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Andreas Osterroth, Katharina Turgay, Liebe. Eine semantische Wortfeldanalyse in:

Lothar Bluhm, Thomas Müller-Schneider, Markus Schiefer Ferrari, Christoph Zuschlag (Ed.)

"Das süße Wort: Ich liebe dich", page 43 - 60

Konstellationen der Liebe in Literatur, Kunst und Wissenschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4258-8, ISBN online: 978-3-8288-7142-7, https://doi.org/10.5771/9783828871427-43

Series: LBKS - Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte, vol. 2

Tectum, Baden-Baden
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43 Liebe Eine semantische Wortfeldanalyse Andreas Osterroth & Katharina Turgay 1. Einleitung Die Liebe ist ein zentrales Thema des Miteinanders von Menschen und hat aus diesem Grund starken Einfluss auf Literatur, Kunst und Musik. Doch auch im alltäglichen Sprachgebrauch schlägt sich die große Bedeutung von Liebe nieder. Dies zeigt sich daran, dass das Wortfeld Liebe ein sehr reichhaltiges ist und verschiedene Facetten und Ausprägungen des Begriffs, die sich auch in der Gesellschaft finden, widerspiegelt. Aus diesem Grund möchten wir uns in diesem Beitrag dem Wortfeld Liebe nähern. Mit dem Ausdruck Liebe werden viele verschiedene Wortfelder assoziiert. „Das süße Wort: Ich liebe dich“, wie der Titel dieses Sammelbandes lautet, ist Gegenstand einer Beziehung zwischen zwei sich liebenden Menschen. Doch welche spezifischen Beziehungen können zwischen zwei (oder mehr) Personen differenziert werden? Ist das Gefühl der Liebe dabei immer beteiligt? Welche Rolle spielt das Sexuelle? Dies sind Fragen, mit denen wir uns im Folgenden befassen. Gegenstand ist somit das Wortfeld Liebesbeziehung im weiteren Sinne. Unter einem Wortfeld wird nach Coseriu verstanden: Ein Wortfeld ist in struktureller Hinsicht ein lexikalisches Paradigma, das durch die Aufteilung eines lexikalischen Inhaltskontinuums unter verschiedene, in der Sprache als Wörter gegebene Einheiten entsteht, die durch einfache inhaltsunterscheidende Züge in unmittelbarer Opposition zueinander stehen.1 1 Eugenio Coseriu: Lexikalische Solidaritäten. In: Poetica (1967) 1/3, S. 293. Liebe – Eine semantische Wortfeldanalyse 44 Eine weitere Definition bietet Kühn: Unter einem Wortfeld wird ein lexikalisch-semantisches Paradigma verstanden, das durch das Auftreten eines gemeinsamen semantischen Merkmals zusammengehalten wird, und in dem die Lexeme durch bestimmte semantische Merkmale in Opposition zueinander stehen und damit ein Netz von semantischen Beziehungen konstituieren.2 Gemeinsamer Bedeutungskern und somit gemeinsames semantisches Merkmal des von uns untersuchten Wortfelds ist die zwischenmenschliche Beziehung im Kontext der sexuellen Liebe. Der Literatur nach stellt ein Wortfeld eine Menge von partiell synonymen Lexemen dar. Wir möchten ermitteln, ob die von uns ausgewählten Ausdrücke tatsächlich partiell synonym sind und worin sich diese unterscheiden. Dazu haben wir eine Umfrage durchgeführt, die wir im Folgenden vorstellen werden. Während Abschnitt 2 den Aufbau der Erhebung dargestellt, präsentiert Kapitel 3 die Ergebnisse. Dazu wird zunächst eine Einzelbetrachtung der Lexeme erfolgen, bevor versucht wird, die Lexeme voneinander abzugrenzen und Unterschiede zu ermitteln. 2. Daten Wie bereits erwähnt, möchten wir Ausdrücke des Wortfeldes Beziehungen mit der Gemeinsamkeit, dass sie sich aufgrund von sexueller Liebe definieren, im Hinblick auf ihre Bedeutung untersuchen. Dabei geht es darum, Gemeinsamkeiten aber vor allem die feinen Unterschiede herauszuarbeiten, die die einzelnen Ausdrücke voneinander abgrenzen. Bei den von uns ausgewählten Ausdrücken handelt es sich um folgende: Affäre Techtelmechtel Flirt Romanze Liaison Seitensprung Verhältnis 2 Ingrid Kühn: Lexikologie. Tübingen 1994, S. 56. Andreas Osterroth & Katharina Turgay 45 Liebschaft One-Night-Stand Liebesbeziehung Ehebruch Allen Ausdrücken gemeinsam ist, dass eine lose oder feste Beziehung zwischen zwei Personen bezeichnet wird. Während bei den Ausdrücken teilweise der Fokus nur auf dem sexuellen Akt beider Partner liegt (One- Night-Stand) oder ein sexueller Akt außerhalb einer partnerschaftlichen Beziehung zum Ausdruck gebracht wird (Seitensprung, Verhältnis, Ehebruch), geht es bei anderen Bezeichnungen vordergründig um eine Beziehung, bei der das Sexuelle nicht unbedingt eine Bedingung darstellt (Romanze, Liaison). Zwischen manchen ausgewählten Ausdrücken ist eine Abgrenzung problemlos möglich (Flirt vs. Liebesbeziehung), zwischen anderen ist es hingegen sehr schwer, die Unterschiede zu bestimmen (Romanze vs. Liaison). Ziel soll es demnach sein, eine differenzierte und feine Lexembestimmung dieses Wortfeldes vorzunehmen. Um uns dabei aber nicht nur auf unsere intuitiven Annahmen zu stützen, haben wir eine Umfrage durchgeführt, die Aufschluss darüber gehen soll, welche generellen Lexembedeutungen angenommen werden können. Die Umfrage starteten wir in Form einer Online-Studie, bei der keine bestimmte Zielgruppe ausgewählt wurde, sondern unabhängig von Alter, Geschlecht oder Bildungsgrad jeder teilnehmen konnte. Insgesamt nahmen 83 Probanden an der Studie teil, davon 65% weiblichen Geschlechts. Das Alter der Teilnehmer verteilt sich von 20 bis 60 Jahre, wovon über zwei Drittel (67,7 Prozent) zwischen 20 und 30 Jahre alt sind. Neben diesen allgemeinen Daten haben wir Antworten zu drei thematischen Tasks zu den von uns ausgewählten Ausdrücken erhoben. Zunächst sollten die Probanden eine Kurzbewertung jedes Lexems vornehmen. Dazu diente eine fünfstufige Likert-Skala, die von sehr positiv (Wert 1) bis sehr negativ (Wert 5) reicht. Dieses Verfahren nach Rensis Likert (1932) misst persönliche Einstellungen und Empfindungen.3 Da Akzeptabilität gradueller Natur ist, eignet sich eine Ratingskala zur Ermittlung der Bewertung von Sätzen. Um differenzierte Antwortmög- 3 Rensis Likert: A technique for the measurement of attitudes. In: Archives of Psychology (1932) 140, 1-55. Liebe – Eine semantische Wortfeldanalyse 46 lichkeiten zu erhalten, werden fünf itemunspezifische, ordinalskalierte Antworten zur Beurteilung angegeben.4 Dabei wird eine numerische Skala verwendet und nur die Endpunkte der bipolaren Skala benannt, um Missverständnisse aufgrund von uneindeutigen Verbalisierungen jedes Skalenpunktes zu vermeiden.5 Die folgende Abbildung zeigt einen Auszug aus dem Fragebogen. Die zweite Aufgabe bestand darin, zu den Ausdrücken spontane Assoziationen zu notieren. Die Probanden wählten dazu meist einzelne Wörter aus, gaben aber auch Phrasen an. Bei den Wörtern handelt es sich meist um Adjektive und Nomen, Verben sind selten. Bei der dritten Aufgabe sollten die Probanden den Ausdrücken vorgegebene Merkmale zuordnen, wobei eine Mehrfachzuordnung möglich war. Die zutreffenden Merkmale wurden angekreuzt. Bei ihnen handelt es sich um folgende: 4 Vgl. Jürgen Rost: Lehrbuch Testtheorie, Testkonstruktion. Bern 1996. 5 Ewa Jonkisz & Helfried Moosbrugger: Planung und Entwicklung von psychologischen Tests und Fragebogen. In: Helfried Moosbrugger & Augustin Kelava (Hrsg.): Testtheorie und Fragebogenkonstruktion. Heidelberg 2008, S. 50ff. Andreas Osterroth & Katharina Turgay 47 länger andauernd einmalig gesellschaftlich akzeptiert beide Partner in anderer Beziehung ein Partner in anderer Beziehung kein Partner in anderer Beziehung verzeihbar moralisch verwerflich Geschlechtsverkehr körperlich Im Folgenden werden wir die Ergebnisse der Erhebung darstellen. 3. Ergebnisse Im Durchschnitt wurden die Lexeme mit 3,1 bewertet. Die folgende Grafik verdeutlicht die Bewertung aller Lexeme. Dabei zeigt sich, dass Liebesbeziehung am besten beurteilt wurde und einen Mittelwert von 1,4 aufweist. Romanze und Flirt werden ebenfalls positiv bewertet (1,9 und 2,0). Negative Urteile wurden von allen Probanden den Lexemen Seitensprung und Ehebruch (4,6 und 4,8) gegeben. Alle übrigen Ausdrücke haben eine durchschnittliche Bewertung um den Mittelwert (3,1) erhalten. Die einzelnen Lexeme werden nun genauer betrachtet. Dazu erfolgt zunächst eine Einzeldarstellung, in dem die Bewertungen der Ausdrücke durch die Probanden beschrieben, ihre Assoziationen in Form von Wortwolken (Aufgabe 2) illustriert sowie die Merkmalszuordnungen der Liebe – Eine semantische Wortfeldanalyse 48 Ausdrücke (Aufgabe 3) in Form eines Balkendiagramms dargestellt werden. Dabei werden die Häufigkeiten der Kreuze angegeben, die gemacht wurden, als Zeichen für das Zutreffen des genannten Merkmals für das vorgegebene Lexem. 3.1 Einzelbetrachtung Affäre Affäre wurde mit durchschnittlich 3,7 auf der Likert-Skala als eher negativ, aber nicht ausschließlich negativ bewertet. Sowohl bei Männern als auch bei Frauen sowie in allen Altersklassen ist Affäre negativ konnotiert. Ein Blick in die Wortwolke bestätigt diese quantitative Feststellung und nennt Lexeme wie Fremdgehen, heimlich, Seitensprung, Lüge, aber auch Sex und Spaß. Es gab 14 Probanden, die das Lexem mit positiv oder sogar sehr positiv bewertet haben, davon zwei Drittel weiblich und ein Drittel männlich. Die wichtigsten Eigenschaften einer Affäre scheinen zu sein, dass sie länger andauert und mindestens ein Partner in einer Beziehung steckt. Sie ist gesellschaftlich nicht akzeptiert und weder einmalig noch verzeihbar. Andreas Osterroth & Katharina Turgay 49 Flirt Flirt wird von allen Befragten fast ausschließlich positiv gesehen (2,0). Auch die semantische Wolke nennt Spaß, süß, spontan und andere positiv konnotierte Lexeme. Die Eigenschaften legen nahe, dass der Flirt gesellschaftlich anerkannt ist und entweder ein Partner, beide oder, am meisten genannt, kein Partner in einer Beziehung ist. Auf keinen Fall scheint der Flirt körperlich zu sein oder gar Geschlechtsverkehr zu umfassen. Techtelmechtel Das Lexem Techtelmechtel wird von Frauen leicht positiver bewertet (3,2) als von Männern (3,5). Das am häufigsten genannte Lexem, das damit verbunden wird, ist Sex, aber auch Sims (Computerspiel), altmodisch und Knutschen. Die Haupteigenschaft ist, dass kein Partner in einer Beziehung ist. Liebe – Eine semantische Wortfeldanalyse 50 Romanze Das Lexem Romanze wird sehr positiv mit 2,0 bewertet. Frauen werten sogar mit 1,8, während Männer mit 2,2 werten. Die Romanze zeichnet sich dadurch aus, dass kein Partner in einer anderen Beziehung ist, dass sie länger andauert und gesellschaftlich akzeptiert ist. Die assoziierten Lexeme wie Liebe, Gefühle, romantisch, schön zeigen weiterhin, dass die Romanze eines der positivsten Lexeme der Untersuchung ist. Liaison Die Liaison liegt im mittleren Bewertungsbereich mit 2,7. Interessanterweise beurteilen Probanden über 35 Jahre das Lexem schlechter (3,1) als jüngere (2,6). Dies könnte daran liegen, dass das „Ruchlose“ der Liaison im Sprachwandel verloren gegangen ist. Liaison scheint semantisch stark verwandt mit Romanze zu sein, mit der Einschränkung, dass sie etwas weniger positiv gesehen wird. Andreas Osterroth & Katharina Turgay 51 Die Wortwolke zeigt auch, dass viele das Wort einfach übersetzt haben (Verbindung) oder es mit dem Französischen assoziieren. Seitensprung Das Lexem Seitensprung wird von Männern und Frauen gleich negativ wahrgenommen (4,6). Einzig Probanden über 35 sehen es mit 4,2 etwas weniger negativ. Der Seitensprung hat die Eigenschaften einmalig, Geschlechtsverkehr, ein Partner in einer Beziehung und moralisch verwerflich. Ein Blick in die Wortwolke zeigt, dass zum einen Betrug und Untreue eine Rolle spielen, es aber auch Verbindungen zur Affäre gibt. Verhältnis Verhältnis wird insgesamt mit 3,7 bewertet. Während es keinen Unterschied im Alter gibt, bewerten Frauen das Lexem leicht negativer (3,8) als Männer (3,5). Das Verhältnis ist semantisch recht unspezifisch und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es länger andauert. Überra- Liebe – Eine semantische Wortfeldanalyse 52 schenderweise werden sowohl Affäre als auch Beziehung häufig als Assoziation genannt, was diese Annahme noch bestätigt. Liebschaft Das Lexem Liebschaft wird mit 2,9 sehr durchschnittlich bewertet und die Bewertungen sind sogar normalverteilt. Insgesamt ist zu sehen, dass das Wort sehr neutral gesehen wird, was auch durch die weiteren Daten gestützt wird. Linguistisch auffällig ist, dass viele Probanden es als veraltet ansehen. One-Night-Stand One-Night-Stand wird, wie hier zu sehen ist, hauptsächlich mit Sex assoziiert. Auf der Likert-Skala erreicht das Lexem einen Wert von 3,2, zwischen Männern und Frauen gibt es kaum einen Unterschied. Semantisch gesehen ist das Lexem ebenso positiv wie Liebesbeziehung, aber die semantischen Merkmale sind natürlich sehr anders. Andreas Osterroth & Katharina Turgay 53 Liebesbeziehung Liebesbeziehung ist das Lexem, welches von allen Probanden mit 1,4 am positivsten bewertet wurde. Die Wortwolke bestätigt den Eindruck und man sieht sehr deutlich, dass weitere positive Lexeme evoziert werden, wie z.B. Liebe, schön, dauerhaft und gut. Auch die Zuordnung der Merkmale zeigt, dass sich die Liebesbeziehung dadurch auszeichnet, dass sie länger andauert und kein Partner in einer Beziehung ist. Ehebruch Der Ehebruch kommt mit 4,8 auf der Likert-Skala wenig überraschend am schlechtesten weg. Die Wortwolke zeigt direkt, dass Scheidung, Verrat und Betrug als Hauptassoziationen auftauchen. Auch bei den Merkmalen ist zu sehen, dass Ehebruch fast ausschließlich negative Eigenschaften zugeschrieben werden. Liebe – Eine semantische Wortfeldanalyse 54 3.3 Korrelationen Merkmale Korrelation mit der Bewertung (bivariat nach Pearson) Berechneter Korrelationswert kein Partner in einer Beziehung stark positiv +0,81 gesellschaftlich akzeptiert stark positiv +0,95 Geschlechtsverkehr leicht negativ -0,61 Moralisch verwerflich stark negativ -0,81 beide Partner in einer Beziehung stark negativ -0,95 ein Partner in einer Beziehung stark negativ -0,95 Die Merkmale korrelieren unterschiedlich mit der Bewertung der Lexeme. So korrelieren die Merkmale ,gesellschaftlich akzeptiert‘ und ,kein Partner in einer Beziehung‘ stark positiv, was bedeutet, dass Lexeme, bei denen die Probanden diese Merkmale angegeben haben, sehr viel besser bewertet wurden. Umgekehrt verhält es sich mit den Merkmalen ,moralisch verwerflich‘, ,beide Partner in einer Beziehung‘, ,ein Partner in einer Beziehung‘ und ,Geschlechtsverkehr‘. Diese korrelieren stark negativ. Wenn eines oder mehrere dieser Merkmale angegeben wurden, wird das Lexem sehr viel schlechter bewertet. Da es sich um einen korrelativen und keinen kausalen Zusammenhang handelt, kann nicht gesagt werden, ob diese Merkmale dazu führen, dass die Probanden die Lexeme negativ bewerten oder ob die negative Bewertung zur Zuweisung dieser Merkmale führt. Es bleibt aber festzuhalten, dass es gewisse Merkmale gibt, die von den Probanden als negativ wahrgenommen und bestimmten Lexemen zugeschrieben werden. Jede Art von Involvierung einer dritten Partei, das Anstoßen an die Moral und Körperlichkeit scheinen hier relevant zu sein. 3.3 Abgrenzung der Lexeme Im Folgenden sollen noch einmal anhand der Ergebnisse der dritten Aufgabe, bei der die Probanden den Ausdrücken vorgegebene Eigenschaften zuordnen sollten, Abgrenzungen zwischen verschiedenen Items vorgenommen werden. Andreas Osterroth & Katharina Turgay 55 Im Hinblick auf die Dauer der Beziehung geben die meisten Probanden an, dass es sich vor allem bei One-Night-Stand (72x) und bei Seitensprung (64x) um einmalige Ereignisse handelt. Aber auch Flirt (50x) wird vermehrt als einmalig eingestuft. Länger andauernde Beziehungen sind hingegen Liebesbeziehung (75mal), Verhältnis (69x), Affäre (64x), Liebschaft und Romanze (63x) sowie Liaison (50x). Weder länger andauernd noch einmalig wird Techtelmechtel eingeordnet. Die Faktoren ‚länger andauern‘ und ‚einmalig‘ können als Endpunkte eines Kontinuums gesehen werden. Grafisch veranschaulicht können die von uns vorgegebenen Ausdrücke folgendermaßen angeordnet werden: Hier sollen erste Unterschiede zwischen den nebeneinanderstehenden Ausdrücken herausgearbeitet werden. Ausgehend von den einmaligen Handlungen am linken Ende der Skala ist ein relevanter Unterschied zwischen One-Night-Stand und Seitensprung, dass die meisten Probanden dem Letzterem die Eigenschaft zuordnen, dass mindestens ein Partner, meist beide vergeben, d.h. in einer anderen Beziehung sind, während eine andere Partnerschaft im Fall des One-Night-Stands nicht vorhanden ist. Gemeinsam ist beiden die Zuordnung der Eigenschaft ‚Geschlechtsverkehr‘, womit sie sich von der ebenfalls einmaligen Handlung Flirt abgrenzen. Dieser Ausdruck unterscheidet sich von allen anderen Ausdrücken dadurch, dass ihm nur von zwei bzw. vier Probanden die Eigenschaften ‚Geschlechtsverkehr‘ und ‚körperlich‘ zugeordnet werden. Bei allen anderen vorgegebenen Ausdrücken sind diese Eigenschaften Merkmale der vorgegebenen Beziehungen. Das Sexuelle stellt auch einen Unterschied zwischen den länger andauernden Beziehungen Liebesbeziehung, Liebschaft und Romanze dar, die den Endpunkt der Skala darstellen. Die Eigenschaft ‚Geschlechtsverkehr‘ wird der Romanze weniger zugesprochen als den anderen Beziehungen. Den Unterschied zwischen Liebesbeziehung und Liebschaft bringen die Wortwolken (s.o.) deutlich hervor: Während die Probanden bei Liebschaft gleichermaßen die Assoziationen ‚Liebe‘ und ‚Sex‘ haben, sticht bei Liebesbeziehung Liebe – Eine semantische Wortfeldanalyse 56 hauptsächlich Liebe hervor. Zudem wird der Ausdruck Liebschaft als ‚veraltet‘ bewertet. Die Eigenschaft ‚Geschlechtsverkehr‘ wird am häufigsten dem Ausdruck Seitensprung (62x) zugewiesen, aber auch Affäre und One-Night- Stand (je 56x) werden mit Sex in Verbindung gebracht. Auf der rechten Seite der Skala sind wie gesagt Flirt und Romanze angesiedelt, da die sexuelle Komponente bei diesen Ausdrücken selten als Eigenschaft ausgewählt wird. Auch hier soll die folgende Grafik zur Illustration dienen:6 Die beiden Items, denen am wenigsten die Eigenschaft ‚Geschlechtsverkehr‘ zugeordnet werden, grenzen sich durch die Länge der Beziehung ab: Flirt ist einmalig, die Romanze länger andauernd. Der Unterschied zwischen den Beziehungen Seitensprung und One- Night-Stand, die auf Geschlechtsverkehr basieren, wurde schon thematisiert. Sie grenzen sich zudem beide von dem ebenfalls durch Sex geprägten Ausdruck Affäre durch die Länge der Beziehung (Affäre) bzw. einmalige Handlung (Seitensprung, One-Night-Stand) ab. Dies ist eine Gemeinsamkeit mit Seitensprung. Diese Eigenschaften sollen ebenfalls mithilfe einer Skala verdeutlicht werden: 6 Interessant ist, dass die Probanden die Eigenschaft ‚körperlich‘ insgesamt seltener als ‚Geschlechtsverkehr‘ auswählten. Der Unterschied dieser Eigenschaft besteht vermutlich darin, dass ‚körperlich‘ meist so interpretiert wird, dass die Beziehung nur rein auf Körperlichkeit beruht und keine emotionale Komponente beinhaltet. Andreas Osterroth & Katharina Turgay 57 Am linken Ende auf allen drei Skalen sind dieselben vier Lexeme angeordnet, was dafür spricht, dass sich die Eigenschaften ‚gesellschaftlich nicht akzeptabel‘ und ‚moralisch verwerflich‘ decken und quasi das Gegenteil von ‚verzeihbar‘ darstellen. Der Endpunkt auf den linken Skalenenden stellt immer Ehebruch dar. Die Eigenschaft ‚gesellschaftlich akzeptiert‘ und ‚verzeihbar‘ haben dem Ausdruck nur zwei bzw. acht Probanden zugeordnet. ‚Moralisch verwerflich‘ schätzen den Ehebruch hingegen 61 Probanden ein. Eine ähnliche Zuordnung trifft auch für Seitensprung (3x bzw. 16x bzw. 56x), Affäre (8x bzw. 16x bzw. 43x) und Verhältnis (16x bzw. 17x bzw. 35x) zu. Affäre und Verhältnis unterscheiden sich von Seitensprung dadurch, dass es sich um andauernde Beziehungen und nicht einmalige Ereignisse handelt, wobei bei Affäre Sex mehr im Vordergrund steht als bei Verhältnis. Darüber hinaus wird eine anderweitige Partnerschaft bei Verhältnis nicht so häufig als Eigenschaft angegeben wie bei Affäre. Dies erklärt auch, warum die Affäre weniger verzeihbar und moralisch mehr verwerflich als das Verhältnis ist: Ein Partner wird betrogen. Liebe – Eine semantische Wortfeldanalyse 58 Den Endpunkt der rechten Skalenenden stellt im Hinblick auf Akezptanz, Verwerflichkeit und Verzeihbarkeit Flirt dar (72x bzw. 51x bzw. 3x), der als relativ harmlos angesehen wird, zumal kein Partner in einer Beziehung zu sein scheint, während Ehebruch und Seitensprung keineswegs als harmlos gelten. Diesen Kontrast zwischen Flirt auf der einen Seite und Ehebruch und Seitensprung auf der anderen zeigte bereits die Skala im Hinblick auf Geschlechtsverkehr. Je weniger ‚Körperlichkeit‘ bzw. ‚Geschlechtsverkehr‘ (Flirt) desto ‚gesellschaftlich akzeptierter‘, ‚verzeihbarer‘ und weniger ‚moralisch verwerflich‘ beurteilen die Probanden die Beziehung. Je mehr ‚Geschlechtsverkehr‘, desto ‚verwerflicher‘ und weniger ‚akzeptiert‘ und ‚verzeihbar‘ ist die Beziehung (Ehebruch, Seitensprung). Dies liegt auch daran, dass bei beiden Ausdrücken angegeben wird, dass mindestens ein Partner in einer anderen Beziehung ist. Die Skala weist daraufhin, dass Ehebruch negativer bewertet wird als Seitensprung. Dies entspricht auch der Bewertung beider Ausdrücke auf der Likert-Skala (s.o.). Ob die Partner vergeben oder Single sind, spielt im Hinblick auf die Eigenschaften ‚gesellschaftlich akzeptiert‘, ‚moralisch verwerflich‘ und ‚verzeihbar‘ eine wichtige Rolle. Denn wie die letzte Skala zeigt, decken sich zumindest die linken Skalenendpunkte. Der Faktor, ob ein Dritter Schaden von der durch die Ausdrücke erfragten Beziehung trägt, entscheidet, wie akzeptiert bzw. verwerflich eine Beziehung ist. Zuletzt soll noch eine Abgrenzung von Romanze vorgenommen werden. Romanze ist gesellschaftlich akzeptierter und positiver konnotiert auf der Likert-Skala. Liebschaft ist hingegen sexueller, was auch die Wortwolke darlegt, bei der sowohl Liebe als auch Sex als Assoziationen auftreten. Alleine im Vordergrund steht bei Romanze die Liebe (s. Wortwolke). Gemeinsam ist beiden, dass den Partnern meist die Eigenschaft, Single zu sein, zugeordnet wird. Dies grenzt beide Lexeme von Affäre und Verhältnis ab. Andreas Osterroth & Katharina Turgay 59 Es kann festgehalten werden, dass sich One-Night-Stand, Seitensprung und Flirt grundlegend von Liebschaft, Romanze und Liebesbeziehung im Hinblick auf die Dauer der Beziehung unterscheiden. Das erste Lexemtrio drückt ein ein-, vielleicht zweimaliges Erlebnis aus, während das letzte Trio als andauernd wahrgenommen wird. Im Hinblick auf Geschlechtsverkehr kontrastieren One-Night-Stand und Seitensprung ebenso (zusammen mit Affäre) und setzen sich dadurch wieder von der Romanze, aber auch dem Flirt (sowie vom Techtelmechtel) ab, da für diese Beziehungstypen kein Geschlechtsverkehr angenommen wird. Hinzu kommt, dass Seitensprung und Affäre (zusammen mit Ehebruch und Verhältnis) nicht akzeptiert und daher moralisch verwerflich sowie die Partner vergeben sind, was sie von Flirt, Romanze, Liebschaft und Liebesbeziehung auf der anderen Seite der Skala abgrenzt. Als ein weiteres Paar auf einer Skala stehen sich Ehebruch und Flirt gegenüber, da erster gar nicht und Flirt hingegen durchaus verzeihbar ist. Insgesamt kontrastieren demnach Seitensprung (einmalig, Geschlechtsverkehr, inakzeptabel, moralisch verwerflich, unverzeihlich, Partner vergeben) und Romanze (andauernd, ohne Geschlechtsverkehr, akzeptiert, nicht verwerflich, beide Single). 4. Fazit Obwohl die Untersuchung auf einer relativ kleinen Gruppe basiert und keinesfalls uneingeschränkt aussagekräftig ist, konnten sehr interessante Erkenntnisse gewonnen werden. Wie zu sehen ist, gibt es Unterschiede zwischen den Lexemen, aber diese sind sehr schwer genau festzulegen. So haben beispielsweise die Wortwolken gezeigt, dass die Wörter ganz unterschiedliche Assoziationen aufrufen, während die Zuordnung der Merkmale zeigt, dass eine einheitliche Bewertung schwierig ist. Die Tatsache, dass sich weder Alter noch Geschlecht auf die Ergebnisse auswirken, ist interessant, aber wahrscheinlich auf die Größe der befragten Gruppe zurückzuführen. Weitere Untersuchungen müssten sich auf eine größere Datengrundlage stützen, um hier weitere semantische Unterschiede herausarbeiten zu können. Auch würde die Bewertung der Lexeme deutlich nuancierter ausfallen. Als wichtigste Ergebnisse können festgehalten werden, dass Liebesbeziehungen, die gesellschaftlich anerkannt sind und bei denen beide Partner in keiner anderen Beziehung stehen, sehr positiv gesehen werden. Interessanterweise ist eines der am positivsten bewerteten Lexeme Liebe – Eine semantische Wortfeldanalyse 60 jedoch Flirt. Hier scheint eine zweite interessante Erkenntnis durch, denn Körperlichkeit bzw. Geschlechtsverkehr scheint dazu zu führen, dass die Liebesbeziehungen negativer wahrgenommen werden. Die Ausnahme stellt Liebesbeziehung dar, offenbar die einzig akzeptierte Beziehungsform, in der Geschlechtsverkehr nicht negativ gesehen wird. Flirt wird nicht mit diesen körperlichen Aspekten in Verbindung gebracht und ebenso positiv gesehen. Es bleibt festzuhalten, dass es keine Homonyme für amouröse Beziehungen gibt und jedes Lexem seine Berechtigung im Sprachsystem hat, da jedes Wort eigene Nuancen der Beziehung ausdrückt. Wenn die Beziehungen in irgendeiner Form eine dritte Partei involvieren oder körperlich sind, werden sie tendenziell negativ bewertet.

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References

Zusammenfassung

Mit Band 2 der Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte wird eine Reihe von Sammelbänden zu Ringvorlesungen fortgeführt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen mit ihren jeweils eigenen Perspektivierungen übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Erscheinungen zuwenden. Im Fokus dieses 2. Bandes steht das Phänomen der Liebe.

Der wissenschaftliche Blick auf die Liebe ist immer einer auf eine Erscheinung, die sich auf sehr unterschiedliche Weise präsentiert. Das gilt sowohl in Hinblick auf ihre Historizität als auch ihre Systematizität. Und es gilt allemal für ihre Bewertung im Spannungsfeld von Sozialkonstruktion und biologisch-psychologischer Prädisposition. Aus diesem Spannungsfeld heraus schauen die Beiträge auf die tatsächliche oder vermeintliche Krise der modernen Paarbeziehung und fragen nach den Faktoren, die für die unterschiedlichen Bezeichnungen von Paarbeziehungen verantwortlich sind. In den Blick genommen werden Konstellationen der Liebe in den biblischen Erzählungen und ihrer Rezeptionsgeschichte, in der deutschen, englischen und französischen Literatur und im Film, in der Philosophie, der Musik und in der Kunst, gestern und heute. Ein eigener Blick wird auf die Idealtypik der ‚First Lady‘ in der politischen Kultur der USA geworfen.

Die Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte dokumentieren Ergebnisse regelmäßig stattfindender Ringvorlesungen an der Universität Koblenz-Landau. Die öffentliche Vortragsreihe wird als fester Bestandteil der universitären Veranstaltungskultur vom Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften am Standort Landau organisiert und widmet sich interdisziplinären Fragestellungen aus dem jeweiligen Blickwinkel der vortragenden Disziplinen. Auf diese Weise wird ein Forum für den aktiven wissenschaftlichen Austausch zwischen den Neuphilologien (Germanistik, Romanistik, Anglistik), der Kunst- und der Musikwissenschaft, der evangelischen und katholischen Theologie, der Soziologie, der Politikwissenschaft sowie der Wirtschaftswissenschaft ermöglicht und befördert.