Radio macht Spaß und informiert…wirklich? in:

Wolfgang Ferencak

Radio 4.0 ... braucht Personality, page 103 - 106

Betrachtungen und Strategien für das Radiobusiness

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4224-3, ISBN online: 978-3-8288-7144-1, https://doi.org/10.5771/9783828871441-103

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Radio macht Spaß und informiert…wirklich? H.A.P.P.Y. Radio – Edwin Starr Dies ist eine sehr bedeutsame Frage, wenn es um die Zukunft unseres Mediums geht. Zur Veranschaulichung eine Grafik des BR zur Mediennutzung von jugendlichen Konsumenten: Als ich diese Grafik erstmals gesehen habe, sind mir zwei Dinge ins Auge gestochen: – „Information“ und „Mitreden können“ sowie „Spaß“ liegen ganz hinten in der Motivation, Radio zu hören. 103 – Nur wenn es um „Entspannung“ geht, liegt Radio nahezu gleichauf mit dem Internet. Das ist für Internet der Tiefst- und für Radio der Höchstwert der Nutzungsmotive. Nun lassen sich daraus sicher unterschiedliche Schlussfolgerungen ziehen. Meine lauten wie folgt: – Radio kann nur noch dann mit dem Internet auf Augenhöhe agieren, wenn es als Beschallung ohne Relevanz genutzt wird. – Radio macht keinen Spaß und ist zur Informationsgewinnung kaum geeignet. Beide Aussagen liefern, zumindest aus meiner Sicht, keine sonderlich rosigen Zukunftsaussichten, diese Hörer, wenn sie erwachsen sind, als Radionutzer zu binden. Dabei besteht doch Radio heute zum Großteil aus Comedy, fast ausschließlich vorproduziert, und „nützlichen“ Informationen. (???) Warum kommt dieser „Spaßfaktor“ bei den jungen Hörern nicht an? Zumindest scheinen sie keinen Spaß daran zu finden. An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf die Studie von Resi Heitwerth zurückgreifen. Da geht es um die Wirkung von Moderation beim Hörer und deren Auswirkung auf das Hörverhalten: „Nach Schröter wird ein Moderator dann zu einem Lieblingsmoderator, wenn es ihm gelingt, neben der Befriedigung funktionaler Elemente den Hörer auch menschlich anzusprechen. Für die Hörerbindung ist letztlich die emotionale Ausstrahlung des Moderators entscheidend. Ist ein Moderator zum Lieblingsmoderator geworden, hat das auch Auswirkungen auf das Radionutzungsverhalten der Hörer. Selbst unliebsame Programmelemente wie z.B. die Werbung veranlassen nicht zum Umschalten. Hörer, die über das Gefühl gebunden sind, sehen großzügig über die Werbung hinweg und werden auch bei der Beurteilung des Programms insgesamt unkritischer. Das Programm wird nicht nur insgesamt besser beurteilt, sondern auch häufiger genutzt. Anm.: In verschiedenen Studien kommen Forscher zu dem einheitlichen Ergebnis, dass das Potential der Moderation im emotionalen Bereich, beim Aufbau einer Beziehung zum Publikum sowie bei der Höreransprache erheblich ausgebaut werden könnte. Die Moderatoren nehmen deutlich öfter auf das Programm als auf die Hörer Bezug.“ (Heitwerth, 2001) Diese Erkenntnisse legen folgenden Schluss nahe: Direkte Ansprache des Hörers und die moderative Einbindung von Information und Comedy sind deutlich probatere Mittel, Hörer an das Programm zu binden, als „Der kleine Nils“ oder ähnliche angekaufte Comedy-For- Radio macht Spaß und informiert…wirklich? 104 mate. Emotion entsteht aus der Bindung zwischen Moderator und Hörer, wenn sie durch den Moderator (authentisch) geweckt wird. Ein wichtiges, nicht zu unterschätzendes Element von Spaß liegt im Miteinander. Hier liefern uns die Social-Media-Kanäle echte Möglichkeiten zur Partizipation, an die wir vor 10 oder 15 Jahren noch nicht einmal denken konnten. Insofern ist es wichtig, alle Kanäle, die uns zur Verfügung stehen auch professionell zu bespielen. Egal ob das Video bei YouTube und oder Instagram, der Twitter-Kanal oder der Facebook-Account, alles muss diesen Spaßfaktor unterstützen. Das fordert die Protagonisten, sprich Moderatoren, und die Verantwortlichen deutlich mehr als je zuvor; daher ist es unabdinglich, auch den Verdienst anzupassen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Wenn unsere Radio-Entertainer bei YouTube oder im TV leichter und mehr Geld verdienen, wird es schwierig werden, die nötigen Talente ans Medium zu binden bzw. sie überhaupt erst dafür zu gewinnen. Sonst werden wir am Ende zu Promo-Plattformen für Köche und gescheiterte Soapstars verkommen, aber dann haben wir es auch nicht besser verdient. Radio macht Spaß und informiert…wirklich? 105

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Zusammenfassung

Die Zukunft des Radios in Zeiten digitaler Mitbewerber treibt alle Radiomacher um. Leider wird dabei häufig nur über den technischen Wandel gesprochen. Der inhaltliche Wandel ist aber mindestens genauso wichtig. Deshalb liefert Radio 4.0 Thesen und mögliche Zukunftsszenarien, aber auch Anregungen zur Gestaltung zukunftssicherer Radioprogramme. Radio 4.0 beschäftigt sich mit den technischen Veränderungen in den Übertragungswegen und deren Implikationen für Programmmacher. Darüber hinaus wird die Veränderung im Anbietermarkt durch neue Mitbewerber im Audiosegment, wie Streamingdiensten oder Podcastanbietern, analysiert und es werden Forecast-Szenarien für mögliche Veränderungen im Nutzerverhalten entwickelt. Auch die Herausforderung durch soziale Medien wird erörtert. Der Schwerpunkt liegt jedoch in der Bedeutung des Faktors Mensch für die weitere positive Entwicklung des Mediums Radio in der Zukunft. So liefert dieses Buch Argumente für eine größere Anstrengung, Radio durch Personalities unverwechselbar zu machen. Radio 4.0 will Mitarbeitern wie Verantwortlichen Mut machen, ausgetretene Pfade zu verlassen und das Radio zukunftsfähig zu gestalten.