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4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 in:

Thorsten Harbeke

Tourismus zwischen den Meeren, page 75 - 164

Strukturwandel im schleswig-holsteinischen Fremdenverkehr zwischen 1950 und 1980

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4204-5, ISBN online: 978-3-8288-7152-6, https://doi.org/10.5771/9783828871526-75

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 40

Tectum, Baden-Baden
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Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 „Die große Zeit der kleinen Zimmervermieter auf Sylt ist vorbei. Das einheimische Fremdenverkehrsgewerbe hat lange genug Pionierdienste geleistet. Nun ist es aus mit ihm, wie vorher mit den Webern, den Zigarrenmachern, Schuhmachern und Tante-Emma-Läden. Das Gewerbe arbeitet nicht so rationell und rentabel wie das Kapital und sein Management. Der Fremdenverkehr kommt in seine industrielle Phase. Sylt wird zum Ruhrgebiet der weißen Industrie.“160 Mit diesen Sätzen beginnt ein Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1971, der den tiefgreifenden Wandel des Fremdenverkehrs auf der Nordseeinsel Sylt zum Thema hat. Der hier gezogene Vergleich zwischen produzierender Industrie und dem eigentlich in den Bereich der Dienstleistungen gehörenden Fremdenverkehr ist nur auf den ersten Blick schief. Tatsächlich sind die in dem Text beschriebenen Wandlungsprozesse mit dem Prozess der Industrialisierung vergleichbar: Normierung, Massenproduktion und Kapitalkonzentration sind die Kennzeichen.161 Die Frage nach der Materialität der Güter ist hierbei zunächst zweitrangig. Der Artikel suggeriert außerdem einen Bedeutungsverlust der privaten Zimmervermietung in Schleswig-Holstein, die ja, wie das Kapitel über den Strukturwandel zwischen 1950 und 1965 gezeigt hat, die wichtigste Säule des Beherbergungswesens in dem Bundesland darstellte. Es wird noch zu klären sein, ob der beschriebene Abschwung dieses Zweigs tatsächlich so bedeutend war, wie die Quelle nahelegt; für Sylt war er aber schlicht falsch. Auch in den kommenden Jahren wuchs die Zahl der privat vermieteten Betten beispielsweise in dem 4 160 Funke, Hermann: Das Ruhrgebiet der weißen Industrie. In: Der Spiegel vom 23.08.1971. Nr. 35 (1971), S. 98-103, hier S. 98. 161 In seiner Definition des industriellen Charakters des Fremdenverkehrs spricht Enzensberger von „Normung, Montage und Serienfertigung“. Diese Begriffe, die sich allein auf den Vergleich mit industriellen Produktionsbedingungen beziehen, halte ich für nicht ausreichend zur Beschreibung des Industrialisierungsprozesses. Die genannte Definition findet sich in Enzensberger, Hans Magnus: Eine Theorie des Tourismus, S. 196. 75 Fremdenverkehrshauptort Westerland stärker als die Zahl der gewerblich vermieteten Betten.162 In diesem Kapitel werden die in der Mitte der 60er Jahre beginnenden Veränderungen im schleswig-holsteinischen Fremdenverkehr analog zur Darstellung über die Jahre 1950 bis 1965 zunächst auf Basis der statistischen Daten beschrieben.163 Die schleswig-holsteinischen Ferienzentren als augenfälligster Ausdruck dieses Wandlungsprozesses, ihre Entstehungsgeschichte und ihre Etablierung sowie die damit verbundenen Probleme werden im Hauptteil in Form einer dichten Beschreibung der Entstehung des Ferienzentrums Burgtiefe im Vergleich mit zwei anderen Großprojekten in Schleswig-Holstein, dem Ferienzentrum Damp und dem nicht gebauten „Atlantis“-Projekt auf Sylt, eingehend analysiert und dargestellt. Daran anschließend wird die oben aufgeworfene These zu den Merkmalen dieser ‚Industrialisierung’ im Fremdenverkehr diskutiert.164 Warum eine so ausführliche Untersuchung von Ferienzentren? Die zum Ende der 60er Jahre in Schleswig-Holstein gebauten Ferienzentren sind das prägnanteste Beispiel für den allgemeinen Strukturwandel im Fremdenverkehr, der m. E. tatsächlich mit der Etablierung dieser Angebotsform „in seine industrielle Phase“ eintritt.165 Die Darstellung der wirtschaftlichen Struktur der 50er und 60er Jahre hat die wesentlichen Strukturelemente des schleswig-holsteinischen Fremdenverkehrs in diesem Zeitraum aufgezeigt: ein hoher Anteil von nicht-gewerblicher Privatvermietung und ein Investitionsrückstand bei den gewerblichen Vermieter_innen von Fremdenverkehrsbetten. Gleichzeitig war ein stetiger Anstieg der Fremdenübernachtungen festzustellen, der 162 Und auch in den 80er Jahren war der Anteil der kleinen Privatvermieter unter den Anbietern von Beherbergungswohnraum hoch. Vgl. Holler, Lotte: Zur Entwicklung des Fremdenverkehrs, S. 189ff. 163 Zu den Problemen der Fremdenverkehrsstatistik siehe einführend Kapitel 3.1. 164 Teile der Ergebnisse dieser Analyse, insbesondere die Schilderung des Architekturwettbewerbs und der Baugeschichte von Burgtiefe, habe ich bereits veröffentlicht in Harbeke, Thorsten: Touristische Infrastrukturpolitik in Schleswig-Holstein. Strukturwandel und Diskussionen am Beispiel des Ferienzentrums Burgtiefe auf Fehmarn. In: Grüner, Stefan/Mecking, Sabine (Hg.): Wirtschaftsräume und Lebenschancen. Wahrnehmung und Steuerung von sozialökonomischem Wandel in Deutschland 1945-2000. Berlin, Boston 2017, S. 225-249. Der Text wurde für dieses Kapitel grundlegend umgearbeitet und ergänzt. 165 S.o., FN 160. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 76 jedoch im Zuge der sich parallel herausbildenden Wohlstandsgesellschaft und der damit einhergehenden Vergrößerung des Konsumangebots an seine Grenzen stieß. Die Erhaltung der (internationalen) Konkurrenzfähigkeit war ein schon in den 60er Jahren zu beobachtendes Argument politscher und wirtschaftlicher Funktionsträger_innen, um Strukturreformen durchzusetzen.166 Im strukturschwachen Schleswig- Holstein galt dies hinsichtlich des Fremdenverkehrs in besonderem Maße, denn dieser sollte aus Sicht der Landespolitik perspektivisch einen bedeutenden Wirtschaftszweig darstellen.167 Die Ferienzentren sind zwar nicht alleiniger, aber sichtbarster Ausdruck des ab dem Ende der 60er Jahre beginnenden und nur wenige Jahre anhaltenden Baubooms an Schleswig-Holsteins Küsten, bei dem gewaltige Geldsummen investiert wurden. 1971 wurde der Planung neuer Großprojekte durch die Landesregierung nämlich die Förderungsfähigkeit abgesprochen, was zusammen mit der zweiten Änderung des Landesraumordnungsplans des Jahres 1973 diesem Boom ein Ende setzte.168 Eine intensive Beschäftigung mit der Baugeschichte der Ferienzentren ermöglicht es somit zu klären, wie dieser tiefgreifende Strukturwandel tatsächlich ablief. Es können damit Fragen nach den Akteuren, Entscheidungs- und Impulsgebern solcher Großprojekte geklärt werden. Au- ßerdem kann hiermit quellenbasiert erklärt werden, warum der mit den Ferienzentren verbundene Prozess der Industrialisierung des Fremdenverkehrs schon nach wenigen Jahren an seine Grenzen stieß 166 Siehe bspw. im Fall Burgtiefe die Begründung für die Beantragung von Mitteln aus dem „Gemeinsamen Strukturanpassungsprogramm 1968/69“ im Rahmen der Zonenrandförderung in LAS, Abt. 691, Nr. 35816: Verlängerung der Saison; Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und der Wirtschaftskraft des aufstrebenden Ostseebades Burg auf Fehmarn. 167 So wird die Entwicklung zu einer Fremdenverkehrsgemeinde schon zu Beginn der 60er Jahre von Seiten der Landesregierung als eines von drei möglichen Entwicklungsperspektiven zur Kompensation des allgemeinen wirtschaftlichen Strukturwandels insbesondere in ländlichen Räumen angemahnt. Die beiden anderen Entwicklungsperspektiven sind hierbei die Ansiedlung von Industriebetrieben oder Bundeswehrstandorten. Vgl. Keil, Georg: Leitlinien für ein Raumordnungsprogramm des Landes Schleswig-Holstein. In: Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein (Hg.): Landesplanung in Schleswig-Holstein. Heft 1. Referate der konstituierenden Sitzung des Landesplanungsrates am 30. November 1961 in Kiel. Kiel 1961, S. 14-24, hier S. 20. 168 Vgl. Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 70-75, S. 79f.; zu der politischen Begleitung siehe auch Kapitel 5.4.2. dieser Arbeit. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 77 und es zu erheblichen Strukturanpassungsleistungen sowohl der Betreibergesellschaften als auch der Politik kam. Die Entstehungsgeschichte der Ferienzentren ist als Zusammenspiel unterschiedlicher Akteure mit unterschiedlichen Interessenlagen zu begreifen. Ihnen ist jedoch gemeinsam, dass sie alle nur bedingt über fachliche Kenntnisse des Fremdenverkehrs verfügten. Dennoch haben sie durch ihre Aktivitäten den schleswig-holsteinischen Fremdenverkehr auf lange Sicht geprägt.169 Die statistische Entwicklung des Fremdenverkehrs zwischen 1965 und 1980 Die Übernachtungszahlen in Schleswig-Holstein in den Sommerhalbjahren zwischen 1965 und 1980 zeigen zwei bedeutende Entwicklungen.170 Zunächst ist zu konstatieren, dass in dieser Zeit die Werte von 11,4 Millionen im Sommer 1965 auf 19,6 Millionen im Sommer 1980 anstiegen. Weiterhin wird aber auch deutlich, dass die Zeiten des ungebremsten Wachstums der schleswig-holsteinischen Fremdenverkehrswirtschaft wohl zu Ende waren. Der Höhepunkt war im Sommerhalbjahr 1976 mit 21,7 Millionen Übernachtungen erreicht, der folgende Rückgang war ein gravierender. Im Gegensatz zu dem leichten Rückgang der Übernachtungen im Jahr 1972, der sich durch das schlechte Wetter im Sommer jenes Jahres erklären lässt, war der Einbruch nach 1976 von Dauer. Trotz Umstellung der Fremdenverkehrsstatistik zu Beginn der 80er Jahre kann gesagt werden, dass dieser Wert für lange Zeit nicht mehr erreicht werden konnte. Die bis dahin langanhaltende und beeindruckende Steigerung in Schleswig-Holstein beruht auf dem stetigen und ab dem Ende der 60er Jahre auch sprunghaften Ausbau der Beherbergungskapazitäten. 4.1 169 Kellermann, Britta/Brandt, Lutz: Urlaub auf Fehmarn, S. 5. 170 Alle statistischen Angaben in diesem Kapitel, sofern nicht anders angegeben, basieren auf eigenen Berechnungen der Daten aus den Statistischen Jahrbüchern Schleswig-Holstein, Jg. 1950-1982. Wo zusätzliches Material hinzugezogen wurde, ist dies gesondert vermerkt. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 78 Übernachtungen in Schleswig-Holstein im Sommerhalbjahr 1965-1980 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Die Trendumkehr im Schleswig-Holstein-Tourismus im Jahr 1976 ist erklärungsbedürftig. Eine abschließende Antwort auf die Frage, warum sich das Wachstum der Vorjahre genau in dem Moment, als viele der Großprojekte im Fremdenverkehr fertiggestellt waren und dem Markt zur Verfügung standen, nicht fortsetzte, ist wohl nicht zu leisten. Es gibt allerdings ein Bündel von Gründen, die für die Verringerung der Übernachtungszahlen in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre herangezogen werden können. Zunächst, und recht banal, ist die Erklärung der Rückgänge durch das Wetter. Der Sommer des Jahres 1976 wird in der Literatur als Jahrhundertsommer bezeichnet, während diejenigen der Jahre 1977 bis 1980 deutlich kälter waren.171 Dies dürfte sich in der Tat in den Übernachtungszahlen niedergeschlagen haben. Das Wetter kann aber nicht als alleinige Ursache herangezogen werden. Vergleicht man die Werte der Nord- und Ostseebäder, so zeigt sich, dass für die sinkende Zahl der Gäste vor allem die Ostseebäder Diagramm 6: 171 Vgl. Homp, Cathrin: Schleswig-Holstein-Tourismus am Scheideweg, S. 100. 4.1 Die statistische Entwicklung des Fremdenverkehrs zwischen 1965 und 1980 79 gesorgt hatten.172 In den Badeorten an der Nordsee setzte sich die Entwicklung der vorangegangenen Jahre mit nur sehr leichten Schwankungen fort. Ende der 60er Jahre stiegen die Übernachtungszahlen auch dort wieder deutlicher an.173 Im Jahr 1980 verzeichneten die Nordseebäder erstmals seit 1954 wieder einen leichten Vorsprung bei den Übernachtungen gegenüber den Ostseeferienorten. Summe der Übernachtungen in Nord- und Ostseebädern 1965-1980 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Vergleicht man die Übernachtungszahlen von einigen Orten mit Ferienzentren, dann zeigt sich, dass eine eindeutige Erklärung für den Rückgang schwierig ist und die Strukturveränderungen in dieser Region berücksichtigt werden müssen, die in diesem Kapitel der Untersu- Diagramm 7: 172 Vgl. ebd. 173 Vgl. Christensen, Karl-Wilhelm: Der Fremdenverkehr an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste mit den Planungsschwerpunkten Nordstrand, Westerhever und Eiderstedt. In: Deutscher Rat für Landespflege (Hg.): Landespflege an der Nordseeküste. Bonn 1970. 54-55, hier S. 54. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 80 chungsgegenstand sind. Zunächst sollen aber weitere statistische Entwicklungen skizziert werden. Wintersaison, längerer Urlaub und Privatvermietung Auch in den Winterhalbjahren stiegen die Übernachtungszahlen in den Jahren zwischen 1965 und 1980 deutlich an und zwar von knapp 1,5 Millionen im Jahr 1965 auf über 3 Millionen im Winter 1980. Übernachtungen in Schleswig-Holstein im Winterhalbjahr 1965-1980 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Zwar gab es einen Einbruch im Winter 1978/79, doch schon im Folgejahr wurden wieder ähnliche Werte erreicht wie im Spitzenjahr 1977/78. Die Verdoppelung der Übernachtungen in einem Zeitraum von 15 Jahren spiegelt die Ausweitung der Urlaubssaison und die Differenzierung des touristischen Angebots wider. Zwar waren Ferien in Schleswig-Holstein im Winter eher Kurzurlaube, der Trend ging aber zu einer längeren Aufenthaltsdauer. Diese stieg zwischen 1965 4.1.1 Diagramm 8: 4.1 Die statistische Entwicklung des Fremdenverkehrs zwischen 1965 und 1980 81 und 1980 von durchschnittlich 3,2 auf 4,3 Tage. Das mag auf den ersten Blick nicht viel erscheinen, doch im Winterhalbjahr dürften die in diesen Zahlen immer enthaltenen Geschäftsreisen den Wert nach unten gedrückt haben. Etwas differenzierter muss eine Betrachtung der Aufenthaltsdauer in den Sommermonaten ausfallen, denn die Werte schwankten hier stark. Waren Urlaube in Schleswig-Holstein im Jahr 1965 im Schnitt 7,8 Tage lang stieg dieser Wert bis zum Jahr 1973 auf fast 9,5 Tage an, um in den Folgejahren nach Schwankungen auf 8,6 Tage zurückzugehen. Vermutlich drückt sich in der Verkürzung des Sommerurlaubs die gesellschaftliche Unsicherheit der Krisen der 70er Jahre aus, genauer ist dies leider nicht zu rekonstruieren. Ein Hinweis könnte in der im gleichen Zeitraum gestiegenen Bedeutung von Auslandsreisen liegen. Hier überholte die Zahl der ins Ausland reisenden Deutschen zum Ende der 60er Jahre erstmals die Zahl der Inlandsreisen.174 In dieser Logik wäre die Begründung für den Rückgang der Verweildauer in Schleswig-Holstein mit einem Trend zu kürzeren Reisen im Inland zu erklären. Doch auch hier ist fraglich, ob die recht grobe Kennzahl des durchschnittlichen Aufenthaltszeitraumes anhand der Zahlen für Schleswig-Holstein einen solchen Schluss zulässt. Dafür spricht zumindest, dass die durchschnittliche Reisedauer der Deutschen seit dem Ende des Wirtschaftswunders zu Gunsten zusätzlicher Zweit- und Kurzreisen abnahm. Diese dürften wiederum nicht so weit weg geführt haben wie der Haupturlaub, der immer häufiger ins Ausland ging.175 Die gestiegene Bedeutung von Auslandsreisen kann somit als Erklärungsansatz auch für den Einbruch der Übernachtungszahlen ab dem Jahr 1976 angeführt werden. Der in dem Eingangszitat angesprochene Bedeutungsverlust von Privatvermieter_innen zeichnete sich zwischen 1965 und 1980 tatsächlich ab. Zwar spricht der zitierte Artikel nur von Sylt. Die Aussage 174 Vgl. Pagenstecher, Cord: Der bundesdeutsche Tourismus, S. 126. Pagenstecher führte für seine Berechnung verschiedene Studien zusammen. Mit etwas anderen Zahlen argumentiert Homp, Catrin: Schleswig-Holstein-Tourismus am Scheideweg, S. 95. Sie kommt zu dem Schluss, dass erst Anfang der 70er Jahre die Mehrzahl aller Reisen ins Ausland führte; vgl. hierzu auch Hachtmann: Tourismus-Geschichte, S. 167f. 175 Vgl. Pagenstecher, Cord: Der bundesdeutsche Tourismus, S. 123f. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 82 suggeriert jedoch, dass der Fremdenverkehr insgesamt von gewerblicher Vermietung dominiert werde, was sich in diesem Maße nicht bestätigen lässt.176 Anteil der Übernachtungen in Privatunterkünften im Sommerhalbjahr 1950-1980 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Der langfristige Trend zeigt nämlich ganz deutlich, dass die Bedeutung der Privatunterkünfte in Schleswig-Holstein über den gesamten Untersuchungszeitraum dauerhaft hoch war. In der Tat hatten sie aber im Jahr 1970 ihren Höhepunkt überschritten. Bis zum Ende der 70er Jahre sank der Anteil auf immerhin noch 40 % und um die Mitte der 70er Jahre konsolidierte sich der Wert wieder etwas. Den Grund hierfür sehe ich in dem Verkauf zahlreicher Appartements in den Ferienzentren. Die privaten Vermieter_innen stellten also auch nach 1970 den bedeutendsten Zweig der Betreiber_innen von Ferienunterkünften neben Pensionen, Hotels und den neuen Ferienzentren. Dies legt nahe, dass ein großer Teil des Fremdenverkehrs kleinteilig und eben nicht von ra- Diagramm 9: 176 Vgl. Funke, Hermann: Das Ruhrgebiet der weißen Industrie, S. 98. 4.1 Die statistische Entwicklung des Fremdenverkehrs zwischen 1965 und 1980 83 tionalisierten und arbeitsteiligen Strukturen geprägt war. Es handelte sich bei der Privatvermietung aber eben auch nicht um ein Gewerbe, was eine Verengung der Untersuchung auf den Strukturwandel im gewerblichen Teil des Fremdenverkehrs legitimiert, der in jeglicher Hinsicht die größeren Umschwünge in der räumlichen und wirtschaftlichen Ordnung der Regionen hervorrief. Diese Strukturveränderungen in der Bau-, Finanz- und Fremdenverkehrswirtschaft waren m. E. deutlich größer als jene, die parallel bei den Reiseveranstaltern stattfanden und die bislang im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der historischen Forschung standen.177 Exkurs Städtetourismus Ein beachtenswertes Phänomen des modernen Fremdenverkehrs stellt der Städtetourismus dar. In Schleswig-Holstein sind hierfür die beiden Großstädte Kiel und Lübeck von Belang. Der Tourismus dort ist natürlich nicht vergleichbar mit dem in der nahegelegenen Millionenstadt Hamburg. Er soll aber auch nicht unterschlagen werden, zumal gerade die Hansestadt Lübeck mit ihrer historischen Innenstadt neben den Geschäftsreisenden auch viele Urlauber_innen beherbergt. Das Phänomen des Städtetourismus in Schleswig-Holstein war auch vor 1965 nicht unbekannt, dafür sprechen auch die weiter unten noch ausführlich analysierten Werbebroschüren für das Bundesland Schleswig-Holstein. In größerem Umfang taucht dieser jedoch erst in dem hier behandelten Zeitraum auf. 4.1.2 177 Siehe zur These der strukturprägenden Rolle der Reiseveranstalter_innen Leszenski, Jörg: Urlaub von der Stange. Reiseveranstalter und der Wandel des Pauschaltourismus in beiden deutschen Staaten (1960-1990). In: Plumpe, Werner/Steiner, André: Der Mythos von der postindustriellen Welt. Wirtschaftlicher Strukturwandel in Deutschland 1960-1990. Göttingen 2016, S. 173-277, hier S. 176f.; siehe auch Mundt, Jörn W. (Hg.): Reiseveranstaltung. Lehr- und Handbuch. 7. Aufl. München 2011, S. 1-61. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 84 Daten zum Fremdenverkehr in den Großstädten 1965-1980 Ort Jahr Übernachtungen im Sommerhalbjahr Fremdenmeldungen im Sommerhalbjahr davon Ausländer Kiel 1965 171.745 86.857 20.111 1970 178.543 96.464 21.977 1975 176.755 95.386 23.160 1980 182.969 96.834 24.083 Lübeck 1965 153.969 92.234 38.576 1970 183.305 109.173 45.609 1975 151.213 104.402 44.209 1980 174.450 108.236 46.141 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Die Tabelle 6 zeigt die Bedeutung des Fremdenverkehrs in Kiel und Lübeck sowie die Zahl der Fremdenmeldungen und der darunter befindlichen Auslandsgäste. Die Fremdenverkehrsstatistik unterscheidet bekanntermaßen nicht zwischen Geschäfts- und Urlaubsreisen, deshalb kann der Anteil des Urlaubstourismus nicht genau bestimmt werden. Es kann allerdings gesagt werden, dass sich für die schleswig-holsteinischen Großstädte das für den Städtetourismus allgemein angenommene Verhältnis zwischen Geschäftsreiseverkehr und Urlaubstourismus von 2:1 wohl nicht anwenden lässt. Die jahreszeitliche Verteilung in den beiden Städten weist nicht die für den Städtetourismus ansonsten übliche Verteilung mit besonderen Spitzen in den Herbst- und Frühjahrsmonaten auf.178 Vielmehr liegen die Monate mit den meisten Übernachtungsgästen im Sommer.179 Dies deutet darauf hin, dass für die beiden Großstädte der Urlaubsreiseverkehr eine größere Bedeutung hat, da sich die Geschäftsreisespitzen hier nicht in ausgeprägter Form zeigen. Es lassen sich aus den oben abgedruckten Zahlen noch Tabelle 6: 178 Vgl. zu den Grundlagen des Städtetourismus Grünen, Sonja: Touristenmetropole Hamburg. Die Entwicklung des Hamburger Städtetourismus, des Hamburg- Images und der touristischen Werbebilder in den Jahren 1955-1975. In: Amenda, Lars/Grünen, Sonja: „Tor zur Welt“. Hamburg-Bilder und Hamburg-Werbung im 20. Jahrhundert. Hamburg 2008, S. 100-157, hier S. 105. 179 Siehe hierzu bspw. Statistisches Jahrbuch SH: Jg. 1971, S. 124, Tabelle 14.9. 4.1 Die statistische Entwicklung des Fremdenverkehrs zwischen 1965 und 1980 85 einige weitere Überlegungen ableiten, die über die Bedeutung des Urlaubstourismus Aufschluss geben. Zunächst liegen die beiden Städte, mit einem leichten Vorteil für die hinsichtlich der Einwohnerzahl grö- ßere Landeshauptstadt, erstaunlich gleich auf. Dabei ist auffällig, dass die durchschnittliche Verweildauer der Lübeck-Gäste etwas kürzer ist. Die Stadt an der Trave mit ihrem großen Angebot an historischen Sehenswürdigkeiten zog also eher Kurzreisende an als das im Vergleich weniger attraktive Kiel. Dies belegt auch der im Zeitverlauf durchgängig etwa doppelt so hohe Anteil von Auslandsgästen unter den gemeldeten Fremden. Städtetourismus ist aber insgesamt als Tagestourismus zu betrachten, was bedeutet, dass der Anteil der tatsächlichen Besucher_innen einer (mittleren) Großstadt kaum mit den Übernachtungszahlen im Zusammenhang steht.180 Über die Tagesausflüge der Besucher_innen von schleswig-holsteinischen Ferienorten in die beiden Großstädte können anhand der Statistik keine Aussagen getroffen werden, während die vorhandenen sozialpsychologischen Untersuchungen über das Verhalten der Schleswig-Holstein-Urlauber_innen in den Ferienorten allenfalls Hinweise geben können.181 Die Landeshauptstadt verfügt mit der Kieler Woche über ein Event, das sich unzweifelhaft auch in den Übernachtungs- und Tagesgästezahlen niederschlägt. Die Kieler Woche hatte jedoch in dem hier behandelten Untersuchungszeitraum diese Funktion noch nicht im gleichem Maße wie heute, wo das ursprüngliche Segelsportevent vom ‚maritimen Volksfest’ in den Schatten gestellt wird. Die spärliche Literatur zum Thema verweist in der Regel mehr auf den Charakter der 180 Vgl. Frese, Mattias: Erlebnis und Erholung. Land und Stadt im Fokus des Tourismus in Westfalen 1945-2010. In: Kerstin, Franz-Werner/Zimmermann, Clemens (Hg): Stadt-Land-Beziehungen im 20. Jahrhundert. Geschichts- und kulturwissenschaftliche Perspektiven. Paderborn 2015, S. 197-223, hier S. 197. Siehe zum Städtetourismus in Kiel und Lübeck, allerdings mit einem Fokus auf die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, Schneider, Kirsten: Städtetourismus in Schleswig-holsteinischen [!] Küstenstädten, S. 36-73. 181 Siehe Hartmann, Klaus-Dieter: Urlaub in Burgtiefe. Beobachtungen in einem Ferienzentrum an der Ostsee. Starnberg 1972, S. 27-34; Kellermann, Britta/Brandt, Lutz: Urlaub auf Fehmarn. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 86 Kieler Woche als Segel-Sport-Veranstaltung und auf politische Aspekte.182 Abseits der Tagestourist_innen ist bemerkenswert, dass es von den beiden Großstädten einzig Lübeck in den 15 Jahren zwischen 1965 und 1980 gelang, seine Übernachtungszahlen in einem größeren Umfang zu steigern. Während Lübeck etwa 20.000 zusätzliche Übernachtungen und immerhin 16.000 zusätzlichen Gäste verzeichnen konnte, waren es in der Landeshauptstadt nur 11.000 zusätzliche Übernachtungen und weitere 10.000 Gäste, davon 4.000 Gäste aus dem Ausland. Abschließend ist zu sagen, dass der sich in der Statistik niederschlagende Fremdenverkehr in beiden Orten kein besonders bedeutsamer Wirtschaftszweig war, berücksichtigt man die differenzierte Wirtschaftsstruktur, die die beiden Großstädte darüber hinaus aufweisen. Für Lübeck ist aber zu betonen, dass gerade hier in den Sommermonaten eine große Zahl von Gästen zu beobachten ist, die sich auf Tagestouren in der Stadt aufhalten und somit von der Fremdenverkehrsstatistik nicht erfasst werden. Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee In seiner im Fachbereich Bauplanung an der TU Berlin als Dissertation angenommenen Arbeit von 1977 präsentiert Klaus Thomas eine Aufstellung über die verschiedenen Bauprojekte an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste bis zum Jahr 1974.183 Diese ist sicherlich nicht vollständig und spiegelt auch nicht die Entwicklung der kommenden Jahrzehnte wider, in denen Anlagen trotz zuvor eingetretenem Konkurs der Betreiber oder sogar der Bauherren weiter betrieben wurden, 4.2 182 Vgl. Danker, Jörn: Kieler Woche im Wandel. Uni-Diss. Kiel 1990. Zum Wandel in den 60er Jahren und zur Art des Kulturprogramms vgl. insbes. S. 322-335; vgl. auch Kroll, Katrin: Kieler Woche. Neumünster 2007, S. 34f. u. 48ff. sowie Muschik, Alexander: Rostocker Ostseewoche versus Kieler Woche: Die deutschdeutsche Festwochenkonkurrenz um die Gunst der nordischen Länder. In: Götz, Norbert/Hackmann, Jörg/Hecker-Stampehl, Jan (Hg): Die Ordnung des Raums. Mentale Landkarten in der Ostseeregion. Berlin 2006, S. 367-384, hier insbes. 374ff. 183 Vgl. Thomas, Klaus: Zur Funktion und baulichen Struktur von Ferienzentren, S. 62-71. Die Liste findet sich im Anhang 1), S. 322-324 dieser Arbeit. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 87 wie etwa im Fall des Wikingturms in Schleswig. Dennoch ist diese Zusammenstellung in der Literatur zum schleswig-holsteinischen Fremdenverkehr einmalig, dokumentiert sie doch neben den bekannten Großanlagen eine Vielzahl von kleineren Bauprojekten aus der Zeit des Baubooms an der Ostseeküste. Denn auch diese kleineren Anlagen in insgesamt 33 Orten veränderten die Siedlungsstruktur der jeweiligen Orte stark. Von den dort aufgeführten Anlagen fallen sieben unter die für ein Ferienzentrum in der Regel geltende Grenze von 1.000 Betten, nämlich Damp, Holm, Weißenhäuser Strand, Heiligenhafen, Burgtiefe, Sierksdorf sowie Wendtorf.184 Es waren diese Großprojekte, die meist in Gebieten mit bis dahin nur geringem bis mäßigem Fremdenverkehrsaufkommen die deutlichsten Spuren in der Küstenlandschaft hinterlassen haben. Allein schon durch ihre Dimension prägen sie das Gesicht der jeweiligen Orte bis heute und veränderten auch die Struktur des schleswig-holsteinischen Fremdenverkehrs insgesamt.185 Im Folgenden wird deshalb dieser Strukturwandel am Beispiel von drei Großanlagen genauer untersucht und es werden die damit in Verbindung stehenden gesellschaftlichen Debatten vorgestellt und analysiert. Burgtiefe Ein Architektenwettbewerb als Ausgangspunkt für die Errichtung eines Ferien‐ zentrums Der Burger Bürgermeister Ulrich Feilke (im Amt von 1959 bis 1989) war einer der ersten, der den Bau einer großen und besonders modernen Ferienanlage auf der Halbinsel Burgtiefe, wenige Kilometer südlich der Inselhauptstadt gelegen, vorangetrieben hat. Es ist aber nicht 4.2.1 184 Vgl. ebd., S. 69. In der Aufzählung von Klaus ist nur von sechs Ferienzentren die Rede. Die Begründung, warum er das mit 500 Appartements ebenfalls in diese Reihe gehörende Wendtorf nicht aufführt, bleibt aus; zur Einbeziehung dieser Anlage in die Liste der Ferienzentren vgl. Der Minister für Wirtschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein (Jürgen Westphal): Beantwortung der Gro- ßen Anfrage der SPD-Fraktion. Unkorr. Exemplar. Kiel 1976, S. 11; vgl. hierzu auch Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 50. 185 Vgl. Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 16. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 88 mehr zu ermitteln, wann genau bei ihm und in der Stadt Burg allgemein die Idee einer grundlegenden Modernisierung der Tiefehalbinsel aufkam. Vorbereitende Gespräche für eine Modernisierung des Südstrand-Areals und für einen Ausbau des Fremdenverkehrs wurden im November 1961 im Kieler Landessozialministerium geführt. Dort wollte sich der Bürgermeister über Möglichkeiten der Förderung und finanzielle Risiken für die Kommune informieren.186 5.000 Fremdenverkehrsbetten in der Stadt Burg und Burgtiefe zusammen waren zu diesem Zeitpunkt die Zielmarke für die zukünftig größere Rolle, die der Tourismus auf der Insel spielen sollte. Zwar befürwortete auch die Landesplanungsbehörde den Ausbau Burgtiefes zu einem Badeort, sie sah aber hinsichtlich der möglichen Kapazität viele Hindernisse.187 1964 wurde ein Bebauungsplan aufgestellt, der sich an den Vorgaben des von dem Bundesland zwar schon projektierten, aber noch nicht verabschiedeten Regionalplans für die Insel orientierte.188 Genauere Vorstellungen zur baulichen Ausgestaltung des Ostseebades lagen aber noch nicht vor. Zunächst mussten nämlich die grundlegenden Voraussetzungen für den Ausbau geschaffen werden. Den Startschuss für die Umstrukturierung des Bades, die eigentlich einer Neugründung gleichkam, bildete deshalb die Verbreiterung des Strandes mittels Aufspülung von Meeressand durch Buhnen.189 Für dieses Vorhaben soll- 186 Vgl. Niederschrift über die Besprechung am 23.11.1961 im Hause des Ministers für Arbeit, Soziales und Vertriebene des Landes Schleswig Holstein. Die Quelle wurde mir zur Verfügung gestellt von Bettina Michaelis-Otte, welche sie aus einem heute nicht mehr im Bauamt der Stadt Burg vorhandenen Ordner über Burgtiefe entnommen hat. Leider enthält die Kopie nicht das vollständige Protokoll, es fehlt die zweite Seite. Die Quelle ist abgedruckt im Anhang 2) dieser Arbeit, S. 325-329. 187 Witt, Werner: Regionalplan Fehmarn. In: Ministerpräsident des Landes Schleswig- Holstein (Hg.): Landesplanung in Schleswig-Holstein. Heft 4. Die Tätigkeit des Landesplanungsrates in der Zeit vom 01. Januar 1962 bis 31. Dezember 1964. Kiel 1964, S. 59-63, hier S. 60. 188 Zum damaligen Stand der Raumplanung in Schleswig-Holstein siehe Wiechmann, Thorsten: Vom Plan zum Diskurs? Anforderungsprofil, Aufgabenspektrum und Organisation regionaler Planung in Deutschland, Baden-Baden 1998, S. 94-99; vgl. Stadtarchiv Burg auf Fehmarn: Protokoll Stadtvertretersitzungen 30.03.1962-31.12.1968, Sitzung vom 26.06.1964. 189 Vgl. LAS, Abt. 691, Nr. 36074: Aufspülung und Erschließung der Badehalbinsel Burgtiefe zur Schaffung der Voraussetzungen für die Einrichtung eines modernen 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 89 ten Landesmittel beantragt werden.190 Auch ein „Haus des Kurgastes“ sollte errichtet werden, das zur Modernisierung des Badebetriebs beitragen und das Bad somit „konkurrenzfähig“ machen sollte.191 Die politischen Akteure in der Stadt waren sich zwar in ihrem Interesse, den Fremdenverkehr auszuweiten, grundsätzlich einig, nicht alle Stadtvertreter_innen teilten aber die Ideen zu einer Umgestaltung der kompletten Halbinsel, auf der das neue Seebad errichtet werden sollte. Im Anschluss an die entscheidende Sitzung schrieb Bürgermeister Feilke in einem Brief an Regierungsbaurat Güldner: „Ich kann Ihnen mitteilen, daß unsere Stadtvertretung am Gründonnerstag „grünes Licht“ für den Architektenwettbewerb gegeben hat. Es war eine heiße Debatte, führte aber dann doch zu einem einstimmigen Beschluß.“192 Dabei war die Ausrichtung des Wettbewerbs für die Kommune nur mit geringen finanziellen Risiken verbunden, denn durch die Förderung des Landes mit immerhin 10.000 DM blieben die Kosten überschaubar.193 Mit der Durchführung beauftragten die Stadtvertreter_innen den Magistrat der Stadt.194 Nun wurde ein straffer Zeitplan Ostseebades. Vgl. hierzu auch Witt, Werner: Regionalplan Fehmarn, S. 60. Von Witt wird besonders betont, dass die Aufspülung des Strandes die Voraussetzung für die Erweiterung des Bades darstelle. 190 Vgl. Stadtarchiv Burg: Protokoll Magistratssitzungen 30.3.1962-31.12.1966, Sitzung vom 10.09.1964. 191 In den allermeisten Badeorten an der schleswig-holsteinischen Küste entstanden in den 50er, 60er und 70er Jahren solche „Häuser des Kurgastes“. Das Ziel solcher Bauten bestand in der Verlängerung der Fremdenverkehrssaison, da diese auch an Tagen mit schlechtem Wetter von den Kurgästen genutzt werden konnten und somit die Aufenthaltsqualität der Badeorte zu steigern. In diesem Sinne wird bspw. argumentiert in dem Erläuterungstext zum Haus des Kurgastes in List auf Sylt in einer Broschüre der Kurverwaltung List aus dem Jahr 1977, zu finden in HAT, D 061/01/31//A-Z/45-80/1: Schleswig-Holstein: Nordsee. In Burg sollte der geplante Bau insgesamt 800.000 DM kosten, hiervon sollten 550.000 durch Fördermittel und zinsgünstige Darlehen vom Land finanziert werden. Der Bau verzögerte sich jedoch zunächst, da die Fördermittel nicht wie erhofft schnell bereitgestellt wurden. Vgl. StA Burg: Protokoll Stadtvertretersitzungen, Sitzung vom 15.04.1965, Vorlage 20/1965. 192 Bürgermeister Feilke in einem Schreiben an Regierungsbaurat Güldner vom 21. April 1965. Die im Bauamt der Stadt nicht mehr im Original aufzufindende Quelle wurde mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt durch Bettina Michaelis-Otte. Siehe Anhang 4), S. 331 dieser Arbeit. 193 Vgl. StA Burg: Protokoll Magistratssitzungen, Sitzung vom 19.10.1965. 194 Vgl. StA Burg: Protokoll Stadtvertretersitzungen, Sitzung vom 15.04.1965. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 90 verfolgt. Der Einsendeschluss für die Vorentwürfe wurde nämlich bereits auf Ende August festgelegt und die Präsentation der Ergebnisse sollte schon im September erfolgen. Die Ausschreibung des Bauwettbewerbs sah zwei Aufgabenteile vor: Es sollten Vorschläge für die Gestaltung des Bades eingereicht und Vorentwürfe für das „Haus des Kurgastes“ erstellt werden. Der erste Aufgabenteil war allein deshalb schon von besonderer Bedeutung, weil es sich um eine recht umfangreiche Fläche handelte, deren Nutzung zu planen war. In Anbetracht eines Projektes dieser Größenordnung und der Förderung des Wettbewerbs durch das Land war das ausgesetzte Preisgeld von 8.000,-, 4.500,- und 2.500,- DM vergleichsweise niedrig. 195 Für Projekte in einem ähnlichen Umfang wurden in anderen Orten in der Regel größere Summen ausgelobt.196 Die kleine Kommune versuchte allerdings, aus den für sie immer noch beträchtlichen selbst aufzubringenden Mitteln das Äußerste herauszuholen. Durch die Zweiteilung der Aufgabenstellung sollte nämlich erreicht werden, dass für das ja schon zuvor projektierte „Haus des Kurgastes“ ein möglichst fortgeschrittener Entwurf vorlag, man also selbst für den Fall, dass eine komplette Neuerrichtung des Bades nicht möglich wäre, immerhin dieses Gebäude hätte verwirklichen können.197 Die Wettbewerbsausschreibung für Burgtiefe unterscheidet sich m. E. deutlich von den vielen Hundert Architektenwettbewerben der 60er Jahre. Es ging in diesem Fall weder um die Gestaltung von öffentlichen Gebäuden oder von Kirchen noch um die Erneuerung einer schon bestehenden Innenstadt, sondern um die komplette Neuerrichtung eines Badeortes auf einer kaum bebauten Fläche.198 Es handelte sich bei der Tiefehalbinsel um einen nicht nur sprichwörtlichen ‚Sandkasten’, in 195 Vgl. die Ausschreibung in Ausschreibung des Wettbewerbs in Bauwelt (1965), Heft 24, S. 714. 196 Dies ergibt zumindest eine Durchsicht der in diesem Jg. der Zeitschrift Bauwelt dokumentierten Bau- und Ideenwettberbe. 197 Vgl. StA Burg: Protokoll Stadtvertretersitzungen, Sitzung vom 15.04.1965. Die Zweiteilung der Wettbewerbsaufgabe zu diesem Zweck ging hierbei auf einen Vorschlag des Bundes Deutscher Architekten zurück. 198 Im Jahr 1964 wurden in der Zeitschrift Bauwelt die Gesamtzahl von 430 Wettbewerben dokumentiert. Allein 175 hiervon wurden für Schulbauten ausgeschrieben. Vgl. „Sonntags nie oder: Schwierigkeiten beim Zählen. Die Wettbewerbe des Jahres 1964“. In: Bauwelt (1965), Heft 38/39, S. 1072-1073. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 91 dem die teilnehmenden Architekten ihre Vorstellungen eines den Anforderungen der modernen Gesellschaft entsprechenden Fremdenverkehrs realisieren durften. Die politischen Handlungsträger_innen auf Seiten der Kommune verbanden hiermit wiederum eine Ausweitung des Tourismus als Beitrag zur Bewältigung des wirtschaftlichen Strukturwandels. Und noch ein weiterer Aspekt für die Motivation der städtischen Politiker_innen ist zu betonen: Die Planung eines geschlossenen Feriengebietes war dazu geeignet, einem im gleichem Zeitraum in Südeuropa zu beobachtenden massiven und ungesteuerten Ausbau touristischer Anlagen vorzubeugen.199 Die reizvolle Aufgabenstellung führte dazu, dass sich gleich zwei der zum damaligen Zeitpunkt bedeutendsten europäischen Architekten beteiligten. Für den Vorsitz der Jury konnte Egon Eiermann verplichtet werden. Der Karlsruher Architekturprofessor, Architekt und Designer war in jener Zeit auch Vorsitzender der Jury des Wettbewerbs zum Bau des Münchener Olympiastadions gewesen, was einen Hinweis auf die Größenordnung der Projekte liefert, mit denen Eiermann ansonsten zu tun hatte.200 Auf Fehmarn war man jedenfalls sichtlich stolz über dessen Engagement. Ursprünglich hatte man sich für den Jury-Vorsitz den dänischen Architekten Arne Jacobsen gewünscht. Dieser hatte die Beteiligung am Preisgericht jedoch abgelehnt. Sein Büro wollte nämlich einen eigenen Entwurf für die Gestaltung der Ferienanlage einreichen, da ihm die gestellte Aufgabe besonders interessant schien.201 Hierzu musste er wiederum gesondert eingeladen werden, da die Teilnahme an dem Wettbewerb ansonsten auf in Schleswig-Holstein wohnhafte Architekten beschränkt war. Jacob- 199 Zum Aspekt der Planung bei der Entwicklung der Ferienzentren vgl. Wagner, Friedrich A.: Ferienarchitektur. Die gebaute Urlaubswelt. Modelle + Erfahrungen + Thesen. Starnberg 1984, S. 52f. 200 Vgl. Stock, Wolfgang Jean: Günther Behnisch mit Frei Otto. Olympiabauten – München (1967-72). In: Thiel-Siling, Sabine (Hg.): Architektur! Das 20. Jahrhundert. München u.a. 2005, S. 114-115; zur Bedeutung des Baus vgl. auch Pearman, Hugh: Weltarchitektur heute. Berlin 2002, S. 406f. 201 Vgl. z. B. den Artikel „Burg im Eröffnungsfieber des Ideen-Wettbewerbs“. In: Fehmarnsches Tageblatt vom 11.09.1965. Die Zeitung führt das Interesse Jacobsens auch auf die fundierten Planungen von Seiten der Stadt Burg zurück – eine Aussage, die wahrscheinlich eher die Notwendigkeit guter Beziehungen des Journalisten zur Stadtverwaltung widerspiegelt; siehe auch die Berichterstattung in den Kieler und Lübecker Nachrichten zum Wettbewerb. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 92 sen ist heute in Zeiten des anhaltenden Booms des Retro-Designs, speziell des Designs der skandinavischen Moderne, hauptsächlich für seine Möbelentwürfe bekannt; seine Stühle gehören auch aktuell zur Ausstattung vieler öffentlicher Bauten und Privathaushalte. Viele Gegenstände wurden ursprünglich für sein wichtigstes Bauwerk, das Kopenhagener SAS‑Hotel und Firmengebäude, entworfen. In dem 1961 fertiggestellten Hochhaus hatte Jacobsen einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt, der von der Gestaltung von Besteckteilen und Tischdecken über Sitzmöbel und Zimmereinrichtungen bis zur Fassadengestaltung reichte.202 Der Wettbewerb erbrachte insgesamt 26 Einsendungen. Die Entwürfe wurden ab dem 11. September 1965 in einer Plakatausstellung in einem Hotel in Burg für die Bevölkerung öffentlich ausgestellt. Einige der hierfür hergestellten großformatigen Tafeln finden sich auch heute noch im Stadtarchiv der Inselhauptstadt. Die Stadtvertretung veranstaltete wenige Tage später zur Verkündung der Preisträger eine öffentliche Sitzung in dem Hotel. Statt einer abgestuften Rangfolge wurden gleich drei erste Preise vergeben, die mit je 5.000,- DM dotiert waren. Der Entwurf von Jacobsen und seinem Kompagnon Otto Weitling gehörte ebenso zu den Gewinnern wie der des Kieler Architektenbüros Otto Schnittger und derjenige der beiden Hamburger Hans Mensinga und Dieter Rogalla. Für je 1.500,- DM wurden noch zwei weitere Entwürfe angekauft, die ebenfalls das Interesse der Jury geweckt hatten.203 Waren die drei Siegerentwürfe von dem Preisgericht noch gemeinsam zu Gewinnern erklärt worden, ergab sich im Nachgang eine deutliche Bevorzugung des international tätigen Kopenhagener Architekturbüros von Arne Jacobsen. Es wurden nämlich für die zweite Stufe des Wettbewerbs nicht alle drei Gewinner aufgefordert, ausführlichere Ausarbeitungen zu ihren Beiträgen zu erstellen, sondern Jacobsen und Weitling wurden direkt von der Stadt mit dem Bau der von ihnen vorgeschlagenen Anlage beauftragt. Bürgermeister Feilke war der wichtigste Fürsprecher dieser Vorgehensweise, die Vergabe 202 Vgl. Gili, Mónica/Solaguren-Beascoa, Félix (Hg.): Arne Jacobsen. Edificios Públicos. Barcelona 2005, S. 66-73. Siehe zum SAS‑Hotel auch die ausführliche Monographie von Sheridan, Michael: Room 606. The SAS House and the Work of Arne Jacobsen. London 2003. 203 StA Burg: Protokoll Stadtvertretersitzungen, Sitzung vom 14.09.1965. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 93 des Auftrags an einen weltweit bekannten Architekten und die damit verbundene Aufmerksamkeit für die kleine Inselstadt dürfte hierbei entscheidend gewesen sein.204 Die nun folgende Bauphase begann zunächst stockend. Nach der Verabschiedung des Konjunkturpakets der Bundesregierung 1967 waren die erforderlichen Geldmittel vorhanden, um das Bauvorhaben zu starten. 1968 wurde der erste Bau fertiggestellt, das „Haus des Kurgastes“, das schon in der Wettbewerbsausschreibung einen zentralen Platz eingenommen hatte. Ein Jahr später war auch der Jachthafen errichtet.205 1969 wurde mit den drei großen Hotelbauten begonnen, die bis heute weithin sichtbar die Anlage dominieren. In den Jahren 1970 bis 1972 wurden diese drei Türme hochgezogen und auch umgehend in Betrieb genommen. Während der dritte Turm noch gebaut wurde, beherbergten die schon fertiggestellten bereits über 30.000 Gäste im ersten Jahr nach Inbetriebnahme.206 1972 wurde die Schwimmhalle eingeweiht und 1973 erfolgte die Eröffnung des Kurmittelhauses. Mit der Vollendung der Appartementhäuser im selben Jahr war der letzte Bauabschnitt beendet und das Ferienzentrum Burgtiefe fertiggestellt.207 Gegenüber dem ursprünglichen Entwurf von Jacobsen und Weitling hatte das gebaute Ferienzentrum eine ganze Reihe von Änderungen erfahren und die beiden Architekten hatten ihre Pläne mehrfach umarbeiten müssen. Im Zentrum dieser Änderungsmaßnahmen stand die Bettenkapazität der Anlage. Ursprünglich waren 1.500 Betten vorgesehen, die fertige Anlage hatte dann aber mehr als 4.500, also drei Mal so viele. Es ist leicht vorstellbar, dass sich hierdurch die Gestalt von Hotel- und Appartementbauten erheblich veränderte.208 Das Ferienzentrum wird noch heute genutzt, erste Probleme traten aber schon nach wenigen Jahren auf. Dies lag weniger an mangelnder Auslastung als daran, dass der Betrieb sowohl die Kommune als auch die Inves- 204 Vgl. zur Diskussion StA Burg: Protokoll Stadtvertretersitzungen, Sitzung am 17.12.1965; vgl. weiterhin ebd.: Protokoll Magistratssitzungen, Sitzung vom 23.11.1965. 205 Vgl. Klahn, Karl-Wilhelm: Fehmarn, S. 132. 206 Vgl. Michaelis-Otte, Bettina: Arne Jacobsens Ferienzentrum, S. 35. 207 Vgl. ebd., S. 39, 42-46. 208 Vgl. Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 61. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 94 tor_innen finanziell überforderte. Zur Lösung der Probleme wurden Appartements aus dem Betrieb herausgelöst und an Privatpersonen zur eigenen Nutzung verkauft. Wer baut und betreibt ein Ferienzentrum? Akteure im Strukturwandel in Burg auf Fehmarn Ein Projekt wie Burgtiefe, mit einer Investitionssumme von etwa 120 Millionen DM, wird nicht von einer einzelnen Person realisiert, sondern von verschiedenen Gruppen von Akteuren, die hier im Einzelnen näher betrachtet werden.209 Auch wenn eine solche Anlage grundsätzlich privatwirtschaftlich betrieben wird, waren doch von Seiten der Kommune erhebliche Investitionen zu leisten. Allein die für Planung und Durchführung des Projekts aufzubringenden Kosten stellten für die kleine Inselgemeinde eine große Herausforderung dar. Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass sich die Landesbehörden in größerem Maße während der verschiedenen Arbeitsschritte eingeschaltet haben: angefangen bei der Planung über die Genehmigung bis hin zur Durchführung des Baus. Leider nur sehr unzureichend lassen sich die Motive und Handlungen der Bauträger, der beteiligten Firmen und Banken rekonstruieren. Da für diese Gruppe nur geringfügig Quellen zur Verfügung stehen, ist es umso wichtiger, die wenigen verfügbaren Informationen mit denen aus anderen Ferienzentren bzw. Großbauprojekten abzugleichen, um ein aussagekräftiges Bild über die wirtschaftlichen Akteure des Baubooms zu erlangen. Die Kommune In der kommunalen Politik der Stadt Burg lässt sich in den Quellen tatsächlich ein einzelner Akteur identifizieren, der mit seinem Agieren das Großprojekt entschieden vorangetrieben hat. Es handelt sich um den seit 1959 amtierenden Bürgermeister Ulrich Feilke (SPD).210 Dieser versuchte, der kleinen Stadt durch eine Ausweitung des Fremdenverkehrs eine verbesserte Position im allgemeinen wirtschaftlichen Strukturwandel zu verschaffen. Wie der Fremdenverkehr zu fördern 209 Zu den Kosten des Ferienzentrums, vgl. ebd. 210 Vgl. Michaelis-Otte: Arne Jacobsens Ferienzentrum, S. 14. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 95 sei, war jedoch in der ersten Hälfte der 60er Jahre noch unklar. Bis zur Mitte des Jahrzehnts hatten sich die Überlegungen jedoch hin zu einer grundlegenden Umgestaltung der Halbinsel Burgtiefe konkretisiert, die aber zunächst nichts mit dem später errichteten Ferienzentrum zu tun hatten und auch hinsichtlich der Investitionssumme deutlich kleiner angelegt waren. Im Zentrum stand zunächst die Errichtung eines Kurmittelhauses, das ein Unternehmer aus Berlin zusammen mit einer Pension mit insgesamt 50 Betten betreiben wollte. Für dieses Projekt hatte man sogar bereits Pläne bei zwei ortsansässigen Architekten in Auftrag gegeben.211 Dass Feilkes Vorstellungen für den Fremdenverkehr ambitioniert waren lässt sich auch daran ersehen, dass ein Teil des Areals, auf dem die Stadt ihr neues Feriengebiet plante, noch gar nicht zu Burg, sondern zu der Nachbargemeinde Meeschendorf gehörte und damit nicht unter die Planungshoheit der Kommune fiel.212 Durch Fördergelder und zinsgünstige Kredite aus dem Wirtschaftsministerium sollten dann noch ein „Haus des Kurgastes“ und eine Meerwasserschwimmhalle errichtet und für das Jahr 1965 erstmals Gelder im Umfang von etwa der Hälfte der Baukosten beantragt werden.213 Eine Gesamtkonzeption für das Gelände lag zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht vor. Die projektierten Bauten sollten also eher als Anreiz für künftige Investor_innen dienen, die dann durch eigene Betriebe das Bad beleben sollten. Kurmittelhaus, Schwimmhalle und „Haus des Kurgastes“ bildeten hierbei gemeinsam sozusagen das ‚Standardrepertoire’ für den Ausbau zu einem Seebad bzw. einem Kurort. Sie sollten also durch ihren Charakter als Gemeinschaftseinrichtungen Investitionen ermöglichen und dem allgemeinen Ziel der Saisonverlängerung Vorschub leisten. Zusammen mit der zuvor beschlossenen und in die Tat umgesetzten Verbreiterung des Strandes waren damit wichtige Voraussetzungen für einen Ausbau des Fremdenverkehrs geschaffen. Um ein „Seebad aus der Retorte“, wie das spätere Ferienzentrum dann bezeichnet wurde, handelte es sich bei diesen Einzelmaßnahmen aber noch nicht.214 211 StA Burg: Protokoll Magistratssitzungen, Sitzung vom 08.09.1964 sowie Sitzung vom 19.01.1965. 212 Vgl. StA Burg: Protokoll Magistratssitzungen, Sitzung vom 18.08.1964. 213 Vgl. ebd. Sitzung vom 10.09.1964; vgl. ebd. Sitzung vom 23.03.1965. 214 „Fehmarns Zukunft hat begonnen“. In: Fehmarnsches Tageblatt vom 13.9.1965. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 96 Aus der Durchsicht der Mitschriften der Sitzungen von Stadtvertretung des Magistrates geht eindeutig hervor, dass es der Verwaltungschef der Kommune war, der das Vorhaben am deutlichsten vorangetrieben hat. Feilke machte das Ferienzentrum zu seinem persönlichen Projekt. Seine Ausführungen auf der für die Ausrichtung des Architektenwettbewerbs entscheidenden Sitzung der Stadtvertretung im April 1965 geben trotz der Protokollform einen Eindruck vom Engagement des Bürgermeisters. Er hatte dort nämlich in einer längeren Rede um Zustimmung für das Großprojekt geworben. Seine Argumentation war, dass der mit diesem Projekt in Angriff genommene Ausbau der „Weißen Industrie“ zur Stärkung der städtischen Wirtschaft unbedingt notwendig sei, um die Konkurrenzfähigkeit des Bades auch in Zukunft sicherzustellen.215 Feilke stellte die Planungen ganz bewusst in den Zusammenhang des wirtschaftlichen Strukturwandels und bezeichnete die Verwirklichung des neuen Bades als die zweite Stufe auf dem Entwicklungsweg der Stadt. Die erste Stufe habe laut Feilke in der im Jahr 1963 eröffneten „Vogelfluglinie“ bestanden, also der durch den Bau der Brücke über den Fehmarnsund und die Fährverbindung ab Puttgarden errichteten Verkehrsverbindung nach Dänemark.216 Neben diesem persönlichen Engagement gelang es Feilke außerdem, sich der Fürsprache oder zumindest der Aufmerksamkeit prominenter Unterstützer_innen zu versichern, in dem er Foto- und Besichtigungstermine mit bundesdeutscher Politprominenz durchführte und an Messen teilnahm, wo sich ebenfalls Gelegenheiten für Treffen mit wichtigen Persönlichkeiten ergaben.217 Bundeskanzler Kiesinger besuchte beispielsweise im Rahmen einer privaten Urlaubsreise im Jahr 1969 Fehmarn und machte auch einen Rundgang auf der Baustelle in Burgtiefe. Die Bevölkerung wurde anlässlich dieses Besuchs im „Fehmarnschen Tageblatt“ aufgefordert, „den Blumenschmuck zu verstärken“, die Straßen 215 Vgl. StA Burg: Protokoll Stadtvertretersitzungen, Sitzung vom 15.04.1965. 216 Vgl. den Artikel „Endlich: Beschluß über das Haus des Kurgastes. Zweite Phase der Aufbauentwicklung hat begonnen.“ In: Fehmarnsches Tageblatt vom 17.04.1965. 217 Bspw. besuchte Feilke die Hamburger Jachtausstellung 1969 und hielt dort einen Kurzvortrag. Außerdem veranstaltete er mit dem Bundesverkehrsminister Georg Leber einen Rundgang in Burgtiefe. Vgl. zu beiden Veranstaltungen den Artikel „Minister Leber sehr an Burgtiefe interessiert“. In: Fehmarnsches Tageblatt vom 25.01.1969. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 97 zu fegen und Deutschlandfahnen aufzuhängen.218 Es sollte also ein perfekter Eindruck entstehen und die Unterstützung der gesamten Bevölkerung für das Projekt suggeriert werden. An der Person des Bürgermeisters Feilke lässt sich zeigen, dass dem wirtschaftlichen Strukturwandel im Fremdenverkehr auf der Mikro-Ebene tatsächlich individuelle Handlungen zu Grunde liegen. Feilke und andere Funktionsträger_innen der Kommune hatten einen realen Einfluss auf die Entwicklung des Fremdenverkehrs. Die kommunale Planungshoheit stellte im Fall der zwar kleinen, aber hinsichtlich ihrer behördlichen Strukturen augenscheinlich leistungsfähigen Kommune ein Instrument dar, das zur Veränderung der wirtschaftlichen Struktur durch die Errichtung eines Ferienzentrums tatsächlich genutzt werden konnte. Durch diese behördlichen Strukturen unterschied sich die Stadt Burg aber auch von den anderen Standorten der Ferienzentren. Wie noch am Beispiel des Ferienzentrums Damp zu zeigen sein wird, war der Gestaltungsspielraum der kommunalen Handlungsträger_innen in den deutlich kleineren Orten viel geringer und es ist eine noch erheblich größere Rolle der Landesbehörden bei der Entstehung der Anlagen zu beobachten. Dem Burger Bürgermeister gelang es im Gegensatz zu vielen seiner Amtskollegen also, bestehende Planungskompetenzen de facto umzusetzen. Dieser Einfluss machte sich auch in der Beteiligung der Kommune an der zur Abwicklung des Baus gegründeten „Südstrand-Betreuungsgesellschaft“ sowie in der finanziellen Beteiligung an dem Bau und dem Betrieb der Gemeinschaftseinrichtungen bemerkbar. Diese starke Rolle der Kommune änderte sich im Zuge der Entwicklung des Ferienzentrums. Hier traten als Zwischeninstanz zwischen Investor_innen und der Stadt die Landesbehörden stärker auf den Plan; die Verhandlungen über die Finanzinvestitionen waren von der kleinen Inselstadt zu diesem Zeitpunkt nun nicht mehr im Alleingang zu führen. Dies brachte die Kommune in die Situation, das Projekt entweder nach den Vorstellungen der Investor_innen, die eine massive Kapazitätserweiterung verlangten, zu realisieren, oder aber gänzlich abzulehnen. 218 „Programm des Fehmarn-Besuchs von Bundeskanzler Dr. Kiesinger“. In: Fehmarnsches Tageblatt vom 03.05.1969. Vgl. auch die Berichterstattung in ebd. vom 02.05.1969. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 98 Das Land Weder Burg auf Fehmarn noch die anderen Standorte der Ferienzentren verfügten aus dem eigenen Etat über die für den Bau derart gro- ßer Anlagen notwendigen Finanzmittel. Auch die administrative Abwicklung des Großprojekts konnte die Stadt nicht alleine stemmen. Schon in der Phase der ersten Vorüberlegungen zu Beginn der 60er Jahre leistete das Land also bereits Beratungs- und Koordinationsdienste. Außerdem war es für die rechtliche Prüfung und Vergabe von Kredit- und Fördermitteln aus eigenen und aus Bundesmitteln zuständig. Der Bau der Ferienzentren war kein durch die Landesplanung geplanter Prozess zum Ausbau der Fremdenverkehrswirtschaft, verlief aber auch nicht vollkommen ungesteuert bzw. unbegleitet durch die Landespolitik. Vielmehr wurde der Bau der Anlagen von der Landesregierung begrüßt.219 Um die Rolle des Landes bewerten zu können, wurden die Akten des Wirtschaftsministeriums zum Thema Burgtiefe im Landesarchiv Schleswig-Holstein herangezogen, die zu diesem Projekt mit dem Jahr 1967, also vergleichsweise spät, einsetzte. Daneben gaben auch die kommunalen Akten Einblicke in die Beteiligung des Landes an dem Projekt. Auch im Wirtschaftsministerium gab es einen wichtigen Fürsprecher der Errichtung der Großprojekte in Person des Fremdenverkehrsreferenten Karl-Wilhelm Christensen. Der frühere Pressesprecher des Wirtschaftsministers begleitete persönlich die Fremdenverkehrsprojekte der 60er und frühen 70er Jahre. Christensen beriet die Stadt Burg schon in der Frühphase, das Wirtschaftsministerium hatte zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht die Koordination des Projektes inne. Der schon angesprochene Gesprächsvermerk über ein Treffen im Arbeitsund Sozialministerium aus dem Jahr 1961 zeigt deutlich, dass die Landesvertreter_innen die Kommune schon damals in ihren Überlegungen unterstützten, zu diesem Zeitpunkt aber noch eher bremsend auf den Bürgermeister einwirken wollten. Christensen befürwortete eine Steigerung der gewerblichen Fremdenverkehrskapazitäten von 10 % pro Jahr auf einen Zeitraum von 15 Jahren und der Vertreter der Landesplanungsbehörde Rose warnte bei allem Enthusiasmus vor den 219 Für die politische Diskussion um die Ferienzentren siehe Kapitel 4.3.2 sowie 5.4.4. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 99 Schuldenlasten für die Stadt.220 In einem Schreiben an die Deutsche Gesellschaft freier Ingenieure aus dem Arbeitsministerium aus dem März 1962 setzte sich Ministerialrat Haake deutlich für die Planungshoheit der Gemeinde gegenüber den von dem Ingenieurverband vorgetragenen städtebaulichen Bedenken ein und forderte die Aufstellung von Flächennutzungs- und Bebauungsplan durch die Kommune.221 Durch den Architektenwettbewerb von 1965 wurde dieser Bebauungsplan allerdings obsolet. Die fehlenden Geldmittel der Kommune verhinderten dann eine zügige Umsetzung der Pläne. Zum Ende der 60er Jahre hatte sich die Rolle des Fremdenverkehrsreferenten allerdings deutlich verändert. Die im Rahmen des zweiten Konjunkturpakets der Bundesregierung von 1967/68 in Aussicht gestellten Mittel waren sowohl für den Referenten selbst als auch für die Fremdenverkehrsambitionen der schleswig-holsteinischen Gemeinden in besonderem Maße erfreulich. Durch eine Reise Christensens nach Fehmarn im Sommer 1967 bekam das Projekt nun nämlich wieder Aufwind, da mit einer Beantragung von Mitteln aus diesem Fonds der Bau endlich begonnen werden konnte.222 Und nicht nur in Burgtiefe, sondern auch in anderen Orten Schleswig-Holsteins, wie beispielsweise in Grömitz, wurden auf diesem Wege Fremdenverkehrsprojekte gefördert. Eine noch bedeutendere Rolle für die Finanzierung der Bauprojekte spielten aber 220 Vgl. Niederschrift über die Besprechung am 23.11.1961 im Hause des Ministers für Arbeit, Soziales und Vertriebene des Landes Schleswig Holstein. Eine Fotokopie der Quelle, an deren Echtheit ansonsten aber keine Zweifel bestehen, befindet sich im Besitz des Verfassers und wurde mir zur Verfügung gestellt von Bettina Michaelis-Otte. Weder im LAS noch im Bauamt der Stadt Burg auf Fehmarn konnte ein Original ausfindig gemacht werden. Siehe Anhang 2), S. 325-329 dieser Arbeit. 221 Vgl. Schreiben Ministerialrat Haake beim Minister für Arbeit, Soziales und Vertriebene des Landes Schleswig-Holstein an Deutsche Gesellschaft freier Ingenieure mbH. vom 02.03.1962. Auch diese Quelle stammt laut Aussage von Bettina Michaelis-Otte aus dem früher im Bauamt der Stadt Burg aufbewahrten Ordner, war jedoch im Original weder dort noch in den Akten des Arbeitsministeriums im LAS aufzufinden. Auch hier besteht an der Echtheit der Fotokopie kein Zweifel, es ist leider jedoch nur die erste Seite des Schreibens erhalten. Ein Abdruck findet sich im Anhang 3), S. 330 dieser Arbeit. 222 Vgl. LAS, Abt. 691, Nr. 36074, Bl. 2: Vermerk über eine Reise Christensens nach Fehmarn vom 28.07.1967; zur Bewertung dieser Reise hinsichtlich der Realisierung des Projekts vgl. auch den Artikel „Es geht um neue Maßnahmen auf der Tiefe“. In: Fehmarnsches Tageblatt vom 15.8.1967. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 100 die Mittel aus der Zonenrandförderung.223 Deutlich wird hieran die Funktion des Landes als Vermittlungsinstanz, die nicht nur von Christensen selbst, sondern auch von anderen Stellen bei in den Landesministerien eingenommen wurde. Es handelte sich bei dem größten Teil der für die Errichtung der Großprojekte in Form von Förder- und Kreditmitteln zur Verfügung gestellten Geldern nämlich nicht um Landes-, sondern um Bundesmittel. Die Verwaltung in Burg auf Fehmarn war selbst nicht in der Lage, die komplizierten Verhandlungen über die Finanzierung des Großprojekts zu führen, da diese wohl außerhalb ihres üblichen Tätigkeitsbereichs lagen. Die Aushandlung des Finanzierungskonzepts und der notwendigen Bürgschaften mit den Investor_innen des Ferienzentrums, und hierunter besonders dem Bankhaus Glocke, wurden stattdessen vom Wirtschaftsministerium geführt. Die Rolle der Stadt Burg in diesem Geschäft war dann lediglich die einer Teilhaberin an den verschiedenen zur Errichtung des Seebades gegründeten Gesellschaften.224 Die Landesbehörden waren deshalb zur Realisierung der großen Fremdenverkehrsbauprojekte unverzichtbar, ihr Beitrag bestand aber eher in der Begleitung der Projekte als in deren Initiierung. Dies gilt auch für die Landesplanung, die eine Konzentration der Großprojekte auf bestimmte Gebiete befürwortete und damit einer gleichförmigen und dicht bebauten Küstenlinie entgegenwirkte. Dies ist aber nicht mit einem planvollen Vorgehen zur Erweiterung des Fremdenverkehrs durch Ferienzentren zu verwechseln, das in der Konzentration der Anlagen beispielsweise Umweltschutzaspekte zu verwirklichen gesucht hätte.225 223 Dies wird deutlich aus einer Durchsicht mehrerer Dokumente in der Akte LAS, Abt. 691, Nr. 35816, Bl. 4f., 18, 33; vgl. Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 16; vgl. auch Kramer, Gerd: Schleswig-Holstein. Meer und mehr. Dreißig Jahre im Tourismus. Husum 2002, S. 46; die Bedeutung der Zonenrandförderung belegt eindrucksvoll die Karte über Feriengroßprojekte bei Mielke, Bernd u.a.: Großflächige Freizeiteinrichtungen im Freiraum. Freizeitparks und Ferienzentren. Duisburg 1993, S. 19. Vgl. auch ebd., S. 18. 224 Vgl. ebd., Bl. 26-28. Vermerk aus dem Wirtschaftsministerium vom 25.02.1969. 225 Siehe hierzu auch den Abschnitt zur Entwicklung der Landesplanung im Kapitel 5.4.2.; zur These der Umwelt- und Sozialverträglichkeit der Ferienzentren siehe Homp, Catrin: Schleswig-Holstein-Tourismus am Scheideweg, S. 108. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 101 Die Geldgeber Die in zahlreichen zeitgenössischen Quellen vorherrschende Erzählung über die Entstehung der schleswig-holsteinischen Ferienzentren könnte folgendermaßen zugespitzt werden: Mitte bis Ende der 60er Jahre traten dubiose Unternehmer an unbedarfte kleine Gemeinden heran und versprachen diesen, teilweise unter Vorspiegelung unrealistischer Gewinnerwartungen, sprudelnde Steuereinnahmen und eine Verbesserung der lokalen Infrastruktur durch die Errichtung großer Ferienanlagen. Diese Finanzgeschäfte wurden durch eine Gesetzgebung ermöglicht, die Investitionen im sogenannten ‚Zonenrandgebiet’ steuerlich besonders begünstigte. Die Gemeinden, auf eine Veränderung der lokalen Wirtschaftsstruktur in Folge des sich abzeichnenden Strukturwandels bedacht, glaubten den Versprechungen der Bauunternehmer und stimmten der Errichtung der bald so bezeichneten Ferienzentren zu. Allerdings erfüllten sich oftmals die Erwartungen nicht und viele Gemeinden standen in der Folge vor einem hohen Schuldenberg, da die Großprojekte nicht wirtschaftlich betrieben werden konnten.226 Es ist somit nicht verwunderlich, dass auch die Landesregierung wegen dieser Bauprojekte in die Kritik geriet und stellvertretend für die nur schwer greifbaren privatwirtschaftlichen Akteure wegen der Steuervermeidungspraxis und der Fördermaßnahmen in die Kritik geriet. So wurde in einer Variante dieser Erzählung auch Fremdenverkehrsreferent Christensen und sein Versprechen von Fördergeldern und dem damit verbundenen Wecken unrealistischer Gewinnerwartungen kritisiert.227 226 Vgl. paradigmatisch den nicht namentlich gezennzeichneten und weiter unten noch behandelten Artikel „In zehn Jahren sind das hier Slums“. In: Der Spiegel vom 03.07.1972. Nr. 28 (1972), S. 56-64; vgl. auch Herrchenröder, Jan: Steinzeit 2000. In: Merian 32 (1979), Heft 3, S. 46-47; vgl. auch Kellermann, Britta/Brandt, Lutz: Urlaub auf Fehmarn, S. 7-10; vgl. weiterhin Michaelis-Otte, Bettina: Arne Jacobsens Ferienzentrum, S. 9-10; vgl. allerdings deutlich differenzierter Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 59. Kurz befasst sich insbesondere mit der Finanzierungsstruktur der Ferienzentren und seine Untersuchung stellt hinsichtlich der Finanzierungsmodelle die grundlegende Quelle für meine Beurteilung des Baubooms dar. 227 Vgl. Plenarprotokoll: 7. WP, 14. Sitzung am 07.03.1972, S. 753f., Rede des Abgeordneten Paul Möller (SPD). 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 102 Ein der o. g. Erzählung entgegengesetztes Narrativ, welches die Entstehung der Ferienzentren als politisch begleiteten Modernisierungsprozess verstanden wissen wollte, versuchte die Landesregierung selbst zu etablieren. Ein Vermerk des schleswig-holsteinischen Wirtschaftsministeriums aus den frühen 80er Jahren, als die Überdimensionierung der Ferienzentren und hierunter insbesondere des Projekts Damp, deutlich zu Tage getreten war, versuchte die Entstehung der Anlagen folgendermaßen gleichsam regierungsamtlich zu historisieren: „Wirtschaftspolitische Gründe für das Entstehen der Ferienzentren in Schleswig-Holstein Das Entstehen der Ferienzentren [...] und anderer Großvorhaben des Fremdenverkehrs und ihre öffentliche Förderung muß im Zusammenhang mit der damaligen Situation und Entwicklung der schleswig-holsteinischen Fremdenverkehrswirtschaft gesehen werden. Bis Mitte der 60er Jahre hatte sich die Struktur des Fremdenverkehrsgewerbes unseres Landes wenig geändert, was insgesamt als nachteilig angesehen werden mußte. Der Bettenanstieg vollzog sich überwiegend im privaten Bereich, während sich der gewerbliche Sektor sogar rückläufig entwickelte. In vielen klassischen Fremdenverkehrsorten konnten die Gemeinschaftseinrichtungen nicht in dem Maße geschaffen oder ausgebaut und modernisiert werden, wie es die steigende Gästezahl erforderte. Viele Kur- und Kurmittelhäuser, Hotels- und Gaststätten, Bade- und Strandanlagen waren überaltert. Die ab 1968 entstandenen Ferienzentren stießen mit ihrem Angebot in eine Marktlücke hinein. Sie konnten qualitativ anspruchsvolle, von Größe und Preis her familiengerechte Unterkünfte bieten, die von immer mehr Urlaubern nachgefragt wurden, vom traditionellen Fremdenverkehrsgewerbe jedoch nicht in erwünschtem Umfang bereitgestellt werden konnten. Moderne Großvorhaben des Fremdenverkehrs waren auch zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit bspw. gegenüber der Mittelmeerküste erforderlich, wo bereits Jahre vorher ein derartiger Konzentrationsprozeß eingeleitet worden war. Die Frage nach Alternativlösungen zum Bau eines Ferienzentrums stellte sich im Hinblick auf die Schaffung von Arbeitsplätzen in der Regel nicht, da die Standorte für die Ansiedelung von Industriebetrieben ungeeignet waren. Der Bau von Ferienzentren und anderer Großvorhaben war in den betreffenden Orten praktisch die einzige Möglichkeit, Arbeitsplätze in größerem Umfang zu schaffen. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 103 Über die Rentabilität der Objekte – auch des Objektes Damp – sind Gutachten eingeholt worden. [...].“228 Beide Erzählungen heben die Bedeutung des Ausbaus der Fremdenverkehrseinrichtungen für den wirtschaftlichen Strukturwandel in den ländlich strukturierten Regionen an Schleswig-Holsteins Ostseeküste hervor. Bezeichnenderweise verzichtet der Historisierungsversuch des Wirtschaftsministeriums darauf, die wirtschaftlichen Akteure, auf deren Initiative der Bau der Ferienzentren zweifellos zurückgeht, überhaupt nur zu erwähnen. Abstrakt ist dagegen nur von der „Situation und Entwicklung der schleswig-holsteinischen Fremdenverkehrswirtschaft“ die Rede.229 Zwischen den Zeilen sind die Investor_innen jedoch auch in diesem Text allgegenwärtig und waren neben aller publizistischen Kritik an dem Bauboom Anlass für erhebliche Diskussionen in der schleswig-holsteinischen Landespolitik. Neben diesen beiden hier angeführten Narrativen spielt in der Literatur noch ein drittes eine wichtige Rolle, welches die Entstehung der Ferienzentren nicht zuletzt auf landesplanerische Maßnahmen zurückführt. Für Burgtiefe ist aber zu konstatieren, dass auch von Seiten der Gemeinde im Vorfeld schon Bestrebungen ausgingen, den Fremdenverkehr auszubauen.230 Es soll an dieser Stelle nicht darum gehen, zwischen diesen drei Narrativen ein vermeintlich ‚Richtiges’ auszuwählen. Hierfür ist insbesondere im Fall des Ferienzentrums Burgtiefe die Quellenlage hin- 228 LAS, Abt. 691, Nr. 33811: Vermerk VI (300) vom 12.02.1980, Anlage 1. Im hier nicht angeführten Teil geht es um die durch das Ferienzentrum Damp geschaffenen Arbeitsplätze, die als Rechtfertigung für die Unterstützung des Landes dienen. 229 Ebd. 230 Vgl. zum landesplanerischen Motiv insbesondere Lange, Ulrich: Strukturwandel, S. 721-725. Der beste Kenner der schleswig-holsteinischen Ferienzentren Kurz argumentiert, dass eigentlich in allen Ferienzentren, mit Ausnahme von Burgtiefe, die Initiative letztlich von den Bauträgern ausging. Zwar hätten in Heiligenhafen, Damp, Weißenhäuser Strand und Holm die Gemeindevertreter schon gewisse Vorstellungen von einem Ausbau des Fremdenverkehrs gehabt, die Dimensionen der gebauten Anlagen seien aber im Wesentlichen von den Investor_innen bestimmt worden. Er führt Burgtiefe als Beispiel für ein planvolles Vorgehen der Gemeinde an, was ich zwar grundsätzlich wie oben gezeigt, ebenso sehe, mangels Quellen, die überhaupt eine Kontaktaufnahme zwischen den Investor_innen und der Gemeinde dokumentieren und die auch Kurz nicht vorlagen, aber nicht belegen kann. Vgl. Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 57-61. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 104 sichtlich der privatwirtschaftlichen Akteure und der Ministerien zu dünn. Gleichwohl halte ich es aus historischer Perspektive für fahrlässig, die Investor_innen und ihren Hintergrund bei der Diskussion auszusparen. Aus diesem Grund sollen die wenigen verfügbaren Informationen über die Geldgeber von Burgtiefe zusammengefasst werden; auch bei dem Abschnitt zum Ferienzentrum Damp, mit dem die Entwicklung in Burgtiefe kontrastiert werden soll, sowie bei dem geplanten, jedoch nicht verwirklichten „Atlantis“-Projekt, stehen Geldgeber und Lokalpolitik im Fokus. Ursache für diese Vernachlässigung der privatwirtschaftlichen Akteure dürfte das Fehlen zuverlässiger Quellen mangels vorhandener oder nur schwer erreichbarer Firmenarchive sein. Gleichzeitig sind die vorhandenen Quellen oftmals entgegen ihrer Skandalisierungsabsicht des Finanzgebarens der Investor_innen zu beurteilen.231 Wie zu sehen war, hatte in Burgtiefe die Kommune erheblichen Anteil an der Entstehung des Ferienzentrums. Der Bau der Anlage kann in der Rückschau als Erweiterung bereits seit Längerem bestehender Ausbaupläne gelesen werden. Während der Bauphase gewannen aber die Investor_innen einen deutlich größeren Einfluss, setzten sich bei der Kapazität des Ferienzentrums mit ihren Vorstellungen durch und konnten die Kommune unter Druck setzen. Dies gilt umso mehr für andere Ferienzentren, da die dort involvierten Kommunen kleiner als Burg waren. Wer waren nun die Investor_innen bei diesem Bauprojekt? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, da es sich um ein ganzes Konglomerat von Gesellschaften handelte. Im Zentrum stand allerdings das private Bankhaus A. Glocke & Co. aus Duisburg. Unter dem Namen IFA-AG betrieb (und betreibt in abgewandelter Form noch heute) eine Tochtergesellschaft der mittlerweile aber nicht mehr existierenden Bank Teile des Ferienzentrums, darunter das Hotel. Die IFA-AG war aber im Wesentlichen eine „Abschreibungsgründung“.232 Ihr wesentli- 231 Vgl. bspw. einen nicht namentlich gekennzeichneten Artikel über die Investor_innen von Burgtiefe mit dem Titel „Noch einmal davongekommen“. In: Die Zeit vom 13.01.1978, abrufbar unter http://www.zeit.de/1978/03/noch-einmal-da vongekommen/komplettansicht, zuletzt aufgerufen am 23.10.2017. Siehe hierzu auch die Diskussion über den Investor in Damp Renatus Rüger in Kapitel 4.2.2. 232 Mister drei Prozent. In: Der Spiegel vom 25.02.1974. Nr. 9 (1974), S. 62-64, hier S. 62. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 105 cher Zweck lag nicht in dem Betrieb dieser und anderer Ferienanlagen, sondern im Einsammeln des für den Bau notwendigen Kapitals bei den verschiedenen privaten Investor_innen, die über eine Beteiligung an dieser und weiteren verwandten Gesellschaften ähnlichen Namens Steuervorteile abschöpfen konnten. Im Hintergrund des Projekts stand wohl der Hamburger Privatbankier Hans Salb, der aber an keiner Stelle des Bauprojekts Burgtiefe selbst in Erscheinung trat.233 Stattdessen waren zwei weitere Gesellschafter des Bankhauses, Heinz Lotze und Fritz Stratmann, als Gesellschafter der „Südstrand Betreuungsgesellschaft“ für das Unternehmen involviert.234 Da auch die Stadt Burg an dieser Gesellschaft beteiligt war, lassen sich aus den Protokollen der Stadtvertretung einige wenige Informationen über die Investor_innen gewinnen. Zunächst bestanden bei den Stadtvertreter_innen gegenüber der Privatbank Vorbehalte dahingehend, ob es sich tatsächlich um seriöse Investor_innen handelte und ob diese tatsächlich über die für die Realisierung des Projekts erforderlichen Mittel verfügten.235 Der Einfluss der Privatbank wird auch in dem Umstand deutlich, dass als Geschäftsführer der Betreuungsgesellschaft einer ihrer Mitarbeiter fungierte.236 Diese „Südstrand Betreuungsgesellschaft“ war aber nicht das einzige Tochterunternehmen der Bank im Zusammenhang mit dem Ferienzentrums, sondern die beiden genannten Bankiers waren noch an weiteren Gesellschaften aus dem unübersichtlichen Firmengeflecht beteiligt. Darüber hinaus waren sie auch in ähnlichen Projekten in Südeuropa involviert.237 Um die Motivation der am Bau der schleswig-holsteinischen Ferienzentren beteiligten privatwirtschaftlichen Akteure zu verstehen, ist es notwendig, das dahinterstehende Geschäftsmodell etwas näher zu beschreiben. Die Ferienzentren wurden zum überwiegenden Teil mit Geldern von privaten Anleger_innen gebaut, die ansonsten als Steuern 233 Zu Salb vgl. ebd.; vgl. auch Wendt, Kurt: Schliekers Villa brachte kein Glück. In: Die Zeit vom 01.03.1974, abrufbar unter http://www.zeit.de/1974/10/schliekers-v illa-brachte-kein-glueck, zuletzt aufgerufen am 23.10.2017. 234 Vgl. StA Burg: Protokoll Stadtvertretersitzungen, Sitzung am 12.10.1967, Anlage z. Protokoll. 235 Vgl. ebd., Niederschrift über den nichtöffentlichen Teil der Sitzung, S. 1 u. 2. 236 Vgl. LAS, Abt. 691, Nr. 35816: Zeitungsausschnitt aus den Kieler Nachrichten vom 21.10.1969. 237 Noch einmal davongekommen, s.o., FN 231. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 106 hätten abgeführt werden müssen. Bei diesen handelte es sich um vermögende Einzelpersonen, die für ihre Investition Wohneigentum erwarben und somit von Abschreibungsmöglichkeiten profitieren konnten. Diese Anleger_innen waren aber nicht die eigentlichen Akteure, sondern die sie vertretenden Unternehmen und ihre Hauptgesellschafter. Im Fall Burg war also die Privatbank A. Glocke die treibende Kraft dieses Prozesses. Sie sammelte das Geld ein und konnte durch die verschiedenen ausgegründeten Gesellschaften in mehrfacher Hinsicht vom Bau und Betrieb der Ferienzentren profitieren.238 Der Betrieb der Ferienzentren stellte hierbei aber nicht den wichtigsten Bereich dar, sondern das Geschäftsmodell basierte ganz wesentlich auf der Ausnutzung der Steuerabschreibungsmöglichkeiten. Mit dem Betrieb ließ sich nämlich auf kurze Sicht deutlich weniger Geld erwirtschaften als mit dem Bau der Anlagen.239 Die späteren Schwierigkeiten der Ferienzentren basieren zwar nicht allein, aber doch zu großen Teilen auf diesem Umstand. Der für wenige Jahre anhaltende Bauboom an den Küsten Schleswig-Holsteins und damit auch der Strukturwandel im Fremdenverkehr ist also ganz wesentlich auf die Motivation der Investor_innen zurückzuführen. Es handelte sich bei diesen Abschreibungsgeschäften um ein grundsätzlich legales Geschäftsmodell, die hierdurch geschaffenen Überkapazitäten sind aber als ausgesprochen problematisch zu beurteilen.240 Zwar sind für die Investor_innen von Burgtiefe nur wenige Informationen vorhanden, in den Abschnitten über die Großprojekte in Damp und auf Sylt wird aber deutlich werden, dass sich die beteiligten Personen oftmals wohl doch nahe am Rand der Legalität bewegten. Schon Zeitgenoss_innen äußerten ihre Kritik an den Ferienzentren recht deutlich, der sozialdemokratische Fremdenverkehrspolitiker Ernst-Wilhelm Stojan sprach im Zusammenhang mit ihrem Bau gar von „sanktionierter Steuerflucht“.241 238 Vgl für eine detailierte Erläuterung des Abschreibungsmodells Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 70-75. 239 Die IFA-Gruppe war in Schleswig-Holstein noch für ein weiteres Projekt in Kellenhusen mit einem ähnlichen Beteiligungsmodell verantwortlich, vgl. Braatz, Wolfgang: Berichtigung der Ostsee. In: Bauwelt (1970), Heft 29, S. 1095-1103, hier S. 1101. 240 Vgl. auch Michaelis-Otte: Arne Jacobsens Ferienzentrum, S. 52f. 241 Plenarprotokoll: 7. WP, 14. Sitzung am 07.03.1972, S. 728, Rede des Abgeordneten Ernst-Wilhelm Stojan (SPD). 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 107 Architektonischer Diskurs Die Ferienzentren in Schleswig-Holstein stellen in architektonischer Perspektive den Versuch dar, große Menschenmengen möglichst rational und auch rationell zu beherbergen, ihnen Erholung zu verschaffen, sie zu versorgen und – im Sinne eines industrialisierten Tourismus auch – abzufertigen. Hierbei kann am Beispiel des Bauwettbewerbs in Burgtiefe gezeigt werden, dass es in der Mitte der 60er Jahre offenbar ein gesteigertes Interesse an der Entwicklung einer modernen Tourismusarchitektur gab, die die oben angeführten Prinzipien mustergültig umzusetzen in der Lage war. Die recht breite Beteiligung an dem Bauwettbewerb von renommierten Architekten, insbesondere des Dänen Jacobsen, und die eingereichten Entwürfe belegen, dass die Gestaltung von Burgtiefe nicht allein eine „reizvolle Aufgabe“242 darstellte, sondern dass Burgtiefe gleichsam eine Spielwiese für unterschiedliche Vorstellungen moderner Ferienarchitektur war. Die unterschiedlichen Vorschläge, die für die Ausgestaltung des „Musterbades“243 eingereicht wurden, reichen von direkt mit dem eigenen Schiff anzusteuernden „Bootels“ oder „Yatels“ in den Entwürfen der Hamburger Architekten Mensinga und Rogalla sowie einer von beiden vorgeschlagenen „Robinson-Insel“ im Burger-Binnensee bis hin zum tatsächlich nach Entwürfen von Jacobsen und Weitling verwirklichten Appartement-Hotel, dessen Anlage einen Südbalkon mit Meerblick für jede Ferienwohnung vorsieht.244 Mitte der 60er Jahre waren insbesondere die Vorschläge 242 So zitiert das Inselblatt die Absage Arne Jacobsens für einen Platz in der Wettbewerbsjury zu Gunsten einer Teilnahme mit einem eigenen Entwurf. Vgl. „Burg im Eröffnungsfieber des Ideen-Wettbewerbs“. In: Fehmarnsches Tageblatt vom 11.09.1965. 243 Mit Begriffen wie „Musterbad“ oder „Seebad aus der Retorte“ und ähnlichen Formulierungen wurden sowohl Burgtiefe als auch Damp in diversen Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln in verschiedenen Publikationen bezeichnet. So z.B. in dem Artikel „Fehmarns Zukunft hat begonnen“. In: Fehmarnsches Tageblatt vom 13.09.1965 sowie in „Musterbad auf Fehmarn“ in: ebd. vom 18.09.67; besonders ablehnend Herrchenröder Jan: Steinzeit 2000, S. 46-47. 244 Vgl. StA Burg: Wettbewerbsbeitrag Mensinga/Rogalla: 2 Plakate; eine detaillierte Beschreibung der einzelnen Wettbewerbsentwürfe muss hier unterbleiben. Sie findet sich in Harbeke, Thorsten: Touristische Infrastrukturpolitik in Schleswig- Holstein, S. 240-244; vgl. darüber hinaus ebenso die ausführliche Beschreibung der verschiedenen Beiträge bei Michaelis-Otte, Bettina: Arne Jacobsens Ferienzentrum, S. 18-26. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 108 von Mensinga und Rogalla für die abgelegene Ostseeinsel wohl etwas zu extravagant. Dennoch muss betont werden, dass die erste Runde des Architekten-Wettbewerbs ja dezidiert als „Ideen-Wettbewerb“ ausgeschrieben war, weshalb sich die Teilnehmer in ihrer Kreativität hinsichtlich mehr oder weniger sinnvoller Zugaben wie der genannten „Bootels“ nicht einzuschränken brauchten.245 Aus historischer Perspektive ist es müßig, in die kunsthistorische Diskussion über die Veränderungen, die die letztlich gebaute Anlage gegenüber den ersten Entwürfen der Architekten aufzuweisen hatte, eingreifen zu wollen.246 Weder sind entsprechende Dokumente vorhanden, die eindeutig belegen können, dass Jacobsen den durch die Bauherren vorgenommen Veränderungen seine Zustimmung verweigert hat, noch stellen solche Veränderungswünsche überhaupt einen außergewöhnlichen Vorgang dar.247 Zudem verstarb Jacobsen während des Baus der Anlage. Vor dem Hintergrund der hier interessierenden Fragestellung nach den durch die Anlage und ihre Konzeption vermittelten Vorstellungen eines spezifisch modernen Tourismus, stellen die augenfälligen Abänderungen der ursprünglichen Konzeption, insbe- 245 Vgl. die Ausschreibung des Wettbewerbs in Bauwelt (1965), Heft 24, S. 714. 246 Vgl. bspw. die Klage Hansens über die ungenügende Berücksichtigung des Ferienzentrums im Gesamtwerk Arne Jacobsens selbst in der aktuellen Werkbiographie von Thau und Vindum in Hansen, Astrid: Das „Ostsee-Heilbad“ Arne Jacobsens, S. 6; vgl. auch Alberts, Klaus/Höhns, Ulrich: Architektur in Schleswig-Holstein seit 1945. 200 Beispiele. Hamburg 1994, S. 88. In der Tat wird das Ferienzentrum in diesem bislang umfassendsten Werk über Jacobsen nur der Vollständigkeit halber im Werksverzeichnis erwähnt. Vgl. Thau, Carsten/Vindum, Kjeld: Arne Jacobsen. Englische Ausgabe. Kopenhagen 2002, S. 544. Auch der Katalog der Hamburger Jacobsen-Ausstellung aus dem Jahr 2003 erwähnt das Ferienzentrum nur im Rahmen der Zeittafel, nicht jedoch im Text; siehe Deichtorhallen Hamburg (Hg.): Arne Jacobsen – Absolut modern. Ostfildern 2003, S. 96. 247 Stattdessen weist Michaelis-Otte sogar nach, dass alle Veränderungen im Rahmen von neuen und durch die Architekten erstellten Plänen erfolgten und zwar noch zu Lebzeiten Jacobsens. Vgl. Michaelis-Otte, Bettina: Arne Jacobsens Ferienzentrum, S. 31f. Auch meine eigenen Quellenstudien kommen zu dem Ergebnis, dass die Kooperationsgespräche zwischen den Bauherren und dem Architektenteam grundsätzlich kooperativ verliefen. Siehe bspw. StA Burg: Protokoll Stadtvertretersitzungen. 31. Sitzung vom 17.12.1965. Dort heißt es: „Eine Bereitschaft zur Änderung und Ergänzung des Planes ist durchaus vorhanden. Herr Prof. Jacobsen und Architekt Weitling brachten zum Ausdruck, daß sie ihren Plan als erste Idee ansehen, der im Kern sicher so durchgeführt werden müsse, ansonsten aber sicher auf die speziellen Wünsche und Belange eingehen kann.“ 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 109 sondere die Erhöhung der drei Hotelbauten von ursprünglich vier auf nun 17 Geschosse, nämlich kein größeres Problem dar.248 Trotz der Änderungen lassen sich m. E. an zahlreichen Details des gebauten Gebäudeensembles und an der Gesamtanlage die ursprünglichen Ideen für eine moderne Ferienanlage rekonstruieren. Auch die Erhöhung der Kapazität der Anlage, von geplanten 1.500 auf schließlich über 4.500, führte vor dem Hintergrund der insgesamt auf der Halbinsel zur Verfügung stehenden Gesamtfläche nicht zu beengten Wohnverhältnissen.249 Stattdessen passen sich die ebenfalls moderat aufgestockten Bungalowbauten immer noch in die sie umgebende Dünenlandschaft ein und sind als Beleg für einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess zu werten, bei denen ein Kompromiss zwischen künstlerischen, ethischen und wirtschaftlichen Aspekten zu finden war. Bebauungsplan Burgtiefe Quelle: LAS, Abt. 691, Nr. 36078 Jacobsens Konzeption bestand aus einer Einteilung der zur Verfügung stehenden Fläche in mehrere Zonen, die der Steuerung des Verkehrs Abbildung 1: 248 Zur Geschosserhöhung vgl. Michaelis-Otte, Bettina: Arne Jacobsens Ferienzentrum, S. 32. 249 Vgl. ebd., S. 31 u. 43. Michaelis-Otte spricht sogar von über 5.000 Betten. Vgl. zur Größe auch Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 61. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 110 dienten.250 Hierfür wurden die Gemeinschaftsbauten Schwimmbad und „Haus des Kurgastes“, die auch von auswärtigen Gästen frequentiert wurden, nebeneinander entlang der Uferpromenade in etwa auf der Höhe der Zufahrt zu der Halbinsel angelegt, sodass die Ferienappartements von dem Verkehrsstrom kaum betroffen waren. Daneben sollte sichergestellt werden, dass sich die einzelnen Gebäude in die Landschaft einpassen, was mit Ausnahme der Hotelbauten auch gelungen ist. Trotz der ursprünglich nicht vorgesehenen Stockwerkerweiterung der drei Hoteltürme wird auch in der gebauten Anlage deutlich, dass Jacobsen und sein Kompagnon eine Idee eines modernen Massentourismus verfolgten, die das Naturerlebnis an oberste Stelle setzte. Während sich in anderen Ferienzentren unterschiedliche Preisklassen der Appartements durch die Ausrichtung der Bauten ergeben, stellte der Entwurf für Burgtiefe einen ungehinderten Meerblick für alle Appartements der drei Hoteltürme sicher. Nach Norden, in Richtung des zentralen Parkplatzes, haben die Hotelzimmer/ Appartements dann gar keine Fenster. Auch weitere Details der Anlage verdeutlichen die Berücksichtigung des Spannungsfeldes zwischen individuellem Erholungsbedürfnis der Urlaubsgäste und ökonomischen Rationalisierungsinteressen beim Betrieb des Ferienzentrums. So stellt die sternförmige Front der Hoteltürme auf der einen Seite eine möglichst effiziente Nutzung des umbauten Raums durch möglichst viele Appartements auf einer Etage sicher, auf der anderen Seite garantiert dieses Konzept den Schutz der Privatsphäre, da die einzelnen Balkone nur schwer einsehbar sind. Zusätzlich wird die Privatsphäre der Urlaubsgäste noch durch individuell einstellbare Sichtblenden gewährleistet, die gleichzeitig vor dem auf der Halbinsel durchaus stark wehenden Wind schützen. 250 Vgl. Deutsche Bauzeitschrift (1967), Heft 9, S. 714; vgl. auch Hansen, Astrid: Das „Ostsee-Heilbad“ Arne Jacobsens, S. 6. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 111 Einer der drei Hoteltürme in Burgtiefe Foto: Thorsten Harbeke Es lassen sich in der Anlage noch zahlreiche weitere Details finden, die als Argument für das Vorhandensein einer dezidierten Vorstellung Abbildung 2: 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 112 über die Erfordernisse eines modernen Massentourismus bei den Architekten schließen lassen.251 Burgtiefe sollte, wie gezeigt wurde, ein modernes „Musterbad“ werden, das die Unterbringung möglichst vieler Gäste mit dem Bedürfnis nach Naturerlebnis, Privatsphäre, Erholung und Individualität in Einklang bringen sollte. Im Vergleich zu anderen schleswig-holsteinischen Ferienzentren ist das Verhältnis zwischen der Größe der Anlage und der Anzahl der Fremdenbetten ein recht großzügiges. Burgtiefe stellt hinsichtlich seines Entstehungszeitpunktes im Rahmen des Wettbewerbs 1965 eines der frühesten schleswig-holsteinischen Ferienzentren dar. 252 Die Dimensionen der Anlage müssen folglich nicht mit später gebauten und geplanten Anlagen verglichen werden, sondern sind vor dem Hintergrund des quantitativen und qualitativen Sprungs zu beurteilen, den ein solches Projekt gegen- über dem Zustand des Fremdenverkehrs auf der Ostseeinsel darstellte. Gleichzeitig ist deutlich zu merken, dass die Architekten und auch die städtischen Bauträger den Versuch unternommen haben, einen für den Naturraum der Insel verträglichen Massentourismus zu gestalten. Zwar ist belegt, dass die Einpassung seiner Bauten in den sie umgebenden Naturraum ein seine Karriere beherrschendes Thema für den Architekten und Designer Arne Jacobsen war, gleichzeitig ist er aber als Theoretiker kaum in Erscheinung getreten. Seine theoretischen Konzepte können somit nur abgeleitet werden.253 Ein näherer Blick auf die in Burgtiefe verwirklichte Anlage lässt die im Zusammenhang mit Jacobsen oft beschworene Qualität eines spezifisch ‚demokratischen’ Charakters des skandinavischen Designs und der Architektur dieser Zeit nicht ganz abwegig erscheinen.254 Die oben am Beispiel der Entwürfe und der gebauten Anlage verdeutlichten Vorstellungen der Ar- 251 Vgl. zu weiteren baulichen Aspekten auch die Beschreibung bei Hartmann, Klaus-Dieter: Urlaub in Burgtiefe, S. 27-34. 252 Vgl. Möller, Hans Georg: Sozialgeographische Untersuchungen, S. 166. 253 Vgl. Jorgensen, Lisbet Balslev: Arne Jacobsen 1902-1971. In: Gili, Mónica/Solaguren-Beascoa, Félix (Hg.): Arne Jacobsen. Edificios Públicos. Barcelona 2005, S. 4-15, hier S. 11. 254 Vgl. zur Kritik des vermeintlich ‚demokratischen’ Ansatzes des skandinavischen Designs Davies, Kevin M.: Marketing Ploy or Democratic Ideal? On the Mythologiy of Scandinavian design. In: Halén, Widar/Wickmann, Kerstin (Hg.): Scandinavian Design Beyond the Myth. Fifty years of design from the Nordic countries. Stockholm 2003, S. 101-110, hier S. 102, 108; zur unkritischen Rezeption siehe 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 113 chitekten waren eingebettet in einen umfassenderen internationalen architektonischen Diskurs. Grob gesagt beschäftigte sich dieser mit der baulichen Ausgestaltung großer Ferienanlagen im Rahmen des sich entwickelnden Massentourismus. Um zu verstehen, vor welchem diskursiven Hintergrund ein Projekt wie Burgtiefe ins Werk gesetzt wurde, ist es erforderlich, sich mit den zeitgenössischen Publikationen aus dem Bereich der Architektur, mit parallel oder unmittelbar im Vorfeld entstandenen touristischen Großprojekten sowie mit zeitgenössischen kritischen Stimmen zur touristischen Entwicklung auseinanderzusetzen. Hierbei ist völlig unerheblich, dass das letztlich gebaute Ferienzentrum auf Fehmarn in seiner Anmutung nur noch wenig mit den ursprünglichen Planungen gemein hatte. Diese Veränderungen sind vielmehr Ausdruck gesellschaftlicher Diskurse außerhalb der Architektur und holen den architektonischen Diskurs zurück auf den Boden der tatsächlich bebauten Umwelt. Auch spielt es keine Rolle, dass die Anlage in Burgtiefe nach ihrer Inbetriebnahme nur eingeschränkt von überregionaler Bedeutung war, sondern sich vielmehr einfügte in ein bestimmtes, jedoch nicht zu unterschätzendes Segment des schleswigholsteinischen Fremdenverkehrs. Burgtiefe wurde in architektonischer Hinsicht weder für Schleswig-Holstein noch im überregionalen Maßstab zum „Musterbad“. Dies wiederum ist m. E. nicht Ausdruck planerischer, baulicher oder betrieblicher Mängel des Ferienzentrums, sondern unter anderem darauf zurückzuführen, dass architektonische Diskurse im 20. Jahrhundert und wohl auch darüber hinaus immer vor dem Hintergrund der Aktualität, also der unmittelbar geplanten oder tatsächlich erst vor Kurzem erfolgten Verwirklichung von Bauprojekten stattfinden. Bauten werden in der einschlägigen Fachpresse entweder im Rahmen ihrer Entstehung bzw. kurz nach ihrer Fertigstellung diskutiert oder eben gar nicht bzw. für einen längeren Zeitraum nicht.255 Erst im Zuge einer kunstgeschichtlichen oder denkmalschütinsbes. Fiell, Charlotte/Fiell, Peter: Skandinavisches Design. Neuausgabe. Köln 2013, S. 8-19; siehe auch Sommar, Ingrid: Scandinavian Style. Classic and modern Scandinavian design and its influence on the world. London 2003, S. 6f. 255 Vgl. zur komplexen Entstehung architektonischer Erinnerung Serraino, Pierluigi: Die Fotografie und die Amerikanische Moderne. Vom frühen International Style bis zu den 70er-Jahren. In: Serraino, Pierluigi/Schulman, Julius: Modernism Rediscovered/Die wiederentdeckte Moderne/La redécouverte d’un modernisme. Köln 2000, S. 10-13, hier S. 13. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 114 zerischen Diskussion haben solche Diskurse eine erneute Chance zu entbrennen, freilich wie im vorliegenden Fall auf weit geringerer Flamme und in einem anderen gesellschaftlichen Feld.256 Solche Publikationen sind angesichts eines in den letzten Jahren stetig gestiegenen Interesses an der Architektur der 50er und 60er Jahre zu sehen, die ihren Ausdruck in zahlreichen, mehr oder weniger wissenschaftlichen Publikationen gefunden hat. Da die Großbauten allmählich in die Jahre kommen, stellt sich nämlich aktuell die Frage nach dem kunsthistorischen Wert der Anlagen und dessen Berücksichtigung hinsichtlich ebenso berechtigter Modernisierungsinteressen der Betreibergesellschaften.257 Gleichzeitig ist ein übergeordneter gesellschaftlicher Diskurs zu identifizieren, der sich in einem verstärkten Interesse an der Epoche des architektonischen Brutalismus ausdrückt, in dessen Ausläufer letztlich die Ferienzentren in Schleswig-Holstein zumindest teilweise zu verorten sind.258 Denn subtrahiert man die weiße Fassadenfarbe vieler dieser Ferienzentren, dann bleibt vielfach eben genau dieser vor allem durch seine umfassende Verwendung von Sichtbeton bekannte Architekturstil zurück.259 Die Vorbilder für die schleswig-holsteinischen Ferienzentren werden in der Literatur üblicherweise in einer Handvoll umfassend geplanter Urlaubsanlagen identifiziert. Auch wenn der etwas ältere Typ des sogenannten Feriendorfes, der teilweise für das schleswig-holsteinische Damp von Bedeutung ist, zu deren Vorläufern gehört, sind hier in erster Linie die Großprojekte La Grande-Motte an der französischen Mittelmeerküste und der Wintersportkomplex Flaine in den französi- 256 Ein Beispiel für ein solches Wiederaufflammen des Diskurses vor dem Hintergrund der Kunstgeschichte und des Denkmalschutzes stellt der schon mehrfach zitierte Text von Astrid Hansen dar: Das „Ostsee-Heilbad“ Arne Jacobsens, sowie der im selben Heft erschienene Text von Fink, Alexandra: Gestern modern, heute „Altes Eisen“? Platzkonzeptionen der frühen sechziger Jahre in Fulda. In: Die Denkmalpflege 63 (2005), Heft 1, S. 15-26. 257 Für die Konsequenzen in denkmalpflegerischer Hinsicht vgl. Hansen, Astrid: Das „Ostsee-Heilbad“ Arne Jacobsens, S. 10-13. 258 Beispiel für dieses neu erwachte Interesse an dieser Architektur ist neben zahllosen populären Veröffentlichungen im Format von Coffeetable-Books u. a. die internationale Tagung: Brutalismus. Architekturen zwischen Alltag, Poesie und Theorie, die im Mai 2012 in Berlin stattgefunden hat. 259 Vgl. Harbeke, Thorsten: Touristische Infrastrukturpolitik in Schleswig-Holstein, S. 244. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 115 schen Alpen zu nennen.260 In Europa gehört Frankreich damit zu den Vorreitern geplanter Ferien- und Freizeitanlagen. Das in der Nähe der Stadt Montpellier gelegene La Grande-Motte ist Teil der Region Languedoc-Roussillon, die ab dem Jahr 1957 zu einer für das gesamte Land bedeutsamen Urlaubsregion umgestaltet wurde.261 Dort, wie auch in Schleswig-Holstein, bestand das Motiv für die Errichtung der Anlagen in der Schaffung von Dauerarbeitsplätzen, was allerdings in Frankreich mit durchschnittlich viel geringeren Investitionssummen pro Arbeitsplatz deutlich besser gelang.262 Die Anlagen in Deutschland und Frankreich verbindet der stark modernistische Baustil. Der architektonische Diskurs hob auch für den von Marcel Breuer geplanten Skiort Flaine den Charakter der „Retortenstation“ hervor, betonte also ebenso wie bei Burgtiefe eine gewisse Künstlichkeit.263 Diese sei aber intendiert, um einen Kontrast zum wahren Leben, dass sich auf der Piste abspiele, zu schaffen.264 Flaine ist als Vorbild insbesondere für Burgtiefe und auch die anderen Ferienzentren auch deshalb von Bedeutung, weil sich der Planungs- und Bauprozess der Anlage über viele Jahre hinzog und mit Sicherheit von Architekten wie Jacobsen verfolgt wurde.265 Der in Burgtiefe zur Anwendung gekommene architektoni- 260 In einen direkten Zusammenhang stellt die Anlagen bspw. Wagner, Friedrich A: Ferienarchitektur; vgl. auch Spode, Hasso/Klemm, Kristiane: Zur Geschichte der Ferienarchitektur. In: Romeiß-Stracke, Felizitas (Hg.): TourismusArchitektur. Baukultur als Erfolgsfaktor. Berlin 2009, S. 95-109, hier S. 105ff. 261 Vgl. Jesberg, Paulgerd: Bauen für die Freizeit. In: Deutsche Bauzeitschrift (1966), Heft 3, S. 687-702, hier S. 697. 262 Siehe hierzu Möller, Hans-Georg: Tourismus und Regionalentwicklung im mediterranen Südfrankreich. Sektorale und regionale Entwicklungseffekte des Tourismus. Stuttgart 1992, insbes. S. 150; siehe auch wegen einer gleichzeitigen Perspektive auf Schleswig-Holstein Amarhouche, Said: Deutsche und französische Regionalwirtschaftspolitik unter besonderer Berücksichtigung der Fremdenverkehrsaktionsprogramme an der deutschen Ostseeküste und im Languedoc-Roussillon. Uni-Diss. Köln 1973, S. 100-105. Das Werk ist allerdings in Bezug auf Schleswig- Holstein wegen formaler und inhaltlicher Mängel mit Vorsicht zu behandeln. 263 „Flaine. Urlaubsort in Hochsavoyen“. In: Bauwelt (1975), Heft 15, S. 441-443, hier S. 441. 264 Vgl. ebd., S. 443. 265 Vgl. Gatje, Robert F.: Arbeiten mit Marcel Breuer. In: Vegesack, Alexander von/ Remmele, Mathias (Hg.): Marcel Breuer. Design und Architektur. Weil am Rhein 2003, S. 310-331, hier 322. Dort auch eine Reihe von hervorragenden Fotos von Flaine. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 116 sche Ansatz ergänzte allerdings die streng brutalistische Formensprache Breuers um eine stärkere Einpassung in die umgebende Landschaft. Anklänge an diesen Stil finden sich sehr wohl in den Appartementhäusern, nicht mehr jedoch bei den Gemeinschaftsbauten, wie beispielsweise dem Schwimmbad.266 Damp 2000 – die „fordistisch rationalisierte Urlaubsfabrik“267 Das sicherlich bekannteste Ferienzentrum in Schleswig-Holstein steht in Damp, deutlich abseits der restlichen Anlagen, die zwischen Kieler Förde und Lübecker Bucht angesiedelt sind. Damp liegt auf der Halbinsel Schwansen im Landesteil Schleswig auf einem selbst für schleswig-holsteinische Verhältnisse abgelegenen Flecken Erde. Weitaus grö- ßer als die Anlage in Burgtiefe hat Damp einen Schwerpunkt auf medizinische Anwendungen und ist besonders skandalumwittert.268 Das Ferienzentrum wurde im Jahr 1973 eröffnet; die Planungen für das Seebad stammen aus den späten 60er Jahren.269 Am Beispiel dieser Anlage lassen sich einige der (Fehl-) Entwicklungen, die zu dem Boom der Ferienzentren führten, besonders gut verdeutlichen. Auch liegen für dieses Ferienzentrum andere Arten von Quellen vor. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, da die Gemeinde trotz ihrer Planungshoheit bei diesem Projekt außer ihrer grundsätzlichen Zustimmung nur wenig beizutragen hatte.270 Die nicht besonders umfangrei- 4.2.2 266 Für letzteres ist Hansen zuzustimmen, die in der Anlage des Schwimmbades geradezu eine Absage an brutalistische Architektur sieht. Vgl. Hansen, Astrid: Das „Ostsee-Heilbad“ Arne Jacobsens, S. 9 sowie S. 14, EN 19. 267 Pagenstecher, Cord: Der bundesdeutsche Tourismus, S. 148. 268 So wurde unter anderem der Staatssekretär Beske Anfang der 80er Jahre der Vorteilsnahme im Zusammenhang mit der Aufnahme Damps in den Krankenhausbedarfsplan des Landes bezichtigt. Weiterhin wurde zum selben Zeitpunkt auch von Seiten der Landtagsopposition versucht, die Vergabe einer Landesbürgschaft für den Bau des lange Zeit defizitären Ferienzentrums zu skandalisieren. Der Vorgang ist überliefert in LAS, Abt. 691, Nr. 33811. 269 Vgl. Voigt, Kurt/Seemann, Karl: Chronik Damp. Gut Damp, Gemeinde Damp, Ostseebad Damp. Damp 1994, S. 642. 270 Die Kommunalvertreter waren m. E. wegen mangelnder Expertise schlicht gar nicht in der Lage, eine sinnvolle Beurteilung eines Projekts in dieser Größenordnung vorzunehmen. Dies wurde von der Landtagsopposition auch für andere 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 117 che kommunale Überlieferung ist dennoch für die Bewertung des Projekts besonders aufschlussreich.271 In weitaus größerem Maße als auf Fehmarn hat sich hier das Land an der Planung und Finanzierung des Ferienzentrums beteiligt, obwohl die Verfahrensweisen in beiden Fällen ähnlich waren. So zeigt eine Durchsicht der im Landesarchiv Schleswig-Holstein überlieferten Akten, dass die Rolle der Gemeindevertreter_innen vor allem darin bestand, dem Projekt in seinen verschiedenen Planungs- und Bauabschnitten zuzustimmen oder es abzulehnen.272 Treibende Kraft hinter dem Vorhaben, das wohl in den Jahren 1968/69 Gestalt annahm, war der damals etwa 35-jährige Dr. Renatus Rüger, eine wohl schon zu diesem Zeitpunkt schillernde Persönlichkeit. Laut Firmenhistorie hatte er seine Firma im Jahr 1960 gegründet, war schon ab 1964 im Bereich von Bauträgerschaften aktiv und hatte sich ab den späten 60er Jahren im Rahmen von Fondsprojekten engagiert.273 kleine Ostseegemeinden mit Ferienzentren konstatiert. Vgl. Plenarprotokoll: 7. WP, 14. Sitzung am 07.03.1972, S. 731, Rede des SPD-Tourismusexperten Stojan. Sein Kollege Lausen von der CDU musste dies im übrigen auch zugeben. Vgl ebd., S. 738. 271 Siehe Amtsarchiv Schlei-Ostsee (i. F. AmA SchlO): Protokollbuch der Gemeinde Damp. Sitzungen Dezember 1968-April 1969; für eine sehr ausführliche Schilderung der Planungsphase aus den vorhandenen Akten vgl. auch Voigt, Kurt/ Seemann, Karl: Chronik Damp, S. 631-635. 272 Siehe hierzu die Akten zu Damp im LAS im Bestand des Wirtschaftsministeriums: LAS, Abt. 691, Nr. 33741, 33743, 33744, 33774, 33811, 33821, 34133, 34285, 34286, 34288, 34332, 34462, 34463, 34478, 34484, 34485 und 34556. Aus diesen Akten wird deutlich, dass die Verhandlungen hinsichtlich der Finanzierung des Projekts im Gegensatz zum Fallbeispiel Burgtiefe fast ausschließlich durch das Wirtschaftsministerium geführt wurden. Dies ist insbesondere durch den Größenunterschied zwischen Damp und der Stadt Burg auf Fehmarn erklärlich, der auch eine professionalisiertere Verwaltungsstruktur auf Seiten Burgs mit sich brachte. 273 Vgl. die Firmenhistorie unter http://www.rueger-holding.de/unternehmen, abgerufen am 23.10.2017. Die Gemeinde selbst hatte schon vorsichtige Vorüberlegungen für eine Ausweitung des Fremdenverkehrs vorgenommen, die in ihren Dimensionen jedoch weit unterhalb des auf Initiative von Rüger gebauten Ferienzentrums blieben und mit der Entscheidung für dieses Projekt obsolet wurden. Vgl. Voigt, Kurt/Seemann, Karl: Chronik Damp, S. 632; vgl. auch Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 59. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 118 In Damp sollte in den nächsten Jahren mit dem Ferienzentrum Damp 2000 eines der größten und teuersten Bauprojekte des Landes entstehen. Die winzige Gemeinde mit etwa 650 Einwohner_innen entschied sich in der Sitzung der Kommunalvertretung am 5. Dezember 1968 für den Bau des Seebades.274 Bezeichnenderweise nahmen an dieser Sitzung nicht nur die gewählten Vertreter_innen des kleinen Ortes teil, sondern auch Amts- und Kreisvertreter_innen, die Architekten und, als Bauherr für die Firma Intergrund, auch Rüger selbst. Es waren jedoch keine Landesvertreter_innen anwesend.275 Bürgermeister Wiedecke ließ in seinen Ausführungen zu diesem Sachverhalt keinen Zweifel daran, dass Planung und Durchführung eines solchen Projekts von der Gemeinde alleine nicht bewältigt werden konnten und betonte die Rolle der Landesministerien beim Zustandekommen des Projekts.276 Im Gegensatz zum Ostseebad Burgtiefe gab es in Damp weder einen Architektenwettbewerb noch eine Ausschreibung, da die Initiative hier ja ganz klar von Investorenseite ausging. Die Anlage wurde nach Entwürfen des alteingesessenen Kieler Architektenbüros Otto Schnittger gebaut, das sich auch schon an dem Wettbewerb auf Fehmarn beteiligt hatte und dort zu den Preisträgern gehört hatte.277 Neben einer Vorstellung der geplanten Anlage vermerkt das Protokoll der Stadtvertretersitzung auch noch die Erläuterung der finanziellen Aspekte für die Gemeinde. Diese wäre gar nicht in der Lage gewesen, selbst die im Vergleich zu ähnlichen Projekten ausgesprochen geringen Eigenmittel aufzubringen, sondern sie war vollständig auf Landeskredite angewiesen.278 Selbst an den Gemeinschaftseinrichtungen, die in einer „Kurbetriebe Damp GmbH“ organisiert waren, war 274 Für die Einwohnerzahl vgl. Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 249. 275 Vgl. AmA SchlO: Protokollbuch der Gemeinde Damp 1968/69. 276 Vgl. ebd; vgl. auch die Niederschrift, in der die „maßgebliche[...] Mitwirkung des Innenministeriums und des Ministeriums für Wirtschaft und Verkehr“ beim Zustandekommen des Vertragswerks betont wird. LAS, Abt. 691, Nr. 33811: Niederschrift über die 6. Sitzung des Investitionsausschusses am 28.4.1970 in Kiel. 277 Vgl. zum Architekturbüro Schnittger die Firmenhistorie Schnittger Architekten (Hg.): Die Architekten Schnittger. Bauen in Norddeutschland. Hamburg 2000, insbes. S. 161-165. 278 Vgl. LAS Abt. 691, Nr. 33811. Entwurf eines Vermerks vom 11.02.1980. Aus der Quelle wird deutlich, dass die für die Kommune gewährten Darlehen letztlich aus dem Betrieb des Ferienzentrums zurückzuzahlen waren und nicht aus Steuereinnahmen. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 119 die Gemeinde nur mit einem Stammkapital von 50.000 DM beteiligt. Das Land hingegen unterstützte den Bau durch mehrere Ausfallbürgschaften im Umfang von deutlich über 50 Millionen DM; ein Umstand, der einige Jahre später noch zu politischem Streit auf Landesebene führen sollte. In der Folge der Entscheidung der Gemeinde für den Investor Rüger wurde das Seebad nun in den Jahren 1969 bis 1973 errichtet, der Klinikbetrieb wurde etwas später fertiggestellt. Seinen wohl in Anlehnung an das „space age“ leicht futuristisch klingenden Namen Damp 2000 hatte es schon in der Bauphase erhalten. Neben den weithin sichtbaren Großbauten, in denen sich die Appartements und der Klinikbetrieb befinden, besteht das Ferienzentrum auch noch aus über 500 Ferienhäusern in Zeltdachbauweise.279 Die vor allem von der Meerseite weithin sichtbare Anlage besteht aus großen sternförmigen Appartementhäusern mit integrierten Gemeinschaftseinrichtungen und Geschäften, die um einen zentralen Hafen angelegt sind.280 Abgesehen von der Gemeinde und dem Investor ist noch ein weiterer Akteur von Bedeutung, der an der Errichtung des Ferienzentrums ein unmittelbares Interesse hatte. Im Gegensatz zum Ferienzentrum Burgtiefe, bei dem die Grundstücke in einem länger andauernden Prozess aufgekauft werden mussten, war der überwiegende Teil der für die Errichtung von Damp benötigten Flächen im Besitz der Familie von Reventlow, hauptsächlich in Person von Ludwig zu Reventlow. Dieser konnte durch den Verkauf von Landflächen an Rüger mehr als 3 Millionen DM einnehmen.281 Während die Firma Rüger für die nun zu Bauland umgewidmeten ehemals landwirtschaftlichen Flächen 279 Vgl. Voigt, Kurt/Seemann, Karl: Chronik Damp, S. 641f. vgl. auch Pagenstecher, Cord: Der bundesdeutsche Tourismus, S. 148. 280 Vgl. Beseler, Hartwig/Dethlefsen, Klaus/Gelhaar, Kurt: Architektur in Schleswig- Holstein 1900-1980. Neumünster 1980, S. 172; vgl. auch Schnittger Architekten (Hg.): Die Architekten Schnittger, S. 161-165; vgl. auch „Damp“. In Bauwelt (1970), Heft 29, S. 1105-1107. 281 Auf Fehmarn mussten nicht allein Grundstücke erworben werden, sondern es war erforderlich, die Gemeindegrenzen zu ändern, da Teile der Halbinsel Burgtiefe zu Beginn des Bauprojekts zur damals noch bestehenden Gemeinde Meeschendorf gehörten. Dies ergibt die Durchsicht von StA Burg: Magistratssitzungen 02.06.1964-31.12.1966 sowie ebd., Nichtöffentliche Stadtvertretersitzungen 01.06.1951-24.4.1978, bes. die Vorlagen 22 und 32/1969 sowie 8/1970 zum Erwerb des sog. Wartturmgrundstückes, bei dem es langer Verhandlungen seitens 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 120 einen Quadratmeterpreis um die acht DM zu zahlen hatte, zahlte die Gemeinde Damp für mehrere kleine Grundstücke nur zwei DM pro Quadratmeter.282 Für den Bau des Ferienzentrums musste auch ein bis dahin bestehender Campingplatz auf einem Grundstück der Familie von Reventlow weichen, zu dem die Familie wohl ein besonders emotionales Verhältnis pflegte. Anders ist m. E. die vertragliche Zusicherung von touristischen Modernisierungsmaßnahmen nicht zu erklären, die zwar nicht exemplarisch für den Strukturwandel im Fremdenverkehr stehen, an dieser Stelle aber nicht unterschlagen werden sollen: „Der Käufer verpflichtet sich, auf dieser neuen Campingfläche die nach den gesetzlichen Bestimmungen für moderne Campingplätze erforderlichen sanitären Installationen und Baulichkeiten auf seine Kosten anzulegen, innerhalb von 2 Jahren nach Wirksamwerden des Vertrages, wobei insbesondere vereinbart wird, die Toilettendeckel des WC’ s für die Damentoiletten mit Röschen und für die Herrentoiletten mit Reitermotiven auszustatten.“283 Da die Quellenlage im Fall des „Finanzjongleurs“ Renatus Rüger deutlich besser ist, soll an dieser Stelle das Finanzierungsmodell der Ferienzentren noch einmal kurz angesprochen werden.284 Wie am Beispiel von Burgtiefe schon erläutert, bestand das Geschäftsmodell, welches den Bau der Anlagen ermöglichte, in der Ausnutzung von Abschreibungs- und Förderungsmöglichkeiten für private Kapitalanleger_innen im Zonenrandgebiet. Hierbei muss unterschieden werden zwischen den Hauptgesellschaftern der Trägergesellschaften, bei denen sich schon durch den Bau der Anlagen selbst verschiedenste Verdienstmöglichkeiten boten, und den privaten Anleger_innen, die in der Stadt mit dem Eigentümer bedurfte. Kopien mehrerer Kaufverträge für Landflächen in Damp finden sich in LAS, Abt. 691, Nr. 34285. 282 Vgl. die genannten Kaufverträge in LAS, Abt. 691, Nr. 34285. 283 Vgl. ebd.: Kaufvertrag vom 21.11.1968. Über die konkrete Umsetzung dieser besonderen Bestimmungen können freilich keine Aussagen getroffen werden. 284 LAS, Abt. 691, Nr. 33811: Ausschnitt aus der Zeitschrift Capital (1977), Heft 6. Da alte Jahrgänge der Zeitschrift nur schwer erhältlich sind, können nicht die genauen Seitenzahlen des Artikels angegeben werden, sehr wahrscheinlich handelt es sich um die Seiten 16-21. Im Folgenden werden in den Fußnoten Seitenzahlen immer nur dann angegeben, wenn sich diese aus der Kopie in der Akte verfizieren ließen. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 121 Form von unterschiedlichen Beteiligungsmodellen Firmenanteile bzw. Wohneigentum erwarben.285 Während es bei denjenigen Ferienzentren, die über den konkreten Erwerb von Wohneigentum durch Privatanleger_innen finanziert wurden, wie es beispielsweise in Heiligenhafen, Wendtorf und zum Teil in Burg der Fall war, darauf ankam, dass die zukünftigen Ferienwohnungen letztlich profitabel vermietet werden mussten, spielte diese Erwägung laut Kurz bei der Errichtung derjenigen Ferienzentren, bei denen es sich um reine Beteiligungsgesellschaften handelte, keine Rolle mehr. Hier habe es sich ausschließlich um finanz-spekulative Erwägungen von Seiten der Bauträger gehandelt.286 Auch die Rechtsform der GmbH & Co. KG, die besonders günstige Haftungsbedingungen für das eingebrachte Kapital garantiert, spricht für diese Sichtweise.287 Das Geschäftsmodell von Rüger war jedoch bereits Gegenstand einer journalistischen Recherche, wie sie in ihrem Umfang für eine historische Arbeit wie der vorliegenden gar nicht möglich wäre.288 Zwar ist quellenkritische Vorsicht geboten, da aufgrund der unterschiedlichen Arbeitsweisen von Historiker_innen und Journalist_innen die Angabe von Quellen naturgemäß unterbleiben muss, dennoch wirft der Artikel im Zusammenhang mit den weiter oben angeführten Informationen über die Akteure in Burgtiefe ein Schlaglicht auf die Geschäftspraktiken von Rüger, die sich m. E. auch auf die anderen Ferienzentren übertragen lassen. Der Grundton des Artikels im ansonsten nicht gerade für seine kapitalismuskritische Haltung bekannten Wirtschaftsmagazin Capital aus dem Juni 1977 ist Rüger gegenüber nur als ausgesprochen kritisch zu bezeichnen. Rügers Aktivitäten werden deutlich in die Nähe eines Tatbestands der Wirtschaftskriminalität sowie des Betrugs und der Konkursverschleppung gerückt, ohne dies freilich offen zu behaupten. Der zum Zeitpunkt der Errichtung von Damp knapp 40 Jahre alte Rü- 285 Ich folge bei der Darstellung den Ausführungen bei Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 67f. sowie 70ff. 286 Vgl. ebd., S. 67f.; vgl. zu den Motiven in Heiligenhafen Fuchs, Elisabeth: Heiligenhafen, S. 59. 287 Vgl. zur Struktur der Gesellschaften Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 68. 288 Siehe LAS, Abt. 691, Nr. 33811: Ausschnitt aus der Zeitschrift Capital (1977), Heft 6. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 122 ger hatte erst Anfang der 60er Jahre mit dem „Geschäftemachen“ begonnen, indem er sich in Köln als Wohnungsmakler betätigte.289 Knapp 10 Jahre später war er schon der Vorstand eines aus ca. 50 Einzelfirmen bestehenden Firmenkonsortiums.290 Ein etwas längerer Textauszug kann gleichzeitig einen Hinweis auf das Finanzierungsmodell liefern, das zumindest teilweise auch in Damp zum Tragen kam: „Der wahre Hunger des Renatus Rüger aber war nicht zu stillen. Stets auf der Jagd nach Geld und Geltung, immer auch verfolgt von den Forderungen seiner zahllosen Gläubiger unter den Banken, griff Rüger Ende 1975 wieder einmal zu. Sein schärfster Rivale im steuerlichen Abschreibungsgeschäft, Erwin Walter Graebner, hatte ihm die Wohnungsbaugesellschaft Albag Allgemeine Beteiligungs- und Bautreuhand AG zum Kauf angeboten, in deren Regie 8000 Wohnungen nach dem sogenannten Kölner Modell gebaut worden waren. Die Bauherren pochten immer lauter auf die Erfüllung von Garantien, wie sie die Albag zugesagt hatte. Das Risiko, daß die Garantiemiete und die gleichfalls versprochene Rücknahme von Wohnungen eines Tages aus Geldmangel nicht mehr erfüllbar würden, wurde von Branchenkennern sehr hoch veranschlagt. Vorerst aber klimperten in den Albag-Kassen noch 14 Millionen Mark in bar; nahezu der gleiche Betrag stand außerdem noch unter den Forderungen auf der Aktivseite der Albag-Bilanz. Insgesamt also an die 30 Millionen Mark – das war eine Summe, die den risikobereiten Rüger schon reizen konnte. Zum Kaufpreis von rund drei Millionen Mark wechselte die Albag-Kasse samt den 8000 verwalteten Bauherren-Wohnungen also in den Besitz der Dr. Rüger-Gruppe über. Verkäufer Graebner war erkennbar froh, daß er den Wohnungsberg los war. Für Rüger aber war der Besitz nicht von langer Dauer. Er teilte Anfang Mai lapidar mit, er habe sich von der 18 Monate zuvor erworbenen Albag wieder getrennt, und merkte zur Begründung an: ‚Die Probleme sind unterschätzt worden.’ Nicht mitgeteilt aber hat der Finanzjongleur, wie es jetzt um den Kassenbestand bei Albag aussieht: Dieser war in 18 Monaten um 17 Millionen Mark geschrumpft.“291 Im Folgenden wird nun das Panorama eines weitgehend unübersichtlichen Firmengeflechts entworfen, bei dem Rüger durch die Umschichtung von Vermögen Risiken gegenüber weiteren Beteiligten verschleierte bzw. versuchte, Börsenkurse zu manipulieren, seinen Verpflich- 289 Ebd., S. 16. 290 Vgl. ebd. 291 Ebd. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 123 tungen jedoch letztlich durch geschickte Transaktionen immer nachkommen und somit einem stetig drohenden Konkurs zuvorkommen konnte.292 Rüger bewegte sich innerhalb eines Milieus, in dem Anschuldigungen und der Versuch einer Kriminalisierung einzelner Vorgänge zum üblichen Handlungsrepertoire gehörten und in dem auch in juristischer Hinsicht mit harten Bandagen gekämpft wurde.293 Weder eine moralische noch eine endgültige juristische Beurteilung des Vorgehens Rügers ist an dieser Stelle zulässig. Es soll jedoch darauf hingewiesen werden, dass die Finanztransaktionen der Firma Rüger und auch anderer am Ferienzentren-Boom beteiligter Akteure sich in einer rechtlichen Grauzone bewegten. Hierbei handelte es sich um ein Feld, bei dem rechtlich zulässigen und in letzter Konsequenz von Seiten der Politik lange Zeit mindestens tolerierten Finanzgeschäften Geschäftspraktiken gegenüberstanden, die aufgrund ihrer Komplexität weder für die beteiligten Privatanleger_innen noch für die Strafverfolgungsbehörden durchschaubar waren. Darüber hinaus sind trotz der undurchsichtigen Architektur der Beteiligungsgesellschaften zahlreiche Verknüpfungen zwischen den Investor_innen ersichtlich, beispielsweise in Gestalt der „Consulta Wirtschafts- und Finanzberatung“ von Erwin Walter Graebner, der sowohl mit Rüger als auch mit den an Burgtiefe beteiligten Akteuren Geschäfte machte.294 Strafrechtlich ver- 292 Vgl. ebd., S. 17f. 293 So versuchte bspw. ein ehemaliger Mitarbeiter Rügers diesen im Jahr 1970 und in Zusammenhang mit Damp in juristischer Hinsicht in Bedrängnis zu bringen, indem er eine Strafanzeige wegen Prospektbetrugs stellte und dies der schleswigholsteinischen Landesregierung zur Kenntnis brachte. Der ob dieses Vorgangs sichtlich erzürnte Chef der Staatskanzlei übersandte diese Information zur Kenntnis an drei Minister. Es stellte sich jedoch im weiteren Fortgang heraus, dass der ehemalige Mitarbeiter Rügers selbst eine Rolle innerhalb des zur Anzeige gebrachten Vorgangs der Täuschung von Investor_innen gespielt hatte. Über den Verlauf der Strafanzeige kann nichts abschließend gesagt werden. Die Behandlung des Sachverhalts innerhalb der Akten des schleswig-holsteinischen Wirtschaftsministeriums legt allerdings die Vermutung nahe, dass die Ermittlungen im Sande verliefen. Der Vorgang ist überliefert in LAS, Abt. 691, Nr. 34285, vgl. besonders das Schreiben des Chefs der Staatskanzlei vom 16.10.1970 sowie das Antwortschreiben aus dem Wirtschaftsministerium von Dr. Pfeiffer vom 22.10.1970; vgl. weiterhin LAS, Abt. 691, Nr. 34286: Vermerk VII/33 vom 22.01.1970, in dem über eine Steillungnahme der Firma Rüger in dieser Angelegenheit berichtet wird. 294 Mister drei Prozent. In: Der Spiegel vom 25.02.1974. Nr. 9 (1974), S. 62. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 124 folgbar waren diese Geschäfte wohl deshalb nicht, da die Trennlinie zwischen individuellem Risiko auf Seiten der Investor_innen und justiziabler Täuschungsabsicht im Einzelfall kaum beurteilt werden konnte. Dass sich einzelne Akteure auf Seiten des Wirtschaftsministeriums dieses Spannungsfeldes grundsätzlich bewusst waren, belegen mehrere Quellen. Als der Vorwurf des Prospektbetrugs gegen Rüger im Jahr 1970 die Landesregierung in Bedrängnis hätte bringen können, da sowohl Ministerpräsident Lemke (CDU) als auch Bundesbauminister Lauritz Lauritzen zu dem beanstandeten Anlegerprospekt ein Vorwort verfasst hatten, konnte sich Fremdenverkehrsreferent Christensen darauf zurückziehen, dass ihn niemand gefragt habe, ob eine solche Beteiligung an einem Investorenprospekt sinnvoll sei und die Staatskanzlei die Beteiligung selbst zu verantworten habe.295 Im Fremdenverkehrsreferat hielt man die gegen Rüger erhobenen Behauptungen wohl nicht für völlig abwegig, sondern konstatierte, „daß die Vorwürfe hinsichtlich zu bestimmten Zeitpunkten bekannten Sachverhalten grundsätzlich richtig sein mögen.“296 Der eigentliche und nun auch öffentlich ausgetragene Skandal um Finanzierung und Betrieb des Ferienzentrums Damp fand allerdings erst zu Beginn der 80er Jahre statt. Schon in der Bauphase des Ferienzentrums hatte es eine Schwerpunktverlagerung weg von einem reinen Ferienzentrum hin zu einem auf Gesundheitsanwendungen ausgerichteten Klinikbetrieb mit angeschlossenen Tourismuseinrichtungen gegeben. Im zentralen Gebäudekomplex, dem sogenannten „Sternhaus“, wurde eine Kur- und Reha-Klinik untergebracht, die fortan einen wichtigen Teil des Ostseebades ausmachte.297 Während in den ursprünglichen Planungen schon eine Sportklinik vorgesehen gewesen war, wurde dieser Bereich im Jahr 1975 erheblich vergrößert. Dies brachte eine Reduzierung der für den Fremdenverkehr reservierten Betten von 6.700 auf nur noch 5.000 mit sich.298 Dieser Klinikbetrieb, 295 Vgl. LAS, Abt. 691, Nr. 34285: Schreiben Dr. Pfeiffer, Fremdenververkehrsreferat im Wirtschaftsministerium an Wirtschaftsminister Narjes vom 22.10.1970. In dem Schreiben findet sich die genannte Aussage von Christensen. 296 Ebd. 297 Vgl. Voigt, Kurt/Seemann, Karl: Chronik Damp, S. 641. 298 Vgl. Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostee, S. 118. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 125 die „Ostseeklinik Damp“, war es dann auch, der im Frühjahr 1980 die Landesregierung in ernsthafte Bedrängnis brachte: Konkret ging es um die Aufnahme großer Teile der Einrichtung in den Krankenhausbedarfsplan des Landes Schleswig-Holstein. Die SPD-Opposition versuchte hierbei diesen Vorgang in Zusammenhang zu bringen mit einer jährlichen Spende an das „Institut für Gesundheits-System-Forschung“, dessen Gründer und wohl auch wichtigster Mitarbeiter der Staatssekretär im Sozialministerium namens Beske war. Zwar wurden die staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen Beske eingestellt und dieser konnte im Amt bleiben, es gelang der Landtagsopposition aber, die großzügige Förderung und die Gewährung der Landesbürgschaft für Damp zu skandalisieren.299 Denn nicht nur Beske hatte Spenden angenommen, sondern auch der Stormarner CDU-Kreisverband, dessen Vorsitzender Justizminister Claussen war, hatte 5.000 DM von Rüger erhalten.300 Die Landtagsopposition stellte zu diesem Sachverhalt mehrere Kleine Anfragen und konnte so die Entstehungsgeschichte der Ferienzentren einige Zeit in den Medien platzieren. In diesem Zusammenhang war dann auch das Wirtschaftsministerium intensiv damit beschäftigt, den Umfang der damaligen Förderung zu rekonstruieren. Dabei kam erschwerend hinzu, dass das Ostseebad auch nach der Anlaufphase nicht profitabel arbeitete und deshalb die Landesbürgschaft zum Tragen kam.301 Neben dem Klinikbetrieb war auch das eigentliche Kerngeschäft mit den Appartements und Ferienhäusern anfangs nicht gewinnträchtig, was die Betreiber ähnlich wie in Burgtiefe zu einem Verkauf von Teilen des Immobilienbestands zwang. Knapp die Hälfte der insgesamt 552 Ferienhäuser wurde im Jahr 1977 verkauft.302 Der oben auszugsweise zitierte Historisierungsversuch der Entstehungsgeschichte der Ferienzentren durch die Landesregierung ist in diesem Kontext der wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu sehen, da es trotz angekündigter Auslastungsgarantien durch den Betreiber nicht 299 Der Vorgang ist überliefert in LAS, Abt. 691, Nr. 33811. 300 Vgl. ebd. 301 Vgl. ebd: Entwurf eines Vermerks des Wirtschaftsministeriums vom 11.02.1980. In diesem wird die Finanzierung des Ostseebades aufgeschlüsselt. 302 Vgl. Voigt, Kurt/Seemann, Karl: Chronik Damp, S. 647. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 126 gelang, die Nebensaison profitabel zu gestalten.303 Die besonders intensive Betreuung durch die Landesregierung und die großzügige Förderungspraxis für Damp ist vor dem Hintergrund der Strukturarmut im schleswig-holsteinischen Nordosten zu beurteilen; ein Umstand, der sicherlich auch dazu beigetragen hat, dass dem Geschehen in Damp von Seiten der Medien und der Politik seit vielen Jahren immer wieder verstärkte Aufmerksamkeit geschenkt wird.304 Die Ferienzentren in Betrieb „In zehn Jahren sind das hier Slums“305 betitelte „Der Spiegel“ im Jahr 1972 einen längeren Artikel zum Bauboom an Schleswig-Holsteins Ostseeküste. Gemeint waren mit diesem angeblich auf einer Tagung des Starnberger Studienkreises für Tourismus gefallenen Ausspruch die schleswig-holsteinischen Ferienzentren und wohl auch andere großdimensionierte Bauprojekte. 306 Auch ähnliche und in der Öffentlichkeit hoch umstrittene Projekte wie der sogenannte Wiking-Turm in Schleswig, der letztlich nur durch die Bereitstellung von Landesmitteln fertiggestellt werden konnte, waren hiermit wohl gemeint. Selbst wenn man den kulturpessimistischen Ton des Artikels und die teilweise recht alarmistischen Prognosen und Kommentare in der öffentlichen Diskussion um den Bauboom der frühen 70er-Jahre nicht teilen 4.2.3 303 Vgl. ebd., S. 645; Neben der in vorgenanntem Text thematisierten Zusammenarbeit mit der TUI hatte Rüger schon für die Bürgschaftsverhandlungen mit der Landesregierung Schreiben von Reiseveranstaltern angeführt, die ihr starkes Interesse an einem Zustandekommen des Bauprojekts bekundeten und für Rüger als Beleg für eine vorhandene Nachfrage nach Urlaub in Ferienzentren dienen sollten. In diesem Zusammenhang ist auch ein Gutachten der Landesversicherungsanstalt Hessen entstanden, dass die Wirksamkeit von Urlaub an der See belegen sollte und damit das Interesse der Krankenversicherungsträger für die Beschickung der Anlage mit Kurgästen. Beide Texte sind überliefert in LAS, Abt. 691, Nr. 34286: Schreiben der Firma Gut Reisen vom 05.12.1969 sowie der Landesversicherungsanstalt Hessen vom 06.02.1970. 304 Zur besonderen Bedeutung von Damp vgl. auch Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 52. 305 „In zehn Jahren sind das hier Slums“. In: Der Spiegel vom 03.07.1972. Nr. 28 (1972), S. 56-64, hier S. 56. 306 Vgl. ebd., S. 64. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 127 mag, bei einem Besuch des (ehemaligen) Ferienzentrums Marina Wendtorf in der Nähe der Landeshauptstadt kann man sich nur schwer der in diesem Spiegel-Artikel evozierten Bilder entziehen. Dieses Ferienzentrum im Kreis Plön am Ostufer der Kieler Förde war finanziell nämlich nicht erfolgreich und einige der Bauten sind seit einigen Jahren dem Verfall preisgegeben. Durch ein umfassendes Sanierungs- und Umbaukonzept und einen neuen Investor soll schon seit einigen Jahren eine Wiederbelebung des Areals ermöglicht werden, doch im Frühjahr 2014 hieß es in den „Kieler Nachrichten“: „Wieder ist mehr als ein Jahr vergangen, ohne dass in der Marina Wendtorf sichtlich etwas passiert ist.“307 Mittlerweile hat die Umgestaltung allerdings langsam begonnen. In anderen der insgesamt acht schleswigholsteinischen Ferienzentren mussten größere konzeptuelle Änderungen vorgenommen werden, um ein langfristig tragfähiges Konzept für eine kostendeckende Auslastung zu gewährleisten.308 Im Folgenden wird die Entwicklung der Ferienzentren in den Ostseebädern anhand der statistischen Daten vorgestellt mit einem Schwerpunkt auf die beiden hier besonders behandelten Anlagen in Burg auf Fehmarn und Damp. Letzteres taucht ebenso wie das in dem Ort Wangels gelegene Ferienzentrum Weißenhäuser Strand überhaupt erst ab 1976 in den Statistischen Jahrbüchern auf.309 307 Vgl. Kieler Nachrichten vom 04.02.1014: Planung für Marina Wendtorf geändert. Bürger können sich einbringen. Abrufbar unter http://www.kn-online.de/News/ Nachrichten-aus-Ploen/Planung-fuer-Marina-Wendtorf-geaendert-Buerger-koe nnen-sich-einbringen, zuletzt aufgerufen am 23.10.2017. 308 Diese acht Ferienzentren sind Burgtiefe, Damp, Heiligenhafen, Holm, Sierksdorf, Wendtorf und Weißenhäuser Strand an der Ostsee sowie Plön im Binnenland. Vgl. Der Minister für Wirtschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein (Jürgen Westphal): Beantwortung der Großen Anfrage der SPD-Fraktion, S. 11. 309 Aufgrund seiner Lage im Binnenland und wegen des auch schon vor dem Bau des Ferienzentrums bedeutsamen Fremdenverkehrs wird Plön in dieser Zusammenstellung nicht berücksichtigt. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 128 Übernachtungen in Ostseebädern mit Ferienzentren 1970-1980 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Die Grafik zeigt deutlich, dass in allen Orten mit Ferienzentren die Übernachtungszahlen nach der Eröffnung der Ferienzentren zunächst deutlich anstiegen, in der zweiten Hälfte der 70er Jahre aber überall mit Rückgängen zu kämpfen war. In Damp und Weißenhäuser Strand zeigten sich die rückläufigen Übernachtungszahlen jeweils unmittelbar nachdem die Gemeinden überhaupt in die Statistik der Fremdenverkehrsorte aufgenommen wurden. Deutlich wird aber auch, dass die jeweiligen Kurven nicht allein die allgemeine Entwicklung des Fremdenverkehrs in Schleswig-Holstein abbilden, sondern dass auch lokale Effekte zu einer starken Schwankung bei den Übernachtungszahlen führten. Neben den durch die Veränderung der statistischen Erhebungsgrundlage verursachten Schwankungen sind dies die unterschiedlichen Krisenerscheinungen, die in den Ferienzentren in den ersten Betriebs- Diagramm 10: 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 129 jahren eingetreten sind. Übernachtungszahlen allein können also die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in die viele der Ferienzentren schon kurz nach ihrer Eröffnung gerieten, nur unzureichend abbilden. Aus einem anderen statistischen Wert lassen sich die Prozesse, die in den Orten mit Ferienzentren abliefen, aber deutlich besser ablesen, nämlich aus dem Anteil der Privatvermietung an den Fremdenverkehrsbetten. Anhand der drei Beispiele Burg, Damp und Heiligenhafen, lassen sich verschiedene Aspekte dieser Entwicklung recht gut abbilden. Bettenangebot in Burg auf Fehmarn 1970-1980 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Das Diagramm 12 zeigt deutlich den durch die Eröffnung des Ferienzentrums verursachten starken Anstieg der gewerblich vermieteten Fremdenverkehrsbetten zwischen 1972 und 1973, der begleitet wurde von einem nur leichten Anstieg der privat vermieteten Betten. Schon ein Jahr später änderte sich die Situation aber gravierend. Im Jahr 1974 waren im Beherbergungsgewerbe 1.742 Betten auf einen Schlag nicht mehr verfügbar und der Rückgang bei der Privatvermietung fiel mit einem Rückgang um etwa 2.286 sogar noch deutlicher aus, was wohl damit zusammenhängt, dass in Anbetracht der Eröffnung des Ferien- Diagramm 11: 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 130 zentrums einige Privatvermieter_innen dieses Geschäft aufgaben.310 Wiederum ein Jahr später stiegen sowohl der Wert der Privatvermietung als auch der gewerblichen Fremdenverkehrsbetten wieder an. Während der drastische Einbruch des Jahres 1974 nicht ohne Weiteres zu erklären ist, zeigt sich in der zweiten Hälfte der 70er Jahre ein Trend dahingehend, dass die Rückgänge bei den gewerblich vermieteten Betten durch Zunahmen bei der Privatvermietung kompensiert wurden.311 Hierhinter verbirgt sich der Verkauf von Wohnungen im Ferienzentrum an private Eigentümer, die diese wiederum privat weitervermieteten. Sehr deutlich lässt sich diese Entwicklung auch in Damp beobachten. Bettenangebot in Damp 1972-1980 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Auch dort sank nach der Eröffnung des Ferienzentrums die Zahl der Fremdenverkehrsbetten von zunächst 7.000 auf unter 5.000 im Jahr 1980. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass ab dem Jahr 1978 die Zahl Diagramm 12: 310 Vgl. Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 110. 311 In der Literatur wird der Einbruch des Jahres 1974 zumindest zum Teil auf statistische Erhebungsmängel zurückgeführt. Vgl. ebd., S. 244. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 131 der Privatquartiere von bis dahin unter 10 auf nun 386 anstieg. Der Rückgang konnte aber durch diese innerhalb des Ferienzentrums nun auf privater Basis vermieteten Betten nicht kompensiert werden. Ein Teil der Fremdenverkehrsbetten ging in Damp auch dadurch verloren, dass sich die Ausrichtung des Ferienzentrums noch mehr in Richtung des Klinikbetriebs bewegte und damit ebenfalls Teile der Anlage aus dem Fremdenverkehrsbetrieb herausgelöst wurden. Am deutlichsten wird der Umstrukturierungsprozess aber am Beispiel des Ferienzentrums Heiligenhafen. Hier ist zu beobachten, dass in einem ersten Umstrukturierungsprozess im Jahr 1972 der Rückgang auf Seiten der gewerblichen Vermietung durch einen Anstieg der privat vermieteten Betten nahezu vollständig kompensiert wurde. Im Jahr 1974 muss jedoch eine zweite und deutlich einschneidende Veränderung stattgefunden haben, denn es ist ein Anstieg der Privatvermietung um über 4.000 Betten zu sehen, der zunächst nicht erklärt werden kann, denn innerhalb des Ferienzentrums fand laut Fremdenverkehrsstatistik kein Bettenrückgang statt. Hierin drückt sich allerdings ein Fehler der statistischen Darstellung aus, denn tatsächlich fand auch hier eine Umwandlung gewerblich genutzter Appartements in private und teilweise wiederum vermietete Appartements statt, die durch die amtliche Fremdenverkehrsstatistik aber nicht abgebildet werden konnte und somit zu Doppelzählungen geführt haben muss.312 Die hier in kürze dargestellte Entwicklung in den Orten mit Ferienzentren deutet m. E. bei aller Uneinheitlichkeit der Kurven darauf hin, dass die durch die Ferienzentren ausgelöste Strukturveränderung des schleswig-holsteinischen Fremdenverkehrs neben dem schlechten Wetter zu dem dauerhaften Rückgang der Übernachtungen beigetragen hat. Die finanziellen Schwierigkeiten in den Ferienzentren und die dadurch erfolgte Veränderung in der Besitzerstruktur hat wohl dazu geführt, dass ein Teil der erst kurz zuvor entstandenen Fremdenverkehrsbetten entweder nicht mehr gewerblich vermietet wurde oder in der Statistik nicht mehr erfasst wurde. 312 Vgl. Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 244. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 132 Bettenangebot in Heiligenhafen 1970-1980 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Übernachtungen in privaten Ferienwohnungen sind schwerer zu erfassen; die Übernachtungen der Eigentümer der Wohnungen selbst werden überhaupt nicht erfasst. Weiterhin ist zu vermuten, dass sich durch die Entstehung der Ferienzentren auch der Markt der bis dahin schon bestehenden Anbieter_innen von privat vermieteten Fremdenbetten veränderte, sodass ein Teil der bis dahin als Vermieter_innen tätigen Privatleute ihre Betten aufgrund des neuen Angebots nicht mehr vermieteten. Die Entstehung der Großprojekte hat also in die Struktur des Beherbergungsangebots in Schleswig-Holstein tatsächlich in einer Weise eingegriffen, die eine nähere und eingehende Betrachtung rechtfertigt. Die Entstehung der Ferienzentren ist sogar als das wichtigste strukturverändernde Ereignis der Jahre zwischen 1965 und 1980 zu bezeichnen. Eine Beurteilung des wirtschaftlichen Erfolgs der Ferienzentren fällt indes schwer, hierfür ist insgesamt die Datenlage abseits der Übernachtungsstatistik nicht ausreichend. Glücklicherweise liegen für das Ferienzentrum Burgtiefe mehrere (sozial)geographische Studien sowie eine soziologische Untersuchung des Studienkreises für Tourismus in Diagramm 13: 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 133 Starnberg vor, die wichtige Hinweise auf die ersten Jahre des Betriebs des Fehmarner Ferienzentrums liefern können.313 Damit können die Strukturprobleme der Ferienzentren beispielhaft erklärt werden. Nur wenige Jahre nach Inbetriebnahme der Anlagen auf Fehmarn und in anderen Orten an der Ostseeküste kamen die Autorin und der Autor der Starnberger Studie zu dem Ergebnis, dass alle „Ferienzentren an der Ostsee in ihrer derzeitigen Form große Schwierigkeiten haben zu überleben. Fast alle Ferienzentren arbeiteten bisher mit Verlusten, einige mußten Konkurs anmelden oder bemühen sich um eine Kapitalaufstockung durch Bürgschaften der Kommanditisten oder Landesbanken. Gründe für diese Entwicklung sind vor allem die Finanzierungsstruktur mit einem sehr hohen Anteil an Fremdkapital sowie falsche Einschätzung der Urlaubsgewohnheiten von Ostseeurlaubern. Ganz offenbar können die Vorteile des Ferienzentrums Klima und Urlaubsgewohnheiten nicht aufwiegen.“314 Diesem Befund ist nicht uneingeschränkt zuzustimmen, denn die ersten Betriebsjahre jeglicher Großprojekte sind von wirtschaftlichen Schwierigkeiten geprägt; schließlich muss ein neues Produkt, hier also der Urlaub in seiner industriell hergestellten Variante, zunächst auf dem Markt bekannt gemacht werden und sich bei den potentiellen Urlauber_innen als ernst zu nehmende Ergänzung schon bestehender Angebotsformen etablieren.315 Darüber hinaus ist auch der Weg von 313 Vgl. StA Burg: Tourismus und Freizeitverkehr. Dieses leider nur in Burg auffindbare Manuskript liefert eine detaillierte Analyse des Fremdenverkehrs auf Fehmarn. Die Untersuchung basiert auf den vorangehenden Forschungen des Projektleiters Hans-Georg Möller, der sich seit Beginn der 70er Jahre mit dem Fremdenverkehr auf Fehmarn beschäftigt hat, geht jedoch in ihrer Analyse des Betriebs der Ferienzentrum aufgrund einer verbesserten Datenlage deutlich über dessen Ergebnisse hinaus. Vgl. Möller, Hans-Georg: Sozialgeographische Untersuchungen. Bei der soziologischen Studie handelt es sich um Kellermann, Britta/ Brandt, Lutz: Urlaub auf Fehmarn. 314 Kellermann, Britta/Brand, Lutz: Urlaub auf Fehmarn, S. 9. 315 So kommen die AutorInnen auch selbst zu dem Ergebnis, dass die Wahl für ein Ferienzentrum als Urlaubsort besonders auf die eigene Erfahrung aus früheren Aufenthalten bzw. auf Empfehlung von befreundeten oder bekannten Personen zurückzuführen ist, beides Entscheidungswege, die in den ersten Betriebsjahren problematisch sind. Vgl. ebd., S. 74; ähnlich sah es auch die Landesregierung, die von einer mehrjährigen Anlaufphase für das Ferienzentrum in Burg ausging. Vgl. LAS, Abt. 691, Nr. 35816: Entwurf eines Grußwortes von Wirtschaftsminister Narjes anlässlich der Einweihung der Schwimmhalle in Burgtiefe vom 26.06.1972, wohl von Dr. Pfeiffer aus dem Referat Fremdenverkehr. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 134 der grundsätzlichen Bekanntheit eines Angebots hin zu einer tatsächlichen Buchung eines Urlaubs ein weiter. Die Autor_innen liegen jedoch richtig mit der Einschätzung, dass vor allem die Kapitalstruktur vieler Ferienzentren dafür verantwortlich ist, dass es neben den zu erwartenden Anfangsproblemen in mehreren Ferienzentren zu strukturellen Finanzierungsproblemen kam, die den Betrieb der Zentren und die Angebotsform an sich schon nach so kurzer Zeit in Frage stellten. In welcher Form sich diese Schwierigkeiten in Burgtiefe manifestierten, darüber können die beiden geographischen Studien zu diesem Ferienzentrum Aufschluss geben, die sich intensiv mit der Finanzierungsstruktur dieser Anlage beschäftigt haben. Da die beiden Arbeiten mit einem gewissen zeitlichen Abstand voneinander entstanden, können die Entwicklungen der ersten Jahre des Betriebs des Ferienzentrums nachvollzogen werden. Bei den an dem Betrieb beteiligten Kommanditgesellschaften wurde schon nach wenigen Jahren eine deutliche Umstrukturierung deswegen nötig, weil die gewerbliche Vermietung von Appartements in den drei großen IFA-Hotel-Türmen und den Bungalows scheinbar nicht rentabel betrieben werden konnte.316 Während bis zum Jahr 1976 der Schwerpunkt der gewerblichen Nutzung auf den Bungalows im Westen der Halbinsel lag, in denen insgesamt 65 % der gewerblich genutzten Ferienwohnungen des Ferienzentrums lagen, kam es in den Folgejahren zu einem Funktionswandel.317 Die Südstrand-Betreuungsgesellschaft (SBK) I (gegründet 1967), die in den ersten Jahren noch über insgesamt 400 Kommanditisten verfügte, erlebte bis zur Mitte der 70er Jahre einen deutlichen Rückgang der Beteiligungen und dadurch eine deutliche Konzentration des Kapitals. Ende der 70er Jahre waren in ihr nur noch 265 Kommanditisten zusammengeschlossen. Im Jahr 1975 war die SBK I dann gezwungen, zur Tilgung von Schulden alle Appartements in den drei- und fünfgeschossigen Hochhäusern zu verkaufen.318 Es ist davon auszugehen, dass die damit verbundene Umwandlung von gewerblich vermieteten Appartements in privat genutzten Wohnraum des sogenannten Freizeitwohnwesens nicht im Rahmen einer langfristigen Strategie zur Etablierung des Ferienzentrums 316 Vgl. StA Burg: Tourismus und Freizeitverkehr, S. 146. 317 Vgl. Möller, Hans-Georg: Sozialgeographische Untersuchungen, S. 168. 318 Vgl. StA Burg: Tourismus und Freizeitverkehr, S. 146. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 135 als Ganzem erfolgt ist, sondern Ausdruck nicht erfüllter Erwartungen hinsichtlich der Auslastung der Bettenkapazitäten war. Zumindest war die langfristige gewerbliche Vermietung für die kleineren Anleger_innen mit Sicherheit das Ziel, während für die großen Kapitalgeber, die ja an dem Bau der Anlage schon verdient hatten, die Rendite für die Anlage insgesamt stimmen musste.319 Ab dem Jahr 1976 konzentrierte sich somit die gewerbliche Bettenvermietung im Ferienzentrum auf die drei Türme des IFA-Hotels, obgleich aus einer der anderen beiden Betreuungsgesellschaften einige Wohnungen für die gewerbliche Nutzung hinzugekauft wurden, nachdem die Kommanditisten einer weiteren Gesellschaft, der SBK III (gegr. 1979), nach fünf Jahren frei über ihre Anteile verfügen konnten. Ein Großteil der Anteilseigner aus dieser Gesellschaft trat aber ab 1977 aus und nutzte die Wohnungen privat. 320 Die langfristige Folge dieser Umstrukturierungen war ein massiver Rückgang der gewerblichen Beherbergungskapazitäten (von 1318 im Jahr 1973 auf nur noch 774 im Jahr 1983), der in den Folgejahren durch Zukäufe langsam kompensiert werden konnte.321 Neben den angeführten strukturellen Problemen des Ferienzentrums Burgtiefe in den ersten Betriebsjahren sei auch daran erinnert, dass der Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein und an der Ostsee im Speziellen zu Beginn der 70er Jahre in einer kleinen Krise steckte. Im Fremdenverkehrsjahr 1970/71 war der seit der Nachkriegszeit anhaltende Boom bei den Übernachtungszahlen zunächst beendet. Erstmals konnte nur in den Berichtsgemeinden an der Ostseeküste ein Wachstum von 0,9 % verzeichnet werden, im darauffolgenden Jahr war sogar erstmals ein Rückgang um 0,7 % zu verzeichnen. Erst 1973, und damit zu einer Zeit, als der Ausbau der verschiedenen Ferienzentren schon weit fortgeschritten war, kam der Aufschwung.322 Die oben angesprochenen Etablierungsprobleme der neuen Angebotsform waren also nicht allein für die nur schwache Nachfrage mindestens in den ersten beiden Betriebsjahren verantwortlich. Auch externe Faktoren sorgten dafür, dass sich die Anfangsphase der Ferienzentren schwierig gestalte- 319 Vgl. ebd., S. 157; Vgl. auch Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 66f. 320 Vgl. StA Burg: Tourismus und Freizeitverkehr, S. 146f. 321 Vgl. ebd., S. 148. 322 Vgl. zu den vorangegangenen statistischen Angaben Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 104f. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 136 te. Diese erste kleine Krise des schleswig-holsteinischen Fremdenverkehrs stand vielmehr in direktem Zusammenhang mit der Ölkrise des Jahres 1972 sowie wahrscheinlich auch mit dem ungünstigen Wetter im Sommer dieses Jahres.323 Zur Steigerung der Übernachtungszahlen im weiteren Verlauf des Jahrzehnts dürfte auch beigetragen haben, dass die Sommer der Jahre 1973, 1975 und 1976 weit überdurchschnittlich viele Sonnenstunden hatten, die Urlaubszufriedenheit der Schleswig-Holstein-Urlauber_innen also entsprechend hoch gewesen sein dürfte.324 Diese externen Faktoren können aber über ein grundsätzliches Problem der Ferienzentren nicht hinwegtäuschen. Der durch sie ausgelöste Anstieg der gewerblichen Beherbergungskapazitäten war einfach zu groß, es entstanden trotz des Planungsstopps von 1971 Überkapazitäten. Dies drückte sich in der bei grundsätzlich positiver Aufnahme der neuen Angebotsform durch die Urlauber_innen dauerhaft zu geringen Auslastung der Anlagen aus. Mitte der 70er Jahre wiesen die Ostseebäder insgesamt gegenüber den Nordseebädern eine im Jahresverlauf geringere Auslastung von etwa zwei Wochen aus, die zu dauerhaft zu niedrigen Einnahmen führte.325 Für einen rentablen Betrieb der bewirtschaftungsintensiven Anlagen wären wohl 100 Tage nötig gewesen, die Ferienzentren erreichten im Durchschnitt aber deutlich weniger. Neben den externen Faktoren, zu denen beispielsweise auch Konkurse bei den Bauträgern gehörten, und der Finanzierungsstruktur ist dies das Grundproblem aller Ferienzentren.326 In der Folge gingen einige Anlagen wie Holm und Weißenhäuser Strand schon in den 70er Jahren in Konkurs, wurden nach Umstruktu- 323 Vgl. Homp, Catrin: Schleswig-Holstein-Tourismus am Scheideweg, S. 91. Im Gegensatz zu Kurz beziffert Homp den Rückgang des Jahres 1972 mit 0,8 %. 324 Vgl. zu den Wetterdaten die Website und die verschiedenen Zusammenstellungen historischer Wetterdaten des Deutschen Wetterdienstes unter http://www.dwd.de, abgerufen am 14.10.2014; Aktuell bietet der dwd diesen Service nicht an. Die entsprechenden Excel-Tabellen wurden von mir gesichert; zum tatsächlich komplexen Zusammenhang zwischen Wetter und Urlaubszufriedenheit in den Ferienzentren vgl. Kellermann, Britta/Brandt, Lutz: Urlaub auf Fehmarn, S. 88-93. 325 Vgl. Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 105-109, insbes. S. 107. 326 Vgl. ebd., S. 190-192. Möller spricht sogar von 120 notwendigen Belegungstagen. Vgl. Möller, Hans-Georg: Sozialgeographische Untersuchungen, S. 176. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 137 rierungen aber in teilweise anderer Form weiterbetrieben.327 Wendtorf wurde sogar geschlossen. Die Anlagen in Burgtiefe und Damp sowie in Heiligenhafen werden nach mehrmaligen Umstrukturierungen bis heute betrieben. Die Frage nach der Rentabilität der Ferienzentren ist somit unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten eher negativ zu beantworten, unter betriebswirtschaftlichen nur nach Akteursgruppen differenziert. Gegen eine volkswirtschaftliche Effizienz sprechen die hohen staatlichen Fördermittel durch das Investitionszulagengesetz, die für den Bau der Anlagen aufgewendet wurden sowie die hohen Investitionskosten pro geschaffenem Dauerarbeitsplatz (in Burgtiefe lagen die Kosten pro Arbeitsplatz bei durchschnittlich 1,2 Millionen DM, im IFA-Hotel erreichte man sogar den Spitzenwert von 2,1 Millionen DM).328 Angesichts des Steuerabschreibungsmodells hatte die hohe staatliche Förderung in den Ferienzentren nur einen geringen strukturpolitischen Effekt. Für die Bauträger hingegen war der Bau der Ferienzentren ein lohnendes Geschäft. Auch wenn die mit großen Summen und stark verflochten arbeitenden Gesellschaften gelegentlich in Konkurs gingen, wurde hier sehr viel Geld verdient. Die Kleinanleger_innen hingegen profitierten ebenfalls von den Steuerabschreibungsmöglichkeiten und erhielten somit durch die staatliche Förderungspolitik kostengünstig Immobilieneigentum, das sich wieder ver- äußern ließ.329 Für die Wirtschaftsstruktur der Fremdenverkehrsgemeinden hingegen war die Errichtung der Ferienzentren in der Regel mit dauerhaften Finanzproblemen durch die zu hohen Kredite und den teuren Betrieb der Gemeinschaftseinrichtungen verbunden.330 327 Vgl. Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 192. 328 Vgl. Möller, Hans-Georg: Sozialgeographische Untersuchungen, S. 199. Vgl. zu den Investitionssummen auch Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 70. 329 Kellermann, Britta/Brandt, Lutz: Urlaub auf Fehmarn, S. 8. 330 Siehe hierzu auch das Kapitel 5.4.3 dieser Arbeit. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 138 Großprojekte an der Nordsee: „Atlantis“ Statistische Entwicklung des Fremdenverkehrs an der Nordsee Auch an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste wurde in den späten 60er und während der 70er Jahre eifrig gebaut, es entstand dort aber kein Ferienzentrum. Die Dimensionen der Bauprojekte in dieser Region waren insgesamt kleiner. Übernachtungen im Sommerhalbjahr in fünf ausgewählten Nordseebädern 1966-1980 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Dennoch stiegen auch hier die Übernachtungszahlen kontinuierlich an. Das Diagramm 14 zeigt die Entwicklung in fünf Nordseebädern.331 Deutlich wird, dass die Entwicklung in allen Nordseebädern ähnlich verlief. Einen Rückgang zu Beginn der 70er Jahre verzeichneten alle Bäder, in Westerland setzte dieser etwas früher ein; dort kann also der 4.2.4 Diagramm 14: 331 Die Auswahl begründet sich dadurch, dass es sich um die fünf hinsichtlich der Übernachtungen bedeutendsten Bäder des Jahres 1966 handelt. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 139 schlechte Sommer 1972, der sich in den anderen Bädern deutlich in der Statistik niederschlug, nicht der alleinige Grund sein. Es zeigt sich aber auch, dass die Nordseebäder von den Rückgängen in der zweiten Hälfte der 70er Jahre deutlich weniger stark betroffen waren als die Ostseebäder. Auch hier ist ein Einbruch sichtbar, der sich aber nur in Westerland in größerem Maße auswirkte. Westerland zeigte sich also durchgehend trotz oder vielleicht auch wegen seiner hervorgehobenen Bedeutung als deutlich konjunkturanfälliger. Die anderen Nordseebäder konnten ihre Übernachtungszahlen nämlich weitgehend stabil halten. Zum Ende des Jahrzehnts stiegen die Werte überall wieder an. Bedeutendstes Bad an der Nordsee und in Schleswig- Holstein insgesamt war zwar Westerland auf Sylt, aber den größten Anstieg konnte Sankt Peter-Ording verzeichnen. Bauboom und Bürger_innenprotest Auch wenn an der Nordsee kein Ferienzentrum errichtet wurde, gab es auch hier konkrete Planungen für ein Großprojekt. Gemeint ist jenes mit dem aus historischer Perspektive ‚sprechenden’ Namen „Atlantis“ in Westerland auf Sylt, das im Falle einer Verwirklichung den Fremdenverkehr auf der Insel noch einmal deutlich verstärkt hätte. Neben diesem Leuchtturm-Projekt soll die Entwicklung des „Freizeitwohnwesens“ auf der Insel Sylt kurz geschildert werden, da die zahlreichen Appartementbauten, in denen sich vermögende Bevölkerungsschichten einen Zweitwohnsitz in unmittelbarer Meeresnähe einrichteten, eine Facette des schleswig-holsteinischen Tourismus darstellen, die bislang zu kurz gekommen ist und die sich nur schwer mit der offiziellen Tourismusstatistik in Einklang bringen lässt.332 „Atlantis“ in Westerland auf Sylt wäre ein etwa 80 Meter hohes Hochhaus mit 775 Appartements plus Hotel mit etwa 240 Betten geworden; ein weithin sichtbarer Turm, der im Falle seiner Verwirk- 332 Zum treffenden Begriff des Freizeitwohnwesens vgl. Newig, Jürgen: Die Entwicklung von Fremdenverkehr und Freizeitwohnwesen, S. 6-9; Zur Bedeutung des Freizeitwohnwesens für die Beurteilung des Fremdenverkehrsaufkommens vgl. Minister für Wirtschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein/Gutachtergruppe Sylt: Gutachten zur Struktur und Entwicklung der Insel Sylt, S. 11f. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 140 lichung die Struktur des Fremdenverkehrs auf der Insel verändert hätte.333 Anhand des Scheiterns dieses Großprojekts lassen sich hervorragend einige Faktoren des touristischen Strukturwandels diskutieren, insbesondere die Steuerungsfähigkeit der Landespolitik hinsichtlich solcher Großprojekte im Widerstreit mit der kommunalen Planungshoheit. Ebenso ist mit diesem Projekt die Entstehung einer zivilgesellschaftlichen Protestbewegung verbunden, ein Aspekt, der trotz aller auch dort vorhandenen Kritik für die Ferienzentren an der Ostseeküste meines Wissens keine besondere Rolle spielt.334 Am Anfang von „Atlantis“ stand ebenfalls ein Investor, in diesem Fall der Stuttgarter Bauunternehmer Hans Bense, der mit seinen Planungen für ein Appartementhochhaus mit etwa 3.000 Betten zumindest in Teilen der Sylter Politik und Verwaltung auf Zustimmung stieß – zum Vergleich: nach Werten des Jahres 1971 verfügte Westerland über etwa 18.300 Betten.335 Auch in Westerland waren die Planungen mit der gleichzeitigen Bereitstellung eines Kurmittelhauses verbunden, 333 Ursprünglich waren zwischen 16 und 21 Geschossen und 550 Appartements geplant worden, wobei es von Seiten des Bauunternehmers eine deutliche Tendenz zum höheren Wert gab. Es wurden dann etwa 25. Vgl. KrA NF, Abt. B4, Nr. 3513, Bd. 1: Schreiben Hausbau Bense an den Magistrat der Stadt Westerland vom 27.02.1969, S. 12. Die Geschossangaben des Bauprojekts sind einigermaßen übereinstimmend in allen Quellen zu finden, eine Angabe über die genaue Höhe findet sich aber nicht. In der Literatur wird die geplante Höhe des „Atlantis“-Turms gelegentlich übertrieben wie bspw. bei Stöver, Hans-Jürgen: Westerland auf Sylt, S. 174. Diese auch ansonsten nicht sonderlich zuverlässige Publikation gibt gar eine Höhe von über 100 Metern an; zuletzt schätzte Wöbse vorsichtig zwischen 70 und 100 Metern bei sogar 30 Geschossen, wobei wohl die Untergeschosse einberechnet waren. Vgl. Wöbse, Anna-Katharina: Kritisch denken, politisch handeln, gut leben. Klara Enns – eine Sylter Biografie. Husum 2017, S. 48; die Angaben zu den Appartements und Bettenkapazität finden sich in KrA NF, Abt. B4, Nr. 3514, Bd. 2: Schreiben der Fa. Hausbau Bense an die Architektengemeinschaft „Atlantis“ Stuttgart vom 27.07.1970, S. 2. 334 Zur Protestbewegung vgl. auch den Artikel mit dem Titel: Das Besondere. In: Der Spiegel vom 21.02.1972. Nr. 9 (1972), S. 34; als Ausnahme ist das Maritim-Hotel in Travemünde zu nennen, zwar selbst kein Ferienzentrum, aber von erheblichen Bürgerprotesten begleitet. 335 Vgl. KrA NF, Abt. B4, Nr. 3513, Bd. 1: Schreiben der Stadt Westerland an den Minister für Wirtschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein, Referat Fremdenverkehr, vom 10.04.1969; vgl. zum erstmaligen Angebot des Bauprojekts durch Bense im April 1968 auch ebd.: Schreiben des Magistrats der Stadt Wester- 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 141 das den Stadtvertreter_innen die Entscheidung für dieses Projekt schmackhaft machen sollte.336 Die Errichtung von Kurmittelhäusern diente hierbei nicht allein der Modernisierung, sondern mit ihnen sollte auch die dauerhafte Anerkennung als Heilbad sichergestellt werden, ein Status, der insbesondere mit der Beschickung mit Kurgästen durch die Krankenkassen sichere Einnahmen auch in der Nebensaison garantierte. Paradoxerweise wäre dieser Status durch die Errichtung von „Atlantis“ und der damit verbundenen Folgen für das Verkehrsaufkommen mehr denn je in ernster Gefahr gewesen.337 Die Stadtvertreter_innen stimmten nach langer Sitzung am 26. November 1971 dem Bebauungsplan Nord 25 – und damit dem Projekt „Atlantis“ – mit 13 gegen 7 Stimmen tatsächlich zu.338 Dieser Entscheidung der Gemeinde vorausgegangen war ein mehrere Monate andauernder und leidenschaftlich ausgetragener Streit, der nicht nur land an den Landrat des Kreises Nordfriesland vom 09.08.1971; vgl. weiterhin Bruns, Herbert: Sylt. Natur und Landschaft, Naturschutz, Erholung und Fremdenverkehr, Forschung und Lehre, Umwelt, Inselplanung und Bürgerinitiative. Eine Dokumentation vom Kampf gegen „Atlantis“ und für Sylt. 2. Halbband. Wiesbaden o. J. [ca. 1975-1978], S. 301. Am 28.3.1969 hatte die Stadtvertretung mit 10:6 Stimmen dem Magistrat die Aufgabe erteilt, das Angebot in Vorverhandlungen zu prüfen. Zwar zeichnete sich hier schon ein gewisser Widerstand in der Stadtvertretung ab, da dieser Beschluss an die Erfüllung von Bedingungen geknüpft war. Dennoch zeigt das Abstimmungsergebnis die grundsätzlich positive Haltung eines großen Teils der Stadtvertreter dem Projekt gegenüber; zur Bettenkapazität des Jahres 1971 vgl. Statistisches Jahrbuch SH: Jg. 1972, S. 134, Tabelle 14.11. 336 Vgl. Frenzel, Volker/Gütschow, Wolf: Sylt, S. 72. Der damalige Westerländer Bürgerschaftsvorsteher und SPD-Landtagsabgeordnete Ernst-Wilhelm Stojan spricht im dritten Band seiner Lebenserinnerung auch von „Zuwendungen“ [im Original schon in Anführungszeichen] und „Geschenken“, die ihm von der Firma Bense angeboten worden seien und die wohl bei anderen Entscheidungsträgern zu einer positiven Einstellung gegenüber den „Atlantis“-Plänen gesorgt hätten. Er erhebt somit leicht verklausuliert den Vorwurf der Bestechung. Vgl. Stojan, Ernst-Wilhelm: Denkwürdigkeiten ... die Spuren hinterließen. Westerland 2014, S. 11. Zu Bestechungsvorwürfen gegen Stadvertretungsmitglieder vgl. auch den Artikel mit dem Titel: Geld geboten. In: Der Spiegel vom 05.07.1971. Nr. 28 (1971), S. 49. 337 Vgl. Bruns, Herbert: Sylt, S. 309: Abdruck eines Artikels aus der Sylter Rundschau vom 23.11.1971. 338 Vgl. Frenzel, Volker/Gütschow, Wolf: Sylt, S. 72. Vgl. auch Südschleswigsche Heimatzeitung vom 25.11.1971. Zit. n. Bruns, Herbert: Sylt, S. 310. Für die entscheidende Sitzung waren insgesamt drei Tage (24.-26.11.) angesetzt gewesen, was in der Literatur zu Datumsverwirrungen führt. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 142 in Westerland geführt wurde, sondern eine weit über die Insel hinausreichende Dynamik entwickelte. Befürworter_innen und Gegner_innen von „Atlantis“ lassen sich hierbei nicht durchgängig politischen Lagern zuordnen. In parteipolitischer Hinsicht wurde der Konflikt sowohl auf der kommunalen als auch auf Kreis- und Landesebene geführt, wobei sich die höheren Parteiebenen gegen das Projekt aussprachen, während es in der Westerländer Stadtvertretung sowohl bei CDU- als auch bei SPD-Abgeordneten eine Mehrheit für „Atlantis“ gab.339 Befürworter des Projekts waren der Westerländer Bürgermeister Schilling sowie Kurdirektor Petersen (SPD). Die Auseinandersetzungen um das Projekt führten zu ernst- und dauerhaften Zerwürfnissen zwischen Angehörigen derselben Partei.340 Daneben trat auf Sylt ein weiterer Akteur mit Macht auf das Feld der politischen Auseinandersetzung. Das „Atlantis“-Projekt war zwar nicht die Geburtsstunde, aber dennoch ein erster Höhepunkt in der Reihe erfolgreicher Interventionen der Bevölkerung in Form von Bürgerinitiativen.341 Die 339 Vgl. Bruns, Herbert: Sylt, S. 320. 340 Z. B. beantragte der SPD-Abgeordnete Tamblé (ein Projektbefürworter), einem anderen Ortsverband auf der Insel Sylt zugeordnet zu werden, da das Verhältnis zu seinem Ortsverein nachhaltig zerrüttet war. Der Landesvorstand der SPD unterstützte ihn in diesem Anliegen und richtete eine Untersuchungskommission ein, die die Beteiligung von SPD-Mitgliedern an verschiedenen Großprojekten auf der Insel und die Möglichkeit von Parteiordnungsverfahren gegen diese Mitglieder prüfen sollte. Auch der Landtagsabgeordnete Stojan, ein Gegner von „Atlantis“, geriet mit SPD-Mitgliedern in der Kommune in Konflikt und wurde im Nachgang der Auseinandersetzung als Bürgervorsteher abgewählt. Der Vorgang ist überliefert in AdsD, Nr. 3/SHAB001012: Sitzung des Landesvorstandes vom 07.02.1972; vgl. auch den Artikel mit dem Titel: Zeichen gesetzt. In: Der Spiegel vom 14.02.1972. Nr. 8 (1972), S. 69-70; Die Streitigkeiten im Ortsverein Westerland eskalierten so weit, dass der Landesvorstand der SPD noch im Juni 1973 eine Sondersitzung einberufen musste. Siehe hierzu Fraktionsarchiv der SPD im Landtag Schleswig-Holstein (i. F. FrA SPD Landtag SH): Tischvorlage für den Landesparteitag am 07. und 08.06.1975, S. 48; dem langjährigen Kurdirektor Petersen wurde im Nachgang des Scheiterns von „Atlantis“ im Mai 1975 gekündigt; vgl. auch FrA SPD Landtag SH, Microfiche 216.253.3: Ausschnitt Kieler Nachrichten vom 31.05.1975: Westerland kündigt Petersen fristlos. 341 So führte Der Spiegel in einem Artikel über die neuen themenzentrierten Bürgerinitiativen die Westerländer Vereinigung in einer Auflistung der „spektakulären Erfolge“ an erster Stelle auf. Vgl. den Artikel mit dem Titel: „Mein Gott, was soll aus Hösel werden?“ In: Der Spiegel vom 20.11.1972. Nr. 48 (1972), S. 54-72, hier S. 57. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 143 Gruppe „Appartement-Baustopp“ sammelte binnen kurzer Zeit etwa 18.000 Unterschriften gegen das geplante Hochhaus.342 Sie wendete sich gegen „Atlantis“ als den vorläufigen Gipfel eines schon in den 60er Jahren einsetzenden Strukturwandels. Dieses Vorhaben Benses war zwar mit Abstand das größte Bauprojekt auf Sylt, doch schon in den Vorjahren hatte es in Westerland einen großen Bauboom gegeben, der zum einen das bauliche Gefüge, zum anderen in touristischer Hinsicht die Struktur des Beherbergungsgewerbes stark veränderte. Die ist ein Faktum, das schon die damalige Presse wahrnahm: „Zahlreiche alte Hotels und Pensionshäuser, die um die Jahrhundertwende errichtet wurden, fallen der Spitzhacke zum Opfer. An ihrer Stelle entstehen Hotels, Gaststätten und Unterkünfte, die den gestiegenen Ansprüchen der Reisenden entsprechen. Das Problem der geringen Ausweitungsmöglichkeit wird dabei in luftiger Höhe gelöst.“343 Augenfälliges Beispiel für diesen sich ab dem Anfang der 60er Jahre entwickelnden Bauboom war das ebenfalls von Bense realisierte Kurzentrum von Westerland, in der Zeit zwischen 1966 und 1969 errichtet.344 Auch dieses Großprojekt weist mit seinen 16 Geschossen im Mittelblock und 11 Stockwerken in den Nebenblöcken mit insgesamt 608 Appartements gewaltige Dimensionen auf und wurde wohl nur wegen seiner Betriebsstruktur nicht zu den Ferienzentren gezählt.345 Bense war dabei nicht der alleinige Initiator, sondern schon Anfang der 50er Jahre hatte der Fremdenverkehrsverband von Westerland in einer Denkschrift den Ausbau der Kureinrichtungen gefordert. Der seit 1958 amtierende Kurdirektor Hans Petersen hatte sich im Einklang mit dem damaligen Bürgermeister, dem NS-Kriegsverbrecher Heinz Reinefarth, als Modernisierer des Fremdenverkehrs hervorge- 342 Vgl. Wagener, Mathias: Sylt. Urlaub auf einer Nordseeinsel. In: Siebeneicker, Arnulf/Wagener, Mathias (Hg.): Reif für die Insel. Tourismus auf Sylt, Hiddensee und Mallorca. Essen 2016, 131-141, hier S. 139. 343 Sylter Rundschau vom 16. März 1968. Zit n. Frenzel, Volker/Gütschow, Wolf: Sylt, S. 67 u. 72. 344 Ein zeitgenössisches Foto findet sich in Stöver, Hans-Jürgen: Westerland auf Sylt, S. 175. 345 Vgl. Frenzel, Volker/Gütschow, Wolf: Sylt, S. 72. Vgl. auch Newig, Jürgen: Die Entwicklung von Fremdenverkehr und Freizeitwohnwesen, S. 91f. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 144 tan.346 Das erste Hochhaus auf der Insel wurde schon 1962 errichtet und war nur der Beginn eines viele Jahre anhaltenden Booms beim Bau von Appartementhäusern.347 Der Bürgerinitiative und den mit ihr verbundenen Organisationen, wie beispielsweise der Deutsche Bund für Lebensschutz, gelang es hierbei, sowohl auf Sylt als auch überregional eine breite öffentliche Diskussion um die Auswirkungen des Massentourismus auf Umwelt und Lebensqualität der Bevölkerung zu entfalten, die bis zu diesem Zeitpunkt einmalig war. Hierbei intervenierten die Teilnehmer dieses themenzentrierten zivilgesellschaftlichen Engagements auf verschiedenen Ebenen und trugen letztlich dazu bei, die Landesregierung Schleswig-Holstein zu einem Umlenken zu bringen. Auf kommunaler Ebene wurde die inhaltliche Diskussion neben dem öffentlichen Protest in Form von Demonstrationen insbesondere in der Lokalzeitung „Sylter- Rundschau“ geführt, die der Debatte um das Bauprojekt unter anderem in ihren Leserbriefspalten breiten Raum gab.348 Eine Zählung der Bürgerinitiative kam auf 121 Leserbriefe in dem Inselblatt und dem Hamburger Abendblatt.349 Die überwiegende Mehrheit dieser Briefe dürfte, auch wenn ich in unterschiedlichen Sammlungen nur eine Auswahl einsehen konnte, dem Projekt ablehnend gegenüber gestanden haben. Berücksichtigt man darüber hinaus, dass naturgemäß nicht alle die Redaktionen erreichenden Zuschriften veröffentlicht werden (können), bekommt man dennoch einen Eindruck, welch große Resonanz 346 Vgl. Marti, Philipp: Der Fall Reinefarth. Eine biografische Studie zum öffentlichen und juristischen Umgang mit der NS-Vergangenheit. Neumünster 2014, S. 116-121. Die Denkschrift ist zu finden unter https://www.fvv-westerland.de/de r-verein/denkschrift-1952/, zuletzt abgerufen am 23.10.2017. 347 Vgl. Steensen, Thomas: Geschichte Nordfrieslands von 1918 bis in die Gegenwart. Bredstedt 2006, S. 169f. Eine lesenswerte literarische Beschreibung des Baubooms liefert der damalige Redakteur der „Zeit“ Rudolf Walter Leonhardt: Sylt und seine Feinde 1971. In: Berkefeld, Henning (Hg.): Sylt in alten und neuen Reisebeschreibungen. Düsseldorf 1991, S. 274-277. 348 Siehe auch die Dokumentation von ausschließlich dem Projekt ablehnend gegen- überstehenden Leserbriefen in Bürgerinitiative Sylt e. V.: Dokumentation der „Bürgerinitiative Sylt“ e V. zum geplanten „Atlantis“-Hochhaus in Westerland (Bebauungsplan Nord 25). Westerland 1972, S. 43-47. 349 Vgl. Bürgerinitiative Sylt e V.: Dokumentation, S. 43. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 145 das Projekt nicht nur in der Sylter Bevölkerung auslöste.350 Es gelang der Bürgerinitiative auch, sich mehr oder weniger prominenter Fürsprecher vornehmlich aus einem wissenschaftlichen Milieu zu versichern, um genügend Druck gegenüber der Landesregierung aufzubauen.351 Auch auf der Straße machten die Gegner_innen des Appartementbaus ihrem Unmut über das Bauprojekt in Protestmärschen Luft. Es wurden wohl sogar Autoreifen zerstochen und einige Fensterscheiben eingeworfen, was den Spiegel zu einem etwas schiefen Apo-Vergleich verleitete.352 Die politische Grundhaltung der Protestierenden ist damit aber nur ungenügend beschrieben. Vielmehr handelte es sich bei der Bürgerinitiative um ein breites gesellschaftliches Bündnis verschiedener Bevölkerungsteile, die aus recht unterschiedlichen Motiven gegen die weitere Bebauung Westerlands mit Appartementhochhäusern protestierten. Gleichzeitig waren die Zeitumstände günstig für die Bildung solcher Initiativen, die auch andernorts in Schleswig-Holstein 350 So stammten zahlreiche Leserbriefe in der von der Bürgerinitiative veröffentlichten Dokumentation von nicht auf Sylt ansässigen Personen. Zwar ist hierbei zu berücksichtigen, dass solche Zuschriften gerade aus diesem Grund zur Veröffentlichung ausgewählt wurden. Es ist hingegen auch aus anderen Quellen belegt, dass die Planung von „Atlantis“ selbst nach dem Planungsstopp noch überregionale Resonanz entfalten konnte. Vgl. hierfür z. B. die Eingabe an den Petitionsausschuss des Schleswig-Holsteinischen Landtags einer Urlauberin aus Bonn vom Juni 1973, in dem diese die rücksichtslose Bebauung der Insel beklagt. Die Eingabe ist überliefert in LAS, Abt. 691, Nr. 33789. Vgl. weiterhin die wohl ebenfalls hochgradig subjektive Auswahl von Leserbriefen und anderen Kommentaren bei Bruns, Herbert: Sylt. Insbesondere auf den S. 287-296 wird eine Auswahl von Leserbriefen präsentiert. 351 Zunächst hatte nämlich der Innenminister die Bedenken gegen „Atlantis“ zurückgewiesen. Vgl. KrA NF, Abt. B4, Nr. 3513, Bd. 1: Schreiben Innenminister Schlegelberger an den Handels- und Gewerbeverein Sylt e.V. vom 16.06.1969; erst im Mai schrieb der neu ernannte Innenminister Titzck an den Wirtschaftsminister, dass eine Genehmigung des Projekts seiner Meinung nach lt. Baurecht nicht moglich sei. Vgl. ebd.: Schreiben des Innenministers an den Minister für Wirtschaft und Verkehr, Ref. Fremdenverkehr vom 28.05.1971; vgl. zur Kritik der Bürgerinitiative an dem Projekt bspw. die vielen angeführten Wortmeldungen vermeintlicher oder tatsächlicher „Experten“ bei Bruns, Herbert: Sylt. Vgl. insbes. den Brief von Prof. Dr. Grzimek an Willy Brandt in Bruns. Erneut abgedruckt in Stojan: Denkwürdigkeiten, S. 19. 352 Vgl. Zeichen gesetzt. In: Der Spiegel vom 14.02.1972. Nr. 8 (1972), S. 69-70. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 146 gegen touristische Großprojekte aktiv wurden.353 Neben dem Schutz der Küstenlandschaft, der Befürchtung zunehmenden Kraftfahrzeugverkehrs und damit einhergehenden Umwelt- und Lärmbelastungen war es auch die Angst vor einer Verdrängung der Einheimischen durch Fremde. Dieses entlud sich bis hin zum unverhohlen fremdenfeindlichen Ressentiment in Leserbriefen und Flugblättern.354 Die Bürgerinitiative hingegen setzte auf Sachargumente, auch wenn diese in manchen Fällen eher auf formallogischen Gedankenoperationen denn auf wissenschaftlicher Expertise beruhten.355 Man kann aber auch vermuten, dass die Motivation von Teilen des Vorstandes der Bürgerinitiative auch auf ganz handfesten Interessen basierte, war doch die Vorsitzende Enns Eigentümerin einer Pension und deren zweiter Vorsitzender gleichzeitig Vorsitzender des Sylter Haus- und Grundeigentümer-Vereins.356 Eine weitere fast schon skurrile Figur aus dem Milieu der „Atlantis“-Gegner_innen ist an dieser Stelle zu nennen: Der Umweltschützer Herbert Bruns spielte als entschiedener Gegner des Projekts eine wichtige Rolle. In seiner Funktion als Vertreter des „Deutschen Bund für Lebensschutz“, einer aus der eher völkischen Traditionslinie der sich in dieser Zeit formierenden Umweltschutzbewegung kommenden Organisation, gehörte er zu den umtriebigen Aktivisten der Protestbewegung, wobei seine Rolle innerhalb der Bürgerinitiative selbst nur schwer einzuschätzen ist. In zahlreichen Leserbriefen, Schreiben an Landes- und Bundespolitiker_innen und in der Mobilisierung prominenter Fürsprecher_innen der Protestbewegung, wie dem Naturschützer Bernhard Grzimek, trat Bruns in Erscheinung. Als Vorsitzender 353 Vgl. z. B. für das Maritim-Projekt in Travemünde Braun, Axel: Voraussetzungen, Probleme und Auswirkungen von planerischen Maßnahmen im Fremdenverkehrsraum – aufgezeigt am Beispiel eines Hotel-, Kongreß- und Freizeitzentrums an der Lübecker Bucht. In: Die Heimat. Zeitschrift für Natur- und Landeskunde von Schleswig-Holstein und Hamburg 86 (1979), S. 113-126, hier S. 113. 354 Vgl. bspw. das im Hamburger Abendblatt vom 18.05.2013 zitierte Flugblatt, in dem „Inselfremde Finanzgruppen“ bezichtigt werden, den Sylter_innen ihre Erwerbsquelle wegzunehmen, nachgedruckt bei Stojan, Ernst-Wilhelm: Denkwürdigkeiten, S. 12. 355 Vgl. z. B. die Diskussion der Notwendigkeit eines neuen Kurmittelhauses in Westerland. In: Bürgerinitiative Sylt e. V.: Dokumentation, S. 10f. 356 Vgl. zu Enns persönlichen Interessen Wöbse, Anna-Katharina: Kritisch denken, S. 50.; vgl. auch Bürgerinitiative Sylt e. V.: Dokumentation, Blatt 1. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 147 des angeblich weltweit agierenden Lebensschutzbundes trat er als bedeutender Funktionsträger einer vermeintlichen Massenorganisation auf, die dieser Verein zu keinem Zeitpunkt war.357 Bruns erwies sich als sehr geschickt im Umgang mit den Medien, da zahlreiche seiner Stellungnahmen tatsächlich veröffentlicht wurden. Daneben stellt seine Dokumentation der Aktionen der Bürgerinitiative eine der wichtigsten Quellen für die Aktivitäten der Bürgerinitiative dar, in der Bruns selbst in der dritten Person ausführlich zu Wort kommt.358 Während die Argumente der Befürworter_innen des Projekts besonders den Aspekt der Notwendigkeit einer Modernisierung des Seebades betonten, vermischt sich in den Beiträgen der Gegner_innen eine recht naive Sehnsucht nach alten Zeiten mit einer Sorge um die Folgen solcher Bauprojekte für Umwelt und Natur.359 Das Scheitern von „Atlantis“ als Verdichtungspunkt für die Kehrtwende in der Tourismuspolitik „Atlantis“ scheiterte trotz des positiven Entscheids der Westerländer Stadtvertretung an der Intervention der Landesregierung. Knapp fünf Monate nach der Genehmigung des Bebauungsplans durch die Kommune Westerland am 18. April 1972 stoppte der schleswig-holsteinische Innenminister Titzck das Projekt.360 Der Begründungstext des Ablehnungsbescheids verdeutlicht nicht allein die Bedenken der Lan- 357 Zu einer ähnlichen Bewertung von Bruns kam auch unlängst Wöbse, Anna- Katharina: Kritisch denken, S. 57f. 358 Siehe Bruns, Herbert. Sylt. 1. und 2. Halbband. 359 Einzig Herbert Bruns legte seine Vorstellungen in einer umfassenden (und zweifellos kaum gelesenen) Publikation vor. Vgl. Bruns, Herbert: Lebensschutz oder Bioprotektion als Integration von Menschen-, Tier-, Pflanzen-, Natur- und Landschaftsschutz. Wissenschaftliche Begründung und praktische Forderungen zur Erhaltung und Schaffung gesunder Lebensgrundlagen des Menschen, der Tiere und der Pflanzen. Wiesbaden 1969. Bruns versucht hier eine logische Herleitung der Sinnhaftigkeit umweltschonender Verhaltensweisen und bietet sich und ein von ihm in Eigeninitiative gegründetes „erste[s] Lebensschutzinstitut der Erde“ (S. 41) als „wissenschaftliches und informatorisches Zentrum“ zur Rettung der Welt an; vgl. hierzu aber auch die zahlreichen Leserbriefe in Bürgerinitiative Sylt e. V.: Dokumentation, Blatt 43-47; vgl. auch die o. g. Eingabe der Urlauberin aus Bonn in LAS, Abt. 691, Nr. 33789. 360 Ein Abdruck des Ablehungsbescheids findet sich bei Bruns, Herbert: Sylt, S. 368-370. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 148 desregierung gegen weitere Bauprojekte, sondern er zeigt auch, welche Handhabe überhaupt gegenüber dem von der Kommune eigenverantwortlich auszuübenden Planungsrecht bestand. Neben allgemeinen Ablehnungsgründen wegen eines Verstoßes gegen die Vorgaben in Bezug auf die Raumordnung des Bundeslandes sind es vor allem Zweifel hinsichtlich eines vergrößerten Verkehrsaufkommens in Westerland, die hier angeführt werden.361 Es ist zu vermuten, dass das beigefügte Schreiben nicht in umfassender Weise die Begründung für die Ablehnung der Landesregierung liefert. Heute ist es oftmals das Vorkommen bedrohter Tierarten auf zur Bebauung vorgesehenen Flächen, mit denen ein Bau- bzw. Planungsstopp juristisch durchgesetzt werden kann. In den 70er Jahren übernahmen die Befürchtungen vor einem Verkehrskollaps diese Funktion, lieferten also die rechtliche Grundlage für die Formulierung allgemeiner Vorbehalte gegen weitere Großbauprojekte. Der immer stärker werdende Autoverkehr auf der Insel war dann auch im folgenden Zeitraum der Ansatzpunkt für weitere planerische Maßnahmen der schleswig-holsteinischen Landesregierung. Im Rahmen eines neuerlichen Gutachtens einer unabhängigen Forschergruppe sollten Vorgaben für die weitere Strukturpolitik auf der Insel Sylt erarbeitet werden.362 Schon die Ausschreibung zeigt, dass die Lö- 361 Vgl. ebd., S. 368f. 362 Vgl. Minister für Wirtschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein/ Gutachtergruppe Sylt: Gutachten zur Struktur und Entwicklung der Insel Sylt. Bei dieser Kurzfassung handelt es sich um den maßgeblichen, zur Veröffentlichung vorgesehenen Teil des Gutachtens. Der Vorgang zur Erstellung des Gutachtens ist überliefert in LAS, Abt. 691, Nr. 33635 (Ausschreibung), 33636, 33702 (Text des Gutachtens), 33789, 33890, 33921, 33985, 33988, 34098, 34197, 34198, 34199, 34200, 34236 und 34260. Die Probleme des Straßenverkehrs auf Sylt im Zuge der Ausweitung des Fremdenverkehrs waren schon seit Längerem bekannt und hatten schon im Jahr 1970 zur Auftragsvergabe für ein Verkehrsgutachten und zu umstrittenen verkehrspolitischen Maßnahmen von Seiten der Kommune geführt. Vgl. Oestreich, Hans: Der Fremdenverkehr der Insel Sylt, S. 88-98. Im Zeichen allgemeiner Automobilität fiel in das Jahr 1970 dann auch das endgültige Ende der Sylter Inselbahn, einer Schmalspurbahn, die bis dahin durchaus im Rahmen der Beförderung von Urlauber_innen von Bedeutung gewesen war, aufgrund von Investitionsrückständen jedoch nicht weiter betrieben werden konnte. Vgl. Paulsen, Sven (Hg.): „Blumen pflücken während der Fahrt verboten“. 125 Jahre Sylter Verkehrsgeschichte. 2. Aufl. Westerland 2013, S. 53. 4.2 Touristische Großprojekte an Nord- und Ostsee 149 sung der Verkehrsprobleme einen der Schwerpunkte darstellte.363 Aus den Unterlagen des Landesarchivs Schleswig-Holstein wird hierbei deutlich, dass die Landesregierung, abgesehen von der Verkündung des Planungsstopps im konkreten Einzelfall „Atlantis“, nach rechtlichen Möglichkeiten suchte, um weitere Großprojekte zu verhindern. Noch im Sommer 1972 kam ein Mitarbeiter der „Arbeitsgruppe Sylt“ der Landesregierung zu der Beurteilung, dass „eine landesplanerische Veränderungssperre nur zulässig [sei], wenn eine Änderung der landesplanerischen Zielsetzungen eingeleitet ist. Nach der Neufassung des Landesraumordnungsplanes sei bei umfangreichen Großvorhaben des Fremdenverkehrs Zurückhaltung geboten, so daß sich aus diesen Gründen eine Veränderungssperre unter Umständen rechtfertigen ließe. Allerdings könne von dieser Art der Baubeschränkung nur Gebrauch gemacht werden, wenn dadurch keine Entschädigungsansprüche ausgelöst werden. Die Anwendung müsse daher auf neue Planungen beschränkt bleiben, die aber ohne dies über die Bauleitplanung gesteuert werden könnten.“364 Im Sinne einer landesplanerischen Strukturpolitik nahm die Landesregierung die in der Bevölkerung hoch umstrittenen Planungen für „Atlantis“ zum Anlass, in weit stärkerem Maße als bislang in die kommunale Planungshoheit einzugreifen und hinsichtlich der Entstehung immer neuer touristischer Großprojekte dauerhaft politische Kompetenzen an sich zu ziehen. Weitergehenden Begehrlichkeiten der Westerländer Bürgerinitiative, an der Bestandsaufnahme der touristischen Strukturen durch die Gutachtergruppe beteiligt zu werden, wurde jedoch von Seiten des Innenministeriums eine Absage erteilt.365 Auch auf Sylt führte das Scheitern von „Atlantis“ zu einem Umdenken in der 363 Die Ausschreibung findet sich in LAS, Abt. 691, Nr 33635. Die Aufgabenstellung für die Gutachtergruppe umfasst sieben Ziele, deren erstes mit „Lösung der Verkehrsprobleme unter Priorität des öffentlichen Nahverkehrs vor dem Individualverkehr“ umrissen wird (ebd., Bl. 69). Zur Zielsetzung des Gutachtens vgl. auch Regierungserklärung zur Situation und Entwicklung des Fremdenverkehrs in Schleswig-Holstein von Wirtschaftsminister Narjes am 07.03.1972. In: Plenarprotokoll: 7. WP, 14. Sitzung am 13.-20. Sitzung am 07.03.1972, S. 717-728, hier S. 721f. 364 LAS, Abt. 691, Nr. 33636: Protokoll Sitzung der „Arbeitsgruppe Sylt“ am 11.07.1972. 365 Vgl. ebd.: Schreiben von MR Dr. Laux an die Vorsitzende der Sylter Bürgerinitiative Clara Enns vom 04.07.1972. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 150 Stadtverwaltung. Der Magistrat verabschiedete einen allgemeinen Baustopp für den Stadtkern und für weitere Gebiete, wobei schon genehmigte Bauvorhaben jedoch noch ausgeführt wurden. Newig konstatiert einen langsamen Neuorientierungsprozess aufgrund der schädlichen Auswirkungen des Freizeitwohnwesens für den weiteren Verlauf der 70er Jahre.366 Tourismusindustrie Zu Beginn des Kapitels habe ich die These aufgestellt, dass der Tourismus in den 60er Jahren in die „industrielle“ Phase eintritt. In diesem Abschnitt soll nun zunächst geklärt werden, ob sich diese Bezeichnung einerseits als tragfähig erweist und es wird anschließend nach der Wahrnehmung der Zeitgenossen gefragt werden, die diesen Prozess durch ihre Analysen und Darstellungen begleitet haben, den öffentlichen Diskurs über die „Tourismusindustrie“ also maßgeblich geprägt haben. Des Weiteren werde ich einen sprachlichen Ableger dieser Diskussion, nämlich die in den 60er und 70er Jahren gehäuft auftretende sprachliche Figur der sogenannten „weißen Industrie“ anhand von Quellen vor allem aus Schleswig-Holstein analysieren. Industrialisierung des Fremdenverkehrs Von einer Tourismusindustrie zu sprechen ist weder im Rahmen der allgemeinen Öffentlichkeit noch des kleinen Feldes der Tourismuswissenschaftler_innen bzw. Tourismushistoriker_innen besonders ungewöhnlich.367 So definiert ein willkürlich ausgewähltes und leicht verfügbares Medium, das Online-Statistik-Portal Statista, den Begriff fol- 4.3 4.3.1 366 Vgl. Newig, Jürgen: Die Entwicklung von Fremdenverkehr und Freizeitwohnwesen, S. 88. 367 Titelgebend bspw. bereits bei Hochreiter, Rolf/Arndt, Ulrich: Die Tourismusindustrie. Eine Markt- und Wettbewerbsanalyse. Frankfurt a. M., Bern, Las Vegas 1978; siehe auch Pagenstecher, Cord: The Construction of the Tourist Gaze. How industrial was post-war German Tourism? In: Laurent Tissot (Hg.): Construction d’une industrie touristique au 19e et 20e siècles. Perspectives internationals/Development of a Tourist Industrie in the 19th and 20th Centuries. International Per- 4.3 Tourismusindustrie 151 gendermaßen: „Zur Tourismusindustrie werden die Bereiche Gastgewerbe, Reiseunternehmen, Reiseveranstaltung und Reisebüros gezählt. Die Tourismusindustrie wird auch als Fremdenverkehrswirtschaft oder Tourismusbranche bezeichnet.“368 Und auch die Tourismushistoriker Spode, Pagenstecher, Manning und Hachtmann widmen sich dem Begriff der Tourismusindustrie und dem Grad seiner Industrialisierung in eigenen kurzen Kapiteln.369 Dem allgemeinen Sprachgebrauch steht in wissenschaftlicher Hinsicht der zumindest problematische Befund gegenüber, dass der Tourismus keine Industrie im herkömmlichen Sinne ist, denn er produziert in seinen Kernbereichen keine Güter, sondern verkauft Dienstleistungen. Dies stellt nach der Einteilung der Wirtschaft in Sektoren insofern ein Problem dar, als dass es sich bei ‚Industrie’ und ‚Dienstleistungen’ eben um zwei unterschiedliche Wirtschaftssektoren handelt, die für die Erklärungskraft der mit dieser Einteilung eng verbundenen Drei-Sektoren-Hypothese von entscheidender Bedeutung sind. Diese Einteilung der Wirtschaft in Sektoren steht zwar seit der Vorstellung der Theorie immer wieder in der Kritik und auch die Trennschärfe zwischen den verschiedenen Sektoren wird gerade für die Geschichte seit Gründung der Bundesrepublik immer wieder in Frage gestellt.370 „Als grundlegende Modellvorstellung ist die ‚Drei-Sektoren-Hypothese’ jedoch in der Fachwissenschaft akzepspectives. Neuchâtel 2003, S. 373-389; weiterhin Pagenstecher, Cord: Von der Strandburg zur Bettenburg. Zur Visual History des bundesdeutschen Ostsee-Tourismus. In: Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte 20 (2011), S. 146-173, hier insbes. S. 149. 368 Das Zitat ist zu finden unter der Adresse http://de.statista.com/statistik/faktenbuc h/290/a/branche-industrie-markt/tourismusbranche/tourismusindustrie/, abgerufen am 23.10.2017. Zwar verzichtet der Brockhaus in seiner letzten gedruckten Ausgabe darauf, von einer Tourismusindustrie zu sprechen, und betont den Dienstleistungscharakter der Tourismuswirtschaft, stellt im Weiteren jedoch die Produktion von Sachgütern durch die Tourismuswirtschaft heraus. Vgl. Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden. Bd. 21 TALB-TRY. 21. Aufl., Leipzig, Mannheim 2006, S. 614-619, hier S. 617. 369 Vgl. Pagenstecher, Cord: Der bundesdeutsche Tourismus, S. 45-48; Hachtmann, Rüdiger: Tourismus-Geschichte. Göttingen 2007, S. 160-163; Manning, Till: Die Italiengeneration. Stilbildung durch Massentourismus in den 1950er und 1960er Jahren. Göttingen 2011, S. 11f., 326-334. 370 Vgl. Steiner, André: Die siebziger Jahre als Kristallisationspunkt des wirtschaftlichen Strukturwandels in West und Ost? In: Jarausch, Konrad H. (Hg.): Das Ende der Zuversicht? Die siebziger Jahre als Geschichte. Göttingen 2008, S. 29-48, ins- 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 152 tiert“ 371 und es darf hinzugefügt werden, in der öffentlichen Diskussion sogar noch weit über den Charakter eines Modells hinaus. Der Industriebegriff ist aber keineswegs so eindeutig, wie er auf den ersten Blick erscheint. Selbst die landläufige Verknüpfung zwischen dem Begriff der Industrie und der Produktion von Sachgütern hält einer genaueren Überprüfung kaum stand und bildet sozusagen den Aufhänger für meine Überlegungen zur Tourismusindustrie als „weißer Industrie“. Ein Blick in einige einschlägige Nachschlagewerke zur Gesellschaft und Wirtschaft Deutschlands soll diese Problematik verdeutlichen. So definiert beispielsweise das weit verbreitete Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands den Begriff Industrie eben nicht nur als „hochgradig arbeitsteilige, fabrikmäßig organisierte, maschinengestützte Herstellung von Sachgütern in großen Serien“, sondern akzeptiert diese Kurzdefinition höchstens als „eine technische Kerndefinition von ‚industrieller Fertigung’ als einer Organisationsform von Produktion“.372 Industrie meint aber noch viel mehr und sie „zeigt sich in den ‚Fabriklandschaften’ des Ruhrgebiets, der Pittsburgh- Area oder in Lothringen, Industrie zeigt sich als technisches Produkt, vor allem als Massengüter, seien es nun Uniformen, Schreibmaschinen, Automobile oder Lego-Steine, und Industrie zeigt sich in Form von shoppingmalls und Groß-Kliniken, aber auch in der Siedlungsstruktur ganzer Regionen und im Verkehrswegenetz.“373 bes. S. 30; vgl. Hesse, Jan-Otmar: Ökonomischer Strukturwandel. Zur Wiederbelebung einer wirtschaftshistorischen Leitsemantik. In: Geschichte und Gesellschaft 39 (2013), S. 86-115, hier S. 98-104; vgl. zuletzt auch Steiner, André: Abschied von der Industrie? Wirtschaftlicher Strukturwandel in West- und Ostdeutschland seit den 1960er Jahren. In: Plumpe, Werner/Steiner, André (Hg.): Der Mythos von der postindustriellen Welt. Wirtschaftlicher Strukturwandel in Deutschland 1960-1990. Göttingen 2016, S. 15-54, hier S. 19-23. Dort auch Hinweise auf weiterführende Literatur. 371 Grüner, Stefan: Strukturwandel und (Schwer-)Industrie – Forschungsstand und Perspektiven. In: Danker, Uwe/Harbeke, Thorsten/Lehmann, Sebastian (Hg.): Strukturwandel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Neumünster 2014, S. 123-156, hier S. 127. 372 Schmidt, Gert: Industrie. In: Schäfers, Bernhard/Zapf, Wolfgang (Hg.): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands. Bonn 2001, S. 306-318, hier S. 306. 373 Ebd. 4.3 Tourismusindustrie 153 Industrie ist also in diesem Sinne nicht mehr auf die Produktion von Sachgütern beschränkt, sondern umfasst die gesellschaftliche Durchsetzung eines bestimmten Prinzips zur Herstellung von Gütern, seien es materielle oder immaterielle. Analog hierzu verwendet das Handwörterbuch auch den Begriff der „Industrialisierung“ nicht allein für den landläufig vor allem mit dem 19. Jahrhundert verknüpften und somit historischen Prozess der Durchsetzung industrieller Güterproduktion in Westeuropa und den USA, sondern als eine fortdauernde Entwicklung durch „zunehmende[...] Ausweitung und Intensivierung industrieller Produktion sowohl auf Gesellschaftsebene wie im Weltmaßstab.“374 Noch weiter verdichtet kommt der Autor zu dem Schluss: „Industrie ist ein umfassender gesellschaftlicher Tatbestand.“375 Auch der Brockhaus in seiner Funktion als Standardlexikon kommt in seinem Lemma zum Begriff der „Industrialisierung“ zu dem Befund, dass diese in einer „Ausbreitung hochproduktiver industrieller Methoden der Fertigung und Leistungserstellung in allen Wirtschaftsbereichen“ zum Tragen komme.376 In diesem Sinn verstehe ich Industrie und Industrialisierung als Durchsetzung industrieller Methoden in der Produktion von Gütern. Industrialisierung hat ihre historischen Wurzeln zwar im 19. Jahrhundert, bleibt aber nicht auf den Bereich der Sachgüterproduktion beschränkt. Sie ist als „umfassender gesellschaftlicher Tatbestand“ auch auf den Bereich der Dienstleistungen zu übertragen.377 Schon Hans Magnus Enzensberger wies in seinem für die Tourismusgeschichte grundlegenden Aufsatz aus dem Jahr 1958 darauf hin, dass der Tourismus eine „Industrie großen Stils“ darstelle, deren Hauptkennzeichen aus „Normung, Montage und Serienfertigung“ bestünden.378 Zwar war Enzensbergers Urteil über das Ausmaß des Fremdenverkehrs in der Bundesrepublik wohl etwas verfrüht, die Ära des Massentourismus sollte nämlich erst im nächsten Jahrzehnt anbrechen. Dennoch war mit dieser Sichtweise auf das Phänomen der Industrialisierung der 374 Ebd. 375 Ebd., S. 307. 376 Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden. Bd. 13 HURS bis JEM. 21. Aufl., Leipzig, Mannheim 2006, S. 253. 377 Schmidt, Gert: Industrie, S. 307. 378 Enzensberger, Hans Magnus: Eine Theorie des Tourismus, S. 196. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 154 Weg gewiesen für ein besseres Verständnis des Fremdenverkehrs, der sich am Beispiel Schleswig-Holsteins in der Entstehung der Ferienzentren festmachen lässt.379 Zu den drei von Enzensberger verwendeten Begriffen zur Charakterisierung der Industrialisierung des Fremdenverkehrs, die vor allem die konkreten Produktionsbedingungen der Ware charakterisieren, müssen für die Beschreibung des modernen Massentourismus als Industrie aber noch weitere hinzugefügt werden. Industrielle Produktion benötigt im Zeitalter des Fordismus, zu dem die 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts zu zählen sind, auch den Massenkonsum, der die normierte Produktion rentabel machte. Darüber hinaus ist industrielle Produktion auch von einem hohen Mitteleinsatz und Kapitalkonzentration gekennzeichnet. Die schleswig-holsteinischen Ferienzentren waren Großanlagen, für deren Errichtung große Geldsummen investiert werden mussten, die von den Bauträgern auf verschiedenen Wegen bei Investor_innen eingesammelt wurden. Lohnenswert wurde der Betrieb der Anlagen weiterhin nur bei möglichst rationeller Bewirtschaftung, für die wiederum neben der Normierung des Produkts auch ein hoher Belegungsgrad der Anlagen im Jahresverlauf erforderlich war. Die Entstehung der Ferienzentren veränderte die Struktur des schleswig-holsteinischen Tourismuslandschaft von Grund auf, auch wenn die Anlagen zu den traditionellen Angebotsformen der privaten und gewerblichen Zimmervermietung zunächst nur hinzutraten und noch nicht die Mehrheit der für den Fremdenverkehr zur Verfügung stehenden Betten ausmachten. Die Struktur der Ferienzentren ist „geprägt von Produktions-, Angebots- und Vertriebsmethoden der Industrie, die in den touristischen Markt eingeführt worden sind.“380 Sie weisen „alle Kennzeichen von industriellen Konzernbetrieben“ auf.381 Und Pagenstecher charakterisiert das Ferienzentrum Damp als „fordistisch rationalisierte Urlaubsfabrik“.382 Die durch die Ferienzentren zur Verfügung gestellten Betten stellten in den 70er Jahren noch nicht die 379 Vgl. zu meiner Beurteilung des Enzensberger-Textes vor dem Hintergrund der Entstehung des Massentourismus Harbeke, Thorsten: Der Strukturwandel im schleswig-holsteinischen Tourismus, S. 212f. 380 Kurz, Reinhart: Ferienzentren an der Ostsee, S. 47. 381 Ebd. 382 Pagenstecher, Cord: Der bundesdeutsche Tourismus, S. 148. 4.3 Tourismusindustrie 155 Mehrheit aller Fremdenverkehrsbetten. Da es an der Westküste Schleswig-Holsteins zwar mehrere größere Appartementanlagen beispielsweise auf Sylt gab, jedoch keine Anlage mit mehr als 1.000 Betten und integrierten Gewerbe- und Freizeiteinrichtungen, wird die Bedeutung des durch die Entstehung der Ferienzentren ausgelösten Strukturwandels erst durch einen Blick auf die Beherbergungsstruktur an der Ostseeküste deutlich: Innerhalb weniger Jahre war die neue Angebotsform ‚Ferienzentrum’ schon für knapp 30 % aller Fremdenbetten verantwortlich.383 Die Ferienzentren standen hierbei in einem engem Konkurrenzverhältnis zu den traditionellen Beherbergungsformen und es setzte angesichts der Überkapazitäten ein Verdrängungswettbewerb ein, der aber langfristig wegen der Rentabilitätsprobleme der Ferienzentren für die Privatvermieter_innen insgesamt nicht ruinös verlief, in vielen Fällen aber doch zur Aufgabe dieses Nebenerwerbs führte.384 Der strukturverändernde Effekt der Ferienzentren trat also unabhängig davon ein, ob diese Angebotsform selbst für die meisten Übernachtungen und Bettenkapazitäten sorgte. Der Bau von Großprojekten an der Ostseeküste verlief nicht immer reibungslos. Während für Damp keine Bürger_innenproteste bekannt sind, hatte es auf Fehmarn immerhin kritische Stimmen gegeben, die die Umgestaltung der Tiefehalbinsel für überdimensioniert hielten. Widerstand in Form von Bürger_innenprotesten konnte hier jedoch von mir nicht in nennenswertem Ausmaß ermittelt werden. Im zu Lübeck gehörenden Seebad Travemünde sorgte der Neubau des über 100 Meter hohen Maritim-Hotels für überregional wahrnehmbaren Unmut in der Bevölkerung. Das 500-Betten-Projekt wurde aber dank der Befürworter_innen in der Stadtverwaltung gebaut, der Protest von 10.000 Bürger_innen, organisiert durch eine Bürgerinitiative, blieb erfolglos. Auch hier scheinen die finanziellen Anreize in Form von Abschreibungsmöglichkeiten und Zonenrandförderung den Ausschlag gegeben zu haben.385 Der Protest gegen „Atlantis“ auf Sylt ist 383 Vgl. Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 82 u. 245. Ohne die Privatquartiere betrug der Anteil der Ferienzentren sogar knapp 40 %. 384 Vgl. ebd., S. 95. 385 Vgl. zum Komplex des Maritim Hotels in Travemünde den Artikel mit dem Titel: „Für Hohlköpfe“. In: Der Spiegel vom 17.05.1971. Nr. 21 (1971), S. 62-65; siehe auch Braun, Axel: Voraussetzungen, Probleme und Auswirkungen, S. 113-126. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 156 bereits geschildert worden. Zwar waren diese Proteste m. E. nicht grundsätzlich modernisierungsfeindlich oder gegen Fremdenverkehr als Erwerbsgrundlage insgesamt gerichtet. Sie sind jedoch durchaus als Reaktion auf den als bedrohlich empfundenen Wandel in den Fremdenverkehrsorten und den Industrialisierungsprozess im Fremdenverkehr zu begreifen.386 „Weiße Industrie“ Die sprachliche Verknüpfung des Industriebegriffes mit dem Fremdenverkehr ist deutlich älter als die oben beschriebene tatsächliche Industrialisierung dieses Wirtschaftszweiges.387 Schon in den späten 40er Jahren wurde beispielsweise im schleswig-holsteinischen Landtag über den Fremdenverkehr von der „Industrie ohne Schornsteine“ gesprochen, seit den frühen 60er Jahren dann auch gelegentlich von der „weißen Industrie“.388 Der Begriff kommt aber im institutionalisierten Politikbetrieb nicht besonders häufig vor. Deutlich öfter wird er in den Medien verwendet bzw. dann, wenn Politiker_innen über die Medien oder in öffentlichen Reden für den Fremdenverkehr werben wollten.389 Hinter dem Begriff der „weißen Industrie“ verbergen sich eine ganze Reihe von Bedeutungsebenen. Zu nennen ist die augenscheinliche Farbsymbolik, die neben der Assoziation der Farbe Weiß mit Reinheit und Unschuld auch noch als Anspielung auf weiße Strände, weiße Wolken vor blauem Himmel, weiß gekachelte Kurbetriebe und weiß 4.3.2 386 Vgl. zum Thema des Protests gegen baulichen Wandel auch Führer, Karl-Christian: Die Stadt, das Geld und der Markt. Immobilienspekulation in der Bundesrepublik 1960-1985. Berlin 2016, S. 372f. 387 Teile meiner Forschungsergebnisse zu diesem Thema habe ich bereits publiziert in meinem Aufsatz Touristische Infrastrukturpolitik in Schleswig-Holstein, S. 244-248. Der dort publizierte Text wurde grundlegend überarbeitet und um weitere Aspekte ergänzt. 388 Das erste Zitat findet sich in Plenarprotokoll: 1. WP, 23. Tagung am 03. und 04.06.1949, S. 8, Rede des Arbeitsministers Preller (SPD); als „weiße Industrie“ taucht der Begriff ab den 50er Jahren gelegentlich auf, bspw. in ebd., 3. WP, 80. Sitzung am 28.01.1958, S. 3328, Rede des Abgeordneten Knudsen (CDU). Beiden Zitaten ist die leicht distanzierende Verwendung gemein. 389 Vgl. hierzu die Beispiele aus der poltischen Kommunikation in Harbeke, Thorsten: Touristische Infrastrukturpolitik in Schleswig-Holstein, S. 245f. 4.3 Tourismusindustrie 157 und sauber gekleidetes Badepersonal zu lesen ist. Dann verweist die „weiße Industrie“ aber auch auf ihr vermeintliches Gegenteil, die eigentliche und damit aufgrund von Rußentwicklung oft mit der Farbe Schwarz verknüpfte Schwerindustrie.390 Die Gegenüberstellung ist aber nicht absolut. Im strukturschwachen und landwirtschaftlich geprägten Schleswig-Holstein war der Fremdenverkehr in den 50er Jahren niemals als Ersatz für die erwünschte Ansiedlung von Industriebetrieben gedacht, sondern nur als eine Perspektive für jene Gebiete, in denen ein Bedeutungszuwachs industrieller Produktion kaum möglich schien. Für diese Räume Schleswig-Holsteins galt in der politischen Kommunikation der Landesregierung die Devise, „daß Einrichtungen der ‚Weißen Industrie‘ eine Beträchtliche Steigerung der Wirtschaft darstellen, so daß sie gefördert werden müssen.“391 In den 60er Jahren ist eine deutliche Konjunktur des Sprechens über die „weiße Industrie“ in den Medien festzustellen. Zunächst tauchte sie als Redewendung in zahlreichen Zeitungsartikeln auf, bei denen sie als sprachliche Figur ein wenig Abwechslung in die ansonsten in der Regel inhaltsarme Berichterstattung über den Fremdenverkehr bringen sollte, die regelmäßig über gestiegene Übernachtungszahlen oder den Aufschwung dieses Wirtschaftszweiges allgemein berichtete. Meist wurde in Anführungszeichen von der „weißen Industrie“ oder auch „Weißen Industrie“ gesprochen.392 Die Anführungszeichen schafften hierbei einerseits Authentizität, weil sie ein Zitat suggerieren, andererseits ermöglichten sie eine Distanzierung. 390 Die Gegenüberstellung funktioniert hierbei ähnlich wie bei dem schon im frühen 20. Jahrhundert auftauchenden und von David Blackbourn analysierten Begriff der „weißen Kohle“, der die vermeintlich ‚saubere’ Wasserkraft beschrieb. Vgl. Blackbourn, David: Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft, München 2008, S. 256-267. 391 „Wird Burg aus dem Eventualhaushalt gefördert?“ In: Fehmarnsches Tageblatt vom 11.08.1967. 392 Für diese Arbeit wurde die Zeitungsberichterstattung in den Lokalmedien nicht systematisch ausgewertet, weil die Recherche in den Archivquellen zu den Ferienzentren recht schnell ergeben hatte, dass die mediale Berichterstattung über den Fremdenverkehr nur wenige Informationen zu bieten hatte. Gleichwohl fanden sich in den ausgewerteten Akten, bspw. aus dem LAS, eine Vielzahl von Pressespiegeln, in denen der Begriff verwendet wird. Stellvertretend sei hier angeführt die Akte LAS, Abt. 691, Nr. 36074, in der sich diverse Artikel aus verschiedenen Zeitungen finden, die den Begriff in den verschieden Schreibweisen verwenden. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 158 Im Zusammenhang mit der medialen Debatte um die schleswigholsteinischen Großprojekte wurde aus dem zuvor weitgehend positiv verwendeten Begriff ein negativ besetzter. Exemplarisch gezeigt werden kann dies an dem Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1971, aus dem auch schon das Eingangszitat für dieses Kapitel stammt. Unter der Überschrift „Das Ruhrgebiet der weißen Industrie“ formulierte Autor Hermann Funke seine umfassende Kritik an dem Bauboom in dem nördlichsten Bundesland: „Was diese Industrie ausbeutet sind die Naturschätze der Insel: die Landschaft, das Klima, die Gäste – schier unerschöpfliche Rohstoffe scheinbar.“393 Der dem Stil nach kapitalismuskritische Artikel verknüpft die Industriemetapher mit Ausbeutung und Umweltverschmutzung. Selbst die aus anderen Bereichen bekannte Dichotomie zwischen vermeintlich ‚raffendem’ Finanzkapital und schaffenden einheimischen Zimmervermieter_innen findet sich hier angedeutet. Hier vermeidet der Autor jedoch die empathische Teilnahme, indem er diesen Vorwurf den bürgerlichen Sylter Vermieter_innen in den Mund legt und damit relativiert.394 Die Zeitschrift stand dem Bauboom nicht nur in Schleswig-Holstein insgesamt kritisch gegenüber.395 Aber auch in anderen Publikationen mehrte sich die Kritik an den Bauvorhaben und an der Industrialisierung des Fremdenverkehrs insgesamt. Das bekannteste Beispiel für die zeitgenössische Kritik des modernen Fremdenverkehrs ist sicherlich das Buch von Jost Krippendorf „Die Landschaftsfresser“. Darin heißt es: Eine neue Ausbeutung greift Platz, die der industriellen Ausbeutung in nichts nahesteht: die Verwandlung der Natur in Freizeitgelände. [...] Und eines Tages stinkt der See, stinkt die Luft, erdröhnt das stille Tal von Verkehrslärm. Eines Tages ist die Landschaft überlastet, die Natur überfordert. Die Leute sagen: »Wie in der Stadt«, und verbringen ihre nächsten Ferien in einer wirklich noch unberührten Gegend, die damit auch mit der selbstzerstörerischen Entwicklung in Berührung kommt.“396 393 Funke, Hermann: Das Ruhrgebiet der weißen Industrie, S. 98. 394 Siehe ebd., S. 103. 395 Dies belegen Artikel wie „Haut hin“. In: Der Spiegel vom 17.08.1970. Nr. 34 (1970), S. 69-70 sowie der schon genannte „In zehn Jahren sind das hier Slums“. In: Der Spiegel vom 03.07.1972. Nr. 28 (1972), S. 56-64. 396 Krippendorf, Jost: Die Landschaftsfresser. Tourismus und Erholungslandschaft – Verderben oder Segen? Bern, Stuttgart 1975, S. 52. 4.3 Tourismusindustrie 159 In Krippendorfs Buch von 1975, das bis zur Mitte der 80er Jahre vier Neuauflagen erlebte, wurde die Kritik der Industrialisierung des Fremdenverkehrs mit einem kulturkritischen Ansatz verknüpft, wie er auch bei Enzensberger schon zu finden war. Fremdenverkehr wurde hier generell mit der Zerstörung der Landschaft und mit Umweltverschmutzung in Verbindung gebracht. Der Ingenieur Jesberg hingegen ging noch weiter und wollte Anlagen wie Damp schon unmittelbar nach der Fertigstellung gleich wieder abreißen: „Die Erholungs-, Freizeit- und Ferienzentren, gehäufter Beton aus Sinnlosigkeit, Mittelmäßigkeit und Gewinnstreben, von der Costa Brava bis nach Damp, sind reif zum Abbruch. Statt dessen wachsen aus Fadheit, Manipulation und Versprechungen [...] immer mehr Freizeitburgen, um die letzten Reste der freien Zeit durch Zwänge zu binden und die Freiheit der Freizeit ad absurdum zu führen.“397 Ähnlich wie Krippendorf argumentierte in Bezug auf Schleswig-Holstein und die Ferienzentren auch Merian-Autor Jan Herrchenröder, der durch die „Betonklötze“ die Landschaft verschandelt sah und Damp mit Las Vegas verglich und dessen einziger Trost war: „Nach einem kurzen Spaziergang ist man in der freien Natur, ohne Industrie, auch ohne Fremdenindustrie.“398 In diesem, schon an der Wende zu den 80er Jahren veröffentlichten Text findet sich kein Versprechen von Prosperität und Arbeitsplätzen durch den Ausbau des Fremdenverkehrs mehr. Die durch Skandale und Insolvenzen ins Gerede gekommenen Ferienzentren wurden in diesem Beispiel bürgerlicher Kulturkritik rein negativ bewertet.399 Die „weiße Industrie“ hatte also am Ende der 70er Jahre ihre Unschuld verloren. Für die trotz der Finanzierungs- und Auslastungsschwierigkeiten der Großanlagen immer noch zahlreichen Gäste war dies allerdings eher eine weitgehend abstrakte Diskussion abgehobener ‚armchair travellers’. Für sie gilt damals wie heute, der Ausspruch, mit dem auch „Der Spiegel“ einen seiner an- 397 Jesberg, Paulgerd: Bauen für die Freizeit, S. 687. 398 Herrchenröder, Jan: Steinzeit 2000, S. 47. 399 Zum Elitendiskurs über den Fremdenverkehr in dieser Zeit vgl. auch Spode, Hasso: Homogenisierung und Differenzierung. Zur Ambivalenz touristischer Chronotopie-Konstruktion. In: Schnepel, Burkhard/Girke, Felix/Knoll, Eva-Maria (Hg.): Kultur all inclusive. Identität, Tradition und Kulturerbe im Zeitalter des Massentourismus. Bielefeld 2013, S. 93-115, hier S. 93-98. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 160 sonsten kritischen Artikel über die schleswig-holsteinischen Ferienzentren überschrieb: „Die vielen Leute stören gar nicht“.400 Fazit Der Planungsstopp für neue Großprojekte von 1971 und die Absage an „Atlantis“ im Jahr 1972 sind im Rahmen eines länger andauernden Prozesses des Umdenkens auf Seiten der Landesregierung zu betrachten. Die vermeintlich umweltfreundliche und risikolose „weiße Industrie“ hatte sich hinsichtlich ihrer Folgen für die Küstenlandschaft und die Struktur der Fremdenverkehrsgemeinden als problematischer Weg zur Modernisierung der schleswig-holsteinischen Wirtschaftsstruktur erwiesen. Als die Landesregierung im März 1971 die Gemeinden darauf hinwies, dass weitere Großprojekte des Fremdenverkehrs nicht mehr für förderungswürdig erachtet würden, hatten sich in Erwartung dieser Maßnahme zum Jahresende 1970 noch einmal eine große Anzahl von Gesellschaften gegründet, die den Bau von weiteren Ferienzentren betreiben wollten.401 Zwar warnte der Wirtschaftsminister Narjes in der maßgeblichen Regierungserklärung vom 7. März 1972 noch vor „unzulässigen Verallgemeinerungen elitärer Geschmacksmaßstäbe“ im Hinblick auf die ablehnende Haltung der Massenmedien gegenüber den Ferienzentren und Appartementbauten, für einen „profillosen Massentourismus“ wollte er dann aber nicht mehr eintreten.402 Der nach kurzer Zeit gestoppte stürmische Ausbau der Fremdenverkehrskapazitäten in Form von Großvorhaben hatte aber schon bedeutende Überkapazitäten erzeugt. Ich bin der Ansicht, dass nicht allein diese Überkapazitäten oder die überhandnehmende Inanspruchnahme 4.4 400 „Die vielen Leute stören gar nicht“ In: Der Spiegel vom 19.08.1974. Nr. 34 (1974) vom 19.08.1974, S. 36-39. 401 Vgl. Regierungserklärung Fremdenverkehr Minister Narjes vom 07.03.1972. In: Plenarprotokoll: 7. WP, 14. Sitzung am 07.03.1972, S. 720. Vgl. zu diesem Sachverhalt auch Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee, S. 79. 402 Ebd., S. 720. Die Landesregierung behielt diese Haltung auch langfristig bei, wie die Antwort auf eine Kleine Anfrage der SPD-Abgeordneten Hamer und Stojan aus dem Jahr 1978 belegt. Vgl. FrA SPD Landtag SH, Microfiche 216.222.4: Fremdenverkehrspolitik der Landesregierung SH 1971-1980. Pressemitteilung der Landesregierung vom 08.12.1978. 4.4 Fazit 161 von fiskalischen Förderungsinstrumenten, sondern auch die gestiegene Bereitschaft der Bevölkerung, sich gegen große Bauprojekte zur Wehr zu setzen und ein langsam aber sicher erwachendes Bewusstsein für die Belange des Umwelt- und Naturschutzes auch auf Seiten der CDUgeführten Landesregierung zu dieser neuen Sichtweise geführt hat. Deutlichster Ausdruck dieses geänderten Bewusstseins ist die Modifizierung des Landesraumordnungsplanes im Jahr 1973, in der die Landesregierung eine „Konsolidierungsphase“ für Großprojekte ab einem Umfang von 200 Betten festschrieb, die auch nach ihrem Ablauf erst einmal nicht in Frage gestellt wurde.403 Ein Vergleich des Raumordnungsprogramms aus dem Jahr 1967 mit den Erläuterungen zu dem Änderungsgesetz von 1973 zeigt aber, dass die Landesregierung am Ende der 1960er Jahre die sich abzeichnende Entwicklung weder absehen konnte noch zu steuern in der Lage gewesen wäre.404 Dies dürfte auch Ministerpräsident Stoltenberg im Hinterkopf gehabt haben, als er als strukturpolitisches Ziel ausgab, „die Raumordnungspläne verstärkt als Instrument räumlicher und zeitlicher Steuerung einzusetzen.“405 In diesem Bereich hatte Schleswig-Holstein mit dem neuen Raumordnungsbericht 1974 zusammen mit Bayern hinsichtlich des Einsatzes von Raumordnungsplänen zur Tourismussteuerung eine Vorreiterrolle inne.406 In Anbetracht der Entstehungsgeschichte der Ferienzentren stellt dies dennoch ein Eingeständnis des Fehlens einer landespoliti- 403 Vgl. Kurz, Reinhard. Ferienzentren an der Ostsee, S. 79. Der Text wurde neben seiner Veröffentlichung im Amtsblatt auch noch einmal gesondert abgedruckt, was seine Bedeutung unterstreicht. Vgl. Ministerpräsident des Landes Schleswig- Holstein (Hg.): Landesplanung in Schleswig-Holstein. Heft. 9, Fremdenverkehr, S. 29-41. 404 Das Programm von 1967 findet sich in: Ministerpräsident des Landes Schleswig- Holstein (Hg.): Landesplanung in Schleswig-Holstein. Heft 7. Für das Änderungsgesetz des Jahres 1973 mit Erläuterungen siehe ebd. Heft 9. Fremdenverkehr – Erholung 1973. Kiel 1974, S. 29-41; ein detailierter Vergleich der Dokumente findet sich in Kapitel 5.4.2 dieser Arbeit. 405 Stoltenberg, Gerhard: Vorwort in: Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein (Hg.): Landesplanung in Schleswig-Holstein. Heft 9. Fremdenverkehr – Erholung 1973. Kiel 1974, S. 5-7, hier S. 6. 406 Vgl. Laufer, Heinz/Görgmaier, Dietmar/Laufer-Heydenreich, Sybille: Freizeitpolitik von Bund, Ländern und Gemeinden. Eine Analyse und Versuch einer Neuorientierung. Göttingen, 1976, S. 18-21. 4 Strukturwandel in den Jahren 1965-1980 162 schen Konzeption für die Entwicklung des Fremdenverkehrs bis in die frühen 70er Jahre dar. 4.4 Fazit 163

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References

Zusammenfassung

Ab den 1950er Jahren wandelte sich das Bundesland Schleswig-Holstein innerhalb weniger Jahre vom Flüchtlingsland zum Ferienland. Immer mehr Menschen verbrachten ihren jährlichen Sommerurlaub in der Region zwischen Nord- und Ostsee. Die Folge dieser Entwicklung waren tiefgreifende Wandlungsprozesse in den Ferienorten. In der Mitte der 60er Jahre setzte mit der Entstehung von sogenannten „Ferienzentren“ – gewaltigen Anlagen für mehrere Tausend Urlauber – ein Bauboom ein, der die Ausweitung des Fremdenverkehrs noch einmal beschleunigte und einen tiefgreifenden Strukturwandel verursachte. Nur wenige dieser Großanlagen konnten sich am Markt behaupten, Konkurse und Umstrukturierungen waren die Folge. Ein Teil der Anlagen wird aber auch heute noch erfolgreich betrieben. Diese Studie verfolgt die Wandlungsprozesse in den Ferienorten und auf Landesebene, fragt nach Ursachen, Beteiligten und Verantwortlichen. Es wird untersucht, wie der Strukturwandel politisch begleitet wurde und wie in der schleswig-holsteinischen Landespolitik eine „Fremdenverkehrspolitik“ überhaupt erst etabliert werden konnte. Am Ende ist eine erste Tourismusgeschichte des Bundeslandes Schleswig-Holstein entstanden, die neben den allgemeinen Entwicklungen der Branche durch ihren analytischen Zugang auch Erkenntnisse über die Geschichte des Bundeslandes und der Bundesrepublik in der Zeit zwischen 1950 und 1980 liefert.