Siegfried Guido Dahl

Der hoeere Ruf und Der feinere Pfif

Kommentierte Synopse der Schriften des August Siegfried von Goue und  des Ferdinand Opiz

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4236-6, ISBN online: 978-3-8288-7146-5, https://doi.org/10.5771/9783828871465

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 31

Tectum, Baden-Baden
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WISSENSCHAFTLICHE BEITRÄGE AUS DEM TECTUM VERLAG Reihe Philosophie WISSENSCHAFTLICHE BEITRÄGE AUS DEM TECTUM VERLAG Reihe Philosophie Band 31 Siegfried Guido Dahl Der hoeere Ruf und Der feinere Pfif Kommentierte Synopse der Schriften des August Siegfried von Goue und des Ferdinand Opiz Tectum Verlag Siegfried Guido Dahl Der hoeere Ruf und Der feinere Pfif Kommentierte Synopse der Schriften des August Siegfried von Goue und des Ferdinand Opiz Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag; Reihe: Philosophie; Bd. 31 © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018 ePDF: 978-3-8288-7146-5 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4236-6 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN: 1861-6844 Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung des Bildes #1034365027 von Dean Drobot www.shutterstock.com Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National¬bibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Joachim Froegel Freund, Kumpane, Kämpe Vorwort Der unbefangene Leser stutzt beim Versuch einer ersten Lektüre der vorliegenden Schrift „Der hoeere Ruf“ des August Siegfried von Goue. Ähnliches wird ihm auch bei dem ihr gegenübergestellten Werk „Der feinere Pfif“ von Johann Ferdinand Opi(t)z widerfahren. Allerdings kann er sich vorher im 13. Buch von Goethes „Dichtung und Wahrheit“ informieren, dass es sich bei ersterer um die Schrift eines seltsamen Ordens handelt, „welcher philosophisch und mystisch sein sollte und keinen eigentlichen Namen hatte.“ Nicht von ungefähr bedient sich der Dichterfürst des Konjunktivs, denn er fährt wenig später fort, dass „nicht nur eine Spur von Zweck hinter diesen Hüllen zu finden war.“ So mag sich der Leser den Kopf zerbrechen über einen höchst unverständlichen und ebenso unerklärlichen Text von 1768 und seiner erneuten Auflage von 1769. In der Summe bilden beide Schriften gemeinsam jenes Rätselbuch aus der Zeit der Aufklärung, das dieser neuerlichen Darstellung zugrunde liegt. Will er sich dennoch nicht zum Narren machen, muss ihm bei seinen Verstehens- und Deutungsbemühungen zunächst ein Ahnen beflügeln, welches hinter beiden Schriften einen realen Sinn vermutet, ein vorerst noch dunkles Geheimnis, das es mit großer Geduld und Phantasie, der „Fähigkeit zu freispielendem Verbinden von Vorstellungsinhalten“ zu enträtseln gilt. Dabei entnimmt sie „ihren Stoff den Gedächtnisspuren, kombiniert ihn aber frei zu neuen Formen“ (Walter Brugger, Philosophisches Wörterbuch). Keineswegs geht es dabei einzig um ein „Sichbewegen im Raum der Wortsprache“ (Herbert Schnädelbach), sondern auch um das Sichbewegen in einem Symbolsystem, das in praktischer Hinsicht den Menschen auch als potentiellen wie aktuellen Freimaurer zu charakterisieren vermag. Goethes Urteil über die Schrift übernimmt auch H. Gloel, der im „Feineren Pfif“ eine Parodie des „Hoeeren Rufs“ vermeint und ihm jede Ernsthaftigkeit abspricht: „Es ist ganz zwecklos, überhaupt einen Sinn in diesem Schriftchen zu suchen, da keiner darin sein soll. Es ist das Werk eines Spaßvogels, der sich über den höheren Ruf lustig machen will, indem er das Abenteuerliche des Ordensbuches noch übertreibt. Dahin gehören Aussprüche wie ‚der Seer ist blind, der Blinde sit‘ und Ausdrücke wie ‚Welokungslibarkeitssame‘, ‚Hinquatschung‘‚ Widerhallstimmlosigkeitsstand‘ ‚truigpippingebaerend‘.“ Neben der Einführung Gloels von 1917 verzeichnete die Buchöffentlichkeit 80 Jahre später eine erneute Textlegung mit Illustrationen von Silke Voigt aus der Edition Peperkorn von 1997, die auf der Grundlage der Arbeit von H. Gloel entstand. Ähnlich wie dieser zuvor bei der Beurteilung des „Feineren Pfif“ kommt Günter Peperkorn dort in seinem Nachwort zu dem Schluss, dass es der Mystizismus des Höheren Rufs „so weit getrieben [habe], daß zahlreiche Begriffe und Wendungen sowohl für den damaligen wie heutigen Leser unerklärlich bleiben müssen.“ Auch führt die Wissensbank des Goethezeitportals in der Abteilung „Künstler und Denkerenzyklopädie“ einiges Interessantes über August Siegfried von Goue auf. Im Jahr 2015 ist die Untersuchung „Freimaurerei in der frühen Aufklärungszeit – Bildungstheoretische Ansätze und Kontroversen“ im Tectum Verlag, Marburg, erschienen. In ihr hat der Unterzeichner erstmals eine gängige Übertragung beider Texte in ver- VII stehbares Deutsch sowie eine Interpretation ihres philosophischen Gehalts geleistet. Dieser bezieht sich zum einen auf das System des kontinentalen Rationalismus, zum anderen auf das des Empirismus, vornehmlich auf den englischen Inseln zu Hause. Die Ergebnisse der genannten Untersuchung liegen der hier vorgestellten Interpretation beider Schriften zugrunde. Sie sind erneut durchdacht, ausformuliert und um ein Erhebliches übersichtlicher gestaltet worden. Manches ist dabei lediglich übernommen, manches bezieht sich zuweilen expressis verbis auf vorgenannte Untersuchung. Beide Schriften bilden weiterhin die Textgrundlage dafür, den Erkenntniszugewinn des Menschen in der Aufklärungszeit als Ariadnefaden sukzessive nachzuzeichnen. In einem ersten Teil werden beide Texte in ihrer wortgetreuen Fassung sowie in deren „Übersetzung“ einander gegenübergestellt und in notwendigen Anmerkungen erläutert. Die Synopse folgt einer Systematik von links bzw. rechts außen nach innen, sodass die Textübertragung der jeweiligen Abschnitte die Mitte bildet; ganz außen, rechts wie links, sind die Anmerkungen gestellt. Notwendige Worttrennungen in beiden Schrifttexten sind ihrer systematischen Gegenüberstellung geschuldet. Ein zweiter Teil versteht sich dann als ein etwas breiter angelegter Kommentar zum Text. Vorwort VIII Inhaltsverzeichnis Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XI Zeit und Umstände zur Entstehung des „Hoeeren Rufs“ in seinem Wetzlarer Umfeld; seine Konzeption und Mitverfasser . . . . . . . . . . . . . . . 1. XIII „Der feinere Pfiff“, „Das parallele Kryptogramma“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2. XV Titelblatt des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. 1 Teil I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 Synopse beider Schriften einschließlich der Ergänzungsabschnitte und ihr Transfer in eine verstehbare Sprache nebst notwendiger Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4. 3 Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. 5 Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .Teil II 53 Grußwort der 2. Ausgabe von 1769: „Zueignung an di Erhabne Mitglider unsrer Geselschaft“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.1 53 Vorrede zum „Feineren Pfif“ (der 2. Ausgabe des „Hoeeren Rufs“ beigefügt) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.2 53 Verflechtung von Naturwissenschaft und Philosophie im System des René Descartes (1596–1650) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.3 55 Die Auflösung der „metaphysischen Physik“ des René Descartes; das Konzept empiristischer Naturwissenschaft des Isaac 6.4 55 Newton (1642–1727) und die empiristische Erkenntnistheorie des John Locke (1632– 1704) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Übergänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.5 58 Lichtfäden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.6 58 Die Übergangsstadien auf dem Weg zur Vernunfterkenntnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.7 60 Die Lichtfadenstrecke von der „tabula rasa“ bzw. vom „white paper“ zum Wahrheitsurteil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.8 60 Kapitelüberschriften in beiden Schriften und ihre methodische Bedeutung für das Gesamtwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6.9 61 Der Übergang von der traditionellaristotelischen Scholastik zur „ersten Philosophie“ des René Descartes . . . . . . . . . . . . . . . . 7.1 63 Die Lichtfadenstrecke von der sinnlichen Wahrnehmung bis zum Erkenntnisurteil . . . . . 7.2 63 Triade 1, Kap. 4–6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.3 67 Triade 1, Kap. 4–6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.4 67 Triade 2, Kap. 7–9 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.5 68 Triade 2, Kap. 7–9 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.6 68 Triade 3, Kap. 10–12 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.7 70 Triade 3, Kap. 10–12 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.8 70 Auf dem Weg der „königlichen Kunst“: Vom Suchenden zum Neophyten, Kap. 1– 12 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7.9 72 Ergänzungsabschnitt 2, Kap. 12 a der 2. Auflage des „Hoeeren Rufs“:Das Amt eines Tilgmans . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8. 75 Kap. 13–16: Von der Weisheit Buch, dem Messer, der Höhle und der Binde des Weisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9.1 76 IX Kap. 13–16: Von der Harmonie Leerton, dem Pfeifchen, der Wohnung und dem Stab des Harmonischen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9.2 76 Ergänzungsabschnitte 3–5, Kap. 16 a, 16b, 16 c der 2. Auflage des „Hoeeren Rufs“:Der Mantel, das Holz und der Stab des Weisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10. 78 Kap. 17: Das Spil des Weisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .11.1 79 Kap. 17: Die Jagd des Harmonischen . . . . . . . . .11.2 79 Kap. 18: Speise des Weisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .12.1 80 Kap. 18: Schlaf des Harmonischen . . . . . . . . . . . . .12.2 80 Ergänzungsabschnitte 6–7, Kap. 18 a und 18b der 2. Auflage des „Hoeeren Rufs“: Der Umgang mit Tiren / Das Nachtlager des Weisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13. 81 Kap. 19: Ruistung zur Betrachtung . . . . . . . . . . . . .14.1 82 Kap. 19: Erhebung zum Gesange . . . . . . . . . . . . . . . .14.2 82 Kap. 20: Tagesseufzer des Weisen . . . . . . . . . . . . . . .15.1 84 Kap. 20: Gebaet des Harmonischen . . . . . . . . . . . .15.2 84 Ergänzungsabschnitte, Kap. 20 a bis 20 g der 2. Auflage des „Hoeeren Rufs“ . . . . . . . . . . . . 16. 86 Ergänzungsabschnitte 20 a, 20b, 20 c und 20d: Vom Stultorum plena sunt omnia; Von der Wurmlichkeit des Leibes; Von der Beposaunung; Die zweite Posaune . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16.1 87 Ergänzungsabschnitte 20 e, 20 f und 20 g: Von der Entwurmigung; Von unbeleibten Wesen; Di Anklamrung an der Ewigkeit Saeule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16.2 89 Schlussbetrachtung: Auf welche Weise zur wahren und richtigen Erkenntnis gelangen? . . . . . . . . 91 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 Inhaltsverzeichnis X Einleitung August Siegfried von Goue (1743–1789) war ein Kind seiner Zeit, die im Selbstbekenntnis ihrer Mitmenschen eine Zeit der „Aufklärung“ gewesen ist. Diesem Selbstbewusstsein lag das Verständnis eines grundsätzlich offenen, nie abzuschließenden Prozesses der Entwicklung des Menschen resp. der Menschheit zugrunde. Das Denken dieser Zeit war bestimmt durch den Glauben an Fortschritt und Erziehung, an Vernunft und Wissenschaft und zugleich von der Abkehr von alten Autoritäten und allem Dogmatischen. Der Mensch sollte seine eigenen geistigen Fähigkeiten gebrauchen und nicht von anderen abhängig sein. Und doch dachte Siegfried August von Goue auf diesem in die Zukunft weisenden Weg noch recht konservativ. Rückwärts gewandt, eher bewahrend denn erneuernd, orientierte sich sein Denken auf das hin, was bereits in der Mitte des 17. Jahrhunderts vorgedacht war: auf das Prinzip des methodischen Zweifels der Vernunft, auf deren eingeborene Ideen und die Abkehr von traditionell scholastischen Bemühungen um die Wahrheitserkenntnis. Die Schriften René Descartes’, die seinem „Hoeeren Ruf“ zugrunde liegen, waren ihm Maß und Grenze zugleich. Doch ganz anders als der hier vertretene Rationalismus, deren Vertreter die Vernunft als ein geschlossenes System dachten, in dem Erkenntnis a priori, d. h. vor aller Erfahrung möglich sei, erklärte der Autor des „Feineren Pfifs“, Johann Ferdinand Opi(t)z, das Zustandekommen aller wahren Erkenntnis. In seiner ‚Gegenschrift‘ orientierte er sich am Vorbild der empirischen Naturwissenschaft, die Erkenntnis nicht allein in der Vernunft, sondern in der Erfahrungswelt gegeben sieht. Das philosophische Hauptwerk des John Locke (1632–1704) „An Essay Concerning Human Understanding“ (Versuch über den menschlichen Verstand) von 1689 bildete dazu die intellektuelle Vorgabe. Dabei bezog sich der Philosoph aus England auf das empirische Wissenschaftsprogramm des Isaac Newton (1642–1727), der das Experiment und die Induktion als einzige Methode zur Gewinnung von Naturerkenntnis zuließ. Der menschliche Geist gleiche einem unbeschriebenen Blatt, einer „tabula rasa“. Damit wendet sich Locke entschieden gegen die Rationalisten, die behaupten, es gebe angeborene Ideen und Erkenntnisse. „Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war“, ist der Ausgangspunkt seiner Erkenntnisphilosophie. Jedwede metaphysische Voraussetzung galt ihm von vornherein als obsolet. August Siegfried von Goue war Freimaurer. Deren Versammlungsort war die Loge, die ihre Mitglieder der Außenwelt gegenüber zu absolutem Stillschweigen verpflichtete. Im Schutz eines solchen Arkanums bot sie Gewähr größtmöglicher Freiheit im Denken, in Sprache und Schrift. In einer solchen gesellschaftlichen Kontextualität ist der Aufgeklärte stets auch ein Initiierter; hier vermag er seiner Vernunfterfahrung in Ritualen und Symbolen Ausdruck zu verleihen. In Gesellschaft seiner Mitbrüder ist er ein Gleicher unter Gleichen. Ziel von Goues Schrift und zugleich der des Johann Ferdinand Opi(t)z ist es darzulegen, wie man zu einer sicheren Erkenntnis der Wirklichkeit gelangt, Vorurteile entlarvt und sich im Verfolg methodischen Denkens der Wahrheitsfrage stellt. Nicht nur mit dem Anspruch Descartes’scher Autorität entwickelt von Goue den rationalen Weg methodischen Denkens zur wahren Erkenntnis. Parallel XI dazu stellt er in seiner Schrift systemisch den „goldenen Weg“ der Freimaurerei vor, der über die Interpretation des Symbols zur wahren, moralischen Erkenntnis führt bzw. führen kann. Im Prozess einer solchen Wahrheitsfindung hebt im rituellen Raum die Erkenntnis beim konkreten Logengegenstand an, wendet sich sogleich dessen Symbolgehalt zu, um schließlich in einem letzten Schritt aus dem nunmehr von der Vernunft erkannten und vom Ding hermeneutisch gelösten Symbolbegriff auf wahre freimaurerische Haltungen und Tugenden zu schließen. Hiermit zeigt der Autor zwei Seiten der Erkenntnis auf, eine theoretische und eine praktische, wiewohl beide Aspekte wissenschaftstheoretisch noch nicht ausdifferenziert sind. Zwar unterschieden, ist Erkenntnis noch eine theoretische und praktische zugleich. Einleitung XII Zeit und Umstände zur Entstehung des „Hoeeren Rufs“ in seinem Wetzlarer Umfeld; seine Konzeption und Mitverfasser 1. Bei Erscheinen des „Hoeeren Rufs“ im Jahr 1768 (erste Ausgabe) konnte August Siegfried von Goue als Legationssekretär am Reichskammergericht zu Wetzlar bereits auf eine fast sechsjährige Freimaurerkarriere seit seiner Studentenzeit in Halle und Göttingen zurückblicken. Im genannten Jahr wurde er auch von der Wetzlarer Loge „Joseph zu den drei Helmen“ angenommen und dort 1770 zum „Tempelritter“ geweiht. Zur nämlichen Zeit hatte er 1768/69 im Wirtshaus „Zum Kronprinzen“ den sogenannten „Übergangs“-Orden gegründet, „welcher philosophisch und mystisch sein sollte und keinen eigentlichen Namen hatte“, wie später Johann Wolfgang von Goethe berichtet. „Der erste Grad hieß der Übergang, der zweite des Übergangs Übergang, der dritte des Übergangs Übergang zum Übergang, und der vierte des Übergangs Übergang zu des Übergangs Übergang. Den hohen Sinn dieser Stufenfolge auszulegen, war nun die Pflicht der Eingeweihten, und dieses geschah nach Maßgabe eines gedruckten Büchleins, in welchem jene seltsamen Worte auf eine noch seltsamere Weise erklärt, oder vielmehr amplifiziert waren. Die Beschäftigung mit diesen Dingen war der erwünschteste Zeitverderb“ (Dichtung und Wahrheit, Buch 12). Das „gedruckte Büchlein“ ist „Der hoeere Ruf“ gewesen, das Ritualbuch des Übergangsordens. Zumindest drei Ordensmitglieder, von Goue, Hochstetter und Pauli, gehörten als Eingeweihte und Freimaurer einer im Jahr 1771 gegründeten „Rittertafel“ an und bildeten die Kerngruppe dieser Gesellschaft. Ihnen war das Wissen vom „Übergang“ vertraut. Allen anderen Mitgliedern der Tafel blieb der Sinn der Schrift verborgen. So auch Goethe, der sich vielleicht diesem Orden zugehörig gefühlt hätte, wäre er denn eingeweiht gewesen und hätte er sich vom Gehalt des Buches überzeugen können. 1772 hatten Goethe und von Goue für ca. sechs Wochen von Ende Mai bis Anfang Juli in Wetzlar zusammengefunden. Acht Jahre später fand Goethe im Januar 1780 Aufnahme in die Weimarer Loge „Amalia“. „Der hoeere Ruf“ ist von einer freimaurerischen Geisteshaltung geprägt, die bereits äußerlich durch die Verwendung eines Zitats des Seneca, Schlüsselfigur stoischer Lebensform in Rom, zum Ausdruck gelangt: Visu carentem, magna pars veri latet – ein gro- ßer Teil der Wahrheit bleibt dem verborgen, der nicht sehen kann. Dies stellt von Goue seinem „Hoeeren Ruf“ voran, und es leitet ebenfalls die 14 Jahre später erschienene Schrift „Über das Ganze der Maurerey […] Zum Ersatz aller bisher von Maurern und Profanen herausgegebenen unnützen Schriften“ ein. Die zweimalige Verwendung des Zitats schlägt den Bogen vom jungen Freigeist zu einem tief in die Freimaurerei eingedrungenen Denker und Schriftsteller. Geistesgeschichtlich hat sie sich im Prozess der Aufklärung in einem vom Staat, Gesellschaft und Kirche abgesteckten Ereignisfeld entfaltet. Ihre organisatorische Basis war die Loge, in der alle Mitglieder durch die verbindliche Einhaltung strikter Verschwiegenheit geschützt waren. Auf der Grundlage humanitärer Ethik strebte sie danach, ihre Mitglieder zu einem Ideal edlen Menschentums hinzuführen. Dies schien nur durch die Loslösung des individuellen Erkenntnisprozesses von Dogmen und Vorurteilen möglich, summarisch von allem, was durch Vernunft nicht begründet XIII werden kann (Dahl, Freimaurerei in der frühen Aufklärungszeit …, S. 16). Vorliegender Textanalyse des „Hoeeren Rufs“ liegt die erste Ausgabe von 1768 bei Georg Ernst Winkler zugrunde, ohne Angabe des Ortes und des Jahres. Sie enthält insgesamt 20 Aphorismen bzw. Abschnitte oder Kapitel, davon 7 mit dem Buchstaben G (für Goue), 13 mit dem Buchstaben H (für Hochstetter) gezeichnet. Die zweite Ausgabe des „gedruckten Büchleins“ von 1769 nimmt Bezug auf die vorausgegangene erste Ausgabe von 1768, indem sie Grundlegendes über Intention und Verfasser zu sagen weiß. Dazu ist sie um zusätzliche 6 Abschnitte mit der Autorenschaft des Georg Friedrich Pauli (P) und um 7 weitere Abschnitte des Siegfried August von Goue erweitert. Es kommt noch ein Abschnitt von Hochstetter (H) hinzu, „nebst einem Parallele genant der feinere Pfif“ von ebenfalls 20 Abschnitten, die in ihrer Reihenfolge wiederum den 20 Abschnitten der ersten Ausgabe von1768 entsprechen. Georg Friedrich Pauli war wie August Siegfried von Goue Legationssekretär, Mecklenburgischer. Er verließ um Ostern 1769 Wetzlar, um Berufsschauspieler zu werden, konvertierte zum Katholizismus und fand eine Anstellung in Lüneburg. Gemeinsam mit Wilhelm Gotter verfasste Joh. Amand. Andr. von Hochstetter zu Beginn des Jahres 1768 einen satirischen Katalog „Liste eine hochlöblichen Knopfmacherzunft lebend in Wetzlar 1767“, in der Damen und Herren der Wetzlarer Gesellschaft in zum Teil bissig-ironischer Form charakterisiert bzw. typisiert werden. August Siegfried von Goue verweist auf „Hoffrath v. Hochstetter, des Verfassers ernsten Freund“, in der Widmung des Dramas „Der Einsiedler“ (in: DUODRAMA, Wetzlar 1770). Dieser war zwischenzeitlich bereits in Stuttgart ansässig, „wo er Hofrat und später geheimer Rat und Kirchenratsdirektor war.“ Siegfried August von Goue wie auch seine Koautoren haben vorliegende Schrift mit freimaurerischem Insiderwissen sicherlich nicht grundlos in einer Kryptosprache verfasst. Geht man davon aus, dass „Der hoeere Ruf“ im geschützten Logenraum von seinen Autoren entworfen und aufgeschrieben wurde, so findet die Verborgenheit der Sprache ihre Rechtfertigung im unbedingt einzuhaltenden Arkanum. Es hat im wohlverstandenen Interesse der Verfasser gelegen, ihr Wissen nicht in eindeutiger Form in die Öffentlichkeit zu tragen. Zudem bedeutet der Prozess des „Aufklarens“ auch einen sukzessiven Prozess vernunftgesteuerten Deutungsgeschehens verborgener Texte. Die Anmerkungen zu den ursprünglichen Textstellen und zu deren Transformation in eine verstehbare Sprache erheben nicht den Anspruch einer kurzgefassten, kompakten Inhaltsangabe. Vielmehr zielen sie darauf ab, die inhaltliche Beziehung zu den unterschiedlichen Philosophemata ihrer Autoren zu erhellen. 1. Zeit und Umstände zur Entstehung des „Hoeeren Rufs“ in seinem Wetzlarer Umfeld; seine Konzeption und Mitverfasser XIV „Der feinere Pfiff“, „Das parallele Kryptogramma“2. Johann Ferdinand Opi(t)z ist der Autor des „Feineren Pfifs“. Zum ersten Mal 1768 im Winkler-Verlag erschienen, ist seine Schrift der 2. Auflage des „Hoeeren Rufs“ beigefügt worden. Ebenfalls wie von Goue weilte Opi(t)z beim Reichskammergericht in Wetzlar und war dort erster kaiserlicher Visitationskommissar und Kanzellist des Fürsten Karl Egon zu Fürstenberg. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird er deshalb von Goue gekannt haben, wenn auch, so bleibt anzunehmen, nur aus der Ferne. Auf jeden Fall ist seine Mitgliedschaft in der Ritterrunde bzw. dem in ihr verschlungenen Orden des Übergangs nicht belegt, legt man die Untersuchung über die Zusammensetzung der Ritterrunde von Heinrich Gloel in „Goethe und seine Rittertafel in Wetzlar“, Goethe-Jahrbuch 32, zugrunde. J. F. Opi(t)z gab von1768 bis 1769 in Wetzlar die Zeitschrift „Der Philosoph ohne Zwang an den Liebhaber der Wahrheit“ unter dem Motto „Ma passion m’a fait la loi“ heraus. Eine Biographie des Fürsten Karl Egon zu Fürstenberg (1788) und eine literarische Chronik von Böhmen (1801) des „Polyhistors“ sollen nicht unerwähnt bleiben. Er verstarb im Jahr 1812. Beiden Schriften ist der Gebrauch des Komparativs – „der hoeere“ bzw. „der feinere“ – in der Titelangabe gemeinsam, ebenfalls die Bezeichnung eines akustischen Signals, dort „Ruf“, hier „Pfif“. Sie markieren den Zeitpunkt einer persönlichen Entwicklung des Menschen, von dem an er die letzte Stufe des „Uibergangs“ ersteigt bzw. die letzte Strecke des „Lichtfadens“ erreicht. „Der hoeere Ruf“ wie auch „Der feinere Pfif“ weisen eine gemeinsame Struktur auf. Sie verstehen die drei Übergangs- bzw. Lichtfadenkapitel als Oberkapitel für jeweils drei ihnen nachgeordnete Abschnitte. XV Titelblatt des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“3. Der hoeere Ruf. / zweite vermerte Auflage. / Visu carentem pars veri latet. / SENECA. / Nebst einem / Parallele, / genant: / der feinere Pfif. / Wetzlar, 1769. / gedrukt bei Georg Ernst Winkler. Textbezug: Holzmann, Bohata T. 3 poz. 12740, Wroclaw (Breslau) BU 372768 Der / feinere Pfif. Icima, sitaenet musir – . Ralzew. Nature and Nature’s Law were hide in the Night; God said: that **be, and all was Light. Visu carentem pars veri latet [„Ein großer Teil der Wahrheit bleibt dem verborgen, der nicht sehen kann“] Icima, sitaenet musir – . Ralzew. [„Könnt ihr euch das Lachen verbeißen, Freunde“?] „Der hoeere Ruf“ wird eingeleitet mit einem Zitat aus der Tragödie des „Ödipus“ des Lucius Annaeus Seneca, 4 bis 65n. Chr., das als Motto den folgenden Abschnitten vorangestellt ist. Der Mythos des Ödipus (vgl. Homer, Ilias) bildet den Hintergrund der sophokleischen Tragödienfassung. Dem Ödipus wurde geweissagt, dass er in seinem späteren Leben zum Mörder seines Vaters und zum Gatten seiner Mutter werden würde. Beides trat ein. Nicht wissend, was er tat, war er allerdings nicht in der Lage, diese, d. h. seine Wahrheit zu erfassen. Erst der blinde Teiresias, Priester und Seher von Theben, offenbart ihm die Wahrheit, für die der sehende Ödipus blind war. So viel zur Vorgeschichte (vgl. Karl Kerenyi, Die Mythologie der Griechen). Das Verständnis von „sehen“ im Zitat meint hier nicht die gegenstandsbezogene Wahrheitssuche mit den Augen, also Erkennen durch Sinneswahrnehmung, sondern zielt auf den Menschen, der die Wahrheit eben nicht mithilfe seiner Sinnesorgane erkennt, weil er blind ist. Sein „Erkenntnisorgan“ ist einzig die Vernunft. Im Kontext der Textstelle heißt dies, dass ein großer Teil der Wahrheit dem verborgen bleibt, der nicht „Der feinere Pfif“ wird auf seinem Deckblatt eingeleitet mit einem rückwärts von rechts nach links zu lesenden Zitat des Quintus Horatius Flaccus aus seiner Ars poetica, Zeile 5: Könnt ihr Euch das Lachen verbeißen, Freunde?, nebst Nennung des Erscheinungsortes Wetzlar, ebenfalls rückwärts zu lesen. Das entscheidende Zitat aus dem Horaz-Gedicht risum teneatis, amici? bezieht sich dort auf die sprachliche Gestaltung, insbesondere auf die Verteidigung von Wortneubildungen. Augenscheinlich bedient sich der Autor des „Feineren Pfifs“ der Autorität des Horaz, seine konstruierte und nur schwer verständliche Sprache vor seinen Lesern im Vorhinein einleitend zu rechtfertigen. Zudem ist im Späteren jeder Abschnitt des „Feineren Pfifs“ mit einem Buchstaben gezeichnet. Es handelt sich hierbei allerdings nicht um das Namenskürzel der Autoren, wie beim „Hoeeren Ruf“ der Fall, sondern die Buchstaben wiederholen in der Reihenfolge von oben nach unten gelesen dieses Zitat: „Lach, wann du es verstest“ (Akronym). Dem Horaz-Zitat folgt ein Couplet des Dichters Alexander Pope (1688–1744) zum Gedenken an Sir Isaac Newton. Um 1 über einen inneren Sehsinn, das ist seine Vernunft, verfügt, d. h. der seinen Verstand nicht richtig zu gebrauchen versteht. In Kapitel 10 des „Hoeeren Rufs“ ist die wahre Erkenntnis im Kontext einer Aufnahme in einer Freimaurerloge so beschrieben, dass sie auf alle sonst gebräuchlichen gegenständlichen Symbolträger der Freimaurerei verzichten muss, will sie zu einer wahren Erkenntnis gelangen. Der Tempel aus ehemals Stein und Mörtel wandelt sich dann zu einem Tempel des Geistes. die fehlenden Textstellen [** = Newton] ergänzt, liest sich das Epitaph übersetzt in seiner unveränderten Fassung: Die Natur und ihre Gesetze lagen in Dunkelheit verborgen. Gott sprach: Es werde Newton! Und es ward Licht. Das genannte Couplet belegt den Ruhm des Naturwissenschaftlers Isaac Newton zur Entstehungszeit des „Feineren Pfif“. Popes Couplet bezeugt nicht nur das Licht der Erkenntnis in der Person Newtons, sondern darüber hinaus die Entdeckung der Natur des Lichts selber. Aus dem fiat lux des biblischen Schöpfungsberichts (1 Moses 1,3) ist dort ein fiat Newton geworden, sodass solche mythische Stilisierung einer Apotheose gleichkommt. An die Seite des christlich-jüdischen Offenbarungsbuchs ist gleichberechtigt das von Gott geschriebene „Buch der Natur“, die Schöpfung selbst, mit vergleichbarem Erkenntnisfundus für die Naturwissenschaft, getreten. 3. Titelblatt des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ 2 Teil I Synopse beider Schriften einschließlich der Ergänzungsabschnitte und ihr Transfer in eine verstehbare Sprache nebst notwendiger Anmerkungen 4. Anmerkungen Zueignung an di Erhabne Mitglider unsrer Geselschaft An die ehrwürdigen Mitglieder unserer Gesellschaft Natur und Naturgesetze lagen verborgen im Dunkeln; Gott sprach: Es werde Newton, und es ward Licht. Nature and Nature’s Law were hide in the Night; God said: that ** be, and all was Light. Anmerkungen [1] Das Grußwort richtet sich an die in Wetzlar von Goue installierte „Rittertafel“, in der wiederum die Mitglieder des „Übergangsordens“ eine eigene Gruppierung bildeten. Nur diese zählten sich zum inneren Kreis der Eingeweihten, während mit den übrigen Mitgliedern der Tafel weiterhin die Uneingeweihten gemeint sind, d. h. Mitglieder der Rittertafel, die allerdings keiner Frei- Di Dunkelheit, der Vorwurf unsrer ersten Auflage, koente durch di gegenwaertige zimlich gehoben sein. Ist aber das Gegenteil, so sind wir zufriden, daß Si, di unsre Sprache versteen, uns nicht dunkel finden. Den wir schreiben nicht fuir di Welt. Wen man sich gewoenete in Hieroglifen zu schreiben, warum sollte man nicht auch in Hieroglifen reden duirfen. Es hat oft Ursachen, warum man nicht Vorliegende Neuauflage könnte der Klage über die Unverständlichkeit der ersten Auflage zu einem großen Teil abhelfen. Sollte dies nicht der Fall sein, so sind wir auch zufrieden, wenn es nur die Eingeweihten [1] verstehen und die Schrift für Uneingeweihte weiterhin ein Rätsel bleibt. Unsere Geheimschrift lässt auf eine Geheimsprache schließen; eine Auslassung hier- Kaum war die recht eigenwillige Ausgabe „Der hoeere Ruf“ im Norden auf dem Büchermarkt erschienen, da gelangte seine Gegenschrift, „Der feinere Pfif“, in entgegengesetzt südlicher Himmelsrichtung an die Öffentlichkeit; dieser in ihrem Aufbau nicht ganz unähnlich. Die parallele Geheimschrift fiel uns in die Hände und wir fügen sie hier, gemäß dem Verlangen unserer Das seltsame Faenomenon aus Norden, der hoeere Ruf, war auf dem papirnen Himmel kaum erschinen, als in dem Suidpole eine fast aenliche Erscheinung, der feinere Pfif genannt, vor sich ging. Das parallele Kriptogramma kam uns in di Haende und dem Verlangen unserer Goenner [1] gemaes fuigen wir es hir an. Villeicht erscheint es einst ebenfals vermert. Damit das Aenliche dieser zwo [1] Also nicht aus freien Stücken, eher dem Wunsch ihres Verlegers Folge leistend. Auch lässt die fehlende Anrede auf eine Verärgerung der philosophisch konkurrierenden Autoren schließen. 3 Anmerkungen Zueignung an di Erhabne Mitglider unsrer Geselschaft An die ehrwürdigen Mitglieder unserer Gesellschaft Natur und Naturgesetze lagen verborgen im Dunkeln; Gott sprach: Es werde Newton, und es ward Licht. Nature and Nature’s Law were hide in the Night; God said: that ** be, and all was Light. Anmerkungen maurerloge angehörten. deutlicher sich erklaeret. Eine weitere Vermerung moechte schwerlich erfolgen. Ire Beurteilung sol es entscheiden, ob wir nun alles gesagt was zu sagen war. Wir wuinschen, daß di Weisheit Ire und unsere Fittigungen hebe, und verharren mit aller Zulenkung Ire treue Mitarbeiter an Tilgung der Fresslinge di Verfasser. über hat seinen bestimmten Grund. Eine weitere Ergänzung dieser Schrift ist nicht vorgesehen. Der Leser möge selbst darüber entscheiden, ob die hinzugefügten Textpassagen zu seinem Verständnis ausreichen. Mit dem Wunsch, dass ihre verborgene Weisheit Sie und uns beflügeln möge, verbleiben wir in aller Zuneigung Ihre beständigen Mitstreiter gegen Vorurteile aller Art. Die Verfasser. Gönner, bei. Vielleicht ist ihr auch einmal eine erweiterte Neuauflage beschieden. Um die strukturelle Ähnlichkeit beider Schriften besser hervorzuheben, haben wir sie, den Titeln der ersten Auflage entsprechend, in anderer Schriftform synoptisch gegenübergestellt. Schriften desto besser in di Augen leuchte, wollen wir di Titeln des hoeeren Rufs nach der ersten Auflage in irer Ordnung hirher sezen und jedem derselben di parallelen Titeln des feineren Pfifs in unterschidnen Lettern anhaengen. Teil I 4 Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht5. „Der hoeere Ruf“ „Der feinere Pfif“ Der Uibergang. Des Uibergangs Uibergang. Des Uibergangs Uibergang zum Uibergang. Der Mensch als Erdenklos. Der Mensch. Di Sichpruifung. Zeichen der Lokung. Di Lokung zur Weisheit. Ruf zur Weisheit. Der hoeere Ruf. Di Weisheit. Di hoe Weisheit. Der Weisheit Buch. Das Messer des Weisen. Di Hoele des Weisen. Di Binde des Weisen. Das Spil des Weisen. Speise des Weisen. Ruistung zur Betrachtung. Tagseufzer des Weisen. Der Lichtfaden. Des Lichtfadens Zerfadung. Des Lichtfadens Zerfadung zu Zerfadungen. Der Mensch als Tirpflanze. Der Mensch. Di Sichpruifung. Schranken der Richtung. Di Richtung zur Harmoni. Pfif zur Harmoni. Der feinere Pfif. Di Harmoni. Di ware Harmoni. Der Harmoni Lerton. Das Pfeifchen des Harmonischen. Di Wonung des Harmonischen. Der Stab des Harmonischen. Di Jagd des Harmonischen. Schlaf des Harmonischen Erhebung zum Gesange. Gebaet des Harmonischen. 5 Anmerkungen 1. Der Uibergang. Der Übergang Der Lichtfaden 1. Der Lichtfaden. Anmerkungen [2] Gemeint ist die Loslösung von der traditionellen Wissenschaft mit ihren Gesetzlichkeiten von Okkultem sowie ihrer syllogistischen Methode. [3] Es handelt sich im erkenntnistheoretischen Sinne um ein Evidenzerlebnis, um einen Augenblick intuitiver Helle, d. h. um eine Initialzündung des Geistes, in dem ein erstes, unbezweifelbares Prinzip erkannt ist, und welches von nun an dem Denken Orientierung zu geben vermag. Hier im Kontext einer freimaurerischen Unterrichtung als „zirkelzündiger Strahl“ beschrieben. Vgl. Kap. 7.9. Wee Dir! wen du keinen Uibergang [2] kennest. Auch der Tor ist zu einem gezwangfessigelt. Di Zuruikpraßlung vom zirkelzuindigen [3] Stral ist ein Ocean nicht durch erdklosstralende Steine auszustamfen. G. Wehe dir, der du dich nicht vom traditionellen Wissenschaftsverständnis lösen kannst. Jeder, auch ein Tor, ist dazu befähigt. Ein unvermittelter Geistesblitz eröffnet dir einen Ozean von Erkenntnismöglichkeiten, losgelöst von allen bisherigen Irrtümern. G. Gut für dich, wenn du noch im Stand der Unwissenheit verharrst. Allerdings vermagst du dir eine Erkenntnistheorie zu eigen zu machen, ohne die du dich im Labyrinth des Lebens nicht zurechtfindest. Über diese Möglichkeit verfügt ein jeder. Erst wenn dir vom blendenden Rand deines engen Blickfeldes ein kurzlebiger Verbrennungsrest, in dem die noch nachbrennende Glut eine ästhetisch schöne Farbskala erzeugt, in das Blickfeld gerät, dann sind alle erkannten Gegenstände aus dem Dunkel des Nichtwissens in das Licht der Erkenntnis gehoben. Hier befindet sich der Quellgrund deines Lebens und zu- Wol dir, wann du noch blind herumkreuchst. Nur Einen Lichtfaden, one disen kanst du im Labirinte nicht wandeln, aber disen hast du mit iedem gemein. Wann dir vom blendenden Rande des engen Horizonts ein seifblasschoener Lokrußling reizend hinabblizt und du hinaufklimmst, [2] dann sind alle dem Nichtsein entrissene Nichtse zentnerschwere Steine in den Bluteuripus des Lebens [3] den Siz deiner Nichtunseligkeit, unaufhaltsam geschleudert. L. [2] Es ist für den Angeredeten nur von Vorteil, über die bisherigen Theorien wissenschaftlicher Erkenntnis noch nichts zu wissen. Erst die sensorische Erkenntnis der Dinge vermag ihn zu jener Wahrheit zu führen, der es von nun an mit der Methode der Empirie weiter zu folgen gilt. Die Relation zwischen Lockrußling und erkennendem Subjekt ist als empirisch wahrnehmbarer Vorgang beschrieben. [3] Dann werden aus den bisher undefinierten „Nichtsen“ definierte Gegenstände der empirischen Wahrnehmung. Euripus bezeichnet eine schmale Meerenge in Griechenland und bedeutet hier so viel wie der le- Teil I 6 Anmerkungen 1. Der Uibergang. Der Übergang Der Lichtfaden 1. Der Lichtfaden. Anmerkungen gleich der Ort, an dem deine Zufriedenheit ihr Zuhause hat. L. bensspendende Blutfluss. 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 7 Anmerkungen 2. Des Uibergangs Uibergang Des Übergangs Übergang Des Lichtfadens Zerfadung 2. Des Lichtfadens Zerfadung Anmerkungen [4] Die Aufforderung „gee uiber“ vermeint hier, die traditionelle Lehrmeinung hinter sich zu lassen und markiert den Übergang zu einer wissenschaftlichen Erneuerung, die methodisch mit dem Evidenten intuitiv anhebt und dann deduktiv zu Komplexerem überzugehen vermag. [5] Nach René Descartes werden motorische Nerven als Rohrleitungen aufgefasst, die über die Zirbeldrüse Animalgeister bis in die Wurzeln senden. Leib und Seele werden dieserart durch ein feines, stoffartiges Fluidum (spiritus animales = weingeistartige, feine Dünste, näherhin physiologische Energien) vermittelt, das die Nervenbah- Gee uiber! Und wohin? zitre Torenmaesiger dich zu entwikeln. Du gest uiber Menschgebildeter. [4] Was hilft es dir, wen du nicht wider deine schlaffe Nerven durch aromatische Befestigungen beschenkelst. [5] Sie den Sturm eingehauchter Strudel. Stuirze dich hinein, damit du ins Ganze gezogen werdest. G. Löse dich vom traditionellen Wissenschaftsverständnis und beginne damit, dir dein Wissen neu zu erarbeiten. Du wirst dabei zusehends der wahren Erkenntnis näher kommen, weil diese dir wesensgemäß ist. Dabei gilt es, mit Abbildern [Codes], durch Animalgeist bewirkt, die noch schlaffen Nervenenden anzuregen. Mache dir die Wirbeltheorie zu eigen und beeile dich, sie zu verstehen, um letztendlich das Ganze allen Naturgeschehens zu erfassen. G. Wie kannst du deine Erkenntnis erweitern? Korrigiere den ehemals falsch eingeschlagenen Denkweg und beginne von Neuem. Du bist dazu imstande, weil du über den Status eines bloßen Erdlings hinaus bist. Wie kannst du denn deinen Lebenssinn bewahren, wenn du nicht des Öfteren deine irrtumsanfälligen Augen nach den Newton’schen Gesetzen ausrichtest? Durch diese vermagst du die Irrtümer der Vergangenheit zu korrigieren, damit du schließlich zur wahren Erkenntnis gelangst. A. Zerfade in den Lichtfaden! Und womit? Eile den fligenden Bolz vor di Scheibe zu erreichen. [4] Du kanst in zerfaden Mererdling! Kanst du nichtunselig bleiben, wenn du deine bloedseenden Augen nicht durch iene neutonischen Pruifungen [5] erheiterst und genug geschickt wirst, dich durch den Wirbel [6]der dich bestuirmenden schwarzen Gewitter zu draengen, um ninicht zu sen was du sen solst. A. [4] Mache dich daran, den von einer Armbrust abgeschossenen Pfeil noch im Fluge zu überholen und ihm ein neues Ziel zu geben. [5] Gemeint sind die Prüfungen auf der Grundlage der erkenntnistheoretischen Prämissen Isaac Newtons: newton(i)sche Prüfungen). [6] „Es sind die Wirbel, die man eine verborgene Qualität nennen könnte, da man ihre Existenz nie nachgewiesen hat. Die Anziehung dagegen ist etwas Wirkliches, weil man ihre Wirkung zeigt und ihre Verhältnismäßigkeiten berechnet. Der Grund für diese Ursache liegt im Scho- ße Gottes. – Procedes huc, et non ibis Teil I 8 Anmerkungen 2. Des Uibergangs Uibergang Des Übergangs Übergang Des Lichtfadens Zerfadung 2. Des Lichtfadens Zerfadung Anmerkungen nen bewegt. Das Bild des freimaurerischen Erkenntnisstrahls (zirkelzuindiger Stral) wird fortgeführt mit dem Verb „beschenkeln“, d. h. die begonnenen Erkenntnisbemühungen fortführen. amplius.“ – Du kommst bis dahin voran und nicht weiter. (Voltaire, Philosophische Briefe, 15. Brief) 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 9 Anmerkungen 3. Des Uibergangs Uibergang zum Uibergang. Des Übergangs Übergang zum Übergang Des Lichtfadens Zerfadung zu Zerfadungen 3. Des Lichtfadens Zerfadung zu Zerfadungen Anmerkungen [6] Das heißt neugierig, mit der Gier nach Neuem, also wissensdurstig. Eben nicht alt-gierig, die Gier nach rückwärts gewendetem Altem, um längst vergangene Weisheiten neu zu aktualisieren. [7] Nach Descartes’scher Theorie ist der Kosmos durch Ätherwirbel entstanden. Aus einer ursprünglich einheitlichen unteilbaren Materie entstanden durch Achsendrehung und Bewegungen drei unterschiedliche Arten von Materie: die Feuermaterie aus feinem Abrieb, die Himmelsmaterie, kugelförmig abgeschliffen, sowie die irdische Materie aus gröberen Teilen. Du kanst ein Adler sein; die stralenhauchende Wolken naeer kennen als alle andre tifer in di Atmosfaere geblasene Klumpen, in deren Bezirk ein raßlender Feuerbal sich waelzend bestaubet. Es bleibt etwas fuir dich aufgestemmet. Wag es enzuindungsvol [6] das Hoeere einzuatmen. Was denkst du von dem Feuerdunst? [7] kanst du ihn gewoenen? dan, dan lachst du des Staubes. Nichts ist fuir dich uibrig, als den du bald wirst kennen lernen, der uibergegangene Uibergang zu des Uibergangs Uibergang. G. Mit scharfem Verstand vermagst du Realistischeres über die Entstehung des Kosmos zu sagen, als was die bisher im Umlauf befindlichen Theorien hergeben. Sie wirbeln nur Staub auf. Für dich gilt: Sei wissensdurstig und wage es, dir die richtige Theorie anzueignen. Kennst du die Wirbeltheorie oder kannst du die Gedanken über sie nachvollziehen? Dann freilich wirst du über die zuvor geschilderten Denkmodelle nur noch lachen. Nunmehr bleibt dir einzig die methodische Suche nach der Wahrheit, die sich zuerst klar und deutlich dem Verstand zeigt und Mit scharfem Blick vermagst du auf der zinnbewehrten Ringmauer des Kirchenstaats ( und nicht in ihm) dich mehr beschäftigen als alle anderen Schüler des Polybios, die nur das nachbeten, was er ihnen verkündet, und bei dem noch der Sagen- und Mythenbestand der Antike zur Theorie seiner Geschichtswissenschaft zählt. Schicke dich nunmehr an, gemäß empirisch-naturwissenschaftlicher Methode das kosmische Geschehen zu ergründen. Was hältst du von dem sinnlich beinahe nicht mehr erfahrbaren Urgrund aller Dinge? Vermagst du es, dich in ein jeder sinnlichen Vorstellung Du kanst ein Argus sein: auf den truigpippingsgebaerenden [7] Zinnen dich mer beschaeftigen als alle andere noch fest an der hundertbruistigen Mutter klebende Poliben, [8] in deren Inneren ein ninichtwacher Orakellaut strudelnd lert. Es bleibt noch etwas fuir dich zu sen und zu hoeren. Erkuine dich ganz Aug und Or das Feinere einzuwesen. Was denkst du von dem fastunmerklichkleinen Alle? kanst du in disem Lilliputpuinktchen dich einschraenken? [9] Dann, dann vergessest du den großen Kreis. Nichts ist sonst dein Tunris, als di du bald wirst kennen lernen, di zerfadete Zerfa- [7] Zusammengesetzt aus: „Trug“, „Pippin“ und „gebären“. Die Rede ist vom Kirchenstaat, der sich zu einem Großteil der „Pippinischen Schenkung“ verdankt, jener zur Zeit vorliegender Abfassung bereits als Fälschung erwiesenen Urkunde, die der Kirche „rechtmäßig“ riesigen Grundbesitz bescheinigte. [8] Schüler des Polybios, eines griechischen Geschichtsschreibers, der zu den bedeutendsten antiken Historikern zählt. [9] In ein nicht mehr steigerungsfähiges Absolutes – die Rede ist von einem kleinsten und unveränderlichen Teil I 10 Anmerkungen 3. Des Uibergangs Uibergang zum Uibergang. Des Übergangs Übergang zum Übergang Des Lichtfadens Zerfadung zu Zerfadungen 3. Des Lichtfadens Zerfadung zu Zerfadungen Anmerkungen durch Deduktion zum Urteil findet. G. Entzogenes minimal hineinzudenken? Wenn ja, dann brauchst du dich mit dem Gro- ßen nicht mehr zu beschäftigen. Nach nichts anderem mehr sollst du streben als nach der rechten Anwendung der empirischen Erkenntnismethode, an die jedes Wissen gebunden bleibt. In ihrem Gefolge kann die Vernunft die Wirklichkeit ordnen und durch Schlussfolgerungen zu richtigen Ergebnissen gelangen. C. dung zu des Lichtfadens Zerfadungen. C. Baustein der Materie, von jenem kleinsten Teilchen (Atom), das nicht mehr geteilt werden kann. Der Veränderung materieller Gegenstände liegt stets die Veränderung der Zusammensetzung ihrer Bausteine zu einer neuen Atomkonstellation zugrunde. Während bei Descartes die Ausdehnung bereits Teilbarkeit einschließt, wird hier die Gegenthese einer Unteilbarkeit bestimmter Entitäten vertreten (Atomismus). 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 11 Anmerkungen 3 a. Von den Wurmbeeten [8] Von den Wurmbeeten [8] Kompostanlage für Regenwürmer; hier ein Bild für Menschen, die noch immer der mittelalterlichen Wissenschaft (Scholastik) verhaftet sind. [9] Leg das Rüstzeug der Vernunft an, denn wer zur wahren Erkenntnis gelangen will, darf sich nicht auf tradiertes bzw. traditionell gültiges Wissen verlassen. Ein weit gestrektes Lager! Fuilest du di Geisel? Winsle nicht nach Huitten. Ein kleiner Kamf, den begruiße den Uiberwinder. Wol dir! Umguirte dich, [9] und durchkreuze das Lager. G. Das traditionelle Wissenschaftsverständnis hat so manchen Vertreter in dieser Welt. Bemerkst du die erwachende Vernunft in dir? Sieh nach vorn und jammere nicht vergangenen Zeiten nach. Ein kurzer Kampf mit dir selber, dann freue dich deiner Entscheidung für das Neue. Gut für dich! Sei bereit und mach dich auf den Weg. G. Teil I 12 Anmerkungen 4. Der Mensch als Erdenklos. Der Mensch als Erdenkloß Der Mensch als Tierpflanze 4. Der Mensch als Tirpflanze. Anmerkungen [10] Übersetzung des lat. „gleba terrae“, d. h. Erdklumpen. Aus Staub der Erde gebildet, gehört der Mensch als Naturwesen mehr der Tierwelt zu. Vgl. 1 Moses 2,7: „Und Gott der Herr machet den Menschen aus dem Erdenkloß“ (Luther-Bibel). Hier so viel wie ein organisierter Fleischklumpen. Siehe auch: Deutsches Wörterbuch von Jakob Grimm und Wilhelm Grimm, CD-ROM. Der Mensch Erdenklos [10] ist ganz untaetig. Keine Feder Kraft di Torheit von sich abzuprellen. Das Gefuil daß er wuirken kan macht in zum Kraftsinnbrauchler. H. Im Status eines Erdenkloßes ist der Mensch gänzlich passiv und träge. Er verfügt über keinerlei Antriebskraft, sich der Unwissenheit zu erwehren. Nur das Gefühl, dennoch etwas bewirken zu können, macht die Aktualisierung dieser Kraft sinnvoll. H. Was tut ein Mensch, dem lediglich Vegetatives und Animalisches zugehört? Weder ein visuelles Zeichen noch ein auditives Zischen bewegt ihn zu sinnlichen Erkenntnissen. Diese stehen ihm noch mit schmerzvollen Erlebnissen und Verwundungen bevor. Sein Vermögen, sehen und hören zu können, lässt ihn zu etwas verlocken, das ihm zum jetzigen Zeitpunkt noch vorausliegt. H. Der Mensch Tirpflanze [10], was thut er? Kein Lokzischen in in den Abgrund zu stuirzen, wo er auf alle Eken sich verwundend immer tifer hinabplazt. Der vergrabene Same daß er see und hoere macht in zum Welokungstier. H. [10] Kontraktion der Begriffe Tier und Pflanze. 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 13 Anmerkungen 5. Der Mensch. Der Mensch Der Mensch 5. Der Mensch. Anmerkungen [11] In der Textvorgabe heißt es „Turns“. [12] Kraft und Ausdauer sind an einer nunmehr noch unvernünftigen Zielvorgabe zu prüfen. Vgl. Anm. 13 des Paralleltextes. Aus dem Kraftsinbrauchlichkeits Gefuil entstet di Wollung. Stee auf einem Bein auf der Spize des Turms [11] und halte den Sturm aus ohne zu fallen. [12]Widerstrebe der Rukhaeklung zum Klos und sei dir selbst dein Morgen und Abendwerk. H. Aus einem Gefühl heraus, diesen Kräften Sinn verleihen zu können, erwächst der Wille. Versuche, mit einem Bein auf einer Turmspitze den Sturm auszuhalten, ohne zu verunglücken. Es gilt, nie wieder in den Stand eines willenlosen Wesens zurückzufallen und jederzeit Herr seiner Taten zu bleiben. H. Der Same, der zur Zeugung bereit und fähig ist, steht am Anfang einer Entwicklung, die mit der ‚Sensation‘ [12], d. h. mit äu- ßeren Sinneswahrnehmungen anhebt. Schau bei Gluthitze vom hei- ßen Sande mit blo- ßen Augen in die hoch stehende Mittagssonne und halte den Blick aus, ohne geblendet zu werden. Beim staunenden Beobachten des nächtlichen Sternen-himmels ist dringend Vorsicht geboten, nicht den Boden unter den Füssen, d. h. den Ausgangspunkt der Erfahrung zu verlieren. Über allem steht die Maxime, stets nur die eigenen Erfahrungen zu machen. W. Aus dem Welokungslibbarkeitssame [11] keimt sogar auch einige Frucht auf. Sie mit dem ungeruisteten Seesinne vom gluienden Sande in deinem Zenit di Sonne an, und laß den Stralpfeil im Auge steken one geblendet zu werden. [13] Vermeide di Hinquatschung in Drek beim Anstaunen des Lichtbesaeten Nachthimmels [14] und sei dir selbst Stok und Laterne. W. [11] Befruchtungskraft des „Wehlockungstiers“. [12] Zwei Quellen hat die Erfahrung: 1. die „sensation“, die äußere Sinneswahrnehmung, und 2. die „reflection“, die innere Selbstwahrnehmung, die sich auf Akte des Denkens, Glaubens, Wollens etc. bezieht. [13] Die Ideen können bei abwesender Vernunft mit anderen Vorstellungen zu wahren Urteilen noch nicht verknüpft werden. Es handelt sich daher um Vorstellungen abseits jeglicher Vernunft. [14] Gefahr des „Hans-guck-in-die- Luft“-Phänomens bzw. einer Art Weltfremdheit. Vgl. die Erzählung von der thrakischen Magd, die sich einst über Teil I 14 Anmerkungen 5. Der Mensch. Der Mensch Der Mensch 5. Der Mensch. Anmerkungen Thales lustig machte, weil er zwar sehe, was am Himmel, nicht aber, was zu seinen Füßen geschehe (Platon, Theaitet, 174 a). 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 15 Anmerkungen 6. Di Sichpruifung. Die Selbstprüfung Die Selbstprüfung 6. Di Sichpruifung. Anmerkungen [13] Auf traditionelle Gewissheiten ist kein Verlass mehr. [14] Logische und mathematische Sätze zählen zu den Ideen, mit denen man bereits auf die Welt kommt (ideae innatae). Sie sind der apriorische Beginn ewiger Vernunftwahrheiten, die in einer logischen Grundalternative des Urteils „es ist“ oder „es ist nicht“ zum Ausdruck gelangen. [15] Ein Viereck ist das freimaurerische Symbol für die Loge, das sicherlich nur Eingeweihten, d. h. Brüdern und somit Freimaurern, bekannt ist. Mist auf allen Seiten. Ein Atmosfaerenglaenzer vom Drekklumpen in Pful gestuirzt. [13] Ein gefaerlicher Streit zwischen zwei mal zwei ist vir und zweimal zwei ist fuinf. Wahrheit bricht durch. Ein Virek hat vir gleiche Seiten und vir gleiche Winkel. [14] Alle wissen es. Wenige wissen es. [15] Der Gewisheit Warnemlinger emfindet di Zeichen der Lokung. H. Überall nur dummes Zeug. Eine hehre Himmelswahrheit hat sich als Täuschung erwiesen. Der waghalsige Streit zwischen dem Produkt aus 2 mal 2 gleich vier und 2 mal 2 gleich fünf tritt zutage. Doch Wahrheit setzt sich durch. Ein Viereck hat vier gleiche Seiten und vier gleiche Winkel. Jedermann verfügt intuitiv über diese Kenntnis, wenige nur wissen um seine symbolische Bedeutung. Ausgestattet mit einer solchen Gewissheit erwächst im Menschen das Streben nach mehr. H. Mehr Schein als Sein, überall. Wahrheitsapostel, die ohne eigentliche Wahrheitsgrundlage beanspruchen, sich zu Wahrheitshöhen aufschwingen zu können. Da gibt es die Vertreter traditioneller Lehrmeinungen, die der Beliebigkeit unterschiedlichster Interpretationen von Sachgehalten anheimfallen. Was wahr ist, ist das Bewusstsein seiner selbst und die zeitlose Gültigkeit mathematischer Gesetze. Zuweilen ist derjenige, der sieht, blind, und derjenige der nicht sieht, erkennt die Wahrheit. Nur wer allem auf den Grund geht, weiß, wo es langgeht. A. Blendwerke in allen Zirkeln. Cherubsaffen [15] mit papirnen Kondorsschwingen uiberm Abgrunde. Ein alter feuerspruiender Goeze, den der Weisse weiß der Schwarze schwarz färbt. Gar nichts, ich bin. [16] Einmal eins ist eins, einmal eins war eins, und einmal eins bleibt eins. [16a] Der Seer ist blind. Der Blinde sit. [17] Des Seins Nachspuirer sit di Schranken der Richtung. A. [15] Cherubaffen sind das Gegenteil von Cherubim, die in unmittelbarer Gegenwart Gottes weilen. Erstere zeigen die Gegenwart Satans, des Affen Gottes, an. Ihnen fehlt es hier an ausreichendem Denkvermögen. [16] Das Wissen um die eigene Existenz bedeutet intuitives Wissen. [16a] Intuitive Erkenntnis. Der Geist nimmt die Übereinstimmung bzw. Nichtübereinstimmung zweier Ideen unmittelbar durch sich selbst wahr. [17] Wie der sehende Ödipus blind für die Wahrheit ist, die der blinde Teiresias sieht und offenbart. Vgl. Sophokles: König Ödipus, 1. Hauptszene. Teil I 16 Anmerkungen 7. Zeichen der Lokung. Aufkommendes Streben nach mehr Leitplanken auf dem Weg der Erkenntnis 7. Schranken der Richtung. Anmerkungen [16] … der in Saus und Braus lebt. [17] Alles Kot bzw. Gift und Galle. Leite deinen Gaengelwagen auf di Glanzhoeen du Pruifling. Zuigelire unerschroken am Rand unabseliger Vorurteils Tifen. Wuirme in verschiedenen Kopf und Leibesdeken speien dir nach. Du bist schon zu hoch. Ir Speichel faelt auf ire Nase. Der Schoenweltbrausling [16] entdekt in sich beschaemt sein Kotalles [17] und zittert um seinen Seifenblasenglanz. Noch strebst du Pruifling nach einem ungeseenen Kleinod; Versuche noch einige Fittigungen. H. Prüfling, führe deine noch unsicher agierende Vernunft auf ein sicheres Erkenntnisfundament. Gehe unerschrocken gegen ungeprüfte Wahrheiten vor, denn nur tradierte Gewissheiten bieten keine Sicherheit. Dabei behindern dich deine Mitmenschen, weil sie lediglich über Wahrscheinlichkeiten bzw. über täuschende Wahrnehmungsurteile der Sinne verfügen. Doch bist du schon weiter als sie, du hast sie hinter dir gelassen, sodass ihre Vorurteile nur noch auf sie selbst zurückfallen. Derjenige, der sich gänzlich in einer Welt bloßer Wahrscheinlichkeiten eingerichtet hat, erfährt nunmehr be- Sei ganz du selbst, Künftiger. Losgelöst von aller Sinneswahrnehmung bist du dir selbst genug. Da sei dir sicher. Tausende und Abertausende Schreiberlinge stellen sich mit der ganzen Autorität ihrer Denkschulen gegen dich. Doch lache darüber. Sie werden noch eher als du in der Erde liegen. Die akademische Lehre samt ihrem universitären Lehrkörper vereinigt die unterschiedlichsten Wissenschaften zu einem unakzeptablen Einheitsbrei. Sie geht recht freizügig damit um, wenn sie noch gänzlich Unkundige mit diesem Brei überschüttet. Noch sehnst du dich danach, Künftiger, Stelle dich einsam da wo du bist Kuinftiger. Sei taub und blind, du sist und hoerst schon genug, sei sicher. Tausend und wider tausend dintensprizende Schreibkile [18] zilen aus den Winkeln der Schulen nach dir. Lache. Si werden noch ee schwarz und schmuzig als du. [19] Der Lerstulfuiller samt seinen fittigaenlichen Plapperern sammelt bei Oel und Wasser nur Schleim in sein Schnekenhaus und gibt in wider ungeizig von sich, indem er geifernd auf schrofichten Erdklumpen herumkreucht. Noch senst du dich Kuinftiger nach einem unbekannten Alle [20]; harre in die- [18] „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, wenn ich meinen Plutarch lese von großen Menschen (…). Pfui, Pfui über das schlappe Kastratenjahrhundert“, so 1781 Friedrich Schiller, in: Die Räuber, Sämtliche Werke, I,2, S. 502 ff. [19] Sie werden eher ins Gras bei- ßen als du. [20] Vgl. auch Kap. 3: „fastunmerklichkleinen Alle“. Die Rede ist von jenem kleinsten Baustein der Materie, der allem zugrunde liegt und es in seiner Ordnung behält. J. W. Goethe beschreibt dies zutreffend ca. 40 Jahre nach Erscheinen vorliegender Schrift in seinem Faust I, 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 17 Anmerkungen 7. Zeichen der Lokung. Aufkommendes Streben nach mehr Leitplanken auf dem Weg der Erkenntnis 7. Schranken der Richtung. Anmerkungen schämt bei sich, was seinen Erkenntnisstand inhaltlich ausmacht: nur Mist! Er muss befürchten, dass dieser Popanz wie eine Seifenblase zerplatzen wird. Noch strebst du, Prüfling, nach einem geistigen Kleinod. Strenge dich weiterhin an. H. das dir jetzt noch unbekannte Ganze zu entdecken. Verweile bei diesem Gedanken noch eine kurze Dauer. N. ser Richtung blos noch einige Blike. N. 382 f.: „Daß ich erkenne, was die Welt / Im Innersten zusammenhält.“ Teil I 18 Anmerkungen 8. Di Lokung zur Weisheit. Das Streben nach Weisheit Der Weg zur Harmonie 8. Di Richtung zur Harmoni. Anmerkungen [18] Ein Spiegel, der optisch kein Bild wiedergibt. Hier dient er als Sinnbild für die Vernunft des Angesprochenen. Im freimaurerischen Sinne des „Erkenne dich selbst“ zeigt er nicht so sehr das optische Bild, sondern will symbolisch das im Innern Verborgene aktuell einsichtig machen. [19] Beachte die freimaurerische Dreizahl. Schaeme dich nicht der stummen Lere des Wargestaltrukprallingers. [18] Du erblikst hinter deiner scheuslichen Gestalt di zerstreute Teile eines bessern Embrio. Bei jeder Fuirbaslichkeit naeren si sich der Zusammensezung. Verdreifache [19] deinen Lauf und hoere den Ruf zur Weisheit. H. Stehe dazu, wenn dein Verstand nur bei sich ist. Unabhängig von aller Sinneserfahrung sind dir die Module zu einer weiterführenden Erkenntnis bekannt. Jeder weitere Denkschritt führt sie in die Einheit eines sicheren Urteils. Beeile dich und höre den Ruf zur Weisheit. H. Bekenne dich zu der Tätigkeit deiner Vernunft, die nunmehr bei sich ist. Die Fähigkeit des Geistes, durch Vergleichen, Trennen und Verbinden komplexe Ideen erzeugen zu können, offenbart dir etwas, das du nie allein mit den Sinnen wahr-nehmen konntest. So ist eins alles und alles ist eins. Verliere dich nicht an tausenderlei Sekundärem, d. h. abstrahiere alles sinnlich Vorgestellte. Danach vernimm den Pfiff zur Harmonie. N. Schaeme dich nicht der stummen Lere des Widerhallstimmlosigkeitstandes. [21] Dein dreiseitiggeschliffen [22] Pruifungswerkzeug entdekt dir was du ni hoeren kontest. Eins ist alles und alles ist eins. Wirf dis und iens ein nach dem andern von dir ab und sobald du ganz entbloeset bist hoere den Pfif zur Harmoni. N. [21] Ein Echo, das akustisch keinen Ton wiedergibt. Hier dem Spiegel direkt gegenübergestellt. [22] Siehe Kap. 9: das Vermögen des Verstandes, kraft Reflexion mit einem „dreiseitiggeschliffen Pruifungswerkzeug“ (Intuition, Demonstration, Sensation) komplexe Ideen zu erzeugen. 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 19 Anmerkungen 9. Ruf zur Weisheit. Ruf zur Weisheit Pfiff zur Harmonie 9. Pfif zur Harmoni. Anmerkungen [20] Sarg, Schädel und Knochen zählen zum rituellen Inventar bei einer freimaurerischen Tempelarbeit und sind Zeichen der Vergänglichkeit. [21] Gemeint ist das Erlebnis einer zweiten Geburt, d. h. der Beginn eines neuen Lebens, das den Eintritt in eine Freimaurerloge beschreibt. Von daher kann man mit dem Neophyten (Neuaufgenommenen) „rätselgleich“ sprechen. Gruise den Uibergang. Gemeinschaftlichere dich mit Sarg, Schedeln und Knochen. [20] Leben kommt aus Tod. [21] Verstee mich wol. Man darf dir nun etwas raetselgleich sprechen. Hebe den Dekel des Sarges auf und hoere den hoeeren Ruf. H. Heiße Deinen neuen Erkenntnisstand willkommen. Sei vereint mit Sarg, Schädeln und Knochen. Das Leben entsteht aus dem Tod. Verstehe mich. Von nun an kann man mit dir in Rätselbildern sprechen. Hebe den Sargdeckel auf und wisse um deine Vernunft. H. Fühle dich wohl bei jedem Erkenntniszugewinn. Denke an die verschiedenen Grade der Klarheit, nach denen sich die verschiedenen Grade des Wissens unterscheiden. Jede Erkenntnis ist aktuelle Lebensgegenwart. Verstehe mich, wenn ich dir nun erkläre, wie der Weg zur wahren Erkenntnis verläuft. Lass dich nicht mitreißen vom Fluss der Meinungen, schau über ihn hinweg und höre auf die Stimme deiner Vernunft. D. Libe di zerfadung. Denk an Frucht [23], Trank [24] und Werkstatt. [25] Man lebt da man lebt. Verstee mich wol. Man darf dir nun etwas orakelmaessiger [26] ins Or raunen. Warum schaust du uiber den reissenden Strom hin? Hoere den feineren Pfif. D. [23] Intuition. [24] Demonstration. [25] Sensation. [26] Im Gegensatz zu „raetselgleich sprechen“ mit dem Neophyten der Freimaurerei. Teil I 20 Anmerkungen 10. Der hoeere Ruf. Freimaurerische Initiation Der feinere Pfiff 10. Der feinere Pfif. Anmerkungen [22] Neun ist die Potenz der Drei, der heiligen Zahl; freimaurerisches Symbol geistiger Wiedergeburt und Inbegriff höchster Vollkommenheit. [23] Diadem und Ordensband gehören zur rituellen Bekleidung des Freimaurers in geöffneter Loge. Doch ist dieses Symbolzeichen von nun an überflüssig, da sein Bedeutungsgehalt zum verinnerlichten Wissensbestand zählt. [24] Der „flammende Stern“ - um sich rotierend als Pentagramm oder Hexagramm ausgebildet – ist der Freimaurerei Symbol des Transzendenten. Zwoelf Tausend Neun Hundert und Neunzig Neun [22] Teile laß im hoelzernen Kasten. Steige auf inen herum und laechle dem zuruikgelassenen Unflat. Fuige im das Diadem und Ordensband [23] bei, und betuinche di verweste Scheuslichkeit mit einem Stern. [24] Der Pöbel bewundert in, augzwizert fuir seinen Glanz und haelt di Nase zu. H. Lasse die 12.999 Teile im hölzernen Sargkasten liegen. Steige auf ihnen herum und lächele über den Plunder, der vom alten Menschen übrig geblieben ist. Füge dem Rest das Diadem und das Ordensband zu und bemale die verweste Scheußlichkeit mit einem Stern. Das gemeine Volk bewundert diesen ob seines äußeren Glanzes, zwinkert anerkennend mit den Augen und hält sich die Nase zu. H. Erkenntnisse qua Intuition sind unmittelbar wahr, sie bedürfen keines eigenen Beweises. Wenn du dich nicht unbedingt beeilen musst, dann lass dir Zeit. Und wenn du dich über etwas freuen kannst, dann weine nicht. Belasse dem Hochweisen seine Kleidungsstücke, die seinen akademischen Stand auszeichnen, seine Meinung, auch seine Bibel und das Buch der Natur. Sage ihm Lebewohl, denn sein Selbstverständnis ist sein Missverständnis. Ich bin ich und was kümmert mich der Wissensbetrieb heutiger Tage? U. Zwei ist mer als eins, und drei ist mer als zwei: zwei ist mer als eins und eins. [27] Wann du nicht lauffen must, ge: wein nicht, wan du lachen kanst. Laß dem Hochweisen seinen Mantel, seine Kappe, seinen Stok, sein großes und sein kleines Buch. [28] Neige dich vor im, weil er es fordert. Mein! Was ist Poebel? U. [27] Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. [28] Die Rede ist wohl von dem „Buch der Natur“ und der Heiligen Schrift. Anstelle eines geschlossenen Wissenssystems in Naturwissenschaft und Theologie qua Scholastik eröffnet sich von nun an frei von allen geheiligten Autoritäten ein beinahe grenzenloser Erkenntnisozean für Forschung und Wissenschaft. 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 21 Anmerkungen 11. Di Weisheit. Die Weisheit Die Harmonie 11. Di Harmoni. Anmerkungen [25] Die Zahl Zwölf schließt den Zyklus der Zahlenreihe ab, auf der vornehmlich die philosophischen Spekulationen beruhen. Die Zahl Dreizehn bleibt ausgeschlossen, von daher stammt die negative Bedeutung, die man dieser Zahl als Schicksalszahl allgemein beimisst. [26] Die hier und im Folgenden angeführte Klimax macht die stufenartige Steigerung von der eingeschränkten zur wahren Erkenntnis deutlich. Die Begriffsleiter beginnt mit dem Prüfling bzw. Gelockten und führt über den Berufenen und Hochberufenen hin zum Weisen, bis schließlich der Grad der „hohen Weisheit“ erreicht ist Durch und durch seen si dich di Lerer der hoen Weisheit, dein geringster Gedanke ist inen ein dreizen [25] Millionen mal vergroeserter Erdbal. Dein geringster Gedanke in der neuen Gestalt ist dem Pruifling [26] und dem Gelokten ein Machtspruch, dem Berufenen ein Raetsel, dem Hochberufenen ein knopfigter Leitfaden und dem Weisen ein Gemeinstab. Wan du wilst so alleinigest du dir den Gebrauch dises Stabs. Reiche dein Or zur hoeern Weisheit. Du bist durchsichtig und hel wi Glas, aber noch nicht gleich geglanziget. Der hoen Weisheit Leren sind schnel wi di Scheibe des Diamant-Schleifers. Schmige Glid fuir Die sogenannten Lehrer der hohen Weisheit geben sich alle erdenklichen Mühen, dich zu verstehen. Für sie weitet sich ein relativ harmloser Gedanke zu einem riesigen Problem aus. In seiner neuen Form verleiht dein geringster Gedanke dem Prüfling und Gelockten den Anspruch, sich weiterzuentwickeln. Dem Berufenen bleibt er noch ein Rätsel, dem Hochberufenen ein noch nicht vollständiges Regelwerk und dem Weisen ein allgemeines Gesetz. Wenn du es willst, so mache dir nur für dich den Gebrauch dieses Gesetzes zu eigen. Allgemein sieht man dich als einen Weisen an, jedoch ist deine Weisheit noch nicht voll- Nur du selbst siehst dich und weißt um dich; der Gegensatz von Ja und Nein ist ein sich ausschließender. Du bist ein „Künftiger“, wenn dir die Möglichkeit wahrer Erkenntnis eröffnet bleibt. Als ein „Baldiger“ weißt du, dass alle Wahrheit von der Erkenntnis der Sinne anhebt, und als „Harmonischer“ verfügst du endlich über die richtige Erkenntnismethode. Durch sie vermagst du nunmehr Wahres zu erkennen. Folge stets deinem Strebevermögen nach richtiger und wahrer Erkenntnis. Allerdings fällst du einem Irrtum anheim, wenn du meinst, auf die sinnliche Wahrnehmung verzichten zu können. Die Gesetze der Erkenntnis- Dich sit nimand als du und der, der ist. [29] Was fuir ein Vergleich zwischen Ja und Nein? [30] Bist du noch ein Kuinftiger in der Richtung dann ist dein Gedanke ein Same, bist du ein Baldiger herbeigepfiffen dann ist er eine bluiende Pflanze, bist du schon ein Wirklicher ein Harmonischer [31] dann ist er dir auch eine Frucht di alles hat. Diser Frucht Genuß ist dem Harmonischen ein Eigenthum. Luistert es dir darnach, o! So laß geschen und tu. Du gebaerdest dich taub und blind, aber du bist es noch nicht, deswegen sist und hoerst du auch noch nicht. Der waren Harmoni Geseze sind Spinngewebneze. Bepanzere [29] Innere Selbstwahrnehmung schließt im Locke’schen Sinne auf die Idee der Realexistenz. [30] Der Geist nimmt die Inkompatibilität zweier entgegengesetzter Ideen wahr. [31] Die steigende Aussageintensität (Klimax) des jeweiligen Kenntnisstandes eines Künftigen, Baldigen und Harmonischen betont den Entwicklungsgedanken zur richtigen Erkenntnis bis zur wahren Harmonie. Sie bewirkt stilistisch zugleich eine Verstärkung ihres Aussagegehalts. [32] Μῶμος, lat. „Momus“, Gott der Spott- und Tadelsucht bei den Griechen und Römern, Personifikation der Nörgelei. Teil I 22 Anmerkungen 11. Di Weisheit. Die Weisheit Die Harmonie 11. Di Harmoni. Anmerkungen Glid an iren Rand. Vermeide durch llzuhartdruklichkeit di Zersplitterung. H. kommen. Die hohe Kunst der Weisheit nimmt mit zunehmender Lerngeschwindigkeit zu. Intensiviere diese, aber übernimm dich nicht dabei, ansonsten erreichst du das Gegenteil. H. logik müssen zu einer Ganzheit zusammengefügt werden. Die Logik sei dir von nun an ein unverzichtbarer Begleiter. Lass dich nicht ins Bockhorn jagen von der Arroganz der Mitmenschen nach dem Vorbild des Momus. Deine Gegenwart ist bereits vorweggenommene Zukunft. E dich mit selben ninicht und ganz. Fuircht nicht Momushoenereien [32] noch Zerrei- ßung. Was du sein wirst bleibst du. E. 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 23 Anmerkungen 12. Di hoe Weisheit. Die Hohe Weisheit Die wahre Harmonie 12. Di ware Harmoni. Anmerkungen [27] Wohl eine Rakete des Geistes. H. Heine rühmt 1833 die intellektuelle Brillanz der Madame de Staël als ein Feuerwerk ihrer „Geistesraketen“ und brillanten Tollheiten. Vgl. ders., Die romantische Schule, Erstes Buch. See den hochgeradlinirenden brausenden Kunstfeuerschwanz [27] die Luft teilen. Folge im nach. Du hoerst nur sein Geraeusch. Fuir dich keine andere Fuilung als der rukfallende Steken. Aber du kanst dein Haupt enzien. Glanz! Glanz! Glanz! H. Erlebe jenen Geistesblitz, der dich direkt durch die Sphäre bloßer Wahrscheinlichkeiten zu ungeahnten Höhen führt. Verfolge ihn weiterhin und bleibe gänzlich auf ihn fixiert. Unabhängig von der Außenwelt zählt nur noch deine Vernunft. Deine größte Sorge bestehe für dich darin, wieder in alte Denkgewohnheiten zurückzufallen. Aber du vermagst dich ja weiterhin zu konzentrieren. Glanz! Glanz! Glanz! H. Ab jetzt hebt jede Erkenntnis bei der empirischen Wahrnehmung an und ist in ihren methodischen Möglichkeiten vielfältiger Ideenverknüpfung stets aktuell. Zweifle nicht an deiner Erkenntnis, die nichts anderes ist als die Wahrnehmung der Übereinstimmung oder des Widerstreits von Ideen. Davon sei überzeugt. Nichts, aber auch gar nichts kann dich in alte Irrtümer zurückfallen lassen. S. See den stralenden Faden in tausendmaltausend zerfadete Faden zerfadet. Laß dich leiten und folg Ariadnen. [33] Keine Verwirrung, du hoerst wi si verschidentlich gespannt sind. Für dich kein ander Licht [34] und keine andere Stimme. Was kann dich verfuiren? Nichts! Nichts! Nichts! S. [33] Mithilfe des Fadens der Ariadne, Tochter des Minos, König von Kreta, und seiner Frau Pasiphae, fand Theseus den Weg durch das Labyrinth. Der Ariadnefaden steht für ein Hilfsmittel, um sich in schwierigen Situationen zurechtzufinden. [34] Das heißt, die Lehre von der Teilhabe des Menschen an der göttlichen Vernunft in Form eingeborener Ideen („ideae innatae“ / „lumen naturale“ bei Descartes) wird hier verworfen. Teil I 24 Anmerkungen 12 a. Das Amt eines Tilgmans. Die Zuchtmeisterin Vernunft [28] Gemeint ist wohl der Verstand im Sinne der obersten Prinzipien des Bewusstseins gegen- über dem Verstand als der diskursiven, logisch schlussfolgernden, also rationalen Instanz. Eine endgültige Sprachregelung zwischen beiden war in vorkantischer Zeit noch nicht gefunden; häufig werden beide Begriffe auch synonym verwendet. [29] So viel wie das Umfeld. [30] Eine Welt von Vorurteilen hat der Angesprochene mehr oder weniger von seiner Umgebung übernommen, die er ohne Gedanken an eine Analyse oder Überprüfung benutzt. Durch eine solche Voreingenommenheit entgeht es ihm, ob die Si ligen beisammen, Geisel, Messer und Binde. Entflie dem ersten Hib, du Erdenklos! einer zerquetschet di blutrauchende Wurmfaeserung, und zeen di Luft. [29] Nichts hindert di Zerstoerung der Huitte, [30] worauf er sich stuirzet. Wirf dich in di Hoele des Weisen, und wimre nach der Weisheit Gestaltigung. P. Verstand, Vernunft [28] und ihr Gegenteil, die Unvernunft, liegen dicht beisammen. Als Zuchtmeisterin genügt ihr nur ein Hieb, d. h. eine Initialzündung des Geistes, deine Existenz als Erdenkloß zu vernichten. Weder dein Umfeld bleibt davon ausgeschlossen noch deine Welt von Vorurteilen, die bisher dein Lebensrahmen gebildet haben. Begib dich in die Nähe des Weisen und bitte um Unterstützung auf dem Weg zur Weisheit. P. 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 25 Anmerkungen 12 a. Das Amt eines Tilgmans. Die Zuchtmeisterin Vernunft imaginäre Brille, durch die er die Wirklichkeit bestimmt, über Realität informiert oder sie in Wahrheit verbirgt. Teil I 26 Anmerkungen 13. Der Weisheit Buch. Das Buch der Weisheit Der Leerton der Harmonie 13. Der Harmoni Lerton. Anmerkungen [31] Etwa in dem Sinne: „Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens“ (Friedrich Schiller, Die Jungfrau von Orleans). Es ist entschiden, daß unter den Vielmaesigen das Hervorsteende gegriffen wird. Si wol daß du nicht irrwaelest. Es gibt Heken wo das Messer der Weisen eine stumpf gekeilte Schere wird. G. In gewohnter Weise entscheidet man sich für das, was aus dem Mittelmaß hervorragt. Achte aber darauf, dass du dich bei deiner Wahl nicht vertust. Gegen die Mehrheitsmeinung vermag die beste Vernunft sich nicht durchzusetzen. [31] G. Wer vermag allgemeingültige Regeln für eine richtige Erkenntnis aufzustellen? Auf Autoritäten oder Meinungen anderer zu bauen ist so abwegig und gefährlich, wie an steilen Abhängen auszuruhen. Die rechte Erkenntnisquelle ist die Sinneswahrnehmung und die Selbstbeobachtung des Geistes. [36] V. Wer hat entschieden, was allen gilt? Fremden trauen ist im Randschoße [35] grundloser Kluiften schlaffen. Es gibt spiziglange Oren in deren Krummgängen das helle Pfeifchen des Harmonischen lautlos toent. V. [35] Die Textvorlage schreibt: „Ranstschoße“. [36] Also äußere Erfahrung (Sensation) und innere Erfahrung (Reflexion). 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 27 Anmerkungen 14. Das Messer des Weisen. Das Messer des Weisen Das Pfeifchen des Harmonischen 14. Das Pfeifchen des Harmonischen. Anmerkungen [32] Unzulänglichkeiten der Vernunft („kleinste Modelvertifung“ im „Knochenwerk“) können durch die tätige Vernunft (Messer) verbessert bzw. abgestellt werden. Eklatant Falsches hingegen muss getilgt werden, um von Neuem mit dem Vernunftdiskurs beginnen zu können. Ja, ia, nur immer tifer. Ser wol im, des Bein widerstet, noch besser im, des Knochenwerk markartig di kleinste Modelvertifung [32] ausfuilt. Trenne den hinderlichen Splitter mit dem Messer. Lere dem Hochberufenen den Wert des Hefts. H. Nur immer tiefer! Gut für den, der um einen Widerspruch nicht verlegen ist, allerdings noch besser, wenn er auch noch den kleinsten Irrtum zu korrigieren vermag. Wesentlich Falsches allerdings muss gänzlich widerlegt und abgestellt werden. Mache den Hochberufenen mit deiner Vernunftmethode bekannt. H. Ja, nur immer gründlicher! Gut, den rechten Gebrauch sinnlicher Wahrnehmung für sich entdeckt zu haben. Noch besser geht es dem, dessen Geist, an die sinnliche Wahrnehmung gebunden, im Erkenntnisvollzug die feinsten Nuancen wahrnimmt. Mache Falschem mithilfe deiner Vernunft den Garaus und übe dich als „Herbeigepfiffener“ weiterhin im rechten Erkenntnisgebrauch. E. Ja, ia, nur immer feiner. Ser wol im des Hoerkraft di Heilquelle entdekt, noch besser im des Geistgefuil erdmenschartig di feinsten Lichtfadenfaeserchen vernimmt. Verscheuch mal das verwirrende Misgeraeusche mit dem Tone des Pfeifchens. Mache dich als Herbeigepfiffener [37] im aechten Ansaze ans Loechchen maechtig geschikt. E. [37] Der „Herbeigepfiffene“ entspricht dem Hochberufenen im Paralleltext und markiert hier den Übergang von der zweiten zur dritten Lichtfadenstrecke. Teil I 28 Anmerkungen 15. Die Hoele des Weisen. Die Höhle des Weisen Die Wohnung des Harmonischen 15. Di Wonung des Harmonischen. Anmerkungen [33] Kleidung und Höhlenwände haben – dem Fell des Leoparden gleich – eine fleckige Färbung angenommen. Die Bilder stehen für eine fehlgeleitete Vernunft. [34] Von lat. „elysium“, fiktiver Ort der menschlichen Sehnsucht (Paradies) , der aber endgültig auf Erden niemals gefunden werden kann. Du denkst dir einen Menschenhasser in rauchgewachsener Kleidung. Was wilst du mit deiner Leoparden-gruft? [33] Du irrest. Kanst du es fassen, so kenne den Unterschid des Schimmers und der Nacht, aber nur di sanfte Naechte sind gruinrauschende Elisaeiden. [34] G. Versetze dich in die Lage eines Menschen, der ausschließlich von Vorurteilen lebt. Was willst du mit einer solch fehlgeleiteten Vernunft? Dies ist nichts für dich. Wenn du es vermagst, so lerne den Unterschied von Halbwissen und Dummheit kennen. Nur durch eine richtige Methode ist es möglich, wahres Wissen zu erwerben. G. Unter Aufbietung aller Kräfte bemühst du dich, in deiner Phantasie ein Trugbild zu bewegen. Was bezweckst du mit einem solchen Phantom? Fehlende Sinneserfahrung verhindert eine ad- äquate Erkenntnis. Bedenke die Schritte der Vernunft, von der Anschauung bis hin zum Urteil. Flüchtige Wahrnehmungsurteile sind nicht für die Ewigkeit geschaffen. R. Du plakst dich schwizend in deinen Fantasmenhallen ein chimaerisch Tirengelsteinbild [38] aufzustellen. Was wilst du mit disem Kolosse? Du stest zu nidrig in ganz zu sen, in disem Hause kan man nicht so sein. Betrachte deine Wonung und denk an di Stufen der Entnichtseten vom Einten bis wohin? Efemerische Pigmaeenwuirmchenbruten [39] sen nicht hin zum Millionten. R. [38] Phantom, das Tierisches und Engelhaftes in sich vereint. Die Kontraktion der Begriffe Tier und Engel bezeichnet hier die Gleichzeitigkeit zweier Wesenseigenschaften sowie eine Geistsphäre ohne vorausgegangene Sinneswahrnehmung. [39] Fehlende Vernunfttätigkeit eintägiger Zwerggeburten. 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 29 Anmerkungen 16. Di Binde des Weisen. Die Binde des Weisen Der Stab des Harmonischen 16. Der Stab des Harmonischen. Anmerkungen [35] Die Binde verwehrt den Zugang zum Licht, d. h. zur Erkenntnisquelle. Mit angelegter Augenbinde betritt der Neophyt bei seiner Aufnahmefeier in den Bund der Freimaurer den Tempel. Danach erst zeigt man ihm das Licht. [36] Bilder am südlichen Sternenhimmel. Du weist nicht warum si faal ist dise Binde, du Erdling! [35] Auch der Begriff von Bindwerk ist fuir dich ein tausend-iaeriges Gedanken Geschaeft. Befestige einen Faden vom Serpentarius bis zum Orion [36] und treibe ungeseenes Gaukelspil darauf. Er wird brechen und dir bleibt Stof zum Geweb. H. Es gehört zur irrigen Erkenntnis eines Erdlings, nicht um ihren Mangel zu wissen. Auch setzt die Vorstellung einer stringenten Methode bzw. eines Erkenntnissystems noch viel Denkarbeit voraus. Ein gesponnener Phantasiefaden dient eben nur phantasiereicher Spekulation und zu nichts mehr. Der Faden wird reißen, und von da an ist dir Gelegenheit gegeben, dein Denken nach der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs anzugehen. H. Als ein Mehrerdling kennst du nicht die Ursache, weshalb dein Wissensbestand auf unsicheren Füssen steht. Das Aufzählen der verschiedenen Erkenntnismöglichkeiten kommt dir noch wie das Herunterleiern alphabetisch geordneter Begriffe eines Nachschlagewerkes vor. Füge jene in einen rationalen Gesamtzusammenhang oder in eine logische Reihenfolge, deren Ausgangspunkt die Sensation und Reflexion, d. h. die äußere Sinneswahrnehmung und die innere Selbstwahrnehmung sind. Gedankenblitze machen dabei die fehlerhaft sinnliche Wahrnehmung obsolet. Verfahre so, dann wirst du eige- Du weist nicht warum er so gelenk ist diser Stab du Mererdling! Auch di Benennungen des verschiedenen Stabgebrauchs [40] sind dir zenzenmalzen rensische [41] Buchstabenlisten. Bilde in dir zu einer Rute oder zu einem Zepter [42] von Gold, Eisen, oder von Elfenbein, di Sonne sei an der Spize und Donnerkeile muissen statt des Dorns sein, zirkle damit um dich. Er verlirt seine Macht, du bleibst Herr. S. [40] Dies ist die Wahrnehmung eines Zusammenhangs und einer Übereinstimmung bzw. Nichtübereinstimmung und des Widerstreits zwischen einfacher und zusammengesetzter Ideen. Keine Wahrheit existiert an sich oder aus sich. Die Erkenntnis besteht aus einem Gewebe von Ideenbeziehungen; der Verstand kann nicht das Geringste erfassen, ohne es in dem Netz und den Knoten der Interdependenzen, die es bilden, zu erfassen. [41] „rensich“ von lat. „res“ abgeleitet; hier ein Sachbuch des gesammelten Wissens. [42] Ein eigens geformter Stab, der die besondere Würde seines Trägers Teil I 30 Anmerkungen 16. Di Binde des Weisen. Die Binde des Weisen Der Stab des Harmonischen 16. Der Stab des Harmonischen. Anmerkungen ner Erkenntnis mächtig sein. S. zum Ausdruck brachte. Hier dient die antike bzw. mittelalterliche Vorstellung des Machtzeichens im übertragenen Sinne der Beschreibung empirischer Vernunft des Menschen. 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 31 Anmerkungen 16 a. Der Mantel des Weisen. Der Mantel des Weisen [37] Leg dir das dicke Fell eines Büffels zu ... [38] Jemand, der in (Saus und) Braus lebt. Warum beneidest du den Taumel des Wolluistlings? Nicht di zusammengepreste Saefte des Wurms warmigen di Huitte. Bepanzre dich mit der zotteligten Deke des schnaubenden Bruillingers [37], und beelende di Verfraesigung der Brauslinger. [38] P. Warum beneidest du den Triebmenschen um seine Triebnatur? Ein uneigentliches Leben voller Vorurteile führt nicht zur richtigen Erkenntnis. Sei nüchtern und sachlich und führe das Denken eines ausnahmslos gefühlsgeleiteten Menschen ad absurdum. P. Teil I 32 Anmerkungen 16b. Das Holz des Weisen. [39] Das Wissenschaftssystem des Weisen [39] Der Weise allegorisiert den „Baum der Wissenschaften“. [40] Descartes, Brief an Picot, 1647, den Principia Philosophiae vorangestellt: „Die gesamte Philosophie ist einem Baum vergleichbar, dessen Wurzeln die Metaphysik, dessen Stamm die Physik und dessen Zweige alle übrigen Wissenschaften sind, die sich auf drei hauptsächliche zurückführen lassen, nämlich auf die Medizin, die Mechanik und die Ethik.“ Die Metaphysik folgt also nicht aus der Physik, wie in der Scholastik, sondern umgekehrt die Physik aus der Metaphysik. Hol und mit Efeu umschlungen. Honig Sauglinge durchsumsen di gedraengte Aeste. Sprudelnde Quellen durchriseln di Wurzel. Das Blatt beschattiget den Schlummer. [40] P. Der Stamm des Baumes ist innen hohl und außen von Efeu umschlungen. Bienen ernähren sich in seinem Geäst, sprudelnde Wasserquellen geben seiner Wurzel Nahrung. Sein Blattwerk spendet dem Schlafenden Schatten. P. 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 33 Anmerkungen 16 c. Der Stab des Weisen. Der Stab des Weisen [41] Eine spitzkegelige Wurzel, die sticht, auch Symbol der Vollkommenheit. In der freimaurerischen Symbolik ist der Zylinder bzw. „hohe Hut“ das Zeichen eines freien, d. h. selbstbestimmten, von Vorurteilen unbelasteten Mannes von gutem Ruf, getragen während ge- öffneter Tempelarbeit. [42] Vgl. Kap. 16b. Mitten unter den Dornen keimet di Cilindrische Wurzel. [41] Sie sticht den Wurm nicht haerter, als den Elefanten. Dem Weisen ein Centaur, dem Torenmaesigen eine vilknotige Geisel. Wol dir, wurmnaerender Gestaltiger, wann dich di Spizze erreicht. P. Die mühsame Entwicklung zur wahren Erkenntnis wird im vorgenannten Wissenschaftssystem [42] befördert durch die philosophische Vernunft der Metaphysik. Diese legt sich auf alle Menschen, wie verschieden sie auch sein mögen. Für den Weisen ist sie ein Kraftpaket, dem Toren bereitet sie schmerzliche Stufen auf dem Weg zur Wahrheit. Ein Zusammentreffen mit ihr wird dir gut tun, der du dich bis dato mit bloß sinnlicher Wahrnehmung und Vorurteilen begnügt hast. P. Teil I 34 Anmerkungen 17. Das Spiel des Weisen Das Spiel des Weisen Die Jagd des Harmonischen 17. Die Jagd des Harmonischen Anmerkungen [43] Das Spiel des Weisen besagt das Bemühen der Vernunft, das noch nicht gänzlich gelöste Problem der Bestimmung von Zeit hin und her zu wägen, um zu einer Lösung zu kommen. Wer dazu nicht in der Lage ist, soll das Denken von und über Eventualitäten etc., die sich ihm dann auftun, unterlassen. Di Zeit: ein Unding in sich: im Chaos ein Etwas. Vergebens durchgruibelst du das Gebaeude deiner Erkenntnis. Nichts das si aufwiget. Denke und spile jedoch, aber welch ein Spil? [43] Entknotige das Seil, oder denke Nichtsheiten. G. Für sich betrachtet ist die Zeit kein Objekt sinnlicher Wahrnehmung. Allein in einer ungeordneten Welt wäre sie ein solches. Du bemühst deine Vernunft vergeblich. Und doch ist die Zeit die unverzichtbare Grundlage aller Erkenntnis. Gib dich dem freien Spiel deiner Gedanken hin. Versuche, das Problem zu lösen, widrigenfalls denke nicht weiter darüber nach. G. Die Zeit entzieht sich der Wahrnehmung mit den Sinnen, bei der eine jede Erkenntnis anhebt. Dennoch legt sie sich auf alles Sichtbare, dem sie Maß und Gewicht verleiht. Erfolglos sind deine Bemühungen, ihr Wesen zu ergründen. Dein Unvermögen, sie zu bestimmen, macht dich unzufrieden. Doch ruhe und forsche dennoch weiter, nicht in Gleichzeitigkeit, sondern in der Aufeinanderfolge eines Vorher und Nachher. Losgelöst von aller Sensation erwächst im Geist die Idee einer Dauer, die mit dem Moment aktueller Erkenntnis beginnt und als Wissen bei ihrer Aufnahme im Gedächtnis endet. Mit einer so gefun- Das Unsichtbare: wer hat es gesen? Gleichwol bestimmen si alle seine Eigenschaften nach Mas und Gewicht. Vergebens durchirrst du das Gehege deiner erzilten Widerspruchlosigkeiten, es stoest dir nirgenthalben auf. Wann es dich schaudern soll dann schaudere es dich vor dem dich verungluikenden Mißgenuße. Rue und iage dennoch! Aber welch eine Jagd! Wann du nicht nach Dingen zilst, so rust du ein kurzes Izt hindurch und dann rutest du. [43] T. [43] Die Idee der Dauer ist im Text in verschiedenen Zeitformen des Verbs „ruhen“ ausgedrückt: im Präsens und Präteritum. Ihr liegt die erfahrbare Aufeinanderfolge eines Früher – Zugleich – Später zugrunde, welche allgemein auf jede vergangene und zukünftige Dauer angewendet werden kann. Die Zeit ist nach Newton ein für sich Seiendes, absolut, d. h. unabhängig von aller menschlichen Erkenntnis ist sie in der Welt: „Zeit ist, und sie tickt gleichmäßig von Moment zu Moment.“ 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 35 Anmerkungen 17. Das Spiel des Weisen Das Spiel des Weisen Die Jagd des Harmonischen 17. Die Jagd des Harmonischen Anmerkungen denen Maßeinheit kann sie nunmehr jederzeit aktualisiert werden. T. Teil I 36 Anmerkungen 18. Speise des Weisen. Speise des Weisen Schlaf des Harmonischen 18.Schlaf des Harmonischen. Anmerkungen [44] Bei den Alchemisten und Kabbalisten des Mittelalters auftauchender Begriff. Der Stein soll die Kraft der Wandlung haben, Unedles in Edles überführen zu können. Derjenige, der den „Stein des Weisen“ sucht, ist ein Phantast; er gibt sich alle erdenkbare Mühe, etwas zu finden, was es nicht gibt. Der Begriff steht hier für jegliche Form von Aberglauben. Du siest Eisen und hoerst von eisernen Wunden. Tod und Leben wi weit sind si von einander! – Um so mer naeerst du dich des Lebens, ie mer du das Krachen deiner Morschheit fuilest. Fuile es noch einmal, und wann du vom Stein der Weisen [44] gehoeret, so lachaeugle dem Torenmaesigen zur Belerung und sei befridiget bei maesigen Mal. Dann wirst du fort wandeln. G. Du forderst deine Vernunft und hast dabei die Konsequenzen für dein Leben im Sinn. Jetzt kennst du die Strecke von der irrtumsanfälligen Sinneswahrnehmung hin zur wahren Vernunfterkenntnis. Ein jeder Fortschritt deines methodisch geleiteten Denkens steht nunmehr im umgekehrten Verhältnis zum bloßen Meinen und Dafürhalten in deinem früheren Leben. Je mehr Vernunft, desto weniger Wahrscheinlichkeit. Fühle diesen Abstand noch einmal, und wenn dir jemand vom Stein des Weisen erzählt, so sei mit lachenden Augen dem Ungebildeten ein gelehriges Beispiel. Begnüge dich da- Du bist ganz bei dir, denkst entweder angestrengt nach oder ruhst befriedigt aus, um dich der Lärm der Welt. Es gibt jetzt keinen Weg mehr zurück! Du liegst richtig, je mehr du am Faden deines Zwecks festhältst und je weniger du in die Systematik deiner Erkenntnislogik eingreifst. Versuche dies nicht, und wenn du deine Überlegungen kurz unterbrichst, so übe Zurückhaltung mit dem, was du erkannt hast. Schätze mit äußerster Vorsicht die Wirkung deiner Worte ab, damit sie missverstanden nicht Anlass erneuter Spukgeschichten werden. Dann hast du deine wah- Du ligst auf Dornen [44] oder Rekbaenken und schlaefst [45] ein beim Bruillen und Donnern. Kein Weg fuir dich zwischen Ist und War! – Um so richtiger gest du, ie weniger du am radwerke kuinstelst. Kuinstle nicht, auch nicht noch einmal, und wann du einst einen Augenwink vom Schlaf erwachst, so preise kein Traumgesicht zur Taeuschung und sei behutsam der Zauberlaterne wegen. Dann wirst du singen koennen. E. [44] Vornehmlich eine Sache für Fakire. [45] Mit Schlaf ist hier das meditierende „Bei-sich-Sein“ im Sinne von Nachdenken, Überlegen gemeint. Vielleicht ein versteckter Hinweis auf die „Meditationes de prima philosophiae“ des René Descartes. 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 37 Anmerkungen 18. Speise des Weisen. Speise des Weisen Schlaf des Harmonischen 18.Schlaf des Harmonischen. Anmerkungen mit und gehe den eingeschlagenen Weg weiter. G. re Erkenntnishöhe erreicht. E. Teil I 38 Anmerkungen 18 a. Der Umgang mit Tiren. Der Umgang mit Tieren [45] König bedeutet in diesem Kontext so viel wie Lenker bzw. Leiter, im erweiterten, pädagogischen Sinne auch Erzieher. [46] Anlehnung an 1 Kor. 15,52 bzw. Offb. 8,7-13: sinnbildlich die Posaunen des Jüngsten Gerichts. Gemeint ist hier ein Signal, welches den Höheund Endpunkt der Erkenntnis verkündet. Beorige das Winseln des Virfuislings: doch nicht als Tiran. Durchdenke tif das Verhaeltnis zwischen dem König [45] und dir. Messe genau deine Schritte; und sei dem Erdling eine folgschnarrende Posaune. [46] P. Schaffe dem Heulen und Flehen der Menschen auf unterster Erkenntnisstufe Abhilfe. Allerdings nicht wie ein Tyrann, der sie mit Gewalt zu ihrem Glück zwingen will. Gestalte die Beziehung zwischen ihnen und dir gleichsam als eine zwischen Regierendem und Regiertem. Überlege also genau, wie du vorgehst. Sei noch unvernünftigen Menschen eine Aufforderung, deinem Vorbild Folge zu leisten. P. 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 39 Anmerkungen 18b. Das Nachtlager des Weisen. Das Nachtlager des Weisen [47] Vgl. Kap. 16 a. [48]… und begrüß die aufgehende Sonne. Nimm di bepanzerte Haut der Bruillinger, [47] und nicht das gezettelte Kleid des Luft Schwingers. Streke nicht onmächtig dich in di Nacht. Trinke den Strom, und begruisige den aufgeenden Tagleuchter. [48] G. Mach dir lieber ein dickes Fell zu eigen, als dass du allzu dünnhäutig bist. Bewahre auch in der Dunkelheit das Licht deiner Vernunft. Ertrage und prüfe alle Meinungsvielfalt und gelange danach zur Wahrheit. G. Teil I 40 Anmerkungen 19. Ruistung zur Betrachtung Rüstung zur Betrachtung Erhebung zum Gesang 19. Erhebung zum Gesange Anmerkungen [49] Der 60. Teil einer Sekunde, hier als durchlaufender Punkt einer Pendelbewegung (Metronom) gemeint. [50] Vgl. Kap. 11, „Di Weisheit“. Dort ist von der Scheibe eines Diamantenschleifers die Rede. In sein Gleichgewicht versezt, stet er gerade der Stok, vileicht eine Terzie. Warum faelt er rechts? Warum links? Aeusere Gewalt – unsichtbare Bewegung – Schliffe. [50] H. In ihr Gleichgewicht gesetzt ist die Vernunft für die Verweildauer einer Tertie [49] auf ihrer Höhe angelangt. Warum ist dieser Moment so kurz? Die Gründe liegen in äußerer Gewalt, dem Fluss der Zeit und stetem Fortschreiten des Denkens. H. Von der Wahrnehmung mit den Sinnen, von staubiger Erde, dem Ausgangspunkt aller Erkenntnis, hat das Wissen in dir eine nicht mehr steigerungsfähige Höhe erreicht – zumindest für einen äu- ßerst kurzen Augenblick. Alle Erkenntnis bleibt an die ihr zugehörigen Bedingungen eigener Entfaltungsmöglichkeiten gebunden und verdankt sich stets ihrer irdischen Existenzweise. S. Vom ungelekten Staube [46] aufsteigend starrt es stumm [47] dein Singlid, villeicht kuirzer als deine Terzie. Warum tif? Warum hoch? Unveraenderlich Tonmas – Noten und Taktschlag – Atem. S. [46] Von der bloßen Wahrnehmung mit den Sinnen zum Verstandesurteil [47]. 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 41 Anmerkungen 20. Tagseufzer des Weisen Tagesseufzer des Weisen Hochgebet des Harmonischen 20. Gebaet des Harmonischen Anmerkungen [51] Metaphorisch für Vernunft, vom lat. „insecare“, einschneiden. [52] Trifle, engl. „aus mit Früchtemarmelade bestrichenen, in Sherry oder Madeira getränkten Bisquitscheiben, Eiercreme und auch kandierten Früchten mit Schlagsahne.“ S. Brockhaus, Bd. 19, Wiesbaden 1974. [53] Vgl. Hiob, 40,15: ein Flusspferd, das am jüngsten Tag von Gott gebändigt wird. Ich frolokige dich an, Gedanke der Weisheit. Entknotige mich mer und mer aus dem Zusammenhang meiner Wurmnaerenden Gestalts Brüder. Schaffe nicht zwergigte Geburten durch den Gedankenzeuger. Sei dem Vorurteil eine atomlich staubende Stamf-Muile, und fettige das Insekt [51] mit Weistriflingen [52] bis zum Beemot. [53] H. Gedanke der Weisheit, wie bist du mir eine Freude! Führe mich immer mehr aus der Gesellschaft ungebildeter Menschen. Bewahre meine Vernunft vor mickrigen Erkenntnissen bzw. Irrtümern. Zermalme das Vorurteil zu kleinstem Staub und nähre meine Vernunft mit unbestechlicher Logik bis zum Ende aller Tage. H. Ich preise dich, Augenblick (höchster) Erkenntnis. Lass mich immer mehr den Erkenntnisvorgang mit einem wahren Urteil abschließen. Lass meine Sinne Dinge vernehmen, die diese Wirklichkeit übersteigen. Vernichte alle diejenigen, die bloß meinen und dafürhalten oder stopfe ihnen zumindest den Mund. Lass mich in meinem Erkenntniszuwachs immer mehr zur Wahrheit fortschreiten bis hin zu dem Ende, das meiner Existenz vorausliegt. Amen, so sei es. T. Ich frolokige dich an Puinktchen der Harmoni. Vereinige mich mer und mer mit der Einheit des einigen Eins. Laß mich ungebunden schaukelnd anzuhoeren unentscheidliche Schaelle und zu sen unfasbare Bilder vom Qualme. [48] Sei allen plaerrenden Gauklern eine berstende Mine oder wenigstens ein di Kele gemach verstop-fendes Luftgift. Stimme mich feiner und feiner bis zum moeglichst-woltoenenden Amen. T. [48] Lass mich im freien Raum auf einer Schaukel Töne vernehmen, die sich allem Unterscheidungsvermögen entziehen. Lass mich ebenfalls unfassbare Nebelbilder sehen. Teil I 42 Anmerkungen 20 a. Vom Stultorum plena sunt omnia Die Welt steckt voller Torheit (Cicero, Ad familiares) [54] Also zum exakt gegenüberliegenden Ort auf dem Globus, auf dem sich die Bewohner die Füße zukehren – so die landläufige Auffassung vernunftloser Zeitgenossen. Wenn ihre Füße auf entgegengesetztem Boden stehen, scheinen auch ihre Köpfe Entgegengesetztes zu denken. [55] Freimaurerische Symbolzahl. Durchbore der Erden Mittelpunkt bis zum Antipoden, [54] alle drei [55] Schritte winselt der Wurm um dich. Durchkreuze di Oberfläche zwischen den Polen, uiberall tritst du auf zwergigte Geburten. Gluik genug! Wann du den Schimmer noch von Ferne beaugigest. Durchgruible mer und mer der Weisheit Grundsaeze. Unabseelige Tifen! Pralle nicht zuruik, wann du gleich das Licht noch nicht siest. Wuinsche! hoffe! P. Durchbohre die Erde vertikal durch den Erdmittelpunkt bis hin zum Antipoden. Alle drei Schritte winseln Unvernünftige um dich herum. Oder durchkreuze die Oberfläche von Pol zu Pol, überall begegnen dir die gleichen Kleingeister. Ein großer Glücksfall für dich, wenn du zu Halbund Unwahrheiten Distanz hältst. Durchforste immer mehr die Prinzipien, nach denen deine Vernunft fortschreitet. Welch Glück wird dir doch dabei zuteil! Schrecke nicht zurück, wenn du noch nicht ganz der Wahrheit teilhaftig bist. Wün- 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 43 Anmerkungen 20 a. Vom Stultorum plena sunt omnia Die Welt steckt voller Torheit (Cicero, Ad familiares) sche sie dir, hoffe auf sie! P. Teil I 44 Anmerkungen 20b. Von der Wurmlichkeit des Leibes. Von der Wurmlichkeit des Leibes [56] Posaunen sind Boten Gottes bzw. der Endzeit. Ganz allgemein signalisieren sie hier den Endzustand des Entwicklungsprozesses menschlicher Vernunft. Es waren einst die Trompeten vor Jericho, die dessen Stadtmauern zum Einsturz gebracht haben sollen (Jos. 6,5). Verachte nicht den Kraechzendsten deiner Gestaltsbruider. Du selbst bist das Erdreich, in dem der Wurmlichkeit Pflanze aufkeimet. Wenige Tage, dan bricht si hervor. Wol dir, wen du der Beposaunung [56] das Or reichst. G. Blicke nicht auf deine Mitmenschen herab, auch wenn sie noch gänzlich einer irrtumsanfälligen Erkenntnis der Sinne verhaftet sind. In dir selbst sind die Bedingungen einer neuen Bewusstseinswahrheit angelegt. Schon recht bald eröffnen sie dir ein Feld klarer und deutlicher Erkenntnisse. Verschließe dich ihnen nicht. G. 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 45 Anmerkungen 20 c. Von der Beposaunung. Von der Beposaunung [57] Kunstwort aus den Verben „kreißen“ (entbinden) und „zwitschern“ gebildet. [58] Abgeerntetes Feld voller leerer Halme. [59] Entsprechend seiner Erdverbundenheit ist es das Moos, das die Hütte des Erdlings verunreinigt. [60] …, die ihn halb in sein Gestern und halb in sein Heute aufsplitten könnte. [61] Der richtige Vernunftgebrauch besagt, nur das als wahr anzuerkennen, was sich klar und deutlich erkennen lässt („clare et distincte percipere“). Hast du in schon in der Fern gewarnemigt, den ersten Klang der Tromete. Etwas heiser ist er, und kreiszwitschert [57] uiber ein halmigtes [58] Feld. Erschrik nicht du Erdwurm. Noch ein kurzer Zeitraum di Schrekbilder und den moosichten Unflat deiner Gemaecher [59] zu tilgen. Lern in gebrauchen. Keine Zeitversplitterung [60] ist dir zu gestatten. Den bald toenet di zweite Posaune. H. So langsam ist in dir die Gewissheit gereift, dass dein Geist klare und deutliche Vorstellungen besitzt. Sie sind dir noch nicht ganz geläufig, weil Neuland. Doch lasse dich nicht abschrecken, du einst vom Staub gebildeter Mensch. Nur noch wenig Zeit bleibt dir, die „Irrungen und Wirrungen“ deiner früheren Art der Erkenntnisgewinnung zu korrigieren. Verzettele dich nicht, denn bald ist dir der methodische Durchgang zu einem sicheren Erkenntnisurteil [61] gewiss. H. Teil I 46 Anmerkungen 20d. Di zweite Posaune. Die zweite Posaune Wol dem Weisen, der Seel Rislinge der Jauchzartigkeit schmeket. Fuir in di lezte Posaune ein Jubel. G. Für den Weisen besteht der Lohn in der Freude, seine ihm mögliche Erkenntnishöhe erreicht zu haben. Der letzte Schritt auf dem Weg zur Erkenntnis ist ihm Genugtuung. G. 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 47 Anmerkungen 20 e. Von der Entwurmigung Von der Entwurmigung [62] Betrifft den zu Staub verwesten Rest des alten Menschen. [63] Meint die rote Farbe der schottischen Hochgradmaurerei, der das System der „Strickten Observanz“ zugehörte. Goue war Mitglied einer solchen Loge, die sich in der Tradition des Tempelherren-Ordens verstand. [64] Als ein Weiser im profanen und als Wiedergeborener im freimaurerischen Sinne. [65] Wegen des Vermögens ihrer Häutung ist die Schlange das symbolische Tier der Wiedergeburt. Auch ist sie das ägyptische Herrschaftssymbol. Eine goldene Schlange zierte die Stirn („gestirnartig“) der Pharaonen und Asche, Staub, Moos, Schlangen, eine Urne [62]. Fuige den schwarzen Blutauigling [63], und den trifenden Schaedel hinzu. Lange wuste der Weisheit Gestalting zu laecheln: doch nun laechelt er zwifach. [64] Gewoene di Schlange[65], und dein Umgang ist gestirnartig. G. Asche, Staub, Moos, Schlangen, eine Urne. Füge das purpurne Rosengewächs und den tropfend nassen Schädel hinzu. Lange Zeit wusste der Gestalter der Weisheit zu lächeln. Doch nun lächelt er doppelt. Gebrauche deine Vernunft, die hinter deiner Stirne sitzt. G. Teil I 48 Anmerkungen 20 e. Von der Entwurmigung Von der Entwurmigung signalisierte Kraft und Stärke. 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 49 Anmerkungen 20 f. Von unbeleibten Wesen. Von Geistern [66] Materie ist physisch durch Gestalt und Bewegung bestimmt und insoweit mathematisch erklärbar. Nichts Okkultes bewegt die Welt, vielmehr können alle Phänomene in ihr durch Geometrie erklärt werden. [67] d.h. über die Reduktion auf das Einfache und Evidente sowie über die Konstruktion zum Komplexeren. Hir Salamander, dort Gnomen. [66] Kenst du dise Geschwader. Armseliger Blindling, ich traure um deine Blindsuichtigkeit. Sie den Weisen, er begruist seine Freunde, und dir gibt er Leren. G. Salamander und Gnomen, dieses Phantasiegebilde kennst du sicherlich. Du armer Blinder, deine Unwissenheit dauert mich. Betrachte dagegen den Weisen: Er heißt Gleichgesinnte willkommen und wird dich aufklären. [67] Dies über seine analytische Methode, die schlussendlich zu einem Wahrheitsurteil führt. G. Teil I 50 Anmerkungen 20 g. Di Anklamrung an der Ewigkeit Saeule. Aufnahme in die Freimaurerloge [68] Gemeint ist das Umklammern der Ewigkeitssäule. Den Freimaurer erwartet eine „höhere Arbeit“ im „ewigen Licht“. Wer sich an der Eingangssäule des masonischen Tempels festhält, steht vor dem Tor in den „ewigen Osten“, dort, wo der Weisheit Weg irdisch beschlossen ist. Ein großer Schrit! [68] Du hast in getan. Jauchze! G. Ein großer Schritt. Du hast ihn getan. Jauchze! G. 5. Titel des „Hoeeren Rufs“ und des „Feineren Pfifs“ in synoptischer Übersicht 51 Kommentar Der hoeere Ruf Der feinere Pfif 6.1 Grußwort der 2. Ausgabe von 1769: „Zueignung an di Erhabne Mitglider unsrer Geselschaft“ 6.2 Vorrede zum „Feineren Pfif“ (der 2. Ausgabe des „Hoeeren Rufs“ beigefügt) Mit der 2. Ausgabe ihres gedruckten Büchleins von 1769 richten sich die Verfasser in ihrer Zueignung an die Mitglieder der „Rittertafel“, die expressis verbis nicht als solche bezeichnet, sondern als Mitglider unsrer Geselschaft angesprochen sind. Darin nehmen sie Bezug auf die vorausgegangene 1. Ausgabe von 1768 und erklären, dass sie Grundlegendes über sich und die Intention ihrer Veröffentlichung aussagen wollen, damit der Vorwurf der Unverstehbarkeit ihrer Schrift durch neu eingearbeitete Ergänzungsartikel entkräftet werde. Auch wenn dies nicht gelänge, wären sie dennoch zufrieden, auch nur vom eigenen Kreis, d. h. von den Mitgliedern des „Übergangsordens“, der in die Gesellschaft der Rittertafel als seine Kerngruppe verwoben war, verstanden zu werden. Allein diese seien imstande, den Sinn der Sprache zu erfassen. Was sie zu sagen hätten, sei nicht für die Allgemeinheit bestimmt, sondern richte sich an die Eingeweihten, die in Hieroglyphen, d. h. in nicht jedermann verstehbaren Wortbildern, schreiben und reden können. Die Kommunikation in einer solchen Krypto- und Ghettosprache hält die Mitglieder der Gesellschaft in verpflichtender Esoterik zusammen und verleiht ihnen jenes Selbstverständnis von Erhabenheit im Sittlichen und Ästhetischen, das die Mitgliedschaft in einem Freimaurerorden auszeichnen sollte (Erhabne Mitglider unsrer Geselschaft). Maßgeblich bleibt das Urteil der Eingeweihten, an die sich der Wunsch der Verfasser richtet, dass vorliegende Schrift ihre Weisheit befördere und sie in ihren Bemühungen weiterhin beflügeln möge. Die Verfasser verstehen sich als treue Mitarbeiter an Tilgung der Freßlinge. Als solche sind an diese die Zeichen der Lokung noch nicht ergangen, sodass sie aktu- Die Reaktion auf das Erscheinen des „Hoeeren Rufs“ ließ nicht lange auf sich warten. Nur wenige Zeit später gelangte eine Entgegnung, „Der feinere Pfif“, auf den Büchermarkt. Darin geht es nicht um das Verstehen einer ebenso befremdlich anmutenden Sprache, davon ist nicht die Rede. Bezeichnet wird sie mit Bezug auf den „Hoeeren Ruf“ als parallele Kriptogramma, was inhaltlich einen Geheimtext in einer vergleichbar ähnlichen Textfassung meint. Mit einiger Sicherheit lässt sich sagen, das die Autoren des Vorworts die Verfasser des „Hoeeren Rufs“, August Siegfried von Goue und sein Konautor Joh. Amand Andr. von Hochstetter, sind. Hinzu kommt als Dritter im Bunde Georg Friedrich Pauli, der die 2. Ausgabe des „Hoeeren Rufs“ um wesentliche Beiträge erweitert hat. Auf „Verlangen“ ihrer Goenner – keineswegs also aus freien Stücken – stellen sie beide Schriften einander gegenüber, wohl dem ausdrücklichen Wunsch ihres Verlegers Georg Ernst Winkler Folge leistend. Dies gibt Anlass, auf einen sanften, aber doch starken Druck der Goenner zu schließen und gleichzeitig eine gewisse Rivalität, wohl sachlich begründet, zwischen dem Autorenteam des „Hoeeren Rufs“ und Johann Ferdinand Opit(z), dem Verfasser des „Feineren Pfifs“, anzunehmen. Keineswegs wünschen sie Letzterem eine weitere, zweite Auflage, sondern merken lediglich sehr höflich die Erwartung an, dass es einst ebenfals vermert erscheine. Die Kapitelüberschriften beider Schriften stellen sie synoptisch in verschiedenen Schrifttypen einander gegenüber. Teil II 53 Der hoeere Ruf Der feinere Pfif 6.1 Grußwort der 2. Ausgabe von 1769: „Zueignung an di Erhabne Mitglider unsrer Geselschaft“ 6.2 Vorrede zum „Feineren Pfif“ (der 2. Ausgabe des „Hoeeren Rufs“ beigefügt) ell noch auf der Ebene eines Erdenklos verharren (vgl. dazu später). Teil II Kommentar 54 6.3 Verflechtung von Naturwissenschaft und Philosophie im System des René Descartes (1596–1650) 6.4 Die Auflösung der „metaphysischen Physik“ des René Descartes; das Konzept empiristischer Naturwissenschaft des Isaac Newton (1642–1727) und die empiristische Erkenntnistheorie des John Locke (1632–1704) Naturwissenschaft (Physik) und Philosophie bilden im Descartes’schen Denksystem eine Einheit. Sein Wissenschaftsmodell verdeutlicht der Naturwissenschaftler, Mathematiker und Philosoph im Bild eines Baumes, das er in der Vorrede zur französischen Auflage seiner „Principia“ beschreibt: Die Baumwurzeln symbolisieren die Metaphysik, sein Stamm die Physik und seine Äste die anderen Wissenschaftsdisziplinen, die sich in der Hauptsache auf Medizin, Mechanik und Ethik zurückführen lassen. Die Summe aller wissenschaftlichen Disziplinen wird zwar aufgefasst als ein einheitliches Ganzes, allerdings wird in ihrer Reihenfolge auch ihr hierarchischer Aufbau deutlich. Die Naturwissenschaft ist keine autonome Wissenschaft und steht keineswegs der Philosophie als eine ganz und gar andere gegenüber, wie auch prinzipiell die empirischen nicht den nicht empirischen Disziplinen. Immer bleibt eine enge Beziehung zwischen ihnen vorausgesetzt. Vornehmlich besteht diese darin, dass die Metaphysik für alle Wissenschaften das Fundament bildet und umgekehrt alle Wissenschaften ihrer nicht entbehren können. Stets greift René Descartes zur Erklärung physikalischer Phänomene auf die Metaphysik zurück, sodass sie nicht, wie in der Scholastik, aus der Physik folgt, sondern umgekehrt die Physik aus der Metaphysik. Zusammenfassend ließe sich also von einer metaphysischen Physik sprechen, so Daniel Garber (zitiert nach D. Perler, René Descartes, München 1998, S. 42). Descartes bezeichnet die Metaphysik auch als „prima philosophia“, eine erste Wissenschaft, die sich mit erkenntnistheoretischen Fragen befasst und nach der grundlegenden Struktur von Welt fragt. Es sind dies Fragen nach der Eigenexistenz und dem Selbstbewusstsein des Menschen, der Existenz Gottes und nach dem Wesen der beiden Substanzen Seele und Während das Wissenschaftsverständnis im „Hoeeren Ruf“ noch als eine in sich gefügte Einheit dargestellt ist, wird die Vorstellung einer „metaphysischen Physik“ des René Descartes im „Feineren Pfif“ vollständig aufgegeben. An der Schwelle des Empirismus steht der Bruch mit aller metaphysischen Tradition, vor allem mit der Annahme ewiger Wahrheiten. Dies unterscheidet beide Texte grundlegend voneinander. Nur in der Sinneserfahrung ist Wahrheit zu finden. Der Prozess des Wissens geht von nun an unabgeschlossen weiter, eine Endgültigkeit der Erkenntnis verbietet sich ob des Prozessgeschehens vernünftigen Handelns. Nicht mehr die von Gott der menschlichen Verstandesnatur eingegebenen Ideen (ideae innatae) sind, wie noch im Rationalismus, Ausgangspunkt aller wahrhaften Erkenntnisbemühung, nein, an ihrem Anfang steht ein unbeschriebenes Blatt (tabula rasa bzw. white paper), welches erst mit der Zeit durch Objekte der Erfahrung (ideas) beschrieben werden kann. Und eine Erfahrung ist etwas, woraus man verändert hervorgeht (Michel Foucault / Ducio Tombadori, Entretien avec Michel Foucault, in: ders. Dits et Écrits II (1976–1988), Paris 2001, S. 860–914, hier S. 860), verändert wegen des jeweiligen Wissenszuwachs. Und hierin liegt die Kontroverse zwischen Rationalismus und Empirismus begründet: all unser Wissen lässt sich zwar auf einfache Vorstellungen, ideae oder ideas, zurückführen, Erstere sind jedoch angeboren, Letztere aber werden durch sinnliche Erfahrung erworben. Wenn sich der Autor des „Feineren Pfifs“ nicht mehr auf die Einheit der Wissenschaften des René Descartes berufen kann, muss er sich anderer philosophischer Zeugen bedienen, um als realistische Alternative auftreten zu können. Diese ist mit Blick auf die empiristische Erkenntnistheorie der englische Philosoph John Locke (1632–1704), dessen Denken von der Teil II Kommentar 55 6.3 Verflechtung von Naturwissenschaft und Philosophie im System des René Descartes (1596–1650) 6.4 Die Auflösung der „metaphysischen Physik“ des René Descartes; das Konzept empiristischer Naturwissenschaft des Isaac Newton (1642–1727) und die empiristische Erkenntnistheorie des John Locke (1632–1704) Materie, wobei das Wesen des Denkens das Denken selber ist, das der Materie die Ausdehnung. Dieses Wissen kann a priori, d. h. ohne Erfahrung erworben werden. Die Beschreibung besagten Wissenschaftsbaumes ist in vorliegender Schrift „Der hoeere Ruf“ als Ergänzungsartikel 16b in der zweiten Auflage unter der Überschrift Das Holz des Weisen eingefügt. Allegorisch ist der Baum veranschaulicht in der Person eines „Weisen“: Das Holz des Weisen. Der Baum der Wissenschaften Hol und mit Efeu umschlungen. Honig Sauglinge durchsumsen di gedraengte Aeste. Sprudelnde Quellen durchriseln di Wurzel. Das Blatt beschattiget den Schlummer. P. Der Stamm des Baumes ist innen hohl und außen von Efeu umschlungen. Bienen ernähren sich in seinem Geäst, sprudelnde Wasserquellen geben seiner Wurzel Nahrung. Sein Blattwerk spendet dem Ruhenden Schatten. Die Transkription des Gemeinten ist eindeutig. Doch warum ist der Baum innen hohl? Der Autor des Artikels bemüht hier eine Analogie zur Automatentheorie des Descartes, mit deren Hilfe er physiologische Gegebenheiten mit dem Funktionieren hydraulischer Gartenkunstfiguren vergleicht: Womöglich haben Sie an den Grotten und Fontänen in den Parks unserer Könige beobachtet, daß die bloße Kraft, die das Wasser beim Austritt aus einer Quelle bewegt, verschiedene Maschinen antreiben und sie sogar je nach der Anordnung der Leitungsrohre Instrumente spielen oder Worte aussprechen lassen kann. (Traité de l’homme, Über den Menschen). Der hohle Baumstamm gleicht jenem Leitungsrohr, durch das im metaphori- Auseinandersetzung mit der aristotelischen und scholastischen Tradition geprägt ist. Hinsichtlich aller naturwissenschaftlichen Erklärungen tritt sein Landsmann und Zeitgenosse Isaac Newton (1643–1727) hinzu. Sein Gesetz von der allgemeinen Gravitation besagt, dass sich Körper gegenseitig anziehen, somit die Gravitationskraft über die bloße Bewegung ausgedehnter Materie hinausgeht. Des Weiteren bestimmt er das Experiment und die Induktion als eine allgemeine Methode zur Gewinnung sicherer Naturerkenntnis. Methodisch tritt nunmehr an die Stelle der reinen Deduktion die Analyse eines gegebenen Sachverhalts. Zugleich verwirft Newton jegliche Art von Spekulation: Hypotheses non fingo. Nicht nur vom Inhalt des „Feineren Pfifs“ her kann auf die beiden Geistesheroen empiristischer Provenienz geschlossen werden; auch ist im Text expressis verbis von den neutonischen Pruifungen die Rede, die wohl den Durchgang durch das naturwissenschaftliche Gebäude des Isaac Newton (newtonsche Prüfungen) meinen. Als Mitglied der Royal Society hatte John Locke 1668 Isaac Newton kennengelernt. Die gemeinsame Mitgliedschaft lässt darauf schließen, dass sie sowohl von der Person als auch von den Standpunkten des jeweils anderen im Gefüge des wissenschaftlichen Empirismus wussten. Hat Newton den physikalischen Kosmos mit nur wenigen Sätzen beschrieben, folgt Locke ihm darin, dass er die Verschiedenheit der Ideen im Bewusstsein auf genauso wenige und einfache Prinzipien zurückführt. In seinem philosophischen Hauptwerk An Essay Concerning Human Understanding (Versuch über den menschlichen Verstand, 1689) beschreibt Locke die Aufgabe der Philosophie: Sie habe die Natur und die Grenzen des menschlichen Verstandes zu bestimmen und den Umfang und das Wesen der Erkenntnis festzulegen. Im menschlichen Bewusstsein finden Teil II Kommentar 56 6.3 Verflechtung von Naturwissenschaft und Philosophie im System des René Descartes (1596–1650) 6.4 Die Auflösung der „metaphysischen Physik“ des René Descartes; das Konzept empiristischer Naturwissenschaft des Isaac Newton (1642–1727) und die empiristische Erkenntnistheorie des John Locke (1632–1704) schen Sinne wie bei Mensch und Tier nach dem Vorbild der Lebens- und Animalgeister philosophische Erkenntnisse aus ihrer Wurzel (Metaphysik) in den Stamm des Baumes (Physik) fließen und dieser wiederum sein Wissen weiter zu den Einzelwissenschaften (Äste) leitet. Die Descartes’sche Trennung von Geist und Materie ist hier als Trennung von Bewusstsein und purem Mechanismus aufgefasst. sich bestimmte Vorstellungen, die Locke als Ideen bezeichnet: Alles, was der Geist in sich selbst wahrnimmt oder was unmittelbar Objekt der Wahrnehmung, des Denkens oder des Verstandes ist, das nenne ich Idee. Diese Ideen sind das Zentrum seiner Philosophie. Entweder entstammen sie unmittelbar der Erfahrung oder sind in der Weise komplex, dass der Geist sie durch verschiedene geistige Operationen aus weiteren, in der Erfahrung gewonnenen Ideen bildet. Dies ist nur möglich, wenn der Verstand vom Geist mit den Ideen seiner eigenen Tätigkeiten versehen wird. Angeborene Ideen gibt es nicht. Eine Idee steht lediglich für das, was sie verursacht. Teil II Kommentar 57 6.5 Übergänge 6.6 Lichtfäden Der Begriff des Übergangs, und dies in seiner Abfolge eines Übergangs zu des Übergangs Übergang, bringt in seiner Bedeutungsfülle ein Dreifaches zum Ausdruck: Zum einen benennt er den Übergang vom mittelalterlichen Denksystem der Scholastik zum Descartes’schen System einer „prima philosophia“. In dieser Bedeutung ist die Abkehr von der traditionellen Wissenschaftslehre des Aristoteles gemeint, nach der alle Dinge aus Substanz und selbstständigen sowie aktiven Qualitäten zusammengesetzt sind, während sie bei Descartes bloße Zustände der Substanzen ausmachen, die über keine selbstständige Substanz verfügen. Sie lassen sich auf zwei Formen reduzieren: Bewegung und Gestalt. Materie ist einzig und allein durch sie bestimmt und kann somit mathematisch erfasst werden. Dieser Abkehr von der philosophischen Tradition geht erkenntnistheoretisch die Hinwendung zu dem einher, was im Verlauf der Philosophiegeschichte als Rationalismus beschrieben wird. Zum anderen markiert der „Uibergang“ die Stationen einer fortschreitenden Vernunft, wie sie durch geschärfte Urteilskraft in einzelnen Schritten zur gesicherten Erkenntnis gelangen kann. Jeder Übergang bestimmt sich im fortschreitenden Erkenntniszugewinn als ein Provisorium mit der Möglichkeit eines erneuten und weiteren Erkenntniszugewinns. Im Sprachduktus beider Schriften vollzieht er sich als „aufgeklärte Aufklärung zu der Aufklärung Aufklärung“. Als ein Drittes bezeichnet der Begriff den Übergang von einer profanen zu einer spezifisch freimaurerischen Erkenntnis bis hin zur Aufnahme in die Geheimgesellschaft der Freimaurer. Das Denken des Autors steht gänzlich unter einem innovativen Entwurf freimaurerischer Erkenntnislehre und Ethik. Das Leben eines Freimaurers in all seinen Graden ist im Text vom Uibergang in eine eschatologische Erwartung zwischen einem geschichtlichen Schon und einem transzendenten Nochnicht hineingestellt. Wiewohl sich die Freimaurerei grundsätz- Die Tätigkeit der Vernunft wird im Text des „Feineren Pfifs“ mit dem Fortspinnen eines einmal aufgenommenen Fadens ins Sprachbild gesetzt, der nunmehr über Abschnitte in neue Stadien weitergesponnen sein will, bis hin zum „Licht“, d. h. zum Ort der Wahrheit, näherhin zu einem richtigen und wahren Urteil. So setzt eine einmal erworbene Erkenntnis lediglich einen vorläufigen Schlusspunkt. Dieser wiederum ist Ausgangspunkt weiterer Erkenntnis, die sich dem Wissensbestand eines Menschen zufügt und ihn letztendlich zu dem macht, was der Text gemeinhin als einen „Harmonischen“ bezeichnet. Alle und jede Erkenntnis des Menschen ist prozesshaft, führt stets zu neuer Erkenntnis bis hin zu jenem Eschaton, welches sich ihm als Transzendenz, allerdings mit Blickrichtung auf das Diesseits, eröffnen wird („Der feinere Pfif“, Kap. 20). So bedarf das Leben des Menschen steter Vernunfttätigkeit, um nicht in bloßer Gewohnheit auszufransen, sondern sich im Sinne epistemologischer Weiterentwicklung zu erneuern bzw. sich in seiner gedanklichen Fülle sukzessive zu vergrößern und zu vervollständigen. Teil II Kommentar 58 6.5 Übergänge 6.6 Lichtfäden lich nicht als Religion versteht, bejaht sie dennoch eine den Menschen transzendierende Instanz. „Dies nicht im kirchlichdogmatischen Sinn, wohl aber in der Annahme eines Sinnhintergrunds, ob dieser nun deistisch als außer- und überweltlicher Urheber und Erhalter alles Seienden verstanden wird, als allmächtiger (oder großer) Baumeister aller Welten oder, pantheistisch, gleichgesetzt wird mit dem Universum“, so Alfred Schmidt (in: Helmut Reinalter (Hg.), Freimaurerei. Geheimnisse – Rituale – Symbole, Leipzig, 2017, S. 88 f.). Mit den Worten Václav Havels könnte man ebenso sagen: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal, wie es ausgeht.“ Ist der Weg zur Weisheit einmal zu Ende gegangen bzw. ist der Weise an sein Ziel gelangt, steht er vor dem Übergangstor in den ewigen Osten, d. i. der Tod – Umklamrung der Ewigkeit Saeule. Den Abschluss der Übergangsstrecke bildet jener uibergegangene Uibergang zu des Uibergangs Uibergang, der das dritte Kapitel des „Hoeeren Rufs“ beschließt. Teil II Kommentar 59 6.7 Die Übergangsstadien auf dem Weg zur Vernunfterkenntnis 6.8 Die Lichtfadenstrecke von der „tabula rasa“ bzw. vom „white paper“ zum Wahrheitsurteil Im Text erfahren die Seelenvermögen die Ordnung eines logischen Hintereinanders in der Reihenfolge ihrer Aktualisierung. Das Ineinander der geistigen und sinnlichen Anlagen, des Erkennens und Strebens steht erst am Ende der Entwicklung. Die geistigen Vermögen bauen auf den zuvor herausgestellten sinnlichen Vermögen auf, der Wille bleibt im Ablaufgeschehen der Übergänge dabei dem Verstand untergeordnet. Die geistigen Seelenvermögen – das sind zuvorderst Verstand und Vernunft, wobei diese zur Zeit vor Immanuel Kants Kritiken noch nicht sprachlich festgelegt sind – haben vor den sinnlichen Vermögen (Sinnesfähigkeit, Gefühl, Wille, Triebe etc.) den Vorrang in der Darstellung der menschlichen Erkenntnisentwicklung, die bei vorausgesetzter Erkenntnisfähigkeit anhebt und über den Willen zur Erkenntnis weiterführt bis hin zum Erkenntnisurteil eines Weisen. Der Autor des „Feineren Pfifs“ parallelisiert die Erkenntnisstrecke der Lichtfäden mit der Übergangsstrecke des „Hoeeren Rufs“. Auch hält er sich an die vorgegebene Reihenfolge der Seelenvermögen, die in der jeweiligen Verfasstheit des Menschen aktualisiert werden. Die aufgezeigten Stationen vorausgesetzter Erkenntnisfähigkeit des Menschen finden ihren Abschluss bei einem Harmonischen. Teil II Kommentar 60 6.9 Kapitelüberschriften in beiden Schriften und ihre methodische Bedeutung für das Gesamtwerk Die Lehre vom Übergang ist das Kernstück des „Hoeeren Rufs“. In drei Abschnitten schlägt sie den Bogen von einer ersten Realitätsstufe, die iedem Tor gemein ist, zu einem ersten Transcensus Uibergang, hin zu einem weiteren Transcensus Des Uibergangs Uibergang, endlich zu einem dritten Transcensus Des Uibergangs Uibergang zum Uibergang, um mit einer vierten Realitätsstufe Der uibergangene Uibergang zu des Uibergangs Uibergang abzuschließen. Den drei Übergängen von Goues (G.) sind inhaltlich jeweils drei Abschnitte Hochstetters (H.) zugeordnet, die der spezifischen Erläuterung des zuvor Gesagten dienen; die drei ersten Abschnitte und die drei mal drei Folgeabschnitte begründen somit ein System von insgesamt zwölf Abschnitten. Das Zuordnungsverhältnis der ersten drei Abschnitte zu den neun folgenden als erster Teil des Büchleins stellt sich wie folgt dar (s. Dahl, Freimaurerei in der Aufklärungszeit …, S. 80 ff.): 63 6.9 Kapitelüberschriften in beiden Schriften und ihre methodische Bedeutung für das Gesamtwerk Di Lehre vom Übergang ist das Kernstück des „Hoeere Rufs“. In drei Abschnitten schlägt sie den Bogen von e ner rsten Realitätsstufe, die iedem Tor gemein ist, zu einem ersten Transcensus Uibergang, hin zu einem weiteren Transcensus Des Uibergangs Uibergang, endlich zu einem dritten Transcensus Des Uibergangs Uibergang zum Uibergang, um mit einer vierten Realitätsstufe Der uibergangene Uibergang zu des Uibergangs Uibergang abzuschließen. Den drei Übergängen von Goues (G.) sind inhaltlich jeweils drei Abschnitte Hochstetters (H.) zugeordnet, die der spezifischen Erläuterung des zuvor Gesagten dienen; die drei ersten Abschnitte und die drei mal drei Folgeabschnitte begründen somit ein System von insgesamt zwölf Abschnitten. Das Zuordnungsverhältnis der ersten drei Abschnitte zu den neun folgenden als erster Teil des Büchleins stellt sich wie folgt dar (s. Dahl, Freimaurerei in der Aufklärungszeit …, S. 80 ff.): I. Der Uibergang II. Des Uibergangs Uibergang III. Des Uibergangs Uibergang zum Uibergang Ia. Der Mensch als Erdenklos Ib. Der Mensch Ic. Di Sichpruifung IIa. Zeichen der Lokung IIb. Di Lokung zur Weisheit IIc. Ruf zur Weisheit IIIa. Der hoeere Ruf IIIb. Di Weisheit IIIc. Die hoe Weisheit Teil II Kommentar 61 6.9 Kapitelüberschriften in beiden Schriften und ihre methodische Bedeutung für das Gesamtwerk Entsprechendes gilt für die Parallelschrift. „Der feinere Pfif“ Den drei Lichtfäden Opi(t)zens sind inhaltlich drei Abschnitte zugeordnet, die der spezifischen Erläuterung des zuvor Gesagten dienen; die drei ersten Abschnitte und die drei mal drei Folgeabschnitte begründen ebenfalls ein System von insgesamt zwölf Abschnitten. 64 Entsprechendes gilt für die Parallelschrift. „Der feinere Pfif“ Den drei Lichtfäden Opi(t)zens sind inhaltlich drei Abschnitte zugeordnet, die der spezifischen Erläuterung des zuvor Gesagten dienen; die drei ersten Abschnitte und die drei mal drei Folgeabschnitte begründen ebenfalls ein System von insgesamt zwölf Abschnitten. I. Der Lichtfaden II. Des Lichtfadens Zerfadung III. Des Lichtfadens Zerfadung zu Zerfadungen Ia. Der Mensch als Tirpflanze Ib. Der Mensch Ic. Di Sichpruifung IIa. Schranken der Richtung IIb. Di Richtung zur Harmoni IIc. Pfif zur Harmoni IIIa. Der feinere Pfif IIIb. Di Harmoni IIIc. Die ware Harmoni Teil II Kommentar 62 7.1 Der Übergang von der traditionell-aristotelischen Scholastik zur „ersten Philosophie“ des René Descartes Triade I Kap. 1–3 incl. Kap. 3 a 7.2 Die Lichtfadenstrecke von der sinnlichen Wahrnehmung bis zum Erkenntnisurteil Triade I Kap. 1–3 Der Text des „Hoeeren Rufs“ beginnt mit einem Warnruf vor dem Unheil, das jenen trifft, der sich nicht von den Philosophemata des Mittelalters und der Scholastik, d. h. von Tradition und Aberglaube abwendet oder es auch nicht vermag, d. h. nicht fähig ist, den Übergang vom tradierten Schulwissen zur selbstständigen Erkenntnis zu gehen. Die Möglichkeit dazu ist ihm qua Menschsein gegeben, als „animal rationabile“, d. h. als ein prinzipiell zur Vernunft befähigtes Wesen. Die Bestürzung aufgrund des geschilderten erkenntnistheoretischen Evidenzerlebnisses, in welchem ein erstes Prinzip erkannt ist, das von nun an dem Denken Orientierung zu geben vermag, wird verglichen mit einem kosmischen Katastrophenszenario, in dessen Verlauf (aus dem Weltall) herabstürzendes Gestein (astronomische Kleinkörper mit großer zerstörerischer Wirkung, wenn sie auf die Erde treffen) ein Weltmeer auszufüllen vermag. In dem Maße, wie von nun an alles Erkennen der Vernunft von einem gesicherten Ausgangspunkt anheben kann, vermag die Menge der Wahrscheinlichkeiten und Vorurteile jeglicher Art, sozusagen nur geglaubte Gewissheiten, das weite Feld der Wahrheit nicht mehr zu verdecken bzw. zu ersetzen. Ab sofort können die wahren Gründe in ganz eindeutiger Weise von den nur wahrscheinlichen unterschieden werden. Geschildert ist das Ereignis jener intuitiven Erkenntnis, das René Descartes als „ein derart einfaches und distinktes Verhalten des reinen und aufmerksamen Geistes, dass hinsichtlich dessen, was wir begreifen, überhaupt kein Zweifel übrig bleibt“, beschreibt (Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft, 5). Trotz grundsätzlicher Trennung von denkender und ausgedehnter Substanz behauptet Descartes dennoch, dass die immaterielle Seele und der materielle Körper kausal aufeinander Der Autor des „Feineren Pfifs“ zollt jenem hohes Lob, der unbelastet von den wissenschaftlichen Vorgaben der abendländischen Tradition (Wol dir, wann du noch blind herumkreuchst) sich aufmacht, den Weg zur wahren Erkenntnis nach der Methode des Empirismus neu zu gehen. Anfänglich gleicht des Menschen Vernunft einem leeren Blatt Papier, das es im Verlaufe seines Lebens mit Erfahrung und Erkenntnis zu beschreiben gilt. Jedem Menschen ist die Wahrnehmung mit den Sinnen und damit die Möglichkeit wahrer Erkenntnis in die Wiege gelegt. Ein grundlegendes Erkenntniserlebnis wird zum Geburtshelfer des inneren Menschen. Jede Erkenntnis hat eine ihr zugrunde liegende Struktur, die sich in der Relation von Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt ausweist. Da ist die Rede von einem seifblasschönen Lockrußling, ein Verbrennungsrest, der als kurzlebiges Aufklärungslicht vom Rande des engen Horizonts hinabblitzt und dessen Gegenüber zu ihm hinaufklimmt. Das erkannte Objekt ist aus dem Dunkel des Nichtwissens in die Helle des Bewusstseins gehoben. Es ist eines jener dem Nichtsein entrissenen Nichtse, das sich im Bewusstsein als Idee abbildet und von nun an durch den Wahrnehmungsakt definiert werden kann. Eine Idee ist jeder Bewusstseinsinhalt, ob konkret oder abstrakt, ob Denken, Fühlen oder auch Wollen. Der genannte Weg dieser Erkenntnis bemisst sich nach der Aufeinanderfolge unterschiedlicher Lichtfäden, die in ihrer Summe die Strecke der empirischen Erkenntnis, beginnend von der Wahrnehmung mit den Sinnen bis zum vernünftigen Erkenntnisurteil, nachzeichnet. Bei der Beschreibung eines solchen grundlegenden Erkenntnisaktes kehrt die Metapher vom Lichtfaden wieder. Ihr liegt der Mythos vom Ariadnefa- Teil II Kommentar 63 7.1 Der Übergang von der traditionell-aristotelischen Scholastik zur „ersten Philosophie“ des René Descartes Triade I Kap. 1–3 incl. Kap. 3 a 7.2 Die Lichtfadenstrecke von der sinnlichen Wahrnehmung bis zum Erkenntnisurteil Triade I Kap. 1–3 einwirken. Zwischen beiden – und dies vermittelt die alltägliche Erfahrung – bestehe eine physische Wechselwirkung, deren Ort die sogenannte Zirbeldrüse ist. In jener Drüse manifestiert sich die wesentliche Unterschiedenheit von Geist und Materie als eine Einheit, die sich als Teilhabe am Denken auslegt. Von und an diesem Ort wirkt die Seele auf den Leib vermittels physiologischer Energien, d. h., hier vollzieht sich die Interaktion, der sogenannte „influxus physicus“ von Leib und Seele, zwischen der Wahrnehmung mit den Sinnen und dem intellektiven Erkennen und Wollen. Der Prozess vollzieht sich mechanisch durch Lebensgeister (spiritus animales), im Goue’schen Text aromatische Befestigungen, welche sich in den Nervenbahnen bewegen und durch Einwirkung von Druck und Gegendruck der Seele (codierte) Informationen zukommen lassen. Ebenfalls ist es vonnöten, sich mit der Wirbeltheorie zu beschäftigen, um letztendlich das Ganze natürlicher Erscheinungen zu verstehen und zu erklären. Füllen doch Wirbel unmessbar feiner Materie das Universum aus und bestimmen dabei die Bewegungen der Himmelskörper. Die Wirbel ordnen und strukturieren die Körper zugleich. Mit den Überlegungen zur Entstehung des Kosmos beschreibt das 3. Kapitel des „Hoeeren Rufs“, Des Uibergangs Uibergang zum Uibergang, im metaphorischen Sinne zugleich die Entstehung und Entwicklung intellektueller Erkenntnis. Beide Theoreme haben derart Eingang in den Text gefunden, dass sich sowohl Physikalisches als auch Epistemologisches einer systemischen Betrachtungsweise des Lesers anbietet: den zugrunde, der sich bruchstückhaft mit der Nennung des „Labyrinths“ (Kap. 1) und der Namensnennung Ariadne (vgl. Kap. 12) in das Textganze eingefügt hat. Es gilt, die überholten Erkenntnisse von gestern – gemeint ist hier die Wirbeltheorie des Descartes, welche eine ungeheure Wirbelbildung rund um die Sonne annimmt, die das All erfüllt und die Planeten mit sich reißt – an den Newton’schen Naturgesetzen zu messen und sie endgültig ad acta zu legen. Entgegen einer vermeintlichen Denknotwendigkeit des Rationalismus lässt Newton lediglich das Experiment und die Induktion als alleinige Methode gesicherter Naturerkenntnis zu. Anhand seiner Gravitationstheorie und Attraktionstheorie schuf er ein in sich geschlossenes System der Mechanik. Während es für Descartes zur Natur der Materie gehört, ausgedehnt und daher prinzipiell teilbar zu sein, wird hier die These des Atomismus vertreten, dass es ausgedehnte Teilchen gibt, die nicht mehr teilbar sind. In der Tradition des Demokrits wird für den Atomisten Isaac Newton die Mannigfaltigkeit und Veränderlichkeit aller Erscheinungen verursacht von einer Vielfalt bewegter kleinster unteilbarer Materieteilchen (Atome, unsichtbare Ur-Teilchen) in einem unbegrenzt leeren Raum. Sie verbinden sich mit- und trennen sich wieder voneinander und schaffen in einem solchen Prozess die Dinge. Hingegen stellt für den Korpuskulartheoretiker René Descartes die Summe unendlich vieler Materieteilchen das All selbst dar und füllt dieses vollständig aus. Die Unterschiedenheit beider Theorieansätze ist in der unterschiedlichen Auffassung vom Begriff der Ausdehnung begründet. Die beiden Fragen nach dem fast unmerklich kleinen Alle und dem Lilliputpuinktchen führen darüber hinaus zu den Anfängen der Infinitesimalrechnung (Differential- und Integralrech- Teil II Kommentar 64 7.1 Der Übergang von der traditionell-aristotelischen Scholastik zur „ersten Philosophie“ des René Descartes Triade I Kap. 1–3 incl. Kap. 3 a 7.2 Die Lichtfadenstrecke von der sinnlichen Wahrnehmung bis zum Erkenntnisurteil Triade I Kap. 1–3 Kosmogenese Des Uibergangs Uibergang zum Uibergang Intuition und Deduktion Mit scharfem Verstand vermagst du Realistischeres über die Entstehung des Kosmos zu erkennen, als was die bisher im Umlauf befindlichen Theorien hergeben. Sie wirbeln nur Staub auf. Für dich gilt: Sei wissensdurstig und wage es, dir die richtige Theorie anzueignen. Kennst du die Wirbeltheorie oder kannst du die Gedanken über sie nachvollziehen? Dann freilich wirst du über die zuvor geschilderten Denkmodelle nur noch lachen. Nunmehr bleibt dir einzig die methodische Suche nach der Wahrheit, die sich klar und Du kanst ein Adler sein; die stralenhauchende Wolken naeer kennen als alle andre tifer in di Atmosfaere geblasene Klumpen, in deren Bezirk ein raßlender Feuerbal sich waelzend bestaubet. Es bleibt etwas fuir dich aufgestemmet. Wag es enzuindungsvol das Hoeere einzuatmen. Was denkst du von dem Feuerdunst? kanst du ihn gewoenen? dan, dan lachst du des Staubes. Nichts ist fuir dich uibrig, als den du bald wirst kennen lernen, der uibergegangene Uibergang zu des Einem Adler in den Lüften gleich lernst du höhere Wahrheiten besser von Wahrscheinlichkeiten zu unterscheiden. Letztere sind außerhalb deines Erkenntnis-horizontes, in dessen Milieu ein Energiebündel von Pseudowissenschaftlichkeit nur Staub aufwirbelt. Für dich gilt: Sei wissensdurstig und wage es, dir höhere Wahrheiten anzueignen. Wenn dir das Streben nach wahrem Wissen zur zweiten Natur geworden ist, dann kannst du über das Unwissen von ehedem nur lachen. Dir bleibt einzig die Erkenntnis, nung) und ihren Konsequenzen für ein neues Weltbild. Newton bestimmt dabei den Punkt als eine unendliche kurze Linie und zugleich als augenblicklicher Zuwachs einer Geraden. Dieser Punkt ist in Bewegung, wächst zu einer Geraden und fließt gleichzeitig wie die Zeit. Das nicht mehr teilbare Kleine ist als ein Moment im Fluss des Werdens festgestellt. Über sein geometrisches Abbild wird die Bewegung in eine Kurvengleichung transferiert. Newtons Physik schuf die Verbindung von experimenteller und mathematischer Wissenschaft neu. Im Text ist der geometrische Ausdruck eines unendlich Kleinen bzw. eines kleinsten Materieteilchens der Punkt (Lilliputpuinktchen). Er besitzt keinen Ort und verfügt über keinerlei Dimension (Raum/Zeit). Ohne diese Eigenschaften versagt das konkrete Vorstellungsvermögen des Menschen, das stets auf Dimension, Form, Ort sowie Größe verwiesen ist. Was ihm bleibt, ist lediglich ein Annäherungswert an besagten Punkt im Denken intellektiver Logik (Was denkst du von dem fast unmerklich kleinen Alle?) Die Geschichte hatte bis dato eine recht unübersichtliche Landschaft für all die Irrwege der Vernunft geboten, die Natur zu beherrschen. Descartes verschonte in seinen Ansichten über die Geschichte auch nicht die großen Historiker der Vergangenheit. Für ihn stand die Suche nach einer Universalmethode im Vordergrund, um nach der „Rezeptur“ neues und sicheres Wissen zu begründen. Das Ergebnis seiner Suche nach einer solchen Methode, die more geometrico auf alle beliebigen Objekte anwendbar ist, fasste er in vier Regeln zusammen: Es gilt, Teil II Kommentar 65 7.1 Der Übergang von der traditionell-aristotelischen Scholastik zur „ersten Philosophie“ des René Descartes Triade I Kap. 1–3 incl. Kap. 3 a 7.2 Die Lichtfadenstrecke von der sinnlichen Wahrnehmung bis zum Erkenntnisurteil Triade I Kap. 1–3 Kosmogenese Des Uibergangs Uibergang zum Uibergang Intuition und Deduktion deutlich dem Verstand zeigt und durch das natürliche Licht der Vernunft erkannt wird. G. Uibergangs Uibergang. G. die sich klar und deutlich dem Verstand zeigt und durch das natürliche Licht der Vernunft erkannt wird. G. Der Ergänzungsabschnitt 1, Kap. 3 a der 2. Auflage, fasst in einem feierlichen Appell an die erwachende Vernunft das zusammen, was „Aufklärung“ meint: die Vernunft selbstständig zu gebrauchen, sich von tradierten Vorurteilen und Meinungen zu trennen und sich auf den Weg zu machen, d. h. sein Denken und seinen Denkweg neu zu bestimmen. 1. nur das als wahr anzuerkennen, was sich klar und deutlich erkennen lässt, d. h. an allem zu zweifeln, was nicht klar und deutlich anerkannt, d. h. erneut bezweifelt werden kann; 2. Problemstellungen so weit wie möglich in Teile zu zerlegen; 3. stufenweise vom einfachsten Objekt zum kompliziertesten fortzuschreiten; 4. durch Aufzählung die Vollständigkeit des Systems sicherzustellen. Ziel dieser analytischen Methode ist es, zu den einfachsten Naturen vorzudringen und von hier ausgehend zu Schlussfolgerungen zu gelangen, also Deduktionen vorzunehmen. Falsche Denkwege aus früheren Zeiten müssen als Erstes korrigiert werden, um das Denken auf ganz andere Füße zu stellen. Zu einer solchen Leistung ist der Mensch befähigt, da er den Status des bloß Vegetativen/Animalischen längst hinter sich gelassen hat. Nur die Betrachtung der grundlegenden physikalischen Forschungsergebnisse des Isaac Newton bewahren vor weiteren Irrtümern. Die Ansichten des Descartes von den „Bücherwissenschaften,… deren Argumente nur wahrscheinlich sind und die nicht irgendwelche Beweise besitzen“ (Discours, 2. Teil, VI, 12 f.), teilt der Autor des Parallelkapitels in keiner Weise. Gerade durch das empirische Vorgehen der Vernunft wurde z. B. die in irriger, vielleicht betrügerischer Absicht entstandene Urkunde über das Zustandekommen des Kirchenstaats (Konstantinische Schenkung) als Fälschung entlarvt. Auch die Schulen antiker Autoritäten der Geschichtswissenschaft können allein durch eine empirisch vorgehende Vernunft auf ihre Sinnhaftigkeit im Kontext ihrer jeweiligen Zeitgebundenheit revidiert und danach einer neuen Wahrheit zugeführt werden. Teil II Kommentar 66 7.3 Triade 1, Kap. 4–6 7.4 Triade 1, Kap. 4–6 Als ein Erdenklos ist jener Mensch beschrieben, dessen Vernunft noch nicht erwacht ist und in dessen Verstehenshorizont eine ernsthafte Befragung dessen, was seine Erkenntnis trägt, noch nicht Eingang gefunden hat. Einzig ein Gefühl, etwas bewirken zu können, gibt der Aktualisierung dieser Kraft Sinn. Aus ihr erwächst notwendigerweise ein vorerst noch unvernünftiger Wille, den es praktisch zu erproben gilt. In dieser Willensanstrengung bestimmt der Erdenklos sich selbst. Nunmehr ist seine Vernunft geweckt, und er erkennt, dass er sich nicht auf traditionelle Gewissheiten verlassen kann. Vorerst noch bestehen Zweifel an der Richtigkeit angeborener Ideen, die sich aber intuitiv und unbezweifelbar als gewiss und sicher ausweisen. Von nun an ist ihm ein Streben zu mehr und höherer Erkenntnis zu eigen. Ausgangspunkt allen vernünftigen Werdens ist der Mensch in gänzlich minimalistischer Vorstellung eines Wesens mit lediglich vegetativen und animalischen Eigenschaften. Seine Sinnesorgane haben ihn bis dato noch nicht zu einem Akt sinnlicher Wahrnehmung hinführen können. Noch bar solcher Möglichkeit, aber doch grundsätzlich fähig zu einer solchen, ist er prinzipiell für kommende Erfahrungen mit den Sinnen gerüstet. Ganz allmählich überschreitet er die Schwelle zu einem noch unfertigen Erkenntnissubjekt, welches ihn zu ersten Erfahrungen mit den Sinnen zu führen vermag. Allerdings ist es ihm ohne Aktualisierung seines Verstandes verwehrt, zu einer richtigen Handlung bzw. zu einem richtigen, d. h. vernünftigen Urteil zu gelangen. Nunmehr macht ihn sein (nicht vernünftiges) Handeln um einige Erfahrungen reicher. In diesem Probieren liegt auch der Grund für seine zunehmende Eigenständigkeit, auf der Lichtfadenstrecke weiterzugehen. Die gesellschaftliche Wirklichkeit eröffnet ein gar missliches Bild. Halbwahrheiten, Vorurteile, Mythen und irrende bzw. unglaubwürdige Autoritäten vermeinen ihr Wissen als wahre Erkenntnis. Gewiss und unbezweifelbar ist nur eins, nämlich die Gewissheit der eigenen Existenz durch Selbstwahrnehmung. John Locke bezeichnet dies als die einfachste und allgemeinste Idee. Die Sichpruifung der Überschrift von Kap. 6 kommt einer Aufforderung zur Selbstvergewisserung gleich. Teil II Kommentar 67 7.5 Triade 2, Kap. 7–9 7.6 Triade 2, Kap. 7–9 Als ein Erstes auf dem soeben beschriebenen Weg gilt es, nach Maßgabe von Versuch und Irrtum die Autorität der bisher tradierten Ansichten und Meinungen infrage zu stellen und ihre „Wahrheiten“ auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Nunmehr führt der Weg vom bloßen Glauben zur rationalen Erkenntnis, von bloßer Wahrscheinlichkeit zur absoluten Gewissheit. Dabei sollte man sich nicht von seinen Mitmenschen verunsichern lassen. Je größer der Abstand von ihnen, desto eher schwinden sie als Träger und Vermittler bloßer Meinungen und Vorurteile. Ein Vergleich des neu erworbenen Wissens mit sogenannten überlieferten Wahrheiten entlarvt Letztere als falsch, besser noch als einen Popanz, der wie eine Seifenblase zerplatzt. Es gilt, auf dem einmal eingeschlagenen Weg selbsttätiger Vernunft zu bleiben und sich dabei endgültiger Wahrheitserkenntnis stetig anzunähern. Einzig greift die rationalistische Auffassung, dass allein aus allgemeinen, logisch oder intuitiv gewussten Prämissen zur richtigen Erkenntnis der Einzeldinge gelangt werden kann. Jeder Schritt in dieser Richtung führt näher zur Wahrheit. Der Ruf zur Weisheit hat einen Suchenden am Übergang zu einem esoterischen Bund, dem Bund der Freimaurer, erreicht. Hier erlebt er im Verlauf des Aufnahmerituals seine zweite Geburt, die ihn an die Interna des Bundes teilhaben lässt, mit all seinen Geheimnissen und spezifischen Erkenntnissen im Symbolbereich. Aller Initiation liegt das Thema der Geburt zugrunde, sie will von Anfang an den Menschen durch eine zweite Geburt in eine neue Form des Menschseins hineinheben. Dabei gibt sie ihm aber keine spezifischen Verhaltensregeln an die Hand. Nicht so sehr die Welt zu verändern ist seine Bestimmung, eher sie zu durchschauen. Es gilt von nun an, Vielwisserei in „Ein-Sicht“ zu verwandeln. Dabei ist er als ein stets Suchender bereit, die Mühen des Weges auf sich zu nehmen, der zum wahren Königtum des Menschseins führt (vgl. Thorwal Dethlefsen, Ödipus – der Rätsellöser. Der Mensch zwischen Schuld und Erlösung, München 1990). Dies entspricht Der Status des Angeredeten ist ein Kuinftiger, ein in sich gekehrtes Individuum, losgelöst von jeglicher Sinneswahrnehmung. In dieser Situation findet er in seinem Bewusstsein die Ideen, die sein Geist bereits in sich selbst wahrgenommen hat. Von diesem Zeitpunkt an zielt sein Erkenntnisstreben auf die Einheit von sinnlicher Wahrnehmung und Denken, welche gemeinsam die Bedingungen für alle Wahrheitserkenntnis sind. In der Re-Flexion der Vernunft, also in der Rückbeugung der Vernunft auf sich selbst, entdeckt der Mensch die Bedingungen, die für wahre Erkenntnis unverzichtbar sind: Intuition, Demonstration und Sensation. Bei der Intuition nimmt der Geist die Kongruenz bzw. die Inkongruenz zweier Ideen unmittelbar durch sich selbst wahr. Bei der Demonstration erkennt er diese durch die Vermittlung anderer Ideen. Die Sensation bedeutet die Erkenntnis durch äußere Sinneswahrnehmung. Das Ganze der Erkenntnis entspricht dem Umfang des Wissens. Dieses geht allerdings nicht über das unmittelbare Objekt der Wahrnehmung (Idee) hinaus und reicht nur bis zu dem Punkt, an dem der Geist die Übereinstimmung bzw. ihr Gegenteil herzustellen vermag. Eine Verstandestätigkeit eigenen Ursprungs ohne Sensation bleibt ausgeschlossen. Die freimaurerische Intention im Parallelkapitel wird profanisiert durch die Aufzählung der Bedingungskonstanten für die wahre Erkenntnis. Dem raetselgleich sprechen steht orakelmaessiger ins Or raunen gegenüber. War das Orakel einst eine priesterliche Einrichtung, um die Götter zu befragen, so hat sich hier im Text ein Bedeutungswandel vollzogen. Die zu befragende Instanz ist die eigene Vernunft; die Meinungen anderer bleiben außen vor. Auch wird nicht einer Wiedergeburt das Wort geredet (Leben kommt aus dem Tod); das Leben erlebt keinen qualitativ masonischen Sprung, sondern geht schlicht und ergreifend in zunehmende Erkenntnisqualität über und weiter. Teil II Kommentar 68 7.5 Triade 2, Kap. 7–9 7.6 Triade 2, Kap. 7–9 dem Anliegen der hermetischen Tradition der „Königlichen Kunst“ der Freimaurer. Die Hochgradfreimaurerei des 18. Jahrhunderts lehnte sich an die hermetische Philosophie an, indem sie die Alchemie als Symbolgrund für ihre Rituale nutzte. Als ihr Verfasser wurde Hermes Trismegistos angesehen. Ab jetzt verlagern die Eingeweihten ihre Aufmerksamkeit auf eine höhere Ebene und sprechen in einer nur ihnen vertrauten Sprache, die sich dem Neophyten eröffnet hat. Ihre (Meta‑)Kommunikation ist allen Außenstehenden fremd, deshalb können sie auch in Rätseln sprechen. Von nun an soll der Eingeweihte sein Ohr auf den höheren Ruf richten. Teil II Kommentar 69 7.7 Triade 3, Kap. 10–12 7.8 Triade 3, Kap. 10–12 Das alte Leben ist vergangen, die Blickrichtung des Angesprochenen zielt ab sofort auf das neue. Sich diesem zuzuwenden heißt, sich vom Alten abzuwenden. Der schwere Rucksack samt dem alten Plunder, der bis dato den Willen zur Wahrheit so schwer, ja unmöglich gemacht hat, ist nicht mehr wichtig. Dazu gehören auch die Symbole Diadem, Ordensband und Stern der Bruderschaft, in die er aufgenommen wurde. Ihre Bedeutung hat der Eingeweihte jetzt verinnerlicht, die äußeren Zeichenträger sind nunmehr obsolet. Exakt dies unterscheidet ihn von seinen Zeitgenossen, die dem Gegenständlich- Materiellen einen unbedingten Wahrheitscharakter zubilligen wollen. Während sie sich vom Glanz des Sterns noch blenden lassen und sich noch dem stinkigen Unrat von früher zugesellen, verzichtet der Hörer des hoeeren Rufs bei seiner Suche nach wahrer Erkenntnis gänzlich auf den Gegenstandsbereich. Den hoeeren Ruf zu vernehmen, bedeutet das eindeutige Bekenntnis zur Rationalität und zum Rationalismus und die entschiedene Abkehr vom Empirismus, der die Grundlage aller Erkenntnis in der Sinneserfahrung verortet. Wirklich sind dabei nur einzelne Gegenstände und Phänomene. Lediglich der rechte Gebrauch der Vernunft vermag die Gegenstandswelt zu ordnen und die richtigen, d. h. induktiven Schlüsse aus ihnen zu ziehen. In einer Art Rückschau stellt der Autor nicht ganz ohne ironischen Unterton fest, dass die Vertreter der traditionellen Wissenschaft der neuen Erkenntnistheorie des Rationalismus nichts entgegenzusetzen haben. Der „neue“ Weg zur Wahrheitserkenntnis ist in Teilstrecken unterteilt, an deren Beginn unterschiedliche Wegmarken den jeweiligen Erkenntnisstatus des Vernunftmenschen benennen. Der Weg führt bis zu einer Wahrheitserkenntnis, die mit einem richtigen Urteil abschließt. Auf diesen machen sich zunächst der Pruifling und der Gelokte. Beide wissen bereits von den eingeborenen Grundsätzen (Ideen) und probieren im Vollzug des Denkens sich und Der feinere Pfif ergeht nicht an einen Neophyten, der eben erst in den Bund der Freimaurer aufgenommen wurde, wie es beim hoeeren Ruf der Fall ist. Vielmehr steht er für Erkenntnisse, die qua Intuition gewusst sind, wie z. B. die, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Andere Überzeugungen, Meinungen und Meinungsträger sind obsolet, und es gilt, ihnen Lebewohl zu sagen, handelt es sich doch im Grunde um Missverständnisse. Derjenige, den der feinere Pfif erreicht hat, steht allein und für sich selbst; ihn kümmert nicht der Wissens- und Wissenschaftsbestand der gegenwärtigen und der vergangenen Zeit. Die innere Selbstwahrnehmung entspricht der Locke’schen Idee der Realexistenz. Auch nimmt der Geist die Inkompatibilität zweier entgegengesetzter Ideen wahr. Die Entwicklung der Vernunft führt von einem Künftigen über ein Baldiges und Harmonisches zur wahren Erkenntnis. Auf diesem Weg ist die Gefahr des Selbstbetrugs stets aktuell, gerade dann, wenn der Mensch meint, auf sinnliche Wahrnehmung verzichten zu können. Die Gesetze der Erkenntnislogik gilt es zu einer Einheit zusammenzuführen, den Spott und die Arroganz andersdenkender Mitmenschen auszuhalten. Der griechische Mythos vom Faden der Ariadne (Folg Ariadnen!) erläutert im Text die Metapher vom Lichtfaden und erhellt die gesamte Ablaufstrecke der ineinander übergehenden Fadenabschnitte, ausgehend von der sinnlichen Wahrnehmung bis hin zur Ideenverknüpfung des Verstandes. In der mythologischen Erzählung gab einst Ariadne, die Tochter des Minos, des Königs von Kreta, und der Pasiphae, Schwester der Phaidra, dem Theseus ein Garnknäuel, damit er an dessen Faden, einem Leitfaden gleich, den Weg aus dem Labyrinth finde. So wurde Theseus vor Verirrungen bzw. Ab- und Umwegen bewahrt. Der Faden wies ihm den rechten Weg bis ans Ende der Gesamtstrecke. Ist einmal der richtige Weg einge- Teil II Kommentar 70 7.7 Triade 3, Kap. 10–12 7.8 Triade 3, Kap. 10–12 ihre Vernunft aus. Dies vorausgesetzt, geht der Berufene, der kein anderer als ein Suchender nach freimaurerischer Erkenntnis ist, seiner Aufnahme in den Geheimbund entgegen und vernimmt dort den hoeeren Ruf, jenes noch nicht in Gänze abgeschlossene Regelwerk vernünftigen Denkens. Die letzte Wegstrecke ist die des Weisen, sie vollendet die Denkbewegung. Der Weise verfügt über ein allgemein gültiges Gesetz, in ihm wird das Hintereinander der Teilstrecken in Form eines stimmigen Urteils zu einem Ende geführt. Nun gilt es für jeden, der sich auf den Erkenntnisweg gemacht hat, sich den Gebrauch dieses Gesetzes zu eigen zu machen, um endlich auch der hohen Weisheit teilhaftig zu werden. Allerdings ist der Weise nie vollkommen weise, stets ist er gehalten, seinen Erkenntnishorizont zu erweitern, d. h. sein habitualisiertes Wissen zu vergrößern. Zu viel ist allerdings ungesund, kein bloß additives Wissen! Dies allein bedeutet die hoe Weisheit: seinem Geistesblitz bzw. Gedankengang stringent zu folgen, sich nicht von äußeren Dingen ablenken zu lassen, sich ganz allein auf das Denken zu konzentrieren und nicht in alte Denkgewohnheiten zurückzufallen. schlagen – im Sinne des Kapitels der Weg zur richtigen Erkenntnis –, so bleibt ein jeder Irrtum außen vor. Teil II Kommentar 71 7.9 Auf dem Weg der „königlichen Kunst“: Vom Suchenden zum Neophyten, Kap. 1–12 Unser Autor August Siegfried von Goue war Freimaurer und lebte zu jener Zeit, da in Europa die englische Johannismaurerei, die sogenannte „blaue Maurerei“, und ihre schottische Variante, die „rote“ Hochgradmaurerei, die „Strikte Observanz“, auseinanderdrifteten. An beider Entwicklung lässt sich der Konflikt zwischen aufklärerischer Vernunftreligion und ihrer esoterisch-mystischen Absonderung ausmachen. An ihrem Beginn noch weitgehend voneinander getrennt, sind beide Systeme dennoch miteinander verwoben, sodass im Laufe ihrer freimaurerischen Entwicklungsgeschichte die rote auf die blaue Freimaurerei sowohl inhaltlich wie auch rituell aufbauen wird. Eng mit der zuweilen verborgenen Darstellung der Descartes’schen Philosophie, näherhin seiner Erkenntnistheorie, ist die Schilderung eines Suchenden (so nennen die Freimaurer einen Menschen, der bereits unterwegs zum „Licht der Erkenntnis“ ist, bzw. einen Menschen, der sich auf den Weg dorthin aufmacht) in den Kapiteln 1–12 verknüpft. Zugleich wird der Leser und Interpret mit einigen wichtigen freimaurerischen Symbolen bekannt gemacht. Der zirkelzuindige Stral (Kap. 1) meint einen Lichtstrahl in der Form eines Zirkels. Dieser ist eines der drei großen Lichter auf dem Logenaltar und meint das Ordnungssymbol einer allumfassenden Menschenliebe. An seinen beiden Endpunkten zu einem Dreieck verbunden, bildet er das Formelement eines fünfzackigen Sterns (Pentagramms) aus. Um sich rotierend, zeichnet dieses einen flammenden Stern, französisch Étoile flamboyante, jenen Stern, der später in Kap. 10 erwähnt ist. Vorerst steht hier der zweigeteilte Strahl (Zirkel) für das Evidenzerlebnis, welches den Ausgangspunkt des masonischen Erkenntnisweges bis hin zur Lichterteilung, d. h. zur Logeninitiation bildet. Grundsätzlich ist dieser Zirkelstrahl identisch mit dem jedermann eigenen Erkenntnismoment, in dem ein erstes Prinzip den Aktionsraum der Ver- Teil II Kommentar 72 7.9 Auf dem Weg der „königlichen Kunst“: Vom Suchenden zum Neophyten, Kap. 1–12 nunft betritt und fürderhin dem Denken Orientierung verleiht. Wenn im Folgekapitel 2 von beschenkeln die Rede ist, bezieht sich dies auf die Schenkel jenes gedachten Dreiecks und vermeint den kontinuierlichen Fortgang der Erkenntnisbemühung. Allerdings werden dem Gang der Vernunft unterschiedliche Zielsetzungen vorgestellt: zum einen die Erkenntnis allgemeiner, profaner Wahrheit und zum anderen eine spezifisch ethisch-praktische, masonische Wahrheit, die ersterer nicht zu widersprechen braucht. Der Weg zur letzteren wird in der Freimaurerei der „goldene Weg“ genannt. Jedermann weiß um die intuitive Richtigkeit eingeborener Idee (Kap. 6) – schließlich hat Gott die menschliche Vernunft nicht zum Irrtum, sondern zum wahren Erkennen eingerichtet –, hier der mathematischen Gesetze, so z. B., dass das Produkt aus 2 mal 2 gleich 4 beträgt. Allerdings führt das Wissen um die freimaurerische Zahlensymbolik zu einer zusätzlichen Erkenntnis, die nur wenigen vorbehalten ist, eben den Brüdern Freimaurer. Ist doch für sie das Viereck eine Hieroglyphe für die Loge, will sagen: Die eingeborene Idee mathematischer Sätze erhält hier eine logeninterne Zusatzdeutung bzw. Bezeichnung. Der Symbolik der Viererzahl schließt sich im Kap. 8 das Bild eines Spiegels, das des Wargestaltungsrukprallingers, an. Bei seiner Aufnahme in den Bund der Freimaurer wird ein solcher dem Suchenden vorgehalten, damit er sich selbst erkenne. Hierbei steht nicht das optische Bild zur Mahnung an, sondern jene ernste Selbsterkenntnis des „Erkenne dich selbst“, die gleich einem unerbittlichen Richter das innen Verborgene symbolisch vor Augen führen soll. An gleicher Stelle ist das Tempo aller weiteren Denkbemühungen im Maß der Dreizahl (verdreifache deine Schritte) vorgegeben. Wie keine andere Zahl repräsentiert die Drei geistige Vollkommenheit; sie ist die heilige Zahl der Freimaurerei. Der Gerufene steht jetzt vor seinem Übergang in ein neues, anderes Leben. Angesichts von Zeichen der Vergänglichkeit, Sarg, Teil II Kommentar 73 7.9 Auf dem Weg der „königlichen Kunst“: Vom Suchenden zum Neophyten, Kap. 1–12 Knochen und Schädel, erlebt der Neophyt, dem Griechischen (Nεόφυτος, d. h. neu eingepflanzt) entlehnt, nunmehr seine zweite Geburt, den Beginn eines neuen Lebens, welches mit seinem Eintritt, d. h. Übergang (!) in die Loge, anhebt. Dem neuen Leben geht der Tod des alten voraus: Leben kommt aus dem Tod. Ab sofort kann man mit und zu ihm als Eingeweihtem raetselgleich sprechen. Er wird das Gesprochene deuten und verstehen können. Ist nun der hoeere Ruf an den Suchenden ergangen (Kap. 10), so weist einleitend die Symbolik der Zahl 12.999 auf das Initiationsritual hin. Die Zahl neun ist die Potenz der Drei, Inbegriff höchster Vollkommenheit. Im Verlaufe des Rituals steigt der noch Suchende über einen Sarg und tut damit sich und der versammelten Bruderschaft kund, sich über alle profanen Dinge zu erheben. Sogar besagten Stern lässt er dabei unter sich. Von diesem Moment an bedarf er nicht mehr des äußeren Symbols, sein Bedeutungsgehalt gehört ab sofort zu seinem verinnerlichten Wissensbestand. Der Stern steht vorerst am Ende eines Weges, an dessen Beginn der zirkelzuindige Stral aufblitzte, die Strecke von einer ersten grundlegenden Erkenntnis bis hin zu der Aufnahme in die Logengemeinschaft gleichgesinnter Brüder. Unbestritten wird die Erkenntnistheorie des Rationalismus von den Mitgliedern des Freimaurerbundes für sich in Anspruch genommen, sicherlich um diesen Anspruch aufgeklärter Vernunft durch die Philosophie des René Descartes bestätigen zu lassen. Sein philosophisches Werk gilt prinzipiell für alle vernünftigen Menschen, wiewohl es im Textverlauf spezifisch auf die Aufnahme in diesen Bund ausgerichtet bleibt. Teil II Kommentar 74 8. Ergänzungsabschnitt 2, Kap. 12 a der 2. Auflage des „Hoeeren Rufs“: Das Amt eines Tilgmans Unschwer lässt sich nach den ersten zwölf Kapiteln ein Einschnitt in die Systematik der in der 1. Auflage vorgegebenen Kapitelreihe erkennen. Von nun an ist nicht mehr vom Werden der menschlichen Vernunft die Rede, vielmehr schildern die folgenden vier Kapitel das Rüstzeug eines bereits weisen Menschen. Es sind dies das Gesetz der Weisheit, die gleich einem Skalpell sezierende Vernunft, die situative Befindlichkeit eines Weisen sowie dessen Fähigkeit zur Selbstkorrektur. Metaphorisch legt sich der Geist in seinen intellektuellen Vermögen wie folgt aus: 1. als Geisel, die für die obersten Verstandesbegriffe, d. h. die eingeborenen Ideen steht und die intuitiv erfassten Verstandesbedingungen meint; 2. als Messer, welches die reflektierende Vernunft in ihrem logischen Procedere beschreibt; 3. als Binde, die metaphorisch für die noch nicht voll entwickelte bzw. noch irrende Vernunft steht, denn jedem Irrtum liegt ein Akt der Vernunft zugrunde, wenn auch ein unvernünftiger. Diese Vermögen sind erforderlich, um kraft Intelligenz und Denkfähigkeit die menschliche Existenz von ihrem Dasein als Erdenklos zum Status eines Weisen zu führen. Der in der Kapitelüberschrift genannte Tilgman ist nichts anderes als die Vernunft, die Zuchtmeisterin für die eigene Unzulänglichkeit, für die falschen Einflüsterungen der Zeitgenossen sowie für die bis dato noch tradierten Vorurteile. Auf dem einmal eingeschlagenen Weg zur Weisheit gilt es, die Nähe eines bereits Weisen anzustreben. Teil II Kommentar 75 9.1 Kap. 13–16: Von der Weisheit Buch, dem Messer, der Höhle und der Binde des Weisen 9.2 Kap. 13–16: Von der Harmonie Leerton, dem Pfeifchen, der Wohnung und dem Stab des Harmonischen Das Gesetz der Weisheit gebietet, nicht lediglich die Meinung der vielen anderen zu übernehmen, auch dann nicht, wenn aus deren Meinungsbild sich eine eigene abhebt. Bereits 14 Jahre später spricht Kant in seiner Schrift „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ von den Selbstdenkenden unter den eingesetzten Vormündern des großen Haufens, „welche den Geist … selbst zu denken in sich verbreiten werden.“ Prinzipiell gehört es zu einem Weisen, sich selbst eine, und daher seine Meinung zu bilden. Eine kritische, methodisch vorgehende Vernunft neigt dabei zum Widerspruch und zur intellektuellen Widerlegung eines Irrtums sowie zur Ablehnung einer erwiesenen Unwahrheit. Die Vernunft wird beschrieben als ein erlesenes Instrument des Geistes, als ein feines, schneidendes Skalpell. Die Vorstellung eines Menschen, der ausschließlich von blo- ßen Wahrscheinlichkeiten und mit Vorurteilen lebt, bestätigt den Weisen in seinem Bewusstsein, sich selbst seine Meinung zu bilden bzw. ein eigenes Urteil über ein Ding oder einen Sachverhalt zu fällen. Anschaulich scheint der Autor in seiner Überschrift auf das Höhlengleichnis des Platon zurückzugreifen, jener Stätte der Illusionen und Einbildungen, in die es das Licht der Aufklärung zu bringen gilt. In Platons Höhle sind die Menschen mit Blickrichtung auf eine Mauer festgebunden, sodass sie die Schattenbilder von Gegenständen, die hinter ihrem Rücken vor einem Feuer vorbeigetragen werden, mit der tatsächlichen Realität verwechseln. So lange sind sie von wahrer Erkenntnis der Dinge ausgeschlossen, bis sie von ihren Fesseln gelöst werden und aus der Höhle in das Sonnenlicht treten können. Dummheit und Halbwissen gilt es voneinander zu unterscheiden, und letztendlich ist es der Vernunft nur durch methodisches Vorgehen möglich, zu einem Wahrheitsergebnis zu gelangen. Die Metapher von gruinrauschenden Elissaiden meint die Zeit fruchtbarster Schaffenskraft des Geistes ohne alle irdischen Beschwernisse an jenem Die Richtigkeit eines empirischen Urteils bestätigen nicht die jeweils anderen. Sich auf deren Autorität und Meinung zu verlassen, ist abwegig. Einzig die persönliche Erfahrung, die innere und äußere, Sensation und Reflexion, führen zur richtigen Erkenntnis. An sie gebunden vermag der Geist die kleinsten Nuancen wahrzunehmen. Phantasiegebilde können für sich keine Wahrheit beanspruchen, weil sie allein im Verstand vorhanden sind und die Erfahrung mit den Sinnen außen vor bleibt. Der Weg zur Erkenntnis führt von einer ersten Anschauung mit den Sinnen bis zum Urteil der Vernunft. Allein flüchtige Wahrnehmungsurteile reichen zur Wahrheitsfindung nicht aus. Es existiert keine Wahrheit an sich und aus sich. Zu ihrer Findung bedarf der Verstand der Ideen, einfacher wie komplexer, die der Geist in Selbstwahrnehmung durch Vergleichen, Trennen, Verbinden und Abstrahieren erzeugt. Bestandteile komplexer Ideen sind einfache Ideen. Teil II Kommentar 76 9.1 Kap. 13–16: Von der Weisheit Buch, dem Messer, der Höhle und der Binde des Weisen 9.2 Kap. 13–16: Von der Harmonie Leerton, dem Pfeifchen, der Wohnung und dem Stab des Harmonischen Ort, den die Klassik als „Elysium“ kannte. Es ist der Ort der Unsterblichen, den Homer in seiner Odyssee (4,65 ff.) beschreibt: „[…] dort wandeln die Menschen / Leicht durch das Leben. Nicht Regen, nicht Schnee, nicht Winter von Dauer –“. Auch ist die Insel Kalypsos , auf der er längere Zeit verweilte, eine Art Insel der Seligen, auf der „ein Unsterblicher, käme er gegangen und könnte es sehen, / Staunend müsste er schauen und Wonne erfüllte sein Innres“ (Odyssee 5,74). Zur Eigenheit eines fremdbestimmten Menschen gehört es, nicht um diese Fremdbestimmtheit zu wissen. Auch helfen Phantasie und Spekulation bei der Suche nach wahrer Erkenntnis nicht weiter. Allein die stringente Einhaltung der Vernunftmethode führt richtungsweisend zum Erfolg. Teil II Kommentar 77 10. Ergänzungsabschnitte 3–5, Kap. 16 a, 16b, 16 c der 2. Auflage des „Hoeeren Rufs“: Der Mantel, das Holz und der Stab des Weisen Mantel, Holz und Stab beschreiben in den folgenden drei Kapiteln das Unverzichtbare, das einem Weisen wesensgemäß zugehört. So lässt er sich nicht von seinen Emotionen oder denen der anderen leiten, verdient doch ein Mensch, der lediglich von Gefühlen und Trieben beherrscht ist, keine Bewunderung, noch weniger Nachahmung. Nüchternheit und Sachlichkeit sind die besten Mittel, auf ein emotional vorgebrachtes Argument zu reagieren. Das Kapitel „Holz des Weisen“ erörtert das Descartes’sche Wissenschaftssystem einer metaphysischen Physik, wie eingangs der Untersuchung dargelegt. Der Weg zur wahren Erkenntnis ist der des philosophischen Diskurses nach den Regeln wissenschaftlichen Vorgehens. Dazu sind prinzipiell alle Menschen in der Lage. Dem Weisen allerdings ist dieser Weg angemessen, für den Toren ist es eine von Dornen gespickte Strecke, die es erst einmal mühsam hinter sich zu bringen gilt. Erst Dornen tragen Rosen. Teil II Kommentar 78 11.1 Kap. 17: Das Spil des Weisen 11.2 Kap. 17: Die Jagd des Harmonischen Ergebnisoffen wird das Thema „Zeit“ behandelt. Der Autor scheint sich selber nicht ganz im Klaren über sie zu sein, zieht er doch die reale Möglichkeit in Betracht, ihr Wesen nicht vollständig ergründen zu können, obwohl sie konstitutiv für alles Erkennen ist. Sein Rat an den Leser lautet daher, zu versuchen, das philosophische Problem zu klären, es entweder gültig bzw. endgültig abzuhandeln oder in Zukunft die Finger davon zu lassen. Die Naturphilosophie Descartes’ beruht auf der unbedingten Annahme der Existenz Gottes. Nur er erhält zu jedem Zeitpunkt alle Körper in ihrer jeweiligen Existenz und nur er ist zu jedem Zeitpunkt die Ursache für ihre Bewegungen. Von uns Menschen wird ein jeder Gegenstand ausnahmslos in Zeitabschnitten, d. h. in einem Zeitkontinuum erkannt, keineswegs so, als ob er nur punktuell existierte. Die Dauer, die zeitliche Ausdehnung also, muss allen Dingen wesentlich zugehören, damit sie überhaupt als Gegenstände der Erkenntnis wahrgenommen werden können. Es ist eine irrige Annahme, die Zeit einzig den Bedingungen menschlichen Erkennens zuzuordnen, mit der wir zum Begreifen der Dinge idealistisch in der Lage wären. Ganz im Gegenteil, die Dinge werden von Gott in Zeitabschnitten geschaffen und erhalten; nicht in isolierten Zeitpunkten, die Gott beliebig aneinanderreihte. Somit ist die zeitliche Ausdehnung ein Modus des Gegenstandes, unter dem dieser vom Menschen rational erfasst wird, insofern er dauerhaft existiert (vgl. Dominik Perler, René Descartes, S. 119 ff.). Wichtig dabei ist, dass es nicht um punktuelle Existenz bzw. um punktuelles Sein geht, sondern um dauerhaftes Existieren bzw. um ein Sein, welches weiter besteht. „Du bemühst deine Vernunft vergeblich“, heißt es, wenn die Rede von der Zeit ist. Der Autor wird wohl das Augustinus- Zitat im Sinn gehabt haben, das John Locke im 2. Buch seines „Versuch über den menschlichen Verstand“ unter 14,2, „was sie denn sei“, anführt: Si non rogas, intelligo (Sinngemäß etwa: Je mehr ich darüber nachdenke, umso weniger verstehe ich es). Trotzdem ordnet er die Idee der Zeit den beiden Erkenntnisquellen Sensation und Reflexion zu. Die sinnliche Wahrnehmung der Sonnenumläufe, deren regelmäßiges Auftreten ein ähnliches oder gleiches Muster aufweist, vermittelt dem Geist die Idee einer Dauer. Ihre Länge vermag er beliebig aneinanderzulegen. Dies versetzt ihn in den Stand, jeden Zeitabschnitt, ob vergangen oder zukünftig, ungefähr zu bestimmen. Aus nunmehr Bekanntem verschafft er sich unter der Voraussetzung eines gleichbleibenden Verlaufs (Extrapolation) die Idee der Ewigkeit. Weiterhin bedenkt der Mensch eine Kette von Ideen und erkennt dabei im Geist ihre Aufeinanderfolge, die sich in einem ungefähren Früher, Zugleich und Später auslegt. Auch dabei ist allerdings die Gesetzmäßigkeit der zeitlichen Abfolge, ein exakt verlässliche (Zeit‑)Maß, noch nicht gegeben. So entzieht sich die absolute Zeit aller menschlichen Mutmaßung, da alle Erkenntnisbedingungen stets an eine persönliche Erlebnissphäre gebunden bleiben. In aller Konsequenz nähert sich der Philosoph damit Isaac Newton an, der in radikaler Abkehr jedweder subjektiven Erlebnissphäre die absolute Zeit in die Form eines Naturgesetzes gießt: „Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äu- ßeren Gegenstand.“ Teil II Kommentar 79 12.1 Kap. 18: Speise des Weisen 12.2 Kap. 18: Schlaf des Harmonischen Das Kapitel berichtet ultimativ vom Untergang (Tod) des alten Lebens und der Geburt eines neuen Lebens. Alle sinnvolle Lebensführung steht in unmittelbarem Zusammenhang mit einer vernünftigen Lebensgestaltung. Zwischen dem Ende eines alten Lebens voller Phantastereien und Phantasien, Aberglauben, falschen Autoritäten, bloßen Glaubens, Meinens und Dafürhaltens und einem neuen Leben, ausgefüllt mit der ernsthaften Suche der Vernunft nach Weisheit, stehen Welten. Dieses qualitativen Sprungs zwischen Tod und neuem Leben gilt es bewusst zu werden. Die alte Mär vom „Stein des Weisen“ ist ein für alle Mal ausgeträumt. Der Weise hat Vorbildfunktion für den noch Ungebildeten, der sich auf den Weg machen soll. Beschrieben ist der Zustand der Meditation, fernab aller sinnlichen Wahrnehmungen. Es gibt kein altes und neues Leben. Je weniger der Mensch in die Systematik seiner Erkenntnislogik eingreift, umso höher die Aussicht, keinem Irrtum anheimzufallen. Wird der Zustand des reflektierenden Geistes unterbrochen, sollte darüber nur mit aller Vorsicht berichtet werden. Alle Rede von Traumgesichtern sollte unterlassen sein, um nicht wiederum Urheber von Spukgeschichten zu werden. Zu diesem Zeitpunkt ist der Zenit wahrer Erkenntnismöglichkeit erreicht. Teil II Kommentar 80 13. Ergänzungsabschnitte 6–7, Kap. 18 a und 18b der 2. Auflage des „Hoeeren Rufs“: Der Umgang mit Tiren / Das Nachtlager des Weisen Beide Kapitel raten dem Weisen, zum einen in Beziehung zu seinen Mitmenschen auf der untersten Erkenntnisstufe, zum anderen ihm selbst. So soll der Weise sein Vernunftwissen nicht für sich behalten, sondern ist gehalten, es weiterzugeben – keineswegs mit Druck, noch weniger mit Gewalt, vielmehr als einer, der um die Vernunftbefähigung seines Gegenübers weiß und diese zu wecken und zu gestalten versteht. Dabei soll er mit pädagogischem Bedacht vorgehen, nicht alles auf einmal vermitteln wollen, sondern sein Wissen in Belehrungseinheiten aufteilen – einem König nicht ganz unähnlich, der den Weisen lenkt, während dieser denkt. Das „Weiterbildungsbemühen“ versteht sich mehr als Lebensform denn als Herrschaftstypus. Ob eines solchen Unterfangens ist dem Weisen freilich geraten, sich ein dickes Fell zuzulegen, um auch in Dunkelheit sein Licht der Vernunft leuchten zu lassen. Zudem soll er sich mit der Vielfalt der Meinungen bekannt machen, sie mit prüfendem Blick analysieren, um dann schließlich zu einem Wahrheitsurteil zu gelangen. Teil II Kommentar 81 14.1 Kap. 19: Ruistung zur Betrachtung 14.2 Kap. 19: Erhebung zum Gesange In einem übertragenen Sinne kommt die Ruistung zur Betrachtung einer Vorbereitung für die Betrachtung gleich. Diese meint eben nicht die bloß visuelle Anschauung oder Beobachtung, sondern deutet auf eine innere Sammlung, auf Überlegungen hin, mehr noch: auf Kontemplation und Meditation. Deren Ergebnisse finden sich im Folgekapitel „Tagseufzer des Weisen“, der die Gedanken auf die letzten Dinge lenkt und damit an das Theologal-Transzendente rührt, das also, was alles Irdische übersteigt. Das angestrengte Bemühen des Weisen um höchste Wahrheit wird in Analogie zu einem Metronom verdeutlicht, einem Gerät zur Festlegung eines (musikalischen) Zeitmaßes. Bei einem Metronom hält zur Zeit der Abfassung des „Hoeeren Rufs“ wie bei einer Uhr eine Feder ein Pendel in Schwung. Seine Frequenz lässt sich auf einer Skala vermittels eines verschiebbaren Gewichts einstellen, welches am Pendel variiert werden kann. Die auf dem Metronom eingestellte Zahl gibt die Schläge pro Minute an, bei 60 dauert das Zeitintervall (beispielsweise einer halben Note) von Schlag auf Schlag exakt eine Sekunde (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Metronom, abgerufen 19.08.2017, 15.00 Uhr). Die Tertie ist der 60. Teil einer Sekunde, im Text als durchlaufender Punkt einer Pendelbewegung gemeint. Er befindet sich in einem angenommenen Gleichgewicht in dem Zeitpunkt, in dem er in seiner Pendelbewegung zwischen links und rechts gerade aufwärts steht, wie ein Stok. Allerdings ist die Zeit nicht etwas, was im Takt des Pendels voranschreitet. Eher fließt sie. Allein schon diese Metapher lenkt den Blick zurück auf Kap. 17, das mit der Feststellung beginnt, vergeblich nach ihrem Wesen zu forschen. Zeit ist ein ungefähres Andauern zwischen einem Früher und einem Später, dazwischen lassen sich ihre Intervalle zählen. Besagtem Stok kommt eine zweifache Bedeutung zu: zum einen als Pendel, zum anderen als metaphorische Umschrei- In einem landschaftlichen Ensemble stellt sich eine Erhebung als eine Anhöhe dar, die es zu ersteigen gilt. Auch versteht man unter einer Erhebung einen Aufstand unzufriedener Menschen in der Bedeutung eines „Sicherhebens“. Beide Nuancen fließen in einen Wortgebrauch ein, der das intrinsische Glücksgefühl meint, schon recht bald zu einer hohen, wenn nicht gar zur höchsten Erkenntnis der Vernunft zu gelangen – dies allerdings unter dem Vorbehalt, dass dabei die Erkenntnis alles Überirdischen ausgeschlossen bleibt. Das Singlid zeigt sich lediglich im Maße eines nicht mehr steigerungsfähigen Minimals, eines solchen des Augenblicks im dauernden Fluss der Zeit, kürzer noch als die im Paralleltext angeführte Tertie. Kein Mensch vermag einem Augenblick Dauer zu verleihen. Aus dem Abstand von links nach rechts ist nunmehr einer von tief unten und hoch oben geworden. Dies liegt erstens am Maß der Zeit, welches stets das gleiche bleibt, zweitens an den gemessenen Zeitintervallen und an den nur vorläufigen Erkenntnisergebnissen und drittens an der beschränkten Lebensdauer des Weisen (Amen). Teil II Kommentar 82 14.1 Kap. 19: Ruistung zur Betrachtung 14.2 Kap. 19: Erhebung zum Gesange bung der Vernunft, welche nicht auf ihrer Höhe verharren kann und dauernd in diskursiver Bewegung verbleibt. Und die Begründung wird gleich mitgeliefert: Es liegt an den Einflussnahmen von außen, dem Fluss der Zeit und dem steten Fortschreiten der Vernunft. Teil II Kommentar 83 15.1 Kap. 20: Tagesseufzer des Weisen 15.2 Kap. 20: Gebaet des Harmonischen Ein Tagesseufzer beendet die 1. Auflage des „Hoeeren Rufs“. An die Stelle des Gebaet im Paralleltext tritt hier ein gänzlich profaner Seufzer, der sich von allem Religiösen abhebt. Vielleicht ist es auch jener Seufzer, den der Volksmund als einen letzten vor dem Tod kennt. In dieser Bedeutung würde er am Übergang vom alten zum neuen Menschen ausgestoßen und dem Weisen von nun an eine Welt ungehinderter Vernunftgestaltung eröffnen. Dies wäre ein gänzlich irdisch verstandenes „Eschaton“, mit dem Lebensziel des Weisen identisch. Adressat des Frohlockens des Weisen ist der Gedanke der Weisheit. Da dieser nirgendwo anders als in ihm selber zu verorten ist, sind die folgenden Bitten in der Art eines Selbstgesprächs formuliert. In ihnen kommt die Gewissheit zum Ausdruck, dass dem Weisen bald das Ganze aller Weisheit – dies ist gleichbedeutend mit der höchsten Stufe aller Erkenntnis – zuteilwerden möge. Max Horkheimer trifft den Sachverhalt, wenn er ihn in seinem berühmten Interview „Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen“ mit Helmut Gumnior einleitend beschreibt: „In einer wirklich freiheitlichen Gesinnung bleibt jeder Begriff des Unendlichen als Bewußtsein der Endgültigkeit des irdischen Geschehens und der unabänderlichen Verlassenheit des Menschen erhalten und bewahrt die Gesellschaft vor einem blöden Optimismus, vor dem Aufspreizen ihres eigenen Wissens als einer neuen Religion“ (Furche Verlag, Hamburg 1970, S. 54). So kann der Weise bei sich hoffen, seine Zeit nicht weiter in Gesellschaft ungebildeter Menschen verbringen zu müssen, seine Vernunft stets vor allen Irrtümern zu bewahren, sich aller Vorurteile zu enthalten und die Vernunft zu immer höheren Höhen zu führen – bis zum Ende seiner Tage. Was ihm bleibt, ist die Sehnsucht nach vollendeter Weisheit, expliziert in der Weise einer profanen Eschatologie. Ein Gebet, besser ein Bittgebet, ist die Hinwendung zu Gott, in dem der Betende seine Bitten aktuell zum Ausdruck bringt. An die Stelle eines persönlichen Gottes ist im Text das Puinktchen der Harmoni getreten, an das sich der Autor in froher Ergebenheit wendet. Sein Frohlocken ist so formuliert, dass eine transzendente Vernunft einen höchstmöglichen Zugang zu einer endgültigen Wahrheit bereits hier auf Erden gewähren möge. Des Autors Bitten übersteigen alles menschliche Erkenntnisvermögen und verweisen in ihrer Sprache auf Wortbilder, die an eine ganz andere, transzendente Welt rühren. Folgerichtig ist die Haltung des Harmonischen mit einer Schaukel beschrieben, die lediglich an einem oberen (transzendenten) Haltepunkt festgemacht ist und ansonsten größtmöglichen Freiraum für die Beweglichkeit garantiert. Im Text werden Töne, die sich menschlichem Unterscheidungsvermögen entziehen, und unfassbare Nebelbilder genannt, alles Wortbilder, die eine andere Welt meinen, das Wahrnehmungsvermögen des Lesers affizieren sollen und doch ihre konkreten Erkenntnisobjekte nicht beschreiben können, da sie aller irdischen Erkenntniskraft entzogen sind. Die Bitten an das Puinktchen der Harmoni beziehen sich auf die unkritischen Mitbürger des bloßen Sagens, der Vorurteile und des Dafürhaltens. Sie mögen zum Schweigen gebracht werden. Auch möge der Bittsteller selber in seinem Erkenntniszuwachs fortschreiten bis zu dem Ziel, das seiner irdischen Existenz vorausliegt. Verkündet wird dies in der Ergebenheit eines Amens – so sei es. Die Ausführungen stehen in einem endzeitlichen Horizont. „Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt“ (2. Petrus-Brief 3,13). „Christliche Existenz“, so Arthur Rich, „ist Existenz im Vorletzten, aber so, dass sie sich im Vorletzten vom Anruf des Letzten, des ‚Eschatons‘, bestimmen und bewegen lässt“ (Heinrich Bedford-Strohm, in: Die zwei Regimente, FAZ, 15.05.2017, Nr. 112, bezogen auf Teil II Kommentar 84 15.1 Kap. 20: Tagesseufzer des Weisen 15.2 Kap. 20: Gebaet des Harmonischen Rich, Arthur: Wirtschaftsethik, Bd. 1: Grundlagen in theologischer Perspektive, Gütersloh 1984, hier S. 132). Teil II Kommentar 85 16. Ergänzungsabschnitte, Kap. 20 a bis 20 g der 2. Auflage des „Hoeeren Rufs“ Sieben Ergänzungsabschnitte beschließen die zweite Ausgabe des „Hoeeren Rufs“, der in seiner ersten Ausgabe formal noch die Systematik von zwanzig einander entsprechenden Kapiteln beider Schriften bereitgehalten hatte. Diese ist gänzlich durch weitere Zusatzartikel aufgegeben worden. Genannte sieben Schlusskapitel unterteilen sich inhaltlich wiederum in zunächst vier Kapitel, die sich eines profan-immanenten Systems zur Erlangung endgültiger Weisheit verpflichtet wissen, bevor die abschließenden drei Kapitel jenen Transzendenzbezug erörtern, den sich genuin freimaurerisches Denken vorbehält. Teil II Kommentar 86 16.1 Ergänzungsabschnitte 20 a, 20b, 20 c und 20d: Vom Stultorum plena sunt omnia; Von der Wurmlichkeit des Leibes; Von der Beposaunung; Die zweite Posaune Die Welt steckt voller Torheit, so Cicero, wenn nicht Forschung und wissenschaftliche Untersuchungen mit dem Anspruch methodischer Exaktheit durchgeführt werden. Ansonsten ist das Ergebnis richtiger Erkenntnis verfehlt, da die Hinführung zur Vernunft dem gesetzten Erkenntnisziel nicht adäquat ist. Zufällig trifft im geschilderten Fall die Kritik ansonsten unfähiger, der Sache nicht gewachsener Menschen zu. Prinzipiell gilt es aber zu solchen Kleingeistern auf Distanz zu gehen und diese auch zu wahren. Hier ist an die Gravitation zu denken, die sich in der gegenseitigen Anziehung der Massen zeigt. Sie bewirkt auf dem Erdball, dass alle Körper nach unten in Richtung des Erdmittelpunkts fallen. Bevor die praktische Ausführung eines Werkes begonnen wird, ist es unverzichtbar, die Schritte der Vernunft nach der Descartes’schen Methode auszurichten und bei der Ausführung nicht allein auf bloße Erfahrung zu setzen. Die genannte Methode ist ein Glücksfall für den geistig gebildeten Menschen und für dessen Denkergebnisse. Es gilt, nach der ganzen Wahrheit zu streben, auch wenn sie noch in weiter Ferne liegt. Arroganz ist gegenüber Halb- und Ungebildeten nicht angebracht. Allen Menschen kommt die Möglichkeit wahrer Erkenntnis zu. Sie sind imstande, Fähigkeiten zu entwickeln (man denke an Rousseaus perfectibilité), heute und in allernächster Zeit. Daher gilt es, die Zeichen der Zeit zu erkennen und offen für jede Wahrheit zu bleiben. Ein weiser Mensch zu sein bedeutet nicht lediglich mehr zu wissen als seine Mitmenschen. Mit allem Wissenserwerb sollte auch eine bestimmte Haltung verbunden sein. Weisheit begnügt sich nicht allein mit Wissen, vielmehr gehören theoretisches Erkennen und praktische Lebensführung als eine Weise sozialer Kompetenz zusammen. Menschen mit der Liebe zur Weisheit, man heißt diese gemeinhin Philosophen, sind Vorbilder für ein ge- Teil II Kommentar 87 16.1 Ergänzungsabschnitte 20 a, 20b, 20 c und 20d: Vom Stultorum plena sunt omnia; Von der Wurmlichkeit des Leibes; Von der Beposaunung; Die zweite Posaune lingendes Leben. Arthur Schopenhauer meint dies, wenn er die Weisheit bestimmte als „vollendete, richtige Erkenntnis der Dinge im Ganzen und Allgemeinen, die den Menschen so völlig durchdrungen hat, dass sie nun auch in seinem Handeln hervortritt, indem sie sein Tun unmittelbar leiten“ (Parerga uns Paralipomena, Bd. II, Werke, Bd. VI). Der Prozess zur wahren Erkenntnis ist ein stetiger, und alle Erkenntnis obliegt einem Wachstumsprozess. Die Zeit dazu ist eine knapp bemessene Ressource. Sie gilt es zu nutzen, auch um erkannte Fehler von ehedem zu korrigieren. Die spezifische Belohnung, die der Weise dabei erfährt, ist die Freude an der persönlich erreichten Höhe methodisch geleiteter Erkenntnis. Sein Erkenntnisstreben nimmt seinen Ausgang von eingeborenen Ideen (Gott, res extensa, res cogitans) und führt über die Methode strenger Deduktion endlich zum wahren Urteil der Vernunft. Teil II Kommentar 88 16.2 Ergänzungsabschnitte 20 e, 20 f und 20 g: Von der Entwurmigung; Von unbeleibten Wesen; Di Anklamrung an der Ewigkeit Saeule Der Leser findet sich wieder in einer Symbolwelt, in einer Welt erfahrungsbezogener Erkenntnis von Symbolträgern, die die Interpretationsgrundlage für freimaurerische Erkenntnis bilden. Dies trifft für die „blaue“ wie auch für die „rote“ (Blutauigling) Freimaurerei zu. Genannte Dinge stehen für den Abschied vom alten Menschen. Es sind dies die Symbole für das Vergängliche, für das Niedrig-Erdhafte, insbesondere die Schlange, die unmittelbar auf dieser Erde kriecht. Das Erdverhaftete, d. h. jede gegenstandsbezogene Erkenntnis, ist überflüssig geworden. Der Weise bedarf auch nicht mehr der freimaurerischen Symbole, darüber kann er jetzt nur noch lächeln. Nunmehr zeigt sich ein anderes Lächeln auf seinem Gesicht. Aus der kriechenden Schlange der Unvernunft ist ein Symbol geistiger Stärke geworden, an die Stelle gegenstandsbezogener Vernunft ist eine kreative Vernunft mit intensiver Schaffenskraft getreten. Der Tempel freimaurerischer Wahrnehmung aus Stein und Mörtel hat sich von aller anschaulichen Symbolik losgelöst und zum Tempel vernunftgeleiteter Weisheit gewandelt. Das Kriechtier Schlange ist zu einem Wesen höchsten Intellekts und schöpferischer Potenz mutiert. Von nun an ist die bloße Vernunft einzig gültiges Instrument kreativer Daseinsdeutung. Auch sind die Phantasiegebilde allen Aberglaubens, die bis dato zur irrigen Erkenntnis der Wirklichkeit beigetragen haben, nicht mehr erforderlich. Die Rede von den unbeleibten Wesen zielt auf die Immaterialität alles Vernünftigen in der Person des Weisen. In seiner Gesellschaft gilt es zu verweilen, nur von ihm kann man lernen. Nun ist ein großer Schritt getan, und mit einem solchen endet die 2. Auflage des „Hoeeren Rufs“. Es ist der Schritt in den Freimaurertempel und zugleich das Festhalten an einer der beiden Vorhofsäulen‚ „Jakin“ und „Boas“, die den Eingangsbereich symbolisch markieren. Mit dem Schritt in einen sol- Teil II Kommentar 89 16.2 Ergänzungsabschnitte 20 e, 20 f und 20 g: Von der Entwurmigung; Von unbeleibten Wesen; Di Anklamrung an der Ewigkeit Saeule chen von der Vernunft vorgestellten Raum betritt man zugleich ein allen Zeiten enthobenes, d. h. für die Ewigkeit geltendes System von Erkenntnis, welches zur unbedingten Wahrheit führt. Zeit ist etwas Sukzessives, doch bedeutet ihre unbegrenzte Verlängerung über den Tod hinaus keineswegs so etwas wie Ewigkeit, in der die Zeit(en)folge aufgehoben ist. Ewigkeit ist etwas anderes als Zeit, etwas, das über diese gänzlich in einen Bereich des Transzendenten, in Theologal-Glaubhaftes hin- über- und hineinragt. Der Schlussruf Jauchze erinnert an das Weihnachtsoratorium des Johann Sebastian Bach von 1734 („Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage“) und führt das Denken ins Theologische. Der rationale Ausblick auf etwas unsagbar Transzendentes ist vollzogen – doch bleibt es beim widersprüchlichen Versuch, Unbeschreibliches zu beschreiben. Teil II Kommentar 90 Schlussbetrachtung: Auf welche Weise zur wahren und richtigen Erkenntnis gelangen? Die hier vorgelegten Schriften zeichnen die Entwicklung, d. h. das Fortschreiten der Vernunft von einem noch gänzlich unkundigen „animal rationabile“ (Kant), von einem vernunftfähigen Lebewesen also, zu einem Weisen bzw. Harmonischen nach, dem es am Ende seines intellektuellen Werdens möglich ist, im Verfolg einer richtigen Methode zu einem wahren Erkenntnisurteil zu gelangen. In seiner Lebensmitte verfasste der 26-jährige August Siegfried von Goue 1768 mit noch zwei anderen Autoren, Joh. Amand. Andr. von Hochstetter und Georg Friedrich Pauli, den „Hoeeren Ruf“ – in jener epochalen Zeitspanne, der die Philosophiegeschichte den Namen „Aufklärung“ gegeben hat. Obwohl ein Kind seiner Zeit, richtete sich sein Denken rückwärtsgewandt gänzlich am Lehrgebäude des Descartes aus, der ca. 140 Jahre zuvor von seinen „Persönlichen Gedanken“ an (Cogitationes privatae, 1619) bis hin zu den „Leidenschaften der Seele“ (Les passions de l’ame, 1649) auf dem Kontinent maßgeblich philosophische Kompetenz beanspruchen konnte. Er lebte noch zu jener Zeit, die wir heute in kunstgeschichtlichen Kategorien als „Barock“ kennzeichnen. Inmitten der Aufklärung stand von Goue geistesgeschichtlich auf den Schultern jenes großen Riesen René Descartes, um ein Bild des Isaac Newton auf ihn anzuwenden: „Wenn ich weiter sehen konnte, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.“ Doch im Gegensatz zu Newton, der grundsätzlich Neues erdachte und schuf, war von Goue konservativ bewahrend und ist es bis zu seinem Lebensende geblieben. Ganz anders der beinahe gleichaltrige Johann Ferdinand Opi(t)z, der sich die empiristische Methode des John Locke zu eigen gemacht hatte und dabei auf die naturwissenschaftlichen Ergebnisse Newton’scher Provenienz zurückgreifen konnte. Lockes Hauptwerk über den menschlichen Verstand war zu dieser Zeit bereits 80 Jahre alt, auf dem Kontinent in interessierten Fachkreisen viel und häufig diskutiert und avancierte zusehends als empiristisch-intellektive Gegenposition zum traditionellen Rationalismus. So gibt die 2. Ausgabe des „Hoeeren Rufs“ mit der Beifügung des „Feineren Pfifs“ den ungefähren Diskussionsstand maßgeblicher philosophischer Kreise auf dem Festland wieder. Fußte rückwärtsgerichtet die Position des August von Goue auf den Prämissen des traditionellen Rationalismus, so vertrat Opi(t)z mit Berufung auf das philosophische Werk des John Locke sive Isaac Newton die Position eines nunmehr modernen, erkenntnistheoretischen Empirismus. Noch standen beide Seiten unvermittelt nebeneinander. In die Rückbesinnung auf die Philosophie des René Descartes verwebt August von Goue in seiner Schrift den Königsweg der Freimaurerei, der dem Suchenden seine Erkenntnisschritte bis zur Aufnahme (Initiation) in den Bund aufzeigt. Sein Weg von schonungsloser Selbsterkenntnis bis hin zu einer allgemeinen Wahrheitserkenntnis durch die Vernunft ist prinzipiell für einen „Suchenden“ und einen „Initiierten“ sowie für einen „Profanen“ der gleiche. Im Text des „Hoeeren Rufs“ sind die Stationen der Selbsterkenntnis – strenge Selbsterziehung und harmonische Lebensführung – allgemein allen Menschen zugeordnet, wiewohl es ein spezifisch freimaurerisches Proprium gibt: nämlich die den Freimaurerbrüdern vertrauten Symbole von ihren Symbolträgern zu abstrahieren, 91 um anschließend über das dem Geist vorgestellte Symbol zur rationalen Wahrheitserkenntnis zu gelangen. Allen Menschen steht der Weg zur aktiven Verwirklichung der Humanität und des höchsten Gebots, der Liebe, offen. Diese Möglichkeit ist auch im „Feineren Pfif“ praxisbezogen aufgeführt, während das Bekenntnis zur Freimaurerei allein dem „Hoeeren Ruf“ vorbehalten bleibt. So sind Wahrheitssuche und Wahrheitsfindung der theoretischen Vernunft wie auch eine harmonische Lebensführung und Lebenshaltung der praktischen Vernunft anheimgestellt. Nun richtet sich im „Hoeeren Ruf“ wie auch im „Feineren Pfif“ die philosophische Explikation theoretischer Erkenntnis ganz allgemein an jedes Individuum, ob eingeweiht oder nicht. Allein im „Hoeeren Ruf“ bleibt die praktische Anleitung zur rechten Lebensführung – der sogenannte Königsweg der Freimaurerei – einzig den Eingeweihten, das sind die Freimaurer, vorbehalten. So setzt August Siegfried von Goue im Rückgriff auf eine „freimaurerische Erkenntnislehre“ noch Wissen mit Tugend gleich. Aufklärung bedeutet für ihn Abschied von aller Unmündigkeit. Rechtschaffenheit und Moral haben ihren Grund in der Erkenntnis dessen, was gut ist. Und dies zu erkennen ist allein Sache des Verstandes als des alleinigen Maßstabes gelungener menschlicher Existenz. Das so Bedachte ist au fond bedenklich („Alles, was viel bedacht wird, wird bedenklich“, F. Nietzsche, Z.1, 67) – schließt doch das Wissen um das Gute nicht notwendig auch das Tun des Guten ein. Welche Absicht aber liegt dem auf den ersten Blick so unverständlichen und verschiedentlichen Sprachgebrauch beider Autoren zugrunde? Sicherlich zum einen, das untereinander verbürgte Schweigen der Freimaurerbrüder über alles, was ihre Loge betrifft und in ihr geschieht, zu wahren. So gleicht sie einem verschlossenen Garten, jenem „hortus conclusus“, der nur Eingeweihten zugänglich ist und aus dem nach außen nichts herausdringen darf. August Siegfried von Goue war ja bereits mit 20 Jahren Mitglied einer Loge. Sicherlich wollte Ferdinand Opi(t)z in der Sache nicht hinter ihm zurückstehen. Selber keiner Loge zugehörig, konnte er die Parallelität der Kapitelüberschriften sowie die Systematik der Abhandlung beibehalten und so demselben Lesepublikum unterbreiten, dass man auch ohne Logenmitgliedschaft einem anderen philosophischen Ansatz des Erkenntnisgewinns in einer eigenen Kryptosprache Ausdruck verleihen kann. Wie das Logenarkanum August Siegfried von Goue nach außen zu einer Ghettosprache nur für Eingeweihte verpflichtete, so legte dem Johann Ferdinand Opi(t)z die Berufung auf die Dichtungsästhetik des Horaz in seiner „Ars poetica / Die Dichtkunst“ Folgendes auf: Wollte zum Kopf eines Menschen ein Maler den Hals eines Pferdes fügen und Gliedmaßen, von überallher zusammengelesen, mit buntem Fieder bekleiden, so daß als Fisch von häßlicher Schwärze endet das oben so reizende Weib: könntet ihr da wohl, sobald man euch zur Besichtigung zuließ, euch das Lachen verbeißen, Freunde? Glaubt mir, […] solchem Gemälde wäre ein Buch ganz ähnlich, in dem man Gebilde, so nichtig wie Träume von Kranken, erdichtet, so daß nicht Fuß und nicht Kopf derselben Gestalt zugehören. Und doch hatten Maler und Dichter seit je gleiche Freiheit, zu wagen, was sie nur wollen. Ich weiß das und diese Gunst erbitte ich selbst und gewähre sie anderen […]“ (Vers 1 f.). „Auch beim Verknüpfen der Wörter, sensibel und achtsam, wirst du Besonderes sagen, wenn eine verschmitzte Verbindung aus einem bekannten Wort ein neues gemacht hat“ (Vers 46 f.). „Menschenwerk wird vergehen, Geltung und Ansehen der Wörter, wie können sie ewig leben! So werden viele längst schon untergegangene Wörter von neuem geboren, es werden vergehn, die heute geschätzt sind, falls es der Sprachgebrauch will; dieser entscheidet und ist der Garant und die Richtschnur des Sprechens“ (Vers 68 f.). Schlussbetrachtung: Auf welche Weise zur wahren und richtigen Erkenntnis gelangen? 92 Literaturverzeichnis Die hier aufgeführte Literaturauswahl folgt der Festlegung einer „theoretischen Sättigung“ aus der qualitativen Sozialforschung (Barney G. Glaser / Anselm L. Strauss: Die Entdeckung gegenstandsbezogener Theorie: Eine Grundstrategie qualitativer Sozialforschung, in: Hopf / Weingarten, Qualitative Sozialforschung (1979)), der gemäß sich das Wesentliche eines Sachzusammenhangs bereits mit einem Bruchteil des dazugehörigen Gesamtmaterials bestätigen lässt. Eine Sättigung der Theorie ist erreicht, wenn sich an der Hauptaussage durch Verwendung weiteren Materials grundsätzlich nichts mehr ändert. Ausdrücklich wird daher auf die Untersuchung des Autors und auf das dortige Literaturverzeichnis verwiesen: Dahl, Siegfried Guido: Freimaurerei in der frühen Aufklärungszeit. Bildungstheoretische Ansätze und Kontroversen. Marburg 2015 Bedford-Strohm, Heinrich: Die zwei Regimente, FAZ, 15.05.2017, Nr. 112; s. Arthur Rich, Wirtschaftsethik, Bd. 1: Grundlagen in theologischer Perspektive. Gütersloh 1984 Bibliothek Deutscher Klassiker: Heines Werke, Vierter Band, Die romantische Schule, 1. Buch. Berlin und Weimar 1972 Brugger, Walter: Philosophisches Wörterbuch. Herder 1967 Dethlefsen, Thorwald: Ödipus, der Rätsellöser. Der Mensch zwischen Schuld und Erlösung. München 1990 Foucault, M. / Tombadori, Ducio: Entretien avec Michel Foucault, in: ders. Dits et Écrits II (1976– 1988). Paris 2001 Gloel, Heinrich: Einführung, in: Goue, August Siegfried von: [Werke]. Auswahl von Karl Schüddekopf, Einführung von Heinrich Gloel. Der hoeere Ruf, 1. Auflage. Der hoeere Ruf, 2. Auflage. Der feinere Pfif. Weimar 1917 Horaz, Quintus Horatius Flaccus: Ars poetica / Die Dichtkunst, Lat. / Dt. Übersetzt und mit einem Nachwort hg. v. Eckart Schäfer. Stuttgart 1972 Horkheimer, Max: Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Ein Interview mit Kommentar von Helmut Gumnior. Hamburg 1970 Kerenyi, Karl: Die Mythologie der Griechen, Bd. II: Die Heroengeschichten. München 1958 Nietzsche, Friedrich: KSA 4. München 1988 Perler, Dominik: René Descartes. München 2006 Schmidt, Alfred, in: Helmut Reinalter (Hg.), Freimaurerei. Geheimnisse – Rituale – Symbole. Leipzig 2017 Schnädelbach, Herbert: Kein Grund, verrückt zu spielen, in: Die Aufklärung, ZEIT Geschichte 2/2010; ders. Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann. München 2012 Schopenhauer, Arthur: Parerga und Paralipomena. Bd. II, Werke Bd. VI Voltaire: Über die Lehre von der Anziehung, in: Voltaire, Philosophische Briefe, hg. u. übers. von Rudolf von Bitter. Wien 1985 https://de.wikipedia.org/wiki/Metronom 93

Zusammenfassung

„Oedipus“ ein. Der Protagonist stoischer Lebensführung stellt darin fest, dass ein großer Teil der Wahrheit dem verborgen bleibt, der nicht über einen [inneren] Sehsinn, dies ist seine Vernunft, verfügt. Allein durch sie gelangt der Mensch zu einer wahren Erkenntnis.

Zusätzlich beschreibt von Goue im Fortgang der Vernunft systematisch einen Weg; den Weg eines Suchenden bis hin zu dessen Initiierung in den Bund der Freimaurer. Es ist die geistige Arbeit am Symbol, die ihn zu einer wahrhaft freimaurerischen Haltung und ebenso zu freimaurerischen Tugenden zu führen vermag.

Handelt der „hoeere Ruf“ noch von einer ungeteilten theoretischen und zugleich praktischen Vernunft, die zur Wahrheitserkenntnis führen kann, so bleibt sie in der Parallelschrift des „­feineren Pfifs“ von Ferdinand Opi(t)z auf das sinnlich Erfahrbare verwiesen. Dem Rationalismus von Goues ­descartscher Prägung steht ein in sich geschlossenes System des angelsächsischen Empirismus gegenüber.

Beide Schriften werden in der vorliegenden Untersuchung vom Autor aus ihrer kryptischen Verschlüsselung herausgeführt, in eine jedermann verständ­liche Sprache transferiert und synoptisch kommentiert.

References
Literaturverzeichnis
Die hier aufgeführte Literaturauswahl folgt der Festlegung einer „theoretischen Sättigung“ aus der qualitativen Sozialforschung (Barney G. Glaser / Anselm L. Strauss: Die Entdeckung gegenstandsbezogener Theorie: Eine Grundstrategie qualitativer Sozialforschung, in: Hopf / Weingarten, Qualitative Sozialforschung (1979)), der gemäß sich das Wesentliche eines Sachzusammenhangs bereits mit einem Bruchteil des dazugehörigen Gesamtmaterials bestätigen lässt. Eine Sättigung der Theorie ist erreicht, wenn sich an der Hauptaussage durch Verwendung weiteren Materials grundsätzlich nichts mehr ändert. Ausdrücklich wird daher auf die Untersuchung des Autors und auf das dortige Literaturverzeichnis verwiesen:
Dahl, Siegfried Guido: Freimaurerei in der frühen Aufklärungszeit. Bildungstheoretische Ansätze und Kontroversen. Marburg 2015
Bedford-Strohm, Heinrich: Die zwei Regimente, FAZ, 15.05.2017, Nr. 112; s. Arthur Rich, Wirtschaftsethik, Bd. 1: Grundlagen in theologischer Perspektive. Gütersloh 1984
Bibliothek Deutscher Klassiker: Heines Werke, Vierter Band, Die romantische Schule, 1. Buch. Berlin und Weimar 1972
Brugger, Walter: Philosophisches Wörterbuch. Herder 1967
Dethlefsen, Thorwald: Ödipus, der Rätsellöser. Der Mensch zwischen Schuld und Erlösung. München 1990
Foucault, M. / Tombadori, Ducio: Entretien avec Michel Foucault, in: ders. Dits et Écrits II (1976–1988). Paris 2001
Gloel, Heinrich: Einführung, in: Goue, August Siegfried von: [Werke]. Auswahl von Karl Schüddekopf, Einführung von Heinrich Gloel. Der hoeere Ruf, 1. Auflage. Der hoeere Ruf, 2. Auflage. Der feinere Pfif. Weimar 1917
Horaz, Quintus Horatius Flaccus: Ars poetica / Die Dichtkunst, Lat. / Dt. Übersetzt und mit einem Nachwort hg. v. Eckart Schäfer. Stuttgart 1972
Horkheimer, Max: Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Ein Interview mit Kommentar von Helmut Gumnior. Hamburg 1970
Kerenyi, Karl: Die Mythologie der Griechen, Bd. II: Die Heroengeschichten. München 1958
Nietzsche, Friedrich: KSA 4. München 1988
Perler, Dominik: René Descartes. München 2006
Schmidt, Alfred, in: Helmut Reinalter (Hg.), Freimaurerei. Geheimnisse – Rituale – Symbole. Leipzig 2017
Schnädelbach, Herbert: Kein Grund, verrückt zu spielen, in: Die Aufklärung, ZEIT Geschichte 2/2010; ders. Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann. München 2012
Schopenhauer, Arthur: Parerga und Paralipomena. Bd. II, Werke Bd. VI
Voltaire: Über die Lehre von der Anziehung, in: Voltaire, Philosophische Briefe, hg. u. übers. von Rudolf von Bitter. Wien 1985
https://de.wikipedia.org/wiki/Metronom

Zusammenfassung

„Oedipus“ ein. Der Protagonist stoischer Lebensführung stellt darin fest, dass ein großer Teil der Wahrheit dem verborgen bleibt, der nicht über einen [inneren] Sehsinn, dies ist seine Vernunft, verfügt. Allein durch sie gelangt der Mensch zu einer wahren Erkenntnis.

Zusätzlich beschreibt von Goue im Fortgang der Vernunft systematisch einen Weg; den Weg eines Suchenden bis hin zu dessen Initiierung in den Bund der Freimaurer. Es ist die geistige Arbeit am Symbol, die ihn zu einer wahrhaft freimaurerischen Haltung und ebenso zu freimaurerischen Tugenden zu führen vermag.

Handelt der „hoeere Ruf“ noch von einer ungeteilten theoretischen und zugleich praktischen Vernunft, die zur Wahrheitserkenntnis führen kann, so bleibt sie in der Parallelschrift des „­feineren Pfifs“ von Ferdinand Opi(t)z auf das sinnlich Erfahrbare verwiesen. Dem Rationalismus von Goues ­descartscher Prägung steht ein in sich geschlossenes System des angelsächsischen Empirismus gegenüber.

Beide Schriften werden in der vorliegenden Untersuchung vom Autor aus ihrer kryptischen Verschlüsselung herausgeführt, in eine jedermann verständ­liche Sprache transferiert und synoptisch kommentiert.