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2 Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein zwischen 1900 und 1945 in:

Thorsten Harbeke

Tourismus zwischen den Meeren, page 29 - 42

Strukturwandel im schleswig-holsteinischen Fremdenverkehr zwischen 1950 und 1980

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4204-5, ISBN online: 978-3-8288-7152-6, https://doi.org/10.5771/9783828871526-29

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 40

Tectum, Baden-Baden
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Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein zwischen 1900 und 1945 Die Entwicklung des Fremdenverkehrs als modernem Phänomen ist eng mit der Geschichte der Gründung der Seebäder verknüpft. In Schleswig-Holstein begann diese Entwicklung an der Schwelle zum 19. Jahrhundert. Die Gründung der Seebäder im 19. Jahrhundert Das erste Seebad auf dem Gebiet des heutigen Schleswig-Holstein war das zu Lübeck gehörende Travemünde. Im Jahr 1801 wurde hier die erste offizielle Saison durch eine Badedirektion eröffnet.48 Für 1813 sind erstmals Feriengäste für Haffkrug belegt, wie Travemünde an der Lübecker Bucht gelegen, und die Seebadgründung erfolgte etwa im Jahr 1830. Die erste Eröffnung eines Seebades an der schleswig-holsteinischen Nordsee fand in Wyk auf der Insel Föhr 1819 statt und war zunächst wenig erfolgreich. 1826 gab es dann eine Seebadeanstalt auf der Insel Helgoland. Die Insel hatte allerdings auch schon zuvor Urlaubsgäste beherbergt. Die heute noch genutzte Seebadeanstalt in der Landeshauptstadt Kiel wurde im Jahr 1822 eröffnet. 1837 wurde das Seebad Büsum gegründet, Westerland war im Jahr 1855 das erste Bad auf der Nordseeinsel Sylt. An der Ostsee sind für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts die Bädergründungen Scharbeutz (1851) sowie das an der Flensburger Förde gelegene Bad in Glücksburg (1872) zu nennen. An der Nordsee datiert die Einrichtungen von Seebädern für das heutige Sankt Peter-Ording auf das Jahr 1877, auf Amrum gab es Ba- 2 2.1 48 Für die Frühgeschichte des Bades vgl. kenntnisreich Baudissin-Zinzendorf, Ute: Freizeitverkehr an der Lübecker Bucht. Eine gruppen- und regionsspezifische Analyse der Nachfrageseite. Kiel 1988, S. 99-101. 29 debetriebe in Wittdün und Norddorf ab etwa 1890.49 Die hier präsentierten Jahreszahlen bezeichnen die offiziellen Gründungsdaten. In vielen der genannten Orte waren vorher bereits Gäste zu Erholungszwecken abgestiegen, beispielsweise in bereits vorhandenen Hotels und Gasthäusern.50 Zwar ist der Fremdenverkehr in dem Bundesland Schleswig-Holstein bis in die heutige Zeit von den Meeresküsten geprägt, doch auch im Binnenland begann in der zweiten Hälfte des vorvergangenen Jahrhunderts der Fremdenverkehr in der seenreichen und wegen seiner landschaftlichen Reize auch namentlich mit der Alpenrepublik in Verbindung gebrachten Region um Plön, Malente und Eutin, der Holsteinischen Schweiz.51 Der Fremdenverkehr in den Seebädern des 19. Jahrhunderts war eine vergleichsweise exklusive Angelegenheit. Die frühen Seebäder verzeichneten durchaus ansehnliche Gästezahlen im Rahmen der ersten kurzen Hochphase der (groß-)bürgerlichen Vergnügungsreisen. Der Fremdenverkehr in seiner heutigen Struktur entwickelte sich aber vornehmlich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert.52 Ursache für diesen Aufschwung war die wirtschaftliche Entwicklung nach der Gründung des Kaiserreichs, die es weiten Teilen der bürgerlichen Gesellschaftsschichten ermöglichte, Urlaubsreisen zu unternehmen, sowie der fortschreitende Ausbau der Verkehrswege. Es kann für diese Zeit zwar noch nicht von Massentourismus gesprochen werden, aber 49 Alle Jahreszahlen stammen aus Kürtz, Jutta: Badeleben an Nord- und Ostsee. Kleine Kulturgeschichte der Sommerfrische. Heide 1994. Die Seebadgründungen in den einzelnen Orten werden im Text ausführlich beschrieben, eine Chronologie findet sich auf den S. 93-96. 50 In Travemünde wurden schon im späten 18. Jahrhundert Versuche zur Gründung einer Seebadeeinrichtung unternommen, die aber scheiterten. Vgl. ebd., S. 14f. 51 Vgl. Paulsen, Astrid: „... ein gesegneter und reizvoller Fleck Erde...“ – Tourismus in der Holsteinischen Schweiz 1867-1914. Neumünster 1994. Vgl. zum Schweiz-Begriff, der sich weniger auf die eiszeitliche Hügellandschaft in Ostholstein denn auf die landschaftlich reizvolle Gegend bezieht und die Region ähnlich wie die auch heute noch so bezeichnete Sächsische Schweiz deshalb mit der bereits im frühen 19. Jahrhundert touristisch erschlossenen Schweiz vergleichbar machte, die S. 88-92; zur touristischen Erschließung der ‚tatsächlichen’ Schweiz und der Alpen generell, basierend auf der Entstehung des Bergsteigens als touristische Praxis vgl. Flemming, Fergus: Killing Dragons. The Conquest of the Alps. New York 2002, insbes. S. 1-12; eine deutsche Ausgabe erschien unter Flemming, Fergus: Nach oben. Die ersten Eroberungen der Alpengipfel. München 2003. 52 Vgl. Spode, Hasso: Eine kurze Geschichte des Hotels, S. 11-16. 2 Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein zwischen 1900 und 1945 30 der Fremdenverkehr im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war lange nicht mehr so exklusiv wie vorher.53 Diese zweite Welle in der Entwicklung des Fremdenverkehrs führte in Schleswig-Holstein zu weiteren Gründungen von Seebädern, von denen z. B. das Seebad Laboe an der Kieler Förde zu nennen ist. Erste Gäste gab es auch hier in den 1870er Jahren.54 Das Baden im Meer zu medizinischen, schnell auch zu rein vergnüglichen Zwecken in eigens hierfür errichteten Badeanstalten war aber keine deutsche, sondern eine britische Erfindung. Dort wurden schon in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts Seebäder in Scarborough (1730) und Brighton (1736) gegründet.55 In ersterem Badeort hatten die Besucher_innen zunächst das Wasser der örtlichen Mineralquellen getrunken und erst später „ihre bleichen Leiber ins Meerwasser“ getaucht.56 Die hier zitierte etwas prosaische Umschreibung markiert in strukturgeschichtlicher Hinsicht das Auftreten der Seebäder als neue Form – zusätzlich zu den auch schon einige Zeit zuvor bestehenden Heilbädern im Landesinneren. Zwar haben immer wieder Menschen an den Küsten das Meer für ein erfrischendes Bad genutzt, zu einer gesellschaftlich akzeptierten Tätigkeit konnte das Baden aber erst im Zuge der oben beschriebenen und durch Adel und obere Gesellschaftsschichten betriebenen Seebädergründungen werden.57 Zuvor waren die Meeresküsten nämlich in den Augen dieser Kreise unwirtliche Gebiete mit – wie man heute sagen würde – nur geringem ‚Freizeitwert’, die allenfalls von armen und vermeintlich wenig intelli- 53 Vgl. Kolbe, Wiebke: „Capri von Pommern“ und „nordisches Sorrent“ – Konkurrenzen und Kooperationen deutscher Ostseebäder im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. In: Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte 20 (2011), S. 35-52, hier S. 37. 54 Vgl. Sommerfeld, Renate: Badeleben am Probsteier Ostseestrand. In: Jahrbuch für Heimatkunde im Kreis Plön 27 (1997), S. 78-96, hier S. 85; weitere Daten von schleswig-holsteinischen Seebädergründungen nach 1850 bei Homp, Catrin: Schleswig-Holstein-Tourismus am Scheideweg, S. 74 u. 77. 55 Vgl. Hachtmann, Rüdiger: Tourismus-Geschichte, S. 81. 56 Spode, Hasso: Wie die Deutschen „Reiseweltmeister“ wurden, S. 20. 57 Vgl. Wördemann, Wilfried: „...was nie genug empfohlen werden kann“. Zu den Anfängen des Seebädertourismus. In: Bengen, Etta/Wördemann, Wilfried: Badeleben. Zur Geschichte der Seebäder in Friesland. Oldenburg 1992, S. 13-37, hier S. 24. 2.1 Die Gründung der Seebäder im 19. Jahrhundert 31 genten Fischern bewohnt wurden.58 Überhaupt herrschte eher Angst vor den unkalkulierbaren Naturgewalten des Meeres, als dass diese unter dem Gesichtspunkt des Naturerlebnisses und der Wahrnehmung seiner Schönheit hätten gesehen werden können.59 Die Anwesenheit von Adeligen war in den britischen Seebädern des 18. Jahrhunderts aber weit wichtiger als das Badevergnügen. Das galt auch in späteren Jahren für die deutschen Nordseebäder, von denen das erste Norderney war und sich der Besuche des britischen Königs rühmen konnte. Auch die alljährlich wiederkehrenden königlichen Aufenthalte auf der damals noch nicht deutschen, sondern zu Dänemark gehörenden Insel Föhr werteten das Seebad Wyk ab den 1840er Jahren spürbar auf und sorgten für erhöhten Gästezustrom.60 Gebadet wurde in den vergangenen Jahrhunderten in deutlich anderer Form als heute. Die aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts vielfach skurril anmutenden Badesitten sind es wohl auch, die dafür sorgen, dass mehr oder weniger wissenschaftlich ambitionierte Beschreibungen des Seebädertourismus im 19. Jahrhundert heute in gro- ßer Zahl vorhanden sind. So ist ein bei einheimischen Lokalhistoriker_innen wie Schleswig-Holstein-Gästen gleichermaßen beliebtes Sujet die Beschreibung der Badekarre: eines von Pferden gezogenen hölzernen Wagens, mit dem die Badewilligen zunächst ins Meer gezogen wurden, um weitgehend sicher vor den Blicken etwaiger Zuschauer geschützt in den Fluten plantschen zu können. Teilweise wurden die Karren gar nicht erst verlassen, sondern das Eintauchen der Füße genügte den im Umgang mit den Naturgewalten nicht immer erfahrenen Badegästen.61 Die Beschreibung der Badesitten des 19. Jahrhunderts meist 58 Zur Änderung dieser Wahrnehmung der ‚Anwohner’ des Meeres im 19. Jahrhundert vgl. das Kapitel „Vom Fischer zum Badediener – Transformation von Lebenswelten“ bei Bresgott, Hans-Christian: Ostseeküste – Ostseebad. Von der Entdeckung des Nordens zur Entstehung der deutschen Ostseebäder im 19. Jahrhundert. Konstanz, München 2017, S. 261-273. 59 Vgl. Wördemann, Wilfried: „...was nie genug empfohlen werden kann“, S. 20; vgl. auch Spode, Hasso. Wie die Deutschen „Reiseweltmeister“ wurden, S. 19; vgl. auch Hachtmann, Rüdiger: Tourismus-Geschichte, S. 85. 60 Vgl. Hachtmann, Rüdiger: Tourismus-Geschichte, S. 82. 61 Vgl. das entsprechende und grundlegende Kapitel zu Badekarren bei Mehl, Heinrich (Hg.): Acker-, Markt- und Reisewagen. Unterwegs in Schleswig-Holsteins Vergangenheit. Heide 1996, S. 129-140, hier S. 132. 2 Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein zwischen 1900 und 1945 32 mit, selten ohne Badekarre dominiert in inhaltlicher Hinsicht die vorhandenen Publikationen zur Geschichte des Fremdenverkehrs an der schleswig-holsteinischen Nord- und Ostsee.62 Forschungsliteratur zur Geschichte des deutschen Bädertourismus ist hingegen nicht so zahlreich, wenn auch gesagt werden kann, dass der Seebädertourismus des 19. Jahrhunderts, und hier speziell an der Ostsee, zu den besser erforschten Bereichen der Tourismusgeschichte als historischer Disziplin zu zählen ist.63 Der Fokus dieser Forschungsbeiträge liegt oftmals nicht auf den wirtschaftlichen Strukturen dieser Seebäder und kultur- bzw. 62 Dies zeigt ein Blick in die bis hierhin verwendete lokalhistorische Literatur ebenso wie eine Auswahl weiterer Titel mit einem Schwerpunkt auf den schleswig-holsteinischen Fremdenverkehr, deren darüber hinaus gehender Informationswert allerdings sehr begrenzt ist. Zu den bereits genannten siehe grundlegend Kürtz, Jutta: Badeleben an Nord- und Ostsee, S. 15, 21f., 41f. und 48; sogar in den Untertitel geschafft hat es die Badekarre bei Klahn, Karl-Wilhelm: Fehmarn – eine Insel im Wandel der Zeiten. Von der Badekarre zum Ostseeheilbad Burg auf Fehmarn. Neumünster 2001; auch der Beitrag von Rönnpag enthält neben den Daten der Einrichtung der Ostseebäder an der Lübecker Bucht die unvermeidlichen Hinweise zu Badekarren, siehe Rönnpag, Otto: Die oldenburgischen Ostseebäder an der Lübecker Bucht. In: Die Heimat. Zeitschrift für Natur- und Landeskunde von Schleswig-Holstein und Hamburg 100 (1993), S. 193-198, hier S. 195; auch in wissenschaftlicher Hinsicht seriöse Bände über Schleswig-Holstein können scheinbar auf einen Hinweis auf die Badekarre nicht verzichten. Siehe hierzu den Hinweis auf die „englischen Bademaschinen“ in Landesvermessungsamt Schleswig-Holstein (Hg.): Topographischer Atlas für Schleswig-Holstein und Hamburg. 4. Aufl. Neumünster 1979, Nr. 23, Küstenprobleme an der Lübecker Bucht – Ostseebäder von Travemünde bis Pelzerhaken, S. 23; siehe auch das exemplarische Foto einer nackten Badenden vor Badekarre bei Paul, Gerhard/Danker, Uwe/Wulf, Peter (Hg.): Geschichtsumschlungen. Sozial- und kulturgeschichtliches Lesebuch Schleswig-Holstein 1848-1948. Bonn 1996, S. 85; vgl. zur sozialhistorischen Bedeutung der Badekarre Spode, Hasso: Geschichte des Badeurlaubs. Vom Kurprinzip zum Lustprinzip. In: Siebeneicker, Arnulf/ Wagener, Mathias (Hg.): Reif für die Insel. Tourismus auf Sylt, Hiddensee und Mallorca. Essen 2016, 79-87, hier S. 139. 63 Siehe hierzu neben dem angeführten Band von Kürtz den Tagungsband von Kurilo, Olga (Hg.): Seebäder an der Ostsee im 19. und 20. Jahrhundert. München 2009; zu Schleswig-Holstein in ebd. die Beiträge von Kolbe, Wiebke: Deutsche Ostseebäder um 1900. Bäderregionen von Nordschleswig bis zur Kurischen Nehrung im Vergleich, S. 15-32; obwohl ohne Hinweise auf schleswig-holsteinische Bäder dennoch lesenswert Bajohr, Frank: Bürgerliche Lebenswelt und Bäder-Antisemitismus an der deutschen Ostseeküste, S. 55-80; vgl. weiterhin den Themenband „Tourismus im Ostseeraum“ der Zeitschrift Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte 20 (2011) sowie eingeschränkt wegen des Schwerpunkts Kurorte Kurilo, Olga (Hg.): Kurort als Tat- und Zufluchtsort. Konkurrierende Erinnerungen im Mittel- 2.1 Die Gründung der Seebäder im 19. Jahrhundert 33 sozialhistorische Arbeiten in der Qualität von Frank Bajohrs Studie zum Bäder-Antisemitismus sind bislang noch selten.64 Der Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein um 1900 Die Phase des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg brachte einen Aufschwung des Fremdenverkehrs in Schleswig-Holstein. Nach der langen Gründungsphase der Seebäder wurden hier die Strukturen gelegt, die auch für den modernen Massentourismus ab den 60er Jahren, der im Mittelpunkt dieser Arbeit steht, bestimmend sein sollten. Am Beispiel des Lübecker Bades Travemünde lässt sich der Strukturwandel im Tourismus um 1900 wegen der soliden Literaturbasis recht gut nachvollziehen. Im Jahr 1881 erhielt der Ort einen Bahnanschluss, eine der wesentlichen Voraussetzungen für wirtschaftlichen Erfolg im Kaiserreich. Travemünde wollte zunächst am Güterverkehr partizipieren, richtete dann aber sein Augenmerk auf den Nutzen der Bahnanbindung für den Fremdenverkehr, da die Verfügbarkeit eines Bahnhofs zu diesem Zeitpunkt ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber den anderen Bädern an der Lübecker Bucht darstellte.65 1897 kaufte die Hansestadt Lübeck die Seebadeanstalt von Travemünde, bestehende Hotelanlagen wurden an einen neuen Investor veräußert und in der Lübecker Finanzbehörde eine eigene Abteilung für die Verwaltung des Bades eingerichtet. Ein Jahr später wurden erste „Badezüge“ eingesetzt, die die Kureinrichtungen zunächst mit Lübeck, ab 1901 sogar mit Hamburg verbanden.66 Auch der Jachthafen wurde ab der Jahrhundertwende gebaut. In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts wurden weitere umfangreiche Baumaßnahmen durchgeführt, so der Bau eines 2.2 und osteuropäischen Raum im 19. und 20. Jahrhundert. Berlin 2014; zur Baugeschichte der Ostseebäder siehe Tilitzki, Christian/Glodzey, Bärbel: Die deutschen Ostseebäder im 19. Jahrhundert. In: Bothe, Rolf (Hg.): Kurstädte in Deutschland. Zur Geschichte einer Baugattung. Berlin 1984, S. 513-536. 64 Siehe Bajohr, Frank: „Unser Hotel ist judenfrei“. Bäder-Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert. 2. Aufl. München 2002. 65 Vgl. Fischer, Friedhelm/Hansestadt Lübeck (Hg.): Travemünde. Stadtbaugeschichte und Stadterneuerung. Lübeck 2002, S. 44. 66 Vgl. ebd., S. 48. 2 Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein zwischen 1900 und 1945 34 Warmbadehauses, der Ausbau der Parkanlagen, die Anlage der Kurpromenade und die Errichtung neuer Beherbergungsbetriebe.67 Dies veränderte das Gesicht Travemündes nachhaltig und schuf die Voraussetzungen für den Fremdenverkehr im 20. Jahrhundert.68 Bis zum Ersten Weltkrieg erlebte Travemünde eine Boomphase, die sich in weiteren Bauprojekten von Hotels und repräsentativen Ferienhausbauten für gut situierte Lübecker und Hamburger Bürger_innen zeigte. Zwar brachte der Krieg naturgemäß sinkende Gästezahlen, in der auf das Kaiserreich folgenden Weimarer Republik änderte sich an der Ausrichtung des Bades auf wohlhabende Bürger_innen zunächst allerdings nichts. Es wurde sogar versucht, die Errichtung von Unterkünften für weniger Begüterte und Kranke zu verhindern.69 Travemünde war zu diesem Zeitpunkt das größte und bedeutendste der schleswig-holsteinischen Ostseebäder, die beschriebene Ausbauphase fand aber im gleichen Zeitraum in ähnlicher Form in allen schleswig-holsteinischen Bädern statt. In Timmendorfer Strand waren die Jahre nach der Reichsgründung ebenfalls von einem starken Bauboom geprägt, der sich kurz vor dem Ersten Weltkrieg in der stattlichen Zahl von insgesamt 130 Hotels, Pensionen, Gasthöfen, Villen und Privatbauten mit Fremdenverkehrsfunktion manifestierte.70 Der schleswig-holsteinische Badetourismus muss allerdings auch im gesamtdeutschen Zusammenhang gesehen werden. Um die Jahrhundertwende hatten nur wenige Seebäder an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste mehr als 1.000 Gäste in der Sommersaison. Gerade die Bäder an der Lübecker Bucht, mit Ausnahme von Travemünde, 67 Vgl. Baudissin-Zinzendorf, Ute: Freizeitverkehr an der Lübecker Bucht, S. 101f. 68 Zur Baugeschichte siehe detailliert Schumacher, Susanne: Die Entwicklung der Kulturlandschaft im alten Kirchspiel Travemünde von 1433 bis zur Weltwirtschaftskrise. Uni-Diss. Bonn 1987, S. 108-113; zum Ausbau der Strandpromenade vgl. ausführlich Fischer, Friedhelm/Hansestadt Lübeck (Hg.): Travemünde. S. 51-54. 69 Vgl. Albrecht, Thorsten: Travemünde. Vom Fischerort zum See- und Kurbad. Chronik. Lübeck 2005, S. 36. 70 Vgl. Lindemann, Günter: Die Entwicklung Timmendorfer Strands zum Ostseeheilbad. In: Gemeinde Timmendorfer Strand (Hg.): Heimatbuch der Gemeinde Timmendorfer Strand. Zur Hundertjahrfeier 1965. Timmendorfer Strand 1965, S. 67-76, hier S. 70f. 2.2 Der Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein um 1900 35 hatten „noch bis 1890 ein Schattendasein“ geführt.71 Scharbeutz brachte es 1900 auf gerade einmal 1.690 Gäste, Niendorf 4.113, Timmendorfer Strand hatte 5.031. Travemünde hatte in derselben Saison des Jahres 1900 10.590 Gäste. Das ebenso wie Travemünde auf exklusive Kundschaft ausgerichtete Glücksburg an der Flensburger Förde kann mit 1.622 Gästen auch noch zur Gruppe der größeren schleswig-holsteinischen Bäder gezählt werden.72 Im Vergleich zu anderen Bäderregionen an der gesamten Ostseeküste waren die schleswig-holsteinischen Bäder aber eher unbedeutend und beherbergten im Jahr 1910 nur 6 % aller Gäste, Spitzenreiter war zu diesem Zeitpunkt Vorpommern mit 31 % der Gäste.73 An der Nordseeküste verhielt es sich folgendermaßen: Sankt Peter hatte 1896 noch vier Hotels mit zusammen zwar immerhin 110 Zimmern und konnte bis 1904 seine Gästezahlen bei etwa gleicher Zimmeranzahl von 500 auf 1.000 steigern, in den folgenden Jahren wurde aber stark gebaut und schon 1908 verzeichnete man über 2.000 Gäste.74 Das bedeutendste schleswig-holsteinische Bad Westerland auf Sylt zählte im Jahr 1908 25.000 Badegäste.75 Dort hatte man auch seit 1893 schon elektrisch beleuchtete Häuser und Straßen sowie ab 1901 ein Wasserwerk, und damit die infrastrukturellen Voraussetzungen geschaffen, ein zahlungskräftiges Publikum anzulocken.76 Weite bürgerliche Schichten partizipierten am gesellschaftlichen Ereignis ‚Badereise’ und veränderten so den bis dahin stark elitären Charakter der Badeorte. Von Massentourismus kann aber weiterhin nicht gesprochen werden. Die Gruppe der Arbeiter_innen blieb vom 71 Tilitzki, Christian/Glodzey, Bärbel: Die deutschen Ostseebäder im 19. Jahrhundert, S. 519. 72 Alle Zahlen aus Kolbe, Wiebke: Deutsche Ostseebäder um 1900, S. 21. 73 Vgl. ebd., S. 29; vgl. hierzu auch Poppen, Udo: Die wirtschaftliche Bedeutung der Ostseebäder in Geschichte und Gegenwart. In: Mare Balticum 14 (1989), S. 21-25, hier S. 22. 74 Vgl. Boeckmann, Barbara: Begegnung mit einem liebenswerten Studienobjekt. In: Klose, Werner/Gemeinde Sankt Peter-Ording (Hg.): 100 Jahre Bad Sankt Peter-Ording. Vom Badekarren zur Badekur. Sankt Peter-Ording 1977, S. 102-112, hier S. 104. 75 Vgl. Stöver, Hans-Jürgen: Westerland auf Sylt. Das Bad im Wandel der Zeiten. Husum 1980, S. 7. 76 Vgl. Danker, Uwe: Die Jahrhundert-Story. Bd. 2. Flensburg 1999, S. 68. 2 Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein zwischen 1900 und 1945 36 Fremdenverkehr an Nord- und Ostsee ausgeschlossen; wie Frank Bajohr schreibt, blieben die Bäder „arbeiterfrei“.77 Der Fremdenverkehr in der Weimarer Republik In den 20er Jahren geriet die soziale Zusammensetzung der Sommerbevölkerung der Urlaubsorte gehörig ins Wanken. Es änderte sich eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Partizipation breiter Gesellschaftsschichten am Fremdenverkehr. Die als ‚Urlaub’ verfügbare freie Zeit, also die Tage im Jahr, in denen Angestellte und auch erstmals Arbeiter_innen unter Fortzahlung ihrer Löhne und Gehälter dem Arbeitsplatz fernbleiben durften, stieg während der Jahre der Weimarer Republik deutlich an. Der Grund hierfür lag in der starken Zunahme der Kodifizierung solcher Regelungen in Form von Tarifverträgen nach Weltkrieg und Revolution. 1920 hatten 82,5 % aller Arbeiter_innen einen tariflich festgelegten Urlaubsanspruch.78 Im Jahr 1928 verfügten schon über 10 Millionen, und damit etwa 90 % aller Arbeiter_innen, über einen tariflich festgelegten Mindesturlaub.79 Dieser lag allerdings bei 2/3 dieser Gruppe bei bis zu drei Tagen, während nur 32,7 % der von einem Tarifvertrag erfassten Arbeiter_innen Anspruch auf drei bis sechs Urlaubstage jährlich hatte. Etwa 1 % der Arbeiter_innen hatte mehr als sechs Tage Mindesturlaub. Bei der vergleichsweise kleinen Schicht der Angestellten sah es anders aus. 81,9 % der 1,5 Millionen von Tarifverträgen eingeschlossenen Angestellten hatten durchschnittlich mindestens drei bis sechs Tage Jahresurlaub.80 Während für die Gruppe der Arbeiter_innen damit eine der Grundvoraussetzungen erfüllt war, um am Fremdenverkehr teilzunehmen, sah es bei der anderen Voraussetzung, nämlich dem Vorhandensein von Geldmitteln für die Bezahlung einer Urlaubsreise, schlecht aus. Selbst in den Jahren vor der Weltwirtschaftskrise waren die Einkommen der Arbeiter_in- 2.3 77 Bajohr, Frank: „Unser Hotel ist judenfrei“, S. 22. Zur vorangegangenen Darstellung der sozialen Zusammensetzung des Fremdenverkehrs im Kaiserreich vgl. ebd. 78 Vgl. Hachtmann, Rüdiger: Tourismus-Geschichte, S. 100f. 79 Vgl. Keitz, Christine: Die Anfänge des modernen Massentourismus in der Weimarer Republik. In: Archiv für Sozialgeschichte 33 (1993), S. 179-209, hier S. 184. 80 Vgl. ebd., S. 185. 2.3 Der Fremdenverkehr in der Weimarer Republik 37 nen bei Weitem nicht hoch genug, um abseits von kurzen Ausflügen am Wochenende tatsächlich verreisen zu können.81 Teile der Gruppe der Angestellten partizipierten aber sehr wohl am Fremdenverkehr und auch die Fremdenverkehrsorte selbst waren in den Weimarer Jahren gezwungen, mit ihren Werbemaßnahmen neue Gesellschaftsschichten zu erschließen. Diese konnten darüber hinaus durch den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur nun alle Orte gleichermaßen bequem erreichen, was wiederum die Konkurrenz zwischen den Fremdenverkehrs- und Kurorten anheizte.82 In Travemünde führte beispielsweise die Inflation der Nachkriegsjahre und die bis dahin verfolgte Strategie der Konzentration auf besonders zahlungskräftiges Publikum zu Krisenerscheinungen. Mangels Kapital sowohl auf Seiten der Gäste als auch bei den Beherbergungsunternehmer_innen wurde dort nur wenig gebaut.83 In Wyk auf Föhr wurden in den 20er Jahren zwar neue Strukturen zur Vergrößerung des Bades und zur Erweiterung des Kurparks geschaffen sowie Tennisplätze errichtet; alles Einrichtungen, die für eine Verbreiterung der angesprochenen Gästeschichten sprechen. Doch auch hier war die Zwischenkriegszeit eher von Stagnation geprägt.84 Auf der Nordseeinsel Amrum wurden die Jahre der Weimarer Republik ebenfalls als schwierig wahrgenommen, gleichwohl setzte ein Trend zur Verstärkung des Sozialtourismus für Kinder und erholungsbedürftige Angestellte ein. Durch den Gewerkschaftsbund der Angestellten wurde in Wittdün ein Hotel betrieben.85 Es scheint, dass das bedeutendste Seebad Schleswig-Holsteins, nämlich Westerland auf Sylt, sowie die Insel insgesamt, durch die verkehrstechnische Anbindung an das Festland über den im Jahr 1927 eröffneten Hindenburgdamm in dieser Zeit am meisten profitieren konnte. Doch auch dort waren die unmittelbaren Nachkriegsjahre für den Fremdenverkehr sehr dürftig verlaufen, Geldmittel für Investitionen 81 Vgl. Hachtmann, Rüdiger: Tourismus-Geschichte, S. 101. 82 Vgl. Keitz, Christine: Reisen als Leitbild, S. 69-86, insbes. S. 69 u. 71. 83 Vgl. Fischer, Friedhelm/Hansestadt Lübeck (Hg.): Travemünde, S. 68. 84 Vgl. Schultze, Ernst-Günter: Das Seebad Wyk auf Föhr. In: Boyens Verlag (Hg.): Wyk auf Föhr. Geschichte und Bild eines Nordseeheilbades. Heide 1969, S. 65-79, hier S. 76. 85 Vgl. Krahmer, Otto: Wittdün. In: Quedens, Georg/Kramer, Otto/Pörksen, Erich: Das Seebad Amrum. Gründung und Entwicklung der Inselbäder. Selbstverlag. Flensburg 1965, S. 35-46, hier S. 44. 2 Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein zwischen 1900 und 1945 38 fehlten.86 Die Gästezahlen stagnierten bis zur Mitte der 20er Jahre bei etwa 15.000. Erst 1927 erreichte man mit 27.000 wieder die Werte des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts.87 Der Hindenburgdamm führte auch zu einem Anstieg der Tages- und Ausflugsgäste. Ebenso ist dort erstmals die Entstehung der für die Zukunft noch sehr bedeutsamen Privatquartiere zu beobachten.88 Insgesamt ist festzustellen, dass der Fremdenverkehr in Schleswig- Holstein für die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts noch weitgehend unerforscht ist. Die auf ein lokalgeschichtlich interessiertes Publikum abzielende Heimatliteratur kann ebenso wie die etwas anspruchsvolleren Publikationen der Fremdenverkehrsgemeinden für diese Zeit nur selten als Quellen- bzw. verlässliche Literaturbasis dienen.89 Dies gilt umso mehr für die Jahre des Nationalsozialismus. Der Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein zwischen 1933 und 1945 Bis heute stehen große Teile des Rohbaus des nationalsozialistischen Massenbades Prora auf Rügen als sichtbare Zeichen der NS-Tourismusvorstellungen. Zwanzigtausend Volksgenoss_innen sollten in dem Ostseebad ihren Urlaub verbringen, um anschließend wieder gestärkt der NS-Volksgemeinschaft als Arbeitskräfte zur Verfügung zu stehen.90 Prora wurde nie fertiggestellt und auch weitere solcher Bäder, darunter 2.4 86 Vgl. Oestreich, Hans: Der Fremdenverkehr der Insel Sylt, S. 185f. 87 Vgl. Danker, Uwe: Die Jahrhundert-Story. Bd. 2, S. 76. 88 Vgl. Oestreich, Hans: Der Fremdenverkehr der Insel Sylt, S. 185f. 89 Dies ist auch für das Sonderthema des Städtetourismus zutreffend. Es existiert zwar eine Magisterarbeit von Kirsten Schneider zum Städtetourismus in Kiel und Lübeck. Diese beschäftigt sich mit dem Thema allerdings unter geographischen Gesichtspunkten mit der Gegenwart und die dort entfaltete historische Perspektive auf den Städtetourismus zwischen 1900 und 1930 ist nur in sehr geringem Maße nutzbar. Siehe Schneider, Kirsten: Städtetourismus in Schleswig-holsteinischen [!] Küstenstädten am Beispiel von Lübeck und Kiel. Unveröffentlichte Magisterarbeit. Uni Kiel 1994. 90 Vgl. Hachtmann, Rüdiger: Tourismus-Geschichte, S. 122. 2.4 Der Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein zwischen 1933 und 1945 39 eines in Kiel, kamen nie über die Planungen hinaus.91 Dem im Wesentlichen durch die KdF-Organisation der Deutschen Arbeitsfront organisierten Fremdenverkehr im Nationalsozialismus ist in der Tat ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zum Massentourismus gelungen. Dieser fand freilich vollständig im Rahmen der Vorgaben der NS- Ideologie statt und war somit für die Nachkriegszeit (zunächst) nicht mehr anschlussfähig. KdF-Urlaub sollte das Versprechen der Teilhabe am Massenkonsum für Jedermann einlösen. Dieses war im Gegenzug zur Auflösung der Gewerkschaften in die Deutsche Arbeitsfront zur Aufrechterhaltung der Zustimmung der Bevölkerung zum NS-Regime gemacht worden.92 Mehr als 10 Millionen Menschen konnten z. B. im letzten Vorkriegsjahr 1938 an einer von der KdF-Organisation veranstalteten Reise teilnehmen, fast immer handelte es sich allerdings um höchstens dreitägige Kurzreisen.93 Die KdF-Urlauber_innen waren aber weder bei den bis dahin schon länger am Fremdenverkehr teilnehmenden bürgerlichen Schichten noch bei den Anbietern von Beherbergungsraum sonderlich beliebt. Die Kurz- oder Tagestourist_innen hatten nur wenig Geld zur Verfügung und brachten den angestammten Hoteliers nichts ein. Sie benahmen sich in den Augen distinktionsbedürftiger bürgerlicher Urlauber_innen unangemessen und waren als „KdF-Horden“ verschrien.94 Während KdF-Tourist_innen 91 Vgl. Spode, Hasso: Ein Seebad für zwanzigtausend Volksgenossen. Zur Grammatik und Geschichte des fordistischen Urlaubs. In: Brenner, Peter J. (Hg.): Reisekultur in Deutschland. Von der Weimarer Republik bis zum „Dritten Reich“. Tübingen 1997, S. 7-47, hier S. 31; vgl. auch Dokumentationszentrum Prora der Stiftung Neue Kultur (Hg.): Das Paradies der Volksgemeinschaft. Berlin 2008, S. 42; vgl. auch Harbeke, Thorsten: Der Strukturwandel im schleswig-holsteinischen Tourismus (1950-1990), S. 214; in einer aktuellen Publikation zu Prora ist entgegen der Ortsangabe Kiel für das geplante große Seebad in Schleswig-Holstein die Rede von Timmendorfer Strand, allerdings ohne weitere Quellenangabe, vgl. Kaule, Martin: Prora. Geschichte und Gegenwart des „KdF-Seebads Rügen“. Berlin 2014, S. 20; ähnlich wie Kaule, ebenfalls ohne weitere Quellenangabe, Rostock, Jürgen: Paradiesruinen. Das KdF-Seebad der Zwanzigtausend. 10. Aufl. Berlin 2015, S. 39. 92 Vgl. Hachtmann, Rüdiger: Tourismus-Geschichte, S. 123f.; vgl. auch König, Wolfgang: Nazi-Visions of Mass Tourism. In: Tissot, Laurent (Hg.): Construction d’une industrie touristique au 19e et 20e siècles. Perspectives internationals/Development of a Tourist Industrie in the 19th and 20th Centuries. International Perspectives. Neuchâtel 2003, S. 261-266, hier S. 262. 93 Vgl. Hachtmann, Rüdiger: Tourismus-Geschichte, S. 124. 94 Schildt, Axel: „Die kostbarsten Wochen des Jahres“, S. 72. 2 Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein zwischen 1900 und 1945 40 nur unbeliebt waren, steigerte sich die Repression gegen Juden und Jüdinnen auch in den schleswig-holsteinischen Seebädern. Die Initiative verlagerte sich hierbei von den bürgerlichen Antisemiten unter den Kurgästen, die in Kaiserreich und Weimarer Republik die tragenden Schichten des Bäder-Antisemitismus gewesen waren, hin zu den Behörden; die Seebäder waren hierbei die „Wegbereiter des Ausgrenzungsprozesses“.95 So versuchte der Bürgermeister und Kurdirektor der Sylter Gemeinde Westerland, Dr. Schuldt, schon 1934 ein Zutrittsverbot für jüdische Gäste einzuführen, das aber zunächst nicht durchgesetzt werden konnte.96 In den ersten Jahren des Nationalsozialismus symbolisierte die Beflaggung mit schwarz-weiß-roten statt Hakenkreuzfahnen in den Seebädern die Bereitschaft der Hoteliers, weiterhin jüdische Gäste aufzunehmen – dies erfolgte aber wohl eher aus monetären denn humanistischen Erwägungen.97 Spätestens zum Ende des Jahres 1935 waren jüdische Gäste aus den deutschen Seebädern endgültig verschwunden.98 Der Nationalsozialismus wird in der lokalhistorischen Literatur mit Fremdenverkehrsbezug in der Regel ausgespart. Obwohl der Fremdenverkehr durch die KdF-Urlauber_innen und die daneben weiterhin anreisenden ‚gewöhnlichen’ Tourist_innen in Schleswig-Holstein in der NS-Zeit einen Aufschwung erlebt haben dürfte, ist hier nur wenig zu erfahren. Auch ambitionierte regionalgeschichtliche Bände zu den Seebädern an Nord- und Ostsee schweigen zu den 30er Jahren in der Regel, sodass die allgemeine Forschungsliteratur zum NS-Fremdenverkehr die einzige Quelle bleibt.99 So sich doch Informationen zu Strukturen und Ereignissen des Fremdenverkehrs zwischen 1933 und 95 Bajohr, Frank: „Unser Hotel ist judenfrei“, S. 116. 96 Vgl. ebd., S. 122. 97 Vgl. ebd., S. 123f. 98 Vgl. ebd., S. 127. 99 So bearbeitet der Band von Kürtz den Seebädertourismus nach dem Ersten Weltkrieg auf knappen drei Textseiten zuzüglich ein paar Fotos und präsentiert zum Nationalsozialismus nur überregionale Informationen, vgl. Kürtz, Jutta: Badeleben an Nord- und Ostsee, S. 82-92; dieser Befund gilt auch für neuere Publikationen wie den Ausstellungsband von Siebeneicker, Arnulf/Wagener, Mathias (Hg.): Reif für die Insel; vgl. hierin den Beitrag von Wagener, Mathias: Sylt. Urlaub auf einer Nordsee-Insel, S. 131-141, hier S. 137; ein anderer, ansonsten fundierter Beitrag zur Geschichte der Seebäder schafft es sogar, den gesamten Nationalsozialismus mit dem Hinweis abzuhandeln, dass die KdF-Organisation „auch Leuten mit klei- 2.4 Der Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein zwischen 1933 und 1945 41 Kriegsausbruch finden lassen, werden die spezifisch nationalsozialistischen Aspekte an diesem Fremdenverkehr ausgespart und in Chronist_innen-Manier vermeintlich wertneutrale Daten und Ereignisse aus der Ortsgeschichte präsentiert. Beispielsweise steht in einer dieser Publikationen der jährlich wiederkehrende Urlaub Hermann Görings auf Sylt im Jahr 1934 weitgehend unverbunden neben dem Jubiläum der Westerländer Mittelschule, während die nächste Doppelseite ein Foto ausgelassen tobender KdF-Urlauber_innen präsentiert, von denen immerhin berichtet wird, dass Westerland von diesen im Jahr 1937 knapp 1.600 verzeichnete.100 Setzt man diese auch anderorts dokumentierte Zahl ins Verhältnis mit der Gesamtzahl der Urlaubsgäste in dem Ort, so machte der KdF-Urlaub gegenüber den herkömmlich reisenden Gästen nur 4,7 % der Urlauber_innen im Jahr 1938 aus, was darüber hinaus als Beleg für den starken Aufschwung des Fremdenverkehrs nach der Wirtschaftskrise gelten kann.101 Der Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein zwischen 1933 und 1945 verfügt also noch über mehr als eine Forschungslücke, weshalb die hier präsentierten Informationen nur einen groben Überblick geben können. nem Portemonnaie zu einem Ferienaufenthalt an der See“ verholfen hatte. Schultze, Ernst Günter: Zur Geschichte der Ostseebäder. In: Mare Balticum 14 (1989), S. 7-12, hier S. 11; ähnlich die wenig hilfreichen Bemerkungen über kinderreiche Familien und KdF-Urlauber_innen am Strand von Stein im Kreis Plön bei Sommerfeld, Renate: Badeleben am Probsteier Ostseestrand, S. 86. 100 Vgl. Stöver, Hans-Jürgen: Westerland auf Sylt, S. 148-151. 101 Vgl. Oestreich, Hans: Der Fremdenverkehr der Insel Sylt, S. 189. Selbst dieser wissenschaftliche Band spart bis auf ganz wenige Sätze die NS-Zeit nahezu vollständig aus. 2 Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein zwischen 1900 und 1945 42

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References

Zusammenfassung

Ab den 1950er Jahren wandelte sich das Bundesland Schleswig-Holstein innerhalb weniger Jahre vom Flüchtlingsland zum Ferienland. Immer mehr Menschen verbrachten ihren jährlichen Sommerurlaub in der Region zwischen Nord- und Ostsee. Die Folge dieser Entwicklung waren tiefgreifende Wandlungsprozesse in den Ferienorten. In der Mitte der 60er Jahre setzte mit der Entstehung von sogenannten „Ferienzentren“ – gewaltigen Anlagen für mehrere Tausend Urlauber – ein Bauboom ein, der die Ausweitung des Fremdenverkehrs noch einmal beschleunigte und einen tiefgreifenden Strukturwandel verursachte. Nur wenige dieser Großanlagen konnten sich am Markt behaupten, Konkurse und Umstrukturierungen waren die Folge. Ein Teil der Anlagen wird aber auch heute noch erfolgreich betrieben. Diese Studie verfolgt die Wandlungsprozesse in den Ferienorten und auf Landesebene, fragt nach Ursachen, Beteiligten und Verantwortlichen. Es wird untersucht, wie der Strukturwandel politisch begleitet wurde und wie in der schleswig-holsteinischen Landespolitik eine „Fremdenverkehrspolitik“ überhaupt erst etabliert werden konnte. Am Ende ist eine erste Tourismusgeschichte des Bundeslandes Schleswig-Holstein entstanden, die neben den allgemeinen Entwicklungen der Branche durch ihren analytischen Zugang auch Erkenntnisse über die Geschichte des Bundeslandes und der Bundesrepublik in der Zeit zwischen 1950 und 1980 liefert.