Schlussbetrachtung: Auf welche Weise zur wahren und richtigen Erkenntnis gelangen? in:

Siegfried Guido Dahl

Der hoeere Ruf und Der feinere Pfif, page 91 - 92

Kommentierte Synopse der Schriften des August Siegfried von Goue und  des Ferdinand Opiz

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4236-6, ISBN online: 978-3-8288-7146-5, https://doi.org/10.5771/9783828871465-91

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 31

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Schlussbetrachtung: Auf welche Weise zur wahren und richtigen Erkenntnis gelangen? Die hier vorgelegten Schriften zeichnen die Entwicklung, d. h. das Fortschreiten der Vernunft von einem noch gänzlich unkundigen „animal rationabile“ (Kant), von einem vernunftfähigen Lebewesen also, zu einem Weisen bzw. Harmonischen nach, dem es am Ende seines intellektuellen Werdens möglich ist, im Verfolg einer richtigen Methode zu einem wahren Erkenntnisurteil zu gelangen. In seiner Lebensmitte verfasste der 26-jährige August Siegfried von Goue 1768 mit noch zwei anderen Autoren, Joh. Amand. Andr. von Hochstetter und Georg Friedrich Pauli, den „Hoeeren Ruf“ – in jener epochalen Zeitspanne, der die Philosophiegeschichte den Namen „Aufklärung“ gegeben hat. Obwohl ein Kind seiner Zeit, richtete sich sein Denken rückwärtsgewandt gänzlich am Lehrgebäude des Descartes aus, der ca. 140 Jahre zuvor von seinen „Persönlichen Gedanken“ an (Cogitationes privatae, 1619) bis hin zu den „Leidenschaften der Seele“ (Les passions de l’ame, 1649) auf dem Kontinent maßgeblich philosophische Kompetenz beanspruchen konnte. Er lebte noch zu jener Zeit, die wir heute in kunstgeschichtlichen Kategorien als „Barock“ kennzeichnen. Inmitten der Aufklärung stand von Goue geistesgeschichtlich auf den Schultern jenes großen Riesen René Descartes, um ein Bild des Isaac Newton auf ihn anzuwenden: „Wenn ich weiter sehen konnte, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand.“ Doch im Gegensatz zu Newton, der grundsätzlich Neues erdachte und schuf, war von Goue konservativ bewahrend und ist es bis zu seinem Lebensende geblieben. Ganz anders der beinahe gleichaltrige Johann Ferdinand Opi(t)z, der sich die empiristische Methode des John Locke zu eigen gemacht hatte und dabei auf die naturwissenschaftlichen Ergebnisse Newton’scher Provenienz zurückgreifen konnte. Lockes Hauptwerk über den menschlichen Verstand war zu dieser Zeit bereits 80 Jahre alt, auf dem Kontinent in interessierten Fachkreisen viel und häufig diskutiert und avancierte zusehends als empiristisch-intellektive Gegenposition zum traditionellen Rationalismus. So gibt die 2. Ausgabe des „Hoeeren Rufs“ mit der Beifügung des „Feineren Pfifs“ den ungefähren Diskussionsstand maßgeblicher philosophischer Kreise auf dem Festland wieder. Fußte rückwärtsgerichtet die Position des August von Goue auf den Prämissen des traditionellen Rationalismus, so vertrat Opi(t)z mit Berufung auf das philosophische Werk des John Locke sive Isaac Newton die Position eines nunmehr modernen, erkenntnistheoretischen Empirismus. Noch standen beide Seiten unvermittelt nebeneinander. In die Rückbesinnung auf die Philosophie des René Descartes verwebt August von Goue in seiner Schrift den Königsweg der Freimaurerei, der dem Suchenden seine Erkenntnisschritte bis zur Aufnahme (Initiation) in den Bund aufzeigt. Sein Weg von schonungsloser Selbsterkenntnis bis hin zu einer allgemeinen Wahrheitserkenntnis durch die Vernunft ist prinzipiell für einen „Suchenden“ und einen „Initiierten“ sowie für einen „Profanen“ der gleiche. Im Text des „Hoeeren Rufs“ sind die Stationen der Selbsterkenntnis – strenge Selbsterziehung und harmonische Lebensführung – allgemein allen Menschen zugeordnet, wiewohl es ein spezifisch freimaurerisches Proprium gibt: nämlich die den Freimaurerbrüdern vertrauten Symbole von ihren Symbolträgern zu abstrahieren, 91 um anschließend über das dem Geist vorgestellte Symbol zur rationalen Wahrheitserkenntnis zu gelangen. Allen Menschen steht der Weg zur aktiven Verwirklichung der Humanität und des höchsten Gebots, der Liebe, offen. Diese Möglichkeit ist auch im „Feineren Pfif“ praxisbezogen aufgeführt, während das Bekenntnis zur Freimaurerei allein dem „Hoeeren Ruf“ vorbehalten bleibt. So sind Wahrheitssuche und Wahrheitsfindung der theoretischen Vernunft wie auch eine harmonische Lebensführung und Lebenshaltung der praktischen Vernunft anheimgestellt. Nun richtet sich im „Hoeeren Ruf“ wie auch im „Feineren Pfif“ die philosophische Explikation theoretischer Erkenntnis ganz allgemein an jedes Individuum, ob eingeweiht oder nicht. Allein im „Hoeeren Ruf“ bleibt die praktische Anleitung zur rechten Lebensführung – der sogenannte Königsweg der Freimaurerei – einzig den Eingeweihten, das sind die Freimaurer, vorbehalten. So setzt August Siegfried von Goue im Rückgriff auf eine „freimaurerische Erkenntnislehre“ noch Wissen mit Tugend gleich. Aufklärung bedeutet für ihn Abschied von aller Unmündigkeit. Rechtschaffenheit und Moral haben ihren Grund in der Erkenntnis dessen, was gut ist. Und dies zu erkennen ist allein Sache des Verstandes als des alleinigen Maßstabes gelungener menschlicher Existenz. Das so Bedachte ist au fond bedenklich („Alles, was viel bedacht wird, wird bedenklich“, F. Nietzsche, Z.1, 67) – schließt doch das Wissen um das Gute nicht notwendig auch das Tun des Guten ein. Welche Absicht aber liegt dem auf den ersten Blick so unverständlichen und verschiedentlichen Sprachgebrauch beider Autoren zugrunde? Sicherlich zum einen, das untereinander verbürgte Schweigen der Freimaurerbrüder über alles, was ihre Loge betrifft und in ihr geschieht, zu wahren. So gleicht sie einem verschlossenen Garten, jenem „hortus conclusus“, der nur Eingeweihten zugänglich ist und aus dem nach außen nichts herausdringen darf. August Siegfried von Goue war ja bereits mit 20 Jahren Mitglied einer Loge. Sicherlich wollte Ferdinand Opi(t)z in der Sache nicht hinter ihm zurückstehen. Selber keiner Loge zugehörig, konnte er die Parallelität der Kapitelüberschriften sowie die Systematik der Abhandlung beibehalten und so demselben Lesepublikum unterbreiten, dass man auch ohne Logenmitgliedschaft einem anderen philosophischen Ansatz des Erkenntnisgewinns in einer eigenen Kryptosprache Ausdruck verleihen kann. Wie das Logenarkanum August Siegfried von Goue nach außen zu einer Ghettosprache nur für Eingeweihte verpflichtete, so legte dem Johann Ferdinand Opi(t)z die Berufung auf die Dichtungsästhetik des Horaz in seiner „Ars poetica / Die Dichtkunst“ Folgendes auf: Wollte zum Kopf eines Menschen ein Maler den Hals eines Pferdes fügen und Gliedmaßen, von überallher zusammengelesen, mit buntem Fieder bekleiden, so daß als Fisch von häßlicher Schwärze endet das oben so reizende Weib: könntet ihr da wohl, sobald man euch zur Besichtigung zuließ, euch das Lachen verbeißen, Freunde? Glaubt mir, […] solchem Gemälde wäre ein Buch ganz ähnlich, in dem man Gebilde, so nichtig wie Träume von Kranken, erdichtet, so daß nicht Fuß und nicht Kopf derselben Gestalt zugehören. Und doch hatten Maler und Dichter seit je gleiche Freiheit, zu wagen, was sie nur wollen. Ich weiß das und diese Gunst erbitte ich selbst und gewähre sie anderen […]“ (Vers 1 f.). „Auch beim Verknüpfen der Wörter, sensibel und achtsam, wirst du Besonderes sagen, wenn eine verschmitzte Verbindung aus einem bekannten Wort ein neues gemacht hat“ (Vers 46 f.). „Menschenwerk wird vergehen, Geltung und Ansehen der Wörter, wie können sie ewig leben! So werden viele längst schon untergegangene Wörter von neuem geboren, es werden vergehn, die heute geschätzt sind, falls es der Sprachgebrauch will; dieser entscheidet und ist der Garant und die Richtschnur des Sprechens“ (Vers 68 f.). Schlussbetrachtung: Auf welche Weise zur wahren und richtigen Erkenntnis gelangen? 92

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Zusammenfassung

„Oedipus“ ein. Der Protagonist stoischer Lebensführung stellt darin fest, dass ein großer Teil der Wahrheit dem verborgen bleibt, der nicht über einen [inneren] Sehsinn, dies ist seine Vernunft, verfügt. Allein durch sie gelangt der Mensch zu einer wahren Erkenntnis.

Zusätzlich beschreibt von Goue im Fortgang der Vernunft systematisch einen Weg; den Weg eines Suchenden bis hin zu dessen Initiierung in den Bund der Freimaurer. Es ist die geistige Arbeit am Symbol, die ihn zu einer wahrhaft freimaurerischen Haltung und ebenso zu freimaurerischen Tugenden zu führen vermag.

Handelt der „hoeere Ruf“ noch von einer ungeteilten theoretischen und zugleich praktischen Vernunft, die zur Wahrheitserkenntnis führen kann, so bleibt sie in der Parallelschrift des „­feineren Pfifs“ von Ferdinand Opi(t)z auf das sinnlich Erfahrbare verwiesen. Dem Rationalismus von Goues ­descartscher Prägung steht ein in sich geschlossenes System des angelsächsischen Empirismus gegenüber.

Beide Schriften werden in der vorliegenden Untersuchung vom Autor aus ihrer kryptischen Verschlüsselung herausgeführt, in eine jedermann verständ­liche Sprache transferiert und synoptisch kommentiert.