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7 Fazit und Schluss in:

Thorsten Harbeke

Tourismus zwischen den Meeren, page 335 - 340

Strukturwandel im schleswig-holsteinischen Fremdenverkehr zwischen 1950 und 1980

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4204-5, ISBN online: 978-3-8288-7152-6, https://doi.org/10.5771/9783828871526-335

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 40

Tectum, Baden-Baden
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Fazit und Schluss Der in den vorangegangenen Kapiteln untersuchte Wandel im Fremdenverkehr zwischen 1950 und 1980 war tiefgreifend. Zwischen 1950 und 1980 stieg die Zahl der Übernachtungen in den Sommermonaten von 2,2 Millionen auf 19,6 Millionen Die Zahl der Fremdenmeldungen, die am ehesten Auskunft über die Anzahl der tatsächlichen Gäste gibt, stieg von 366.000 auf 2,2 Millionen Beide Werte, so wenig exakt sie auch sind, zeigen, dass sich der Fremdenverkehr bezüglich des Reiseverhaltens als auch den hier untersuchten Strukturen der Beherbergung von Urlaubsgästen in den 30 Jahren grundlegend geändert hat. Allerdings verlief diese Entwicklung nicht in allen Segmenten der Fremdenverkehrswirtschaft gleich. So war der Anteil der privaten Zimmervermietung durchgängig hoch, stieg bis zum Bau der Ferienzentren, die eine neue Stufe der Industrialisierung des Fremdenverkehrs einleitete, an, um dann bis zum Ende der 70er Jahren wieder auf den immer noch hohen Wert der 50er Jahre zurückzufallen. In Anbetracht der gewaltigen Steigerung der Übernachtungszahlen bedeutet dies, dass für einen immer größer werdenden Teil der Bevölkerung die Vermietung von Fremdenbetten ein Nebenerwerb wurde. Trotzdem wandelte sich auch dieser Bereich der Fremdenverkehrswirtschaft, der einherging mit dem steigenden gesellschaftlichen Wohlstand und mit der Veränderung dörflicher Strukturen, bei denen der Bau neuer Häuser und Wohnungen die zusätzliche Nutzung durch den Fremdenverkehr immer mit einzukalkulieren hatte. Die Arbeit konnte zeigen, dass dieser Wandel regional sehr unterschiedlich ablief, dass es vor allem die Fremdenverkehrsgemeinden an der Ostsee waren, die die größeren Strukturveränderungen durchliefen. Die Ferienzentren stellten eine neue Angebotsform im Fremdenverkehr dar und veränderten das Gefüge der Fremdenverkehrswirtschaft nachhaltig, obwohl nur ein Teil von ihnen tatsächlich auf dem Markt erfolgreich war. Trotz der Pleite einiger dieser Großbetriebe verschwanden ja die Großbauten nicht, sondern wurden vielfach in priva- 7 335 te Ferienappartements unterteilt, die weiterhin von den Besitzer_innen oder ihren Gästen aufgesucht wurden – nun weitgehend außerhalb der Fremdenverkehrsstatistik. Die Fremdenverkehrsgemeinden an der Ostsee waren es dann auch, die von der Krisenphase des schleswigholsteinischen Fremdenverkehrs deutlich stärker betroffen waren als die in ihrer Struktur kontinuierlicher gewachsenen Orte an der Nordseeküste. Die Bewertung des Erfolgs der Ferienzentren fällt indes dennoch schwer. Sicher ist, dass mit dem Bau der Anlagen große Geldsummen verdient wurden. Ob der Bauträger damit einen Plan zum langfristigen Betrieb verfolgte, also ein nachhaltiges Konzept für die Steigerung des Fremdenverkehrs in strukturschwachen Regionen, muss zumindest bezweifelt werden. Die Bauträger stellten aber nur eine Gruppe von Akteuren bei diesen Großprojekten dar. Es konnte in dieser Arbeit gezeigt werden, dass der Bau der Projekte von verschiedenen Personengruppen mit unterschiedlichen Motiven vorangetrieben wurde. In Burg auf Fehmarn wurde der Bau des Ferienzentrums von der Lokalpolitik forciert. Die Stadt war auf Grund ihrer mittleren Größe aber in der Lage, zumindest in Ansätzen den Wandel des Fremdenverkehrs zu begleiten. In anderen Orten, wie z. B. Damp, war dies nicht der Fall. Hier blieb den städtischen Akteuren von Anfang an nur die Wahl, dem Ferienzentrum zuzustimmen oder es abzulehnen, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen. Die Landesregierung war beispielsweise in Damp deutlich stärker involviert, verfolgte in der Gründungsphase der Ferienzentren aber keine planvolle Strukturpolitik, sondern setzte in den wenigen Jahren des Booms vor allem große Erwartungen in die wirtschaftlichen Struktureffekte der Anlagen, die sich vielerorts nicht erfüllten. In Anbetracht der Strukturschwäche vieler Regionen hatte sie aber auch kaum eine Wahl, war aber durch die Dimension des durch die Anlagen ausgelösten Wandels schlicht überfordert. Die Ferienzentren stellten in ihrer Grundkonzeption tatsächlich eine Alternative zu einer auf Kleingewerbe und Privatvermietung ausgerichteten Wirtschaftsstruktur im Fremdenverkehr dar. Sie beugten durch die Konzentration großer Menschenmengen an ausgewählten Orten einer gleichförmigen Bebauung der Küsten mit Ferienhäusern vor und sind unter Landschafts- und Umweltschutzgesichtspunkten als modern zu bezeichnen. Vom Publikum wurden die Anlagen dabei auch grundsätzlich angenommen, die zeitgenössische Kritik an 7 Fazit und Schluss 336 den Anlagen war also vor allem eine elitäre. Die Arbeit konnte durch die eingehende Betrachtung der verschiedenen an dem Bauboom der Ferienzentren und anderen Großprojekten beteiligten Akteure zeigen, dass die Geschichte der schleswig-holsteinischen Ferienzentren deutlich differenzierter zu bewerten ist, als bislang bekannt. Nicht nur für die Kommunen mit Ferienzentren, sondern für einen Großteil der Fremdenverkehrsorte gilt indes, dass der wirtschaftliche Strukturwandel mit großen finanziellen Belastungen einherging, die die Kommunen selbst kaum bewältigen können. Für die Beherbergung von immer anspruchsvolleren Gästen wurden Gemeinschaftseinrichtungen gebaut, die in der Wintersaison weitgehend ungenutzt unterhalten werden mussten. An dieser Situation änderten auch die Bemühungen zur Saisonverlängerung nichts, die von der Betonung der Schönheit der schleswig-holsteinischen Landschaft in der Imagewerbung des Landes bis zur landesseitigen Förderung zum Bau von weiteren dieser Anlagen reichten, wie z. B. Meerwasserschwimmhallen. Eine wirtschaftspolitische Alternative bestand für die Fremdenverkehrsgemeinden zunächst aber nicht. Durch die Landespolitik wurde der Wandel des Fremdenverkehrs mit verschiedenen politischen Instrumenten begleitet, die in dieser Arbeit erstmals analysiert wurden. So sollte der Bäderansatz schon seit den frühen 50er Jahren die finanziellen Belastungen der Gemeinden etwas abfedern. Dem großen Anstieg der Übernachtungszahlen war dieses Instrument aber nicht gewachsen. Der Bäderansatz wurde just in dem Moment abgeschafft, als der Bau der Ferienzentren begann und auch in anderen Fremdenverkehrsorten zahlreiche Bauprojekte starteten. Erst allmählich wurden mit der Entwicklung der Landesund Raumplanung Strukturen geschaffen, die eine effektive Steuerung der Fremdenverkehrsstrukturentwicklung, beispielsweise durch Landesraumordnungspläne, ermöglichten. Die Großprojekte wurden hingegen nicht ohne Begleitung der Landesregierung und -verwaltung errichtet. Ein Konzept für den Ausbau des Fremdenverkehrs in dem Bundesland bestand jedoch nicht. Es wurde erst im Zuge der Errichtung der Anlagen entwickelt und zwar zunächst vor allem repressiv, d. h. auf die Verhinderung weiterer Anlagen ausgerichtet. Die Kommunen suchten in den 70er Jahren nach neuen Wegen zur Behebung ihrer Finanzprobleme. Die Einführung einer neuen Zweitwohnungssteuer, 7 Fazit und Schluss 337 die die Besitzer_innen von Ferienwohnungen zur Finanzierung des erhöhten Finanzbedarfs heranziehen wollte, war besonders umstritten. Gleichzeitig bemühten sich die Kommunen um eine Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse in den neuen politischen Instrumentarien der Raumplanung, waren damit aber zunächst nicht erfolgreich. Auch die oppositionelle SPD hatte in dem CDU-regierten Schleswig-Holstein erheblichen Anteil daran, dass sich eine Fremdenverkehrspolitik, die bis zur Mitte der 60er Jahre als professionalisierte Fachpolitik noch gar nicht existierte, entwickeln konnte. Durch die erstmalige Formulierung fremdenverkehrspolitischer Zielvorstellungen in dem ausführlich diskutierten „weißen Plan“ wurde der Fremdenverkehr stärker als Thema in den landespolitischen Diskurs eingespeist. Der generellen Ablehnung von Fremdenverkehrsgroßprojekten durch die Landes-SPD standen hierbei aber die Interessen der lokalen Parteiorganisation und der Kommunalpolitik oftmals entgegen, wie an dem Konflikt um das geplatzte Großprojekt „Atlantis“ in Westerland auf Sylt zu sehen war. In diesem für Schleswig-Holstein bedeutendsten Fremdenverkehrsort formierte sich eine Protestbewegung, die zwar wohl nicht im Alleingang das stark symbolisch aufgeladene Großprojekt verhinderte, der aber doch ein erheblicher Anteil an dem Richtungswechsel der Landesregierung zugerechnet werden kann. Die durch die Diskussion um die Bedeutung des Fremdenverkehrs auf der größten Nordseeinsel immer stärker in das Bewusstsein der politischen Öffentlichkeit dringenden Fragen des Naturschutzes führten hierbei auch auf Seiten der konservativen Landesregierung zu einer verstärkten Wahrnehmung umweltpolitischer Notwendigkeiten. Die Entstehung der Landesfremdenverkehrspolitik als Fachpolitik ist zum einen Ausdruck einer sich im Untersuchungszeitraum immer stärker professionalisierenden Landespolitik insgesamt, geht aber zum anderen auf die Initiative einzelner Personen in Landesregierung und Opposition zurück. Auf beiden Seiten des Landesparlaments standen Persönlichkeiten, die eine erhebliche Expertise aus der seit Langem bestehenden kommunalen Fremdenverkehrspolitik mitbrachten und das Politikfeld etablieren halfen. Dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Professionalisierung des Fremdenverkehrs entlang der gesellschaftlichen Entwicklung zu immer ausdifferenzierteren politischen und wirtschaftlichen Strukturen führte, wie die ebenfalls an der 7 Fazit und Schluss 338 Wende zu den 70er Jahren erfolgte Gründung des Fremdenverkehrsverbandes zeigt. Auch gesellschaftlicher Wandel spiegelte sich in den Strukturen des schleswig-holsteinischen Fremdenverkehrs wider. Immer größere Bevölkerungsteile konnten in ihrem jährlichen Sommerurlaub verreisen – die Entstehung des modernen Massentourismus fällt in den Untersuchungszeitraum. Von dieser Entwicklung war Schleswig-Holstein in mehrfacher Hinsicht betroffen. Der kontinuierliche Anstieg der Übernachtungszahlen in den 50er und 60er Jahren ließ viele glauben, dass sich diese Steigerungen auch weiterhin würden fortsetzen lassen. Auch dies kann die über die tatsächlichen Bedarfe hinaus geplanten Ferienzentren erklären. Der Trend zu Auslandsreisen und die allgemeine Sättigung auf dem Beherbergungsmarkt des noch mehr als andere Ferienregionen von gutem Wetter abhängigen Schleswig-Holstein zeigten aber auch die Grenzen dieser Entwicklung auf. Die 80er Jahre waren in dieser Hinsicht eine Phase der Stagnation. Weitere 40 Jahre später steht der Fremdenverkehr des Landes aber sehr gut da. Aktuell verzeichnet das Bundesland laut Aussage des Tourismusverbandes 28 Millionen Übernachtungen in gewerblichen Unterkünften. Angepeilt seien für 2025 30 Millionen Übernachtungen.897 Heute wird also offensichtlich deutlich vorsichtiger, und damit wohl auch realistischer geplant. Es bleibt, einen Ausblick auf zukünftig notwendige Forschung zu wagen, damit das in der Einleitung dieser Arbeit formulierte Ziel einer ‚Tourismusgeschichte’ Schleswig-Holsteins vollständig eingelöst werden kann. Als Region mit dem größten Strukturwandel wurde von mir die Ostseeküste identifiziert. Zwar wurden auch die Entwicklungen an der Nordseeküste, die auch dort zu beobachtenden Veränderungen in der Beherbergungsstruktur und der dort etwas anders verlaufende Bauboom der späten 60er und frühen 70er Jahre beschrieben, eine 897 Vgl. Sparkassen-Tourismusbarometer 2017, Infobrief 1/2017. Dieses in Zusammenarbeit des heute als Tourismusverband Schleswig-Holstein (TVSH) firmierenden Fremdenvekrehrsverbandes ist zu finden unter http://www.tvsh.de/filead min/content/Startseite/TB_SH_Infobrief_1_2017_final.pdf, zuletzt aufgerufen am 23.10.2017; vgl. auch Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein (Hg.): Statistisches Jahrbuch Schleswig-Holstein 2016/2017. Hamburg 2017, S. 187, Tabelle 10,6. 7 Fazit und Schluss 339 noch differenziertere Betrachtung der Entwicklung an der Nordseeküste wäre jedoch wünschenswert. So könnte der hier auf der Mikroebene untersuchte Wandel in Burgtiefe durch eine Komplementärstudie beispielsweise zu Westerland auf Sylt weitere Erkenntnisse über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Wandlungsprozesse liefern. Hierbei wären z. B. Fragen nach der Veränderung der Siedlungsstruktur in den Fremdenverkehrsorten zu stellen. Die völlige Neuanlage eines Fremdenverkehrsortes wie auf Fehmarn oder in Damp wäre in den traditionellen Urlaubsorten auf der Nordseeinsel in dieser Form überhaupt nicht möglich gewesen, was sich auch in dem dort dauerhaft hohen Anteil der Privatvermietung an der Beherbergungsstruktur ausdrückt. Wünschenswert wäre auch eine Ausweitung des betrachteten Zeitraums, der die hier nicht behandelten Jahrzehnte bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, die dort durch die Informationstechnologie und durch die Wiedervereinigung verursachten Strukturveränderungen behandelt. Auch in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft stellt der Fremdenverkehr einen wichtigen Wirtschaftsfaktor in Schleswig-Holstein dar, die Behandlung des Themas durch Historiker_innen, die die Genese aktueller Strukturen untersuchen, bleibt also weiterhin relevant. 7 Fazit und Schluss 340

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References

Zusammenfassung

Ab den 1950er Jahren wandelte sich das Bundesland Schleswig-Holstein innerhalb weniger Jahre vom Flüchtlingsland zum Ferienland. Immer mehr Menschen verbrachten ihren jährlichen Sommerurlaub in der Region zwischen Nord- und Ostsee. Die Folge dieser Entwicklung waren tiefgreifende Wandlungsprozesse in den Ferienorten. In der Mitte der 60er Jahre setzte mit der Entstehung von sogenannten „Ferienzentren“ – gewaltigen Anlagen für mehrere Tausend Urlauber – ein Bauboom ein, der die Ausweitung des Fremdenverkehrs noch einmal beschleunigte und einen tiefgreifenden Strukturwandel verursachte. Nur wenige dieser Großanlagen konnten sich am Markt behaupten, Konkurse und Umstrukturierungen waren die Folge. Ein Teil der Anlagen wird aber auch heute noch erfolgreich betrieben. Diese Studie verfolgt die Wandlungsprozesse in den Ferienorten und auf Landesebene, fragt nach Ursachen, Beteiligten und Verantwortlichen. Es wird untersucht, wie der Strukturwandel politisch begleitet wurde und wie in der schleswig-holsteinischen Landespolitik eine „Fremdenverkehrspolitik“ überhaupt erst etabliert werden konnte. Am Ende ist eine erste Tourismusgeschichte des Bundeslandes Schleswig-Holstein entstanden, die neben den allgemeinen Entwicklungen der Branche durch ihren analytischen Zugang auch Erkenntnisse über die Geschichte des Bundeslandes und der Bundesrepublik in der Zeit zwischen 1950 und 1980 liefert.