen sind: weite, staunende Öffnung des Ansatzrohres, möglichst bewusst gewordene Tiefatmung, lockeres Abspannen und sparsame Luftabgabe“ (Göstl, Seite 28). Beim Einatmen sollen sich die Lungenflügel weiten und das Zwerchfell nach „unten gehen“. Dadurch wird die Luft tief in den Körper eingeatmet (Tiefatmung) und bildet eine gute Basis für das Singen. Außerdem drückt sie hierbei nicht auf die Luftröhre, die dadurch eng wird, und auf den Kehlkopf, was bei der „flachen“ Atmung in die Brust der Fall ist. 7 Stimmbildung (Dies kann man bei Sängern einfach überprüfen: Wenn sich die Schultern heben, ist die Atmung falsch!) Durch das Anspannen des Zwerchfells wird der darunter liegende Bauchraum verdrängt. Die Organe müssen sich an anderen Stellen Platz schaffen. Dies geschieht indem sich die Bauchwand nach vorne – also nach außen – bewegt und somit ein „dicker“ Bauch entsteht. Interessanterweise ist bei den meisten Sängern anfänglich der umgekehrte Vorgang zu beobachten: Beim Einatmen „geht“ der Bauch nach innen. Anatomisch völlig unnormal! Laut Gerd-Peter Münden (Seite 66) gelten für das Einatmen und für Atemübungen zwei Grundregeln: 1. Alle Atemübungen immer aus der Ruhe beginnen 2. Die Luft bei geöffnetem Mund durch die Nase staunend einfallen lassen Eine gute Möglichkeit, um den Atemimpuls vom Zwerchfell aus zu initiieren, ist die Übung „Dampfeisenbahn“: Mit den Lauten „tsch“, „f “ und „s“ wird das Geräusch der Eisenbahn imitiert. Die Eisenbahn nimmt langsam Fahrt auf und wird immer schneller, dann wird der Zug wieder langsam abgebremst. Die oben genannten Laute aktivieren das Zwerchfell und jeder Sänger kann die Bewegung der Bauchdecke bei sich selbst nachvollziehen. Auch eine Imitation des „Weihnachtsmann-Lachens“ mit „Ho ho hooo“ kann das Zwerchfell aktivieren. Viele Atemübungen lassen sich mit den Haltungsübungen kombinieren oder sind meist ohne die entsprechenden körperlichen Bewegungen gar nicht möglich. Aus der geschickten Kombination von guter Haltung und richtiger Atmung wird ein klarer, fester Ton entstehen. 2.2.3 Tonerzeugung Einen Ton zu erzeugen stellt normalerweise für niemanden ein Problem dar, sei es nur z. B. einen Tierlaut zu imitieren, eine Sirene nachzumachen oder laut zu gähnen. Um aber einen gezielten Ton hervorzubringen und den gleichen Ton mehrere Male hintereinander singen zu können, erfordert es einen gewis- 8 Anatomie und Physiologie der Stimme sen „Stimmsitz“, gekoppelt mit einer Vokal- oder Konsonantenbildung. „Mit Stimmsitz ist das direkte Ansteuern der richtigen Resonanzräume gemeint“ (Münden, Seite 69) und die Vokalbildung erleben die Sänger am besten durch eigenes, angeleitetes Ausprobieren. „Die Arbeit an den Vokalen sollte damit beginnen, dass die Sänger an sich selbst erfahren, wie der Vokal in ihrem Mund gebildet wird und welche Körperregionen dadurch zum Schwingen gebracht werden. (…) Helle (e, i) und dunkle (o, u) Vokale haben das neutrale a zum Ausgangspunkt. Bei ihm sollte der Mund weit geöffnet sein und die Zunge breit und entspannt an den [unteren] Schneidezähnen liegen. In Richtung o und u schließen sich die Lippen (Kussmund) immer mehr, der weite Innenraum des a bleibt erhalten. In Richtung e und i verändern sich die Lippen kaum, die Zunge stellt sich hinten langsam auf.“ (Münden, Seite 70). „Durch den Lippenring werden die Vokale enger oder weiter, jedenfalls aber rund geformt. Dadurch wird unter Beibehaltung der charakteristischen Klanggestalt jedes Vokals eine Verschmelzung des gesamten Vokalklangs erreicht der (…) Resonanzräume aufs glücklichste ergänzt“ (P. Nitsche). Bei der Konsonantenbildung werden drei Gruppen unterschieden: a) Vollklinger: l, m, n, ng b) Halbklinger: r, w, j c) Konsonanten: b, p, s, sch, f, v, z, d, t, ch, g, k Die Tonerzeugung stellt bei Kindern und Jugendlichen – insbesondere Jungen – während des Stimmbruchs („Mutation“) große Schwierigkeiten dar: Bei Jungen tritt die Mutation während des 12.– 14. Lebensjahres ein, bei Mädchen etwas früher. In der Mutationsphase wächst der Kehlkopf und die Stimmfalten nehmen an Länge und Masse zu. Hör bare Zei- Abb. 3: Mundformen der Vokale (aus: http://lavileo. files.wordpress.com) 9 Stimmbildung chen: Leichte Ermüdbarkeit der Stimme; die Stimme klingt belegt, mitunter heiser und hat die Neigung zum Zutiefsingen (vgl. Göstl, Seite 42). 2.3 Stimm- und Sprechübungen Häufige Stimm- und Sprechübungen fördern den Klang der Chorsängerstimme. Deshalb ist es wichtig, zu Beginn jeder Chorprobe nach den Lockerungs- und Atemübungen mit Einsingübungen fortzufahren. Literatur hierfür gibt es sehr viel. Ich verweise z. B. auf • Ehmann/Haasemann: Handbuch der chorischen Stimmbildung • Wolfram Seidner: ABC des Singens • Gerd Guglhör: Stimmtraining im Chor • Klaus Heizmann: 200 Einsing-Übungen: für Chöre und Solisten • Adolf Rüdiger: Stimmbildung im Schulchor4 Beginnen kann man mit Sprechübungen, die den Mundraum lockern oder gute Artikulation5 erfordern und fördern, wie etwa die ständige Wiederholung der Buchstabenfolge P, T, K. Da diese Buchstaben alle Konsonanten sind, werden sie tonlos gesprochen und nach und nach die Geschwindigkeit gesteigert. Auch eignen sich sogenannte „Zungenbrecher“ als Sprechübung, wie: „Ein Kaplan klebt klebrige Pappplakate“, „Fischers Fritze fischte frische Fische. Frische Fische fischte Fischers Fritze“ oder „Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid.“ Diese Übungen machen den Kindern und Jugendlichen nach meiner Erfahrung sehr viel Spaß; es kann sogar ein richtiger Wettbewerb entstehen, wer die Sprüche am schnellsten ohne Fehler aufsagen kann. Nach den Sprechübungen folgen Einsingübungen in den Tonlagen, die dem Alter der Kinder und Jugendlichen gerecht werden. Andreas Mohr (Seite 28) erläutert den Umfang der Stimmen in verschiedenen Entwicklungsstadien der Kinder: 4 Alle Literaturangaben hierfür auf Seite 103. 5 Musikalische Fachausdrücke werden im Glossar ab Seite 97 erläutert. 10 Anatomie und Physiologie der Stimme • Kindergartenkind: f1 – e² • Grundschulkind: c1 – f² • Schulkind: a – a² Um den Tonumfang bei Schulkindern von a – a² auch wirklich problemlos zu erreichen, sind langes Training und verschiedene Übungen erforderlich6. 2.4 Weitere Determinanten mehrstimmigen Singens Neben den hier beschriebenen physiologischen Determinanten des Singens und ihren Förderungsmöglichkeiten wird der Erfolg des Projektes entscheidend auch von psychologischen und soziokulturellen Determinanten geprägt und eingegrenzt. a) Entwicklung genereller Singbereitschaft 1. Singen ist eingebettet in den Spracherwerb und somit in die Enkulturationsphase des Kleinkindes. Stimmkraft und Treffsicherheit werden bereits im frühen Kindesalter durch das Elternhaus geprägt. (Singen der Mutter in den ersten Lebensmonaten, Unterstützung der Lallgesänge des Säuglings, Singen während der oralen und analen Phase; vgl. Klausmeier, Seite 45 ff). 2. Auch der Verlauf der Adoleszenz, in der die Stimmmutation, die Loslösung von den Eltern und die Orientierung in neuen Subkulturen stattfindet, hat nach Klausmeier seine Auswirkung auf Singverhalten und Singbereitschaft. Gerade in der Gruppe sind in dieser Zeit die Singhemmungen abhängig vom Grup penzugehörigkeitsgefühl. Demnach könnte sich die Gruppen homogenität auf Stimmklang und Treffsicherheit auswirken. 6 Eine Auswahl an Stimmübungen ist auf den Seiten 72 bis 74 zu finden. 11 Weitere Determinanten mehrstimmigen Singens b) Entwicklung von musikalischer Hörfähigkeit. Musikpsychologische Tests zeigen: • Die Entwicklung der rhythmischen Wahrnehmung ist bis zum Eintritt in die Sekundarstufe7 längst abgeschlossen. Insbesondere hinsichtlich rhythmischer Fähigkeiten (Tempo halten, Einsätze finden, rhythmische Reproduktionsgenauigkeit) sind dann auch unter erheblichem Aufwand nur geringfügige Verbesserungen zu erwarten (vgl. Abel-Struth, Groeben, Seite 74). • Das melodische Reproduktionsvermögen wächst dagegen nach R.G. Petzold und A. Bentley vom 6. bis 11. Lebensjahr noch kontinuierlich (vgl. Abel-Struth, Groeben, Seite 86). • Das selektive Hören von Harmonien entwickelt sich noch etwas später. Hier sind nach Aussagen A. Bentleys gerade im Alter ab 11 Jahren Fortschritte zu erwarten (vgl. Abel-Struth, Groeben, Seite 100). 2.5 Geschichtliche Aspekte des mehrstimmigen Singens Mehrstimmigkeit definiert sich als „jede Art von Musik, in der, wenn auch nur zeitweise, zwei oder mehrere Töne zur gleichen Zeit erklingen“ (Duden, Seite 212). Speziell ist mit Mehrstimmigkeit – in dem Sinne wie sie heute verstanden wird – die in mehreren selbstständigen Stimmen geführte und als aufgeschriebene Komposition tradierte europäische Kunstmusik gemeint. „Eindeutig fassbar ist Mehrstimmigkeit erstmals in der frühen Organum-Lehre des 9. Jahrhunderts“ (ebd., Seite 212). Als Organum wird ein lateinisches (religiöses) Musikstück bezeichnet, zu dessen „Cantus firmus“ (Hauptstimme) eine zweite Stimme erfunden wurde. Das Organum trat als Quintorganum (zweite Stimme verläuft stets im gleichen Abstand zur ersten; Quintabstand) oder als Quartorganum auf. (Melodie beginnt im Einklang, läuft während des Organums auseinander und führt am Ende wieder in den Einklang zurück; vgl. Duden, Seite 270). 7 Bezeichnung für die Schulklassen 5 bis 10. Beim Eintritt in die Sekundarstufe sind die Kinder ca. 10 Jahre alt. 12 Anatomie und Physiologie der Stimme Abb. 4: Quartorganum. Aus: Lloyd, Seite 408 Bis um 1200 bleibt das Organum das zentrale Feld der Entwicklung der Mehrstimmigkeit und wird um diese Zeit von der Nôtre-Dame-Schule (bezeichnet verschiedene Komponisten, die in der Kirche Nôtre- Dame in Paris tätig waren, wie Léonin und Pérotin) abgelöst. Hier wurde die meist zweistimmige Musik zur Vierstimmigkeit erweitert. Formen der mittelalterlichen Mehrstimmigkeit sind der „Conductus“, der „Discantus“ und die „Motette“ (wichtigste Gattung mehrstimmiger Vokalmusik seit dem 13. Jahrhundert; vgl. Duden, Seite 224). 2.5.1 Homophonie Die Mehrstimmigkeit lässt sich in Homophonie und Polyphonie unterscheiden. Homophonie bezeichnet dabei einen mehrstimmigen (Chor-) Satz, „bei dem alle Stimmen einer melodieführenden Hauptstimme untergeordnet sind und rhythmisch gleich oder fast gleich gebildet sind. (…) Im homophonen Satz werden meist Hymnen und Choräle harmonisiert; man findet ihn aber auch in der barocken Tanzmusik, in den langsamen Sätzen der Klassik und in verschiedenen musikalischen Formen des 19. und 20. Jahrhunderts“ (Lloyd, Seite 240). Abb. 5: Homophoner Chorsatz. Aus: Ars Musica, Seite 208 13 Geschichtliche Aspekte des mehrstimmigen Singens In der modernen Popularmusik bewegen sich zweite und dritte Stimmen häufig homophon, manchmal auch mit Toneinwürfen (sog. „Addlips“) zu der Melodiestimme (siehe Kap. 5.2.6 und 5.2.8). 2.5.2 Polyphonie „Polyphon nennt man diejenige Art des mehrstimmigen Satzes, in der nicht, wie im homophonen Satz eine Stimme die alleinige melodische und rhythmische Führung hat, sondern in der alle Stimmen melodisch und rhythmisch selbstständig geführt werden. (…) Absoluter Höhepunkt der Polyphonie ist die barocke ‚Fuge‘ als (…) höchste satztechnische Meisterschaft. Der größte Meister des polyphonen Stils und der Fuge war Johann Sebastian Bach“ (Lloyd, Seite 441). Neben der Fuge ist besonders der „Kanon“ eine Form der Polyphonie, die im Kinder- und Jugendchor gut angewendet werden kann: Der Kanon gilt als die strengste Form der Polyphonie und entsteht dadurch, dass alle Stimmen nacheinander (also versetzt) die gleiche Melodie singen oder spielen, während die vorherigen Stimmen unbeirrt weitersingen. Beliebt sind besonders die Singkanons im Einklang und in der Oktav („Rundgesang“). Im Bereich der Volkslieder wie auch in den neueren Kirchenliedern gibt es viele Beispiele für Kanons8: • Der Hahn ist tot • Es tönen die Lieder • Hejo, spann den Wagen an • Lachend kommt der Sommer • Bruder Jakob • Vom Aufgang der Sonne • Jeder Teil dieser Erde • Danket, danket dem Herrn • Lobet und preiset ihr Völker den Herrn Aber auch in der Popularmusik sind polyphone Songs zu finden (siehe Kap. 5.2.5 und 5.2.7). 8 Einige Beispiele für 2- bis 4-stimmige Kanons stehen mit Noten auf Seite 75. 14 Anatomie und Physiologie der Stimme Abb. 6: Polyphoner Chorsatz. Aus: Ars Musica, Seite 202 15 Geschichtliche Aspekte des mehrstimmigen Singens

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Zusammenfassung

René Frank richtet sich mit seinem Buch an alle Chorleiter und Musiklehrer, die ihren Chor in die Mehrstimmigkeit führen möchten.

Anhand einer achtteiligen praxiserprobten Projekteinheit beschreibt der Autor den Weg von der Einstimmigkeit über die Zweistimmigkeit zur Dreistimmigkeit und veranschaulicht ihn mithilfe vieler Übungen und über 20 Liedbeispielen aus der neueren Popularmusik. Das Buch enthält zudem Stimmübungen und praxisorientiertes Arbeitsmaterial, mit dem die Sängerinnen und Sänger bereits nach acht Chorproben dreistimmig singen können.

Die Zielgruppen der Projekteinheit sind aufgrund des an der Popmusik orientierten Notenmaterials nicht nur Kinder- und Jugendchöre, sondern auch Gospel- und Popchöre mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen.