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4 Methodik: Forschungsdesign und Grounded Theory in:

Alexander Philipp Hutzel

Homo Festivus, page 19 - 36

Das Summer Breeze Open Air und seine Besucher

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4232-8, ISBN online: 978-3-8288-7148-9, https://doi.org/10.5771/9783828871489-19

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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Methodik: Forschungsdesign und Grounded Theory Zunächst muss vorangenommen werden, dass zu Beginn des Forschungsprozesses im ersten Semester des Studiums der Sozialen Arbeit weder das Fachwissen noch das methodische Know-how vorhanden war, um von wirklich professioneller Feldarbeit sprechen zu können. Dennoch waren die gewonnenen Daten von Nutzen und der Anfang war gemacht. Der Verlauf der Forschungsarbeit wurde bereits beschrieben, daher wird im Folgenden auf das Forschungsdesign sowie die einzelnen Methoden eingegangen. Wie der Arbeitstitel bereits suggeriert und im Forschungsverlauf dargestellt ist, wurden bei der Informationserhebung quantitative und qualitative Elemente kombiniert. Bortz-Döring sprechen daher im Sinne von Tashakkori & Teddlie von einem Mixed-Model-Design (vgl. Bortz & Döring, 2006, S. 279). Entsprechend ist dieser zu differenzieren vom Begriff des Multimethod-Designs, da sich bei dieser Arbeit nicht qualitative beziehungsweise quantitative Elemente auf einzelne Forschungsphasen beschränkt haben, sondern jede Phase Elemente beider Ansätze enthielt. Als Phase sind die jeweiligen Besuchsjahre auf dem Festival zu sehen. Im Falle eines Multimethod-Designs hätten die Forschungsphasen zwar ebenfalls eine Kombination aus qualitativen und quantitativen Elementen beinhaltet, jedoch vergleichsweise eigenständige Studien repräsentiert (vgl. ebd., S. 280). Daher sind die beiden Begriffe zu unterscheiden. Eine von Anfang an wichtige Grundlage zur Theoriebildung dieser Forschungsarbeit war die Grounded Theory (GT) von Strauss & Glaser. Strübing übersetzt den Begriff der GT mit „in empirischen Daten gegründete Theorie“ oder auch „gegenstandsbezogene Theorie“ (Strübing, 2008, S. 13). Die GT diente hinsichtlich dieser Arbeit der Auswertung qualitativer Daten, wie beispielsweise die Beobachtungsprotokolle oder der aufgezeichneten Ero-epischen Gespräche, welche mit Summer 4 19 Breeze-Besuchern geführt wurden. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass im Arbeitsprozess keine festen Endpunkte gekannt werden und die Arbeitsschritte, welche Strübing in Datenerhebung, Datenanalyse und Theoriebildung einteilt, eine zeitliche Parallelität aufweisen (vgl. ebd., S. 15). Im Falle dieser Arbeit lässt sich diese Parallelität folgendermaßen beschreiben: 2011 stand im Zeichen von Theoriebildung und Datenerhebung, 2012 wurden Daten ‚grob‘ analysiert sowie weitere erhoben. 2013 wurde Theoriebildung betrieben und weitere Daten erhoben. Diese werden in einem späteren Kapitel dieser Arbeit einer Analyse unterzogen. Das sogenannte ‚Kodieren‘, wie es Strübing im Sinne von Strauss & Glaser nennt, bezeichnet die Leitidee des „[…] ständigen Vergleichens (‚constant comparative method‘) […]“ der Daten miteinander (ebd., S. 18). Dieses Kodieren wird unterteilt in offenes, axiales und selektives Kodieren. Mit offen ist laut Strübing das ‚Aufbrechen‘ der Daten zu verstehen durch das Herausnehmen von einzelnen Phänomen. Dies ist im bereits beschriebenen Forschungsprozess die Datenanalyse und steht am Anfang der Bearbeitung des gesammelten Datenmaterials. Nach Strauss & Corbin wird diese Phase wie folgt beschrieben: „Offenes Kodieren ist der Analyseteil, der sich besonders auf das Benennen und Kategorisieren der Phänomene mittels einer eingehenden Untersuchung der Daten bezieht.“ (Strauss & Corbin, 1996, S. 44). Ziegler fasst diese Arbeit zusammen, indem er erläutert, sobald die Phänomene gefunden wurden, gruppiert der Forscher seine Konzepte um eben diese, was sich Kategorisierung nennt (vgl. Ziegler, 2003, S. 8). Diese Kategorisierung geschah im Falle der Untersuchungen zum Summer Breeze-Festival im Jahre 2013. Das axiale Kodieren zur Hypothesengenerierung fand ebenfalls im selben Jahr statt. Dabei wurden Subkategorien gebildet, um die Hauptkategorie zu präzisieren. Beispielsweise wurde die Kategorie ‚Alkoholkonsum auf dem Festival‘ spezifiziert, indem Subkategorien wie ‚Orte des Alkoholkonsums auf dem Festival‘ oder ‚Kosten des Alkoholkonsums während des Festivals‘ gebildet wurden. Das von Ziegler beschriebene Pragmatische Modell fand in diesem Kontext nur bedingt Anwendung: Ursächliche Bedingungen führen zu Phänomenen, welche in einem Kontext stehen, der intervenierende Bedingungen hervorruft, die anschließend zu Handlungs- und Interaktionalen Strategi- 4 Methodik: Forschungsdesign und Grounded Theory 20 en führen und Konsequenzen nach sich ziehen (vgl. ebd., S. 11). Diese teilweise komplexen Zusammenhänge wären bei der Fülle an Daten, die erfasst wurden, nicht in einer Arbeit wie dieser zu handhaben, daher finden dieses Modell in einer simplifizierten Art und Weise Anwendung. Die Strategien, die spezifischen dimensionalen Ausprägungen, die Konsequenzen sowie die intervenierenden Bedingungen, fallen hier weg. Die fünf Schritte des selektiven Kodierens beschreibt Ziegler mit dem direkten Ziel der Theorieentwicklung, dem Erschaffen eines „ […] roten Fadens“ (ebd., S. 12f). Dabei wird ein zentrales Phänomen definiert, was in dieser Arbeit nicht der Fall ist, da sich die Untersuchungen einem breiten Spektrum an Phänomenen nähern sollen. Der zentrale Aspekt dieser Arbeit sind verschiedene Phänomene des Summer Breeze-Festivals. Wie bei Ziegler beschrieben, ist die GT eine Methode, um eine Theorie zu einem bestimmten Bereich der Wirklichkeit aufzustellen. Dabei wird genau dieses Ziel zum Kritikpunkt, da die GT der Exploration neuer Wissenschaftsgebiete besser dient, quasi im Vorfeld zu quantitativen Untersuchungen zur Entdeckung von Hypothesen (vgl. ebd., S. 20). So war es für die Forschungsarbeit notwendig, das ‚Feld‘ Summer Breeze mit neuen Augen zu betreten, die Distanz zu den bestehenden Vorerfahrungen der bisherigen Festivalbesuche zu gewinnen und einen neugierigen, interessierten und offenen Blick für die Geschehnisse während der Tage auf dem Festival zu entwickeln. Im Folgenden werden die angewandten Methoden beschrieben, mit welchen in den Jahren 2011 und 2012 Daten auf dem Festival gesammelt wurden. Im „Feld“: „positivistische“ Soziologie und die 10 Gebote der Feldforschung Der Mensch ist kein bloß reagierendes „Etwas“, kein „Depp“ (Girtler, 2001, S. 46), der nur nach den Erwartungen von Soziologen oder Psychologen handelt. Er ist auch kein Gegenstand der Naturwissenschaften, welcher sich nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten verhält (vgl. ebd., S. 46). Girtler nennt vier Gründe, welche gegen eine solche ‚posi- 4.1 4.1 Im „Feld“: „positivistische“ Soziologie und die 10 Gebote der Feldforschung 21 tivistische‘ Soziologie sprechen, die im Handeln des Menschen Gesetzmäßigkeiten sehen will: „1. Soziale Phänomene (‚Tatsachen‘) existieren nicht außerhalb der Individuen (…), sondern beruhen auf den Vorstellungen beziehungsweise Interpretationen der betreffenden Menschen. 2. Soziale Phänomene sind nicht als ‚objektiv‘ zu identifizieren, vielmehr ist der Bedeutungsgehalt je nach Situation zu identifizieren. 3. Qualitative Messungen führen nach Girtler häufiger dazu, dem Handelnden bestimmte Bedeutungen seines Handelns unterzuschieben. 4. Es ist problematisch, Hypothesen vor der Untersuchung zu generieren, da diese dem Handelnden etwas aufzwingen, was vielleicht gar nicht ihrem Handeln zu Grunde liegt.“ (ebd., S. 46f). Gerade aus dem zuletzt genannten Punkt war das Vorgehen im ‚Feld‘ Summer Breeze in den Jahren 2011 und 2012 wichtig. Girtler stellt zu Beginn jeder Feldforschung die Frage nach dem Zugang in die den Forscher interessierende Gruppe. Im Falle dieser Forschungsarbeit stellte dies keinerlei Problem dar. Im Prinzip benötigt man nur ein schwarzes (Band)T-Shirt, um als Mitglied der Metallergemeinschaft wahrgenommen zu werden, da dies ein Ausweis für die Zugehörigkeit gilt, ohne ein profundes Wissen aufweisen zu müssen. „[…] Wer mit einem Metalshirt auf eine Metalveranstaltung kommt, gehört erst einmal dazu und wenn er sich nicht als Vollidiot bemerkbar macht, dem Mutti das Shirt bei H&M gekauft hat, dann wird man auch erst mal akzeptiert […]“ (Transkription Nr. 3, Zeile 177-179). Natürlich sind Festivalbändchen, eine Kutte mit Bandpatches6 oder lange Haare ebenso dienlich, um den Zugang zu den Menschen auf dem Festival zu finden. Bringt man noch ausreichend Fachwissen über Metal und Erfahrung vorheriger Festivals mit, ist die Legitimation umgehend geschehen. ‚Going native‘ meint die Tatsache, „[…] dass der teilnehmende Beobachter die Maßstäbe und Verhaltensmuster der Akteure im Feld übernimmt und sich mit ihnen identifiziert“ (Girtler, 1984, S. 63). Dabei werden nach Gitler auch Gefahren gesehen, wie beispielsweise eine ‚over-identification‘ oder ein ‚over-rapport‘. 6 Bandpatches sind aufnähbare Logos verschiedener Musikgruppen, sehr beliebt auf Jeans- oder Lederkutten. 4 Methodik: Forschungsdesign und Grounded Theory 22 Diese Ansicht wird vom Autor nicht geteilt, denn laut Girtler hat nur ein Forscher, welcher als ‚Mitglied‘ der Gruppe gesehen wird, die Chance, zu echten Ergebnissen zu kommen. Nur auf einem solchen Weg könne es gelingen, die Wirklichkeiten des (Festival)Alltags der betroffenen Menschen zu erfassen (vgl. ebd., S. 63f). Die Beziehung zu einer Kontaktperson innerhalb des interessierenden Feldes war auf Grund der eigenen ‚Gatekeeper‘-Funktion im Zuge dieser Arbeit nicht nötig. Insgesamt sieht Girtler zu Recht einige Probleme beim Zugang in die zu erforschende Lebenswelt, welche sich aber im Falle dieser Arbeit nicht bewahrheiteten und dadurch konstatiert werden kann, dass der Zugang zum Feld ‚Summer Breeze‘ entspannt verlief. Girtler formuliert 10 Gebote für die Feldforschung, welche hier kurz erläutert und mit der Thematik SB verglichen werden sollen. 1: Du sollst einigermaßen nach jenen Sitten und Regeln leben, die für die Menschen, bei denen du forschst, wichtig sind. Da der Autor dieser Arbeit selbst einer dieser Menschen ist, war das kein Problem. 2. Du sollst zur Großzügigkeit und Unvoreingenommenheit fähig sein, um Werte zu erkennen und nach Grundsätzen zu urteilen, die nicht die eigenen sind (…). Auch hier bestand kein Problem, da die Stimmung auf dem Festival im Allgemeinen sehr offen ist und dies zudem Werte eines angehenden Sozialarbeiters sein sollten. 3. Du sollst niemals abfällig über deine Gastgeber und jene Leute reden und berichten, mit denen du Bier, Wein, Tee oder sonst etwas getrunken hast.7 Hierzu bestand während der gesamten Forschungszeit kein Anlass, da – wie bereits erwähnt – das Vorhaben dieser Arbeit sehr gut rezipiert wurde. 4. Du sollst dir ein solides Wissen über die Geschichte und die sozialen Verhältnisse der dich interessierenden Kultur aneignen. Hier lässt sich formulieren, dass die jahrzehntelange ‚Mitgliedschaft‘ in der Metalszene es kaum zulässt, kein Wissen über jene zu generieren. 5. Du sollst dir ein Bild von der Geographie der Plätze und Häuser machen, auf und in denen sich das Leben abspielt, das du erfor- 7 Vgl. 2.1. 4.1 Im „Feld“: „positivistische“ Soziologie und die 10 Gebote der Feldforschung 23 schen willst. Das einzig interessante Gelände in diesem Falle war das Festivalgelände beziehungsweise Campinggelände, wo es mit gutem Schritt möglich ist, jeden Punkt in ca. 15 Minuten zu erreichen (vgl. Girtler, 2009, S. 3). 6. Du sollst, um dich von den üblichen Reisenden zu unterscheiden, das Erlebte mit dir forttragen und darüber möglichst ohne Vorurteileberichten. Dabei ist es wichtig, ein Forschungstagebuch zu führen (…). In Punkt 3.1.4 wird auf das Feldtagebuch als Methode eingegangen und die Aufzeichnungen fließen in die Ergebnisse und Analyse ein. 7. Du musst die Muße zum ‚ero-epischen‘ (freien) Gespräch aufbringen. Das heißt, die Menschen dürfen nicht als bloße Datenlieferanten gesehen werden. Hier wird ein extrem wichtiger Punkt klar, da es auffallend einfach war, in den ‚Datensammel‘-modus zu schalten und genau diesen Fehler zu begehen. Um dem entgegen zu wirken, wurden ganz bewusst die oben genannten ‚ero-epischen‘ Gespräche geführt. Dazu mehr bei Punkt 3.1.3.. 8. Du sollst dich bemühen, deine Gesprächspartner einigermaßen einzuschätzen, um nicht angelogen oder hintergangen zu werden. Bei den geführten Gesprächen stellte sich meist umgehend eine sehr vertrauensvolle Atmosphäre ein, in welcher sich die Gesprächspartner mit offener Art und Weise begegneten. 9. Du sollst dich nicht zum Missionar oder Sozialarbeiter aufspielen. Du bist kein Richter, sondern lediglich Zeuge! Auch als angehender Sozialarbeiter stellte dieses Gebot kein Problem dar, da Girtler die Rolle des Forschers mit dem neunten Gebot wunderbar auf den Punkt bringt. 10. Du musst eine gute Konstitution haben, um (…) dich wohl zu fühlen. Dazu gehört die Fähigkeit, jederzeit zu essen, zu trinken und zu schlafen. Dazu lässt sich sagen: Solch ein Festivalbesuch ist vor allem ungesund. Die meisten Besucher ernähren sich zum Großteil von Fertiggerichten und Fast-Food, führen sich Nervengifte in 4 Methodik: Forschungsdesign und Grounded Theory 24 rauen Mengen zu und schlafen meist nur so lange, bis der Zeltnachbar entscheidet, es sei Zeit für Slayer8 oder David Hasselhoff9. Der nächste Abschnitt beschreibt die erste Methode, mit welcher in den Jahren 2011 und 2012 Daten auf dem Festival erhoben wurden: die teilnehmende Beobachtung. (nicht)teilnehmende (un)strukturierte Beobachtung Nach Girtler ist die Methode der sozialwissenschaftliche Beobachtung ein Verfahren, mit dessen Hilfe der Beobachter sinnlich wahrnehmbares Handeln festhalten kann (vgl. Girtler, 1984, S. 44). Es kann laut Girtler zwischen verschiedenen Begriffspaaren im Bereich der Beobachtung unterschieden werden: ‚indirekt‘ und ‚direkt‘, ‚teilnehmend‘ und ‚nicht teilnehmend‘, ‚strukturiert‘ und ‚nicht strukturiert‘ sowie ‚verdeckt‘ und ‚offen‘ (ebd., S. 45). Beobachtung beschreiben Bortz und Döring mit den Worten Graumanns damit, wenn „[…] die Wahrnehmung von einer planvollen, selektiven Suchhaltung bestimmt und von vornherein auf die Möglichkeit der Auswertung des Beobachteten im Sinne einer übergreifenden Absicht gerichtet ist.“ (vgl. Bortz & Döring, 2006, S. 263). Im Falle dieser Arbeit wurden zwei Formen der Beobachtung durchgeführt. Zunächst die nichtteilnehmende strukturierte Beobachtung, bei welcher der Beobachter außerhalb des Handlungsablaufs bleibt und das ihm ersichtliche Geschehen und Handeln auf eine bestimmte Art und Weise dokumentiert. So geschehen in Form von Beobachtungsbögen10. Unabhängig von den bereits genannten 10 Gebo- 4.1.1 8 Die Band Slayer hat noch nie auf dem Summer Breeze-Festival gespielt, doch eignet sich der Bandname hervorragend zum langgezogenen Brüllen (‚SLLLLLLLLLLAYYYYERRRRR‘). Dieses Verhalten dient als rudimentärer Ausdruck von Gemeinsamkeit unter den Besuchern und stellt ein Teil der Legitimation als Mitglied der Gemeinschaft ‚Summer Breeze‘ bzw. ‚Metal‘ dar. Vgl. 4.1.9. 9 David Hasselhoff steht für eine der humoristischen Seiten der Festivalbesucher, weil seine Musik, sowie z.B. Eurodance (‚Technomusik‘ aus den 90ern) oder Schlager oft auf sehr ironische Art und Weise abgefeiert werden. Oder überspitzt formuliert: Jeder kennt diese Musik, keiner nimmt sie ernst und jeder feiert gerne dazu (hier wieder: kleinster gemeinsamer Nenner zwischen den Besuchern). 10 Vgl. Anhang 25-27. 4.1 Im „Feld“: „positivistische“ Soziologie und die 10 Gebote der Feldforschung 25 ten der Feldforschung, sollen hier ergänzend einige Aspekte der Forschungsethik aufgezeigt werden. Dabei können die Prinzipien der Psychologie als empirische Wissenschaft angeführt werden. Hussy et al. nennen hierbei die psychische und physische Unversehrtheit und Integrität der Teilnehmer. Dies ist bei einem Experiment unter vorgegebenen Bedingungen realisierbarer, als beispielswiese bei Trinkspielen auf einem Festival – diese haben in wenigsten Fällen Unversehrtheit von Körper und Geist zur Folge. Was hingegen immer gewährleistet werden kann, ist die Transparenz gegenüber der Personengruppe, welche man plant zu beobachten. Während des Festivals geschah das immer durch eine kleine Ansage (z.B. ‚Ich schreibe meine Bachelorarbeit über das Summer Breeze und würde hier gerne eine kleine Beobachtung durchführen, okay?‘), was von allen Beobachteten akzeptiert wurde. Dritter Punkt der Autoren ist die Täuschung der Beobachteten, welche es unbedingt zu vermeiden gilt. Hinsichtlich der durchgeführten Forschungen gab es keinerlei Anlass, die Festivalbesucher zu täuschen. Korrelierend mit dem bereits angeführten Punkt der Transparenz, gilt die Freiwilligkeit als vierte Richtlinie (vgl. Hussy, Schreier, & Echterhoff, 2010, S. 43f). Da aber alle Daten anonym erhoben und keine Fotos ohne Einverständnis geschossen wurden, hatte niemand einen Anlass, der Teilnahme nicht zuzustimmen. Die zweite Form war die teilnehmende unstrukturierte Beobachtung, welche von Girtler als Methode geachtet wird, die es ermöglicht, „[…] komplexe Situationen und Handlungsprozesse beinahe unbeschränkt zu erfassen […]“ (ebd., S. 46). Diese Art der Beobachtung, die auch unbewusst abläuft und durch Reflektion ins Bewusstsein gerufen werden muss, war beispielsweise bei der Erfassung von Schlüsselsituationen (z.B. Konzert, Verkaufsstände, Einlass) auf dem Festival hilfreich. Doch selbst eine solch freie Form der Beobachtung unterliegt laut Meixner den „[…] selektiven Wahrnehmungen und Interpretationen auf Seiten des Forschers […]“ (Meixner, 2009, S. 11). Dahingehend unterstützend bestätigt Girtler diese Aussage, indem er die Sorgfalt des Forschers hervorhebt, um Verzerrungen zu vermeiden (vgl. Girtler, 1984, S. 46). Diese Art der Beobachtung verhalf dem Forschungsprozess durch immer neue Anregungen ein immens weites Spektrum an Phänomenen zu kreieren, welche so in einer einzigen Arbeit nicht zu erfassen sind. Auch Bortz und Döring schreiben dieser Methode mehr 4 Methodik: Forschungsdesign und Grounded Theory 26 einen Erkundungscharakter zu, da hier ein Widerspruch zwischen dem gleichzeitigen Beobachten sowie Protokollieren und der teilnehmenden Beobachtung besteht. Zudem weisen die Autoren mit Recht auf die Tatsache hin, dass durch Gedächtnislücken und subjektiver Fehlinterpretation die angefertigten Protokolle in Frage gestellt werden können (vgl. Bortz & Döring, 2006, S. 267). Um Informationen und Daten aus ‚erster Hand‘ zu erhalten, war es von Anfang an unablässig, in das Gespräch mit den Besuchern zu gehen. Einige der geführten Gespräche und Diskussionen werden in transkribierter Form ein Teil dieser Arbeit werden. Doch zunächst müssen die angewandten Methoden beschrieben werden. Das ‚narrative‘ Interview, ‚ero-epische‘ Gespräch und Feldtagebuch Für Girtler ist das narrative Interview, also das offene und unstrukturierte Interview, ein wichtiges Mittel der Informationsgewinnung, da es die menschliche Fähigkeit des Erzählens berücksichtigt. Ihm zu Folge stellt es daher eine wichtige Ergänzung zu der teilnehmenden, nicht standardisierten Beobachtung dar. Es ist wichtig, trotzdem einen Interviewleitfaden zu besitzen, an dem man sich orientiert (vgl. Girtler, 1984, S. 154f). Zum Einstieg ist es das primäre Ziel, eine angenehme Gesprächsatmosphäre in gegenseitiger Akzeptanz zu schaffen, in der sich beide Parteien wohl fühlen. Um dies zu erreichen, beziehungsweise die Entwicklung in eine solche Richtung anzustoßen, ist es unabdingbar für den Forscher, sich selbst mit in das Gespräch einzubringen (vgl. ebd., S. 157f). Früher oder später muss man dem Forschungsgespräch Anstöße geben und eben diese Impulse können unter anderem durch persönliche Meinungsäußerung erreicht werden. Der zweite Weg Impulse zu setzen ist der bereits erwähnte Leitfaden, welcher im Falle dieser Arbeit mit einigen Begriffen aus der Festival- und Metalszene angefertigt wurde, zu welchen sich im Normalfall jeder Festivalbesucher hätte äußern können (z.B. Festivalbändchen, Nahrungsaufnahme, Tagesablauf etc.). Zum Thema Suggestivfragen äußert sich Girtler dahingehend, dass er diese als legitimes Mittel der Gesprächsanregung ansieht, 4.1.2 4.1 Im „Feld“: „positivistische“ Soziologie und die 10 Gebote der Feldforschung 27 da durch die Äußerung von Erwartungen und Unterstellungen zusätzliche Informationen zu erhalten sind (vgl. ebd., S. 161). Girtler negiert den Begriff des narrativen Interviews in einer späteren Auflage seines Buches ‚Methoden der qualitativen Feldforschung‘ und spricht in ‚Methoden der Feldforschung‘ vom sogenannten ‚ero-epischen‘ Gespräch, statt der genannten Interviewform, welche er nun ablehnt und anmerkt, diesen Begriff in ‚unüberlegter Weise benutzt‘ zu haben (vgl. Girtler, 2001, S. 148). Wie er zu dem neuen Begriff kommt und welcher Gedanke dahinter steckt, erläutert Girtler folgenderma- ßen: Homers Odysseus inspirierte ihn zu dieser Begriffsbildung, da er beeindruckt war, wie die Geschichte vor allem durch geschicktes Fragen weitergetragen wird. Das Eigenschaftswort ‚ero-episch‘ beinhaltet die griechischen Wörter ‚Erotema‘ und ‚Epos‘ – übersetzt also: ‚Frage‘ und ‚Erzählung‘. Diese Bezeichnung der Gesprächsführung soll auf die kunstvolle Verwobenheit von Fragen und Erzählen verweisen, was, nach Girtler, ein gutes Forschungsgespräch ausmacht (vgl. ebd., S. 150f). Diese Gesprächsform ist eine sehr eingehende Art und Weise, sich den Phänomenen einer (Rand)kultur zu nähern. Dies kann aber nur gelingen, wenn sich der Forscher und der Gesprächspartner sicher fühlen und öffnen11. Das bedeutet für den Forscher, dass er eine Balance zwischen der Leitung, Anregung und Lenkung des Interviews, sowie dem einfachen Zuhören, Wiedergeben und Kommentieren einer Aussage finden muss. Hier kann man eine partielle Abgrenzung zur Interviewdefinition nach Hussy, Schreier & Echterhoff erkennen: „Das Interview ist ein Gespräch, in dem die Rollen per Konvention meist asymmetrisch verteilt sind, wobei die Forschenden Fragen stellen und die die an der Untersuchung Teilnehmenden antworten. Das Interview dient der Informationsermittlung“ (Hussy, Schreier, & Echterhoff, 2010, S. 215). Zusätzlich können die Autoren mit einer Definition für Leitfadeninterviews dienen, welche in der folgenden Form ohne Beanstandung als zutreffend für die auf dem Festival geführten Gespräche gekennzeichnet werden kann: „Das Leitfadeninterview ist ein halbstandardisiertes Interview. Das bedeutet, dass die Reihenfolge der Fragen dem Gesprächsverlauf angepasst wird und die Fragen in Anlehnung an die Begrifflichkeit der Teilnehmenden formuliert werden. Der Leitfaden 11 Vgl. Anhang 2 und 3: Besucherinterviews. 4 Methodik: Forschungsdesign und Grounded Theory 28 dient bei der Gesprächsführung also lediglich als Anhaltspunkt“ (ebd., S. 216). Nimmt man den psychologischen Sprachgebrauch, so ist das bereits erörterte narrative Interview, sowie das ‚ero-epische‘ Gespräch, unter den nonstandardisierten Interviewformen einzuordnen (vgl. ebd., S. 218). Girtler beschäftigt sich weiterführend mit dem Problem der Suggestivfragen. Nach Meinung einiger Autoren sei demnach diese Art von Frage im Forschungsprozess unzulässig, da Fragen niemals so formuliert werden sollten, als das sie einen Hinweis auf eine bestimmte Antwort enthalten. Doch Girtler nennt einige Beispiele, wie er durch Suggestivfragen ausführlichere oder überhaupt informative Antworten erhalten hat (vgl. ebd., S. 159f). Im Feld fanden auch diese Art Fragen Anwendung, da der Leitfaden mit den vorher erarbeiteten Themen zum Tragen kam und daher einige Fragen an die Besucher nur suggestiv gestellt werden konnten. Die geführten Gespräche wurden mithilfe eines digitalen Diktiergeräts festgehalten und sind für diese Arbeit – auszugsweise – transkribiert worden, da knapp acht Stunden Material gesammelt wurde. Neben den Gesprächen und den quantitativ erhobenen Daten, kam eine dritte Methode der Informationserhebung zum Tragen, nämlich das Feldtagebuch. Dieses Tagebuch soll den Fortgang der Forschungsarbeit dokumentieren, in dem stichwortartige Bemerkungen über den Tag hinweg gemacht werden. Gedanken zur Vorgehensweise, Hinweise auf mögliche Zwischenergebnisse oder auch emotionale Situationen können hier festgehalten werden (vgl. Girtler, 1984, S. 131). Zudem sollte der Tagesablauf im ‚Feld‘ dargestellt werden, um etwaige Muster im Alltag feststellen zu können und diese zu interpretieren. Diese Art der Dokumentation des Festivalalltags gelang aus meist flüssigen Gründen nur rudimentär und wird bei der Interpretation der Daten nur eine kleine Rolle spielen12. Neben den bisher beschriebenen qualitativen Methoden der Datenerhebung, sollten zusätzlich quantitative Daten für weitere Denkanstöße sorgen. Daher wurden Fragebögen an verschiedene Besucher des Summer Breeze verteilt. 12 Vgl. Anhang 5 und 13: Feldtagebuch. 4.1 Im „Feld“: „positivistische“ Soziologie und die 10 Gebote der Feldforschung 29 Fragebögen im Feld „Beim quantitativen Ansatz kommen objektiv messende (standardisierte) Verfahren […] zum Einsatz.“ (Hussy, Schreier, & Echterhoff, 2010, S. 9). Entgegen dieser Definition, kann bei den verwendeten Fragebögen im Feld nicht von einer quantitativen Datenerhebung gesprochen werden. Wie im Anhang zu sehen ist, sollten die Besucher im Jahre 2011 ihren Tagesablauf auf dem Festival beschreiben, sowie die Faktoren nennen, welche ihnen für ein gelungenes Summer Breeze am Wichtigsten sind. Dies waren die zentralen Fragen, mit welchen der Forschungsprozess beginnen sollte. Diese Fragen waren die erste Faszination, die zum eigentlichen Interesse an dieser Arbeit führte. Bei diesen Fragebögen wurden keine messbaren Zahlen angegeben, sondern lediglich Tendenzen. Daher handelt es sich bei den gewonnenen Daten um die Grundlage der späteren Online-Befragung. Aus beschreiben wird messen, aus verstehen wird erklären und aus explorativ wird explanativ. Bortz & Döring formulieren die Kritik am quantitativen Ansatz ähnlich der Kritik Girtlers an der positivistischen Soziologie. Ihnen zu Folge liege dem quantitativen Ansatz ein ‚mechanisches Menschenbild‘ zu Grunde, der Mensch sei nur eine von äußeren Ursachen gesteuerte ‚Marionette‘ (vgl. Bortz & Döring, 2006, S. 301). Die Dichotomie ‚erklären-verstehen‘ eignet sich nach Bortz & Döring nur bedingt, da weder in der quantitativen noch in der qualitativen Sozialforschung auf Erklärungen verzichtet wird. Die subjektive Weltsicht und inneren Gründe der Akteure innerhalb einer Forschungsumgebung zu verstehen13, sei nur durch kommunikatives Nachvollziehen möglich (ebd., S. 301). Die in den Jahren 2011 und 2012 verwendeten Fragebögen unterscheiden sich im Aufbau nur durch die Ergänzung der Stammdaten (Geschlecht, Beruf, Alter etc.) im Jahre 2012. Die ersten Fragebögen gingen natürlich an all die Menschen, welche die Peergroup des Autors 4.1.3 13 Der lange vorherrschende Methodenstreit zwischen qualitativer und quantitativer Sozialforschung wurde von Wilson ‚relativiert‘. Ihm zu Folge ergänzen sich beide Perspektiven, also zum einen hypothesengenerierend und Hypothesen testend. Auf Grund des reflexiven Gegenstandbereichs sind diese methodologischen Positionen nicht zu halten, da immer individuell und dem Gegenstand angemessen die Methodik gewählt werden muss (vgl. Wilson, 1982, S. 469ff). 4 Methodik: Forschungsdesign und Grounded Theory 30 bildeten. Über die Anzahl und Akzeptanz der Fragebögen wurde bereits berichtet. Es lässt sich sagen, dass nur eine geringe Anzahl der Bögen unbrauchbar sind, die meisten wurden mit Bedacht bearbeitet14. Im Jahr 2013 entstand ein Online-Fragebogen, mit dessen Hilfe quantitative Daten erhoben wurden. Im Folgenden soll die Ordnungsleistung dargestellt werden, welche den Fragebogen ermöglicht hat. Des Weiteren wird über das Email-Interview mit Michael Edele reflektiert und erläutert, welche Rolle Facebook bei dem ganzen Vorhaben spielte. Online Bevor der Online-Fragebogen entstehen konnte, mussten zunächst entsprechende Fragen generiert werden. Diese Fragen konnten nur entstehen, wenn sie der Verifizierung oder Falsifizierung von Hypothesen dienen würden. Merkmale einer wissenschaftlichen Hypothese sind die präzise und widerspruchsfreie Formulierung, die prinzipielle Widerlegbarkeit, Operationalisierbarkeit und Begründbarkeit (vgl. Hussy, Schreier, & Echterhoff, 2010, S. 30). Daher mussten erst Hypothesen erarbeitet werden, welche es zu überprüfen galt. Um diesen Prozess anzustoßen, wurden alle Fragebögen ausgewertet, die bisher von den Besuchern im Feld SB ausgefüllt wurden. Die Antworten auf ‚Was ist mir am Wichtigsten? ‘ und die Beschreibung des typischen Tagesablaufs wurden also kategorisiert, was als klassische Ordnungsleistung bezeichnet werden kann. Damit wurde, nach Hussy et.al, die sogenannte Begründbarkeit der Hypothesen gewährleistet. Gemeint ist den Autoren zu Folge die theoretische und empirische Fundierung einer Hypothese, die deren Aufstellung nachvollziehbar macht (vgl. ebd., S. 31). Wie also wurde diese Fundierung geliefert? Ein Beispiel: Auf die Frage nach den wichtigsten Faktoren für einen gelungenen Festivalbesuch, wurde im Jahre 2012 von 51 ausgefüllten Fragebögen 48 Mal die Musik in Form von beispielsweise ‚Konzerte‘, ‚Bands‘, ‚Musik hören‘ genannt.15 Weitere Antworten, die auffällig häufig genannt 4.2 14 Siehe Anhang 1 und 2, sowie 7-12. 15 Vgl. Anhang 21-24 Excel Tabellen. 4.2 Online 31 wurden, waren zum Beispiel ‚Freunde‘, ‚Trinken‘ oder auch ‚Kommunikation‘. Daraus konnte die Hypothese ‚Musik, Alkohol und Freunde sind die Hauptfaktoren für ein gelingendes Festival‘ entstehen. Mithilfe dieser Hypothese wurden verschiedene Fragen für die Bearbeitung eben jener erstellt, wie beispielsweise die Frage Nr. 11 des Onlinefragebogens: ‚Was ist dir auf dem SUMMERBREEZE-Festival am Wichtigsten? Klar ist, dass einige der vorgegebenen Antworten eng mit anderen zusammenhängen. Klar ist auch, dass einige Antworten fehlen. Versuche trotzdem eine Rangfolge herzustellen.‘ Per Drag & Drop sollten die Besucher folgende Faktoren in eine Reihenfolge bringen: Musik, Essen, Freunde, Merchandise (T-Shirts, Hoodies16, etc.), Kommunikation, Schlafen, Hygiene, Sex, Trinken, Tattoos, Piercings, Accessoires. Die Ergebnisse werden im fünften Abschnitt dieser Arbeit präsentiert und analysiert. Der hier beschriebene Weg verläuft innerhalb der deduktiven (also vom Generellen zum Spezifischen) Hypothesengenerierung, was bedeutet, dass alle aufgestellten Hypothesen zu einer auf Literaturbasis erdachten Forschungsfrage passen müssen. Im Falle dieser Arbeit war das die Frage nach den Phänomenen, welche ein solches Metalfestival zu einem Szeneevent machen. An dieser Stelle ist es wichtig, auf die Operationalisierbarkeit einer Hypothese einzugehen. Hussy et.al nennen als Merkmal Operationalisierbarkeit den Verzicht auf ‚schwammige Begriffe‘, was genau bedeutet, dass abstrakte und komplexe Begriffe genau definiert sein müssen, so dass man sie messen kann (vgl. ebd., S. 30). Als Beispiel kann hier Frage Nummer 14 des Online-Fragebogens angeführt werden: ‚Wie sehr fühlst du dich der Metalszene zugehörig? Metal ist natürlich ein sehr weiter Begriff und jede Richtung hat oft ihre eigene Szene. Ob Black-Metal, Gothic, Metalcore etc, ich fasse hier der Einfachheit wegen alle Richtungen als METAL zusammen! ‘ Hier wurde der weite Begriff des ‚Metal‘17 so definiert, dass die Besucher verstehen was gemeint ist und das Ant- 16 Kapuzenpullover. 17 Elflein zählt folgende Stilbegriffe unter dem Überbegriff ‚Heavy‘ Metal auf: Alternative Metal, Avantgarde Metal, Black Metal, Classic Metal, Crossover, Dark Metal, Death Core, Death Grind, Death Metal, Death `n` Roll, Doom Metal, Elektro Metal, Epic Black Metal, Epic Metal, Folk Metal, Funeral Doom, Funk Metal, Glam Metal, Gothic Metal, Grunge, Hair Metal, Hard Rock, Industrial Metal, Math Metal, Melodic Death Metal, Melodic Metal/AOR, Melodic Speed Metal, Metal, Metal Core, Modern Metal, Neo-Thrash, Nu-Metal, Pagan Metal, Prog Metal, Rotzrock, 4 Methodik: Forschungsdesign und Grounded Theory 32 worten kein Problem darstellt. Mithilfe dieser Frage wurde die Hypothese ‚Das Festival bestärkt die Besucher in dem Gefühl, der Metalszene zugehörig zu sein‘ bearbeitet. Da die Umfrage direkt nach dem Festival online ging, waren die Eindrücke der Besucher noch frisch und sie konnten schnell für sich entscheiden, in wie weit ihre Zugehörigkeit zur Szene durch den Besuch des SB beeinflusst wurde. Hussy et.al stellen die Rolle der Hypothese im Forschungsprozess anschaulich dar: Sie ist die Verbindung zwischen Theorie und Empirie. Entweder wird die im Hintergrund stehende Theorie einer Hypothese wird durch die Konfrontation mit empirischen Erkenntnissen bestätigt, oder muss andernfalls neu modifiziert werden (vgl. ebd., S. 35). Es ist zudem wichtig zu erwähnen, dass die erarbeiteten Hypothesen nicht universell sind, sondern quasi-universell. Das heißt, es werden Einschränkungen auf die Wahrscheinlichkeit des Zutreffens der Hypothese, also Ausnahmen, in Kauf genommen (vgl. ebd., S. 32). Fragebogen mit Q-SET und Facebook Die Onlineumfrage wurde mithilfe von www.q-set.de erstellt. Die Seite war in der Handhabung unproblematisch und der Fragebogen konnte zügig erstellt werden. Praktischerweise ist es möglich, den Fragebogen durch Testläufe zu erproben, was einige Fehler in den Fragen sowie im 4.2.1 Sleaze, Speed Metal, Thrash Metal, True Metal, Viking Metal. (vgl. Elflein, 2010, S. 45) Es sei erwähnt, dass es noch viel mehr Stilrichtungen im Metalbereich gibt. Wie ersichtlicht ist, macht ein Sammelbegriff bei dieser Fragestellung durchaus Sinn. Ebner leitet die historische Entwicklung des Heavy Metal mit der fundamentalen Bedeutung des afro- amerikanischen Blues für die gesamte Rockkultur ein. Daraus entwickelte sich in den 40er Jahren der Rhythm and Blues, welcher später durch Vertreter wie Elvis Presley, mit harten und schnellen Rythmen in den 60er Jahren sich zu Rock `n`Roll entwickelte und weite Verbreitung fand. Die Nachfolge trat der Beat an, dessen wichtigste Vertreter die Beatles waren. Jimi Hendrix erlangte durch sein verzerrtes und durch Rückkopplung geprägtes Gitarrenspiel zentrale Bedeutung für Heavy Metal. Dieser entstand aus dem sogenannten Heavy Rock oder Hard Rock. Led Zeppelin in den USA und Black Sabbath in Großbritannien gelten als erste Heavy Metal Bands. In den 80er Jahren kam eine neue Periode auf, welche als ‚New Wave of British Heavy Metal‘ bekannt wurde. Ebenso erwähnt werden müssen Melodic Metal, Thrash und Death Metal, welche diese Phase der Aufspaltung mitprägten bis in die heutige Zeit, in welcher immer noch neue Subgenres entstehen (vgl. Kilthau & Ebner, 1995, S. 2ff). 4.2 Online 33 Handling zu Tage brachte und somit die gesamte Befragung verbesserte. Problematisch war das Ausfüllen des Bogens via Smartphone18 wie durch die Kommentare auf Facebook ersichtlich wurde. Dies wurde an Q-SET rückgemeldet, trug aber einen Teil dazu bei, dass 2.786 Fragebögen nur teilweise beantwortet wurden. Insgesamt wurden 4.584 Fragebögen vollständig beantwortet und 1.777-mal wurde der Fragebogen ohne jegliche Beantwortung geöffnet. Das System von Q- SET sieht das Kaufen von Antwortkontingent vor, was bedeutet, dass beispielsweise für 1.000 weitere Antworten 10 € bezahlt werden muss. Die ersten 4.000 Antworten sind umsonst. Der Fragebogen enthält 22 Felder, was bedeutet, dass 181 Fragebögen ohne eine Zuzahlung ausgefüllt werden konnten. Es wurde schnell ersichtlich, das Kontingent hinzugekauft werden musste, da sich die Umfrage schnell auf Facebook19 verbreitete. Des Weiteren sollte die Umfrage werbefrei sein, was ebenso Geld kostete. Also wurden mit insgesamt 120 € weitere 14.000 Antworten gekauft und für 9,90 € die Werbung entfernt. Die Möglichkeit, einen Studententarif zu buchen, wurde leider übersehen. Insgesamt wurden mithilfe der Onlineumfrage 641 Datensätze generiert, deren Inhalt im folgenden Ergebnisteil dargestellt wird. Zusammen mit den 14 Fragebögen aus dem Jahre 2011 und den 53 verwertbaren Bögen aus dem Jahre 2012 ergab das eine Gesamtanzahl von 708 Fragebögen, mit welchen gearbeitet werden konnte. Experteninterview via Email Die Überlegung hinter diesem Interview war, dass als zusätzliche Quelle zur Interpretation der Ergebnisse, ein ‚Metalexperte‘ befragt werden sollte. Was macht den Experten in diesem Sinne, also als Quelle, zu einem Experten? Aus Perspektive eines Feldforschers ist jemand dann eine außergewöhnliche Quelle, wenn er über ein fundiertes 4.2.2 18 Vgl. Anhang 16: Facebook Screenshot. 19 An dieser Stelle soll den SB-Veranstaltern und Michael Edele (der Experte in Sachen ‚Metal‘) ein ausdrückliches Dankeschön für das Teilen der Umfrage zukommen. Ohne diese Unterstützung wäre niemals diese Zahl an Datensätzen zustande gekommen. 4 Methodik: Forschungsdesign und Grounded Theory 34 Fachwissen zum untersuchten Thema besitzt, auf jahrelange Erfahrung im selbigen Bereich zurückgreifen kann und sich selbst als einer der Protagonisten der Szene sieht. Der befragte Experte schreibt seit Jahren Reviews über, in den allermeisten Fällen, Metalalben für www.laut.de. Zudem verfasst er monatlich einen ‚Metalsplitter‘ auf selbiger Musikseite, in welchem er über die neusten Ereignisse in der Metalszene berichtet und innerhalb dessen sogar einen hochinteressanten Lehrauftrag erfüllt. Was ihn jedoch speziell für ein Interview zum Thema SB auszeichnet, ist die Tatsache, dass er dieses Festival bereits mehrere Male besucht und in Reviews zusammengefasst hat. Daher werden manche Aussagen von ihm bei der Interpretation der Antworten aus dem Online-Fragebogen helfen. Diese Ergebnisse sollen im nun folgenden Abschnitt dargestellt und analysiert werden. 4.2 Online 35

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Zusammenfassung

Festival ist, wenn die eigene Verwahrlosung als Erholung empfunden wird.

Das Summer Breeze Festival findet seit über 20 Jahren im fränkischen Dinkelsbühl statt und zieht mittlerweile zehntausende Metalfans aus aller Welt an. Alexander Hutzel beschäftigt sich mit diesen Fans und eröffnet einen, im wahrsten Sinne, feucht-fröhlichen Einblick in eine außeralltägliche Realität. Dazu wurden qualitative sowie quantitative Forschungsmethoden vor einem fundierten sozialtheoretischen Hintergrund umgesetzt.

Die Arbeit beschäftigt sich unter anderem mit den Verhaltensweisen, den Symbolen und den Ritualen der Festivalbesucher. Es werden Gruppenzugehörigkeit, Hygieneverhalten, Alkoholkonsum und Running Gags analysiert, sodass ein empirisch begründetes Bild eines Megaevents der Metalszene entsteht.