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3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 in:

Thorsten Harbeke

Tourismus zwischen den Meeren, page 43 - 74

Strukturwandel im schleswig-holsteinischen Fremdenverkehr zwischen 1950 und 1980

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4204-5, ISBN online: 978-3-8288-7152-6, https://doi.org/10.5771/9783828871526-43

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 40

Tectum, Baden-Baden
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Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 In diesem Kapitel der Arbeit werden die Strukturveränderungen im Fremdenverkehr in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten auf Basis der Fremdenverkehrsstatistik untersucht. Anhand von Beispielen aus den einzelnen Fremdenverkehrsregionen werden weiterhin die Strukturveränderungen vor Ort beschrieben und unter Berücksichtigung der heimatkundlichen Literatur, die sich auch mit Fremdenverkehrsaspekten befasst hat, eingeordnet. Vorbemerkung zur Fremdenverkehrsstatistik Statistische Daten zum Fremdenverkehr sind immer mit besonderer Vorsicht zu betrachten. Der Grund hierfür liegt nicht nur in den sich ständig wandelnden Erfassungsmethoden, sondern auch darin, dass gerade die gewerblichen und privaten Vermieter_innen im Fremdenverkehr es mit der Erfassung der anreisenden Fremden nicht immer allzu genau genommen haben dürften. Und selbst bei einer ordnungsgemäßen Erfassung nach den Meldebestimmungen scheint die weitere Bearbeitung in den Gemeinden nicht immer reibungslos vonstattengegangen zu sein. Eine Ahnung von den Schwierigkeiten der Statistikbehörde bei der Erfassung der Fremdenverkehrsdaten aus den schleswig-holsteinischen Fremdenverkehrsgemeinden bekommt man beim Lesen folgender Anmerkung zur Fremdenverkehrsstatistik des Jahres 1960: „Ferner ist bei Vergleichen zu beachten: Die Ergebnisse der Fremdenverkehrsstatistik werden aus den Angaben der Beherbergungsbetriebe und der Privatquartiere zusammengestellt; dabei kann sich allgemein ein un- 3 3.1 43 terschiedlicher Erfassungsgrad von Ort zu Ort wie von Jahr zu Jahr ergeben.“102 Dieser Hinweis unterscheidet sich von den ansonsten grundsätzlich neutral gehaltenen Anmerkungen der Statistischen Jahrbücher insofern, als dass neben dem allgemeinen Wandel der Erfassungsmethoden hinsichtlich der Vergleichbarkeit zumindest vorsichtig angedeutet wird, dass die Ergebnisse der Erfassung des Fremdenverkehrs durchaus auch auf die unterschiedlichen Interessen, die Gründlichkeit und den persönlichen Erfassungseifer der beteiligten Personen zurückzuführen ist. Statistische Daten zu Übernachtungszahlen und Fremdenmeldungen sind also immer nur Näherungswerte. Die tatsächlichen Zahlen dürften grundsätzlich höher liegen. Zwischen 1950 und 1965 wurde die statistische Erfassung des Fremdenverkehrs mehrfach umgestellt. Der Einfluss dieser Maßnahmen auf die Ergebnisse ist nicht in jedem Fall zu rekonstruieren. Grundsätzlich gilt, dass in der Statistik diejenigen Übernachtungen erfasst werden sollten, die gegen Bezahlung von Geld erfolgt sind.103 Übernachtungen wurden aufgrund des Meldegesetzes auch in den Orten erfasst, die nicht zu den sogenannten Fremdenverkehrsgemeinden zählten. Aber nur diese wurden für die Statistik ausgewertet. Die Zahl dieser so bezeichneten Gemeinden schwankte in dem Zeitraum stark: 1949 erfasste man 96, zwischen 1950 und 1952 waren es 110, danach ging die Zahl kurzzeitig auf 109 zurück, um bis zum Winterhalbjahr 1954/55 auf 112 Fremdenverkehrsgemeinden anzusteigen. Im Sommer 1955 galten dann plötzlich 163 Orte als Fremdenverkehrsgemeinden. Die Zahl steigerte sich bis zum Sommerhalbjahr 1961 auf 165. Danach fand erneut eine Umstellung statt, verursacht unter anderem durch Eingemeindungen. Die Anzahl der erfassten Gemeinden bewegte sich bis 1965 im Bereich zwischen 142 und 139. Ein statistischer Effekt dieser permanenten Umstellung ist sicherlich vorhanden und am ehesten zu sehen in der Umstellung vom Sommer 1955. Grundsätzlich kann aber gesagt werden, dass dieser Effekt nicht besonders groß gewesen 102 Statistisches Landesamt Schleswig-Holstein (Hg.): Statistisches Jahrbuch Schleswig-Holstein 1960, S. 109. Im Folgenden werden die Jahrbücher zitiert als „Statistisches Jahrbuch SH“ mit der Angabe zum jeweiligen Jahrgang. 103 Vgl. Statistisches Landesamt Schleswig-Holstein (Hg.): Beiträge zur historischen Statistik Schleswig-Holsteins. Kiel 1967, S. 154. 3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 44 zu sein scheint, denn zum einen fanden diese Umstellungen nicht un- überlegt statt, es wurden z. B. Gemeinden gestrichen, in denen der Fremdenverkehr sowieso keine größere Rolle mehr spielte. Zum anderen wurden teilweise Eingemeindungen und somit die Verringerung der Zahl der Fremdenverkehrsgemeinden berücksichtigt. Die Umstellung der Statistik verbesserte also die Qualität der angegebenen Daten. Dies kann man auch im Jahr 1974 sehen, in dem 37 Gemeinden, die durch den Ausbau der Fremdenverkehrskapazitäten nun zu Fremdenverkehrsgemeinden geworden waren, hinzukamen.104 Schwieriger sind allerdings die oftmals unklaren und veränderten Zuordnungen einzelner Betriebe zur Gruppe der Hotels, der Pensionen u. Ä. zu beurteilen, sowie die Umstellung von Darstellungskategorien, wie beispielsweise sogenannter Heil- und Luftkurorte. Mit den in den Statistischen Jahrbüchern hierzu präsentierten Daten kann der Strukturwandel im Fremdenverkehr nur schwer nachvollzogen werden, da über längere Zeiträume keine Statistiken vorhanden sind. Erst ab den 60er Jahren wurden zudem die Betriebsarten dauerhaft stabil erfasst. Es ist also zur Beschreibung des Strukturwandels im Fremdenverkehr erforderlich, die statistischen Daten aus den Jahrbüchern zu verknüpfen mit der Situation vor Ort in den Fremdenverkehrsgemeinden. Aus Ortschroniken und heimatkundlicher Literatur lassen sich eine Vielzahl von Informationen zum Wandel der Fremdenverkehrsstrukturen gewinnen, die eine Analyse der Statistik allein nicht bieten kann. Ein erheblicher Teil der Fremdenverkehrsstatistik besteht in der Auflistung der unterschiedlichen Nationalitäten, die durch die Fremdenmeldungen erfasst wurden. Noch vor nachweisbaren Werbeaktivitäten für den Fremdenverkehr in den entsprechenden Ländern mit einem hohen Anteil unter den in Schleswig-Holstein gemeldeten Reisenden liegt die Begründung für die statistische Erfassung wohl eher in dem Umstand, dass sie einfach möglich ist. Weil die Nationalität bei einer Fremdenmeldung immer erfasst wird, kann sie auch leicht statistisch dargestellt werden. Der Informationsgehalt der Aussage, dass im Sommerhalbjahr 1959 ein Gast irischer Nationalität für fünf Übernachtungen in Schleswig- Holstein verweilte, ist indes gering.105 Dieses in der Tat etwas abseitig 104 Vgl. Statistisches Jahrbuch SH: Jg. 1975, S. 126, Tabelle 14.7. 105 Vgl. Statistisches Jahrbuch SH: Jg. 1959, S. 112, Tabelle 17d. 3.1 Vorbemerkung zur Fremdenverkehrsstatistik 45 ausgewählte Beispiel führt darüber hinaus zu der Frage, welche Rolle ausländische Reisende für den Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein gespielt haben. Im Sommerhalbjahr 1955 sind gut 290.000 der insgesamt 4,8 Millionen Übernachtungen in Schleswig-Holstein von Gästen ausländischer Herkunft verursacht worden worden, zehn Jahre später waren es 378.000 von 11,4 Millionen.106 Der Anteil der Ausländer_innen war also rückläufig und für den touristischen Fremdenverkehr weitgehend bedeutungslos, im Vergleich zu anderen Bundesländern sogar auffallend niedrig.107 In diesem Zusammenhang ist auf ein Kardinalproblem der Erfassung von Fremdenverkehrszahlen hinzuweisen, das zwar auf der einen Seite offensichtlich ist, andererseits aber häufig vergessen wird: Die Zahl der Fremdenmeldungen allein ist kein sinnvolles Kriterium zur Bewertung des Fremdenverkehrs, weil nur die Ankunft in einem Fremdenverkehrsbestrieb erfasst wird. Zieht ein Gast in ein anderes Hotel, eine andere Pension oder wechselt die Person vom Hotel in die Privatunterkunft, oder reist gar in einen anderen Fremdenverkehrsort, wird jeweils eine neue Fremdenmeldung fällig. Die Zahl der Fremdenmeldungen lässt also weder einen eindeutigen Rückschluss auf die tatsächliche Zahl der Urlaubsgäste zu, noch darauf, ob es sich wirklich um Urlauber_innen, Geschäftsreisende oder Personen auf der Durchreise handelt. Andere wichtige Aspekte des Fremdenverkehrs sind mit Hilfe der Fremdenverkehrsstatistik überhaupt nicht zu beurteilen. Beispielsweise war im Untersuchungszeitraum die Bedeutung des Fremdenverkehrs im Rahmen der allgemeinen Wirtschaftsleistung nicht durch die Statistik zu erfassen, genauso wenig wie die Zahl der im Fremdenverkehr Beschäftigten.108 Hierzu ist der Rückgriff auf gelegentlich in den Quellen auftauchende Schätzun- 106 Vgl. Statistisches Jahrbuch SH: Jg. 1956, S. 98, Tabelle 13c sowie Jg. 1966/67, S. 119, Tabelle 14.10. 107 Vgl. Simonis, Heide: Untersuchung über die Entwicklung des Fremdenverkehrs, S. 13. 108 Z. B. stritt man sich noch im Jahr 1978 im Landtag darüber, wie viele Menschen im Bereich der Westküste im Fremdenverkehr beschäftigt seien. Während die Regierung behauptete, es handele sich um etwa 12.000 Menschen, bestritt der Fremdenverkehrsexperte der SPD diese Zahlen und setzte sie deutlich höher an. Vgl. Plenarprotokoll: 8. WP, 69. Sitzung am 19.10.1978, S. 4702, Rede des Abgeordneten Stojan; vgl. zu den Problemen der Schätzung der wirtschaftlichen Bedeutung am Beispiel Schleswig-Holstein die Studie aus dem Kieler Institut für Weltwirt- 3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 46 gen und Berechnungen notwendig, die aber nur schwer auf ihre Validität hin geprüft werden können. Die statistische Entwicklung des Fremdenverkehrs zwischen 1950 und 1965 Der Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein nach dem Zweiten Weltkrieg war bis zur Mitte der 60er Jahre von einem stetigen Anstieg der Übernachtungszahlen geprägt. Selbst im ersten Jahr der statistischen Erfassung, dem Sommerhalbjahr 1949, das jeweils am 1. April begann und am 30 September endete, betrug die Zahl der Übernachtungen in dem Bundesland knapp 1,5 Millionen.109 Schon ein Jahr später waren schon etwas über 2,3 Millionen Übernachtungen zu verzeichnen. Ein Umstand, der sicherlich zu gleichen Teilen einer verbesserten Erfassung wie der allgemeinen Entspannung der Versorgungslage der Bevölkerung geschuldet war. 3.2 schaft von Hoffmeyer, Martin/Krieger, Christiane/Soltwedel, Rüdiger: Zur wirtschaftlichen Bedeutung des Fremdenverkehrs in Schleswig-Holstein. Kiel 1987, S. 28-32. 109 Alle statistischen Angaben in diesem Kapitel, sofern nicht anders angegeben, basieren auf eigenen Berechnungen der Daten aus den Statistischen Jahrbüchern Schleswig-Holstein, Jg. 1950-1982. Weitere verwendete Literatur wird in den Fußnoten angeführt. Sofern Angaben und Zitate aus einzelnen Bänden des Statistischen Jahrbuchs verwendet wurden, ist dies vermerkt. 3.2 Die statistische Entwicklung des Fremdenverkehrs zwischen 1950 und 1965 47 Übernachtungen in Schleswig-Holstein im Sommerhalbjahr 1950-1965 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Anstieg der Übernachtungszahlen in den 50er und 60er Jahren Im Laufe der 50er Jahre steigerte sich die Zahl der Übernachtungen in Schleswig-Holstein auf über 8,5 Millionen im Jahr 1960, was einen Anstieg um 6,2 Millionen bedeutet. Die Übernachtungszahlen haben sich also beinahe vervierfacht. Im Sommerhalbjahr 1962 gingen die Übernachtungszahlen gegenüber dem Vorjahr erstmals ein wenig zurück, nämlich um 442.000, doch schon ein Jahr später setzt sich der Kurvenverlauf mit der bisherigen Steigerungsrate fort. Die Ursache des Einbruchs ist hauptsächlich in der schweren Flutkatastrophe im Februar 1962 zu suchen.110 In dem hier zu beobachtenden Rückgang spielte Diagramm 1: 3.2.1 110 Zur Sturmflut des Jahres 1962 vgl. Lange, Ulrich: Strukturwandel, S. 698ff. Zur politischen Behandlung der Sturmflut und den Schäden in fremdenverkehrsrelevanten Bereichen vgl. Plenarprotokoll: 4. WP, 76. Sitzung am 12.03.1962, S. 2622-2638. 3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 48 wohl auch die Umstellung der Statistik eine Rolle. Als alleinige Begründung, wie Homp nahelegt, kann diese hingegen nicht dienen.111 Die Zahlen für das vom 1. Oktober bis 31. März andauernde Winterhalbjahr liegen in einer Region, die wesentlich vom Bädertourismus geprägt war, deutlich niedriger. Übernachtungen in Schleswig-Holstein im Winterhalbjahr 1950-1965 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Doch auch im Winterhalbjahr war im Verlauf der 50er Jahre ein deutlicher Anstieg der Übernachtungszahlen zu verzeichnen. Zum Jahreswechsel 1957/58 wurde erstmals die Marke von einer Millionen Übernachtungen überschritten. Die angesprochenen Einbrüche in Folge der Flutkatastrophe zeigten sich für das Winterhalbjahr auch hier, allerdings zeitversetzt. Zwischen Winterhalbjahr 1950/51 und 1959/60 hatten sich die Übernachtungszahlen knapp verdreifacht. Das Interesse der schleswig-holsteinischen Fremdenverkehrswirtschaft lag seit jeher auch in der Zunahme des Reiseverkehrs in der zweiten Jahreshälfte, in der das Baden im Meer und die Erholung am Strand aber kaum noch Diagramm 2: 111 Vgl. Homp, Catrin: Schleswig-Holstein-Tourismus am Scheideweg, S. 91. 3.2 Die statistische Entwicklung des Fremdenverkehrs zwischen 1950 und 1965 49 möglich waren. So verwundert es nicht, dass im Winterhalbjahr nicht die gleichen Steigerungsraten möglich waren wie in den Sommermonaten. Dennoch kann gesagt werden, dass eine Ausweitung der Saison tatsächlich gelungen war, und dies insbesondere in den Bädern an der Nordsee und in den Heilbädern im Landesinneren, deren Übernachtungszahlen sich für das Winterhalbjahr 1951/52 von etwa 90.000 auf bis zum Ende des Jahrzehnts jeweils knapp über 230.000 steigerten, während im selben Zeitraum die Ostseebäder ihre Zahlen von etwa 44.000 nur auf 77.000 steigern konnten.112 Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer stieg von 1950 bis 1965 von etwa 2,5 auf 3,2 Tage. Im Mittel waren Schleswig-Holstein-Urlaube im Winterhalbjahr also Kurzurlaube, wobei die in diesen Zahlen enthaltenen Geschäftsreisen den Wert etwas nach unten gedrückt haben dürften. Im Sommerhalbjahr ist ebenfalls eine Ausweitung des Urlaubszeitraums zu beobachten: Vergleicht man die Zahl der Übernachtungen mit der Zahl der Fremdenmeldungen und schließt Ortswechsel aus, so dauerte der Aufenthalt in Schleswig-Holstein im Jahr 1950 knapp über 6 Tage, 1958 schon 7 Tage und im Jahr 1965 schon 7,8 Tage. In absoluten Zahlen ausgedrückt verzeichnete die Statistikbehörde für den Sommer 1950 433.000 Fremdenmeldungen, 1955 waren es schon 766.000 und im Jahr 1958 wurden erstmals über eine Million Ankünfte verzeichnet. Dieser Anstieg verstärkte sich im Verlauf der 50er Jahre sogar noch um eine knappe halbe Million zusätzlicher Fremdenmeldungen bis zum Jahr 1965. Der wirtschaftliche Boom der Nachkriegsjahre, der sich auch in der Erhöhung der Urlaubstage für Arbeitnehmer_innen ausdrückte, ist in diesen Zahlen enthalten. Schließlich bildete der bezahlte Urlaub die Voraussetzung dafür, Urlaubsreisen unternehmen zu können.113 112 Vgl. Statistisches Jahrbuch SH: Jg 1960, S. 110, Tabelle 17b. 113 Zur Bewertung der durchschnittlichen Reisedauer vgl. Schildt, Axel: „Die kostbarsten Wochen des Jahres“, S. 78. 3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 50 Aufenthaltsdauer im Sommerhalbjahr zwischen 1950 und 1965 in Tagen Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Schon 1956 waren 4,5 der insgesamt 5,9 Millionen Übernachtungen im gesamten Bundesland in den Nord- und Ostseebädern zu verzeichnen. Der Rest verteilte sich auf die beiden schleswig-holsteinischen Großstädte Kiel und Lübeck (112.847 bzw. 90.144 Übernachtungen), die Kurorte Bad Bramstedt, Bad Schwartau, Bad Segeberg und Malente (zusammen 324.132 Übernachtungen) sowie die restlichen schleswigholsteinischen Erholungsorte, die durch die Fremdenverkehrsstatistik erfasst wurden.114 Die Nord- und Ostseebäder entwickelten sich in den Jahren zwischen 1950 und 1965 aber unterschiedlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen die beiden Regionen in etwa gleichauf, mit einem leichten Vorteil bei den Übernachtungen für die Badeorte an der schleswig-holsteinischen Westküste. Erstmals im Jahr 1954 konnten die Bäder an der Ostsee aber knapp 125.000 Übernachtungen mehr verzeichnen. In den folgenden zehn Jahren wuchs dieser Vorsprung auf 238.000 Übernachtungen an. Diagramm 3: 114 Vgl. Statistisches Jahrbuch SH: Jg. 1957, S. 104, Tabelle 13d. 3.2 Die statistische Entwicklung des Fremdenverkehrs zwischen 1950 und 1965 51 Summe der Übernachtungen in Nord- und Ostseebädern 1950-1965 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Die Struktur des schleswig-holsteinischen Fremdenverkehrs Neben dem stetigen Anstieg der Zahl der Reisenden und Übernachtungen in den 50er und 60er Jahren veränderte sich auch die Struktur des schleswig-holsteinischen Beherbergungsgewerbes. Die Betriebsstruktur ist hierbei nicht gleichermaßen gut statistisch dokumentiert wie die Zahl der Übernachtungen. Besonders bedeutsam war in dem Bundesland aber die Vermietung von Wohnraum an Urlaubsgäste durch Privatpersonen. Hierin zeigt sich der Grad der Professionalisierung bzw. der Kommodifizierung, also der Warenförmigkeit des Fremdenverkehrs. Diagramm 4: 3.2.2 3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 52 Anteil der Privatvermietung an der Gesamtzahl der Übernachtungen Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Im starken Anstieg des Anteils der Privatvermietung an den Gesamt- übernachtungen in den Jahren zwischen 1951 und 1953 spiegelt sich zum einen die wirtschaftliche Situation der Nachkriegsjahre, in denen die Vermietung von privatem Wohnraum an Urlauber_innen in den ansonsten strukturschwachen Fremdenverkehrsgebieten ein einträglicher Nebenerwerb sein konnte. Zum anderen zeigt der Kurvenverlauf auch die verbesserte Datenerfassung in den Fremdenverkehrsgemeinden selbst.115 Während im Jahr 1951 nicht ganz 10.000 private Betten für den Fremdenverkehr zur Verfügung standen, waren es 1953 schon über 24.000.116 Der leichte Knick der Kurve zwischen 1955 und 1956 kann ebenfalls mit einem verbesserten Erfassungsgrad der für Manipulationen anfälligen und generell weniger professionellen Privatvermietung erklärt werden. Ab diesem Zeitpunkt sei laut Statistischem Diagramm 5: 115 Zur Situation im Fremdenverkehr in der Nachkriegszeit vgl. auch Hachtmann, Rüdiger: Tourismus-Geschichte, S. 152-153. 116 Vgl. die Tabelle bei Homp, Catrin: Schleswig-Holstein-Tourismus am Scheideweg, S. 89. 3.2 Die statistische Entwicklung des Fremdenverkehrs zwischen 1950 und 1965 53 Landesamt der Erfassungsgrad deutlich verbessert worden.117 Insgesamt zeigt sich in den nicht umsonst kontinuierlich erhobenen Daten der Landesstatistiker_innen zur Privatvermietung, dass dieses Segment des Beherbergungswesens gegenüber Hotels, Pensionen, Gasthäusern und anderen Betriebsarten eine hohe Bedeutung hatte. Ab dem Ende der 50er Jahre wurde sogar durchgehend ein Wert von über 45 % aller in Schleswig-Holstein gemeldeten Übernachtungen erreicht. Gerade hier dürfte die ‚Dunkelziffer’ sogar noch höher gelegen haben. Während die gewerblichen Vermieter_innen kurz nach dem Krieg durch die Belegung ihrer Betten durch Flüchtlinge und Besatzungspersonal in ihren Erwerbsmöglichkeiten noch eingeschränkt waren und dies auch bis zum Ende der 50er Jahre blieben, bauten die Privatvermieter_innen ihre Unterbringungskapazitäten im Verlauf des Jahrzehnts massiv aus. Bis zum Jahr 1959 hatte sich der genannte Wert von etwa 24.000 Betten von 1953 auf nun knapp 50.000 mehr als verdoppelt. Leider wurde die Zahl der Vermieter_innen von Fremdenzimmern nicht erfasst, es ist aber davon auszugehen, dass sowohl die Anzahl der Privatvermieter_innen stark anstieg als auch die Zahl der pro Vermieter_in zur Verfügung gestellten Betten. Insgesamt kann gesagt werden, dass der hohe Anteil der Privatvermietung am Gesamtfremdenverkehrsaufkommen eines der wesentlichen Strukturmerkmale des schleswig-holsteinischen Fremdenverkehrs ist. In anderen Fremdenverkehrsregionen lag der Anteil der Privatvermieter_innen deutlich niedriger.118 Während sich die starke Bedeutung der Privatvermietung für die 60er Jahre als Modernisierungshindernis für gewerbliche Vermieter_innen erweisen sollte, kurbelten jene mit ihren günstigen Preisen in den 50er Jahren das Geschäft mit den Feriengästen an. Der Wohnungsnachweis von Wyk auf Föhr aus dem Jahr 1951 kann hierfür als Beispiel dienen. Dort sind 61 private Zimmervermieter_innen aufgeführt, eine Übernachtung mit Frühstück kostete zwischen 1,50 DM und 3 DM. In den Hotels der Insel waren für ein Zimmer (allerdings 117 Vgl. Statistisches Jahrbuch SH: Jg. 1960, S. 109, Tabelle 17a. 118 Hoffmann kommt bspw. für das Jahr 1968 auf einen durchschnittlichen Anteil der Privatvermietung am Fremdenverkehrsangebot von 29 %. In Schleswig-Holstein standen in diesem Jahr 21,7 % aller in Deutschland privat vermieteten Fremdenbetten. Vgl. Hoffmann, Herbert: Untersuchung über Umfang, Struktur, Bedeutung, S. 28. 3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 54 immer mit Vollpension) in der Regel mehr als 10 DM zu zahlen. Besonderen Komfort konnten die Reisenden allerdings nicht erwarten. Fließendes, gar warmes Wasser gehörte in dieser Zeit noch lange nicht zum Standard, auch nicht in den etwas teureren gewerblichen Fremdenheimen, wo man mit Vollverpflegung schon unter 10 DM logieren konnte.119 Die gewerblichen Vermieter_innen von Fremdenverkehrsbetten bilden neben den Privatvermieter_innen die zweite Gruppe innerhalb der schleswig-holsteinischen Beherbergungsstruktur. Eine differenzierte Betrachtung zwischen den verschiedenen Anbieterformen ist allerdings nicht in gleichem Maße möglich wie bei der hinsichtlich der Menge an angebotenen Betten pro Betrieb recht homogenen Gruppe der Privatvermieter_innen. Zu den gewerblichen Vermieter_innen sind die Hotels, die Pensionen, die kleinen Gästehäuser und nicht zuletzt die Campingplätze zu zählen. Während letztere Gruppe in der offiziellen Fremdenverkehrsstatistik kaum vorkommt, ist die Zuordnung zu den verschiedenen Betriebsgruppen nicht durchgehend einheitlich gewesen. Wie bereits gesagt, war nach dem Zweiten Weltkrieg ein erheblicher Teil der gewerblichen Fremdenverkehrsbetten durch Flüchtlinge und Besatzungspersonal belegt, das Freimachen dieser Kapazitäten zog sich aber über die gesamten 50er Jahre hin. Zwar zahlten auch die Flüchtlinge und Vertriebenen in den Beherbergungsbetrieben Mieten, diese erreichten aber nicht das ansonsten für Beherbergungsbetriebe übliche Niveau. Der zu entrichtende Betrag orientierte sich an den ortsüblichen Mieten für Dauerwohnraum.120 Die gewerblichen Anbieter_innen von Fremdenverkehrsbetten brachten in ihren Betrieben in der gesamten Zeit von 1950 bis 1965 den Großteil der Gäste unter. Die Erweiterung der Bettenkapazitäten fiel aber im Zuge des allmählichen Freiwerdens der belegten Betten bei Weitem nicht so groß 119 Die angeführte Broschüre findet sich in Historisches Archiv zum Tourismus an der TU Berlin (i. F. HAT), D061/01/31/A-Z/45-80/2: Wohnungsnachweis 1951. Nordseeheilbad Wyk auf Föhr; ähnliche Preise in Relation zu den damals üblichen Preisen für Lebensmittel bei Pfingsten, Gabriele: Visitenkarte mit Rosen. Fremdenverkehr und 700-Jahr-Feier in Eutin. In: Griep, Wolfgang/Pfingsten, Gabriele (Hg.): Urlaub zwischen Strand und Seen, S. 66. 120 Zum Streit über die Flüchtlingsmieten siehe Kapitel 5.2.2 und 5.2.3. 3.2 Die statistische Entwicklung des Fremdenverkehrs zwischen 1950 und 1965 55 aus, wie die Zunahme bei den Privatquartieren.121 Es liegt die Vermutung nahe, dass das schrittweise Freimachen der Betten im Zusammenhang mit den entsprechenden Mietausfällen für die Betriebe ein Modernisierungshindernis war und somit zu der beobachteten Verlagerung hin zur Privatvermietung führte. Die Privatvermieter_innen konnten somit auf die insgesamt während der 50er und 60er Jahre steigenden Nachfrage nach Urlaub in Schleswig-Holstein leichter reagieren. In den 60er Jahren veränderte sich die Struktur des gewerblichen Fremdenverkehrssektors. Die größeren Hotels in den Küstenorten verloren nach und nach an Bedeutung, die kleineren Pensionen, die ebenfalls schon immer zu den bedeutenden Anbietern von Fremdenbetten gehörten, holten hinsichtlich der Übernachtungszahlen auf. Erstmals wurden im Jahr 1966 mehr Übernachtungen in kleineren Pensionen als in Hotels verzeichnet.122 Auch diese Entwicklung spiegelt den parallel stattfindenden Ausbau der Privatquartiere wider; die Übergänge zwischen größeren Privatvermieter_innen und kleineren Pensionen dürften fließend gewesen sein. Somit ist die Trennung zwischen den beiden Gruppen der gewerblichen und privaten Vermieter_innen letztlich gewissermaßen eine willkürliche. Die bislang beschriebene Struktur des Beherbergungswesens wurde in den 50er und 60er Jahren noch ergänzt durch sogenannte Ferienbzw. Wochenendhäuser, meist kleine Häuschen in Wassernähe. Urlaub im eigenen oder überlassenen Ferien- bzw. Wochenendhaus taucht wahrscheinlich auch in der Erfassung der privat vermieteten Fremdenbetten kaum bzw. nur unzureichend auf. Eine Untersuchung aus dem Jahr 1963, die auf einer Zählung von Bauanträgen basierte, ermittelte knapp 3.600 Ferienhäuser in Schleswig-Holstein, die tatsächliche Zahl dürfte wegen des Vorhandenseins älterer Gebäude noch wesentlich höher gewesen sein.123 Die Studie ermittelte auch die Besitzerstruktur dieser Wochenendhäuschen an den schleswig-holsteinischen Küsten 121 Vgl. Homp, Catrin: Schleswig-Holstein-Tourismus am Scheideweg, S. 89, Tab. 4 u. 5. 122 Vgl. ebd., S. 93f. 123 Vgl. Diekmann, Sybille: Die Ferienhaussiedlungen Schleswig-Holsteins. Eine siedlungs- und sozialgeographische Studie. Kiel 1963. S. 43f.; vgl. auch Oestreich, Hans: Der Fremdenverkehr der Insel Sylt, S. 75. 3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 56 und im ostholsteinischen Seengebiet und kam zu dem Ergebnis, dass diese vornehmlich von Menschen aus dem Hamburger Raum (mehr als ein Drittel aller gezählten Ferienhäuser) sowie aus den größeren Städten Schleswig-Holsteins errichtet worden waren.124 Die Erhebung ist auch aus einem weiteren Grund von Bedeutung, denn auch über die ansonsten nur schlecht dokumentierte Privatvermietung erfährt man einiges. Zwischen den privat genutzten Wochenendhäusern und den vermieteten Ferienhäuschen besteht ein enger Zusammenhang, vielfach lassen sich die Typen gar nicht voneinander trennen. Hier zeigt sich der Erfindungsreichtum der privaten Zimmervermieter_innen, die augenscheinlich jeden verfügbaren Raum in für den Fremdenverkehr nutzbaren Wohnraum umbauten und sich so ein Zubrot verdienen konnten. So berichtet Diekmann, dass in den 50er Jahren auch Garagen, Ställe und kleine Gartenhäuschen für den Fremdenverkehr hergerichtet wurden, was die Siedlungsstruktur mancher Orte nachhaltig veränderte. Zählte man in Westerland auf Sylt im Jahr 1960 nur 23 Ferienhäuser mit gewerblicher Nutzung, waren es in Grömitz an der Ostseeküste 92 und in Timmendorfer Strand und Niendorf zusammen 52. Hinzu kamen noch einige Ferienwohnungen.125 An dem Beispiel der Ferien- und Wochenendhäuser zeigt sich wiederum die Schwäche der Fremdenverkehrsstatistik, die solche Formen des Fremdenverkehrs bzw. Erholungstourismus nicht erfassen kann. Schleswig- Holstein wies aber im Bereich dieser Bauformen in der Mitte der 70er Jahre deutschlandweit die größte Dichte auf.126 Die Zunahme von Bauvorhaben stellte auch die Politik vor Herausforderungen. Waren einerseits die Gemeinden an einem Ausbau der Ferienhaussiedlungen interessiert, versuchte andererseits die Landespolitik entgegenzusteuern. Die Eindämmung des Baus gehörte zu den ersten fremdenverkehrspolitischen Maßnahmen der Landesregierung und fand Eingang in die ersten auch landesplanerischen Überlegungen zum Fremdenver- 124 Vgl. Diekmann, Sybille: Die Ferienhaussiedlungen Schleswig-Holsteins, S. 43f. 125 Vgl. ebd., S. 80. 126 Vgl. Görgmeier, Dietmar: Probleme der Freizeitbebauung. In: Raumforschung und Raumordnung 34 (1976), Heft 1/2, S. 58-78, hier S. 63. 3.2 Die statistische Entwicklung des Fremdenverkehrs zwischen 1950 und 1965 57 kehr.127 In den 60er Jahren verlagerte sich diese Fremdenverkehrsform weg von Ferienhäusern hin zu größeren Komplexen von Ferien- und Zweitwohnungen, die ich in dem Kapitel über den Strukturwandel zwischen 1965 und 1980 bearbeiten werde. Trotz insgesamt steigender Übernachtungszahlen hatte sich in den 50er und 60er Jahren im schleswig-holsteinischen Fremdenverkehr ein starker Strukturwandel vollzogen, bei dem die in der Gesamtgesellschaft stetig steigende Nachfrage nach Urlaubsquartieren durch den Ausbau der Kleinbetriebe und der Privatvermietung bedient wurde. Die Privatvermieter_innen konnten und mussten auch angesichts wirtschaftlicher Not flexibler reagieren und stellten in kurzer Zeit Fremdenverkehrswohnraum zur Verfügung. Diese Entwicklung hatte aber auch eine Reihe von Nachteilen. Diese lagen in der insgesamt qualitativ niedrigen Ausstattung vieler Privatquartiere, die angesichts der weiterhin steigenden großen Nachfrage dennoch keinen besonders hohen Modernisierungsdruck erzeugte. Die ständigen Mahnungen der Politik zur Qualitätsverbesserung können in diese Richtung gelesen werden. Die Privatvermieter_innen stellten Übernachtungsmöglichkeiten mit Frühstück zur Verfügung, die Aufenthaltsqualität in den Unterkünften dürfte jedoch bescheiden gewesen sein. Die wetterbedingt kurze Saison in Schleswig-Holstein war aufgrund dieser Beherbergungsstruktur deutlich schwerer auszuweiten als dies bei einem höheren Anteil von gewerblichen Vermieter_innen möglich gewesen wäre, die ein Mindestmaß an Gemeinschaftseinrichtungen zur Verfügung zu stellen hatten. Hieraus erklärt sich dann auch der verstärkte Bau von Gemeinschaftseinrichtungen wie Kurmittelhäusern, Schwimmbädern und Häusern des Kurgastes, die neben dem allgemeinen Politikziel der Saisonverlängerung eben auch die durch die große Bedeutung der Privatvermietung entstandenen Defizite in der Qualität des Angebots beheben sollten.128 127 Vgl. Amtsblatt für Schleswig-Holstein: Jg. 1958, Nr. 10, S. 152-154; vgl. auch Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein (Hg.): Landesplanung in Schleswig- Holstein. Heft 7. Raumordnungsprogramm für das Land Schleswig-Holstein mit Erläuterungen. Kiel 1968, S. 29-31. 128 Siehe zu diesem Aspekt auch das Kapitel 5.2.3, Abschnitt „Regierungserklärungen“. 3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 58 Strukturwandel konkret – Wandlungsprozesse in den Ferienregionen Neben dem stetigen Anstieg der Übernachtungszahlen und dem schrittweisen Ausbau der Fremdenverkehrswirtschaft, der in dem vorangegangenen Abschnitt anhand der Fremdenverkehrsstatistik behandelt wurde, vollzog sich auch vor Ort in den Fremdenverkehrsgemeinden ein allmählicher Wandel. Dieser ist allerdings anhand von Archivquellen nur schwer nachzuvollziehen. Die alleinige Darstellung mit Hilfe der statistischen Daten ist ebenfalls nicht ausreichend, um den Ausbau des Fremdenverkehrs zum bestimmenden Wirtschaftszweig in verschiedenen schleswig-holsteinischen Orten verstehen zu können. Abhilfe kann die lokalhistorische Literatur schaffen, die sich in vielen Orten mit dem Fremdenverkehr beschäftigt und hierbei mittlerweile auch die 50er und 60er Jahre erreicht hat. Im Folgenden werden diese oftmals eher chronistisch als historiographisch angelegten Arbeiten als Quellen herangezogen, um den Strukturwandel im und durch den Fremdenverkehr in diesem Zeitraum darzustellen. Nordseeküste und Nordseeinseln Trotz der Einquartierung von Flüchtlingen und Vertriebenen und trotz der Beschlagnahmung von Fremdenbetten durch die Besatzungsbehörden kam der Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein nie zum Erliegen. Der Schriftsteller Max Frisch beschrieb in einem Text seine Eindrücke über das Nebeneinander von Flüchtlingselend und wieder aufkommenden Fremdenverkehr auf der Nordseeinsel Sylt im Jahr 1949. Seine Zeilen zeigen einerseits die Normalität und hohe Bedeutung der Fremdenverkehrswirtschaft auf der Insel, belegen aber andererseits, dass der Wiederaufbau des Fremdenverkehrsgewerbes der Nachkriegszeit nur schwer mit dem in den folgenden beiden Jahrzehnten erfolgten Boom des Gewerbes vergleichbar ist: „Endlich einmal zu den Baracken, die man immer von weither sieht. Ein Lager von schlesischen Flüchtlingen. Schmutzwäsche an der Sonne, Kinder, Blechgeschirr, Arbeitslose, Kaninchenstall voll Volksgenossen, ganz abseits wie die mittelalterlichen Siechenhäuser. Nur der Staat reicht ihnen 3.3 3.3.1 3.3 Strukturwandel konkret – Wandlungsprozesse in den Ferienregionen 59 die nötige Nahrung. Man spricht nie von ihnen. Das einzige, was ich bisher gehört habe: sie haben wieder ein Huhn gestohlen! – daneben die Leute im bunten Bademantel, die glänzenden Limousinen, die es auch wieder mit deutschen Nummern gibt [...].“129 Der zitierte Autor steht für eine Vielzahl weiterer bekannter Persönlichkeiten, auf die die Insel Sylt scheinbar einen großen Reiz ausübte. In den hier interessierenden Jahren lebte der Fremdenverkehr dort zu einem großen Teil genau von diesen Prominenten, besonders von Personen aus dem Bereich der Medienschaffenden, zu denen Frisch ja ebenfalls im weiteren Sinne zu zählen war.130 Entwicklung des Fremdenverkehrs in ausgewählten Nordseebädern 1950-1965 Ort Übernachtungen im Som-merhalbjahr Fremdenmeldungen im Sommerhalbjahr Sankt Peter und Ording131 1950 80.085 1950 6.927 1955 211.961 1955 16.510 1960 386.674 1960 28.679 1965 504.840 1965 32.715 Westerland auf Sylt 1950 316.585 1950 23.355 1955 430.627 1955 30.089 1960 822.824 1960 56.302 1965 1.006.695 1965 74.142 Wyk auf Föhr 1950 77.894 1950 4.879 1955 157.107 1955 12.213 1960 318.551 1960 20.406 1965 463.801 1965 30.284 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Tabelle 1: 129 Frisch, Max: Kampen, Juli 1949. In: Berkefeld, Henning (Hg.): Sylt in alten und neuen Reisebeschreibungen. Düsseldorf 1991, S. 240-244, hier S. 243. 130 Vgl. Deppe, Frank: Auch sie machten die Insel populär. Prominente aus Medien und Politik. In: Siebeneicker, Arnulf/Wagener, Mathias (Hg.): Reif für die Insel. Tourismus auf Sylt, Hiddensee und Mallorca. Essen 2016, S. 167-175, hier S. 167ff. 131 Die beiden Gemeinden vereinigten sich im Jahr 1967 zu Sankt Peter-Ording und werden deshalb aus Gründen der besseren Vergleichbarkeit auch schon für die Jahre bis 1965 zusammengefasst. 3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 60 Ab dem Jahr 1950 liegen durchgängig statistische Zahlen zum Fremdenverkehr in den Nordseebädern vor, die den Bedeutungszuwachs des Gewerbes bis zur Mitte der 60er Jahre dokumentieren. Für die Zusammenstellung in der Tabelle 1 wurden drei von vier der wichtigsten Nordseebäder ausgewählt. Nicht berücksichtigt wurde das wie Westerland ebenfalls auf Sylt gelegene Wenningstedt, das zu Beginn der 50er Jahre hinsichtlich der Übernachtungszahlen mit gro- ßem Abstand im Bereich der Werte von Sankt Peter und Ording auf dem zweiten Platz rangierte. Weitere wichtige Nordseebäder dieser Jahre waren Wittdün auf Amrum und Büsum. Auch die kleineren Bäder auf Sylt steigerten in den 50er Jahren ihre Übernachtungszahlen, sodass die Insel Sylt das bedeutendste Fremdenverkehrsgebiet nicht nur der Nordseeküste, sondern insgesamt in Schleswig-Holstein war. Da Sylt die herausgehobene Stellung nicht erst seit der Gründung der Bundesrepublik, sondern schon seit dem Kaiserreich innehatte, verwundert diese gegenüber den anderen hier aufgeführten Nordseebädern kaum.132 Der Anstieg des Fremdenverkehrs seit den 50er Jahren auf der Insel war immens, im Sommer 1965 verzeichnete man fast 75.000 Gäste und die symbolisch bedeutsame Grenze von 1.000.000 Fremdenübernachtungen war bereits im Sommer des Vorjahres zum ersten Mal überschritten worden.133 An diesen Zahlen wird das Wachstum des Fremdenverkehrs im gesamten Bundesland fassbar. Denn die Aufnahmekapazität von Inseln ist naturgemäß begrenzt. Durch die Kriegsflüchtlinge auf Sylt war die Bevölkerung auf über 22.000 Personen gestiegen. Durch den späteren Wegzug eines Teils dieser Personengruppe lebten 1961 noch 17.500 Personen auf der Insel, eine Zahl, die innerhalb der nächsten zehn Jahre dann wieder auf über 20.000 Personen anstieg als eine unmittelbare Folge des Fremdenverkehrs.134 Auch nach dem teilweisen Wegzug der Flüchtlinge vermieteten die Bewohner der Insel nicht nur zusätzlichen Wohnraum an 132 Zur Entwicklung im Kaiserreich vgl. Newig, Jürgen: Die Entwicklung von Fremdenverkehr und Freizeitwohnwesen, S. 37-55; vgl. auch Oestreich, Hans: Der Fremdenverkehr der Insel Sylt, S. 158-184. 133 Vgl. Statistisches Jahrbuch SH: Jg 1965, S. 105, Tabelle 12. 134 Vgl. Minister für Wirtschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein/ Gutachtergruppe Sylt: Gutachten zur Struktur und Entwicklung der Insel Sylt. Kurzfassung. Kiel 1974, S. 38. 3.3 Strukturwandel konkret – Wandlungsprozesse in den Ferienregionen 61 Fremde, sondern in den Sommermonaten auch Teile der eigenen Wohnung zur Aufbesserung des Einkommens.135 Zusätzlich zu der Wohnbevölkerung hielten sich in der Mitte der 60er Jahre in den Monaten Juli und August mindestens eine gleiche Anzahl Gäste auf der Insel auf. Sie benötigten Trinkwasser, verursachten Abwasser, verbrauchten Lebensmittel und nahmen Strandflächen in Anspruch – hierfür musste Infrastruktur bereitgestellt werden, die in den anderen Monaten nur wenig genutzt wurde. In den 60er Jahren zeigten sich dann die Grenzen des Wachstums in Westerland. Zwar ist die Steigerung der Übernachtungszahlen beeindruckend, der schwindende zur Verfügung stehende Raum und der parallel stattfindende Ausbau der benachbarten Orte auf der Nordseeinsel verdeutlichen die Kapazitätsgrenze. Noch wurde weiter ausgebaut, beispielsweise das Kurmittelhaus erweitert und im Jahr 1964 die Meerwasserschwimmhalle eingeweiht.136 In den zehn Jahren zwischen 1955 und 1965 haben sich die Übernachtungszahlen um den Faktor 2,3 erhöht. Dieser Wert entspricht ziemlich genau der Steigerung, die auch in den beiden später zusammengefassten Orten Sankt Peter und Ording zu verzeichnen gewesen waren. Hier hatte man im Vergleich zu Westerland im Jahr 1965 etwa die Hälfte der Gäste und auch nur etwa halb so viele Übernachtungen.137 Deutlich stärker entwickelte sich der Fremdenverkehr auf der zweitgrößten Nordseeinsel Föhr. Zwischen 1955 und 1965 haben 135 Vgl. Newig, Jürgen: Die Entwicklung von Fremdenverkehr und Freizeitwohnwesen, S. 57. 136 Vgl. Oestreich, Hans: Der Fremdenverkehr der Insel Sylt, S. 192; vgl. zu den Baumaßnahmen für den Fremdenverkehr der Nachkriegszeit auch Stöver, Hans-Jürgen: Westerland auf Sylt, S. 157-168; weniger aufschlussreich als für die Folgejahrzehnte, aber dennoch heranzuziehen ist das entsprechende Kapitel über die 50er Jahre bei Frenzel, Volker/Gütschow, Wolf: Sylt – Die großen Jahrzehnte in den 1950er, 60er, 70er und 80er Jahren. Hamburg 2005, S. 39-50; aus der Vielzahl historischer Bildbände zum Fremdenverkehr auf Sylt enthält sehenswerte Fotos aus dieser Zeit der vornehmlich für Tourist_innen erstellte Band von Neander, Lutz: Die nordfriesischen Inselbäder. Der Bildband ihrer schönen Ferienzeit. Lübeck 1945. 137 Siehe zur Entwicklung in Sankt-Peter Ording auch Boeckmann, Barbara: Begegnungen mit einem liebenswerten Studienobjekt, S. 100. Hier finden sich allerdings neben Übernachtungszahlen kaum weiterführende Informationen. Daneben existieren für den Ort aus dem Graubereich zwischen Heimatliteratur und Tourismuswerbung kaum weitere Bände. Siehe am ehesten noch Undeutsch, Dieter: St. Peter-Ording als Heilbad. In: Klose, Werner/Kloth, Eckhard (Hg.): St. Pe- 3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 62 sich die Übernachtungszahlen dort fast verdreifacht und mit über 450.000 Übernachtungen im Sommerhalbjahr rangierte die im Vergleich zu Sylt deutlich weniger exklusive, und darüber hinaus nicht wie jene über einen Damm mit dem Festland verbundene Insel in der Nähe der Werte, die auch im festländischen St. Peter erreicht wurden. Struktur des Bettenangebots in ausgewählten Nordseebädern 1960-1965 Ort Jahr Fremdenbetten ge-samt davon in Privatquartieren Sankt Peter und Ording 1960 5.088 2.030 1965 6.314 2.460 Westerland auf Sylt 1960 13.048 8.700 1965 14.317 9.000 Wyk auf Föhr 1960 3.631 1.980 1965 4.879 3.100 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Blickt man auf die Struktur des Fremdenverkehrs in den ausgewählten Nordseebädern so wird deutlich, dass auf den beiden Inseln der Anteil der privat vermieteten Fremdenverkehrsbetten besonders hoch war, in beiden Orten deutlich über 50 % aller zur Verfügung stehenden Betten ausmachte. Auf Föhr war der Anstieg der privat vermieteten Betten zwischen 1960 und 1965 mit über 1.000 besonders stark.138 In Sankt Peter und Ording spielte dagegen der gewerbliche Fremdenverkehr eine größere Rolle, hier wurden im Jahr 1965 nur knapp 40 % der Betten durch Privatvermieter_innen zur Verfügung gestellt, der Ausbau der Bettenkapazitäten fand eher auf Seiten der gewerblichen Anbieter statt. Tabelle 2: ter-Ording. Nordseeheil- und Schwefelbad. 2. Aufl. St. Peter-Ording 1985, S. 56-70; wenig hilfreich ist bspw. Fiedler, Walter: Halbinsel Eiderstedt. Urlaub zwischen St. Peter-Ording und Tönning. Breklum 1963; fast auschließlich historische Fotos – diese sind allerdings sehenswert – bei Engers, Friedrich/Hoffmann, Hans: St. Peter-Ording. Flensburg 1971. 138 Vgl. hierzu auch Schultze, Ernst-Günter: Das Seebad Wyk auf Föhr, S. 79. 3.3 Strukturwandel konkret – Wandlungsprozesse in den Ferienregionen 63 Die drei hier untersuchten Fremdenverkehrsorte an der Westküste wiesen starke Steigerungen bei Übernachtungszahlen und Fremdenmeldungen auf, ungeachtet kleinerer Unterschiede, die aber nicht unbedingt unmittelbar der Struktur des Angebots zugeordnet werden können. Westerland und die Insel Sylt als Ganze behaupteten während der 50er Jahre durch einen stetigen Ausbau der Beherbergungskapazitäten ihre Vorrangstellung im schleswig-holsteinischen Fremdenverkehr. Andere Orte an der Westküste erlebten in dem Zeitraum aber ebenfalls einen starken Ausbau. Die Insel Amrum, auf der der Fremdenverkehr basierend auf Kindererholungsheimen seit jeher eine gro- ße Rolle gespielt hatte, baute diese Beherbergungskapazitäten nach und nach in gewerbliche Hotels um, die alle Altersgruppen ansprachen.139 Mitte der 60er Jahre standen hier erstmals mehr Übernachtungsplätze für den allgemeinen Fremdenverkehr als für die Kindererholung zur Verfügung, während beispielsweise die Privatvermietung eine weit geringere Rolle spielte.140 Noch nicht einmal 10 % der Fremdenbetten in dem Bad Wittdün auf Amrum wurden im Jahr 1965 privat vermietet.141 Mit dem Bau neuer Strandwohnungen ab der Mitte der 60er Jahre wandelte sich der Fremdenverkehr auf der Insel nachhaltig.142 Binnenland/Ostholstein Im Gegensatz zu den anderen Regionen Schleswig-Holsteins gibt es für einen Teil des Binnenlandes neben eher chronikalisch angelegter Lokalhistorie schon eine Darstellung mit dem Anspruch, wenigstens eine „kleine“ Tourismusgeschichte zu liefern. Der im Jahr 2003 erschiene Band zu einer gleichnamigen Ausstellung in Eutin versammelt neben Geschichten und Geschichtchen aus dem Fremdenverkehr auch 3.3.2 139 Vgl. Quedens, Georg: Das Seebad Amrum. „...und befürchten den Verderb der guten hiesigen Sitten...“ Selbstverlag. Amrum 2006, S. 39f. 140 Vgl. ebd., S. 40. 141 Vgl. Statistisches Jahrbuch SH: Jg. 1966/67, S. 123, Tabelle 12. 142 Vgl. Quedens, Georg: Das Seebad Amrum, S. 40; in der Folge stieg auch der Anteil der Privatvermietung auf Amrum. Vgl. Holler, Lotte: Zur Entwicklung des Fremdenverkehrs, S. 191. 3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 64 eine Reihe ernstzunehmender Beiträge, hauptsächlich aus der Feder der Mitherausgeberin Gabriele Pfingsten. Sie sind deshalb von Interesse, weil sie dem Fremdenverkehr in den ansonsten kaum beachteten kleineren Orten im ostholsteinischen Binnenland ein Gesicht geben.143 Die Beiträge konzentrieren sich neben den ansonsten im Zentrum stehenden Ostseebädern auf das Binnenland und sind als erster Versuch einer überörtlichen Tourismusgeschichte in Schleswig-Holstein zu bezeichnen. Die Erkenntnisse dieses Bandes wurden deshalb in diesem und dem folgenden Abschnitt ergänzend zu den statistischen Daten des Fremdenverkehrs in den 50er und 60er Jahren verarbeitet, obwohl dort der Fremdenverkehr nur am Rande als Phänomen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels verstanden wird. Entwicklung des Fremdenverkehrs in den Luftkurorten Plön und Eutin 1950-1965 Ort Übernachtungen im Sommerhalbjahr Fremdenmeldungen im Sommerhalbjahr Plön 1950 14.827 1950 6.018 1955 25.140 1955 10.603 1960 75.397 1960 12.762 1965 99.430 1965 17.230 Eutin 1950 9.914 1950 6.172 1955 44.750 1955 10.330 1960 77.135 1960 15.973 1965 77.952 1965 19.408 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Die Tabelle 3 zeigt die Entwicklung des Fremdenverkehrs in den beiden bedeutendsten Luftkurorten Schleswig-Holsteins, beide in der Region Ostholstein gelegen, die neben den Küstenorten auch einen Binnenlandtourismus aufweist. Beide Städte verfügen über einen historischen Stadtkern und nahe gelegene Gewässer, wobei Plön mit dem recht großen See einen für den Segelsport und den Camping-Touris- Tabelle 3: 143 Siehe Griep, Wolfgang/Pfingsten, Gabriele (Hg.): Urlaub zwischen Strand und Seen. 3.3 Strukturwandel konkret – Wandlungsprozesse in den Ferienregionen 65 mus (der allerdings in der Tabelle nicht enthalten ist) bedeutsamen Vorteil aufweist. Deutlich wird in der Übersicht die starke Expansion in den 50er Jahren, die in den beiden Orten ganz unterschiedlich verlief. Während sich in Plön die Übernachtungszahlen in der zweiten Hälfte der 50er Jahre verdreifachten, erlebte Eutin seinen stärksten Boom in der ersten Hälfte des Jahrzehnts. Die Stagnation der Übernachtungen bei gleichzeitig weiterhin steigenden Fremdenmeldungen in Eutin deutet darauf hin, dass in dem kleinen Ort die Kapazitäten in der Mitte der 60er Jahre am Limit waren, während in Plön der Anstieg kontinuierlich verlief. Doch auch in Eutin wurden die Kapazitäten ausgebaut, sodass der Ort in der zweiten Hälfte der 60er Jahre wieder steigende Übernachtungszahlen aufwies. Leider wurden die Bettenkapazitäten durch das Statistische Landesamt nicht durchgehend erhoben. Aus der Literatur lässt sich allerdings ermitteln, dass die Zuwächse sowohl bei den gewerblichen als auch bei den privaten Vermieter_innen von Fremdenbetten in Eutin gar nicht so besonders groß waren, denn schon 1929 hatten 644 Fremdenbetten zur Verfügung gestanden, während es 1960 erst 880 waren.144 Die Beherbergungsstruktur unterschied sich in den beiden Orten ganz erheblich: Im Stichjahr 1960 wurden in Plön 500 der insgesamt 883 Fremdenbetten durch Privatvermieter_innen zur Verfügung gestellt, während es in Eutin nur 227 der insgesamt 880 Betten waren. Fünf Jahre später hatte sich nahezu nichts an der Situation verändert, denn die Anzahl der Betten und das Verhältnis zwischen den Beherbergungsarten war stabil geblieben. Dennoch war es in Plön gelungen, die Steigerungsraten beizubehalten, also die Belegungsdauer der Betten zu erhöhen. Die Gründe hierfür dürften in der Veränderung des Freizeitverhaltens zu finden sein, wobei Plön mit dem Angebot von Wassersportmöglichkeiten einen entscheidenden Vorteil gegenüber Eutin hatte. Die kommenden Jahre brachten allerdings in beiden Orten weiterhin stark steigende Übernachtungszahlen und einen umfangreichen Ausbau der Fremdenverkehrskapazitäten. 144 Für die Zahlen von 1929 vgl. Pfingsten, Gabriele: Visitenkarte mit Rosen, S. 63. Pfingsten bezieht sich auf den Geschäftsbericht des Fremdenverkehrsvereins Eutin aus dem Stadtarchiv Eutin mit der Inventarnummer 4861, der mir leider nicht vorlag. Für die Bettenkapazität des Jahres 1961 vgl. Statistisches Jahrbuch SH: Jg. 1961, S. 114, Tabelle 21. 3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 66 Die hier präsentierten sogenannten ‚Luftkurorte’ – in meinen Augen eher eine Hilfsbezeichnung für Gemeinden, die im Binnenland liegen und dennoch über einen nennenswerten Fremdenverkehr verfügen – stehen stellvertretend für den auch abseits der Küsten stattfinden Strukturwandel im Fremdenverkehr. Der stürmische Ausbau der Kapazitäten der Nachkriegsjahre kam in den 60er Jahren in beiden Orten ins Stocken, es wurde kaum noch gebaut oder erweitert. Beide Orte verfügten über eine über den Fremdenverkehr hinausgehende Wirtschaftsstruktur, die besonders bei den Privatvermieter_innen nicht den gleichen Druck wie an den Küsten erzeugte, Nebeneinkünfte durch die Vermietung von Fremdenbetten zu erzielen. Das Fehlen anderweitiger wirtschaftlicher Perspektiven war in anderen Orten des Kreises viel eher für einen Ausbau des Fremdenverkehrs verantwortlich, wie beispielsweise das ebenfalls in Region, aber an der Ostseeküste gelegene Hohwacht zeigt. Ostseeküste Der Fremdenverkehr an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste, der mit Travemünde oder Timmendorf ebenfalls über traditionsreiche Seebäder aus dem 19. Jahrhundert verfügte, entwickelte sich dynamischer als jener an der Nordseeküste mit seinen wenigen Zentren. An der Ostsee bestanden deutlich größere Chancen für kleinere Orte, sich durch eigene Strukturmaßnahmen für eine wirtschaftliche Perspektive durch den Fremdenverkehr zu qualifizieren. Dies zeigt für die beiden hier behandelten Jahrzehnte allein die Zahl der in der Fremdenverkehrsstatistik berücksichtigten Ostseebäder. Während die Zahl der aufgenommenen Bäder an der Nordseeküste zwischen 1950 und 1965 weitgehend stabil im Bereich von 20 blieb, wurden an der Ostsee im Jahr 1950 23 Bäder gezählt, 1960 waren es schon 31 (1965 auf Grund kommunaler Gebietsreformen immer noch 30). So gehörte der ostholsteinische Ort Hohwacht nicht zu den traditionsreichen Bädern und kann deshalb als Beispiel für den Strukturwandel im Fremdenverkehr der 50er Jahre herangezogen werden. In dem kleinen Ort im Kreis Plön war der Fremdenverkehr zu Beginn der 50er Jahre schon durchaus vorhanden, aber mit etwa 300 Betten noch recht unbedeutend. So 3.3.3 3.3 Strukturwandel konkret – Wandlungsprozesse in den Ferienregionen 67 bewarb die Fremdenverkehrswerbung des Ortes zu diesem Zeitpunkt dann auch besonders die Abgeschiedenheit.145 Binnen acht Jahren wurde im Rahmen eines umfangreichen Ausbaus die Kapazität auf 2.000 Betten erhöht, ein Erfolg, den der Fremdenverkehrsreferent im Wirtschaftsministerium Harald Gondesen auf die strukturierte und nachhaltige Planung der Gemeinde zurückführte.146 Ein wichtiger Beitrag, bemerkenswerterweise von Gondesen nicht für das Wirtschaftsministerium reklamiert, bestand durchaus in der landesseitigen Planung neuer Verkehrswege zur Erschließung des östlichen Teils Schleswig-Holsteins durch andere Landesbehörden, die der gestiegenen Bedeutung des Autos für den Fremdenverkehr in den 50er Jahren Rechnung trugen.147 Die Tabelle 4 zeigt neben den älteren Badeorten Grömitz, Timmendorfer Strand und Travemünde auch exemplarisch für die vielen in den Jahren zwischen 1950 und 1965 neu auf den Plan tretenden Badeorte die beiden ‚Nachzügler’ Heiligenhafen und das bereits angesprochene Hohwacht. In Heiligenhafen wurde später eines der größten der schleswig-holsteinischen Ferienzentren verwirklicht, welches bis heute in Betrieb ist, was eine Aufnahme in diese Aufstellung zu Vergleichszwecken rechtfertigt. 145 Vgl. die Analyse eines Fremdenverkehrsprospekts aus Hohwacht aus dieser Zeit bei Pagenstecher, Cord: Antreten zum Lotterleben, S. 203f. 146 Gondesen, Harald: Fremdenverkehr in Gegenwart und Zukunft. In: Verlag Gerhard Stalling/ Kreisverwaltung Plön (Hg.): Der Landkreis Plön. Geschichte – Landschaft – Wirtschaft – Einwohner. Oldenburg o. J. [1958], S. 50-57, hier S. 50. Der eigentliche Text dieses Aufsatzes umfasst nur die S. 50, der Rest besteht aus dazugehörenden Bildern, die stellvertretend für den Fremdenverkehr im Kreis Plön stehen. 147 Vgl. ebd.; vgl. weiterführend aus geographischer Perspektive Luft, Hartmut: Der Fremdenverkehr in der Holsteinischen Schweiz, S. 46; vgl zur Verkehrsgeschichte Ostholsteins im Zusammenhang mit dem Fremdenverkehr auch Pfingsten, Gabriele: Wieder auf Achse. Reiseverkehr in den fünfziger und sechziger Jahren. In: Griep, Wolfgang/Pfingsten, Gabriele (Hg.): Urlaub zwischen Strand und Seen, S. 47-54, hier S. 52ff.; vgl. Pagenstecher, Cord: „Pixi geht wie ein Sofa über die Prachtstraße“. Das Auto im Tourismus der Nachkriegszeit. In: Moser, Johannes/ Seidl, Daniella (Hg.): Dinge auf Reisen. Materielle Kultur und Tourismus. Münster 2009, S. 264-280, hier bes. S. 264f. 3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 68 Entwicklung des Fremdenverkehrs in ausgewählten Ostseebädern 1950-1965 Ort Übernachtungen im Som-merhalbjahr Fremdenmeldungen im Sommerhalbjahr Grömitz 1950 179.661 1950 14.304 1955 325.583 1955 26.258 1960 551.098 1960 43.085 1965 855.233 1965 67.572 Timmendorfer Strand 1950 165.112 1950 16.060 1955 322.251 1955 31.120 1960 472.103 1960 33.339 1965 742.510 1965 62.005 Travemünde 1950 108.068 1950 20.877 1955 225.880 1955 39.616 1960 363.945 1960 55.832 1965 499.183 1965 93.309 Heiligenhafen 1950 36.109 1950 4.122 1955 69.971 1955 10.752 1960 149.716 1960 16.826 1965 181.692 1965 19.110 Hohwacht148 1950 25.138 1950 2.249 1955 91.666 1955 7.183 1960 156.860 1960 10.849 1965 202.659 1965 12.358 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und auch noch in der Mitte der 50er Jahre war das an der Lübecker Bucht gelegene Grömitz das bedeutendste Bad an der Ostseeküste und hinsichtlich der Übernachtungszahlen nach Westerland auf Sylt auch auf dem zweiten Platz in Tabelle 4: 148 In der Statistik wird Hohwacht für die Jahre 1950 und 1955 als „Neudorf/ Hohwacht“ geführt, 1960 als „Hohwacht und Haßberg“, 1965 nur noch als „Hohwacht“. 3.3 Strukturwandel konkret – Wandlungsprozesse in den Ferienregionen 69 ganz Schleswig-Holstein.149 Die Übernachtungen wurden zwischen 1955 und 1965 mehr als verdoppelt auf über 850.000. Lange beinah gleichauf lag Timmendorfer Strand, das aber in den 60er Jahren etwas in Rückstand geriet. Doch auch in diesem traditionellen Ostseebad hatte man kurz nach dem Krieg wieder auf den Fremdenverkehr gesetzt. Schon 1952 hatte man trotz der auch hier zahlreichen Einquartierungen von Flüchtlingen wieder mehr als 20.000 Gäste in der Sommersaison gezählt. Der kleine Ort konnte durch die Eingemeindung des benachbarten Niendorf in der Mitte der 50er Jahre seine Kapazitäten noch einmal deutlich erweitern.150 Ab 1951 durfte man sich hier stolz „Ostseeheilbad“ nennen und der Kurgedanke kam in der im folgenden Jahr eingerichteten Meerwassertrinkkurhalle, einer kurzfristigen Modeerscheinung der 50er Jahre, zum Tragen.151 In Timmendorfer Strand sind die umfangreichen Maßnahmen der Gemeinde zur Förderung des Fremdenverkehrs gut durch die heimatkundliche Literatur belegt. Neben verkehrstechnischen Maßnahmen wie einem autofreien Stadtzentrum, wurde 1957 der Bau einer Meerwasserschwimmhalle geplant, die schon zu diesem frühen Zeitpunkt augenscheinlich als Allzweckwaffe im Bemühen um eine Verlängerung der Fremdenverkehrssaison betrachtet wurde.152 Neben den Aktivitäten 149 Zum Fremdenverkehr in Grömitz siehe Witzleben, Lothar: Grömitz als Ort des Fremdenverkehrs. In: Ehlers, Walther K./Gemeinde Grömitz (Hg): Grömitz. Das Bad an der Sonnenseite. Grömitz 1972, S. 152-165; siehe auch Tourismus-Service Ostseeheilbad Grömitz (Hg.): Grömitz gestern und heute. Die Entwicklung des Ostseeheilbades Grömitz von der Eiszeit bis zur Gegenwart. 2. Aufl. Grömitz 2005, S. 128-142. Nahezu unbrauchbar, weil unsystematisch und von der Anlage her ein ‚Geschichtenbuch’ zur Stadtgeschichte ist Frey, Julia: Grömitz. Bad an der Sonnenseite. Lübeck 1990. Einige Hinweise auf die Situation der Flüchtlinge in den Fremdenverkehrsbetrieben finden sich auf S. 45, auf die Bautätigkeit der Gemeinde Ende der 50er Jahre auf S. 64f.; zur Bedeutung von Grömitz vgl. auch mit informativen historischen Karten Newig, Jürgen: Fremdenverkehr an der Ostseeküste. Das Beispiel Grömitz. In: Praxis Geographie 20 (1990), Heft 5, S. 14-19, bes. S. 16. 150 Vgl. Lindemann, Günter: Die Entwicklung Timmendorfer Strands zum Ostseeheilbad, S. 73; vgl. auch ders.: Niendorf, vom Bauern- und Fischerdorf zum Ostseeheilbad. In: Ebd., S. 77-83. 151 Vgl. ebd., S. 74. 152 Vgl. ebd., S. 75; vgl. auch Hauffe, Walther: Vom Badeleben. In: Gemeinde Timmendorfer Strand (Hg.): Heimatbuch der Gemeinde Timmendorfer Strand. Zur Hundertjahrfeier 1965. Timmendorfer Strand 1965, S. 88-100, hier S. 98f. 3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 70 der Gemeinden muss auch die überkommunale Ebene berücksichtigt werden, die beispielsweise mit dem „Zweckverband der oldenburgischen Ostseebäder“ wichtige Strukturmaßnahmen für den Fremdenverkehr im Bereich der Wasserversorgung ergriff.153 Das in dieser Zusammenstellung an dritter Stelle aufgeführte Travemünde – das Seebad des bis 1937 noch eigenstaatlichen Lübeck – konnte seinen Fremdenverkehr ebenfalls massiv ausbauen. Auch hier verdoppelten sich die Übernachtungen zwischen 1955 und 1965 auf fast eine halbe Million. 1959 wurde ein Kurmittelhaus eröffnet und 1962 ein neuer Kursaal, um der steigenden Zahl der Gäste gerecht zu werden. Eine rege Bautätigkeit fand in dem Ort sowohl im Hinblick auf die Verkehrsführung als auch im Bereich neuer Ferienwohnungen statt.154 Heiligenhafen und Hohwacht stehen in dieser Zusammenstellung für die kleineren Bäder, denen in den 50er und 60er Jahren ebenfalls ein massiver Ausbau ihrer Beherbergungszahlen gelang, die jedoch nicht über einen althergebrachten größeren Bestand an Hotels und Kureinrichtungen verfügten. Auch in diesen beiden Orten konnten bis 1965 erstaunliche Steigerungen bei den Übernachtungen verzeichnet werden. Die Einquartierung von Flüchtlingen in den älteren Bädern, die das gewerbliche Beherbergungswesen zunächst belastete, weil durch fehlende Mieteinnahmen notwendige Modernisierungen aufgeschoben werden mussten, könnte für diese Newcomer von Vorteil gewesen sein. In Heiligenhafen wurde der Fremdenverkehrsmarkt der 50er und 60er Jahre durch die kleinen und mittleren Vermieter_innen dominiert, die in dem kleinen Ort nach dem Krieg einen wirtschaftlichen Strukturwandel ausgelöst hatten. Zu diesem Schluss kommt eine ethnologische Studie über den Ostseeort aus den 80er Jahren. Die Autorin hebt hervor, dass es diese Gruppe von Personen war, die sich als besonders empfänglich für die in der zweiten Hälfte der 153 Siehe hierzu Becker, Emil: Der Zweckverband der Ostseebäder. In: Gemeinde Timmendorfer Strand (Hg.): Heimatbuch der Gemeinde Timmendorfer Strand. Zur Hundertjahrfeier 1965. Timmendorfer Strand 1965, S. 217-222; siehe auch den völlig neuen Beitrag in der überarbeiteten Neuauflage des Bandes von Radetzki, Karl-Heinz: Die Entwicklung und Bedeutung des Zweckverbandes Ostholstein. In: Chronik der Bädergemeinde Timmendorfer Strand. Zur Hundertjahrfeier 1965. 2. Aufl. 1979, S. 218-225. 154 Vgl. Fischer, Friedhelm/Hansestadt Lübeck (Hg.): Travemünde, S. 91-94; vgl. auch Albrecht, Thorsten: Travemünde, S. 39f. 3.3 Strukturwandel konkret – Wandlungsprozesse in den Ferienregionen 71 60er Jahre anlaufenden Planungen und Investitionen für den Bau des neuen Ferienzentrums erwies.155 Struktur des Bettenangebots in ausgewählten Ostseebädern 1960-1965 Ort Jahr Fremdenbetten ge-samt davon in Privatquartieren Grömitz 1960 6.831 3.882 1965 9.225 6.186 Timmendorfer Strand 1960 4.662 2.007 1965 7.906 4.109 Travemünde 1960 3.886 2.363 1965 4.477 2.746 Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten aus: Statistisches Jahrbuch SH, verschiedene Jahrgänge In den großen Ostseebädern spielte insgesamt die private Vermietung von Fremdenbetten eine herausragende Rolle, es sind jedoch Unterschiede in der Beherbergungsstruktur der Orte erkennbar. Während im bedeutendsten Ostseebad Grömitz im Jahr 1960 57 % aller Betten durch Privatvermieter_innen zur Verfügung gestellt wurden, fand innerhalb von nur fünf Jahren ein Ausbau um 2.394 Betten statt und der Anteil der Privatvermieter_innen erhöhte sich auf sogar 67 %. Deutlich wird diese starke Bedeutung der Privatvermietung auch in dem Umstand, dass seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Ende der 60er Jahre nur zehn neue Pensionen gebaut wurden. 156 Private Ferienwohnungen wurden auf dem Grund vormaliger Hotels errichtet, da die Einkünfte aus der Erbpacht den Hotelbetreibern lukrativer erschienen.157 Die Schattenseiten dieser Entwicklung zeigten sich beispielsweise in der notwendigen Umwandlung von Vorgärten in Parkplätze.158 In Timmendorfer Strand spielte das gewerbliche Beherber- Tabelle 5: 155 Vgl. Fuchs, Elisabeth: Heiligenhafen. Lebensformen in einer fremdenverkehrswirtschaftlich orientierten deutschen Kleinstadt. Uni-Diss. Göttingen 1984, S. 55f. 156 Vgl. Witzleben, Lothar: Grömitz als Ort des Fremdenverkehrs, S. 158. 157 Vgl. Tourismus-Service Ostseeheilbad Grömitz (Hg.): Grömitz gestern und heute, S. 128f. 158 Vgl. Witzleben, Lothar: Grömitz als Ort des Fremdenverkehrs, S. 158. 3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 72 gungswesen in Hotels und Pensionen eine größere Rolle. Der Ausbau der Bettenzahl um beeindruckende 3.244 binnen fünf Jahren brachte auch hier eine Bedeutungssteigerung der kleinen Privatvermieter_innen, die 1965 52 % aller Betten zur Verfügung stellten. Die Betreiber_innen von Hotels und Pensionen waren am Ausbau in stärkerem Maße beteiligt als im 30 km entfernten Grömitz. Das Lübecker Ostseebad Travemünde vergrößerte schließlich sein Bettenangebot nur in kleinerem Maße um 591 Betten zwischen 1960 und 1965. Der Anteil der Privatvermieter_innen blieb dort mit 61 % stabil. Travemünde konnte mit dieser Struktur schwer gegenüber den anderen Ostseebädern Schritt halten, denn in den 60er Jahren fehlten während der Saison Unterkunftsmöglichkeiten für Badegäste.159 Neben den hier vorgestellten traditionellen Ostseebädern und den exemplarisch angeführten Newcomern sind noch eine Reihe weiterer Bäder zu nennen, die im Ostseetourismus eine Rolle spielten und zu verschiedenen Zeitpunkten in das Geschäft mit den Feriengästen einstiegen. Die statistischen Daten zeigen beispielsweise, dass in Eckernförde der Fremdenverkehr ab der Mitte der 50er Jahre einen deutlichen Aufschwung nahm (1965 immerhin knapp 96.000 Übernachtungen im Sommerhalbjahr). Der Ort Burg auf Fehmarn, dem in dieser Arbeit noch eine umfangreiche Einzelbetrachtung gewidmet ist, steigerte ebenfalls ab diesem Zeitpunkt seine Übernachtungen auf über 180.000 Gäste im Sommer 1965. Wichtige Orte für den Ostseetourismus befanden sich an der Lübecker Bucht wie Neustadt oder Großenbrode, während nördlich der Eckernförder Bucht einzig Glücksburg einen nennenswerten Anteil am Fremdenverkehrsgeschäft hatte. Der Fremdenverkehr an der Ostseeküste war mit den vielen kleinen Gemeinden im südöstlichen Teil des Bundeslandes insgesamt besser aufgestellt, zumindest gelang es mehr Orten, den Fremdenverkehr zu einer wichtigen Einnahmequelle zu machen. Im Gegensatz zur Nordseeküste, wo das Tourist_innenaufkommen von Nord nach Süd abnahm und abnimmt, waren im nordöstlichen Teil des Landes mit Ausnahme von Glücksburg noch weite Landstriche für den Fremdenverkehr unerschlossen. Mit dem ebenfalls im nächsten Kapitel behandelten Badeort Damp auf der Halbinsel Schwansen sollte diese Vertei- 159 Vgl. Albrecht, Thorsten: Travemünde, S. 39. 3.3 Strukturwandel konkret – Wandlungsprozesse in den Ferienregionen 73 lungsstruktur der Fremdenverkehrsschwerpunkte zwar aufgebrochen werden, eine grundsätzliche Änderung an der in den Nachkriegsjahrzehnten gewachsenen Struktur des Beherbergungswesens trat aber auch in den 70er Jahren nicht ein. 3 Strukturwandel in den Jahren 1950-1965 74

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Zusammenfassung

Ab den 1950er Jahren wandelte sich das Bundesland Schleswig-Holstein innerhalb weniger Jahre vom Flüchtlingsland zum Ferienland. Immer mehr Menschen verbrachten ihren jährlichen Sommerurlaub in der Region zwischen Nord- und Ostsee. Die Folge dieser Entwicklung waren tiefgreifende Wandlungsprozesse in den Ferienorten. In der Mitte der 60er Jahre setzte mit der Entstehung von sogenannten „Ferienzentren“ – gewaltigen Anlagen für mehrere Tausend Urlauber – ein Bauboom ein, der die Ausweitung des Fremdenverkehrs noch einmal beschleunigte und einen tiefgreifenden Strukturwandel verursachte. Nur wenige dieser Großanlagen konnten sich am Markt behaupten, Konkurse und Umstrukturierungen waren die Folge. Ein Teil der Anlagen wird aber auch heute noch erfolgreich betrieben. Diese Studie verfolgt die Wandlungsprozesse in den Ferienorten und auf Landesebene, fragt nach Ursachen, Beteiligten und Verantwortlichen. Es wird untersucht, wie der Strukturwandel politisch begleitet wurde und wie in der schleswig-holsteinischen Landespolitik eine „Fremdenverkehrspolitik“ überhaupt erst etabliert werden konnte. Am Ende ist eine erste Tourismusgeschichte des Bundeslandes Schleswig-Holstein entstanden, die neben den allgemeinen Entwicklungen der Branche durch ihren analytischen Zugang auch Erkenntnisse über die Geschichte des Bundeslandes und der Bundesrepublik in der Zeit zwischen 1950 und 1980 liefert.