Prolog in:

Wolfgang Ferencak

Radio 4.0 ... braucht Personality, page 11 - 14

Betrachtungen und Strategien für das Radiobusiness

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4224-3, ISBN online: 978-3-8288-7144-1, https://doi.org/10.5771/9783828871441-11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Prolog Radio 4.0: Der Weg zum Besseren – nicht zum perfekten – Radioprogramm Beim Sammeln von Inhalten für dieses Buch wurde mir sehr schnell klar, dass es schon etliche Handbücher für Radiomacher gibt. Da gibt es gute, sehr gute, weniger gute, wie bei allem im Leben; wer hier welches Buch oder welchen Autor wie bewertet, ist subjektiv. Eines jedoch ist allen gemeinsam: Sie sollen Ihnen als Leser den Weg zum perfekten Radio weisen. Wozu sollte ich Sie mit einem weiteren Fachbuch belästigen, das Ihnen erklärt, wie Sie perfekte Nachrichten, eine perfekte Moderation oder die perfekte Musikplanung hinbekommen? Das haben fähige Kollegen bereits hinlänglich und mehr oder weniger gut erledigt. Womit sich jedoch meines Wissens kaum jemand beschäftigt hat, ist die Frage: „Wie machen wir für den Hörer besseres Radio?“ Genau an dieser Stelle möchte ich ansetzen. Dazu habe ich Freunde und Kollegen befragt, was sie besser machen würden, wenn sie frei entscheiden könnten. Ich habe mich mit Hörern unterhalten und zugehört; sie nicht aktiv befragt, sondern versucht (wie es ein guter Interviewer macht), ihre Vorstellungen und Kritikpunkte am Radio der Gegenwart heraus zu kitzeln. Der erste Kritikpunkt, der bei Hörern, Radiomachern und Medienprofis übereinstimmend kam, war… …“Radiosender klingen alle gleich oder ähnlich.“ 11 Oder wie es ein Twitter-Nutzer formuliert: Ich empfinde das als Armutszeugnis. Als Radiomacher höre ich natürlicherweise anders Radio als beispielsweise die Bedienung im Biergarten oder mein Hausarzt. Es wäre schlimm, wenn ich die Unterschiede nicht hören und verifizieren könnte, aber ich höre auch, was sie mir damit sagen wollen. Radio ist verwechselbar geworden – und weil wir das wissen, basteln wir uns wunderbare, teils sehr teure, Senderlayouts, um uns vom Mitbewerber zu unterscheiden. Wir lassen uns Promotions einfallen, die den Hörer binden sollen oder, zumindest während der Umfragezeiten, Aufmerksamkeit erzeugen. Wir gönnen uns großartige Sprecher als Station Voices, damit wenigstens zwischendrin mal gute Stimmen zu hören sind – OK, das ist böse. All das und mehr tun wir, damit nicht auffällt, wie gleichförmig Radio geworden ist. Für die Gleichförmigkeit gibt es unterschiedliche Ursachen, ja ich höre alle schreien: „Format, Formatradio – böse, ganz böse“. Nur: Ganz so einfach ist es nicht. Mit der Einführung der Radioformatics kamen Dinge wie Station ID’s, Jingles, Three Element Breaks oder das Musikformat in die schöne Prolog 12 alte Dampfradiolandschaft, die bis dahin behäbig vor sich hin gefunkt hatte. Das Gemeine daran: Diese Form von neuem, strategisch motiviertem und gestaltetem Radio war erfolgreich und hat den zuvor behäbig vor sich hin dümpelnden ARD-Radiowellen die Hörer abspenstig gemacht. Und, was mindestens ebenso wichtig war: auch noch einen Großteil des Werbekuchens abgegriffen. Was ist geschehen? Da gab es eine neue, erfolgreiche Art, Radio zu machen! Nichts lag näher, als diese vermeintlich simplen Regeln zu übernehmen und schwupp: selbst ein erfolgreiches Radioprogramm zu machen. Da wir jedoch in Deutschland sind, reichte es nicht aus, die Grundstruktur zu übernehmen, sondern es musste perfektioniert werden. Zu diesem Zweck holte man sich externe Berater, am besten aus den USA, die machen das ja schon lange. Und dann kam die deutsche Gründlichkeit dazu. Das Ergebnis hören wir seit Jahren: Einheitsbrei. Es kann auch nicht anders sein, denn wenn alle nur die Besttester in ihrer Zielgruppe spielen, Moderation nur noch auf Durchhörbarkeit reduziert wird und Radio, wie ein Kollege aus Berlin es formulierte, auf wissenschaftlicher Basis gemacht wird, dann geht das verloren, was Radio unique macht: der Faktor Mensch. Damit komme ich dann auch zurück zu meinem Einstiegssatz „… der Weg zum besseren, nicht perfekten Radioprogramm“ – genau darum geht es in diesem Buch. Der Mensch ist nicht perfekt und Perfektion ist langweilig; außer den Bayernfans findet niemand die Bundesliga spannend, wenn der FCB nach dem 10. Spieltag mit 12 Punkten führt und die Saison lässig überlegen nach Hause schaukelt. Genauso wenig wollen wir den perfekten Partner, weil wir selbst nicht perfekt sind; das macht auf der einen Seite Angst, auf der anderen langweilt es. Warum also sollte Radio perfekt sein? Ich möchte allen, die dieses Buch lesen, Mut machen, sich Fehler zu gönnen. Euren Hörern Fehler zu gönnen. Den Mut, nicht perfekt zu sein, weil die nicht perfekten Momente die mit dem größten Aufmerksamkeitspotential sind. Ich möchte, dass Ihr den Mut habt, wieder die Aufmerksamkeit einzufordern, die unser wunderbares Medium verdient, indem Ihr von Kunstfiguren wieder zu lebenden, fehlerbehafteten, authentischen und damit liebenswerten Menschen im Ohr eures Hörers werdet. Prolog 13 Um Euch den Weg dorthin zu erleichtern, habe ich mich im Folgenden auf den Schwerpunkt Personality konzentriert. Ich weiß, dass Euch noch viele andere Themen unter den Nägeln brennen; das eine oder andere werde ich auch anreißen. Was jedoch immer und immer wieder auftaucht, ist der Ruf nach Radio-Persönlichkeiten, und da können wir etwas ändern – wenn wir es wollen. Bevor ich jedoch der Personality ihren verdienten Raum gebe, muss ich einen Blick auf den Status Quo der deutschen Radiolandschaft, sowie die technischen und sozialen Entwicklungen im Hörermarkt werfen. Nur so wird deutlich warum, Personality aus meiner Sicht in Zukunft zu einem der überlebenswichtigen Faktoren für die Nutzung von Radioprogrammen wird. Also beginne ich mit der veränderten Wettbewerbssituation und der Verbreitung von Radio. Prolog 14

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Zusammenfassung

Die Zukunft des Radios in Zeiten digitaler Mitbewerber treibt alle Radiomacher um. Leider wird dabei häufig nur über den technischen Wandel gesprochen. Der inhaltliche Wandel ist aber mindestens genauso wichtig. Deshalb liefert Radio 4.0 Thesen und mögliche Zukunftsszenarien, aber auch Anregungen zur Gestaltung zukunftssicherer Radioprogramme. Radio 4.0 beschäftigt sich mit den technischen Veränderungen in den Übertragungswegen und deren Implikationen für Programmmacher. Darüber hinaus wird die Veränderung im Anbietermarkt durch neue Mitbewerber im Audiosegment, wie Streamingdiensten oder Podcastanbietern, analysiert und es werden Forecast-Szenarien für mögliche Veränderungen im Nutzerverhalten entwickelt. Auch die Herausforderung durch soziale Medien wird erörtert. Der Schwerpunkt liegt jedoch in der Bedeutung des Faktors Mensch für die weitere positive Entwicklung des Mediums Radio in der Zukunft. So liefert dieses Buch Argumente für eine größere Anstrengung, Radio durch Personalities unverwechselbar zu machen. Radio 4.0 will Mitarbeitern wie Verantwortlichen Mut machen, ausgetretene Pfade zu verlassen und das Radio zukunftsfähig zu gestalten.