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6 Zusammenfassung in:

Anna Khalizova

Formularbasierte studentische Lingua-Franca-Immatrikulationsberatung, page 327 - 334

Multimodale Konversationsanalysen von hochschulischen Datenerhebungsgesprächen

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4216-8, ISBN online: 978-3-8288-7150-2, https://doi.org/10.5771/9783828871502-327

Series: Dynamiken der Vermittlung: Koblenzer Studien zur Germanistik, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Zusammenfassung Auf der Grundlage der Analyse eines umfangreichen Korpus von Audio- und Videoaufnahmen aus der formularbasierten studentischen Lingua-Franca-Immatrikulationsberatung bietet die vorliegende Arbeit einen Einblick in den Prozess der Gestaltung des Verstehens zwischen den Lingua-Franca-Sprechern. Im Folgenden wird die Bedeutung der Ergebnisse für die Untersuchung des Verstehens im institutionellen Handlungsfeld aus gesprächsanalytischer und multimodaler Perspektiven und ihre Relevanz für die Mehrsprachigkeitsforschung abschließend reflektiert. Zudem wird auf einige noch offenen Fragen hingewiesen, die neue Perspektiven für die zukünftige Forschung er- öffnen. In meiner Arbeit habe ich den Verstehensprozess basierend auf dem Konzept der Verstehensdokumentation (Deppermann/Schmitt 2008) analysiert. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Prozess der Verstehensherstellung und -aushandlung nicht nur verbal, durch sprachlich-kommunikative Verfahren der Verstehensdokumentation, sondern in erster Linie multimodal, mithilfe unterschiedlicher körperlich-visueller Ressourcen wie Blickverhalten, Gestik, Kopfbewegung und Körperorientierung gestaltet wird. Im Hinblick auf den Einsatz sprachlich-kommunikativer Praktiken konnte ich in den von mir analysierten Gesprächen neben der Verwendung von Formulierungsaufnahmen und Nachfragen auch Turnfortführungen und Reformulierungen nachweisen. Durch deren Einsatz versuchen die Gesprächsteilnehmer das Verstehen in der 2. Position d.h. bei der Beantwortung der Frage entweder zu sichern oder auszuhandeln. Die Praktik der Turnfortführung dient hierbei der Sicherung und Dokumentation des Verstehens, wenn dieses bereits stattgefunden hat. Unsere Analyse hat ergeben, dass sowohl die Formulierungsaufnahme als auch die Nachfrage für den untersuchten Gesprächstyp kennzeichnend ist. Insgesamt lässt sich festhalten, dass Nichtverstehen sehr selten thematisiert und oftmals unter Rückgriff auf die verschiedenen Verfahren der Verstehens- 6 327 manifestationen ausgehandelt wird. Die Verstehensratifikation in der 3. Position, die sich darauf bezieht, wie der Sprecher auf die Verstehensdokumentation des Adressaten reagiert, erfolgt in unserem Korpus sowohl explizit, d.h. durch konkrete Äußerungen als auch implizit, also durch Anschlusshandlungen. Diese Anschlusshandlungen können sowohl verbaler als auch multimodaler Natur sein. Neben sprachlichkommunikativen spielen körperlich-visuelle Ressourcen eine wichtige Rolle im Prozess der Organisation des Verstehens. Aufgrund der Beobachtung, dass in den analysierten Gesprächen nicht alle multimodalen Ressourcen in ähnlicher Weise eingesetzt wurden, habe ich eine Einteilung in Haupt- (Blick und Gestik) und Nebenfaktoren (Mimik, Körperorientierung, Kopfbewegung) bei der Gestaltung des Verstehens vorgenommen. Außerdem unterscheide ich bezüglich des Einsatzes nonverbaler Praktiken zusätzlich zwischen redebegleitender und redeersetzender Verwendung. Im Folgenden fasse ich die Ergebnisse für jede einzelne analysierte körperlich-visuelle Modalität kurz zusammen. Durch einen objektorientierten Charakter der Interaktion verfügt der Interaktionstyp über eine typische Blickkonstellation, die Blicktriade Formular-Berater-Student, die sich aus der ständigen Fokussiertheit der Gesprächsteilnehmer auf das Formular als signifikantes Objekt ergibt. Diese Blickorganisation dient erstens der Realisierung des Zwecks der Interaktion und zweitens der „ständigen“ Sicherung, Überprüfung und Unterstützung der Kommunikation. Eine weitere wichtige Beobachtung betrifft die Kontrollfunktion des Blickes in der Paarsequenz Anweisung zum Ausfüllen – Ausfüllen. Diese Monitoring-Aktivität übernimmt verstehenssichernde Funktion, da die Berater die Korrektheit des Ausfüllens visuell kontrollieren. Basierend auf der Analyse der Videobeispiele aus meinem Datenkorpus konnte ich eine weitere bemerkenswerte Besonderheit dieser Interaktionen definieren. Der erfolgreiche Verstehensprozess zwischen den Interaktanten lässt sich auch an der Blickausrichtung erkennen. Während die Blicktriade für einen reibungslosen Interaktionsablauf charakteristisch ist, wird direkter Blickkontakt vergleichsweise selten aufgenommen und kennzeichnet den Prozess der Aushandlung von Verstehen. Somit leistet unsere Arbeit einen Beitrag zur Erforschung einer objektorientierten Blickkonstellation und der Besonderheiten ihrer Realisierung in der Interaktion, 6 Zusammenfassung 328 die im Gegensatz zu face-to-face-Konstellationen wenig erforscht wurde. Im Weiteren zeichnet sich die Interaktion durch einen starken Einsatz von Gestik aus. In den Gesprächen unseres Datenkorpus konnte die Verwendung unterschiedlicher Gestentypen nachgewiesen werden. Es ließen sich deiktische, ikonische, metaphorische, rhythmische Gesten und Embleme identifizieren. Während solche Gestentypen wie ikonische, metaphorische, rhythmische Gesten und Embleme vor allem dazu dienen, das Gesagte zu visualisieren und somit Verstehen entweder zu sichern oder auszuhandeln, dienen deiktische Gesten als zeigende Gesten der Verstehensaushandlung, indem sie Anweisungen zum Ausfüllen, die entweder Lokal- oder Objektdeixis enthalten, für den Adressaten visualisieren. Bedingt durch den Anweisungscharakter der Interaktion gelten vor allem deiktische Gesten als beispielhaft für den Gesprächstyp Datenerhebungsgespräch. Entscheidend für den erfolgreichen Einsatz von Gesten ist die Tatsache, dass in dem Moment, wo eine Zeigegeste ausgeführt wird, der Blick des Adressaten mit der Geste des Sprechers intrapersonell koordiniert wird, so dass der Adressat die Geste wahrnimmt. Kopf- und Körperbewegun stellen zwei weitere körperlich-visuelle Praktiken im Prozess der Herstellung von Verständigung dar. Während Kopfbewegungen als multimodale Ressource tendenziell entweder zur Sicherung oder Ratifikation des Verstehens dienen, werden Körperbewegungen in denjenigen Sequenzen verstärkt eingesetzt, wo das Verstehen in erster Linie ausgehandelt wird. Diesen beiden Praktiken kann sowohl redebegleitende als auch redeersetzende Funktion zukommen. Im ersten Fall dienen sie der visuellen Verstärkung des Gesagten und somit der zusätzlichen Sicherung des Verstehens. Der in dieser Arbeit fokussierte Interaktionstyp zeichnet sich durch eine typische Körperorientierung der Gesprächsteilnehmer, nämlich durch ein side-by-side-Arrangement, das sich aus dem objektorientierten Charakter der Interaktion ergibt. Anhand meiner Analyse konnte ich nachweisen, dass Verstehen zwischen den Interaktanten auf mehreren Ebenen hergestellt wird. So erstreckt sich das Verstehensdisplay in meinem Datenkorpus von der Niederschrift über die verbale Aushandlung bis zum Kopfnicken. 6 Zusammenfassung 329 Bei der Untersuchung der körperlich-visuellen Verfahren habe ich nicht nur die Relevanz jeder einzelnen Modalität für den Verstehensprozess analysiert, sondern auch deren Koordination mit anderen Ausdrucksebenen fokussiert. Dies betrifft zum einen die Ebene der intrapersonellen Koordination, beispielsweise wie ein Interaktant seine Verbalaussage mit der Gestikulation oder mit der Blickorientierung koordiniert, zum anderen die Ebene der interpersonellen Koordination, beispielsweise wie ein Interaktant seine Gestikulation mit der Blickorientierung des Adressaten koordiniert. Die Untersuchung des Verstehensprozesses als multimodaler Erscheinung liefert eine weitere wichtige Erkenntnis bezüglich des Turn- Taking-Mechanismus, der aus einer multimodalen Perspektive ein neues Schlaglicht erhält. So konnte ich nachweisen, dass der Sprecherwechsel im Datenkorpus oft nicht verbal stattfindet, sondern durch unterschiedliche multimodale Ausdrucksressourcen, etwa in Form eines Kopfnickens (Bestätigung) oder Kopfschüttelns (Verneinung) oder durch den Blick in der Funktion, den Hörer zu einer Gegenreaktion zu bewegen, vollzogen wird. Diese Beobachtung legt die Vermutung nahe, dass körperlich-visuellen Aktivitäten im Hinblick auf die Rederechtsorganisation die gleiche Funktion zukommt wie verbalen Aktivitäten, und dient somit als Anregung für weitere Forschungsarbeiten. Bedingt sowohl durch den institutionellen als auch durch den interlingualen Kontext der Interaktion, zeichnet sich der Prozess der Verstehensherstellung in unserem Gesprächstyp durch einen hohen Präzisierungsgrad und eine starke Sicherungstendenz aus, die sowohl verbal als auch nonverbal zur Ausprägung kommt. Dies erklärt, warum Missverständnisse in den von uns analysierten Datenerhebungsgesprächen relativ selten auftreten. Sie werden entweder sofort oder erst im weiteren Verlauf der Interaktion und sowohl von den Studenten als auch von den Beratern revidiert und behoben. In einigen Fällen werden zur Bearbeitung von Verstehensschwierigkeiten vielfältige Verfahren eingesetzt, so dass sich die dreischrittige Struktur von Verstehensdokumentation wiederholt, was ein weiteres Merkmal dieser institutionellen Lingua-Franca-Interaktionen ist. Insgesamt kann ich den Verstehensprozess als erfolgreich und kooperativ klassifizieren. Die vorliegende Arbeit leistet auch einen Beitrag zur Erforschung des Gesprächstyps Datenerhebungsgespräch. Trotz zahlreicher Arbeiten 6 Zusammenfassung 330 zur Behördenkommunikation blieb der Gesprächstyp Datenerhebungsgespräch wenig erforscht. Das Datenerhebungsgespräch ist ein Interaktionstyp, der mit der Bearbeitung eines schriftlichen Dokuments und somit mit einer es kennzeichnenden praktischen Tätigkeit, dem Formularausfüllen verbunden ist. Das Formular selbst bildet den unentbehrlichen Gegenstand der Interaktion bzw. das signifikante Objekt, das die Interaktion mitkonstituiert und zum koordinativen Zentrum und Bezugspunkt wird, der von Anfang an den gesamten Verlauf der Kommunikation regelt bzw. modelliert. Das unausgefüllte Formular bildet hierbei die inhaltliche Grundlage der Interaktion, während das ausgefüllte Formular den Zweck der Interaktion repräsentiert. Darüber hinaus handelt es sich um eine Interaktionssituation, in der die Beteiligten neben der verbalen Interaktion mit der Realisierung einer praktischen Tätigkeit, dem Ausfüllen des Formulars, beschäftigt sind. Somit wird die Aktivität des Ausfüllens zum integralen Teil des Interaktionsprozesses. Die Interaktion macht das vollständige Ausfüllen des Formulars erst möglich. Der Gesprächsverlauf wird durch den Berater gemäß dem Fragekatalog im Formular initiiert. Das Datenerhebungsgespräch verläuft nach einem Handlungsschema: Im ersten Schritt stellt der Berater dem Fragenkatalog des Formulars folgend eine Frage, die der Student dann beantwortet. Im zweiten Schritt erteilt der Berater basierend auf der Antwort des Studenten eine Anweisung zum Ausfüllen, an die sich das Eintragen der Information in das entsprechende Formularfeld anschließt. Dieses Muster wiederholt sich im Laufe des Gesprächs mehrmals. So konnte ich im Gegensatz zu Becker-Mrotzek (2001), der lediglich die Frage-Antwort-Sequenz als für Datenerhebungsgespräche charakteristische Handlungssequenz nennt, eine zweite für den Gesprächstyp Datenerhebungsgespräch typische Paarsequenz, nämlich die Anweisung-zum-Ausfüllen- Ausfüllen-Sequenz identifizieren. Unsere Videodaten erlaubten es uns, einen optimalen Einblick in den Ablauf dieser zweiten Phase zu erhalten, denn im Unterschied zu Audioaufnahmen, die nur die verbale Ebene der Interaktion erfassen, dokumentieren Videoaufnahmen den multimodalen Verlauf des Kommunikationsgeschehens im Moment des Sprechens. Im Rahmen der multimodalen Analyse wurde ersichtlich, dass die Paarsequenz Anweisung-zum-Ausfüllen-Ausfüllen keine klassische verbale Paarsequenz 6 Zusammenfassung 331 bildet, sondern multimodal organisiert ist, d.h., dass bei ihrer Realisierung beide Interaktanten nicht nur verbal, sondern auch körperlich aktiv werden müssen. Und während der erste Sequenzteil bzw. die Anweisung zum Ausfüllen eine verbale Aktivität darstellt, die stets durch eine deiktische unterstützt wird, ist der zweite Sequenzteil, das Ausfüllen, eine multimodale Aktivität, während der der Student Informationen einträgt und der Berater diese Aktivität visuell kontrolliert. Die Aktivität des Ausfüllens dient somit zum einen der multimodalen Dokumentation des Verstehens, bringt aber zum anderen auch eine neue Ordnung in die Sequenzorganisation und muss damit als neuer konstitutiver Teil der Sequenz betrachtet werden. Diese Ergebnisse bringen auch neue Einsichten für den Ablauf des Turn-Takings in der Interaktion. Die meisten Anweisungen in den Gesprächen unseres Korpus werden grammatisch nach dem Modell Lokaladverb hier (deut.)/here (eng.) + Ziffercode formuliert. Das Lokaldeiktikon hier/ here ist nur gestikulatorisch verständlich. Da die Berater ihre Anweisungen gestikulatorisch durch eine Zeigegeste unterstützen, entstehen beim Adressaten keine Verständnisfragen. Somit kann ich festhalten, dass erstens Deixis ein multimodales Konzept ist und zweitens (gestisches) Zeigen für die Verstehensherstellung ausschlaggebend ist. Alle Anweisungen der Berater, die das Deixiskonzept enthalten, werden dem Adressaten verständlich, wenn sie gestikulatorisch unterstützt werden. Die Videobeispiele aus unserem Datenkorpus zeigen das Deixiskonzept in einem neuen Lichte. Des Weiteren leistet die vorliegende Arbeit einen Beitrag zur Erforschung der Lingua-Franca-Kommunikation. Weidemann merkt an, dass die mit Lingua-Franca-Interaktionen assoziierten kommunikativen Probleme gut erforscht sind (Weidemann 2007: 671f.). Dennoch liefert unsere Arbeit einige neue Erkenntnisse über diesen Untersuchungsgegenstand. Erstens ist die vorliegende Arbeit eine Untersuchung zu Deutsch als Lingua Franca, wozu bisher nur wenige Forschungsbeiträge existieren. Zweitens weicht unser Interaktionstyp im Hinblick auf die ihn kennzeichnenden Merkmale deutlich von anderen Formen der Lingua- Franca-Interaktion und ihren bereits beschriebenen einheitlichen Merkmalen ab. Diese Abweichungen sind vor allem durch den institutionellen Rahmen bedingt, in dem er angesiedelt ist. Bedingt durch den 6 Zusammenfassung 332 Hauptzweck der Interaktion, d.h. durch das korrekte Formularausfüllen, zeichnet sich der hier behandelte Interaktionstyp durch einen hohen Präzisierungsbedarf aus. Diese Besonderheit schließt das sogenannte „Let-it-pass“-Prinzip aus, das als typisches Merkmal der Lingua-Franca-Interaktion gilt. D.h., dass im Unterschied zu anderen Typen von Lingua-Franca-Interaktionen Problemstellen nicht ignoriert, sondern bearbeitet werden, da von dieser Bearbeitung die Korrektheit der ins Formular eingetragenen Daten abhängt. Schließlich ist die vorliegende Arbeit auch ein Beitrag zur Erforschung des Phänomens des Sprachwechsels bei mehrsprachigen Sprechern. Die meisten früheren Studien haben dieses Phänomen vorwiegend am Beispiel von bilingualen Sprechern untersucht. In den Gesprächen unseres Datenkorpus ist der Sprachwechsel eine der beliebtesten Taktiken bei der Organisation des Verstehensprozesses und wird beidseitig, d.h. sowohl von Beratern als auch von Studenten verwendet. In Anlehnung an Auer (1984) unterscheide ich zwischen teilnehmerbezogenem und diskursbezogenem Sprachwechsel und zwischen Codeswitching und Transfer. Anders als das Codeswitching wird der Transfer vorwiegend zur Klärung von Begriffen eingesetzt. Und Codeswitching tritt auch in anderen Kommunikationssituationen wie etwa bei der Festlegung der Hauptkommunikationssprache zutage. Sprachwechsel wird am häufigsten durch teilnehmerbezogenes Codeswitching vollzogen, das sich wiederum in kompetenzbezogenes und präferenzbezogenes Codeswitching aufgliedern lässt. Zu kompetenzbezogenem Codeswitching kommt es vor allem bei punktuell unzureichender Kompetenz in der ersten Fremdsprache, insbesondere bei der Klärung von Begriffen. Es dient somit entweder der Verstehensaushandlung oder der Verstehensabsicherung. Präferenzbezogenes Codeswitching signalisiert dagegen die Präferenz des Sprechers für eine Sprache gegenüber einer anderen und ist vor allem durch die höhere Kompetenz eines Sprechers in einer Fremdsprache bzw. die leichtere Aktivierung dieser Fremdsprache im Vergleich zu einer anderen bedingt. In den von uns analysierten Daten tritt präferenzbezogenes Codeswitching insgesamt eher selten und vor allem im Zuge der Festlegung der Hauptkommunikationssprache auf. Auch diskursbezogenes Codeswitching lässt sich gelegentlich beobachten. Es tritt dann auf, wenn die Studenten in ihre Muttersprache 6 Zusammenfassung 333 wechseln, um gemeinsam mit Freunden oder Bekannten mögliche Antworten auf eine gestellte Frage zu diskutieren oder wenn die Berater sich untereinander besprechen, um für die Studenten relevante Informationen auszutauschen, und dient somit entweder der Verstehensaushandlung oder der Verstehenssicherung. Der teilnehmerbezogene Transfer ist ein häufiges Phänomen in unserem Datenkorpus und eine der Taktiken der Verstehensherstellung, die zu unterschiedlichen Zwecken eingesetzt wird, nämlich zur Verstehensabsicherung oder zur Verstehensaushandlung oder zur Überbrückung einer (momentanen) Wortlücke. Für die Organisation des Verstehens erweist sich dieses Verfahren als durchaus erfolgreich. Allerdings lassen sich in unserem Datenkorpus auch Fälle nachweisen, in denen es nicht so ist. In diesen Fällen findet Verstehen zwar statt, der Verstehensprozess verläuft jedoch nicht reibungslos. Abschließend lässt sich festhalten, dass diese Ergebnisse praxisrelevant sind und im Weiteren als Grundlage für eine verbesserte Neukonzeption des Formulars dienen können. Außerdem leisten sie einen Beitrag zur weiteren Erforschung von Interaktionen, die mit einer Schreibaktivität verbunden sind, ein Aspekt, der bis jetzt wenig fokussiert wurde. Zukünftige Forschung kann Aufschluss darüber geben, welche Aspekte für Datenerhebungsgespräche in verschiedenen Kontexten potenziell universal sind und welche von Gespräch zu Gespräch variieren. Es ist anzunehmen, dass die strukturellen Merkmale dieses Gesprächstyps auch in anderen professionellen Bereichen nachgewiesen werden können, sich jedoch Abweichungen hinsichtlich der jeweiligen Formulartypen und des interkulturellen Hintergrunds ergeben. Diese Hypothese scheint uns plausibel, denn nur ein korrekt ausgefülltes Formular ist ein Zeugnis erfolgreicher Kommunikation. 6 Zusammenfassung 334

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Die Kommunikation mit Behörden ist etwas, das jeder aus eigener Erfahrung kennt. Ein Formular ausfüllen, einen Antrag stellen oder sich beraten lassen – dies sind bekannte Vorgänge, die aber auch Muttersprachlern oft genug schwerfallen, wenn unzugänglicher Fachjargon und unerfahrene Studenten aufeinandertreffen. Findet die Interaktion mit der Behörde zudem in einem interkulturellen Kontext statt, kann dies zu einem Härtetest für beide Seiten werden. Die folgende konversationsanalytische Studie bietet einen Einblick in die Gestaltung von Immatrikulationsgesprächen, die das Ausfüllen von Formularen zum Zweck haben und aufgrund unterschiedlicher Sprachkenntnisse in einer Lingua franca ablaufen. Hier zeigen sich beispielhaft Hindernisse und Probleme, aber auch Lösungsmöglichkeiten bei dem auch in Deutschland immer häufiger werdenden Aufeinandertreffen von Institutionalität und Mehrsprachigkeit. Zum formularbasierten Interagieren gibt es bis dato wenig Forschung. Am Beispiel des Datenkorpuses aus 114 Audio- und 24 Videoaufnahmen in der Immatrikulationsberatung im „Help Desk“ des universitären Service Centers für ausländische Studierende beleuchtet diese Arbeit die Gestaltung des Verstehensprozesses während der Immatrikulationsberatung unter diesen besonderen Voraussetzungen.