Moderation Personality vs. Durchhörbarkeit in:

Wolfgang Ferencak

Radio 4.0 ... braucht Personality, page 51 - 58

Betrachtungen und Strategien für das Radiobusiness

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4224-3, ISBN online: 978-3-8288-7144-1, https://doi.org/10.5771/9783828871441-51

Tectum, Baden-Baden
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Moderation Personality vs. Durchhörbarkeit Widerspruch oder Ergänzung? Radio GAGA – Queen Die MA 2017/I war ein Meilenstein. In dieser MA mussten vor allem die großen Radiostationen massive Verluste bei den Stundennettoreichweiten verkraften. Der Marktführer Antenne Bayern 192.000/Std, bis zu -23 % im Tagesprogramm bzw. über 300.000 Hörer zwischen 6:00 und 7:00 Uhr in der Morningshow. Bitter, denn sicher hat der Kollege Leikermoser im davorliegenden Halbjahr nicht das Moderieren verlernt. ABER es gab nicht nur Verluste! In den Abendsendungen mit Special Interest-Inhalten oder Personality-Shows gab es Zugewinne, so hat z.B. der Kollege Matuschik bei „Bayern 3“ 450 % gewonnen. What the fuck happened? (Keine Angst, hört ja keiner, da werde ich auch noch etwas dazu schreiben.) Also, what the fuck happened? Huh. Kassandra oder XYZ Research und all die hochbezahlten Beratungsfirmen müssen unter anderem dem Geschäftsführer von Antenne Bayern, K.H. Hörhammer, erklären, wieso der Jahresumsatz um ca. 20 Millionen Euro einbricht. Da hat man doch alles gemacht, die Playlist auf die 250 Besttester reduziert, Wortstrecken gestrafft und super Promotions gefahren, ja sogar der Social Media-Auftritt ist makellos. Alles, was der gut informierte Berater empfohlen hat, gemacht – und dann so eine Pleite. Vielleicht, aber nur vielleicht, könnte es ja daran liegen, dass Durchhörbarkeit zu BELIEBIGKEIT führt. Ein Programm, das nicht stört, animiert eben nicht zum Zuhören. Wenn alles, was einen Ausschaltimpuls erzeugen könnte, aus dem Programm verbannt wird, schließt man auch alles aus, was Aufmerksamkeit erzeugen könnte. 51 Spätestens an dieser Stelle bin ich bei einer gut gemachten Playlist des Deezer-, Spotify- etc. Algorithmus genauso gut, wenn nicht besser, aufgehoben. Dazu ein Auszug aus der Studie „Moderation im Hörfunk – Die Stimme in ihrer Wirkung auf das Publikum“ von Resi Heitwerth: „Verschiedene Befragungen zeigen deutlich, dass für Radiohörer Moderation sehr wichtig ist. Auf Sender- und Sendungsebene erfüllen Moderatoren verschiedene Funktionen: Sie bauen die verbalen Brücken zwischen den einzelnen Elementen des Programms, sie präsentieren das Programm, und sie repräsentieren den Sender nach außen. Daneben haben sie die Aufgabe, dem Programm ein menschliches Gesicht zu geben. Moderatoren werden somit zu Identifikationsfiguren für die Hörer und können emotionale Bindungen zu den Rezipienten aufbauen. Die Bedeutung dieser Hörerbindung nimmt angesichts der expandierenden Medienlandschaft für die einzelnen Sender zu. Für die Programme wird es immer schwieriger, sich voneinander abzugrenzen. Moderation ist eine Möglichkeit, ein eigenständiges Senderprofil aufzubauen…“ (Heitwerth, 2001) Ich werde an anderer Stelle noch intensiver auf das Thema Moderation eingehen. Um meine These vom besseren – nicht perfekten – Radio zu verdeutlichen, hier ein Beispiel, das zeigt, wie Moderation, Social Media und Fehler zu Einschaltfaktoren bzw. Aufmerksamkeitserregern werden können. Wie außerdem Hörerbindung durch Authentizität und Humor entsteht. Moderation Personality vs. Durchhörbarkeit 52 Dies ist ein Thread aus dem Account des Kollegen Alexander Wohlrab bei RT1 in Augsburg: 39 1 FB 07.06.2017 2 3 Andreas Lenz Trink mal lieber nen starken Kaffee, 4 Minuten auf Sendung und schon 4 zweimal der um den Knopf tanzt gespielt. Oder mit Atze Schröders Worten "Der den Knopf nicht 5 bzw. falsch drückt" ? 6 7 Aber eins passt ja zumindest ist es unterhaltsam ? ? ? 8 9 Alexander Wohlrab Das potenzierte sich grade so herrlich: Einmal den falschen Knopf 10 erwischt und dann völlig rausgeflogen und gleich nochmal. Nur gut, dass das hier kein 11 Atomkraftwerk ist ? 12 13 Andreas LenzAlexander Wohlrab das ist allerdings wirklich gut, ich wäre auch viel zu nahe, 14 außerdem will ich noch nicht das Zeitliche segnen ? 15 Gefällt mir 16 · Antworten · 22 Std. 17 18 Alexander WohlrabAndreas Lenz "...für die Bevölkerung bestand zu keinem Zeitpunkt 19 irgendeine Gefahr. Zum Wetter: Pilze..." ? 20 21 Andreas Mayr Wahrscheinlich das falsche heute eingekauft. 22 PS: Wann dürfen wir Homer sagen? 23 Moderation Personality vs. Durchhörbarkeit 53 40 1 Alexander WohlrabAndreas Mayr Ich arbeite noch - erfolglos - an der Figur ? 2 3 Andreas LenzAlexander Wohlrab du musst dich einfach mehr anstrengen ? du hättest 4 das damals in der viplounge bei den Panthern nur jeden Tag wiederholen müssen dann hättest 5 den Ranzen mittlerweile beinander ? ? ? 6 Gefällt mir 7 · Antworten · 20 Std. 8 9 Alexander WohlrabAndreas Lenz ? 10 11 Andreas Mayr Bleib nur so. Da übersieht man die kleinen mit dem AEV Pulli an der 12 Kühltheke. 13 14 So wie heute. 15 16 Alexander WohlrabAndreas Mayr Ohje, vergib' mir! Ich war heute spät dran und bin im 17 völligen Tunnelblickblindflug durch den Supermarkt gesteuert 18 19 20 Ich habe an dieser Stelle auf die direkten Antworten verzichtet, aber auch so zeigt sich, wie 21 die Arbeit mit dem Hörer funktionieren kann. 22 Was ist hier passiert? Der so sehr gewünschte Flow, die Durchhörbarkeit des Programms, 23 Ich habe an dieser Stelle auf die direkten Antworten verzichtet, aber auch so zeigt sich, wie di Arbeit mit dem Hörer funktionieren kann. Was ist hier passiert? Der so sehr gewünschte Flow, die Durchhörbarkeit des Programms, wurde unterbrochen. SKANDAL! Was jedoch ist die Folge dieses unbedingt zu vermeidenden Stoppsets? Die Hörer werden aus dem permanenten Dauerkoma erlöst und nehmen ihr Radio wieder wahr. Meine ehemaligen Moderatoren werden jetzt wahrscheinlich von Déjà-vus heimgesucht – tut mir leid, aber Sie werden nie mehr Aufmerksamkeit erzeugen als durch Schweigen… Moderation Personality vs. Durchhörbarkeit 54 …Stille ist etwas gänzlich Unerwartetes für den Hörer. Speziell in Zeiten, in denen selbst die wichtigsten Inhalte mit (an dieser Stelle teils auch noch unpassender) Musik unterlegt werden. Denn Aufmerksamkeit ist nicht gewünscht im durchhörbaren Radioprogramm. Schluss damit! Tretet endlich wieder raus aus den Radiogeräten, Smartphones oder welchen Gadgets auch immer! Fordert Euren Hörer, indem Ihr ihn zum Zuhören nötigt. Gebt ihm einen Grund, Euch wahrzunehmen, seid provokant. Wann hat ein Radiomoderator zum letzten Mal für einen echten Shitstorm gesorgt? Huh, Shitstorm, böse, richtig böse. Wirklich? Was ist denn ein Shitstorm? Der Duden definiert ihn als „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht“. Muss das für den Betroffenen aber auch negative Auswirkungen haben? Das folgende Beispiel belegt das Gegenteil. „Ein Shitstorm kann auch einzelne Personen treffen, wie die 13-jährige Rebecca Black. Die Eltern der US-Amerikanerin ließen 2011 für mehrere Tausend US-Dollar ein Musikvideo produzieren und stellten dieses auf YouTube ein. 44 Millionen Mal wurde das Video zum Song Friday innerhalb relativ kurzer Zeit angeklickt und mit zumeist negativen oder beleidigenden Kommentaren versehen. Trotz der schlechten Kritiken brachte diese öffentliche Wahrnehmung der Schülerin einen neuen Plattenvertrag ein; sie konnte so die popularitätsbildende Kritik der Netzgemeinschaft nutzen.“ (Dietrich, 2011) Ich kann mich nicht erinnern, wann zum letzten Mal eine Moderation zu solch echten Reaktionen geführt hätte. Wenn überhaupt, dann misslungene Promotions, die provokant sein sollten, in der Regel aber bestenfalls geschmacklos oder billig waren. OK, die Verantwortlichen, die sich ihre Promotions zusammenstehlen, weil so ziemlich jede schon irgendwo auf der Welt gelaufen ist, die dürfen das. Aber wehe die On-Air-Personality ist frech, authentisch, provokant, das geht gar nicht, das fällt doch auf das Programm, den Sender etc. zurück. Bullshit, Megabullshit. Als der Kollege Stefan Lehmann den damals amtierenden Papst mit den Worten „Die polnische Flugente ist soeben gelandet“ in Deutschland begrüßte, da war nicht nur Polen offen. Das gab ein Riesen-Medienecho und eine Abmahnung von der BLM. Moderation Personality vs. Durchhörbarkeit 55 ABER der Sender und der Moderator waren tagelang in aller Munde. Dabei gingen die Reaktionen von „das geht ja gar nicht“ über „wen kümmert’s“ bis „ein echter Brüller“; auf jeden Fall hat er damit dem guten Johannes Paul II. auf Jahre hinweg seinen Spitznamen verpasst. Heute sicher kein Aufreger mehr, aber das ist Radio, das ist Personality, und das ist wahrhaftig. Denn im Grunde hat der gute Stefan ja nur das formuliert, was viele über den reisefreudigen Papst gedacht haben, halt bayerisch humorig in Worte gefasst, wie er auch selbst ist. Wer haut denn heute noch solche Klopper raus? Arno Müller bei 104.6 manchmal, Mike Thiel bei Gong 96,3 in München, oder John Ment bei Radio HH, dann wird es aber schon sehr dünn, zumindest im Tagesprogramm. Das ist das große Problem mit den stromlinienförmig durchgestylten On-Air-Gestalten, die mich heute im Radio quälen. Da sind jede Form von Ehrlichkeit, Authentizität oder Mut zur Lücke wegtrainiert. Selbst die Modulation ist so verflucht ähnlich, dass ich die einzelnen Protagonisten nicht mehr unterscheiden kann. Deshalb fordere ich jeden Moderator auf, sich seinen eigenen Shitstorm zu gönnen. Legt Euch mit jedem an, der nicht rechtzeitig die Flucht ergreift. Mit Feministinnen, Veganern, Pegida, Esoterik-Gurus, oder einfach mit dem Papst, egal – wir sind der Lautsprecher unseres Hörers. Wir können es nur besser formulieren, überlasst dieses Feld nicht den Autoren von Twitter-Perlen. Hört zu, lest die FB-Kommentare, habt das Ohr am Puls der Zeit und bezieht Stellung. Eine On-Air-Personality ist wahrnehmbar und verschwindet nicht in der Anonymität der Masse. Das heißt auch, dass ich als Moderator angreifbar werde, da greif ich einfach mal in die Phrasenkiste: „Viel Feind, viel Ehr“. Denn eines ist sicher: Du lieferst dem Hörer nur einen Grund, Dir zuzuhören, wenn Du relevant bist. Ich verspreche: Diejenigen, die Dich beschimpfen, schalten morgen auch wieder ein, weil sie ja eventuell ihrer Empörung noch einmal freien Lauf lassen können; und die, denen es gefallen hat, die wollen sowieso mehr von dem funny stuff. An dieser Stelle zitiere ich aus einem Gespräch mit meinem persönlichen Coach. Frau Zimmermann hört regelmäßig „Bayern 3“. So auch den oben zitierten Matthias „Matuschke“ Matuschik. Moderation Personality vs. Durchhörbarkeit 56 Frage an mich: „Kennen Sie den?“ – „Ja?“ – „Über das, was er sagt, kann ich mich manchmal furchtbar aufregen, dann denke ich: Wer holt so einen ins Radio?“ – „Und hören Sie ihn immer noch?“ – „Naja, eigentlich ist er ja ganz lustig.“ FRAGEN? Deshalb noch fünf Euro ins Phrasenschwein: „Everybody’s Darling Is Everybody’s Depp“. Moderation Personality vs. Durchhörbarkeit 57

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References

Zusammenfassung

Die Zukunft des Radios in Zeiten digitaler Mitbewerber treibt alle Radiomacher um. Leider wird dabei häufig nur über den technischen Wandel gesprochen. Der inhaltliche Wandel ist aber mindestens genauso wichtig. Deshalb liefert Radio 4.0 Thesen und mögliche Zukunftsszenarien, aber auch Anregungen zur Gestaltung zukunftssicherer Radioprogramme. Radio 4.0 beschäftigt sich mit den technischen Veränderungen in den Übertragungswegen und deren Implikationen für Programmmacher. Darüber hinaus wird die Veränderung im Anbietermarkt durch neue Mitbewerber im Audiosegment, wie Streamingdiensten oder Podcastanbietern, analysiert und es werden Forecast-Szenarien für mögliche Veränderungen im Nutzerverhalten entwickelt. Auch die Herausforderung durch soziale Medien wird erörtert. Der Schwerpunkt liegt jedoch in der Bedeutung des Faktors Mensch für die weitere positive Entwicklung des Mediums Radio in der Zukunft. So liefert dieses Buch Argumente für eine größere Anstrengung, Radio durch Personalities unverwechselbar zu machen. Radio 4.0 will Mitarbeitern wie Verantwortlichen Mut machen, ausgetretene Pfade zu verlassen und das Radio zukunftsfähig zu gestalten.