Visual Radio, Periscope, Snapchat und mehr… in:

Wolfgang Ferencak

Radio 4.0 ... braucht Personality, page 35 - 38

Betrachtungen und Strategien für das Radiobusiness

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4224-3, ISBN online: 978-3-8288-7144-1, https://doi.org/10.5771/9783828871441-35

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Visual Radio, Periscope, Snapchat und mehr… Video killed the Radio Star – Buggles Leben im 21. Jahrhundert, das bedeutet unter anderem: Ständig neue unverzichtbare Gadgets und Apps, die unser Leben bereichern, einfacher machen – und vor allem Daten an den großen Datenpool der Betreiber liefern sollen. Ich erinnere hier einmal an Periscope. – Schon gehört? – Schon genutzt? – Regelmäßig für die Radioshow eingesetzt? Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster und behaupte: 90 % der Radiomacher, die das lesen, müssten dreimal mit „Nein“ antworten. Dabei war „Twitters Periscope ein Megahit“, zumindest laut Richard Gutjahrs Blog; nicht nur das, er prophezeite: „Periscope wird die Art und Weise verändern, wie wir die Welt sehen.” Jetzt, gut zwei Jahre später, dreht die Welt sich weiter und die Revolution durch Periscope ist, zumindest in meiner Wahrnehmung…ausgeblieben. Dies ist keine Kritik an dem Kollegen Gutjahr, und ich erfreue mich an seiner Begeisterungsfähigkeit und seiner Offenheit für neue Optionen, die uns die Technik liefert. Was jedoch auffällt: Es ist wenig verwunderlich, dass nur ein Bruchteil der gehypten neuen Technologien sich am Ende durchsetzen. Das ist normal und gut, jedoch habe ich Periscope als Beispiel genommen, weil in der Zeit nach der Veröffentlichung des Tools von nichts anderem mehr die Rede war als: „Wie können wir das fürs Radio einsetzen?“; „Das wird Radio endgültig zum visuellen Medium machen“; und so weiter, und so fort. Was hat sich ge- ändert? Nichts! Ich will niemandem den Mut nehmen, neue Technik auszutesten, und es ist unverzichtbar, sich über alle Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten; aber bitte mit Maß und Ziel. Vor lauter Technik-Hype 35 habe ich zeitweise das Gefühl, dass der Markenkern dessen, was wir tun und wo unsere Hauptaufgabe als Radiomacher liegt, verloren geht. Liebe Leute: Es wird jede Woche eine neue Sau durchs digitale Dorf getrieben, ohne die Radio in Zukunft nicht existieren kann! Hier gebe ich zu bedenken: Der Grund, warum der Hörer unser Medium nutzt, sind nicht technische Spielereien, sondern ein gutes Programm. Wenn wir ihm dieses gute Programm dann noch mit aufregenden neuen Nutzungsmöglichkeiten versüßen können, umso besser. Erfolgreiches Radio kann und muss auf dem Stand der Technik sein. Jedoch sollte sich jeder Programmverantwortliche zweimal überlegen, ob alles, was machbar ist, auch sinnvoll ist. Hier bin ich bei Visual Radio, ein Paradoxon. Warum? Das gibt es schon, es heißt – Fernsehen – Video – YouTube – Netflix Was können wir besser, bzw. was wollen wir visuell machen, um Hörer zu generieren? Dazu hat sich auch Robert Kratky (Morgenmann bei Ö3) in einem Interview auf den Lokalfunktagen 2017 in Nürnberg ge- äußert: „Was ich für gefährlich halte, wovon ich abrate ist, wenn Radiosender versuchen, mit YouTube und Co. in einen Konkurrenzkampf zu treten. Und dann selber zu YouTube werden. Ein Radiosender ist ein schlechtes YouTube und ein schlechtes Instagram. Ein Radiosender kann nur ein guter Radiosender sein.“ (Kratky, 2017) Genau das müssen wir uns vor Augen halten. Es gibt ausreichend Content auf YouTube; die brauchen uns nicht, die YouTube-Nutzer. Was sollte sie dazu bringen, wegen eines Videos, das wir bei YouTube veröffentlicht haben, unsere Show einzuschalten? Der Nutzer hat dort andere Präferenzen; es spricht nichts dagegen, auch auf YouTube präsent zu sein, aber das ist nicht unser Hauptaugenmerk. Wir sollen keine Clicks bei YouTube generieren, sondern Hörer binden. Andere Möglichkeit: Livestreams. Es gibt kaum etwas Langweiligeres, als Moderatoren bei der Arbeit zu sehen. Zumindest für Laien. Zumal die meisten Radioleute nicht wirklich TV-tauglich sind Visual Radio, Periscope, Snapchat und mehr… 36 Oder die Möglichkeit, Promis im Studio zu sehen. Wunderbar, nur nutze ich Radio meistens, wenn ich keine Möglichkeit habe, mir etwas anzusehen. Radio muss Kino im Kopf bleiben, weil sonst für uns Macher die Versuchung zu groß ist, sich auf die mitgelieferten Bilder zu verlassen und wir somit unserer Aufgabe, diese Bilder zu liefern, nicht mehr ad- äquat nachkommen. Radio ist nicht primär ein voyeuristisch genutztes Medium, sondern ein Mensch-für-Menschen-Medium. Wir können und dürfen nicht zu einem weiteren Content-Lieferanten für Spanner werden, welche die Welt nur noch durch ihr Smartphone wahrnehmen und jede Katastrophe bei YouTube online stellen. Die gibt es sowieso, und wir werden daran nichts ändern, aber wir können die Phantasie bedienen; ein Tool, das leider in den letzten Jahren fast in Vergessenheit geraten ist. Dabei ist Phantasie der aufregendste Content-Lieferant von allen; weil, egal wie perfekt künstliche Intelligenz wird, sie kann meine individuelle Gedanken- und Vorstellungswelt niemals ersetzen. Visual Radio, Periscope, Snapchat und mehr… 37 Zu guter Letzt einfach mal die Frage in den Raum gestellt: Warum bieten Spotify, Amazon und Konsorten reine Audio-Streams an? Warum nicht auch Videos? Weil es schon Videoplattformen en masse und Situationen im Leben gibt, in denen ich visuelle Aufmerksamkeit für wichtigere Dinge brauche. Weil ich grade nicht aufs Handy schauen kann, da ich unter der Dusche stehe oder mein Essen gerade anbrennt oder die Kinder schreien oder möglicherweise ein LKW vor mir bremst. Ich bin sicher, Ihnen fallen noch ein oder zwei Situationen ein, auf die dies zutrifft. Niemand hindert uns daran, auch Videoinhalte zu liefern – gerne, solange wir darüber unseren Markenkern nicht vernachlässigen, weil Video ja cooler ist. Unser Markenkern heißt „HÖREN“! Storytelling, Visual Radio etc. sind nichts wirklich Neues. Genau wie „Packing“ beim Fußball ein simpler Anglizismus für das Überspielen mehrerer Gegner mittels Pass oder Flanke ist. Damit ich richtig verstanden werde: Ich bin nicht gegen die Nutzung – ich bin jedoch der Überzeugung, dass in der derzeit überall propagierten 360º-Radiostrategie der Hörer in den Mittelpunkt der Überlegungen gehört. Alle anderen Zusatzangebote sollten genau das sein: Zusatzangebote, die den Hörer auf unser Kernprodukt aufmerksam machen, ihn an die Marke binden und die On-Air-Protagonisten in deren Auftritt stärken. Visual Radio, Periscope, Snapchat und mehr… 38

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Zusammenfassung

Die Zukunft des Radios in Zeiten digitaler Mitbewerber treibt alle Radiomacher um. Leider wird dabei häufig nur über den technischen Wandel gesprochen. Der inhaltliche Wandel ist aber mindestens genauso wichtig. Deshalb liefert Radio 4.0 Thesen und mögliche Zukunftsszenarien, aber auch Anregungen zur Gestaltung zukunftssicherer Radioprogramme. Radio 4.0 beschäftigt sich mit den technischen Veränderungen in den Übertragungswegen und deren Implikationen für Programmmacher. Darüber hinaus wird die Veränderung im Anbietermarkt durch neue Mitbewerber im Audiosegment, wie Streamingdiensten oder Podcastanbietern, analysiert und es werden Forecast-Szenarien für mögliche Veränderungen im Nutzerverhalten entwickelt. Auch die Herausforderung durch soziale Medien wird erörtert. Der Schwerpunkt liegt jedoch in der Bedeutung des Faktors Mensch für die weitere positive Entwicklung des Mediums Radio in der Zukunft. So liefert dieses Buch Argumente für eine größere Anstrengung, Radio durch Personalities unverwechselbar zu machen. Radio 4.0 will Mitarbeitern wie Verantwortlichen Mut machen, ausgetretene Pfade zu verlassen und das Radio zukunftsfähig zu gestalten.