Glaubwürdigkeit und Kompetenz. Die Stimme! in:

Wolfgang Ferencak

Radio 4.0 ... braucht Personality, page 73 - 76

Betrachtungen und Strategien für das Radiobusiness

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4224-3, ISBN online: 978-3-8288-7144-1, https://doi.org/10.5771/9783828871441-73

Tectum, Baden-Baden
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Glaubwürdigkeit und Kompetenz. Die Stimme! You’re The Voice – John Farnham Auch wenn es die vielen Talente und auch die Verantwortlichen nicht gerne hören: Ohne Stimme keine Moderation. Ganz klar keine Regel ohne Ausnahme; es gibt Personalities, die mit Kinderstimme trotzdem Karriere machen und ihr Publikum finden. Wissenschaftliche Erkenntnisse aus unabhängigen Studien, sowohl in den USA als auch bei uns in Deutschland, ergeben klar: Die Stimme ist ein nur bedingt zu beeinflussendes Kriterium, das die Wahrnehmung durch den Hörer massiv beeinflusst. Diese Erkenntnis fließt jedoch augen-/ohrenscheinlich nicht mehr in den Castingprozess angehender Radiomoderatoren ein. Anders kann ich mir die Unzahl quäkender und fiepender, teilweise noch mit einem Lispeln ausgestatteter „Moderatoren“ im deutschen Radio nicht erklären. Der Einwand, die Stimme ist nicht alles, mag ja korrekt sein – aber ohne Stimme ist alles nichts. Dazu eine Studie von Resi Heitwerth aus dem Jahr 2001 für die Universität Köln: „Die Auswertung der Hörerbefragung macht deutlich, dass Menschen sehr viel Wert auf eine angenehme Stimmhöhe der Moderatoren legen. Diese Stimmeigenschaft weckt Assoziationen über die Persönlichkeit des Sprechers und gilt als Indikator für seine Fähigkeiten. Aus der Stimmhöhe werden besonders Kompetenz und menschliche Anmutung abgeleitet… Eine hohe Stimme wird mit kindlichem Äußeren und geringer Kompetenz des Moderators in Verbindung gebracht, während eine tiefe Stimme burschikoses Auftreten vermuten lässt und mit Kompetenz und Glaubwürdigkeit assoziiert wird. Eine Begründung für das bessere Gefallen der tieferen Stimme ergibt sich aus der Bedeutung von hohen und tiefen Tönen im Alltag. In der Regel werden hohe Töne als Alarmsignale und Sirenen benutzt. Tiefe Stimmen sind dagegen raumfüllend und haben einen beruhigenden, besänftigenden Effekt.“ 73 Diese Wahrnehmung ist übrigens altersunabhängig bzw. in allen Zielgruppen ähnlich. Ich gebe zu, dass ich ein Fan außergewöhnlicher Stimmen bin. So habe ich in Graz einmal eine Bedienung im Eiscafé zum Casting eingeladen, weil mich ihre Stimme umgehauen hat; mein damaliger Chefproducer beim Grazer Radio 107,5, Michael Fischeneder, heute PD bei Antenne Steiermark, saß fassungslos daneben. Leider hat sie nach dem Studium dann doch als Anwältin praktiziert, was ich nachvollziehen kann; sie macht das übrigens sehr erfolgreich. Oder die Kollegin Eva Mayer, mit der ich bei Radio 7 gearbeitet habe; sie hätte mir das Telefonbuch vorlesen können und ich hätte andächtig gelauscht. Diese Mörderstimmen gibt es, naturgemäß weil die Stimmlage in der Regel bass lastiger ist, häufiger bei Männern, da denke ich an Werner Reincke, Elmar Gunsch, Camillo Felgen und viele andere, die sagen konnten, was sie wollten, Du hast zugehört. Weil es so schön klang. Erst neulich war so ein Beispiel für die Faszination Stimme im Radio. Anlässlich Elvis‘ vierzigsten Todestags war ein Elvis-Imitator in einer Morningshow eingeladen. Die beiden Moderatoren haben brav den Videolivestream geteased, wo sie unter anderem den Elvis-Hüftschwung geübt haben, aber der Brüller war… die Liveperformance des Elvis-Imitators. Der Mann hat zwei Balladen gesungen und die Reaktionen waren der Hammer. Zitat einer Hörerin: „Ich stand nackt im Badezimmer und hatte am ganzen Körper Gänsehaut!“ Any Questions? Nun ist nicht jeder mit „DER Mörderstimme“ gesegnet; allerdings wäre es wünschenswert, wenn der Faktor „Stimme“ wieder mehr Einfluss auf die Auswahl des On-Air-Staffs hätte. Was bei YouTube schöne Brüste oder ein Sixpack sind, ist im Radio nun einmal die Stimme. Damit ursächlich im Zusammenhang steht auch die Sprache. Während ich die Stimmhöhe kaum, den Klang einer Stimme aber durch entsprechende Übungen durchaus verbessern kann, ist die Sprache erlernbar. Ich selbst habe laut unseren Producern bei Antenne Bayern eher eine Durchschnittsstimme. Trotzdem bekam und bekomme ich häufig positives Feedback in Form von: „Sie haben aber eine schöne Stimme“, solange meine Gesprächspartner mich nicht sehen. Das liegt jedoch Glaubwürdigkeit und Kompetenz. Die Stimme! 74 nicht an der besonders sonoren Stimmfarbe, sondern an meiner Sprache. Ich habe, schon aufgrund meines Aachener Heimatsingsangs, intensive Sprecherziehung absolviert; die dabei erworbenen Techniken lassen meine Sprache im Ohr meines Hörers/Telefonpartners angenehm klingen. Etwas, das jeder lernen kann. Wie wichtig eben diese Sprache und der Moderator für ein Programm ist, hat Resi Heitwert in ihrer Masterarbeit ebenfalls erläutert: (Heitwerth, 2001)„Bei der Senderwahl ist für den Großteil der Hörer zunächst die Musik das wichtigste Kriterium. Der Musikgeschmack entscheidet, ob ein Programm über eine längere Zeit hinweg eingeschaltet bleibt. Eine starke Bindung an das Programm kann aber über die Musik allein nicht geleistet werden. Nachrichten, Servicemeldungen und informierende Wortbeiträge werden von den Hörern als Standard-Programmelemente angesehen. Daher tragen diese Wortelemente zu keiner Bindung an das Programm bei. Nicht die kognitiven, sondern die affektiven Programmelemente sind deshalb entscheidend. Dabei ist innerhalb dieser Programmelemente die Moderation das herausragende Programmelement. Abschließend kann gesagt werden, dass der Moderator zwar nicht die gleiche Motivationskraft hat den Radiokonsum auszulösen wie die Musik, aber in hohem Maße die Akzeptanz einer Sendung und eines Senders bestimmt. Diese Akzeptanz im Sinne einer Gratifikation steuert das zukünftige Nutzenverhalten und wirkt sich schließlich auf die Medienbindung aus. Moderation ist also ein Faktor, der auf verschiedenen Ebenen des Radiokonsums eine Rolle spielt.“ Mit einer guten Stimme und Spreche ist es jedoch noch nicht getan, denn auch Du als angehende On-Air-Personality bist gefordert: – Der Weg zur Personality führt über Arbeit an Dir selbst: Da wäre oben erwähnte Sprecherziehung, Stimmbildung, Disziplin, ständige Übung im Sendungsfahren, Interesse an Deiner Umwelt, an den Menschen, Verbreiterung Deiner Allgemeinbildung, Kontakt zu Hörern, Politikern, Unternehmern, überhaupt zu jedem, der Deine Sendung hören kann oder soll, und der Ehrgeiz, sich ständig zu verbessern. – Hör alles, lies alles, schau Dir alles an, was Dir möglich ist. – Sei auf dem Stand der Zeit, höre Musik auch jenseits des Senderformats, und eigne Dir Wissen über Musiker und Musik an. – Verfolge die Nachrichten und lies Zeitungen. Ich könnte hier noch stundenlang weiterschreiben. Du kannst nie zu viel erfahren und bist auch nie fertig. Glaubwürdigkeit und Kompetenz. Die Stimme! 75 Das folgende Kapitel soll ein paar Anregungen liefern, was Du selbst leisten kannst, um besser zu werden. Glaubwürdigkeit und Kompetenz. Die Stimme! 76

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Zusammenfassung

Die Zukunft des Radios in Zeiten digitaler Mitbewerber treibt alle Radiomacher um. Leider wird dabei häufig nur über den technischen Wandel gesprochen. Der inhaltliche Wandel ist aber mindestens genauso wichtig. Deshalb liefert Radio 4.0 Thesen und mögliche Zukunftsszenarien, aber auch Anregungen zur Gestaltung zukunftssicherer Radioprogramme. Radio 4.0 beschäftigt sich mit den technischen Veränderungen in den Übertragungswegen und deren Implikationen für Programmmacher. Darüber hinaus wird die Veränderung im Anbietermarkt durch neue Mitbewerber im Audiosegment, wie Streamingdiensten oder Podcastanbietern, analysiert und es werden Forecast-Szenarien für mögliche Veränderungen im Nutzerverhalten entwickelt. Auch die Herausforderung durch soziale Medien wird erörtert. Der Schwerpunkt liegt jedoch in der Bedeutung des Faktors Mensch für die weitere positive Entwicklung des Mediums Radio in der Zukunft. So liefert dieses Buch Argumente für eine größere Anstrengung, Radio durch Personalities unverwechselbar zu machen. Radio 4.0 will Mitarbeitern wie Verantwortlichen Mut machen, ausgetretene Pfade zu verlassen und das Radio zukunftsfähig zu gestalten.