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1 Einleitung in:

Thorsten Harbeke

Tourismus zwischen den Meeren, page 1 - 28

Strukturwandel im schleswig-holsteinischen Fremdenverkehr zwischen 1950 und 1980

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4204-5, ISBN online: 978-3-8288-7152-6, https://doi.org/10.5771/9783828871526-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 40

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung Thema, Fragestellung und Aufbau der Arbeit „Im Wellenschlag der salzenen Nordsee streifen wir den Alltag ab. Wie Silbersegel schweben die Möwen über Burgenstrand, Kurpromenade und den freundlichen Straßen des Nordseeheilbades Westerland. Hören Sie das freundliche Lachen? Und die Klänge des Kurkonzerts? Westerland, Mittelpunkt der Insel Sylt, ist durch den Hindenburgdamm dem europäischen Eisenbahnnetz angeschlossen. In der jodreichen Brandungszone des Meeres steht die gläserne Kurliegehalle, verbunden mit Meerwasserbadehaus und der modernsten Schlickbadeanlage des Kontinents; es ist gut, wenn man am eigenen Körper spürt, wie das Nordseeklima Abwehrund Aufbaukräfte mobilisiert. Bewährt haben sich Frühjahr-, Herbst- und Winterkuren.“1 Nach dem Schlickbad im Bademantel vor der Fensterfront der modernen Kurliegehalle stehend dem Flug der Möwen zuschauen – dieses Panorama entwarf 1959 der Fremdenverkehrsreferent im Wirtschaftsministerium, Hermann Gondesen, in einer Werbebroschüre für Urlaub in Schleswig-Holstein. In seiner Vorstellung war Urlaub vor allem Kururlaub. Das Versprechen, in einem solchen den Alltag abstreifen zu können, also Erholung zu finden, sollte durch medizinische Anwendungen und kulturelle Erbauung beim Kurkonzert eingelöst werden, eher weniger durch Müßiggang. In einem eigenartigen Widerspruch zu der prosaischen Naturbeschreibung steht die Betonung der Modernität der Fremdenverkehrsanlagen auf der Nordseeinsel Sylt, die nicht einfach über eine Bahnverbindung verfügte, sondern gleich an das kontinentale Verkehrsnetz angeschlossen war. Hier wird nicht nur internationales Flair suggeriert, sondern es wird auch die Möglichkeit aufgezeigt, aus allen Regionen des Kontinents die Insel tatsächlich erreichen zu können. Das in diesen wenigen Sätzen entworfene Span- 1 1.1 1 Minister für Wirtschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein (Hg): Schleswig- Holstein. Ferienland zwischen den Meeren. Mit den Augen der Möwen gesehen. Kiel 1959, S. 24. 1 nungsfeld zwischen Modernität und Tradition deutet den Strukturwandel an, dem der Fremdenverkehr auf Sylt, aber auch in anderen Regionen des Bundeslandes seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges unterworfen war. Der Bau neuer Anlagen für die immer zahlreicheren Urlauber_innen, die verpflegt, untergebracht und abgefertigt werden mussten und die dann in den Herbst-, Winter- und Frühjahrsmonaten kaum genutzt wurden, steht hier stellvertretend für diesen Wandel. Nord- und Ostseeküste Schleswig-Holsteins gehörten seit jeher zu den traditionellen Urlaubsregionen. Der Fremdenverkehr selbst, aber auch die Fremdenverkehrsorte wandelten sich in dieser Zeit stark: Zu nennen sind der Wiederaufbau der Beherbergungsstrukturen nach dem Zweiten Weltkrieg, der langsame, aber stetige Ausbau der Fremdenverkehrskapazitäten in den 50er und 60er Jahren, besonders bei den privat vermieteten Urlaubsquartieren, der Bettenboom der späten 60er und frühen 70er Jahre bis hin zu der auf diesen Aufschwung folgenden Stagnation ab der zweiten Hälfte der 70er Jahre. All diese Wandlungsprozesse werden in dieser Arbeit thematisiert. Sie veränderten innerhalb weniger Jahrzehnte die räumliche Ausdehnung und Struktur von Fremdenverkehrsorten grundlegend; manche dieser Fremdenverkehrsorte entstanden überhaupt erst während des Untersuchungszeitraums. Teilweise wurde durch die massive Ausweitung des Fremdenverkehrs auch die Beschäftigungs- und Sozialstruktur ganzer Ortschaften verändert. Auch allgemein fiel die Entstehung des Massentourismus als gesamtgesellschaftliches Phänomen in den Untersuchungszeitraum von den 50er Jahren bis zum Ende der 70er Jahre. Die Veränderungen im Fremdenverkehr stellten auch die Politik vor grundlegende Herausforderungen. Wurde bis zur Gründung der Bundesrepublik dieser Wirtschaftsbereich von den Kommunen und gelegentlich auch den Kreisen politisch begleitet, entwickelte sich der Fremdenverkehr während der betrachteten Jahrzehnte zu einem eigenständigen Politikfeld auch auf Landesebene. Die Ursachen hierfür liegen wiederum im Wandel des Fremdenverkehrs selbst. Diese tiefgreifenden und in kurzen Zeiträumen ablaufenden Wandlungsprozesse 1 Einleitung 2 werden als Strukturwandel bezeichnet.2 Strukturwandel ist hier also nicht allein auf wirtschaftlichen bzw. sektoralen Wandel bezogen, sondern meint auch den tiefgreifenden Wandel gesellschaftlicher Strukturen. Der Strukturwandel im Fremdenverkehr wird in der vorliegenden Arbeit in chronologischer und thematischer Perspektive behandelt. Am Ende ist hierbei hoffentlich eine erste ‚Tourismusgeschichte’ Schleswig-Holsteins entstanden, die sich dem vielschichtigen Phänomen des Fremdenverkehrs aus unterschiedlichen, aber bei Weitem nicht allen möglichen Perspektiven nähert. Schleswig-Holstein als Bundesland in bundesrepublikanischer Zeit steht im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit, nicht die jeweiligen ‚Tourismusgeschichten’ in den Fremdenverkehrsorten. An dieser Stelle noch ein notwendiger Hinweis: Tourismus und Fremdenverkehr werden in dieser Arbeit synonym verwendet, wobei der Begriff des Fremdenverkehrs für den Untersuchungszeitraum der gebräuchlichere ist.3 Selbstverständlich werden auch lokale Entwicklungen geschildert, die entweder ein Schlaglicht auf für das gesamte Land relevante Entwicklungen werfen oder sogar merklichen Einfluss auf Landesebene gehabt haben. Es stehen in dieser Arbeit nicht die Reisenden im Mittelpunkt der Betrachtung, sondern die Bereisten – aber nicht so sehr als Individuen, sondern eben im Hinblick auf politische und gesellschaftliche Strukturen und deren Wandel. 2 Vgl. die für das Forschungsprojekt, in dessen Rahmen diese Arbeit entstanden ist, maßgebliche Definition von Strukturwandel bei Danker, Uwe/Lehmann, Sebastian: „Strukturwandel: Schleswig-Holstein als Land“. In: Danker, Uwe/Harbeke, Thorsten/Lehmann, Sebastian (Hg.): Strukturwandel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Neumünster, Hamburg 2014, S. 27-49, hier S. 27. 3 Das Bewusstsein für diesen Sprachwandel vom Fremdenverkehrsbegriff hin zum Tourismusbegriff ist in der Tourismuswissenschaft oftmals nicht vorhanden. So verwendet der Tourismuswissenschaftler Müller die Begriffe selbst in seiner Darstellung des Begriffswandels von Fremdenverkehrsdefinitionen vollständig synonym. Vgl. Müller, Hansruedi: Freizeit und Tourismus: Eine Einführung in Theorie und Politik. 9. Aufl. Bern 2002, S. 62f. Den Zusammenhang zwischen Internationalisierung der Tourismuswissenschaft und der langsamen Ablösung des Fremdenverkehrsbegriffs betont Freyer, Walter: Tourismus. Einführung in die Fremdenverkehrsökonomie. 9. Aufl. München 2009, S. 7f. Für die Alltagssprache und den politischen Diskurs ist dieser Begriffswandel jedoch bislang nicht erforscht. 1.1 Thema, Fragestellung und Aufbau der Arbeit 3 „Der Tourist fügt sich an seinem vorübergehenden Aufenthaltsort eben nicht in das dortige Leben ein, sondern erwartet dort Betreuung durch einen besonderen Zweig von Dienstleistungen, der ihn der Notwendigkeit seines Einfügens in einen anderen normalen sozialen Zusammenhang enthebt. Diese Art der Touristik ist eine Folge des Entstehens städtischer Landschaften, die von der Industriegesellschaft geprägt sind.“4 In dieser Aussage des Soziologen Erwin K. Scheuch, dem „Einzelkämpfer“ der Freizeit- und Tourismusforschung, wird das Spannungsfeld zwischen Reisenden und Bereisten besonders deutlich.5 Das Subjekt des ersten Satzes sind die Tourist_innen, die in der Phase des Übergangs von einer Industrie- in eine Dienstleistungsgesellschaft auch an ihrem Ankunftsort gesellschaftliche Strukturen vorfinden, denen sie sich aber nicht anzupassen brauchen. Sie müssen dies nicht, da sie sich durch die Inanspruchnahme einer Dienstleistung gegen Geld dieser Notwendigkeit entledigen – die touristische Dienstleistung ist in einer industrialisierten Gesellschaft eine Ware. Zur Erzeugung dieser Ware ist ein Netz von Strukturen notwendig, das für Historiker_innen aber nur schwer zu fassen ist. Aber auch die massenhafte Zurverfügungstellung von Dienstleistungen erzeugt Strukturen auf lokaler, regionaler und überregionaler Ebene. Die mittlere Ebene – das Bundesland Schleswig-Holstein – steht in meiner Arbeit im Mittelpunkt. Die Arbeit verortet sich somit in der Regionalgeschichte, bearbeitet aber auch Fragestellungen aus der historischen Subdisziplin der Tourismusgeschichte sowie der Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte. Der oben in Kürze geschilderte Strukturwandel im Fremdenverkehr Schleswig-Holsteins wirft eine Reihe von Fragen auf, allerdings nicht so sehr hinsichtlich seiner Ursachen. Die dem grundsätzlichen Anstieg des Massentourismus zu Grunde liegenden gesellschaftlichen Wandlungsprozesse sind relativ klar: Die sich entwickelnde Wohlstandsgesellschaft sorgte einerseits in den 60er und 70er Jahren für steigende Freizeit in Form von tariflich gesichertem Jahresurlaub und 4 Scheuch, Erwin K.: Ferien und Tourismus als neue Formen der Freizeit. In: Scheuch, Erwin K./Meyersohn, Rolf (Hg.): Soziologie der Freizeit. Köln 1975, S. 304-317, hier S. 305. 5 Spode, Hasso: Historische Tourismusforschung als interdisziplinäres Projekt. In: Danker, Uwe/Harbeke, Thorsten/Lehmann, Sebastian (Hg.): Strukturwandel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Neumünster, Hamburg 2014, S. 197-209, hier S. 199. 1 Einleitung 4 andererseits für die erforderlichen Geldmittel, um breiten Gesellschaftsschichten die Möglichkeit zu Urlaubsreisen zu ermöglichen.6 Das Reiseziel Schleswig-Holstein war innerhalb dieser Entwicklung ebenfalls für viele nahe liegend. Die überwiegende Mehrheit der verreisenden Deutschen machte bis zum Jahr 1968, als erstmals die Zahl der Auslandsreisen überwog, Urlaub im eigenen Land. Für Urlauber_innen aus Nordrhein-Westfalen und den norddeutschen Bundesländern waren Nord- und Ostseeküste bis in die 60er Jahre das beliebteste Reiseziel.7 Schleswig-Holstein war für viele Menschen erreichbar, man kannte die Sprache und musste in den ersten Nachkriegsjahrzehnten auch keine Angst haben, nicht willkommen zu sein. Fragen ergeben sich vielmehr nach dem Verlauf und den Handlungsträger_innen dieser Wandlungsprozesse auf der Landesebene und in den unterschiedlichen Regionen des Bundeslandes. Verlief die Entwicklung überall gleich? Gab es innerhalb Schleswig-Holsteins hinsichtlich der Fremdenverkehrsentwicklung also Gewinner_innen und Verlierer_innen oder sogar Newcomer_innen, denen ein Einstieg in das Geschäft mit dem Urlaub gelang? Wer war vor Ort für den Wandel verantwortlich? Gab es Befürworter_innen und Gegner_innen? Diese Fragen beziehen sich besonders auf den konkreten Wandel in den Fremdenverkehrsregionen. Gefragt wird also nach Akteuren, unterschiedlichen Konzepten und Interessen dieser Gruppen. Beantwortet werden diese Fragen durch eine Darstellung der wirtschaftlichen Entwicklung des Fremdenverkehrs sowie durch eine intensive Beschäftigung mit großen Bauprojekten im Fremdenverkehr, den sogenannten Ferienzentren, von denen eines der ersten auf der Ostseeinsel Fehmarn verwirklicht wurde. In der Darstellung der Baugeschichte dieser Anlage stehen Überlegungen zur Industrialisierung des Fremdenverkehrs 6 Für grundlegende Darstellungen der Tourismusgeschiche in der Bundesrepublik in den Nachkriegsjahrzehnten siehe Hachtmann, Rüdiger: Tourismus-Geschichte. Göttingen 2007, S. 154-163; Spode, Hasso: Wie die Deutschen „Reiseweltmeister“ wurden. Eine Einführung in die Tourismusgeschichte. Erfurt 2003, S. 143-150. 7 Vgl. Schildt, Axel/Siegfried, Detlef: Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik von 1945 bis zur Gegenwart. München 2009, S. 193f.; vgl. auch Spode, Hasso: Wie die Deutschen „Reiseweltmeister“ wurden, S. 145; siehe auch die ausführliche Darstellung aus verschiedenen Perspektiven bei Pagenstecher, Cord: Der bundesdeutsche Tourismus. Ansätze zu einer Visual History: Urlaubsprospekte, Reiseführer, Fotoalben 1950-1990. 2. Aufl. Hamburg 2012, S. 53-67. 1.1 Thema, Fragestellung und Aufbau der Arbeit 5 und zu verschiedenen Konzepten eines spezifisch ‚modernen’ Tourismus im Mittelpunkt. Daneben ergeben sich auch Fragen durch die gewählte Perspektive auf das Bundesland Schleswig-Holstein als Teil des politischen Systems der Bundesrepublik. Wie begleitete die Landespolitik den Ausbau des Wirtschaftszweiges? War sie gestaltend tätig? Gab es ein landespolitisches Konzept oder lief man nur ungesteuerten wirtschaftlichen Prozessen hinterher, versuchte also lediglich Fehlentwicklungen zu korrigieren und ließ die Wirtschaft ansonsten gewähren? Was bedeutet eigentlich ‚Fremdenverkehrspolitik’ auf Landesebene in den 50er und 60er Jahren? Gab es zu diesem Zeitpunkt bereits politische Instrumente, mit denen sich der Wandel hätte steuern lassen, und wenn ja, welche? Es ist auch zu fragen, wie in dem während des Untersuchungszeitraums durchgängig von der CDU regierten Bundesland die Interessen zwischen Wirtschaft und Landesregierung ausgeglichen wurden. Gab es hier Unterschiede in den politischen Konzepten gegenüber dem Fremdenverkehr? Wer waren hier die Akteure? Welche Fremdenverkehrspolitik verfolgte die Opposition? Ein Großteil dieser Fragen wird in dem zentralen Kapitel über die Fremdenverkehrspolitik in Schleswig-Holstein bearbeitet und nach Möglichkeit auch beantwortet. Ein weiteres Bündel von Fragen bezieht sich auf ein eng mit der Tourismuspolitik zusammenhängendes Thema, nämlich auf die Fremdenverkehrswerbung für Schleswig-Holstein. Das Fremdenverkehrsreferat im Kieler Wirtschaftsministerium war bis zum Ende der 60er Jahre für die Grundsatzwerbung für das Bundesland verantwortlich. In dieser Zeit wurde eine Reihe von Werbebroschüren erstellt, die hundertausendfach an potentielle Schleswig-Holstein-Urlauber_innen verteilt wurden. Hier wird nach den Konzepten der Werbung und nach den in diesen Prospekten vermittelten Images dieses Bundeslandes gefragt. Wie sollte Schleswig-Holstein von den Gästen wahrgenommen werden? Wie wollte man sich präsentieren und welche Vorstellungen, wie der Urlaub in dem Bundesland auszusehen habe, spielten hierbei eine Rolle? Der Fokus auf den Strukturwandel im Fremdenverkehr lässt eine Reihe von Prozessen aus dem Blickfeld geraten, die ebenfalls für die Entwicklung des Gewerbes von Bedeutung sind, hier aber nicht berücksichtigt werden können. Insbesondere hat der Campingtourismus in Schleswig-Holstein zwar einen 1 Einleitung 6 hohen Stellenwert, wurde jedoch zu wenig statistisch erfasst, um ihn hier zu bearbeiten. Campingtourismus hat aufgrund seines ‚ambulanten’ Charakters auch nur in geringem Maße Eingang in die Archiv- überlieferung gefunden und ist aus genau dem gleichen Grund auch in landschaftlicher Hinsicht nicht genauso strukturverändernd wie andere Urlaubsformen. Die Häufung der Campingplätze an Schleswig-Holsteins Küsten würde allerdings durchaus eine eigene Untersuchung rechtfertigen.8 Auch Anfragen nach Archivmaterialien zu diesem Thema blieben weitgehend erfolglos. Ebenso werden der Kinder- und Jugendtourismus sowie die Entwicklung des Jugendherbergswesens in Schleswig-Holstein in dieser Arbeit nicht ausführlich behandelt, sondern nur am Rande thematisiert. Auch hier ist die Quellenüberlieferung dürftig und der Forschungsstand über dieses Segment des Fremdenverkehrs nicht ausreichend, um ihn hier eingehender zu behandeln.9 Die oben genannten Fragestellungen werden in einem Untersuchungszeitraum, der von etwa 1950 bis zum Jahr 1980 reicht, bearbeitet. Beide Daten sind erklärungsbedürftig. Der Ausgangspunkt wurde mit dem Jahr 1950 etwas nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewählt, weil zwar mit Kriegsende der Fremdenverkehr nicht vollständig zum Erliegen kam, aber für die überwiegende Mehrheit der Bevölke- 8 Überhaupt steckt die historische Forschung zum Camping-Tourismus noch in den Anfängen. Dies dokumentiert auch der vor wenigen Jahren erschienene Begleitband zu einer Ausstellung des Landschaftsverbands Westfalen Lippe (LWL), in dem aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive nur wenige Beiträge ergiebig sind, der aber gleichwohl viele interessante Erkenntnisse zur Kultur des Campings beizutragen hat. Siehe Landschaftsverband Westfalen Lippe (Hg.): Campingkult(ur). Sehnsucht nach Freiheit, Licht und Luft. Münster 2013; Eine historische Perspektive hat hierin der Beitrag von Grundmeier, Frederik: Zwischen Erholung und Fortschritt. Die Geschichte des Campings, S. 15-25. Dieser zeigt aber schon wegen seines geringen Umfangs den unbefriedigenden Stand der Forschung auf; eine Variation seines auch in vielen anderen Beiträgen vertretenen Themas der Geschichte privater Urlaubsfotos liefert mit einem Fokus auf Camping im selben Band Pagenstecher, Cord: Camping-Bilder. Zur Visual History der privaten Urlaubsfotografie, S. 51-62. 9 Zur Geschichte der Jugendherbergen in Deutschland liegt neben einigen Erfahrungsberichten und sozialpsychologischen Arbeiten bereits ein Sammelband vor, der seinen Schwerpunkt auf die 20er und 30er Jahre legt, und der für die Zeit nach 1945 allerdings kaum Informationen bietet, sondern ebenfalls vor allem aus resümierenden Erfahrungsberichten und Ausblicken besteht. Siehe Reulecke, Jürgen (Hg.): 100 Jahre Jugendherbergen 1909-2009. Essen 2009. 1.1 Thema, Fragestellung und Aufbau der Arbeit 7 rung zunächst andere Dinge im Mittelpunkt standen. Die schleswigholsteinischen Fremdenverkehrsorte waren durch die Einquartierung von Flüchtlingen in Beherbergungsbetrieben belastet. Dies wird zwar in der vorliegenden Arbeit insbesondere im Kapitel zur Tourismuspolitik thematisiert, gehört aber nicht zum Kern der Fragestellung. Auch die ernannten Landtage der Jahre 1946 und 1947 werden von mir in diesem Kapitel bearbeitet. Bei der Behandlung dieser wird deutlich, dass Fremdenverkehr nicht zu den Kernthemen des Parlaments gehörte und weniger über diesen als mit diesem argumentiert wurde. Beide Beispiele zeigen, dass die Grenze für den Startpunkt der Untersuchung eine durchlässige ist, dass auch Ereignisse, die vor dem Jahr 1950 stattfanden, Einzug in meine Überlegungen gefunden haben. Gleichzeitig führt m. E. kein direkter Weg vom nationalsozialistischen zum bundesrepublikanischen Fremdenverkehr. Es lassen sich aber durchaus Kontinuitäten ausmachen. Auch im Nationalsozialismus wurde eher auf eigene Faust als organisiert verreist, der Kraft durch Freude (KdF)- Tourismus hatte wohl einen Anteil von 10 bis 20 % am gesamten Fremdenverkehrsaufkommen.10 Der KdF-Fremdenverkehr war aber eine Leitideologie für den nationalsozialistischen Fremdenverkehr, dessen Vorzeigeprojekt, das nicht fertiggestellte Seebad Prora auf Rügen, steht aber in keiner Linie zu den ebenfalls groß dimensionierten Ferienzentren in Schleswig-Holstein aus den 60er Jahren. Neben diesen inhaltlichen Überlegungen gibt es auch einen ganz pragmatischen Grund, der einen Beginn der Untersuchung im Jahr 1950 sinnvoll erscheinen lässt. Ab dem Beginn des Jahrzehnts liegt die Fremdenverkehrsstatistik Schleswig-Holsteins in ungebrochener Folge vor. Ihre Auswertung bildet die Grundlage für die Behandlung des Strukturwandels. Diese hat aber auch eigene Schwierigkeiten und Grenzen, und eine hiervon markiert den Endpunkt der Untersuchung mit dem Wechsel von den 70er zu den 80er Jahren. Im Jahr 1981 wurde die Fremdenverkehrsstatistik grundlegend reorganisiert, die Zahlen vor und nach diesem Datum sind nahezu nicht mehr vergleichbar. Gab 10 Vgl. Hachtmann, Rüdiger: Tourismusgeschichte – ein Mauerblümchen mit Zukunft! Ein Forschungsüberblick. In: H-Soz-Kult, 06.10.2011, S. 12, abrufbar unter http://www.hsozkult.de/searching/id/forschungsberichte-1119, zuletzt aufgerufen am 23.10.2017. Die Seitenangabe bezieht sich auf die paginierte PDF-Version des Beitrags. 1 Einleitung 8 es bis dahin eine wechselnde Zahl berichtspflichtiger Fremdenverkehrsgemeinden, wurden nun alle Gemeinden erfasst. Zur selben Zeit wurden aber nur noch Betriebe ab der Abschneidegrenze von neun Betten in die Statistik aufgenommen. Mehr als die Hälfte des schleswig-holsteinischen Bettenangebots fand also in der Statistik ab diesem Zeitpunkt keine Berücksichtigung mehr.11 Dies macht es ausgesprochen schwierig, die statistische Entwicklung und damit die Strukturen des Fremdenverkehrs der 80er Jahre im Vergleich mit den vorangegangenen Jahrzehnten zu verfolgen. Ein weiterer Grund für die Wahl des Endpunktes bestand in der Funktion der Wende von den 70er zu den 80er Jahren als Epochengrenze. Die strukturelle Entwicklung der 70er Jahre in Schleswig-Holstein war geprägt durch die hier ausführlich untersuchten Großprojekte, die sich nach ihrer Etablierung auf dem Markt zu behaupten hatten und nicht selten in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten. Der Fremdenverkehr der 80er Jahre wies keine analogen Umbrüche auf, sondern stagnierte vielmehr – dies kann bei aller Vorsicht gegenüber Vergleichbarkeit beispielsweise der Übernachtungszahlen durchaus gesagt werden.12 Gleichzeitig begannen in den späten 70er und in den 80er Jahren eine Reihe von anders gelagerten Veränderungen einzusetzen, die nicht nur diesen Wirtschaftszweig grundlegend verändern sollten. Gemeint ist der Einzug von EDV-Systemen in alle Wirtschaftsbereiche, der im Fremdenverkehr z. B. die Buchung von Urlaubsunterkünften und die Funktion von touristischen Strukturen wie den Reisebüros, den örtlichen Fremdenverkehrsbüros usw. auf vollkommen neue Füße stellte. Dieser, grundsätzlich von den Strukturveränderungen der 50er bis 70er Jahre verschiedene, nichtsdestotrotz aber ebenso als Strukturwandel zu bezeichnende Wandel, erfordert m. E. eine andere Betrachtungsweise und kann deshalb im Rahmen dieser Arbeit nicht geleistet werden. Insofern erscheint es mir folgerichtig, die 80er Jahre, die an ihrem Ende mit dem beginnenden 11 Vgl. Homp, Catrin: Schleswig-Holstein-Tourismus am Scheideweg. Anforderungen an eine Tourismuspolitik zur Revitalisierung des touristischen Angebots. Uni- Diss Kiel 2009, S. 118f; vgl. auch Holler, Lotte: Zur Entwicklung des Fremdenverkehrs in der deutsch-dänischen Grenzregion. In: Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel (Hg.): Struktur und Entwicklungsmöglichkeiten des Fremdenverkehrs in der deutsch-dänischen Grenzregion. Kiel 1991, S. 145-241, hier S. 186. 12 Vgl. Homp, Catrin: Schleswig-Holstein-Tourismus am Scheideweg, S. 118ff. 1.1 Thema, Fragestellung und Aufbau der Arbeit 9 Wiedervereinigungsprozess eine scheinbar natürliche Grenze für eine regionalgeschichtliche Untersuchung in der Zeit der alten Bundesrepublik bilden, nicht mehr zu berücksichtigen. Aus der Fragestellung und dem Untersuchungszeitraum ergibt sich folgender Aufbau der Arbeit. Zunächst werde ich in einem kurzen Kapitel „Fremdenverkehr in Schleswig-Holstein zwischen 1900 und 1945“ die Vorgeschichte mit einem Schwerpunkt auf die Herausbildung der modernen Strukturen des Fremdenverkehrs um die Wende zum 20. Jahrhundert, sowie die Entwicklung dieser Strukturen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs verfolgen. Im Kapitel „Strukturwandel in den Jahren 1950-1965“ wird der Wandel in den verschiedenen Ferienregionen des Landes auf Basis der statistischen Entwicklung analysiert. Das Kapitel „Strukturwandel in den Jahren 1965-1980“ bildet eines der beiden Kernkapitel der Arbeit. Hier werden die einschneidenden Wandlungsprozesse am Beispiel dreier Großprojekte eingehend untersucht und mit der statistischen Entwicklung im Rest des Bundeslandes verglichen. Die drei in diesem Kapitel untersuchten Großprojekte sind die Anlage Burgtiefe auf Fehmarn, das Ferienzentrum Damp sowie das nicht verwirklichte Bauprojekt „Atlantis“ in Westerland auf Sylt. An allen drei Anlagen lassen sich unterschiedliche Aspekte der mit den Großprojekten verbundenen Veränderungen des Fremdenverkehrs diskutieren, wobei die Anlage auf Fehmarn im Zentrum der Untersuchung steht. Das zweite Kernkapitel der Arbeit befasst sich mit der „Entstehung einer Landestourismuspolitik in Schleswig-Holstein“. Hier wird die parlamentarische Diskussion um den Tourismus und die Entwicklung der politischen Instrumente zur Begleitung des Wirtschaftszweiges von den ersten, ernannten Landtagen bis in die neunte Wahlperiode verfolgt. Die Regierungspolitik gegenüber dem Fremdenverkehr wird ebenso thematisiert wie die Rolle der an der Herausbildung der Landesfremdenverkehrspolitik in hohem Maße beteiligten sozialdemokratischen Opposition. Parallel wird die Professionalisierung der Raumplanung als maßgebliches Instrument zur Steuerung des Fremdenverkehrs analysiert. Am Schluss dieses Kapitels findet sich ein Abschnitt über den Fremdenverkehrsverband Schleswig-Holstein (FVV), der zum Ende der 60er Jahre gegründet wurde und als neuer Akteur in der sich herausbildenden Fremdenverkehrspolitik auftrat. Den letzten Teil der Arbeit bildet ein kürzeres 1 Einleitung 10 Kapitel über die „Fremdenverkehrswerbung durch das Wirtschaftsministerium“ in den 50er und 60er Jahren. Die Aufgabe des Fremdenverkehrsreferates im Landesministerium für Wirtschaft und Verkehr war es bis zur Gründung des Fremdenverkehrsverbandes, „ein Image für Schleswig-Holstein“ zu erzeugen und die Grundsatzwerbung für das Bundesland zu gestalten. Die aus den dort entstandenen Publikationen abzulesende und ungewöhnliche Kombination aus Wirtschaftspolitik und Fremdenverkehrswerbung rechtfertigt die ausführliche Analyse dieser Broschüren in einem eigenen Kapitel. Forschungsstand Die vorliegende Arbeit hat zwei verschiedene Arten von Forschungsliteratur zu berücksichtigen. Gemeint sind die vornehmlich (wirtschafts-)geographische und wirtschaftswissenschaftliche Literatur zur Entwicklung des Fremdenverkehrs in Schleswig-Holstein und die (tourismus-)historische Fachliteratur zur Geschichte des Bundeslandes, zur Geschichte des Fremdenverkehrs allgemein und in bundesrepublikanischer Zeit. Eine dritte Literatursorte, die jedoch nicht gleichermaßen einen ‚Forschungsstand’ darstellt, bildet die lokalhistorische und heimatkundliche Literatur zur Geschichte des Fremdenverkehrs in Schleswig-Holstein. Letztere Publikationen werden von mir vornehmlich als Quellen verwendet und die hieraus gewonnenen Informationen zum Strukturwandel in den entsprechenden Kapiteln verarbeitet. Wirtschaftswissenschaftliche und geographische Fachliteratur In vielerlei Hinsicht nützlich für die vorliegende Arbeit erwies sich die Dissertationsschrift der heutigen Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Schleswig-Holstein (TVSH), Catrin Homp.13 Trotz des wirtschaftswissenschaftlichen Ansatzes, der sich in der Zielsetzung der Arbeit ausdrückt, eine Wiederbelebungsstrategie für das touristische An- 1.2 1.2.1 13 Vgl. Homp, Catrin: Schleswig-Holstein-Tourismus am Scheideweg. 1.2 Forschungsstand 11 gebot des Landes zu formulieren, hat Homp durch ihre akribische Auswertung der Fremdenverkehrsstatistik des Bundeslandes wichtige Vorarbeiten geleistet, die für die vorliegende Arbeit genutzt werden konnten. Für die historische Erklärung und Analyse des Strukturwandels im Fremdenverkehr und für die Bewertung der schleswig-holsteinischen Fremdenverkehrspolitik gilt dieser Befund allerdings nicht in gleichem Maße, wodurch meine Themenstellung ihre Berechtigung erhält. Schon vor der Studie von Homp hatten mehrere Untersuchungen den schleswig-holsteinischen Fremdenverkehr zum Thema. Den Anfang machte die kaum rezipierte Kleinstudie der späteren Ministerpräsidentin Heide Simonis mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt, die wenige Jahre später von einer im Politikbetrieb viel diskutierten und im Auftrag der Landesregierung erstellten Studie von Herbert Hoffmann abgelöst wurde.14 Letztere ist besonders informativ für die Rekonstruktion der Entwicklung des Fremdenverkehrs in den 50er und 60er Jahren, die über die Auswertung der Fremdenverkehrsstatistik hinausgeht. Viele Überlegungen Hoffmanns wurden aber durch den Bau der Ferienzentren und den Bauboom an den Küsten innerhalb sehr kurzer Zeit obsolet. Die Entstehung der Studie ist aber Ausdruck der um die Wende zu den 70er Jahren verstärkten politischen Aufmerksamkeit für den Fremdenverkehr, deren Analyse in vorliegender Arbeit breiten Raum einnimmt. Zur Bewertung des wirtschaftlichen Strukturwandels im Fremdenverkehr sind darüber hinaus zwei weitere Studien aus dem Kieler Institut für Weltwirtschaft zu nennen, deren Fokus aber jeweils auf die 80er Jahre gerichtet ist und die nur ergänzende Hinweise für den hier behandelten Untersuchungszeitraum liefern können.15 Für die Analyse der schleswig-holsteinischen Ferienzentren liegen eine Vielzahl von wirtschaftswissenschaftlichen, landesplanerischen und geographischen Arbeiten vor, deren Ergebnisse Ein- 14 Vgl. Simonis, Heide: Untersuchung über die Entwicklung des Fremdenverkehrs und der Touristik in Schleswig-Holstein. Kiel o. J. [um 1968]; Hoffmann, Herbert: Untersuchung über Umfang, Struktur, Bedeutung und Entwicklung des Fremdenverkehrs in Schleswig-Holstein. München 1970. 15 Siehe Hoffmeyer, Martin/Krieger, Christiane/Soltwedel, Rüdiger: Zur wirtschaftlichen Bedeutung des Fremdenverkehrs in Schleswig-Holstein. Kiel 1987, S. 28-32; siehe auch Holler, Lotte: Zur Entwicklung des Fremdenverkehrs. 1 Einleitung 12 gang in das entsprechende Kapitel gefunden haben.16 Hierbei ist die Studie von Reinhard Kurz aus dem Jahr 1979 hervorzuheben, in der die Baugeschichte vieler dieser Anlagen aus geographischer Perspektive beleuchtet wird und die insbesondere für die Bewertung der Finanzierungsstruktur der Ferienzentren und für die ersten Betriebsjahre der Anlagen ein unverzichtbares Hilfsmittel darstellte.17 Daneben liegen für die Region Nordfriesland und besonders für die Insel Sylt bereits (wirtschafts-)geographische Untersuchungen vor.18 Für andere Regionen ist der Forschungsstand nicht derart gut.19 Tourismus- und Regionalgeschichte Kaum eine deutschsprachige Publikation über die Geschichte des Tourismus kommt ohne die Erwähnung des 1958 erstmals erschienenen Aufsatzes von Hans Magnus Enzensberger aus, in dem dieser den in- 1.2.2 16 Zu nennen sind hier neben einer Reihe kleinerer bzw. aus diesen abgeleiteter Studien insbes. Uthoff, Dieter: Ansätze zu einer Effizienzkontrolle der regionalen Fremdenverkehrspolitik. Teil III. Analyse räumlicher und regionalwirtschaftlicher Auswirkungen staatlich geförderter Ferienzentren. Hannover 1976; Klemm, Christiane: Methoden der Fremdenverkehrsplanung auf Landkreisebene als Planungsbeispiel für die Regional- und Landesplanung. In: Raumforschung und Raumordnung 35 (1977), Heft 5, S. 230-238; Thomas, Klaus: Zur Funktion und baulichen Struktur von Ferienzentren. Untersuchung an Beispielen der schleswig-holsteinischen Ostseeküste. Uni-Diss. Berlin 1977. 17 Siehe Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee. Geographische Untersuchungen zu einer neuen Angebotsform im Fremdenverkehrsraum. Trier 1979. 18 Siehe die beiden umfangreichen Arbeiten von Newig, Jürgen: Die Entwicklung von Fremdenverkehr und Freizeitwohnwesen in ihren Auswirkungen auf Bad und Stadt Westerland auf Sylt. Kiel 1974, und Oestreich, Hans: Der Fremdenverkehr der Insel Sylt. Sozioökonomische und raumplanerische Probleme des Fremdenverkehrs an der deutschen Nordseeküste dargestellt am Beispiel der Insel Sylt – Planung und Realität in Erholungsgebieten. Bredstedt 1976. 19 Es liegt eine Reihe von Qualifikationsarbeiten zu unterschiedlichen Regionen vor, die aber aufgrund von Quellenauswahl und wissenschaftlicher Qualität nahezu nicht nutzbar sind. Auf eine Auflistung dieser Arbeiten wird an dieser Stelle verzichtet, sie finden ggf. Eingang in die entsprechenden Kapitel. Eine Liste findet sich bei Danker, Uwe/Lehmann, Sebastian: „Strukturwandel: Schleswig-Holstein als Land“, S. 48, EN 55; Stattdessen sei an dieser Stelle noch verwiesen auf Luft, Hartmut: Der Fremdenverkehr in der Holsteinischen Schweiz. Eine geographische Untersuchung. Uni-Diss. Kiel 1975. 1.2 Forschungsstand 13 dustriellen Charakter des Fremdenverkehrs betonte und eine Theorie des Fremdenverkehrs zu entwickeln versucht hatte.20 Ob diese Diagnose des industriellen Charakters zutreffend oder verfrüht war, wird noch zu klären sein. Im Hinblick auf die stetige Nennung und Verarbeitung, die der Text seit spätestens den 90er Jahren innerhalb des überschaubaren Feldes der Tourismusgeschichte aufweist, dürfte es sich um einen der meist diskutierten Texte des Publizisten handeln, der besonders bedeutend war für das sich seit diesen Jahren entfaltende Forschungsfeld. Dieses hatte mit dem Erscheinen von Cord Pagenstechers Studie zum bundesdeutschen Tourismus einen wichtigen „Meilenstein“ aufzuweisen, wie der ebenfalls auf dem Gebiet tätige Rüdiger Hachtmann es formulierte.21 Pagenstechers Untersuchung, die aufgrund ihres empirischen Zugriffs und ihrer Breite immer noch grundlegend ist und nicht zuletzt deshalb knapp zehn Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung im Jahr 2003 eine zweite Auflage erfahren hat, setzte die bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlichten Darstellungen anderer deutschsprachiger Autor_innen fort. Sie rundete das bis dahin sehr lückenhafte Bild des Fremdenverkehrs für die bundesrepublikanischen Jahrzehnte ab.22 Seine auf den Überlegungen des englischen Soziologen John Urry aufbauende Studie zum „touristischen Blick“ ist für die in meiner Arbeit interessierende Frage nach dem touristischen Strukturwandel vor allem deshalb von Bedeutung, weil sie abgesicherte Informationen über die Entwicklung des Fremdenverkehrs in der Bundesrepublik in einer Dichte bietet, die bis heute unerreicht ist.23 Der „touristische Blick“ selbst hingegen ist für die vorliegende Arbeit 20 Enzensberger, Hans Magnus: Eine Theorie des Tourismus. In: Enzensberger, Hans Magnus: Einzelheiten I. Bewußtseins-Industrie. Frankfurt a. M. 1962, S. 179-204, hier S. 196. Der Text basiert auf einer Sendung des NDR und erschien in gedruckter Form zuerst in Merkur (1958), Heft 126. 21 Hachtmann, Rüdiger: Tourismusgeschichte – ein Mauerblümchen mit Zukunft!, S. 13. S. o., FN 10. 22 Siehe Pagenstecher, Cord: Der bundesdeutsche Tourismus. 23 Zu Pagenstechers Gebrauch des auf Urry zurückgehenden „Blicks“ vgl. ebd., S. 25-48; siehe auch zuletzt Urry, John/Larsen, Jonas: The Tourist Gaze 3.0. Los Angeles u.a. 2011; kritisch zu dem Forschungsansatz von Urry auch Spode, Hasso: Der Blick des Post-Touristen. Torheiten und Trugschlüsse in der Tourismusforschung. In: Spode, Hasso/Ziehe, Irene (Hg.): Gebuchte Gefühle. Voyage. Jahrbuch für Reise- und Tourismusforschung Bd. 7. München, Wien 2005, S. 139-161, insbes. S. 140-145. 1 Einleitung 14 nicht so relevant, da auch die im letzten Kapitel meiner Arbeit untersuchte Fremdenverkehrswerbung des Wirtschaftsministeriums unter anderen Fragestellungen untersucht wird als bei Pagenstecher.24 Neben Pagenstecher sind für die Erforschung des modernen Massentourismus als historischem Forschungsfeld insbesondere die Arbeiten Hasso Spodes zu nennen. Thematisch deutlich breiter aufgestellt als Pagenstecher publizierte Spode in den vergangenen Jahrzehnten diverse Aufsätze zu unterschiedlichen Aspekten des Fremdenverkehrs, von der „Hotelgeschichte“ bis zur „Geschichte der Tourismusgeschichte“. Letzterer thematisiert auch die Anfänge nichthistorischer Tourismusforschung und ist für die Bewertung der tourismuswissenschaftlichen Literatur der 60er und 70er Jahre auch im Zusammenhang mit den Fragestellungen dieser Arbeit erhellend.25 Grundlegend waren aber in vielerlei Hinsicht die beiden Bände Spodes aus den 90er und frühen 00er Jahren. Im Sammelband „Goldstrand und Teutonengrill“ wurden erstmals eine Reihe von Themen des sich entwickelnden Feldes der Tourismusgeschichte formuliert, darunter die für diese Arbeit bedeutsamen Analysen Axel Schildts zum „Urlaubstourismus der Westdeutschen“ bis 1970 und dem von Alexander Wilde verfassten Aufsatz zum 24 Cord Pagenstecher hat seine Überlegungen zur Visual History des Fremdenverkehrs bislang in einer Vielzahl von Aufsätzen ausgeführt, von denen aber nur wenige für die in meiner Arbeit behandelten Fragestellungen von Bedeutung sind. Aus diesen Aufsätzen seien dennoch, weil grundlegend, erwähnt ders.: Reisekataloge und Urlaubsalben. Zur Visual History des touristischen Blicks. In: Paul, Gerhard (Hg.): Visual History. Ein Studienbuch. Göttingen 2006, S. 169-187; zur Methodik der Analyse privater Urlaubsalben auch ders.: Zwischen Tourismuswerbung und Autobiographie. Erzählstrukturen in Urlaubsalben. In: Spode, Hasso/Ziehe, Irene (Hg.): Gebuchte Gefühle. Voyage. Jahrbuch für Reise- und Tourismusforschung Bd. 7. München, Wien 2005, S. 82-91; weiterhin ders.: Antreten zum Lotterleben. Private Fotoalben als Quelle einer Visual History des bundesdeutschen Tourismus. In: Gilomen, Hans-Jörg/Schumacher, Beatrice/Tissot, Laurent (Hg.): Freizeit und Vergnügen vom 14. bis zum 20. Jahrhundert/Temps libre et loisirs du 14e au 20e siècles. Zürich 2005, S. 201-220. 25 Siehe aus der Vielzahl der Aufsätze Spodes zum Fremdenverkehr ders.: Eine kurze Geschichte des Hotels. Zur Industrialisierung der Gastlichkeit. In: Löffler, Klara u.a. (Hg.): Das Hotel. Voyage. Jahrbuch für Reise- und Tourismusforschung Bd. 9. Berlin 2011, S. 10-31; ders.: Zur Geschichte der Tourismusgeschichte. In: Kolbe, Wiebke/Noack, Christian/Spode, Hasso (Hg.): Tourismusgeschichte(n). Voyage. Jahrbuch für Reise- und Tourismusforschung Bd. 8. München, Wien 2009, S. 9-22. Weitere Publikationen Spodes in den einzelnen Kapiteln. 1.2 Forschungsstand 15 Fremdenverkehr in der unmittelbaren Nachkriegszeit.26 Auch sein 2003 erschienener Band mit dem sprechenden Titel „Wie die Deutschen ‚Reiseweltmeister’ wurden“ ist als einführende Lektüre in die deutsche Tourismusgeschichte weiterhin zu empfehlen.27 Noch früher als Spode begründete der Band von Christine Keitz das Feld der bundesrepublikanischen Tourismusgeschichte und ihr Band ist ebenso wie Rüdiger Hachtmanns Buch „Tourismus-Geschichte“, das einen Zeitraum von der Antike bis in die jüngste Zeit behandelt, als Einführung in die Geschichte des Fremdenverkehrs weiterhin hilfreich.28 Studien wie Till Mannings Buch über die „Italiengeneration“ oder zuletzt der Band von Sina Fabian über den „Boom in der Krise“ erweiterten die durch die o. g. überblicksartigen Monographien gelegten Grundlagen zur Geschichte des Fremdenverkehrs in der Bundesrepublik noch einmal deutlich, haben aber ebenfalls einen gesamtgesellschaftlichen Fokus und bearbeiten oftmals eher kulturhistorische Fragestellungen.29 Die hier vorgestellten Monographien zeigen es an: Die tourismusgeschichtlichen Grundlagen sind seit mittlerweile knapp 20 Jahren gelegt, indes steht die regionalgeschichtliche Forschung über den Fremdenverkehr noch in den Anfängen. Dies liegt an den eher kulturwissenschaftlichen denn historischen Forschungskonjunkturen innerhalb der im weitesten Sinne touristischen Fragestellungen nachgehenden Wissenschaftscommunity.30 Matthias Freses Aufsätze zum Fremdenverkehr in Westfalen bilden hier eine wichtige Ausnahme, weil sie 26 Siehe Spode, Hasso (Hg.): Goldstrand und Teutonengrill. Kultur- und Sozialgeschichte des Tourismus in Deutschland 1945 bis 1989. Berlin 1996. Darin die Aufsätze von Schildt, Axel: „Die kostbarsten Wochen des Jahres“. Urlaubstourismus der Westdeutschen (1945-1970), S. 69-85, sowie Wilde, Alexander: Zwischen Zusammenbruch und Währungsreform. Fremdenverkehr in den westlichen Besatzungszonen, S. 87-103. 27 Siehe Spode, Hasso: Wie die Deutschen „Reiseweltmeister“ wurden. 28 Siehe Keitz, Christine: Reisen als Leitbild. Die Entstehung des modernen Massentourismus in Deutschland. München 1997; siehe weiterhin Hachtmann, Rüdiger: Tourismus-Geschichte. 29 Siehe Manning, Till: Die Italiengeneration. Stilbildung durch Massentourismus in den 1950er und 1960er Jahren. Göttingen 2011; siehe auch Fabian, Sina: Boom in der Krise. Konsum, Tourismus, Autofahren in Westdeutschland und Großbritannien 1970-1990. Göttingen 2016. 30 Ein Überblick über das gesamte Feld der Tourismusgeschichte würde den Rahmen des hier ja mehrere Stränge abdeckenden Berichts sprengen. Es sei verwiesen auf den schon genannten Literaturbericht von Hachtmann, Rüdiger: Tourismusge- 1 Einleitung 16 quellengesättigt regionale und lokale Strukturen des Fremdenverkehrs untersuchen.31 Auch auf regionalgeschichtlicher Ebene, ohne besonderen Fremdenverkehrsschwerpunkt, ist die Literatursituation für den Untersuchungszeitraum immer noch unbefriedigend. Zwar wird gelegentlich der Fremdenverkehr thematisiert, aber mit Bezug zum Strukturwandel ist Langes Text in der zweiten Auflage der „Geschichte Schleswig-Holsteins“ der einzig relevante. Er ist naturgemäß kurz und weist nur in wenigen Aussagen über die schon genannten Arbeiten von Hoffmann und von Kurz über die Ferienzentren hinaus.32 Die schon in den 90er Jahren publizierte Arbeit von Astrid Paulsen über den Tourismus in der Holsteinischen Schweiz bearbeitet nur den Zeitraum bis 1914 und der als Ausstellungsband zur Tourismusgeschichte Ostholsteins konzipierte Band von Griep und Pfingsten dringt ebenfalls nur in wenigen Beiträgen in den hier interessierenden Zeitraum vor.33 Eine das gesamschichte – ein Mauerblümchen mit Zukunft, sowie die älteren Literaturberichte von Pagenstecher, Cord: Neue Ansätze für die Tourismusgeschichte – ein Literaturbericht. In: Archiv für Sozialgeschichte 38 (1998), S. 591-619, und Gyr, Ueli: Reisekultur und Urlaubsanalyse. Forschungstrends in neueren Untersuchungen. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 104 (2008), S. 215-228. 31 Siehe Frese, Matthias: Naherholung und Ferntourismus. Tourismus und Tourismusförderung in Westfalen 1900-1970. In: Reininghaus, Wilfried/Teppe, Karl (Hg.): Verkehr und Region im 19. und 20. Jahrhundert. Westfälische Beispiele. Paderborn 1999, S. 339-387; siehe auch ders.: Erlebnis und Erholung. Land und Stadt im Fokus des Tourismus in Westfalen 1945-2010. In: Kerstin, Franz-Werner/ Zimmermann, Clemens (Hg): Stadt-Land-Beziehungen im 20. Jahrhundert. Geschichts- und kulturwissenschaftliche Perspektiven. Paderborn 2015, S. 197-223; der zuletzt erschienene Sammelband von Siebeneicker und Wagener liefert zwar einige nützliche Aufsätze, ist aber eine Begleitpublikation für eine Ausstellung und erfüllt deshalb nicht gleichermaßen die Anforderungen einer wissenschaftlichen Regionalgeschichte. Siehe Siebeneicker, Arnulf/Wagener, Mathias (Hg.): Reif für die Insel. Tourismus auf Sylt, Hiddensee und Mallorca. Essen 2016. 32 Lange, Ulrich: Strukturwandel. In: Lange, Ulrich (Hg.): Geschichte Schleswig-Holsteins. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 2. Aufl. Neumünster 2003, S. 681-743, hier S. 721-725. Weder die Arbeit von Hoffmann noch die von Kurz werden in dem knappen Literaturverzeichnis genannt, die Bezugnahme insbes. auf Kurz ist aber eindeutig. 33 Siehe Paulsen, Astrid: „... ein gesegneter und reizvoller Fleck Erde...“ – Tourismus in der Holsteinischen Schweiz 1867-1914. Neumünster 1994; siehe weiterhin Griep, Wolfgang/Pfingsten, Gabriele: Urlaub zwischen Strand und Seen. Eine kleine Tourismusgeschichte Ostholsteins. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung zum 50-jährigen Bestehen der Volksbank Eutin. Eutin 2003. 1.2 Forschungsstand 17 te Bundesland in den Blick nehmende Tourismusgeschichte liegt aber noch nicht vor. Methodenteil Die beiden Kernkapitel der Arbeit zum „Strukturwandel in den Jahren 1965-1980“ und zur „Entstehung einer Landestourismuspolitik in Schleswig-Holstein“ erfordern einführende Bemerkungen zu den verwendeten Quellen und zur verwendeten Methode. Die Platzierung dieser Informationen in der Einleitung dieser Arbeit dient der besseren Lesbarkeit der Darstellung in den Kapiteln. Die übrigen Kapitel der Arbeit basieren auf klar umrissenen Quellenbeständen, die jeweils zu Beginn aufgeführt sind. Zur Methode im Kapitel „Strukturwandel in den Jahren 1965-1980“ Das Kapitel befasst sich neben der Analyse des Strukturwandels im Fremdenverkehr auf Basis der statistischen Daten intensiv mit der Entstehungsgeschichte der schleswig-holsteinischen Ferienzentren. Die Quellenlage für diese Großprojekte ist zwar nicht schlecht, jedoch erfordert es die schleswig-holsteinische Archivlandschaft, eine Auswahl der für die Untersuchung in Frage kommenden Quellen zu treffen. Das ist sinnvoll, um sicherzustellen, dass der Aufwand hinsichtlich der Nutzungsmöglichkeiten im Verhältnis zum zu erwartenden Ertrag steht.34 Ferienzentren wurden in strukturschwachen Gebieten errichtet und dieser Umstand hatte wesentlichen Einfluss auf die Quellenbildung und Überlieferung. Vor dem Hintergrund der städtischen Planungshoheit stand die Untersuchung der lokalen Überlieferung zunächst im Fokus. Es wurde jedoch schnell deutlich, dass für die Großprojekte auch die Untersuchung von Quellen aus den Landesministeri- 1.3 1.3.1 34 Daneben erfordert es die akademische Redlichkeit insbesondere in zeithistorischen Arbeiten, die aufgrund ihres oftmals vorhandenen Überangebots an möglichen Ressourcen eine thematische Auswahl erfordern, die verwendeten Quellen offenzulegen. 1 Einleitung 18 en erforderlich sein würde. Außerdem zeigte sich, dass die lokale Überlieferung ausgesprochen unterschiedlich ausfällt und teilweise, wie in der Region Ostholstein, zum Zeitpunkt der Recherche kein Kreisarchiv existiert bzw. kommunale Archive nicht zugänglich waren.35 Ein Beispiel: Die Quellengrundlage für die kommunale Entscheidungsfindung bei dem Ferienzentrum Damp in der strukturschwachen Region Schwansen umfasst nur wenige handschriftliche Seiten im Protokollbuch der Gemeinde Damp. Archiviert wird diese Quelle durch die Archivgemeinschaft Gettorf, welche die Archivalien für einige kleinere schleswig-holsteinische Gemeinden und Ämter, wie in diesem Fall für das Amt Schlei-Ostsee, organisiert. Das Archivgut verbleibt im Rahmen der Archivgemeinschaft in den jeweiligen Gemeinden und eine Nutzung ist hierdurch, trotz sehr hilfsbereiter Archivmitarbeiter_innen, eingeschränkt.36 Im Gegensatz dazu ist die Überlieferungsdichte für Damp im Landesarchiv Schleswig-Holstein recht umfassend, allerdings aufgrund der vor allem die Perspektive der Landesebene dokumentierenden Archivalien eben einseitig. Andere Ferienzentren, wie z. B. Weißenhäuser Strand oder Wendtorf in der Kieler Bucht, tauchen in der Überlieferung des Landesarchivs nur in sehr geringem Umfang auf. Anders im Fall Burgtiefe auf Fehmarn: Zu diesem sehr früh entstandenen Ferienzentrum ist ein umfangreicher Quellenbestand im Stadtarchiv Burg vorhanden, obwohl der Bestand keine Vorgangsakten der Stadtverwaltung mehr umfasst. Es stehen jedoch die Protokolle der Stadtvertretung, des Magistrats und zahlreicher Ausschüsse zur Verfügung sowie einige weitere Quellen und eine Sammlung von einschlägiger Literatur. Daneben existieren auch im Landesarchiv in Schleswig einige Vorgangsakten zu diesem Projekt. Da das Ferienzentrum in Burgtiefe durch seine architekturhistorische Bedeutung bereits einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, war schnell klar, dass sich meine Untersuchung auf dieses Bauprojekt konzentrieren würde. Außer- 35 Im Gegensatz hierzu verfügt das Kreisarchiv Nordfriesland (i. F. KrA NF) über eine gute Überlieferung zum Fremdenverkehr an der Nordsee. Die entsprechende Akten zum Bauprojekt „Atlantis“ auf Sylt wurden dort eingesehen. 36 Vgl. den Internetauftritt der Archivgemeinschaft unter http://www.archivgemeinschaft-gettorf.de, zuletzt aufgerufen am 23.10.2017. 1.3 Methodenteil 19 dem lassen sich anhand dieses Projekts einige Entwicklungen im schleswig-holsteinischen Tourismus erstmals beobachten.37 Neben einer architekturhistorischen Einordnung haben sich auch beispielsweise Geographen und Soziologen mit der Anlage beschäftigt. Es liegen Daten über den Betrieb des Ferienzentrums vor, ein Umstand, der für eine Einordnung der Bedeutung der Ferienzentren besonders relevant ist.38 Man muss sich vor Augen führen, dass ein vornehmlich privatwirtschaftliches Bauprojekt im Moment seiner Fertigstellung, abgesehen von der etwaigen Dokumentation von Verwendungsnachweisen für gezahlte Fördergelder, weitgehend aus der staatlichen archivalischen Überlieferung verschwindet, während Firmenarchive nicht zur 37 Hierbei ist jedoch zu betonen, dass nicht das Vorhandensein einer Quellenüberlieferung zu einer erhöhten Beschäftigung mit Burgtiefe in den vergangenen Jahren geführt hat. Vielmehr dürfte dafür der Umstand verantwortlich sein, dass das Ferienzentrum von Arne Jacobsen entworfen wurde, obwohl es in dessen Gesamtwerk lediglich eine Randstellung einnimmt. Vgl. hierzu bes. Hansen, Astrid: Das „Ostsee- Heilbad“ Arne Jacobsens in Burgtiefe auf Fehmarn. Ein Gesamtkunstwerk in Gefahr. In: Die Denkmalpflege 63 (2005), Heft 1, S. 4-14; Michaelis-Otte, Bettina: Arne Jacobsens Ferienzentrum „Burgtiefe“ auf Fehmarn (1965-1973). Eine Studie zum Verhältnis von Planung, Ausführung und Fortentwicklung. Unveröffentlichte Magisterarbeit Uni Kiel 1994; Klahn, Karl-Wilhelm: Fehmarn – Eine Insel im Wandel der Zeiten. Von der Badekarre zum Ostseeheilbad Burg auf Fehmarn. Neumünster 2001; keine Erwähnung findet bezeichnenderweise das Ferienzentrum bzw. allgemein der Fremdenverkehr auf der Insel Fehmarn in Griep, Wolfgang/Pfingsten, Gabriele (Hg.): Urlaub zwischen Strand und Seen. 38 Siehe inbes. Möller, Hans-Georg: Sozialgeographische Untersuchungen zum Freizeitverkehr auf der Insel Fehmarn. Hannover 1977; Ders.: Zur freizeitorientierten Inwertsetzung des ländlichen Raumes auf Fehmarn: Die Integration des Freizeitverkehrs in Siedlung und Landgemeinden Fehmarns. In: Schnell, Peter/Weber, Peter (Hg.): Agglomeration und Freizeitraum. Paderborn 1980, S. 149-165; siehe Kellermann, Britta/Brandt, Lutz: Urlaub auf Fehmarn. Eine vergleichende soziologische Untersuchung in einem neuen Ferienzentrum und in alten Ferienorten auf der Insel Fehmarn. Starnberg 1976; siehe auch Stadtarchiv Burg auf Fehmarn (i. F. StA Burg): Tourismus und Freizeitverkehr auf der Insel Fehmarn – Strukturen und Prozesse der touristischen Inwertsetzung eines peripheren Küstenraums und ihre regionalwirtschaftlichen Auswirkungen. Berichte über ein kulturgeografisches Hauptpraktikum an der Universität Hannover. Wintersemester 1984/85. Leitung: Hans-Georg Möller (i. F. wird diese Arbeit abgekürzt als „Tourismus und Freizeitverkehr“); siehe Kurz, Reinhard: Ferienzentren an der Ostsee; den touristischen Zustand auf der Insel vor Entstehung des Ferienzentrums, allerdings im Zusammenhang mit der Modernisierung in diesem Bereich, dokumentiert Lehmkühler, Erich: Landschaftsaufbauplanung der Insel Fehmarn. Gutachten der TU Berlin. Berlin 1969. 1 Einleitung 20 Verfügung stehen. Insofern ist das Vorhandensein eines gewissen Forschungsstandes für ein umfangreiches Bau- und Wirtschaftsprojekt Voraussetzung für eine eingehende Beurteilung. Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive stellt meine Untersuchung jedoch die erste umfassende und auf Archivquellen basierende Darstellung des Ferienzentrums Burgtiefe dar.39 Eine solche Perspektive bietet den Vorteil, die Entstehung der Ferienzentren in einen gesellschaftlichen Kontext einordnen zu können und unterschiedliche Interessenlagen und Modernisierungseffekte zu identifizieren, die zu der schleswig-holsteinischen Variante des ‚modernen’ Massentourismus geführt haben. Um mögliche, aus der intensiven Beschäftigung mit nur einem Ferienzentrum resultierende Fehlschlüsse zu vermeiden, wurden auch die vorhandenen Quellen zum Ferienzentrum Damp, insbesondere im Landesarchiv Schleswig-Holstein, durchgesehen. Anhand dieser Quellen sollen Gemeinsamkeiten sowie abweichende Entwicklungen zu Burgtiefe geschildert werden. Der Fokus der Untersuchung liegt jedoch eindeutig auf dem Fehmarner Ferienzentrum. Federführend für die administrative Betreuung der Entstehung der touristischen Großprojekte im schleswig-holsteinischen Fremdenverkehr war das Referat für Fremdenverkehr im Wirtschaftsministerium, dessen überlieferte Akten zu den einzelnen Projekten Eingang in meine Untersuchung gefunden haben. Archivbestände anderer Ministerien wurden darüber hinaus für die Untersuchung der Ferienzentren nur punktuell herangezogen. Für die mediale Rezeption der schleswig-holsteinischen Ferienzentren wurden unterschiedliche Quellen verwendet. Für die überregiona- 39 Die Magisterarbeit von Bettina Michaelis-Otte befasst sich mit dem Ferienzentrum vor allem aus einer kunsthistorischen Perspektive. Frau Michaelis-Otte stellte mir dankenswerterweise nicht mehr im Stadtarchiv Burg vorhandene Quellen zur Verfügung; Einzelaspekte zur Geschichte des Ferienzentrums Burgtiefe habe ich bereits in Aufsätzen vorgelegt, vgl. Harbeke, Thorsten: Der Strukturwandel im schleswig-holsteinischen Tourismus (1950-1990). In: Danker, Uwe/Harbeke, Thorsten/Lehmann, Sebastian (Hg.): Strukturwandel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Neumünster 2014, S. 210-225, hier S. 210-212; vgl. außerdem Harbeke, Thorsten: Touristische Infrastrukturpolitik in Schleswig-Holstein. Strukturwandel und Diskussionen am Beispiel des Ferienzentrums Burgtiefe auf Fehmarn. In: Grüner, Stefan/Mecking, Sabine (Hg.): Wirtschaftsräume und Lebenschancen. Wahrnehmung und Steuerung von sozialökonomischem Wandel in Deutschland 1945-2000. Berlin, Boston 2017, S. 225-249. 1.3 Methodenteil 21 le Presse wurde stellvertretend „Der Spiegel“ untersucht, der sich in vielen Ausgaben mit der von der Redaktion hauptsächlich negativ konnotierten Entwicklung in Schleswig-Holstein befasste. Systematisch wurde die Berichterstattung über das Projekt Burgtiefe im „Fehmarnschen Tageblatt“, der Lokalzeitung der Insel, verfolgt. Punktuell wurde Hinweisen aus Akten auf Berichterstattung in überregionalen Medien nachgegangen. Es fand jedoch keine systematische Untersuchung beispielsweise der „Kieler Nachrichten“ statt, da die Gleichförmigkeit und Inhaltsarmut der Berichterstattung über die allgemeine Entwicklung im schleswig-holsteinischen Tourismus, wie sie in Pressespiegeln innerhalb der Akten des Landesarchivs vorzufinden war, den Nutzen einer intensiveren Beschäftigung mit dieser Zeitung zweifelhaft erscheinen ließ.40 Gleichwohl bin ich der Ansicht, dass die gefundenen Zeitungsartikel aus der schleswig-holsteinischen Regionalpresse zusammen mit den ebenfalls verwendeten Zeitungsberichten aus der überregionalen Presse eine ausreichende Quellenbasis für den medien- öffentlichen Diskurs über die Ferienzentren darstellt.41 In diesem Zusammenhang geht es mir um die Rekonstruktion eines Diskurses um die Ferienzentren, der sich weniger in der Tagespresse als in (Fach-) Zeitschriften mit größeren thematischen Artikeln entfaltete. Hierfür wurden die Architekturfachzeitschriften „Bauwelt“ und „Deutsche Bauzeitschrift“ durchgesehen, daneben Architekturführer und Literatur zur Planungsgeschichte von Feriengroßanlagen. Den Abschluss dieses Kapitels über den Strukturwandel in den Jahren zwischen 1965 und 1980 bildet ein Abschnitt über ein gescheitertes Bauprojekt an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste. Das Projekt „Atlantis“ und die Geschichte seines Scheiterns als Zusammen- 40 Auch eine exemplarische Recherche zum Ferienzentrum Damp in den Ausgaben des Flensburger Tageblatts, durchgeführt von zwei Studierenden der Universität Flensburg im Rahmen einer Lehrveranstaltung zur Tourismusgeschichte im Wintersemester 2013/14, blieb weitgehend erfolglos. 41 Siehe bspw. Landesarchiv Schleswig-Holstein (i. F. LAS), Abt. 691, Nr. 36074. Darüber hinaus konnten im Zusammenhang mit einem anderen Projekt im Rahmen meiner Tätigkeit für das Institut für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte Unterlagen der schleswig-holsteinischen SPD im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung (i. F. AdsD) eingesehen werden, die einen spannenden Aspekt einzelner Projekte des Baubooms, wie das letztlich gescheiterte „Atlantis“-Projekt, zeigen und ebenfalls Pressesammlungen beinhalten. 1 Einleitung 22 spiel von bürgerlichem Protest und einem strukturpolitischen Umdenken auf Seiten der Landesregierung wird von mir auf Basis von Quellen zur Sylter Bürgerinitiative sowie ausgewählter Quellen zur Formulierung einer touristischen Strukturpolitik dargestellt.42 Zur Methode im Kapitel „Entstehung einer Landestourismuspolitik in Schleswig-Holstein“ Der besseren Lesbarkeit des Textes im Hauptteil und der Transparenz des wissenschaftlichen Zugangs zu den Quellen geschuldet, soll an dieser Stelle die Methode der Auswertung des zentralen Quellenbestandes für das Kapitel „Tourismuspolitik“ erläutert werden. In dem Kapitel wird nach der Entstehung einer Landestourismuspolitik in Schleswig- Holstein, nach den Bedingungen für die Formierung dieses Politikfeldes in den 60er Jahren und nach den politischen Instrumenten zur Bewältigung des Strukturwandels im Fremdenverkehr und zur Begleitung des Wirtschaftszweiges gefragt. Daneben standen die Akteure auf diesem Politikfeld und ihr Anteil an der Formierung der Fremdenverkehrspolitik als Fachpolitik im Mittelpunkt meines Interesses. Für die Untersuchung der Entstehung der Tourismuspolitik in Schleswig-Holstein auf Landesebene wurden die Plenarprotokolle und Drucksachen des Schleswig-Holsteinischen Landtages mithilfe einer Filemaker-Datenbank ausgewertet.43 Daneben wurden systematisch 1.3.2 42 Zum Projekt „Atlantis“ fand keine systematische Quellensuche in Archiven statt, da ich mich in der Rekonstruktion der Baugeschichte auf Burgtiefe konzentriert habe. Im Zusammenhang mit meinen Recherchen zum Thema Tourismuspolitik, die ich in einem gesonderten Kapitel vorlege, stieß ich auf einen Aktenbestand im LAS, der sich mit der Veränderung der Strukturpolitik im Hinblick auf eine Änderung des Landesplanungsgesetzes im Nachgang des Planungsstopps für die Ferienzentren beschäftigte. Die Erkenntnisse aus diesem Quellenbestand sowie die Unterlagen zu dem Projekt aus dem KrA NF bilden die Quellengrundlage für die Schilderung der Reaktion der Landesregierung im Fall „Atlantis“. 43 Es handelt sich um die in gedruckter Form erschienenen Plenarprotokolle. Diese wurden unter unterschiedlichen Titeln veröffentlicht. Für die beiden ernannten Landtage sowie die 1. und 2. Wahlperiode (bis einschl. der 21. Tagung) erfolgte dies unter dem Titel: Schleswig-Holsteinischer Landtag: Wortprotokoll über die Tagung des Schleswig-Holsteinischen Landtages. Kiel 1946-1950. Für die 2. (ab der 49. Sitzung, die Zählung der jeweiligen Tagung wurde ab hier umgestellt) bis 6. 1.3 Methodenteil 23 die Gesetz- und Verordnungsblätter sowie die Amtsblätter herangezogen.44 Letztere wurden in der gedruckten Version durchsehen, da die Nutzung dieser in elektronischer Form nicht praktikabel war. Die Plenarprotokolle der ernannten Landtage (1946 und 1947) sowie der ersten bis achten Wahlperiode der Jahre 1947-1979 wurden dagegen in elektronischer, OCR-texterkannter Form verwendet. Die neunte Wahlperiode wurde bis zum Ende des Jahres 1980 ausgewertet. Es wurde eine Vollerhebung des Sprechens über den Fremdenverkehr im Plenum des Landtags angestrebt. Dies war nur möglich aufgrund der Verfügbarkeit der Quellen in elektronischer Form. Der umfängliche Quellenbestand der Plenarprotokolle ist seit Langem durch die zugehörigen Stichwortverzeichnisse erschlossen. Mit diesen wurde zwar gearbeitet, es wurde jedoch in der Frühphase des Forschungsprozesses deutlich, dass hier zwar mit dem Stichwort „Fremdenverkehr“ ein Großteil derjenigen Debatten gefunden werden konnte, in denen dieser umfänglich thematisiert wurde. Diese Debatten stellten sich aber als nicht ausreichend zur Beantwortung der Forschungsfrage dieses Kapitels heraus, weil es auch um die Ermittlung der inhaltlichen Zusammenhänge ging, in denen der Fremdenverkehr eher am Rande thematisiert wurde, die aber dennoch Aufschluss darüber geben konnten, wie das Thema im politischen Diskurs verarbeitet wurde. Auch für das Auffinden der wichtigsten Gesetzesvorhaben, die in Zusammenhang mit der politischen Begleitung des Fremdenverkehrs standen, erwiesen sich die Wahlperiode erfolgte die Veröffentlichung unter dem Titel: Schleswig-Holsteinischer Landtag: Stenographische Berichte. Kiel 1950-1971. Seit der 7. Wahlperiode werden sie veröffentlicht unter: Schleswig-Holsteinischer Landtag: Plenarprotokoll. Kiel 1971-. In den Fußnoten werden die Titel zur besseren Lesbarkeit alle abgekürzt mit „Plenarprotokoll: ... Wahlperiode (WP), ...Tagung/Sitzung am ..., Seitenangabe, Rede des/der Abgeordneten etc. (ggf. Partei).“ Die hierzugehörigen Drucksachen wurden im Untersuchungszeitraum durchgängig veröffentlicht unter Schleswig-Holsteinischer Landtag: Drucksache. Kiel 1946-. In den Fußnoten werden diese angeben als Drucksache: ... WP, Nr., ggf. mit ergänzenden Angaben zu Titeln und Verfasser_innen. 44 Innenminister des Landes Schleswig-Holstein (Hg.): Gesetz- und Verordnungsblatt für Schleswig-Holstein. Kiel 1947-. In den Fußnoten dieser Arbeit zitiert als „Gesetz- und Verordnungsblatt für Schleswig-Holstein: Jahrgang (Jg.) ..., Nr. ..., S. ... .“; Innenminister des Landes Schleswig-Holstein (Hg.): Amtsblatt für Schleswig-Holstein. Kiel 1946-. In den Fußnoten dieser Arbeit zitiert als „Amtsblatt für Schleswig-Holstein: Jahrgang ..., Nr. ..., S. ... .“ 1 Einleitung 24 Stichwortverzeichnisse als nicht ausreichend. Aus diesem Grund wurde das Mittel der elektronischen Durchsuchung der Plenarprotokolle nach fremdenverkehrsrelevanten Stichworten und die anschließende inhaltliche Verschlagwortung der Fundstellen gewählt. Die datenbankgestützte Auswertung der Plenarprotokolle erhob die Verwendung fremdenverkehrsrelevanter Begriffe in den Debatten des Landtags. Es handelt sich hierbei um ein nach Vorüberlegungen festgelegtes Set von Begriffen, die in allen Landtagsprotokollen gesucht wurden. Um eine Vielzahl relevanter Wortbeiträge zu ermitteln, wurde teilweise nur mit Wortbestandteilen gesucht.45 Groß- und Kleinschreibung sind für die Texterkennung nicht von Bedeutung, wohl aber die Wortlänge. Insofern war der für die Arbeit zentrale Begriff „Fremdenverkehr“ nicht in allen Fällen in den eingescannten Texten zu finden, was neben der inhaltlichen Erweiterung einen weiteren Vorteil der Verwendung von mehr Suchworten darstellte. Das Suchwort „touris“ wurde gewählt, um den im Untersuchungszeitraum erfolgten Begriffswandel weg vom Fremdenverkehr hin zum „Tourismus“ beobachten zu können, der in dieser Arbeit synonym verwendet wird. Während die wissenschaftliche Verwendung des Begriffs „Tourismus“ auch im deutschsprachigen Raum schon lange vor den 70er Jahren üblich war, ist er für den außerwissenschaftlichen Gebrauch erst später zu beobachten. Die Untersuchung ergab aber hierbei keinen eindeutigen Befund, das Wort wurde im Vergleich zu „Fremdenverkehr“ in der politischen Debatte des Landtags nicht häufig genug verwendet, obwohl es sich andernorts bereits durchgesetzt hatte. Die Suchwörter „Gast“ und „Gäste“ sind dem (politischen) Sprachgebrauch der frühen Bundesrepublik entlehnt, wo eben nicht von „Touristen“ oder „Reisenden“, sondern von den „[Bade]Gästen“ in den Beherbergungsunternehmen des Landes die Rede war. Die Suchbegriffe „Ferien“, „Freizeit“ und „Urlaub“ sind selbsterklärend und sollten fremdenverkehrsrelevante Debatten noch über den konkreten Fremdenverkehrsbezug hinaus ermitteln. Das Suchwort „herberg“ umfasst eine breite Palette von damit auffindbaren Debattenbeiträgen: neben den Jugendherbergen auch das Beherbergungswesen, die Beherbergungsunternehmen, eben- 45 Es handelt sich um die Suchworte: Fremdenverkehr, touris, Gast, Gäste, Ferien, Freizeit, Urlaub, herberg, Hotel, Pension. 1.3 Methodenteil 25 so die Fremdenherbergen usw. „Hotel“ und „Pension“ sollten in meinen Vorüberlegungen die wirtschaftliche Struktur des schleswig-holsteinischen Fremdenverkehrsgewerbes widerspiegeln und den Wandel weg von der lange vorherrschenden Privatvermietung hin zur gewerblichen Fremdenbeherbergung dokumentieren. Dies ist allerdings nicht gelungen, da zu selten hiervon im Landtag die Rede ist, zu häufig allerdings von den „Pensionen“ der Beamt_innen gesprochen wird. Während der Begriff des Fremdenverkehrs die Mehrzahl der Treffer bei der Durchsuchung der Plenarprotokolle erzeugte, wurden über die weiteren Suchworte eine ganze Reihe von Debatten gleichsam ‚eingesammelt’, die mit dem ersten Begriff nicht gefunden werden konnten. Die Durchsuchung der Texte mit mehreren Suchbegriffen ist auch dem Umstand geschuldet, dass die OCR-Texterkennung niemals perfekte Ergebnisse liefert, sondern die Durchsuchbarkeit eines Dokuments neben der Druckqualität des Ursprungsdokuments auch von der Sorgfalt des Scans sowie der Alterung des Papiers abhängig ist. Je länger ein gesuchtes Wort ist, desto größer ist erstens die Wahrscheinlichkeit, dass es getrennt über mehrere Zeilen verteilt und somit fast nicht auffindbar ist, und desto höher ist zweitens auch die Fehleranfälligkeit im Suchprozess. Im Laufe der Arbeit an den Dokumenten habe ich festgestellt, dass gerade „Fremdenverkehr“ nicht immer gefunden wurde und auch die Stichwortverzeichnisse hier nicht hilfreich waren. Mit der Verwendung der oben dargestellten Methode bin ich deshalb der Überzeugung, nahezu alle relevanten Beiträge zur Beantwortung der Forschungsfrage gefunden zu haben, um auf Basis dieser Quellen den Politikwandel im Fremdenverkehr darstellen zu können. Ziel der Durchsuchung der Landtagsdebatten war es zu keinem Zeitpunkt, eine quantitative Analyse nach den gewählten Suchbegriffen vorzunehmen. Eine solche hätte neben der reinen Zählung der Begriffshäufigkeiten z. B. auch die Gesamtlänge der Wortbeiträge und die Häufigkeit der Begriffsverwendungen in einem einzelnen Beitrag ermitteln müssen, wobei der geschichtswissenschaftliche Ertrag eher gering ausfallen dürfte. Somit sind die in den einzelnen Kapiteln präsentierten Zahlen zur Häufigkeit der Nennung fremdenverkehrsrelevanter Begriffe im Landtag bzw. zur Behandlung von Fremdenverkehrsthemen als Näherungswerte zu verstehen. Zu vernachlässigen ist die Anzahl der Debattenteilnehmer_innen, gerade wenn sich nur Wenige 1 Einleitung 26 fremdenverkehrspolitisch äußerten. Es wurde aber überprüft, ob die Nichtnennung von Suchbegriffen nicht damit zusammenhing, dass allen Beteiligten das Thema offenkundig war und man es deshalb nicht explizit ansprechen musste. Es ging mir also nicht um eine linguistische oder quantitativ-sozialwissenschaftliche Analyse, sondern es sollte der Politikwandel und die damit einhergehende Veränderung des Sprechens über das Thema Fremdenverkehr in der politischen Öffentlichkeit untersucht werden. Diese Fragestellung ergab sich neben der Ergründung der tatsächlichen Bedeutung, die dem Tourismus im politischen Diskurs beikam, auch aus dem Ergebnis meiner Untersuchung des Strukturwandels im Fremdenverkehr in den 60er und 70er Jahren: Die nur in geringem Maße vorhandene bzw. teilweise sogar unzureichende politische Begleitung dieses Strukturwandels durch die Landespolitik führte zu der Frage, wie es zu einer Entstehung des Politikbereichs „Fremdenverkehrspolitik“ überhaupt kommen konnte. Die ermittelten relevanten Debatten und Redebeiträge wurden entsprechend der dort behandelten Themen und Politikbereiche Schlagworten zugeordnet. Es entstand eine Liste mit knapp 200 Begriffen, die für die Auswertung wiederum in Gruppen zusammengeführt wurden. Manche zunächst vielversprechend erscheinende mussten unberücksichtigt bleiben, da sie sich als für die Fragestellung unbedeutend erwiesen. Mit Hilfe dieser Schlagwortliste konnten aber die entscheidenden Diskussionsstränge und Hauptthemen des Fremdenverkehrsdiskurses in den jeweiligen Wahlperioden herausgearbeitet werden. Für die Darstellung der Methode ist es notwendig, sich zur historischen Diskursanalyse als mittlerweile auch in der Geschichtswissenschaft verbreiteten Methodik zu positionieren.46 Ich verfolge in diesem Kapitel explizit nicht diesen Ansatz. Der für die Untersuchung des politischen Sprechens über den Fremdenverkehr zur Verfügung stehende Quellenbestand ist schlicht zu groß, um ihn mit einer diskursanalytischen Methodik sorgfältig innerhalb eines Teilkapitels zu bearbeiten. Weiterhin – und dies ist viel entscheidender – suggeriert der post- 46 Ein Überblick über verschiedene Ansätze hierzu findet sich bei Füssel, Marian/ Neu, Tim: Diskursforschung in der Geschichtswissenschaft. In: Angermüller, Johannes u.a. (Hg.): Diskursforschung. Ein interdisziplinäres Handbuch. Bd. 1. Bielefeld 2014, S. 145-161. 1.3 Methodenteil 27 strukturalistische Diskursbegriff, dass mit ihm gesellschaftliche Machtstrukturen aufgedeckt werden können, die sprachlich vermittelt werden. Es ist zwar nicht mein Anliegen, die „soziale Wirkmächtigkeit von Sprache“ insgesamt in Frage zu stellen.47 Die Untersuchung der Entstehungsgeschichte der Landesfremdenverkehrspolitik über die politische Diskussion im schleswig-holsteinischen Landtag erfordert aber eine andere Herangehensweise. Insofern wird der Diskursbegriff in dieser Arbeit alltagssprachlich verwendet, als ‚Gespräch’ innerhalb der Gesellschaft, auch über die unmittelbare Anwesenheit der Sprecher_innen hinaus. Ich werde den Begriff deshalb auch eher sparsam verwenden, aber nicht vollständig auf ihn verzichten. Die hier verwendete Methodik ist mit der historischen Diskursanalyse also nur lose verbunden. Die Untersuchung der Entstehung von Tourismuspolitik als eigenständigem Feld kann mit dem beschriebenen Vorgehen auch die tiefergehende Frage beantworten, wie sich die politischen Instrumente entwickelten, die bis zur Entstehung einer Fachpolitik den Fremdenverkehr politisch begleiteten. Die, wenn auch nur sporadische Verwendung von fremdenverkehrsrelevanten Begriffen in den Debatten des Landtags führte beispielsweise zu dem Befund, dass bis zum Ende der 60er Jahre der Kommunale Finanzausgleich das wesentliche Politikinstrument war, das für die Entwicklung des Fremdenverkehrs von Bedeutung war, mitnichten aber für diesen geschaffen worden war. Allein durch die Verwendung der Stichwortverzeichnisse zu den Plenarprotokollen wäre ein solches Ergebnis nicht zu erzielen gewesen und auch nicht unter Berücksichtigung der zeitgenössischen und aktuellen Literatur zur Tourismuspolitik. Nach Identifikation des Kommunalen Finanzausgleichs als wichtigem Instrument für den Fremdenverkehr konnte dieser also durch weitere Recherchen in den Plenarprotokollen sowie in den Gesetz- und Verordnungsblättern und den Amtsblättern in seiner Entwicklung nachvollzogen werden. 47 Ebd., S. 146. 1 Einleitung 28

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References

Zusammenfassung

Ab den 1950er Jahren wandelte sich das Bundesland Schleswig-Holstein innerhalb weniger Jahre vom Flüchtlingsland zum Ferienland. Immer mehr Menschen verbrachten ihren jährlichen Sommerurlaub in der Region zwischen Nord- und Ostsee. Die Folge dieser Entwicklung waren tiefgreifende Wandlungsprozesse in den Ferienorten. In der Mitte der 60er Jahre setzte mit der Entstehung von sogenannten „Ferienzentren“ – gewaltigen Anlagen für mehrere Tausend Urlauber – ein Bauboom ein, der die Ausweitung des Fremdenverkehrs noch einmal beschleunigte und einen tiefgreifenden Strukturwandel verursachte. Nur wenige dieser Großanlagen konnten sich am Markt behaupten, Konkurse und Umstrukturierungen waren die Folge. Ein Teil der Anlagen wird aber auch heute noch erfolgreich betrieben. Diese Studie verfolgt die Wandlungsprozesse in den Ferienorten und auf Landesebene, fragt nach Ursachen, Beteiligten und Verantwortlichen. Es wird untersucht, wie der Strukturwandel politisch begleitet wurde und wie in der schleswig-holsteinischen Landespolitik eine „Fremdenverkehrspolitik“ überhaupt erst etabliert werden konnte. Am Ende ist eine erste Tourismusgeschichte des Bundeslandes Schleswig-Holstein entstanden, die neben den allgemeinen Entwicklungen der Branche durch ihren analytischen Zugang auch Erkenntnisse über die Geschichte des Bundeslandes und der Bundesrepublik in der Zeit zwischen 1950 und 1980 liefert.