Personality und Technik in:

Wolfgang Ferencak

Radio 4.0 ... braucht Personality, page 87 - 90

Betrachtungen und Strategien für das Radiobusiness

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4224-3, ISBN online: 978-3-8288-7144-1, https://doi.org/10.5771/9783828871441-87

Tectum, Baden-Baden
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Personality und Technik Radio Wall of Sound – Slade Eine Sendung reiten. Wie ein Moderator durch aktives Mixen/Fahren den Rhythmus und den Flow einer Show individualisiert und somit Personality schafft. „Im Radio gab es früher Sprecher, die wegen ihrer Persönlichkeit geliebt oder gehasst wurden – sie hatten ja auch genügend Spielraum – und es gab Discjockeys, die ihre Sendung im wahrsten Sinne des Wortes "ritten", weil es eine Vielzahl manueller Tätigkeiten gab, die koordiniert werden mussten. Das schaffte man nur, wenn man "den Groove" hatte. Heute "reiten" die Mods ihre Sendung nicht mehr, sondern sie stehen daneben. Und die Moral von der Geschicht? Nicht alles was machbar ist, ist letztlich auch gut.“ Holger Richter / Ex-GF & PD RTL Radio Deutschland Was Holger Richter hier anspricht, ist ein wichtiger Aspekt, wenn es um die Facetten einer Radiopersonality geht. Er moniert die übermä- ßige Nutzung der Computertechnik im Selbstfahrerstudio. Nicht das wir uns falsch verstehen: Keiner, ich schon gar nicht, will das Rad der Zeit zurückdrehen, zu Cart Machines und Tonbandgeräten. Jedoch macht die Art und Weise, wie Du als Moderator Deine Sendung fährst, einen großen Teil der Wahrnehmung durch den Hörer aus. Dies ist keine bewusste Wahrnehmung, dafür fehlt den meisten Hörern das Know-how. Es geht um den Rhythmus, den eine Sendung hat. Dieser Rhythmus wird bestimmt durch die Art und Weise, wie ich zwei Musiktitel fahre, den Segue. Da gibt es Kollegen, die alles mit Hot Start fahren, andere machen fließende Crossfades und wieder andere nutzen lieber öfter ein Transition Element und so fort. Allein dadurch verändert sich das Hörbild Deiner Show. Jetzt gibt es PDs, die genau das nicht wollen: „Mein Sender soll immer gleich, identifizierbar, für den Hörer klingen“ ist deren Argu- 87 mentation. Nachvollziehbar, jedoch anhand der bisherigen Erkenntnisse, die ich angeführt habe, nicht wünschenswert, wenn ich Personalities haben will. Zudem kann ich als PD vorgeben, welche Grundregeln gelten sollen. So hat RTL 104.6 in Berlin die klare Prämisse: Wir fahren HOT. Das ist OK, dennoch wird jede Show anders fließen, wenn die Moderatoren nicht die von der Musikredaktion vorgegebenen Cue-Punkte im Automationsmodus nutzen, sondern Live fahren. Das produziert schon mal Fehler, auch das habe ich bereits angesprochen, Fehler sind Teil des Lebens. Wenn ich mir manche schrägen Segues in automatisierten Sendungen anhöre, wird mir schlecht. Denn, egal wie gut der Musikredakteur ist: Nicht jeder Cue passt für jeden Übergang. Ein weiterer, für mich fast noch entscheidenderer Punkt gegen Automation während einer Liveshow ist: KONZENTRATION. Eine Sendung live zu fahren, oder wie Holger es bezeichnet, „zu reiten“, heißt vier Stunden lang höchste Konzentration. Das ist echt anstrengend, da weiß ich, wovon ich schreibe. Dafür spricht jedoch: Nur so kannst Du die Spannung und den Spannungsbogen in Deiner Show aufrechterhalten. Und genau diese Spannung, dieses zusätzliche Adrenalin, das Dein Körper produziert, gibt Deiner Moderation die Energie, die Dich aus dem Radio ins Büro, Esszimmer, Auto Deines Hörers trägt. Genau diese Präsenz macht Dich zur Personality. Zum Thema selbst und Live fahren gehört aus meiner Sicht auch, wie Du Deine Moderation im Verhältnis zu Musik und Produktionselementen einsetzt. Kürzlich habe ich ein hervorragendes Beispiel gehört, wie es richtig gemacht wird: – Tatort: SWR3 – Täter: Zeus & Wirbitzky – Tathergang: nach einem Beitrag zu einem ernsten tagesaktuellen Thema Abmoderation Wirbitzky, in Tonfall und Tempo seriös, neutral ohne ins kitschige abzugleiten, den folgenden Musiktitel zum Ende der Moderation nur kurz unterlegt und den Ramp ansonsten stehen lassen, weil er eine eigene sich steigernde Dynamik hatte. Übrigens war der Song nicht getragen oder Moll, sondern von der Stimmung her durchaus optimistisch. Klingt jetzt sehr technisch, hat aber viel mit Gefühl bzw. Einfühlungsvermögen zu tun. Wir sollten als Moderatoren in der Lage sein, Stim- Personality und Technik 88 mungen mitzunehmen, das heißt aber nicht, dass wir vor Trauer zerfließen, wenn dies nicht tatsächlich der Fall ist (was leider viel zu oft vorkommt). Was außerdem beispielhaft ist an diesem Break: Die Musik wird nicht standardmäßig durch Nutzen des Intros bis zum Gesang oder einem Dynamikbreak verwendet, um das Programm zu beschleunigen, nein hier wird entschleunigt und die natürliche Dynamik des Song-Intros zum Aufbauen einer wieder positiveren Stimmung genutzt. Daher an dieser Stelle noch einmal der Hinweis: Angegebene Ramp-Zeiten dürfen nicht als Verpflichtung und schon gar nicht als Rechtfertigung angesehen werden, diesen Ramp bis zur letzten Millisekunde vollzutexten. Jeder, der hinter einem Mikrofon steht oder sitzt, hat die Verpflichtung, sich bewusst zu machen, was der jeweiligen Stimmung, dem Momentum oder der Situation angemessen ist und für den Hörer nachvollziehbar und echt klingt. Personality und Technik 89

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Zusammenfassung

Die Zukunft des Radios in Zeiten digitaler Mitbewerber treibt alle Radiomacher um. Leider wird dabei häufig nur über den technischen Wandel gesprochen. Der inhaltliche Wandel ist aber mindestens genauso wichtig. Deshalb liefert Radio 4.0 Thesen und mögliche Zukunftsszenarien, aber auch Anregungen zur Gestaltung zukunftssicherer Radioprogramme. Radio 4.0 beschäftigt sich mit den technischen Veränderungen in den Übertragungswegen und deren Implikationen für Programmmacher. Darüber hinaus wird die Veränderung im Anbietermarkt durch neue Mitbewerber im Audiosegment, wie Streamingdiensten oder Podcastanbietern, analysiert und es werden Forecast-Szenarien für mögliche Veränderungen im Nutzerverhalten entwickelt. Auch die Herausforderung durch soziale Medien wird erörtert. Der Schwerpunkt liegt jedoch in der Bedeutung des Faktors Mensch für die weitere positive Entwicklung des Mediums Radio in der Zukunft. So liefert dieses Buch Argumente für eine größere Anstrengung, Radio durch Personalities unverwechselbar zu machen. Radio 4.0 will Mitarbeitern wie Verantwortlichen Mut machen, ausgetretene Pfade zu verlassen und das Radio zukunftsfähig zu gestalten.