Fredéric Armand Strubberg

Die alte spanische Urkunde

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-2716-5, ISBN online: 978-3-8288-7151-9, https://doi.org/10.5771/9783828871519

Series: Armands Werke. Marburger Ausgabe, vol. 16

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
ArmAnd Die alte spanische Urkunde Ar m A n d s We r k e Marburger Ausgabe Herausgegeben von Ulf Debelius Die al te spanische Urkunde Band XVI Ar m A n d Herausgegeben und mit einem Anhang versehen von Ulf Debelius Baden-Baden Tectum Verlag 2019 Text nach der Zeitschriftenausgabe 1872 Die alte spanische UrkUnDe Herausgegeben und mit einem Anhang versehen von Ulf Debelius © Tectum – Ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft mbH 2019 Schutzumschlaggestaltung vom Herausgeber unter Verwendung des Gemäldes Strawberrying (1854) von Asher Brown Durand (1796-1886) (Detail). Gesetzt in der Garamond 10pt ePDF: 978-3-8288-7151-9 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-2716-5 im Tectum Verlag erschienen.) www.armands-werke.de www.tectum-verlag.de Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar Inhalt Die alte spanische Urkunde .............................................. 7 Anhang Textgeschichte ....................................................................................... 255 Wirkung ..................................................................................................... 257 Textgestalt ................................................................................................ 258 Überlieferung ....................................................................................... 258 Zur Texteinrichtung des vorliegenden Bandes ............................ 260 Variantenverzeichnis .......................................................................... 264 Stellenkommentar ................................................................................ 269 Quellen und Literatur ......................................................................... 276 Editionsrichtlinien ............................................................................... 279 Danksagung ............................................................................................ 280 Die alte spanische Urkunde. Von Ar mand. 9 5 10 15 20 Der Tag war dahin, die Sonne sank in das Meer hinab und der glühend rothe Abendhimmel überspiegelte die leise rauschenden Wogen des Golfs von Mexico mit Purpur und Gold. Ein blendend weißes Schoonersegel blähte sich über der dunkelnden Flut, schneeig gefiederte Möven umschwärmten dasselbe in luftigen Bogen und schossen mit dem Hauchschlage ihrer lang geschweiften Schwingen über der Furche auf und nieder, welche das Schiff in der See hinter sich zurückließ. Es war ein reizender, stiller Abend, wie ihn nur die Tropen so wonnig belebend bieten können; die Gluth des Tages war mit der Sonne verschwunden, die Luft zog kühl und wollüstig erquickend über das Verdeck des kleinen Schiffes und an dem hohen, durchsichtigen Himmel begannen die Sterne zu blitzen, während das Roth im Westen von Minute zu Minute in tieferes Carmin überging und nur noch einzelne kleine Wölkchen wie goldene Perlenschnüre aus ihm hervorglänzten. Mit der Ruhe, welche über der unabsehbaren, weiten Wasserfläche herrschte, stand die Stille und Regungslosigkeit auf dem Verdeck des Schiffes im Einklange; der Matrose am Steuer lehnte sich fast unbeweglich an dasselbe an und hob nur von Zeit zu Zeit seinen Blick nach dem riesigen Segel empor oder schaute flüchtig zu dem hellfunkelnden Abendsterne hinüber, dann wandte er 5 10 15 20 25 30 35 10 Die alte spanische UrkUnDe sein Auge wieder auf den bereits durch eine Lampe erleuchteten Compaß vor sich und schien in Gedanken zu versinken. Er dachte vielleicht an vergangene unruhigere Stunden seines gefahrvollen Lebens, an Zeiten, wo sein Schiff sich in dunkler Nacht beim Pfeifen und Heulen des Orkans gegen die Wasserberge, die es zu verschlingen drohten, aufbäumte, dachte vielleicht an Augenblicke, wo sein Fahrzeug im Sturme zerbrach und er, sich an einen Balken festklammernd, ein Spiel der Wogen, dem Tode entgegensah, oder er dachte wohl an ein theures Lieb, dessen letzter Abschiedskuß noch auf seinen Lippen brannte, kurz, er vergaß augenscheinlich, daß er jetzt am Ruder stand und das Schiff genau in seinem Cours halten sollte; denn wiederholt rief ihm der Capitän mit barscher Stimme zu: Keep full! (halte die Segel voll), worauf der Matrose zusammenfuhr und, schnell nach dem Maste hinaufschauend, das Fahrzeug mehr von dem Winde drehte. Der Capitän war ein junger Americaner, Namens Shuck, von kleinem, aber zähem Körperbau, mit schwarzem, wüst um seinen Kopf hangendem Haar und kleinen, stechend schwarzen Augen. Er lag in Hemdärmeln, auf einem Ballen gegen den Mast angelehnt, hingestreckt und pflegte der nachlässigsten Ruhe, und die übrige Schiffsmannschaft saß und lag auf dem vorderen Theile des Schooners, rauchte aus kurzen Pfeifen, kaute Tabak und führte ein wortkarge, leise Unterhaltung. Auf dem oberen Verdeck über der kleinen Kajüte, über welches sich das ungeheure Segel seitwärts ausspannte, saßen aber noch zwei Personen auf einem aus Rohr geflochtenen Sitze neben einander im Gespräche, welche nicht zu der Bemannung des Schiffes gehörten und welche ihrer nächsten Umgebung wenig Aufmerksamkeit zu zollen schienen. Es war ein junger Mann und ein noch jüngeres Mädchen, aus deren Aehnlichkeit mit einander man es schon erkennen konnte, daß sie Geschwister waren. Sie hießen Walton, und zwar Robert und Sarah Walton. Robert war zweiundzwanzig Jahre alt, von mittlerer Größe, zart und in gutem Ebenmaße gebaut, und die schöne siebzehnjährige Sarah, fast so hoch gewachsen wie er, hatte eine auffallend schlanke und biegsame Gestalt von noch sehr jugendlichen Formen. Beide besaßen dunkelkastanienbraunes, gelocktes 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • erstes kapitel] 11 Haar, sehr starke schwarze Brauen, eben solche lange Wimpern und himmelblaue Augen. Sie hatten bereits eine sehr lange Reise hinter sich liegen, denn sie kamen aus Irland, ihrem Vaterlande, hatten sich in Liverpool nach New-York eingeschifft und waren von dort auf diesem Schooner abermals in See gegangen, um sich nach Havannah zu begeben, wohin sie eine für sie möglicher Weise sehr wichtige Angelegenheit rief. Ihr schon seit zehn Jahren verstorbener Vater hatte als Capitän in englischen Diensten gestanden, und ihre Mutter, welche ihnen der Tod vor einem Jahre geraubt, war die einzige Tochter eines vornehmen Spaniers, Namens Alfonso Mendoza, gewesen, der in dem nordamericanischen Landstriche am Golf von Mexico, welcher bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts der Krone Spaniens angehörte, gelebt hatte, dann aber, als diese Besitzungen an Frankreich übergingen, mit vielen seiner Landsleute nach Havannah übergesiedelt und dort noch vor der Verheirathung seiner Tochter gestorben war. Er hinterließ dieser den glorreichen Namen eines alten Hidalgogeschlechtes, aber wenig Vermögen; in seiner Sterbestunde jedoch überlieferte er ihr eine beschriebene, mit dem spanischen Siegel versehene Pergamentrolle und sagte ihr, daß dieselbe ein Document über bedeutenden Landbesitz in Nordamerica sei, welcher einst sehr großen Werth erhalten müsse. Diese Pergamentrolle war, als die junge Donna sich an Capitän Walton verheirathet hatte, mit nach Irland gewandert; von Jahr zu Jahr aber hatte man sie mehr und mehr als ein werthloses Schriftstück angesehen, weil jene Länder abermals den Besitzer gewechselt und von Frankreich an die Vereinigten Staaten verkauft worden waren, und so hatten Robert und Sarah Walton die Rolle in dem Nachlasse ihrer Mutter unter deren Papieren gefunden, ohne zu wissen, was sie enthielt. Da sie beide der spanischen Sprache mächtig waren, so ersahen sie aus dem Inhalte der alten Schrift, daß dieselbe einen sogenannten Grand, einen Besitztitel über Land enthielt, welchen die spanische Regierung ihrem Großvater Don Alfonso Mendoza für sich und für seine Erben ertheilt hatte, und zwar über Ländereien an der Küste des Golfs von Mexico, welche jetzt zu den Vereinigten 5 10 15 20 25 30 35 12 Die alte spanische UrkUnDe Staaten gehörten. Der darin bezeichnete Landstrich war ein sehr bedeutender, denn er belief sich auf sechs Leguas, also sechsmal 4 440 Acker. Robert Walton fand es doch der Mühe werth, das Document einem anerkannt tüchtigen Rechtsanwalt zu zeigen und seine Ansicht über dessen Werth oder Unwerth zu erfragen, und als er es demselben vorgelegt und es ihm wörtlich übersetzt hatte, erklärte es der Rechtsgelehrte für eine vollgültige Urkunde, die, soweit ihm die americanischen Gesetze bekannt wären, auch vor denselben rechtskräftig erscheinen würde. Es hieß in der Schrift, daß das genau in seinen Gränzen bezeichnete Land an der Mündung des Tombigby-Flusses liege, also in der Nähe der dort jetzt befindlichen Stadt Mobile, weßhalb der Advocat glaubte, daß es bereits großen Werth haben müsse. Er rieth Robert, selbst nach America zu reisen, namentlich sich aber zuerst nach Havannah zu begeben, wohin bei dem Regierungswechsel die Spanier alle Landkarten und alle Nachweise über Landberechtigungen mit sich genommen hätten. Dort sollte er sich von der spanischen Behörde ein zweites solches Document als Duplicat über den Grand ausfertigen lassen und, damit versehen, dann nach Mobile reisen, um sich an Ort und Stelle über das Land und dessen Beschaffenheit zu erkundigen. Sollte er dann genöthigt sein, der Besitznahme wegen eine Klage anzustellen, so rieth ihm der Anwalt, niemals das Original-Document aus der Hand zu geben, sondern nur das Duplicat vorzulegen. Robert Walton hatte Medicin studirt und die Doctorwürde erhalten, die Aussichten für ihn als Arzt waren günstiger in America als in seinem Vaterlande, und da er mit seiner Schwester zusammen nur ein sehr geringes Vermögen von seiner Mutter geerbt hatte, so beschlossen die Geschwister, nach America überzusiedeln, wo sie vielleicht aus dem Landbesitz noch ein Capital lösen könnten. Nachdem sie nun die ganze Hinterlassenschaft ihrer Mutter zu Gelde gemacht hatten, waren sie nach New-York gesegelt und hatten dort, ohne sich aufzuhalten, diesen zur Abfahrt nach Havannah bereit liegenden Schooner bestiegen. Derselbe war nun in keiner Weise für die Aufnahme von Passagieren eingerichtet, seine Kajüte war klein und nur für den Capitän bestimmt, die Ueberfahrt aber auf einem großen, für Reisende mit allen Bequemlichkeiten 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • erstes kapitel] 13 versehenen Schiffe war kostspielig und die Geschwister mußten ihre kleine Baarschaft zu Rathe halten und sich nach ihrer Dekke strecken, da sie nicht wußten, wie lange sie aus der Tasche zu zehren genöthigt sein und wie viele Kosten sie noch zu bestreiten haben würden, bis sie nur Gewißheit darüber erhalten konnten, ob sie überhaupt noch ein Recht auf das in der Pergamentrolle bezeichnete Land hätten. Ihr Weg lag ja dem ewigen Sommer zu, und da bedurften sie wohl des Schutzes gegen Wind und Wetter nicht, sie konnten immer auf dem Verdeck sein, und der Capitän hatte ihnen für den Nothfall auch den Aufenthalt in der Kajüte zugesichert. Bisher hatten sie aber noch keinen Gebrauch von diesem Rechte gemacht; Robert hatte immer spät Abends eine Seegrasmatratze für Sarah’s Nachtlager aus der Kajüte auf das Verdeck getragen, und er hatte sich, in seinen Mantel gehüllt, neben sie zur Ruhe niedergelegt, in welcher Weise sie, von der erfrischenden Seeluft umspielt, viel angenehmer geruht hatten, als sie es in der heißen, dumpfen Kajüte im Stande gewesen sein würden. Das Schiff war bis unter die Luken im Verdeck voll Kohlen geladen, wodurch es sehr tief im Wasser ging und am schnellen Segeln gehindert wurde, zumal da der Wind nur leicht seine Segel füllte; dessenungeachtet hoffte der Capitän jetzt in zwei Tagen Havannah zu erreichen. Nun noch zwei Nächte und zwei Tage, und wir haben es überstanden, sagte Sarah freudig und schlug ihre kleinen Händchen in einander, es war doch eine lange, recht beschwerliche Reise. Von Liverpool bis New-York über sechszig Tage, und von da befinden wir uns nun schon wieder zwölf Tage lang zwischen Himmel und Wasser. Ja, beste Sally, antwortete Robert mit der gewohnten herzlichen Umänderung des Namens Sarah, es war deine Schuld, daß wir eine so lange Fahrt nach New-York hatten, ich wollte dir ja die vielen Beschwerlichkeiten auf dem Kauffahrer ersparen und mit einem Paketschiff reisen, du bestandest aber darauf, daß wir mit dem alten, schlechten Fahrzeuge gehen sollten. Mit dem Paketschiff würde uns Zweien die Passage über zweihundert Dollars gekostet haben, und so kamen wir zusammen für 5 10 15 20 25 30 35 14 Die alte spanische UrkUnDe noch nicht einmal die Hälfte hinüber, und die andere Hälfte haben wir in unserer Tasche behalten, versetzte Sarah heiteren Tones. Und du hast viel ausstehen und viel entbehren müssen, entgegnete der Bruder theilnehmend. Nein, guter Robert, ich habe nichts entbehrt, und die kleinen ungewohnten Unbequemlichkeiten habe ich gern ertragen; that ich es ja doch für dich mit. Jetzt ist es überstanden und wir können uns für das ersparte Geld in Havannah etwas zu Gute thun. Es soll dort sehr theuer sein. Gebe nur Gott, daß unsere Reise sich lohnen möge; am Ende lacht man uns noch aus, wenn wir unser altes Pergament vorzeigen! Du hast aber auch gar keinen Muth, Robert! Sollst sehen, dieses alte Pergament ist ein Zaubermantel, aus dem sich unermeßliche Schätze für uns entfalten werden; ja, ein ganzes Fürstenthum, in welchem du der Fürst und ich die Prinzessin sein werde. Am Ende liegt auch ein Goldberg und eine Diamantengrube darin, so daß wir ganze Kisten und Kasten voll davon auflesen können! Wie wollen wir dann aber arbeiten! Oder am Ende ist es ein großer Sumpf, in dem nur Alligatoren, Schlangen und Frösche leben – wollen wir dann aber auf das Fangen ausgehen! fiel Robert in demselben herzlichen Tone ein und fügte lachend noch hinzu: Nun, du gibst mir von deinen Diamanten und ich gebe dir von meinen Fröschen welche ab, so werden wir jedenfalls gut berathen sein. Keep full! – erschallte plötzlich wieder die zornige Stimme des Capitäns, und »du irischer Hund!« folgte noch hinterdrein, worauf der Matrose am Ruder, dessen Name Patrick war, erschrocken das Steuer etwas zur Seite schob, bis der Wind das erschlaffte Segel wieder gefüllt hatte. Mein Gott, wie habe ich mich erschreckt! sagte Sarah zusammenfahrend halblaut, er ist ein recht hartherziger Mensch, der Capitän, und besonders gegen diesen armen Irländer scheint er keinen Funken guten Gefühls zu haben. Ich will recht froh sein, wenn wir von ihm scheiden. Auch ich möchte nichts mit ihm zu theilen haben, er ist ein gemeiner Bursche, bemerkte Robert eben so leise, worauf Beide schweigend nach dem Capitän hinabschauten, der sich wieder ge- 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • erstes kapitel] 15 gen den Mast zurückgelegt hatte und in seine frühere nachlässige Ruhe versank. Es war eine Pause in der Unterhaltung der Geschwister eingetreten, während welcher sie wiederholt nach dem Segel hinauf- und dann nach dem Steuermann blickten, als besorgten sie, daß das Segel abermals erschlaffen und dann der Capitän noch zorniger werden möchte, doch der Matrose schien jetzt mit seinen Gedanken mehr bei seiner Aufgabe zu sein, denn sein Blick wanderte fortwährend zwischen dem Segel und dem Compaß hin und her, wobei er das Steuer bald links, bald rechts bewegte. Wenn die Behörden in Havannah uns nur das Duplicat des Documents ausfertigen, diese Spanier sollen ein indolentes, ränkevolles Volk sein, hub Robert wieder an. Du machst uns Beiden ein schönes Compliment, Herr Bruder, entgegnete Sarah lachend, wenn das unser Don Großpapa gewußt hätte, daß du so von ihm reden würdest, so würde er uns unser Fürstenthum sicher nicht haben erben lassen. Uebrigens hat es mit der Indolenz der Behörden nichts zu sagen; denn wir haben ja von unserm Minister des Auswärtigen den Empfehlungsbrief an den englischen Consul in Havannah, und der wird uns schon zu unserem Rechte zu verhelfen wissen. Du siehst immer schwarz und erwartest, daß Alles sich gegen deinen Wunsch gestalten würde, und ich nehme stets an, daß sich mein Hoffen erfüllen werde; wer von uns steht sich wohl besser dabei? Jedenfalls ich, denn ich erleide keine schmerzlichen Täuschungen, antwortete Robert. Nein, jedenfalls ich, fuhr Sarah scherzend fort, denn du trübst dir die ganze Zeit vor der Entscheidung der Frage, welche du doch nicht ändern kannst, während ich bis zu diesem Augenblick in meinem Hoffen vergnügt gewesen bin. Ich bleibe jedenfalls bei dem Goldberg und der Diamantengrube, finde ich dann wirklich einen Sumpf, so ist es immer noch Zeit, mich darüber zu betrüben! Denke dir es nun auch einmal so recht aus, daß wir Millionen erhielten und mit solchem Reichthum wieder nach unserem lieben Irland zurückkehren könnten – wäre das nicht prächtig? Und möglich ist es ja doch, denn das Land, welches nach der Schrift auf dem Pergamente uns gehört, ist groß genug, um so viel werth zu sein. 5 10 15 20 25 30 35 16 Die alte spanische UrkUnDe Hier hielt Sarah plötzlich inne, fuhr rasch herum und streckte die Hand nach Osten hin aus. Ach, sieh nur, Robert, wie wunderbar schön! sagte sie mit der ihr natürlichen frommen Begeisterung und heftete ihre großen Augen auf den vollen Mond, der wie eine glühend rothe Scheibe über dem fernen Meeresrande emporstieg und bald die dunklen Wogen mit einem glänzenden Silberlicht überflutete. Eine heilige Ruhe lag auf der See, der Wind erstarb mehr und mehr, und die Wellen schienen einschlafen zu wollen, denn wie ermattend verschwammen sie in einander, der weiße Schaum verlor sich von ihren Häuptern, als steckten sie dieselben unter die Bettdecke, und ihr ungestümes Brausen unter der Spitze des Schiffes versank in ein monotones Rauschen. Da sprang der Capitän mit einem lauten Fluche von dem Ballen, auf dem er lag, und stieß seinen Fuß heftig auf das Verdeck. Da holt der Teufel auch noch das letzte Bißchen Wind, und statt in zwei Tagen nach Havannah zu kommen, bleiben wir vielleicht noch zwei Wochen unterwegs, rief er, nach dem Segel hinaufsehend, zornig aus, wandte sich dann mit den Worten nach den Matrosen auf dem vorderen Theile des Schiffes: Wenn frischer Wind kommt, so ruft mich! und schritt in die Kajüte hinein. Hast du es gehört, Sarah? Er meint, wir könnten noch einige Wochen unterwegs bleiben; das ist ja um zu verzweifeln! hub Robert an, als der Capitän verschwunden war. Es wäre allerdings unangenehm, aber verzweifeln wollen wir darum noch nicht, denn man kann es ja nicht wissen, ob wir nicht morgen wieder guten Wind bekommen. Sollte es aber wirklich wahr werden und wir blieben länger unterwegs, als wir es wünschen, so wollen wir uns ruhig in unser Schicksal ergeben. Es ist doch reizend schön unter diesem südlichen Himmel, und die Reise wird uns lebenslang eine herrliche Erinnerung bleiben, entgegnete Sarah freundlich. Willst du aber nicht hinunter in die Kajüte gehen und die Matratze herauf holen, ehe der Capitän sich zur Ruhe gelegt hat? Ja, ja, sogleich! antwortete Robert aufspringend; er möchte sehr ungehalten werden, wenn ich ihn im Schlafe störte. – Hiermit 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • Zweites kapitel] 17 sprang er schnell hinunter in die Kajüte und kehrte nach wenigen Minuten mit der Matratze und einer Decke zurück, die er auf das Verdeck niederlegte und sagte: So, nun wünsche ich dem Herrn Capitän einen recht guten Schlaf, so daß er uns bis zum Morgen mit seiner Gegenwart verschonen möge. Ein Gleiches wünsche ich ihm von ganzem Herzen, fiel Sarah ein, mir ist es unheimlich in seiner Nähe, sein Blick trifft mich manchmal, daß ich vor ihm erschrecke, er kommt mir vor, wie ein Raubthier – ich glaube, er gibt einer Hyäne an Grausamkeit nichts nach! Viel Gutes liegt nicht in ihm, das ist sicher, doch was kümmert es uns? Er muß uns nach Havannah bringen, und damit hat unsere Beziehung zu ihm ihr Ende erreicht, antwortete Robert, trat einige Schritte zur Seite und fuhr, nach dem Segel hinaufschauend, fort: Ich glaube es beinahe selbst, daß der Wind sich gänzlich legt; das Segel füllt sich nur noch wie mit langsamen Athemzügen. Neben der Unannehmlichkeit aber, daß wir ohne Wind nicht aus der Stelle kommen, werden wir ihn auch als Beistand gegen die Sonnengluth sehr vermissen. Mach’ dir keine unnötigen Sorgen; wie es kommt, so müssen wir es nehmen und das Beste daraus machen, entgegnete Sarah guten Muthes, du wirst meinen großen Plaid über uns ausspannen, dann soll die Sonne uns nichts anhaben können. Willst du dich aber noch nicht zur Ruhe niederlegen, es ist schon spät, hub Robert nach einiger Zeit an, welche sie traulich verplaudert hatten. Die Nacht ist gar zu herrlich, und wenn der Wind wirklich erstirbt, so wird es das Beste sein, wenn wir bei Tage schlafen und während der Nacht wachen, antwortete Sarah, und erhob sich, um mit ihrem Bruder auf dem Verdeck hin- und her zu wandeln, indem sie noch hinzufügte: Ich fühle auch noch keine Spur von Müdigkeit, und sich niederlegen und den Schlaf gewaltsam herbeiziehen, heißt sich selbst um ein Stück Leben betrügen; denn ohne Bewußtsein lebt man nicht. Bist eine kostbare Philosophin, sagte Robert, laut auflachend, wenn es uns einmal an Geld fehlt, sollst du ein Buch mit Sprüchen der Weisheit herausgeben! 5 10 15 20 25 30 35 18 Die alte spanische UrkUnDe Und du sollst die Klagen des Heraklit dazu schreiben, dann wird die lustige und die traurige Welt unser Buch sicher kaufen, entgegnete Sarah mit gleicher Heiterkeit. Lange Zeit waren sie so plaudernd auf- und niedergegangen, als Robert plötzlich stehen blieb und, um sich schauend, sagte: Irre ich mich, oder ist es wahr, daß es nach Steinkohlenrauch riecht? Es kommt mir auch so vor, versetzte Sarah, ihr Köpfchen hinund herdrehend. Wahrscheinlich kommt es aus der Küche dort, fuhr Robert fort, indem er nach dem unteren Verdeck auf ein viereckiges, hölzernes Häuschen zeigte, dessen zu seinen beiden Seiten angebrachte Thüren geschlossen waren. Dann wandte er sich nach dem Matrosen am Steuer um und fragte ihn: Werden denn in der Küche Steinkohlen gebrannt, Patrick? Jawohl, Herr Walton, doch gleich nach dem Abendessen wird das Feuer mit Wasser ausgelöscht; es ist sicher kein Funke mehr auf dem Heerde, antwortete der Matrose. Es riecht wirklich auffallend stark nach Kohlenrauch, fuhr Robert fort und trat an die Brüstung des oberen Verdecks über den Eingang in die Kajüte. Mein Gott, der Rauch kommt aus der Kajüte, hier steigt er ja vor mir auf – ich sehe ihn ganz deutlich. In diesem Augenblick rief die Stimme des Capitäns in der Kajüte »Feuer!«, und im nächsten stürzte er aus der Thür hervor und schrie: Das Schiff steht in Feuer, die Kohlen brennen! Wie ein plötzlicher, betäubender Donnerschlag wirkte der Ruf auf die Mannschaft sowohl wie auf die beiden Passagiere. Alle standen wie erstarrt und ließen ihre Blicke unwillkürlich über die silbern glänzende See schweifen, als erkännten sie in der weiten Oede die Unfehlbarkeit ihres Unterganges. Auch der Capitän blieb mit geballten Fäusten vor der Kajüte stehen und stierte regungslos in deren Eingang; doch er war der Erste, der seinen Gefühlen Worte gab, er stieß einen gräulichen Fluch aus, stampfte mit dem Fuße das Verdeck und rief: Verdammt die Hunde in New-York, die mir nasse Kohlen geliefert haben! Dann wandte er sich mit derselben wüthenden Stimme an die Matrosen und schrie: Macht das große Boot frei und schafft es über Bord, ehe das Feuer die Wand durchfrißt und wir mit dem Schooner wie 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • Zweites kapitel] 19 ein Bleiklumpen bis auf den Meeresgrund hinunterschießen; wir sind nicht eine Minute sicher davor! Die ganze Mannschaft und der Capitän selbst stürzten nach dem großen Boote, welches auf der Mitte des unteren Verdecks festgebunden stand, zerschnitten die Taue, die es hielten, und hoben es mit allen Kräften von seiner Unterlage nach der Brüstung hin. Man sah es ihnen an, daß sie, aus einem Augenblick starrer Verzweiflung erwacht, von der Hoffnung auf mögliche Rettung getrieben, arbeiteten, um den glühenden Grund unter ihren Füßen so schnell als möglich zu verlassen. Sarah hatte sich in ihrem Schrecken dem Bruder an die Brust geworfen, und Beider Blicke hingen angstvoll an der ungestüm thätigen Mannschaft. Eines festen Gedankens waren sie im Augenblick nicht mächtig, es umschwirrte ihre Sinne in tausend verworrenen Bildern des Todes, es umloderten sie im Geiste die Flammen und deren verzehrende Gluth; sie fühlten das Schiff unter sich in die bodenlose Tiefe sinken, sie sahen die Ungeheuer des Meeres auf dessen Grund die gähnenden Rachen nach sich öffnen, und das stille, sorglose Glück in der zurückgelassenen Heimath zog wie ein Vorwurf durch ihre Seele. Da erschien in ihrem wirren Gedankenfluge das Pergament, der Urheber ihres jetzigen Schicksals; sie sahen das Boot über die Brüstung hinab auf die ruhige Flut sinken, und ein Hoffnungsstrahl schoß in ihnen auf. Das Document! sagte Sarah mit bebenden Lippen, wir müssen es mit uns nehmen. Mein Gott, wenn das Feuer es schon ergriffen hätte – es liegt ja in der Kajüte in unserem Koffer! entfuhr es Robert, indem er aus dem lähmenden Entsetzen aufschreckte und die Treppe hinab nach der Kajüte sprang. Sarah, die Hände krampfhaft gegen die Brust drückend, folgte ihm mit dem Blick, indem sie sich über das Geländer hinabbeugte und mit stockendem Athem dort seiner Rückkehr harrte. Schon nach wenigen Augenblicken aber eilte er wieder, den Koffer auf der Schulter, aus der Thür und zu Sarah auf das obere Verdeck, wo er seine Bürde niederstellte, hastig das Pergament daraus hervornahm und es in seinem Busen verbarg. 5 10 15 20 25 30 35 20 Die alte spanische UrkUnDe Nun komm, Sarah, in Gottes Namen in das Boot, er wird uns beistehen, sagte er, ergriff die Hand des geängstigten Mädchens und führte es auf das untere Verdeck, während Patrick das Steuer festgebunden hatte und ihnen eben so eilig folgte. Das Boot hatte den Wasserspiegel erreicht, einige Matrosen hatten sich an einem Tau in das dasselbe hinabgelassen und der Capitän stand, der übrigen Mannschaft Befehle ertheilend, an der Brüstung und ließ ein Wasserfaß und Nahrungsmittel herbeiholen und in das Boot befördern. Bebenden Fußes trat Sarah, von ihrem Bruder geführt, zu ihm heran, als er seinen Blick ihnen entgegenrichtete und mit barschem Tone sagte: Es ist kein Platz für Sie in dem Boote, es wird kaum die ganze Mannschaft tragen können, worauf er sich mit den Worten zu Patrick wandte: Auch du, irischer Lump, mußt zurückbleiben, kannst nun den Schooner allein steuern und brauchst die Segel nicht mehr voll zu halten! Aber Capitän, wie können Sie uns zurücklassen wollen? rief Robert ihm entsetzt zu. Wir sind Ihre Passagiere, wir haben unsere Fahrt bis Havannah bezahlt, und es ist Ihre Pflicht, für unsere Sicherheit zu sorgen, so lange es in Ihrer Macht steht; wir haben dasselbe Recht auf den Platz in dem Boote, wie Ihre Mannschaft. So versuchen Sie es, Ihr Recht geltend zu machen; wenn es an das Leben geht, so sorgt ein Jeder für sich selbst, antwortete Shuck. Können Sie einen der Matrosen zurückhalten und seinen Platz im Boote einnehmen, so bin ich es zufrieden; ich habe jetzt eben so wenig Gewalt über die Leute, wie Sie. Ich bitte Sie, Capitän, ich flehe Sie an, seien Sie doch menschlich, haben Sie doch Mitleid mit meiner Schwester, rief Robert in höchster Verzweiflung und schlang seinen Arm um die todtbleiche Sarah. Gut, Ihre Schwester will ich mitnehmen, für Sie aber haben wir keinen Platz, versetzte der Capitän mit einem wilden Blick auf das bebende Mädchen. Doch kaum waren die Worte über seine Lippen getreten, als Sarah die Hand abwehrend nach ihm ausstreckte und rief: Nimmermehr, wo du bleibst, Robert, da bleibe auch ich, und wenn du stirbst, so sterben wir zusammen! Dabei schlang sie ihre Arme fest um ihn und warf dem Capitän einen verächtlichen Blick zu. 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • Zweites kapitel] 21 Wie Sie wollen, Fräulein, entgegnete dieser mit einem boshaften Lächeln, ich meinte es gut mit Ihnen; es ist aber geradezu unmöglich, daß das Boot noch eine Person mehr trage, denn bei der leichtesten Bewegung der See würde es sich mit Wasser füllen und mit uns Allen versinken. Patrick stand schweigend hinter den Geschwistern, denn er wußte, daß jedes Wort, welches er um Aufnahme an den Capitän richten möchte, doch vergebens sein würde. Während Robert nun, mit Sarah im Arm, wirren, betäubten Sinnes zurückwankte und diese ihre bleiche Wange gegen seine Schulter sinken ließ, wurden die letzten von dem Capitän befohlenen Vorräthe in das Boot hinab befördert, und er so wie die Matrosen glitten nun mit solcher Eile an dem Tau gleichfalls in dasselbe hinunter, als verließen sie den Gipfel eines Vulcans, der seine glühenden Eingeweide auszuwerfen im Begriffe stehe. Das Ende des langen Taues, welches von der Brüstung in die See hinabhing, befestigten Sie an dem Boote und ließen sich nun von dem langsam vorwärts gleitenden Schooner in einer Entfernung von sechszig Schritt hinter ihm her ziehen. Robert und Sarah waren neben der Kajütenthür auf der Treppe, welche nach dem obern Verdeck führte, schweigend zusammengesunken, und Patrick stand, mit den Händen in den Taschen seiner kurzen Jacke, neben ihnen und sah theilnehmend auf sie nieder, wie sie in dumpfer Verzweiflung gesenkten Hauptes und mit gefalteten Händen da saßen. Wenn uns der liebe Gott nur Wind sendet, dann können wir doch vielleicht gerettet werden, hub er tröstend an, denn wir sind hier in dem Hauptfahrwasser zwischen Cuba und der Küste von America. Hunderte von Schiffen fahren darin hin und her, und wir werden gewiß mehreren begegnen. Verzweifeln Sie nicht, wer weiß denn, ob das Feuer in den Kohlen schon weit um sich gegriffen hat – der Rauch ist ja noch nicht stark. Die Worte des armen Landsmannes fielen wie Hoffnungsfunken in die Herzen der Verzweifelnden, die nur noch den unvermeidlichen nahen Untergang vor Augen hatten. Der Wechsel von jugendlicher, lebensfroher Sorglosigkeit zur Todesgewißheit war zu plötzlich gewesen, als daß sie noch an die Möglichkeit einer 5 10 15 20 25 30 35 22 Die alte spanische UrkUnDe Rettung hätten denken können, sie waren von der Schwere ihres Schicksals betäubt niedergeworfen und hatten sich ihm widerstandslos ergeben. Das Trostwort des Matrosen aber weckte sie aus ihrer starren Abgespanntheit; sie sahen fragend, doch hoffend zu ihm auf, und Thränen traten in ihre Augen, da fuhr Patrick in demselben theilnehmenden Tone fort: Ja, lassen Sie uns hoffen, daß der Himmel uns gnädig sein werde, daß er uns wieder günstigen Wind sende, damit ich den Schooner in demselben Cours steuern kann, ohne die Segel versetzen zu müssen, dann wird uns gewiß ein Schiff Hülfe bringen. Jetzt kommen Sie mit mir an das Ruder, Herr Walton, damit ich es Ihnen zeige, wie Sie steuern müssen, wenn meine Hände anderswo nöthig werden sollten. Hiermit sprang der Matrose die Treppe hinauf und Robert folgte ihm mit Sarah im Arme auf das obere Verdeck. Fasse Muth, Sarah, sagte Robert beruhigend zu ihr, indem er sie zu der Bank führte, die Gefahr wird so groß noch nicht sein. Wie groß sie ist, das sahen wir an dem Capitän und an der Mannschaft; wenn sie nicht befürchtet hätten, an Bord dieses Schiffes in jedem Augenblicke ihr Leben auf das Spiel zu setzen, so würden sie es nicht mit solcher Eile verlassen haben, entgegnete das Mädchen, sich ermannend. Ich bin gefaßt, Robert, laß mich aber in deinen Armen in das Meer hinuntersinken, dann wird es mir leichter werden, zu sterben! Nein, beste Sarah, wir werden gerettet werden, Patrick ist davon überzeugt; er sagt ja, wir müßten bald einem Schiffe begegnen, fuhr Robert überredend fort. Ohne Wind? versetzte Sarah, indem sie ihr Haupt schüttelte. Wir bewegen uns ja kaum noch vorwärts, und der Capitän meinte, wir könnten wohl wochenlang Windstille bekommen. Sieh doch nur das Segel an, es füllt sich ja schon wieder, entgegnete Robert tröstend. Das sind die letzten Athemzüge vor dem Hinsterben, sagte das Mädchen halblaut, als Patrick rief: Kommen Sie, Herr Walton, Sie müssen das Steuer führen, damit ich es versuche, mich über den Stand des Feuers in den Kohlen zu unterrichten! Es wäre ja möglich, daß wir es noch löschen könnten! 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • Zweites kapitel] 23 Du darfst aber keine Luke öffnen, Patrick, versetzte Robert, zu diesem an das Ruder tretend, denn ein Luftzug könnte die Gluth in Flammen setzen! Lassen Sie mich nur sorgen, ich werde sehr vorsichtig sein, entgegnete der Matrose und beschied Robert nun, wie er das Ruder regieren müsse, um das Schiff zu steuern. Dies war aber sehr leichte Arbeit, denn der Wind hauchte nur von Zeit zu Zeit in das Segel, kaum hinreichend, um den Schooner in seiner Richtung zu erhalten. Als Robert seine Stelle als Steuermann eingenommen hatte, begab sich Patrick in die Kajüte hinab, in deren Fußboden sich so wie auf dem vorderen Verdeck eine mit einem Deckel verschlossene Oeffnung befand, welche in den mit Kohlen angefüllten unteren Schiffsraum führte. Die Kajüte war voll Rauch, welcher unter den Seiten des Dekkels aus der Oeffnung hervorquoll, und Patrick hob diesen mittels einer Axt empor, worauf ihm eine dichte Rauchwolke, aber keine erhebliche Hitze aus den Kohlen entgegenstieg. Er verschloß die Luke schnell wieder, so fest er konnte, und eilte nun nach der, welche sich auf dem vorderen Verdeck befand und welche mit getheerter Leinwand dicht überzogen war. Auch hier kam ihm, als er sie öffnete, dichter Rauch entgegen, zugleich aber strömte bedeutend mehr Hitze daraus hervor, als in der Kajüte. Hier mußte die Gluth in den Kohlen näher liegen. Nur einige Augenblicke schaute der Matrose sinnend in die Oeffnung hinab und überlegte, ob er den Versuch unternehmen solle, das Feuer durch Eingießen von Wasser zu löschen; die Masse der Kohlen aber war zu groß und der damit angefüllte Raum zu lang, als daß er auf einen günstigen Erfolg hätte rechnen können, während durch den Zutritt der Luft das Feuer um so schneller um sich greifen mußte. Er schloß darum auch diesen Eingang so fest wie möglich, holte dann aus der Matrosen-Kajüte viele wollene Decken, tauchte sie in die See und überdeckte beide Luken damit. Das Feuer ist noch nicht weit verbreitet, es liegt mehr im vorderen Theile des Schiffes und kann noch lange Zeit in sich fortglühen, ehe es uns Gefahr bringt, sagte Patrick, als er zu Robert zurückkehrte und den Dienst am Steuer wieder übernahm. Nun legen Sie sich Beide zur Ruhe, damit Sie mich, wenn der Tag kommt, am Ru- 5 10 15 20 25 30 35 24 Die alte spanische UrkUnDe der ablösen können. Sie dürfen ruhig schlafen – morgen, so Gott will, werden wir einem Schiffe begegnen. Diese Worte sagte der ehrliche, theilnehmende Bursche so laut, daß es Sarah hören mußte, und die Ruhe und Zuversicht, mit der er sprach, verfehlten auch nicht die beabsichtigte Wirkung bei ihr. Sie erhob sich von der Bank, auf welcher sie in sich versunken gesessen hatte, schritt zu dem Matrosen hin und sagte, indem sie ihm ihre Hand reichte: Dank, guter Patrick, für deine Hülfe, für deinen Trost! Morgen mußt du auch mich belehren, wie man das Ruder führt, damit auch ich euch ablösen kann – es ist ja keine schwere Arbeit. Dann drückte sie ihm nochmals die rauhe Hand, Robert that dasselbe, und Beide legten sich dann zur Ruhe nieder, Sarah auf die Matratze und ihr Bruder, in eine wollene Decke gehüllt, daneben auf das Verdeck. Sie fühlten sich gefaßter, die Hoffnung hatte in ihren Herzen wieder Wurzel geschlagen, dennoch blieb der Schlaf ihnen fern; der Gedanke, auf einem glühenden Kohlenlager in offener See zu schwimmen, wehrte ihn von ihnen zurück. Es war so unheimlich still um sie her, kein Laut, keine Bewegung zog ihre Aufmerksamkeit an, um, wenn auch nur für einen Augenblick, ihre Gedanken von den Schreckbildern zu befreien, welche ihre verzweifelte Lage denselben unaufhörlich und in so entsetzlicher Weise aufdrängte. Doch sie regten sich nicht, sie wollten sich gegenseitig glauben machen, sie wären beruhigt in Schlaf gesunken, um dadurch dem Anderen Ruhe einzuflößen. Sarah blickte bald nach dem Matrosen, der gedankenvoll und unthätig am Ruder stand, denn das Schiff bedurfte bei dem hinsinkenden Winde keines Führers, dann schaute sie über sich nach dem Segel, welches schlaff und regungslos herabhing, und wieder wandte sie ihren Blick seitwärts nach dem unteren Verdeck, von wo der kaum sichtbare Rauch aus der Kajütenthür empor und nach ihr herüber wirbelte. Die See war spiegelglatt, nur in langen, gedehnten, wellenförmigen Linien hob sie sich auf und nieder, so daß, wenn der Schooner 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • Drittes kapitel] 25 in die Vertiefung sank, Sarah das Boot mit der Mannschaft auf der Höhe der Flut sah und in dem tageshellen Mondlichte erkannte, daß die Leute darin, mit Ausnahme von einem Manne, sich in demselben niedergelegt hatten. Sie fühlte sich so beklommen, so rastlos, sie kam sich in dieser starren Ruhe vor wie eine Gefangene, die zu Tode gefoltert werden sollte – o, hätte sie dem Wind und den Wellen gebieten und einen Sturm heraufbeschwören können, um nicht in dieser gräßlichen Stille minutenweise dem Tode näher zu kommen! Sie wollte aufspringen, doch ihr Blick fiel auf ihren Bruder. Der Schlaf hatte sich seiner jetzt wirklich erbarmt, er hatte das Elend, dem sie verfallen waren, vergessen, sie durfte ihn nicht wecken, durfte ihn nicht in die Wirklichkeit zurückrufen. Sie hob ihren Blick zu dem Monde auf, der so mild, ja, der wie tröstend auf sie niederschaute; Thränen entquollen ihren Augen, sie faltete die Hände und flehte zu dem Allmächtigen um Erbarmen und Rettung aus dieser großen Noth. Wieder und wieder hob sie in ihrem inbrünstigen Gebete die Hände hoch über sich und sank dann, ihre Augen mit denselben bedeckend, auf ihr Lager zurück. Sie weinte bitterlich, – sie schluchzte lange, ihre Lider sanken und der Schlaf nahm auch sie mitleidig in seine Arme. Erschöpft von der Angst und der Verzweiflung, welche ihre Seelen so zu Tode erschüttert hatten, lagen sie Beide unbeweglich da, und nur von Zeit zu Zeit noch entstieg Sarah’s Brust ein krampfhaft zitternder Athemzug, während die Thräne, welche ihren langen Wimpern beim Einschlummern entrollt war, noch auf ihrer Wange im Mondlicht glänzte. Der Wind war vollständig erstorben, der rosige Hauch am östlichen Himmel verkündete den nahenden Morgen und der Glanz der Sterne verblich, da band der Matrose das Steuer fest, damit es nicht mit jedem Auf- und Niedersteigen der glatten Flut hin und her schlagen und das Fahrzeug dadurch aus seiner Richtung bringen solle, und schritt nun leise zu den Schlafenden hin. Mit inniger Theilnahme auf seinen wettergebräunten Zügen blieb er einige Augenblicke bei ihnen stehen und schaute auf sie nieder, dann schüttelte er wehmüthig den Kopf und ging nun eben 5 10 15 20 25 30 35 26 Die alte spanische UrkUnDe so leise nach dem unteren Verdeck hinab, um in der Kajüte nachzusehen, ob der Rauch sich dort vermehre. Dieselbe war stark damit gefüllt, und auch der Luke auf dem vorderen Theile des Schiffes entquollen dichte Dampfwolken, während der Fußboden um dieselbe fühlbar warm geworden war. Er holte noch eine Anzahl wollener Decken aus der Matrosen- Kajüte, durchnäßte sie in der See, breitete sie über die schon auf den Luken liegenden aus und übergoß dann das Verdeck mit Seewasser, nachdem er die Abzugsöffnungen rund um dasselbe verstopft hatte, so daß das Wasser mehrere Zoll hoch darauf stand. Auch in die Kajüte goß er viel Wasser, und als er die Arbeit vollbracht hatte, war es heller Tag geworden. Patrick war wieder hinauf zu den Schlafenden getreten und sah besorgt bald nach ihnen, bald nach den Möven hin, die sich abermals bei dem Schiffe einfanden und, dasselbe umkreisend, mit ihren krächzenden Stimmen sich den Morgengruß zuriefen. Doch der Schlaf hielt die Geschwister zu fest umfangen, als daß der Schrei der vorüberschwebenden Vögel sie hätte erwecken können. Patrick hatte wiederholt nach dem Boote hinübergeblickt und gesehen, wie die Mannschaft darin sich aufsetzte, und jetzt bemerkte er, daß mehrere Matrosen die Ruder einlegten und nach dem Schooner heranfuhren. Banld hatte das Boot dessen Seite erreicht, worauf der Capitän nach Patrick hinaufrief: Hole mein Fernrohr aus der Kajüte und wirf es mir herunter! Bei dem Tone dieser Stimme fuhren Sarah und Robert zugleich aus ihrer Ruhe auf und sprangen erschrocken empor. Mit Entsetzen erkannten sie ihre Lage wieder, und Sarah klammerte sich mit den Worten an ihres Bruders Arm: O Gott, wir sind verloren! Robert, sieh nur, wie der Rauch hier und dort so schwarz aufsteigt! Beruhigen Sie sich, Fräulein, sagte der Matrose tröstend zu ihr und eilte in die Kajüte, um den Befehl des Capitäns zu erfüllen. Als er mit dem Fernglas an die Brüstung trat und dasselbe dem Capitän zuwarf, fragte dieser: Ist der Fußboden in der Kajüte heiß? 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • Drittes kapitel] 27 Nein, Herr, dieselbe ist aber so mit Rauch gefüllt, daß man nichts darin erkennen kann, antwortete der Matrose mit verbissenem Grimme und trat, ihm den Rücken zukehrend, von der Brüstung hinweg. So brennt das Feuer wahrscheinlich nach der Seite und wird dort der See bald eine Oeffnung machen. Ehe der Abend kommt, holt der Teufel das Schiff ! rief der Capitän und wandte sich dann zu seiner Mannschaft: Vorwärts, macht, daß wir von ihm fortkommen, damit uns der Strudel nicht erfaßt, wenn es hinunterschießt, sonst möchten wir auch zur Hölle fahren! Während das Boot nun eilig davongerudert wurde, setzte sich der Capitän wieder in dessen Vordertheil nieder, wo das Tau von dem Schooner festgebunden war, um es sofort mit dem Beil zu zerhauen, wenn derselbe sinken würde. Verlieren Sie den Muth nicht, sagte Patrick zu dem angsterfüllten Geschwisterpaar, als er zu ihm auf das obere Verdeck zurückkehrte, der Seemann darf die Hoffnung nicht aufgeben, so lange er den Kopf noch über dem Wasser hält. Die langen Dunststreifen dort in dem Morgenroth bedeuten Wind. Gott der Allmächtige mag ihn uns zusenden! flehte Sarah, durch ihre Thränen nach dem schon verbleichenden östlichen Himmel schauend, und streckte ihre Hände dahin aus, als könne Sie den Wind zu sich heranziehen. Ich werde das Faß mit Brod und das abgekochte Fleisch aus der Vorrathskammer in der Kajüte heraufholen, ehe der Rauch es unmöglich macht, hineinzugehen, nahm Patrick wieder das Wort und trug dann eilig eine Menge Lebensmittel auf das obere Verdeck, wobei Robert ihm hülfreiche Hand lieh. Du hast Wasser über das Schiff gegossen, sagte dieser zu dem Matrosen – wollen wir nicht noch mehr darauf schöpfen? Ich wollte Sie eben darum bitten, mir dabei zu helfen, antwortete Patrick; wenn das Feuer durch das Verdeck brennt, so wird das Wasser in die Oeffnung fließen und die Gluth unter derselben löschen; je mehr wir darauf gießen, desto besser. Beide begaben sich nun eiligst an die Arbeit und hoben mit unermüdlicher Anstrengung Seewasser in Eimern auf das untere Verdeck, bis es den erhöhten Rand um die Luke überstieg, dennoch 5 10 15 20 25 30 35 28 Die alte spanische UrkUnDe aber quoll der Rauch immer stärker aus den darauf liegenden Dekken hervor und wirbelte sich wie eine schwarze Säule hoch in die unbewegte Luft hinauf. Auch aus der Kajütenthür drang er in dichten Wolken, trotz des vielen Wassers, welches die beiden Männer hineingossen. Dabei stieg die Sonne immer höher, und immer glühender brannten ihre Strahlen auf das regungslos daliegende Schiff nieder. Robert hatte für Sarah ein Segeltuch über der Bank ausgespannt, um ihr einen schattigen Sitz zu schaffen; doch die Hitze war entsetzlich und der Wiederschein des Sonnenlichtes von der See war blendend. Patrick that alles, was in seinen Kräften stand, um seinen beiden Landsleuten ihre Lage erträglich zu machen und ihnen Trost und Hoffnung einzureden; er kochte Kaffee für sie, er reichte ihnen Trinkwasser, er holte durch den erstickenden Rauch einen Fächer für Sarah aus der Kajüte – doch mit jeder langsam und marternd dahinziehenden Stunde steigerten sich die Anzeichen wachsender Gefahr. Als die Sonne sich endlich in das Meer tauchte und die dem Aufsteigen des Mondes vorangehende Dunkelheit sich über die See breitete, da sank Sarah wieder in Thränen zusammen, und alle beruhigenden Worte ihres Bruders, alles hoffnungsvolle Zureden des Matrosen vermochten nicht, sie aufzurichten. Die Finsterniß mehrte das Schauerliche, das Unheilschwere an Bord des Schooners, in jedem Augenblicke erwarteten die drei auf ihm zurückgelassenen Unglücklichen den ersten Gluthpunct zu erblicken, wo die Feuermassen in seinem Innern sich nach außen Luft machten, um dann in hellen Flammen aufzulodern; bei jedem knarrenden Tone, den der sich langsam wiegende Mast erzeugte, schreckten sie mit dem Gedanken auf, daß das Schiff unter ihren Füßen explodiren und das Verdeck mit ihnen in die Luft fliegen werde, und bei jedem Schritte, den sie thaten, dachten sie, daß plötzlich der Boden unter ihren Füßen verschwinden, das Fahrzeug in die Tiefe schießen würde und sie selbst hülflos mit der Flut um ihr Leben kämpfen müßten. Endlich hob der Mond sein ruhiges Antlitz wieder über das Meer empor und verscheuchte die beängstigende Dunkelheit; sein 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • Drittes kapitel] 29 Schein war nicht ganz klar, seine Außenlinie verschwamm in einem breiten duftigen Lichtstreife, und vor ihm her zogen lange weiße Streifen wie Nebelwolken am Himmel auf. Dort kommt der Wind! rief der Matrose freudig aus. Noch ehe der Tag erscheint, wird er bei uns sein und unser Segel füllen! Habe ich es Ihnen nicht gesagt, Fräulein, wir würden bald wieder Wind kriegen und dann auch einem Schiffe begegnen? So Gott will, wird es schon morgen geschehen, und alle unsere Angst, unsere Sorgen sind unnöthig gewesen! O, daß du wahr redetest, guter Patrick! Wenn es nicht bald geschieht, so wird uns kein Schiff mehr auf der Oberfläche des Meeres treffen! antwortete Sarah, doch nicht ohne Hoffnung in ihrer Stimme, und hing gleichfalls mit sehnsüchtigem Blicke an dem leicht verschleierten Monde. So viele Beruhigung, so viele Hoffnung das bleiche Licht aber auch brachte, so zeigte es doch zugleich die zunehmende Fülle und Schwärze des Rauches, der sich jetzt mehr über das ganze Schiff verbreitete und sich rund um dasselbe auf der See lagerte. Die Hoffnung aber sollte schon nach wenigen Stunden siegen, denn noch vor Mitternacht zog plötzlich der Rauch über die rechte Seite des Schiffes, die spiegelglatte Fläche des Meeres begann sich zu kräuseln und das Segel bewegte sich leise hin und her, bis es sich blähte und den Schooner wieder rauschend durch die lebendig werdende Flut trieb. Treten Sie hieher an das Ruder, Herr Walton, ich will das Segel etwas strammer ziehen, damit wir alle mögliche Schnelligkeit gewinnen! rief der Matrose diesem mit eifriger Stimme zu und sprang, ihm seinen Platz überlassend, nach dem Segeltau, um es mehr anzuziehen. In seiner Eile bemerkte er nicht, daß ein anderes Tau über jenes um den hölzernen Pflock geschlungen war, und als er dasselbe gelöst hatte, glitt es durch seine Hand und fiel in die See hinab. Patrick blickte erstaunt über Bord, denn er erkannte jetzt, daß es nicht das Segeltau, sondern das Ende des Seiles war, an welchem das Boot dem Schiffe folgte. Kaum war es in das Wasser gefallen, als ein entsetzliches Geschrei von dem Boote her nach dem Schooner ertönte, denn jenes 5 10 15 20 25 30 35 30 Die alte spanische UrkUnDe blieb sehr schnell hinter diesem zurück, und der Capitän und die Mannschaft sandten ihm Hülferufe, Flüche und Verwünschungen nach; aber hätte es auch in dem Willen Patrick’s gelegen, das Schiff in seinem Laufe zurückzuhalten, um das Boot wieder ins Schlepptau zu nehmen, so stand es doch nicht in seiner Macht, denn der Wind nahm von Augenblick zu Augenblick zu, und ehe der Matrose überlegte, was er thun könne und solle, waren die Stimmen der Mannschaft im Boote verhallt und dasselbe in der Ferne nur wie ein dunkler Punct noch zu erkennen. Ich habe es nicht absichtlich gethan, der Allmächtige ist mein Zeuge, sagte Patrick feierlich und in einem Tone, in welchem Mitleid nicht zu verkennen war; Gott hat sie bestraft für die herzlose Grausamkeit, die sie an Ihnen begingen, denn wenn die See höher steigen sollte, so kann sich das Boot nicht lange über Wasser halten. Ich wünsche Ihnen nichts Böses, ich möchte jetzt aber auch nicht mit ihnen tauschen. Dabei hielt er seinen Blick nach der Gegend hin, wo das Boot schwamm, winkte mit der Hand, als wolle er der Mannschaft noch ein Lebewohl nachrufen, und zog nun das Segel straffer an, so daß der Schooner eiliger dahinglitt und der Schaum sich höher unter seiner Spitze aufthürmte. Die wenigen Stunden bis zum Morgen verstrichen in rastloser, angstvoller Anstrengung der beiden jungen Männer, indem sie fortwährend Seewasser auf das Verdeck und in die Kajüte gossen, während Sarah am Steuer stand und das Fahrzeug so gut sie konnte in seinem Cours erhielt. Das Tageslicht aber und der frische Wind fachten die Hoffnung in ihren Herzen mehr und mehr an, obgleich der Rauch immer dichter und immer schwärzer aus der Luke und aus der Kajütenthür hervorströmte. Es war ein Wettlauf zwischen den Schiffern und dem Feuer unter ihren Füßen, und Leben und Tod hing davon ab, wer zuerst sein Ziel erreichte: die Schiffer ein rettendes Fahrzeug, oder das Feuer einen Ausweg aus seiner Gefangenschaft. Alle Drei ließen ihre sehnsüchtigen Blicke über die weite Wasserfläche schweifen, um ein am Horizonte auftauchendes Segel zu 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • Viertes kapitel] 31 erspähen, und Patrick hörte nicht auf, seinen Unglücksgefährten dies in sichere Aussicht zu stellen, um sie zu ermuthigen und ihre Hoffnung nicht sinken zu lassen. Stunde auf Stunde verstrich, die Sonne stand schon im Zenith, da plötzlich begann das Wasser über der Luke auf dem vorderen Verdeck zu sprudeln, es warf hohe Blasen empor, und im nächsten Augenblick flog es prasselnd und zischend mit einer dichten grauen Dampfsäule über der Oeffnung in die Höhe und warf die wollenen Decken zur Seite. Mit furchtbar krachendem Getöse stürzte es in die Luke hinein, und die beiden Elemente erschütterten in ihrem Kampf durch rasch sich folgende Explosionen das Schiff in allen seinen Fugen. Das Wasser aber siegte für den Augenblick, das Feuer unter der Luke wurde von ihm erstickt und brausend wirbelten glühende Dämpfe über ihm auf. Robert, lass’ mich mit dir sterben! schrie Sarah, als die Decken von der Oeffnung flogen, ließ das Ruder fahren und wollte die Treppe hinab zu ihrem Bruder eilen. Doch Patrick sprang ihr mit den Worten entgegen: Um des Himmels willen, bleiben Sie am Ruder, Fräulein, sonst sind wir sicher verloren, denn das Schiff dreht sich, und wir können es nicht wieder zum Course bringen! Dabei rannte er mit dem Mädchen an der Hand nach dem Steuer, erfaßte dasselbe und brachte den Schooner mit großer Mühe glücklich wieder in seine Richtung. Sarah blieb nun, alle ihre Kräfte zusammennehmend, auf ihrem Posten, und der Matrose und Robert gossen so viel Wasser, wie sie zu schöpfen vermochten, in die Luke hinein, indem sie dem siedend heißen Dampfe auswichen, der aus ihr hervorströmte und seitwärts über die Brüstung des Schiffes weit in die See hinausrollte. Sie fühlten es nicht, wie sie über ihre Kräfte arbeiteten, immer wieder hoben sie die schweren Eimer aus dem Meere herauf und trugen sie nach der Luke, bis plötzlich Patrick entsetzt von derselben zurücksprang, denn das Verdeck unter seinen Füßen wurde schwarz, begann zu rauchen und zu glühen, und das Wasser, welches er und Robert schnell darüber gossen, zischte über das Feuer hin, ohne es länger als für einige Augenblicke zu löschen. 5 10 15 20 25 30 35 32 Die alte spanische UrkUnDe Der Matrose warf schnell wollene Decken darüber und überflutete sie hastig, doch die Decken verkohlten sofort und die Feuerfläche breitete sich schnell weiter über das Verdeck aus. Es hilft uns nichts mehr – wir sind in Gottes Hand! sagte er leise zu Robert und trat mit dem leeren Eimer zurück, da schrie Sarah mit jubelnder Stimme: Ein Schiff, ein Schiff! Gottlob, ein Schiff! Patrick’s Blick flog herum über die See – ja, ja, dort vor dem dahinjagenden Schooner in nicht großer Entfernung schwamm ein Schiff, welches weder er noch Robert in der rastlosen Arbeit gesehen hatte und dessen Erblicken Sarah durch das große Segel unmöglich gemacht worden war. Das fremde Schiff hatte sich halb gegen den Wind gekehrt, wodurch es in seinem Laufe aufgehalten wurde, und kaum hatte Patrick nach ihm hingeschaut, als er jauchzend ausrief: Sie haben unsere Gefahr erkannt und wollen uns helfen, – sie setzen ein Boot aus! Damit sprang er auf das obere Verdeck an das Ruder und steuerte den Schooner in gerader Richtung nach dem Schiffe hin, während die dichte Rauchwolke von dem unteren Verdeck sich immer schwärzer über das Meer wälzte und einzelne Funken durch sie hinflogen. Nur noch wenige Minuten mag Gott uns beistehen, dann sind wir gerettet, sagte Patrick zu seinen beiden Gefährten, die mit Angst und Hoffnung im Herzen neben ihm standen und den Lauf des dahin stürmenden Schooners bemaßen, als könnten sie denselben durch ihre Sehnsucht noch schneller nach dem fremden Schiffe treiben. Woge auf, Woge nieder schoß der Schooner mit straff gefülltem Segel dahin über die schäumende See, immer dichter, immer sprühender wirbelten die Funken von dem unteren Verdeck durch die sich weit hin über das Meer rollende schwarze Rauchwolke, da schlug die erste Flammenzunge um die Luke empor und im nächsten Augenblick loderte sie, ein prasselnder Feuerstrom, über die Brüstung hinaus. O Gott, o Gott, wir verbrennen, ehe wir das Schiff erreichen! schrie Sarah, mit Verzweiflung in die Flammen stierend, und klammerte sich krampfhaft an ihren Bruder an. 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • Viertes kapitel] 33 Nein, nein, wir sind gerettet! rief Patrick, und stemmte sich mit aller Kraft gegen das Ruder, um den Schooner unter dem Wind an die Seite des Schiffes zu bringen, damit die Flammen demselben nicht gefährlich werden sollten. Es waren Minuten zwischen Leben und Tod, denn die ganze Seite des Schooners stand in lodernden Flammen, und über das obere Verdeck schlugen sie schon auf, da hatte das Fahrzeug das fremde Schiff erreicht, Patrick drehte es jählings gegen den Wind, wodurch das Segel sich auf die andere Seite warf und den Schooner so plötzlich in seinem Laufe hemmte, daß Robert und Sarah zu Boden fielen. Doch der Matrose riß sie empor, zog sie mit sich fort die Treppe hinab an die noch nicht brennende Seite, schlang Sarah ein Tau um den Leib und hob sie über Bord über das rettende Boot des fremden Schiffes, welches neben dem Schooner angelangt war. Sarah sank hinab und wurde von den Matrosen im Nachen aufgefangen, Robert glitt ihr nach an dem Tau hinunter, und Patrick folgte ihm eben so schnell und zerschnitt dann das Seil. Kaum waren die Geretteten in dem Kahne zusammengesunken, als die Woge denselben von dem Schooner hinweg hob und die Matrosen dem Schiffe zuruderten. Sarah’s Kräfte waren erschöpft, sie wurde ohnmächtig auf das Verdeck gehoben; doch Robert’s Bemühungen, der ihr mit Patrick gefolgt war, gelang es schon nach wenigen Minuten, sie wieder ins Leben zurück zu rufen. Gott sei gelobt und gepriesen! sagte sie mit matter Stimme und faltete ihre Hände vor ihrer Brust, während Robert das nasse Tuch wegzog, welches er ihr gegen die Stirn gehalten hatte. Noch im letzten Augenblick hat uns der Allmächtige vor einem gräßlichen Ende bewahrt, sieh dort den Schooner, sagte Robert tief ergriffen und zeigte nach dem brennenden Fahrzeug hin, welches, eine Rauch- und Flammensäule, sich im Kreise drehte. Und nächst Gott haben wir dem guten Patrick unsere Rettung zu danken; wo ist er? fuhr Sarah, sich ängstlich nach dem Matrosen umsehend, fort, worauf Robert diesen von dem unteren Verdeck herauf rief und derselbe freudig lächelnd zu Sarah trat. 5 10 15 20 25 30 35 34 Die alte spanische UrkUnDe Wie können wir es dir jemals danken, was du für uns gethan, guter Patrick, sagte das Mädchen unter Freudenthränen zu ihm, und reichte ihm die Hand. Es ist keines besonderen Dankes werth – ich habe es ja für mich selbst gethan, und Sie, Fräulein, haben so tapfer dabei geholfen und haben das Steuer so schön geführt, entgegnete der Matrose glücklich bewegt, wandte sich aber dann schnell nach dem Schooner um und sagte: Sehen Sie – da geht er hin! In diesem Augenblicke prasselte die Feuersäule, noch einmal sich im Kreise drehend, hoch empor, dann war sie verschwunden, die schwarze Rauchwolke zog mit dem Winde dahin und auf den schaumgekrönten grünen Wellen war nichts mehr von dem Schooner zu sehen .... Das Schiff, auf welchem sich die Geschwister nun befanden, war gleichfalls auf der Fahrt nach Havannah, und sein Capitän, ein menschenfreundlicher, gebildeter Mann, that alles, was in seinen Kräften stand, um ihnen den Aufenthalt bei sich angenehm zu machen und sie die ausgestandene Angst und Noth vergessen zu lassen. Und dieses war durch das Gefühl der Sicherheit an Bord des Schiffes alsbald vollbracht, der heitere, Hoffnung athmende Geist der lebenskräftigen Jugend war in die Geschwister zurückgekehrt, und glücklich aus so entsetzlicher Noth errettet, erschienen ihnen alle Sorgen für ihre Zukunft klein und unbedeutend. Sie hatten nichts verloren; Robert hatte die Urkunde nebst allen Empfehlungsbriefen, so wie das baare Geld bei sich getragen, und nur ihre wenigen Kleidungsstücke und Reiseeffecten waren auf dem Schooner zurückgeblieben. Das Ziel ihrer langen, mühseligen Fahrten lag schon so nahe vor ihnen, daß sie die Zeit bis zu dessen Erreichen kaum noch nach Tagen berechneten, und die Einrichtung auf diesem großen, schönen Schiffe war so vortrefflich und Alles so bequem und gut, daß sie keine Ursache hatten, sich von ihm wegzusehnen. Am dritten Tage nach ihrer Rettung saßen sie im kühl durchwehten, schattigen Raume unter dem, über dem oberen Verdeck ausgespannten leinenen Sonnendach und staunten bewundernd nach den purpurblauen Bergen, welche vor ihnen aus der See em- 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • Viertes kapitel] 35 porstiegen und die ihnen durch den Capitän als die Gebirge der Insel Cuba gezeigt worden waren. Dort an dem Fuße dieser Berge lag das Ziel ihrer Reise, lag Havannah, wo sie nun bald über den Werth oder Unwerth des Documents, um dessentwillen sie so viel gelitten hatten, Auskunft erhalten sollten. Sage mir, Robert, hub Sarah nach einer eingetretenen Pause an, was wird nun aus dem armen, guten Patrick werden? Er hat sein Bißchen Eigenthum verloren, und so wenig es wohl auch gewesen sein mag, so war es für ihn doch viel, denn es war alles, was er besaß. Wir sind in seiner großen Schuld, so daß wir ihm dieselbe wohl niemals werden ganz abtragen können. Auch ich, Sarah, habe daran gedacht und darüber nachgesonnen, was wir wohl für ihn thun möchten, um uns ihm dankbar zu erweisen, aber wir haben selbst ja nicht viel und wissen nicht einmal, ob unser Geld ausreichen wird, um die Ausgaben für unser Vorhaben damit bestreiten zu können, entgegnete Robert bedenklich. Aber was wir haben, verdanken wir nur ihm, ohne seine Hülfe würden wir nicht allein Alles verloren, nein, wir würden selbst niemals Havannah erreicht haben, fiel Sarah dringend ein, wir müssen etwas für ihn thun – so viel wir jetzt können. Sollten aber unsere Erwartungen in Erfüllung gehen und wir durch das Document Vermögen erhalten, dann wollen wir gut für ihn sorgen und auch ihm ein glückliches Loos bereiten. Komm, laß uns zu ihm gehen, dort unten steht er an dem Mast. Wir wollen mit ihm reden. Hiermit erhob sich Sarah von ihrem Sitz und schritt ihrem Bruder voran nach dem unteren Verdeck hinab und zu Patrick hin, der, als er sie kommen sah, ihr freundlich entgegentrat. Sarah reichte ihm mit herzlicher Innigkeit die Hand und sagte: Guter Patrick, wir werden nun in einigen Stunden in Havannah landen, und ehe dieses geschieht, müssen wir dir es sagen, daß wir dir von unserer großen Schuld nach besten Kräften einen Theil abtragen wollen. Aber, bestes Fräulein, Sie sind mir ja nichts schuldig, fiel ihr der Matrose schnell in das Wort. Doch, doch, Patrick, lass’ mich ausreden, fuhr Sarah bittend fort; wir haben selbst kein großes Vermögen, aber wir haben so viel, daß 5 10 15 20 25 30 35 36 Die alte spanische UrkUnDe wir dir wenigstens den Verlust, den du erlitten hast, ersetzen können. Wir wollen dir in Havannah hundert Dollars geben, die können wir entbehren, und dann bitten wir dich, so lange bei uns zu bleiben, bis wir Auskunft über die Angelegenheit, die uns dorthin führt, erhalten haben; vielleicht können wir danach später mehr für dich thun. Dabei erfaßte sie wieder die Hand des Matrosen und fügte, ihn liebevoll anschauend, noch hinzu: Nicht wahr, du versprichst es mir, daß du nicht eher von uns gehen willst? Ach, Fräulein, ich bedarf keiner Unterstützung, antwortete er verlegen; ich finde sofort wieder Dienst auf einem Schiffe, und dann habe ich alles, was ich gebrauche. Nein, du sollst nicht gleich wieder in einen Dienst treten, mir zu Liebe, Patrick, versprich es mir, bat Sarah abermals, worauf der Matrose es ihr freudig zusagte. Ich danke dir für die Erfüllung meiner Bitte, nahm Sarah wieder das Wort, und klopfte ihrem Retter mit ihrer kleinen Hand auf die Schulter; sieh’, es ist Eigennutz von uns, daß wir dich bei uns behalten wollen, denn wir fahren bald nach den Vereinigten Staaten zurück, und da wünschen wir, daß du mit uns zusammen die Reise machen möchtest. Du hast uns dieses Mal so treulich beigestanden und vielleicht kannst du uns noch einmal helfen. Gott mag es verhüten, daß es nöthig würde, dann aber sollten Sie Ihren Patrick wieder in mir finden, sagte dieser mit treuherzigem, aufglänzendem Blick. – Während die Geschwister Walton nun mit wachsender Spannung und immer höher steigender Hoffnung dem ersehnten Ziele ihrer langen Reise unter vollen Segeln sich eilig nahten, müssen wir unsere verehrten Leser über den Golf zurück nach den Vereinigten Staaten führen, und zwar weit nach dem Westen, hinaus an die Gränze der Civilisation, an die ewig grünen Ufer der reizenden Leone, wo erst seit wenigen Jahren die Cultur Fuß gefaßt hatte und wo in der paradiesisch schönen Wildniß wie durch einen Zauberschlag in so kurzer Zeit Farmen, Plantagen, Ansiedelungen und eine Stadt C..... entstanden waren. C..... verdiente den Namen Stadt mit vollem Rechte, wenn die Zahl seiner Einwohner sich auch noch nicht auf zweitausend be- 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • FünFtes kapitel] 37 lief. Es enthielt eine große Menge von Kaufläden, wohl versehen mit allen Bedürfnissen für das Land und zugleich mit Mode- und Luxusgegenständen für eine großstädtische Bevölkerung. Alle Handwerke waren reichlich und vortrefflich vetreten, mehrere sehr gute Gasthöfe, so wie zahlreiche Trinkhäuser, ein Billardzimmer und ein Ballsaal boten Comfort und Unterhaltung, und eine zwar nur aus Holz erbaute, doch sehr geräumige, sauber gehaltene Methodisten-Kirche mit ausgezeichneten Predigern gab der Frömmigkeit ein Asyl. Durch die vielen sehr reichen Baumwollenpflanzer und Plantagenbesitzer in der nahen und fernen Umgebung der Stadt wurde sowohl das Geschäftsleben, als auch der gesellschaftliche Verkehr stets sehr rege gehalten, die Bedürfnisse der außerordentlich vielen Sclaven, deren Zahl auf einzelnen Besitzungen sich auf vier- bis fünfhundert belief, mußten durch die Kaufleute herbeigeschafft werden, die ungeheure Masse von Producten, welche jene durch ihre Arbeit dem unermeßlich reichen Lande abgewannen, ging durch die Hände der Kaufleute nach den großen Märkten, und allenthalben wurde die Hülfe von Handwerkern beansprucht. Der Erwerb von Geld auf dem Lande so wie in der Stadt war so bedeutend, daß man wenig Werth auf dasselbe legte und es eben so leicht ausgab, wie man es verdiente. Uebertriebener Luxus, Vergnügungssucht und Verschwendung waren die natürlichen Folgen davon, und sowohl im öffentlichen wie auch im Privatleben suchte man die Weltstädte New-York und New-Orleans an Pracht und Ueppigkeit zu überbieten. Glänzende Equipagen und zahlreiche, fein in Schwarz und Weiß gekleidete farbige Dienerschaft wurden gehalten, die reichsten Toiletten zur Schau getragen und selbst die Zimmer in elenden Bretter- und Blockhäusern fand man mit kostbaren Möbeln und mit Seide und Gold ausstaffirt. Gesellschaftliche Ausflüge in das Land, Fischpartieen nach den nur wenige Meilen entfernt im Walde gelegenen krystallklaren Seen, üppige Gastmähler, glänzende Bälle, Wettrennen, Hahnengefechte waren die Vergnügungen, die einander fortwährend folgten, während mit diesen Freuden der vornehmen Welt die niederen Classen durch Belustigungen roherer Art, wie Branntweintrinken, Boxen und Negerkämpfe gleichen Schritt zu halten suchten. 5 10 15 20 25 30 35 38 Die alte spanische UrkUnDe Eine der reichsten und hervorragendsten Familien in der Gegend war die des Herrn Monteno, des Colonels Monteno, wie er sich nannte, dessen prächtige Villa nur eine Viertelstunde von der Stadt entfernt auf dem hohen Ufer der Leone stand, während seine Baumwollenplantage, auf welcher er gegen vierhundert eigene Sclaven beschäftigte, an der anderen Seite des Flusses sich durch den Urwald hin ausbreitete. Herr Monteno war ein Mann von einigen sechszig Jahren, eine große, dünne, schon etwas vom Alter geneigte Gestalt; die böse Welt sagte, er habe zu viel über den Spieltisch gebeugt gesessen. Sein Haupthaar und sein Bart waren gebleicht, sein fahlgraues Auge war glanzlos und matt, doch sein Benehmen fein und höflich, und er suchte immer in seine ganze Erscheinung etwas Vornehmes zu legen. Er hielt darum sehr viel auf seine Toilette, die er vorzugsweise nach englischem Geschmack wählte, sorgte ängstlich für die blendende Weiße seines Busenstreifs und seiner Manschetten, trug einen kostbaren Brillantring, reiches Uhrgehänge, und liebte sehr, in leichten Schuhen zu gehen. Als junger Abenteurer war er nach Mexico gezogen, wo er sich häufig an Revolutionen betheiligte und wobei er den Titel Colonel erhalten hatte. Seinem guten Genius oder seiner Vorsicht mußte er es wohl zu danken haben, daß er aus allen Kämpfen mit heiler Haut davon gekommen war. Während seines letzten Abenteuers dieser Art war er bei einer jungen, schönen und sehr reichen Witwe, einer Doña Lucilla Alvano, auf deren Besitzung einquartiert worden, und hatte mit dem kühnsten Angriff seines Lebens, und zwar auf ihr Herz, seinen glänzendsten Sieg erfochten. Dem blutigen Kriegshandwerke sagte er nun Valet, wurde der glückliche Gatte der reizenden Frau und zog, nachdem er ihre großen Besitzungen zu Geld gemacht hatte, mit ihr und ihrem einzigen Kinde aus erster Ehe, einem schönen Knaben, Namens Carlos, nach den Vereinigten Staaten, wo er sich in Alabama, seinem Geburtslande, häuslich niederließ. Der grausame Tod aber raubte ihm nach mehreren Jahren die geliebte Gattin, und so sehr war er an das hohe eheliche Glück, welches er durch sie kennen gelernt hatte, gewohnt, daß er unmöglich lange auf dasselbe verzichten konnte. Er suchte es hier und dort wieder zu finden, bis er endlich von einem schönen Mädchen, 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • FünFtes kapitel] 39 welchem er viel Artiges gesagt hatte, beim Wort gehalten wurde und dasselbe zum Altare führen mußte. Diese seine zweite Gattin, deren Taufname Cornelia war, beschenkte Herrn Monteno mit nur einem Kinde, einer Tochter, welche sie Cleopatra nannten; doch trotz diesem so werthvollen Geschenk fand er in dem neuen Bunde das friedliche Glück nicht wieder, welches mit seiner ersten Gattin von ihm gewichen war; ja, es schien ihm oftmals, als ob das Schicksal ihn dazu verdammt habe, die Kämpfe, welche er im politischen Leben durchgefochten hatte, nun auch noch in seinem Familienleben zu bestehen. Doch die Jahre kümmerten sich nicht um seine Freuden, um seine Sorgen, sie eilten unaufhaltsam dahin, und Cleopatra hatte bereits ihr sechszehntes Jahr erreicht, als der Ruf von der Schönheit und dem Reichthum der Länder an der Leone nach Alabama drang und viele Pflanzer aus Monteno’s Nachbarschaft dorthin auswanderten. Monteno’s häusliches Glück hatte von Jahr zu Jahr mehr sein Verlangen nach einer Veränderung in seinem Leben gesteigert, und er kam in der Hoffnung, daß es durch irgend einen Wechsel besser werden müsse, schnell zu dem Beschluß, gleichfalls nach der Leone überzusiedeln. Noch in demselben Jahre führte er diesen Beschluß aus und gründete die prächtige Besitzung, auf welcher er jetzt lebte, ganz in der Nähe der Stadt C..... Es war an einem der wunderbar schönen Tage des Aprils, wie diese Länder des ewigen Frühlings, in denen die nordische und die Tropenvegetation zugleich in vollkommenster Pracht vertreten sind, sie im Frühjahr und im Herbst fast ununterbrochen bieten, als Herr Monteno gegen Abend auf dem staubigen Wege von der Stadt nach seiner Villa wanderte, während die Sonne, schon hinter den fernen Höhen der Cordilleren versinkend, deren eisgekrönte Spitzen wie feuerige Rubinen erglühen ließ. Er schien tief in Gedanken versunken zu sein. Sein Schritt war kein fester, er trat zwar weit aus und hob sich jedesmal auf dem Fuße, wie es die rüstige Jugend in ihrer Elasticität zu thum pflegt, doch dies war nur noch eine erschlaffte Gewohnheit aus lange verflossenen Jahren und bezeugte, daß Herr Monteno einmal ein sehr guter Läufer gewesen sein mußte. Jetzt aber ging 5 10 15 20 25 30 35 40 Die alte spanische UrkUnDe er, wie das Volk sagt, etwas wankelmüthig, als läge es nicht ganz in seiner Macht, den Fuß nach Belieben niederzusetzen. Er steuerte wie ein beschädigtes Schiff nach schwerem Sturme zwar seinem Ziele zu, wich jedoch bald links, bald rechts aus der geraden Linie. Er hatte die Hände in die Seitentaschen seines langen, braunen Rockes gesteckt und ging sehr gebeugt, wogegen er stets mit aller Kraft ankämpfte und sich gewaltsam gerade hielt, sobald er wußte, daß er gesehen wurde. Jetzt aber auf dem einsamen Wege hatte er dies nicht zu befürchten und that sich keinen Zwang an. Sein Aeußeres machte den Eindruck des Leidens, und zwar des Wehes solcher Menschen, die ihr Leben größtentheils am Schreibtische verbracht hatten; dies war aber nie die schwache Seite des Herrn Monteno gewesen, wenn er auch viel an einem Tische, und zwar an einem grünen, gesessen hatte. Der Hauptgrund zu seiner Hinfälligkeit lag wohl in den schweren Durchzügen, die er in Mexico bestanden hatte, und in der schlimmsten aller Krankheiten, in dem Alter. Es war noch immer sehr warm, doch die Abendluft hatte sich erhoben und wehte Herrn Monteno kühl und erfrischend entgegen, weßhalb er seinen sehr feinen Panamahut vom Haupte nahm und sich mit dem schneeicht weißen Batisttuche über die hohe Stirn wischte. Bei dieser Bewegung fiel sein lebloses Auge auf seine Villa, in deren Nähe er bereits angelangt war, und der Anblick derselben mußte kein ersehnter sein, mußte kein freudiges, wohlthuendes Gefühl in ihm erzeugen, denn ein leiser Seufzer entstieg seiner Brust und einige halblaut gemurmelte spanische Worte erstarben auf seinen starr geöffneten Lippen, während er diese Gedankenrede mit lebhaften Bewegungen seiner Hände begleitete. Als er jedoch das Gitterthor der Einzäunung, welche den Park vor der Villa umgab, durchschritt und ihm ein alter, treuer Hund wedelnd entgegenkam, belebten sich seine Züge wieder mehr und er blieb stehen und wehte sich mit einem rothseidenen Tuche, welches er zu diesem Behufe stets bei sich führte, den Staub von den leichten, fein geglänzten Schuhen. Hin und her schritt er auf den krummen Wegen des Parkes der Villa zu, auf deren Fensterscheiben sich das feurige Roth des Abendhimmels spiegelte. Er er- 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • FünFtes kapitel] 41 stieg die hohe steinerne Treppe und ging lautlosen Trittes über die Veranda in den weiten, luftigen Corridor, welcher durch das Haus und auf dessen Rückseite wieder auf die um das ganze Gebäude laufende Säulenhalle führte. In dem Corridor hing Herr Monteno seinen Hut an einen dort stehenden Kleiderhalter, glättete mit der Hand sein weniges Haupthaar, zog die Manschetten aus den Aermeln hervor und trat nun leichten Schuhes aus der hinteren Thür unter die schattige Galerie. Augenscheinlich wußte er schon, ehe er hinausging, nach welcher Seite hin er seinen Gruß zu richten habe, denn er bog sofort mit einer Verbeugung und einem »Guten Abend!« rechts um, wo in kurzer Entfernung eine große weibliche Gestalt in einem Schaukelstuhle saß und sich von einem Herrn mittlerer Jahre darin wiegen ließ. Die Dame war die Gattin Monteno’s, und der Herr war der Doctor Absinthe, der Hausarzt und zugleich Hausfreund. Monteno verbeugte sich, die Hände reibend, mit einem freundlichen Lächeln nochmals und ging dann auf das Paar zu, indem er dem Doctor, welcher sich erhoben hatte, die linke Hand reichte und, seinen schüchternen Blick auf seine Gattin richtend, die andere Hand bereit hielt, um sie derselben zu geben für den Fall, daß dies ihr genehm sein sollte. Madame Monteno war eine Frau zwischen vierzig und fünfzig Jahren, was man ihr jedoch nicht ansah und was selbst ihr Gemahl nicht mit Bestimmtheit wußte, denn bei den Trauungen in America bedarf es keines Taufscheines, und sie selbst würde sicher die Drei- ßig noch nicht einmal eingestanden haben, wenn nicht Cleopatra mit ihren bereits zwanzig Jahren gegen sie gezeugt hätte. So lange es möglich war, hatte sie die Tochter immer als Kind behandelt, hatte sie aus den Gesellschaften in ihrem eigenen Hause so wie von Landpartieen und Bällen fern gehalten und dabei stets erklärt, daß ihre Cleo, wie sie sie nannte, lieber mit ihren Puppen spiele als in Gesellschaften von erwachsenen Leuten ginge. Doch Cleo wuchs ihr über den Kopf, ihre ausgebildeten, wenn auch hageren Formen verriethen die reife Jungfrau, und zu ihrer Mutter Verdruß weigerte sie sich fest, länger das Kind zu spielen. Sie wurde nun von dieser 5 10 15 20 25 30 35 42 Die alte spanische UrkUnDe in ihrem neunzehnten Jahre mit dem Bemerken in die Welt eingeführt, daß es eigentlich zu früh für ein Kind von vierzehn Jahren wäre. Madame Monteno war eine auffallende und noch immer schöne Erscheinung, eine große, wenn auch zu schwere Gestalt mit, wie man sagt, etwas impertinent blondem Haar, dunkelbraunen Augen und sehr schönen Zähnen. Ihre Haut war noch sehr glatt und ihre Hände und Füße ungewöhnlich klein unnd fein geformt. Jedermann mußte ihre Gesichtszüge regelmäßig schön nennen, und doch gefiel sie Niemandem. Man wußte nie, in welcher Stimmung sie sich befand, so schnell wechselte fortwährend der Ausdruck ihres Gesichtes, und wenn sie lächelte, so deuteten schon ihre sich erweiternden Nasenflügel, ihre erhobenen Brauen auf einen Uebergang zum Ernste. Bei dem ernsten Ausdruck blieb es aber selten lange, dann flog es wie Blitze von ihren Augen, ihre Brauen zuckten zusammen, und oft begleitete sie dann einen Ausbruch von Zorn mit einem erzwungenen Lachen. Gleich aber konnte sie wieder einen so süßen, liebevollen Ton in ihre Stimme legen, als habe niemals ein unfreundlicher Gedanke in ihr gelebt. Nur in der Kirche blieb unbewegliche Ruhe auf ihrem Antlitz; mochte sie die Augen wie im Gebet erheben oder sie in Demuth niederschlagen, sie blieb unverändert ein Musterbild der Andacht und Frömmigkeit. Selbst Herr Monteno wußte niemals, woran er mit ihr war; hatte er ihrem heiteren Wesen einen Augenblick getraut und sich selbst der Heiterkeit hingegeben, so kam oft so urplötzlich und unerwartet ein Gewitter mit Donner und Blitz in der Laune seiner Gattin hinterher, daß er sich gern vor ihr hätte verstecken mögen. Darum war er nach so vieljährigen vergeblichen Studien und Forschungen an ihrer äußeren Erscheinung zu dem Resultate gelangt, daß er immer auf seiner Hut sein und bei einem nahenden Sturme ihr aus dem Wege gehen müsse; denn so oft er es auch versucht hatte, ihr Widerstand zu leisten, so hatte er dabei doch immer den Kürzeren gezogen und den Aerger in den Kauf bekommen. In diesem Augenblicke nun, als er dem Doctor die Hand gab und mit einem erzwungen lächelnden Blicke nach seiner Gattin die andere noch in der Schwebe hielt, nahmen deren Züge einen 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • FünFtes kapitel] 43 überaus freundlichen Ausdruck an und sie reichte ihm liebevoll ihre Rechte hin. Sieh, lieber Monteno, bist du schon aus der Stadt zurück, sagte sie, ihm zunickend. Setz’ dich zu uns und erhole dich. Hast du etwas Neues mitgebracht? Monteno zog einen Stuhl herbei und ließ sich an der Seite des Doctors nieder, welcher auch wieder auf seinen Sessel gesunken war, führte etwas zögernd die Hand in die Brusttasche seines Rokkes und sagte mit kleinlauter Stimme: Ja, liebe Cornelia, ich habe von Carlos einen Brief erhalten. Der Name Carlos wirkte wie eine ausgesprochene Beleidigung auf die Frau; ein stechender Blick war ihre rasche Antwort, ihre Nasenflügel öffneten sich, ihre Brauen zuckten, und, ihre Hände um die Arme ihres Stuhles pressend, hob sie sich gerade in demselben und sagte mit unterdrückter Heftigkeit: Der Name dieses Menschen macht mich erbeben, er tritt mir immer in meinen glücklichen Augenblicken wie ein Schreckbild, wie ein Gespenst entgegen, und du allein bist schuld daran, daß es so weit gekommen ist! O, es wird mir noch das Leben kosten, und du wirst meinen Tod zu verantworten haben! Monteno senkte das Haupt und schob den Brief wieder in die Tasche zurück; die Frau aber wandte sich nach einem zitternden Athemzuge zu dem Arzte und fuhr fort: Sie kennen ja diese unselige Angelegenheit genau, lieber Doctor, Sie wissen, daß dieser Mensch, dieser Carlos Alvano, der Erbe des ganzen Besitzes, des ganzen Vermögens meines gewissenlosen Mannes hier ist und daß Monteno nur für seine Lebenszeit über die Einkünfte zu verfügen hat. Anstatt daß mein Herr Gemahl nun seine Lebenszeit in meinem und in unseres Kindes Interesse benutzt und von den Revenuen ein Capital für uns gesichert haben sollte, so hat er das Geld an den Spieltisch getragen, und wird es thun, bis er in dieser Welt ausgespielt und uns Beide als Bettlerinnen zurückgelassen hat. Aber was fragt er danach, wenn er todt ist! Dabei hob sie ihre geballte Hand drohend nach Monteno auf, als wolle sie Vernichtung auf ihn niederschleudern. Ich glaube, verehrte Frau, daß Sie Sich über den jungen Mann beruhigen können, nahm Absinthe beschwichtigend das Wort. 5 10 15 20 25 30 35 44 Die alte spanische UrkUnDe Was ich hier von ihm gesehen habe, bis er vor sechs Jahren nach England reiste, um seine Erziehung und seine Studien in Oxford zu beenden, war wirklich nur zu seinem Vortheil; ich halte ihn für einen Charakter, welcher seine Pflichten gegen seine nächsten Verwandten und namentlich gegen eine Frau von Ihren Vortrefflichkeiten und Tugenden nicht aus den Augen verlieren wird. Aber, bester Freund, was fällt Ihnen ein – Verwandte? rief Frau Monteno in verbissenem Zorn. Der Mensch geht uns gar nichts an! Können Sie das Verwandtschaft nennen, daß mein Mann seine Mutter einst heirathete? Und gerade so wie wir von ihm, so wird er auch von uns denken. Sie waren leider noch nicht hier, als er vor drei Jahren am Typhus dem Tode so nahe und der Doctor Armand da draußen ihn vom Grabe hinwegriß – o, wäre er damals selig hin- übergegangen, so wären wir gerettet gewesen, denn in Mexico hat er gar keine Verwandte, und wenn solche wirklich noch in Altspanien existiren, so würden dieselben uns nicht belästigt haben! Absinthe hustete einige Male bei dieser Bemerkung der Frau, faßte das Kinn zwischen seine Finger und sagte langsam und wie überlegend: Nun sagen Sie einmal, lieber Herr Monteno, ließe sich denn nicht bei Ihren Lebzeiten eine Uebereinkunft mit dem jungen Manne treffen, wenn Sie ihm nun ihr lebenslängliches Recht auf die Einkünfte gegen eine angemessene Summe verkauften? Ich sollte denken, darauf müßte er sehr gern eingehen. Das konnte vor seiner Abreise nicht geschehen, weil er damals noch nicht volljährig war, bemerkte Herr Monteno. Wenn er zurückkommt, so kann man mit ihm darüber reden. Er wird sich schön dafür bedanken, denn er wird dich sehr gealtert finden und so gut wissen wie wir, daß, wenn du fortfährst, Nächte hindurch beim Spieltische zu sitzen, er nicht lange auf die Erbschaft zu warten haben wird, fiel Madame Monteno mit einem boshaften Blicke auf ihren Gatten demselben in die Rede. Soll ich Ihnen sagen, verehrte Madame Monteno, was das Beste wäre? hub der Doctor jetzt an. Der junge Herr Alvano müßte Ihre Tochter heirathen – und wo in der Welt könnte er wohl einem höheren Glücke begegnen? Madame Monteno’s Züge glätteten sich bei diesen Worten Absinthe’s, sie sank in ihren Schaukelstuhl zurück und sagte: So 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • FünFtes kapitel] 45 ganz Unrecht haben Sie nicht, Doctor; es fragt sich aber, ob er es thun wird. Thun wird? rief Absinthe. Einen solchen Engel, wie Ihre Tochter? Ich glaube, die Frage ist, ob Cleopatra einwilligen wird! Ei, da würde ich sie wohl lange darum fragen! versetzte Madame Monteno entschlossenen Tones. Ich habe sie an Gehorsam gewöhnt! So würde aber mein Rath sein, den jungen Mann so bald als möglich herüberkommen zu lassen, damit er sich nicht etwa in England verplempert und sich eine Frau mitbringt, bemerkte der Doctor. Jawohl, Monteno, du mußt noch heute an ihn schreiben, daß er sofort zurückkommen solle, versetzte die Frau. Er ist von England abgereist, und zwar nach Frankreich, um einige Zeit in Paris zuzubringen, antwortete der Gatte. Da haben wir’s, rief Madame Monteno aufflammend – nach Paris unter die schönen Französinnen! Nun, Gott vergebe es dir, du wirst uns noch vollständig zu Grunde richten! Aber, liebe, beste Frau, was kann ich denn dafür, daß er von England abgereist ist? Was du dafür kannst? Weil du ihn so schlecht, so ungehorsam erzogen hast! Bedenke doch, daß er kein Kind mehr ist! entgegnete Monteno beschwichtigend. Er ist ja majorenn, ist vierundzwanzig Jahre alt und sein eigener Herr – wie kann ich ihm denn noch befehlen? Schöne Geschichten! versetzte Madame Monteno, sich wieder gerade richtend. Und wohin sollen wir ihm nun schreiben – vielleicht hören wir nichts wieder von ihm, bis er uns mit einer Französin in das Haus rückt! Nein doch, er gibt mir auf, ihm nach Paris zu schreiben und ihm dort einen Credit von zwanzigtausend Dollars eröffnen zu lassen, fiel Monteno ein. Zwanzigtausend Dollars? Gerechter Himmel! schrie die Frau, fiel in den Stuhl zurück und schlug die Hände über sich zusammen. Ruhig, ruhig, verehrte Frau, solche Aufregung ist Ihnen schädlich, bat der Doctor, indem er seine Hand auf die ihrige legte, als wolle er ihren Puls fühlen. 5 10 15 20 25 30 35 46 Die alte spanische UrkUnDe Ja, ja, mein Herr Gemahl hat kein Gefühl, er will mich unter die Erde bringen – meine Nerven sind so schon ruinirt! fuhr sie, sich ihrem Zorne überlassend, fort. Aber jetzt will ich ein Machtwort sprechen – nicht einen Cent soll er dem Taugenichts nach Paris senden, dann wird er schon zurückkommen! Es trat eine augenblickliche Pause ein; Herr Monteno saß gesenkten Hauptes, als wolle er den Sturm über sich hinziehen lassen; seine Gattin hielt ihren flammenden Blick auf ihn geheftet, als warte sie darauf, daß er es wagen solle, ihr zu widersprechen, und der Doctor ließ sein Kinn auf seine Hand sinken und schaute nachdenkend vor sich nieder. Er war aber der Erste, der das Schweigen brach, indem er sagte: Verzeihen Sie mir eine Frage, Madame Monteno – sollte dieses Mittel den jungen Mann nicht sehr gegen Sie aufbringen und zu Handlungen verleiten, die Ihnen nachtheilig werden könnten? Dann hielte ich es noch für besser, daß Sie ihm das Geld übermachten und, während er sich auf Reisen amusirt, einen Theil der Ländereien und der Sclaven gegen baares Geld verkauften; was fort ist, ist fort. Das hieße uns in das eigene Fleisch schneiden, entgegnete die Frau. Wissen Sie wohl, Herr Doctor, daß die Sclaven eine Baumwollenernte allein von vierzigtausend Dollars liefern? Solche Zinsen trägt das Geld nicht, welches sie werth sind. Bei diesen Worten nahmen ihre Züge einen milderen Ausdruck an, und mit weicher Stimme fuhr sie fort: Und über sämmtliche Einkünfte hat ja mein Gemahl, so lange er lebt, allein zu verfügen; der Himmel erhalte mir meinen lieben, theuren Monteno noch recht, recht lange! Ach, wir könnten so glücklich sein, wenn nur das – Gott verzeihe mir mein Sünde – wenn nur das böse Spiel nicht wäre! Wieder blitzten die Augen der Frau nach ihrem Gatten hin, da kam Cleopatra auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses von der Plantage her herangeschritten, und der Doctor, sie erblickend, ergriff schnell die Gelegenheit, um der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben, indem er mit seiner Hand nach dem Mädchen hinzeigte und sagte: Dort kommt unsere liebe Cleo – ein reizender Engel ist sie doch, ganz das Ebenbild ihrer vortrefflichen Mutter! 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • FünFtes kapitel] 47 Ja, wirklich, Doctor, Sie können mir es glauben, in Cleo’s Alter war ich eben so schlank wie sie; sie ist ja noch ein halbes Kind, nahm Madame Monteno mit einem heiter glänzenden Blicke das Wort. Sie ist in der That eine schöne Erscheinung, nur muß sie noch etwas stärker werden. Das wird bald geschehen, bemerkte Absinthe, und dann findet man auf weit und breit keine solche Schönheit. Ich möchte wohl sehen, ob der junge Herr Alvano ihr widerstehen könnte! Gewiß nicht, wenn Cleo ihn nicht von sich weist, und dafür werde ich sorgen. Wenn er nur bald zurückkehrt. – Nach diesen Worten wandte sich die Frau zu ihrem Gatten und fuhr fort: Es ist doch wohl besser, lieber Monteno, du sendest ihm das Geld; sage ihm aber zugleich, daß seine Herkunft dringend nothwendig wäre, indem du die Vermögens-Angelegenheiten mit ihm zu ordnen wünschest. Ist er mit Cleo verheirathet, dann mag er reisen, so viel und so lange er will! In dieser Zeit schritt Cleopatra über die weit gespannte Brücke, welche die dreißig Fuß hohen Ufer der Leone mit einander verband, während der wild unter ihr hinschäumende Fluß einen kurzen Bogen um die Villa beschrieb und namentlich senkrecht unter der Veranda, auf welcher die Montenos mit dem Doctor saßen, sich donnernd über riesige Felsstücke stürzte. Absinthe war Cleopatra schnell in den Corridor entgegengegangen und kam mit ihr unter die Veranda zurück. Hier bringe ich Ihnen Ihr reizendes Kind, sagte er zu Madame Monteno mit einer leichten Verbeugung gegen Cleopatra und zog für diese einen Stuhl herbei. Heben Sie Ihre schönen Redensarten für meine Mutter auf, Herr Doctor, sie möchte eifersüchtig werden, entgegnete die junge Dame mit spitziger Betonung – das Kind hat die Kinderschuhe ausgezogen und spielt nicht mehr mit den Puppen! Nun, Cleopatra, warum denn gleich so übelnehmend? fiel Madame Monteno ihr in das Wort. Warum denn eine Artigkeit mit einer scharfen Zurückweisung beantworten? Damit macht man sich keine Freunde. Unser lieber Doctor meint es so gut mit dir. Mit so mildem Tone diese Worte aber auch von den Lippen der Mutter kamen, so wurden sie doch von einem so drohend funkeln- 5 10 15 20 25 30 35 48 Die alte spanische UrkUnDe den Blicke begleitet, daß Cleopatra die scharfe Antwort, welche sie bereits auf der Zunge hatte, zurückdrängte, ihre Augen flüchtig und verächtlich noch einmal seitwärts über Absinthe ziehen ließ und ihm dann halb den Rücken zuwendend sich auf den Stuhl niedersetzte. Ihre sehr niedrige, von rabenschwarzem, krausem Haar überragte Stirn schien durch das Zusammenziehen der breiten schwarzen Brauen sich noch zu verkleinern, sie fuhr heftig mit dem Kopfe herum und richtete ihre dunkeln, stechenden Augen über den Fluß hinaus, wobei ihr die Seitenlocken in das ohnedies sehr schmale, bleiche Gesicht fielen und dessen finsteren Ausdruck noch mehr steigerten. Und wie die Flügel ihrer kleinen, aufgestülpten Nase sich geöffnet hatten, wie die blendend weißen, schönen Zähne unter der zornig emporgeworfenen Oberlippe hervorglänzten! Sie war ein Bild heftiger Leidenschaft, welches durch das Hagere ihrer langen, schwanken Gestalt noch schärfer gezeichnet wurde. In grellem Gegensatze zu ihr stand aber das Aeußere des Doctors. Ruhe und Selbstzufriedenheit waren die Grundzüge seiner Erscheinung, und sein ziemlich großer, wohlgenährter Körper mit sehr stark ausgebildeten Beißwerkzeugen zeigte es deutlich, daß er hauptsächlich für ihn lebte und geistige Anstrengungen ihm keine Kräfte raubten. Sein tiefschwarzes Haupthaar, so wie sein sorgfältig nach vorn gewöhnter Backenbart waren schon sehr mit Weiß durchschossen und bekundeten mit seiner Wohlbeleibtheit, von welcher die lange graue Weste sich stets in Falten nach oben zog, daß das Jünglingsalter schon weit hinter ihm lag. Dennoch suchte er in Wort und Bewegung die längst entflohene Jugend vorzustellen, begegnete dem schönen Geschlecht stets mit süßen Redensarten und liebte während des Gehens mit seinem Doctorstocke Lufthiebe zu schlagen. Seinen Kranken war er, seinem Namen entsprechend, in der That eine sehr bittere Medicin, denn sie starben alle, wenn die Natur sie nicht mit den nöthigen Kräften gesegnet hatte, seinen Heilmitteln zu widerstehen. In seiner Praxis hielt er es mit dem Einfachen und gab nur das Universalmittel: das Quecksilber, wovon er stets einen Pillen- 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • FünFtes kapitel] 49 vorrath in der Westentasche bei sich führte und wovon er seinen Patienten unter einer salbungsreichen Rede mit einer wahren Virtuosität nach Heftigkeit der Krankheit eine größere oder kleinere Zahl in den Mund rollen und sie mit Wasser hinunter trinken ließ. Er rühmte sich nicht ohne Grund, daß er es, wie er sagte, schon im Griff habe, wie viel ein Kranker bedürfe, denn das Resultat war stets dasselbe: seine Patienten starben, wenn ihre Natur sich nicht stärker als die Medicin erwies. Er war ein wahrer Mann in der Noth, denn er wurde niemals zu einem Kranken gerufen, als wenn man keinen anderen Arzt im Augenblicke höchster Gefahr auftreiben konnte. Er war immer zu finden, bei einem Frühstück-, einem Mittags- oder Abendessen, und wenn es ihm nirgends gelungen war, eine Einladung zu erhalten, so traf man ihn sicher in einem Gasthaus oder beim Billard. Zu seinen Leidenschaften gehörte das Rauchen, weßhalb man ihn selten ohne Cigarre im Munde sah, und weil Herr Monteno es aus tausendfacher Erfahrung wußte, daß seine Gattin es ihm wohlgefällig aufnahm, wenn er während eines so unangenehmen Schweigens, wie es augenblicklich durch Cleopatra’s Benehmen eingetreten war, das Wort ergriff, so zog er schnell seine Cigarrendose aus der Tasche und hielt sie Absinthe mit den Worten hin: Lieber Doctor, eine Cigarre, bitte! Absinthe bediente sich sofort einer solchen, wandte sich jedoch an Madame Monteno und sagte: Werden die Damen es mir auch erlauben? Ei freilich, bester Freund, wir sind ja im Freien, entgegnete die Frau mit einer freundlichen Handbewegung, im Hause allerdings ist mir der Tabaksdampf zuwider, und dennoch ist Monteno häufig rücksichtslos genug, mit der brennenden Cigarre durch den Corridor zu gehen. Wenn es Ihnen jedoch im mindesten unangenehm ist, verehrte Frau? hub Absinthe wieder an, indem er bereits das Streichhölzchen zwischen den Fingern hielt. Nein, nein, ich bitte, ich sehe es gern, lieber Doctor, antwortete Frau Monteno, worauf dieser im nächsten Augenblicke die Cigarre anzündete und mit Wohlbehagen eine dichte Dampfwolke von seinen Lippen blies. 5 10 15 20 25 30 35 50 Die alte spanische UrkUnDe In diesem Augenblicke faltete Cleopatra, welche ihre abgewandte Stellung bis jetzt beibehalten hatte, rasch ihren Fächer zusammen und schlug mit dessen elfenbeinernem Griff den alten treuen Hund ihres Vaters, welcher sich neben sie gesetzt hatte, so heftig auf den Kopf, daß das Thier einen Schrei ausstieß und von ihr wegsprang. Der fatale Hund, man ist nirgends sicher vor ihm! sagte sie, ihrem verhaltenen Aerger Luft machend, erhob sich rasch und schritt über die Veranda in das Haus hinein. Das Mädchen ist so leicht aufgeregt, sagte Madame Monteno, ihr nachschauend, Gott weiß, von wem sie das geerbt hat! Monteno kann zwar auch mitunter recht heftig werden. Die Kinder erben ihre Eigenschaften in der Regel von den Großeltern, bemerkte Absinthe beschwichtigend, weil er sah, wie der Blick der Frau sich auf ihren Gatten heftete und ihre Brauen sich zuckend erhoben. Wahrscheinlich von Monteno’s Eltern, denn die meinigen waren Musterbilder von Sanftmuth und Liebe, versetzte die Frau, indem sie sich in den Schaukelstuhl zurücksinken ließ, und fuhr nach einigen Augenblicken in freundlichem Tone fort: Aber, lieber Mann, du denkst wohl nicht daran, daß du den Brief an Alvano nach Paris und auch an unseren Banquier in New-Orleans schreiben mußt, damit derselbe ihm den Credit eröffne. Thue es doch sogleich, unser lieber Doctor leistet mir unterdessen Gesellschaft, bleibt dann hübsch zum Abendessen bei uns und ist so freundlich die Briefe nach der Stadt mitzunehmen und sie dort der Post zu übergeben. Dabei winkte Madame Monteno ihrem Gatten einen liebevollen Gruß zu und rief ihm, als er sich sehr bereitwillig entfernte, noch nach: Vergiß nicht, Alvano seine Rückkehr recht dringend zu machen; denn er und unsere liebe Cleopatra müssen ein Paar werden! – Die Geschwister Walton waren wohlbehalten in Havannah angekommen, hatten sich in einen Gasthof zweiten Ranges einquartiert, hatten ihre Toilette wieder ergänzt und befanden sich am folgenden Morgen nach eingenommenem Frühstück auf dem Wege zu dem englischen Consul. 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • sechstes kapitel] 51 Mir ist es wirklich zu Muthe, als ob wir uns jetzt ein Urtheil über Leben und Tod holen sollten, sagte Robert im Dahinschreiten. Mir ganz und gar nicht, entgegnete Sarah heiteren Tones, mir ist vor allen Dingen so recht wohl zu Muthe, weil ich wieder Gottes Erde unter meinen Füßen habe und nicht auf dem Meeresgrunde von den Seeungeheuern verspeist worden bin. Und zweitens ist mir zu Muthe wie Jemandem, der in die Lotterie gesetzt und eine kleine Summe gewagt hat, um möglicher Weise das große Loos zu gewinnen. Kommen wir mit einer Niete heraus, so haben wir die Kosten hieher und wieder nach den Vereinigten Staaten zurück verloren, behalten aber noch genug Geld übrig, um dort festen Fuß zu fassen. Dann fängst du an zu prakticiren und ich gebe Clavierunterricht oder mache Blumen für Putzgeschäfte, und unser Lotterieloos, das alte Document, nageln wir zum heiteren Andenken an unsere Irrfahrten über unsere Zimmerthür. Dabei lachte Sarah hell auf und schlug ihre Händchen in einander, daß es knallte, worauf mehrere Vorübergehende verwundert nach ihr herblickten. Sally! sagte Robert halblaut, die Leute sehen nach uns her. Ach, lass’ sie schauen, ich freue mich, daß wir noch zu sehen sind, entgegnete Sarah in demselben fröhlichen Tone. Aber nun denk’ einmal, wenn wir mit dem großen Loose heraus kämen, oder auch nur mit dem zweiten oder dritten Gewinnst! Wir werden es nun bald genug erfahren, versetzte Robert. Dort ist das Haus unseres Consuls; siehst du das englische Wappen über der Thür? Nun, Robert, sei guten Muthes, der liebe Gott hat sich unserer so gnädig, so barmherzig angenommen, daß wir auf ihn allein unsere Hoffnung setzen müssen. Wie er es macht, so ist es gut, mag das Document nun etwas werth sein oder nicht, sagte Sarah ernst, und wenige Minute später traten sie in das Geschäftslocal des Consuls Hasting. Dort befand sich schon eine Anzahl von Männern, welche gleichfalls den Consul zu sprechen wünschten, mehrere Matrosen, einige Soldaten in spanischer Uniform und verschiedene andere, deren Stand nicht in ihrem Aeußeren zu erkennen war, die aber das Gepräge der Dürftigkeit an sich trugen. Alle waren Unterthanen 5 10 15 20 25 30 35 52 Die alte spanische UrkUnDe Ihrer Majestät der Königin von England und waren hieher gekommen, um deren Schutz in Anspruch zu nehmen. Die Geschwister wurden von den Anwesenden schweigend gemustert, und auch sie betrachteten sich die einzelnen Persönlichkeiten nicht ohne Interesse, denn Landsleuten begegnet man in fremdem Lande wie alten Bekannten. Robert trat mit Sarah an das Fenster, um die Verabredung, welche sie in Bezug auf ihr Verfahren hinsichtlich des Documents getroffen hatten, noch einmal schnell zu wiederholen. Sie waren nämlich übereingekommen, es gar nicht zu sagen, daß sich das Original-Document in ihrem Besitz befände, und auch über die Größe des darin bezeichneten Landes nichts Bestimmtes anzugeben, um nicht durch den möglicher Weise sehr großen Werth Privatinteressen bei dem Consul oder bei den spanischen Beamten zu erwecken, die dem ihrigen vielleicht entgegentreten könnten. Sie hatten sich noch einmal genau besprochen, da öffnete sich die Thür und der Consul trat in das Zimmer. Er schritt, ohne nach den Fremden zu sehen, an seinen Schreibtisch, legte seine Cigarre auf dessen Rand und wollte sich an ihm niedersetzen, da fiel sein Blick auf die Geschwister. Erstaunt trat er zu ihnen hin und begrüßte sie mit einer Entschuldigung, daß er sie nicht sogleich gesehen habe. Robert stellte sich und Sarah ihm vor und bat, ihn einige Augenblicke allein sprechen zu dürfen, worauf Hasting sie sehr höflich in das anstoßende Gemach führte und sie dort in dem Sopha Platz nehmen ließ, während er sich in einen Armstuhl bei ihnen niedersetzte. Und womit kann ich Ihnen dienlich werden? fragte er jetzt, indem er sich freundlich gegen Beide verneigte. Dem Vater unserer verstorbenen Mutter, einem Spanier Don Alfonso Mendoza, wurde von der spanischen Regierung am 15. Juni 1793 in Louisiana ein Stück Land als Eigenthum für sich und seine Erben gegeben, und wir als seine einzigen Erben wünschen uns eine Abschrift von der Urkunde hierüber, welche in New-Orleans ausgestellt wurde, zu verschaffen, hub Robert nun an. Alle Acten und Landkarten wurde zu Anfange dieses Jahrhunderts, nachdem Louisiana nach dem Vertrage von San Ildefonso von Spanien an 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • sechstes kapitel] 53 Frankreich abgetreten war, nach Havannah gebracht, und wir möchten Sie bitten, Sich bei der hiesigen Behörde für uns zu verwenden, damit uns diese Abschrift ausgefertigt werde. Ich mache mir eine Freude daraus, Ihnen dazu behülflich zu sein, und es wird durchaus keine Schwierigkeit haben, weil Ihnen das Datum bekannt ist, unter welchem der Grand Ihrem Herrn Großvater ertheilt wurde. Sie müßten sich allerdings über Ihre Persönlichkeiten legitimiren, entgegnete der Consul mit großer Bereitwilligkeit. Robert hatte bereits einen Empfehlungsbrief des englischen Ministers des Auswärtigen an Consul Hasting aus der Tasche gezogen und überreichte diesem das Schreiben nun mit den Worten: Dieser Brief unseres Ministers an Sie, Herr Consul, wird diesem Erforderniß schon Genüge leisten, außerdem habe ich auch unsere Taufscheine mitgebracht, welche jeden Zweifel über unsere Abstammung beseitigen müssen. Hasting hatte schnell den Brief geöffnet und gelesen, und indem er denselben neben sich auf den Tisch legte, sagte er: Sie konnten nicht besser empfohlen werden! In der That, der Herr Minister zeigt die wärmste Theilnahme für Sie. Wenn es Ihnen recht ist, so gehen wir sogleich nach dem Bureau, wo die Angelegenheiten wegen Staatsländereien verhandelt werden, dort sind auch alle Bücher und Karten verwahrt, in denen die seit einem Jahrhundert verliehenen Landberechtigungen aufgezeichnet sind. Hierbei erhob sich der Consul, ging einen Augenblick in sein Geschäftslocal, um die seiner dort noch harrenden Leute auf später wieder zu bestellen, und begleitete dann die Geschwister nach dem besagten Bureau. Dasselbe befand sich in einem alten steinernen Gebäude, welches vor vielen Jahren ein Kloster gewesen war, und dessen sehr dicke Mauern altersgrau und finster aus dem heitern Sonnenschein hervorblickten, der diese paradiesisch schöne Insel mit ewigem Frühlingskleide schmückt. Durch das düstere Thor in den langen, hohen Kreuzgang gelangt, führte der Consul seine Schützlinge in einen Saal von ungewöhnlicher Größe, dessen hohe Wände mit Fachgestellen bedeckt waren, aus welchen zusammengebundene Schriften und riesige Fo- 5 10 15 20 25 30 35 54 Die alte spanische UrkUnDe lianten hervorschauten. Durch die verhältnißmäßig kleinen Fenster fiel das Licht spärlich in den großen Raum, dessen Düster durch die rauchgraue Farbe der seit langen Jahren nicht geweißten Decke noch vermehrt wurde. Nahe dem mittelsten der fünf Fenster stand ein alter Schreibtisch und neben demselben ein sehr langer, mit Rohr überflochtener Sitz, auf welchem ein großer, hagerer Mann ausgestreckt lag und in gemüthlicher Ruhe den Dampf einer Papiercigarre von seinen Lippen blies. Er hatte das Eintreten des Consuls und der Geschwister Walton nicht gehört, eben so wenig, wie es ein anderer kleiner, sehr wohlbeleibter Mann vernommen hatte, welcher vor dem nächsten Fenster an einem Schreibtische saß und mit den Armen und dem Gesicht auf denselben niedergesunken und eingeschlafen war. Der erste dieser beiden sich ruhenden Männer war Don Juan Elimaco Robelledo, der Vorstand dieser Regierungs-Abtheilung, ein consejero del rey (königlicher Rath). Plötzlich gewahrte derselbe die Angekommenen, schwang schnell die langen Beine von dem Lager hinab, stellte sich auf und warf, den Consul erkennend, einen entsetzten Blick nach seinem eingeschlafenen Schreiber hinüber. Mit einem Ausdruck von Entrüstung erfaßte er ein Buch, welches auf dem Tische vor ihm lag, und schleuderte es dem Schläfer gegen den Kopf. Wie vom Blitze getroffen, fuhr dieser auf und so heftig gegen die Lehne seines Stuhles zurück, dass derselbe hintenüber flog und er selbst im Zurückstürzen mit den Füßen unter den Schreibtisch schlug. Dieser fiel um, das große hölzerne Dintenfaß rollte, sich seines schwarzen Inhaltes entleerend, durch den Saal, und eine Masse von Papieren flog von dem Tisch hinab in die Dinte. Während der so unsanft aus seinem süßen Schlaf aufgeschreckte Schreiber sich von der Erde aufraffte, zuerst seine Perrücke, welche ihm vom Kopfe gefallen war, schnell wieder aufsetzte und dann mit einem scheuen, doch tief ergrimmten Blick nach seinem grausamen Vorgesetzten den Tisch aufstellte und Dintenfaß und Papiere zusammenlas, trat der königliche Rath, zu seiner vollen Größe aufgerichtet, den Eingetretenen entgegen und begrüßte sie mit einer vornehmen Verbeugung, indem er sagte: Entschuldigen 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • sechstes kapitel] 55 Sie, Herr Consul, daß ich Sie Zeuge dieser gerechten Bestrafung eines nichtswürdigen Dieners Seiner Majestät des Königs sein ließ, der in seiner Pflichtvergessenheit, anstatt durch Thätigkeit sein gutes Brod zu verdienen, der Faulheit fröhnte und bei Ihnen den Gedanken erwecken mußte, daß wir hier nichts zu thun hätten, während mich die Arbeit erdrücken will und ich im Augenblick darüber nachsann, wie ich es möglich machen könnte, dieselbe zu bewältigen. Seien Sie mir bestens willkommen – welcher erfreulichen Veranlassung habe ich die Ehre Ihres Besuches zu verdanken? Der Consul stellte ihm dann seine Schutzbefohlenen vor und theilte ihm ihr Anliegen mit, worauf Don Robelledo seine Freude aussprach, ihnen dienlich sein zu können, und nun mit ihnen und dem Consul bei dem Schreibtische Platz nahm. Es betrifft also einen Grand, der von seiner Majestät dem Könige von Spanien an Don Alfonso Mendoza gegeben und worüber die Urkunde unter dem 15. Juni 1793 in New-Orleans ausgestellt worden ist? Ein altes, edles, dahingegangenes Geschlecht, diese Mendozas, deren Name noch jetzt mit Verehrung genannt wird. Es soll mich sehr erfreuen, wenn die Nachkommen des edlen Dons ihr gutes Recht gegen dieses americanische Gesindel, diese Räuberbanden, geltend machen und Besitz von dem Geschenk ergreifen werden, welches ihrem Vorfahren als Anerkennung für seine Verdienste zu Theil wurde. Mein Schreiber soll uns sogleich das Grandbuch und die Karte von Louisiana aus jener Zeit vorlegen; entschuldigen Sie einen Augenblick. Mit diesen Worten erhob sich der Rath, ging zu dem Schreiber hin, welcher sich wieder an seinem Tische etablirt hatte, und befahl ihm, die verlangten Nachweise über den Grand herbeizuschaffen. Während Don Robelledo nun zu dem Consul und dessen Gefährten zurückkehrte, schritt der Schreiber mit dem, bei seiner Niederlage auf seinem feisten, glänzenden Antlitz erschienenen grimmigen Ausdruck nach der langen Wand gegenüber den Fremden und seinem Tyrannen, stellte eine Leiter an dem Fachwerke auf und stieg vorsichtig auf derselben empor. Ich wiederhole es, hub der königliche Rath zu Robert Walton und dessen Schwester gewendet an, es soll mir ein Triumph sein, 5 10 15 20 25 30 35 56 Die alte spanische UrkUnDe wenn Sie mit dem Document, welches ich Ihnen ausfertigen lassen werde, den Americanern ein schönes Stück Land aus den Klauen reißen, und wünsche nur, daß darauf bereits recht viele derselben angesiedelt sind, die Sie durch das Gesetz von Haus und Hof jagen lassen; denn bis jetzt sind alle solche Landberechtigungen aus altspanischer Zeit in America von den Gerichten als rechtsgültig anerkannt worden. Ohne Zweifel ist es Ihnen bekannt, wie dieses nimmersatte, habgierige Volk die Hände auch nach unserem schönen Cuba ausstreckte und eine Bande von einigen Tausend Flibustiern unter dem Landesverräther Lopez hier an das Land setzte, um dasselbe der Krone Spanien zu entreißen. Doch, Dank unseren braven Soldaten, fünfhundert von den Räubern wurden erschossen und Lopez verlor seinen Kopf auf dem Schaffot! In diesem Augenblicke erdröhnte der Saal unter einem betäubenden Gekrache, und vor der gegenüberstehenden Wand stieg eine so dichte Staubwolke von dem Fußboden auf, daß nur noch das Gesicht des Schreibers hoch unter der Decke des Saales mit einem boshaften Lächeln über ihr hervorragte. Er hatte eine Anzahl von Schriftpacken, auf denen sich seit langen Jahren der Staub aufgehäuft, aus den obersten Gefächern herabgeworfen, und sandte ihnen jetzt noch einige Folianten und einige Landkarten nach, so daß die Staubwolke im nächsten Augenblicke sich auch über Don Robelledo und seine Gefährten rollte und sämmtlich in derselben verschwanden. Heilige Mutter Gottes! schrie der Rath in höchster Wuth, sind Sie denn ganz vom Teufel besessen? Das sollen Sie mir büßen, so wahr mein Name Robelledo ist! Ein heftiger Husten erstickte hier die wüthenden Worte, die der Don noch auf der Zunge hatte, er riß das Fenster auf und rannte dann aus der Thür in den Corridor hinaus. Verzeihen Eure Excellenz! rief der Schreiber von der Höhe der Leiter herab, beim Hervorziehen des Buches fielen ohne meine Schuld die auf ihm liegenden Ballen aus den Gefachen, es war ein unglücklicher Zufall! Ja, ja, unglücklicher Zufall! schrie der Rath zornig von der Tür her, ich kenne Sie, boshafte Creatur! Aber warten Sie, wir werden uns sprechen! 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • sechstes kapitel] 57 Die Staubwolke verwehte schnell und der Schreiber trat jetzt demüthig gebeugt mit dem befohlenen Folianten und einer zusammengerollten Landkarte an den Schreibtisch seines Vorgesetzten und legte sie auf demselben nieder. Robelledo kam mit höchster Entrüstung auf seinen Zügen gleichfalls an den Tisch zurück, hob mit einem wuthflammenden Blick die geballte Faust nach dem Schreiber auf und winkte ihm dann mit einer Bewegung, durch welche er ihm spätere Vergeltung versprach, sich zu entfernen. Entschuldigen Sie die unangenehme Störung in unserem Geschäfte, der Mensch soll seiner Strafe nicht entgehen, sagte Don Robelledo nun zu dem Consul und den Geschwistern, lassen Sie uns sehen, wie es sich mit Ihrem Grand verhält. Dabei schlug er den Folianten auf, blickte in das Register und fuhr mit beruhigter Stimme fort: Hier haben wir schon den edlen Namen Don Alfonso Mendoza! Er warf nun schnell die Blätter um, breitete das große Buch vor seinen Gefährten aus und schaute auf die Schrift. Ueberraschung und Staunen malte sich während des Lesens auf seinen Zügen und seine große Hand auf das Blatt legend, sagte er: In der That, ein bedeutender Grand – sechs Leguas – das ist ja eine ungeheure Besitzung! Sechs Leguas? wiederholte der Consul, eben so überrascht und sah Robert und dann Sarah fragend an. So stand in den Papieren unserer seligen Mutter, antwortete Robert mit erzwungener Ruhe, und Sarah preßte, die Augen niederschlagend, ihre Händchen fest in einander, als wolle sie sich zwingen, die Freude nicht zu verrathen, welche ihr bei dem Erstaunen und den wichtigen Mienen der beiden Männer die Brust füllte. Erlauben Sie mir, Ihnen meinen Glückwunsch zu solchem Reichthum darzubringen, denn das Land wird Ihnen sicher durch das Gericht als freies Eigenthum zugesprochen werden, eben so, wie es mit einem Grand von eilf Leguas in Texas vor einigen Jahren der Fall war, welchen ein Mexicaner auf Grund eines solchen Documents beanspruchte, nahm Robelledo, zu Robert gewandt, wieder das Wort; nun lassen Sie uns sehen, wo das Land liegt. 5 10 15 20 25 30 35 58 Die alte spanische UrkUnDe Dabei ergriff er die Karte, entrollte sie auf dem Tische und ließ seinen eifrig spähenden Blick auf derselben an der Küste des Golfs hingleiten. Hier haben Sie den Namen Mendoza, sagte er nach einigen Augenblicken, hier sehen Sie den Grand genau begränzt. Er liegt auf der Westküste der Bai von Mobile und zieht sich bis an das Ufer des Tombigby-Flusses hinauf. Liegt denn dort nicht die Stadt Mobile? fragte der Consul mit wachsendem Erstaunen. Dort hängt die neueste Karte von den Vereinigten Staaten, versetzte der Rath, trat an die Wand zwischen den ersten Fenstern, nahm die Karte herab und trug sie an den Tisch. Bei allen Heiligen, die Stadt Mobile liegt in der Mitte auf Ihrem Grand – die ganze Stadt ist Ihr Eigenthum! schrie Robelledo laut auf und zeigte mit seinem Finger auf die Karte. Wäre es möglich? fiel der Consul in eben so großer Aufregung ein und überzeugte sich durch einen Blick auf beide Karten, daß es sich wirklich so verhielt, während Robert und Sarah sich in höchstem Staunen ansahen und dem Gefühl der Freude sich nicht hingeben konnten, weil das Glück, welches ihnen beschieden sein sollte, alle faßlichen Gränzen überschritt. Ich weiß wirklich nicht, ob ich Ihnen zu einem solchen Eigenthumsrecht gratuliren soll, nahm der Consul jetzt ernsten Tones das Wort. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Stadt Mobile, welche gegen zwanzigtausend Einwohner zählt, auf Ihrem Lande steht und daß sie selbst darum mit allem, was darin nagelfest ist, Ihnen gehört; doch ob es dem Gerichte möglich sein wird, Sie in deren Besitz zu setzen, das ist eine Frage, die ich nicht zu beantworten im Stande bin. Jedenfalls aber haben Sie die Aussicht, aus Ihrem Rechte ein großes Vermögen zu erzielen. – Der Gedanke, Eigenthümer der ganzen Stadt Mobile zu sein, ist wirklich zu ungeheuer, als daß man ihn fassen könnte! Und doch ist es in der That so, fiel Robelledo ein, und wenn das Gesetz die Rechtsgültigkeit des Grands nicht absprechen kann, so muß die Regierung der Vereinigten Staaten Ihnen auch zu Ihrem Rechte verhelfen. Kurz, ich werde die Abschrift sofort ausfertigen und mit dem königlichen Siegel versehen lassen und in glei- 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • sechstes kapitel] 59 cher Weise Ihnen eine Copie von dem betreffenden Theile aus der Karte zustellen. Wenn aber einst meine Bemühungen für Sie mit glänzendem Erfolg gekrönt sein werden, dann wollen Sie sich auch meiner erinnern! Bei diesen letzten Worten verneigte sich der königliche Rath mit einem bedeutungsvollen Blicke gegen Robert und Sarah, welche sich noch immer nicht von ihrer Ueberraschung erholen konnten. Jedenfalls sollen Sie uns dankbar finden, Herr Rath, antwortete Robert, sich gleichfalls verbeugend. Unser Dank wird im Verhältniß zu dem Vermögen stehen, zu dessen Besitznahme Sie uns durch Ihre gütigen Bemühungen verholfen haben werden, fiel Sarah mit freudiger Bewegung ein, worauf sich Don Robelledo nochmals tief vor ihr verneigte und sagte: Neben meiner Pflicht werde ich meinem Gefühl für Sie folgen, Señorita, und mein Möglichstes für Ihr Interesse thun. Jetzt aber wollen wir dem Herrn Rath nicht noch mehr von seiner kostbaren Zeit rauben, ergriff der Consul nun das Wort; wir haben ja die Angelegenheit hinreichend beredet, und Don Robelledo hat uns so gütig das Versprechen gegeben, die Documente baldigst ausfertigen zu lassen. Ohne allen Aufschub; sogleich soll mein Secretär an die Arbeit gehen, versetzte dieser mit größter Zuvorkommenheit, worauf man sich gegenseitig höflichst empfahl und der Consul, mit dem Geschwisterpaar das alte düstere Gebäude verlassend, in die sonnige Straße hinaustrat. Er begleitete seine Schützlinge nach dem Gasthause, wo sie abgestiegen waren, zurück und sprach auf dem Wege dahin nochmals sein Erstaunen über den Riesenbesitz aus, den sie in dem Grand ererbt hatten und von welchem er wünschte und hoffte, daß er vor dem betreffenden Gericht als rechtsgültig anerkannt werden möchte. Ehe er dann von den Geschwistern schied, bat er sie, den Abend bei ihm zuzubringen, damit die Freude ihrer Bekanntschaft auch seiner Gattin zu Theil werde, und stellte ihnen schließlich noch während ihres Aufenthalts in Havannah seine Dienste unbedingt zur Verfügung. Gott sei gelobt und gedankt, daß wir allein sind! rief Sarah aus, als sie mit ihrem Bruder in ihr Zimmer trat, und warf sich in größ- 5 10 15 20 25 30 35 60 Die alte spanische UrkUnDe ter Aufregung ihm in die Arme. Es war mir, als ob die Brust mir zerspringen wolle, so unverhofft und so stürmisch zogen Hoffnung und Freude in mir ein. Ach, Robert, das Weinen ist mir eben so nahe wie des Lachen – es ist zu viel, zu groß das Glück, welches vor uns aufgestiegen, es kommt mir vor wie ein Unrecht, wie Uebermuth, unsere Wünsche so hoch fliegen zu lassen! Bei diesen Worten glänzten Thränen unter den langen Wimpern des Mädchens und Verzagtheit und Freude zugleich zitterten auf seinen engelslieblichen Zügen. Auch mich, Sarah, ich gestehe es, hat diese Lösung meiner Zweifel an dem Werthe des Documents tief ergriffen, versetzte Robert. Auch ich konnte die Wirklichkeit eines solchen Glückes nicht mit e i n e m Gedanken fassen, und noch jetzt kommt es mir vor wie ein Traum, wie eine Vorspiegelung wilder Phantasie, daß eine ganze Stadt, eine solche Stadt wie Mobile, unser Eigenthum sein sollte! Gott mag es fügen, wie es für uns am besten ist, wir selbst wollen keine Wünsche formen, sagte Sarah wieder; was e r uns gibt, nehmen wir dankbar an. Durch u n s soll Niemand seines Eigenthums beraubt, durch u n s soll Niemand betrübt werden, lieber wollen wir selbst in bescheidenen Verhältnissen fortleben. Ja, bis zu einer gewissen Gränze, Sarah, entgegnete Robert. Was uns von Gott und Rechts wegen gehört, dürfen wir auch fordern; wollen wir uns dann mit weniger zufrieden stellen, so ist dies unsererseits Gnadensache. Allzu gut ist dumm! Und allzu scharf schneidet nicht! fiel Sarah heiter ein. Wenn wir nur erst so weit sind, daß wir Barmherzigkeit üben können, dann sollen sich die Leute nicht über uns beklagen. Der Consul ist eben so wie der Rath vollständig davon überzeugt, daß uns das im Grand bezeichnete Land zugesprochen werden wird, und dazu gehört ja der Grund und Boden, auf welchem die Stadt steht. Das ist die Gold- und Diamantengrube, auf welche du hofftest, sagte Robert lachend und fügte in demselben scherzenden Tone noch hinzu: An Sümpfen für meine Schlangen und Frösche wird es sicher auch nicht fehlen! Sarah hatte Hut und Shawl abgelegt und ließ sich erschöpft in den Schaukelstuhl am offenen Fenster nieder; die plötzliche, zu große, stürmische, wenn auch freudige Aufregung hatte ihre gei- 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • sechstes kapitel] 61 stige Spannkraft überstiegen, und nicht im Stande, sich länger aufrecht zu erhalten, sank sie ermattet zusammen. Ihr reizendes Köpfchen lehnte sich, seitwärts geneigt, mit der Wange gegen die Lehne des Stuhles, ihre dunkel beschatteten, veilchenblauen Augen waren halb geschlossen und ihre Hände lagen gefaltet in ihrem Schooße. So hatte sie eine Zeit lang geruht und hatte ihre Gedanken wie im Traume, ohne ihnen eine bestimmte Richtung zu geben, wirr umherschwirren lassen, als Robert, welcher, um ihre Ruhe nicht .zu stören, aus dem Zimmer gegangen war, wieder hereinkam und, ihrem heiteren Blicke begegnend, mit den Worten zu ihr hintrat: Du fühlst dich doch wohl, Sally? Ganz wohl, lieber Robert, nur bin ich so ermattet, als ob ich wer weiß welche große Anstrengung gehabt hätte. Jetzt aber fühle ich mich schon wieder stärker, ich habe halb schlafend mich ausgeruht. – Dabei reichte sie ihm liebevoll lächelnd die Hand, setzte sich gerade und sagte: Habe ich doch gar nicht geglaubt, daß ich so schwach sein könnte! – Dann aber stand sie rasch mit den Worten auf: Nun aber, Robert, wollen wir unserer ersten Pflicht, unserer Dankbarkeit gedenken. Wir müssen mit Patrick sprechen. Er ist unten im Hause, ich habe ihn so eben gesehen, entgegnete Robert. Hast du ihm schon von unserem Glücke gesagt? Nein, ich wußte nicht, ob wir es auch ihm mittheilen wollten. Ich meine, wir sollten es thun, bemerkte Sarah; ohne ihn hätten wir es ja nie erlebt, und warum sollten wir es ihm verschweigen? Er ist uns ein treuer Freund, der uns auch nach Mobile begleiten und dort seinen Antheil an unserem Glücke erhalten soll. Meinst du nicht auch? Wenn er mit uns gehen und bei uns bleiben will, mir soll es Freude machen, entgegnete der Bruder. Rufe ihn herauf, Robert, ich muß es ihm verkünden – o, ich möchte es der ganzen Welt erzählen! sagte Sarah, worauf ihr Bruder hinauseilte und nach wenigen Minuten mit Patrick in das Zimmer zurückkehrte. Freue dich mit uns, Patrick, der Himmel hat uns großes Glück in Aussicht gestellt und du sollst es mit genießen, denn dir ver- 5 10 15 20 25 30 35 62 Die alte spanische UrkUnDe danken wir es ja, daß wir dafür erhalten wurden! rief ihm Sarah zu, ergriff mit beiden Händen seine Rechte und erzählte ihm nun, weßhalb sie hieher gereist und zu welchen Hoffnungen sie heute berechtigt worden wären. Die ganze Stadt Mobile, sagen Sie, gehöre Ihnen? Das ist ja wohl nicht möglich! rief der Matrose in höchstem Erstaunen aus. Ein einziges der vielen großen Häuser darin würde schon hinreichen, Sie reich zu machen! Ja, ja, Patrick, die ganze Stadt und rundum das ganze Land dazu ist unser rechtmäßiges Eigenthum, und hoffentlich werden wir bald im Stande sein, dir unsere Schuld abzutragen. Du sollst nun bei uns bleiben, bis dies geschehen ist, und dann noch so lange, als es dir bei uns gefällt, sagte Sarah freudig. Was werden aber in Mobile die Leute dazu sagen, wenn sie Ihnen ihre Häuser abtreten sollen – gutwillig werden sie es gewiß nicht thun, nahm der Matrose wieder das Wort. Das Gericht wird sie dazu zwingen, entgegnete Robert; Recht bleibt Recht, ob es sich um hundert oder um Millionen Dollars handelt. Ja, aber sämmtliche Einwohner einer solchen Stadt aus Haus und Hof zu vertreiben, dazu gehört eine große Macht, das geht ohne Blutvergießen nicht ab, sagte Patrick wieder. Ach, Gott behüte, fiel Sarah ihm erschrocken in das Wort, um uns soll kein Tropfen Blut vergossen werden! Wir wollen nur unser Recht feststellen lassen und uns dann im Guten mit den Leuten einigen. Im Guten werden dieselben Ihnen eben nichts geben wollen, antwortete der Matrose achselzuckend. Dann wird das Gesetz uns zu unserem Rechte verhelfen, fiel Robert ein. Dasselbe soll ja in den Vereinigten Staaten eben so hoch gehalten werden wie bei uns in Irland. Nun, ich wünsche Ihnen alles Glück dazu, bin jedoch neugierig, was daraus werden wird, antwortete Patrick mit ungläubigem Tone. Du gehst aber mit uns, nicht wahr? bat Sarah mit liebevollem Ausdruck. Ei freilich, ich gehe mit Ihnen und helfe Ihnen die Stadt stürmen, wenn es nöthig werden sollte, antwortete der Matrose lachend, und 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • sieBentes kapitel] 63 nun begannen sie alle Drei in der heitersten Weise einander im Aufbauen von herrlichen Luftschlössern zu überbieten. Der Aufenthalt in dem wunderbar schönen Havannah wurde den Geschwistern Walton mit jedem Tage angenehmer und erfreulicher. Consul Hasting führte sie in mehrere der angesehensten spanischen Familien ein, und allenthalben kam man ihnen auf das Freundlichste entgegen; denn schon ihrer spanischen Abkunft und ihrer persönlichen Liebenswürdigkeit wegen hieß man sie willkommen; doch die sich schnell verbreitende Kunde über die unermeßlichen Reichthümer, welche ihnen in Aussicht standen, steigerte das Interesse für sie noch sehr. Die Abschrift des Documents und die Copie aus der alten spanischen Landkarte hatten sie aus den Händen des königlichen Rathes Don Robelledo empfangen und ihn nach augenblicklich besten Kräften, jedoch mit dem Versprechen bezahlt, nach günstigem Erfolg seiner mit noch weiterer baarer Erkenntlichkeit für seine Bemühungen zu gedenken. Es hielt sie jetzt nichts mehr in Havannah zurück als der Mangel an einer guten Schiffsgelegenheit für ihre Reise nach Mobile. Da aber noch kein nach dort fahrendes Schiff angezeigt war und Consul Hasting es überhaupt für rathsam hielt, daß sie sich zuerst nach New-Orleans begeben und den ihm befreundeten dortigen englischen Consul sprechen möchten, so entschlossen sie sich, mit dem ersten Dampfer dahin abzufahren. Der Tag der Abreise erschien, alle erworbenen Bekannten, unter denen sich auch Don Robelledo befand, gaben ihnen des Geleite bis an Bord, und unter deren besten Wünschen für das glückliche Erreichen ihres großen Zieles sagten sie dem schönen Havannah und ihren Freunden Lebewohl und dampften mit ihrem treuen Patrick in den grünen Golf hinaus. Diesmal wurde die Reise in wenigen Tagen zurückgelegt, und zwar mit allem Comfort und Luxus, welche man in einem Gasthause ersten Ranges nur finden kann. In New-Orleans aber bezogen die Waltons wieder ein Hotel zweiter Classe, wo sie auch Patrick einquartierten, welcher seine Matrosenkleidung gegen eine gewöhnliche Tracht umgetauscht hatte. 5 10 15 20 25 30 35 64 Die alte spanische UrkUnDe Am Morgen nach ihrer Ankunft machten sie dem englischen Consul, einem Herrn Balmore, ihren Besuch, übergaben demselben den Brief Hasting’s und erfreuten sich bei ihm einer außerordentlich herzlichen Aufnahme. Die briefliche Mittheilung Hasting’s über die Grant-Angelegenheit versetzte Balmore in großes Erstaunen, und mit der wärmsten Theilnahme sagte er den Geschwistern seinen Beistand zu. Aeu- ßerst lieb war es ihm, daß sie ihn aufgesucht hatten, ehe sie sich in Mobile zeigten, da er ihnen viele Winke in Bezug auf ihr Verhalten dort geben konnte, namentlich aber, weil er im Stande war, sie dem für diesen Fall geeigneten Advocaten, einem Herrn Starford, bestens zu empfehlen. Es scheint mir, sagte Consul Balmore, nachdem er sich einige Zeit mit den Geschwistern über ihre Angelegenheit unterhalten hatte, daß Sie die Sache zu leicht ansehen, und es ist meine Pflicht, Sie auf die wahrhaft furchtbar ernste Bedeutung derselben aufmerksam zu machen. Ihre Unternehmung erscheint mir wie eine Riesenmaschine, die, wenn einmal in Bewegung gesetzt, durch Menschenhände kaum noch zu regieren ist und in ihrem Laufe die gräßlichsten Zerstörungen in Menschenglück und Menschenruhe anrichten kann. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Sie die vollständig berechtigten Eigenthümer des Grundes und Bodens sind, auf welchem Mobile steht, und somit auch die Eigenthümer der Stadt selbst, denn Ihr Großvater erhielt von der spanischen Regierung dieses Land für sich und für seine Erben als unumschränktes Eigenthum überwiesen; er hat damals, wie in der Urkunde steht, auch Besitz davon ergriffen, und durch den Wechsel der Regierung ist kein solches Privatrecht aufgehoben worden. Wie Sie aber jetzt, wo so viele Tausend Menschen darauf wohnen, die ein so enormes Weltgeschäft darauf treiben, in den Mauern, die Ihnen gehören, ihr Geschäfts- und Familienleben führen, während zum großen Theil in denselben ihr erworbenes Vermögen besteht – wie Sie jetzt, sage ich, diese Bevölkerung daraus verjagen und alles, was auf Ihrem Lande steht, in Besitz nehmen wollen, kann ich mir augenblicklich nicht klar machen. Allerdings gibt es e i n Auskunftsmittel, es ist ein Vergleich, eine Abfindung, und daraufhin muß Ihr Anwalt von Anbeginn des Processes sein Streben richten. Aber nicht allein der 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • sieBentes kapitel] 65 Anwalt, auch Sie selbst setzen Ihre persönliche Sicherheit, ja, Ihr Leben auf das Spiel, und ich muß Ihnen die größte Vorsicht bei Ihrem Auftreten in Mobile anempfehlen. Lassen Sie Ihr Vorhaben so lange wie möglich verschwiegen bleiben, und wenn Ihr Anwalt die Klage dem Gerichte übergeben hat, so wäre mein unmaßgeblicher Rath, daß Sie Sich schleunigst von Mobile entfernten. Sie sind Fremde, sind Irländer, und als solche wird die Wuth der Einwohnerschaft gegen Sie doppelt so groß sein, als wenn Sie Americaner wären. Ich werde übrigens meinem Freunde Starford ausführlich meine Ansichten darüber mittheilen und hoffe, er wird die Führung des Processes übernehmen. Thut er es, so sind Sie in den besten Händen und können Sich blindlings seinen Anordnungen fügen. Er ist der tüchtigste Advocat im ganzen Süden und ist vor allen Dingen ein Ehrenmann. Sarah war während dieser Rede des Consuls immer bleicher geworden, die Freude, welcher sie sich bei dem Gedanken an den bald zu erhaltenden unermeßlichen Reichthum hingegeben hatte, war von ihr gewichen, die Luftschlösser, welche ihre heitere, sorglose Phantasie gebaut, waren zusammengestürzt, und wie plötzlich vor einem jähen, bodenlosen Abgrunde stehend, hatte Angst und Entsetzen sie ergriffen. Wenn wir nun aber den Bewohnern von Mobile sagten, daß wir nichts von ihnen forderten als eine kleine Summe, hinreichend, um anständig leben zu können, sagte sie mit bebender Stimme, dann würden sie sich gern mit uns abfinden und keinen Haß, keine Verfolgung gegen uns ausüben. Nein, Sarah, das würde ein Gnadengesuch sein, fiel Robert ihr in das Wort, und es ist an uns, Gnade für Recht ergehen zu lassen. Auch ich, Fräulein, bin der Ansicht, daß Sie Ihr Recht feststellen lassen, zugleich aber die Erklärung abgeben, daß Sie geneigt sind, Sich mit der Einwohnerschaft zu vergleichen, nahm Balmore wieder das Wort. Ueberlassen Sie das Ihrem Anwalt, er kennt die Verhältnisse am besten und wird Ihnen nichts rathen, was Sie nicht unbedingt befolgen können. Lange noch unterhielten sich die Geschwister mit dem Consul, aber so freundlich und ermuthigend er auch zu ihnen sprach, so 5 10 15 20 25 30 35 66 Die alte spanische UrkUnDe konnte Sarah doch ihre sorglose Heiterkeit nicht wieder gewinnen, und als Balmore sie Beide mit dem Versprechen entlassen hatte, sofort den Brief für sie an den Advocaten Starford zu schreiben und ihnen denselben am Abend, den er sie bat, in seinem Familienkreise zu verbringen, einhändigen zu wollen, hing sich das Mädchen auf dem Wege nach dem Hotel gesenkten Hauptes an den Arm ihres Bruders und sagte: Ach, Robert, ich habe den Muth verloren, denn ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, daß ein Unrecht in unserem Vorhaben liegt! Denke dir nur, daß wir selbst ein Haus, eine Heimath in Mobile hätten, wo wir geboren und in glücklichem Familienkreise aufgewachsen wären, und es käme plötzlich ein Fremder daher und wollte uns daraus verjagen! Wir wollen die Leute ja nicht verjagen, nicht Einen von ihnen, antwortete Robert beruhigend; nur soll uns die ganze Einwohnerschaft von dem Capital, welches die Stadt werth ist, gewisse Procente herausbezahlen; darin liegt nicht allein kein Unrecht, nein, wir thun ein Werk der Güte und der Großmuth. Ich bin überzeugt, man wird es uns danken und uns dafür ehren. Am Ende werden wir hochgefeierte Personen, man gibt uns zu Ehren Bälle und Gesellschaften und ladet uns ein, unseren bleibenden Wohnort in Mobile zu wählen. Ach, du hast guten Muth, Robert, mir aber ist das Herz so schwer! sagte Sarah im Dahinschreiten. Und früher sollte ich es sein, der immer schwarz sähe? lachte Robert. Wo ist denn plötzlich die Courage meiner Sally hingerathen? Lache mich recht aus, Robert, entgegnete Sarah sich ermannend, ich glaube aber, meine Bangigkeit liegt in der Erwartung des drohenden Sturmes; wenn wir erst einmal darin sind, dann werde ich auch den Muth haben, mich durchzukämpfen. Den Abend verbrachten sie versprochener Maßen bei dem Consul, empfingen von ihm das Empfehlungsschreiben an den Advocaten Starford und schon am folgenden Morgen befanden sie sich, von Patrick begleitet, an Bord eines Dampfers, welcher nach Mobile abfuhr. Die Reise auf dem Mississippistrome hinab ging mit fliegender Eile von Statten, und als die Sonne sich in das Meer tauchte, 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • sieBentes kapitel] 67 schwammen die Geschwister schon wieder auf den durchsichtigen Wogen des Golfs. Bis spät in die Nacht hinein saßen sie, ihre Gedanken nach dem Ziele ihrer Reise voraussendend, auf dem oberen Verdeck und labten sich an der erfrischenden Kühle der Seeluft, und mit jeder Stunde, die sie dem Augenblick näher brachte, der die für sie so große Frage entscheiden sollte, steigerte sich ihre Spannung, ihre Aufregung. Ihr Schlaf war nur ein kurzer, denn lange vor Sonnenaufgang fanden sie sich schon wieder auf dem Verdeck ein und ihre Blicke schweiften nach dem fernen Meeresrande hinüber, wo nun bald das Land, in dessen Schooß ihre Zukunft verborgen lag, vor ihnen auftauchen mußte. In dem Golde der Morgensonne stiegen dort endlich die grünen Ufer der Bai von Mobile empor und die Stadt gleichen Namens erschien bald darauf mit ihren Thürmen und begränzt mit einem Walde von Schiffmasten in der duftigen Ferne. Das also war das große Erbtheil von Don Alfonso Mendoza, das war das den Geschwistern Walton verheißene Land, welches mit allen den hier und dort herausschauenden Farmen, mit allen Plantagen, allen Fabriken, allen reizenden Villas, die auf dem Ufer prangten, ihnen als freies Eigenthum gehörte! Beide sahen staunend über die reiche Gegend hinaus bis in die weite schöne Ferne, Beide waren verstummt und in Beiden regte sich ein Gefühl, welches bis jetzt ihnen noch fremd gewesen war. Das Gefühl weltlicher Größe, weltlicher Macht war es, welches bei dem Anblicke eines solchen ungeheuren Besitzthums in ihnen Beiden erwachte, wenn es auch in Sarah’s Seele einen anderen Widerhall fand, als in der ihres Bruders. Sarah dachte bei dem Anblick dieser ungemessenen Reichthümer an das viele Glück, welches sie den jetzigen Besitzern schaffen würde, indem sie ihnen ihre theure Heimath zurückerstattete, während ihr das große Vermögen, welches ihr selbst zu Theil werden mußte, die Macht ertheilte, unzählige Thränen zu trocknen, unsägliches Leid und Weh von ihren unglücklichen Mitmenschen zu nehmen und ihnen Freude dafür zu geben. Robert dagegen fühlte nur die Macht des Reichthums als ein Glück für sich selbst, und die wahrscheinliche Nothwendigkeit, alle diese unabsehbaren Besitzungen, so wie die dort immer größer, 5 10 15 20 25 30 35 68 Die alte spanische UrkUnDe immer mächtiger herantretende Stadt nur gegen eine verhältnißmäßig unbedeutende Vergütung aufzugeben, schien ihm seinen Wünschen, seinem Glück entgegen zu stehen. Ueber dieses leichte Aufgeben war er mit sich selbst auch noch durchaus nicht einig, und so gewaltig hatte ihn beim Erblicken seines großen Eigenthumes der Gedanke, der reichste Mann auf Erden werden zu können, ergriffen, daß er mit Sehnsucht dem Augenblick entgegensah, wo er mit dem Advocaten reden und ihn für eine höchstmögliche Forderung stimmen könne. Sieh’ nur, Robert, welch’ reizende Ansiedelungen sich so weit das Auge reicht vor uns entfalten, sagte Sarah, während sie in der Bai hinaufdampften, und zeigte mit der Hand nach dem westlichen Ufer hin, und denke dir den Schrecken, die Angst der Leute darin, wenn sie wüßten, daß wir, die beiden Fremden, jetzt heranzögen, um unser Eigenthumsrecht auf ihre Besitzungen geltend zu machen! Sie würden natürlich nicht ahnen, daß wir ihnen nichts nehmen, daß wir uns mit einer kleinen Entschädigung, die ja doch für uns ungeheuer groß sein wird, zufrieden stellen wollen. O, wie freue ich mich darauf, sie von der Angst zu befreien, die sie bei der ersten Kunde von unserem Erscheinen und unserem Recht ergreifen wird! Nun, für ein Butterbrod sollen sie unser Recht auch nicht haben, statt eines Dankes würden sie uns als dumme, einfältige Irländer noch verlachen, entgegnete Robert halb in Gedanken versunken. Ein Butterbrod wird es auch nicht sein, was wir erhalten werden, wenn es auch die einzelnen Leute nicht schwer trifft, sieh’ doch nur nach der Stadt hin, ein paar Procente von dem Werthe derselben ist ja schon ein Riesenvermögen, fuhr Sarah heiter fort. Warum denn aber nur ein paar Procente? antwortete Robert mit aufglänzendem Blick, sag’ die Hälfte, oder auch nur ein Viertel des Werthes, dann stehen sich die Leute noch sehr gut dabei. Wenn Einer sein Hab und Gut mit einem Viertel des Werthes erkaufen oder Alles verlieren kann, wird er sich wahrhaftig nicht lange bei der Wahl bedenken! Aber, lieber Robert, ich bitte dich, wie kommst du denn mit Einem Male auf solche Wünsche, die sind ja sündhaft! fiel Sarah ihm rasch in das Wort und blickte ihn halb erschrocken an. Denk’ doch 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • sieBentes kapitel] 69 einmal, wenn ein fleißiger Farmer eine große Familie auf einem unserer Grundstücke, welches nur tausend Dollars werth wäre, karg ernährte, und er sollte uns plötzlich fünfhundert Dollars heraus bezahlen – in welche Noth würde er kommen – würde nicht an jedem Dollar, den er uns zahlte, sein Fluch – wer weiß, auch wie viele Thränen hangen? Nein, nein, um uns soll Niemand weinen, uns soll Niemand fluchen – ach, es war ja auch nur so ein unüberlegtes Wort von dir, nicht wahr, Robert? Ganz und gar nicht, Sarah, ich war und bin darüber vollständig mit mir einig, daß ich mein Recht nicht für ein paar lumpige Procente abtreten will, entgegnete dieser ernst, doch ich mache dir durchaus keine Vorschriften, mit deinem Antheil kannst du schalten und walten, wie du willst. Robert, Robert, ich bitte dich, du bist ja plötzlich ganz anders geworden, bat Sarah und erfaßte mit einem flehentlichen Blick seine Hand, worauf Robert laut auflachte und sagte: Wir zanken uns um des Kaisers Bart, lass’ uns doch erst einmal hören, was der Advocat sagt – er wird uns das Rechte und das Beste wohl rathen! Sarah schwieg und blickte seitwärts über die Brüstung in die klare Flut hinab, und klarer noch, als diese, fielen ihre Thränen von ihren schwarzen Wimpern. Robert aber zog eine Cigarre aus der Tasche hervor, zündete sie an und ging auf dem Verdeck sinnend auf und nieder. Die Geschwister hielten ihre Blicke auf die Stadt gerichtet, welcher sie sich jetzt eilig nahten und deren mit einer unabsehbaren Reihe von Schiffen gekrönte Werfte vor ihnen ausgebreitet lagen. Dieselben wimmelten von geschäftigen Menschen, und auf dem Werfte, wo dieser regelmäßig von New-Orleans kommende Dampfer stets anlegte, sammelten sich jetzt große Mengen, namentlich aber waren es sehr viele Farbige, welche herzuströmten, um den Passagieren ihre Dienste anzubieten. Auch ein große Zahl von Miethwagen hatte sich eingefunden, und kaum hatte das Dampfschiff angelegt, als die schwarzen Kutscher und Schiebkärrner an Bord sprangen und sich das Gepäck der Reisenden einander streitig machten, bis diese selbst sich wieder in Besitz desselben setzten. Robert hatte den Koffer und die Reisetasche, welche seine und Sarah’s wenige Habseligkeiten enthielten, durch Patrick an die Brü- 5 10 15 20 25 30 35 70 Die alte spanische UrkUnDe stung bringen lassen und wartete hier, bis einige Hundert Passagiere das Schiff verlassen hatten und das Menschengewühl sich minderte, dann winkte er einem Neger, hob ihm den Koffer auf die Schulter, Patrick nahm die Tasche in die Hand, und nun mußte der Neger vor ihnen hingehen, damit er sie in das Adler-Hotel führe, wo sie nach der Weisung des Consuls Balmore einkehren wollten. Dieses Gasthaus war auch nicht ersten Ranges, doch es war gut in jeder Beziehung, und der Wirth so wie dessen Frau schienen artige Leute zu sein, die sie auf die Empfehlung Balmore’s freundlichst willkommen hießen. Robert erkundigte sich sofort bei dem Wirth, wo der Advocat Herr Starford wohne und zu welcher Zeit er ihn wohl sprechen könne, worauf er die Auskunft erhielt, daß derselbe bis gegen drei Uhr in seinem Geschäftslocal in der Stadt zu finden sei, dann sich aber nach seiner Wohnung außerhalb derselben begebe. Nachdem Sarah ihren Anzug gewechselt und ihre Toilette beendet hatte, war es beinahe Zeit zum Mittagsessen, und so wurde der Besuch bei Starford bis zum Abend aufgeschoben. Das Mittagsbrod hatten die Geschwister bald eingenommen, denn es drängte sie hinaus in die Straßen, um ihre Stadt in Augenschein zu nehmen. Hierzu blieben ihnen noch einige Stunden Zeit, denn wie der Wirth ihnen sagte, speiste Herr Starford ziemlich spät, und erst nach aufgehobener Tafel konnten sie sich bei ihm melden. Zunächst wandten sie ihre Schritte nun dem Hafen zu, wo sie auf den Werften hinwandelten und erstaunt dem regen geschäftlichen Treiben zusahen, welches hier herrschte. Hunderte mit Baumwollenballen beladene Güterkarren donnerten, von Maulthieren gezogen, in langen Reihen an ihnen vorüber nach den zahllosen Schiffen, und eben so viele fuhren entladen in fliegender Eile zurück in die Straßen, um neue Ladungen zu holen. Allenthalben auf den Werften waren Berge von Ballen, Fässern und Kisten aufgestapelt, Schiffe zogen ihre Segel auf und fuhren davon und andere drängten sich in ihre Plätze, um an dem Werfte anzulegen. In wirrem Gewühl rannten die Menschen hin und her, doch jedem sah man es an, daß er nur sein eigenes Ziel im Auge hielt und sich nicht darum kümmere, was um ihn her vorging. 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • sieBentes kapitel] 71 Sieh’ nur, Sarah, welch riesiges Geschäft hier betrieben wird und denke, welchen Werth die Werfte haben müssen. Wenn wir sie als Eigenthum behalten und vermiethen, so müssen sie uns ja eine ungeheure Summe jährlich einbringen, sagte Robert, als ihre Schritte durch einen langen Zug von Güterwagen gehemmt wurden. Lieber Robert, wie können wir gegen eine solche Bevölkerung zu Felde ziehen und sie aus dem Eigenthum verjagen, welches sie so viele Jahre hindurch in gutem Glauben besessen haben? entgegnete Sarah mit mildem, bittendem Tone. Lass’ doch ab von solchen Gedanken! Was können wir denn mehr wünschen, als ein friedliches Vergleichen, wobei wir große Reichthümer erhalten müssen? Du sollst sehen, daß Herr Starford meiner Ansicht sein wird. Nun, wir werden sehen! versetzte Robert, augenscheinlich mit seinen Gedanken schon anderswo, und lenkte in die nächste Straße ein, welche nur aus Lagerhäusern und Geschäftslocalen bestand, wie die neben den Thüren an die Mauern geschriebenen Firmen zeigten. Auch hier herrschte große Thätigkeit und wiederholt mußten die Geschwister von dem Trottoir in die Straße treten, um den aus den Gebäuden hervorkommenden Gütern auszuweichen. Bald erreichten sie eine breite Straße, an deren beiden Seiten sich Laden an Laden reihte und deren Trottoirs dicht mit hin und her wandelnden Weißen bedeckt waren, während eine bei weitem größere Zahl Farbiger in der Mitte der Straße lief. Eine schöne Straße – prächtige Läden! sagte Robert im Vorwärtsschreiten, Sarah aber schwieg. Wieder und wieder bogen sie seitwärts ab und gelangten in einen Theil der Stadt, in welchem weniger Geschäftsleben bemerkbar war und wo, wie es schien, sich die Wohnungen der wohlhabenderen Bürger befanden, denn es standen hier prächtige, große Häuser mit weißen Marmortreppen, wenn auch hier und dort noch ein bescheidenes Gebäude sich dazwischen reihte. Straße auf, Straße nieder, hin und her waren die beiden rechtmäßigen Eigenthümer dieser Stadt lange Zeit durch sie hingewandert und hatten die nördliche Seite derselben erreicht, wo die Häuser noch einzelner standen und wo viele Neubauten begonnen waren. 5 10 15 20 25 30 35 72 Die alte spanische UrkUnDe Wem gehört der Palast dort? fragte Robert einen alten Neger, welcher auf der unteren Stufe der Marmortreppe vor einem gro- ßen Hause saß und mittels eines Sandsteines dieselbe reinigte. Der alte Mann stand auf, nahm höflich seinen Strohhut ab und sagte: Der gehört Herrn Dixon, einem sehr reichen Manne, sein Vater war der erste Ansiedler in dieser Gegend. In welcher Zeit ließ sich denn sein Vater hier nieder? fragte Robert weiter. Schon sehr, sehr lange – im vorigen Jahrhundert, als dieses ganze Land noch den Spaniern gehörte, antwortete der Neger. So, damals schon? fuhr Robert mit wachsendem Interesse fort. Ich glaubte, diese Gegend hätte sich erst später bevölkert. Ja, Herr, dem ist auch so, denn der alte Dixon hat die Leute, wenn sie kamen, um sich anzubauen, immer fortgejagt, weil er hierzu von dem Herrn dieses Landes als Ward (Wächter) darauf gesetzt worden war. Wer war denn der Herr dieses Landes? fiel Robert ihm hastig in das Wort. Das soll ein Spanier gewesen sein, welcher Mendoza geheißen hat und welcher von dem Könige von Spanien hier einen sogenannten Grant erhielt, der viele Meilen lang und breit ist, versetzte der Schwarze. Der Herr Mendoza gab hier dem alten Dixon, welcher ein Jäger war, ein Stückchen Land unter der Bedingung als Eigenthum, daß er sich darauf anbauen und gegen das Ansiedeln aller Fremden auf dem Grant immer gerichtliche Einsprache thun solle, damit Niemand durch Verjährung ein Recht darauf erwerben könne. Das hat Dixon auch redlich gethan, bis ihn endlich die Leute auslachten und sich, ohne ihn weiter zu fragen, hier niederließen, denn ganz Louisiana, wozu auch dieses Land gehörte, war von den Vereinigten Staaten gekauft worden, und der alte Mendoza war fortgereist und nicht wiedergekommen. Das Haus des Herrn Dixon dort steht auf dem Stück Land, welches sein Vater von dem Spanier erhielt und welches man jetzt noch das Wardland nennt. Dixon hat auch eine Urkunde darüber, welche Herr Mendoza selbst seinem Vater ausgestellt hat, und auch er hat von Zeit zu Zeit immer wieder Protest gegen die unrechtmäßige Besitznahme des Grants bei Gericht eingelegt, um dadurch sich selbst sein Ei- 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • sieBentes kapitel] 73 genthumsrecht zu erhalten. Ja, ja, so ist es, Herr, Sie können es mir glauben, fügte der Neger noch hinzu, als er das Staunen und die Aufregung gewahrte, welche Robert sowohl als auch Sarah ergriffen hatten. Du sagst, Dixon hätte eine Urkunde über sein Land? nahm Robert sehr bewegt wieder das Wort. Die hat er, und das war gut für ihn, denn die ersten Ansiedler hier wollten es ihm streitig machen. Ich kam damals gerade mit meinem Herrn hieher, antwortete der Alte. Robert warf Sarah einen bedeutungsschweren Blick zu und fragte den Sclaven nach einer kurzen Pause: Sage mir, Alter, in welcher Richtung steht denn das Haus des Herrn Starford, des Advocaten? Gerade in dieser Straße hinauf bei Dixon’s Haus vorbei, dann sehen Sie es etwas rechter Hand auf der Höhe liegen. Es ist das schönste Haus in der ganzen Stadt. Robert hatte einen halben Dollar aus der Tasche genommen und drückte ihn dem Neger in die Hand, indem er sagte: Dafür trink’ einmal auf meine Gesundheit, Alter. Dann schritt er mit Sarah weiter, und als sie sich von dem Schwarzen entfernt hatten, hub er triumphirend an: Was sagst du nun, Sarah, wäre es jetzt noch ein Unrecht, wenn wir wirklichen Besitz forderten? Du hast es ja so eben gehört, daß die Leute sich hier in der vollen Ueberzeugung anbauten, daß das Land Eigenthum unseres Großvaters sei und daß sie einen Raub an ihm begingen. Kann es uns nun Jemand verdenken, wenn wir das Gestohlene zurückverlangen? Trotzdem, Robert, ist ein friedlicher Vergleich das einzige Mittel, um die Angelegenheit zu ordnen, denn zwanzigtausend Menschen kann man nicht aus ihrer Habe hinausjagen, antwortete Sarah aufgeregt und fügte nach einer kurzen Pause noch hinzu: I c h für meinen Theil wenigstens will kein Unglück über die Leute bringen! Wir werden jetzt gleich hören, was Starford dazu meint, fuhr Robert unbekümmert fort, ihm sind ja die Verhältnisse eben so gut bekannt, wie dem alten Neger. Das prächtige Haus des Advocaten Starford stand auf einer Höhe, unweit der Mündung des Tombigby-Flusses in die Bai, so 5 10 15 20 25 30 35 74 Die alte spanische UrkUnDe daß es die Aussicht über beide weit hinaus beherrschte. Es war aus rothem Backstein erbaut, die Fenster- und Thürrahmen, so wie die hohe Treppe vor demselben bestanden aus schneeweißem Marmor, und die Veranda, welche um seine vier Seiten lief, ruhte auf zierlichen eisernen Säulen. Herrliche, mit Blumenbeeten, Palmen und Bananen gezierte Grasplätze, hohe schattige Baumgruppen und zwischen ihnen hin und her geschlungene saubere Sandwege umgaben das Haus bis an die entfernte eiserne Einzäunung, welche die ganze Besitzung einschloß. Das ist ja ein prachtvoller Wohnsitz, der Mann muß sehr reich sein, hub Robert an, als er mit Sarah durch das Gitterthor eintrat und seinen Blick über den fein geschorenen Rasen nach dem Hause hinaufrichtete. Und welche Gefühle wirst du in dem Manne erzeugen, wenn du ihm sagst, daß du ihn aus diesem schönen Eigenthum vertreiben und es selbst in Besitz nehmen willst! entgegnete Sarah ernsten Tones, worauf Robert ihr einen unwilligen Blick zuwarf, doch schweigend mit ihr weiter ging. Als sie dem Hause zuschritten, bemerkten sie, daß ein Neger beide Flügel der Thür über der Treppe öffnete, so wie daß zugleich viele Fenster aufgemacht wurden, denn die Sonne sank über dem fernen Walde und die Abendluft zog erfrischend von der See herauf über das Land. Die Geschwister erstiegen die Marmortreppe und Robert fragte den aus der Thür hervortretenden Schwarzen, ob Herr Starford zu Hause und zu sprechen wäre, worauf der Diener sich seinen Namen ausbat, um ihn seinem Herrn zu melden. Mein Name ist Walton, entgegnete Robert, sag’ Herrn Starford, daß ich mit Empfehlungen von Herrn Consul Balmore in New- Orleans käme und ihn in einer höchst wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschte. Der Neger bat sie, einzutreten, führte sie in das erste Zimmer gleicher Erde und verließ sie mit einer höflichen Verbeugung, um seinem Herrn die Botschaft zu überbringen. Welcher Reichthum! sagte Robert, erstaunt um sich blickend. Und doch nicht überladen, bemerkte Sarah, Herr Starford muß ein eben so gebildeter wie reicher Mann sein. 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • achtes kapitel] 75 Nach wenigen Minuten schon hörten sie wieder leichte Tritte im Corridor, der Neger kehrte zurück und bat die Waltons, ihm zu folgen; Herrn Starford würde es angenehm sein, sie zu sehen. Sarah blieb einen Augenblick vor dem großen Wandspiegel stehen und warf einen flüchtigen Blick über ihren Anzug; dann nahm sie den Arm ihres Bruders und folgte mit ihm dem Schwarzen auf der breiten Marmortreppe hinauf in den ersten Stock. Dort öffnete der Diener eine Thür für sie, und sie traten in einen geräumigen, luftigen Saal, dessen beide Fenster nebst der Balconthür weit ge- öffnet waren. Neben letzterer saß ein großer, stattlicher Mann in einem mit Rohrgeflecht überzogenen Armstuhle und neben ihm auf einem kleinen, runden Tischchen lagen Zeitungen und ein aufgeschlagenes Buch. Derselbe war der Advocat Starford, ein Mann von vierzig Jahren, ein hoher, schöner Mann mit jugendlichem, frischem, edelgeformtem Gesichte, sehr fein gelocktem, glänzend schwarzem Haar, großen, dunkeln Augen und einem freundlichen Zuge um den Mund. Als er die Geschwister eintreten sah, erhob er sich und ging ihnen mit einer vornehmen Verbeugnng entgegen, indem er sagte: Sie kommen von meinem Freunde Balmore und bringen mir dessen Grüße – das ist mehr wie ausreichend, um mir willkommen zu sein. Dabei geleitete er sie nach der Balconthür, bat sie, dort in Armsesseln Platz zu nehmen, und fügte dann lächelnd hinzu: Freunde von meinen Freunden bedürfen keiner höchst wichtigen Angelegenheit, um Zutritt bei mir zu erhalten, sie sind mir auch ohne diese gebräuchliche Form der Einführung stets lieb und angenehm. – Dabei verneigte er sich nochmals gegen Sarah, reichte Robert traulich die Hand und sagte, indem er sich ihnen gegenüber niedersetzte: Nun, was bringen Sie mir von dem lieben Balmore und wie geht es ihm? Es geht ihm gut und ich bringe Ihnen einen Brief von ihm, in welchem er Ihnen seine Ansicht über unsere wirklich höchst wichtige Angelegenheit ausgesprochen hat, entgegnete Robert, zog den Brief aus der Tasche und reichte ihn dem Advocaten hin. 5 10 15 20 25 30 35 76 Die alte spanische UrkUnDe Also wirklich ein höchst wichtiges Geschäft? nahm dieser heiteren Tones wieder das Wort. Sie müssen meinen Unglauben in dieser Beziehung entschuldigen, aber es amusirt mich, wenn ein Jeder, der meinen Rath zu haben wünscht, überzeugt ist, daß seine Angelegenheit eine der allerwichtigsten sei, und wie sie denn schließlich oftmals in das sehr Unwichtige zerfällt. Sie erlauben, daß ich den Brief, weil es ein Geschäftsbrief ist, später mit Muße lese und jetzt mich Ihrer Gesellschaft erfreue. Meine Frau wird bald erscheinen und Sie, mein Fräulein, bald entführen, dann soll mir Ihr Herr Bruder seine große Angelegenheit mittheilen, die ich übrigens im voraus annehme und bestens besorgen werde. – Dabei legte sich der Advocat in seinen Stuhl zurück, rieb sich die Hände und fuhr mit einem freundlichen Blicke auf Beide fort: Nun sagen Sie mir, sind wir denn Landsleute – sind Sie Americaner? Der Name Walton kommt oft hier vor. Entschuldigen Sie, Herr Starford, wir sind Irländer, entgegnete Robert. Unsere Mutter war eine Spanierin und hieß Mendoza. Wie von einem Blitzstrahl aus heiterem Himmel getroffen, zuckte Starford zusammen, schlug beide Hände um die Arme seines Stuhles, als wolle er sich vom Umsinken zurückhalten, und starrte nach Robert hin. – Men– do– ! stieß er aus, doch das Wort blieb auf seinen erstarrenden Lippen zurück und mit halb geöffnetem Munde und stierem Blicke saß er wohl eine Minute lang unbeweglich da. Dann aber fuhr er sich rasch mit der Hand über sein bleich gewordenes Antlitz und es war, als ob er mit dieser Bewegung allen Schreck, alle Aufregung von sich entfernt hätte. – Mendoza? sagte er dann, wie nachsinnend, indem er aufstand und einige Schritte in dem Saale hinging. Allerdings, das könnte unter Umständen für Sie eine höchst wichtige Angelegenheit werden, Herr Walton! – Dann that er wieder einige Schritte, blieb stehen, wandte sich, zu seiner vollen Größe aufgerichtet, nach Robert um und sagte mit sehr ernstem Tone: Sie kamen, um sich meinen Rath in Ihrer Angelegenheit zu holen, und weil Sie mein Freund Balmore mir empfohlen hat, so will ich Ihnen auf Pflicht und Gewissen meinen Rath sogleich ertheilen: reisen Sie mit der ersten Gelegenheit von Mobile fort und lassen Sie es niemals wieder über Ihre Lippen gehen, daß Alfonso Mendoza Ihr Großvater war! – Darauf ging er noch ein- 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • achtes kapitel] 77 mal in dem Saale auf und ab und setzte sich mit einer Ruhe, als ob gar nichts Ungewöhnliches zur Sprache gebracht worden wäre, auf seinen Stuhl nieder. Aber trotz dieser äußeren Ruhe sah man es an dem lebendigen Glanze seiner Augen, an der strammen Festigkeit jeder seiner leisesten Bewegungen, daß sein Geist die höchste Spannkraft entwikkelte, daß seine Gedanken sich wie eine vom Feinde überraschte Armee in Eile ordneten und in Schlachtordnung aufstellten und daß er entschlossen war, sich zu vertheidigen und auch wohl selbst anzugreifen. Es war eine Pause eingetreten; Sarah’s Wangen hatten die frische Farbe verloren, gesenkten Hauptes sah sie vor sich nieder und ihre Hände hielt sie gefaltet in ihrem Schooße. Robert war durch die Worte des Advocaten für einen Augenblick, wie durch eine Pulver-Explosion betäubt, aus seiner Stellung herausgeworfen worden; doch es war auch nur ein Augenblick der Ueberraschung, dann faßte er sich, blickte Starford fest in die Augen und sagte: Wenn dies Ihr einziger Rath ist, Herr Starford, so muß ich mich, so leid es mir thut, nach einem anderen Anwalt umsehen, und wenn ich hier keinen finden sollte, der meine Sache führen will, so werde ich mich an die Regierung in Washington wenden und bitten, daß man mir von dort aus zu meinem Rechte verhilft, welches man mir in diesem Staate vorenthält. Was die persönliche Gefahr anbetrifft, die mir drohen könnte, so würden die Bewohner meines Landes durch meinen Tod nichts gewinnen, indem ich das Original-Document über den Grant meines Großvaters der englischen Regierung übergeben habe, welche nach meinem Ableben das Interesse von meinen und meiner Schwester Erben verfolgen und auf Herausgabe unseres ganzen Eigenthums bestehen würde. Wenn die Leute sich dagegen mit uns Beiden abfinden wollen, so werden sie sich besser dabei stehen, als wenn sie mit unserer Regierung zu verhandeln hätten. Bei der Bemerkung, daß Robert das Original-Document der englischen Regierung übergeben habe, welches er augenblicklich auf seiner Brust trug, warf er einen mahnenden Blick auf Sarah, weil er fürchtete, sie würde ihn Lügen strafen; doch sie sah ihn nur groß und verwundert an und schwieg. 5 10 15 20 25 30 35 78 Die alte spanische UrkUnDe Der Advocat hatte jedes Wort, welches von Robert’s Lippen ging, mit wachsender Aufmerksamkeit angehört, und wenn auch in seiner äußeren Ruhe keine Störung eintrat, so verfinsterte sich doch sein Blick und ein tieferes Sinnen war auf seiner hohen, sonst so glatten Stirn zu lesen. Ich muß meinen Rath dennoch wiederholen, nahm der Advocat mit ruhigem, ja, gleichgültigem Tone nun wieder das Wort, denn es würde mit der gelindesten Bezeichnung sehr unüberlegt von Ihnen sein, Ihr Leben in so unbezweifelt große Gefahr zu bringen, für einen Proceß, für den Ihnen die Beweisführung fehlt. Ihr Herr Großvater hat allerdings den Grant damals von der spanischen Regierung erhalten, hat aber keinen Gebrauch von seinem Rechte auf das Land gemacht, ist fortgezogen und hat dasselbe erst der französischen und später der americanischen Regierung stillschweigend überlassen. Und nun bedenken Sie wohl, daß die Entscheidung der Frage in den Händen der americanischen Gerichte ruhen wird! Verzeihen Sie, Herr Starford, die Sache liegt anders, entgegnete Robert ermuthigt; meiner Ansicht nach wird es gar keiner Klage bedürfen, denn das Recht ist vollständig festgestellt. Mein Großvater hat Besitz ergriffen, hat ein Stück seines Landes an den Vater des hier wohnenden Herrn Dixon gegeben und ihn zum Wardein über seine Besitzung ernannt, und dieser hat fortwährend gegen das Ansiedeln von Fremden darauf protestirt. Der Grund und Boden des Herrn Dixon heißt noch jetzt dasWardland. Ueber die Züge des Advocaten flog es abermals wie eine Ueberraschung, aber wie eine unangenehme; seine schwarzen Brauen zuckten zusammen und er schob seine Rechte wie nachlässig in seinen Busen, um unbekümmert zu erscheinen. Nach einem Augenblicke des Sinnens aber hatte er schon beschlossen und sagte: Sie sind besser unterrichtet, als ich voraussetzte, Herr Walton. Was ich Ihnen vorhin sagte, geschah aus Theilnahme für Sie, um Sie dafür zu stimmen, daß Sie die Sache fallen lassen möchten; denn Ihr Leben steht auf dem Spiele, sobald es ruchbar wird, daß Sie Ihre Ansprüche geltend machen wollen. Sie sind jedoch fest in Ihrem Vorhaben, und ich habe jetzt nur die Bitte an Sie zu stellen, daß Sie mir bis morgen Zeit geben, mit mir selbst zu Rathe darüber 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • achtes kapitel] 79 zu gehen, was ich thun soll; denn als Ihr Anwalt würde auch ich meine Existenz und mein Leben in die Schale legen. Bestimme ich mich dazu, Ihre Angelegenheit zu führen, so werde ich es als Ehrenmann thun; versage ich Ihnen aber meine Dienste, so wird über unsere heutige Unterhaltung niemals ein Wort über meine Lippen treten. – Dabei erhob sich Starford, reichte Robert mit einem Ausdrucke die Hand, als wäre nun alles Störende zwischen ihnen weggeräumt, und fuhr fort: Lassen Sie uns jetzt scheiden, junger Freund, ich will den Brief Balmore’s lesen, will unser gegenseitiges Interesse prüfen und werde Ihnen morgen meinen gefaßten Entschluß mittheilen. Dann wandte er sich höflich und freundlich zu Sarah: Bei Ihnen aber, Fräulein Walton, muß ich sehr um Vergebung bitten, daß ich in meiner Unterhaltung mit Ihrem Herrn Bruder so wenig Rücksicht auf Ihre Ruhe nahm, und ich verspreche Ihnen, er soll jedenfalls in mir Schutz und Hülfe finden, wenn er deren benöthigt sein möchte. Ich erwarte Sie gleichfalls morgen um diese Zeit hier, um Sie dann aber der Fürsorge meiner Frau zu übergeben, die es sehr glücklich machen wird, Sie kennen zu lernen. Lassen Sie jetzt alle trüben Bilder und besorgten Gedanken hier zurück; hoffentlich werde ich morgen im Stande sein, Sie recht heiter und froh zu stimmen. – Dann reichte er auch Sarah die Hand, geleitete sie aus dem Saale bis an die Treppe und sagte dort Beiden noch einige herzliche Abschiedsworte. Schweigend hatten die Geschwister das Haus verlassen und schritten durch den Garten nach dem Gitterthore, wo Robert zuerst das Wort ergriff und sagte: Der Herr glaubte, leichtes Spiel mit uns machen zu können, hat es aber verloren und wird morgen ein anderes Lied anstimmen. Das Document in den Händen der englischen Regierung war ein guter Trumpf. Es war ja aber eine Unwahrheit, Robert, und du konntest sie so unbefangen sagen? entgegnete Sarah verweisend. Ich habe ihn nur mit gleicher Münze bezahlt; seine Behauptung wegen des Mangels an Beweisen war eine noch größere Unwahrheit, versetzte Robert. Es war ihm bange für seine eigene Besitzung hier, und nun kommt es darauf an, sein Interesse in unserer Angelegenheit höher zu stellen als den Verlust, der ihm 5 10 15 20 25 30 35 80 Die alte spanische UrkUnDe droht; dann wird er schon zugreifen. Ich denke, ich sage ihm gewisse Procente an dem Capital zu, welches er als Entschädigung für uns herausficht, dann wird er dasselbe schon hoch genug hinaufschrauben. Er wird zu viel fordern, Robert, er wird Unglück über die Bewohner unseres Landes bringen und deren Verzweiflung wird sich in Wuth gegen uns kehren. Thue es nicht, ich bitte Dich! sagte Sarah dringend. Lasse ihn von Haus aus erklären, daß wir einen Vergleich zu beiderseitiger Zufriedenheit zu erzielen wünschen und daß wir Niemanden aus seinem Besitz verdrängen wollen. Wir haben das Schwert in der Hand und wir wären Thoren, wenn wir es nicht gebrauchen wollten, entgegnete Robert festen Tones. Lass’ uns erst einmal hören, was Starford morgen sagt. Ich wette, er spannt andere Saiten auf, und so wie e r sich unserem guten Rechte fügt, so werden es die Anderen gleichfalls thun. Robert, Robert, wo ist die harmlose Freude unseres Hoffens, wo unsere Zufriedenheit mit einem bescheidenen Gewinnst geblieben, der uns eine sorgenfreie Zukunft sichert? fiel Sarah warnend ein. Höre meine Bitte, meine Warnung, ehe es zu spät sein wird, ehe du einen Sturm heraufbeschwörst, den du nicht beherrschen kannst und der uns zu vernichten droht! Thorheit, Sarah! entgegnete Robert leichthin. Wo ist dein Muth geblieben, muß ich fragen, wo deine Entschlossenheit, mit der du dich durch Alles hindurchkämpfen wolltest? Durch alles, worin kein Unrecht gegen unsere Mitmenschen liegt, versetzte Sarah, dazu wirst du mich stets entschlossen finden; doch nun und nimmer kann ich mich dazu verstehen, Angst und Schrecken über sie zu bringen. Lieber will ich den Leuten meinen ganzen Antheil für das hingeben, was du zu viel von ihnen forderst. – Dabei schlang sie ihren Arm in den seinigen, drückte ihn fest an sich und fügte bittend noch hinzu: Um meinetwillen, Robert, und auch für dein eigenes Wohl, folge meinem Rathe. Denke daran, wie gnädig und barmherzig Gott uns von dem brennenden Schiffe gerettet hat – und wir sollten hart und grausam gegen unsere Nebenmenschen sein? 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • achtes kapitel] 81 Das sollte uns eine Lehre gegeben haben, künftig unser eigenes Interesse besser im Auge zu halten, antwortete Robert. Warum reisten wir mit einem so elenden Schiffe? Man muß für sich selbst sorgen, und das werde ich nun auch immer thun. Während dieser Zeit hatten sie das Haus des Herrn Dixon wieder erreicht. Ich hätte große Lust, dem Herrn Dixon einen Besuch zu machen, vielleicht hörte ich noch etwas von ihm, was ich gegen Starford gebrauchen könnte, hub Robert wieder an, indem er nach der offenen Thür des Palastes schaute. Unter keiner Bedingung, Robert, darfst du es thun – sollen wir unnöthig früh die Aufmerksamkeit der Leute auf uns lenken? versetzte Sarah erschrocken und zog eiligen Schrittes ihren Bruder mit sich fort. Lass’ uns noch einen Gang durch die Stadt machen, die Dunkelheit bricht herein und es wird bald Zeit zum Abendessen werden. Hin und her durch den Theil der Stadt, welchen sie noch nicht in Augenschein genommen hatten, wandelten die Geschwister, bis es Nacht geworden war, und begaben sich dann nach dem Hotel zurück, wo sie das Abendbrod bereit fanden. Nach eingenommenem Mahle geleitete Robert seine Schwester nach ihrem Zimmer, zündete dann eine Cigarre an und ging vor das Haus, um dort, auf und ab wandelnd, die Kühle des Abends zu genießen. Nach einiger Zeit, als er abermals an der Hausthür vorüberschritt, trat der Wirth, dessen Name Carthorn war, aus derselben hervor und bot Robert freundlich Guten Abend. Nun, haben Sie Sich unsere Stadt in Augenschein genommen, und wie hat sie Ihnen gefallen? hub der Mann an und bat sich Robert’s Cigarre aus, um die seinige daran anzuzünden. Ich habe sie größer und bedeutender gefunden, als ich erwartete, entgegnete Robert. Es scheint ein sehr großes Geschäft hier gemacht zu werden. Außerordentlich groß, sagte der Wirth; wir erhalten hier mehr Baumwolle zum Verschiffen, als nach New-Orleans kommt. Sagen Sie mir doch, Herr Carthorn, welche Bewandtniß hat es denn mit dem Wardlande, auf welchem der reiche Dixon wohnt? Was heißt das, Wardland? 5 10 15 20 25 30 35 82 Die alte spanische UrkUnDe Ja, Herr, das ist eine eigenthümliche Sache, antwortete der Wirth, indem er stehen blieb, eine Wolke Tabaksrauch von seinen Lippen blies und die Rechte in die Seite stemmte. Zu Ende des vorigen Jahrhunderts, als dieses Land noch der Krone Spanien angehörte, lebte hier ein vornehmer Spanier, welcher Alfonso Mendoza hieß und welcher von der spanischen Regierung für geleistete Dienste einen sogenannten Grant, ein Eigenthumsrecht auf einen Strich Landes von sechs Leguas hier an der Bai erhielt, in dessen Gränzen jetzt unsere Stadt steht. Mendoza schenkte von diesem Lande dem Vater des Herrn Dixon ein Stück unter der Bedingung, daß er sich darauf niederlasse und andere sich einfindende Ansiedler von dem Grant vertreibe; er machte ihn zu seinem Wardein, zum Wächter über sein Land, und daher nannte man das ihm von Mendoza geschenkte Stück das Wardland. Dixon hat seine Schuldigkeit gethan und auch später unter der französischen Regierung den Grant immer freigehalten. Als jedoch ganz Louisiana, wozu auch diese Gegend damals gehörte, an die Vereinigten Staaten überging, da hörten die Leute nicht mehr auf seine Drohungen; sie lachten ihn aus und siedelten sich an, wo es ihnen gefiel. Um aber nun ein Eigenthumsrecht auf diesem Lande zu erwerben, kauften die Ansiedler Landcertificate, Berechtigungen auf Land, welche die Vereinigten Staaten für Soldatendienste ausgaben, und ließen dieselben in der Landoffice in die Karten auf ihren genommenen Grundbesitz eintragen, denn die Regierung weigerte sich, Zahlungen für Land in den Gränzen dieses Grants, welcher in den Karten aufgeführt war, anzunehmen. So lange nun Mendoza ihnen den Besitz nicht streitig machte, war ihr Eigenthumsrecht gut und sicher; doch der Spanier war, soweit man nachforschen konnte, in Havannah gestorben, und eine Tochter, welche er gehabt hatte, war verschollen. Viele Jahre hindurch allerdings herrschte hier große Besorgniß, daß diese Tochter oder deren Erben einmal erscheinen und den ganzen Grant mit allem, was darauf stand, in Besitz nehmen möchten; doch die Zeit hat alle solche Befürchtungen beseitigt, und man kann nun wohl mit Recht annehmen, daß die Gefahr vorüber ist, denn wenn Erben vorhanden wären, so würden sie sich längst gemeldet haben. Die bei Weitem größere Zahl der Grundstücke wurde auch aus den Händen der Landspeculanten, 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • achtes kapitel] 83 welche gleich zu Anfang bedeutende Strecken in dem Grant mit Certificaten belegt hatten, unter der Bedingung gekauft, daß, wenn Mendoza’s Erben sich melden würden, jene das Geld zurückgeben sollten. Doch wo sind diese Landspeculanten geblieben! So, also daher kommt der Name Wardland, sagte Robert mit gleichgültigem Tone, blies gleichfalls eine Rauchwolke von seinen Lippen und fuhr anscheinend eben so uninteressirt fort: Aber wenn nun doch mit Einem Male die Erben des Herrn Mendoza erschienen und Besitz ergriffen? Dann müßten sie sich stich- und kugelfest machen, oder sie würden ihre letzten Stiefel anhaben! entgegnete der Wirth rasch, und hob die geballte Faust empor. Bei Gott, ich wollte ihnen nicht rathen, sich hier zu zeigen! Nun, das Gesetz müßte sie aber doch schützen! versetzte Robert lebhafter. Ach was, Gesetz hin, Gesetz her, entgegnete der Wirth sehr laut, es gibt ein Gesetz im Volke selbst, wonach sie kurzer Hand gerichtet werden würden! Glauben Sie denn, daß zwanzigtausend Menschen sich so ohne Weiteres aus ihren Häusern jagen ließen? Sie sollten mir nur kommen, ich würde die erste Kugel für sie parat haben! Ja, aber Recht bleibt doch Recht! fiel Robert heftig ein. Bis zu einer gewissen Gränze, Herr, fuhr der Wirth rasch fort. Warum haben denn die Engländer nicht ganz Nordamerica behalten? Weil sie die Macht nicht dazu hatten – und eben so würde es den Erben des Herrn Mendoza gehen: sie würden ihr Recht und wir – können unsere Stadt behalten! Und wenn nun die Regierung in Washington? begann Robert wieder. Und wenn der Teufel selbst käme, so sollte er uns nicht einen Stein von Mobile nehmen! unterbrach ihn Carthorn heftig, fügte aber nach einigen Augenblicken lachend hinzu: Wir können uns aber beruhigen, denn so wenig wie Sie, Herr Walton, eben so wenig wird ein Erbe des Herrn Mendoza uns incommodiren. Darauf nickte der Wirth ihm noch einen Gruß zu und eilte einem anderen seiner Gäste, welcher in dem hellen Laternenscheine auf dem Trottoir herangeschritten kam, entgegen. 5 10 15 20 25 30 35 84 Die alte spanische UrkUnDe Robert aber blieb stehen, schaute ihm lächelnd nach und sagte halblaut vor sich hin: Du wirst dich gewaltig umsehen, Herr Carthorn! Am folgenden Morgen gleich nach dem Frühstück bestiegen die Geschwister einen Wagen und ließen sich hinaus in das Land fahren, um ihr Eigenthum auch in der Umgebung der Stadt in Augenschein zu nehmen. Hin und her in den reichen Gefilden zwischen Maisfeldern, Baumwollculturen, Waldstreifen und Wiesen fuhren sie während des ganzen Vormittags, und bei dem Anblicke jeder Plantage, jeder Farm, an der sie vorüberzogen, steigerte sich in Robert die Begier, wirklichen Besitz davon zu ergreifen, Sarah aber bebte immer mehr vor dem Gedanken daran zurück. Wie hätte sie es wünschen können, die Leute der Früchte ihres langjährigen Fleißes zu berauben, wie hätte sie grausam genug sein können, dieselben mit harter Hand aus dem friedlichen Himmel zu vertreiben, den das Glück ihrer sorgenfreien Häuslichkeit ihnen gab! Nein, nein, je größer, je werthvoller das Erbe sich vor ihren Augen entfaltete, um so geringer erschien ihr ihr Anspruch darauf, um so ferner von ihr lag der Gedanke, den Besitzern gefährlich zu werden. Auf Robert’s wachsende Begeisterung und auf seine hochfliegenden Berechnungen der Einkünfte, die ihnen der Grant liefern sollte, gab sie ihm keine andere Antwort als die, daß sie keinen Antheil an einer Klage auf Herausgabe ihres Eigenthums nehmen werde. In großer Aufregung und Spannung verbrachten Beide den Rest des Tages, denn an diesem Abend sollten sie Starford’s Beschluß hören, ob er ihnen seine Dienste widmen wolle oder nicht. Noch stand die Sonne glühroth über dem fernen Walde und vergoldete die Fensterscheiben in Starford’s Wohnung, als die Geschwister durch den Park derselben zuschritten und bei Annäherung den Advocaten selbst aus der Thür hervortreten und ihnen entgegengehen sahen. Es ist ein gutes Zeichen, daß er uns entgegenkommt, du sollst sehen, er übernimmt unsere Sache, bemerkte Robert, angenehm überrascht, und beeilte seine Schritte bis zu Starford, der mit heiterem Lächeln auf sie zutrat und, ihnen die Hand reichend, sie mit großer Freundlichkeit begrüßte. 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • neUntes kapitel] 85 Seien Sie mir bestens willkommen, sagte er, indem er zwischen sie trat, Sarah seinen Arm bot und mit ihnen dem Hause zu ging, ich habe schon seit einer Stunde nach Ihnen ausgeschaut und mir Vorwürfe darüber gemacht, daß ich Sie nicht gebeten hatte, bei mir zu Mittag zu speisen. Doch gestern glaubte ich nicht, daß ich sobald über Ihre Angelegenheit zu einem Beschlusse kommen würde, und ich wollte mir doch Zeit dazu gönnen. Sie hatten die Treppe erreicht, stiegen dieselbe hinan und traten in den kühlen, luftigen Corridor ein, als Starford zu Sarah gewandt fortfuhr: Hätte ich gewußt, ob mein Wagen Sie in Ihrem Hotel anträfe, so würde ich Ihnen denselben gesandt haben, um Sie den weiten, staubigen Weg nicht gehen zu lassen, worauf Sarah sich leicht verneigte und Robert entgegnete: Sie sind sehr gütig, Herr Starford, wir sind aber Beide gut zu Fuß, und die Promenade hat uns recht wohl gethan. Der Advocat führte Sarah bis in den Saal im ersten Stock, geleitete sie dort nach einem Sessel neben der offenen Balconthür und ließ sich, nachdem auch Robert Platz genommen hatte, ihr gegenüber nieder. Und darf ich fragen, zu welchem Beschluß Sie gekommen sind, Herr Starford, können wir auf Ihren Beistand zählen? hub Robert mit verhaltener Ungeduld an und rückte mit seinem Sessel dem Advocaten etwas näher. Ich habe mich entschlossen, die Führung Ihrer Angelegenheit zu übernehmen, Herr Walton, und zwar aus aufrichtiger Theilnahme für Sie; denn ich weiß es sicher, daß sich kein anderer hiesiger Anwalt der Sache unterziehen würde. Außerdem aber hat mein Freund Balmore Sie mir in seinem Briefe so herzlich und dringend empfohlen, daß ich alle Bedenken bei Seite setzen mußte. Hierbei verneigte sich Starford gegen Beide, und Robert, die Artigkeit erwiedernd, sagte darauf: So nehmen Sie für diesen Ihren Beschluß unseren verbindlichsten Dank und seien Sie versichert, daß wir Ihnen für Lebenszeit dafür verpflichtet bleiben werden. Lassen Sie uns nun auch die Bedingungen hören, unter welchen Sie sich der großen Aufgabe unterziehen und in welcher Weise Sie den Kampf für uns beginnen wollen. 5 10 15 20 25 30 35 86 Die alte spanische UrkUnDe Ich glaube, die Verhandlungen hierüber werden sich wohl mehr für uns Männer eignen, entgegnete der Advocat, indem er sich erhob und sich an Sarah wandte; wollen Sie mir gestatten, Fräulein, daß ich Sie zu meiner Frau geleite, dieselbe freut sich sehr darauf, Ihre Bekanntschaft zu machen. Verzeihen Sie mir, Herr Starford, wenn ich augenblicklich auf den Besuch bei Ihrer Frau Gemahlin verzichten muß, denn ich halte es für höchst nothwendig, daß ich bei den Berathungen über unsere Angelegenheit zugegen bin, entgegnete Sarah mit Bestimmtheit. Mein Bruder und ich sind verschiedener Ansicht über die Ansprüche, welche wir erheben wollen, und da wir gleiche Rechte haben und nur zusammen handeln können, so müssen wir uns über die Art und Weise unseres Vorgehens verständigen. Diese Art und Weise wollen Sie Beide mir überlassen, Fräulein, wenn ich Ihr Anwalt sein soll, fuhr Starford höflich fort, indem er sich wieder niedersetzte, ich wollte Ihnen nur Manches in unserer Unterhaltung zu hören ersparen, was Sie vielleicht unnöthiger Weise beunruhigen, ja ängstigen könnte; es hängt aber von Ihnen ab, ob Sie an der Berathung Theil nehmen wollen oder nicht. So erlauben Sie, daß ich bleibe, antwortete Sarah entschlossen und mit einer leichten Verbeugung. Sehr gern, erwiederte der Advocat, nur müssen Sie entschuldigen, wenn ich auch der Gefahren erwähne, welche Ihnen und mir drohen. Hierbei legte er sich in den Lehnstuhl zurück, schob die Rechte in seinen Busen und fuhr nach einer kurzen Pause, in welcher es schien, als ließe er schnell seine gemachten Pläne noch einmal an seinem energischen Geiste vorüberziehen, mit ruhiger Stimme fort: Zuerst also die Bedingungen, unter welchen ich es unternehme, Ihnen zu Ihrem Rechte zu verhelfen. Sie stellen mir vor dem hiesigen Gerichte eine General-Vollmacht aus, so daß ich statt Ihrer unumschränkt in dieser Angelegenheit handeln kann, und Sie zahlen mir nach abgemachter Sache für meine Dienste von der Summe, welche ich für Sie als Abfindung für Ihr Recht auf das ganze Eigenthum ausgezahlt erhalte, zehn Procent. Meine Forderung ist nicht zu hoch, denn ich opfere meine ganze hiesige Existenz und setze mein Leben auf das Spiel. Sind Sie mit diesem 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • neUntes kapitel] 87 meinem Vorschlag einverstanden, so will ich Ihnen mittheilen, was wir zunächst zu thun haben. Hier schwieg Starford, hielt aber seinen scharfen Blick bald auf Robert, bald auf Sarah geheftet, um auf ihren Zügen ihre Antwort zu lesen, ehe sie auf ihre Lippen trat. Ich bin vollständig damit einverstanden und ich versichere Ihnen, daß ich selbst Ihnen diesen Vorschlag zu machen beabsichtigte, versetzte Robert begeistert und sah dann seine Schwester an, als besorge er, daß sie sich dagegen erklären würde. Ihr Vorschlag, Herr Starford, stimmt nicht mit meinen Wünschen überein, sagte diese jetzt ruhig, aber entschlossen, ich bin gern bereit, Ihnen das Doppelte des Verdienstes, welchen Sie erwarten, zu bewilligen, doch ich möchte es Ihnen nicht überlassen, die Forderung an die Bewohner unseres Landes bis zur höchstmöglichen Höhe zu treiben, weil wir Unglück und Elend dadurch über sie bringen, ihren Fluch dafür ärnten und unsere Sicherheit, ja, unser Leben in Gefahr bringen würden. Erklären Sie denselben von Anbeginn, daß wir Niemanden aus seinem Besitz verjagen und daß wir nur eine bescheidene Abfindung von ihnen verlangen wollen. Aber Sarah, ich bitte dich, mit deinem thörichten Mitleid! fiel ihr Robert scharf in das Wort. Liegt denn das mindeste Unrecht in unseren Ansprüchen auf dieses Land, hat man es uns denn nicht mit vollem Wissen gegen alles Gesetz, alles Recht geraubt, und dann sage mir, weßhalb haben wir denn unsere Heimath verlassen, uns allen Beschwerden und Gefahren ausgesetzt – etwa um hier nun am Ziele unseres Strebens den dummen Großmüthigen zu spielen und dafür verlacht zu werden? Nein – aber auch nicht um den Fluch von Tausenden auf uns zu laden und schließlich anstatt in Ruhe und Frieden das Glück unseres Reichthums zu genießen, nicht einen Augenblick unseres Lebens sicher zu sein! antwortete Sarah in größter Aufregung. Ich bitte dich nochmals, Robert, höre auf meine Warnung, ehe es zu spät ist! Erlauben Sie mir, Fräulein, daß ich Ihre Auffassungen berichtige, ich kenne dieses Volk besser, als Sie, nahm Starford jetzt mit ruhigem Ernst das Wort. Es gibt nur einen Weg, auf dem Sie zu 5 10 15 20 25 30 35 88 Die alte spanische UrkUnDe Ihrem Rechte gelangen können, wenn Sie dasselbe überhaupt verfolgen wollen. Sie müssen es ganz voll beanspruchen und Ihre Gegner dadurch zwingen, sich mit Ihnen abzufinden, sonst werden Sie verlacht, verfolgt und erhalten nicht einen Dollar. Solch’ weiche Gefühle sind bei uns nicht angewandt, weil man sie selbst hier nicht besitzt und nicht versteht, man würde nur Mangel an Vertrauen in Ihr Recht und Zaghaftigkeit darin erkennen und würde Sie im Bewußtsein des eigenen Unrechts eben so verfolgen, als hätten Sie den Besitz Ihres ganzen Eigenthums gefordert. Auch liegt keine Härte in dem von mir angezeigten Verfahren; denn eine Abfindung von Millionen würde den Einzelnen nicht schwer treffen, es ist einer Handelsstadt wie Mobile eine Kleinigkeit, eine Anleihe zu machen und sie nach und nach abzutragen. Beruhigen Sie Sich, Fräulein, es soll nichts geschehen, was Ihrem Gewissen zu nahe treten könnte, das verspreche ich Ihnen als Ehrenmann. Diese letzten Worte sagte Starford mit so viel Würde und Feierlichkeit, daß Sarah an deren Wahrheit zu glauben schien, denn sie antwortete nicht, ließ ihre Hände in ihrem Schooße ruhen und blickte gesenkten Hauptes vor sich nieder. Es war eine Pause eingetreten; Robert schwieg, um den Eindruck, den die Rede des Advocaten auf seine Schwester gemacht hatte, nicht zu stören, und Starford wollte ihr Zeit geben, sich zu beruhigen; dann aber hub er mit leichterem Tone wieder an: Morgen werde ich nun die Vollmacht ausfertigen und andere Vorarbeiten beginnen, und sobald ich dieselben beendet habe, gehen wir zusammen zu dem Gerichtssecretär, damit Sie selbst mich in Ihrem Namen die ersten Schritte thun lassen. Ich werde einen Tag wählen, an welchem Abends ein Dampfboot von hier nach New- Orleans abfährt, so daß Sie, Fräulein, mit meiner Frau und meinen Kindern dorthin abreisen können; denn nachdem die Sache vor die Oeffentlichkeit gekommen ist, dürfen Sie nicht länger hier verweilen. Ihr Herr Bruder bleibt mit mir noch kurze Zeit hier, dann reisen wir nach Washington, um von dort aus der Sache Nachdruck zu verleihen. Es sind dies Vorsichtsmaßregeln für den Fall, daß es stürmische Auftritte geben sollte; doch ich hoffe, man wird vernünftig sein und sich in die Nothwendigkeit fügen. Vor der Hand werden Sie sich alsdann in New-Orleans aufhalten, wo Sie in Si- 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • neUntes kapitel] 89 cherheit sind und wo Ihnen mein Freund Balmore mit Rath und That zur Seite steht. Hier schwieg Starford und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er einen störenden Gedanken von sich entfernen, denn es hatte sich wie eine trübe Wolke auf seine Züge gelegt. Da unterbrach Robert die eingetretene Pause und sagte: Wir haben unsere Interessen, unser Geschick in Ihre Hand gegeben, Herr Starford, und werden uns im vollsten Vertrauen allen Ihren Anordnungen fügen. Die gewohnte heitere Ruhe war auf das schöne, männliche Antlitz des Advocaten zurückgekehrt, er erhob sich, warf durch die Balconthür einen Blick auf den glühenden Abendhimmel und wandte sich dann mit den Worten wieder zu Robert: Und ich werde Ihr Vertrauen rechtfertigen! – Nun aber, Fräulein, sagte er dann zu Sarah, wollen wir das Geschäft ruhen lassen und uns zu meiner Frau begeben, die schon lange auf die Freude gehofft hat, Sie bei sich zu sehen. Aus ihren Räumen ist alles Unangenehme des Au- ßenlebens verbannt, dort bin ich nicht mehr der Advocat, dort bin ich der glückliche Gatte, der beseligte Familienvater in der kleinen, schönen Welt, die ich mir hier schuf. In der That, Sie haben hier eine reizende, wundervolle Besitzung, bemerkte Robert, hinaus über den Park nach der Bai zeigend. Ich habe viele Jahre sehr viel dafür gearbeitet, um sie mir schaffen zu können, und sonderbar genug, jetzt muß ich selbst dafür wirken, um mir deren Verlust herbeizuführen, um selbst vielleicht die Veranlassung zu ihrer Zerstörung zu geben! – Wieder zog es wie ein Schatten über die Stirn des Advocaten, doch im nächsten Augenblicke war sie schon wieder glatt und heiter, und Sarah seinen Arm reichend, um sie aus dem Saale zu führen, sagte er: Kommen Sie fort aus dieser Geschäftsregion, hier bleibt der Himmel nie lange heiter. In dem traulichen Familienkreise Starford’s verbrachten die Geschwister Walton den Abend; es wurde nicht ein Wort über die Grant-Angelegenheit geredet, und als Robert mit Sarah am Arme spät in der Nacht den Heimweg antrat, sagte er zu dieser: Wir konnten es doch nicht glücklicher treffen, Starford ist ein ausgezeichneter Mann. 5 10 15 20 25 30 35 90 Die alte spanische UrkUnDe Ich halte ihn für einen Ehrenmann, und darum vertraue ich in sein uns gegebenes Wort, daß er in unserem Namen kein Unrecht begehen will, entgegnete Sarah in derselben ernsten Stimmung, welche sie während des ganzen Abends nicht verlassen hatte. Eine Woche war verstrichen, Waltons hatten die Tage größtentheils in dem Familienkreise Starford’s verbracht, und dieser war mit seiner Arbeit für sie so weit zu Ende gekommen, daß er den folgenden Morgen dazu bestimmte, mit ihnen vor Gericht zu gehen. Vergebens hatte Sarah während der ganzen Zeit immer wieder ihren Bruder gebeten, nicht in Mobile zu bleiben, sondern mit ihr nach New-Orleans zu fahren; doch er sowohl als auch der Advocat hatten ihre Bitte zurückgewiesen, und mit schwerem Herzen sah sie den Tag erscheinen, an welchem sie sich von Robert trennen und nach New-Orleans abreisen sollte. Nun, wollen Sie uns schon wieder verlassen? fragte der Wirth Carthorn, als Robert nach dem Frühstück seine Rechnung von ihm verlangte. Jawohl, entgegnete dieser leichthin; wir wünschen den Norden der Vereinigten Staaten zu besuchen. Während er nun dem Wirth seine Schuld bezahlte, hatte Patrick einen schwarzen Karrenschieber herbeigeholt, hatte demselben das Gepäck der Geschwister Walton aufladen lassen und begleitete ihn dann nach dem Hause des Herrn Starford, wo die Effecten durch dessen Diener in Empfang genommen wurden. Robert und Sarah folgten ihm bald nach, und es war gegen zehn Uhr, als sie gleichfalls dort anlangten und von dem Advocaten aufs freundlichste begrüßt wurden. Heute trug Sarah das Original-Document über den Grant in einer um sich geschnallten Tasche unter ihrem Kleide, weil Robert meinte, daß es bei ihr sicherer verwahrt wäre als bei ihm. Es kam ihr vor, als trüge sie eine schwere Last in diesem Stücke Pergament, denn dasselbe war ja die Ursache davon, daß sie sich jetzt auf ungewisse Zeit von ihrem geliebten Bruder trennen und ihn vielleicht in großer Gefahr zurücklassen mußte! Alle Freude an der Erbschaft war von ihr gewichen und Angst und Bangen hatten sie erfaßt. 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • Zehntes kapitel] 91 Alles ist nun bereit – jetzt sollen die Würfel fallen, sagte der Advocat, als er mit den Geschwistern in den Saal trat und sie an der Balconthür sich gegenüber Platz nehmen ließ. Die Sache ist bei dem Gerichtssecretär schnell abgemacht; wir fahren von dort hieher zurück, speisen zu Mittag und begeben uns dann an Bord des Dampfschiffes, welches um vier Uhr von hier nach New-Orleans abgeht. Meine Frau und Kinder sind auch schon reisefertig. Ach, Herr Starford, noch einmal, hören Sie meine Bitte, fiel ihm Sarah mit flehender Geberde in das Wort, lassen Sie meinen Bruder mit mir gehen! Sein Aufenthalt hier ist ja nicht mehr unumgänglich nöthig und kann ihm sehr gefährlich werden. – Geh’ mit mir, Robert, wandte sie sich dann bittend zu diesem und erfaßte, mit einem thränenschweren Blicke zu ihm aufschauend, seine Hand. Es ist ja gerade für Ihrer Beider Sicherheit, Fräulein, daß ich auf Ihrer Trennung bestehe, nahm Starford beruhigend wieder das Wort. Wenn man durch Ihren Tod sich Ihrer Forderungen entledigen wollte, so müßte man Sie Beide zugleich tödten, weil der Ueberlebende um so rücksichtsloser vorgehen würde. Sobald ich es hier gefährlich finde, reise ich mit Ihrem Herrn Bruder nach Washington, dort sind wir sicher; und Ihren Aufenthalt lassen wir nicht bekannt werden. Ich bin es, dem die größte Gefahr droht, denn mich wird man des Verraths gegen meine Landsleute beschuldigen. Sie können ganz ruhig sein, Fräulein Sarah, Ihrem Herrn Bruder wird nichts Böses geschehen Gott gebe es, sagte diese mit einem schweren Athemzuge, ich scheide aber mit bangem Herzen von hier. Um so größer wird die Freude Ihrer Wiedervereinigung sein, denn alsdann ist die Sache mit Ihren Gegnern in Frieden abgemacht und Ihr ungeheurer Reichthum wird Sie für die kurze Zeit der Sorgen entschädigen, entgegnete Starford mir fester Zuversicht. Es schlug Eilf, als der Wagen des Advocaten vor das Haus fuhr. Nun lassen Sie uns in Gottes Namen aufbrechen, sagte er, indem er sich erhob, die auf dem Tische neben ihm liegenden Papiere in seine Rocktasche steckte und Sarah seinen Arm reichte, hoffentlich werden wir, da heute kein Gerichtstag ist, den Herrn Gerichtssecretär allein finden. 5 10 15 20 25 30 35 92 Die alte spanische UrkUnDe Sarah folgte beklommenen Herzens seiner Führung und nahm mit ihm und Robert in dem Wagen Platz, welcher sie in wenigen Minuten vor das Gerichtshaus brachte. Der heitere Ausdruck, welcher Starford’s Züge so selten verließ, hatte einem tiefen Ernste Platz gemacht und man konnte diesem, an verzweifelte Aufgaben gewohnten Manne es ansehen, daß die Lösung der jetzigen alle seine Geistes- und Willenskraft in Anspruch nahm. Schweigend führte er Sarah die Treppe hinauf und in den oberen Saal. Derselbe war leer, und Starford schritt mit seinen Schutzbefohlenen durch ihn hin nach einer geschlossenen Thür. Vor ihr blieb er einen Augenblick wie zögernd stehen, öffnete sie dann aber, sich hoch aufrichtend, rasch und trat mit Waltons in das Zimmer des Gerichtssecretärs und Notars Crow ein. Dieser, ein schon bejahrter, hagerer Mann, saß an einem mit Papieren bedeckten Schreibtische in seine Arbeit vertieft; er wandte, als er die Thür sich öffnen hörte, seinen Kopf seitwärts und schaute über seine Brille hinweg nach den Eintretenden hin. Ei der Tausend, Herr Starford, was gibt mir denn heute die Ehre Ihres Besuches? sagte er froh überrascht, legte aufstehend seine Feder auf den Tisch und ging dem Advocaten entgegen. Indem er demselben nun die lange, magere Hand reichte, fuhr er mit einer halben Verbeugung gegen die Geschwistser fort: Vielleicht ein glückliches Brautpaar? Verzeihen Sie, Herr Crow, versetzte Starford, ich stelle Ihnen die Geschwister Herrn und Fräulein Walton vor, welche von Irland herüberkamen, um hier eine Erbschaft in Besitz zu nehmen, wobei ich ihnen meinen Rechtsbeistand zugesagt habe. Dann darf ich Ihnen gratuliren, wandte sich Crow hierauf an die Geschwister, einen besseren Beistand hätten Sie in den ganzen Vereinigten Staaten nicht finden können. In diesem Lande hat es mit dem Erheben von Erbschaften seine Schwierigkeiten, denn was Americaner einmal in Händen haben, geben sie nur ungern wieder heraus. Handelt es sich denn um bedeutende Summen? Ziemlich bedeutend, nahm Starford das Wort, doch die Sache bedarf keiner vorherigen Klage, denn die Erbschaft besteht in einem Stück Land, welches in der Karte genau bezeichnet ist und 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • Zehntes kapitel] 93 über welches, so wie über das Eigenthumsrecht darauf von keiner Seite ein Zweifel herrscht. Dessenungeachtet haben Unberechtigte im vollsten Bewußtsein ihres Unrechts sich darauf niedergelassen. O, dann machen wir die Sache kurz ab, verehrter Herr Starford, wir geben ganz einfach dem Sheriff den Befehl, das Eigenthum für Ihre Clienten in Besitz zu nehmen! Das war auch meine Ansicht, Herr Secretär, versetzte der Advocat, erlauben Sie mir, daß ich meine Schutzbefohlenen zuerst bei Ihnen legitimire. – Bei diesen Worten war er mit den Anderen an den Schreibtisch getreten, hatte die Papiere aus der Tasche gezogen und legte mehrere davon vor Crow, welcher an dem Tische PIatz genommen hatte, nieder. Hier sind die Taufscheine des Herrn und des Fräuleins Walton, fuhr er fort, indem er zwei der Papiere aufschlug, in welche der Secretär nur einen flüchtigen Blick warf und dann sagte: Ganz recht, Robert und Sarah Walton. Und hier ist ein Brief von dem englischen Minister des Auswärtigen, worin die Geschwister Walton an alle englischen Consuln und Gesandtschaften dringend empfohlen werden, fuhr Starford fort; zugleich hat aber auch unser americanischer Gesandter in England die Geschwister Walton an alle americanischen Behörden auf das angelegentlichste empfohlen – hier ist sein Brief. Crow nahm die beiden Schreiben hin und durchlas sie schnell. – Bei solchen Nachweisen kann natürlich kein Zweifel über die Identität der Person Statt finden, sagte er dann, indem er die beiden Briefe vor sich auf den Tisch legte. Nun, und welches ist denn das geerbte Grundstück? Mobile! antwortete der Advocat dumpfen Tones. Der Secretär verstand ihn nicht, blickte fragend über seine Brille hinweg nach Starford auf und wiederholte: Das Grundstück meine ich, welches die Geschwister Walton geerbt haben? Mobile, sage ich Ihnen, Herr Secretär, oder besser der Grant des Herrn Mendoza, des Großvaters meiner Clienten! versetzte der Advocat mit fast tonloser Stimme und heftete seinen ernsten Blick starr auf den Beamten. Dieser fuhr so entsetzt gegen die Lehne seines Stuhles zurück, daß ihm die Brille von der Nase fiel. Wa- was – was sagen Sie? 5 10 15 20 25 30 35 94 Die alte spanische UrkUnDe stotterte er zwischen seinen bebenden Lippen hervor, während er seine Hände an den Stuhl und an den Tisch klammerte und seine stieren Augen, die aus dem todtbleichen Gesichte hervorzutreten schienen, auf den Advocaten richtete. Ja, ja, die Geschwister Walton sind die einzigen Erben des Herrn Mendoza und sind gekommen, um den Grant mit allem, was sich darauf befindet, in Besitz zu nehmen. Gott – Barmherziger sei mir gnädig – so bin ich ein ruinirter Mann, ein Bettler! schrie Crow und schlug aufspringend die Hände über sich zusammen. Nein, nein, das sind Sie nicht! rief Sarah entsetzt aus und streckte ihm ihre Hände entgegen. Kein Mensch soll Sie aus Ihrem Eigenthum vertreiben, kein Mensch soll Ihren Frieden, soll Ihres Hauses Glück zerstören! Da trat der Advocat schnell dicht vor sie hin und sagte halblaut: Fräulein, ich muß Sie ernstlich bitten! – Dabei sah er ihr mit seinem unwillig finsteren Blicke so fest in die Augen, daß sie erschrocken schwieg und vor sich niederschaute. Starford aber wandte sich wieder an den Secretär und sagte: Fräulein Walton hat Ihnen so eben ihren Grundbesitz in hiesiger Stadt als Eigenthum zugesagt, Herr Secretär, wogegen ich nichts einwenden kann; aber wäre dies auch nicht geschehen, so würde ich Sie doch an Ihre Pflicht als Beamter erinnert und von Ihnen verlangt haben, daß Sie als solcher, wenn auch gegen Ihr eigenes Interesse, in dieser Sache handeln sollten. Jetzt ist es nicht allein die Pflicht, es ist auch die Dankbarkeit für solche Großmuth, die Ihnen befiehlt, nach besten Kräften für meine Schutzbefohlenen aufzutreten, und ich ersuche Sie, noch heute dem Sheriff den schriftlichen Befehl auszufertigen, den Grant des Herrn Mendoza für seine Erben von allen unberechtigten Bewohnern desselben zu befreien. Ja, ja – ja, ja – das will ich! stotterte der Secretär gedankenverwirrt hervor, faßte nach seiner Nase, als wolle er die Brille zurechtrücken, und suchte dann nach dieser auf dem Tische, indem er mit der Hand auf den dort über einander liegenden Papieren hin und her tappte. Der Advocat aber hob die Brille von der Erde auf und reichte sie Crow mit den Worten hin: Hier, Herr Secretär, ist, was Sie su- 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • Zehntes kapitel] 95 chen. Nun lassen Sie uns ruhig bereden, was wir zunächst zu thun haben. Setzen Sie sich aber – Sie hatten sich etwas erschrocken. – Dabei legte Starford freundlich die Hand auf die Schulter des Alten und schob ihn nach seinem Stuhle, und während derselbe sich darauf niederließ, fuhr er fort: Hier ist nun eine von der spanischen Behörde in Havannah ausgefertigte und beglaubigte Abschrift der Urkunde über den Grant, hier ist auch eine Copie von demselben, wie er auf der spanischen Landkarte auf den Namen des Herrn Mendoza bezeichnet ist, und hier endlich ist die General-Vollmacht für mich, welche meine Clienten in Ihrer Gegenwart zu unterzeichnen haben und deren Unterschrift Sie gefälligst beglaubigen wollen. Der Secretär verweilte lange beim Durchsehen der Papiere, augenscheinlich um sich während dieser Zeit zu sammeln und die ungeheure Aufgabe, die der Advocat ihm stellte, zu überdenken. Wiederholt schüttelte er den Kopf, strich mit der Hand die wenigen langen, grauen Haare, welche bei seinem Zusammenschrecken wie Trauerweidenzweige von seinem kahlen Scheitel herabgefallen waren, wieder über demselben zusammen und rückte, wie von verworrenem Gedankenfluge beunruhigt, an seiner Brille. Endlich legte er die Vollmacht zur Seite auf den Tisch, sah, Robert die Feder hinreichend, zu diesem auf und sagte: Wenn es gefällig ist, Ihren Namen, Herr Walton. Robert und dann auch Sarah unterzeichneten die Vollmacht, worauf der Secretär dieselbe beglaubigte und sie mit dem Gerichtssiegel versah. Dann hielt er seinen Blick auf des Papier geheftet, schüttelte abermals den Kopf und sagte: Ist es denn möglich – ist es Wirklichkeit oder ist es nur ein Scherz – einige zwanzigtausend Menschen sollen dieses Stück Land räumen und Haus und Hof darauf zurücklassen? Volle Wirklichkeit, Herr Secretär, und eiserner Ernst! versetzte der Advocat, indem er die Vollmacht ergriff, sie zusammenfaltete und sie in seine Brusttasche steckte. Ist es denn etwas so Ungewöhnliches in unseren Ländern, welche früher unter spanischer Herrschaft standen, haben wir nicht schon unzählige solcher Fälle in Alabama, Missisippi, Louisiana und Texas vor Gericht gehabt, und sind nicht noch immer Tausende von Ländereien oftmals mit vielen verschiedenen Landberechtigungen belegt, wovon über lang 5 10 15 20 25 30 35 96 Die alte spanische UrkUnDe oder kurz doch nur e i n e durch das Gericht als rechtsgültig anerkannt werden wird? Freilich, freilich, antwortete Crow, zu Starford aufblickend; es sind aber meist nur kleine Stücke Land und die darauf verwandten Kosten überschreiten nicht die Gränzen des Gewöhnlichen. Hier aber handelt es sich um einen Werth, den man mit menschlichen Sinnen nicht zu umfassen im Stande ist! Der größere oder kleinere Werth mindert nichts an dem Rechte auf ein Eigenthum, entgegnete Starford entschieden, und eben so wie Sie es vorhin kurz machen und den Sheriff Besitz ergreifen lassen wollten, als Sie glaubten, es handle sich um ein einzelnes kleines Grundstück, eben so müssen Sie den Sheriff jetzt den ganzen Grant für die rechtmäßigen Erben desselben in Besitz nehmen lassen. Ist seine Macht zur Vollstreckung Ihres Befehls nicht ausreichend, so muß der Staat Alabama ihm Hülfe geben, und wenn dieser dem Rechte nicht Geltung verschafft, so muß und wird es die Regierung der Vereinigten Staaten vollbringen. Nun, ich will thun, was mein Dienst mir vorschreibt, mag es dann gehen, wie Gott will! sagte Crow, sich ermannend, und ergriff Papier und Feder. So lassen Sie mich denn Ihre Beschwerde und Ihr Gesuch zu Protocoll nehmen! Starford sagte dem Alten nun die aufzustellende Schrift fast Wort für Wort in die Feder und folgte, sich über ihn beugend, dessen Hand mit scharfem Blicke, um zu überwachen, daß er Alles richtig niederschreibe; Robert aber und Sarah hatten hinter den beiden Männern Platz genommen und horchten in großer Aufregung auf die Worte des Advocaten – Robert mit wachsender Begeisterung, Sarah mit von Minute zu Minute zunehmender Angst und Beklommenheit, und als Starford dem Secretär dictirte: »und die Erben ersuchen das Gericht, sämmtliche unberechtigte Bewohner von ihrem Lande zu entfernen und sie selbst in dessen unbeschränktem Besitz zu schützen«, da erbebte Sarah, hob ihre gefalteten Hände nach ihm auf und stammelte mit flehender Stimme: Ach, Herr Starford, seien Sie barmherzig, seien Sie nachsichtig mit den armen Menschen und laden Sie nicht deren Fluch, deren Thränen auf sich selbst und auf uns! 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • Zehntes kapitel] 97 Starford aber wandte sich ernst nach ihr um, winkte ihr, zu schweigen, und sagte mit beruhigender, gedämpfter Stimme zu ihr: Es ist ja nur Form – nichts als vorgeschriebene, gesetzliche Form, Fräulein. Dann fuhr er in seiner Instruction, zu Crow gewandt, wieder fort, bis das Protocoll zum Schluß gelangt war. Der Secretär legte nun die Feder auf den Tisch, zog sein Taschentuch aus seinem Rocke hervor und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ich fürchte, ich fürchte, Herr Starford! sagte er, den Kopf schüttelnd. Es ist nichts zu fürchten, Herr Secretär, es sieht schlimmer aus, als es ist, fiel ihm der Advocat in das Wort. So gut wie Sie und ich es wissen, daß wir die Leute nicht aus ihrem Besitz verjagen können noch wollen, wissen diese es gleichfalls und werden sich gern bereit erklären, eine angemessene Entschädigung zu zahlen, um sich das Eigenthumsrecht auf die von ihnen in Besitz genommenen Grundstücke damit zu erkaufen. Lesen Sie uns nun gefälligst das Protocoll vor, ob noch das Eine oder Andere darin zu bemerken wäre. Bei diesen Worten ließ sich Starford neben Waltons in einen Sessel nieder, worauf Crow seine Brille zurecht setzte, die Schrift von dem Tische nahm und sie nun langsam und deutlich vorlas. Nur hin und wieder ließ den Advocat einzelne Worte darin ab- ändern, und als der Secretär den Vortrag beendet hatte, sagte Jener, sich erhebend: Es ist Alles in Ordnung, Herr Secretär, und Sie wollen nun gefälligst so bald wie möglich dem Sheriff den schriftlichen Befehl einhändigen, den ganzen Grant für meine Clienten in Besitz zu nehmen. Dann reichte er Crow die Hand und fuhr scherzend fort: Vergessen Sie aber nicht, ihm zu sagen, daß er Sie in Ihrem Eigenthum nicht incommodiren solle, Sie hätten das Recht darauf bereits erworben. Nun aber wollen wir uns bei Ihnen verabschieden, verehrter Herr, damit Sie den Befehl gleich ausfertigen können und der Sheriff schon morgen im Stande sei, mit dessen Vollziehung zu beginnen. Sie werden uns für Ihre Bemühungen zu unseren Gunsten erkenntlich finden, Herr Secretär, sagte Robert in begeisterter Aufre- 5 10 15 20 25 30 35 98 Die alte spanische UrkUnDe gung zu diesem, indem er ihm beim Abschiede die Hand drückte, Sarah aber verneigte sich schweigend vor ihm, sie hatte keine Worte, eine unnennbare Angst, ein ahnungsvolles Vorgefühl großen Unglücks lag ihr wie ein erstickender Alp auf der Seele; es stand vor ihrem Geiste wie ein durch sie selbst heraufbeschworenes drohendes Ungeheuer, vor dessen entfesselter Macht sie alle ihre Kräfte ohnmächtig zusammenbrechen fühlte, und willenlos und in dumpfer Ergebung nahm sie den Arm des Advocaten und folgte seiner Führung aus dem Gerichtshause nach dem Wagen, der ihrer vor der Thür harrte. Starford hob sie in denselben hinein, sie sank neben ihn auf das sammtne Polster nieder und schaute halbgesenkten Auges auf ihren Bruder, der ihr gegenüber Platz nahm, als der Wagen mit ihnen in fliegender Eile davon fuhr. Sei gutes Muthes, Sarah, bald werden wir in unser Fürstenthum mit deinem Gold- und Diamantenberg unseren Einzug halten. Robert, Robert, wenn es nur kein Trauerzug wird! antwortete Sarah, mit einer Thräne im Auge zu ihm aufblickend. Geh’ mit mir nach New-Orleans und nimm mir dadurch die Angst aus dem Herzen, daß dir ein Unglück geschehen könne! Glauben Sie mir, Fräulein, Sie quälen sich unnöthig mit trüben Gedanken, nahm der Advocat heiteren Tones das Wort und suchte durch ein leichtes Lächeln den Ernst von seinen Zügen zu verscheuchen, der die große Spannung verrieth, in welche ihn die Wichtigkeit der Unternehmung mit ihren unabsehbaren Folgen versetzt hatte. Vielleicht schon in wenigen Wochen hoffe ich Ihnen die freudige Botschaft übersenden zu können, daß ich einen Vergleich mit Ihren Gegnern abgeschlossen habe; Sie sollen aber jedenfalls täglich Nachricht von Ihrem Herrn Bruder erhalten. Sarah antwortete nicht, sie legte nur ihre Hand in Robert’s Rechte, sah ihn wehmüthig und bittend an, und schlug dann die Augen nieder. In der Wohnung des Advocaten fanden sie bei ihrer Rückkehr schon Alles zur Abreise bereit, mehrere Koffer und Schachteln waren zu Sarah’s Gepäck in den Hausflur gestellt, und Madame Starford selbst kam im Reisekleide ihrem Gatten und dessen Gä- 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • elFtes kapitel] 99 sten entgegen, um sie zu begrüßen und ihnen zu sagen, daß das Mittagessen ihrer harre. Es war ihnen Allen ein Abschiedsmahl für eine ungewisse Zeit der Trennung. Alle fühlten deren ernste Bedeutung, doch Alle bemühten sich, dieselbe zu vergessen und einander sorglos zu erscheinen, nur Sarah hatte nicht die Kraft dazu, eine unheilschwere Ahnung drückte sie nieder und widerstandlos ging sie dem Augenblick entgegen, wo sie von ihrem Bruder scheiden und ihn, von Gefahren umgeben, zurücklassen sollte. Die Zeit hatte für Sarah Flügel, doch so sehr sie den letzten Abschied fürchtete, so sehr schien Starford ihn zu ersehnen, in seinem schnell bei jedem Geräusch von der Stadt her nach dem Fenster herumfahrenden Blick, in seinem häufigen auf seine Uhr schauen und in seinen ungewohnt raschen Bewegungen konnte man es erkennen, daß eine innere Unruhe, eine Besorgniß ihn antreibe, den Aufbruch nach dem Dampfboot zu beschleunigen. Das Gepäck hatte er nicht durch seine Diener, sondern durch einen fremden Kärrner schon zeitig dorthin bringen lassen, und kaum war das Mittagessen beendet, als er den Wagen vorfahren ließ und die Damen beeilte, sich mit den Kindern nach demselben hinab zu begeben. Dort war er ihnen beim Einsteigen behülflich, küßte seine Kleinen, als er sie in den Wagen hob, schloß dann denselben, indem er sagte: Begebt euch gleich in die Damenkajüte, wir werden sehr bald bei euch sein. Als der Wagen davonfuhr und Starford mit Robert in den Corridor trat, bat er diesen: Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, Herr Walton, ich habe meine Börse in meinem Zimmer liegen lassen, und eilte die Treppe hinauf in den Saal; es war aber nicht seine Börse, welche er holen wollte, es war ein Revolver, den er von dem Schreibtische nahm und auf seinem Rücken unter dem Rocke verbarg. Dann kehrte er schnell zu Robert zurück und trat nun mit ihm zu Fuß den Weg nach dem Dampfboote an. Es ist halb vier Uhr und noch wird der Secretär den Befehl wohl nicht an den Sheriff gegeben haben, sagte er im Dahinschreiten zu Robert, wir würden es auch sofort in den Mienen der Leute lesen, 5 10 15 20 25 30 35 100 Die alte spanische UrkUnDe wenn es geschehen wäre, denn die Kunde davon wird wie ein Blitzstrahl durch die Stadt fahren. Sie wird großen Schrecken und Rathlosigkeit verursachen, bemerkte Robert. Beides nicht, entgegnete Starford, Sie kennen unser Volk nicht, es erschreckt sich nicht und fühlt sich niemals, selbst nicht unter den schlimmsten Verhältnissen, rathlos. Das sind Eigenschaften der verfeinerten Civilisation der alten Welt, wo man mehr in der Phantasie als in der Wirklichkeit lebt. Der Americaner nimmt das Schicksal, wie es kommt, und macht das Beste daraus. Es gibt kein Hinderniß, vor dem er zurückschreckt, er fühlt die Kraft in sich, das Unmögliche zu übersteigen, er unternimmt sofort den Versuch dazu, und sieht er dann, daß er es nicht kann, so macht er höchstens für einen Augenblick seinem Zorne Luft und schlägt dann entschlossen und mit ruhiger, kalter Ueberlegung denjenigen Weg ein, der seinem Ziele am nächsten liegt, niemals aber klagt oder jammert er, niemals fühlt er sich rathlos. Und so werden Sie sehen, wird es auch mit unserer Execution gehen, man wird zur Gewalt greifen, um sich den Besitz zu erhalten, sobald man aber einsieht, daß die Macht der Gesetze, die man sich selbst gegeben hat, stärker ist, wird man ruhig und ohne Klagen auf einen Vergleich dringen und ihn so mit uns abschließen, als ob man selbst in unserem Platz stände. So ist der Americaner! Nun, daß die Macht des Gesetzes stärker ist, das wird man sich wohl bald genug sagen, versetzte Robert, und es handelt sich dann nur darum, daß wir unser Recht bei einem Vergleich so hoch ausbeuten wie möglich. Bis zu der Gränze des moralischen Rechtes, so weit fügt sich der Americaner ohne Murren und ohne Haß, geht man darüber hinaus, so setzt er sein Leben dagegen ein. Dann würde man Mobile, ja, jedes Haus auf dem ganzen Grant der Erde gleich machen, ehe man einen Dollar Entschädigung zahlte, antwortete der Advocat, und fügte nach einer augenblicklichen Pause noch hinzu: Vor Allem aber würde man Sie und mich und Jeden, der sich Ihres Interesses annähme, tödten. Jedenfalls will ich es versuchen, den ersten Sturm zu beschwichtigen und werde zu diesem Ende morgen gegen Abend zu den Leuten reden. Ich lasse frühzeitig eine Aufforderung zu einer Versammlung in dem Gerichtshause ergehen, um dort die An- 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • elFtes kapitel] 101 gelegenheit zu besprechen. Ob es mir gelingen wird, die Ruhe zu erhalten und die Sache in Güte abzumachen, das ist eine Frage, die ich nicht zu beantworten vermag; ich habe aber viele Freunde unter dem guten Theile der Bevölkerung, und der große zügellose Haufe fürchtet mich. Unsere Lieben sind in Sicherheit und uns selbst werde ich zu schützen wissen. In diesem Augenblicke bogen sie um eine Straßenecke und begegneten dem Wirthe Carthorn, welcher höflich zur Seite trat und sie Beide artig grüßte. Der ist einer von den Leuten, welche ich fürchte, er ist ein desperater Mensch und hat großen Einfluß auf das gemeine Volk. Er ist bei jeder Gelegenheit der Erste, der sich gegen Gesetz und Regierung auflehnt und ihnen Hohn spricht, wenn etwas nicht in seinen Kram paßt. Hätte er schon eine Ahnung von unserem Vorhaben gehabt, so würde er uns nicht so höflich gegrüßt haben, bemerkte der Advocat, und so erreichten sie das Werft, vor welchem der sich zur Abfahrt nach New-Orleans rüstende Dampfer lag und der bereits schwarze Rauchwolken über sich emporwirbeln ließ. Zum zweiten Male ertönte schon seine Glocke und eine gro- ße Menschenzahl drängte sich nach und von seinem Verdeck hin und her, als der Advocat mit Robert dasselbe betrat und, links und rechts begrüßt und freundlich grüßend, durch die Menge nach der Kajüte schritt, wo ihnen Madame Starford mit den Kindern und mit Sarah Walton entgegenkam. Sarah wankte zu ihrem Bruder hin, ergriff mit beiden Händen dessen Rechte und drückte, sie mit Thränen benetzend, ihre Lippen darauf. Ach, Robert! sagte sie mit schmerzvoller, weicher Stimme und sah flehend zu ihm auf, doch weiter versagte ihr die Sprache, sie barg ihr Antlitz an seiner Brust und schlang ihren Arm um seinen Nacken, als wolle sie sich an ihm aufrecht halten. Aber, beste Sarah, wie kannst Du so kindisch schwach sein? Du stellst dich ja an, als sollten wir für Lebenszeit Abschied von einander nehmen! sagte Robert mit halb verweisendem Tone. Wer weiß, Robert, ob es nicht so ist, schluchzte Sarah ohne aufzublicken und preßte ihre Hand auf ihr Herz, ach, die Angst, diese entsetzliche Unruhe lassen mich nichts Gutes ahnen! 5 10 15 20 25 30 35 102 Die alte spanische UrkUnDe Starford war mit seiner Gattin im Arm und ruhig, doch liebevoll zu ihr redend, in der Kajüte auf und nieder gegangen und blieb jetzt mit ihr bei den Geschwistern stehen, indem er freundlich zu Sarah sagte: Trösten Sie Sich doch mit meiner Frau, Fräulein Sarah, sie hat ja mehr Ursache, zu bangen, als Sie, denn sie läßt nicht allein den Gatten, sie läßt auch den Vater ihrer Kinder zurück. Seien Sie stark und entschlossen; ich meine, für ein solches Glück, wie es Ihnen zu Theil werden wird, müßte man auch kurze Zeit etwas nicht Angenehmes tragen können. Ein Glück, ohne meinen einzigen Bruder? sagte Sarah kopfschüttelnd, während Thränen von ihren Wimpern auf ihre Wangen fielen. Nein, nein, m i t Ihrem Herrn Bruder, er selbst soll es Ihnen bald verkünden, antwortete Starford beruhigend – da ertönte die Glocke zur Abfahrt, noch einmal schlossen die beiden Männer ihre Lieben an ihre Brust und gingen dann mit ihnen auf das Verdeck hinaus, wo man beschäftigt war, die Taue einzuziehen, welche das Schiff an das Werft fesselten. Vor der Kajütenthür stand Patrick mit dem Hut in der Hand, um auch Abschied von Robert zu nehmen. Nun, Patrick, sagte dieser zu dem Matrosen, indem er ihm die Hand reichte, ich vertraue meine Schwester deinem Schutze an, wenn sie desselben bedürfen sollte; die Zeit ist nicht fern, wo wir deine Treue dir lohnen werden. Es bedarf keines Lohnes, Herr Walton, antwortete Patrick, ich werde alles, was in meinen Kräften steht, für Fräulein Walton thun, weil es mir Freude macht. Könnte ich nur zugleich auch hier bei Ihnen bleiben! Das würde unnöthig sein, bei meiner Schwester aber bist du mir ein großer Trost. Dank, tausend Dank für deine Freundschaft, sagte Robert und schüttelte dem Matrosen nochmals die Hand. Dann wandte er seinen Blick wieder auf Sarah, die schmerzgebeugt an seinem Arm hing, noch einmal sank sie schluchzend an sein Herz, gab ihm den letzten Abschiedskuß, und fort sprang Robert dem Advocaten nach auf das Werft, denn das Schiff setzte sich in Bewegung und dampfte in die Bai hinaus. Da stand das Mädchen wie in Verzweiflung weinend an der Brüstung und winkte mit ihrem Tuche nach Robert hinüber, so 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • elFtes kapitel] 103 lange der Dampfer noch vom Werfte aus zu sehen war, und eben so lange wehte Madame Starford ihrem Gatten ihr Lebewohl zu, während dieser, die Grüße erwiedernd, wie in schwere Gedanken versunken dem Fahrzeuge nachschaute. Sobald dasselbe aber hinter einer fernen Landspitze verschwunden war, wandte sich der Advocat mit einem tiefen Athemzuge von dem Wasser ab der nächsten Straße zu und sagte zu Robert: Jetzt lassen Sie uns nach meinem Hause eilen, ich möchte nicht, daß man Ihrer bei der ersten Kunde von unserer gestellten Forderung ansichtig würde, man muß den Leuten keine Veranlassung geben, in Uebereilung zu handeln. Ich denke mir, daß der Sheriff den Befehl des Secretärs bereits in Händen hat. Mit ziemlich raschen Schritten hatten sie den Platz vor dem Gerichtsgebäude erreicht und wollten an demselben vorübergehen, als der Advocat, plötzlich stehen bleibend, sagte: Wahrhaftig, da kommt der Sheriff, er hat sicher eben von Crow den Befehl erhalten. Bei diesen Worten ging er einem kleinen, schmächtig aussehenden Manne entgegen, welcher von dem Gerichtshause her eiligst über den Platz geschritten kam. Derselbe war der Sheriff Flanning, ein Mann mit schmalem, wettergebräuntem Gesicht, tiefschwarzem, schlichtem Haar, schwarzen, stechenden Augen und großer Lebendigkeit in jeder seiner Bewegungen. Er trug einen hohen schwarzen Cylinder, einen schwarzen Frack und und an dem linken Stiefel einen Sporn. Sobald er den Advocaten bemerkte, kam er hastig auf ihn zugeeilt, lüftete seinen hohen Hut zum Gruße und sagte in großer Aufregung: Mein Gott, Sie sind noch hier, Herr Starford, ich glaubte Sie sicher abgereist! Es ist ein Glück, daß ich Sie treffe, so will ich den Befehl, den ich so eben von dem Secretär erhalten habe, noch nicht bekannt werden lassen. Nicht doch, Herr Sheriff, veröffentlichen Sie ihn nur sogleich. Aber auch mir ist es lieb, daß ich Ihnen begegnete, so kann ich Sie noch um eine Gefälligkeit bitten. Machen Sie doch zugleich allenthalben bekannt, daß ich morgen gegen Abend in dem Gerichtshause über die Grant-Angelegenheit reden würde und alle Grundbesitzer einladen ließ, sich dort einzufinden, damit wir die Sache besprechen könnten; sie kann ja natürlich nur durch einen Vergleich abgemacht werden. 5 10 15 20 25 30 35 104 Die alte spanische UrkUnDe Aber, verehrter Herr Starford, ich bitte Sie, Sie wollen hier bleiben? Sie wissen doch, daß das Bekanntwerden des Befehles, den ich in der Tasche habe, wie ein Funke in einer Pulvermine wirken wird, und daß Sie in Mobile Ihres Lebens nicht sicher sein werden, selbst wenn ich nicht von Ihrer Seite ginge. Reisen Sie ab, ehe die Geschichte explodirt! sagte der Sheriff mit lebendigen Handbewegungen nach oben. Nein, nein, lieber Herr Sheriff, dann könnte ich den Leuten ja nicht zu ihrem Besten rathen und ihnen nicht behülflich sein, durch einen Vergleich Eigenthumsrechte zu erlangen. Meine Abreise würde in der That ein Unrecht gegen meine Mitbürger sein und müßte mich vor ihnen in ein falsches Licht stellen, antwortete der Advocat mit großer Ruhe und fügte lächelnd noch hinzu: Und denken Sie Sich nur, Verehrter, man könnte glauben, ich fürchtete mich! Nun, wenn ich einer wüthenden Bevölkerung von zwanzigtausend Menschen aus dem Wege gehe, dann mag man meinetwegen sagen, daß ich mich fürchte; von Ihnen so wie von mir ist doch Jedermann überzeugt, daß wir nicht zu denen gehören, die leicht Kehrt machen! fuhr der Sheriff fort. Es bleibt dabei, lieber Herr Flanning, fiel ihm Starford in die Rede; bitte, machen Sie den Befehl schon heute Abend so viel als möglich bekannt, aber zugleich, daß ich morgen gegen Abend im Gerichtshause darüber reden würde. Nicht wahr, Sie thun mir den Gefallen? Wenn Sie es so haben wollen, Herr Starford, in Gottes Namen. Aber…. Kein »aber« – Guten Abend, lieber Herr Flanning, unterbrach ihn Starford schnell, reichte ihm die Hand zum Abschied und verfolgte dann mit Robert den Weg nach seiner Wohnung. Wir müssen uns jetzt auf Alles gefaßt machen und uns auch für den Nothfall zu einem schnellen Rückzuge bereit halten, hub der Advocat nach kurzer Pause wieder an. Meine Reitpferde sollen Tag und Nacht gesattelt stehen, so daß wir sie jeden Augenblick besteigen können. In dieser Nacht zwar befürchte ich noch nichts, weil man sicher erst hören will, was ich morgen Abend sagen werde; was aber dann folgen mag, wissen die Götter. Dennoch hoffe ich 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • ZwölFtes kapitel] 105 auf die Gewalt meiner Worte, die schon so oft schwierige Siege erfochten haben. Nach seiner Rückkehr in seine Wohnung gab Starford nun sogleich Befehle an seine farbige Dienerschaft, welche darin bestanden, daß man die Reitpferde zum augenblicklichen Gebrauch bereit halte, daß bei Einbruch der Nacht die Thore in dem eisernen Gitter, welches die Besitzung umgab, geschlossen würden und daß die beiden bösen Hofhunde alsdann von ihren Ketten befreit werden sollten. Auch befahl er, daß die Diener sich Nachts in ihren Kleidern zur Ruhe niederlegen möchten, damit sie jederzeit schnell seinen Befehlen nachkommen könnten. Alle Silber- und Goldsachen so wie alle Werthpapiere hatte die Gattin Starford’s mit sich fortgenommen, und diejenigen zurückgebliebenen Gegenstände, welche ihm oder ihr besonders lieb waren, ließ er in den gewölbten Keller schaffen. Während Starford nun mit Ruhe und kalter Ueberlegung Vorkehrungen traf, um sich gegen etwaige ernste Gefahren zu sichern, begann der Sheriff mit der Vollstreckung seines Befehls, und zwar zuerst bei den bedeutendsten Grundeigenthümern und hervorragendsten Persönlichkeiten. Er hatte aber nur erst wenige derselben zur Uebergabe ihres Grundbesitzes aufgefordert, als die Kunde davon wie ein Angstruf von Haus zu Haus durch die ganze Stadt zog und Reich und Arm, Vornehm und Niedrig nach der Straße eilte, wo der Schrekkensmann seinen furchtbaren Umgang hielt. Man scharte sich um ihn, Kopf an Kopf füllte sich die Straße um ihn her, man hob ihn auf die Schultern eines riesengroßen Mannes, und von dort herab mußte er der stürmisch danach verlangenden Menge den Befehl vorlesen. Statt eines wilden, tobenden Ausbruches des Zornes aber, wie Flanning erwartet hatte, als Antwort zu bekommen, trat eine Todtenstille ein; es war, als ob der Befehl lähmend, ja, erstarrend auf die Volksmasse gewirkt, als ob der Schlag sie betäubt und widerstandslos gemacht hätte, als ob ein jeder Einzelne sich plötzlich obdachs- und heimathslos fühle und nur noch die Frage in ihm zurückgeblieben sei: Was nun? 5 10 15 20 25 30 35 106 Die alte spanische UrkUnDe Erstaunt schaute der Sheriff von seiner Höhe auf die stumme Menge nieder und verkündete dann mit lauter Stimme, daß morgen Abend der Rechtsanwalt Herr Starford in dem Gerichtshause die Angelegenheit bereden und versuchen werde, einen Vergleich zwischen den Erben des Grants und dessen augenblicklichen Bewohnern anzubahnen. Ihr kennt Starford, rief der Sheriff, er ist ein Ehrenmann und ein Freund des Volkes, und wir können es Glück nennen, daß e r die Sache zu führen übernommen hat, denn er wird sie sicher zu Aller Zufriedenheit leiten und beenden! Einzelne Stimmen aus der Menge riefen »Hurrah für Starford!« und andere »Hurrah für Flanning!« – doch so leicht und gern die Americaner in solche Hurrahs einfallen, so verhallten diese doch in dem allgemeinen, ernsten Schweigen. Der Sheriff begab sich in das nächste Haus, um dort wieder in der Ausübung seines Dienstes fortzufahren, und die Volksmassen zogen in größeren und kleineren Gruppen hin und her durch die Stadt. Die Unruhe, die Bewegung in derselben aber nahm mit einbrechender Nacht immer noch zu; die Plätze füllten sich mit Menschen, an allen Straßenecken traten Männer zusammen, die Trinkhäuser hatten nicht Raum genug für die fortwährend wachsende Zahl der Gäste, und die Namen Mendoza, Walton und Starford hörte man allenthalben immer schärfer, immer zorniger, immer gehässiger aussprechen. Der Rest der Nacht jedoch verstrich ohne andere Störungen als die, welche der Lärm einzelner umherschwärmender Pöbelhaufen verursachte, und der neue Tag fand die Bevölkerung von Mobile zwar ruhig, aber in einer sehr ernsten und zugleich sehr entschlossenen, thatbereiten Stimmung. Die Betäubung des plötzlichen Donnerschlages, wie das Erscheinen der Erben Mendoza’s sie getroffen hatte, war vorüber, die Macht, welche sie in ihrer zwanzigtausend starken Seelenzahl besaß, war wieder in ihrem Bewußtsein erwacht und der Entschluß, jeder Gewalt Trotz zu bieten, reifte schnell. Sobald der Sheriff früh Morgens wieder erschien, um seinen Befehl weiter zu verkünden, wurde er verhöhnt und verspottet; man antwortete ihm, er möge nur die Erben selbst Besitz ergreifen 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • ZwölFtes kapitel] 107 lassen, und erging sich dann in Drohungen, Verwünschungen und Flüchen gegen dieselben. Die Gereiztheit steigerte sich von Stunde zu Stunde; dennoch wurde von der Mehrheit beschlossen, nichts in der Sache zu thun, bis man Starford gehört habe, und die kleinere Zahl von wilden Hitzköpfen, welche sofort gegen die Erben und deren Helfershelfer zu Felde ziehen wollten, hielt man durch Drohungen und durch Gewalt davon zurück. Die Freunde Starford’s sahen mit wachsender Besorgniß, wie die Stimmung des Volkes sich mehr und mehr gegen ihn richtete und wie sein beabsichtigtes Erscheinen vor demselben immer gefährlicher für ihn zu werden drohte. Sie begaben sich zu ihm in seine Wohnung, theilten ihm mit, was in der Stadt vorgehe, wie die Ansichten sich gestalteten, die Leidenschaften sich entwickelten, und baten ihn dringend, an diesem Abend nicht in dem Gerichtshause zu erscheinen. Er aber erklärte ihnen mit seiner gewohnten heiteren Ruhe, daß es seine Pflicht als Anwalt der Erben und als Mitbürger der Bevölkerung von Mobile sei, die Angelegenheit öffentlich zu bereden und einen Vergleich in Aussicht zu stellen. Ich würde mich der Ehre, euer Freund zu sein, unwerth machen, wenn ich aus kleinlicher Aengstlichkeit für meine Person meiner Pflicht untreu werden wollte, sagte er freundlich zu ihnen; übrigens danke ich euch aus tiefstem Herzensgrunde für die Sorge und Theilnahme, die ihr, wie schon so oft früher, auch jetzt wieder für mich an den Tag legt. Und wo ich solche Freunde habe, da sollte ich einen Pöbelhaufen fürchten? – Nein, nein, ihr Lieben, wir werden uns heute Abend sehen, und ich will mein Bestes thun, um mich eurer Liebe und Freundschaft würdig zu zeigen. Geht hin und sagt es den drohenden Herren, daß ich kommen würde, um mit ihnen zu reden; vielleicht zweifeln sie daran und führen darum ein so gro- ßes Wort. Alle Einwendungen, alle Vorstellungen und Bitten der Freunde waren umsonst, Starford blieb bei seinem Beschluß, gab ihnen schließlich das Geleit durch den Park und schied an dem Gitterthore von ihnen auf Wiedersehen am Abend. Die ganze Stadt schien, als die Sonne versank, in Gährung zu sein; die Straßen wimmelten von Menschen, welche mit sichtbar- 5 10 15 20 25 30 35 108 Die alte spanische UrkUnDe lich großer Aufregung in denselben auf und nieder zogen, in der Nähe des Platzes, auf welchem das Gerichtsgebäude stand, war das Gedränge so dicht, daß weder ein Fuhrwerk noch ein Reiter mehr durchgelassen wurde, und auf dem Platze selbst wogte es Schulter an Schulter wie e i n e lebende Masse, doch nirgends wurde ein Ruf, ein lautes Wort gehört, nur ein monotones unheimliches Murmeln summte durch die Menge und die finsteren Mienen und trotzigen Stellungen der Männer verkündeten, daß dieser Ruhe ein Sturm folgen würde. Um diese Zeit rüstete Starford sich, um sich nach dem Gerichtshause zu begeben. In Schwarz gekleidet, und zwar im Frack, trat er vor den Spiegel, ordnete den blendend weißen Busenstreif und die gefalteten Manschetten, welche seine feinen Hände umgaben, strich sein schönes schwarzes Lockenhaar von der Stirn empor und bedeckte es mit dem glänzend schwarzen Hute. Wie verabredet, lieber Herr Walton, sagte er zu diesem, indem er mehrere Papiere von dem Tische nahm und sie in seiner Brusttasche verbarg. Sie erwarten hier im Hause meine Rückkehr und lassen während meiner Abwesenheit das Gitterthor verschlossen; ich trage einen Schlüssel dazu bei mir. Sollte aber gegen alles Erwarten vorher die Einzäunung durch Tumultuanten überstiegen und ein ernster Angriff auf das Haus gemacht werden, dann eilen sie nach dem Stalle, besteigen Ihr Pferd und reiten mit dem Neger James fort in das Land zu meinem Freunde Fantop, um mich dort zu erwarten. Fantop ist darauf vorbereitet und wird Sie verbergen und im Nothfalle schützen. Wenn Ihnen Gefahr droht, so gebrauchen Sie Ihre Waffen; drohen Sie aber nicht unnöthig damit, und wenn Sie schießen, so schießen Sie gut! – Es wird hoffentlich nicht dazu kommen und Alles wird nach Wunsch gehen, doch Vorsicht ist immer rathsam. Bei diesen Worten nahm der Advocat den Revolver von seinem Schreibtische, barg ihn unter dem Rocke und reichte Robert dann die Hand, indem er sagte: Nun, auf vergnügtes Wiedersehen, es wird vielleicht spät werden. Ich begleite Sie bis an das Thor, entgegnete Robert. Besser, Sie thun es nicht, es gibt viel böses Gesindel in diesem Lande, bleiben Sie ruhig im Hause, versetzte Starford, drückte 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • ZwölFtes kapitel] 109 Robert nochmals die Hand und verließ dann raschen Schrittes seine Besitzung, indem er das Gitterthor hinter sich verschloß. Es war schon ziemlich düster, und die ersten Straßen, durch welche ihn sein Weg führte, waren menschenleer; als er sich aber dem Theile der Stadt näherte, in welchem das Gerichtshaus stand, belebten sich die Trottoirs mehr und mehr, und die Leute, an denen er vorüberging, folgten ihm nach, so daß er sich bald in einem dichten Menschenstrome fortbewegte. Vor ihm gab man ihm Raum, man trat zur Seite, man grüßte ihn aber nicht, und als er den Platz vor dem Gerichtsgebäude erreichte, öffnete sich bis zu dessen Thür in der dichten Volksmasse ein breiter Weg für ihn. Hoch aufgerichtet, mit der rechten Hand unter seinem Rockschooße, schritt er stolz, nicht rechts, nicht links schauend, vorwärts durch die regungslose, schweigende Menge und wurde in dem Gerichtssaale, welcher bereits hell erleuchtet war, von seinen Freunden, unter denen sich auch der Sheriff befand, herzlichst begrüßt. Die Stimmung ist bös, ich habe sämmtliche Constabler hieher beordert, sagte Flanning leise zu ihm. Werden nicht nöthig sein! entgegnete Starford, dem Sheriff die Hand drückend, und fuhr dann zu den Anderen gewandt fort: Ich glaube, zu so zahlreicher Versammlung habe ich nie zuvor geredet und auch niemals ein Thema von solcher Bedeutung behandelt. Während Starford sich nun, von seinen Freunden umringt, nach der Rednerbühne begab, füllte sich der große Saal dicht mit Männern aus allen Ständen, und von allen Seiten vom Platze her drängte sich das Volk an die offenen Fenster, um zu hören, was der Advocat sagen würde. Dieser hatte seinen erhöhten Platz betreten, stand, die Rechte in seinem Busen, anscheinend in Gedanken versunken da und ließ seinen Blick so ruhig über die dicht zusammengepreßte Versammlung im Hause und über die von dem hellen Lichterscheine beleuchteten Köpfe der sich von außen nach den offenen Fenstern drängenden Männer wandern, als ob er irgend eine Angelegenheit von gewöhnlichem Interesse aus dem täglichen Leben bereden 5 10 15 20 25 30 35 110 Die alte spanische UrkUnDe wolle. Nur in dem höheren Glanze seiner großen, dunkeln Augen konnte man es erkennen, daß sein Inneres gewaltig bewegt war und daß er trotz deren langsamer, ruhiger Bewegung mit gespanntem Interesse die ihn umgebenden Persönlichkeiten musterte. Jedermann von einiger Bedeutung, gut oder bös, in der Stadt war ihm bekannt; er war mit Aller Charakteren, mit ihren Vorzügen, ihren Schwächen, ihren Ansichten, ihren Neigungen vertraut, und während seines augenblicklichen, unbemerkten Umherspähens ließ er sie alle, wie sie sich um ihn befanden, mit ihren Eigenschaften vor seinem prüfenden Scharfsinne vorüberziehen. Alle die Männer, welche er in seinem jetzigen großen Unternehmen als seine Gegner kannte, waren hier, und beim Erblicken einiger von ihnen zogen sich seine Brauen finster zusammen. Namentlich zuckten sie und seine glatte Stirn furchte sich für einen Moment, als sein Auge auf ein Gesicht traf, welches von außen durch ein Fenster sich nach ihm her richtete: es war das Gesicht des Wirthes Carthorn, dessen feindseliger, boshafter Blick dem seinigen begegnete. Er wandte sich ab von ihm, und auf seinen Zügen lag wieder die gewohnte heitere Ruhe. Eine tiefe Stille war eingetreten, Aller Augen hingen an den Lippen des gefeierten Redners, denn jetzt verneigte er sich vor der Versammlung und begleitete diesen Gruß, wie er es immer that, mit einem freundlichen Lächeln und einer Handbewegung nach allen Seiten. Mit ruhiger, wunderbar klangvoller Stimme bezeichnete er nun mit wenigen einfachen Worten die Veranlassung, welche ihn vor diese Versammlung treten ließ, und begann dann mit der Geschichte des Grants, der von der spanischen Regierung an Don Alfonso Mendoza für sich und seine Erben als Eigenthum gegeben worden war. Er verfolgte dieselbe mit der größten Genauigkeit und mit allen damit in Beziehung stehenden Begebenheiten bis auf die Gegenwart und kam nun auf den Augenblick, wo die Erben Mendoza’s sich an ihn wandten und ihn ersuchten, ihnen zu ihrem Rechte zu verhelfen. Er sagte, er habe die Interessen und das Wohl seiner Mitbürger reiflich und sorgfältig geprüft und erwogen, und erst nachdem er es ihnen gegenüber als seine Pflicht erkannt hätte, sei er zu dem 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • ZwölFtes kapitel] 111 Entschluß gekommen, die Führung dieser für sie so wichtigen Angelegenheit zu übernehmen, und zwar in der Hoffnung, einen allerseits befriedigenden Vergleich herbeizuführen. Nach kurzer Pause, während welcher die Stille in und außerhalb des Hauses nicht unterbrochen wurde, ging er zu einer Betrachtung der Zustände über, in welchen sich der Grant augenblicklich befinde, er zeigte hin auf die großen Plantagen, die unzähligen Farmen, welche darauf gegründet waren, und kam schließlich auf die Stadt Mobile mit ihren prächtigen Häusern, ihren Kirchen, ihren mit unzähligen Schiffen gekrönten, Jahr aus, Jahr ein belebten Werften und ihrem Riesengeschäft nach allen Welttheilen. Und dieses reiche Land und diese blühende Handelsstadt, in welchen beiden jährlich so viele Millionen verdient werden, sind unumschränktes, unbestreitbares freies Eigenthum der Erben Mendoza’s, der Geschwister Walton, und das gesetzliche Recht, in welchem die Regierung der Vereinigten Staaten sie schützen muß, steht ihnen zu, dieses Eigenthum wirklich in Besitz zu nehmen, sagte Starford mit kräftiger Stimme und schwieg einen Augenblick; denn ein unwilliges Murren unter der Menge im Saal und außerhalb des Hauses wurde laut, dann aber übertönte er dasselbe mit seinem kolossalen Organ, indem er fortfuhr: Ich sage, das gesetzliche Recht, aber nicht das moralische, und darum fordere ich im Namen meiner Clienten für dieses, Hunderte von Millionen werthe Eigenthum nur eine Entschädigung von wenigen Procenten. Wieder schwieg er und sah sich stolz aufgerichtet um, denn das Murren war verhallt und die vorige Stille war wieder eingetreten. Ich glaube, ich werde mir den Dank meiner Mitbürger verdienen, wenn ich ihnen für eine solche Kleinigkeit das Eigenthumsrecht auf ihren ganzen Besitz verschaffe, nahm er leichten Tones seine Rede wieder auf; denn eine Kleinigkeit ist es für das Land und die Stadt, durch eine Anleihe das nöthige Capital aufzubringen und durch jährlichen Abtrag nach und nach diese Schuld wieder zu tilgen. – Immer noch wurde die Ruhe nicht unterbrochen, und im Gefühle seines Sieges sagte er nun: Wenn die Herren Grundbesitzer auf meinen Vorschlag einzugehen sich entschließen, so wollen sie eine Commission niedersetzen, mit welcher ich dann das Weitere verhandeln werde. 5 10 15 20 25 30 35 112 Die alte spanische UrkUnDe Da erhob sich in der ersten Reihe der Versammlung vor ihm einer der reichsten und angesehensten Kaufleute der Stadt und fragte: Und welches Capital werden denn die wenigen Procente repräsentiren, welche Sie für Ihre Clienten fordern, Herr Starford? Zehn Millionen Dollars, Herr! antwortete der Advocat entschlossen – und »zehn Millionen!« ertönte es zornig aus hundert Kehlen in dem Saale und vor dem Hause. Kaum war dieser Ausruf verhallt, als Carthorn in das Fenster hereinschrie: Der Volksfreund, der brave Mann will nur die Kleinigkeit von einer Million selbst dabei verdienen – nieder mit dem Verräther und mit den Erben! Und »nieder mit ihnen!« brüllte es wie ein Orkan über den Platz vor dem Hause, so daß dasselbe zu zittern schien. Im Saale war Alles aufgesprungen, und auch hier stimmten Viele in die Flüche und Wuthschreie ein, die das Gebäude wie Donner umzogen, und hin und her drängte sich die vielbewegte Menge, während der Sheriff mit Einem Ruf die Schar seiner Constabler um Starford gesammelt hatte und dessen Freunde sich dicht um ihn reihten. Im Namen des Gesetzes, Platz hier! schrie jetzt der Sheriff mit gellender Stimme, indem er nach der Thür hin winkte, und gab dann den vorn stehenden Constablern den Befehl, den Weg zu bahnen. Die Menschenmasse wich zur Seite, und unter deren Verwünschungen und Drohungen führte Flanning seine bewaffneten Männer mit Starford und dessen Freunden in ihrer Mitte aus dem Hause und durch das wüthende Volk vor demselben über den Platz in der Richtung nach des Advocaten Wohnung im Eilschritt davon. Die ganze Volksmenge aber folgte ihnen mit zunehmender Wuth wie ein Ungeheuer, dem man sein Opfer entführen will, und das Drängen in den Straßen war so entsetzlich, daß, wer fiel, unter den Füßen der Nachfolgenden zertreten wurde. Im Sturmschritt ging es vorwärts und die Luft erbebte unter dem Wuthgeheul der dahin wogenden Menschenmasse, bis Starford das Gitterthor vor seiner Besitzung erreichte, dasselbe rasch aufschloß und mit seinen Freunden und Beschützern in den Park trat. Dann verschloß er das Thor wieder und Flanning ließ einige 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • ZwölFtes kapitel] 113 seiner Leute bei demselben zurück, um das Volk durch Drohungen abzuwehren. In wenigen Augenblicken hatte Starford das Haus erreicht, wo Robert Walton mit dem Revolver in der Hand ihm an der Thür entgegenkam. Stehen die Pferde gesattelt? rief der Advocat ihm zu. Sie stehen an dem Thore des Hofes, antwortete Robert. So lassen Sie uns eilen, ein jeder Augenblick ist von Werth, versetzte Starford und sprang, von Robert und den Anderen gefolgt, durch das Haus in den Hof, wo ein Neger drei gesattelte Pferde hielt. Dank, ewigen Dank, meine Freunde! rief der Advocat, indem er seine Arme nach seinen Beschützern ausbreitete, und im nächsten Augenblick saß er im Sattel. Robert hatte sich eben so schnell auf den Rücken seines Pferdes geschwungen, und beide, von dem schwarzen Diener auf dem dritten Rosse gefolgt, sprengten aus dem Thore der nahen Straße zu, doch schon hatten die Schnellsten des vor dem Park zurückgehaltenen Volkes die Besitzung umrannt und schwärmten mit wildem Geschrei den Reitern entgegen. Mir nach! rief Starford nach Robert hin, indem er den Revolver gehoben in seiner Rechten hielt, sein Roß in die Flanken drückte und in Carrière auf die Männer, die ihm den Weg vertreten wollten, einsprengte. Robert jagte an seine Seite, unter Zetergeschrei und Flüchen sprangen die Männer zur Seite und wie ein Sturmwind sausten die Reiter zwischen ihnen hin, da fiel ein Schuß, und noch drei, vier Schüsse knallten hinter den Fliehenden her, als Robert einen Schrei ausstieß, sich auf den Hals seines Pferdes neigte und mit halb erstickter Stimme rief: Ich bin getroffen! Um Gottes willen – was sagen Sie? rief Starford entsetzt und hielt sein Pferd zurück. Vorwärts, vorwärts! rief aber Robert, sonst holen sie uns ein, ich kann mich noch im Sattel erhalten. Wo sind Sie verwundet? fragte der Advocat in höchster Angst und ritt dicht an Robert’s Seite. In der Brust, antwortete dieser und hielt sein Pferd zum Schritt an. So lassen Sie uns die Straße verlassen, kaum eine halbe Meile von hier wohnt einer meiner Freunde, die uns beschützten, dort sind wir 5 10 15 20 25 30 35 114 Die alte spanische UrkUnDe sicher, sagte Starford, und bog mit Robert und dem Neger seitwärts in einen rohen Feldweg ein, der in der Dunkelheit kaum zu erkennen war. Das Lärmen und Toben von der Stadt her verhallte mehr und mehr hinter den langsam dahinziehenden Reitern, doch plötzlich färbte sich der Himmel in jener Richtung glühend roth, und eine Feuersäule wirbelte ihre Lohe hoch zu den Wolken auf. Mein Haus steht in Flammen, sagte Starford, sich umblickend, ergriff dann aber die Hand des Verwundeten und fuhr mit ängstlicher Stimme fort: Gott gebe nur, daß Ihre Wunde ohne böse Folgen ist, dann mag Alles verloren sein! Ich fühle mich sehr matt, antwortete Robert mühsam athmend, indem er die Hand gegen seine Seite preßte. Es ist wohl nur der Blutverlust, der Sie schwächt, sogleich werden wir die Wohnung meines Freundes erreichen, fuhr der Advocat fort, dort in jener hohen dunkeln Baumgruppe steht sie. Wenn ich mich nur so lange auf dem Pferde halten kann, entgegnete Robert mit abnehmender Kraft in der Stimme. Ich werde Sie unterstützen, versetzte Starford, sprang von seinem Roß, schritt neben den Kranken und erfaßte dessen Arm, worauf er dem Neger zurief, an die andere Seite Robert’s zu gehen und ein Gleiches zu thun. So schritten sie, langsam ihre Pferde leitend, neben dem seinigen hin und hielten ihn im Sattel, bis sie das Farmerhaus erreichten, vor dessen Thür Starford den Verwundeten in seine Arme herabsinken ließ und ihn zum Schrecken der ihm befreundeten Bewohner desselben in das Wohnzimmer trug. O, Sarah, Sarah, du hattest Recht! stöhnte Robert, als der Advocat ihn auf das Sopha niederlegte und, tief ergriffen, auf sein bleiches Antlitz schaute; denn die Farbe des Todes hatte sich darüber gelegt. O Sarah, Sarah! hauchte Robert noch einmal kaum hörbar aus, sein Auge richtete sich wie zum Abschied zu Starford auf, es brach, noch ein schwerer Athemzug, und seine Seele hatte seinen Körper verlassen. Sprachlos und regungslos stand der Advocat lange Zeit gesenkten Hauptes und mit gefaltet vor sich herabhangenden Händen an Robert’s Seite und schaute, tief erschüttert, auf ihn nieder. 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • DreiZehntes kapitel] 115 Armer junger Mann, ich wollte dir ein besseres Loos bereiten! sagte er halblaut vor sich hin, dann aber, sich ermannend, wandte er sich zu der traurig bei ihm stehenden Frau vom Hause, theilte ihr das Geschehene mit, bat sie, ihren Gatten in seinem Namen zu ersuchen, für das Begräbniß des Geschiedenen zu sorgen, und nahm nun Abschied von ihr, um während dieser Nacht noch weit zu reiten. Von seinem Neger gefolgt, trieb Starford sein Pferd ohne Rast in fliegender Eile davon, bis er beim Grauen des Morgens eine Station erreichte, von wo aus er dann mit der Post seine Reise nach New-Orleans antrat. – – Die Grant-Angelegenheit und die stürmischen Auftritte, welche dieselbe in Mobile erzeugt hatte, erregten in den ganzen Vereinigten Staaten das größte Aufsehen, in allen Zeitungen waren Spalten mit der Begebenheit und mit Ansichten, Betrachtungen und Urtheilen darüber gefüllt und allenthalben in dem öffentlichen Verkehre, so wie in Privatkreisen waren sie der Gegenstand der eifrigsten Unterhaltung. Im Allgemeinen nahm man in allen Staaten Partei gegen die Erben und billigte das Verfahren der Bewohner der Stadt Mobile; es waren ja Fremde, es waren Irländer, welche americanische Brüder aus ihrem Eigenthum, aus ihrer Heimath vertreiben wollten! Alle Artikel, welche die Zeitungen darüber brachten, wurden mit dem größten Interesse gelesen und beredet; die Nachricht, daß Robert Walton getödtet worden war, wurde jubelnd empfangen, und mit Bedauern las man, daß die Erbin Sarah Walton lebendig entkommen war. Man hoffte jedoch, daß ihr unbekannter Aufenthaltsort entdeckt werden und man bald auch über ihren Tod hören möchte. Auch freute man sich darüber, daß der Advocat Starford vertrieben worden sei, und daß man seinen Palast verbrannt habe, obgleich man keine Gehässigkeit gegen ihn aussprach und lachend ihn beifällig einen smart fellow (scharfen Gesellen) nannte. Auch in dem fernen Westen an den Ufern der Leone nahm man den lebhaftesten Antheil an der grant affair und suchte in jeder neuen Zeitung nach weiteren Nachrichten darüber, doch Woche auf Woche verstrich, ohne daß etwas Anderes als Vermuthungen und 5 10 15 20 25 30 35 116 Die alte spanische UrkUnDe Betrachtungen über den möglichen Gang der Sache mitgetheilt worden wäre. Bis nach New-Orleans hatte man die Spuren von Sarah Walton und von Starford verfolgt, dort aber waren sie verschwunden und Niemand hatte eine Ahnung davon, wohin Beide sich von dieser Weltstadt aus gewandt haben möchten. Es war an einem jener wundervollen, erquickenden Morgen dieser heißen Gegend, dem in der Nacht ein schweres Gewitter mit einer Flut von Regen vorangegangen war, als in dem Städtchen C..... an der Leone die Nachricht eintraf, daß der Advocat Starford in Washington wieder aufgetaucht wäre, seine Frau und seine Kinder bei sich habe und wahrscheinlich von dort aus unter dem Beistande der Regierung die Rechte Sarah Walton’s, der nun einzigen Erbin Mendoza’s, verfolgen würde. Es hatte während zweier Monate nicht geregnet und die Häuser, die Erde und die Luft waren so sehr von der Sonne durchglüht gewesen, daß der Regen in vergangener Nacht von den Einwohnern des Städtchens wie ein Segen vom Himmel begrüßt worden war, und wie zum Dank für diese Wohlthat verließ an diesem Morgen fast Jedermann seine Wohnung und ging in das Freie hinaus, um die stärkende, kühle Luft zu athmen und sich des frischen Grüns der Bäume und des Grases zu erfreuen. So kam es denn, daß die neue Nachricht über Starford in den Straßen, auf den Plätzen und vor den Trinkhäusern beredet wurde und daß es überhaupt sehr lebhaft in C..... war, denn auch die Bewohner der Umgegend hatte der prächtige Morgen zu einem Ritt nach der Stadt veranlaßt. Vor dem City-Hotel standen viele Männer, sich über die Neuigkeit unterhaltend, zusammen, und unter ihnen befand sich auch Herr Monteno und der Doctor Absinthe. Starford hat ein großes Spiel gewagt, bei welchem er sein ganzes Vermögen, seine ganze Existenz einsetzte, sagte Monteno, va banque – König oder Krüppel, ich glaube, er gewinnt; ich wenigstens würde noch jetzt sein Spiel übernehmen! Die alten spanischen Landtitel haben sich noch stets vor allen unseren Gerichten als rechtsgültig behauptet, denn die Verbindlichkeiten früherer Regierungen hat die unserige mit übernommen. Und das kann doch wohl keinen Unterschied machen, ob es sich um ein kleines oder um ein großes Stück Land handelt. 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • DreiZehntes kapitel] 117 Es macht aber einen Unterschied, verehrter Herr Monteno, ob ein eingeborner Americaner oder ein Fremder die Forderung stellt, entgegnete Absinthe, diese Fremden wachsen uns so wie so über den Kopf. Dort kommt auch Einer herangeritten, der nicht weiß, wo er sich vor Hochmuth lassen soll und der die Gegend hier lange genug beherrscht hat, weil er früher der einzige Arzt hier war. Und wohl mit Recht, Herr Doctor, thun ihm die Leute hier gern etwas nach Wunsch, denn er hat Jahre lang dieses Land bewohnt, als kein anderer Weißer es der Indianer wegen wagte, hieher zu ziehen, und hat, als endlich die Ansiedler sich um ihn niederließen, ihnen beigestanden und geholfen, wo er konnte, und hat sie mit größter Aufopferung in Krankheiten behandelt, hat ihnen zu Liebe Tag nnd Nacht zu Pferde gesessen, und zwar ohne ihnen einen Dollar dafür zu berechnen. Denken Sie nur daran, wie Vielen von uns hat er vor einigen Jahren während der schrecklichen Fieberzeit das Leben erhalten – S i e, glaube ich, haben damals von allen Kranken, die Sie behandelten, nicht einen einzigen durchgebracht, und wie viele Dollars haben Sie an jedem Todten verdient! entgegnete ein alter Pflanzer, Namens Arnold, und fügte, seine auflodernde Heftigkeit unterdrückend, noch hinzu: Sagen Sie mir nichts gegen Doctor Armand, oder wir werden böse Freunde! Während dieser Zeit war der Reiter, Doctor Armand, auf einem edlen Schimmelhengst herangekommen und begrüßte die Männer vor dem Gasthause, worauf er von seinem Pferde stieg und dasselbe einem Negerburschen zur Pflege übergab. Nach nochmaliger Begrüßung schritt Armand zu Arnold hin, schüttelte ihm die Hand und sagte: Wie geht es, alter Freund? Hat Sie auch der herrliche Morgen auf Ihr Pferd gebracht? War das ein Regen – eine Wohlthat für Menschen und Thiere! Und unbezahlbar für die Baumwolle, entgegnete der Alte; sie war sehr durstig geworden. Doch nun kann sie es wieder lange aushalten. Haben Sie schon von der Nachricht über den Advocaten Starford gehört, Herr Doctor? wandte sich Monteno jetzt an Armand. Er ist in Washington erschienen und wird dort, wie man glaubt, die Hülfe der Regierung in Anspruch nehmen. 5 10 15 20 25 30 35 118 Die alte spanische UrkUnDe So Gott will, wird er es thun, versetzte Armand, damit das Gesindel in Mobile für sein nichtswürdiges, gesetzloses Verfahren gezüchtigt werde. Hat man nichts über die unglückliche Sarah Walton, deren einzigen Bruder man mordete, gehört? Nein, ihre Spur ist gänzlich verschwunden, ein Irländer soll sie begleitet haben. Bei Starford in Washington ist sie nicht, antwortete Monteno. Ich wollte, sie käme zu mir, dann wäre sie sicher, sagte Armand wieder. Das arme Kind! Nun, Gott wird Gerechtigkeit üben. Ja, das sage ich auch, fiel der alte Arnold mit einem Seitenblicke auf Absinthe ein. Und doch gibt es Leute, die meinen, es wäre ihr Recht geschehen, weil sie eine Fremde sei. Kleinliche, niedrige Seelen! versetzte Armand verächtlich und wandte sich dann wieder an Monteno, indem er sagte: Haben Sie gute Nachrichten von Carlos? Es scheint ihm gut in unserer alten Welt zu gefallen. Recht gute Nachrichten, Herr Doctor, antwortete Monteno; er hat seinen Aufenthalt in Oxford aufgegeben und ist nach Paris gereist. Ich habe ihm kürzlich einen Credit nach dort gesandt, habe ihn aber dringend gebeten, baldmöglichst hieher zu kommen, weil ich wünsche, meine Vermögens-Angelegenheiten mit ihm zu ordnen. Es ist immer gut, wenn man sein Haus bestellt, ehe man sich schlafen legt. Allerdings, versetzte Armand; doch wenn man es mit einem hochherzigen, edlen Menschen zu thun hat, wie es Carlos ist, so kann man sich auch ohne solche Vorsichtsmaßregeln ruhig niederlegen. Besser ist immer besser; Carlos ist ein braver Jüngling, doch auch er ist sterblich, und eine Heirath könnte große Aenderung in ihm hervorbringen, fuhr Monteno fort. In seinem Charakter niemals, fiel Armand ein; ich freue mich sehr darauf, ihn wieder zu sehen, und bin überzeugt, daß er sich körperlich und geistig gleich herrlich entwickelt hat. Dann haben wir auch wohl wieder öfter das Vergnügen, Sie bei uns zu sehen, nahm Monteno mit einer höflichen Verbeugung wieder das Wort – Sie sind wirklich fremd in unserem Hause geworden, und seit Ihrer Rückkehr aus Mexico waren Sie nur einmal bei uns. 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • DreiZehntes kapitel] 119 Ich war seitdem sehr beschäftigt, Herr Monteno; nach so langer Abwesenheit von Hause findet man Vieles außer dem alten Geleise. Doch dieser Tage nehme ich mir jedenfalls die Freiheit, Sie zu besuchen. Ich bitte, empfehlen Sie mich gütigst Ihren Damen. Bei diesen Worten verneigte sich Armand höflich vor Monteno, reichte dann Arnold die Hand und sagte: Ich habe Mehreres in der Stadt zu besorgen, ich treffe Sie aber hier beim Mittagessen. Das geht nicht, Doctor, antwortete der Alte; ich habe meiner Frau gesagt, ich würde zum Essen kommen. Ah bah – Sie bleiben hier und speisen mit mir, alter Freund! fiel Armand ihm in das Wort. Ich will die Verantwortung bei Ihrer Frau schon übernehmen. Gut, ich bleibe, wenn Sie dieser Tage mich bei meiner Alten entschuldigen und bei uns zu Mittag essen wollen – wo nicht, so reite ich fort, versetzte Arnold lachend. Das soll ein Wort sein, entgegnete Armand eben so heiter, reichte dem biederen Manne nochmals die Hand, grüßte die Umstehenden und eilte nun davon, um seine Geschäfte abzumachen. Versprochener Maßen fand Armand bei seiner Rückkehr in das Gasthaus seinen alten Freund Arnold, welcher nach ihm einer der ersten Ansiedler in diesem Lande gewesen war, seiner harren und, froh und vergnügt die vergangenen schönen Zeiten beredend, in denen sie Beide hier den Gefahren der Wildniß Trotz boten, saßen sie noch lange nach aufgehobener Tafel bei altem Maderawein zusammen. Als die Sonne sich aber zu neigen begann, ließen sie ihre Pferde vorführen und ritten davon. Arnold’s Weg führte an Armand’s Wohnsitz vorüber, so daß sie bis dahin beisammen blieben, und so wurde ihnen die halbe Stunde sehr kurz, denn wohin sie schauten, fielen ihre Blicke auf Plätze, an welche sich irgend eine interessante Erinnerung knüpfte. Hier hatten sie zusammen den mächtigen Bären, den Jaguar, den Panther erlegt, dort unter der uralten Cypresse an dem krystallenen Quell hatten sie so manche Nacht beisammen bei dem Lagerfeuer verbracht, in jenem Gehölz hatten sie den Angriff der Wilden zurückgewiesen und unter diesen Felsen flüchteten sie sich vor dem furchtbaren Eissturme. 5 10 15 20 25 30 35 120 Die alte spanische UrkUnDe Und wissen Sie noch, Doctor, als ich der erste Weiße war, der Ihnen nach in dieses Land kam und wie ich mit Frau und Kind, mit Sack und Pack dort oben vor Ihrem Fort Halt machte? sagte Arnold, indem er nach der Ruine einer hölzernen Festung zeigte, welche rechts von ihrem Wege auf einer Höhe an der Leone stand und altersgrau und verwettert mit ihren beiden Thürmen weit über die Gegend schaute. Wohl weiß ich es noch, wie es mich hoch beglückte, solche Biederleute zu Nachbarn zu bekommen, antwortete Armand bewegt, und Eines ist gewiß, Arnold, wir haben uns Beide in dem Anderen damals nicht getäuscht gehabt, wir sind einander treue Freunde gewesen und werden es nun wohl auch bleiben. Und wenn die Welt darüber zu Grunde ginge! entgegnete der Alte mit hell leuchtendem Blicke und reichte Armand seine eisenharte Hand. Mich stimmt es immer wehmüthig, wenn ich nach dem alten, lieben Asyl, nach dem Fort hinaufschaue und daran denke, wie mich damals das Gefühl, Herr zu sein so weit der Himmel blau, erhebend und für frühere Leiden entschuldigend durchströmte, wie ich dort mein Schicksal in eigener Hand trug und alles Unangenehme aus meinem Reiche zurückwies und von mir abschüttelte. Auch Sie, Arnold, haben dieses Gefühl noch kennen gelernt; sobald aber die Menschen uns nachfolgten und sich mit ihrem Egoismus, ihrem Neid und ihrer Falschheit um uns niederließen, da war es aus mit unserem ungetrübten Glück, und der alte Tanz um den Erzfeind desselben, um das Geld, ging wieder los! In flüchtigem Paßgange ihrer Rosse zogen die Reiter an der verfallenen Burg vorüber und erreichten nach einer Viertelstunde die Besitzung Armand’s, wo dieser sich von seinem Freunde trennte und ihm versprach, erster Tage bei ihm zu Mittag zu speisen. Er schaute dem alten, rüstigen Biedermanne nach, bis derselbe in der Ferne vor seinem Blicke verschwand, und ritt dann nach seiner Wohnung hinauf, welche auf einem Hügel in dem dunkeln Schatten eines prächtigen, immer grünen Wäldchens stand. Addison, sein Mulattenknabe, führte den Hengst nach der Einzäunung, in welcher dieser stets frei umherging, und Armand be- 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • DreiZehntes kapitel] 121 gab sich in das Haus, wo ihm seine Haushälterin Milly, eine schöne Quadrone, entgegenkam und ihn freudig begrüßte. Du bist lange ausgeblieben, Herr, sagte sie lächelnd, ich fürchtete schon, daß das Abendessen verderben würde; ich will Pfannkuchen backen und habe den Teig dazu bereits eingerührt. Das ist ja herrlich, Milly, ich haben guten Appetit dazu mitgebracht, antwortete Armand heiteren Tones. Befiehlst du Pfirsichcompot oder Lattich dazu? fragte das Mädchen. Lieber Lattich, entgegnete Armand, als ein riesig großer gelber Hund die Thür aufwarf und mit einem dumpfen Freudengeheul zu ihm heransprang. Bist du da, alter, ehrlicher Joe, sagte Armand, das alte Thier liebkosend, da trat Milly von der Thür nach der anderen Seite des Zimmers und sagte, durch das Fenster blickend: Ich glaube, du bekommst Besuch, Herr, eine Dame reitet auf das Haus zu. Eine Dame? wiederholte Armand überrascht, schaute nun selbst hinaus und sah wirklich ein in Schwarz gekleidetes Frauenzimmer, von einem Manne, welcher einen Reisesack vor sich auf seinem Pferde hielt, begleitet, heranreiten. Wer mag das sein? versetzte er, indem er die vordere Thür öffnete und unter die mit blühenden Rosen und Lianen umrankte Veranda trat. Einen Augenblick sah er nach der Reiterin hin, eilte dann nach dem Thore in der Einzäunung, öffnete dasselbe und führte ihr Pferd neben drei treppenartig an einander stehende Baumstümpfe, von denen der höchste der Dame bis an den Steigbügel reichte, so daß sie leicht darauf treten und über die beiden anderen herabschreiten konnte. Armand hatte ihr dabei seine Hand geliehen, und als sie den sauberen Sandweg betrat, sagte sie mit beklommener Stimme: Habe ich die Ehre, Herrn Doctor Armand zu sehen? Der bin ich, Fräulein, und wen habe ich das Glück, bei mir willkommen zu heißen? antwortete dieser mit einer ehrerbietigen Verbeugung. Mein Name ist Mary Black, entgegnete das Mädchen mit unverkennbarer Befangenheit; dann aber schien sie sich gewaltsam zu 5 10 15 20 25 30 35 122 Die alte spanische UrkUnDe ermannen und fuhr, ihren schwarzen Schleier von ihrem Antlitze zur Seite werfend, fort: Ich bringe ihnen einen Brief von Consul Balmore in New-Orleans. So sind Sie mir doppelt willkommen, versetzte Armand freudig überrascht – von meinem alten, lieben Freunde Balmore! – Nun, treten Sie ein, Fräulein, Sie müssen mir sagen, wie es Ihnen geht und ob ich Ihnen in der einen oder anderen Weise dienlich werden kann. Ich wollte noch nach C..... reiten und wünsche Ihren Rath zu hören, ob ich dort in einem Gasthause absteigen kann. Ich suche ein Unterkommen als Gouvernante oder eine Stellung als Clavierlehrerin, nahm das Mädchen kleinlaut wieder das Wort, und Armand erkannte das Weh, welches ihr Inneres bewegte. Das wird sich alles schon nach Wunsch erzielen lassen, nur können Sie es nicht selbst thun; Sie dürfen nicht allein in das Gasthaus gehen, das darf ich meinem Freunde Balmore zu Liebe nicht zugeben. Kommen Sie herein, Fräulein, mein Haus sei Ihnen eine Heimath, bis wir eine andere für Sie gefunden haben. Hierauf schaute Armand nach dem Manne hin, der die beiden Pferde an den Zügeln und den Reisesack in der Hand hielt und, wie es schien, auf einen Beschluß der Dame wartete. Die Pferde kenne ich, fuhr Armand nach diesen zeigend fort; sie gehören dem Spediteur auf dem Landungsplatze der Dampfboote, doch den Mann habe ich noch nicht gesehen; ist er Ihnen von dort als Begleiter mitgegeben? Er sollte die Pferde wieder zurückbringen, sagte das Mädchen sichtbarlich verlegen. So ist es besser, wenn er auch die Nacht hier bleibt; es wird ihm doch zu spät, die fünf Meilen zurückzureiten, entgegnete Armand und trug dem herzutretenden Mulattenknaben auf, für die Thiere zu sorgen. Nun wandte er sich zu dem Fremden und sagte freundlich zu ihm: Kommen Sie herein und seien Sie mir willkommen; es ist besser, wenn Sie Sich erst morgen wieder nach dem Landungsplatze hinunterbegeben. Armand geleitete die Dame nach der Veranda und von da in einen großen, luftigen Saal, dessen Thür die Quadrone für sie öffnete. 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • DreiZehntes kapitel] 123 Sorge gut für den fremden Mann, Milly, wandte sich Armand zu dieser, als er der jungen Dame in den Saal folgte und den Reisesack, den er dem Fremden abgenommen hatte, auf einen Stuhl legte. Nehmen Sie gefälligst Platz, Fräulein Black, sagte er nun, indem er das Mädchen nach dem Sopha geleitete. Jetzt müssen Sie mich für einige Augenblicke entschuldigen, damit ich nöthige Anordnungen treffen kann. Ich bin bald wieder bei Ihnen. Mit einer Verbeugung verließ er den Saal, und Sarah Walton – denn diese war die junge Dame – blieb allein zurück. Die Kraft, mit der sie ihr Weh, ja, ihre Verzweiflung niedergekämpft hatte, um ruhig zu erscheinen, war erschöpft, und kaum hatte Armand das Zimmer verlassen, als sie ihre Arme von sich streckte und ihre Hände dann über sich zusammenschlug. – O Gott, Barmherziger, steh’ du mir bei! rief sie verzweifelnd aus, bedeckte ihr Antlitz mit ihren Händen und wankte bis an das Fenster, wo sie ihre Arme an sich herabfallen und ihre Stirn gegen den Fensterrahmen sinken ließ. Geistig und körperlich war sie niedergebrochen, das Ungeheure ihres Schicksals, das sie durch den Tod ihres Bruders getroffen, drohte damals, ihrem Leben ein Ende zu machen; doch Starford, der ihr die Nachricht davon in New-Orleans überbrachte, bot mit seiner Gattin, und von Balmore unterstützt, Alles auf, um ihr Trost, um ihr Fassung zu geben. Die Gefahr jedoch von Mobile her wuchs mit jeder Stunde; Balmore rieth Sarah, sich zu seinem Freunde Armand an die Frontier zu begeben, versah sie mit einer Empfehlung an denselben, Starford händigte ihr das von Robert hinterlassene Geld aus, und halb willenlos brachte man sie an Bord eines Dampfers. Der brave Patrick begleitete sie auf ihrer weiten Reise, vor den Menschen als Diener, in der Wahrheit aber als treuester, innigster Freund. Er war es auch, der mit ihr von dem Landungsplatze, wo sie das Dampfboot verlassen hatte, hieher geritten kam, um in der Nähe, wo sie bleiben würde, irgend eine Arbeit, ein Unterkommen zu suchen. Während Sarah auf Balmore’s Rath den Namen Black angenommen hatte, nannte Patrick sich Tom Kelly, und Beide bezeichneten Canada als ihr Vaterland. 5 10 15 20 25 30 35 124 Die alte spanische UrkUnDe Bleich, abgehärmt und niedergebeugt stand Sarah an das Fenster angelehnt, ein Bild des Jammers und des Wehes, und dennoch war sie eine wunderbar schöne Erscheinung, ja, sie war noch schöner als zur Zeit, wo noch kein Leid ihre Seele zerrissen, wo noch die frische Farbe froher, sorgloser Jugend ihre Wangen schmückte, wo Heiterkeit und Freude aus ihren Veilchenaugen der ganzen Welt entgegenlachten, sie war noch schöner jetzt in ihrem Schmerze. Das durchsichtig Bleiche ihres reizend fein geschnittenen, von schweren, lang herabhangenden, dunkelbraunen Locken eingerahmten Antlitzes zeigte nur noch mehr die seltene Schönheit ihrer dunkelblauen, schwarz bewimperten Augen, das einfache schwarze Kleid ließ ihre schlanke Palmengestalt nur noch biegsamer, noch zarter hervortreten, und die Schwermuth, die auf ihrem ganzen Wesen lag, verrieth das tiefe Gefühl der Seele, die in dem schönen Körper wohnte. Sarah fühlte sich so unglücklich, so trostlos, so verlassen, sie kam sich vor wie eine Verbrecherin, die flüchtig umherirrte, um einer Strafe zu entgehen, und doch war ihr Herz so rein, so kindlich fromm! Wie gern hätte sie die ganze Erbschaft aufgegeben, hätte sie Robert wieder ins Leben rufen und sich mit ihm in ihre kleinen, stillen Verhältnisse nach Irland zurückversetzen können! Doch hin war hin, ihr blieb der Gram, der Jammer, der Schmerz! Noch stand sie gesenkten Hauptes an dem Fenster und eine Thräne glänzte in ihren Augen, als Armand wieder in das Zimmer schritt und mit den Worten zu ihr hintrat: Wenn es nun gefällig ist, Fräulein Black, so erlauben Sie mir, daß ich Sie nach Ihrem Zimmer geleite. – Dabei ergriff er den Reisesack, und Sarah, sich zusammennehmend, trat an seine Seite. Ihre Güte ist zu groß, Herr Doctor, sagte sie im Dahingehen, und doch mache ich so gern Gebrauch davon – Sie sind mir ein unbeschreiblicher Trost in dieser Fremde! Und mich wird es glücklich machen, wenn ich Ihnen auch ein Beistand, eine Hülfe sein kann, entgegnete Armand, indem er mit Sarah in den Corridor schritt und sie dort nach einer Zimmerthür führte. Er bat sie, einzutreten, stellte den Reisesack in die Stube und wollte sich entfernen, doch Sarah bat: 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • VierZehntes kapitel] 125 Noch einen Augenblick, Herr Doctor, ich will Ihnen den Brief des Herrn Balmore geben. – Sie schloß die Reisetasche auf, nahm das Schreiben aus ihr hervor und reichte es ihm hin. Es that ihr wohl, daß Armand sie so freundlich empfangen, so theilnehmend behandelt hatte, ehe er wußte, was Balmore ihm über sie schrieb; denn so war seine Theilnahme aus ihm selbst hervorgegangen, sie galt ihr selbst, sie galt nicht allein der Empfehlung des Freundes, und sie hatte sich selbst in diesem fremden Lande, unter lauter fremden Menschen, in Armand einen Freund erworben. Als sie ihm das Schreiben reichte, hätte sie ihrem Dankgefühl so gern Worte gegeben – doch er sollte sie nicht bemitleiden, ihre Thränen sollte er nicht sehen, und dieselben bekämpfend, versagte ihr auch die Sprache. Armand aber erkannte sehr wohl, was in ihr vorging, nahm den Brief und sagte: Auch ohne die Empfehlung Balmore’s würden Sie in mir den Freund gefunden haben, der Ihnen mit Rath und That zur Seite steht. Denken Sie Sich nun, Sie wären hier zu Hause, und verfügen Sie über die Dienste meiner Quadrone Milly; ich werde sie Ihnen sogleich zusenden. – Dann verneigte er sich freundlich und verließ das Zimmer. Die Sonne war versunken und das Düster des Abends brach schnell herein, als Sarah sich geruht hatte und um Vieles gefaßter aus ihrem Zimmer in den Corridor trat, welcher in einem Kreuzgange bestand und auf allen vier Seiten des Hauses nach der dasselbe umgebenden Veranda führte. Alles war still um sie her, und sie folgte dem Gange bis hinaus unter das Sonnendach, wo sie, stehen bleibend, sich umblickte. Da gewahrte sie Patrick, der rechts von ihr auf einer Bank saß und in Gedanken versunken vor sich niederschaute. Guter Patrick, es ist mir lieb, daß ich dich hier treffe und nochmals mit dir allein sprechen kann, sagte sie, zu ihm hintretend, mit leiser Stimme; der Himmel hat mich hieher zu Herrn Armand geführt, er ist so freundlich und gut gegen mich und wird mir gewiß zu einem Unterkommen verhelfen. Ich habe es Ihnen ja immer gesagt, Fräulein, der liebe Gott würde Ihnen beistehen, antwortete der Matrose freudig. Ich werde nun, 5 10 15 20 25 30 35 126 Die alte spanische UrkUnDe wenn ich die Pferde zurückgebracht habe, nach C..... gehen und dort gewiß bald Beschäftigung finden, so daß ich für den Fall, daß Sie meiner Hülfe bedürfen sollten, in Ihrer Nähe bin. Sage dem Spediteur, er solle meinen Koffer nur behalten, bis ich ihn abholen lassen würde, nahm Sarah wieder das Wort. Und wenn du nach C..... kommst, sei vorsichtig, damit Niemand es merke, daß wir näher bekannt und befreundet sind; du weißt es ja, wie besorgt Balmore und auch Starford dieserhalb waren, weil sie fürchteten, daß man dadurch auf meine Spur kommen könnte. Und dennoch muß ich dich von Zeit zu Zeit sehen und sprechen – du bist ja meine einzige Stütze, du guter, lieber Patrick! Das sollen Sie auch, Fräulein, und Niemand soll es merken, daß wir mit einander bekannt sind; ich will schon die Gelegenheit finden, mit Ihnen zusammen zu kommen, ohne daß es auffällt. Nimm dies, Patrick, damit du nicht in Verlegenheit geräthst, fuhr Sarah fort, indem sie ein Papier aus ihrem Kleide hervornahm und es ihm hinreichte. Nein, nein, Fräulein, ich habe noch Geld genug, mehr als ich brauche, versetzte der Matrose, das Papier zurückweisend, wenn ich etwas nöthig haben sollte, so will ich es Ihnen schon sagen. Du mußt es aber auch thun, alles, was ich habe, gehört ja auch dir, du treuer Freund, erwiederte Sarah, indem sie ihm ihre Hand reichte, welche Patrick ergriff und seine Lippen darauf senkte; Sarah aber legte zugleich ihre andere Hand auf sein Haupt und sagte liebevoll zu ihm: Werde ich dir deine Freundschaft wohl jemals danken können? In diesem Augenblicke war es Sarah, als habe sie ein Geräusch hinter sich vernommen, sie zog schnell ihre Hände zurück und sah sich halb erschrocken um, da traf sie mit dem Blick Armand’s zusammen, welcher in dem nahen, nach der Veranda hinausgehenden Fenster lag und verwundert nach ihr herschaute. Sie fuhr zusammen, der Gedanke, daß Armand ihre Freundlichkeit und ihre Vertrautheit mit dem Manne unrecht deuten könne, drängte ihr das Blut nach dem Herzen und nahm ihr für den Augenblick alle Fassung, doch das Bewußtsein ihrer Reinheit besiegte sofort die Verlegenheit, sie reichte Patrick schnell wieder die Hand und sagte laut mit herzlichem Tone: Nochmals, Herr Kelly, meinen 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • VierZehntes kapitel] 127 Dank für die vielen Gefälligkeiten und für alle Güte, die Sie mir während unserer Reise haben angedeihen lassen, worauf Patrick sich etwas verlegen vor ihr verneigte und sich dann entfernte. Jetzt verließ Armand das Fenster und trat einige Augenblicke später zu Sarah unter die Veranda. So haben Sie die Reise mit dem Manne zusammen gemacht? fragte er sie. Jawohl, und er hat mir während derselben viele Dienste geleistet. Er ist ein Landsmann von mir und eine ehrliche, treue Seele, antwortete Sarah, ihre Befangenheit überwindend. Ich mußte ihm noch einen Auftrag meines Koffers wegen geben, welchen ich bei dem Spediteur zurückließ, und dann war es mir angenehm, ihm nochmals für seine vielen uneigennützigen Freundlichkeiten danken zu können. Ich werde Ihren Koffer morgen hieher holen lassen, sagte Armand artig, als Milly zu ihnen trat und meldete, daß das Abendessen bereit sei. Armand geleitete Sarah nach dem Speisezimmer, wo er sie sich gegenüber an dem sauber gedeckten, mit prächtigen frischen Blumen geschmückten Tische Platz nehmen ließ. Eine bessere und wärmere Empfehlung als die, welche Ihnen mein Freund Balmore gab, konnte nicht ertheilt werden, Fräulein Black, und es macht mir große Freude, seinen Wünschen und zugleich den meinigen für Ihr Wohlergehen nachkommen zu können, sagte Armand zu ihr. Ich hoffe, Ihnen zu der Stelle einer Lehrerin bei einem Fräulein Monteno zu verhelfen, in welchem Sie allerdings eine Schülerin von wenigstens neunzehn Jahren erhalten werden. Ich habe Madame Monteno oftmals darüber klagen hören, daß es hier so sehr an Gelegenheit für die Ausbildung eines jungen Mädchens mangele, und sie wird gewiß die in Ihnen sich bietende gern ergreifen, um ihre einzige Tochter das Versäumte nachholen zu lassen. Dieselbe ist in der That, was Kenntnisse anbetrifft, sehr zurück, wenn sie auch die oberflächliche Bildung, das heißt die äu- ßere Form des gesellschaftlichen Benehmens einer americanischen Lady vollkommen besitzt. Dabei aber weiß sie nicht, ob Frankreich im Norden oder Süden Europa’s liegt, oder ob Cäsar, ob Napoleon früher gelebt hat. Von Musik, so wie von Kunst überhaupt ist 5 10 15 20 25 30 35 128 Die alte spanische UrkUnDe natürlich gar keine Rede. Dabei ist sie eine eingebildete, für mich höchst unangenehme Person und die Mutter selbst dumm, unwissend und unverträglich. Herr Monteno dagegen ist ein guter Mann, damit ist aber auch alles Gute von ihm gesagt. Erschrecken Sie sich nicht, Fräulein, ich gebe Ihnen diese Schilderungen absichtlich, damit Sie wissen, in welche Verhältnisse Sie treten werden, füge aber nun noch hinzu, daß Sie durch Ihre geistige Ueberlegenheit die ganze Gesellschaft beherrschen und jeden Augenblick, wenn Ihnen die Stellung nicht zusagt, austreten können. Es ist das vornehmste Haus, Sie werden bekannt, und es steht dann bei Ihnen, eine Schule, ein Erziehungs-Institut zu gründen, wobei ich Ihnen zu dem günstigsten Erfolge verhelfen werde. Ich weiß wirklich nicht, Herr Doctor, wo ich Worte hernehmen soll, um Ihnen für Ihre Theilnahme und Güte zu danken, mit allen meinen Kräften aber werde ich mich bestreben, derselben mich würdig zu zeigen, erwiederte Sarah tief bewegt. Es ist eine gnädige Fügung Gottes, daß ich an Sie empfohlen wurde. Sie müssen mein Benehmen nicht überschätzen, Fräulein, Gastfreiheit und Theilnahme für Andere sind natürliche Gefährten des Frontierlebens, welches uns erst seit wenigen Jahren verlassen hat, und sie sind eigentlich egoistischer Natur, weil der einsam lebende Mensch sich in der Regel nach Gesellschaft sehnt; mir allerdings ist, ehrlich gesagt, die Gesellschaft etwas zu groß geworden. Ihnen gegenüber werde ich aber immer der Frontiermann bleiben und Ihnen mit Freuden beistehen, wo ich kann. Morgen früh reite ich zu Montenos und hoffe, Ihnen bei meiner Rückkehr gute Nachricht mitbringen zu können. Milly wartete bei Tische auf, schenkte Thee und Kaffee ein und reichte schließlich, nachdem die Pfannkuchen verzehrt waren, noch eine köstliche Erdbeerencrême herum. Sieh’, das hast du gut gemacht, Milly, sagte Armand freundlich zu der Quadrone, als sie ihm das Gericht bot. Es war schnell gemacht, Herr, ich hatte den Rahm dazu stehen, antwortete die Sclavin mit freudig aufglänzendem Blick, darf ich dir noch einmal Kaffee einschenken? Nicht mehr, ich danke, antwortete Armand, und folgte wieder der Unterhaltung mit Sarah. 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • VierZehntes kapitel] 129 Was sagte man denn in New-Orleans über die heillose Geschichte in Mobile? fragte er, worauf er aber von Sarah keine Antwort erhielt, denn der Theelöffel fiel ihr aus der Hand in die Crême, und in ihrem Schrecken ergriff sie die Tasse mit dem so eben eingeschenkten heißen Kaffee, hob sie an ihre Lippen und verbrannte sich. Alles dieses kam ihr jedoch zu Hülfe, um sich zu sammeln, und so sagte sie endlich: Man war sehr entrüstet darüber. Es ist unerhört; ein Glück, daß die arme Sarah Walton entkam. Ich sagte noch heute früh, als die Nachricht in C..... eintraf, daß der Advocat Starford in Washington erschienen sei, um wahrscheinlich die Sache von dort aus zu betreiben; ich wünschte nur, das Mädchen käme zu mir, unter meinem Dache sollte es sicher sein und wenn die ganze Stadt Mobile heranrückte. Diese Worte fielen wie heilender Balsam in Sarah’s Seele. Auf ihren Knieen hätte sie ihm dafür danken mögen; sie sah zu ihm auf, ihre Augen aber füllten sich mit Thränen und wieder schaute sie auf den Teller vor sich nieder. Und wenn es noch Gerechtigkeit in unserem Lande gibt, so müssen diese Nichtswürdigen die zehn Millionen zahlen, fuhr Armand fort, wenn man nur Sarah’s Aufenthaltsort nicht ausfindet und Starford nicht vielleicht auch das Leben nimmt. Sarah sagte kein Wort, und so ging Armand bald auf ein anderes Thema über, sie jedoch blieb gedankenvoll und wortkarg, und da er die Ursache davon in ihrer Müdigkeit zu finden glaubte, sagte er, sich erhebend: Sie sind von der Reise ermüdet, Fräulein, und bedürfen der Ruhe. – Dann winkte er die Quadrone herbei, fuhr zu Sarah gewandt fort: Lassen Sie Milly für Ihre Bequemlichkeit sorgen, und verließ, ihr eine gute Nacht wünschend, das Zimmer. Am folgenden Morgen, gleich nach dem Frühstück, bestieg Armand sein Pferd und ritt zu Montenos. Herr Monteno saß, als Armand das Thor, welches in den Park führte, erreichte, in einer dort befindlichen Laube und rauchte seine Morgencigarre. Er kam ihm, freudig überrascht, entgegen, rief einen schwarzen Diener herbei, welcher Armand das Pferd abnehmen mußte, und sagte zu diesem: Schön, schön, Herr Doctor, daß Sie Wort halten, nun müssen Sie aber auch den Tag bei uns zubringen. 5 10 15 20 25 30 35 130 Die alte spanische UrkUnDe Das ist mir heute nicht möglich, verehrter Herr Monteno, mein Besuch gilt Ihrer Frau Gemahlin, welcher ich eine erfreuliche Nachricht zu bringen habe. Dafür muß sie Ihnen sehr dankbar sein, doch es wird sie betrüben, daß Sie nicht bei uns bleiben können, antwortete Monteno, worauf er Armand nach dem Hause und dort in den Empfangssaal führte. Sie hatten einige Zeit in Schaukelstühlen am offenen Fenster gesessen, als Madame Monteno, welcher ihr Gemahl durch einen Diener die Ankunft Armand’s hatte anzeigen lassen, in den Saal hereinrauschte und, diesem mit ihrem Fächer zuwinkend, ausrief: Endlich, endlich, Herr Doctor, gönnen Sie mir die Freude, Sie wieder unter meinem Dache begrüßen zu können, Sie waren uns ja ganz fremd geworden! Dann reichte sie Armand die Hand, wandte sich nach dem Sopha und sagte in gleich begeistertem Tone: Nun kommen Sie und setzen Sie Sich zu mir in das Sopha, damit ich Sie einmal wieder ordentlich genießen kann! Aber, Monteno, wandte sie sich, als sie Platz genommen hatte, an ihren Gatten, wirklich, ich begreife dich nicht, deine Unaufmerksamkeit selbst gegen unsere liebsten Freunde ist gränzenlos, und kein Wunder, wenn dieselben Monate lang unsere Schwelle meiden, du hast dem Herrn Doctor nicht einmal eine Erfrischung angeboten! Monteno hatte eine Entschuldigung auf den Lippen, doch Armand kam ihm zuvor und sagte: Dank, Dank, Madame, ich komme ja so eben vom Frühstück! Sie müssen Nachsicht mit meinem Herrn Gemahl haben, lieber Herr Doctor, er ist wieder erst gegen Morgen aus einer Spielgesellschaft nach Hause gekommen; das spannt ab, versetzte die Frau mit einem giftigen Blicke auf ihren Mann. Armand unterbrach sie aber schnell. Mein Besuch gilt eigentlich nur Ihnen, Madame Monteno, sagte er, der Zufall hat mich in Stand gesetzt, einen von Ihnen oft ausgesprochenen Wunsch zu erfüllen. Einer meiner Freunde in New-Orleans hat mir eine junge Dame, eine Canadierin, Namens Black, empfohlen, die eine Stellung als Erzieherin oder als Clavierlehrerin sucht und welche 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • VierZehntes kapitel] 131 gestern Abend bei mir eingetroffen ist. Die Art und Weise, wie mein Freund sie empfiehlt, bezeugt, daß sie eine Dame von sehr gediegenen Kenntnissen und von ungewöhnlich vortrefflichen Eigenschaften sei, und so weit ich sie bis jetzt zu beurtheilen vermag, so muß ich ihr dasselbe Zeugniß geben. Sie soll namentlich eine große Meisterin auf dem Clavier sein, und da Sie mir oftmals sagten, Sie wünschten Ihrer Tochter Unterricht darin ertheilen zu lassen, so setze ich Sie zuerst von der Ankunft des jungen Mädchens in Kenntniß. Das ist ja vortrefflich, entgegnete die Frau, ich bin Ihnen sehr dankbar dafür. Es kommt mir gerade jetzt sehr gelegen, daß meine Tochter Clavierspielen lerne, weil unser lieber Carlos nun bald zu uns zurückkehren und sich darüber freuen wird, wenn Cleo ihm etwas vorspielen kann; Sie wissen ja, wie leidenschaftlich er die Musik liebt. – Nicht wahr, lieber Monteno, wandte sie sich an diesen, Cleo muß es lernen? Ich bin vollkommen deiner Ansicht, liebe Cornelia, antwortete der Mann schnell. Es möchte für Fräulein Cleopatra überhaupt gut sein, auch in anderen Richtungen noch belehrt zu werden und ihre Kenntnisse zu erweitern, wozu die junge Lehrerin ihr jede Hülfe bieten wird, nahm Armand wieder das Wort. Dieselbe beabsichtigte, hier in der Stadt ein Erziehungs-Institut zu gründen, doch ich habe ihr vorläufig davon abgerathen, weil dann Ihre Fräulein Tochter viel weniger Nutzen von ihr haben würde, als wenn die Lehrerin sich einzig und allein ihrer Ausbildung widmet. Sie macht bescheidene Ansprüche, verlangt aber eine freundliche, ihrer Bildung angemessene Behandlung. Nun, die soll ihr hier bei uns im vollsten Maße werden, davon sind Sie ja wohl überzeugt, verehrter Herr Doctor? versetzte Frau Monteno mit einem Seitenblick auf ihren Gatten, welcher demselben jedoch schüchtern auswich. Wie mir mein Freund schreibt, so haben sehr viele harte Schicksale die junge Dame betroffen, was ihre Niedergeschlagenheit mir auch bezeugte, bemerkte Armand. Unsere christlich-liebevolle Behandlug wird ihren Schmerz bald heilen, fiel Madame Monteno mit weichem, süßem Tone ein, sagen 5 10 15 20 25 30 35 132 Die alte spanische UrkUnDe Sie ihr dies und bringen Sie sie uns recht bald herüber. Welches Gehalt wird sie denn wohl fordern? Ich dachte, zweihundert Dollars jährlich würde nicht zu viel sein, antwortete Armand. Durchaus nicht; ich finde es sehr wenig, nicht wahr, lieber Monteno? versetzte die Frau mit stechendem Blicke nach ihm hinüberschauend, ließ ihren Fächer in fliegender Eile vor ihrem sich etwas röthenden Antlitze hin und her schwirren und fügte mit erzwungenem Lächeln und gewaltsam niedergehaltener Stimme noch hinzu: So viel und mehr setzest du ja auf e i n e Karte! Monteno suchte durch gänzliche Widerstandslosigkeit die aufkeimende zornige Bewegung in seiner Gattin zu beschwichtigen, denn schon zuckten ihre Brauen und ihre Nasenflügel hatten sich erweitert; er lächelte wie im Scherze zustimmend und neigte sein Haupt. Armand aber, welcher den schwachen Mann schon so oft in ähnlichen Lagen bedauert hatte, kam ihm schnell zu Hülfe, indem er zu Madame Monteno sagte: Werde ich nicht das Vergnügen haben, Ihre liebenswürdige Fräulein Tochter zu sehen? Im Augenblick war der heranziehende Sturm von den Zügen der Frau verweht, es zog wie Sonnenschein über ihr Antlitz und ihren Fächer leise neben ihrer Wange schaukelnd, flüsterte sie Armand zu: Ihre Dienerin war mit dem Ordnen ihres schönen Haares beschäftigt, wobei sie besonders dieses Mal sehr eigen sein wird, weil ich ihr Ihre Ankunft mittheilte und Sie obenan unter ihren Lieblingen stehen; sie hält große Stücke auf Sie, bester Herr Doctor! Außerordentlich schmeichelhaft, versetzte Armand mit einer Verbeugung, als das Rauschen schweren Seidenstoffes sich in dem Corridor nahte und im Augenblick nachher Cleopatra durch die offene Thür in den Saal schritt. So eben fragte unser lieber Freund hier nach dir, Cleo, und du mußt heute besonders freundlich gegen ihn sein, denn er kam eigentlich nur deinetwegen hieher; denke dir, er hat eine ausgezeichnete Clavierlehrerin für dich. Der glänzend heitere Blick, mit dem Fräulein Monteno auf Armand zurauschte, machte bei den letzten Worten ihrer Mutter einem Ausdruck von Unwillen Platz. 5 10 15 20 25 30 35 [erster BanD • VierZehntes kapitel] 133 Eine Clavierlehrerin – was soll i c h wohl mit einer Clavierlehrerin? entgegnete sie verächtlich. Nun, du sagtest doch, du möchtest Carlos bei seiner Rückkehr wohl mit Clavierspiel überraschen, weil er sich so sehr für Musik interessirt, fuhr Madame Monteno mit mahnendem Tone fort. Ja so – versetzte Cleopatra; wenn ich nun auch niemals etwas der Art gesagt habe, so würde ich doch die Mühe daran wenden und einige Stücke spielen lernen. Aber, Cleo, wie kannst du –? fiel ihr Madame Monteno aufflammend in das Wort. – Doch Cleo wandte sich zu Armand und fragte: Wie alt ist die Person? Ich habe keine Lust, mich von einer bösen alten Jungfer hofmeistern zu lassen. Sie ist eine höchst liebenswürdige, sanftmüthige junge Dame, ungefähr in gleichem Alter mit Ihnen, Fräulein Cleopatra, doch von umfangreichstem Wissen und vornehmster Erziehung, antwortete Armand gereizt, ich glaube, ihre Gesellschaft schon würde für Sie von sehr großem Werthe sein. Neben ihren wissenschaftlichen Kenntnissen ist sie auch äußerst geschickt in weiblichen Handarbeiten, im Sticken, im Blumenmachen, im Schneidern, und dann soll sie allerliebst zeichnen; sie besitzt eine Bildung, wie wir in der alten Welt sie bei unseren wirklichen Damen voraussetzen. Das Sticken, Blumenmachen und Schneidern mag meine Mulattin, meine Neone lernen, ich habe mit mir selbst genug zu thun. Unser Lebenszweck und unsere Aufgabe ist, uns dem Manne angenehm zu machen, und das geschieht nicht durch Nähen und Stikken. Das Clavierspiel aber will ich gelten lassen, sagte Cleopatra, in einen lustigen Ton übergehend, und fuhr lachend fort: Wer weiß aber, Herr Doctor, was ich thun würde, wenn ich wüßte, daß es einem Manne, den ich liebte, Freude machte! – Dabei winkte sie ihm mit ihrem Fächer zu, blitzte ihn mit ihren schwarzen Augen an und ließ sich dann, laut auflachend, an seiner Seite in einen Schaukelstuhl sinken. – Nun schaukeln Sie mich ein wenig, verehrter Herr Doctor, erzählen Sie mir von meiner Gouvernante und sagen Sie mir, wann Sie mich damit beglücken wollen, hub Cleopatra in derselben lustigen Stimmung wieder an. Nur wenn ich weiß, dass sie Ihnen wirklich willkommen und daß sie im Stande ist, Ihnen zu nützen, werde ich sie Ihnen bringen, 5 10 15 20 25 30 35 134 Die alte spanische UrkUnDe sonst soll sie in der Stadt eine Schule gründen, entgegnete Armand ernst. Sie werden mir doch wohl nicht böse sein, weil mich Ihr Besuch immer heiter und froh stimmt? sagte Cleopatra jetzt halb ernst zu Armand, indem sie die wilde schwarze Lockenfülle, die ihr Haupt umgab, zurückwarf; sie war dem drohenden Blicke ihrer Mutter begegnet und hatte auf deren Zügen die Anzeichen eines nahenden Sturmes erkannt. Wir Alle, verehrter Herr Doctor, werden Ihnen endlos dankbar dafür sein, wenn Sie uns die junge Dame verschaffen, weil Cleo deren Unterricht und deren Gesellschaft sehr bedarf, nahm Herr Monteno jetzt entschlossen das Wort, weil er sah, daß das Gewitter, welches in der Laune seiner Gattin aufstieg, sich nicht gegen ihn, sondern gegen Cleopatra entladen zu wollen schien, und weil er wußte, daß er sich selbst davor schützte, wenn er sich bei ihrem Angriff betheiligte. Und sehr richtig hatte er es berechnet, denn Frau Monteno warf ihm einen anerkennenden und ermuthigenden Blick zu und wandte sich dann gegen Cleo, indem sie mit verhaltenem Zorne sagte: Meine Tochter, wann wirst du wohl zu der Ueberzeugung kommen, daß du die Kinderschuhe abgelegt hast und daß du hinsichtlich deiner Kenntnisse noch immer ein Kind bist! Und nun dazu deine störrige Laune und dein heftiges Wesen! Glaubst du, daß du dich mit solchen Eigenschaften einem Manne angenehm machen wirst? Nur Sanftmuth und Nachgiebigkeit führt zu dauerndem Glück. Ach ja, liebe Mutter, du hast ja ganz Recht, und darum verlange ich sehnlich nach dem Umgange mit der Gouvernante, weil der Herr Doctor sagt, sie sei so liebenswürdig und sanftmüthig – es geht ja nichts über ein gutes Beispiel! Dann legte sie sich lachend in den Schaukelstuhl zurück und hielt den entfalteten Fächer vor ihr Antlitz. Madame Monteno wurde kirschroth in dem Gesichte und warf einen funkelnden Blick nach ihrem Gatten hin, welcher aber schon sein Haupt gesenkt hatte und mit seiner schweren goldenen Uhrkette spielte. Wird es Ihnen denn angenehm sein, wenn ich Fräulein Black Ihnen morgen bringe? unterbrach Armand die eingetretene Pause. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • FünFZehntes kapitel] 135 Gewiß, Herr Doctor, sehr angenehm, je eher je lieber! Sie sehen es ja selbst, wie sehr es noth thut, daß sie kommt! entgegnete Frau Monteno, ihrer inneren Bewegung Luft machend. Nun ist aber ein Uebelstand, fuhr Armand fort, Sie haben noch kein Clavier. Das kann ich morgen bekommen, fiel Herr Monteno freudig ein. Der Gastwirth Pope hat mir ein ausgezeichnetes Pianino von dem besten Meister in Philadelphia zum Kauf angeboten; ich werde noch heute in die Stadt gehen und dafür sorgen, daß wir es morgen zeitig hier haben. Du bist ein prächtiger Mann, Monteno, du weißt für Alles Rath. Sollst aber auch deine Freude daran haben, wenn uns unsere Cleo schöne Stücke darauf vorspielt, nahm die Gattin wieder das Wort, und zwar mit dem liebevollsten Ausdrucke. Armand benutzte den heiteren Augenblick, um sich zu empfehlen. Er versprach, am folgenden Tage mit Fräulein Black zu erscheinen, reichte Allen die Hand und schied unter deren wärmsten Danksagungen für seine große Gefälligkeit und Güte. Als er seinem Pferde die Zügel schießen ließ und flüchtig auf dem Wege nach seiner Besitzung dahineilte, stellte er wieder die Frage an sich, ob er wohl recht handle, die Fremde in die Familie Monteno zu bringen, namentlich zwischen eine solche Mutter und eine solche Tochter. Aber was konnte er ihr rathen, zu beginnen? Eine Schule in der Stadt? Dazu mußte sie erst bekannt sein, ünd dann stand sie allein und verlassen da und war vielen Gefahren ausgesetzt. Es wäre ja auch möglich, daß sie eine segensreiche Vermittlerin in dem Familienkreise Monteno’s würde und Frieden und Einigkeit hineinbrächte! Sie sollte es versuchen, und sagte ihr die Stelle durchaus nicht zu, so sollte sie sofort zu Armand zurückkehren, damit er ihr irgend einen anderen Weg bahne. Er hatte bald den Garten neben seinem Wohngebäude erreicht und ließ sein Roß im Schritt an der Einzäunung hingehen, als Milly hinter einem riesigen Busche von gelben Rosen hervor und an das Staket trat, um ihn zu begrüßen. Du bist früher zurückgekehrt, Herr, als ich Dich erwartete, sagte sie freundlich und reichte Armand ihre schöne Hand. Das Essen 5 10 15 20 25 30 35 136 Die alte spanische UrkUnDe ist zwar bereit, aber ich habe noch keine frischen Blumen auf den Tisch gestellt. Ich bin gar nicht in der Eile; werde du nur erst ganz fertig, entgegnete Armand. Was macht die Fremde? Als du fortgeritten warst, hat sie sich Alles angesehen, ist durch den Garten und durch den Wald gegangen und hat sämmtliches Hühnervieh um sich herangelockt. Und denke dir, der alte Joe hat sie allenthalben hinbegleitet, als wolle er sie führen, und jetzt liegt er ihr zu Füßen! Sie ist aber keine americanische Dame! Warum glaubst du das? fragte Armand überrascht, weil in ihm selbst dieser Gedanke schon aufgetaucht war. Weil sie während der ganzen Zeit unter der Veranda gesessen und ununterbrochen genäht hat, das thut keine americanische Lady, antwortete die Quadrone, und dann liegt auch in ihrem Benehmen, in ihrer Sprache, in ihrem ganzen Wesen etwas Fremdes. Du magst Recht haben, Milly, es ist mir auch so vorgekommen. Sie sagt, sie sei aus Canada, versetzte Armand; doch mag sie sein, wer sie will, sie ist eine wirkliche Dame. Ach, und so freundlich, so lieb ist sie! fuhr Milly entzückt fort. Ich könnte den ganzen Tag mit ihr plaudern und möchte wünschen, daß sie bei uns bliebe! Wolltest du dir so gern das Regiment streitig machen lassen? entgegnete Armand lächelnd. Ja, Herr, gern, wenn d u es wünschtest! rief die Quadrone mit aufleuchtendem Blicke ihrer Wunderaugen und sprang wie eine Antilope durch den Garten dahin dem Hause zu. Sarah kam Armand entgegen, reichte ihm die Hand und sah ihn bangen Herzens an. Es ist Alles nach Wunsch gegangen, Fräulein, sagte er, ihre Zweifel gewahrend. Montenos hoffen, daß Sie morgen schon in Ihre Stellung als Gouvernante, Lehrerin oder Gesellschafterin, wie Sie es nennen wollen, eintreten möchten. Gern, sehr gern thue ich es und danke Ihnen herzlich für Ihre große Güte und Theilnahme, und dennoch trete ich die Stelle mit Angst und Bangen an – Sie haben mir ein so ungünstiges Bild von der Familie entworfen, antwortete Sarah und blickte, neben Armand nach dem Hause gehend, vor sich nieder. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • FünFZehntes kapitel] 137 Das war nothwendig, Fräulein, damit Sie keine Täuschung erfahren und gleich vom ersten Augenblicke an die richtige Stellung den Leuten gegenüber einnehmen sollten, fuhr Armand fort. Sie sind denselben in jeder Weise so sehr überlegen, daß es Ihnen ein Leichtes sein wird, ihnen Achtung einzuflößen und sie zu einer rücksichtsvollen Behandlung gegen Sie zu zwingen. Seien Sie gegen Madame Monteno so wie gegen deren Tochter sehr formel höflich – es gibt kein besseres Mittel, um den Ungebildeten in Schranken zu halten – und werden Sie niemals vertraut mit ihnen. Tragen Sie kein Leid, keine Traurigkeit zur Schau, denn das Niedrige geht rücksichtslos mit dem Unglücke um. Ernst und bestimmt sei Ihr Benehmen, und zwar stets mit Hinblick auf meine Hülfe, meinen Beistand. In dieser Weise werden Sie sich eine, wenn auch nicht beneidenswerthe, doch ruhige Stellung verschaffen. Unter Ihrem Schutze, verehrter Herr Doctor, wage ich Alles und werde genau nach Ihrem Rathe handeln, versetzte Sarah ermuthigt und dankte ihm nun dafür, daß er ihren Koffer bereits von dem Landungsplatze hatte abholen lassen. Wenn Sie noch etwas von dessen Inhalt vor unserer Abfahrt nach Montenos bedürfen, so bitte ich, es herauszunehmen, denn ich wünsche Ihren Koffer noch heute voran zu senden, sagte Armand zu Sarah, indem er sie bis an ihr Zimmer begleitete und sich ihr dann auf Wiedersehen bei Tische empfahl. Eine halbe Stunde später trat Sarah in einem einfachen Kleide von schwarzer Seide mit sauberer weißer Halskrause in das Speisezimmer, wo Armand sie herzlich mit den Worten empfing: Leider ist es das erste und vorläufig auch das letzte Mittagsmahl, welches ich die Freude habe, mit Ihnen unter meinem Dache zu verzehren; doch ich bin nicht selbstsüchtig genug, Sie in die Lage zu wünschen, daß Sie genöthigt wären, wieder zu mir zu kommen; wenn es aber einmal der Fall sein sollte, dann seien Sie fest überzeugt, daß Sie mir von ganzem Herzen willkommen sein werden, sagte Armand, indem er Sarah gegenüber an dem Tische Platz nahm. Und seien S i e überzeugt, Herr Doctor, daß mir die Erinnerung an das Glück des Trostes und der Beruhigung, welche ich unter Ihrem gastfreien Dache fand, ewig theuer und heilig bleiben wird, entgegnete Sarah innig bewegt. 5 10 15 20 25 30 35 138 Die alte spanische UrkUnDe Armand dankte für die freundlichen Gesinnungen, welche dieselbe so natürlich und gefühlvoll aussprach, und sagte dann, durch das offene Fenster ihm gegenüber nach der in einiger Entfernung vor dem Hause vorüberführenden Straße blickend: Sieh, dort geht der Mann, der Sie von dem Landungsplatze bis hieher begleitete – er will sich gewiß nach der Stadt begeben. Sarah fuhr zusammen und fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen trat, weßhalb sie sich schnell auf ihren Stuhl nach dem Fenster umwandte, damit Armand ihr Erröthen nicht gewahren sollte. – Jawohl, er ist es, entgegnete sie mit erzwungen ruhigem Tone und hielt ihren Blick auf den treuen, braven Patrick geheftet, der, mit einem Mantelsacke auf der Schulter, auf der staubigen Straße vor- überschritt und verstohlen nach dem Hause herschaute. Für diesen Menschen würde ich jederzeit einstehen, hub Armand wieder an, die Bravheit ist ihm auf das Gesicht geschrieben. Ja, ja, er ist ein sehr guter Mensch, sagte Sarah mit beklommener Stimme und zerschnitt, ohne zu Armand aufzublicken, das Fleisch auf ihrem Teller, während er ihre Verlegenheit wohl bemerkte, sich dieselbe aber nicht zu deuten vermochte. Milly hatte für ein besonders gutes Mittagessen gesorgt; der Braten bestand in einem prächtigen wilden Truthahn, und zum Nachtisch reichte die Quadrone köstliche Maulbeeren mit süßem Rahm. Den Kaffee schenkte sie unter der kühlen, luftigen Veranda, wo Armand sich mit Sarah in Schaukelstühlen bei einem zierlichen Kaffeetische niederließ und, während diese sich mit einer Stickerei beschäftigte, selbst sich an dem Genusse einer feinen Cigarre labte. Wir wollen morgen recht zeitig frühstücken und dann gleich nach Montenos hinüberfahren, denn mein Cabriolet hat kein Verdeck, welches Sie gegen die Sonnenstrahlen schützen könnte; es wird Vormittags jetzt schon sehr heiß, sagte Armand zu seiner schönen Gefährtin, an deren natürlicher Vornehmheit und Anmuth er sich im Stillen erfreute. Wie Sie es für am besten halten, Herr Doctor; die Sonne ist mir nicht unangenehm, antwortete Sarah, dankbar zu ihm aufschauend. Man sieht hier in Allem, daß die Civilisation erst seit Kurzem bei uns eingezogen ist; Bequemlichkeit und Unbequemlichkeit, Bil- 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • FünFZehntes kapitel] 139 dung und Rohheit gehen noch sehr Hand in Hand, und alle unsere Zustände, unsere Sitten und Gebräuche tragen noch sehr das Gepräge des äußersten Frontierlebens, hub Armand wieder an. Mein Absteigen bei Ihnen gibt ein treffendes Bild davon, bemerkte Sarah mit unbefangenem Lächeln; in der alten Welt würde man es mir wohl niemals verzeihen. Und doch liegt für uns ein großes Compliment darin, es bezeugt, daß in den noch mehr oder weniger natürlichen Zuständen auch noch weniger Verdorbenheit herrscht, versetzte Armand und fuhr nach einer kurzen Pause, in welcher er seinen Blick auf Sarah geheftet hielt, fort: Sie sagen: in der alten Welt. Sind Sie denn in Europa gewesen? Sarah gab sichtbarlich erschrocken nicht sogleich Antwort darauf, faßte sich aber doch schnell und sagte: Ich meinte damit die alten Staaten dieses Landes. Allerdings, in Canada sowie im Staate New-York würde man über das Logiren einer jungen Dame bei einem unverheiratheten Manne sein Bedenken haben, obgleich dort doch die Frontierzustände hinreichend bekannt sind, um es unter Bedingungen zu rechtfertigen, versetzte Armand; in Europa jedoch würde die Dame vor ihren Schwestern keine Gnade finden. Gottlob, daß Glaube und Vertrauen hier noch nicht ganz verschwunden sind! Gegen Abend, als die Sonne im Scheiden war, machte Armand mit Sarah einen Spazirgang durch den prächtigen, von sprudelnden Quellen durchwässerten dunkeln Hain, vor welchem seine Wohnung stand. Dort führte er sie an dessen Saume auf eine Höhe, von wo der Blick nach den fernen, in Purpurduft schwimmenden Cordilleren, deren eisige Höhen jetzt im Golde des sinkenden Lichtes erglühten, sich frei entfaltete und über die dunkelnde Prairie schweifte, welche bis zum Fuße der Gebirge ihre Wellenform höher und höher erhob, und dort wie Meeresbrandung Berg an Berg sich reihte. Viele Meilen weit nach Süden war auf der üppigen Grasflur kein Haus, keine Spur menschlichen Treibens und Schaffens zu sehen, und über dem fernen Waldstriche an dem Turkeyflusse, einem Nebenarme der Leone, verrieth keine aufsteigende Rauchwolke die Niederlassung eines Ansiedlers. Von dort kam jetzt Armand’s Viehherde herangezogen, und das melodische 5 10 15 20 25 30 35 140 Die alte spanische UrkUnDe Geläute der Metallglocken, welche von Kühen, Maulthieren und Pferden um den Nacken getragen wurden, wogte mit der kühlen Abendluft durch die friedliche Ruhe, die auf der Gegend lag. So schön habe ich mir dieses Land doch nicht gedacht, obgleich Herr Balmore mir viel Reizendes davon erzählte, sagte Sarah, von der Majestät des Bildes, welches sich vor ihrem Auge entrollt hatte, mit Staunen und Bewunderung tief ergriffen. Ich wählte absichtlich diesen Augenblick, um Sie hieher zu führen, weil mit dem Scheiden der Sonne die Phantasie ihre Herrschaft antritt und wir dann für etwas Schönes, etwas Erhabenes leichter empfänglich sind. Und zauberisch großartig schön ist die Natur hier – zu schön für die Mehrzahl der Menschen, die hier leben und für nichts fühlen, für nichts sich begeistern können als für Money (Geld), entgegnete Armand und führte Sarah dann nach seinem Obstgarten, nach dem Baumwollfelde und schließlich nach dem Garten, aus welchem sie in das Haus zurückkehrten, als die Lichter unter der Veranda und in den Zimmern bereits brannten. Am folgenden Morgen nach zeitigem Frühstück bestieg Armand mit Sarah ein leichtes, offenes Cabriolet und ließ den vor dasselbe gespannten Rappen auf der Straße nach C..... in fliegendem Laufe dahintraben. Die Luft zog ihnen frisch und stärkend entgegen, die Geier segelten über ihnen in weiten Kreisen höher und höher dem blauen Aether zu und die Vögel sangen aus dem dunkeln Laube der Bäume ihre Morgenlieder fröhlich zu ihnen herab, als Sarah plötzlich verwundert ausrief: Ist’s möglich, eine alte Ritterburg? Doch nicht, Fräulein, antwortete Armand; in diesem Lande finden sich keine solche Denksteine altersgrauer Zeiten, es hat keine Geschichte aufzuweisen. Jene Ruine ist weder eine Ritterburg, noch ist sie sehr alt, sie ist der Ueberrest einer hölzernen Festung, die ich mir erbaute, als ich in dieses Land kam und dasselbe ausschließlich von Indianern bewohnt fand. In Ihrer Heimath, in Canada, gibt es ja aber auch keine Ritterburgen. Nein, freilich nicht, entgegnete Sarah, ihr unvorsichtiges Reden erkennend; ich habe aber oft solche Burgen in Abbildung gesehen, und Ihre Festung hier sieht gerade so aus. Damals haben Sie wohl viele Gefahren bestanden? 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • FünFZehntes kapitel] 141 Aber keine Aergernisse durch die Erbärmlichkeit und Nichtswürdigkeit civilisirter Menschen, die, in äußeren Anstand gehüllt und unter dem Scheine von Vornehmheit, von Freundschaft, alle Ehrenhaftigkeit, alle Rechtlichkeit mit Füßen treten; solche Schurken findet man unter den Indianern nicht, versetzte Armand, und es zog wie eine herbe Erinnerung über seine Stirn. Dabei zuckte er an dem Zügel, und wie wenn er seinen Unmuth auf den Rappen übertragen hätte, stob dieser dahin, als ob seine Hufe den Boden kaum berührten. Vor der Stadt bog ein Weg nach Monteno’s Villa ab, welchen Armand einschlug und nun nach wenigen Minuten dieselbe erreichte. Das Einfahrtsthor in den Park war bereits geöffnet, und auf der hohen Treppe vor dem Hause harrte die Familie Monteno der Heranfahrenden. Willkommen! rief Herr Monteno, indem er die Treppe herabschritt und an das Cabriolet trat, während ein Neger den Zügel des Pferdes ergriff. Armand reichte Monteno die Hand, sprang aus dem Wagen und lieh Sarah nun seine Hülfe beim Aussteigen, während Madame Monteno so wie deren Tochter ihre forschenden Blicke auf die Fremde hefteten. Als Armand diese nun die Treppe hinangeleitet hatte und sie den beiden Damen als Fräulein Mary Black vorstellte, waren diese immer noch mit eifrigem Mustern beschäftigt, und auf Beider Zügen malte sich Ueberraschung, und zwar keine unbedingt angenehme. Sarah hatte sich hoch aufgerichtet und erwiederte den Gruß der Damen sehr höflich, aber sehr ernst und vornehm. Seien Sie mir freundlichst willkommen, Fräulein Black, meine Tochter freut sich recht sehr auf den Unterricht, den Sie ihr ertheilen wollen, sagte Madame Monteno, indem sie sichtbarlich erstaunt den schönen, sinnigen Augen Sarah’s begegnete. Ich hoffe, wir werden recht gute Freundinnen werden. Was i c h hierzu beitragen kann, soll gewiß geschehen, Madame Monteno, und auch ich freue mich sehr darauf, mich Ihrer verehrten Fräulein Tochter mit allen meinen Kräften nützlich zu machen, entgegnete Sarah, sich gegen Beide verneigend. 5 10 15 20 25 30 35 142 Die alte spanische UrkUnDe Darauf reichten Mutter und Tochter der Gouvernante die Hand, und Armand trat mit den Worten zu ihnen: Und ich wünsche Ihnen Allen Glück und besten Erfolg zu Ihrer Vereinbarung, die ja nur zu allseitiger Zufriedenstellung führen kann, weil ausschließlich Ihr durchaus freier Wille Sie zusammenführt und nur dieser Sie an einander fesselt. Fräulein Black wird gewiß Ihre Liebenswürdigkeit, meine Damen, hoch zu schätzen wissen, und Sie werden deren Anerkennung für Ihre Güte und Freundlichkeit in ihrem Bestreben, sich Ihnen dienlich und angenehm zu machen, nicht übersehen. Madame Monteno und ihre Tochter verneigten sich beide etwas befangen; doch erstere warf die Verlegenheit schnell ab, ergriff Sarah’s Hand und sagte: Nun kommen Sie herein, Fräulein, und betrachten Sie Sich hier zu Hause. – Dabei führte sie dieselbe in den Empfangssaal; Cleopatra ging schweigend an ihrer Seite, und Armand folgte mit Herrn Monteno im Gespräche nach. Armand gab der Unterhaltung einen freieren, ungezwungeneren Ton, um das erste Fremde unter den neuen Bekannten zu verdrängen, Sarah sprach liebevoll zu Cleopatra, und Madame Monteno unterhielt sich in der heitersten Weise mit Armand, wenn sie auch von Zeit zu Zeit mit zuckenden Brauen einen aufflammenden Blick auf ihren Gatten warf. Nun wollen wir aber die Herren allein lassen und unsere liebe Freundin in ihre Zimmer führen, wo ihre Sachen bereits hingebracht sind, sagte Madame Monteno sich erhebend, grüßte Armand freundlich auf Wiedersehen und schritt nun, tief aufathmend, als ob sie sich eines Zwanges entledigt fühlte, den beiden Jungfrauen voran aus dem Saale. Wirklich eine sehr feine, angenehme junge Dame, hub Monteno jetzt an. Und hoch gebildet, bemerkte Armand; sie wird in jeder Weise von sehr vortheilhaftem Einfluß auf Ihre Fräulein Tochter sein. Ich hoffe, Madame Monteno wird ihren Werth erkennen und ihr Benehmen gegen sie damit in Einklang bringen. Monteno warf einen scheuen Blick nach der Thür, zuckte mit den Schultern und sagte, sich zu Armand hinneigend, mit leiser Stimme: Hoffentlich, lieber Herr Doctor. Sie kennen aber meine 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • FünFZehntes kapitel] 143 Frau, sie hat ein unangenehmes Temperament und kann oft ihre Heftigkeit nicht bemeistern. Ich schweige immer still, bis der Sturm vorüber ist. Diese junge Dame aber, fürchte ich, wird sich nicht leicht an ihre Eigenheiten gewöhnen. Ich hoffe doch, entgegnete Armand; ich hielt es für rathsam, ihr dieserhalb einige Winke zu geben, und ich denke, Madame Monteno wird doch die feine, edle Persönlichkeit des Fräuleins einiger Maßen berücksichtigen. Ich will es sehr wünschen, bemerkte Monteno, wieder ungläubig die Achseln zuckend. Wenn meine Frau Rücksichten kännte, so hätte sie wohl Ursache, solche gegen mich zu nehmen; wenn aber der böse Geist in ihr aufsteigt, dann macht er sich nach irgend einer Richtung hin Luft, und wenn unser Aller Leben auf dem Spiele stände. Armand blieb zum Mittagessen, bei welchem Sarah zwischen ihm und Cleopatra saß und er Alles aufbot, um die Stimmung möglichst zu erheitern. Außer wiederholten scharfen Bemerkungen gegen Herrn Monteno bewahrte dessen Gattin während des Tafelns, wenn auch sichtbarlich mit großer Ueberwindung, einen freundlichen, heiteren Ton, bis plötzlich zu Ende des Nachtisches ein Diener meldete, daß das Clavier aus der Stadt angekommen sei. Das hätte ich vorhersagen wollen, daß mein Herr Gemahl den allerunpassendsten Augenblick für das Eintreffen des Instrumentes wählen würde; sagte sie mit frei gelassener Stimme und einem wild funkelnden Blicke auf Monteno, nun sei auch so gut und entziehe uns deine angenehme Gesellschaft, um für das Hinaufbringen des Claviers zu sorgen. Es wird in die Stube neben dem Wohnzimmer des Fräuleins gesetzt, in welcher alle Stunden gehalten werden sollen. Sarah sah Armand fragend an, als bäte sie ihn um seinen Rath, ob sie sich in die Angelegenheit mischen solle; er aber gab ihr ein verneinendes Zeichen und sagte: Ich werde Sie begleiten, lieber Herr Monteno, das Geschäft soll schnell abgemacht sein, denn ich bin selbst sehr dabei interessirt, daß das Instrument glücklich hinaufkommt. Madame Monteno wollte ihn zurückhalten, er aber sprang auf und folgte dem alten Herrn schnell aus dem Saale. 5 10 15 20 25 30 35 144 Die alte spanische UrkUnDe Bald war das Pianino in der bestimmten Stube im oberen Stock aufgestellt, und als Monteno und Armand zu den Damen zurückkehrten, hatten dieselben sich unter die Veranda über dem Flusse begeben, um dort den Kaffee einzunehmen. Madame Monteno empfing sie mit überraschender Heiterkeit. Wie soll ich es Ihnen danken, Herr Doctor, daß Sie meinem lieben Monteno so gütig bei der Arbeit geholfen und das Opfer gebracht haben, die Seite Ihrer liebenswürdigen Nachbarin zu verlassen? Dafür wird Fräulein Black Sie aber auch sicher belohnen und uns später ihr schönstes Stück vorspielen. Jetzt aber sollen Sie Sich erst bei uns erholen und mit einer Tasse Kaffee und einer Cigarre erfreut werden; mein lieber Mann wird Ihnen seine schlechteste gewiß nicht geben. – Dabei warf sie Monteno einen liebreichen Wink zu, die Cigarren zu reichen und wandte sich dann mit den Worten halb zu ihrer Tochter: Und meine Cleopatra wird Ihnen Feuer geben, Herr Doctor, wenn Ihnen dann die Cigarre nicht schmeckt, so ist es nicht meine Schuld. Auch Ihre eigene Liebenswürdigkeit, Madame Monteno, erhöht mir den Genuss noch sehr, antwortete Armand in gleichem scherzendem Tone und fuhr, von Herrn Monteno eine Cigarre empfangend, fort: Ich muß aber einen Uebelstand berichten, der uns einen hohen Genuß heute versagt: das Clavier ist nämlich so sehr verstimmt, daß es eine Unmöglichkeit ist, darauf zu spielen; wenn nur Jemand in der Stadt zu finden ist, der es stimmen kann. Das werde ich selbst können, sagte Sarah freundlich, doch es wird geraume Zeit in Anspruch nehmen, wenn das Instrument sich wirklich, wie Sie sagen, in so böser Verfassung befindet. An Musicalien für Fräulein Cleopatra wird es aber wohl auch noch mangeln, bemerkte Armand und erbot sich, nach Sarah’s Angabe, solche von New-Orleans kommen zu lassen. Eine Clavierschule und Noten zu Uebungen für Anfänger habe ich mitgebracht, bemerkte Sarah, und Herr Monteno übernahm es freudig, alle von Fräulein Black gewünschten Noten sofort in New-Orleans zu bestellen. Der Abend kam und Armand bat Herrn Monteno, sein Cabriolet vorfahren zu lassen, weil er vor einbrechender Nacht zu Hause 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • FünFZehntes kapitel] 145 sein müßte. Sarah schaute ihn traurig an, doch sein Blick begegnete ihr aufmunternd, indem er sagte: Nun, in den nächsten Tagen, Fräulein Black, hoffe ich auf die Freude, Sie wiederzusehen und dann auch vielleicht, Sie spielen zu hören. Wenn mein Spiel Ihnen Freude gewähren kann, verehrter Herr Doctor, so verschaffe ich Ihnen dieselbe gern gegen die für mich viel größere, Sie recht bald wiederzusehen, antwortete Sarah mit einem wehmüthigen Lächeln. Alle hatten sich erhoben und wandelten unter der Veranda hin um das Haus nach dessen Eingang, wo der Wagen Armand’s seiner harrte. Als sie nun auf der Westseite des Gebäudes angelangt waren, befand sich die sinkende Sonne gerade hinter Armand’s verlassener Burg, so daß diese wie eine schwarze Silhouette auf goldenem Grunde über der nahen Landschaft emporragte. Sieh’ da, wie schön Ihre Burg dort, Herr Doctor, sagte Sarah stehen bleibend; doch hiermit verstummte sie plötzlich, denn ihr Blick fiel auf ihren Freund Patrick, welcher an der Einzäunung hinschritt und nach ihr herüberschaute. Gleich aber, nachdem er ihrem Blicke begegnet war, wandte er sein Gesicht ab und folgte schnellen Schrittes dem Fußpfade, welcher an dem Ufer der Leone hin lag und nach der Ruine führte. Sehen Sie, Fräulein Black, hub Armand nach einer Weile an, der Fußsteig, auf welchem der Mann dort geht, war der erste von weißen Menschen gemachte Weg in diesem Lande; ich habe die ersten Spuren davon mit meinen Pferden und Maulthieren erzeugt, wenn ich nach der drei Tagereisen von mir entfernten nächsten Ansiedelung ritt. Er hat sich erhalten, dient jetzt aber nur noch den Spazirgängern nach meiner alten Ritterburg, wie Sie dieselbe nennen. Sie müssen auch bald einmal hinaufgehen, es ist eine sehr angenehme Promenade an dem Ufer der schäumenden Leone, und von der Ruine aus hat man eine reizende Aussicht. Man geht ja von hier in zehn Minuten ganz bequem hin. Ich freue mich recht sehr darauf, entgegnete Sarah beruhigt, denn Armand hatte den Mann nicht erkannt und jetzt war derselbe schon ziemlich weit entfernt. 5 10 15 20 25 30 35 146 Die alte spanische UrkUnDe Ehe Sarah aber mit den Anderen die Vorderseite des Hauses erreichte, sah sie wieder nach Patrick hin und bemerkte, daß er auf demselben Wege langsam wieder zurückging. Er hat mich gewiß hieher fahren sehen und will sich jetzt überzeugen, ob ich hier zurückbleibe, dachte sie und schritt mit Herrn Monteno an ihrer Seite bis an die hohe Treppe vor dem Hause, wo Armand freundlich von Allen Abschied nahm und Sarah mit einem trostvollen Blick die Hand drückte. Dann bestieg er sein Cabriolet und fuhr davon, und seitwärts außerhalb des Parkes ging Patrick an dem Eisengitter hin der Stadt zu. Sarah richtete sich hoch auf, hob ihr Batisttuch wiederholt vor ihr Antlitz und ließ es wieder sinken. Der treue Freund wußte nun, wo er sie zu suchen, zu bewachen hatte! Madame Monteno schien sich vorgenommen zu haben, einen etwaigen, von Armand an Fräulein Black abgestatteten Bericht über sie Lügen zu strafen, denn sie überbot sich in Freundlichkeit gegen ihren Gatten so wie gegen Cleopatra, namentlich aber war sie während des ganzen Abends gegen Sarah die Herzlichkeit und Güte selbst. So sehr diese nun auch fühlte, daß Madame Monteno an Bildung unter ihr stand, so that ihr doch deren unerwartet freundliches Benehmen so außerordentlich wohl, daß sie alle Warnungen und Lehren Armand’s vergaß und der Frau, als ihr dieselbe eine recht angenehme, recht erfrischende Nachtruhe wünschte, die Hand küßte und sagte: Ihre große Freundlichkeit und Güte macht mich sehr glücklich, Madame Monteno, und Sie mögen fest darauf rechnen, daß ich Ihnen meine Dankbarkeit durch unermüdliches Bestreben, alle Ihre Wünsche zu erfüllen, an den Tag legen werde. Auch von Cleopatra schied sie mit Herzlichkeit und bat um ihr Vertrauen und ihre Freundschaft, und als sie dann ihr Zimmer erreichte, welches ihr nun für ungewisse Zeit ein Asyl werden sollte, breitete sie ihre Arme mit zum Himmel flehender Bitte aus, daß es ein schützendes, ein Ruhe gewährendes sein möge. Sie hatte die Thür verschlossen, hatte aus ihrem Koffer und Reisesack, welche in ihrem Schlafgemach standen, das Nöthige für 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • sechZehntes kapitel] 147 ihre Nachttoilette hervorgenommen und ihr schwarzes seidenes Kleid abgelegt und in den Schrank gehängt, da löste sie den Gürtel, an welchem sie das alte spanische Document, den Urheber ihres ganzen Unglückes, um die Hüften geschnallt trug, hielt es in beiden Händen bebend vor sich hin und schaute mit thränenschwerem Blick auf dasselbe nieder. O, hätte sie es doch niemals gesehen, hätte es sie doch niemals verführt, den stillen Frieden ihrer Heimath zu verlassen und ein höheres Glück in einer fremden Welt zu suchen, könnte sie es doch werthlos machen und durch seine Vernichtung ihren Bruder, ihren geliebten Robert, wieder in das Leben rufen! Schmerzlich und mit einem Blicke nach oben schüttelte Sarah ihr schönes Haupt, legte das unheilvolle Pergament in den Koffer und trat dann an das Fenster in ihrem Wohnzimmer, durch welches der neue Mond so mild, so traut zu ihr hereinsah, als wolle er ihr Trost und Frieden geben. Unwillkürlich faltete sie ihre Hände auf ihrem Herzen und schaute nach dem lieben, bleichen Freunde hinauf, der ihr ja schon einmal in höchster Noth, als sie auf dem Schiffe über der Kohlengluth verzweifeln wollte, Muth und Hoffnung eingeflößt hatte. Er stand über der verlassenen Burg und warf sein Licht auf sie hinab, so daß Sarah’s Blick dieselbe erkennen und an die für sie so glückliche Fügung denken mußte, die sie zu Armand geführt hatte. Dieser war ihr ja gewiß ein ehrlicher Freund, eine Stütze, auch wenn es bekannt werden sollte, daß sie die Sarah Walton, die Erbin von Mendoza, war; denn er hatte es ihr ja selbst gesagt, daß er wünsche, sie möchte zu ihm kommen, er wollte sie gegen die ganze Stadt Mobile vertheidigen. Und die Burg dort lag so nahe und doch so einsam, so aus aller Leute Wege; dort konnte sie ja unbemerkt mit ihrem treuen Freunde Patrick zusammenkommen, um ihm ihr Herz auszuschütten – war er ja doch der Einzige, dem sie Alles klagen konnte, was ihre Seele drückte! Wie lieb war es ihr, daß man ihr ihre Wohnung gerade an dieser Seite des Hauses, wo sie die Burg sehen konnte, angewiesen hatte, und wie freute es sie, daß ihre Zimmer sich im oberen Stocke befanden und nicht unten, wo das Dach der Veranda den lieben Mond ihrem Blicke entzogen haben würde. 5 10 15 20 25 30 35 148 Die alte spanische UrkUnDe Es war schön hier in dem Fenster; die kühle Nachtluft umfächelte Sarah’s Wangen süß und erfrischend, unten im Garten flötete ein Cardinal bei dem Neste seines Liebchens sein melancholisches Lied, und auf der himmelhohen Cypresse an dem Ufer des Flusses schmetterte ein lustiger Spottvogel seine fröhlichen Weisen in die stille Nacht hinaus, während das monotone Brausen der wilden Leone des Mädchens Ohr wie Schlafgesang umspielte. Sarah fühlte sich mehr und mehr beruhigt, sie mochte das Fenster gar nicht verlassen, und als sie endlich dasselbe schloß und sich zur Ruhe begeben wollte, fiel ihr ein, daß ja im nächsten Zimmer das Pianino stände. Sie mußte es sehen – sollte es ihr doch auch ein lieber, trauter Freund werden, dem sie all ihr Leid, all ihr Weh klagen könne! Die Thür dahin war nicht verschlossen; Sarah öffnete sie und schritt mit dem Lichte in der Hand leise hinein. Da stand das äu- ßerlich sehr schöne Instrument – was mochte es wohl für einen Ton haben? Sarah öffnete es, stellte das Licht nieder und griff in die Tasten. Ein mächtiger, ganz reiner Accord klang ihr entgegen. Erstaunt schlug sie noch einige an, doch kein Mißton ließ sich hören; voll und melodisch quollen die gewaltigen Klänge unter dem leichten Drukke ihrer fein geformten, schneeicht weißen Finger ihr entgegen. Sonderbar! – Armand hatte doch gesagt, es sei so sehr verstimmt, daß man unmöglich darauf spielen könne! Er hatte es gewiß ihr zu Liebe gethan, weil er wußte, daß sie selbst sich nicht in der Stimmung dazu befand, dachte Sarah mit innigem Dankgefühl. Er war so freundlich, so theilnehmend gegen sie, und sicher konnte sie immer auf seinen Beistand, auf seine Hülfe bauen! Noch einmal ließ sie ihre Finger über die Tasten gleiten, als wolle sie mit den lieblichen, sanften Tönen ihr Leid, ihre Unruhe beschwichtigen; dann schloß sie das Instrument und ging mit dem tröstenden Gedanken, daß zwei Freunde ihr nahe wären, zur Ruhe. Am folgenden Morgen gleich nach dem Frühstück sollte nun Sarah mit ihrem Unterricht bei Cleopatra, und zwar mit dem im Clavierspielen, beginnen. Ich hörte Sie schon sehr früh spielen, sagte Madame Monteno zu ihr. Sie haben das Instrument wohl in Ordnung gebracht? 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • sechZehntes kapitel] 149 Es ist in vollkommen guter Stimmung, antwortete Sarah, indem sie mit der Frau und deren Tochter in das Lehrzimmer schritt und das Pianino öffnete. Nun spielen Sie uns einmal einige Stücke, damit wir eines für Cleopatra davon auswählen können, hub Madame Monteno wieder an und ließ sich im Sopha nieder, während ihre Tochter sich an das offene Fenster setzte. Sehr gern, antwortete Sarah, indem sie vor dem Instrumente Platz nahm; Fräulein Cleopatra muß aber erst die Anfangsgründe lernen, ehe sie beginnen kann, Stücke zu spielen. Dann griff sie einige Accorde und ließ ihre schlanken Finger in glockenreinen Läufen hin und her über die Tasten wandern, als besinne sie sich, was sie eigentlich spielen solle; denn mit der Persönlichkeit dieser beiden Damen harmonirte das Gefühl nicht, welches ihre Seele bewegte, und so konnte sie es auch nicht frei aus sich selbst in Tönen aussprechen; sie mußte etwas Auswendiggelerntes vortragen, und ging nun zu einer prächtigen Sonate über. Mit meisterhafter Betonung und Fertigkeit hatte sie das Allegro beendet und begann mit dem tiefgefühlvollen Adagio, als Madame Monteno die Ungeduld, welche sie während des Zuhörens immer mehr ergriffen hatte, nicht länger bemeistern konnte und zu Sarah an das Clavier trat, indem sie sagte: Das ist kein schönes Stück, liebes Kind – können Sie den Yankee-Doodle nicht spielen? Sarah ließ, wie von einem kalten Regenwinde angehaucht, die Hände in den Schooß sinken und sah die Frau verdutzt an. Als dieselbe aber nochmals wiederholte: »den Yankee-Doodle«, entgegnete sie kurz: Nein, Madame Monteno, den spiele ich nicht. Aber, liebes Fräulein, Sie, eine Americanerin, spielen den Yankee-Doodle nicht, den jedes Kind in der Wiege schon kennt? Nun, ich muß gestehen, das geht über meinen Horizont – das schönste Stück, das jemals gespielt ist! Ich meine, ich hätte gehört, es wäre Dudelmusik, wonach die Neger tanzten, versetzte Sarah unwillig. Dudelmusik sagen Sie, Fräulein Black! rief Madame Monteno jetzt mit losbrechendem Zorne. Aus welchem Heidenlande sind 5 10 15 20 25 30 35 150 Die alte spanische UrkUnDe Sie denn herübergekommen? – Eine Americanerin sind Sie wahrhaftig nicht! Sarah erschrak, sah, bleich werdend, vor sich nieder, und es trat eine Pause ein, während deren die Heftigkeit der Frau etwas verwehte, denn sie erkannte in Sarah’s Verlegenheit deren Scham über ihr Nichtbekanntsein mit dem herrlichen Stücke, und so sagte sie nach einer Weile beruhigend: Nun, geben Sie Sich zufrieden, Fräulein, ich lasse Ihnen den Yankee-Doodle sogleich von Orleans kommen. – Dabei klopfte sie Sarah auf die Schulter und fuhr fort: Spielen Sie denn auch keine Cotillons (Francaisen)? O jawohl, die spiele ich! entgegnete Sarah, froh darüber, daß sie der Frau doch etwas nach Wunsch thun könne, und stimmte nun schnell eine lustige Francaise an. Ja, das lasse ich mir gelten, das ist schön, sagte Madame Monteno, als Sarah den Tanz beendet hatte. Spielen Sie noch andere? Ja, noch viele, antwortete Sarah schnell und begann sogleich wieder einen solchen Tanz. Dieser Cotillon ist aber ausgezeichnet, den will ich lernen, rief Cleopatra jetzt entzückt aus. Nicht wahr, Fräulein Black, den lehren Sie mich? Gern, sehr gern, antwortete Sarah, immer darauf losspielend, als wenn danach getanzt würde. Prächtig! rief Madame Monteno in höchster Heiterkeit und warf sich in den Busen, als ob sie selbst zum Tanze antreten wollte. Ersten Tages werde ich eine Soirée geben, und da sollen Sie uns diese Cotillons spielen! Ich bin Herrn Doctor Armand sehr dankbar dafür, daß er uns eine so ausgezeichnete Spielerin empfohlen hat! Nun aber lehren Sie meine Tochter den Cotillon, damit sie ihn recht bald eben so schön spielen kann wie Sie. – Bei diesen Worten winkte die Frau der Gouvernante einen wohlgefälligen Gruß zu und verließ das Zimmer. Der Tag neigte sich; Sarah hatte sich Vormittags und auch Nachmittags mehrere Stunden lang abgemüht, um Cleopatra das Fingersetzen auf den Tasten beizubringen und ihr diese zu benamen, und zwar mit der für sie traurigen Ueberzeugung, daß dieselbe weder eine Spur von natürlicher Begabung, noch aber wirkliche 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • sechZehntes kapitel] 151 Neigung für Musik besitze. Es war nur Eitelkeit, die den Wunsch in dem Mädchen anfachte, Clavier spielen zu können, weil sie damit glänzen wollte, während sie gar keine Ahnung davon hatte, daß Musik etwas Anderes, etwas Höheres sei als eine mechanische Fingerfertigkeit. Was aber die wissenschaftliche Ausbildung Cleopatra’s anbelangte, so hatte Sarah während ihres Zusammenseins mit ihr leider bald erkannt, daß noch viel weniger Aussicht vorhanden war, etwas zu erzielen, denn hiefür mangelte es an jedem Beweggrunde, der Cleopatra zum Lernen hätte antreiben können. Sie hatte gemeint: »Ob ich das weiß oder nicht, – es fällt mir gar nicht ein, so langweilige Sachen auswendig zu lernen – wozu denn?« In der Hoffnung, sich dem Mädchen recht nützlich zu machen und es über die niedrige Stufe der Bildung, auf welcher es stand, zu erheben, hatte Sarah für den ihr widrigen Umgang mit Madame Monteno eine Entschädigung, einen Trost erblickt; ohne diese Aussicht aber sank ihre Stellung zu der einer gewöhnlichen Dienerin herab, die für das Brod, welches sie aß, nichts leistete. Wie gern hätte sie Madame Monteno geradezu erklärt, daß sie ihr nichts nützen könne, daß sie nicht zu ihr passe und daß sie ihr Haus wieder verlassen wolle, aber – wohin dann? Konnte sie Armand wieder lästig werden und war es dankbar, wenn sie die Stelle, welche er ihr verschafft, ohne eine besondere Veranlassung wieder aufgab, zumal da er ihr die Verhältnisse, die sie gefunden, vorher wahr geschildert hatte? Und hier lebte sie mehr ungesehen, unbekannt, als in der Stadt, wo man sie vielleicht von Mobile aus suchte, wo Meuchelmörder ihrer harrten. Nein, nein – sie mußte hier bleiben, sie mußte das Schicksal tragen, welches ihr auferlegt war, bis Gott sich ihrer erbarmen und sie daraus erlösen würde. Die Sonne war zwischen goldig glühenden Wolken hinter der Burg versunken, und Sarah schaute, tief in Gedanken verloren, aus ihrem Fenster nach der Ruine hinüber, die sich dunkel von dem feurig rothen Abendhimmel erhob. Das Glück, welches Armand dort allein und weit von den Menschen, vor denen er hieher in die Wildniß geflohen war, gefunden hatte, trat jetzt klar vor ihre Seele, und mit Sehnsucht nach so vollständig abgeschlossener Einsam- 5 10 15 20 25 30 35 152 Die alte spanische UrkUnDe keit träumte sie sich in jene Mauern und in die Zeiten, wo sie kein Verfolger, kein Meuchelmörder dort hätte suchen können. Ihr Unglück drückte sie nieder; flüchtig, unter fremdem Namen mußte sie sich verbergen, mußte sie sich einem täglichen Umgange mit tief unter ihr stehenden Leuten unterziehen und mußte von ihnen ein Gnadenbrod annehmen! O, hätte sie ihr theures Vaterland, ihr geliebtes Irland, doch nie verlassen! Sie wankte nach dem Clavier, sank vor demselben auf den Sessel nieder und stimmte das irische Heimweh »Irland ist mein Vaterland« mit aller Sehnsucht ihrer Seele, mit aller Macht ihrer wundervoll melodischen Stimme an. In diesem Augenblicke hatte Armand, welcher aus der Stadt kam und auf seinem Heimwege sich nach dem Befinden seiner Schutzbefohlenen erkundigen wollte, in dem Park sein Pferd einem Neger zum Halten übergeben, als er Sarah’s Zaubertöne durch das Fenster in die Abendluft hinausfluten hörte. Nur einen Augenblick blieb er lauschend stehen, dann wußte er, von welchen Lippen die Wunderklänge ertönten, rasch schritt er an der Einzäunung des Gartens hin bis gegenüber den Fenstern von Sarah’s Zimmern und blieb dort in Ueberraschung und Bewunderung gefesselt stehen. »Irland ist mein Vaterland!« wogte es wieder mit so überflutendem Gefühl, mit so tiefem Schmerz und Weh aus dem Fenster hervor, als wolle die Sängerin unter Thränen ihre Seele verhauchen und nach ihrer Heimath, nach Irland, hinüberziehen lassen. Von dem geheimnißvollen Leid des Mädchens tief ergriffen, eilte Armand in das Haus und die Treppe hinan nach dem Zimmer, wohin er das Instrument hatte befördern lassen, doch in dem Gange trat ihm Madame Monteno aus einer anderen Thür entgegen und sagte freudig überrascht: Ei, ei, willkommen, Herr Doctor! Sie wollen wohl auch Fräulein Black singen hören? Ich wußte so eben gar nicht, was ich vernahm – sie singt ja, daß es durch das ganze Haus schallt. Aber denken Sie Sich, daß sie den Yankee-Doodle nicht einmal spielen kann, sie meinte, sie hätte gehört, daß es Dudelmusik wäre, wonach die Neger tanzten; sie ist wahrhaftig keine Americanerin! Nun, da hatte sie nicht Unrecht, ich halte es nicht für ein Compliment, welches die Americaner sich machen, daß sie einen 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • sechZehntes kapitel] 153 solchen Bärentanz ihre beste Nationalmusik nennen. Doch still – hören Sie nur, wie wundervoll sie singt! sagte Armand und schritt an Sarah’s Thür, als mit der letzten Strophe »Irland ist mein Vaterland« ihre Stimme erstarb und schwere, melancholische Accorde ihr nachwogten. Leise öffnete Armand die Thür und trat in das Zimmer; da saß Sarah gesenkten Hauptes mit erschlaffenden Händen vor dem Instrument und ließ dem letzten Accord einen Seufzer aus tiefster Brust nachbeben. In diesem Augenblicke berührte das Rauschen von Madame Monteno’s Seidengewand ihr Ohr, sie fuhr erschrocken auf, sah sich um und begegnete dem Blicke Armand’s, welcher nahe hinter ihr stand. Ein schmerzliches Lächeln trat auf ihre Züge, sie wischte die Thräne hinweg, die unter ihren langen Wimpern glänzte und sagte verlegen: Ach, Herr Doctor, Sie haben mich belauscht? Einem glücklichen Zufalle verdanke ich den hohen Genuß, den mir Ihr reizender Gesang gewährt hat, antwortete Armand, ich kannte das Lied schon früher, doch Sie haben es mit einem so tiefen, seelenvollen Gefühl gesungen, daß eine wirkliche Irländerin nicht im Stande sein würde, mehr Wahrheit und Sehnsucht hineinzulegen. Sarah wich seinem Blicke aus, wandte sich nach dem Pianino um und schloß dasselbe, um einige Augenblicke zu ihrer Fassung zu gewinnen, denn es war ihr, als müsse Armand auf ihren Zügen lesen, daß sie eine wirkliche Irländerin sei. Nun kommen Sie herunter, Herr Doctor, und essen Sie mit uns zu Nacht, Cleopatra wird sich außerordentlich darüber freuen, hub Madame Monteno jetzt an, mein Mann ist schon vor Tisch mit der Post nach Round-top house gefahren und wird erst gegen Morgen zurückkehren, Sie wissen, es ist die erste Poststation und man fährt zwei Stunden. Er sagte, wie gewöhnlich, es riefen ihn Geschäfte hin, es ist aber eine Spielbank, welche dort gehalten wird und ihn hinzieht und welcher er wieder Gott weiß welche Summe bringen wird! O, der gewissenlose Mann, er richtet mich noch zu Grunde! Kommen Sie, kommen Sie, Herr Doctor! Armand wandte sich mit einer Verbeugung nach Sarah und sagte: Ich folge Ihnen, Fräulein, worauf es wie Blitz über das schon 5 10 15 20 25 30 35 154 Die alte spanische UrkUnDe geröthete Gesicht der Madame Monteno fuhr und sie, die erweiterte Nase in die Höhe werfend, rasch vor Sarah trat und das Zimmer verließ, während Armand mit dieser ihr folgte. Einige Wochen waren verstrichen, und Sarah, obgleich sie von Madame Monteno so wie auch von Cleopatra nicht sehr freundlich behandelt wurde, hatte sich doch mehr in ihre traurige Lage gefunden und suchte jede Gelegenheit auf, um sich Beiden angenehm und nützlich zu machen. Sie hatte schon einige Male bei großen Abendgesellschaften unermüdlich bis spät in die Nacht zum Tanze gespielt, sie hatte für die beiden Damen Putz und namentlich künstliche Blumen auf deren Hüte gemacht, sie wusch und reparirte deren Handschuhe und brachte von ihren Spaziergängen stets die herrlichsten Blumen mit nach Hause, welche sie dann zu geschmackvollen Sträußen ordnete und in Vasen vor die Spiegel und auf die Kaminsimse stellte. Sie war auch schon zu verschiedenen Malen mit ihrem Freunde Patrick in der Burg zusammengetroffen, wobei sie ihm ihr Leid geklagt und er ihr Muth und Trost zum Tragen ihres Geschickes eingesprochen hatte. Er war ja auch eine große Stütze, ein treuer Wächter über ihre Sicherheit, denn er war schon allenthalben in der Stadt bekannt, nahm bald hier, bald dort Arbeit an und wurde namentlich in dem Gasthause bei Herrn Pope viel beschäftigt, wodurch er Gelegenheit hatte, alle ankommenden Fremden zu beobachten. Er hatte mit Sarah die Verabredung getroffen, daß er, wenn er sie dringend zu sprechen habe, auf den vordersten Thurm der Burg einen hohen grünen Busch aufstecken wolle, welchen Sarah ganz leicht mit ihrem kleinen Fernglas erkennen und dann Abends ihren Spazirgang dorthin lenken konnte. Eines Morgens war Patrick in dem Hofe des Gasthauses an der Arbeit, Holz klein zu machen, als der Hausneger zwei Pferde von so eben angekommenen Reisenden an ihm vorüber nach dem Stalle führte. Wem gehören die Pferde, Dick? fragte Patrick den Neger. Weiß nicht, Herr, antwortete derselbe, es sind Fremde, welche ich früher nie gesehen habe. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • sieBZehntes kapitel] 155 Dabei führte der Schwarze die Thiere in den Stall und Patrick stellte einen Holzklotz vor sich auf und schlug die gewichtige Axt tief in denselben hinein. Sie hatte sich in das Holz festgeklemmt und der Matrose bemühte sich, sie wieder zu befreien, als Jemand hinter ihm sich ihm genaht hatte und er, über seine Axt gebeugt, seitwärts aufblickte. – Er sah dem Wirth Carthorn aus Mobile, bei welchem er mit Waltons gewohnt hatte, in die Augen. Beide stierten einander an, Patrick mit einem Ausdruck höchsten Entsetzens, Carthorn mit Ueberraschung, doch triumphirend boshaftem Aufleuchten seiner Augen. Es war aber nur für einen Moment, daß der Wirth seinen Blick auf den wohlerkannten Matrosen heftete, dann wandte er sich anscheinend vollständig gleichgültig um und sagte zu einem zweiten, ihm folgenden Manne, von wüstem, unheimlichem Aussehen: Unsere Gäule sind bereits im Stalle, wir wollen nur dem Kerl sagen, daß er ihnen vor der ersten Stunde noch keinen Mais gibt. Beide gingen nun vorüber in den Stall, gaben dort dem Neger ihre Befehle und schritten dann wieder an Patrick vorbei nach dem Hause zurück, anscheinend ohne ihn zu bemerken. Er aber war vor Schrecken eiskalt geworden, seine Hände bebten an dem Axtstiel, und der Gedanke an Sarah wollte ihm die Brust zusammenschnüren, denn Carthorn war ja der Mann gewesen, welcher den Aufruhr gegen Waltons hervorgerufen und den man in New-Orleans den Mörder Robert’s genannt hatte. Patrick war so sehr bestürzt, daß er für den Augenblick nicht wußte, was er thun sollte, nur der eine Gedanke stand ihm fest vor der Seele, daß er Sarah schützen müsse, und wenn es sein Leben kosten sollte. Er nahm seine Arbeit wieder auf und begann nun zu überlegen, in welcher Weise er Sarah vor der Gefahr bewahren könne, die ihr in Carthorn drohte. Einmal dachte er, er wolle Pferde kaufen und sofort mit ihr fliehen; aber dadurch konnte er ja den Wirth erst recht auf ihre Spur bringen. Dann wollte er gleich nach der Burg eilen und dort einen Busch aufstecken, um ihr Abends die Ankunft des Feindes mitzutheilen; warum aber sollte er sie in Angst und Schrecken setzen? Nützen konnte er ihr ja nicht dadurch. Nein, er wollte ihr nichts davon sagen, er wollte Carthorn im Stillen beobachten und erst dann, wenn derselbe das Hiersein Sarah’s 5 10 15 20 25 30 35 156 Die alte spanische UrkUnDe ausgefunden haben würde, wollte er diese davon benachrichtigen und dann sie mit seinem eigenen Leben bewahren und beschützen. Es wußte ja Niemand hier in der Gegend, außer Doctor Armand, daß er mit einer jungen Dame in dieses Land gekommen war, und Niemand hatte eine Ahnung davon, daß er jetzt mit einer solchen in Beziehung stand. Patrick arbeitete fleißig weiter, so daß er, als die Mittagsglocke in dem Gasthaus ertönte, das Holz klein gemacht und in den dazu bestimmten Schuppen gebracht hatte. Dann ging er fort, um Carthorn aufzusuchen und ihm auf Schritt und Tritt zu folgen. Er fand ihn auch bald unter der Veranda vor einem Trinkhause mit seinem Gefährten und vielen anderen Männern in lebhafter Unterhaltung, vermied es aber mit großer Vorsicht, selbst von ihm gesehen zu werden. Drei Tage lang war er dem Feinde, sobald derselbe das Gasthaus verließ, fortwährend gefolgt, dessen Wege hatten aber immer nur in der Stadt und namentlich nach den Trinkhäusern gelegen, am dritten Abend jedoch, als die Sonne versunken war, sah ihn Patrick mit seinem Begleiter auf der Straße nach Monteno’s Villa hinauswandern. Mit Schrecken gewahrte er diese Richtung und folgte den Beiden mit größter Behutsamkeit, indem er weit hinter ihnen zurückblieb. Als dieselben sich aber der Villa näherten, bemerkte er, daß Carthorn den Kragen seines Rockes in die Höhe schlug, seinen breitrandigen Hut tief in die Augen drückte und seine Schritte immer mehr mäßigte, bis er mit seinem Gefährten an dem Eisengitter gegenüber von Sarah’s Fenstern stehen blieb und nach dem Hause hinaufschaute. Angst und Bangen erfaßte den Matrosen bei diesem Anblicke, denn nun war es keinem Zweifel mehr unterworfen, daß Carthorn über Sarah Walton’s Aufenthalt dort unterrichtet worden war, und daß seine weite Reise hieher keinen anderen Zweck hatte, als ihr Leben zu gefährden, davon war er ja sicher überzeugt. Er verließ den Busch, in welchem er sich verborgen hatte, und erreichte, von den beiden Männern ungesehen, eine dunkle Baumgruppe hinter denselben, wo er sich durch den mächtigen Stamm einer alten Lebenseiche vor deren Blicken sicherte. Die Männer standen unbeweglich hinter dem Eisengitter, als warteten sie auf irgend etwas - sie warteten gewiß auf das Erschei- 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • sieBZehntes kapitel] 157 nen Sarah’s, dachte Patrick, und seine Angst steigerte sich von Minute zu Minute, denn es war noch immer hell genug, um sie zu erkennen, wenn sie sich zeigen sollte. Seine Befürchtung sollte wahr werden. Sarah trat in das Fenster und schaute, sich an dessen Rahmen anlehnend, nach der Burg hinüber. Ihr Anblick setzte augenscheinlich die beiden Männer in gro- ße Aufregung, denn sie sanken rasch hinter der Einzäunung nieder, um sich vor den Augen des Mädchens zu verbergen, und erst nachdem sie das Fenster wieder verlassen hatte, erhoben sie sich und schlichen eilig an dem Gitter zurück der Stadt zu. Patrick war außer sich – jetzt m u ß t e er Sarah von der Gefahr, die sie bedrohte, in Kenntniß setzen, und zwar morgen Abend in der Burg. Dort wollte er dann mit ihr überlegen, was sie thun sollten, um sich schnellmöglichst aus dem Bereiche der Feinde zu entfernen. Er folgte den beiden Männern in die Stadt und hielt Wache über sie, bis sie sich spät in der Nacht im Gasthause zur Ruhe begeben hatten. Am folgenden Morgen frühzeitig war Patrick schon wieder auf der Lauer. Carthorn und sein Gefährte aber verließen die Stadt nicht; sie gingen nur in verschiedene Kaufmannsläden und in einige Trinkhäuser, knüpften mit Jedermann, der in ihre Nähe kam, Unterhaltung an und kehrten zum Mittagessen in das Gasthaus zurück. Patrick hatte beschlossen, einige Zeit vor Sonnenuntergang sich nach der Burg zu begeben, um dort den Busch auf den Thurm zu stecken, dann aber Sarah entgegen zu gehen, damit ihr auf dem Wege kein Leid angethan werden könne. Es war spät Nachmittags, als Carthorn und sein Begleiter dem Gasthause gegenüber unter der Veranda eines Trinkhauses saßen, Cigarren rauchten und sich mit mehreren Männern aus der Stadt unterhielten. Patrick hatte sie schon eine Zeit lang aus der Ferne beobachtet und wollte sie jetzt, obgleich es noch etwas früh war, ihrer Ruhe überlassen und sich nach der Burg begeben. Mit einem langen, schweren Messer und einem tüchtigen Stokke bewaffnet, schlich er sich hinter dem Gasthause davon und trat seinen Weg nach der Burg an. 5 10 15 20 25 30 35 158 Die alte spanische UrkUnDe Mit dem ersten Grauen dieses Tages war Armand durch den Ruf seines alten Freundes Arnold aus dem Schlafe geweckt worden, und als er schnell an das Fenster sprang und die Jalousie öffnete, sah er den alten Biedermann mit dreien seiner kräftigen Söhne zu Pferde im Jagdanzuge vor seinem Hause halten. Nun, alter Freund, so früh – was gibt’s? fragte Armand und fügte lachend noch hinzu: Es hat sich doch wohl kein grauer Bär aus den Bergen zu uns herunter verirrt? Wenn auch kein grauer, so ist es doch ein mächtiger schwarzer Bursche, der sich bei mir eingefunden und in dieser Nacht mir ein Schwein kaum einige Hundert Schritte von dem Hause todtgebissen hat, antwortete Arnold. Ich habe meine sechs besten Hunde mitgebracht, wollte Sie aber doch fragen, ob Sie mitreiten wollen; wir haben seit einiger Zeit keine Jagd zusammen gemacht. Mit Freuden reite ich mit, erwiederte Armand. Wohin ist denn der Bär gezogen? Ich habe ihn bis in die Leone gespürt; er ist hinüber in den Wald, an dieser Seite des Flusses gibt es ja zu wenig Dickicht für einen Petz, versetzte Arnold. Nun, steigt ab und kommt herein so lange bis ich fertig bin, könnt auch noch eine Tasse Kaffee bei mir trinken! rief Armand, verschwand dann aus dem Fenster und erschien nach wenigen Minuten unter der Veranda, wo er seinen alten Freund und dessen Söhne herzlich begrüßte. Dieselben hatten ihre Pferde außerhalb der Einzäunung an Bäumen befestigt und ein Gleiches mit den zwei und zwei zusammengekoppelten Hunden gethan. Ihre langen Büchsen stellten sie unter die Veranda und traten dann zu Armand in dessen Wohnsaal, wo sie Platz nahmen, während dieser sich rüstete und Milly nach der Küche gesprungen war, um schnell das Frühstück bereit zu machen. Müssen Sie denn erst Kaffee trinken? fragte Arnold scherzend. Ich weiß die Zeit, wo wir manchmal in einem halben Jahre keine Bohne davon zu sehen kriegten! Man muß es immer so gut nehmen, wie man es kriegen kann, antwortete Armand. Ihre Frau hat Sie sicher auch nicht ohne Kaffee reiten lassen. Uebrigens ist es gut, wenn wir etwas später losgehen, dann verschwindet der Thau, die Hunde 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • sieBZehntes kapitel] 159 bekommen die Nasen nicht so voll Wasser und können leichter Fährte halten. Der alte Joe muß aber mitgehen, er erspart uns viele Zeit und Arbeit, bemerkte Arnold. Ja, wenn Sie es wünschen, antwortete Armand. Es wird dem guten alten Kerl sauer; er ist schon eilf Jahre alt und hat seine Hauptzähne verloren. Nach außerordentlich kurzer Zeit hatte die Quadrone den Tisch gedeckt, das Frühstück aufgetragen, und Armand ließ sich mit seinen lieben Freunden dabei nieder. Während dieser Zeit hatte Addisson den Schimmel seines Herrn gesattelt und vorgeführt, Milly fütterte schnell den alten Joe, und als dieser dann in das Zimmer zu den Jägern gesprungen kam, liebkosten sie alle den alten Hund und schritten nun nach ihren Pferden hinaus. Die Sonne goß ihre ersten Strahlen über die Gegend, als die Jäger voll Jagdbegeisterung auf dem grünen Ufer der Leone deren Lauf folgten und bald den Platz erreichten, bis wohin Arnold den Bären gespürt hatte. Es befand sich hier eine Furth in dem Flusse, auf welcher die Pferde und Hunde ihren Durst löschten und dann von den Reitern in den hohen Urwald an der anderen Seite der Leone geführt wurden. Arnold’s Söhne leiteten dessen Hunde hinter ihren Pferden her, und Joe allein mußte der Fährte des Bären folgen. Dieser hatte sich aber gegen Erwarten an dem Flusse hinaufgewandt, wo der Wald so dicht wurde, daß man zu Pferde nicht durchkommen konnte. Die Jäger hielten jetzt eine kurze Berathung und beschlossen, durch den Wald, welcher sich nur eine Viertelstunde breit an dem Flusse hinaufzog, in die Prairie hinaus zu reiten und die sechs flüchtigen Hunde ohne Joe den Bären verfolgen zu lassen, weil derselbe sicher an jener Seite und nicht über die Leone nach den Ansiedelungen hervorbrechen würde. Armand ließ seinen Hund nun hinter sein Pferd gehen, die sechs Hunde Arnold’s wurden auf der Bärenfährte gelöst und die Jäger eilten durch den Wald in die Prairie hinaus. Kaum waren sie dort angelangt, als die jubelnden Stimmen der Hunde wie Jagdmusik in dem Riesenwalde ertönten und anzeigten, 5 10 15 20 25 30 35 160 Die alte spanische UrkUnDe daß sie den Bären gefunden hatten und ihn flüchtig verfolgten. Die Jagd ging weiter am Flusse hinauf und die Jäger sprengten in wilder Lust längs des Waldes über die blumenbedeckte Grasflur dahin, um der Jagd immer etwas voran zu bleiben. Von Zeit zu Zeit verweilte das Gebell der Hunde auf Einem Flecke, wurde aber dann um so wüthender, denn der Bär hatte sich gestellt und wehrte seine Verfolger von sich ab, bis er abermals die Flucht ergriff, dann aber die Jagd wieder weiter zog und die Stimmen der Hunde wieder einen jubelnden Ton annahmen. So ging es fort Meile auf Meile an dem Flusse hinauf; der Bär aber, als wisse er, daß draußen schlimmere Feinde als die Hunde seiner harrten, verließ den Wald nicht, sondern wählte seinen Weg durch das undurchdringlichste Dickicht desselben. Wieder blieb die Jagd stehen und das Gebell der Hunde wurde so grimmig, daß der alte Arnold seinen Gefährten zurief: Sie haben ihn auf einem Baume – laßt uns zu ihm gehen! Dabei sprang er von seinem Pferde, die Anderen außer seinem jüngsten Sohne, welcher bei den Rossen blieb, thaten desgleichen, und, der Alte voran, drangen sie in den Wald hinein. Links und rechts wandten sie sich durch das Rankengeflecht und Gestrüpp hindurch, ließen ihren Jagdruf ertönen, um die Hunde noch mehr anzufeuern, und näherten sich dem Baume, auf welchem der Bär Schutz gesucht hatte. Doch noch waren sie viele Hundert Schritte von ihm entfernt, als die Jagd wieder flüchtig weiter ging und die Jäger unverrichteter Sache zu ihren Pferden zurückkehren mußten. Es wurde sehr heiß, die Rosse und die Hunde ermatteten und die Sonne stand im Zenith, als der alte Arnold an einem Nebenarme der Leone sein Pferd anhielt und vorschlug, den Thieren hier eine Rast zu gönnen. Darauf ließ er sein Hifthorn erschallen und rief die Hunde zu sich zurück, die Pferde wurden in das Gras geführt und die Jäger legten sich in den kühlen Schatten der prächtigen Bäume auf das Ufer hin, um sich selbst zu erholen. Wenn der Bär uns keinen Streich spielt und während wir hier liegen nicht wieder am Flusse zurück in den dort dichteren Wald geht, so soll er wohl nicht mehr weit kommen, hub der alte Arnold an. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • sieBZehntes kapitel] 161 Ich glaube, er wird es machen wie wir und sich auch etwas von seiner Promenade erholen; die Hunde werden ihn nicht weit von dem Platze wiederfinden, wo sie ihn verlassen haben, versetzte Armand und fügte lachend hinzu: Er wird wohl zu Mittag speisen und dann seine Siesta halten. Sieh, Rock hat eine Ohrfeige von dem alten Herrn bekommen, sagte Arnold und zeigte auf einen der Hunde, welchem der Bär eine lange Wunde über Backen und Hals geschlagen hatte. Recht gut für ihn, er wird sich künftig besser in Acht nehmen, bemerkte Armand und klopfte dann seinem alten Hunde den Nakken, indem er sagte: Nicht wahr, Joe, du hast auch theures Lehrgeld bezahlen müssen, ehe du deine Haut zu schonen wußtest? Plaudernd und scherzend verging den Jägern die Zeit bis die höchste Mittagshitze vorüber war, dann holten sie ihre Pferde aus dem Gras, sattelten und bestiegen sie und ritten, die Meute wieder mit ihren Jagdrufen anfeuernd, davon. Die Hunde jagten sofort in den Wald hinein, doch erst nach geraumer Zeit ließen sie einzelne Laute hören, ein Zeichen, daß sie die Fährte wieder gefunden hatten, doch des Bären noch nicht ansichtig waren. Jetzt gehört er uns, rief der alte Arnold, sein Pferd in Galop setzend, er ist an der Leone hinaufgezogen und dort theilt sich ja der Wald mit so vielen Armen des Flusses, daß wir allenthalben zu Pferde durchkommen können. Wohl eine halbe Stunde waren die Jäger im Galop den einzelnen Tönen der Hunde gefolgt, als dieselben plötzlich wieder sämmtlich aus vollem Halse anschlugen und die Jagd laut und flüchtig dahin tobte. Der Wald hatte sich in einzelne Streifen getheilt, von denen die Jäger mehrere durchkreuzten, da wurden die Hunde wieder standlaut und im Carrière stoben die Reiter nun über Stock und Stein durch Wiesen, Wald und Wasser nach der Richtung hin, wo die Meute den Bären gestellt hatte. In der Mitte auf einer Waldwiese befand sich ein dichtes, hohes Dornengestrüpp und in demselben fanden die Jäger den Bären, wie er die wüthenden Hunde von sich abzuwehren suchte, doch wenn er auf den einen durch das Gestrüpp zustürzte, so saßen ihm 5 10 15 20 25 30 35 162 Die alte spanische UrkUnDe die anderen schon wieder an dem Rücken, die er dann mit Einem Schlage seiner Tatzen nach hinten von sich scheuchte. Die Jäger sprengten heran und hatten den Kampfplatz umstellt, ehe der Bär sich von den jetzt zufassenden Hunden befreien konnte; sie hatten sämmtlich ihre Büchsen auf das grimmige Thier gerichtet und warteten auf einen Augenblick, wo sie ihm ihre Kugeln zusenden könnten, ohne einen Hund zu gefährden, da stoben diese wieder von einem verzweifelten Angriff des Bären zurück, und in demselben Moment fuhren diesem fünf Kugeln durch den Riesenkörper. Das Thier überschlug sich und im Wiederaufspringen schoß Armand ihm noch eine Kugel durch den Kopf, so daß es nun todt zu Boden sank und die Hunde sämmtlich, Joe nicht ausgenommen, über es herfielen und ihren Grimm durch Hin- und Herzerren an ihm ausließen. Ein Staatsbursche! sagte der alte Arnold aus dem Sattel springend und zu dem Bären tretend. Schade, daß er nicht vor einigen Monaten, als er noch feist war, geschossen wurde, damals hätte er hundert Pfund mehr gewogen, versetzte Armand. Er soll uns dennoch gut schmecken, fuhr der Alte fort und wandte sich dann zu seinen Söhnen mit den Worten: Nun frisch daran, ihr Jungen, zieht ihm das Kleid aus und zerwirkt ihn, damit wir uns auf den Heimweg machen können; vor Sonnenuntergang kommen wir doch nicht nach Hause. Die drei kräftigen Jungen warfen nun Ihre Lederjacken ab, streiften die Hemdärmel an ihren musculösen Armen in die Höhe, zogen die blanken Jagdmesser aus den Scheiden und machten sich schnell über den Bären her. Bald hatten sie das feiste Thier seiner Haut entkleidet, zerwirkten es auf derselben und befestigten dann die einzelnen Theile davon an ihre Sättel, während der alte Arnold das Bärenfell hinter sich über sein Pferd legte. Nun traten die Jäger ihren Heimweg an, doch mit dem schnellen Reiten war es vorbei; denn die drei Pferde der jungen Männer hatten außer diesen ein jedes noch über zweihundert Pfund Fleisch zu tragen. Unser bester und kürzester Weg wird es sein, wenn wir bei Ihrer alten Burg den Wald durchreiten, dort ist ja noch der Fahrweg, den 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • achtZehntes kapitel] 163 Sie selbst ausgehauen haben, als Sie in dem Fort wohnten, und die Furth nahe unterhalb desselben in der Leone ist sehr seicht, sagte der alte Arnold im Dahinreiten zu Armand. Jedenfalls ist es der beste Weg und greift unsere müden Pferde weniger an, als wenn wir in dem hohen Grase an dieser Seite des Waldes bis zu der Straße fortreiten, welche ich von meiner jetzigen Wohnung durch das Holz geführt habe, versetzte Armand, und so zogen sie langsam dahin, bis sie in den gewählten Fahrweg einbogen, welcher nach der alten Burg führte. Sehen Sie, ich habe Recht gehabt, daß wir nicht vor Sonnenuntergang zu Hause sein würden, sagte der alte Arnold, als sie unter dem hohen Laubdache hinritten und die Sonne nur hier und dort von der Seite eine Oeffnung fand, um einen glühenden Lichtstrahl nach den Reitern hindurchblitzen zu lassen. Um diese Zeit hatte Patrick die Burg erreicht, schritt auf dem Fußpfad durch das zerfallene weite Thor in dieselbe hinein, ging aber, ohne sich aufzuhalten, durch den inneren Raum nach der entgegengesetzten hohen Holzwand, in welcher einige der starken Baumstämme, welche sie bildeten, fehlten und eine Oeffnung dadurch entstanden war, groß genug für einen Mann, um bequem hindurch zu schreiten. Durch diese Spalte eilte Patrick hinaus und an dem Hügel hinab, um weiter hin an dem Ufer der Leone, wo sich die Furth in derselben befand, einen Busch zu schneiden; denn auf der Seite nach Montenos zu stand kein Strauchwerk. Bald hatte er einen recht langen, dicht belaubten Ulmenbusch gewählt und schleifte ihn hinter sich her nach dem Fort hinauf, wobei er wiederholt sich nach der Sonne umblickte, die wohl noch einer halben Stunde bedurfte, bis sie sich hinter den fernen Gebirgen hinabsenken würde. Durch die Oeffnung wieder in die Burg gelangt, begab sich der Matrose in den an der Seite nach Montenos stehenden Thurm, um den Busch dort aufzupflanzen. Die alte Leiter, welche sich in demselben befand und früher als Treppe gedient hatte, war ziemlich morsch, so daß Patrick sie erst sorgfältig untersuchte, ob sie ihn auch wohl noch tragen würde. Er hatte dann ungefähr die Hälfte derselben erstiegen, als er plötzlich Stimmen hörte, den Busch fal- 5 10 15 20 25 30 35 164 Die alte spanische UrkUnDe len ließ und, sich umschauend, zu seinem Entsetzen Carthorn und dessen Gefährten, ihm den Rücken zuwendend, in dem Thore stehen sah. Ohne sich zu bedenken, glitt er leise an der Leiter hinab, ergriff seinen unten zurückgelassenen Stock, zog sein Messer aus der Scheide und drückte sich mit verhaltenem Athem an die Wand des Thurmes, welcher nach dem inneren Raume des Forts zu offen war. Der Schenkbursche in dem Trinkhause sagte ja, daß die Walton, oder vielmehr Fräulein Black, wie sie sich nennt, sehr oft bei Sonnenuntergang einen Spazirgang hieher mache, und einen besseren Ort, sie zu treffen, können wir uns nicht wünschen, sagte Carthorn laut genug, daß Patrick jedes Wort verstehen konnte. Ich fürchte nur, wir werden manchen Abend vergebens hier auf sie warten, entgegnete der Begleiter. Einerlei wie oft, wenn sie nur e i n m a l kommt, bemerkte Carthorn; wenn sie aber kommt, dann macht es schnell mit ihr – ich selbst kann kein Weiberblut vergießen. Wir werfen sie dann in den Fluß, und der trägt sie in das Meer hinunter. Bis sie vermißt wird, sind wir über alle Berge, und da uns Niemand hier kennt, so sollen sie uns wohl nicht auf die Spur kommen. Man wird sie aber sehr bald hier suchen, und findet man Blutspuren, so möchte uns die Zeit doch wohl zu kurz werden, zu entkommen, antwortete der Begleiter und fuhr nach kurzem Sinnen fort: Am besten würde es sein, wir hingen sie auf und würfen sie dann mit einem tüchtigen Steine am Halse in den Fluß, dann soll sie uns wohl nicht verrathen. Einen Strick habe ich bei mir, und einen Platz, um sie zu hängen, werden wir leicht finden. Dabei wandten sich Beide um und schauten in das Fort hinein. Dort in dem Thurme steht ja eine Leiter, die wird prächtig als Galgen dienen, sagte Carthorn und trat, nach dem Thurme blikkend, einige Schritte in das Fort. Himmel und Hölle, da ist der Kerl, der irische Hund! schrie er jetzt, den Matrosen erblickend, und sprang ihm entgegen, indem er seinem Gefährten zurief: Ihren Strick heraus, er soll zuerst an der Leiter hängen! Patrick aber stürzte auf Carthorn ein und versetzte ihm einen so heftigen Schlag über den Kopf, daß derselbe zurücktaumelte; doch in dem nämlichen Augenblicke stieß dessen Begleiter mit seinem 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • achtZehntes kapitel] 165 langen Messer nach dem Matrosen, und die Klinge fuhr diesem durch den rechten Arm, den er abwehrend nach ihm ausstreckte. Patrick stach, mit seinem Messer in der linken Hand, bald nach Carthorn, bald nach dem Anderen; doch auch deren Klingen trafen ihn, und plötzlich fielen sie von zwei Seiten über ihn her und warfen ihn zu Boden. Schlingen Sie den Strick um seinen Hals, ich halte ihn! rief Carthorn seinem Gefährten zu – da schrie Patrick aus Leibeskräften: Hülfe, Hülfe! Mörder, Mörder! Ja, Hund, ruf ’ du nur Hülfe! sagte Carthorn, sich mit allen Kräften auf den Matrosen knieend, um ihn unter sich zu halten, während sein Begleiter sich bemühte, die Schlinge über seinen Kopf zu bringen. Hülfe – Mörder! schrie Patrick wieder und wieder – da erschallten Huftritte flüchtiger Rosse um das Fort herum, und wenige Augenblicke nachher parirte der alte Arnold sein Pferd in dem Thore, indem er zugleich seine Büchse an die Schulter warf. Die beiden Mörder sprangen von ihrem Opfer zurück und stürzten nach der Oeffnung in der Mauer dem Thore gegenüber; doch Arnold gab Feuer und streckte Carthorn zu Boden, ehe derselbe die Spalte erreichte. In diesem Augenblicke erschien Armand bei Arnold, sah den zweiten Mann in die Oeffnung gegenüber springen und rief seinem Hunde zu: Fass’ Joe! Hu, fass’! Der Mann hatte nur wenige Sprünge den Berg hinab gethan, als er den Riesenhund hinter sich gewahrte, einen Revolver aus dem Gürtel zog und einen Schuß nach Joe abfeuerte, ihn aber nicht traf. Um so besser trafen die beiden Kugeln, welche zwei der Söhne Arnold’s, die eben an dem Ufer der Leone heraufritten, nach dem Manne schossen, denn sie stürzten ihn todt zu Boden, worauf Joe seinen Zorn an ihm ausließ, bis sein Herr aus der Oeffnung in der Mauer hervortrat und den Hund zu sich heranrief. Auch er ist leider zu gut getroffen, sagte Armand, in das Fort zurücktretend, zu Arnold, welcher bei dem Geretteten stand und denselben über den Mordanfall befragte. Das ist schade, versetzte Arnold, denn nun werden wir nicht die Veranlassung zu dieser gräulichen That und namentlich nicht den 5 10 15 20 25 30 35 166 Die alte spanische UrkUnDe Namen der Schurken erfahren, welche die Banditen zur Ausführung derselben erkauften. Und sagen Sie mir, lieber Herr Kelly, Sie haben niemals einen Streit, ein böses Wort mit diesen Leuten gehabt? fragte Armand den Matrosen. Niemals; ich habe sie täglich in der Stadt und namentlich in dem Wirthshause gesehen, doch wir haben nie ein Wort zusammen geredet, entgegnete Patrick. Als ich die Stadt verließ, saßen sie gegenüber dem Gasthofe vor dem Trinkhause. Ich spazirte langsam hieher, schritt durch das Fort und durch jene Oeffnung bis an die Furth in der Leone, und als ich auf demselben Wege hieher zurückkehrte, traten die beiden Männer durch das Thor herein und fielen mich sofort mit ihren Messern an. Sie überwältigten mich, weil ich meinen rechten Arm des Stiches wegen nicht mehr gebrauchen konnte, und der Eine zog den Strick, der dort liegt, aus seiner Tasche hervor, um mich daran aufzuhängen. Wenn Sie mir nicht zu Hülfe gekommen wären, so hätten die Mörder mich binnen wenigen Minuten getödtet. Gottlob, daß es der Himmel so gefügt hat! Nur ist es traurig, daß man dieser abscheulichen That nun nicht auf den Grund kommen kann, sagte Armand und fuhr, den blutenden Arm des Matrosen erfassend, fort: Lassen Sie mich aber die Wunde sehen, sie blutet noch sehr. – Dabei zog er ihm den Arm aus dem Rokke, streifte das Hemd empor und betrachtete die Verletzung einen Augenblick. – Es ist keine Arterie getroffen, sagte er, band das Taschentuch des Matrosen fest um dessen Arm und untersuchte dann noch drei weniger bedeutende Messerstiche, welche derselbe erhalten hatte. Sie sollen mit mir nach meinem Hause gehen, damit ich Sie dort ordentlich verbinden kann, und dann bleiben Sie bei mir, bis Sie geheilt sind, fuhr Armand theilnehmend fort, wandte sich aber darauf zu dem alten Arnold, dessen Söhne auch herbeigetreten waren, und sagte: Wir wollen den Schurken die Taschen untersuchen, vielleicht finden wir doch Papiere bei ihnen, welche Auskunft über sie geben. Bei Carthorn fanden sie eine Brieftasche, welche gegen zweihundert Dollars in Papiergeld enthielt, und zwar zum größten 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • achtZehntes kapitel] 167 Theile Noten von einer Bank in Mobile; bei dem anderen Manne fanden sie weiter nichts als Munition für seinen Revolver. Es scheint, daß sie von Mobile gekommen sind; denn wie sollte dieser Mann so viel dortiges Geld bei sich haben, wenn er es nicht daselbst erhalten hätte? bemerkte Armand sinnend. Geben Sie mir die Brieftasche, Doctor, sagte der alte Arnold; ich will nach der Stadt reiten und dem Gericht Anzeige von dem Vorfalle machen. Dasselbe wird schon die nöthigen Schritte thun, um Licht in der Sache zu erhalten. – Er steckte die Brieftasche zu sich, nahm von Armand und Patrick Abschied, bestieg dann sein Pferd und ritt davon, indem er zu seinen Söhnen sagte: Ich halte mich nicht lange in der Stadt auf und werde euch bald nachfolgen. Wollen Sie reiten, Herr Kelly? sagte Armand zu Patrick und zeigte auf sein Pferd; doch dieser dankte und versicherte, daß er außer den Schmerzen in den Wunden sich ganz wohl fühle. – So werde ich Ihnen Gesellschaft leisten und gleichfalls zu Fuß gehen, fuhr Armand fort, band die Zügel seines Hengstes auf dessen Nakken zusammmen und schritt mit dem Matrosen aus dem Thore, während das Pferd und der Hund ihm nachfolgten. An dem Fuße des Hügels kamen sie wieder mit den jungen Arnolds zusammen, welche durch die Maueröffnung zu ihren Pferden zurückgekehrt waren und, dieselben hinter sich her leitend, nun auch zu Fuß mit Armand ihren Weg fortsetzten. Die Nachricht von dem Mordanfalle auf den allgemein beliebten, arbeitsamen Tom Kelly, wie Patrick sich nannte, setzte die Einwohnerschaft der Stadt in große Aufregung. Die beiden getödteten Verbrecher wurden sofort hereingefahren und Alles drängte sich herzu, um sie beim Scheine von Lichtern und Laternen in Augenschein zu nehmen. Am folgenden Morgen begann die Untersuchung, zu welcher Arnold mit seinen drei Söhnen und auch Armand mit Patrick sich einfanden. Alle Leute, welche sich mit den beiden Erschossenen während deren Aufenthaltes in der Stadt unterhalten hatten, wurden vernommen, und es stellte sich heraus, daß diese sich vielseitig nach Patricks Thun und Treiben, namentlich aber nach den Bekanntschaften, welche er unterhalte, erkundigt hatten, woraus man mit 5 10 15 20 25 30 35 168 Die alte spanische UrkUnDe Gewißheit annehmen konnte, daß das Attentat auf sein Leben kein zufälliges, sondern ein vorher beschlossenes gewesen sei. Carthorn hatte sich Smith und sein Gefährte Burke genannt, und Beide hatten Canada als ihre Heimath bezeichnet. Gegen Niemanden hatten sie etwas über den Zweck ihrer Reise hieher geäußert, noch hatten sie während der ganzen Zeit ihres Hierseins sich irgendwie in Bezug auf ein Geschäft oder nach Land erkundigt, so daß sie kein weiteres Interesse gezeigt oder angedeutet hatten, als das für den Arbeiter Tom Kelly. Wie nun dieser seiner Lebensstellung nach geringe und anspruchslose Mensch für irgend Jemanden von so hoher Bedeutung sein konnte, daß man Meuchelmörder dingte und sie vom Norden America’s bis zum tiefsten Süden reisen ließ, um ihn aus der Welt zu schaffen, war freilich für Jedermann ein Räthsel; doch allem Anscheine nach war es so und nicht anders, und man hoffte, daß es dem Gericht noch gelingen möchte, Aufklärung darüber zu erhalten. Auch die beiden Pferde der Verbrecher waren in dieser Gegend gänzlich unbekannt. Das Zeugenverhör ward geschlossen, die Leichen wurden begraben und der Nachlaß der beiden Bösewichter wurde zu Gelde gemacht und so von dem Gericht aufbewahrt. Am Abend vorher war bei Montenos zu der Zeit, wo man die Leichen an deren Wohnung vorüberfuhr, große Soirée gewesen, doch die Nachricht von dem Vorfalle auf der Burg hatte die heitere Stimmung der Gesellschaft durchaus nicht beeinträchtigt; nur Sarah war schrecklich dadurch getroffen worden und sie mußte alle ihre Kräfte zusammennehmen, um ihr Entsetzen, ihre Angst zu verbergen. Dabei hatte sie immer und immer wieder Tänze spielen müssen, zu welchem Zwecke das Pianino in den Saal heruntergebracht worden war, und vergebens hatte sie Kopfweh vorgeschützt, um von dieser Marter erlöst zu werden. Die ganze spätere Nacht hatte sie dann in Bangen und unter Thränen verbracht und harrte Morgens mit sehnsüchtigem Verlangen des Augenblickes, wo sie weitere Auskunft über Patrick’s Zustand erhalten würde; denn es war nur gesagt worden, daß Armand denselben schwer verwundet mit sich nach Hause genommen habe. Mit Hoffen und Zagen sah sie Herrn Monteno gleich nach 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • achtZehntes kapitel] 169 dem Frühstück das Haus verlassen, um der Untersuchung wegen des Mordanfalles beizuwohnen. Welche Nachrichten würde er bei seiner Rückkehr bringen? Vielleicht war Patrick lebensgefährlich verwundet, vielleicht war es entdeckt, daß sie die Sarah Walton sei, und schutz- und hülflos war sie dann der Verfolgung, den Mordwaffen ihrer Feinde Preis gegeben! Armand gedachte ihrer, als die Verhandlungen beendet waren und er wieder nach Hause fahren wollte. Er glaubte ihr einen Gefallen damit zu thun, wenn er selbst sie über den Zustand ihres freundlichen Reisegefährten in Kenntniß setze, denn er wußte ja, daß sie große Stücke auf ihn hielt und sicher recht besorgt um ihn sein würde. Darum bat er Herrn Monteno, Platz bei ihm im Wagen zu nehmen, weil er dessen Damen auf seinem Heimwege seine Aufwartung machen wolle; denn Patrick, welcher mit ihm in dem zweisitzigen Cabriolet nach der Stadt gefahren war, hatte ihm für weitere Aufnahme und Verpflegung bei sich herzlichst gedankt und ihn nur um die Erlaubniß gebeten, wenn es seines Armes wegen nöthig werden sollte, zu ihm kommen zu dürfen, um sich seinen Rath zu holen. Vor Allem schonen Sie Ihren Arm und arbeiten Sie durchaus nicht mit demselben, dann wird die Heilung leicht und bald von Statten gehen, sagte Armand freundlichst zu ihm, reichte ihm zum Abschiede die Hand und fuhr mit Herrn Monteno davon. Als sie dessen Besitzung erreicht hatten und durch den Garten nach dem Hause hinauffuhren, sah Armand die Gouvernante aus der Thür auf die Treppe treten, und als sie wenige Augenblicke später vor derselben ausstiegen, sagte Sarah mit einem Tone, als ob ihr die Worte auf den Lippen ersterben wollten: Das war ja eine entsetzliche Begebenheit, Herr Doctor! – Dabei schaute sie Armand an, als wolle sie seine weitere Auskunft dar- über in seinem Blicke lesen, und that sich zugleich alle ihr mögliche Gewalt an, um unbekümmert zu erscheinen. Armand aber erkannte die Besorgniß, die sie peinigte, und entgegnete schnell: Entsetzlich und doch gut abgelaufen, weil Ihr braver Reisegefährte und Landsmann ohne großen Schaden davongekommen ist; eine kleine Verletzung im Arme, das ist alles. 5 10 15 20 25 30 35 170 Die alte spanische UrkUnDe Gottlob! stieß Sarah aus, als wäre sie selbst aus naher Todesgefahr errettet worden. Der arme Mann, er hat mir so leid gethan! – Dabei füllten sich ihre Augen mit Freudenthränen und sie sah, um dieselben zu verheimlichen, vor sich nieder, während sie mit den beiden Männern nach dem Empfangssaale ging. Ich will den Damen Ihre Ankunft verkünden, sagte sie an der Thür und wandte sich, mit einer raschen Bewegung ihrer Hand die Thränen von den Wimpern wischend, von Armand ab. Doch Herr Monteno zog die Schelle, trug einem Diener die Botschaft auf und bat Sarah, bei ihnen zu bleiben. Es ist kein Compliment für Sie, Fräulein, daß diese beiden Missethäter auch Landsleute von Ihnen waren, sie haben wenigstens gesagt, daß sie in Canada zu Hause seien, hub Armand wieder an. Ich muß Ihnen gestehen, mir ist die ganze Sache sehr unklar. Zwei Männer kommen von Canada hergereist, um diesen armen Kelly, der keinem Menschen etwas in den Weg legt, zu morden! Ich kann es mir nicht anders denken, als daß dieser mit höher stehenden, bedeutenden Persönlichkeiten in irgend wichtige Beziehungen verwikkelt ist und selbst dadurch Bedeutung erhalten hat. Mag dem nun aber auch sein, wie ihm will, gewiß ist es, daß man so bald keinen Mörder wieder senden wird, da diese beiden so schlechte Geschäfte gemacht haben. Nur schade, daß sie zu gut getroffen wurden, sonst hätte man doch wohl aus ihnen herausgebracht, wer eigentlich der Principal in diesem Geschäfte ist. Allerdings, bemerkte Sarah, hoch und frei athmend, das hätte recht interessant werden können. – Sie sagte diese Worte, ohne zu wissen, was sie sprach; die Freude, daß Patrick kein ernstes Leid angethan worden war, und die Beruhigung, daß die Mörder nicht im Stande gewesen waren, zu sagen, wer sie geschickt und wem sie eigentlich den Tod hätten bringen sollen, hatten ihr Herz augenblicklich in so innigem, so überströmendem Dankgefühl dem Himmel zugewandt, daß in ihren Gedanken für alles Andere kein Raum blieb. Das Eintreten von Madame Monteno und deren Tochter rief Sarah aber sofort in die Gegenwart zurück und sie schritt schnell zur Seite, um der Frau den Weg zu Armand frei zu geben. Aber, Herr Doctor, ich werde es Ihnen niemals verzeihen, daß Sie unsere Einladung für gestern Abend verschmähten und uns die 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • neUnZehntes kapitel] 171 Freude ihrer Gegenwert nicht gönnten! rief Madame Monteno, in heiterster Laune auf Armand zuschreitend. Ich habe es recht sehr bedauert, daß mir das Vergnügen nicht zu Theil werden sollte, und doch war mir die Veranlassung zu meinem Nichterscheinen eine sehr erwünschte, denn es wurde ein braver Mensch dadurch aus Mörderhand gerettet, antwortete Armand. Ja so – der Arbeiter! Nun, es war ja ganz gut für den Mann, daß Sie mit den Arnolds gerade dazukamen, sagte die Frau gleichgültigen Tones. Ich weiß aber nicht – diese Arnolds …. Sind die bravsten, die biedersten Menschen in unserer Gegend und meine besten Freunde, auf deren Freundschaft ich stolz bin, fiel ihr Armand rasch in das Wort. Auf den Zügen der Frau blitzte es wie Wetterleuchten und ihr Gesicht röthete sich plötzlich; doch im nächsten Augenblicke schon stellte sich wieder heiterer Sonnenschein darauf ein und mit freundlichem Lächeln sagte sie: Auch ich halte große Stücke auf diese Leute; sie haben aber noch so etwas aus der Zeit der Wildniß behalten. Das Offene und Gerade, Madame Monteno, und den Abscheu vor aller Heuchelei, entgegnete Armand kurz und wandte sich an Cleopatra, indem er sagte: Nun, machen Sie hübsche Fortschritte auf dem Clavier, Fräulein? Sie hat noch gar nichts gelernt, fiel Madame Monteno mit einem flüchtigen Seitenblicke auf Sarah ein, und sie hat doch eine sehr schöne Hand und geschickte Finger! Aller Anfang ist schwer, bemerkte Armand beruhigend; seien Sie nur beharrlich, Fräulein, und Sie werden bald in Ihrer Kunst den Lohn für Ihre Mühe finden. Uebung macht den Meister. Armand blieb zum Mittagsessen, weil Sarah, als Montenos ihn dazu einluden, ihn bittend anschaute und weil er es wußte, daß sein öfteres längeres Hiersein ihr Trost und Muth in ihrer schwierigen Stellung gaben. Einige Wochen waren seit dem Mordversuche auf Patrick verstrichen und alle weiteren Nachforschungen über die beiden Verbrecher waren erfolglos geblieben. Die ganze Begebenheit wurde im Allgemeinen als etwas nicht Ungewöhnliches der Vergessenheit 5 10 15 20 25 30 35 172 Die alte spanische UrkUnDe überliefert, und kaum machte sie der Anblick Patrick’s noch mitunter einmal zum Gegenstande der Unterhaltung. Nur für Armand blieb der Vorfall unverändert von Bedeutung und er hatte stets das Gefühl, als müsse die Geschichte noch einmal auftauchen und weiter spielen; denn seiner Ansicht nach waren die Anstrengungen zu groß gewesen, als daß das verfehlte Ziel so leicht aufgegeben werden sollte. Er ermahnte Patrick bei jeder Gelegenheit, wo er mit ihm zusammentraf, zu größter Vorsicht und versah ihn mit einem Revolver, den er ihm anbefahl, immer bei sich zutragen. Eines Morgens hatte Armand in der Stadt Geschäfte gehabt und war im Begriff, sein Pferd zu besteigen, um sich nach Hause zu begeben, als der alte Arnold hereingeritten kam und ihn bat, noch eine halbe Stunde zu verweilen, damit sie auf dem Heimwege zusammen reiten könnten. Armand, der zu seiner eigenen Freude sich immer gern, wenn es nicht als ein Muß verlangt wurde, den Wünschen Anderer fügte, willigte sofort ein und sandte sein Pferd in den Stall zurück. Lassen Sie uns erst ein Glas Cider trinken, ich bin sehr durstig, sagte Arnold, indem er mit Armand dem nächsten Trinkhause zuschritt. Sehr gern, dort will ich bleiben, bis Sie zu mir zurückkehren, antwortete Armand, worauf sie nach wenigen Minuten in das Trinkhaus eintraten und sich den köstlichen perlenden Aepfelwein reichen ließen. Arnold leerte sein Glas sogleich und verließ Armand mit dem Versprechen, sehr bald zurückzukehren, während dieser eine Cigarre anzündete und sich bei einem Tische niederließ. Er war augenblicklich der einzige Gast in der Stube, und in Ermangelung anderer Unterhaltung wandte er sich an den Schenkburschen und fragte ihn: Ist Tom Kelly heute schon hier gewesen? Nein, Herr Doctor, antwortete der Kellner, aber gestern war er hier und sagte mir, daß sein Arm beinahe ganz wieder hergestellt sei. Armand schwieg, denn seine Gedanken liefen wieder auf dem unsicheren Faden der Mordgeschichte hin und her; da brach aber der Schenkbursche das Schweigen und sagte: Es hat mir leid gethan, daß ich gerade an dem Morgen, wo das Zeugenverhör wegen des Mordanfalls Statt fand, auf eine Woche 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • neUnZehntes kapitel] 173 zu meinem Vater in das Land reiste; denn ich hätte auch noch etwas über die beiden Schurken aussagen können. So – und das wäre? fragte Armand aus seinen Gedanken auffahrend und blickte den Kellner überrascht an. Der Eine von ihnen, welcher sich Smith nannte, schien ein gro- ßes Interesse an Fräulein Black, der neuen Gouvernante des Herrn Monteno, zu nehmen, denn er hat mich wiederholt nach ihr befragt und schien gern wissen zu wollen, ob sie oft nach der Stadt und ob sie dann allein ginge, auch, ob Herr Monteno oft verreise und ob außer ihm noch Männer in dem Hause wohnten. Ich sagte ihm, daß ich Fräulein Black nur ein Mal, und zwar allein in der Stadt gesehen hätte, daß ich ihr aber schon verschiedene Male Abends bei Sonnenuntergang auf dem Fußpfade, welcher von Monteno’s Haus nach Ihrem alten Fort führt, begegnet wäre, und zwar auch allein. Sie habe jedes Mal Blumensträuße getragen. Diese Nachricht schien dem Herrn Smith sehr willkommen zu sein und ihm alle Auskunft zu geben, die er zu erhalten gewünscht hatte, denn er hat mich danach nicht wieder um Fräulein Black befragt. Ich glaube darum, daß der Mordanschlag mehr ihr als Kelly gegolten hat, und daß dieser nur zufällig im Wege gewesen ist und schnell beseitigt werden sollte. Armand hatte dem Berichte mit wachsender Spannung zugehört, verrieth aber mit keiner Miene das große Interesse, welches er an der Mittheilung nahm, und als der Kellner dieselbe beendet hatte, trank er von seinem Apfelwein und sagte dann, das Glas auf den Tisch stellend, seinem Aeußern nach unbekümmert: Ei, wo denken Sie hin – wie soll Jemand dazu kommen, ein junges Mädchen morden zu wollen! Der Mann war so wie Fräulein Black aus Canada, war ihr vielleicht von dorther bekannt und er hat befürchtet, daß er ihr einmal begegnen und durch sie verrathen werden könne. Die Sache ist ja ganz einfach und erklärlich. Ja, aber daß er sich danach erkundigte, ob Herr Monteno oft verreise und ob außer ihm noch ein Mann in dem Hause wohne! wandte der Kellner ein. Armand erkannte sehr wohl die Richtigkeit dieses Einwurfs, sagte aber schnell: Ach, das ist wohl nur Neugierde gewesen! Nein, es hat Kelly selbst gegolten, und wer weiß, wo der Grund zu die- 5 10 15 20 25 30 35 174 Die alte spanische UrkUnDe sem Hasse liegen mag. Es ist vielleicht ein alter Familienstreit, oder Kelly war mit dem Manne Smith verwandt und dieser wollte ihn beerben – wer kann sagen, wie es zusammenhängt? Keinenfalls aber dürfen Sie, um der Ruhe der jungen Dame willen, solchen Verdacht aussprechen, sie würde sich ja ohne Noth ängstigen und sich fürchten müssen, das Haus zu verlassen. Am besten, Sie sagen Niemandem etwas von Ihrer Unterhaltung mit dem Manne, denn es ist ja nun doch vorbei, er und sein Gefährte sind Gottlob todt und Niemandem droht mehr von jener Seite her eine Gefahr. Darum schweigen Sie, der jungen Dame zu Liebe und mir zu Gefallen. Sehr gern, Herr Doctor, wenn Sie meinen, antwortete der Kellner höflich und Armand entgegnete in gleicher Weise: Ich danke Ihnen, trank dann seinen Cider aus, zahlte für sich und Arnold und hielt dann dem Kellner seine Cigarrendose mit den Worten hin: Kann ich dienen? Derselbe nahm dankend eine Cigarre hin, Armand bot ihm guten Morgen und ging in die Straße hinaus, um dort seinen Freund zu erwarten, namentlich aber, weil er weiter keine Unterhaltung mit dem Kellner pflegen und die Sache somit zwischen ihm und sich als abgemacht bezeichnen wollte. Tief ergriffen schritt er auf dem Platze hin – also hatte er doch Recht gehabt, Kelly war mit dem Geschick bedeutenderer Persönlichkeiten verflochten und für ihn allein war der Dolch nicht geschliffen worden! Aber diesem edlen, unschuldigen Mädchen nach dem Leben zu trachten – unerhört – ungeheuer! Und doch war es so, ihr allein hatte es gegolten. Kelly war nur als augenblickliches Hinderniß angefallen, um ihn aus dem Wege zu räumen, oder die Mörder wußten, daß er dem Fräulein während der Reise hülfreich gewesen war, und sie fürchteten ihn als Gegner. Und dies war eine Fortsetzung der schweren Leiden, wovon Balmore schrieb, daß Mary Black heimgesucht worden sei! Armes Mädchen, wen hat man dir Liebes gemordet – um wen hüllst du dich in Schwarz, um wen fällt deine verheimlichte Thräne? Also doch Canada! Armand hatte schon daran gezweifelt, ob dort wohl der Schauplatz von den Leiden des Mädchens gewesen wäre. Aber die Mörder waren auch aus Canada, und darum hatte 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • neUnZehntes kapitel] 175 sich Mary Black auch dem braven Kelly auf der Reise anvertraut, weil er gleichfalls ein Landsmann von ihr war. Ein großer Theil des geheimnißvollen Schleiers, welcher die Gouvernante umhüllte, war, wie Armand dachte, jetzt vor seinem geistigen Blick zerrissen, die einzelnen ihm bekannten Momente aus ihrem Leben reihten sich, wenn auch noch verbindungslos, doch folgerecht neben einander und das Bild ihres Schicksals begann sich ihm zu entfalten. Mary Black war sicher aus vornehmer, reicher Familie, wahrscheinlich altenglisch oder irländisch, war in Canada Erbschafts wegen verfolgt worden, hatte vielleicht ihre nächsten Verwandten durch Meuchlers Hand verloren und war, um einem gleichen Schicksal zu entgehen, geflohen, hatte die Weltstadt New-Orleans erreicht und war durch den englischen Consul Balmore weiterbefördert worden, weil dieser sie auch in New-Orleans nicht für sicher hielt. Und nun hatten die Mörder doch ihre Spur bis hieher an die Gränze der Civilisation gefunden! Der Himmel hatte die Arme gnädigst beschützt, von jetzt an aber trat noch ein Freund für sie ein – Armand selbst wollte über ihre Sicherheit, über ihr Leben wachen und, wenn es nöthig sein sollte, sein eigenes dafür einsetzen. In Gedanken verloren, schritt Armand abermals auf den Platz zurück, als Arnold hinter ihm herkam und rief: Was Teufel – an was denken Sie denn, Doctor? Sie hören und sehen ja nicht! Ich weiß die Zeit, wo Sie Augen und Ohren besser aufhielten, als jetzt! In der That, alter Freund, ich hatte mich ordentlich in meine Gedanken vertieft, antwortete Armand, indem er dem alten Biedermanne die Hand reichte. Sind Sie fertig mit Ihren Geschäften? Fix und fertig, entgegnete Arnold, wenn’s Ihnen recht ist, so reiten wir gleich. Wenige Minuten später eilten die beiden Freunde auf flüchtigen Rossehufen ihren Besitzungen zu. Am folgenden Tage wurde die Einwohnerschaft von C..... durch einen Zeitungsartikel über die Mendoza-Angelegenheit freudig überrascht, denn man hatte so lange kein Wort darüber gehört, daß das Interesse dafür am Erlöschen war. Um so heller aber loderte 5 10 15 20 25 30 35 176 Die alte spanische UrkUnDe es jetzt wieder auf, zumal da die Sache nun eine ernstere, eine umfangreichere Gestaltung annahm. Der Advocat Starford hatte die Regierung in Washington um Schutz gegen die Rechtslosigkeit in Mobile angerufen und sie hatte den Behörden in Alabama eine ernste Weisung zukommen lasssen, ihre Pflicht zu thun und alle ihr zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden, um dem Gesetze Achtung zu verschaffen und das Recht gegen jede Willkür zur Geltung zu bringen. Die Männer, deren Beistand der Sheriff in Mobile gefordert hatte, um für Waltons die Besitznahme ihres Eigenthums durchzusetzen, waren nicht erschienen und so hatte das Gericht die Miliz der Stadt aufgerufen, dem Sheriff in der Ausübung dieser seiner Pflicht Hülfe zu leisten. Aber auch sie hatte sich nicht gestellt, wodurch die Behörden genöthigt worden waren, die Miliz des ganzen Staates Alabama aufzubieten, um dem Sheriff die nöthige Macht zur Besitznahme des Grants zu geben. So stand die Sache nach dem Zeitungsartikel, welcher an diesem Morgen in C..... angelangt war und welcher unter dessen Bewohnern wieder die regste Theilnahme für die Stadt Mobile hervorrief. Es hieß schließlich darin, daß in dem ganzen Staate Alabama nur Eine Stimme herrsche, und zwar die, den Grant nicht auszuliefern und Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Auch stand darin, daß mehrere reiche Leute in Mobile einen hohen Preis für denjenigen ausgesetzt hätten, welcher ihnen den Aufenthaltsort der Sarah Walton angeben würde. Auch in dem Hause Monteno’s wurde an diesem Abend, als die Familie mit mehreren Freunden unter der Veranda beisammen saß, die eingetroffene Nachricht der Gegenstand sehr lebhafter Unterhaltung. Doctor Absinthe hatte die Zeitung mitgebracht und war eben im Begriffe, besagten Artikel daraus vorzulesen, als Sarah sich gleichfalls bei der Gesellschaft einfand und der Doctor, sie begrüßend, zu ihr sagte: Ich bringe eine neue Nachricht über die Mendoza’sche Erbangelegenheit in Alabama, Fräulein Black; es wird Sie gewiß auch sehr interessiren, dieselbe zu hören. Es war gut für Sarah, daß sie bereits einen Stuhl ergriffen hatte; denn die Worte des Doctors trafen sie wie ein Blitzstrahl, es fuhr ihr lähmend durch alle Glieder, und erbleichend sank sie auf den 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • neUnZehntes kapitel] 177 Sessel hin; dennoch raffte sie ihre letzte Kraft zusammen und sagte mit klangloser Stimme: Außerordentlich interessant! Dabei aber drehte sich Alles mit ihr im Kreise und ihr Schrecken würde den Umsitzenden aufgefallen sein, wenn nicht der Doctor deren Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte, indem er begann, den Artikel vorzulesen. Er hatte die darin berichteten, von den Behörden in Mobile ergriffenen Maßregeln vorgetragen, als Herr Monteno ihn unterbrach und sagte: Die Beamten konnten nicht anders handeln, wenn sie überhaupt ihre Schuldigkeit thun und ihre Stellung behalten wollten. Es ist aber doch unerhört, daß die Regierung in Washington das Wohl so vieler Tausend eigener Landeskinder einer einzelnen Fremden, noch dazu einer Irländerin, opfern will, entgegnete Absinthe mit Entrüstung. Aber, lieber Doctor, Recht muß ja doch Recht bleiben, bemerkte Monteno begütigend und sah verstohlen nach seiner Gattin hin. Ach, mit deinen albernen Rechtsbegriffen! fiel Madame Monteno ein, der Doctor hat ganz Recht und ich begreife nicht, daß die Leute in Alabama, die man von Haus und Hof verjagen will, nicht schon längst diese Mamsell Walton sammt ihrem Herrn Advocaten aus der Welt geschafft haben; wo kein Kläger, da ist kein Richter! Hören Sie nur weiter, verehrte Frau, der Wille ist gut, aber man kann Niemanden hängen, ohne ihn zu haben, versetzte der Doctor, und las nun vor, daß man in Mobile einen hohen Preis auf die Auskunft über Sarah Walton’s Aufenthaltsort ausgesetzt habe. Sarah erbebte in tiefster Seele, sie sank in sich zusammen, es war ihr, als wolle dieser letzte Schlag sie zu Boden drücken. Einen Preis auf ihren Aufenthaltsort – einen Preis auf ihren Kopf! Das war zu viel – sie preßte ihre Hände krampfhaft in ihrem Schooß zusammen, um das Zittern zu verbergen, welches sie ergriff, und senkte dabei ihren entsetzten Blick zur Erde nieder. So, so! sagte Madame Monteno. Ja, jetzt sind sie auf dem rechten Wege, den hätten sie gleich von Anfang an einschlagen und die Person gar nicht aus den Händen kommen lassen sollen. Ich 5 10 15 20 25 30 35 178 Die alte spanische UrkUnDe wünschte nur, ich wüßte, wo sie wäre, dann würde man sie nicht lange mehr zu suchen haben. Sie wird wohl klug genug gewesen sein, die Vereinigten Staaten zu verlassen, und wird sich das Gold, welches ihr Advocat für sie herauspreßt, nachschicken lassen, versetzte Absinthe. Daß man aber nicht jeden Advocaten, der sich der Sache annimmt, tödtet, ist mir unbegreiflich, fiel Madame Monteno ein, wenn erst einige es mit dem Leben bezahlt hätten, dann würden sich die anderen wohl sehr bedenken. In diesem Augenblicke hörte man Schritte in dem Corridor und Aller Augen wandten sich neugierig nach dessen Ausgangsthür. Nur Sarah’s Blick richtete sich halb erschrocken und ängstlich dorthin, da trat Armand heraus unter die Veranda und schritt mit einem heitern Gruß zu der Gesellschaft heran. Es fuhr wie ein »Gottlob!« über Sarah’s Antlitz; mit einem dankbaren, freudigen Blicke zu ihm aufschauend, erhob sie sich von ihrem Stuhle, und als ob sie einen Retter in der Noth begrüßte, drückte sie ihm die Hand, nachdem er sich von Madame Monteno zu ihr wandte. Ich bringe Ihnen hoffentlich recht frohe Nachricht, Fräulein, sagte er zu ihr, indem er einen Brief aus der Tasche zog und ihr denselben gab. Ein Schreiben von unserem gemeinschaftlichen, lieben Freunde Balmore. Derselbe schreibt mir in so heiterer Stimmung, daß ich annehmen muß, diese Einlage an Sie könne auch nur Freudiges enthalten. Auch ungelesen schafft sie mir große Freude; ich danke Ihnen herzinnig dafür, daß Sie mir den Brief selbst überbrachten, antwortete Sarah und richtete ihre noch so kindlich frommen Augen so seelenvoll auf den Mann, als wolle sie ihn darin ihren Dank für sein Erscheinen lesen lassen. Armand verstand sie wohl und wußte es, daß er ihr eine Stütze, ein Trost war, sowohl für ihre früheren, ihm noch unbekannten Leiden, als auch in den Qualen, die ihre Abhängigkeit von Leuten wie Montenos ihr bereiteten, und vom tiefsten Mitleid durchdrungen, erfaßte und drückte er ihre Hand nochmals, indem er sagte: Wie hätte ich Ihnen eine Freude auch nur eine Minute lang vorenthalten können! Nun aber lesen Sie Ihren 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • neUnZehntes kapitel] 179 Brief, damit ich von Ihnen höre, ob meine Ahnung richtig gewesen ist. Darauf wandte er sich schnell von ihr ab zu Madame Monteno, und Sarah glitt, den Brief öffnend, unter der Veranda hin an deren anderes Ende, um dort das Schreiben zu lesen. Armand hatte absichtlich eine fröhliche Unterhaltung angestimmt, um das Entfernen Sarah’s unbemerkt zu lassen, so daß ein lautes, lustiges Gelächter von dort her zu dieser herüberschallte, als sie das Papier entfaltete und las: »Alles geht gut, verehrtes Fräulein; seien Sie fest und muthig, nur noch kurze Zeit, und Sie sind aus aller Gefahr erlöst. Ertragen Sie bis dahin standhaft Ihre augenblicklichen Verhältnisse, verrathen Sie Sich nicht und bauen Sie unbedingt auf Ihre Freunde, unter welchen Doctor Armand und ich nie fehlen werden. Ihr treulich ergebener B a l m o r e.« Und ich hoffe zu Gott, daß Gesetz und Recht in den Vereinigten Staaten stark genug sein werden, um einer solchen Bande von Räubern und Mördern den wohlverdienten Lohn zukommen zu lassen und der rechtmäßigen Eigenthümerin des Mendoza-Grants vollen Besitz davon zu verschaffen, sagte Armand in lustigem Tone in dem Augenblicke, als Sarah wieder zu der Gesellschaft kam, und fuhr dann zu dieser gewandt fort: Es ist gut, daß Sie kommen, Fräulein, ich stehe hier ganz allein im Gefecht für die arme Sarah Walton, für die ich schwärme – Sie müssen mit mir Partei für sie ergreifen, und wir werden siegen, denn wir kämpfen für die gute Sache. Nicht wahr, Sie sind auf meiner Seite – Sie sind für Sarah Walton? Wenn S i e für die Arme kämpfen, so wird sie siegen, und ich trete unter Ihre Fahne, Herr Doctor, antwortete Sarah mit unsicherer, beklommener Stimme, denn nur mit Aufbieten ihrer ganzen Energie war es ihr möglich, in den scherzenden Ton Armand’s einzufallen. So ist es recht, Fräulein, sagte dieser wieder; Sie werden Hofdame bei Prinzess Sarah, und ich wahrscheinlich ihr geheimer Rath. Ihnen sei es gesagt, daß sie eine höchst gebildete, höchst liebenswürdige, noch sehr junge Dame sein soll, und mir selbst wird es die Annehmlichkeit meiner Stellung noch sehr erhöhen, daß sie wunderbar schön ist: dunkelblaue Augen mit schwarzen Wimpern ist, wie Sie wissen werden, eine von den sieben Schönheiten. 5 10 15 20 25 30 35 180 Die alte spanische UrkUnDe Sarah war das Blut glühheiß in die Wangen getreten; zu Tode verlegen, neigte sie ihr schönes Haupt, und um keine Welt hätte sie die Augen aufschlagen können. Armand aber, bereuend, daß er in dieser Weise von den Augen der Sarah Walton, wie sie ja Fräulein Black eben so besaß, geredet und diese in solche Verlegenheit gebracht hatte, fuhr schnell fort: Doch Scherz bei Seite, schön oder nicht schön, das ist ja einerlei; aber ein herzensgutes, kindlich frommes, braves, verständiges Mädchen soll Sarah Walton sein. Nun, nun, Herr Doctor, wissen Sie nicht noch ein halbes Dutzend vortrefflicher Eigenschaften für diese herübergelaufene irische Schönheit? rief Madame Monteno lachend aus. Ich meine, es wäre gar nicht recht von Ihnen, Ihr ganzes Lob einer fernen, Ihnen sogar unbekannten Dame zu spenden – was bleibt Ihnen denn für die hier anwesenden noch übrig? Verehrung in Worten für die Fernen, im Gefühl aber für die Anwesenden; denn was man am tiefsten fühlt, dafür gibt es keine Worte, entgegnete Armand, sich gegen die Damen verneigend. Die Nasenflügel der Madame Monteno, welche sich so eben sehr ausgedehnt hatten, fielen schnell wieder ein, die Röthe von ihrer Stirn verschwand und mit gefälligem Lächeln sagte sie: Nun, Cleopatra, bedanke dich hübsch bei dem Herrn Doctor. Ein so erzwungenes Lob nehme ich nicht an, entgegnete Cleopatra, ihre Stumpfnase aufwerfend, und schoß lächelnd einen feurigen Blick hinter ihrem entfalteten Fächer nach Armand hin. Dann wandte sie sich rasch zu Absinthe und sagte zu ihm: Nun, Herr Doctor Absinthe, jetzt ist an Ihnen die Reihe; Mutter wartet schon auf Ihre feinen Complimente. Machen Sie Ihre Taschen einmal auf, aber daß nicht etwa statt der Artigkeiten Ihre Quecksilberpillen zum Vorschein kommen – Mutter will etwas Süßes haben. – Dabei warf sie sich mit lautem Gelächter in ihren Schaukelstuhl zurück und rief dann in höchstem Uebermuthe: Schießen Sie los, Herr Doctor Quecksilber! Absinthe machte wirklich ein sauersüßes Gesicht, als wisse er nicht, ob er über den Scherz der jungen Dame lachen oder ob er ihn übel nehmen solle; er schwieg, klopfte sich etwas Staub von seinem Aermel und sah dann seitwärts hinüber nach Madame Monteno, als erwarte er ihre Hülfe. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • neUnZehntes kapitel] 181 Die Augen der Frau waren auch schon funkelnd auf ihre Tochter gerichtet, ihre Brauen zuckten gewaltig gegen einander und ihre Stirn erglühte; doch Cleopatra lenkte schnell ein und sagte in demselben spöttischen Tone: Sie sind ein vortrefflicher Courmacher – können Sie nicht einmal ein Compliment für eine so schöne Frau, wie Mama ist, finden? Sehen Sie doch nur ihren wundervollen Fuß an, und wenn der Sie nicht begeistert, so ist auch kein Funke von Schönheitssinn in Ihnen! Ein stolzes Lächeln fuhr bei diesen Worten ihrer Tochter über das Gesicht der Frau, ihr linker Fuß kam bis zum Knöchel unter ihrem seidenen Kleide hervor, und sich Gewalt anthuend, um ernst zu erscheinen, sagte sie, ihren Finger drohend erhebend: Du bist recht unartig, Cleopatra, und wenn unser lieber Doctor dir nicht gut und so nachsichtig gegen dich wäre, so könnte er deine Scherze übel nehmen! Absinthe wagte nicht, den Mund aufzuthun, aus Furcht, daß die junge Dame, durch die Schwäche ihrer Mutter angefeuert, nun erst recht gegen ihn zu Felde ziehen würde. Er strich lächelnd seinen Backenbart nach vorn, zog seine graue Weste glatt und trommelte dann mit den Fingern seiner Rechten wie in größter Behaglichkeit auf seinem Knie. Sarah hatte bei den ersten Ausfällen Cleopatra’s gegen Absinthe nach Armand hingesehen, als wolle sie ihn aufmerksam darauf machen, in was für Gesellschaft sie zu sein genöthigt wäre; dann aber richtete sie ihren Blick über den Fluß hinaus nach dem Walde und that, als ob sie gar nicht höre, was um sie geredet würde. Die Unterhaltung hatte bald wieder eine allgemeinere Richtung angenommen; Herr Monteno war mit einigen älteren Damen in eifriges Gespräch gerathen, Cleopatra lachte und scherzte mit einem jungen Farmer aus der Nachbarschaft, und Madame Monteno hatte Absinthe an ihre Seite gerufen, um ihn durch ihre eigene Liebenswürdigkeit für die Unarten ihrer Tochter zu entschädigen, als Armand die Gelegenheit benutzte, mit Sarah zu reden, ohne daß es von der Hausfrau übel vermerkt würde; denn dieselbe sah leicht eine Vernachlässigung gegen Cleopatra darin, wenn er sich leise mit der Gouvernante unterhielt. 5 10 15 20 25 30 35 182 Die alte spanische UrkUnDe Nun, Fräulein, waren es gute Nachrichten, die ich Ihnen brachte? fragte er Sarah, indem er sich neben ihr niederließ. Ja, recht gute, Herr Doctor, antwortete sie freudig. Unser Freund, der Herr Consul, räth mir auch, ja in meiner Stellung auszuhalten, und gibt mir durch den besten Trost Muth und Kraft dazu, indem er mir sagt, ich könne immer auf seine Freundschaft und auf die Ihrige bauen. Ganz unbedingt und zu jeder Zeit, Fräulein, versetzte Armand rasch und bestimmt. Auch ich rathe Ihnen, so schwer es Ihnen auch werden muß, hier im Hause zu verbleiben, bis es mir gelingt, einen günstigeren Lebensweg für Sie zu finden. Schwer wird es mir, das gestehe ich, entgegnete Sarah; der Mangel an wirklicher Bildung, wenn man nicht sagen will, die Rohheit eines täglichen Umganges wird leicht unerträglich. Doch ich werde mich hineinfinden, wenn mir nur die Beruhigung Ihrer Theilnahme, Ihrer Freundschaft bleibt. Armand versicherte sie nun nochmals seines Beistandes, seiner Hülfe, wann und wie sie derselben bedürfen würde, schied dann von ihr auf baldiges Wiedersehen, empfahl sich bei Montenos und deren Gästen und ritt in der Kühle des Abends nach Hause. Der Sommer eilte dahin, ohne daß in der Lage Sarah Walton’s eine wesentliche Veränderung eingetreten wäre, die Nachrichten von Mobile berichteten über die Erbschaftsangelegenheit immer wieder, daß alle Aufforderungen um Beistand Seitens der Gerichte an die Miliz des Staates Alabama ohne Erfolg geblieben wären, und daß man sich nun wohl an die Nachbarstaaten Mississippi und Georgien um Hülfe wenden würde. Auch war in Sarah’s Verhältniß zu Montenos Weniges anders geworden. Allerdings stand sie fester und auch unabhängiger, weil sie sich durch ihren Fleiß, ihre Geschicklichkeit und unermüdliche Aufmerksamkeit der Familie fast unentbehrlich gemacht hatte und Madame Monteno bei dem Gedanken, daß die Gouvernante jeder Zeit von Armand in Schutz genommen werden würde und ihr Haus verlassen könne, ihre aufsteigende böse Leidenschaftlichkeit gewaltsam unterdrückte, oder wenn sie fühlte, daß sie dieselbe nicht bemeistern könne, sich schnell entfernte. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • ZwanZigstes kapitel] 183 Es gab fast keine Angelegenheit mehr in dem Hause Monteno’s, in welcher Sarah sich nicht hätte mit Rath und That betheiligen müssen. Auf die Bitte der Frau sah sie die Rechnungen und die von Herrn Monteno sehr nothdürftig geführten Geschäftsbücher nach und hatte viele wesentliche Verbesserungen in den ganzen Geschäftsgang gebracht, wodurch Madame Monteno im Stande war, die Ausgaben ihres Gatten mehr zu überwachen. Neue Anschaffungen in dem Hauswesen wurden Sarah allein überlassen, und selbst bei Einkäufen von Gegenständen für die Toiletten der Damen mußte sie ihren Rath ertheilen. Dabei blieb sie aber immer die bescheidene, anspruchslose Gouvernante und wich bei den häufig im Hause Statt habenden Gesellschaften, in welchen sie stets erschien, jeder Auszeichnung, namentlich denen durch die junge Männerwelt, unveränderlich ernst und gemessen aus. Die ersten kühlen Nächte des Herbstes, der in diesen Ländern so wonnig, so neu belebend erscheint, hatten sich eingestellt, als eines Abends die Fenster der Villa Monteno in hellem Kerzenlichte strahlten und lustige Tanzmusik durch sie in die stille frische Nacht hinauswogte. Der Weg zwischen der Villa und der Stadt war an diesem Abend von Spazirgängern sehr belebt gewesen, doch jetzt war er verlassen und auch in der Stadt waren die Straßen leer geworden. Nur vor den Trinkhäusern ging es noch laut her und durch deren hellerleuchtete Thüren drängten sich noch fortwährend Gäste aus und ein. Um diese Zeit langte die Fahrpost in der Stadt an und hielt gegenüber einem Trinkhause vor dem Postlocale still. Während der Postillon, welcher zugleich Conducteur war, von dem hohen Bock stieg und seine vier schweißdampfenden Pferde von dem Wagen abspannte, verließen denselben die acht damit angekommenen Passagiere und sieben von ihnen eilten mit ihrem wenigen Gepäck sofort dem nahen Trinkhause zu, während der eine zurückbleibende einem vor dem Posthause stehenden Postbeamten seinen Koffer mit der Weisung übergab, er möge denselben bewahren, bis er ihn morgen abholen lassen würde. Darauf bot der Passagier dem Beamten einen guten Abend, hüllte sich in seinen großen Mantel und schritt in die Dunkelheit hinaus. 5 10 15 20 25 30 35 184 Die alte spanische UrkUnDe Bald hatte er das letzte Haus erreicht und schlug nun den Weg nach der Villa Monteno ein. Er ging, ohne sich umzusehen, wie in Gedanken versunken und wie Jemand, welcher darüber nachdenkt, was ihm die nächsten Minuten bringen würden. So erreichte er das weitgeöffnete Einfahrtsthor zu der Besitzung des Herrn Monteno und blieb, nach den hellen Fenstern der Villa schauend, wie erstaunt stehen. Dann drückte er den breitrandigen Hut tiefer in die Augen, hob mit dem Arm den Mantel vor sein Gesicht und ging nun durch den Park nach dem Hause hinauf, von woher jetzt die Musik zu einer Française ertönte. Er hatte die Treppe erstiegen und blieb, in seinen Mantel gehüllt, unter der Veranda stehen, als sähe er sich nach Jemandem um, an den er eine Frage richten könne. Nach einigen Augenblicken trat ein schwarzer Diener aus dem hell erleuchteten Corridor zu dem fremden Manne unter die Veranda und dieser fragte ihn mit tiefer, klangreicher Stimme: Ist Herr Monteno zu Hause? Ei, ja wohl, Herr, Madame Monteno hat große Gesellschaft, antwortete der Neger. Ist auch Herr Doctor Armand zugegen? hub der Fremde wieder an, welche Frage der Sclave mit »Ja, Herr« beantwortete. – So gehe hinein und sage Herrn Doctor Armand, ohne daß es von Anderen bemerkt wird, es sei ein Fremder hier, der ihn für einige Augenblikke zu sprechen wünsche. Der Neger warf noch einen neugierigen Blick auf den Mann und eilte dann in das Haus zurück. Wenige Minuten nachher kam Armand raschen Schrittes aus dem Corridor hervor und die in den Mantel gehüllte, dunkle Gestalt bemerkend, stutzte er einen Augenblick, doch der Fremde warf seine Umhüllung ab und schritt, ihm die Rechte entgegenhaltend, mit den Worten auf ihn zu: Kennen Sie mich nicht mehr, Armand? Mein Gott – Carlos – ist’s möglich – sind Sie es wirklich? rief Jener in freudigster Ueberraschung aus und schüttelte Carlos Alvano herzinnig die Hand. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • ZwanZigstes kapitel] 185 Ja, ja, hier bin ich wieder, theuerster, bester Freund, und recht sehr habe ich mich danach gesehnt, Sie wiederzusehen. Eben so habe ich nach Ihnen verlangt, Carlos, und heiße Sie herzlich willkommen, entgegnete Armand, zog ihn näher in das Licht der Lampe und fuhr fort: Aber wahrhaftig, auf den ersten Blick würde ich Sie nicht wieder erkannt haben; Sie sind noch grö- ßer und viel stärker geworden! Nun aber lassen Sie uns hineingehen – das wird eine Ueberraschung geben! Dabei schlang Armand des Freundes Arm in den seinigen und wollte ihn in das Haus führen, doch Carlos hielt ihn zurück und sagte: Ich weiß nicht – ich erinnere mich dieser Gesellschaften von früher her – ehrlich gestanden, sie sagen mir nicht zu. Ich dachte, ich wollte Vater Monteno herausrufen lassen und die Madame in ihrem Vergnügen nicht stören. Nein, nein, Sie müssen mit hineingehen, entgegnete Armand. Es ist Vieles hier im Hause anders geworden. Eine gute Fee ist darin erschienen, in deren Zauberkreis das Gewöhnliche sich veredelt und das Ordinäre verstummt. Eine Fee? wiederholte Carlos, die muß allerdings übernatürliche Kräfte besitzen. Und wer ist denn dieses Wunderwesen? Eine noch sehr junge Dame, welche mir durch meinen Freund Balmore in New-Orleans mit der Bitte zugesandt wurde, ihr irgend eine für sie passende Stellung zu verschaffen. Ich brachte sie hier in das Haus und nun ist sie Gouvernante bei Fräulein Cleopatra, Haushofmeisterin bei Madame Monteno und Geschäftsführerin bei Ihrem Herrn Vater, mit Einem Worte Alles in Allem: sie regiert, doch sie zeigt niemals ihre Macht. Nun kommen Sie herein, Carlos, ich muß diese Ueberraschung sehen! Hiermit zog Armand den jungen Freund in den Corridor; dort legte dieser Mantel und Hut ab, ordnete vor dem Spiegel schnell die prächtigen Locken seines glänzend schwarzen Haares, strich sich durch den krausen, tiefschwarzen Bart und trat nun mit Armand in den durch Lampen und Kronleuchter blendend hell erleuchteten Saal. Eine Française war in vollem Gange und fesselte so sehr die Aufmerksamkeit der Tanzenden, so wie die der Zuschauer, daß Carlos eine Weile hoch aufgerichtet neben Armand stand, ohne bemerkt zu werden. 5 10 15 20 25 30 35 186 Die alte spanische UrkUnDe Das rastlose Auge der Madame Monteno war das erste, welches Carlos gewahrte; die heitere Lust und die erhitzte Röthe verschwanden in derselben Secunde von dem Gesichte der Frau und die Aschfarbe des Schreckens trat auf ihre Züge. Da war er wieder, dessen Anblick sie schon, als er noch ein Knabe war, mit Sorgen erfüllt, den sie mit steter Angst hatte müssen bei sich aufwachsen sehen, von dem sie endlich, als er diesen Welttheil verließ, gehofft hatte, daß er nimmer zurückkehren möge; da stand seine verhaßte Schreckgestalt wieder vor ihr, stärker und blühender als je, hoch und stolz aufgerichtet, als fühle er, daß er Herr sei von Allem, was ihn umgab. Es war aber nur für einen Augenblick, daß die Frau dem Schrekken erlag, dann erhob sie sich aus dem Sopha, in welchem sie am anderen Ende des Saales saß, stieß einen lauten Freudenschrei aus und eilte nun mit ausgebreiteten Armen rauschend durch die verwunderte Menge quer durch die Française auf den jungen Mann zu und rief: Aber Carlos – geliebter Carlos – ist es denn wahr, bist du es wirklich? Dann schlang sie ihre Arme um ihn, preßte ihn an ihr Herz und schien so sehr von Glück und Freude überwältigt, daß sie ihren Gefühlen nur durch lautes, freudiges Schluchzen noch Ausdruck geben konnte. Herr Monteno hatte jetzt die Hand des jungen Mannes erfaßt und zog ihn freudig an seine Brust. – Willkommen, herzlich willkommen, lieber Carlos, wie freue ich mich, dich so wohl, so stark wiederzusehen, sagte er, mit wahrhaft inniger Freude ihn betrachtend, und schüttelte ihm glücklich bewegt die Hand. Da trat Cleopatra an Carlos’ Seite, heftete ihren funkelnden Blick leidenschaftlich auf ihn und sagte, ihn mit ihrem Fächer auf die Schulter schlagend: Nun, Herr Carlos, hast du denn auch für deine alte Widersacherin einen Gruß, und sollen wir unseren Krieg wieder beginnen oder wollen wir Frieden schließen? – Dann aber, ehe er ihr antworten konnte, legte sie ihre Hand um seinen Nacken, zog ihn zu sich nieder und drückte ihre Lippen auf seinen Mund. – Siehst du, nun ist der Friede zwischen uns geschlossen, und wer von uns Beiden ihn wieder bricht, der zahlt dem Anderen einen solchen Kuß dafür, fuhr sie mit dem süßesten Tone ihrer Stimme 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • ZwanZigstes kapitel] 187 scherzend fort und schoß Blitz auf Blitz aus ihren schwarzen Augen auf den schönen jungen Mann. Du bist sehr freundlich, liebe Cleopatra, ich freue mich unendlich, dich so wohl zu sehen, antwortete Carlos und wurde nun von vielen der Anwesenden herzlich begrüßt. Aber ich bestehe jetzt unbedingt darauf, daß der Tanz, den ich unterbrochen habe, sogleich wieder begonnen werde, nahm jetzt Carlos, zu der umstehenden Menge gewandt, laut das Wort und fügte noch gegen Cleopatra hinzu: Ich bitte dich, liebe Cleopatra, trete doch wieder an. Madame Monteno aber hatte sich schon zu Sarah gewandt, welche unbemerkt bei dem Pianino stehen geblieben war, und bat sie, fortzuspielen, und nach wenigen Augenblicken ertönte abermals die Française zu den lustigen Windungen der Tänzer und Tänzerinnen. Es war aber nicht dieselbe Française, welche Sarah vorher gespielt hatte; es waren viel schwierigere, aber auch viel lieblichere Melodieen, die fortwährend einander folgten, denn bei jeder neuen Tour erklangen neue Compositionen. Und Sarah spielte prächtig, so daß Carlos, welcher mit Armand dem Tanze zusah, plötzlich, sich erstaunt nach dem Clavier umwendend, zu ihm sagte: Wer ist die Dame am Clavier? Sie spielt ja wundervoll! Das ist die gute Fee, von der ich Ihnen sagte, Fräulein Mary Black, eine Canadierin, antwortete Armand erfreut. Ich glaube wahrlich, sie spielt aus dem Stehgreif, denn sie sieht nicht auf die Noten und sitzt da wie in Gedanken verloren, fuhr Carlos, nach ihr hinschauend, fort. O, das thut sie oft! entgegnete Armand. Ich habe ihr manchmal lange Zeit, von ihr unbemerkt, zugehört, wenn sie ihren Gedanken, ihren Gefühlen durch Melodieen Worte gab; dann aber spielte sie keine Tänze, es klang mehr wie traurige Mittheilungen aus ihrem Leben, wie Klagelieder aus ihrer Vergangenheit. So jung sie ist, so muß doch schon viel Leid sie betroffen haben. Sie scheint noch sehr jung zu sein, sagte Carlos, wie in Gedanken versinkend, nach Sarah hinschauend. Ungefähr achtzehn bis neunzehn Jahre alt, an Wissen und Bildung viel älter, an Gemüth aber noch vollständig Kind, entgegnete Armand. 5 10 15 20 25 30 35 188 Die alte spanische UrkUnDe Da trat Herr Monteno, welcher schnell Befehl wegen der für Carlos einzurichtenden Zimmer ertheilt hatte, zu ihnen und nahm, der Freude seines Herzens abermals Ausdruck gebend, die Hand seines geliebten Stiefsohnes in die seinige. Er war ihm wirklich von ganzer Seele zugethan, aber er sah in ihm auch einen Beschützer, eine abwehrende Gewalt gegen die Qualen, welche seine Gattin so oft über ihn verhängte; denn schon als Knabe und als Jüngling hatte Carlos immer seine Partei ergriffen, obgleich er oft hatte schwer dafür büßen müssen. Jetzt aber war Carlos Mann, er war selbständig und war Herr des ganzen Vermögens, wenn auch Herr Monteno noch für Lebzeiten über die Einkünfte zu verfügen hatte. Monteno hatte nun viele Fragen an den zurückgekehrten Liebling zu stellen, Carlos mußte ihm über seine Reise erzählen, und Madame Monteno, die wieder ihren Platz in dem Sopha eingenommen hatte, hielt ihren scharfen, nicht freundlichen Blick auf die Beiden geheftet, als fürchte sie deren gutes Vernehmen zu einander. Da schwieg die Musik, die Française war zu Ende, und Cleopatra glitt mit schwirrendem Fächer und wiegender Bewegung zu Carlos. Du hast mir sehr wenig Aufmerksamkeit beim Tanzen gezollt, Herr Carlos, sagte sie scherzend. Dir schweben wahrscheinlich noch die französischen Ballettänzerinnen vor. Doch nicht, Cleopatra. Du tanzest sehr schön, antwortete Carlos höflich, wandte sich aber dann zu Armand und sagte: Bitte, stellen Sie mich doch Fräulein Black vor. Cleopatra warf zornig ihren Kopf zurück und sah mit zusammengezogenen Brauen nach Sarah hin, die allein am Clavier saß und in einem Notenbuche blätterte. Armand war mit seinem Freunde zu ihr getreten und machte diesen nun mit ihr bekannt. Sie müssen es mir verzeihen, Fräulein, daß ich mich nicht schon vorhin um die Ehre Ihrer Bekanntschaft bewarb – es waren aber so viele alte Freunde, die mich begrüßten…. hub Carlos, sichtbarlich von Sarah’s Erscheinung überrascht, an, denn sie hatte sich aufgerichtet und ihre Augen zu ihm erhoben. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • ZwanZigstes kapitel] 189 Es ist an mir, Sie um Vergebung zu bitten, daß ich mich nicht in die Reihe derer stellte, die Sie in der Heimath willkommen hießen; ich bin ja aber selbst eine Fremde hier, antwortete Sarah mit einer artigen Verbeugung und sah dann vor sich nieder, denn Carlos hatte ihr so tief in die Augen geschaut, und sie fühlte, daß ihr das Blut in die Wangen getreten war. Carlos schwieg, seinen Blick auf sie geheftet, eine Weile; dann sagte er: Sie spielen meisterhaft, Fräulein. Darf ich fragen, ob es Ihre eigenen Compositionen waren? Es kam mir so vor und ich habe es behauptet. Sarah erröthete abermals. Ach, es war ja nur ein Tanz – eine Française ist sehr leicht gespielt, sagte sie verlegen und machte sich innerlich Vorwürfe über ihr kindisches Benehmen. Aber der Mann sah sie auch so sonderbar an – das mußte daran Schuld sein. Das Herzutreten der Madame Monteno kam ihr sehr erwünscht, denn sie konnte ihre Verlegenheit nicht überwinden, so sehr sie sich auch zusammennehmen wollte. Es wird allgemein gewünscht, Fräulein Black, daß Sie die Güte haben möchten, einen Reel (Haspel, ein virginischer Nationaltanz) zu spielen, sagte Madame Monteno mit erzwungen süßer Stimme. Die Röthe auf ihrer Stirn aber und das Zucken ihrer Brauen verriethen Ihre innere unfreundliche Bewegung. Einen Reel? entgegnete Sarah. Den Tanz kenne ich gar nicht. Jetzt schien der Sturm in der Frau losbrechen zu wollen, ihr Blick heftete sich stechend auf Sarah, ihre Nasenflügel spannten sich weit, und mit erzwungenem Lachen rief sie: Den Yankee- Doodle kannten Sie nicht, und nun ist Ihnen auch der Reel unbekannt – und Sie wollen eine Americanerin sein? Nein, Madame Monteno, ich kenne den Reel nicht, und wenn er mit dem Yankee-Doodle Aehnlichkeit hat, so bedaure ich es nicht, daß er mir fremd ist, entgegnete Sarah, plötzlich sich aufrichtend, mit entschlossenem Tone und wies mit ihrem ruhigen, gebietenden Blicke den Angriff der heftigen Frau siegreich zurück. Es ist ein Compliment für Sie, Fräulein, daß Sie den Yankee- Doodle, diesen Negertanz, nicht kannten, nahm Carlos das Wort. Der Reel ist nicht so schlimm, doch auch in ihm ist keine Musik. 5 10 15 20 25 30 35 190 Die alte spanische UrkUnDe Ich würde ihn ja so gern spielen, aber ich kenne ihn nicht, versetzte Sarah wieder. Ich habe ihn ja für Sie mit dem Yankee-Doodle von New-Orleans kommen lassen, entgegnete Madame Monteno, ihren Zorn niederkämpfend, denn Carlos’ ernstes Auge hatte sie mahnend getroffen. Wenn das ist, so soll er gleich ertönen, sagte Sarah freudig, trat rasch zu dem großen Stoße Noten, welche auf dem Tischchen neben dem Clavier lagen, und blätterte mit ihren schönen schlanken Fingern emsig suchend darin. – Hier ist er schon, lassen Sie antreten, Madame Monteno, ich bin bereit, fuhr Sarah fort, setzte sich vor dem Instrumente nieder und stellte die Noten vor sich auf. Willst du nicht tanzen, Carlos? Ich glaube, Cleopatra ist noch nicht engagirt, sagte Madame Monteno liebevoll zu ihm und deutete nach ihrer Tochter hin, die nahebei mit schwirrendem Fächer bei einer älteren Dame stand. Ich bedaure, ich tanze aber nie, antwortete Carlos mit einer leichten Verbeugung, worauf die Frau mit einem bösen Lächeln antwortete: Ich glaubte, du hättest es in Paris gelernt, lieber Carlos. – Dann wandte sie sich schnell mit den Worten zu Sarah: Nun, Fräulein Black, stimmen Sie an. Sarah spielte den höchst einfachen Tanz, eine Art Ecossaise, leicht vom Blatte, und der größere Theil der Gesellschaft, Alt und Jung, trat vergnügt in die Reihen. Herr Monteno und Armand benutzten diese Zeit, um mit Carlos in dem Nebenzimmer einige Gläser Champagner auf seine erfolgte glückliche Zurückkunft zu leeren, wobei sie sich in Sesseln zusammensetzten und Carlos von seiner Reise erzählen mußte. Die Zeit verging ihnen schnell, die Musik verstummte, und sich erhebend, sagte Carlos: Ich finde es aber sehr rücksichtslos, daß man Fräulein Black während des ganzen Abends an das Clavier gefesselt hält. Thun Sie mir den Gefallen, lieber Armand, und tanzen Sie einmal mit ihr; eine Française kann auch ich zur Noth noch spielen. Sehr gern, wenn sie tanzen will, antwortete Armand. Ich werde mir aber selbst spaßhaft vorkommen, denn damals, bei meinem 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • ZwanZigstes kapitel] 191 Abschiede von der civilisirten Welt, sagte ich auch dem Tanzen Lebewohl. In dem Saale wurden jetzt Kuchen, Weine und Früchte herumgereicht, wobei man sich in Gruppen zusammensetzte und Sarah zwischen zwei älteren Damen Platz nahm. Die Lust am Tanzen war aber so groß, daß man die Pause bald unterbrach, sich erhob und Sarah wieder aufrief, eine Française zu spielen. Da trat Armand mit Carlos schnell zu dieser hin, welche ihren Platz am Clavier wieder einnehmen wollte, und sagte: Fräulein Black, mein lieber Freund Alvano hat sich freundlichst erboten, diese Française selbst zu spielen, damit ich die Freude haben soll, dieselbe mit Ihnen zu tanzen und damit ihm das Glück zu Theil wird, Sie tanzen zu sehen. Sarah’s Antlitz röthete sich bis auf die prächtige Stirn, ihr Blick begegnete dem von Carlos – dann wurde sie bleich, eine Thräne trat glänzend zwischen ihre schwarzen Wimpern, und vor sich niederblickend, sagte sie mit matter Stimme: Ich muß sehr danken – ich tanze nicht – ich habe Trauer. Darauf ließ sie sich vor dem Instrumente nieder, die Thräne fiel in ihren Schooß, und sie begann, die lustige Française zu spielen. Carlos sowie Armand that der Schmerz weh, den sie bei dem Mädchen, ohne es zu wollen, wachgerufen hatten. Sie standen schweigend da und schauten tief ergriffen und mit innigster Theilnahme auf die Spielerin nieder, die jetzt zu ihrem Leid noch fröhliche Tanzmusik ertönen lassen mußte. Jetzt leide ich es unter keiner Bedingung mehr, daß sie noch einen Tanz spiele; ich werde ihren Platz einnehmen, sagte Carlos zu Armand, worauf dieser entgegnete: Und ich werde Sie dabei ablösen; eine Française bringe ich auch noch fertig. Die beiden Freunde hielten zum entsetzlichsten Verdruß von Madame Monteno und auch zum Aerger Cleopatra’s ihr Wort und spielten abwechselnd, so lange man noch tanzen wollte, obgleich Sarah sich wiederholt mit der Bitte an Armand wandte, sie an das Clavier zu lassen, weil sie fürchte, daß Madame Monteno ihr zürnen werde. Doch Carlos gab es nicht zu und hielt sich an sein darauf gegebenes Wort. 5 10 15 20 25 30 35 192 Die alte spanische UrkUnDe Der neue Tag war nicht mehr fern, als die Gäste sich empfahlen und Carlos seinem Freunde Armand bei dessen Fortreiten noch versprach, ihn bald zu besuchen. Am folgenden Morgen, eine halbe Stunde vor der Frühstückszeit, trat Madame Monteno noch im tiefsten Negligé gänzlich unerwartet zu Sarah in das Zimmer, während diese schon längst ihre Toilette beendet hatte und mit einem Buche in der Hand am offenen Fenster saß. Ach, Fräulein Black, ich wollte Ihnen nur schnell sagen, daß Sie künftig alle Ihre Mahlzeiten hier auf Ihrem Zimmer einnehmen werden! sagte sie eilig zu Sarah. Sehen Sie, mein Stiefsohn, der junge Herr Alvano, hat so lange in England und in Frankreich gelebt, wo es nicht Sitte ist, daß die Gouvernanten mit an dem Familientische essen, und er ist ein höchst eigener Mensch, er könnte es mir als Mangel an Rücksicht für ihn auslegen und es mir übel nehmen, wenn Sie beim Essen erschienen. Ich werde dafür sorgen, daß Sie hier auf das allerbeste bedient werden, und zwar vorher, ehe wir zu Tische gehen. Nun aber muß ich eilen – Sie sehen, ich bin noch nicht angezogen, und es ist bald Zeit zum Frühstücken. – Bei diesen letzten Worten raffte sie das Nachtgewand, welches vor ihrem Busen sich geöffnet hatte, über demselben zusammen, eilte nach der Thür und rief Sarah noch im Hinausgehen zu: Ich sende Ihnen Ihr Frühstück bald herauf! Sarah saß wie eine Statue regungslos und bleich und schaute der Frau nach. Als aber die Thür sich hinter derselben geschlossen hatte, fuhr sie von ihrem Stuhle auf, ließ das Buch auf den Tisch neben sich fallen und rang ihre gefalteten Hände über sich, indem sie krampfhaft ausrief: O Gott, o Gott! – Dann senkte sie ihr Antlitz in ihre Hände und netzte dieselben mit ihren Thränen. Wie oft hatte sie es schon gewünscht, daß sie allein in ihrem Zimmer speisen dürfe, um nicht Zeuge von tausend häßlichen Auftritten zwischen den Montenos sein zu müssen – doch jetzt, wo ein anständiger, fein gebildeter Mann als Familienmitglied zwischen ihnen eingetreten war, jetzt sie aus ihrer Gesellschaft zu verweisen, das war eine Herabsetzung, eine Erniedrigung, wogegen sich ihre Seele empörte. Und wie stand sie nun dem jungen Manne gegenüber da, der sie mit so viel Achtung behandelt hatte! Was aber sollte, was 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • einUnDZwanZigstes kapitel] 193 konnte sie thun? Durfte sie ihre Stelle verlassen, mußte sie nicht dem Himmel danken, daß sie hier ein verborgenes Unterkommen gefunden hatte – und würde es nicht gar den Anschein gewinnen, als ob sie des jungen Mannes wegen mit an dem Familientische speisen wollte? So ihren gerechten Unmuth bekämpfend und zugleich durch Thränen ihrem Herzen Erleichterung gebend, schritt sie in dem Zimmer auf und nieder, als die Thür sich öffnete und eine Dienerin eintrat, um den Tisch für Sarah zu decken. Sage Madame Monteno, ich ließe danken, ich würde nicht frühstücken, sagte sie ziemlich heftig zu der Negerin, worauf diese einen theilnehmenden Blick auf Sarah warf und sich nach der Thür zurückwandte. In diesem Augenblicke aber dachte Sarah an ihre Freunde und Beschützer, an Balmore und an Armand; sie rief die Sclavin zurück und bat sie, den Tisch für sie zu decken. In dem Speisesaale stand Madame Monteno mit ihrer Tochter vor dem hohen Wandspiegel, und beide musterten ihre Toilette. Dein Haar ist schön, ist reizend, liebe Cleo, sagte die Frau; es ist nur etwas zu weit auf deiner Stirn herabgewachsen, so daß zwischen ihm und deinen prächtigen Brauen zu wenig Raum für dieselbe bleibt. Du könntest ja etwas davon wegrasiren…. Und dir aufkleben – dann brauchtest du den falschen Scheitel nicht auf den Kopf zu kleistern! antwortete die liebe Cleo mit einem giftigen Gelächter. Madame Monteno durchbebte es in Zorn, sie erglühte bis unter ihr röthliches Haar und zuckte mit ihren Händen, als wolle sie der Tochter Scheitel untersuchen, wie fest er säße; doch sie that sich Gewalt an, trat einen Schritt zurück und sagte: Sieh, Cleopatra, ich sinne Tag und Nacht nur darüber nach, wie ich dein Lebensglück begründen könne, und das lohnst du mir in dieser Weise. Wenn ich dir einen Rath geben wollte, so geschah es im Hinblick auf diese Black, die eine so sehr hohe Stirn hat, wogegen die deinige bedeutend absticht. Ueberhaupt ist uns diese Person jetzt sehr im Wege. Du hast es ja gestern Abend gesehen, wie Carlos um sie herum war, wie er mit diesem Armand abwechselnd statt ihrer Clavier spielte und wie sie ihn durch ihr Betrübtthun festzuhalten wußte. Ich habe 5 10 15 20 25 30 35 194 Die alte spanische UrkUnDe ihr aber einen Riegel vorgeschoben, der Mamsell, und habe ihr angezeigt, daß sie künftig auf ihrem Zimmer speise. Das läge mir auf, daß diese Jungfer den Carlos dir vor der Nase wegkaperte und wir Beide sie dereinst um ein Gnadenbrod ansprechen müßten! Halt’ dich jetzt an ihn, Cleo, jetzt ist es Zeit, laß dich nichts verdrießen! Du müßtest meine Tochter nicht sein, wenn du diesen Hochmuthspinsel nicht in deine Gewalt bekommen könntest! Füge dich jeder seiner Launen; ist er trübe gestimmt, so thue, als ob dir das Herz brechen wolle, ist er heiter, so sei selbst Freude und Lust und laß ihn unter deinen Liebkosungen gar nicht zur Besinnung kommen. Trage die häßlichen, weiten Pantoffel nicht mehr, kannst dir ja noch heute ein Paar recht zierliche, feine aus der Stadt holen, und dann zeige ihm in deiner Morgentoilette deinen schönen Fuß. Kannst dich auch einmal mit losem Haar von ihm überraschen lassen – kurz, jetzt mußt du ihn fangen, koste es, was es wolle, sonst wirst du mit mir Bettlerin! Außerdem müssen wir fest zusammenhalten, denn die Freundschaft zwischen Carlos und Monteno wird uns gefährlich. Mit dem Jungen konnten wir schon fertig werden, jetzt aber ist er mündig und scheint sich sehr unabhängig zu fühlen. In einer oder der anderen Weise müssen wir ihn beherrschen, sonst sind wir verloren! Noch ergoß sich die Frau in guten Lehren gegen ihre Tochter, als die Thür sich öffnete und Carlos mit Herrn Monteno am Arme in das Zimmer trat. Mit einem freundlichen, doch fast zu höflichen Morgengruße schritt Carlos zu den beiden Damen, reichte ihnen die Hand und fragte, wie sie geruht hätten. Vortrefflich, du schöner Herr Carlos, ich habe die ganze Nacht von dir geträumt, antwortete Cleopatra übermüthig, schlang ihren Arm um seinen Nacken und küßte ihn trotz seines leichten Zurückweichens. Und wovon hast du geträumt? Ich träume nur selten, entgegnete Carlos; der ganz gesunde, normale Schlaf ist ohne Traum. Du mußt es heute benachsichtigen, daß es mit dem Frühstück etwas spät geworden ist, die Freude aber, dich, unseren Liebling, wieder unter uns zu haben, hielt uns in vergangener Nacht zu lange munter, nahm Madame Monteno das Wort. Bitte, laßt uns nun 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • einUnDZwanZigstes kapitel] 195 gleich Platz nehmen. – Dabei zeigte sie nach den vier Stühlen, die um den Tisch standen, und den einen erfassend, fügte sie zu Carlos gewandt hinzu: Früher saßest du immer mir gegenüber, jetzt aber mußt du an meiner Herzensseite sitzen. Carlos hatte sich, wie Madame Monteno sehr wohl bemerkte, fragend umgesehen und auf die vier Stühle geschaut; jetzt aber, statt der Einladung der Frau zu folgen, sagte er stehen bleibend: Ist Fräulein Black nicht wohl? Eine flüchtige Röthe flog über Madame Monteno’s Antlitz und für einen Augenblick schien ihr die Antwort auf den Lippen sitzen zu bleiben; dann aber sagte sie leichthin: Bitte, nimm nur Platz, lieber Carlos, die Gouvernante speist in ihrem Zimmer. In ihrem Zimmer? wiederholte der junge Mann überrascht. Armand sagte mir doch, daß er sie stets bei Tische getroffen habe! Bester Carlos, ich glaubte dir diese Rücksicht schuldig zu sein. Du hast so lange in England gelebt und hast dort gesehen, daß es in anständigen Häusern nicht Sitte ist, eine Gouvernante mit an dem Familientische essen zu lassen – das ist der Grund, weßhalb ich diese Anordnung traf. Die schönen, edlen Züge des jungen Alvano hatten sich verfinstert und seine großen, schwarzen Augen hatten sich voll Unwillen auf Madame Monteno geheftet. In England speist die Gouvernante mit den Kindern, damit diese auch beim Essen von ihr überwacht werden, sagte er mit erzwungener Ruhe, und außerdem steht dieselbe dort in anständigen Familien an Bildung und feiner Erziehung wenigstens nicht über den Damen des Hauses; hier aber fallen beide Gründe zu ihrer Entfernung weg, und diese Anordnung ist nicht allein eine unverzeihliche Beleidigung gegen die junge Dame, sondern auch eine rücksichtslose Unart gegen meinen Freund Armand, dessen Güte Sie deren Besitz verdanken. Ich muß Sie ersuchen, Madame Monteno, Ihren Fehler sofort wieder gut zu machen und Fräulein Black um ihre Theilnahme an unseren Mahlzeiten zu bitten, widrigenfalls ich selbst darauf verzichten muß. In dem Tone, mit welchem Carlos sprach, und in seinem Blicke lag eine so eiserne Bestimmtheit, daß Madame Monteno die Unmöglichkeit herausfühlte, ihm mit Erfolg das Widerspiel zu halten, sie wurde bald bleich, bald roth, bald lächelte sie, bald zuckten ihre 5 10 15 20 25 30 35 196 Die alte spanische UrkUnDe Gesichtsmuskeln in Zorn und Wuth, doch an Alvano’s kalter Ruhe zerschellten ohnmächtig die Wogen ihrer bösen Leidenschaftlichkeit, und da er nicht sprach, sich nicht setzte und, auf eine Antwort wartend, sie gebietend ansah, so wandte sie sich zu dem mit den Speisen eintretenden Diener und sagte zu ihm: Geh’ hinauf zu Fräulein Black, Cäsar, und sage ihr, wir ließen sie bitten, herunter zu kommen und mit uns zu frühstücken. Bleib’ hier, Cäsar, fiel Carlos gebietend ein und wandte sich dann wieder zu der Frau, indem er sagte: Nicht so, Madame, Sie haben das Unrecht begangen und Sie selbst müssen es wieder gut machen. Gehen Sie gefälligst zu der jungen Dame und versöhnen Sie dieselbe mit einigen freundlichen Worten, damit kein unangenehmes Gefühl in unserem Kreise lebe. Die Frau war leichenblaß geworden, ihre Lippen bebten und ihre Hände rieben einander, als wolle sie die Haut von denselben streifen, doch die Gewalt ließ ihr nur den Einen Weg, sie wandte sich rasch der Thür zu und schoß wie eine Locomotive aus dem Saale hinaus. Cleopatra hatte einige wüthende Blicke auf Carlos abgeschossen und war dann zornbleich an eines der Fenster getreten, doch Carlos beachtete ihr Benehmen nicht, schlang seinen Arm in den des Herrn Monteno und wandelte wie in größtem Gleichmuthe mit ihm im Saale auf und nieder. Hier bringe ich unsere liebe Fräulein Black! sagte Madame Monteno, plötzlich mit Sarah in das Zimmer rauschend, das war denn einmal ein recht dummer Wirrwarr – wir Alle haben einander mißverstanden, und ich in meiner Gutmüthigkeit dachte, es Allen nach Wunsch und recht gut zu machen, und habe es erst recht verdorben! Hierbei lachte sie heiter auf, trug selbst schnell noch einen Stuhl an den Tisch und ließ ein Couvert für Sarah reichen. Nun aber setzen wir uns, sonst werden die Buchweizenkuchen kalt, fuhr sie fort, die liebe Black nimmt an meiner rechten Seite Platz, und Cleo, wandte sie sich zu dieser, setze dich neben unseren lieben Carlos. Carlos vertrat der Frau, welche Sarah bei der Hand hielt und sie nach dem bezeichneten Stuhle drängte, den Weg, begrüßte diese höflich und sagte: Beinahe wäre ich durch dieses Mißverständniß 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • einUnDZwanZigstes kapitel] 197 um die Freude gekommen, Sie jetzt zu sehen und Sie zu fragen, ob Sie mir etwas an meinen Freund Armand aufzutragen haben, ich reite sogleich nach dem Frühstück zu ihm hinüber. Man konnte es sehen, daß Sarah geweint hatte, eine leichte Röthe flog aber bei der Anrede des jungen Mannes über ihre Wangen und ihre milden blauen Augen mit einem Ausdruck des Dankes zu ihm erhebend, sagte sie: Meine herzinnigsten Grüße wollen Sie ihm freundlichst überbringen und meinen Dank für die viele Güte und Freundschaft, womit er mich ununterbrochen so sehr beglückt. Nun nehmt Platz, die Kuchen werden ganz kalt, mahnte Madame Monteno jetzt wieder, worauf Alle sich um den Tisch reihten. Carlos unterhielt sich während des Essens viel mit Cleopatra, bezeigte ihr seine Freude darüber, daß sie Unterricht im Clavierspielen nähme, versprach ihr, die beste Musik für sie von England und Frankreich kommen zu lassen, so wie eine gute Lecture für sie anzuschaffen, und erzählte ihr von seinen Reisen, so daß das Gesicht der Madame Monteno sich mehr und mehr erheiterte; denn Carlos richtete weder Blick noch Wort mehr an die gefürchtete Gouvernante. Als das Frühstück beendet war und ehe man den Saal verließ, verneigte sich Carlos leicht gegen Sarah und sagte, er würde ihren Auftrag gewissenhaft ausrichten. Eine Viertelstunde später bestieg er ein Pferd und folgte dem Fußpfad an der Einzäunung herauf, welcher nach Armand’s Burg führte, denn derselbe war ein Lieblingsweg von ihm aus seinen Knabenjahren her. Cleopatra hatte ihn bis auf die Treppe vor dem Hause begleitet und dort, als er das Roß bestieg, Abschied von ihm genommen und ihm gesagt, daß sie auf die Minute Rechnung führen würde, wie lange er ausbliebe; sie war aber dann in das Haus zurückgekehrt, so daß, als Carlos außerhalb des Eisengitters an demselben vorüberritt, weder sie noch Madame Monteno zu sehen war. Doch sein Blick hob sich über die Veranda hinauf nach dem oberen Stock, und durch ein offenes Fenster erblickte er Sarah’s schwarze Gestalt etwas im Zimmer zurückstehend und nach ihm herabschauend. 5 10 15 20 25 30 35 198 Die alte spanische UrkUnDe In dem Augenblicke, als er sie sah, wollte sie noch weiter zurückweichen, doch er war schneller als sie, zog sie grüßend seinen Hut und erhielt ihren Gegengruß. Er meinte, er hätte das liebliche Erröthen wieder auf ihren Wangen gesehen, und wandte sich auf seinem Wege nach der Burg noch wiederholt nach ihr um, doch er gewahrte sie nicht wieder. Und doch sah Sarah ihn, sie war aber weiter zurückgeglitten, von wo aus sie kaum über die Fensterbank hinausschaute, und in der That war ihr das Blut in die Wangen getreten, so daß sie, als der Reiter hinter der Burg verschwunden war, nach dem Spiegel schritt und sich verwundert anschaute. Sonderbar, daß sie diesem Manne gegenüber immer erröthen mußte, er gab ihr ja doch nicht die entfernteste Veranlassung dazu! Das Erscheinen Cleopatra’s unterbrach sie in ihren Betrachtungen und verscheuchte die frische Farbe schnell von ihren Zügen; denn die Clavierstunde nahm ihren Anfang und das reine Gehör Sarah’s und ihre Geduld wurden in entsetzlicher Weise auf die Folter gespannt. Die Ankunft des jungen Alvano überraschte Armand freudig, er hieß ihn herzlich willkommen und dann wandelten sie in das schattige Wäldchen nach dem trauten Sitz unter der Cypresse, um deren Riesenwurzeln ein mächtiger Quell rauschend hervorsprudelte und wo die Beiden in früheren Jahren so manche Stunde angenehm verplaudert hatten. Obgleich Armand gegen zehn Jahre älter war, als Alvano, so hatte sie doch ein enges Freundschaftsband umschlossen, denn Armand hatte den geistreichen, edlen Knaben schon lieb gewonnen, hatte seine Freude an der herrlichen Entwicklung des Jünglings gehabt und schon mehrere Jahre vor der Abreise desselben nach England war er sein vertrautester, innigster Freund geworden. Carlos gab ihm nun, als sie sich beisammen in dem kühlen Schatten der prächtigen, immergrünen Bäume niedergelassen hatten, einen flüchtigen Umriß von seinem Leben, seit sie von einander geschieden waren, und Armand theilte ihm eben so mit, was sich seitdem mit ihm zugetragen hatte. Dieser Bericht führte ihn schließlich auf das Erscheinen der Gouvernante, und nach seiner 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • ZweiUnDZwanZigstes kapitel] 199 Mittheilung, was sich Alles in Bezug auf dieselbe ereignet hatte, sprach er auch seine Ansichten über ihre Persönlichkeit aus. Dieses Geheimnißvolle, in welches sie sich hüllt, macht sie mir noch interessanter, während ihre erduldeten Leiden schon meine innigste Theilnahme für sie erwecken, sagte Carlos; sollte man denn nichts Näheres über sie erforschen können? Ich glaube nicht, antwortete Armand, es scheint ein sehr ernstes Geheimniß über ihr zu hangen, dessen Aufklärung ihr Gefahr bringen würde, denn sonst hätte Balmore mir sicher mehr über sie anvertraut. Sie ist ein ungewöhnliches, edles Mädchen, mag sie sein, wer sie will, versetzte Carlos und theilte Armand nun den Vorfall von diesem Morgen beim Frühstück mit. Unerhört! sagte Armand, als sein Freund die Erzählung beendet hatte. Es ist mir des armen Mädchens halber ein wahrer Trost, daß Sie zurückgekehrt sind, denn nun findet sie in Ihnen einen Freund, eine Stütze. Das werde ich ihr sein, darauf dürfen Sie sich verlassen, versetzte Carlos warm und wandte immer und immer wieder die Unterhaltung auf die Gouvernante, so daß Armand das Interesse nicht entging, welches der junge Freund an dem Mädchen nahm. Er sagte aber nichts darüber, weil er eine Annäherung zwischen Beiden weder veranlassen noch aber verhindern wollte. Carlos ließ Armand keine Ruhe, er mußte satteln lassen und mit ihm nach Montenos reiten, wo sie kurz vor dem Mittagessen eintrafen und von wo Armand erst spät Abends wieder aufbrach. Einige Monate waren verstrichen, die durch das Eintreten des jungen Alvano etwas aus dem alten Geleise gekommenen Verhältnisse hatten sich dem Aeußern nach geglättet und Madame Monteno war gegen Carlos sowohl als auch gegen Sarah die Freundlichkeit selbst. In ihrem Herzen aber mehrte sich der Haß, die Wuth gegen Beide von Tag zu Tag, und sie fühlte, daß sie nicht lange mehr dieser Selbstverläugnung fähig sein würde. Sie hatte Niemanden mehr, an dem sie ihre böse Leidenschaftlichkeit auslassen konnte, denn dieser verhaßte Mensch, dieser Carlos, nahm Monteno sowohl als auch die Gouvernante unter seinen Schutz, und er spielte so 5 10 15 20 25 30 35 200 Die alte spanische UrkUnDe rücksichtslos den Herrn hier, daß sie es gar nicht wagen durfte, ein Wort gegen ihn zu äußern. Und Cleopatra war ihr über den Kopf gewachsen, sie hatte eine für Madame Monteno so unangenehme Manier, gegen sie aufzutreten, daß sie sich vor ihr fürchtete. So konnte es nicht bleiben, es mußte und sollte in der einen oder in der anderen Weise zu einem Ende gebracht werden. Eines Abends, als die Sonne sich hinter die Burg senkte, saß Madame Monteno mit ihrem Gatten und ihrer Tochter unter der Veranda in eifrigem Gespräch. Ich meine, es wäre die höchste Zeit, sich mit diesem aufgeblasenen Jungen aus einander zu setzen, sagte die Frau, ihrer Wuth die Zügel gebend. Du siehst, wo hinaus es geht, diese hergelaufene Person zieht ihn täglich mehr in ihr Netz, und wie lange wird es dauern, so stellt er sie uns als seine Gemahlin vor. Dann ist es aus mit einer Abfindung, darum morgen am Tage sollst du mit ihm darüber reden und ihm dein Recht auf die Revenuen für eine runde Summe verkaufen. Ich will aber zugegen sein, damit du uns durch deine Dummheit nicht noch tiefer in das Unglück bringst, als du es schon gethan hast. Haben wir das Capital, so bin ich mit Cleopatra gesichert und ich brauche mich nicht vor diesem Einfaltspinsel zu demüthigen und zu fürchten. Wie du willst, liebe Frau, ich thue alles gern, was du wünschest, antwortete Monteno unterwürfig, und ich glaube auch, daß Carlos uns zu Gefallen darauf eingehen wird. Horch! sagte die Frau plötzlich mit einer wüthenden Geberde, da geht das Geklimper wieder los, er wird wohl wieder oben bei ihr sitzen und schmachten, dieser Strohkopf! Morgen früh nach dem Frühstück sage ich, Mann, müssen wir es fertig machen, hörst du? Gewiß, gewiß, liebe Frau, antwortete Monteno, da ertönte die Stimme Sarah’s und wogte bald mild und klagend, bald in ergreifenden, gewaltigen Klängen in die stille Abendluft hinaus. Höre nur, da fängt sie wieder an zu singen; das geht manchmal, als ob sie in Thränen zerfließen wollte, und dann wieder kreischt sie, als wenn sie an einem Messer steckte! rief Madame Monteno mit einem giftigen Lachen und stieß, Sarah’s Gesang nachäffend, 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • ZweiUnDZwanZigstes kapitel] 201 einige höchst unharmonische Töne aus. So war es recht, Mamsell, trillere den Gimpel nur fest in dein Netz hinein, er ist nichts Besseres werth, als von einer Landstreicherin, wie du es bist, gefangen zu werden! Während Madame Monteno nun ihrem Zorn nach Herzenslust Luft machte, saß Carlos in der That in der Unterrichtsstube am offenen Fenster und lauschte Sarah’s reizendem Gesang. Seine hohe, prächtige Gestalt war, wie von den Zaubertönen überwältigt, in den Sessel hingesunken, sein Arm ruhte auf der Fensterbank und sein fein geschnittenes Antlitz hatte sich, etwas geneigt, nach der Sängerin zur Seite gewandt. In tiefster Seele ergriffen, hielt er mit seinem Blick die schöne Jungfrau umfangen, wie sie bald ihre gewölbten, lang bewimperten Lider mit den ersterbenden Tonwellen ihrer Stimme sinken ließ, bald mit deren vollen, aufsteigenden Wogen ihr glänzendes Auge nach oben richtete, als flehe sie den Himmel um Erbarmen, um Beistand an. Carlos hatte sie schon oft singen hören – mochte es aber nun in seiner augenblicklichen, durch das Feierliche des Abends, durch das magische Licht der in dunklem Purpur versinkenden Sonne erzeugten Stimmung liegen, so gewaltig ergreifend, so unwiderstehlich mit sich fortreißend hatte sie ihm noch nie gesungen. Und ähnlich so fühlte Sarah, es war ihr, als müsse sie Carlos augenblicklich die geheimsten Gedanken ihrer Seele, die leisesten Regungen ihres Herzens so wahr und so offen durch ihren Gesang aussprechen, wie nie vorher, es war ihr, als sei er der Mann, dem sie Alles sagen, Alles anvertrauen könne. Und Carlos fühlte es, was sie ihm sagte, er fühlte mit ihr das Leid, das Weh, welches sie ihm klagte; es zog ihn mit unsichtbarer Hand zu ihr hin. Lautlos schritt er näher und näher zu ihr, und er stand dicht hinter ihrem Stuhl, als ihr letzter Ton von ihren Lippen verwogte und ihr Lockenhaupt sich über ihre sinkenden Hände neigte. Nennen Sie mir Ihren Schmerz, getheilt wird alles Unglück leichter getragen, sagte er, die eingetretene Stille brechend, und legte leise seine Hand auf Sarah’s Schulter. Sie antwortete nicht, wohl aber bewegte sie wie verneinend ihren Kopf. 5 10 15 20 25 30 35 202 Die alte spanische UrkUnDe Haben Sie kein Vertrauen zu mir, Mary? fragte Carlos dann mit theilnehmender, weicher Stimme und legte seine Hand um die ihrige. Da hob sie ihren thränenschweren Blick zu ihm auf, sah ihn wehmüthig lächelnd an und sagte: Alles, Alles, ja, meine Seele würde ich Ihnen anvertrauen, mein Unglück, meinen Schmerz muß ich allein tragen. Nein, nein, das sollen, das dürfen Sie nicht, die Vorsehung, die Ihnen das Unglück auferlegte, hat Sie in dieses Haus, hat mich aus weiter Ferne zu Ihnen geführt, um Ihnen Trost und Beistand in mir zu verleihen; o, weisen Sie meine Hülfe nicht zurück, bat Carlos tief bewegt und hielt noch immer Sarah’s Hand in der seinigen. Sie war aufgestanden und ließ ihm die Hand, während sie vor sich niederblickend sagte: Ich darf mit meinem Schicksal das Ihrige nicht belasten, es würde ein schlechter Dank für Ihre Freundschaft sein! So lassen Sie aus unser Beider Schicksal eines werden, dann tragen wir Freud und Leid zusammen; seien Sie mein, Mary, Sie sollen in der Seligkeit, die Sie mir geben, Ihren eigenen Schmerz vergessen, entgegnete Carlos in überwogendem Gefühl, drückte seine Lippen auf ihre Hand und wollte sie an sein Herz ziehen, da trat sie bittend von ihm zurück und sagte: Ja, ja, das will ich mit meinem ganzen Sein, nur jetzt noch nicht, erst dann, wenn mein Geschick entschieden ist und keine fremde Macht mehr in mein Leben eingreifen kann. Dann bring’ ich Ihnen Glück und Freude mit und will den Schmerz, der mir auch dann noch bleibt, in unserer Beider Seligkeit vergessen! Hierauf gab sie ihm ihre beiden Hände, drückte herzinnig die seinigen und glitt mit einem Blick, in dem das Versprechen ihrer unwandelbaren Liebe lag, in ihr anstoßendes Zimmer. Am folgenden Morgen nach dem Frühstück, während dessen Carlos ernster, doch auch weicher als gewöhnlich gestimmt erschien, bat ihn Herr Monteno, ihn in sein Zimmer zu begleiten, weil er wünsche, mit ihm über die Vermögensangelegenheiten zu reden. Madame Monteno hatte sich bereits dort eingestellt und empfing Carlos mit großer Liebenswürdigkeit. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • ZweiUnDZwanZigstes kapitel] 203 Sie hatten zusammen Platz genommen und Herr Monteno trug nun seinen und seiner Gattin Wunsch vor, seine lebenslängliche Berechtigung auf die Einkünfte von Carlos’ Vermögen ihm gegen eine runde Summe zu verkaufen. Dieser hatte ihm sinnend zugehört, auch die Einschaltungen der Frau in die Rede ihres Gatten schweigend geschehen lassen, bis endlich Herr Monteno verstummte und seine Antwort erwartete. Ich sehe den Grund nicht ein, lieber Vater Monteno, weßhalb Sie ein einzelnes Capital statt der freien Disposition über die ganzen Revenüen meines großen Vermögens als Eigenthum zu erhalten wünschen, hub Carlos an, dabei würden Sie Sich ja viel schlechter stehen und eine gewisse Trennung würde zwischen uns Statt finden; meine Einkünfte reichen ja für uns Alle über und über aus. Es ist um Lebens und Sterbens willen, antwortete die Frau schnell, wenn mein lieber Gatte, wovor der Himmel ihn noch lange bewahren möge, durch den Tod abgerufen werden sollte, so würde ich mit meinem Kinde arm und verlassen dastehen. Und woraus schließen Sie das, Madame Monteno, etwa aus dem Gefühl, daß Sie es verdient hätten? fragte Carlos. Trotzdem aber würden Sie nicht arm und verlassen bleiben, da ich testamentarisch Ihnen und Ihrer Tochter eine sorgenfreie Zukunft sichern werde. So würden wir Beiden immer von Ihrer Gnade abhangen, und das ist ein drückendes Gefühl, entgegnete die Frau vor Zorn bebend, zwang aber ein mildes Lächeln auf ihre Züge und fügte mit bittend wehmüthigem Tone noch hinzu: Das wird Ihr edles Herz uns ja wohl erlassen! Nein, Madame Monteno, das wird es nicht, antwortete Carlos ruhig, doch mit eiserner Bestimmtheit. Es ist meine Pflicht, meinem guten Stiefvater gegenüber Sie in Abhängigkeit von mir zu erhalten, und Sie dürfen auf mein edles Herz, wie Sie es augenblicklich nennen, rechnen, daß es nach Maßgabe Ihres Verhaltens gegen ihn und gegen Ihren häuslichen Kreis auf das Beste für Sie sorgen wird. Das ist alles, was ich mit Ihnen über diese Angelegenheit zu verhandeln habe. Bei diesen Worten erhob sich Carlos, verneigte sich vor der Frau, die wie eine gelähmte Furie bleich und wuthbebend ihn anstierte, 5 10 15 20 25 30 35 204 Die alte spanische UrkUnDe drückte Herrn Monteno mit liebevoller Wärme die Hand und verließ das Zimmer. – Das Verhältniß des jungen Alvano zu Sarah war ihm selbst jetzt ein eben so großes Geheimniß wie sie es ihm blieb. Alles, was sie that, ihr ganzes Dichten und Trachten schien nur nach dem Einen Ziele zu streben, ihm ihre innigste, ihre wahrste Liebe darzuthun, mit jedem Blick sprach sie es ihm aus, daß sie nur für ihn denke, nur für ihn lebe, und jedes ihrer Worte athmete die seelenvollste Hingebung für ihn, und dennoch hielt sie ihn fern von sich und verwies ihn auf die Zeit, wo ihr Geschick entschieden sein würde und sie frei von den ihr drohenden Mächten die Seinige werden könne. Und wann, geliebte, angebetete Mary, wird die Zeit kommen? fragte er oft, wenn er Abends Hand in Hand mit Sarah durch die verschlungenen Wege des Parkes oder an dem mit Blumen übersäeten Ufer der brausenden Leone hinwandelte. Bald, bald, Herr Alvano! antwortete Sarah dann immer mit einem bangen, tiefen Athemzuge und sah ihn an, als solle er ihre unwandelbare Liebe, ihre Treue in ihren großen blauen Augen lesen. Doch Tag auf Tag eilte dahin und in der Stellung der Liebenden zu einander trat keine Aenderuug ein. Da brachten die Zeitungen wieder neue Nachrichten über die Grant-Angelegenheit in Alabama und berichteten, daß auch die Nachbarstaaten keine Miliz gesandt hätten, um den Sheriff bei der Besitznahme des Grants zu unterstützen, und daß man nun mit Spannung den Schritten der Regierung in Washington entgegensähe. Zugleich aber wurde die bestimmte Ansicht ausgesprochen, daß es dabei nun wohl sein Bewenden haben und die Besitznahme als unausführbar aufgegeben werden würde, so wie, daß man hoffe, die unverschämte Klägerin werde bald ihren verdienten Lohn für die den Bewohnern des Grants verursachten Sorgen erhalten. Diese Nachricht wurde in C….. und in der Umgegend mit allgemeinem Jubel begrüßt, für Sarah aber war sie wieder ein niederschmetternder Schlag, denn nicht allein, daß die Besorgniß für ihre persönliche Sicherheit dadurch wieder von Neuem gesteigert wurde, aber auch die so heiß ersehnte Zeit, wo sie dem Geliebten ihres Herzens, Carlos gegenüber, die Maske abwerfen und sich ihm mit 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • DreiUnDZwanZigstes kapitel] 205 ihrem ganzen Sein als Eigenthum hingeben dürfe, war nun wieder in unabsehbare Ferne hinausgerückt. Sie that sich allen Zwang an, um ihm ihre neuen Sorgen zu verheimlichen, dennoch erkannte dieselben sein liebendes Auge, umsonst aber drang er wieder und wieder in sie um Aufklärung über die Ursache ihrer vermehrten Traurigkeit; sie blieb bei ihrem Schweigen. Schon zu verschiedenen Malen seit dem Eintreffen der Nachricht über den Mendoza-Grant hatte Sarah Abends einen hohen Busch auf dem Thurme der Burg Armand’s bemerkt, welchen Patrick dort als Zeichen, daß er sie zu sprechen wünsche, aufgesteckt hatte. Aber es war ihr immer unmöglich gewesen, unbemerkt sich fortzuschleichen und nach der Ruine zu gehen, denn Carlos ergriff so gern jede Gelegenheit, um sie bei ihren Spazirgängen zu begleiten. Wieder gewahrte sie eines Abends, als die Sonne sich neigte, den sie zu ihrem Freunde rufenden Busch auf dem Thurme, und schnell war sie entschlossen, seinem Rufe zu folgen, wenn es ihr irgend möglich werden würde. Sie nahm Hut und Shawl zur Hand, eilte, ohne gesehen zu werden, aus dem Hause und aus dem Parke und folgte mit schnellen Schritten dem Fußpfade nach der Ruine hinauf. Während sie nun auf dem Ufer der Leone dahineilte, kam Carlos auf der anderen Seite des Flusses von der Plantage her und sah mit einem Blicke durch die Büsche um ihn eine weibliche Gestalt auf dem Pfade nach der Burg gehen. Der Gedanke, daß es die Gouvernante sein könne, die einen Abendspazirgang mache, wurde in ihm wach, und er beeilte seinen Schritt über die Brücke und nach dem Hause, wo er schnell nach seinem Zimmer sprang und an das Fenster trat. Er hatte sich nicht getäuscht, es war die Gouvernante gewesen, die er gesehen hatte, denn dort ging sie noch und hatte jetzt den Fuß des Hügels, auf welchem die Burg stand, erreicht. Sie hatte ja den Weg aber in sehr kurzer Zeit zurückgelegt – warum war sie denn in einer solchen Eile? dachte Carlos, nahm sein Fernrohr von dem Schreibtische und richtete es nach der Geliebten hin. 5 10 15 20 25 30 35 206 Die alte spanische UrkUnDe Sein Auge hatte sie eben erfaßt, als sie den Hügel erstieg und dem Thore der Burg zuschritt, da trat aus demselben eine zweite Gestalt, ein Mann hervor. Carlos erschrak, die Geliebte war ja allein! Doch anstatt ihren Schritt zu hemmen, ging sie nur noch schneller dem Manne entgegen, streckte ihre Hände nach ihm aus, und er, ihre Rechte ergreifend, drückte seine Lippen darauf. Im nächsten Augenblicke waren sie durch das Thor in die Burg hinein verschwunden. Wie vom Tode berührt, fuhr es Carlos eisig kalt durch die Seele, alle Lebenswärme schien seinen jungen, kräftigen Körper verlassen zu haben, seine Pulse schienen erstarrt zu sein, und wie von Frost geschüttelt, hatte er kaum noch die Kraft, das Fernglas vor sein Auge zu halten. War d i e s e s Mädchen eine Heuchlerin, so gab es kein wahres Weib auf Erden! – Und doch, hatte er es nicht mit eigenen Augen gesehen, wie sie dem Manne entgegenflog, wie er ihre Hand küßte, wie sie eilig zusammen in die Burg glitten? Nein, nein – und es war doch nicht wahr – Mary war unschuldig, war rein – mochte sie thun, was sie wollte, mochte der Schein noch mehr gegen sie reden – eher würde die Sonne von ihrer Bahn weichen, als sie, wenn auch nur mit einem Gedanken, von dem Wege der Tugend! Aber Carlos hatte es gesehen, und diese höllische Gewißheit konnte er mit all seinem Glauben an die Bravheit des Mädchens nicht hinwegläugnen, – da war die erste Betäubung vorüber, es flammte wild und heiß in ihm auf, er mußte wissen, wer der Mann war, der zwischen ihn und sein Lebensglück trat. Er hatte das Fernrohr auf den Tisch geworfen und wollte sich vom Fenster nach der Thür wenden, da sah er einen Reiter neben der Burg über dem Hügel auftauchen und auf dem Fußpfade herantraben. Ohne denselben weiter eines Blickes zu würdigen, sprang Carlos aus dem Hause und nach dem Pfade und eilte mit Sturmschritten der Burg zu. Da kam der Reiter daher und rief ihm einen Guten Abend entgegen. Es war Doctor Absinthe, der von einem Besuche bei einem Kranken an der anderen Seite der Leone zurückkehrte und diese auf der Furth unterhalb der Burg durchritten hatte. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • DreiUnDZwanZigstes kapitel] 207 Ich habe so eben etwas gesehen, was ich nicht geglaubt haben würde, wenn mich meine eigenen Augen nicht davon überzeugt hätten, hub Absinthe mit einem schlauen Blicke an. Und das war? fragte Carlos erschrocken, doch äußerlich mit scheinbarer Ruhe. Nun, Fräulein Black in Umarmung mit einem Manne, antwortete Absinthe lachend. Doch im selbigen Augenblicke hatte Carlos mit der Linken den Zügel des Pferdes ergriffen, erfaßte den Doctor bei der Brust und schüttelte ihn, indem er schrie: Du lügst, Schurke – sage die Wahrheit, oder ich zerreiße dich! Absinthe hatte einen heftigen Schrecken bekommen und stotterte mit bebender Stimme: Nun, nun, Herr Alvano – bitte, lassen Sie mich gehen – wenn es auch keine Umarmung war, so hatte doch Fräulein Black ihre schöne Hand auf die Schulter des Herrn gelegt. Ich kam gerade von der Furth heraufgeritten und sah durch die Oeffnung in der Mauer die Dame und den Herrn zusammenstehen – wahrscheinlich ein Bekannter von Fräulein, dem sie zufällig dort begegnete. Carlos hatte ihn wieder losgelassen und sagte, sich sammelnd und seine Stimme gewaltsam niederhaltend, zu ihm: Sie sehen, Herr Doctor, wie leicht man dem guten Rufe einer Dame schaden kann. Fräulein Black ist mit einem Bekannten von mir voranspazirt, weil ich zu Hause aufgehalten wurde, und ich bin eben auf dem Wege, mich zu ihnen zu begeben. Merken Sie es Sich, Herr Doctor, daß Sie niemals wieder mit Einem Worte dem Fräulein zu nahe treten, ich möchte Ihnen sonst keine Zeit geben, Sich zu entschuldigen – kurz, reden Sie überhaupt nicht über Fräulein Black. Hiermit wandte sich Carlos von Absinthe ab, und dieser beeilte sich, aus der Nähe des so sehr gereizten jungen Mannes zu kommen. Jetzt mäßigte Carlos seine Schritte. Die Lehre, wie leicht man dem Rufe eines Mädchens zu nahe treten könne, welche er dem Doctor gegeben hatte, wirkte nun auf ihn selbst zurück – wie leicht war es möglich, daß das Zusammentreffen der Gouvernante mit dem fremden Manne eine gänzlich unschuldige, reine Veranlassung hatte – vielleicht stand es ja in Bezug zu dem unseligen Geheimnisse, welches so schwer auf ihr lastete, und war er selbst denn 5 10 15 20 25 30 35 208 Die alte spanische UrkUnDe dazu berechtigt, den Schleier davon eigenmächtig zu lüften, den sie so ängstlich, mit so großer Sorgfalt niederzuhalten suchte? Carlos blieb stehen, er fühlte, daß es nicht recht, nicht edel von ihm sein würde, das Mädchen zu belauschen, zu überraschen und ihr einen Verdacht zu zeigen, den er, wenn er sie wahrhaft liebte, gar nicht gegen sie hegen durfte; denn wie konnte er sie lieben und zugleich sie einer Verworfenheit fähig halten? Nein, sie war ein unschuldiger, ein reiner Engel, mochte auch tausendmal der Schein gegen sie sein! So dachte, so fühlte Carlos in dem Augenblicke, als er Sarah aus der Burg hervortreten und den Pfad herabkommen sah. Nicht ohne Herzklopfen, ohne banges Erwarten ging er ihr entgegen – was würde er in ihren Augen lesen? Er wollte heiter, wollte unbekümmert erscheinen; doch mit jedem Schritte, um den er ihr näher kam, mehrte sich seine Unruhe, wuchsen seine Zweifel. Er spähte nach ihr hin, er wollte ihrem Blicke schon von fern begegnen – sie schaute vor sich nieder, als hätte sie ihn noch nicht bemerkt. – Und das war nicht so, denn in dem Augenblicke, als sie aus der Burg getreten war, hatte sie nach ihm hergesehen und mußte ihn auf der kahlen Grasfläche erkannt haben. Es lief Carlos siedend heiß durch die Adern – wäre es möglich, daß sie doch schuldig wäre! Da sah sie zu ihm auf, nicht aber, als ob sein Anblick sie überrasche, sie in Verlegenheit bringe, sondern als ob sie ihn schon lange bemerkt, ihr Erlebniß in der Burg aber sie so gewaltig ergriffen habe, daß sie die Augenblicke auf dem Wege herab nöthig hatte, sich zu sammeln. Ich danke Ihnen, daß Sie mir die Freude schenkten, mir entgegen zu kommen, sagte Sarah so unbefangen, wie nur ein reines Gewissen es konnte, und reichte Carlos mit liebevollem, doch wehmüthigem Blicke ihre Hand. Sie hatten so plötzlich das Haus verlassen und sind mit solcher Eile nach dem Fort gegangen…. hub dieser an und sah ihr dabei fragend in die Augen. Ich m u ß t e hinauf in die Burg eilen, antwortete sie ruhig und ging dann schweigend mit Carlos Hand in Hand auf dem Ufer der Leone hin. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • DreiUnDZwanZigstes kapitel] 209 Eine jede weitere Frage nach der Ursache zu diesem Müssen war für ihn jetzt unmöglich, denn sie hatte es ja vollständig zugegeben, daß irgend eine besondere Veranlassung sie hingerufen hatte; worin dieselbe aber bestand, besaß sie das Recht, zu verschweigen, und er hatte kein solches, sie um Auskunft darüber anzugehen. Jetzt schien es ihm klar zu werden, weßhalb sie ihn noch fern von sich hielt, obgleich sie ihm doch das Versprechen gegeben hatte, die Seine werden zu wollen – er sollte das Recht nicht haben, sie über ihr Thun und Lassen zur Rechenschaft zu ziehen. Bisher hatte das Geheimniß, in welches Sarah sich hüllte, in keiner Weise einen störenden, einen unangenehmen Eindruck auf Carlos gemacht, im Gegentheil, es hatte, weil sie darunter duldete, sein Herz noch mehr ihr zugewandt; jetzt aber war es beunruhigend und Zweifel erweckend zwischen ihn und sie getreten, und so sehr er sich auch bemühte, den unbedingten Glauben an sie festzuhalten, so drängte ihm das Bild des fremden Mannes und Sarah’s Freundlichkeit gegen denselben unabhaltbar immer wieder neuen Argwohn gegen sie in die Seele. Weder Carlos noch der Doctor hatten Patrick erkennen können, als sie ihn mit Sarah erblickten, denn derselbe ging stets in seiner Arbeiterkleidung, einem groben Leinenanzuge und einem alten Strohhute, während er immer, wenn er sich auf die Burg begab, um mit Sarah zusammenzutreffen, eine schwarze Tuchkleidung und einen schwarzen Cylinder wählte. Sarah bemerkte es sehr wohl, daß Carlos seit jenem Abend ernster und nachdenkender war, daß sein freundliches Benehmen gegen sie von einem Zwange zeugte, den er sich anthat, um eben so liebevoll, eben so herzlich gegen sie zu sein wie früher, und daß die Zeichen ihrer Zuneigung, welche sie noch mehr sich bemühte, ihm zu geben, nicht wie sonst jede trübe Wolke von seiner Stirn verscheuchten. In jedem Blicke, womit er dem ihrigen begegnete, las sie seine Zweifel und die Qualen, welche dieselben ihm schafften, und in jedem Worte, das er zu ihr sprach, erkannte sie, daß das ungetrübte Glück, welches der Glaube an ihre Gegenliebe ihm gegeben hatte, von ihm gewichen sei. Und wie schwer, wie entsetzlich schmerzend fielen diese Zeichen von Mißtrauen gegen sie in Sarah’s Herz, wie tief unglücklich 5 10 15 20 25 30 35 210 Die alte spanische UrkUnDe machten sie dieselbe – wie so gern hätte sie sich Carlos an die Brust geworfen und ihm Alles aufgeklärt! Aber wie konnte, wie durfte sie es! Hatte sie Starford nicht bei dem Andenken an ihren geliebten Bruder das heilige Versprechen gegeben, Niemandem, wer es auch sein möge, ihr Geheimniß zu verrathen, und wenn sie es doch that, konnte ein unglücklicher Zufall, ein unbesonnenes Wort dem Eingeweihten dasselbe nicht entreißen und sie den sie suchenden Meuchelmördern Preis geben? Wo Carlos ging und stand, verfolgte ihn das Gespenst der Eifersucht, der Mann in dem schwarzen Anzuge mit dem Cylinder auf dem Kopfe, wie er der Gouvernante die Hand küßte und mit ihr in die Burg eilte, kam nicht mehr vor seinem Geiste fort; er sah ihn, wenn er sich zur Ruhe niederlegte, sah ihn in seinem Traume, und wenn er erwachte, stand er wieder vor ihm. Wiederholt war Carlos im Begriffe, zu Armand zu reiten, um ihm das Geschehene mitzutheilen, aber immer schreckte er vor dem Gedanken zurück, die Geliebte in dessen Achtung herabzusetzen und auch möglicher Weise ein großes Unrecht an ihr zu begehen. So verschloß er sein Elend, seinen Schmerz in sich selbst und sann und sann auf Mittel und Wege, etwas Näheres über seinen unbekannten Störenfried erfahren zu können. Es war ihm seit mehreren Tagen vorgekommen, als ob er in der Gouvernante Abends gegen Sonnenuntergang eine gewisse Unruhe, eine Zerstreutheit bemerkte, ja, als ob seine Gegenwart im Hause ihr nicht erwünscht sei, denn wenn er mit ihr sprach, so dachte sie augenscheinlich an etwas Anderes, und sie verließ ihn oft während der Unterhaltung und begab sich auf ihr Zimmer. War aber die Sonne versunken und die Zeit zu einem Spazirgange vor- über, dann kehrte die gewohnte Ruhe wieder in sie zurück. Sollte sie abermals eine Zusammenkunft mit dem fremden Manne verabredet haben? dachte Carlos, und sofort war sein Beschluß gefaßt, ihr die Gelegenheit dazu zu bieten, sie aber dann zu beobachten, ohne es sie jemals wissen zu lassen, mochte er dadurch auch vom Schlimmsten überzeugt werden. Die Sonne begann wieder, sich zu neigen, als Carlos im Jagdanzuge mit der Büchse unter der Veranda erschien, wo die Montenos 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • DreiUnDZwanZigstes kapitel] 211 mit Sarah noch, seit sie Kaffee zusammen getrunken hatten, saßen und sich des Schattens und der Kühlung, welche aus der kalten Leone zu ihnen aufstieg, erfreuten. Sieh, Carlos – willst du auf die Jagd gehen? fragte ihn Herr Monteno freundlich, indem er aufstand und ihm die Hand reichte. Es wird dir gut thun, dir eine tüchtige Bewegung zu machen; du bist in der letzten Woche gar nicht so vergnügt gewesen wie sonst. Unwillkürlich wandte sich Carlos bei diesen Worten des Alten nach Sarah um, welche ihre Hände gefaltet auf ihr Herz preßte und ihn mit einem flehenden, in Liebe überströmenden Blicke ansah. Es war mir wirklich in der letzten Zeit gar nicht so recht, wie es sein sollte, und ich denke, die Jagd, die ich vernachlässigt habe, soll mir wieder emporhelfen, bemerkte Carlos mit einem finsteren Blicke vor sich nieder, reichte dann Herrn Monteno zum Abschiede die Hand, verneigte sich gegen die Damen und wandte sich nach dem Corridor, als Madame Monteno ihm heiter nachrief: So wünsche ich dir recht vieles Glück! Das bedeutet Unglück, Madame, antwortete Carlos, sich umwendend, und begegnete abermals dem bittenden Blicke Sarah’s. Er eilte fort, schritt über die Brücke, welche über die Leone nach der Plantage führte, sah sich auf derselben noch einmal mit einem Gruße nach den Damen um und verschwand bald darauf in dem hohen Urwalde. Dort richtete er nun seine Schritte längs dem Flusse hinab, bis er den Weg erreichte, welcher nach der Furth unterhalb der Burg führte, folgte ihm bis an das Wasser, durchwatete dasselbe und stieg nun nach der Burg hinauf. Auf deren Rückseite befand sich keine Holzmauer, weil dort der Abhang nach der Leone senkrecht und vierzig Fuß hoch war, so daß Armand damals, als er sie erbaute, von dort her keinen Feind zu fürchten hatte. In der Mitte dieses Abhanges, ungefähr zehn Fuß von oben, sprudelte ein starker Quell aus der Uferwand hervor und stürzte sich in den Fluß hinab, und zu diesem Quell hatte Armand damals eine Treppe in die steile Wand eingehauen und über dem hervorstürzenden Wasser ein Milchhaus erbaut. Hiervon war gegenwärtig nur noch wenig vorhanden, doch die Treppe befand sich noch in 5 10 15 20 25 30 35 212 Die alte spanische UrkUnDe gutem Stande, und auf ihr ging Carlos hinab bis auf die unteren Stufen. Von da konnte er durch das hohe Gras, welches auf dem Rande des Abhanges stand, das ganze innere Fort überblicken, ohne von dort aus gesehen werden zu können. Die Sonne stand schon ziemlich niedrig, und noch war weder die Gouvernante, noch der Mann erschienen, als die Ungeduld Carlos aus seinem Versteck hervorlockte und er vorsichtig nach dem Thore schlich, um von dort aus sich nach den Erwarteten umzusehen. Kaum hatte er aber den ersten Blick hinausgethan, als er Sarah schon an dem Fuße des Hügels in eiligen Schritten herankommen sah. Schnell sprang er zurück und die Treppe hinab und harrte nun mit verhaltenem Athem und laut pochenden Herzens auf das Erscheinen des Mädchens und wahrscheinlich auch bald auf das des Mannes. Da glitt Sarah durch das Thor in das Fort herein, sah sich einen Augenblick um, zog dann ein Papier aus ihrem Kleide hervor und schritt damit nach der vorderen Wand zwischen den beiden Thürmen. Nochmals blickte sie um sich, dann schob sie das Papier in eine Spalte zwischen zwei Baumstämmen, drückte etwas alte Baumrinde darauf, so daß dieselbe es verbarg, und glitt nun eben so schnell, wie sie gekommen war, durch das Thor hinaus und auf dem Pfade zurück. Carlos sah ihr lange Zeit, regungslos an dem Thore stehend, nach; dann ging er zu dem Platze hin, wo sie das Papier verborgen hatte. Zögernd nahm er es aus der Spalte hervor und heftete seinen Blick darauf. Es trug keine Aufschrift und es war auch nicht versiegelt. Da hielt Carlos nun das Geheimniß in seiner Hand, er brauchte das Papier nur zu entfalten und dessen Inhalt zu lesen, und »schuldig« oder »nicht schuldig« war über das Mädchen ausgesprochen. War es aber recht, wenn er das Papier öffnete – konnte er die That als Ehrenmann rechtfertigen? Er hielt und hielt den Zettel in der Hand und rechtete mit sich selbst, bis er sich endlich sagte: Wenn sie schuldig ist, so geschieht ihr kein Leid dadurch, daß ich es weiß, und ist sie unschuldig, so ist es ein Glück, eine Rettung für uns Beide. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • VierUnDZwanZigstes kapitel] 213 Er beschloß, das Papier zu öffnen und den Inhalt zu lesen, und doch zögerte er noch immer damit, wie wenn er dadurch einem Ungeheuer die Freiheit geben würde. Da kam ihm der fremde Mann wieder vor die Seele, und im nächsten Augenblicke hatte er das Papier entfaltet und las: »Unsere letzte Zusammenkunft in der Burg ist entdeckt worden, man hat uns zusammen gesehen, doch man hat Dich nicht erkannt. Dort dürfen wir uns nicht wieder treffen, ich werde es anderswo einzurichten suchen und will Dir darüber schreiben. Frage auf der Post nach Briefen für Dich. Ich verlange sehr danach, Dich bald wiederzusehen, Du Guter, denn ich fühle mich namenlos unglücklich. Deine Liebe ist mein einziger Trost – werde ich sie Dir jemals lohnen können? Ha – schuldig, schuldig, schuldig! schrie Carlos mit herzzerrei- ßender Stimme und schlug die Hände wie in Verzweiflung über sich zusammen. Dann schritt er, das Papier wieder zusammenfaltend, in dem Fort auf und nieder, blieb endlich vor der Spalte stehen, aus welcher er das Schreiben genommen hatte, legte es wieder hinein und drückte auch die Rinde wieder darauf. Da, sagte er mit hohler Stimme, nimm meinen Segen, der du diesen Brief empfängst – mach’ sie glücklich, die meines Lebens Himmel mir zertrümmert! Dann wandte er sich rasch nach der Oeffnung in der Mauer und eilte mit dem Ausrufe: Nun fort auf Nimmerwiedersehen! den Berg hinab und durch die Leone abermals in den Urwald hinein. Es war spät in der Nacht und Alles in der Villa Monteno war schon in tiefen Schlaf gesunken, als Carlos zurückkam und nach seinen Gemächern ging. Nur Sarah war noch wach und hatte am offenen Fenster unter Thränen seines Trittes geharrt. Von Schmerz gebeugt und körperlich erschöpft, hatte Carlos sein Jagdzeug abgelegt und sank an dem offenen Fenster in einen Armstuhl nieder, als leise Moll-Accorde von dem Pianino ertönten und Sarah seine Lieblingscomposition, einen Nocturnus, zu spielen begann. 5 10 15 20 25 30 35 214 Die alte spanische UrkUnDe Ha, Sirene, stieß er, aus seinem Sitze emporfahrend, aus und schritt in das Zimmer zurück. Es ist vorbei, du Falsche, deine Lockungen, deine Künste haben keine Macht mehr über mich! Dann ging er heftig in dem Gemache auf und nieder, aber so sehr er sich gegen die Stimme seines Herzens auch wappnete und sein Ohr gegen die lieben, süßen Töne zu verschließen suchte, sie schwebten dennoch besänftigend in seine Seele hinein und sein Schritt wurde langsamer, bis er an dem Fenster stehen blieb und wieder in den Sessel niedersank. So lieblich, so ergreifend, meinte Carlos, hätte das Mädchen nie zuvor gespielt! – Er wurde mächtig davon bewegt, wie Abschiedslieder durchschauerten ihn die schwermüthigen Klänge mit sü- ßem Schmerz, und der letzte harte Gedanke gegen die Geliebte war aus seinem Herzen gewichen, noch ehe die Zaubertöne unter ihrer Hand erstarben. Carlos war mit dem Haupt auf die Fensterbank gesunken, die kühlende Nachtluft umspielte wohlthuend seine Schläfe, und beruhigt, aber auch gefaßt und entschlossen, sein Schicksal ohne Murren gegen die Schöpferin desselben allein zu tragen, fand ihn der nahende Morgen. Sobald es hell genug war, setzte er sich an seinen Schreibtisch, nahm eine Menge Papiere aus demselben hervor, übergab die einen in dem Kamin dem Feuer, ordnete die anderen, schrieb mehrere Briefe und ließ, noch ehe man sich im Hause von dem Lager erhob, sein Pferd vorführen und ritt davon. Armand, welcher den neuen Tag immer im Freien begrüßte, wandelte in seinem schönen Garten umher und erfreute sich an dem Anblick der vielen prächtigen Blumen, die sich erst nach Sonnenuntergang öffnen und am Morgen vor deren ersten Strahlen sich wieder schließen; er weidete seine Augen an der Frische der Pflanzenwelt, wie sie, mit Thauperlen übersäet, ihre Häupter gestärkt erhob und entzückte sich an den fröhlichen Liedern, welche die Vögel dem Morgen zujubelten, da sah er einen Reiter sich auf der Straße von C..... her langsam nahen, in welchem er zu seiner freudigen Ueberraschung bald seinen Freund Alvano erkannte. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • VierUnDZwanZigstes kapitel] 215 Er eilte ihm aus dem Garten entgegen und rief ihm seinen heiteren Morgengruß zu, bemerkte aber sogleich in dessen Antwort, daß keine frohe Veranlassung ihn herführe. Mein Gott, Carlos, wie sehen Sie aus – Sie sind doch nicht krank? sagte er, ihm die Hand reichend, was soll denn dieser ernste Blick? Ich komme, um Ihnen Lebewohl zu sagen, Armand, und habe Sie noch um einen Freundschaftsdienst zu bitten, antwortete Jener. Sie erschrecken mich, versetzte Armand, indem er seines Freundes Arm in den seinigen schlang und dieser, sein Pferd leitend, mit ihm seiner Wohnung zuschritt; ich glaubte schon, Sie nun für immer als lieben Nachbar zu besitzen, ja, ich freute mich darauf, bald die Einladung zu Ihrer Hochzeit zu erhalten – und nun mit Einem Male Lebewohl? Es ist nicht anders, Armand, lassen Sie mich aber über den Grund zu diesem plötzlichen Wechsel schweigen, denn zu ändern ist nichts mehr daran, entgegnete Carlos mit einem tief schmerzlichen Ausdruck. Ich reise noch heute Abend mit der Post ab und bitte Sie, nach dem Frühstück mit mir nach der Stadt zu reiten, da ich Sie und unseren Freund, den Anwalt Case, vor Gericht zu meinen Bevollmächtigten in meinen Vermögensangelegenheiten ernennen will. Sie kennen Beide die Verhältnisse genau und werden im Falle des Ablebens meines Stiefvaters Monteno die Verwaltung meines Eigenthums übernehmen. Auch will ich ein Testament bei Gericht hinterlegen und Sie Beide als Vollstrecker desselben bestellen. Aber, Carlos, ich weiß wahrhaftig nicht, was ich sagen soll, nahm Armand wieder das Wort, indem er ihn in sein Haus führte, liegt denn gar keine Möglichkeit vor, Ihren Entschluß zu ändern? Keine! entgegnete Carlos mit einem schweren Athemzuge und schwieg. Und Mary Black, fuhr Armand fort, wird sie Ihr Scheiden überleben? Ja! antwortete Carlos finstern Blickes. Ich fürchte, nein! sagte Armand bedeutungsvoll, ihr Seelenleben hat zu tief in dem Umgang mit Ihnen – ja – in Ihrer Liebe zu ihr Wurzel geschlagen, entziehen Sie ihr Beides, so wird sie dahinwelken! 5 10 15 20 25 30 35 216 Die alte spanische UrkUnDe So glaubte auch ich, versetzte Carlos bitter – es war ein Irrthum! Doch nun kein Wort weiter darüber, Armand, ich bitte Sie! Während des Frühstücks, welches Milly, die Quadrone, in gewohnter Weise auf das Netteste und Geschmackvollste aufgetischt hatte, gab Carlos seinem Freunde viele Aufträge und Verhaltungsmaßregeln in Bezug auf die Ueberwachung seines Vermögens und theilte ihm seine Absicht mit, einige Zeit in New-York zu bleiben und sich dann wieder nach Europa einzuschiffen. So traurig es Armand nun auch stimmte, seinen lieben Freund schon wieder scheiden zu sehen, so versprach er ihm doch, allen seinen Wünschen aufs Treulichste nachkommen zu wollen und alle seine Interessen wie seine eigenen zu überwachen und zu wahren. Sie hatten so ziemlich alles Nöthige beredet, als Carlos wieder anhub: Und sollte Fräulein Black einer namhaften Geldhülfe bedürfen, so bitte ich Sie, ihr dieselbe aus meinen Mitteln zukommen zu lassen; einerlei, wie hoch die Summe sein müßte. Diese Fürsorge ist unnöthig, lieber Carlos, entgegnete Armand freundlich, mein Freund Balmore hat mir schon dieselbe Vollmacht gegeben, und wenn dies auch nicht der Fall wäre, so läge mir zuerst die angenehme Pflicht auf, für das Fräulein zu sorgen. Aber, wie gesagt, Balmore hat ihr bei mir einen unbeschränkten Credit eröffnet, woraus man ersieht, daß die Dame nicht durch ihre Geldverhältnisse genöthigt worden ist, hier ein Unterkommen zu suchen; sie scheint in dieser Hinsicht vollkommen unabhängig zu sein. Carlos verstummte, augenscheinlich in einem angenehmen Vorhaben getäuscht, und begann dann abermals über seine bevorstehende Reise zu reden. Er gab Armand seine Adresse in New-York auf, wohin er ihm schreiben solle und wo er über seine weiteren Aufenthaltsorte Auskunft erhalten könne. Gleich nach dem Frühstück bestiegen die Freunde ihre Pferde, ritten nach der Stadt und begaben sich dort sofort zu dem Rechtsanwalte Case, welcher die nöthigen Schriften nach Alvano’s Wunsche ausfertigte und welche sie dann vor Gericht beglaubigen ließen. Auch Alvano’s Testament wurde bei dem Gericht hinterlegt, und dann gingen die drei Freunde zusammen in das Gasthaus, um dort zu Mittag zu speisen. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • VierUnDZwanZigstes kapitel] 217 Sarah hatte die vergangene Nacht schlaflos verbracht, das sehr späte Nachhausekommen des jungen Alvano’s hatte sie schon mit Angst erfüllt, sein frühes Fortreiten, sein Wegbleiben vom Frühstück hatte dieselbe noch mehr angefacht, und nun blieb auch sein Platz an der Mittagstafel leer, ohne daß Jemand den Grund dazu kannte! Sein Unmuth, sein Mißtrauen gegen sie hatte sich augenscheinlich noch gesteigert und war die Ursache von seinem Fernbleiben – sollte er sie beobachtet und von ihrem gestrigen Gange nach der Burg Kenntniß erhalten haben? Rastlos und in fieberhafter Erwartung verbrachte sie den Morgen, denn ihre bange Ahnung, daß Carlos einen raschen, einen verzweifelten Schritt thun könne, wurde durch die gewitterschwüle Stimmung der Montenos noch verstärkt. Beim Mittagessen herrschte dasselbe unheimliche Schweigen wie während des Frühstücks. Alle warfen wiederholt fragende Blicke auf Sarah, als wenn sie glaubten, daß ihr der Grund zu Alvano’s Benehmen bekannt wäre, doch weder Herr Monteno noch dessen Damen wagten es, durch eine Frage an die Gouvernante deren Beziehungen zu Carlos zu berühren. In der Niedergeschlagenheit Sarah’s aber erkannten Madame Monteno und Cleopatra eine Mißstimmung, ein Zerwürfniß zwischen ihr und dem gefürchteten jungen Manne, und begrüßten es mit jubelnden Herzen. Carlos scheint die einfache Unterhaltung hier, ja, ich möchte sagen, die einfältige Unterhaltung überdrüssig zu sein, hub die Frau mit einem höhnischen Blicke auf Sarah an, wie war das auch anders möglich? Er, der die langen Jahre in der großen, vornehmen Welt gelebt hat, sollte in seiner hiesigen Gesellschaft einen Ersatz dafür finden können? Er wird wohl mit dem Herrn Armand in der Nachbarschaft bei dessen schönen Freundinnen Besuche machen, um bei ihnen die erschreckliche Langeweile zu vergessen, die ihn hier nicht einen Augenblick verlassen konnte, denn mit dir, Cleopatra, hat er ja in der letzten Zeit gar nicht verkehrt. Sarah war weit davon entfernt, darauf zu antworten, sie hätte ja gern alles Schlimme über sich ergehen lassen wollen, hätte sie Carlos nur den Glauben an ihre Liebe, an ihre Treue zurückgeben können! Sie dankte Gott, als endlich von der Tafel aufgebrochen 5 10 15 20 25 30 35 218 Die alte spanische UrkUnDe wurde und sie nach ihrem Zimmer eilen durfte, denn dort konnte sie sich doch ihrem Schmerze, ihren Thränen überlassen. Sie öffnete Thür und Fenster, um die Rückkehr des Geliebten zu erlauschen, denn zu ihr zurückkehren mußte er, sollte sie nicht in Jammer und in Schmerz zu Grunde gehen! So zwischen Hoffen und Bangen war für Sarah wieder eine ewig lange Stunde verstrichen, als sie plötzlich Huftritte vor dem Hause und gleich darauf Carlos’ Schritt in dem Corridor vernahm. Gottlob, Gottlob! sagte sie, ihre Hände faltend, und sank erschöpft in einen Sessel neben der Thür nieder, durch welche sie nun jedes Geräusch, jeden Laut in dem Hause zu erhaschen suchte. Carlos hatte sich in seine Gemächer begeben und nun war Alles still in der Villa, nur das Rauschen des seidenen Gewandes der Madame Monteno zog wiederholt hastig hin und her durch die Gänge. Die Zeit der Siesta war vorüber und Sarah harrte von Minute zu Minute darauf, daß man sie zum Kaffee unter die Veranda rufen und sie dort den Geliebten wiedersehen würde, doch Niemand erschien, und ihre Angst, daß irgend etwas Ungewöhnliches im Werke sei, folterte sie mehr und mehr. Jetzt hörten sie Tritte in dem Corridor – es waren die leichten Schritte des Herrn Monteno, die sich nach Carlos’ Zimmer bewegten und dort mit dem Oeffnen und Schließen der Thür verhallten. Wieder war die entsetzliche Stille eingetreten, und Sarah, durch ihre Unruhe aus dem Sessel aufgetrieben, stand bleich und angsterfüllt an den Thürpfosten angelehnt und harrte krampfhaft athmend des Augenblickes, wo sie ein Wort oder den Fußtritt des Geliebten vernehmen würde. Was war es, das man vorbereitete – wollte Carlos sie verlassen – wollte er mit dem Unglauben an ihre Liebe, an ihre Treue ohne Abschied von ihr scheiden, sollte sie es ihm nicht sagen können, daß er ihr Unrecht thue, daß sie ihm und nur ihm allein gehöre mit ihrem ganzen Sein für diese Welt und für die Ewigkeit? So in herzzerreißender Ungewißheit, in verzweifelnder Erwartung stand Sarah noch lange Zeit, da endlich hörte sie, wie Alvano’s Zimmerthür sich öffnete, und gleich darauf tönte sein wohlbekannter Tritt mit dem des Herrn Monteno zu ihrem ängstlich lauschenden Ohr. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • VierUnDZwanZigstes kapitel] 219 Viele Stimmen wurden jetzt unten im Hause hörbar, es war ein Rauschen, ein Durcheinandergehen, und wenige Augenblicke nachher trat die frühere Stille wieder ein. O Gott – er geht! stieß Sarah verzweifelnd aus und rannte durch den Corridor nach Cleopatra’s Schlafgemach, dessen Fenster nach der Stadt zeigte. Ja, ja, da zieht er hin ––Gott sei mir barmherzig! rief sie, durch das Fenster nach Carlos schauend, der, mit Herrn Monteno am Arm, aus dem Park nach der Stadt davon schritt. Unter Thränen streckte sie jammernd die Arme nach ihm aus; er verschwand vor ihrem Blick und sie wankte, eisig kalt durchschauert, nach ihrem Zimmer zurück. Carlos hatte seine beiden Freunde in der Stadt verlassen und war nach Hause geritten, um seinen Koffer zu packen und von Montenos Abschied zu nehmen. Dem alten Herrn, den er zu sich in sein Zimmer kommen ließ, hatte er zuerst seinen Entschluß, für einige Zeit zu verreisen, mitgetheilt, und nachdem sein Gepäck zum Fortbringen bereit gestellt war, hatte er sich zu Madame Monteno und deren Tochter begeben und hatte ihnen schnell Lebewohl gesagt. Jetzt schritt er mit Herrn Monteno der Stadt zu, um dort nochmals mit Armand und Case zusammenzutreffen und sich dann von ihnen nach der Post, mit welcher er in einer Stunde abfahren wollte, begleiten zu lassen. Es bleibt Alles beim Alten, Vater Monteno, sagte Carlos zu ihm im Dahinschreiten, nur mit der einen Aenderung, daß Sie Sich nicht mehr so sehr von Ihrer Frau quälen lassen sollen. Dieselbe weiß jetzt, daß ihre Zukunft von ihrem Betragen gegen Sie abhängt, und ich werde ihr dies nochmals von New-York aus brieflich auf das Ernsteste wiederholen. Erinnern Sie dieselbe auch immer wieder an meinen Wunsch, meinen Willen, daß Fräulein Black so lange bei Ihnen im Hause bleibe, wie sie selbst es wünscht, und daß sie auf das freundlichste und beste behandelt werde. Alles soll geschehen, wie du bestimmt hast, antwortete Monteno und drückte mit warmer Innigkeit den Arm des jungen Mannes gegen seine Brust. Du bist so gut, so brav und liebevoll gegen uns Alle, Carlos, daß wir es dir niemals genugsam danken können. 5 10 15 20 25 30 35 220 Die alte spanische UrkUnDe Komm’ nur bald wieder zu uns zurück – du siehst, ich bin sehr alt und schwach geworden und habe nicht mehr auf viele Jahre zu rechnen. Seien Sie guten Muthes und schonen Sie Sich, namentlich gönnen Sie Sich immer Ihre Nachtruhe, und wir werden uns wohl und gesund wiedersehen, versetzte Carlos tröstend, obgleich ihm das Abnehmen an Lebenskräften bei dem Alten nicht entgangen war. Und sollten Sie einmal erkranken, so lassen Sie sich niemals von diesem verhaßten, unwissenden Absinthe Medicin reichen, sondern rufen Sie sofort Armand zu Hülfe. So redend, erreichten die Beiden die Stadt und trafen bei dem Advocaten Case auch mit Armand zusammen. Carlos besprach mit seinen Freunden nun nochmals seine Angelegenheiten, so daß Herr Monteno von allen Anordnungen Seitens seines Stiefsohnes unterrichtet wurde, und dann kam die Zeit heran, wo sie scheiden mußten. Sie begaben sich nach der Post, der Wagen stand schon zur Abfahrt bereit; Carlos sah nach seinen schon aufgeladenen Effecten, dann sagte er Monteno und seinen beiden Freunden noch ein inniges Lebewohl, setzte sich auf seinen Platz, und fort ging es im Galop zur Stadt hinaus. Die Sonne war bereits versunken, darum verabschiedete sich Armand bei seinem Freunde Case und Herrn Monteno, bestieg sein Pferd und ritt nach Hause. Das Zerwürfniß zwischen Carlos und der Gouvernante ging Armand sehr nahe, weil beide ihm theuer waren und er so oft Zeuge des hohen Glückes gewesen war, welches dieselben in ihrer Neigung zu einander fanden. Namentlich weh that ihm der Gedanke an den Schmerz, den das arme, edle Mädchen über das Benehmen Alvano’s empfinden mußte, denn daß sie ihm keine Veranlassung dazu gegeben hatte, davon war er aufs vollkommenste überzeugt. Die Arme, die schon so sehr vom Unglück verfolgt war, wie mußte sie dieser neue Schicksalsschlag schwer getroffen haben! Armand ritt absichtlich an diesem Abend nicht zu ihr, da sein Erscheinen in diesem Augenblicke des Schmerzes denselben nur noch vermehren konnte; er wollte ihr Zeit geben, sich zu sammeln, 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • VierUnDZwanZigstes kapitel] 221 und morgen es erst versuchen, ob es möglich wäre, ihr Trost einzusprechen. Und es war auch besser so für Sarah, denn die Wogen ihres Schmerzes gingen hoch, sie stiegen für Augenblicke bis zu wilder Verzweiflung und sanken dann wieder zu stumpfem Ergeben in ihr Schicksal herab, in welcher Abgespanntheit sie in sich zusammenfiel, die thränenleeren Augen schloß und ihre Gedanken sich in Nacht und Grauen verloren. So saß sie in dem Armstuhle am offenen Fenster, als die Sonne hinter der Burg verschwand, als die Nacht über die Erde zog und des Mondes Sichel ihr mattes Licht über ihre regungslose Trauergestalt warf. Da trat eine Dienerin zu ihr in das Zimmer und meldete ihr, daß Herr Monteno aus der Stadt zurückgekehrt und das Abendbrod aufgetragen wäre. Ist Herr Alvano nicht mitgekommen? fragte sie, wie der Ertrinkende, der nach einem Strohhalm greift; denn sie wußte es nur zu gut, daß er nicht wiederkehren würde. Der junge Herr ist abgereist, antwortete die Sclavin. Die Worte fielen wie tödtliches Gift in Sarah’s Herz, ihre Pulse standen für Augenblicke still, ihr Athem stockte, und beide Hände gegen ihr Herz drückend, sank sie in den Stuhl zurück. Die Negerin, welche Sarah’s Gestalt nur undeutlich erkennen konnte, trat näher zu ihr und fragte sie theilnehmend: Sind Sie nicht wohl, Fräulein? Doctor Absinthe ist unten, ich kann ihn gleich zu Ihnen rufen. O nein, es geht schon vorüber! antwortete Sarah, erschrocken auffahrend. Sage unten, ich fühlte mich nicht ganz wohl, man möchte mich entschuldigen. – Dabei stand sie auf, zündete eine Kerze an und wandte sich vor dem Blicke der Sclavin ab, denn diese sah sie an, als entsetzte sie sich über ihr todtenähnliches Aussehen. – Es ist mir besser, sagte Sarah zu der zögernden Dienerin, ich bedarf nichts für diesen Abend als Ruhe. Soll ich nicht noch einmal heraufkommen und fragen, ob…. Nein, nein, ich danke dir, ich werde mich bald niederlegen, entgegnete Sarah und entließ die Negerin, worauf sie selbst wieder nach dem Sessel am Fenster wankte und in denselben niedersank. 5 10 15 20 25 30 35 222 Die alte spanische UrkUnDe Der Mond ging unter, die Sterne funkelten, das Licht auf dem Tische war bis in den Leuchter niedergebrannt, und Sarah saß immer noch an dem offenen Fenster ohne Gedanken, ohne Hoffnung, ohne Thränen. Am folgenden späten Nachmittag erschien Armand vor der Villa Monteno’s, übergab sein Pferd einem Diener und trat in das Haus ein in dem Augenblicke, als Madame Monteno aus dem Empfangssaale in den Corridor schritt. Sieh da, Herr Doctor! sagte sie, ihn begrüßend. Sie wollen uns wohl über die Abreise unseres lieben Carlos trösten? Oder mir selbst über den Verlust seiner Gegenwart Trost holen, entgegnete Armand, mit der Frau in den Saal eintretend; sein Scheiden von uns kam so unerwartet, so plötzlich, daß es uns Alle recht schmerzlich berühren mußte. Wie geht es den lieben Ihrigen und was macht Fräulein Black? Gottlob, sie sind Alle recht wohl, antwortete die Frau, doch Armand erkannte es in ihrem ausweichenden Blicke, daß sie eine Unwahrheit sagte. Ich wünsche Fräulein Black zu sehen, um ihr einige nöthige Mittheilungen zu machen; das ist die nächste Veranlassung zu meinem Hiersein, sagte Armand und fügte, sich erhebend, hinzu: Sie wird wohl in ihrem Zimmer sein? Ich weiß nicht, ob sie zu sprechen ist, antwortete die Frau verlegen; sie klagte über ein wenig Kopfweh und kam nicht zu Tische. Um so mehr ist es meine Pflicht, ihr meinen Besuch zu machen, fuhr Armand fort und wollte den Saal verlassen, als Madame Monteno ihn zurückhielt und sagte: Sie hat ausdrücklich darum gebeten, daß Niemand zu ihr gelassen werde. Das heißt mit anderen Worten: nur i c h allein, versetzte Armand. So erlauben Sie mir, daß ich erst bei ihr anfragen lasse, ob sie mit Ihnen eine Ausnahme gestatten will; sie hat, wie ich höre, ihr Bett noch nicht verlassen. Dann bedarf es dieser Anfrage keinesfalls, Madame, entgegnete Armand jetzt kurz und eilte trotz des Widerstandes, welchen 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • FünFUnDZwanZigstes kapitel] 223 ihm die Frau entgegensetzen wollte, in den Corridor hinaus und sprang die Treppe hinauf nach Sarah’s Zimmer. Er klopfte an, erhielt aber keine Antwort; er öffnete die Thür und trat in die Stube ein, doch dieselbe war leer. Schnell ging er nach der halb geöffneten Thür des Schlafgemaches, und mit Entsetzen heftete sich sein Blick auf Sarah’s todtbleiches Angesicht. Sie sah ihn nicht; ihre tief in ihre Höhlen eingesunkenen Augen waren geschlossen, ihr Haupt, von der Fülle ihres prächtigen, losen Haares umgeben, war seitwärts von dem Kissen herabgesunken, und der schmerzliche Zug um ihren bleichen, schönen Mund zeigte, daß tiefes Weh sie auf das Lager hingeworfen hatte. Armand trat zu ihr hin, neigte sich zu ihr nieder und wollte sie anreden. Da schlug sie die Augen zu ihm auf, sah ihn mit einem Ausdrucke entsetzlichen Leidens an und ließ die langbewimperten Lider wie in erdrückendem Schmerze wieder sinken. Armand ergriff ihre eisig kalte Hand, prüfte ihren kaum noch fühlbaren, zitternden Puls, legte seine Finger gegen ihre kalte Stirn und sagte: Ich reite nach meinem Hause zurück, um Medicin für Sie zu holen, Fräulein, und ich bringe meine Quadrone mit, sie soll bei Ihnen bleiben. Es zog wie ein wohlthuendes, dankbares, doch schmerzliches Lächeln über Sarah’s Züge; sie sah abermals zu Armand auf und sagte kaum hörbar mit matter Stimme: Ich danke – ich danke Ihnen! Ich werde sehr bald wieder bei Ihnen sein, versprach Armand ihr noch und verließ sie dann eiligst. Als er die Treppe hinabkam, stand Madame Monteno in dem Corridor und schien ihn erwartet zu haben. Nun, wie fanden Sie das Fräulein? fragte sie in leichtem, unbekümmertem Tone. Sehr krank, Madame, antwortete Armand und wollte an ihr vor- überschreiten; doch sie hielt ihn zurück und sagte: Bitte, einen Augenblick, Herr Doctor – sagen Sie mir doch, was ich für sie thun soll? Gar nichts – ich bitte darum, versetzte Armand, eilte aus dem Hause nach seinem Pferde und sprengte in fliegender Hast davon. 5 10 15 20 25 30 35 224 Die alte spanische UrkUnDe Kaum war eine Stunde verflossen, als Armand, mit seiner Quadrone neben sich, in seinem Cabriolet herangesaust kam, vor der Villa ausstieg und Milly aus dem Wagen hob. Dieselbe nahm nun mehrere wollene Decken, einen Reisesack und ein Körbchen mit Medicamenten daraus hervor und folgte ihrem Herrn in das Haus. Da trat ihnen Madame Monteno entgegen und sagte mit einem unangenehmen Seitenblicke auf die Quadrone: Nun, Herr Doctor, Sie bringen ja Ihre Haushälterin mit? Um sie hier als Pflegerin bei der Kranken zu lassen, antwortete Armand freundlich. Das kann und darf ich nicht zugeben; das würde ja aussehen, als ob i c h ihr meinen Beistand versagt hätte! versetzte die Frau auffahrend. Und doch muß es geschehen, entgegnete Armand artig, denn ich habe meinem Freunde Alvano das feste Versprechen gegeben, das Wohl des Fräuleins zu überwachen, und das kann ich jetzt, wo sie so schwer erkrankt ist, nur dadurch, daß Milly sie pflegt. Ich habe unter meinen Negerinnen eben so gute Wärterinnen, wie Ihre Quadrone ist, und ich werde die beste für das Fräulein bestimmen. Es thut mir leid, Madame Monteno, daß ich Ihrem Wunsche nicht entsprechen kann, erwiederte Armand. Herr Alvano hat mich gerichtlich zum Vertreter aller seiner Rechte gemacht, und ich handle nur in seinem Sinne, wenn ich die Kranke von Niemandem bedienen lasse als von meiner Quadrone. Er wir es, wenn er zurückkehrt, Ihnen danken, daß Sie darein willigten. Die Frau verbiß ihren Grimm, und Armand ging mit einer Verbeugung an ihr vorüber und hinauf nach Sarah’s Zimmer. Er fand die Kranke in einem anderen Zustande, als in welchem er sie verließ. Ihre Wangen hatten sich stark geröthet, in ihren Augen lag ein unnatürlicher Glanz, ihre Pulse schlugen Sturm, und Unruhe und Rastlosigkeit hatten sich ihrer bemächtigt. Der Anblick der Quadrone that ihr sichtbarlich wohl, ihre Augen sahen ihr mit Verlangen entgegen und ihre Hand hob sich mühsam zu ihr empor. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • FünFUnDZwanZigstes kapitel] 225 Milly trat schnell an Sarah’s Lager, ergriff ihre Hand, bedeckte sie mit ihren Küssen und sagte dann mit liebevoller Ergebenheit zu ihr: Ich bleibe bei Ihnen, Fräulein, und mein Herr wird Sie bald wieder gesund machen. Sarah drückte der Sclavin die Hand und sank dann, mit einem tiefen Athemzuge die Augen schließend, mit ihrem Haupte auf das Kissen nieder. Armand nahm während dieser Zeit die Medicamente aus dem Korbe, stellte sie auf dem Tische auf und reichte Sarah dann schnell Arznei. Nun beruhigen Sie Sich, Fräulein, sagte er zu ihr; wir Beide verlassen Sie nicht, und ich verspreche es Ihnen, daß Alles noch gut werden wird – glauben Sie mir. Sarah sah zu ihm auf und bewegte wie zweifelnd ihr Haupt; doch Armand fuhr tröstend fort: Ja, ja, Sie dürfen mir es glauben, ich stehe Ihnen dafür! – worauf die Kranke mit noch einem wehmüthigeren Blicke die Augen wieder schloß. Hierauf beschied Armand die Quadrone genau, was sie zu thun habe, trug ihr auf, ihn zu rufen, wenn es nöthig sein solle, da er das Haus nicht verlassen würde, und begab sich nun zu Montenos hinab, welche er unter der Veranda beisammen fand. Fräulein Black ist sehr krank, so daß ich es nicht wagen darf, sie zu verlassen, sagte er, sich bei Herrn Monteno niedersetzend; ich muß darum Ihre Gastfreundschaft in Anspruch nehmen. Herr Alvano wird mir sicher nicht zürnen, wenn ich, so lange es nothwendig ist, mich in seinen Zimmern aufhalte. Versteht sich von selbst; er wird es Ihnen danken, und uns bereiten Sie dadurch eine große Freude, lieber Herr Doctor, antwortete Monteno mit einem fragenden Blicke nach seiner Gattin. Gewiß wird er es Ihnen danken, daß Sie ihn so gewissenhaft vertreten, versetzte Madame Monteno, sich Gewalt anthuend, um ruhig und freundlich zu scheinen; einen besseren Bevollmächtigten als Sie konnte er nicht finden. Das möchte ich bezweifeln, Madame, antwortete Armand ruhig, einen treueren Freund wohl nicht; doch als Bevollmächtigter dürfte mir der Herr Gerichtsanwalt Case wohl weit voranstehen, denn 5 10 15 20 25 30 35 226 Die alte spanische UrkUnDe er würde keinerlei Rücksicht beobachten, wenn es sich um die Vorschriften und um das Interesse Alvano’s handelte. Die Frau warf ihm einen grimmen Blick zu, die Röthe und Blässe auf ihrem Gesichte wechselten schnell, und erst nachdem sie sich einige Male in ihrem Stuhle heftig hin und her bewegt hatte, gelang es ihr, ein ruhiges Aeußeres zu gewinnen. – Jawohl, zwei liebe, treue Freunde hat er und haben wir in Ihnen Beiden, wenn es nur eine freudigere Veranlassung wäre, der wir das Glück zu verdanken haben, Sie in unseren Mauern zu bewirthen, hub sie jetzt mit schmeichelndem Tone und erzwungen freundlichem Blicke an. Das arme Fräulein – es gibt nichts in der Welt, was ich nicht thun würde, wenn ich ihr damit helfen könnte. – So sehr sie sich aber auch bemühte, liebreich zu erscheinen, so konnte sie doch die innere Wuth nicht ganz verbergen, denn ihre Stimme war krampfhaft zusammengeschnürt und ihre Nasenflügel spannten sich weit aus. –– Das gute Kind hat sich gewiß neulich Abends erkältet, als sie allein nach Ihrer alten Burg gegangen war, um dort mit einem fremden Herrn zusammenzutreffen. Doctor Absinthe hat sie beim Vorüberreiten durch die Maueröffnung in der Festung gesehen. Der Herr muß ein sehr guter Freund von dem Fräulein gewesen sein, denn sie hatte, als der Doctor vorüberritt, gerade ihre Hand liebevoll auf dessen Schulter gelegt. Absinthe war dann auf dem Wege hieher unserem theuren Carlos begegnet, und dieser hatte seine Mittheilung über das, was er gesehen hatte, sehr übel aufgenommen. Ich glaube, die Geschichte hat unseren Liebling auch mit den wichtigen Geschäften versehen, welche ihn so plötzlich auf die Reise riefen. Armand hatte mit größter Spannung, aber auch mit tiefster Entrüstung über den boshaften Vortrag, der Rede der Frau zugehört, und als sie mit einem triumphirenden Lächeln schwieg, nahm er das Wort und sagte: Was sich auch zwischen einem fremden Herrn und Fräulein Black zugetragen haben mag, so steht diese Dame doch hoch über jeder Verdächtigung erhaben. Ein ernstes, sehr bedeutungsschweres Geheimniß umgibt ihre Persönlichkeit, und es ist sehr leicht möglich, daß das Zusammentreffen mit jenem fremden Herrn damit in Beziehung steht; doch wer der Ehre dieses edlen, unbescholtenen Mädchens zu nahe tritt, greift seine eigene Ehre an. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • FünFUnDZwanZigstes kapitel] 227 In diesem Augenblicke trat ein Diener unter die Veranda und meldete, daß das Abendessen aufgetragen sei, welche Unterbrechung Armand sehr willkommen war, weil dadurch die weiteren Erörterungen in dieser ihm peinlichen Unterhaltung ihr Ende erreicht hatten. Das also war die Ursache von dem Zerwürfniß der Gouvernante mit Carlos, das war der Grund zu seinen Zweifeln an des Mädchens Liebe, das war die Veranlassung zu seiner plötzlichen Abreise! Wenn nun auch diese Begebenheit in der Unterhaltung zwischen Madame Monteno und Armand mit keiner Sylbe wieder berührt wurde, so konnte er sie doch nicht aus seinen Gedanken verbannen, und die Frage drängte sich ihm unwiderstehlich immer wieder, auf, ob es möglich wäre, daß eine frühere Liebesangelegenheit dem Geheimnisse und dem Leiden der Gouvernante zu Grunde läge. Armand beantwortete sich aber diese Frage unabänderlich mit Nein, denn das Mädchen war in seinem ganzen Wesen ja noch ein unschuldiges Kind, welches bei der geringsten Annäherung eines ihm fremden Herrn erröthete und in Verlegenheit gerieth. Wer konnte es aber wissen – wer konnte es mit Bestimmtheit sagen? So viele Erfahrungen, so tiefe Studien Armand auch an menschlichen Charakteren gemacht hatte, so täuschte er sich doch noch häufig durch seine angeborene Neigung, lieber das Gute als das Böse in seinen Mitmenschen zu sehen. Madame Monteno hatte es während des Abendessens schon sehr bereut, ihrem Zorn in einem rücksichtslosen Ausfalle gegen die Gouvernante in Gegenwart Armand’s Luft gemacht zu haben, weil sie fürchtete, daß derselbe dem jungen Alvano darüber schreiben und dieser es ihr bös vergelten könne. Sie suchte durch alle ihr zu Gebote stehende Liebenswürdigkeit den Eindruck zu vernichten, den ihre böse Nachrede über die Gouvernante sichtbarlich auf Armand gemacht hatte; doch er blieb ernst und nachdenkend und verabschiedete sich bald nach aufgehobener Tafel, um nach seiner Kranken zu sehen. Er fand Sarah in heftigem Fieber und verbrachte den größten Theil der Nacht an ihrem Lager. So sehr er auf den folgenden Morgen gehofft hatte, daß ihr Zustand sich bessern und die verzehrende Fiebergluth abnehmen 5 10 15 20 25 30 35 228 Die alte spanische UrkUnDe möchte, so steigerte sie sich noch während des ganzen Tages, und als dann der Abend kam, nahm ihre Rastlosigkeit noch mehr zu und ihr Geist verlor sich in wilden Träumereien. Wenn sie auch oft für Minuten mit geschlossenen Augen erschöpft auf ihr Lager hingesunken war, so schreckte sie doch gleich wieder mit Angst und Entsetzen empor und wehrte drohende Gestalten von sich ab, die ihr verwirrter Geist ihr vorführte. Mit großer Besorgniß beobachtete Armand den raschen Fortschritt der Krankheit und suchte durch alle ihm zu Gebote stehenden Mittel derselben Einhalt zu thun. Es war nach Mitternacht, und er hatte sich in dem Wohnzimmer Sarah’s auf dem Sopha niedergelassen, als ein lauter Schrei von ihr ihn aus seiner kurzen Ruhe aufjagte und er an ihr Lager eilte. Sie hatte sich aufgesetzt und wehrte Milly, welche sie beruhigen und niederlegen wollte, ängstlich von sich zurück. Bruder, schrie sie wieder laut auf, sie tödten dich – gib ihnen das Document – wir wollen nichts von ihnen haben! Wir sind ja bei Ihnen, Fräulein, bat Milly beruhigend – Doctor Armand ist ja bei Ihnen. Da kommen sie – versteckt mich – ich bin die Erbin, deren Bruder sie schon getödtet haben! rief sie wieder in höchster Verzweiflung aus und sank dann mit einem Schrei auf ihr Kissen zurück. So lag sie entkräftet da; Armand erneuerte schnell die eiskalten Umschläge um ihr Haupt, und es schien, als ob der Schlaf sich ihrer erbarmt habe. Doch es war nur eine kurze Ruhe, die ihr das Fieber gönnte, denn sie begann wieder zu reden, zupfte mit beiden Händen an der Decke und sagte: Nein Carlos, ich heiße nicht Mary, und dieser Mann ist Patrick, mein Freund, mein Retter! Geh’ nicht von mir, Carlos, ich gehöre ja dir allein – verbirg mich – da kommen sie – gib ihnen das Document – dort in meinem Koffer liegt es! Wieder hatte sich die Aufregung der Kranken bis auf den höchsten Punct gesteigert und wieder versank sie ermattet in einen kurzen Schlummer, und so raste das Fieber mit ihr fort, bis das Licht der Nachtlampe vor dem des neuen Tages verblich. Ihre Kräfte gingen jetzt auf die Neige, ohne zu schlafen lag sie still und theilnahmslos, die stürmische Fiebergluth hatte sie verlas- 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • FünFUnDZwanZigstes kapitel] 229 sen und nur auf ihren bleichen Wangen waren zwei rothe Stellen zurückgeblieben. Noch während dreier Tage und Nächte war Armand nicht aus ihrer Nähe gewichen und hatte Alles aufgeboten, ihre sinkenden Lebenskräfte zu erhalten und neu anzufachen, doch es schien, als ob menschliche Macht hier ihre Gränze erreicht habe und ihre Seele sich nicht lange mehr in dem erschöpften Körper halten könne. Armand hatte ihr während der ganzen Nacht regelmäßig selbst die Medicin gereicht, und zwar immer noch mit Hoffnung auf eine günstige Wendung ihres Zustandes, da trat er beim ersten Grauen des Morgens abermals an ihr Lager, um ihr einzugeben. Milly war an dem Fuße des Bettes auf ihrem Stuhl eingeschlafen, und Armand hatte von ihr seinen Blick auf Sarah gewandt, als ihm deren Regungslosigkeit auffiel und er halb erschrocken sich zu ihr niederbeugte; da hörte er sie leise athmen. Mit einem stummen »Gottlob!« schlich er lautlos von ihr hinweg, denn es war der erste natürliche Schlaf, in den sie seit ihrem Erkranken versunken war. Er weckte leise die Quadrone und führte sie in das Wohnzimmer, wo sie sich auf das Sopha zur Ruhe niederlegen mußte, und er selbst setzte sich nun zu der Kranken in das Zimmer, um den Augenblick zu wahren, wenn sie erwachen würde. Sie schlief aber zu Armand’s namenloser Freude ohne Unterbrechung fort, bis die Sonne die Höhen der fernen Gebirge goldig beleuchtete. Dann schlug sie, wie verwundert, die Augen auf und richtete ihren matten, müden Blick auf Armand. Gottlob, Sie haben gut und lange geschlafen, nun werden Sie Sich auch bald erholen, sagte er, ihre Hand ergreifend, und fand nun, daß der Puls bedeutend an Schnelligkeit abgenommen und das Fieber ausgesetzt hatte. Er gab ihr schnell andere Arznei, reichte ihr einen erfrischenden Trunk und verließ das Gemach, worauf sie bald wieder in Schlaf versank. Milly ruhte auch noch fest, und so legte Armand sich in das Fenster, um sich an der erfrischenden Morgenluft zu laben. Mit überströmender Freude verkündete er beim Frühstück der Familie Monteno die günstige Wendung, die bei der Kranken ein- 5 10 15 20 25 30 35 230 Die alte spanische UrkUnDe getreten wäre, und sprach seine Hoffnung aus, daß sie nun wieder hergestellt werden würde. Und so geschah es auch, die Krankheit war gebrochen und Sarah fing an, sich schnell zu erholen. Armand begab sich nun täglich einmal nach seiner Wohnung, die Nächte aber verbrachte er mit Sarah unter Einem Dache, um für einen unerwarteten Rückfall gleich bei ihr sein zu können. So waren einige Wochen verstrichen, als Sarah zum ersten Male das Bett verließ und von Armand auf das Sopha getragen wurde. Unter Thränen sagte sie ihm dort abermals ihren Dank für alle Opfer, die er ihr gebracht, für alle Liebe und Freundschaft, die er ihr erzeigt habe. Sie hielt seine Rechte mit ihren beiden Händen umschlossen, sah flehend zu ihm auf und sagte: Wie ist es nur denkbar, daß ich jetzt, nachdem Sie so Außerordentliches für mich gethan haben, es noch wagen sollte, eine neue Bitte an Sie zu stellen – und doch muß ich es thun, wenn Ihre That an mir mit Erfolg gekrönt werden soll. Nehmen Sie mich aus diesem Hause, von diesen Menschen fort, hier kann ich nimmermehr gesunden. Wohin –, das mögen Sie bestimmen, nur fort von hier. Ich hatte den morgenden Tag bereits dazu bestimmt, um Sie nach meinem Wohnsitz zu fahren, und wenn Sie morgen eben so wohl sind, wie heute, so soll es auch geschehen, antwortete Armand freudig, und ehe er es verhindern konnte, drückte Sarah ihre Lippen auf seine Hand, die sie immer noch in der ihrigen hielt. Am folgenden Morgen früh, als der Thau noch auf den Büschen und Gräsern hing und die Sonne ihre ersten Strahlen noch mild und wohlthuend über die Erde goß, trug Armand die Gouvernante, in Decken eingehüllt, in sein Cabriolet. Die Montenos überboten sich, ihr alles Schöne beim Abschiede zu sagen, namentlich die Frau versicherte sie ihres tiefen Leids über ihr Scheiden aus ihrem Hause und hoffte sehnlichst, sie bald zu ihr zurückkehren zu sehen, doch Armand, der seinen Platz neben Sarah eingenommen hatte, machte den Herzensergüssen der Madame Monteno kurz ein Ende, verneigte sich vor ihr und ihrer Tochter, warf Herrn Monteno noch einen freundlichen Gruß zu und fuhr im Trabe da- 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • sechsUnDZwanZigstes kapitel] 231 von, während die Quadrone auf einem Maulthiere, welches er für sie hatte von Hause kommen lassen, dem Wagen mit jubelndem Blicke folgte. Wenn auch sehr erschöpft von der kurzen Fahrt, erreichte Sarah wohlbehalten ihr ersehntes Asyl, Armand hob sie aus dem Wagen, trug sie in das früher von ihr bewohnte Zimmer und legte sie dort auf das Sopha nieder, wo sie bald in süßen, erquickenden Schlummer versank. Mit dem Einzuge in Armand’s Wohnung hatte für Sarah ein ganz neues Leben begonnen; sie fühlte sich befreit von allen den Qualen, den unsäglichen Martern, die das Zusammenleben mit Leuten wie Montenos und ihre Abhängigkeit von denselben täglich, ja, stündlich über sie gebracht hatten; es kam ihr vor, als sei sie nach den entsetzlichen Stürmen ihres vergangenen Lebens in einen Hafen eingezogen, wo keine Gefahr ihr mehr drohen, wo nichts ihre Ruhe mehr stören könne, als lebe sie nun innerhalb der zierlichen Einzäunung um Armand’s Wohnsitz in einer kleinen, abgeschlossenen, reizenden Welt, in welche keine Heuchelei, kein Haß, keine Bosheit eindringen könne. Armand selbst war ja so gut, so herzlich gegen sie, er suchte ja in ihren Augen zu lesen, womit er sie erfreuen könne, und Milly, die treue, liebevolle Quadrone, überwachte ja die Minuten, um ihr dienlich und hülfreich zu werden. Sie erholte sich jetzt rasch, ihre Kräfte nahmen mit jedem Tage zu, und Ruhe und Friede zog in ihre gefolterte, zerrissene Seele ein. Den nagenden Schmerz aber, der aus ihrer verkannten, innigen Liebe für Carlos entsprang, konnte sie nicht aus ihrem Herzen verbannen, er hielt ihre natürliche Heiterkeit unter sich begraben und wies jede Lebensfreude von ihr zurück. Sie blieb still und in sich gekehrt, so sehr sie auch das Glück der Freundlichkeit und Zuneigung fühlte, welche ihr von Armand und der Quadrone entgegengebracht wurden. Schon bald konnte sie das Haus ohne Unterstützung verlassen, um sich in dem schönen Garten an der kühlen Morgenluft zu erquicken, sich der herrlichen Blumen und der fröhlichen Lieder der Vögel zu freuen und Sträuße zu binden, um den Frühstückstisch damit zu schmücken. 5 10 15 20 25 30 35 232 Die alte spanische UrkUnDe Während der Hitze des Tages weilte sie dann unter der luftigen, schattigen Veranda, benutzte Armand’s Bibliothek zu ihrer Unterhaltung und hoffte auf den Abend, wo sie, wenn die Sonne sich neigte, stets in den reizenden, dunkeln Hain hinter dem Hause wandelte, und auf einem der vielen lieblichen Ruheplätze die hereinbrechende Nacht erwartete. Armand leistete ihr oft bei ihren Spazirgängen Gesellschaft, ihre Empfänglichkeit für alles Schöne, alles Edle, ihre klaren Auffassungen und treffenden Ansichten, so wie die Unbefangenheit und Bestimmtheit, mit welcher sie sich aussprach, fesselten ihn gar leicht an die Unterhaltung mit ihr, und der Gedanke, daß dieses so reich begabte, hochedle Mädchen eine so tief innige Liebe für seinen Freund Alvano im Herzen bewahrte, trotzdem, daß derselbe sie verkannt und sie so bös behandelt hatte, hoben sie in seinem Gefühl, in seiner Achtung noch höher, als sie schon durch ihre geistigen und körperlichen Vorzüge stand. Das Geheimniß, welches sie so undurchdringlich umgeben hatte, war seit jener Nacht ihrer Fieberträume vor Armand’s Blick geschwunden – sie mußte Sarah Walton, die Erbin des Mendoza- Grants, sein! Sie hatte von ihrem ermordeten Bruder geredet, hatte von dem Document gesprochen und hatte ihren Freund, ihren Retter Patrick genannt. Das stimmte genau mit den über Sarah Walton veröffentlichten Berichten überein, und dieser Patrick war gewiß kein Anderer, als der Arbeiter Tom Kelly. Darum der Mordversuch an ihm. Und jener Herr, mit welchem die Gouvernante in der Burg zusammengetroffen war, mußte irgend eine für sie in ihrem Proceß thätige Person sein, wer wußte es – vielleicht war es ihr Advocat Starford selbst gewesen! So klar und sicher Armand nun aber auch das ganze Geheimniß durchschaute, so sehr fühlte er sich zurückgehalten, von dieser seiner Kenntniß in irgend einer Weise Gebrauch zu machen; denn Sarah hatte es ihm nicht mit ihrem Willen anvertraut, er hatte es als Arzt, wenn auch ohne seine Ahsicht, von ihr erlauscht, und es mußte unverbrüchlich bei ihm begraben bleiben. Wohl kam ihm der Gedanke, ob es nicht gut wäre, wenn er Carlos davon in Kenntniß setze, damit derselbe sein Unrecht einsähe und es schleunigst wieder gut mache. Würde derselbe dann aber 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • sechsUnDZwanZigstes kapitel] 233 noch einzig und allein seinem Herzen, seiner Hochachtung folgen, würde nicht das in Aussicht stehende ungeheure Vermögen der Erbin mehr oder weniger Einfluß auf sein Handeln ausüben, und würde die arme Gouvernante Mary Black sich nicht als Braut des jungen Alvano glücklicher fühlen, als die Millionärin Sarah Walton? Es stand fest in Armand, das Geheimniß auch nicht mit einer Andeutung zu verrathen, wohl aber es zu versuchen, Carlos wieder zurück zu bringen, indem er ihm das lebensgefährliche Erkranken der Gouvernante über sein hartes, unüberlegtes und ungerechtes Verfahren gegen sie mittheile. Er wollte ihm schreiben, wollte ihm seine feste Ueberzeugung aussprechen, daß das Zusammentreffen derselben mit einem fremden Manne in der Burg, wovon er erst jetzt gehört habe, unbezweifelt mit dem Geheimniß ihres vergangenen Lebens zusammenhing und sich hoffentlich bald zu ihrer vollkommensten Rechtfertigung aufklären werde; ja, er wollte ihm sagen, daß er selbst die Bürgschaft für ihre makellose Reinheit übernehmen wolle und könne. Die Grant-Angelegenheit mußte nach Armand’s Ansicht nun sehr bald entschieden werden, und zwar, wie er überzeugt war, zu Sarah’s Gunsten, dann wurde durch ihren Advocaten Starford ein Vergleich mit den augenblicklichen Besitzern des Landes abgeschlossen, und es stand Sarah nichts mehr im Wege, aus ihrem Incognito hervorzutreten. Alsdann aber war es für Carlos nicht mehr möglich, sein Unrecht wieder gut zu machen, denn der Verdacht würde auf ihm ruhen, daß er nicht um Sarah, sondern um ihr Vermögen werbe; darum mußte es vorher und bald geschehen, ehe es dahin kam, und Armand, obgleich er noch keinen Brief von Alvano erhalten hatte, schrieb ihm nach New-York und sprach sich offen und ernst über sein Verhältniß zu der Gouvernante gegen ihn aus. Patrick erschien an jedem Sonntag Morgen in seinem schwarzen Anzuge, um sich nach Sarah’s Befinden zu erkundigen, und da seine Beziehungen zu dem Mädchen für Armand kein Geheimniß mehr waren und er ihn dieserhalb hochachtete, so bat er ihn dann immer, bei ihm zu Mittag zu speisen. Er freute sich dabei im Stillen, daß er Sarah dadurch eine Freude bereitete, und las gern ihren Dank dafür in ihren frommen Augen. 5 10 15 20 25 30 35 234 Die alte spanische UrkUnDe Während Sarah sich nun in ihrem stillen, friedlichen Leben unter Armand’s Schutz erholte und mit mehr Ruhe und Sicherheit als bisher der Entscheidung ihrer großen Lebensfrage entgegensah, hatte ihr und des jungen Alvano Scheiden aus dem Hause Monteno’s in deren Lebensweise wieder die alten Zustände hervorgebracht. Feste, Gesellschaften, Land- und Fischpartieen dienten tagtäglich zur Unterhaltung der Madame Monteno und deren Tochter, und Doctor Absinthe war wieder der unentbehrliche, beste Freund im Hause. Herr Monteno aber, der gern, wo er konnte, diesen geräuschvollen Vergnügungen aus dem Wege ging und von seiner Gattin dabei auch niemals vermißt wurde, gab sich wieder seiner Neigung zu stilleren Freuden nach Herzenslust hin und besuchte Abends regelmäßig wieder die Spiellocale in der Stadt. Er schlich sich dann, wenn die Fledermäuse und Eulen zu fliegen begannen, in seinen leichten Mantel gehüllt, mit gefüllter Börse aus dem Hause und kehrte in der Regel erst gegen Morgen mit leeren Taschen und laut das Unglück, welches ihn verfolgt hatte, mit sich selbst besprechend und namentlich viel mit lebendigen Bewegungen seiner Hände redend, wieder nach dort zurück. Er hatte in seiner Jugend in Mexico immer sehr glücklich gespielt, doch seit das Glück in der Ehe ihm zu Theil geworden war, hatte ihn das im Spiele verlassen. Er spielte jetzt immer unglücklich, und doch hatte er an jedem Morgen wieder eine neue Weise ausgedacht, wie er unfehlbar an diesem Abend ungeheure Summen gewinnen müsse. Sein angenehmster Tag war Mittwoch. Dann fuhr er mit der Post nach Round-top-house, dem nächsten Stationsorte, zwei Stunden von C..... gelegen, wo sich eine bedeutende Ansiedlung befand und wo an jedem Mittwoch alle Freunde des Spiels und alle professionirten Spieler aus der weiten Umgegend sich versammelten, um an der in dem dortigen Wirthshause gehaltenen Spielbank ihr Glück zu versuchen oder durch Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit den ehrlichen Spielern das Geld abzunehmen. Zu diesen letzteren gehörte nun Herr Monteno, denn die kleineren Geschwindigkeiten und Vortheile, die er in Mexico erlernt hatte, reichten unter diesen wahren Künstlern im Spiel bei Weitem nicht aus. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • sieBenUnDZwanZigstes kapitel] 235 Es waren kostbare Abende für Herrn Monteno, welche er in Round-top-house verlebte, denn er fühlte sich hier in seine Jugendzeit versetzt; die Stärke seiner unteren Gliedmaßen kam hier, an dem grünen Tische sitzend, nicht in Frage, und mit seinem schnellen Blicke und der Geschwindigkeit seiner Hände konnte er es mit dem jüngsten Manne aufnehmen. Aber außerdem war ihm auch sein Aufenthalt hier sehr kostbar, weil er stets große Summen mit hieherbrachte und fast niemals einen Dollar davon wieder mit nach Hause zurücknahm. Sein Vergnügen hier konnte aber nicht dadurch beeinträchtigt werden, daß Madame Monteno, wie dies manchmal in der Stadt geschah, ihm gerade in seinen glücklichsten Augenblicken einen Diener über den Hals schickte und ihn sofort nach Hause entbieten ließ. Hier war er fern vom Schuß, und bis gegen Mitternacht, zu welcher Zeit die Post wieder nach C….. abfuhr, hatte er sein Vergnügen vollständig genossen, das heißt, er hatte sein ganzes Geld verloren, so daß er manchmal das Postgeld schuldig bleiben mußte. Es war an einem heiteren Mittwoch Morgen, als Herr Monteno eifrig beschäftigt war, goldene Fünf-Dollarstücke sauber in Papierröllchen zu formen und dann seine Brieftasche mit Banknoten zu füllen, denn er wollte noch vor Tisch mit der Post nach Round-tophouse fahren. Seine Gattin dagegen war eben so eilig beschäftigt, Einladungen für diesen Abend zur Soirée bei sich herumzusenden; denn sie hatte in der Stadt einen Neger ausgefunden, der herrliche Françaisen auf der Violine spielen konnte, und hatte ihn für diesen Abend engagirt, bei ihr zum Tanze Musik zu machen. Beide Gatten waren im Vorgefühl der Freuden, denen sie entgegengingen, in der besten Laune, und als Herr Monteno sich bei seiner Gemahlin schüchternen Blickes, wie mit bösem Gewissen, verabschiedete, wünschte sie ihm viel Vergnügen und entließ ihn bis auf Wiedersehen am folgenden Morgen. Die Freundlichkeit der Gattin that Herrn Monteno außerordentlich wohl, und noch einmal so leicht und sicher auf seinen Fü- ßen legte er den Weg nach der Stadt zurück, von wo er alsbald mit dem Postwagen dem Tummelplatze seiner Leidenschaft zueilte. 5 10 15 20 25 30 35 236 Die alte spanische UrkUnDe Doctor Absinthe erfreute Madame Monteno bei Tische mit seiner Gegenwart; er nahm ihres Gatten Platz ein, ließ sich aber nicht wie er durch bitteres Gewürz der Frau seine Mahlzeit verderben, im Gegentheil, er schien sich für die Hinnahme nicht sehr angenehmer Bemerkungen der Madame durch um so größere Bissen der köstlichen Gerichte zu entschädigen. Es war ein Glück für ihn, daß Mutter und Tochter ihn niemals als Verbündete angriffen, so daß er nicht in ihr Kreuzfeuer gerieth; denn sobald Cleopatra feindlich gegen ihn auftrat, ergriff Madame Monteno sofort seine Partei. Diese aber war heute besonders liebenswürdig gestimmt, bat ihn um seinen Rath, welches Kleid sie an diesem Abend tragen solle, und als der Doctor nun das rosenfarbene nannte, warf sie ihm einen strahlend glühenden Blick zu, wie wenn an dieses Gewand sich eine ihr sehr angenehme Erinnerung knüpfe, winkte ihm dann wohlwollend mit den Augen und sagte es ihm zu, seinen Wunsch zu erfüllen. Für diese Aufmerksamkeit des Doctors reichte Madame Monteno ihm beim Kaffee auch selbst eine Cigarre und warf ein Stück Zucker mehr als gewöhnlich in seine Tasse. Cleopatra entfernte sich sehr bald, um Vorbereitungen für ihre Balltoilette zu machen, so daß Madame Monteno mit dem Hausfreunde noch einige Worte über ihren Anzug für diesen Abend reden konnte, und als derselbe sich dann empfahl, um nach der Stadt zu gehen und sich in seinen Frack zu werfen, sagte die Frau mit äußerst liebevollem Tone: Nun, also das rosenfarbene Kleid, Doctor! – und dabei lächelte sie ihm bedeutungsvoll zu, drohte ihm aber zugleich liebreich mit ihrem Fächer. Der Abend kam, alle Vorbereitungen zum Empfange der Gäste waren gemacht, und Madame Monteno strahlte in rosaseidenem Gewande mit blauen Bändern, welche letztere Farbe sie, so wenig dieselbe auch mit Rosa harmonirte, nicht entbehren wollte, weil sie zu ihrem Haar und ihrem Teint paßte. Der Saal füllte sich schnell, und Madame Monteno und Doctor Absinthe im schwarzen Frack mit langer, grauer Weste empfingen die Freunde. Bald war die ganze eingeladene Gesellschaft 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • sieBenUnDZwanZigstes kapitel] 237 versammelt, und zwar in der allerheitersten Stimmung; doch die Hauptpersönlichkeit bei dem Balle, Cicero, der Neger mit der Violine, fehlte noch. Man wartete, man sah nach dem Eingange hin, die junge Welt wurde immer ungeduldiger, und Madame Monteno sandte hinter einander zwei Diener fort, um den nichtswürdigen, nachlässigen Burschen herbeizuholen, da plötzlich flog die Thür auf, und herein schoß Cicero, der Ersehnte, der Freudenspender, ein langer, hagerer, kohlschwarzer Neger in schwarzem Frack, weißleinenem Beinkleid, maigrüner Weste und weißer Halsbinde, deren lange Zipfel links und rechts unter dem schwarzen Gesichte wie Wegweiser zur Seite standen. Der Frack stammte augenscheinlich von einem viel kleineren Manne her, namentlich waren die Aermel auffallend kurz, so daß die schwarzen Arme des Künstlers weit aus ihnen hervorragten. Ein gleicher Uebelstand traf die Beinkleider, welche nicht allein sehr kurz, sondern auch sehr eng waren, so daß sie die nach vorn stark gekrümmten Schienbeine Cicero’s deutlich zeigten und zugleich seine ungeheuren Füße, deren Hacken fast eben so weit nach hinten wie die Zehen nach vorn hervorstanden, zur Schau brachten. Sein großes, schwarzes Gesicht mit breiter, platter Nase und abstehenden Flügelohren war mit einem hohen Wulst schwarzen, wollichten Haars gekrönt, und mit der Violine unter dem Arme sprang er, seinen ungeheuren Mund zu einem grinsenden Lachen verziehend, so daß die brennend rothe Zunge zwischen den blendend weißen Zähnen sichtbar wurde, durch die versammelte Menge bis in die Mitte des Saales und verneigte sich dann nach allen Seiten gegen die Gesellschaft. Aber, Cicero, wo bleibst du denn? rief Madame Monteno dem schwarzen Virtuosen zu, indem sie sich ihm näherte. Es ist ja abscheulich, uns auf dich warten zu lassen! Madame verzeihen – Cicero sich fein gemacht, antwortete dieser, sich tief vor ihr verneigend, so daß sein wollichtes Haupt nahe vor ihrem Antlitze hinabfuhr. Um Gotteswillen – Pfeffermünz! schrie Madame Monteno, entsetzt von ihm zurückfahrend. Was hast du in dein Haar gethan? Das ist ja zum Ersticken! 5 10 15 20 25 30 35 238 Die alte spanische UrkUnDe Fein Pfeffermünzöl, Madame, antwortete der Geiger und stieß ein vergnügtes Lachen aus. Alle Umstehenden wichen vor ihm zurück, denn die Luft um ihn füllte sich wahrhaft athembeschwerend mit dem Dufte des starken Parfums. Madame Monteno aber verlor ihre Geistesgegenwart nicht; sie war schnell aus dem Saale geeilt, kehrte nach einigen Augenblicken mit einem Gläschen mit Rosenöl zu Cicero zurück, befahl ihm, sein Haupt zu beugen, und goß ihm den Inhalt des Fläschchens in seine Haarfülle. Freudig überrascht fuhr nun der Künstler mit der Hand auf seinem Kopfe hin und her und sagte mit einer tiefen Verbeugung: Sehr schön, Madame – Cicero eine Rose! Der ganze Saal duftete nun wie Rosen und Pfeffermünz, die Tanzlustigen aber riefen zur Française; Cicero warf die Violine an den Backen, und sich mit wohlgefälligem Lächeln auf und nieder und hin und her wiegend und mit einem Fuße den Tact schlagend, stimmte er die lustige Musik an. In fröhlichster Aufregung wogten die Tänzer und Tänzerinnen, letztere in fliegenden, bunten Gewändern um einander hin, und Lust und Heiterkeit hatte die ganze Gesellschaft beseelt, als ein Diener eilig zu Madame Monteno, welche mit Doctor Absinthe im Sopha saß, trat und ihr meldete, daß ein reitender Bote von Roundtop-house angekommen sei und sie zu sprechen wünsche. Von Round-top-house? wiederholte die Frau erschrocken, wandte sich zu Absinthe und sagte: Von Monteno – kommen Sie, Doctor! Dann rauschte sie durch den Saal nach der Thür und traf vor derselben in dem Corridor den auf sie wartenden Boten. Colonel Monteno sendet mich zu Ihnen und läßt Ihnen sagen, daß er sehr schwer erkrankt wäre, und Sie bitten ließe, so schnell wie möglich zu ihm zu kommen, da er es fühle, daß sein Ende nahe sei, sagte der Fremde, indem er seinen Hut höflich abnahm. Ich nach Round-top-house? Das wäre alles, was mir fehlte! rief die Frau heftig aus – mir so etwas nur zuzumuthen! Ihr Mann glaubt sterben zu müssen, versetzte der Bote. Kann ich ihn denn davon zurückhalten? rief Madame Monteno noch heftiger und wandte sich nun an Absinthe mit den Worten: 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • sieBenUnDZwanZigstes kapitel] 239 Das ist Ihre Sache, Doctor; schnell, eilen Sie, reiten Sie hin, verlieren Sie keine Minute! In einer Stunde können Sie dort sein, und wenn Sie Ihr Pferd todtreiten, so gebe ich Ihnen ein anderes! Fort, bester Doctor, ich kann unmöglich von meiner Gesellschaft wegbleiben, es würde eine Störung geben, und der Tanz hat ja erst eben begonnen! Dabei reichte sie Absinthe die Hand, winkte ihm, fortzueilen, und ging nun wieder in den Saal zurück, aus welchem die Française immer lustiger ertönte. Absinthe, so unangenehm es ihm war, auf die guten Gerichte und auf den köstlichen Wein zu verzichten, den ihm Madame Monteno im rosafarbenen Gewande credenzen würde, knöpfte seinen Frack zu, nahm seinen Hut und ging schnellen Schrittes nach der Stadt zurück. Zu Hause füllte er rasch seine Medicintaschen mit Medicamenten, warf sie über den Sattel seines Pferdes, welches während der Zeit vorgeführt war, und ritt auf dem Wege nach Round-top-house davon. Er beeilte die Schritte seines Rosses sehr, denn die Hoffnung tauchte in ihm auf, daß er noch vor Schluß des Balles wieder zurück sein und seinen Theil von den dort verabreichten Leckerbissen erobern könne. Es war eine sehr dunkle Nacht; dennoch hielten ihn die vielen Hindernisse in dem rohen, schlechten Wege nicht ab, sein Pferd einen fliegenden Paß gehen zu lassen, und so war es denn auch erst zehn Uhr, als er das Wirthshaus erreichte, wo Herr Monteno krank liegen sollte. Das Haus war mit Fremden gefüllt, und die Laute der Heiterkeit, die dasselbe durchtönten, bezeugten, daß es sehr munter herging. Der Wirth selbst empfing Doctor Absinthe und führte ihn nach einer Dachkammer. Ich habe den Kranken hier heraufbringen müssen, damit er Ruhe habe, denn alle anderen Zimmer sind mit Gästen gefüllt, sagte der Wirth. indem er die Thür öffnete und Absinthe vor sich eintreten ließ. Bei dem düstern Scheine einer Oellampe sah der Doctor Herrn Monteno auf einem mit Rohr beflochtenen Sopha ausgestreckt lie- 5 10 15 20 25 30 35 240 Die alte spanische UrkUnDe gen. Er beugte sich zu ihm nieder, erfaßte seine Hand und sagte: Wie geht es Ihnen, lieber Herr Monteno? Dieser drehte seinen Kopf nach ihm her, schlug langsam die Augen auf und schaute ihn mit mattem, dahinsterbendem Blicke an. – Meine Frau? fragte er mit kaum hörbarer Stimme. Sie hat mich zu Ihnen geschickt, um Ihnen beizustehen, antwortete Absinthe. Gott mag ihr vergeben! stöhnte Monteno – so muß ich sterben, ohne sie noch einmal zu sehen! Sie dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, Herr Monteno, sagte der Doctor, griff in die Tasche und nahm eine Pille in der Größe einer Büchsenkugel daraus hervor. Nehmen Sie diese Pille, Colonel, sie wird Ihnen helfen. Quecksilber! stotterte dieser abwehrend – sie kann mir nichts mehr nützen – ich fühle es, es geht mit mir zu Ende. Versuchen Sie es doch, Herr Monteno, man könnte ja nicht wissen – fuhr der Doctor fort und hielt ihm den schwarzen Ball vor den Mund; doch Monteno biß die Zähne auf einander und wehrte ihn zurück. So bringen Sie schnell ein Glas von Ihrem starken Cognac, Herr Wirth, und etwas rothen spanischen Pfeffer, der soll ihn wohl wieder auf die Beine bringen, wandte sich Absinthe jetzt an den Wirth, welcher sofort das Zimmer verließ und wenige Augenblicke nachher mit einem Weinglas voll Cognac und der Pfefferdose in der Hand zurückkehrte. Hier, Herr Doctor, ist Beides, sagte er, geschäftig zu ihm tretend, worauf Absinthe das Glas ergriff, einen großen Theelöffel voll rothen Pfeffer hineinschüttete, den Inhalt mit dem Finger umrührte und zu dem Wirthe sagte: Nun werden Sie einmal sehen, mit welcher Schnelligkeit es wirkt – wie ein Zauber! Dann wandte er sich zu Monteno, hob ihm den Kopf empor, hielt ihm das Glas an den Mund und sagte: Schnell, trinken Sie, Colonel, es ist spanischer Wein, der stellt Sie sicher her. Monteno trank das Glas mit Einem Zuge leer und fiel dann mit dem Ausdrucke des Entsetzens auf sein Lager zurück. Er wollte husten, doch die Kraft dazu fehlte ihm, sein Gesicht wurde dunkeroth, ja kirschbraun. Absinthe setzte ihn schnell auf, 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • sieBenUnDZwanZigstes kapitel] 241 der Wirth rannte fort und kam mit einem Glase Wasser, der Doctor hielt es ihm an die Lippen, er goß ihm Wasser in den Mund, umsonst – Monteno trank nicht mehr, er machte heftige Bewegungen mit den Armen, schlug mit dem Kopfe hin und her und ließ sich endlich kraftlos gegen Absinthe’s Brust sinken. Ich glaube, er stirbt! rief der Wirth erschrocken aus. Nein, er ist schon todt, entgegnete der Doctor und ließ Monteno nun langsam auf das Lager niedersinken. Das hat wirklich sehr schnell gewirkt, sagte der Wirth erstaunt, und schob seine Hände in die Seitentasche seines Rockes. Es wäre doch bald mit ihm aus gewesen, bemerkte der Doctor ruhig, Congestivzustand – – der Schlag hat ihn gerührt! Ei, ei – begann der Wirth wieder, das ist mir recht leid, er war mir ein guter Kunde! Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen, versetzte Absinthe. Nun will ich mich aber nicht länger unnöthig aufhalten und so bald als möglich der unglücklichen Witwe die Todesnachricht überbringen. Sie mag dann selbst das Weitere bestimmen. Hiermit verließ Absinthe das Zimmer, der Wirth verschloß dasselbe und folgte dem Doctor nach der Schenkstube, wo dieser ein Glas starken Cognacs zu sich nahm und dann eiligst wieder sein Roß bestieg. Es war noch vor Mitternacht, als er, zu Hause angekommen, wieder in die Straße trat und, im schwarzen Frack, mit verdoppelten Schritten nach der Villa hinauswanderte. Der Ball war noch im vollen Gange, die Violine tönte dem heranschreitenden Doctor lustig entgegen und durch die offenen Fenster sah er die Tanzenden hin und her wogen. Mit dem angenehmen Vorgeschmack einiger Gläser erfrischenden Champagners trat er in den Corridor ein, wehte schnell den Staub von seinen Stiefeln und schritt nun, seine Weste glatt ziehend und mit seiner Uhrkette spielend, in den Saal. Sein Blick begegnete sofort dem der Madame Monteno, die ihn überrascht und fragend ansah, ihm entgegenkam und ihn in das Nebenzimmer führte. Nun, Doctor, fragte sie rasch, Sie bringen böse Nachricht? Ja, verehrte Frau, er ist todt! entgegnete Absinthe. 5 10 15 20 25 30 35 242 Die alte spanische UrkUnDe Also wirklich! stieß Madame Monteno erbleichend aus – so bin ich eine Bettlerin! – Dabei schlug sie beide Hände gegen ihr Antlitz und stand einige Augenblicke bebend und wie verzweifelnd da, dann aber hob sie ihr Haupt trotzig wieder empor und sagte: So weit hat er es gebracht, der schlechte Mann, daß ich nun von der Gnade dieses hochmüthigen Jungen abhange! Sagen Sie Niemandem, daß Sie bei ihm gewesen sind, Doctor, dann brauchen wir jetzt keine Störung eintreten zu lassen. Sie sind gewiß recht angegriffen von Ihrem Ritt, stärken Sie Sich! Dabei zeigte die Frau nach dem Credenztische und eilte in den Saal zurück, während Doctor Absinthe schnell eine Flasche Champagner und ein Glas ergriff, sich in einen Armsessel niederließ und seine durstigen Lippen mit dem perlenden Weine netzte. Erst gegen Morgen verstummte die Violine zum letzten Male und die fröhlichen Gäste empfahlen sich dankend bei ihrer liebenswürdigen Wirthin, welche, nachdem sie noch mit Absinthe ein Weiteres in Bezug auf ihren todten Gatten besprochen hatte, ihn schließlich unter der Veranda entließ, indem sie zu ihm sagte: Nun, wie verabredet, bis morgen früh, lieber Doctor! Am folgenden Vormittag fuhr Doctor Absinthe mit einigen Freunden des Herrn Monteno und von einer leeren Kutsche und zwölf berittenen, in Schwarz gekleideten Negern desselben gefolgt, nach Round-top-house, und Abends kehrten sie mit dessen irdischen Resten nach der Villa zurück. Die Witwe schien in Jammer und Thränen über ihren Verlust vergehen zu wollen und erfüllte die Luft mit Wehklagen. Doch ihr Schmerz hatte augenscheinlich erst am folgenden Morgen seinen Höhepunct erreicht, als man ihren geliebten Gatten von ihr nahm, um ihn zu seiner letzten Ruhestätte zu führen. Eine große Zahl Leidtragender folgte seinem Sarge und unter ihnen befanden sich auch der Advocat Case und Doctor Armand. Diesen Beiden lag nun eine schwere Pflicht ob, deren sie sich am nächsten Morgen entledigten. Sie fanden sich nämlich als Bevollmächtigte des jungen Alvano bei der Witwe ein und nahmen in dessen Namen Besitz von seinem Vermögen. Sie sahen die Bücher nach, bestellten einen Oberaufseher über die Plantage, schrieben 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • achtUnDZwanZigstes kapitel] 243 an alle Banquiers und Geschäftsfreunde des Verblichenen, keine Zahlung mehr auf Rechnung desselben, sondern nur nach Ordre des Herrn Alvano zu leisten, und trafen alle Vorkehrungen, welche ihre Pflicht gegen diesen ihnen gebot. Armand hatte seinen Freund Alvano schon am Morgen nach Monteno’s Ableben hiervon brieflich unterrichtet und ihn gebeten, nun ohne Aufschub schnellmöglichst zurück zu kommen. An einem Sonntag Morgen hatte Armand mit Sarah das Frühstück verzehrt und war dann nach der Stadt geritten, um noch Vormittags vielerlei im Interesse Alvano’s mit Case zu bereden. Er fand ihn in seinem Geschäftslocal mit einer Zeitung in der Hand, und nachdem sie sich begrüßt hatten, zeigte Case auf das Blatt und sagte: Mit der Grant-Angelegenheit hat es denn wirklich so gegangen, wie Sie es immer voraus gesagt haben. Die Stadt Mobile und alle Bewohner des Grants sind von der Regierung in Washington aufgefordert worden, sich mit der Erbin oder deren Anwalt Starfotd sofort gütlich abzufinden, widrigenfalls man mit Gewalt der Waffen der Sarah Walton Besitz von ihrem Eigenthum verschaffen würde. Das hat nun geholfen und es sind bereits Abgeordnete mit offener Vollmacht nach Washington abgereist, um mit Starford den Vergleich zu schließen. Ist es wirklich wahr? stieß Armand freudigt überrascht aus – bitte, geben Sie mir die Zeitung, ich muß sie mit mir nehmen! Sehr gern, antwortete Case verwundert über Armand’s plötzliche Aufregung, Sie haben gewiß eine hohe Wette darauf gemacht? So ist’s, Freund, entgegnete Armand freudestrahlend und steckte die Zeitung in seine Tasche. So wenig Eile er nun auch bei seinem Eintreten gezeigt hatte, so sehr verrieth seine Unruhe jetzt, daß er die Minuten zähle, bis er sich wieder entfernen könne. Die nöthigsten Geschäfte wurden eiligst abgemacht und mit dem heitersten Ausdruck auf seinen Zügen verabschiedete Armand sich bei seinem Freunde. Er eilte nach dem Wirthshause, bestieg sein Pferd und sprengte nun im Galop zur Stadt hinaus. In außerordentlich kurzer Zeit hatte er seine Wohnung erreicht, sprang in das Haus und fragte die Quadrone, welche ihm mit frohem Gruß entgegentrat: Wo ist Fräulein Black? 5 10 15 20 25 30 35 244 Die alte spanische UrkUnDe Sie ist mit Herrn Kelly, welcher so eben kam, in den Wald gegangen, entgegnete Milly freudig, weil sie es ihrem Herrn ansah, daß irgend etwas ihn angenehm berührt hatte. Ohne sich aufzuhalten, schritt Armand nun durch das Haus und eilte in den Hain hinter demselben, wo sein suchender Blick bald die beiden Wandelnden in der Ferne erkannte. Er that sich Gewalt an, um ruhig zu erscheinen, doch sein Herz schlug so laut, daß er dessen Pochen zu hören vermeinte. Er zog schnell eine Cigarre hervor, zündete sie an, um hinter deren Dampfwolken seine Aufregung zu verbergen, und schritt nun, langsam und gleichgültig um sich schauend, mit den Händen in den Taschen auf dem saubern Wege hin und her durch die frischgrünen Laubmassen, bis er zu den Beiden gelangte, die ihm heiter entgegenkamen. Ich freue mich, Herr Kelly, Sie zu sehen, hub er, diesen begrü- ßend, an und reichte ihm die Hand, wandte sich dann aber zu Sarah mit den Worten: Es ist recht von Ihnen, Fräulein, daß Sie Sich Bewegung im Freien machen, die Hitze ist jetzt auch nicht mehr so groß und die Luft ist frisch und erquickend. Sie sind ja sehr bald aus der Stadt zurückgekehrt, Herr Doctor, sagte Sarah mit Herzlichkeit. Meine Geschäfte machten sich schnell ab und da ich nirgends lieber bin als zu Hause, so hielt ich mich nicht länger in der Stadt auf, als ich mußte. Darauf waren sie, Sarah in ihrer Mitte, einige Augenblicke schweigend vorwärts geschritten, als Armand, seinen Blick zur Seite auf seine Gefährten richtend, wieder anhub: Apropos, da ist auch eine neue Nachricht über die Grant-Angelegenheit angelangt. Sarah fuhr zusammen und wich seinem Blick aus, und auf Patrick’s Zügen malte sich Besorgniß und Spannung. Armand that es weh, daß er Sarah auch nur für einen Augenblick in Ungewißheit über die Nachricht gelassen hatte, und fuhr rasch fort: Die Regierung hat zu Gunsten der Erbin Sarah Walton entschieden, und es sind bereits Bevollmächtigte von Mobile nach Washington gesandt worden, um den Vergleich mit dem Advocaten Starford abzuschließen. 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • achtUnDZwanZigstes kapitel] 245 Sarah’s Blick streifte den Armand’s, sie ließ ihre Arme sinken, wankte seitwärts nach einer Bank und sagte wie erschöpft: Einen Augenblick – ich bitte – ich bin ermüdet. – Dabei setzte sie sich auf die Bank nieder und legte ihre Hand vor die Stirn, und Patrick stand mit gefalteten Händen neben ihr und hielt seinen freudestrahlenden Blick auf sie geheftet. Armand ward tief von der glücklichen Ueberraschung der Beiden ergriffen, wandte sich aber von ihnen ab, zog sein Messer aus der Tasche hervor und schnitt mehrere Baumzweige ab, welche in einiger Entfernung in den Weg hingen, so daß er Sarah und ihrem Freunde Gelegenheit bot, ihren Gefühlen schnell Worte zu geben. Bald aber erhob sich Sarah wieder, und Armand kehrte zu ihr zurück, indem er sagte: Sie wollen mich einen Augenblick entschuldigen, Fräulein, ich muß Milly etwas auftragen – ich komme aber bald wieder zu Ihnen. – Dabei griff er in die Tasche und reichte ihr mit den Worten die Zeitung hin: Wenn Sie den Artikel lesen wollen – er steht in diesem Blatte. – Dann verließ er sie schnell und ging eiligen Schrittes nach dem Hause zurück. Er konnte sich so recht in die Seele Sarah’s hineindenken, wie sehr diese Nachricht sie beglückt haben mußte; gab sie ihr doch endlich die Aussicht, ja, die Gewißheit, daß sie wieder unter ihrem wirklichen Namen vor der Welt erscheinen durfte, ohne sich der Gefahr auszusetzen, daß man ihr nach dem Leben trachten würde. Und welche Stellung wartete ihrer nun als Herrin eines solchen Riesenvermögens! Erst kurz vor der Zeit zum Speisen begab sich Armand wieder in das Wäldchen und fand die beiden Glücklichen noch auf derselben Bank sitzend, bei welcher er sie verlassen hatte. Ihre Blicke wichen dem seinigen jetzt nicht mehr aus, im Gegentheil, sie strahlten ihm freudig entgegen, und Sarah machte den Eindruck auf ihn, als dränge es sie, ihm ihr Glück laut zu verkünden. Nun, Fräulein, haben Sie es gelesen, wie die Erbin Sarah Walton, für welche Sie damals, als ich ihre Partei ergriff, auf meine Seite traten, nun doch gesiegt hat – und freuen Sie Sich nicht eben so darüber, wie ich es thue? 5 10 15 20 25 30 35 246 Die alte spanische UrkUnDe Von ganzer Seele, bester Herr Doctor; nun braucht sich die Arme doch nicht mehr vor Meuchelmördern zu ängstigen, antwortete Sarah freien Herzens. Und das ungeheure Vermögen, welches sie bekommt! versetzte Armand. Das wird sie hoffentlich benutzen, um denen zu danken, die ihr in der Zeit ihrer Noth Gutes thaten, und um überhaupt Thränen zu trocknen und Leid und Schmerz zu lindern, entgegnete Sarah – hat sie es doch genugsam empfunden, wie schwer das Unglück drückt! Beim Mittagessen herrschte zum ersten Male, seit Sarah Theil daran nahm, eine wirklich heitere, frohe Laune, und die Stimmung des Mädchens blieb dieselbe, auch nachdem Patrick sich auf baldiges Wiedersehen verabschiedet hatte. So verstrichen einige Wochen. Sarah, wenn auch nicht fröhlich, nicht übersprudelnd glücklich, war heiterer und unbesorgter geworden; sie gab sich gern einer Freude hin und nahm regen Antheil an Anderer Glück. Armand hatte in den letzten Tagen von Stunde zu Stunde einer Nachricht von Alvano entgegengesehen, denn er hätte schon lange Antwort auf seine Briefe von ihm haben müssen, und er begann zu fürchten, daß der Freund sich bereits nach Europa eingeschifft habe. Er ließ aber niemals in Sarah’s Gegenwart ein Wort über diese seine Besorgniß laut werden, im Gegentheil, er sprach oft seine Zuversicht aus, daß sein Freund Carlos nun sehr bald zurückkehren müsse. Der Sonntag war abermals erschienen, und Armand hatte diesen Morgen dazu bestimmt, eine Menge Briefe zu schreiben, welche er schon lange schuldete. Patrick’s Ankunft war ihm daher sehr erwünscht, weil er nun, ohne Sarah zu vernachlässigen, den ganzen Vormittag an seinem Schreibtische verweilen konnte; denn wie gewöhnlich wandelten die Beiden bald in das schattige, kühle Wäldchen. Ungestört hatte Armand geschrieben, bis die Zeit zum Mittagessen sich nahte, und er sah nach der Uhr, ob er den angefangenen Brief wohl noch beenden könne, da hörte er plötzlich eilige Tritte 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • neUnUnDZwanZigstes kapitel] 247 unter der Veranda, die Zimmerthür flog auf und Carlos Alvano trat herein. Himmel – Carlos! rief Armand aufspringend und schüttelte dem Freunde die ihm gereichte Hand. Gottlob, daß Sie hier sind – ich habe mit Sehnsucht auf Sie gewartet! Und ich glaubte, zur See nach New-Orleans die Reise schneller zu machen und blieb nun mehr als noch zweimal so lange unterwegs, antwortete Carlos und erwiederte alle Freudenausdrücke und Herzlichkeiten Armand’s. – Es hat sich Vieles hier in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit verändert, fuhr er dann ernst und sinnend fort; der Tod meines Stiefvaters hat mich sehr ergriffen, und die Herzlosigkeit seiner Frau, die seinem dringenden Rufe, zu ihm zu kommen, als er im Sterben lag, nicht folgte, sondern ihren Ball fortsetzen ließ, hat mich auf das höchste empört. Und Fräulein Black ist dem Grabe sehr nahe gewesen, nahm Armand das Wort und sah Alvano mit einem leisen Vorwurfe in seinem Blicke an. So schrieben Sie mir – wie geht es ihr jetzt – hat sie sich erholt? fragte Carlos ergriffen. Gottlob, sie ist wieder gesund, wenn auch ihr Herz noch krank ist, entgegnete Armand und fügte, durch das Fenster zeigend, rasch hinzu: Sehen Sie selbst, dort kommt sie her! Alvano’s Augen strahlten Glück, er sprang rasch an das Fenster, fuhr aber wie entsetzt zurück und rief: Wer ist der Mann an ihrer Seite? Das ist Tom Kelly, der Arbeiter aus der Stadt, ein Landsmann des Fräuleins, der mit ihr hiehergereist kam und dem sie, wie es mir scheint, überaus wichtige Dienste zu danken hat. Er ist ein einfacher, aber sehr braver Mann und steht, wie ich glaube, mit dem Geheimniß und mit den Schicksalen des Fräuleins in naher Beziehung, antwortete Armand. Tom Kelly, der Arbeiter? wiederholte Alvano überrascht. Er ist derselbe Mann, den ich an jenem unseligen Abend mit ihr in die Burg gehen sah – dieselbe Gestalt, derselbe Kinnbart – derselbe Anzug! Einen Augenblick stand Alvano, regungslos nach Sarah und Patrick hinschauend, da; der finstere, heftige Ausdruck war von 5 10 15 20 25 30 35 248 Die alte spanische UrkUnDe seinen Zügen verschwunden und es zog wie Sonnenschein über sein schönes Antlitz, wobei Armand seinen Blick freudig auf ihn geheftet hielt und die bösen Zweifel, welche die beiden Liebenden getrennt hatten, fallen sah. Sie haben Recht gehabt, Armand, ich habe unverantwortlich, ich habe bös an diesem Engel gehandelt, ich will mein Unrecht aber wieder gut machen, und zwar sogleich – kommen Sie, lassen Sie uns zu ihr gehen! – Mit diesen Worten wollte Carlos seinen Freund mit sich fort aus dem Zimmer nehmen; Armand aber hielt ihn zurück und sagte: Bleiben Sie, Carlos, unerwartete, zu große Freude kann eben so gefährlich wirken wie plötzliches, schweres Unglück. Sie ist noch schwach und reizbar, lassen Sie mich allein zu ihr gehen und sie das Glück ahnen lassen, welches ihrer harrt! – Dabei drängte er Alvano in das Zimmer zurück und eilte allein hinaus unter die Veranda. Sarah schritt mit Patrick eben die wenigen Stufen herauf und ging Armand mit den Worten entgegen: Ach, es war so schön in Ihrem lieben Wäldchen! Aber ich habe mich recht müde gegangen. – Dabei reichte sie ihm zutraulich ihre Hand und sagte dann lächelnd: Schelten Sie mich einmal recht aus über meine Schwäche. Das wäre sehr unrecht, antwortete Armand mit ernstem, bedeutsamem Tone und Blicke – besser, ich reiche Ihnen ein Mittel, welches auch die allerletzte Ursache zu Ihrem Leiden entfernt. Sarah erschrak; sie heftete ihre immer größer werdenden Augen fester und fester auf ihn, ihr Blick schwebte zwischen Bangen und Hoffen – dann ergriff sie zitternd seine Hand und fragte mit bebender Stimme: Ist es Wahrheit? Ja, Fräulein, es ist wahr – er ist gekommen, um sein Unrecht gut zu machen, antwortete Armand tief ergriffen, ging an die Zimmerthür zurück, öffnete sie, und Alvano trat schnell aus ihr hervor. Sarah begegnete erbleichend seinem Blicke, senkte dann ihr Haupt und preßte ihre Hände gegen ihr Herz; Alvano aber war zu ihr hingeeilt, erfaßte ihre Hand, legte seine Rechte auf ihre Schulter und sagte mit reuigem, bittendem Tone: Können Sie mir vergeben – können Sie mir wieder gut sein? Es flog wie Morgenröthe über Sarah’s Wangen, mit einem Blikke voll Seligkeit sah sie zu dem Geliebten auf und sagte: Ja, ja, mit 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • neUnUnDZwanZigstes kapitel] 249 meiner ganzen Seele bin ich Ihnen gut! – Dabei sank sie an des Jünglings Brust, er schloß sie in seine Arme und sie empfing seinen ersten Kuß auf ihren Lippen. Meine Mary! stieß Alvano in höchster Wonne aus und küßte die Freudenthränen von ihren Wimpern – da entwand sich Sarah plötzlich seiner Umarmung, drückte ihre Lippen auf seine Hand und glitt beflügelten Fußes unter der Veranda davon. Alvano so wie Armand und Patrick sahen ihr überrascht und verwundert nach; doch schon nach wenigen Augenblicken kam sie auf demselben Wege um das Haus zurückgeeilt und sprang mit einem geöffneten Pergamentblatte in ihrer Hand wieder zu Alvano hin. Nicht deine Mary – deine Sarah Walton bin ich, Carlos! Jetzt nimm mich hin mit allem, was ich bin und was ich habe! rief sie jauchzend aus und reichte ihm, an seine Brust sinkend, die spanische Urkunde hin. Und hier ist Patrick, der treue Freund und Retter Sarah’s, nahm Armand das Wort, indem er diesen bei der Hand ergriff und ihn zu dem in Seligkeit versunkenen liebenden Paare führte. Sarah aber reichte dem Matrosen ihre Hand und sagte zu Carlos: Ja, er ist Patrick, mein treuer, mein edler Freund, dem du nächst Gott deine Sarah zu verdanken hast. Alvano war so sehr von seinem Glücke übermannt und betäubt, daß er nicht wußte, wohin er zuerst mit seinem Danke sich wenden solle, er reichte bald Patrick, bald Armand seine Rechte hin; Sarah aber hielt er mit seinem Arme umschlungen, als wolle er sie nun nie wieder von sich lassen. Der erste Freudensturm verwogte, die plötzliche, so überwältigend beglückende Wendung ihres Geschickes trat den beiden Liebenden klarer vor ihr Bewußtsein, und mit ruhiger schlagenden Herzen gaben sie sich der Seligkeit hin, die ihre Liebe ihnen spendete. Unter blühenden Rankenrosen und Lianen, die von den Säulen der Veranda über sie herabhingen, waren sie Arm in Arm auf eine Bank niedergesunken und liehen ungestört ihren Gefühlen für einander Worte; denn ihre beiden Freunde hatten sich leise entfernt, um sie dem Himmel, der sich ihnen erschlossen hatte, zu überlassen. 5 10 15 20 25 30 35 250 Die alte spanische UrkUnDe Es waren glückliche, wonnige Zeiten, welche dem Brautpaare nun ununterbrochen erschienen, denn Carlos schenkte der Geliebten jede Stunde, welche er seinen Geschäften entziehen konnte, und oftmals ritt er an einem Tage zwei, auch drei Mal zu ihr hin- über. In seinem Hause machte er schnell alle nöthigen Einrichtungen, um sie, wenn er sie als seine Gattin hineinführen würde, Alles nach Wunsch vorfinden zu lassen. Madame Monteno aber hatte er entfernt; er hatte ihr ein reichliches Jahrgehalt ausgesetzt, und sie war mit ihrer Tochter nach Alabama übergesiedelt. So verstrichen einige Wochen und der zur Trauung des glücklichen Paares festgesetzte Sonntag war erschienen. Früh Morgens schon herrschte in Armand’s Wohnung reges Leben, die Zimmer waren festlich geschmückt, in einem derselben stand ein mit weißer Damastdecke überhangener Tisch, um als Altar während der Trauung zu dienen, und in dem Speisesaal war eine lange Tafel gedeckt, weil Armand alle seine und Alvano’s Freunde zum Mittagessen geladen hatte. Die Quadrone war schon seit mehreren Tagen mit den Vorbereitungen für das Fest rastlos beschäftigt gewesen, an diesem Morgen aber schien sie allenthalben zu gleicher Zeit zugegen zu sein, denn während sie für die gute Bewirthung der Gäste ihres Herrn die letzten Anordnungen traf, lieh sie zugleich in überwallender Freude der glücklichen Braut ihre fleißigen Hände, um sie für den hohen Ehren- und Freudentag zu schmücken. Der glückstrahlende Bräutigam war der Erste, der sich einfand, doch bald erschienen auch alle Gäste in Armand’s Wohnung und es fehlte nur noch der Pfarrer, um die Einsegnung des Brautpaares zu vollziehen. Mit Ungeduld schaute man wieder und wieder auf der Straße nach der Stadt hin, ob man den würdigen alten Herrn noch nicht kommen sähe, da endlich zeigte sich derselbe in seinem einsitzigen Cabriolet, von seinem alten schwerfälligen Pferde gezogen, auf der nächsten Höhe, und die Gäste, welche alle mit dem Geistlichen befreundet waren, traten hinaus unter die Veranda, um ihn zu empfangen und zu begrüßen. In langsamem Trabe zog das alte Pferd mit dem leichten Fuhrwerk heran, da plötzlich erschienen hinter demselben zwei Reiter 5 10 15 20 25 30 35 [Zweiter BanD • neUnUnDZwanZigstes kapitel] 251 auf flüchtigen Rossen, welche, wie es schien, ein ersehntes Ziel noch rechtzeitig erjagen wollten. Gleich hatten sie den Pfarrer erreicht, stoben aber in Carrière an ihm vorüber und nach wenigen Augenblicken in gerader Richtung auf Armand’s Wohnung zu. Wer mögen die Reiter sein? lief es von Mund zu Mund – denn Keiner kannte sie. Sie hatten die Einzäunung erreicht, sprangen von ihren schäumenden Pferden und durch dieselbe herein. Da flog die Thür von Sarah’s Zimmer auf, im weißen Brautschmuck mit dem Myrtenkranze im Haar schoß die Braut aus derselben hervor und eilte, ihre Hände nach den Reitern ausstreckend, ihnen mit dem Ausruf entgegen: Herr Starford! – Herr Balmore! – Gott sei gelobt und gedankt! Beide Männer schlossen das Mädchen in ihre Arme; aus dem Zimmer trat Armand, sein erster Blick erkannte seinen alten Freund: Balmore! – Armand! tönte es jubelnd von ihren Lippen, und in überströmender Freude schüttelten sie einander die Hände. Während Balmore nun seinen Freund, den Advocaten Starford, mit Armand bekannt machte und Sarah wieder in ihr Zimmer zurückgekehrt war, um sich zu sammeln und ihre Freudenthränen zu trocknen, trat nun auch der Pfarrer zu der Versammlung heran und betheiligte sich an der frohen Ueberraschung, welche die beiden Fremden durch ihre Mittheilung über Sarah Walton, die Erbin des Mendoza-Grants, den Anwesenden bereiteten, wobei Starford berichtete, daß er den Vergleich zu Gunsten derselben mit zehn Millionen Dollars abgeschlossen habe. Bald darauf hatte der Pfarrer seinen Platz bei dem Altare eingenommen und die Gäste hatten sich zu dessen beiden Seiten aufgestellt, da öffnete sich die Thür und Starford und Balmore mit Sarah in ihrer Mitte traten herein und führten die Braut zu dem Bräutigam vor den Geistlichen. Der alte ehrwürdige Mann legte nach begeisterter Anrede die Hände der Glücklichen – als Mann und Weib – in einander und gab ihnen den Segen der Kirche. Alle Anwesenden waren innig ergriffen, kein Auge blieb ohne Thräne, und die Glückwünsche, die nun dem jungen Paare gebracht wurden, kamen alle aus tiefstem Herzensgrunde. 5 10 15 20 25 30 35 252 Die alte spanische UrkUnDe Die ernste, feierliche Stimmung machte aber bald in dem blüthengeschmückten Speisesaal an der reich besetzten Tafel der Lust und der Freude Platz, und unter den vielen Lebehochs, die ausgebracht wurden, stand das auf den treuen Patrick an Begeisterung in der vordersten Reihe. Der Abend nahete, als das junge Paar, von den Segenswünschen der Freunde begleitet, von diesen schied, und die Sonne versank in Purpur und Gold hinter Armand’s alter Burg, als Carlos seine junge Gattin in seine Villa führte. Diesem einen höchsten Festtage sollten aber noch viele andere folgen, ehe die Neuvermählten sich in Ruhe der stillen Glückseligkeit hingeben konnten, welche ihr häuslicher Himmel ihnen schuf; denn die theuren Freunde Balmore und Starford blieben während einiger Wochen die Gäste Armand’s und ihnen zu Ehren wurden täglich Vergnügungen veranstaltet, bei welchen das junge Paar niemals fehlte. Bald nach deren Abreise kam Sarah dann in den Besitz der neun Millionen Dollars aus dem durch Starford zu ihren Gunsten abgeschlossenen Vergleiche mit den Bewohnern des Grants und, ihrem Vorsatz getreu, verwandte sie einen großen Theil der Einkünfte daraus zu Wohlthaten an der leidenden Menschheit. Ihrem Freunde Patrick aber schenkte sie eine schöne, reiche Besitzung ganz in der Nähe ihres Wohnsitzes. Ein Jahr später wurden in der Villa zwei Freudenfeste an Einem Tage begangen: die Hochzeit Patrick’s und einer Irländerin, mit welcher er seit mehreren Jahren verlobt gewesen war, und die Taufe eines kleinen Carlos Alvano, dem Inbegriff alles irdischen Glückes der beseligten Eltern. – Anhang anhang • textgeschichte 255 Textgeschichte 1863, nach seinem großen Erfolg mit der Jugenderzählung Carl Scharnhorst (→ AW-MA VII), war es Fredéric Armand Strubberg erstmals gelungen, einen seiner Romane in einer Tageszeitung als Vorabdruck zu veröffentlichen. Der Sprung vom Niagarafalle (→ AW-MA VIII) erschien in insgesamt 75 Fortsetzungen von Juli bis September dieses Jahres in der auflagenstarken, überregional verbreiteten Kölnischen Zeitung. Während jedoch andere populäre Autoren wie Balduin Möllhausen, Friedrich Gerstäcker, Gustav vom See oder Karl Holtei regelmäßig solche Vorabdrucke lancieren konnten, blieb dies bei Strubberg die Ausnahme. Es sollte neun Jahre dauern, bis ihm dies erneut gelang, und wiederum war es die Kölnische Zeitung, die seinen Kurzroman Die alte spanische Urkunde zum Druck brachte. Von Anfang Januar bis Anfang März erschien die Erzählung in insgesamt 35 Fortsetzungen. Wie bei den meisten von Strubbergs Werken sind über die Entstehung und die Publikationsumstände des Romans keine Quellen überliefert. Der unermüdlich tätige Autor legte zwischen 1858 und 1870 (mit der einzigen Ausnahme 1861) mindestens einen umfangreichen Roman pro Jahr vor. 1869 versuchte er sich zudem erstmals mit den beiden Schauspielen Die Quadrone (→ AW-MA XX) und Der Mann ohne Poesie (das gedruckte Manuskript ist den Wirren des Zweiten Weltkrieges zum Opfer gefallen) als Dramatiker. Die Veröffentlichungslücke im Jahr 1871 dürfte daher die Enstehungszeit für Die alte spanische Urkunde sein, zumal der Abdruck in der Kölnischen Zeitung bereits Anfang Januar begann. Es ist zu vermuten, dass Strubberg das Manuskript vor Veröffentlichungsbeginn vollständig bei der Redaktion eingeliefert hatte, denn schon im Juni 1872 erschien Die Fürstentochter (→ AW-MA XV), die somit während des Zeitraums entstanden sein dürfte, in welchem die Urkunde ihren Zeitungsabdruck erlebte. Im September 1872 wurde die zweibändige Buchausgabe im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel zum Preis von 3 Talern angekündigt und war die letzte Publikation Strubbergs bei seinem langjährigen Verleger Carl Rümpler in Hannover. Das Ende dieser – mit kleinen Unterbrechungen – vierzehnjährigen Geschäftsbeziehung markiert eine deutliche Zäsur in Strubbergs schriftstellerischer 256 Die alte spanische UrkUnDe Karriere. Danach gelang es ihm zunächst nicht mehr, einen bekannten und auflagenstarken Verleger zu finden, und seine beiden folgenden Werke Der Methodisten-Geistliche und Zwei Lebenswege (→ AW-MA XVII) erschienen bei der Bohemia in Prag. Zwar entfaltete Strubberg die abenteuerliche Handlung von Die alte spanische Urkunde nicht wie so häufig vor einem historischen Panorama, wie er es zuletzt bei In Süd-Carolina und auf dem Schlachtfelde von Langensalza (→ AW-MA XIII) getan hatte, doch entbehrt auch dieser Roman nicht eines realistischen Hintergrundes. Zwischen 1786 und 1846 wurden in Alabama mehrfach von Privatpersonen Ansprüche auf Grants angemeldet, die diesen von den Kronen Frankreichs und Spaniens verliehen worden waren. Auch der Handlungsabschnitt, in welchem Starford bemüht ist, in Washington Sarahs Anspruch auf den Grant durchzusetzen, ist historisch, denn wiederholt wurden solche Anträge vor dem US- Kongress verhandelt. Der Roman wirkt trotz der Zweiteilung der Handlung insgesamt gut und ohne handlungslogische Brüche konzipert. Auch der vorausblickende Einschub auf den zweiten Teil des Romans in 36,31 bis 50,31 (Kapitel V der Buchausgabe) mit der Vorstellung der Familie Monteno fügt sich harmonisch in die Gesamtkomposition ein. Dass diese Zweiteilung durch die Buchausgabe nicht deutlich wird, dürfte rein ökonomischen Gründen geschuldet gewesen sein, denn Rümpler war mit Sicherheit daran interessiert, die beiden Bände mit annähernd gleicher Bogenzahl herstellen zu lassen. Mit dem Auftreten seines pseudoautobiographischen Helden Armand versuchte Strubberg ersichtlich, mit diesem Roman an frühere Erfolge anzuknüpfen. Insbesondere die zentrale Rolle, die Armands – nunmehr zur Ruine verfallene – Festung in der Erzählung spielt, ist ein deutlicher Rückgriff auf sein Erstlingswerk Amerikanische Jagd- und Reiseabenteuer (→ AW-MA I). Strubbergs mehrfach geäußerte Behauptung, er habe am Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846-1848) teilgenommen, wird im Roman ebenfalls aufgegriffen und erlaubt einen Rückschluss auf die Handlungszeit: Montenos Bemerkung, Armand habe sie seit seiner Rückkehr aus Mexiko nur einmal besucht (118,37), verortet diese kurz vor oder um 1850. anhang • wirkUng 257 Wirkung Da der Roman, anders als frühere Werke Strubbergs, im »Börsenblatt für den deutschen Buchhandel« nicht beworben, sondern nur in der Monatsübersicht angekündigt wurde, kann man davon ausgehen, dass Rümpler auch insgesamt wenig Werbung für Die alte spanische Urkunde gemacht hat. Dementsprechend gering war die Resonanz in den einschlägigen Zeitschriften. Nur die »Blätter für literarische Unterhaltung« brachten zu Beginn des Jahrgangs 1873 eine ausführlichere Besprechung des Romans. Unter der Rubrik »Familienromane« besprach der Rezensent das Werk insgesamt sehr wohlwollend. In der Einleitung nahm er Bezug auf den im Abschnitt zuvor besprochenen Roman Der goldene Löwe in Graupern (sic!) (recte: Der Goldene Löwe in Grandpere (Elsaß), im Original: The Golden Lion of Grandpère) von Anthony Trollope (1815-1882), einem der populärsten englischen Romanciers des Viktorianischen Zeitalters. Diesen verriss er zusammenfassend als langweilige[s], obendrein mittelmäßig übersetzte[s] Opus. Armands Roman sei dagegen weit fesselnder und eine effectreiche, ja als Sensationsroman vom reinsten Wasser sich ausweisende Arbeit. Nach dieser Einleitung führt der Verfasser der Besprechung schlagwortartig durch die Handlung des Romans. Dort treffe der Leser auf einen Schiffsbrand in offener See, auf ungeheuere, aus dem Besitze der »alten spanischen Urkunde« abgleitete Erbansprüche, auf die Ermordung des Erben, entsagungsvolle Qualen der überlebenden Erbin, Verfolgung, Feuersbrunst, eine Bärenjagd, unterschiedliche Mordanfälle und endlich ein Object von 10 Millionen, mit welchem jene Erbansprüche abgefunden werden. Abschließend vermerkte der Rezensent, diese starken, Schlag auf Schlag einander ablösenden Effecte seien von gewandter Feder in leicht dahingleitender Sprache ausgemalt und kritisierte abschließend lediglich, der Autor habe dabei freilich die Klippen der Trivialität nicht immer umschifft. 258 Die alte spanische UrkUnDe Textgestalt Überlieferung Das Manuskript des Romans ist nicht erhalten, so dass der von Januar bis März 1872 in fünfunddreißig Fortsetzungen erschienene Zeitungsabdruck (Z) die älteste überlieferte Textstufe darstellt und für die vorliegende Ausgabe als Druckvorlage gedient hat. Z Die alte spanische Urkunde [bis Forts. 3: Die alte, spanische Urkunde]. Von Armand. In: Kölnische Zeitung. Jahrgang 1872. Abkürzungen: FS Fortsetzung WT Wochentag T/M Datum (Tag/Monat) Nr. Nummer der Ausgabe innerhalb des Jahrgangs Sp. Anzahl der Spalten FA Fortsetzungsanfang im vorliegenden Band (Seite, Zeile) FS WT T/M Nr. Sp. FA 1 Mi 10.01. 10 7 9,1 2 Do 11.01. 11 6 18,4 3 Fr 12.01. 12 5 26,13 4 So 14.01. 14 5 33,19 5 Mo 15.01. 15 5 40,18 6 Mi 17.01. 17 6 47,17 7 Do 18.01. 18 7 54,15 8 Sa 20.01. 20 6 61,32 9 Mo 22.01. 22 6 69,24 10 Di 23.01. 23 5 78,6 11 Mi 24.01. 24 6 85,8 12 Sa 27.01. 27 6 91,32 13 So 28.01. 28 5 99,10 anhang • textgestalt 259 FS WT T/M Nr. Sp. FA 14 Mo 29.01. 29 6 106,15 15 Mi 31.01. 31 6 113,2 16 Do 01.02. 32 5 119,20 17 Sa 03.02. 34 5 126,27 18 Mo 05.02. 36 5 133,22 19 Di 06.02. 37 6 140,18 20 Do 08.02. 39 5 147,12 21 Di 13.02. 44 6 154,5 22 Mi 14.02. 45 5 160,27 23 Do 15.02. 46 6 167,24 24 So 18.02. 49 5 175,22 25 Mo 19.02. 50 5 182,22 26 Di 20.02. 51 5 189,18 27 Do 22.02. 53 5 196,19 28 Fr 23.02. 54 6 202,31 29 So 25.02. 56 6 209,19 30 Mo 26.02. 57 5 217,1 31 Mi 28.02. 59 6 224,1 32 Do 29.02. 60 6 230,27 33 Sa 02.03. 62 5 236,30 34 So 03.03. 63 4 242,21 35 Mo 04.03. 64 5 246,35 Die Buchausgabe (B) erschien im September 1872 und war die letzte Zusammenarbeit Strubbergs mit seinem langjährigen Verleger Carl Rümpler in Hannover. Hatte der Verleger für die früheren Bände des Autors noch einzelne Anzeigen im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel geschaltet, so wurde schon Die Fürstentochter (→ AW-MA XV) nur noch in einer Gesamtverlagsanzeige am 20. August beworben, und für Die alte spanische Urkunde fin- 260 Die alte spanische UrkUnDe det sich lediglich in der Gesamtübersicht für den Monat September die kurze Publikationsmeldung mit dem Hinweis auf das Format und den Umfang sowie den Preis von drei Talern. BI Die alte spanische Urkunde. Von Armand. Erster Band. Hannover: Carl Rümpler. 1872. IV, 275 S. Klein-8°. Enthält Kapitel 1-14. Erschienen Frühherbst 1872 (Ankündigung im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel: September 1872). BII Die alte spanische Urkunde. Von Armand. Zweiter Band. Hannover: Carl Rümpler. 1872. VI, 258 S. Klein-8°. Enthält Kapitel 15-29. Erschienen Frühherbst 1872 (Ankündigung im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel: September 1872). Zur Texteinrichtung des vorliegenden Bandes Als Druckvorlage diente das qualitativ sehr gute Mikrofilmexemplar des Jahrgangs 1872 der »Kölnischen Zeitung« aus dem Bestand der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, Sign. LS ZTG1. Über die Manuskriptnähe des Wortbestandes von Z lassen sich keine gesicherten Aussagen treffen. Bezüglich der Orthographie wurde der Text offensichtlich an die Gepflogenheiten der »Kölnischen Zeitung« angepasst. Hierfür sprechen insbesondere die Kleinschreibung der du-Anreden, die Strubberg konsequent groß schrieb, die Streichung des Strubberg-typischen Dehnungse in gibt, und insbesondere die Streichung des Binde-s in dem für Strubberg besonders charakteristischen Mittagsessen, die vom Redakteur oder Setzer elfmal durchgeführt, jedoch auch zweimal übersehen wurde (70,17 und 171,29). Der Text des Romans ist in der Zeitschriftenfassung durchgängig ohne Band- und Kapiteleinteilungen abgedruckt worden, was im Feuilleton der Tageszeitungen aufgrund des beschränkten Platzes und aus Gründen der Zeitersparnis beim Setzen nicht un- üblich war. Gleiches gilt für das Weglassen der Anführungszeichen zur Kennzeichnung der wörtlichen Rede, die nur an Stellen eingefügt sind, die eindeutig Zitat- oder Hervorhebungscharakter haben. Da das Manuskript nicht erhalten ist, lässt sich heute nicht mehr feststellen, ob die in der Buchausgabe vorhandene Bandanhang • textgestalt 261 und Kapiteleinteilung sowie die Anführungszeichen bereits darin enthalten waren oder bei der Erstellung der Buchfassung durch den Autor selbst oder die Verlagsredaktion hinzugefügt wurden. Gemäß den Editionsrichtlinien der Marburger Ausgabe gibt der vorliegende Band den Text der Druckvorlage zeichengetreu wieder. Die Kapiteleinteilung der Buchausgabe wurde durch Einfügung einer Leerzeile vor dem Beginn eines neuen Kapitels kenntlich gemacht und in die Kolumnentitel aufgenommen. Sie ist detailliert der nachfolgenden Tabelle zu entnehmen. Abkürzungen: B/K Band/Kapitel der Buchausgabe KA Kapitelanfang im vorliegenden Band (Seite, Zeile) B/K KA B/K KA 1/I 9,1 2/XV 135,20 1/II 16,9 2/XVI 146,16 1/III 24,17 2/XVII 154,5 1/IV 30,23 2/XVIII 163,16 1/V 36,26 2/XIX 171,34 1/VI 50,33 2/XX 182,22 1/VII 63,31 2/XXI 192,5 1/VIII 75,5 2/XXII 199,28 1/IX 84,5 2/XXIII 205,9 1/X 90,6 2/XXIV 213,29 1/XI 98,34 2/XXV 222,6 1/XII 105,17 2/XXVI 230,27 1/XIII 115,13 2/XXVII 235,19 1/XIV 125,22 2/XXVIII 242,21 2/XXIX 246,28 Obwohl von Strubberg keine Manuskripte überliefert sind, lässt sich anhand des Briefbestandes feststellen, dass der Autor eine sehr akkurate und gut lesbare Handschrift hatte. Für eine solche gute 262 Die alte spanische UrkUnDe Lesbarkeit des Manuskriptes spricht die hohe Sorgfalt des Satzes des Zeitschriftendruckes. Über die stillschweigende Korrektur der wenigen eindeutigen Druckfehler hinaus erfuhren die nachfolgend aufgeführten Stellen eine Korrektur aus dem Kontext, teilweise analog zu B: 18,24 »Das > Das brennen!« > brennen 25,29 westlichen > östlichen B 32,33 Feuerstrom > Feuerstrom, B 126,14 zusammenkommen > zusammen zu kommen 132,22-23 zu, ihre > zu: Ihre B 159,4 Armand > Arnold 173,9 ging > ginge B 238,33 Round-top-House > Round-top-house B Für die Buchausgabe wurde der in der Zeitungsfassung ohne Band- und Kapiteleinteilung durchgehend abgedruckte Roman in zwei etwa gleich starke Kleinoktavbände (275/258 Seiten) und neunundzwanzig Kapitel eingeteilt. Der inhaltlichen Zweiteilung des Romans wurde damit allerdings nicht Rechnung getragen: Der Schauplatzwechsel von Alabama nach Texas erfolgt in der Buchausgabe in Band 1 mit Beginn des Kapitels XIII (in der Zeitungsfassung mitten in der 15. Fortsetzung). Die im Zeitungsdruck durchgängig fehlende Kennzeichnung der wörtlichen Rede wurde in der Buchausgabe ergänzt. Die Änderungen in B gegenüber Z betreffen insbesondere die Orthographie und sind insgesamt uneinheitlich. Neben Modernisierungen (America Z > Amerika B, Punct Z > Punkt B, eilf Z > elf B, Gränze Z > Grenze B, hinwegläugnen Z > hinwegleugnen B, weßhalb Z > weshalb B) finden sich wiederholt auch ältere Schreibweisen (Flut Z > Fluth B, Tabak Z > Taback B, Paketschiff Z > Packetschiff B, Witwe Z > Wittwe B, Schar Z > Schaar B), insbesondere betrifft dies die Wiederherstellung des für Strubberg charakteristischen Dehnungs-e in gieb, giebst, giebt. Auch bei der Groß- und Kleinschreibung sind die Änderungen uneinheitlich (allem/alles Z > Allem/Alles B, nichts Z > Nichts B, aber Einem Z > einem B, Guten Z > guten B, Weitem Z > weitem B). Eindeutig ist die Tendenz zur Zusammenschreibung bei Verben mit Vorsilbe (auf und ab wandelnd Z > auf- und abwandelnd B, anhang • textgestalt 263 hin und her schlagen Z > hin- und herschlagen B, herauf rief Z > heraufrief B, hinunter trinken Z > hinuntertrinken B, zurück zu bringen Z > zurückzubringen B). Ebenfalls uneinheitlich und keinem erkennbaren Muster folgend sind die Änderungen bei der Zeichensetzung: achtzehn hinzugefügten stehen zwanzig gestrichene Kommata gegen- über. Eindeutiger ist die Tendenz zur Einfügung der für Strubberg typischen Verschleifungen (Anderen Z > Andern B, Eigenthumes Z > Eigenthums B, Instrumentes Z > Instruments B, unserem Z > unserm B); hierzu gehört auch die mehrfache Streichung des Dativ-e bei Substantiven (Augenblicke Z > Augenblick B, Gelde Z > Geld B, Hause Z > Haus B, Zuge Z > Zug B). Eine Besonderheit bildet die Schreibweise von Grant/Grand. Während B durchgängig die Schreibung Grand bietet, findet sich diese in Z nur (und durchgängig) bis 60,29 (insgesamt dreizehnmal), danach wechselt sie durchgängig zu recte Grant (ab 64,5, insgesamt einundvierzigmal). Hier könnte eine Korrekturanweisung des Autors an die Redaktion der Kölnischen Zeitung vorliegen; da dies jedoch nicht zweifelsfrei zu ermitteln ist, wurde gemäß den Editionsrichtlinien die unterschiedliche Schreibweise der Druckvorlage beibehalten. Die sonstigen Änderungen am Textbestand sind marginal, von den insgesamt achtundzwanzig Wortänderungen sind zehn grammatikalisch bedingt. Im gesamten Text finden sich nur eine Ergänzung in B gegenüber Z (57,21 bedeutender Z > sehr bedeutender B) sowie sechs kleinere Streichungen. Als Druckvorlage für die Buchausgabe dürfte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht das Manuskript, sondern Z gedient haben, ein eindeutiges Indiz hierfür ist die fehlerhafte Übernahme des Namens Armand (statt recte Arnold) in 159,4 (vgl. auch das Korrekturverzeichnis). Die Überarbeitung scheint insgesamt flüchtig gewesen zu sein, hierfür spricht neben der geringen Zahl an Änderungen des Textbetandes die Tendenz, dass die Bearbeitungen zum Ende des Textes hin deutlich weniger werden: So wäre in 241,28 hin- und herwogen in B zu erwarten, die Buchausgabe übernimmt jedoch die Schreibweise hin und her wogen aus Z. Ob die Einrichtung der Buchausgabe durch den Autor selbst oder den Verlag erfolgte, lässt sich heute nicht mehr gesichert feststellen. 264 Die alte spanische UrkUnDe Variantenverzeichnis Das Verzeichnis bietet sämtliche Änderungen von Z zu B. Nicht als Einzelnachweise aufgenommen wurden: • du Z > Du B sowie die entsprechenden konjugierten Formen • America / americanisch Z > Amerika / amerikanisch B sowie die entsprechenden Flexionen und Komposita • gib / giebst / gibt Z > gieb / giebst / giebt B • Sie Sich Z > Sie sich B • ab 64,5: Grant Z > Grand B sowie die entsprechenden Flexionen und Komposita 10,22 Tabak] Taback B 11,7 möglicher Weise] möglicherweise B 12,11 Gränzen] Grenzen B, ebenso 58,21, 82,9, 82,25, 96,5 12,13 weßhalb] weshalb B, ebenso 40,20, 49,15, 62,3, 87,25, 138,8, 195,18, 203,8, 209,6 13,34 Paketschiff] Packetschiff B, ebenso 13,36 14,31 zusammenfahrend] zusammenfahrend, B 16,6 Meeresrande] Meeresstrande B 16,7 überflutete] überfluthete B, ebenso 32,2 18,17 Heerde] Herde B 18,23 »Feuer!«,] »Feuer!« B 18,28 erkännten] erkennten B 19,19 stille,] stille B 19,23 Flut] Fluth B, ebenso 25,2, 25,32, 28,34, 29,24, 69,20, 116,8 20,17 Aber] Aber, B 21,12 hinab befördert] hinabbefördert B 21,14 Vulcans] Vulkans B 22,14 werden,] werden B 24,13 dasselbe,] dasselbe B 24,17 Sie] Die Geschwister B 24,34 empor] empor- B 24,35 herüber wirbelte] herüberwirbelte B 25,32 hin] hin- B, ebenso 71,22, 94,34, 132,8, 226,5 25,33 her schlagen] herschlagen B 28,12 alles] Alles B, ebenso 34,16, 35,10, 36,11, 64,33, 80,27, 102,25, 122,14, 126,21, 169,37, 199,1, 200,24, 203,34, 238,33 28,26 Gluthpunct] Glutpunkt B 29,5 erscheint,] erscheint B 30,9 Punct] Punkt B, ebenso 228,33 30,14 steigen] gehen B 33,14 Bord] Bord, B 33,20 hinweg hob] hinwegtrug B 33,25 zurück zu rufen] zurückzurufen B 33,37 herauf rief] heraufrief B 34,9 Augenblicke] Augenblick B, ebenso 49,35, 50,1, 56,14, 56,22, 89,28 35,9 Bißchen] bißchen B 36,31 Gränze] Grenze B, ebenso 60,21, 83,23, 100,27, 175,17, 229,6 37,14 bis] oder B 37,37 Negerkämpfe] Negerkämpfe, B 38,24 Witwe] Wittwe B, ebenso 241,18, 242,26, 242,35 38,24 Doña] Donna B 38,35 gewohnt] gewöhnt B 38,37 wieder zu finden] wiederzufinden B 39,31 feuerige] feurige B 40,21 Batisttuanhang • textgestalt 265 che] Battisttuche B 41,9 Galerie] Gallerie B 41,18 reibend,] reibend B 41,28 eingestanden] überstanden B 41,32 gehlten] gehalten, B 41,33 spiele] spiele, B 44,1 hier] fehlt B 46,17 der Sclaven] Sclaven B 46,19 hieße] hieße, B 48,16 schwanken] schlanken B 49,4 hinunter trinken] hinuntertrinken B 49,28 Tabaksdampf] Tabacksdampf B 50,26 freundlich] freundlich, B 50,31 werden! –] werden! B 51,1 uns] fehlt B 51,22 heraus kämen] herauskämen B 51,31 Minute] Minuten B 52,1 hieher] hierher B, ebenso 62,3, 118,20, 123,32, 125,33, 156,30 54,11 wenig,] wenig B 54,24 getroffen,] getroffen B 54,29 hinab] herab B 56,8 unserem] unserm B, ebenso 57,10 57,20 seine] die B 57,21 bedeutender] sehr bedeutender B 57,23 Consul,] Consul B 57,34 eilf] elf B, ebenso 159,6, analog 91,32 57,35 Mexicaner] Mexikaner B 58,5 begränzt] begrenzt B, ebenso 67,14 59,15 Señorita] Sennorita B 59,18 Angelegenheit] Angelegenheiten B 62,31 werden] werden, B 65,32 Sich] sich B, ebenso 207,25, 207,27 66,20 unseren] unsern B, ebenso 85,33, 98,16, 186,31 68,5 Eigenthumes] Eigenthums B 69,3 heraus bezahlen] herausbezahlen B 70,17 Mittagsessen] Mittagessen B, ebenso 171,29 71,22 her wandelnden] herwandelnden B 73,31 I c h] Ich B 74,2 Fenster-] Fenster B 75,19 Zuge] Zug B 75,27 meinen Freunden] meinem Freunde B 76,3 amusirt] amüsirt B 77,21 in] nach B 81,22 auf] auf- B, ebenso 102,2, 108,1 ab wandelnd] abwandelnd B 81,26 Guten] guten B 82,2 Tabaksrauch] Tabacksrauch B 82,8 Leguas] Leguas, B 82,32 allem] Allem B, ebenso 94,6, 249,13 82,36 Weitem] weitem B, ebenso 234,36 83,11 rasch,] rasch B 83,27 wir – können] wir würden B 83,28 Washington] Washington – B 85,2 zu ging] zuging B 87,16 ärnten] ernten B 87,17 ja,] ja B 93,23 schnell. –] schnell. B 93,25 Statt finden] stattfinden B, ebenso 203,13 94,35 her tappte] hertappte B 95,2 hatten] haben B 96,21 Ihr] fehlt B 97,21 zurecht setzte] zurechtsetzte B 98,30 ihre] die B 99,21 hinab zu begeben] hinabzubegeben B 100,19 erhalten] erhalten; B 101,8 zur] bei B 102,2 nieder gegangen] niedergegangen B 108,1 nieder zogen] niederzogen B 111,10 aus,] aus B 112,17 Einem] einem B, ebenso 162,1 Schar] Schaar B 113,15 beide] Beide B, ebenso 142,11, 192,18, 220,26 115,11 antrat. – –] antrat. B 118,37 Mexico] Mexiko B 119,2 Hause] Haus B 119,20 Versprochener Maßen] Versprochenermaßen B 120,31 alten,] alten B 122,2 von] vom B 128,9 können. / Es] Können. Es B 128,34 Blick] 266 Die alte spanische UrkUnDe Blicke B, ebenso 244,30 130,21 gränzenlos] grenzenlos B 132,8 her schwirren] herschwirren B 135,20 er] Armand B 135,24 rathen,] rathen B 135,34 hervor] hervor- B 137,7 formel] formell B 137,26 mit den Worten] fehlt B 139,24 Spazirgang] Spaziergang B, ebenso 154,29, 164,9 139,37 Viehherde] Viehheerde B 142,12 erstere] Erstere B 143,7 einiger Maßen] einigermaßen B 143,10 kännte] kennte B 143,24 Instrumentes] Instruments B 144,29 Musicalien] Musikalien B 145,30 Spazirgängern] Spaziergängern B, ebenso 183,22 152,16 hinausfluten] hinausfluthen B 153,4 schwere,] schwere B 153,34 Mann] Mensch B 154,6 Monteno] Monteno, B 158,11 Hundert] hundert B, ebenso 160,24 160,34 und] und, B 160,35 liegen] liegen, B 161,13 Zeit] Zeit, B 165,24 Fass’] Fass’, B 166,9 spazirte] spazierte B 168,20 Gelde] Geld B 169,6 Preis geben] preisgeben B, ebenso 210,8 172,1 sie] sich B 172,37 Statt fand] stattfand B 173,25 Apfelwein] Aepfelwein B 177,19 Recht] Recht, B 178,35 durchdrungen,] durchdrungen B 179,32 Prinzess] Prinzeß B 183,12 Statt habenden] statthabenden B 186,36 Anderen] Andern B 188,10 selbständig] selbstständig B 191,19 begann,] begann B 191,27 spiele] spielt B 192,18 Wandspiegel,] Wandspiegel B 194,37 nun] nur B 195,36 Widerspiel] Wiederspiel B 198,28 Entwicklung] Entwickelung B 199,23 veranlassen] veranlassen, B 199,34 Selbstverläugnung] Selbstverleugnung B 200,20 Hast. / Haben] Hast. Haben B 201,8 hohe,] hohe B 205,15 Spazirgängen] Spaziergängen B, ebenso 232,7 205,27 Abendspazirgang] Abendspaziergang B 206,25 hinwegläugnen] hinwegleugnen B 207,23 voranspazirt] voranspaziert B 208,28 entgegen zu kommen] entgegenzukommen B 210,29 Spazirgange] Spaziergange B 212,35 schuldig] unschuldig B 213,1 beschloß,] beschloß B 219,33 freundlichste] Freundlichste B 219,33 beste] Beste B 226,5 her bewegt] herbewegt B 226,33 umgibt] umgiebt B 227,10 Sylbe] Silbe B 228,37 theilnahmslos] theilnahmlos B 229,31 Arznei] Arzenei B 230,8 verstrichen,] verstrichen B 231,16 nichts] Nichts B 233,8 zurück zu bringen] zurückzubringen B 234,28 Ansiedlung] Ansiedelung B 239,36 düstern] düsteren B 240,4 mattem] matten B 242,29 Höhepunct] Höhepunkt B 243,7 zurück zu kommen] zurückzukommen B 243,14 voraus] fehlt B 252,1 ernste,] ernste B 252,28 Eltern. –] Eltern. / Ende. B Oben: Spalte 1 des Zeitschriftendrucks vom 10. Januar 1872 Folgende Seite: Titelblatt des ersten Bandes der Buchausgabe anhang • stellenkommentar 269 Stellenkommentar Abkürzungen: Anm.: Anmerkung engl.: englisch frz.: französisch ital..: italienisch kaufm.: kaufmännisch lat.: latinisch span.: spanisch vgl.: vergleiche waidm.: waidmännisch 11,18 Hidalgogeschlechtes – Hidalgo (span.): Angehöriger des spanischen Niederadels. Das Wort ist abgeleitet vom spanischen »hijo de algo«: »Sohn einer Familie mit Besitz«. 11,27 weil jene Länder abermals den Besitzer gwechselt – Das 1803 angekaufte, über zwei Millionen Quadratkilometer große Gebiet von Französisch-Louisiana verdoppelte die Größe der damaligen Vereinigten Staaten. Es umfasste die heutigen Bundesstaaten Arkansas, Missouri, Iowa, Oklahoma, Kansas und Nebraska, die westlich des Mississippi gelegenen Teile von Minnesota und Louisiana, die größten Teile von Northund South-Dakota, den nordöstlichen Teil von New Mexico sowie die östlich der kontinentalen Wasserscheide gelegenen Teile von Montana, Wyoming und Colorado. 12,2 Leguas – Die Legua (engl.: League) war ein spanisches Längenmaß von regional unterschiedlicher Festlegung, das später auch in den angloamerikanischen Sprachgebrauch Eingang fand (1 League = 3 engl. Meilen = 4,828 Kilometer). In der Zeit der spanischen Besiedlung Mittel- und Nordamerikas wurde die Legua auch als Flächenmaß verwendet und bezeichnete eine quadratische Fläche mit einer Seitenlänge von je einer Legua. 12,3 4 440 Acker – Der acre ist ebenfalls ein altes angloamerikanisches Flächenmaß (1 acre = 0,047 ha = 4 047 m²). – Eine 270 Die alte spanische UrkUnDe Legua (Fläche) entsprach 4 428,4 acres, dies sind rund 1 792 ha (17,92 km²). 12,12 Tombigby-Flusses – Der 325 Kilometer lange Tombigbee River entsteht durch den Zusammenfluss des Big und des Little Brown Creek im Nordosten des US-Bundesstaates Mississippi (34° 25‘ N 88° 25‘ W) und fließt in südlicher Richtung durch Mississippi und Alabama. Bei Mobile vereinigt er sich mit dem Alabama River zum Mobile River (31° 8‘ N 87° 56‘ W), dieser mündet in der Mobile Bay in den Golf von Mexiko. 12,13 Stadt Mobile – Die 1702 von französischen Kolonisten gegründete Stadt ist der heutige Verwaltungssitz des gleichnamigen County und die größte Hafenstadt des US- Bundesstaates Alabama. Sie liegt im äußersten Südwesten Alabamas an der Mobile Bay (30° 42‘ N 88° 3‘ W). Ab dem zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts erlebte die Stadt durch den expandierenden Baumwollhandel einen starken Aufschwung. 15,12 indolentes – gleichgültiges. 17,22 Plaid – (schottisch): Eine dünne, zumeist kariert gemusterte Wolldecke. 18,1 Klagen des Heraklit – Heraklit (um 520 v. Chr. - um 460 v. Chr.) war ein griechischer Philosoph der vorsokratischen Schule. Sein Werk ist nur fragmentarisch in Form von Zitaten in den Werken späterer Autoren überliefert. 26,10 Zoll – Bezeichnung für eine Maßeinheit, deren Länge regional schwankte. Das heute noch im angloamerikanischen Sprachgebrauch übliche Zollmaß (inch) beträgt 2,54 cm (1/12 Fuß) 34,27 Reiseeffecten – Reisegepäck. 36,32 Leone – Zwar gibt es in Texas auch einen Leona River, dieser ist von Strubberg hier aber wohl nicht gemeint. Der Autor verwechselte mehrfach ähnlich klingende geograanhang • stellenkommentar 271 phische Namen (vgl. hierzu auch AW-MA XVIII, S. 239, Anm. zu 80,25). Gemeint ist hier der Llano River. Dieser entsteht durch den Zusammenfluss des North Llano River und des South Llano River bei Junction, Kimble County, Texas (30° 29‘ N 99° 45‘ W), fließt 170 Kilometer in nordöstlicher Richtung und mündet in den Colorado River (30° 39‘ N 98° 25‘ W). Deutsche Auswanderer aus dem von Strubberg Mitte der 1840er Jahre mitgegründeten Friedrichsburg zogen weiter nach Norden und gründeten am Llano River mehrere Ansiedlungen, unter anderem die Stadt Castell (s. nachfolgende Anm.). 36,35 Stadt C..... – Als Vorbild für diesen Ort kann an mit Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Stadt Castell (30° 42‘ N 98° 57‘ W) angenommen werden. Diese wurde von deutschen Auswanderern im Jahr 1847 auf dem Gebiet des Fisher-Miller-Grants gegründet, auf dem die in Friedrichsburg und Neu-Braunfels lebenden Immigranten ursprünglich angesiedelt werden sollten. Es ist gesichert, dass Strubberg während seiner Zeit als Kolonialdirektor von Friedrichsburg in den Jahren 1846 und 1847 auch Vorstöße auf das Gebiet des Fisher-Miller-Grants unternahm, so dass ihm die Stadt Castell und die Topographie der Landschaft aus eigener Anschauung bekannt gewesen sein dürften. 37,8 Methodisten-Kirche – Die Methodisten-Kirche in Castell wurde im Jahr 1852 gegründet. 37,9 ausgezeichneten Predigern – Unter anderem Karl A. Grote. 37,32 wenige Meilen – 1 Meile = 1,609 Kilometer. 38,28 Valet – Von lat. Valete: Lebt wohl! 39,30 Cordilleren – Cordilleras (span.): Gebirgskette. Der Begriff bezeichnet offiziell den gesamten Gebirgszug, der sich im Westen Nord- und Südamerikas von Alaska bis Feuerland erstreckt, zumeist wird er jedoch nur auf den südamerikanischen Teil angewendet. Strubberg verwendet ihn hier synonym für die Rocky Mountains, die einen Teil der nord- 272 Die alte spanische UrkUnDe amerikanischen Kordilleren bilden und sich von Kanada über Montana, Idaho, Wyoming, und Colorado bis nach New Mexico erstrecken. 43,30 Revenuen – (kaufm.): Einkünfte, Einnahmen. 45,24 majorenn – großjährig, volljährig. 47,18 dreißig Fuß – Ca. 9,1 m (1 Fuß = 30,48 cm). 52,1 Königin von England – Victoria (1819-1901), seit 1837 Königin des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland. 52,37 Vertrage von San Ildefonso – In dem am 1. Oktober 1800 unterzeichneten Geheimvertrag gab Spanien die Kolonie Louisiana an Frankreich zurück (vgl. auch die Anm. zu 11,27). 55,2 Seiner Majestät des Königs – Hier irrt Strubberg: Zur Zeit der Romanhandlung (um 1850) war Isabella II. (1830-1904, reg. 1833-1868) Königin von Spanien. 56,8 die Hände uach nach unserem schönen Cuba ausstreckte (...) Bande von einigen Tausend Filibustiern (...) Landesverräther Lopez – Am 19. Mai 1850 landete Narciso López (1797-1851) mit einer Invasionsarmee von 600 US-amerikanischen Söldnern auf Kuba. Die Expedition endete erfolglos, und López musste bereits am folgenden Tag wieder nach New Orleans zurückkehren, von wo aus er einen zweiten Invasionsversuch vorbereitete. Am 12. August 1851 landete er erneut auf Kuba, wurde nach mehreren Niederlagen am 31. August verhaftet, als Hochverräter verurteilt und am folgenden Tag hingerichtet. – Als Filibustier (dt.: Freibeuter) bezeichnete man ursprünglich Kaperfahrer, die im 17. und 18. Jahrhundert im Auftrag der französischen Krone in der Karibik agierten. 58,25 gegen zwanzigtausend Einwohner – Diese Zahl ist für die Handlungszeit des Romans (um 1850) realistisch. 71,19 Trottoir – (frz.): Gehsteig. anhang • stellenkommentar 273 82,23 Landoffice – Das 1812 gegründete General Land Office (GLO) war eine zunächst unabhängige Agentur, die für Vermessung, Kartierung und Verkauf der neu erschlossenen Landgebiete zuständig war, und unterhielt zu diesem Zweck in jeder größeren Stadt eine Niederlassung. 1849 wurde das GLO dem Ministerium des Innern unterstellt. 83,34 imcommodiren – inkommodieren: belästigen, Ungelegenheiten bereiten. 113,22 Carrière – Gestreckter Galopp, bei dem sich das Pferd mit beiden Hinterläufen gleichzeitig vom Boden abstößt. 118,37 Rückkehr aus Mexico – Strubberg hatte unter anderem in Briefen an den Cotta-Verlag behauptet, er habe im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846-1848) gekämpft. 120,27 in flüchtigem Paßgange – flüchtig: schnell. – Pass: Gangart, bei der das Pferd jeweils die beiden Beine auf der einen Körperseite nach vorne aufsetzt, während sich die beiden Beine auf der anderen Seite in der Luft befinden, wodurch eine schaukelnde Bewegung entsteht. 120,36 Mulattenknabe – Eine männliche Person mit einem afrikanischen und einem kaukasischen Elternteil. Wie auch Quadrone (vgl. folgende Anm.), Terzerone und andere Begriffe aus dem Umfeld der amerikanischen Sklavenhaltergesellschaft, die zur Definition der Abstammung dienten, gilt das Wort im heutigen Sprachgebrauch als Ethnophaulismus. 121,2 Quadrone – Eine weibliche Person mit einem afrikanischen und drei kaukasischen Großeltern. 149,17 Sonate – Mehrsätziges Instrumentalstück für Soloinstrumente oder kleine kammermusikalische Besetzungen. 149,19 Allegro – (ital.): schnell, munter fröhlich. Tempobezeichnung zum Spielen eines Musikstückes. Die Tempobezeichnung gibt darüber hinaus auch Auskunft über den Charakter des Stückes. Dementsprechend wird der erste 274 Die alte spanische UrkUnDe Satz (Kopfsatz) einer Sonate oder Symphonie oft als »Allegro« bezeichnet. 149,20 Adagio – (ital.): langsam. Häufig die Bezeichnung für den zweiten Satz eines mehrsätzigen Instrumentalstückes. 149,24 Yankee-Doodle – Ursprünglich ein Spottlied der britischen Soldaten auf die amerikanischen Kolonisten, wurde es im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg von diesen aufgegriffen und mit einer patriotischen Konnotation belegt. Seit dieser Zeit existieren unzählige Textfassungen des Liedes. Seine Melodie ist deutlich älter und geht wohl auf eine holländische Volksweise aus der Frühen Neuzeit zurück. Sie ist heute die offizielle Hymne des US-Bundesstaates Connecticut. – Der Ursprung des Wortes Yankee ist nicht eindeutig geklärt. Innerhalb der Vereinigten Staaten bezeichnete er bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zumeist einen Bewohner der Neuenglandstaaten, seit dem Bürgerkrieg wurde er auch allgemein für einen Bewohner der Nordstaaten verwendet. Außerhalb der USA ist der Begriff bis heute als abwertende Bezeichnung für einen US-Amerikaner gebräuchlich. – Ähnliches gilt für das Wort Doodle: Dieses ist entweder abgeleitet vom deutschen »dudeln« (in diesem Fall bezöge es sich auf die simple Melodie des Stückes) oder aber von »Dödel« (Trottel, Dummkopf), was ein Verweis auf die in dem Lied verspottete Figur wäre. 150,11 Cotillons – Cotillon: Abfolge von mehreren Tänzen (oft Contretänze, Polkas, Walzer); in der Regel der Höhepunkt eines Balles. 150,11 Francaisen – Française: Ein um 1820 entstandener Contretanz. 160,30 Hifthorn – Wegen seines besonderen Klanges so genanntes Signalhorn (althochdeutsch hiofan = wehklagen). 161,30 standlaut – (waidm.): Das Bellen des Hundes, mit dem er dem Jäger das erfolgreiche Stellen des Wildes anzeigt. 162,17 feist – (waidm.): fett. anhang • stellenkommentar 275 162,22 zerwirkt – zerwirken: (waidm.): Zerteilen des erlegten Wildes. Im Unterschied dazu bedeutet zerlegen in der Jägersprache das Zerkleinern des Fleisches für den Küchengebrauch. 170,24 Principal – (kaufm., veraltet): Inhaber einer kaufmännischen Unternehmung; Geschäftsführer. 181,5 Courmacher – Cour (frz.): Hof. – Jemand, der einer Dame den Hof macht. Hier ist der Begriff spöttisch-abwertend gemeint im Sinne von »Schürzenjäger«, »Weiberheld«. 183,28 Conducteur – (frz.): Fahrer, Lenker. 190,23 Ecossaise – (frz.): »Der Schotte«. Ursprünglich ein schottischer Rundtanz. Seit dem 18. Jahrhundert ein beliebter Contretanz im 2/4-Takt. 196,30 Couvert – (frz.): Gedeck. 197,16 Lecture – lecture (frz.): Lehrmaterial, Lehrwerk. 213,36 Nocturnus – Nocturne (ital.): »Nacht werdend«. Ursprünglich Musikstücke, die in ihrer Satzstruktur und Besetzung nicht festgelegt waren. Seit dem frühen 19. Jahrhundert wird der Begriff zumeist für ruhige, einsätzige Klavierstücke verwendet. Populär wurden sie insbesondere durch die Kompositionen von John Field (1782-1837) und Frédéric Chopin (1810-1849). 238,14 an den Backen – Die Verwendung des Maskulinums »der Backen« für »die Backe« ist in den mittel- und nordhessischen Mundarten noch heute gebräuchlich. 276 Die alte spanische UrkUnDe Quellen und Literatur Quellen 1. Ungedruckte Quellen DeUtsches literatUrarchiv Marbach aM neckar Cotta-Archiv: Handschriftenabteilung 1) Bestand Cotta Briefe: Strubberg-Armand, Friedrich August: Briefe von ihm an Cotta 2) Gelehrten-Copierbücher des Cotta-Verlages Band IV: 25.12.1852 – 28.02.1859 Band V: 01.03.1859 – 15.07.1865 Band VIII: 22. April 1873 – 3. März 1876 3) Autoren-Copierbücher des Cotta-Verlages Band III: 14. Jan. 1884 – 6. April 1885 u. Register Band V: 18. Okt. 1886 – 31. Aug. 1888 2. Gedruckte Quellen Blätter Für literarische UnterhaltUng. Jahrgang 1873, Bd. I, Nr. 2, S. 28. Literatur 1. Bibliographien und Nachschlagewerke aDelUng, Johann christoph (hrsg.): Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart: mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen. 4 Bde. Wien: Bauer 1811. BartZ, hans-werner U. a. gearB.): Der Digitale Grimm. Deutsches Wörterbuch. Elektronische Ausgabe der Erstbearbeitung von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 2 CD-ROMs. Frankfurt am Main: Zweitausendeins 2004. anhang • QUellen UnD literatUr 277 BörsenBlatt Für Den DeUtschen BUchhanDel. Fachzeitschrift für Verlagswesen und Buchhandel, hrsg. vom Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig. 1834-1945. Microfiche- Ausgabe. München: Saur o. J. the hanDBook oF texas online. http://www.tshaonline.org/ handbook/online. Published by the Texas State Historical Association. gesamtVerZeichnis Des DeUtschsprachigen schriFttUms (gV) 1700-1910. Bearb. unter der Leitung von Peter Geils und Willi Gorzny. München: Saur. Bd. 5: Anw-Arw. 1979. Bd. 141: Stot-Stuc. 1985. klotZ, aiga: Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland 1840- 1950. Gesamtverzeichnis der Veröffentlichungen in deutscher Sprache. Band I (A-F). Stuttgart: Metzler 1990 (Repertorien zur deutschen Literaturgeschichte, hrsg. von Paul Raabe, Bd. 11). 2. Monographien, Aufsätze und Werkartikel aUgUstin, siegFrieD: Werkartikel »Armand«. In: Franz, Kurt u. a. (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon. Begründet von Alfred Clemens Baumgärtner und Heinrich Pleticha. Meitingen: Corian 1995ff. [Ergänzungswerk, Loseblattsammlung], Grundwerk Juli 1995. aUgUstin, siegFrieD: Werkartikel »Armand«. In: Schegk, Friedrich (Hrsg.): Lexikon der Reise- und Abenteuerliteratur. Meitingen: Corian 1988ff. [Ergänzungswerk, Loseblattsammlung], Grundwerk Dezember 1988. BarBa, preston alBert: The Life and Works of Friedrich Armand Strubberg. o. O. [Philadelphia]: University of Pennsylvania 1913 (Americana Germanica, Vol. 16) – Auch u. d. T: Friedrich Armand Strubberg. In: German American Annals. New Series Vol. X, Nos. 5 and 6 (1912), S. 175-225; New Series Vol. XI., Nos. 1 and 2 (1913), S. 3-142. 278 Die alte spanische UrkUnDe märtin, ralph-peter: Wunschpotentiale. Geschichte und Gesellschaft in Abenteuerromanen von Retcliffe, Armand, May. Königstein/Ts.: Hain 1983 (Literatur in der Geschichte, Geschichte in der Literatur, Bd. 10). sehm, gUnter g.: Armand. Abenteurer und Dichter. Grundriß seines Lebens. In: Magazin für Abenteuer-, Reise- und Unterhaltungsliteratur. Heft 31 (3/1981), S. 2-54. sehm, gUnter g.: Armand. Biographie und Bibliographie. Wien: Lauretum 1972. steinBrink, BernD: Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Studien zu einer vernachlässigten Gattung. Tübingen: Niemeyer 1983 (Studien zur deutschen Literatur, hrsg. von Wilfried Barner, Richard Brinkmann und Friedrich Sengle, Bd. 72). anhang • eDitionsrichtlinien 279 Editionsrichtlinien Die Edition Armands Werke Marburger Ausgabe versteht sich als kritische Studienausgabe und strebt Vollständigkeit an. Bei den der Edition zugrundeliegenden Texten handelt es sich um die jeweils älteste überlieferte Textstufe, bei den literarischen Werken ist dies in der Regel der Erstdruck. Weitere zu Lebzeiten des Autors erschienene Ausgaben werden über ein Variantenverzeichnis dokumentiert. In den Textbestand der Druckvorlage wird nur in begründeten Fällen eingegriffen, die Änderungen werden in einem Emendationsverzeichnis ebenfalls dokumentiert; ausgenommen hiervon sind lediglich stillschweigend berichtigte offensichtliche Druckfehler. Unterschiedliche Schreibweisen und offensichtliche Fehlschreibungen der Druckvorlage, insbesondere bei Fremdwörtern, Fachtermini und Eigennamen, werden nicht korrigiert und die Orthographie nicht modernisiert. Im Textteil werden die in Antiqua gesetzten Passagen der Druckvorlagen kursiv wiedergegeben. Im Anhang werden wörtliche Zitate aus ungedruckten und gedruckten Quellen ebenfalls kursiv gesetzt. Zur Dokumentation der zeitgenössischen Publikationsumstände sind den Bänden alle Illustrationen aus den zu Lebzeiten des Autors erschienenen Buchausgaben beigefügt. Der Stellenkommentar versteht sich nicht als Interpretationshilfe, sondern will dem Leser lediglich die Lektüre unterstützende Informationen vermitteln. 280 Die alte spanische UrkUnDe Danksagung Wertvolle Entscheidungshilfen bei der Planung und Vorbereitung der Gesamtedition lieferten die Herren Thomas Ostwald (Friedrich-Gerstäcker-Gesellschaft, Braunschweig) und Karl- Heinz Remy (ABLIT-Verlag, München). Ebenfalls danken möchte ich in diesem Zusammenhang Herrn Dr. Thomas Neumann (Esslingen), der mir durch seine langjährige Erfahrung bei der Herausgabe seiner Werkedition der Schriften von Caroline de la Motte Fouque eine große Hilfe war. Ein ganz besonderer Dank geht an Mrs Nancy Dupree, Research Room Coordinator and Research Archivist am Alabama Department of Archives and History in Montgomery/AL, die für mich die dort vorhandenen Archivalien betreffend der Einreichung von Ansprüchen auf Land Grants, welche von der französischen und spanischen Krone auf dem Gebiet des heutigen US-Bundesstaates Alabama verliehen worden sind, gesichtet hat. Herrn Thomas Wasmer und dem Team vom Tectum Verlag danke ich für die Unterstützung des Editionsprojektes und die allzeit hervorragende Zusammenarbeit. Marburg, im Juli 2018 Ulf Debelius Armands Werke Marburger Ausgabe Herausgegeben von Ulf Debelius Kritischer Text nach den Erstdrucken. Mit den Illustrationen der zu Lebzeiten des Autors erschienen Buchausgaben und einem Anhang zur Textgeschichte, Variantenverzeichnis und Kommentar. Hardcover mit Fadenheftung, farbig illustriertem Schutzumschlag und Lesebändchen. I Amerikanische Jagd und Reiseabenteuer II Bis in die Wildniß III Scenen aus den Kämpfen der Mexicaner und Nordamerikaner Alte und neue Heimath IV An der Indianergrenze V Ralph Norwood VI Sclaverei in Amerika oder Schwarzes Blut VII Carl Scharnhorst VIII Der Sprung vom Niagarafalle IX In Mexico X Saat und Ernte XI Friedrichsburg XII Aus Armands Frontierleben XIII In Süd-Carolina und auf dem Schlachtfelde von Langensalza XIV Der Krösus von Philadelphia XV Die Fürstentochter XVI Die alte spanische Urkunde XVII Der Methodisten-Geistliche Zwei Lebenswege XVIII Die geraubten Kinder XIX Vornehm und Bürgerlich XX Dramen, Briefe und vermischte Schriften XXI Armand. Leben – Werk – Wirkung (Materialienband) Fett gedruckte Bände sind bereits erschienen Aktuelle Informationen zur Marburger Ausgabe sowie Bestellmöglichkeiten (Abonnement und Einzelbände) finden Sie unter www.armands-werke.de

Zusammenfassung

Nach einer längeren Unterbrechung ließ der Autor im zweiten Teil dieses Romans ein weiteres Mal sein Alter Ego »Armand« auftreten. Dieser lebt als inzwischen angesehener Arzt und allseits respektierter Bürger noch immer in dem nunmehr besiedelten Gebiet in Texas, das der Leser in früheren Romanen als noch unberührte Wildnis kennengelernt hat. Die Handlung beginnt jedoch mitten auf dem Atlantik: Das junge Geschwisterpaar Robert und Sarah Walton hat von seinem Großvater, einem spanischen Adligen, eine Urkunde über einen alten Grant geerbt und ist auf dem Weg nach Havannah, um herauszufinden, ob man noch Anspruch auf das Land anmelden könne. Dies wird ihnen fest versichert, und es stellt sich heraus, dass das riesige Gebiet in Alabama liegt und auch die reiche Handelsstadt Mobile umfasst. Die gutherzige Sarah möchte niemanden von Haus und Hof verjagen und auf den Anspruch verzichten, doch in der Aussicht auf den unermesslichen Reichtum, der ihnen winkt, entschließt sich Robert, nach Mobile zu reisen und den Grant in Besitz zu nehmen. Als die Geschwister dort einen Advokaten engagieren, der vor Gericht ihren Anspruch durchsetzen soll, nimmt das Unheil seinen Lauf … Sarah flieht nach Texas, wo sie sich unter falschem Namen versteckt hält, und lernt dort Armand kennen, der sich des verzweifelten Mädchens annimmt.

References
Quellen und Literatur
1. Ungedruckte Quellen
Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar
Cotta-Archiv: Handschriftenabteilung
1) Bestand Cotta Briefe: Strubberg-Armand, Friedrich August: Briefe von ihm an Cotta
2) Gelehrten-Copierbücher des Cotta-Verlages
Band IV: 25.12.1852 – 28.02.1859
Band V: 01.03.1859 – 15.07.1865
Band VIII: 22. April 1873 – 3. März 1876
3) Autoren-Copierbücher des Cotta-Verlages
Band III: 14. Jan. 1884 – 6. April 1885 u. Register
Band V: 18. Okt. 1886 – 31. Aug. 1888
2. Gedruckte Quellen
Blätter für literarische Unterhaltung. Jahrgang 1873, Bd. I, Nr. 2, S. 28.
Literatur
1. Bibliographien und Nachschlagewerke
Adelung, Johann Christoph (Hrsg.): Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart: mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen. 4 Bde. Wien: Bauer 1811.
Bartz, Hans-Werner u. a. Gearb.): Der Digitale Grimm. Deutsches Wörterbuch. Elektronische Ausgabe der Erstbearbeitung von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 2 CD-ROMs. Frankfurt am Main: Zweitausendeins 2004.
Börsenblatt für den deutschen Buchhandel. Fachzeitschrift für Verlagswesen und Buchhandel, hrsg. vom Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig. 1834-1945. Microfiche-Ausgabe. München: Saur o.?J.
The Handbook of Texas online. http://www.tshaonline.org/handbook/online. Published by the Texas State Historical Association.
Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums (GV) 1700-1910. Bearb. unter der Leitung von Peter Geils und Willi Gorzny. München: Saur.
Bd. 5: Anw-Arw. 1979.
Bd. 141: Stot-Stuc. 1985.
Klotz, Aiga: Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland 1840-1950. Gesamtverzeichnis der Veröffentlichungen in deutscher Sprache. Band I (A-F). Stuttgart: Metzler 1990 (Repertorien zur deutschen Literaturgeschichte, hrsg. von Paul Raabe, Bd. 11).
2. Monographien, Aufsätze und Werkartikel
Augustin, Siegfried: Werkartikel »Armand«. In: Franz, Kurt u.?a. (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur. Ein Lexikon. Begründet von Alfred Clemens Baumgärtner und Heinrich Pleticha. Meitingen: Corian 1995ff. [Ergänzungswerk, Loseblattsammlung], Grundwerk Juli 1995.
Augustin, Siegfried: Werkartikel »Armand«. In: Schegk, Friedrich (Hrsg.): Lexikon der Reise- und Abenteuerliteratur. Meitingen: Corian 1988ff. [Ergänzungswerk, Loseblattsammlung], Grundwerk Dezember 1988.
Barba, Preston Albert: The Life and Works of Friedrich Armand Strubberg. o.?O. [Philadelphia]: University of Pennsylvania 1913 (Americana Germanica, Vol. 16) – Auch u. d. T: Friedrich Armand Strubberg. In: German American Annals. New Series Vol. X, Nos. 5 and 6 (1912), S. 175-225; New Series Vol. XI., Nos. 1 and 2 (1913), S. 3-142.
Märtin, Ralph-Peter: Wunschpotentiale. Geschichte und Gesellschaft in Abenteuerromanen von Retcliffe, Armand, May. Königstein/Ts.: Hain 1983 (Literatur in der Geschichte, Geschichte in der Literatur, Bd. 10).
Sehm, Gunter G.: Armand. Abenteurer und Dichter. Grundriß seines Lebens. In: Magazin für Abenteuer-, Reise- und Unterhaltungsliteratur. Heft 31 (3/1981), S. 2-54.
Sehm, Gunter G.: Armand. Biographie und Bibliographie. Wien: Lauretum 1972.
Steinbrink, Bernd: Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Studien zu einer vernachlässigten Gattung. Tübingen: Niemeyer 1983 (Studien zur deutschen Literatur, hrsg. von Wilfried Barner, Richard Brinkmann und Friedrich Sengle, Bd. 72).

Zusammenfassung

Nach einer längeren Unterbrechung ließ der Autor im zweiten Teil dieses Romans ein weiteres Mal sein Alter Ego »Armand« auftreten. Dieser lebt als inzwischen angesehener Arzt und allseits respektierter Bürger noch immer in dem nunmehr besiedelten Gebiet in Texas, das der Leser in früheren Romanen als noch unberührte Wildnis kennengelernt hat. Die Handlung beginnt jedoch mitten auf dem Atlantik: Das junge Geschwisterpaar Robert und Sarah Walton hat von seinem Großvater, einem spanischen Adligen, eine Urkunde über einen alten Grant geerbt und ist auf dem Weg nach Havannah, um herauszufinden, ob man noch Anspruch auf das Land anmelden könne. Dies wird ihnen fest versichert, und es stellt sich heraus, dass das riesige Gebiet in Alabama liegt und auch die reiche Handelsstadt Mobile umfasst. Die gutherzige Sarah möchte niemanden von Haus und Hof verjagen und auf den Anspruch verzichten, doch in der Aussicht auf den unermesslichen Reichtum, der ihnen winkt, entschließt sich Robert, nach Mobile zu reisen und den Grant in Besitz zu nehmen. Als die Geschwister dort einen Advokaten engagieren, der vor Gericht ihren Anspruch durchsetzen soll, nimmt das Unheil seinen Lauf … Sarah flieht nach Texas, wo sie sich unter falschem Namen versteckt hält, und lernt dort Armand kennen, der sich des verzweifelten Mädchens annimmt.