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3. Didaktische und methodische Vorüberlegungen zu einem Projekt „Einführung von Mehrstimmigkeit“ in:

René Frank

Mehrstimmiges Singen, page 17 - 22

Wege zur Einführung der Mehrstimmigkeit in Kinder- und Jugendchören

2. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4223-6, ISBN online: 978-3-8288-7154-0, https://doi.org/10.5771/9783828871540-17

Tectum, Baden-Baden
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17 3. Didaktische und methodische Vorüberlegungen zu einem Projekt „Einführung von Mehrstimmigkeit“ 3.1 Gliederung der wesentlichen Intentionen Die zentrale Frage bei Planungsbeginn der Projekteinheit ist: Wie bringe ich den Sängern in welchen Lernschritten und durch welche Methoden das mehrstimmige Singen bei? Es müssen Ideen entwickelt werden, um vom vorhandenen Leistungsstand der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausgehend, auf spielerische und stimmbildnerische Art die Gesangsfähigkeiten der Sänger schrittweise zu erweitern, damit am Schluss der Projekteinheit das zwei- bis dreistimmige Singen bekannter und neuer Lieder stehen kann. Demnach muss das Projekt „Einführung von Mehrstimmigkeit in Kinder- und Jugendchören“ einen klaren, überschaubaren Aufbau vorweisen. Dabei gilt das Prinzip „Vom Einfachen zum Schweren“: 1. Ein einstimmiger Gesang soll mit einem einfachen „Orgelpunkt“ (liegender, durchgehender Ton) gesanglich begleitet werden. Danach erfolgt eine Begleitung mit zwei Tönen im Quintabstand (Bordun). 2. Die Förderung der Treffsicherheit und das konzentrierte Singen wird durch die Begleitung mit einer eigenständigen Melodie (Kanon, Quodlibet oder Ostinato) verbessert (Einfaches polyphones Singen). 3. Eine Hauptstimme (Melodiestimme) wird mit einer parallel verlaufenden zweiten Stimme (Unterstimme im Terzabstand) zum zweistimmigen homophonen Gesang erweitert. In der ersten Auflage des vorliegenden Buches endete mit Punkt 3 die Einführung des mehrstimmigen Singens, da es sich primär auf die Zweistimmigkeit beschränkte. In der Erweiterung des Buches soll nun ein Stück weiter gegangen und der Chor durch folgende zwei Punkte zur homo- und polyphonen Dreistimmigkeit geführt werden: 4. Drei unabhängig voneinander erlernte Melodien werden innerhalb eines Liedes zusammengeführt, sodass ein dreistimmiger polyphoner Chorgesang entsteht. 5. Durch das Hinzufügen eines Grundtones zu einem zweistimmigen Gesang entsteht eine einfache dreistimmige Homophonie. (Hinweis: Das mehrstimmige homophone Singen verlangt einen sichereren Ton und ein noch genaueres Hören auf die jeweils andere Stimme, als es bei polyphonen Gesängen der Fall ist, deshalb sollte es in der Projekteinheit erst am Schluss stehen.) Dieses einfache Raster muss nun mit Inhalten gefüllt und in einen sinnvollen Zeitplan integriert werden: Ich selbst beginne jede Chorprobe mit Aufwärm- und Einsingübungen, woran ich gut mit meinem Projekt anknüpfen konnte, ohne dass die Schüler/Sänger sich an neue Arbeitsformen gewöhnen mussten: Die Einsingübungen wurden einfach um die entsprechenden Übungen für das mehrstimmige Singen erweitert. Nicht jeder Chorleiter wird mit seinen Sängern Aufwärmübungen praktizieren, aber ich gehe davon aus, dass zumindest Einsingübungen – in welcher Form auch immer – am Anfang einer Chorprobe stehen. Der Ablauf einer Chorprobe gliedert sich demnach schematisiert in vier Phasen: 1. (Aufwärmübungen) 2. Einsingübungen 3. Einschub der Projektarbeit (vgl. Kapitel 5) 4. Singen von bekannten Songs oder Einüben neuer Lieder 18 Didaktische und methodische Vorüberlegungen zu einem Projekt „Einführung von Mehrstimmigkeit“ Die Projektarbeit lässt sich flüssig in den Probenablauf integrieren und sollte 45 Minuten (pro 90 Minuten Chorprobe) nicht übersteigen, damit genügend Zeit zum Liedersingen – dem Wesen eines Chores – bleibt. 3.2 Sekundäre Lernziele für die Sänger Nicht nur das mehrstimmige Singen kann als Ergebnis am Ende des Projektes stehen, sondern auch einige sekundäre Lernziele, die sich bei der intensiven Arbeit mit den Sängern und deren Stimme „nebenbei“ ergeben. Der Lehrer oder Chorleiter sollte auf folgende Punkte bei allen Chorproben während des Projektes achten: 1. Die Sänger sollen ihren Stimmklang und Stimmsitz durch gezielte Übungen verbessern. Dafür ist ein geschultes Ohr des Chorleiters nötig, um fehlerhafte Entwicklungen bei einzelnen Sängern individuell zu bereinigen. Wenn eine Fehlerbereinigung im Plenum nicht möglich ist, sollten den Sängern spezielle Tipps oder Einzelproben angeboten werden. 2. Die Sänger sollen lernen, aufeinander zu hören und ihre Stimme dem Gesamtklang unterzuordnen. Kein Sänger darf aus dem Chor besonders herauszuhören sein. Laut starke Schüler müssen lernen, ihre Stimme dem Gesamtklang anzu passen. Deshalb sollte der Chorleiter gezielt auf gesanglich laute Sän ger achten und mit ihnen das Leisesingen üben und sie animieren, bewusst auf den linken oder rechten Nachbarn zu achten, um ihn beim Singen zu hören. 3. Die Sänger sollen durch das Singen und die chorischen Aktivitäten ihre sozialen Fertigkeiten verbessern. Wie in Kapitel 2.4 erwähnt, schafft eine gute Chorgemeinschaft einen durchaus besseren Klang. Gerade Jugendliche haben oft Hemmun gen, vor anderen Menschen zu singen und lassen aus der Angst her aus ihren Mund lieber zu oder singen ganz leise. Wenn sie sich inner halb des Chores aber akzeptiert und aufgehoben fühlen und ihr Selbstbewusstsein durch Lob statt durch Tadel gestärkt wird, kann 19 Sekundäre Lernziele für die Sänger ein lauterer, homogenerer Chorklang erreicht werden. Chorische Aktivitäten außerhalb der Proben oder ein paar Kreisspiele vor der eigentlichen Probe – wie ich es bei Kinderchören gerne praktiziere – lockern die Atmosphäre innerhalb der Chorgemeinschaft. 4. Die Sänger sollen im spielerischen Umgang musikalische Begriffe und Noten erlernen. Ich halte es für wichtig, dass jeder Sänger (ab dem Grundschulalter) das gesungene Lied in Notenform vor sich hat, nicht nur, um den Text abzulesen, sondern auch, um sich schrittweise mit den Noten vertraut zu machen. In den Übungen am Anfang der Chorprobe oder im Projekt kann auf Notenwerte, Tonhöhen, Pausen und Pause zeichen eingegangen werden. Später können diese dann im Noten text eines Liedes nochmals in der Praxis gezeigt werden. So müssen sich die Sänger nicht zuhause mit Musiktheorie auseinandersetzen, sondern erlernen Noten und musikalische Begriffe im spielerischen Umgang. 3.3 Methodische Überlegungen zu dem Projekt Die Projekteinheit sollte, wie bereits in Kapitel 3.1 erwähnt, in den bisherigen Ablauf einer Chorprobe integriert werden, indem die Aufwärm-, und Einsingübungen gekürzt oder hinsichtlich der Projekteinheit modifiziert werden. Ich erläutere nun im Folgenden, wie ich mir den ersten Teil (Aufwärm-/ Einsingübungen und Projekteinheit) einer methodisch durchdachten Chorprobe vorstelle und wie ich sie auch selbst während der Durchführung dieses Projektes mit einem Schulchor praktiziert habe: Wie bei Aufwärmübungen üblich, stehe ich als Übungsleiter frontal zu den Sängern und zeige die verschiedenen Übungen erst einmal selbst, bevor sie von den Kindern und Jugendlichen imitiert werden. Hierbei achte ich auf eine gute Körperhaltung und auf richtige Atmung sowohl von mir als auch seitens der Sänger. Die Sänger stehen bei diesen Übungen weit auseinander, damit sie sich bei den Übungen (wie z. B. „Windmühle“ (Kreisen der Arme) oder „Hampelmann“) nicht gegenseitig stören. 20 Didaktische und methodische Vorüberlegungen zu einem Projekt „Einführung von Mehrstimmigkeit“ Nach diesen Übungen stellen sie sich in der Reihenfolge auf, wie sie später beim Singen sitzen. Mein Vorschlag: Jüngere hohe Stimmen (Sopran) sitzen vorne links, ältere hohe Stimmen hinten links. Tiefere Mädchen-/Frauenstimmen (Alt) sitzen vorne rechts und Jungen/Männer hinten rechts. Nun folgen Sprach- und Stimmübungen, die ebenfalls von mir vorgesprochen oder vorgesungen werden. Bei bekannten Singübungen gebe ich jedoch nur den Anfangston an, den Rest der Übungen führen die Sänger selbstständig aus. Im weiteren Verlauf nehme ich das Klavier zu Hilfe, um zu überprüfen, in welchem Tonraum sich der Chor derzeit befindet. Darüber hinaus dient der Klavierklang als Stütze zur Tonerzeugung; die Sänger müssen jedoch so flexibel bleiben, dass sie einen Ton nicht nur vom Klavier aufnehmen können, sondern auch von dem Chorleiter oder einem Mitsänger. Nach dieser Einstiegsphase in die Chorstunde schließt sich das entsprechende Thema des Projektes an (vgl. Kapitel 5). Die nun jeweils folgenden Übungen zur Entwicklung des mehrstimmigen Singens werden teils im Stehen, teils im Sitzen durch (Tafel-)Anschriften einzelner Übungstexte, Notenblätter mit Liedbeispielen, Bewegungselementen (z. B. ein Schritt nach vorne bedeutet einen Ton höher singen) oder Schließen der Augen, um sich auf den Klang zu konzentrieren, ausgeführt. Für bestimmte Übungen oder Lieder werden auch Hilfsmittel wie das Klavier oder von den Sängern selbst gespielte Xylophone (zur Absicherung des Zwei- oder Dreiklangs) benutzt. Die Übungen und Lieder werden manchmal in verschiedenen Gruppen getrennt ausgeführt, um frühzeitig die Teilung des Chores in zwei oder gar drei Stimmen zu verdeutlichen. Ältere Sopranstimmen Jungenstimmen Jüngere Sopranstimmen Altstimmen Chorleiter 21 Methodische Überlegungen zu dem Projekt Zur Kontrolle der Ergebnisse und des Chorklanges lasse ich bei einigen Übungen ein Aufnahmegerät mitlaufen, das die Ergebnisse sowohl für mich als auch für die Sänger dokumentiert. Nach dem Übungsblock folgt eine Entspannungsphase mit körperlicher Bewegung, Gähnen, Strecken, etc. In der verbleibenden Zeit von etwa 30 Minuten je 1 ½-stündiger Chorprobe (Einsingübungen: ca. 15 Min. und Projekt: ca. 45 Min. = ca. 60 Min.) erarbeite ich neue Songs mit dem Chor oder wiederhole und verbessere bereits einstudierte Lieder.9 3.4 Präsentation der erarbeiteten Ergebnisse Singen und auch Musizieren ist meist dann am Schönsten, wenn die lange und intensiv im kleinen Kreis (Chor, Band, Gesangsgruppe) geübten Stücke und Lieder auch einem Auditorium präsentiert werden können. Generell stellt die Aussicht auf eine solche Aufführung vor Publikum eine große Motivation für das Erlernen von neuen Inhalten und Fähigkeiten im Chorgesang dar. Besonders Kinder und Jugendliche möchten sich mit ihrem Können gerne Eltern oder Freunden präsentieren, ohne sich dabei zu blamieren! Deshalb wird eine noch größere Ernsthaftigkeit und Genauigkeit beim mehrstimmigen Singen erlangt, wenn das Ziel eine finale gemeinsame Aufführung nach Abschluss der Projekteinheit – oder zumindest mit Teilen daraus – ist. 9 Weitere methodische Abläufe zu den jeweiligen Projekteinheiten sind Kapitel 5 zu entnehmen. 22 Didaktische und methodische Vorüberlegungen zu einem Projekt „Einführung von Mehrstimmigkeit“

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Zusammenfassung

René Frank richtet sich mit seinem Buch an alle Chorleiter und Musiklehrer, die ihren Chor in die Mehrstimmigkeit führen möchten.

Anhand einer achtteiligen praxiserprobten Projekteinheit beschreibt der Autor den Weg von der Einstimmigkeit über die Zweistimmigkeit zur Dreistimmigkeit und veranschaulicht ihn mithilfe vieler Übungen und über 20 Liedbeispielen aus der neueren Popularmusik. Das Buch enthält zudem Stimmübungen und praxisorientiertes Arbeitsmaterial, mit dem die Sängerinnen und Sänger bereits nach acht Chorproben dreistimmig singen können.

Die Zielgruppen der Projekteinheit sind aufgrund des an der Popmusik orientierten Notenmaterials nicht nur Kinder- und Jugendchöre, sondern auch Gospel- und Popchöre mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen.