1. Zeit und Umstände zur Entstehung des „Hoeeren Rufs“ in seinem Wetzlarer Umfeld; seine Konzeption und Mitverfasser in:

Siegfried Guido Dahl

Der hoeere Ruf und Der feinere Pfif, page XIII - XIV

Kommentierte Synopse der Schriften des August Siegfried von Goue und  des Ferdinand Opiz

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4236-6, ISBN online: 978-3-8288-7146-5, https://doi.org/10.5771/9783828871465-XIII

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 31

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Zeit und Umstände zur Entstehung des „Hoeeren Rufs“ in seinem Wetzlarer Umfeld; seine Konzeption und Mitverfasser 1. Bei Erscheinen des „Hoeeren Rufs“ im Jahr 1768 (erste Ausgabe) konnte August Siegfried von Goue als Legationssekretär am Reichskammergericht zu Wetzlar bereits auf eine fast sechsjährige Freimaurerkarriere seit seiner Studentenzeit in Halle und Göttingen zurückblicken. Im genannten Jahr wurde er auch von der Wetzlarer Loge „Joseph zu den drei Helmen“ angenommen und dort 1770 zum „Tempelritter“ geweiht. Zur nämlichen Zeit hatte er 1768/69 im Wirtshaus „Zum Kronprinzen“ den sogenannten „Übergangs“-Orden gegründet, „welcher philosophisch und mystisch sein sollte und keinen eigentlichen Namen hatte“, wie später Johann Wolfgang von Goethe berichtet. „Der erste Grad hieß der Übergang, der zweite des Übergangs Übergang, der dritte des Übergangs Übergang zum Übergang, und der vierte des Übergangs Übergang zu des Übergangs Übergang. Den hohen Sinn dieser Stufenfolge auszulegen, war nun die Pflicht der Eingeweihten, und dieses geschah nach Maßgabe eines gedruckten Büchleins, in welchem jene seltsamen Worte auf eine noch seltsamere Weise erklärt, oder vielmehr amplifiziert waren. Die Beschäftigung mit diesen Dingen war der erwünschteste Zeitverderb“ (Dichtung und Wahrheit, Buch 12). Das „gedruckte Büchlein“ ist „Der hoeere Ruf“ gewesen, das Ritualbuch des Übergangsordens. Zumindest drei Ordensmitglieder, von Goue, Hochstetter und Pauli, gehörten als Eingeweihte und Freimaurer einer im Jahr 1771 gegründeten „Rittertafel“ an und bildeten die Kerngruppe dieser Gesellschaft. Ihnen war das Wissen vom „Übergang“ vertraut. Allen anderen Mitgliedern der Tafel blieb der Sinn der Schrift verborgen. So auch Goethe, der sich vielleicht diesem Orden zugehörig gefühlt hätte, wäre er denn eingeweiht gewesen und hätte er sich vom Gehalt des Buches überzeugen können. 1772 hatten Goethe und von Goue für ca. sechs Wochen von Ende Mai bis Anfang Juli in Wetzlar zusammengefunden. Acht Jahre später fand Goethe im Januar 1780 Aufnahme in die Weimarer Loge „Amalia“. „Der hoeere Ruf“ ist von einer freimaurerischen Geisteshaltung geprägt, die bereits äußerlich durch die Verwendung eines Zitats des Seneca, Schlüsselfigur stoischer Lebensform in Rom, zum Ausdruck gelangt: Visu carentem, magna pars veri latet – ein gro- ßer Teil der Wahrheit bleibt dem verborgen, der nicht sehen kann. Dies stellt von Goue seinem „Hoeeren Ruf“ voran, und es leitet ebenfalls die 14 Jahre später erschienene Schrift „Über das Ganze der Maurerey […] Zum Ersatz aller bisher von Maurern und Profanen herausgegebenen unnützen Schriften“ ein. Die zweimalige Verwendung des Zitats schlägt den Bogen vom jungen Freigeist zu einem tief in die Freimaurerei eingedrungenen Denker und Schriftsteller. Geistesgeschichtlich hat sie sich im Prozess der Aufklärung in einem vom Staat, Gesellschaft und Kirche abgesteckten Ereignisfeld entfaltet. Ihre organisatorische Basis war die Loge, in der alle Mitglieder durch die verbindliche Einhaltung strikter Verschwiegenheit geschützt waren. Auf der Grundlage humanitärer Ethik strebte sie danach, ihre Mitglieder zu einem Ideal edlen Menschentums hinzuführen. Dies schien nur durch die Loslösung des individuellen Erkenntnisprozesses von Dogmen und Vorurteilen möglich, summarisch von allem, was durch Vernunft nicht begründet XIII werden kann (Dahl, Freimaurerei in der frühen Aufklärungszeit …, S. 16). Vorliegender Textanalyse des „Hoeeren Rufs“ liegt die erste Ausgabe von 1768 bei Georg Ernst Winkler zugrunde, ohne Angabe des Ortes und des Jahres. Sie enthält insgesamt 20 Aphorismen bzw. Abschnitte oder Kapitel, davon 7 mit dem Buchstaben G (für Goue), 13 mit dem Buchstaben H (für Hochstetter) gezeichnet. Die zweite Ausgabe des „gedruckten Büchleins“ von 1769 nimmt Bezug auf die vorausgegangene erste Ausgabe von 1768, indem sie Grundlegendes über Intention und Verfasser zu sagen weiß. Dazu ist sie um zusätzliche 6 Abschnitte mit der Autorenschaft des Georg Friedrich Pauli (P) und um 7 weitere Abschnitte des Siegfried August von Goue erweitert. Es kommt noch ein Abschnitt von Hochstetter (H) hinzu, „nebst einem Parallele genant der feinere Pfif“ von ebenfalls 20 Abschnitten, die in ihrer Reihenfolge wiederum den 20 Abschnitten der ersten Ausgabe von1768 entsprechen. Georg Friedrich Pauli war wie August Siegfried von Goue Legationssekretär, Mecklenburgischer. Er verließ um Ostern 1769 Wetzlar, um Berufsschauspieler zu werden, konvertierte zum Katholizismus und fand eine Anstellung in Lüneburg. Gemeinsam mit Wilhelm Gotter verfasste Joh. Amand. Andr. von Hochstetter zu Beginn des Jahres 1768 einen satirischen Katalog „Liste eine hochlöblichen Knopfmacherzunft lebend in Wetzlar 1767“, in der Damen und Herren der Wetzlarer Gesellschaft in zum Teil bissig-ironischer Form charakterisiert bzw. typisiert werden. August Siegfried von Goue verweist auf „Hoffrath v. Hochstetter, des Verfassers ernsten Freund“, in der Widmung des Dramas „Der Einsiedler“ (in: DUODRAMA, Wetzlar 1770). Dieser war zwischenzeitlich bereits in Stuttgart ansässig, „wo er Hofrat und später geheimer Rat und Kirchenratsdirektor war.“ Siegfried August von Goue wie auch seine Koautoren haben vorliegende Schrift mit freimaurerischem Insiderwissen sicherlich nicht grundlos in einer Kryptosprache verfasst. Geht man davon aus, dass „Der hoeere Ruf“ im geschützten Logenraum von seinen Autoren entworfen und aufgeschrieben wurde, so findet die Verborgenheit der Sprache ihre Rechtfertigung im unbedingt einzuhaltenden Arkanum. Es hat im wohlverstandenen Interesse der Verfasser gelegen, ihr Wissen nicht in eindeutiger Form in die Öffentlichkeit zu tragen. Zudem bedeutet der Prozess des „Aufklarens“ auch einen sukzessiven Prozess vernunftgesteuerten Deutungsgeschehens verborgener Texte. Die Anmerkungen zu den ursprünglichen Textstellen und zu deren Transformation in eine verstehbare Sprache erheben nicht den Anspruch einer kurzgefassten, kompakten Inhaltsangabe. Vielmehr zielen sie darauf ab, die inhaltliche Beziehung zu den unterschiedlichen Philosophemata ihrer Autoren zu erhellen. 1. Zeit und Umstände zur Entstehung des „Hoeeren Rufs“ in seinem Wetzlarer Umfeld; seine Konzeption und Mitverfasser XIV

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Zusammenfassung

„Oedipus“ ein. Der Protagonist stoischer Lebensführung stellt darin fest, dass ein großer Teil der Wahrheit dem verborgen bleibt, der nicht über einen [inneren] Sehsinn, dies ist seine Vernunft, verfügt. Allein durch sie gelangt der Mensch zu einer wahren Erkenntnis.

Zusätzlich beschreibt von Goue im Fortgang der Vernunft systematisch einen Weg; den Weg eines Suchenden bis hin zu dessen Initiierung in den Bund der Freimaurer. Es ist die geistige Arbeit am Symbol, die ihn zu einer wahrhaft freimaurerischen Haltung und ebenso zu freimaurerischen Tugenden zu führen vermag.

Handelt der „hoeere Ruf“ noch von einer ungeteilten theoretischen und zugleich praktischen Vernunft, die zur Wahrheitserkenntnis führen kann, so bleibt sie in der Parallelschrift des „­feineren Pfifs“ von Ferdinand Opi(t)z auf das sinnlich Erfahrbare verwiesen. Dem Rationalismus von Goues ­descartscher Prägung steht ein in sich geschlossenes System des angelsächsischen Empirismus gegenüber.

Beide Schriften werden in der vorliegenden Untersuchung vom Autor aus ihrer kryptischen Verschlüsselung herausgeführt, in eine jedermann verständ­liche Sprache transferiert und synoptisch kommentiert.