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2 Theorie: Vom Fest zum Event in:

Alexander Philipp Hutzel

Homo Festivus, page 3 - 14

Das Summer Breeze Open Air und seine Besucher

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4232-8, ISBN online: 978-3-8288-7148-9, https://doi.org/10.5771/9783828871489-3

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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Theorie: Vom Fest zum Event Im nun folgenden Abschnitt wird ein Weg durch die Theorie dargestellt: Vom Fest und der Feier, über die posttradtionale Vergemeinschaftung, dem Event, der Szene bis hin zum abschließenden Fazit. Zu Beginn soll ein Lied angeführt werden, dessen Text das Geschehen auf dem Summer Breeze-Festival eindrücklich schildert. Die Fun-Metal- Band J.B.O. aus Erlangen ist seit Jahren Stammgast auf dem SB (Summer Breeze) sowie auf anderen Metalfestivals und genießt Kultstatus in der Metalszene. Ihr Lied ‚Ein Fest‘ (mit der Melodie zu ‚Go West‘ der Village People) soll hier auszugsweise als Einstieg in den Theorieteil dienen: „Gemeinsam – fangen wir jetzt an, Gemeinsam – und machen uns daran Gemeinsam – wir laden alle ein, Beinander – wollen wir gern sein. […] Ein Fest – das ist nie verkehrt, Ein Fest – wo man Krüge leert, Ein Fest – und ich weiß ganz genau, Heut’ ist – nicht nur der Himmel blau. […] Wenn euch der Anspruch fehlt, weil in diesem Lied nur das Feiern zählt, Dann müßt ihr ehrlich sein: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein! (JBO, 2014)“ Die ersten beiden Abschnitte zeigen deutlich zwei Kernpunkte, wie auch empirisch in dieser Arbeit nachgewiesen werden wird, worum es bei einem Fest aus Sicht der Feiernden geht: Gemeinsames Trinken von Alkohol. Im Kern trifft das wohl zumindest für die meisten Rockund Metalfestivals der westlichen Breitengrade zu, doch sind Feste in ihrem Wesen differenzierter zu betrachten. 2 3 Das Fest: philosophische und soziologische Betrachtungen Dem Philosophen Odo Marquard nach ist das Fest ein ‚Anthropinon‘, also etwas ausschließlich Menschliches. Er begründet dies mit den Worten Helmut Plessners, der dem Menschen eine ‚exzentrische Positionalität‘ zuspricht, was bedeutet, dass der Mensch der Exzentriker unter den Lebewesen ist, da er in der Lage ist – im Gegensatz zu nichtmenschlichen Tieren - auf Distanz zu seinem eigenen Leben zu gehen (vgl. Marquard, 1988, S. 414). Marquard spricht vom Fest als ein ‚Moratorium des Alltags‘, da dieses im Kontrast zum Alltag des Menschen steht. Diese ‚Außeralltäglichkeit‘ begründet er unter anderem mit einem bedenklichen Gedankengang, welche an die Worte Manès Sperbers anschließen. Darin wird zunächst die Frage aufgeworfen, wieso viele Menschen im vergangenen Jahrhundert psychisch überhaupt zu zwei Weltkriegen bereit waren. Beantwortet wird dies mit der Feststellung, der Mensch brauche das große Abenteuer, das große Moratorium, den großen Ausstieg aus dem Alltag, den Ausnahmezustand oder kurz gesagt, das ‚alternative Leben‘ wie es Marquard bezeichnet. Feste sind demnach die Remedien zum Alltag und müssen gefeiert werden, da sonst, ein wahrlich extremer Gedanke, eine Ersatzform gesucht und gefunden wird – im schlimmsten Fall bis hin zum Krieg (vgl. ebd. S. 415 ff). Feste haben demnach eine Art Katalysatorenfunktion für den menschlichen Geist. Auch der Philosoph Isensee sieht ein zentrales Merkmal des Festes im Kontrast zum Alltag und schreibt frei nach Goethes Schatzgräber: „Tages Arbeit! Abends Gäste! / Saure Wochen! Frohe Feste!“ (Isensee, 2012, S. 57). Ihm zufolge benötigt man die Feste, um den Alltag auszuhalten, doch sei ein nie enden wollendes Fest geradezu ein Alptraum und daher ist ein sehr wichtiger Bestandteil des Festes an sich, das rechtzeitige Beenden eben jenes. Auch Marquard sieht darin eine Gefahr der Banalisierung und formuliert es wie folgt: „Das Fest neben dem Alltag: das ist gut. Das Fest statt des Alltags: das ist problematisch und muss bös enden“ (Marquard, 1988, S. 415). Wie die bereits genannte Band JBO sieht auch der Philosoph Isensee das Fest als Akt der Gemeinschaft, in welcher sich die Menschen als geistige Entität erleben können (ebd., S. 58). Die Freiheit des Feierns besteht ihm zu Folge darin, sich von ‚innovatorischer Anstrengung‘ zu entlasten und Traditio- 2.1 2 Theorie: Vom Fest zum Event 4 nen zu leben oder zu erhalten, soweit diese als sinnvoll erachtet werden. Dazu gehört auch die Verschwendung und ein Hauch von Wahnsinn, welcher sich in der Freude manifestiert, die aber nicht organisieren lässt, wie er im Anschluss an Nietzsche zu berichten weiß: „Nicht das ist das Kunststück ein Fest zu veranstalten, sondern solche zu finden, welche sich an ihm freuen“ (ebd., S. 60ff). Homann stellt fest, dass offenbar jeder Versuch, Fest und Feier zu definieren, scheitern muss. Er sieht bei anderen Denkern verschiedenste Ansätze für die Begründung von Festen und benennt diese wie folgt: Eskapismus und Flucht aus der Wirklichkeit (S. Freud und E. Durkheim), kollektive Regeneration sowie Ruhe und Kontemplation (z.B. J. Piper), die bereits erwähnte Aufhebung der Alltagswelt (z.B. E. Bloch) sowie das Fest als Herrschaftsinstrument durch Triebumlenkung und Ruhigstellung im modernen Kapitalismus (T. Adorno und M. Horkheimer) (vgl. Homann, 2004, S. 96). Fest und Feier wären seiner Meinung nach nicht adäquat verstanden, würden sie als Luxus und Überfluss gesehen werden, welche weder ökonomisch, politisch noch ideologisch für die Existenz der Gesellschaft notwendig sind. Daher vermutet er eine spezifische Funktion von Fest und Feier (vgl. ebd., S. 100 ff). Die gesellschaftliche Leistung besteht seiner Meinung nach darin, Normalität zu produzieren und durch Routinisieren, Erziehung, Recht oder Werte einzuüben. Recht, Sitte, Moral, Religion oder Ideen dienen der Immunisierung vor Dauerveränderungen und stellen Normalität als Selbstverständlichkeit dar, was Homann im Sinne Max Webers sozial konstruierte Normalität nennt, kurz: Alltag. Dieser ist monoton und geregelt, besitzt daher für das Individuum meist Lastcharakter. Deswegen kann und muss der Mensch sich selbst transzendieren, sich, wie zuvor auf andere Art erwähnt, außerhalb seiner selbst versetzen und in Gruppen, Klassen, Gesellschaften oder Gemeinschaften aufgehen (vgl. ebd., S. 103ff). Im Sinne Max Webers wird diese Kraft von Homann als ‚Charisma‘ bezeichnet und tritt als Gegenkraft zum Alltag auf. Die Qualität dieses Charismas ist eine attribuierte, wird daher beispielsweise einer Idee, Dingen, Personen oder Weltbildern zugesprochen. Hier wird auch die soziale Funktion klar, denn dieses Charisma stabilisiert das soziale Handeln und im Lichte dessen wird der Alltag als sinnvoll interpretiert. Es entsteht eine Spannung zwischen Alltag und Außeralltäglichem, ein dialektischer Prozess, wel- 2.1 Das Fest: philosophische und soziologische Betrachtungen 5 cher auch als Kraft zur sozialen Entwicklung interpretiert werden kann (vgl. ebd., S. 107f). Das Fest greift an dieser bestimmten Stelle an: Der sinnhaft unterausgestatte Alltag wird durch den Exzess, die Efferveszenz, dem Orgiastischen aufgehoben, bestätigt oder erhöht. Dabei muss unterschieden werden zwischen dem Fest, welches eher als Aufhebung des Alltags gedeutet wird, und der Feier, welche solchen reflektiert, wobei beide in diesem Fall rein idealtypisch gemeint und in der Realität nur als Mischformen auffindbar sind (vgl. ebd., S. 108f). Diese kategoriale Differenzierung zwischen Feier und Fest ist vor allem Bollnow geschuldet, der in seiner ‚Neuen Geborgenheit‘ das Verhältnis einer Klärung unterzieht. Beide Worte sind untrennbar miteinander verbunden, da sie dem lateinischen Wort ‚feriae‘ entspringen, was „ […] die Tage bedeutet, an denen keine Geschäfte betrieben werden“ (Bollnow, 1972, S. 223). Die Feier ist eine engere Veranstaltung, welche in verschiedene Akte gegliedert ist und den Zweck hat, etwas Bestimmtes (man feiert meist etwas Bestimmtes) aus dem täglichen Fluss der Ereignisse hervorzuheben. Zudem muss eine Feier nicht zwingend zu einem freudigen Anlass vollzogen werden, beispielhaft kann hier auch die Gedächtnisfeier oder die Totenfeier genannt werden. Bollnow geht ebenso auf die Gestimmtheit während einer Feier ein, welche sich durch Ernst auszeichnet und kein Lachen duldet. Hierfür können Krönungen, Hochzeiten oder Beerdigungen als Beispiele genannt werden. Schon allein sprachlich unterscheidet sich die Feier vom Fest, wenn ‚Ross‘ statt ‚Pferd‘ oder ‚Haupt‘ statt ‚Kopf ‘ gesagt wird (vgl. ebd., S. 223ff). Diesem Prunkvollem steht die Gelöstheit des Festes gegenüber, dem ‚freien Schweben‘ wie es Bollnow bezeichnet (vgl. ebd., S. 231). So sind die grundlegenden Bestandteile in folgender Reihenfolge zu nennen: das Mahl, das Gelage, die Musik und schlussendlich der Tanz. Der Tanz stellt in seiner Ergebnislosigkeit, Wiederholung und Grenzenlosigkeit ein als zeitlos wahrgenommener Teil des Festes dar. Tenbruck sieht in der Musik das Vermögen, Befindlichkeiten zu ‚stimmen‘. Sie ist demnach sehr gut geeignet, um körperliche Tätigkeiten zu mobilisieren und zu regulieren (z.B. Tanz, Arbeit, Marsch), stellt aber auch das spezifische Medium ekstatischer Lebensauffassung dar (vgl. Tenbruck, 1996, S. 255). Musik kann Trancezustände, Bewegungs- 2 Theorie: Vom Fest zum Event 6 zwänge und Stimmungslagen auslösen und ist in fast allen Lebensbereichen zu finden (vgl. ebd., S. 256). Alkohol wird ebenso eine große Rolle zugedacht, da er das dionysische (also das rauschhafte) Element eines jeden Festes darstellt. Zum Fest gehört auch das Gespräch, welches von locker aufgeschlossen, zweckfrei und spielend bis hin zu tiefsinnig und philosophisch reichen kann (vgl. ebd., S. 235). Kurzum: Der Idealtypus von Fest und Feier stellt jeweils eine Unterbrechung des Alltags dar. Dabei wird die Feier als eine zyklische Wiederholung, eine Zeremonie oder ein Ritual zur Bestätigung der Ordnung gesehen, eine Kontemplation des Pathos, der Würde und des Ernstes (vgl. Stender, 2013, S. 15). Im Gegensatz dazu ist das Fest gekennzeichnet durch den Bruch alltäglicher Grenzen, durch Spontanität und der Umkehr von Ordnung (z.B. Narrenfeste im Mittelalter) sowie einer gewissen Spontanität und Einmaligkeit. Statt Zeremonie gibt es Musik, Tanz, Spiel, Essen, Trinken und als letztes Merkmal die Verwischung der sozialen Grenzen (vgl. ebd., S. 15). Hitzler et al. benennen mehrere Punkte als Merkmale von Gemeinschaften jedweder Art. Zunächst ist das die Abgrenzung gegenüber einem definitionsfreien ‚Nicht-Wir‘, wodurch ein Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht. Des Weiteren teilen die Mitglieder ein gemeinsames Interesse oder Anliegen, teilen die gleichen Werte und Interaktions(zeit)räume, die jedem zugänglich sind (vgl. Hitzler, Honer, & Pfadenhauer, 2008, S. 10). Diese ‚klassischen‘ Merkmale müssen an dieser Stelle genannt werden, um sie im folgenden Abschnitt mit jenen der posttraditionalen Vergemeinschaftung zu vergleichen. Posttraditionale Vergemeinschaftung: Kollektive Einsamkeit Posttraditionale Gemeinschaften (PG) können frei gewählt und frei beendet werden. Es herrscht also, im Vergleich zu traditionalen Gemeinschaften, ein geringer Verbindlichkeitsgrad. Die Charakteristika einer solchen Form der Vergemeinschaftung, benennen Hitzler und Pfadenhauer zunächst mit der Teilnahme und dem Glauben an eben diese Gemeinschaft. Die Mitgliedschaft wird durch die Attraktivität hergestellt, nicht durch Zwang oder ‚Schicksal‘, was also eine bewusste Entscheidung beinhaltet. Sie beruht auf dem Willen der Mitglieder, ist 2.2 2.2 Posttraditionale Vergemeinschaftung: Kollektive Einsamkeit 7 jederzeit kündbar und manifestiert sich beispielsweise durch korrektes Verhalten, Zeichen, Zeremonien oder Kompetenzen (vgl. Hitzler & Pfadenhauer, 2010, S. 375ff). PG sind demnach entsprechend labil, da sie, laut Kirchner, nur eine situative Imagination darstellen. Weitere Faktoren sind die hohe Emotionalität oder Intensivierung, mit welcher die temporäre Begrenztheit kompensiert werden soll. Die von Kirchner dargestellten Aspekte der Besucher des Fusion Festivals (Fusionisten) - hierbei handelt es sich um ein Event der Technoszene - lassen sich eins zu eins auf das SB übertragen: Freiwillige Mitgliedschaft, geringe Verbindlichkeit, hohe Emotionalität, stillschweigende Kontrakte zur Regelung sowie egoistische Ziele wie z.B. Spaß haben (vgl. Kirchner, 2011, S. 136). Prisching sieht die PG als Ausdruck des Lebensgefühls des 21. Jahrhunderts, in welchem Individualität den Kern bildet. Daher seien PG nur zweitklassige Substitute, in welchen der einsame Mensch die einsame Masse sucht, so dass er nicht mehr einsam sei (vgl. Prisching, 2008, S. 37f). Doch bleibt man trotz aller Verbundenheit getrennt. Dennoch, so benennt Pirsching das Heavy-Metal-Konzert als Beispiel, sind temporäre Vergemeinschaftungen von einer tiefen, meist inhaltlichen, Gemeinschaftlichkeit gekennzeichnet, also eine Ansammlung von Gleichgesinnten. Die Zugehörigkeit zu einer solchen Community oder Szene, ist keine Oberflächlichkeit: „Zum Heavy-Metal-Konzert geht man nicht, weil man gerade nichts Besseres zu tun hat; sondern weil das Bekenntnis zu dieser Musik untrennbares Merkmal der eigenen Identität ist; die „Schlagerparade“ ist keine Alternative. Mit der Identität kennen Spaßgesellschaften keinen Spaß.“ (ebd., S. 47). Zwei Steigerungsmechanismen müssen in den temporären Vergemeinschaftungen umgesetzt werden: Intensitäts- und Häufigkeitssteigerung. Mit Steigerung der Intensität ist das Einfangen der ‚lustvollen Devianz‘ gemeint, da nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft irgendwann ein Ende des Ausnahmezustandes erreicht werden muss. Die Häufigkeitssteigerung zeigt erneut das Dilemma der dauerhaften Außeralltäglichkeit, welche zu einem Spiel der Maximierung führt, das nicht gewonnen werden kann. „Eine tägliche Sensation ist keine Sensation“ (ebd., S. 49). Nach Knoblauch bestehen die PG „[…] im Wesentlichen aus den situativen Ereignissen des Zusammenkommens, also aus Events, Veran- 2 Theorie: Vom Fest zum Event 8 staltungen und Treffen“ (Knoblauch, 2000, S. 46). Die SB Mitglieder bilden also eine PG und machen damit ein solches Event überhaupt erst möglich. Events sind demnach nicht die Manifestation der PG, sondern bilden vielmehr den situativen Rahmen dieser (vgl. Hitzler, 2011, S. 14). Events, als Unterform des Festes, wie es bereites beschrieben wurde, müssen daher einer theoretischen Betrachtung unterzogen werden. Das Event: Knotenpunkte der Identität Um einen ersten Eindruck auf die Bedeutung des Begriffs ‚Event‘ zu erhalten, führt Knoblauch das Oxford Paperback Dictionary an. Darin wird unter einem Event ‘something that happens, especially something important’ und ‘the fact of a thing happening’ verstanden. Dabei ist vor allem ein Fakt klar: Egal welcher Definitionsversuch unternommen wird, bei einem Event handelt es sich immer um eine soziale Situation, die eine körperliche Kopräsenz voraussetzt (vgl. Knoblauch, 2000, S. 33ff). Gebhardt typisiert ein Event als spezifische Form des Festes, welches als einzigartiges Erlebnis oder Ereignis geplant ist. Bestandteile sind ebenso die Vermischung kultureller Traditionsbereiche und ästhetischer Ausdrucksmittel. Events finden im Schnittbereich verschiedener Existenzbereiche statt, also zwischen Alltag und Außeralltäglichkeit. Events vermitteln immer ein exklusives Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl (vgl. Gebhardt, 2000, S. 17ff). Hitzler beschreibt Events aus kulturtechnischer Sicht als „[…] aus dem Alltag herausgehobene, raum-zeitlich verdichtete, performativ-interaktive Ereignisse mit hoher Anziehungskraft für relativ viele Menschen.“ (Hitzler, 2011, S. 13). Wesentliche Kennzeichen sind die Ausrichtung von Events auf unterhaltende Erlebnisversprechen wie Spaß und Rausch im Kollektiv. Psychologisch gesehen geht es nach Hitzler um den Wunsch nach dem ‚Eu-Stress‘, nach Ekstase, Gemütlichkeit, Entspannung und sich auszuagieren (vgl. ebd., S. 14). Mit dem Begriff der Eventisierung konnotiert Hitzler zwei Bedeutungen. Zum einen werden seiner Meinung nach immer mehr Bereiche des gesellschaftlichen Miteinanders ‚verspaßt‘, sind also mit verschiedenen kulturellen Erlebnisangeboten durchzogen. Zum anderen 2.3 2.3 Das Event: Knotenpunkte der Identität 9 beinhaltet dieser Begriff die Herstellung und Bereitstellung von Erlebniswelten, welche „[…] für jede und jeden jederzeit, allerorten und mehr oder weniger unter allen Umständen“ (ebd., S. 20) zugänglich sind. Events nehmen in ihrer Zahl, ihrer Bedeutung und Größe ständig zu und sind nicht mehr aus unserer Gegenwartsgesellschaft wegzudenken. Jedermann wird in Aussicht gestellt, an etwas teilhaben zu können, was Aufmerksamkeit erregt und wenn schon nicht als Individuum, dann wenigstens als Kollektiv (vgl. ebd., S. 94f). Events können nach Lipp zur Ware werden, also zu Gütern, welcher der Mensch bedarf, nach denen er strebt und die ihm bedeutsam sind. Aus Sicht der Produzenten steht demnach die Generierung und Abschöpfung eines Mehrwerts im Fokus, das heißt die Umprägung der Qualität zur Quantität in Form von Geldwerten. Aus Konsumentensicht, was demnach die Besucher des SB sind, haben diese Güter einen sinnstiftenden, identifikativen und legitimativen Wert. Diese Güter gehen über die Funktion naturale Bedürfnisse zu befriedigen hinaus und stellen damit ‚höhere‘ Güter dar. Der Konsument erwirbt daher soziokulturellen Status, Anerkennung, Selbstachtung sowie Selbstbestätigung mit (vgl. Lipp, 2000, S. 416f). Lipp spricht von Events als Spezialartikel, durch die der Mensch Identität auf vermeintlich direkte Weise erhält. Er differenziert den Warenbegriff, indem er Events zunächst in ihrer ursprünglichen Form benennt, also beispielsweise Naturkatastrophen oder Sonnenfinsternisse. Die zentrale These dabei lautet, dass Identität – wie dargestellt als Ware in Form von Events – in der Warenwelt der Postmoderne eine starke Nachfrage erfährt. Dabei können Events die Charakteristika von Waren aufweisen und umgekehrt, bestimmte Waren einen Eventcharakter beinhalten (vgl. ebd., S. 425ff). Wir haben also im Event auratisierende Züge, die Feilbietung von Identität. Im anthropologischen Sinn sind Events kommunikative Veranstaltungen, bei denen eine größere Zahl Handelnder in einer mehr oder weniger vorgeschrieben, auch auf rituellen Weise, miteinander kommuniziert. Als wichtiges Kommunikationsmerkmal muss dabei die Partizipation des Publikums gesehen werden. Ähnlich wie bei Fußballspielen, kann ein Festival nicht ohne die ‚mitsingenden, tanzenden Massen‘ zu einem Event werden (vgl. Knoblauch, 2000, S. 38f). Diese wechselseitige Kommunikation, welche nicht sprachlich erfolgen muss, 2 Theorie: Vom Fest zum Event 10 sondern sich vielmehr visuell durch Bewegung, Körperausdruck oder Kleidung vollzieht, macht ein Event erst zu einem Gemeinschaftserlebnis, bei dem das Subjekt mit seiner Klassen- und Schichtzugehörigkeit überschritten wird (vgl. ebd., S. 43f). Da gerade spätmoderne Events, wie ein Musikfestival, eine situative Zugehörigkeit erzeugen, erfordern sie von den Teilnehmern entsprechende Zugehörigkeitsbezeugungen wie Embleme, Symbole2 und andere Zeichen. Beispielhaft dafür sind Devotionalien, Uniformelemente bei Sportfans oder entsprechende Kleidungsstile in verschiedenen Musikszenen (vgl. ebd., S. 47). Mit eben einer solchen Musikszene beschäftigt sich diese Arbeit, weswegen nun im Folgenden die Szene im Allgemeinen betrachtet werden soll. Die Szene: Thematisch fokussierte Netzwerke Szenen stellen nach Gebhardt Netzwerke von Publika dar, die aus verschiedenen Arten von Ähnlichkeit entstehen: partielle Identität von Orten, Personen und Inhalten. Es herrscht eine unverbindliche Zugehörigkeit, eine grundsätzliche Offenheit und es bestehen keine formalen oder rechtlich fixierten Kriterien. Ein Mensch wird in den meisten Fällen nicht in eine Szene hineingeboren, sondern findet sie auf Grund persönlicher Interessen. Daher ist es jederzeit möglich, aus einer Szene auszutreten. Als Grundvoraussetzungen sind der Wille zur Zugehörigkeit, sowie die Anpassung an die Ästhetik der Gemeinschaft zu nennen. Im Sinne Maffesolis bringt Gebhardt den Begriff des Neotribalismus, da sich Mitglieder der Szene am gemeinsamen Outfit und den identischen, szenetypischen Symbolen erkennen (vgl. Gebhardt, 2002, S. 294f). Eine Szene kennt keine lokale Begrenzung, sondern kann, auch mithilfe des Internets, eine globale Mikrokultur bilden (vgl. Hitzler, Bucher, & Niederbacher, 2005, S. 15f). Damit haben Szenen einige 2.4 2 Audrucksformen und Devotionalien der Metalszene beschreibt Ferchhoff wie folgt: „[…] martialische Embleme und Insignien, schwarze (Leder)Kleidung mit Aufdrucken esoterischer und satanischer Symbole, Eisenringe und –ketten, Patronengurte, Nietebänder, Beile, Kettensägen, Schwerter; Bilder von Schlangen- und Totenköpfen, Hundegebisse etc.; Metaphoriken des Destruktiven und Andeutungen von Opferszenen, die insbesondere auch Kultbands verwenden. Tätowierungen von Pentagrammen und Thorshämmern, aber auch Dämonen, Teufel, Hexen, Wikinger, Phantasiefiguren, Götter aus der nordischen Mythologie etc.[…]“ (Ferchhoff, 2007, S. 199). 2.4 Die Szene: Thematisch fokussierte Netzwerke 11 Ähnlichkeiten mit den bereits beschriebenen PG. In der Metalszene ist das am Meisten zu beobachtende Symbol ein Handzeichen: die Corna3. Sinn hinter dieser Geste ist die kollektive (Selbst-)Stilisierung, welche die Gemeinsamkeiten der Mitglieder kommunikativ stabilisieren soll. Gebhardt et al. sprechen Szenen einen spezifischen ‚issue‘ zu, d.h. eine thematische Fokussierung wie zum Beispiel ein bestimmter Musikstil, eine Sportart oder eine Weltanschauung. Volle Teilhabe an der Szene lässt sich nur durch entsprechendes ‚Know-how‘ und entsprechend szenekonsensuelle Verhaltensmuster erreichen (vgl. ebd., S. 15ff). Im primären Sinne ist die Zugehörigkeit eine unbeständige und kurzlebige, doch in Momenten der Verdichtung erreicht sie eine immense Intensität. Gerade weil Szenen nur als Ideen und Vorstellungen zu bewerten sind, müssen sich die Mitglieder hin und wieder ihrer kollektiven Existenz versichern – beispielsweise in möglichst einprägsamen Events (vgl. Gebhardt, 2002, S. 295). Events und Szenen sind zwingend miteinander verknüpft, da das ‚Wir‘-Bewusstsein einer Szene nur durch die sequentielle Aktualisierung aufrechterhalten werden kann. Dazu sind Events nötig, welche dieser Bewusstseinslabilität entgegenwirken. Diese Treffpunkte dienen der Manifestation sowie Reproduktion der spezifischen Szenekultur und sind den Mitgliedern bis zu einem gewissen Grad bekannt (von lokal und überregional, bis national und international) (vgl. Hitzler, Bucher, & Niederbacher, 2005, S. 19f). Für eine Szene wichtig sind sogenannte Organisationseliten, welche sich mit der Strukturierung von Szenetreffpunkten sowie der Veranstaltungsproduktion befassen. Mitglieder dieses Elitenetzwerks sind gegenüber den „normalen“ Szenemitgliedern privilegierter und haben beispielsweise VIP-Zugangsberechtigungen auf Konzerten oder Festivals. Am Beispiel des SB lässt sich das folgendermaßen darstellen. Das folgende Schaubild ist an die Szenedarstellung von Hitzler angelehnt (vgl. ebd., S. 23). 3 Auch ‚Pommesgabel‘, ‚Devil horns‘, ‚Metal Fork‘ oder ‚Teufelsgruß‘ genannt. Dabei sind der kleine Finger sowie der Zeigefinger ausgestreckt, während Daumen, Ringund Mittelfinger, bei meist ausgestrecktem Arm, angezogen werden. Die Entstehung und Bedeutungen dieser Geste sollen hier nicht erläutert werden (siehe Cover). 2 Theorie: Vom Fest zum Event 12 Szenedarstellung angelehnt an Hitzler Diese reduzierte und zentralistische Darstellung stellt natürlich nur ein Netzwerk unter vielen dar. Mitglieder und Freunde des einen Netzwerks sind meist auch in anderen Netzwerken vertreten, haben darin möglicherweise eine andere Rolle inne und korrespondieren über das zweite Netzwerk wieder mit einem dritten usw. Grundsätzlich gilt, was Hitzler ebenfalls benennt, dass scharfe Gruppen- und Szenegrenzen nicht existieren, da in den meisten ‘großen‘ Szenen eine gewisse Offenheit und Durchlässigkeit herrscht (vgl. ebd., S. 24). Wie bereits dargestellt, dienen Events der Szene als eine Art intensiviertes Ereignis, welches nach Hitzler et al. eine starke Bindung des potentiellen Nutzerkreises hervorruft. Hier werden zwei Dimensionen der Erlebnisgesellschaft deutlich: Je stärker die Bindung der Nutzer an ein Angebot, desto höher ist die quantitative Einschränkung und ebenso umgekehrt (vgl. ebd., S. 25). Die Autoren nehmen in ihrem Buch Abbildung 1: 2.4 Die Szene: Thematisch fokussierte Netzwerke 13 Kartografien verschiedener Szenen vor, wovon eine die Black Metal Szene ist. Zur systematischen Darstellung dieser Szene unterscheiden Hitzler et al. mehrere Kategorien. Diese Kategorien sind History, Facts und Trends, Fokus, Einstellungen, Lifestsyle, Symbole, Rituale, Events, Treffpunkte, Medien, Strukturen und Relations (vgl. ebd., S. 40ff). Diese vorliegende Forschungsarbeit beschäftigt sich nun vorrangig mit der Frage, welche Phänomene zu beobachten sind, die ein Festival wie das Summer Breeze zu einem Event der Metalszene machen. Kirchner erklärt den Begriff Festival als ein Festspiel, als eine gro- ße, mehrtägige festliche Veranstaltung. Übernommen wurde dieser Begriff vom englischen ‚festival‘, was ‚Musikfest‘ bedeutet und in der heutigen Zeit als eine periodisch wiederkehrende festliche Veranstaltung bezeichnet wird. Kirchner unternimmt dabei noch die Unterscheidung zum Begriff der Party, da diese im Gegegnsatz zum Festival meist nur eine Nacht andauert (vgl. Kirchner, 2011, S. 17f). Das Summer Breeze ist ein Musikfestival, welches jährlich Mitte August in Dinkelsbühl (Bayern) stattfindet. Die knapp 100 Bands spielen auf verschiedenen Bühnen über einen Zeitraum von vier Tagen. Die Besucherzahl wird auf circa 37.0004 im Jahr 2013 geschätzt. Es handelt sich bei diesem Festival zum größten Teil um ein Szenetreffen, welches sich durch eine Vielzahl von Phänomenen auszeichnet. Diese Arbeit soll eine Annäherung an diese Festivalrealität darstellen. 4 Vgl. 5.1.11. 2 Theorie: Vom Fest zum Event 14

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References

Zusammenfassung

Festival ist, wenn die eigene Verwahrlosung als Erholung empfunden wird.

Das Summer Breeze Festival findet seit über 20 Jahren im fränkischen Dinkelsbühl statt und zieht mittlerweile zehntausende Metalfans aus aller Welt an. Alexander Hutzel beschäftigt sich mit diesen Fans und eröffnet einen, im wahrsten Sinne, feucht-fröhlichen Einblick in eine außeralltägliche Realität. Dazu wurden qualitative sowie quantitative Forschungsmethoden vor einem fundierten sozialtheoretischen Hintergrund umgesetzt.

Die Arbeit beschäftigt sich unter anderem mit den Verhaltensweisen, den Symbolen und den Ritualen der Festivalbesucher. Es werden Gruppenzugehörigkeit, Hygieneverhalten, Alkoholkonsum und Running Gags analysiert, sodass ein empirisch begründetes Bild eines Megaevents der Metalszene entsteht.