Was braucht eine On-Air-Personality? in:

Wolfgang Ferencak

Radio 4.0 ... braucht Personality, page 59 - 64

Betrachtungen und Strategien für das Radiobusiness

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4224-3, ISBN online: 978-3-8288-7144-1, https://doi.org/10.5771/9783828871441-59

Tectum, Baden-Baden
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Was braucht eine On-Air-Personality? Es gibt keine On-Air-Personalities mehr. Blah Blah Blah on The Radio – Ace of Base Dazu ein Zitat von Holger Richter, Ex-Geschäftsführer und Programmdirektor von RTL Radio Luxemburg. „Jeder schreit nach Radiopersönlichkeiten, und keiner traut sich, so jemanden auf die Antenne zu lassen. (Allerdings sind viele, die sich für sog. Radiopersönlichkeiten halten, gar keine!)“ Wer also seine Moderation durch den Nürnberger Trichter komprimiert und dann mit dem Off-Air-Edit des Hörercalls – sorry, natürlich mit dem Station Claim – abgeschlossen hat, der hat spätestens an diesem Punkt alles, was ihm an Personality zur Verfügung stand, verschleudert. Wenn dann auch noch alle Moderatoren/innen das gleiche Dauergrinsen im Gesicht haben, gepaart mit der durchgestylten Moderationsstimme, sie so unverwechselbar klingen wie Chicken McNuggets aussehen (Shit schon wieder Ironie, das funktioniert im Radio nicht, ich hab’s doch tausendmal gesagt, Scusi!) – spätestens an dieser Stelle stellt sich die Frage nach den Personalities nicht mehr wirklich. Wie sagte Mike Haas im Station Meeting bei Antenne Bayern einmal sinngemäß: „Gebt mir einen Hausmeister mit einer guten Radiostimme, Wortwitz und ordentlichem Allgemeinwissen, und ich mache aus ihm einen Moderator“. Dem würde ich nicht widersprechen. Aber eine Personality ist eben nicht nur ein Moderator, sondern DER Moderator: einzigartig, unverwechselbar und authentisch. Grundsätzlich ist jeder eine Persönlichkeit, (englisch: Personality). Deshalb gilt es, bevor jemand zur On-Air-Personality gekürt wird, genau zu analysieren, ob die Person das gewisse Etwas hat, das den Unterschied zu all den Moderatoren ausmacht. 59 Daher würde ich die Liste der Eigenschaften gerne noch ergänzen um neugierig, lernwillig, eloquent, intelligent, fleißig, exhibitionistisch, selbstverliebt, open minded (ich finde kein passendes deutsches Wort) und und und. Last but not least: Das unumgängliche Sahnehäubchen, ohne dass alle anderen Eigenschaften nicht zur Personality führen, heißt „TALENT“. Hier sei gesagt, dass Talent ohne die restlichen Eigenschaften ebenso nutzlos ist und keiner nur wegen seines Talents ein großer Moderator, geschweige denn eine On-Air-Personality, wird. Hier liegt die Tücke. Denn eine Personality ist nicht, wer ohne Regeln einfach mal drauflosquatscht, bis ihm die Luft oder dem Hörer die Geduld ausgeht. Eine wahre Radiopersonality kennt die Regeln, die sie bricht, aber sie bricht sie bewusst, zielgerichtet und mit einer klaren Strategie. Dies fordert unsere Personality deutlich mehr, als dies bei dem hirnlosen, möglichst fröhlichen, nach Moodboard gestalteten Moderationsstil nötig wäre. Bevor ein Moderator zur Radiopersonality wird, hat er einen steinigen, anstrengenden und ihn bis an seine Grenzen fordernden Weg vor sich. Dies kann und wird er nicht ohne tatkräftige und kompetente Unterstützung und Führung meistern. (Es gibt Ausnahmen, wie Howard Stern, der allerdings auch erst durch die Untiefen des US-Formatradios musste, um zur einzigartigen Personality zu werden; Ähnliches gilt für den ebenfalls einmaligen Chris Moyles, der für seinen Markt in UK einen großartigen Weg der Präsentation gefunden hat. Sowie einige hier ungenannte.) So braucht er jemanden, der ihm die die Regeln von modernem Radio vermittelt, inklusive der Hintergründe, warum es diese Regeln gibt und inklusive der Erläuterung, welche Gründe es für welche Regel gibt. Jetzt wird häufig der aus meiner Sicht fehlerhafte Ansatz gewählt „Ich hole mir eine erfolgreiche Radiopersonality, die dann meinen Talenten das nötige Rüstzeug vermittelt, um ebenfalls zur Personality zu reifen“ Klingt erstmal vielversprechend, läuft aber der Idee zuwider. Personality kann keiner lehren, die ist da oder nicht. Eine Radiopersonality ist deshalb so gut/erfolgreich, weil sie eben einmalig ist und weder ihr Auftritt noch ihre Ausstrahlung oder ihre Art der Moderation zu kopieren sind. Dann sind sie nämlich nicht mehr persönlich und einmalig. Was braucht eine On-Air-Personality? 60 So hat zum Beispiel auch jede Personality einen ganz eigenen Umgang mit dem Thema „Showprep“. Wolfgang Leikermoser (Antenne Bayern) plant seine Sendung akribisch; alles, was in der Show vorab zu bearbeiten und vorzubereiten ist, wird bis ins Detail ausbaldowert. Einen Schritt weiter geht John Ment; er schreibt alles, wirklich alles auf, was er in der Show sagen will, das gibt ihm Sicherheit (das war übrigens auch mein Credo, nur war ich nie so gut). Das Gegenteil ist Mike Thiel (Gong 96,3 in München). Er plant seine Sendung auch, aber nur, was passieren soll – nicht das wie. Mike weiß, was er machen will; die Umsetzung und die Art und Weise der Moderation geschieht hier zeitnah. Noch krasser ist Hans Blomberg (RTL Radio Deutschland). Sein Leitmotiv ist die Provokation; er will bewusst Reibungspunkte schaffen, egal ob in Interviews, bei TV-Auftritten oder in seiner Sendung. Alle hier beschriebenen Personalities sind einmalig. Jeder Sender muss entscheiden, ob diese Persönlichkeit zum Profil des Senders passt; was nicht funktioniert, ist die Persönlichkeit an den Sender anzupassen. Und genau aus diesem Grund kann eine erfolgreiche Personality selten eine neue Personality formen. Die meisten wollen das auch nicht, weil es ihrem Selbstverständnis zuwiderläuft. Jeder, der einmal mit Radiopersonalities gearbeitet hat, weiß: Oberste Prämisse ist „hab immer ein Snickers zur Hand“. Denn sie sind, nicht nur hungrig, Diven vor dem Herrn; jeder hat eine narzisstische Ader, gepaart mit einem mehr oder weniger großen Hang zum Exhibitionismus. Diese lebensnotwendigen Eigenschaften für eine erfolgreiche Personality erschweren die Arbeit mit dem Nachwuchs: Weil es keinen Sinn macht, jemanden zu kopieren, ebenso wenig, sich von allen etwas abzuschauen. Denn genau da fängt die Persönlichkeit an; lernen ja, aber dabei meinen Weg gehen. Dazu gehört dann im Sender permanente Arbeit mit dem On-Air- Talent. Diese beginnt mit einem täglichen Feedback zur aktuellen Show. Hier werden Korrekturen, Verbesserungsvorschläge und vor allem Lob angebracht. Inhalt dieses Feedbacks: Präsentation, Ansprechhaltung, inhaltliche Aufbereitung von Moderationen, Ursachenforschung bei Fehlern und vieles mehr. – Bitte, liebe Mods: Lasst Euch dabei nicht mit „Alles Super!“ abspeisen. Damit sagt Euch der Aircheckgeber – egal ob es Euer PD, Was braucht eine On-Air-Personality? 61 Chefmoderator oder ein externer Aircheckexperte ist – nichts anderes als: „Du bist mir nicht wichtig genug, um mich mit der Entwicklung Deiner Moderatorenpersönlichkeit zu befassen“. Wehrt Euch, wehrt Euch gegen Airchecker, die zwar Gagen kassieren, bei denen Ihr blass werdet, die aber die Mühe scheuen, Eure Show im Ganzen zu hören und denen es zu mühsam ist, auch kleine Verbesserungen durch akribische Arbeit an dem, was und wie Ihr es sagt, zu erreichen. – Redet mit Euren Aircheckern, wenn ein Aircheck aus Ansagen wie „da fehlt Dynamik, wenn Du dieses Element spielst“ oder „die Promotion kann ruhig öfter stattfinden“ oder Ähnlichem besteht; das ist fraglos wichtig und richtig, bringt Dich in Deiner persönlichen Entwicklung als On-Air-Personality aber nicht wirklich weiter. – Wenn ein Gespräch hier keine Veränderung bringt, dann sprich mit Deinem PD; er bezahlt ja den ganzen Quatsch, also sollte er auch daran interessiert sein, dass hier zielführend und im Sinne der Station/des Programms eine Verbesserung der Qualität seiner On- Air-Personen erreicht wird. – Fragt bei den Airchecks dezidiert nach: Was kann ich hier besser machen, wie erreiche ich meinen Hörer an dieser Stelle optimal, welche Tipps hast Du für mich, damit ich beim nächsten Mal präsenter wirke? Darauf und mehr brauchst Du Antworten, weil Dich diese Antworten, wenn sie gut sind, weiterbringen. Ansonsten spar Dir die Zeit, such Dir einen Kollegen und frag den, wie Deine Show war. – Wichtig sind außerdem regelmäßige (min 1x/Woche) Einzel- und Team-Airchecks. Bei diesen Terminen wird der Gesamteindruck der Show begutachtet; hier ist Gelegenheit, den Einsatz von Produktionselementen, die Verteilung der Themen in der Show, den Flow und die Ausrichtung der Show in den Vordergrund der Betrachtung zu stellen. An dieser Stelle noch ein paar Tipps, worauf Du als Moderator achten solltest, beziehungsweise was Dir bei Deiner Arbeit helfen kann: Was braucht eine On-Air-Personality? 62 1 "Deine Sendung soll eine Vorwärtsbewegung haben! Setze BE- WUSST Stopps und Vorwärtsbewegung ein!" 2 "Sei ehrlich! Nur loben, was Dir auch wirklich gefällt. Was Du nicht magst: WEGLASSEN. So wirst Du für Deinen Hörer glaubwürdig." 3 "WENIGER ist MEHR! Nur eine Kerninformation pro Break! Kein Information Overload!" 4 "Tue Dinge, die auch Dein Hörer tut. Wer in den Schuhen seines Hörers steckt, weiß, was dieser will." 5 "Geh ans Telefon! Anrufer im Studio sind nicht lästig, sondern liefern wichtige Impulse! ‚Keine Zeit‘ ist eine AUSREDE!" 6 "Bereite mehr vor, als Du für die Sendung brauchst" Du kannst NIE zu viel Material haben!" 7 "Male Bilder im Kopf Deiner Hörer! Im Radio müssen Dinge größer als im realen Leben sein!" 8 "Sei überraschend! Der Hörer darf Deine Moderation nicht schon beim ersten Satz im Kopf vollenden!" 9 "Beobachte Deine Konkurrenz! Das kann Dich positiv motivieren, und Du weißt, was möglicherweise fehlt!" 10 "Sprich keine Fremdsprache! Ein guter Moderator wird auch vom dümmsten Hörer verstanden und nicht nur vom intelligentesten!" 11 "Promote nicht nur Deine Sendung, sondern auch das Programm und Deinen Sender!" 12 "Vor jeder Sendung EIN Verbesserungsvorsatz. Und nachher kontrollieren: War es besser?" 13 "Regelmäßig Aircheck! Lasse auch Kollegen, Freunde, Bekannte Deine Sendung kritisieren! Sie alle sind auch Hörer." 14 "Alles schriftlich oder im Smartphone festhalten! Die beste Idee kommt nie zurück!" Ich höre jetzt schon die PDs jammern: „Ja, wer soll das denn leisten?“ Ganz einfach, Ladies and Gentlemen … Ihr! Denn das ist Eure Hauptaufgabe: Schafft Euch Eure Personalities, denn wenn Ihr es nicht selbst macht, macht es keiner. Kleiner Trost: Wenn Ihr fertige On-Air- Personalities habt (wobei sie niemals fertig sind, denn die Entwicklung muss immer weitergehen) und wenn Ihr das Gefühl habt, sie wissen, was Ihr ihnen vermitteln wolltet: Dann, ja dann können sie Euch in großen Teilen entlasten und z.B. das tägliche Feedback bei jungen On- Air-Talenten übernehmen. Auch Airchecks können dann von Teammitgliedern oder anderen fertigen Moderatoren übernommen werden. In großen Stationen gibt es häufig einen Chefmoderator, der dies ver- Was braucht eine On-Air-Personality? 63 antwortlich in seine Hände nimmt. Trotzdem „muss“ der PD mindestens einmal im Monat beim Feedback und beim Aircheck an die Front. Wie so oft im Leben gibt es auch hier eine Alternative zum Selbermachen, aber die kostet Geld: Holt Euch einen Trainer, der Eure Philosophie vertritt (nicht einen, der den Universalmoderator schnitzen kann), und stimmt Euch mit ihm ab. Auch hier bleibt es Euch aber nicht erspart, mindestens einmal im Monat selbst in das Feedback oder den Aircheck zu gehen. Als Motivationshilfe hier ein Auszug aus einem Interview, das Fritz Egner dem Kollegen Michael Schmich von radioszene.de gegeben hat: (Schmich, 2017)„Unterm Strich jedoch glaube ich nicht, dass es in zehn Jahren noch Radio im heutigen Sinn geben wird. Das gilt aber für alle ‚alten‘ Medien wie Print und TV. Die ‚neuen‘ Medien werden den ‚alten‘ die Zeit zur Zuwendung stehlen. Sie sind einfacher und zeitlich unabhängig konsumierbar. Die Playlisten der Streamingdienste können schon jetzt das perfekte Geschmacks- und Interessenspektrum maßschneidern. Was sie nicht ersetzen können, ist der Kumpel oder die Freundin im Radio, die regelmäßig und verlässlich für die Hörer da ist und zum Lebensbegleiter wird – wenigstens für eine gewisse Zeit. Radio kann die Sehnsucht nach Verlässlichkeit, Glaubwürdigkeit und gut recherchierter Information erfüllen wie kein anderes Medium. Wer diese Qualitäten bieten kann, hat auch in zehn Jahren gute Überlebenschancen.“ Was braucht eine On-Air-Personality? 64

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Zusammenfassung

Die Zukunft des Radios in Zeiten digitaler Mitbewerber treibt alle Radiomacher um. Leider wird dabei häufig nur über den technischen Wandel gesprochen. Der inhaltliche Wandel ist aber mindestens genauso wichtig. Deshalb liefert Radio 4.0 Thesen und mögliche Zukunftsszenarien, aber auch Anregungen zur Gestaltung zukunftssicherer Radioprogramme. Radio 4.0 beschäftigt sich mit den technischen Veränderungen in den Übertragungswegen und deren Implikationen für Programmmacher. Darüber hinaus wird die Veränderung im Anbietermarkt durch neue Mitbewerber im Audiosegment, wie Streamingdiensten oder Podcastanbietern, analysiert und es werden Forecast-Szenarien für mögliche Veränderungen im Nutzerverhalten entwickelt. Auch die Herausforderung durch soziale Medien wird erörtert. Der Schwerpunkt liegt jedoch in der Bedeutung des Faktors Mensch für die weitere positive Entwicklung des Mediums Radio in der Zukunft. So liefert dieses Buch Argumente für eine größere Anstrengung, Radio durch Personalities unverwechselbar zu machen. Radio 4.0 will Mitarbeitern wie Verantwortlichen Mut machen, ausgetretene Pfade zu verlassen und das Radio zukunftsfähig zu gestalten.