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Stella Butter, Enduring Love. Modelle von Liebe im englischsprachigen Gegenwartsroman in:

Lothar Bluhm, Thomas Müller-Schneider, Markus Schiefer Ferrari, Christoph Zuschlag (Ed.)

"Das süße Wort: Ich liebe dich", page 263 - 292

Konstellationen der Liebe in Literatur, Kunst und Wissenschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4258-8, ISBN online: 978-3-8288-7142-7, https://doi.org/10.5771/9783828871427-263

Series: LBKS - Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte, vol. 2

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
263 Enduring Love Modelle von Liebe im englischsprachigen Gegenwartsroman Stella Butter 1. Einleitung: Romantische Liebe in der Literatur und Philosophie Der Aufsatztitel ‚Enduring Love‘ ist einem Bestseller der britischen Gegenwartsliteratur entnommen: dem gleichnamigen Roman des bekannten Schriftstellers Ian McEwan. Enduring Love (1997) lässt sich einerseits übersetzen als fortwährende Liebe und damit begreifen als eine Anspielung auf das weit verbreitete Ideal romantischer Liebe. Eine schier endlose Zahl an Popliedern besingt ein solches Ideal, beispielsweise Celine Dions My Heart Will Go On, das die passende Herzschmerz-Akustik für das Liebespaar in James Camerons Titanic (1997) bot. Die zweite Übersetzungsmöglichkeit zielt demgegenüber auf die Schattenseiten genau dieses Liebesideals: eine zu ertragende Liebe.1 Tatsächlich stellt McEwans Roman nicht nur romantische Liebe dar, sondern auch dessen grotesk übersteigerte Version in Form des Stalking. ‚Enduring Love‘ ruft in seiner Ambiguität somit die Frage auf, was eigentlich unter Liebe zu verstehen sei. Der englischsprachige Gegenwartsroman setzt sich nicht nur mit verschiedenen Modellen von romantischer Liebe auseinander, sondern trägt durch seine imaginativen Liebesszenarien zur Ausbildung der gesellschaftlichen Vorstellungen und Gefühlshaushalte von Liebe bei. Die altbekannte Debatte darum, inwieweit Emotionen als anthropologische Konstante oder als kulturell geformt zu werten seien, prägt in besonderem Maße den Diskurs über die Liebe: 1 Zur Doppeldeutigkeit des Titels siehe Kiernan Ryan: After the Fall. In: Peter Childs. Ian McEwan’s Enduring Love. (Routledge Guides to Literature) London/New York 2007, S. 54. Enduring Love 264 Für die Auffassung von Liebe als akutem Gefühl spricht vor allem ihr unbestrittener Widerfahrnischarakter […]. [Allerdings ist] Liebe wohl dasjenige Gefühl, das am stärksten durch die Diskurse gestaltet ist, in denen es beschrieben wird. […] Da sich jede Thematisierung von Liebe im Alltag notwendigerweise auf […] historisch[e] und medial[e] Vorlagen bezieht und von deren ‚Nachahmung‘ nicht ablösbar ist, gehört der Zweifel an der Echtheit gerade dieses fragilen Gefühls zu den Diskursen über Liebe von Beginn an dazu.2 Das starke Gefühl der Liebe, welches das Individuum als Widerfahrnis erlebt, fordert zur Sinnstiftung heraus, um es in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren.3 Literatur bietet einen reichhaltigen Schatz an Gefühlsvokabular, Gefühlsnarrativen und Modellen von Liebe, auf die das Individuum bei dieser narrativen Sinnstiftung zurückgreifen kann. Gerade aufgrund dieser narrativen Dimension von Liebe lässt sich die Geschichte dieses Gefühls nicht ohne die Geschichte von Literatur schreiben. Der englischsprachige Gegenwartsroman hat einen genauen Blick dafür, wie Literatur zur narrativen Formierung von Gefühlen, Gefühlsnormen und Gefühlsbewertungen beiträgt. Gekoppelt wird dieses metafiktionale Interesse häufig mit Fragen zur Echtheit von Liebe. Exemplarisch zeigt sich dies in den Romanen der erfolgreichen britischen Schriftstellerin A.S. Byatt, beispielsweise in Babel Tower (1996) und Possession (1990).4 Die Hauptfigur in Babel Tower, Frederica Potter, sieht den Grund für ihre katastrophale Ehe in falscher literarischer Lektüre. Sie sei dem Mythos leidenschaftlicher Liebe aufgesessen, nämlich der Vision einer „oneness and connectedness, beyond language“,5 wie sie sich in den 2 Christoph Demmerling/Hilge Landweer: Philosophie der Gefühle: Von Achtung bis Zorn. Weimar 2007, S. 130. 3 Vgl. auch Wilhelm Schmid: Die Liebe atmen lassen. (1. Aufl. 2013) Berlin 2015, S. 48: „Energiegeladene Gefühle treiben Deutungen hervor und werden auch selbst zum gedeuteten Zustand“. 4 Für eine ausführliche Analyse der Liebesmodelle in Byatts Werken, siehe Sarah Heinz: Die Einheit in der Differenz. Metapher, Romance und Identität in A.S. Byatts Romanen. Tübingen 2007; Tina Schäfer: Postmodern Love? Auseinandersetzungen mit der Liebe in der britischen Literatur der 1990er Jahre. Saarbrücken 2008, S. 174-201; Stella Butter: Literatur als Medium kultureller Selbstreflexion. Literarische Transversalität und Vernunftkritik in englischen und amerikanischen Gegenwartsromanen aus funktionsgeschichtlicher Perspektive. Trier 2007, S. 214-250. 5 Antonia Susan Byatt: Babel Tower. New York 1996, S. 308. Stella Butter 265 Werken von D.H. Lawrence und E.M. Forster findet. Diese Vision lässt sich als ein „Fusionsmodell der Liebe“6 beschreiben, wonach „oneness“ angeblich durch das befreiende Ausleben von Sexualität realisiert werden kann („that was our myth […] that the body is truth“7). Solche metafiktionalen Auseinandersetzungen mit dem Konstruktcharakter von Selbst und Welt durchziehen auch Possession. So fragt sich beispielsweise die Literaturwissenschaftlerin Dr. Maud Bailey, ob sie lediglich eine „matrix for a susurration of texts and codes“8 sei. Bei allem Misstrauen gegenüber romantischer Liebe als ideologisch fragwürdiges Diskurskonstrukt sind die Figuren in Byatts Romanen um eine Kunst der Liebe bemüht, die Nähe bei gleichzeitiger Wahrung von Autonomie und Individualität sowie des Gefühls von Authentizität ermöglicht. Erkundungen von romantischer Liebe im englischsprachigen Gegenwartsroman umfassen insgesamt ein so breites Terrain an Gattungen und Szenarien, dass geradezu von einer Obsession bei dem Thema Liebe gesprochen werden kann. Ob in Gestalt des formelhaften Kitschromans (z.B. die romance novels von Harlequin oder Mills and Boon), der komödienhaften Chick bzw. Hen Literature sowie Lad Literature (z.B. Sophie Kinsella, Can you keep a secret? [2003]; Nick Hornbys High Fidelity [1995]), des historischen Romans (z.B. Sarah Waters Tipping the Velvet [1998]; Kate Grenvilles The Secret River [2005]) oder etwa des interkulturellen Migrationsromans (z.B. Nadeem Aslams Maps for Lost Lovers [2004]; Jackie Kays Trumpet [1998]), überall findet romantische Liebe ihren Auftritt.9 Die Besessenheit des englischen Gegenwartsromans von Liebe lässt sich erklären im Lichte des herausgehobenen Stellenwerts, den die Liebe im westlichen Kulturraum einnimmt. Nicht nur in Ratgeberliteratur, sondern auch im philosophischen Diskurs erscheint die Erfahrung von Liebe und Intimität als Gradmesser für ein gelungenes Leben. In der Populärkultur und in politischen Diskursen wird die Paarbeziehung vielfach als Miniaturversion von Gemeinschaft zelebriert, die einen sicheren Hort gegen die Bedrohung und Unsicherheit von Modernisie- 6 Zum „Fusionsmodell der Liebe“ siehe Angelika Krebs: Zwischen Ich und Du: Eine dialogische Philosophie der Liebe. Berlin 2015, S. 24-28. 7 Byatt, Babel Tower, S. 127. Fredericas Rede von „our myth“ bezieht sich auf die Generation der sexuellen Revolution. Die Handlung von Babel Tower spielt im England der 1960er Jahre. 8 A.S. Byatt: Possession. London et al. 1991, S. 251. 9 Zur verstärkten Thematisierung von Liebe im Roman seit den 1990er Jahren, siehe auch Schäfer, Postmodern Love?, S. 1. Enduring Love 266 rung bietet. Der Gegenwartsroman trägt zu diesen Diskursen bei, indem er vielfach Figuren zeichnet, für die eine Liebesbeziehung den einzigen Hoffnungsschimmer bietet, der Entfremdungserfahrung einer feindlichen modernen Welt zu entfliehen (vgl. z.B. A.L. Kennedys Serious Sweet [2016]). Viele Gegenwartsromane entwickeln in ihrer Darstellung der Figurenwelt einen geradezu sezierenden Zugriff auf die komplexe Fragilität von Liebesbeziehungen und entwerfen differenzierte Szenarien des Scheiterns von Liebe.10 Angesichts dieser Szenarien des Scheiterns stellt sich die Frage, wie eine Kunst der Liebe zu denken ist jenseits flacher Romantisierung. Genau dieser Frage wird in der komplexeren Sorte von Gegenwartsromanen nachgegangen. Auffällig sind dabei Parallelen zur Diskussion von gelingender Liebe in der zeitgenössischen Philosophie. Dies kann anhand der Beschreibung gelingender Liebe in Dieter Thomäs Erzähle Dich Selbst (1998) und Angelika Krebs’ Zwischen Ich und Du: Eine dialogische Philosophie der Liebe (2015) verdeutlicht werden. Ein Hauptkennzeichen des philosophischen Liebesmodells ist die Annahme einer Hinwendung zur Besonderheit des geliebten Menschen, und zwar unter Vermeidung rigider Festlegungen. Liebe bestehe, wie Thomä betont, in „eine[r] großzügige[n] Überbietung feststellbarer Qualitäten“.11 Gemeint ist, dass Liebe nicht an einen Katalog an Charaktereigenschaften oder Leistungen gebunden ist. Das lässt sich anhand eines kurzen Beispiels leicht illustrieren. Anna und Merle sind ein Liebespaar. Antwortet Merle auf die Frage, wieso sie Anna liebe, mit den Worten „weil sie braune Haare hat, einen Sinn für Humor und mit mir Motorrad fährt“, so erschiene dies als eine unbefriedigende Erklärung. Zwar sind dies alles Vorzüge des geliebten Menschen, doch mögen auch andere Frauen diese Attribute haben, ohne dass Merle für diese in Liebe entflammt. Dementsprechend argumentiert Thomä: Die Pointe von Sätzen der Form […] ‚Ich liebe dich, weil…‘ besteht […] darin, daß diese Zuneigung sich weder in Modalitäten noch in Kausalitäten ausschöpfen läßt. Sie geht über das hinaus, was sich von 10 Vgl. Christine Schwanecke: Exploring Fragile Relationships in the Twenty-First Century. Love and Marriage in David Nicholls’s One Day (2009) and Mark Haddon’s The Red House (2012). In: The British Novel in the Twenty-First Century. Cultural Concerns – Literary Developments – Model Interpretations. Hrsg. von Vera und Ansgar Nünning. Trier 2018, S. 175. 11 Dieter Thomä: Erzähle dich selbst. Lebensgeschichte als philosophisches Problem. (1. Aufl. 1998) Frankfurt/M. 2007, S. 177. Stella Butter 267 einem Menschen sagen läßt […].Die Zuneigung ist seltsam pauschal: Sie gilt einem Menschen – […] unter virtuellem Einschluß all seiner Eigenheiten.12 Diese Beschreibung weist Liebe als Offenheit für die Kontingenz des geliebten Menschen aus. Der Begriff ‚Kontingenz‘ bezieht sich auf das, was auch anders sein könnte. Es geht somit um „Variabilität und Latenz von Alternativen“.13 Eine Sensibilisierung für die Kontingenz von Welt kann dadurch erfolgen, dass der Zufall unsere Handlungspläne durchkreuzt. Neben dieser handlungstheoretischen Perspektive auf Kontingenz kann eine epistemologische Perspektive eingenommen werden.14 Die Konfrontation mit Bereichen, die sich unseren kognitiven Rastern entziehen, vermag ebenso den Blick zu schärfen für Bereiche des Unbestimmten und damit für Variabilität. Zu diesem Bereich des Unbestimmten gehört das Individuelle, denn dieses ist per definitionem nicht restlos mit unseren verallgemeinernden Deutungskategorien erfassbar. Der Verzicht auf eine „qualitativ[e] Fixierung“15 des geliebten Menschen, wie philosophische Entwürfe sie einfordern, bedeutet offen zu sein, für dessen mögliches Anders-Sein im Prozess der Zeit. „Der Liebende beläßt demjenigen, dem er sich pauschal zuwendet, etwas Fremdes, Unausgelotetes, Unbekanntes.“16 Er belässt ihm Bereiche der Kontingenz. Besonders spannend aus literaturwissenschaftlicher Perspektive ist, wie der Gegenwartsroman die Themen Liebe und Kontingenz mit Fragen der narrativen Form verbindet. Viele Gegenwartsromane lenken die Aufmerksamkeit darauf, dass Liebe als „großzügige Überbietung feststell- 12 Ebd. 13 Arnd Hoffmann: Zufall und Kontingenz in der Geschichtstheorie. Mit zwei Studien zu Theorie und Praxis der Sozialgeschichte. Frankfurt/M. 2005, S. 65. Für eine ausführliche Diskussion der Bedeutungen von ‚Kontingenz‘ siehe Stella Butter: Kontingenz und Literatur im Prozess der Modernisierung. Diagnosen und Umgangsstrategien im britischen Roman des 19.-21. Jahrhunderts. Tübingen 2013, S. 17-38. 14 Vgl. Markus Holzinger: Kontingenz in der Gegenwartsgesellschaft. Dimensionen eines Leitbegriffs moderner Sozialtheorie. Bielefeld 2007, S. 30, 38f. 15 Thomä, Erzähle dich selbst, S. 177. 16 Ebd., S. 180. Enduring Love 268 barer Qualitäten“ einer offenen narrativen Form bedarf.17 Für die Unterscheidung zwischen geschlossenen und offenen Narrativen greife ich auf die Überlegungen des Literaturwissenschaftlers Martin Randall zurück.18 Bei geschlossenen Narrativen kapselt sich das Individuum solipsistisch in seine Erzählung ein und beansprucht Deutungshoheit über die Welt und den geliebten Menschen. Da bei geschlossenen Erzählungen andere Perspektiven dezidiert ausgeschlossen werden, erfolgt eine Immunisierung gegen Unbekanntes. Der Versuch, durch geschlossene Erzählungen die intime Beziehung zu fixieren, führt zum Ersticken der Liebe – so die verbreitete Diagnose in der Gegenwartsphilosophie und im Gegenwartsroman. Demgegenüber sind offene Narrative darauf ausgerichtet, in einen Dialog mit dem geliebten Menschen einzutreten und hierbei offen für Änderungen in der eigenen Deutungstätigkeit zu sein. Die Verbindung zwischen Liebe, Kontingenz und narrativer Offenheit wird im Gegenwartsroman häufig verdichtet zu einem dialogischen Modell von Liebe, das als Voraussetzung für eine gelingende Liebes- und Lebenskunst präsentiert wird. Die Philosophin Angelika Krebs benennt als Hauptkennzeichen von „Liebe als Dialog“ das Teilen von Liebe.19 Menschen teilen das Gefühl von Liebe, „wenn sie ihr Erleben und Tun als von einem Narrativ mit einem Thema und Handlungen für zwei oder mehrere Personen angeleitet verstehen, also bewusst nach demselben Skript für zwei oder mehrere Personen leben“.20 Das Werturteil, das handlungsleitend für dialogische Liebe ist, lautet demnach, „Uns ist das persönliche und intrinsische Teilen des Lebens wichtig“.21 Ein solches Modell oder Ideal romantischer Liebe setzt sich ab von Entwürfen von Liebe als „selbstlose Sorge für den anderen“, d.h. Liebe ohne Reziprozität, und vom Fusionsmodell der Liebe. Letzteres entwirft Liebe als „Verschmelzung mit dem anderen zu einer Einheit“ und „begreift den Liebenden als einen, der den anderen […] besitzen will oder von ihm […] 17 Zum Zusammenhang von Selbstliebe und der Notwendigkeit, auf geschlossene Erzählungen des eigenen Lebens zu verzichten, siehe Thomä, Erzähle Dich Selbst, S. 260-267. 18 Martin Randall: ‚I don’t want your story‘: Open and Fixed Narratives in Enduring Love. In: Peter Childs. Ian McEwan’s Enduring Love. (Routledge Guides to Literature) London/New York 2007, S. 56-65. 19 Krebs, Zwischen Ich und Du, S. 38; 57. 20 Ebd., S. 212. 21 Ebd., S. 228. Stella Butter 269 besessen werden will“.22 Das Fusionsmodell vernachlässigt genau diejenige Partikularität und Autonomie des geliebten Menschen, welche die Grundlage für dialogischen Austausch ist. Daraus ergibt sich die Gefahr der Unfreiheit und des Zwangs.23 Im Gegensatz zum abstrakten Diskurs der Philosophie entwirft der Roman imaginativ erlebbare Szenarien, in denen zumeist über die Figurenkonstellation verschiedene Entwürfe von Liebe in Bezug zueinander gesetzt und aus der Erfahrungsperspektive des Individuums durchgespielt werden. Das Interesse für die Perspektive des Individuums und für die Partikularität der jeweiligen Liebesbeziehung macht eine Stärke der literarischen Auseinandersetzung mit Liebe aus. Die nachfolgenden Fallstudien sind so gewählt, dass die Liebesthematik in den Romanen mit metafiktionalen Überlegungen zum gelingenden Erzählen verbunden wird. Denn wenn dialogische Liebe auf einem gemeinsamen Gefühlsnarrativ beruht, dann gewinnt die Frage an Dringlichkeit, wie ein gemeinsames Narrativ hergestellt werden kann und welche narrative Form die Lebensund Liebeskunst am besten befördert. Die erste Fallstudie bildet McEwans Enduring Love. McEwan vergleicht literarische, religiöse und naturwissenschaftliche Perspektiven auf Liebe miteinander, um Schattierungen zwischen romantischer und pathologischer Liebe messen zu können. Während McEwans Roman über das dargestellte Scheitern einer Liebesbeziehung implizit das Modell dialogischer Liebe für eine gelingende Liebeskunst aufruft, wird im Roman des somalischen Schriftstellers Nurrudhin Farrah, Gifts (1992), die Gabenbeziehung gezielt als Blaupause für das Ideal dialogischer Liebe genutzt. 2. Der Unfall der Liebe in Ian McEwans Enduring Love Ian McEwan gilt als einer der bekanntesten und erfolgreichsten britischen Gegenwartsautoren. Sein Roman Enduring Love ist in verschiedenen Sprachen übersetzt und 2004 verfilmt worden. Dem Roman liegt die Kulturdiagnose zugrunde, dass wir in einem „age of obsession“24 leben. Dies deckt sich mit kulturgeschichtlichen Studien, wie etwa derjenigen von Lennard Davis: „We live in a culture that wants its love affairs obses- 22 Ebd., S. 13. 23 Ebd. 24 Lennard J. Davis: Obsession. A History. Chicago/London 2009, S. 3. Enduring Love 270 sive, its artists obsessed, […] its music driven, its athletes devoted. […] To be obsessive is to be […] modern.“25 Im Mittelpunkt von Enduring Love steht obsessive Liebe, die mittels verschiedener Perspektiven modelliert wird. Nachfolgend wird zunächst beleuchtet, wie im Roman die Themen Liebe, Kontingenz und Narrativität miteinander verknüpft werden. Dies dient als Grundlage für die anschließende Diskussion, wie Enduring Love verschiedene Modelle von Liebe kontrastiert. 2.1 Die narrative Bearbeitung von Liebe als Kontingenzeinbruch Der Romananfang liefert einen guten Einblick, wie Liebe als Kontingenzerfahrung inszeniert und mit Fragen der narrativen Formgebung verbunden wird. Die Geschichte eröffnet mit der Schilderung eines Unfalls durch den Ich-Erzähler Joe Rose: The beginning is simple to mark. We were in sunlight under a turkey oak […]. I was kneeling on the grass with a corkscrew in my hand, and Clarissa was passing me the bottle […]. This was […] the pinprick on the time map: I was stretching out my hand, and as the cool neck […] touched my palm, we heard a man’s shout. We turned to look across the field and saw the danger. Next thing, I was running towards it. […] What idiocy, to be […] sprinting away from our happiness among the fresh spring grasses by the oak. There was the shout again, and a child’s cry […]. And there, suddenly, from different points around the field, four other men were converging on the scene […]. I see us from three hundred feet up, through the eyes of the buzzard we had watched earlier […]: five men running silently towards the centre of a hundred-acre field. […] Knowing what I know now, it’s odd to evoke the figure of Jed Parry directly ahead of me, emerging from a line of beeches on the far side of the field a quarter of a mile away […]. To the buzzard Parry and I were tiny forms, […] rushing towards each other like lovers, innocent of the grief this entanglement would bring.26 Beim Weiterlesen erfahren wir, dass ein Heißluftballon droht in den Himmel zu steigen, weil er nicht gesichert ist. Im Korb des Ballons kauert ein verängstigtes Kind. Obgleich Joe und weitere Männer zu Hilfe 25 Davis, Obsession, S. 4. 26 Ian McEwan: Enduring Love. (1. Aufl. 1997) London 2004, S. 1f. Im Folgenden wird Enduring Love im Fließtext mit ‚ED‘ abgekürzt. Stella Butter 271 eilen, um die Ballonseile festzuhalten, steigt der Ballon in die Höhe. Er nimmt dabei die an den Seilen geklammerten Männer mit. Alle Helfer lassen los bis auf einen, nämlich John Logan, der schließlich aus großer Höhe in den Tod stürzt. Dieses Ereignis führt zur Liebesverstrickung zwischen Joe und Jed Parry, einem der Helfer. Jed interpretiert nämlich Joes Verhalten nach dem Unglück als Beweis dafür, dass Joe in Liebe zu ihm entbrannt sei. Alle Beteuerung von Joe, dass dies Unsinn sei, prallen an Jed ab, weil er diese einfach uminterpretiert: Joe möchte mit seinem Abwehrverhalten nur die Stärke von Jeds Liebe testen. Auf der Plot- Ebene wird der Ballonunfall also assoziiert mit dem Beginn einer leidenschaftlichen Liebe, auch wenn diese einseitig ist. Tatsächlich kann man den Ballonunfall insofern symbolisch lesen, als er für zentrale Erfahrungsqualitäten der Liebe steht. Unfälle oder Zufälle und das Erleben leidenschaftlicher Liebe sind allesamt Kontingenzerfahrungen. So wie Unfälle das planungsvolle Handeln durchkreuzen und dementsprechend einen Kontrollverlust bedeuten, so widerfährt einem auch die Liebe auf unvorhersehbare Weise. Die Beschreibung des Heißluftballons als ein „precarious form of transport when the wind, rather than the pilot, set the course“ (ED, S. 5) vertieft diese Analogiebildung zur Liebe, denn die Entwicklung von leidenschaftlicher Liebe lässt sich ebenso wenig steuern. „Jede Liebe ist zunächst angewiesen auf das Zufallsglück“,27 das überhaupt zu einem Zusammentreffen mit einem anderen Menschen führt, für den sich dann starke Gefühle entwickeln können. Der Unfall der Liebe bedeutet nicht nur einen Kontrollverlust, sondern Joes Beschreibung des Unfalls wertet einen solchen Kontrollverlust als Inbegriff des Schreckens: „I’ve never seen such a terrible thing as that falling man.“ (ED, S. 16) Dieser Kontrollverlust wird in Joes rückblickender Erzählung gar als Vertreibung aus dem (biblischen) Paradies begriffen,28 nämlich als Verlust des idyllischen Glücks mit seiner geliebten Clarissa („sprinting away from our happiness“). Joes Beschreibung des Unfalls verweist nicht nur auf dessen traumatisierende Qualität, sondern auch auf die Verflechtung von Liebesvorstellungen mit Geschlechterstereotypen. Die seelische Erschütterung, die der 27 Wilhelm Schmid: Liebe. Warum sie so schwierig ist und wie sie dennoch gelingt. Berlin 2011, S. 16. 28 Zu den biblischen Anspielungen im Romananfang, vgl. Peter Childs: Ian McEwan’s Enduring Love. (Routledge Guides to Literature) London/New York 2007, S. 44. Enduring Love 272 Unfall bei ihm ausgelöst hat, thematisiert Joe in seiner Erzählung selbst, etwa als er beschreibt, wie er Clarissa von Logans Leiche erzählt: I wanted to tell her I loved her, but suddenly between us there sat the form of Logan, upright and still. I had to describe him. It was far worse in recollection than it had been at the time. Shock must have dulled my responses then. I began to tell her how his features appeared to hang in all the wrong places […]. […] Logan sat shattered on the ground. (ED, S. 30) Die grauenerregende Qualität eines ‚falling man‘ liegt in der Fragmentarisierung und dem Tod des männlichen Selbst. Wenn Kontrollverlust zu einer tödlichen Zersplitterung führt („shattered“), dann bietet nur eine Form von Männlichkeit, die strenge Kontrolle über die innere und äußere Natur übt, das Gefühl von Sicherheit. Auffällig ist, dass Joes Erinnerung an Logan ihn daran hindert, seine Liebe zu Clarissa auszudrücken („suddenly between us there sat the form of Logan“). Dies kann als Hinweis auf Joes unbewussten Wunsch gelesen werden, seine starke Liebe für Clarissa abzuwehren, damit er selbst nicht auch durch (emotionalen) Kontrollverlust zu einem ‚falling man‘ wird.29 Eine zentrale Strategie zur Wiedergewinnung von Kontrolle und Sicherheit bildet Joes narrative Bearbeitung des Erlebten. Bezeichnenderweise nimmt er bei seiner Erzählung vom Unfall imaginativ eine Vogelperspektive ein („I see us from three hundred feet up, through the eyes of the buzzard.“). Ein solcher ‚god shot‘, wie diese Kameraperspektive beim Film genannt wird, räumt dem erzählenden Joe eine größtmögliche Kontrolle über die von ihm erzählte Welt ein. In seiner Erzählung rekonstruiert Joe mit mathematischer Genauigkeit die Ereignisketten, deren Überkreuzung zur schicksalshaften Verstrickung geführt hat: I’m holding back, delaying the information. I’m lingering in the prior moment [to the balloon accident] because it was a time when other outcomes were still possible; the convergence of six figures in a flat 29 Für eine ausführliche Analyse von Logan als Verkörperung von Joes verdrängten Beziehungsängsten siehe Ryan, After the Fall, S. 50f.: „Logan’s mutilated form is a portent of what Joe fears love conceals.“ (S. 50). Zur Inszenierung von Maskulinitäten in Enduring Love, siehe Rhiannon Davies: Enduring McEwan. In: Peter Childs. Ian McEwan’s Enduring Love. (Routledge Guides to Literature) London/New York 2007, S. 67-76. Stella Butter 273 green space has a comforting geometry from the buzzard’s perspective, the knowable, limited plane of the snooker table. […] I think that […] before we made contact, we were in a state of mathematical grace. (ED, S. 2-3) Der Vergleich zum Snookertisch evoziert eine Welt, in welcher der Kontingenzeinbruch durch verbindliche Spielregeln, eine klare temporalräumliche Begrenzung (Spielzeit und -feld) und physikalische Erklärbarkeit30 seines Widerfahrnischarakters enthoben wird. Mittels der Betonung von Gesetzmäßigkeiten und präziser Ordnung („comforting geometry“, „mathematical grace“) verliert der Zufall seine verunsichernde Grundlosigkeit: Ein Ereignis erscheint nur deshalb als Zufall, weil es dem Beobachter an Wissen über die zum Ereignis führenden Kausalketten mangelt. Demnach ist eine ‚göttliche‘ Zähmung („grace“) des Zufalls durch wissenschaftliches Wissen möglich („geometry“, „math[…]“). Tatsächlich sucht Joe den Widerfahrnischarakter von Jeds leidenschaftlicher Liebe, die für ihn aufs engste mit dem Ballonunfall verbunden ist, durch obsessives Sammeln von Wissen über Jed und dessen vermeintlicher Pathologie zu zähmen. Joes Versuch der Kontrollgewinnung durch narrative Autorität wird flankiert durch seine Übernahme eines Hollywood-Filmskripts, das ihm die stereotypische Rolle handlungsmächtiger Männlichkeit bietet: Like a self in a dream I was both first and third persons. I acted, and saw myself act. […] Clarissa’s tears were no more than a fact, but I was pleased by the way my feet were anchored to the ground and set well apart, and the way my arms were folded across my chest. (ED, S. 19) I was in a soap opera. Now he’s talking to his woman. It was intimacy, a tight two-shot. (ED, S. 21) Intimität in dialogischen Liebesbeziehungen umfasst kognitiv-emotionale Nähe. Demgegenüber ist auffällig, wie Intimität von Joe reduziert wird auf die räumliche Figurenanordnung bei einer Filmaufnahme. Der inszenierte Schein ersetzt den Austausch mit Clarissa über seine und ihre Gefühle. Einerseits geben Joe und Clarissa kurz nach dem Unfall dem Erlebten gemeinsam eine narrative Form und distanzieren durch das wiederholte Erzählen das erlebte Grauen: „our story was gaining in cohe- 30 Die Bahnen der mit einem Queue angestoßenen Bälle auf dem Snookertisch können durch Physik erklärt werden. Enduring Love 274 rence; it had shape, and now it was spoken from a place of safety“ (ED, S. 36). Andererseits umfasst dieses ständige Wiedererzählen gerade keine Kommunikation zwischen Clarissa und Joe über verstörende Gefühlskomponenten. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: „It became possible to recount the events without re-living them in the faintest degree, without even remembering them“ (ED, S. 36). Joes emotionale Abschottung gegenüber Clarissa verhindert einen Austausch über ihre jeweilige emotionale Betroffenheit und, darauf aufbauend, eine gemeinsame Beurteilung der Situation, die zu einem Gefühl des gemeinsamen Handelns und zu einem gemeinsamen Gefühlsnarrativ führen könnte.31 Ein solches (Mit-) Teilen findet auch später nicht statt, als Joe die ersten Annäherungsversuche von Jed erlebt, denn diese verschweigt er zunächst vor Clarissa. Im Lichte eines dialogischen Modells von Liebe führt der Verzicht auf die Entwicklung eines gemeinsamen Skripts durch ein mitteilendes Miteinander zum Ersticken romantischer Liebe. Tatsächlich wird Clarissa Joe später vorwerfen, dass er sich ihr gegenüber zurückgezogen habe: „you forgot to take me along with you, you forgot how to confide“ (ED, S. 217). Dies sei der eigentliche Grund für das Scheitern ihrer Liebesbeziehung. Joe kapselt sich in der eigenen Erzählung seines Lebens ein, weil eine Öffnung seiner Erzählung Clarissa gegenüber einen Kontrollverlust im Sinne von Deutungshoheit bedeutet hätte. Betrachtet man Joes Erzählung des Unfalls und der darauffolgenden Ereignisse genauer, so erscheint sein Narrativ, wie Interpreten häufig bemerkt haben, einer Traumlogik zu folgen, bei der das Verdrängte in verdichteter und verschobener Form wiederkehrt. Es finden sich viele verräterische Hinweise auf eine solche Traumlogik, so auch in der vorhin zitierten Passage („Like a self in a dream“). Joes Selbstwertgefühl war bereits vor dem traumatisierenden Ballonunfall fragil.32 Ein Grund hierfür ist seine Überzeugung, beruflich versagt zu haben, da er nichts Eigenes schafft, sondern als Wissenschaftsjournalist nur die Forschungsergebnisse anderer präsentiert. Ein zweiter Grund ist Clarissas starker Kinderwunsch. Während Clarissa unter ihrer ungewollten Kinderlosigkeit leidet, drängt sich beim Lesen von Joes Erzählung der Verdacht auf, dass er über diese Kinderlosigkeit insgeheim froh ist, weil er die Verantwortung, die eine Vaterrolle mit sich bringt, als bedrohlich empfindet. Joes Aussage nach dem Unfall, er habe noch nie etwas so Furchtbares wie diesen 31 Vgl. Krebs, Zwischen Ich und Du, S. 220. 32 Vgl. Davies, Enduring McEwan, S. 69; Ryan, After the Fall, S. 48-50. Stella Butter 275 fallenden Mann gesehen, kann als pointierter Ausdruck seiner Angst vor Vaterschaft gelesen werden, denn Logan war Vater.33 Zu dieser Lesart passt Joes Deutung von Logans hartnäckigem Festhalten am Seil, lange nachdem alle anderen losgelassen hatten. Er bewertet dieses als möglichen Ausdruck der Sorge eines Vaters um ein Kind. Insgesamt kann im Rahmen einer psychoanalytischen Lesart Jed als Joes alter ego gedeutet werden, der es Joe ermöglicht, den unbewussten Wunsch nach Distanz zwischen ihm und Clarissa zu realisieren.34 Entscheidend für die Erzählsituation ist, dass Joes Verdrängungsarbeit aus ihm einen unzuverlässigen Erzähler macht.35 Zu dieser Unzuverlässigkeit gehört, wie besessen er sein Erzählen zur Kontingenzzähmung nutzt. Dies wirkt sich auf sein Verständnis von Liebe aus, denn für den Rationalisten Joe erscheint Liebe als Kontingenzerfahrung par excellence. Wenn Joe beispielsweise anmerkt, dass seine Sicht auf Jed Parry beim Unfall kurzweilig durch den Ballon versperrt wurde (vgl. ED, S. 9), dann kann dies als symbolische Visualisierung dafür gelesen werden, wie Joe den für ihn in Liebe entbrannten Jed durch die ‚Kontingenzbrille‘ wahrnimmt. Sowohl den Unfall als auch Jeds Liebe erlebt er als etwas, das ihm unkontrolliert widerfährt. Die Kontingenzthematik wird durch Joes Formulierung hervorgehoben, er habe noch nie etwas so Furchtbares wie diesen ‚falling man‘ gesehen: „The word chance itself is derived from cadere, the Latin for ‚to fall‘, so chance is what ‚befalls‘ us; […] the random occurrence with no obvious cause or design.“36 Die Geschichte, die Joe uns rückblickend erzählt, ist die eines Mannes, der seit dem Ballonunfall von einem zunehmend gefährlich agierenden Stalker, nämlich Jed, verfolgt wird. Da weder die Polizei noch Clarissa ihm glauben, dass er die Zielscheibe eines Stalkers ist, kommt es schließlich zum Showdown, bei dem Joe den Stalker durch den Einsatz einer Pistole verletzt. Am Ende von Joes Erzählung sind er und Clarissa deshalb voneinander entfremdet, weil sie ihm nicht geglaubt hatte. Demgegenüber ist Clarissas Sicht der Dinge eine ganz andere. Joe habe Jed als 33 Vgl. Ryan, After the Fall, S. 50. 34 Vgl. ebd., S. 45-54. 35 Die Frage nach narrativer Kontrolle und erzählerischer Unzuverlässigkeit ist ein prominentes Thema in der Forschungsliteratur zu McEwans Roman. Siehe hierzu exemplarisch die Beiträge in Peter Childs: Ian McEwan’s Enduring Love (RoutledgeGuides to Literature) London/New York 2007. 36 Julia Jordan: Chance and the Modern British Novel. From Henry Green to Iris Murdoch. London/New York 2010, S. 6. Enduring Love 276 Projektionsfläche für seine Ängste genutzt und die Ereignisse eskalieren lassen, gerade damit er den männlichen Helden spielen könne. Deshalb sei er von Jed besessen gewesen. Es finden sich viele Hinweise im Text, die Clarissas Sicht plausibilisieren. 2.2 Modelle von Liebe: Literatur, Religion, Wissenschaft Aufbauend auf den bisherigen Überlegungen soll nun die Kontrastierung von Modellen der Liebe in McEwans Roman genauer betrachtet werden.37 Clarissa verkörpert das erste Modell von Liebe, nämlich eines, das von der literarischen Romantik geprägt ist. Dazu passt ihr Beruf, denn sie ist Professorin für britische Literaturwissenschaft mit einem Forschungsschwerpunkt im Bereich Romantik. Clarissa, so sagt Joe, sei der Überzeugung, that love that did not find its expression in a letter was not perfect. In the months after we met […], she had written me some beauties, passionately abstract in their exploration of the ways our love was different from and superior to any that had ever existed. Perhaps that’s the essence of a love letter, to celebrate the unique. (ED, S. 7) Dieser Kult von Individualität ist typisch für das romantische Liebesmodell, wonach nicht „nur das eigene Ich, auch das andere Ich […] als irreduzibel individuell wahrgenommen“38 wird. Joes Beschreibung von Clarissas Liebesbriefen erinnern an eine weitere Eigenheit des romantischen Liebesmodells: „Es wird nicht nur genossen, es findet ein ‚Genießen des Genusses‘ statt, nicht nur der Andere, sondern das Bewusstsein, einen geliebten Anderen zu haben, ist Gegenstand des Genusses“.39 Dies erklärt den hohen Stellenwert des Schreibens romantischer Briefe, da diese es ermöglichen, den Genuss „auch auf die innere Vorstellung des nichtanwesenden Anderen“40 zu erweitern. Die Nutzung dieser Vorstellungstätigkeit bedeutet allerdings eine Konzentration des romantischen Sub- 37 Zu der Kontrastierung von Literatur, Religion und Naturwissenschaft als große Erzählungen in Enduring Love, siehe Randall, „I don’t want your story“, S. 56-65. 38 Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne. Weilerswist 2006, S. 221. 39 Ebd., S. 223. 40 Ebd. Stella Butter 277 jekts auf die eigene „erlebende Innenwelt […], die auf eine ‚entgegenkommende‘ Außenwelt nicht unbedingt angewiesen zu sein scheint“.41 Tatsächlich kann Clarissas Besessenheit mit dem Liebesbrief als Indiz dafür gelesen werden, dass ihr Enthusiasmus nicht nur Joe gilt, sondern auch der Tatsache des Verliebtseins an sich.42 Dieser Verdacht erhärtet sich durch den Abstraktionsgrad ihrer Briefe (vgl. ED, S. 7), der einer Aufmerksamkeit für die konkrete Besonderheit des geliebten Menschen entgegensteht. Eine übersteigerte Form der romantischen Besessenheit liefert die Passion des religiösen Fanatikers Jed. Für Jed steht außer Frage, dass Joe ihn gleichermaßen liebt wie er ihn. Die Begegnung mit Joe sei von Gott vorherbestimmt, denn die Liebe zu Jed werde den Atheisten Joe zu Gott führen. Jeds Glaube, dass Joe ihn liebe, wird im Roman als falsch ausgewiesen, indem wir Zugang zu Joes Perspektive haben. Am Beispiel von Jed zeigt sich, wie die „imaginative Strukturierung der romantischen Liebe, die Tatsache, dass sie zum großen Teil in der subjektiven Konstruktion der Innenwelt des Einzelnen stattfindet, […] im Extrem dazu führen [kann], dass sie sich nur noch ‚im Kopf‘ ereignet“.43 Wie in der Forschungsliteratur vielfach betont wird, finden sich viele Merkmale von Clarissas romantischer Liebe bezeichnenderweise auch bei Jed, etwa in Form von seiner Vorliebe, Joe wunderschöne Liebesbriefe zu schreiben. Allerdings stellt Jeds Liebe eine Bedrohung für Joes Männlichkeit dar. Die Bedrohung gründet in seiner Feminisierung von Joe,44 indem er ihn in seinen Briefen und durch sein Stalking in die Rolle der unerreichbaren idealisierten Geliebten rückt, für die er in Sehnsucht verharrt, seine Treue beweist und um die er leidenschaftlich wirbt. Man kann diese Diskurstradition in ihren Verzweigungen literaturgeschichtlich weit zurückverfolgen, beispielsweise zur petrarkischen Liebeslyrik. Die religiöse Perspektivierung von Liebe, wie sie durch die Figur von Jed inszeniert wird, erscheint im Lichte der bisherigen Ausführungen als kein eigenständiges Modell von Liebe, sondern als das romantische Liebesmodell im Extremen. Eine Pathologisierung dieser übersteigerten romantischen Liebe erfolgt durch die wissenschaftliche Sicht auf Liebe. Für den Rationalisten Joe steht auf Basis seiner journalistischen Recherchen 41 Ebd. 42 Der Soziologe Andreas Reckwitz weist genau auf solch eine mögliche Eigendynamik des romantischen Liebesmodells hin (vgl. Das hybride Subjekt, S. 223). 43 Ebd. 44 Vgl. Davies, Enduring McEwan, S. 70. Enduring Love 278 fest, dass Jed unter dem Clérambault-Syndrom bzw. Erotomanie leide. Diese Diagnose wird durch den Anhang eines psychiatrischen Artikels im Roman bestätigt, denn dieser beschreibt den Verlauf von Jeds schizophrener Psychose bzw. sein Clérambault-Syndrom. Die Darstellung dieses Syndroms folgt dabei wissenschaftlicher Fachliteratur: „Central to de Clérembault’s paradigm was […] the patient having ‚a conviction of being in amorous communication with a person of much higher rank, who has been the first to fall in love and was the first to make advances‘“ (ED, S. 234). Obgleich sich die wissenschaftliche Sicht auf die Liebe im Roman auf eine psychotische Form richtet, kann die Vorstellung von Liebe als Psychopathologie als ein eigenes Modell der Liebe gewertet werden. Der psychiatrisch-medizinische Diskurs verwandelt nämlich Besessenheit von einer Exzentrizität in eine Krankheit, deren Ursache neurologisch, chemisch oder psychologisch erklärt werden kann (vgl. ED, S. 239). Diese Erklärungsmuster für pathologische Liebe greifen implizit auch bei ‚normaler‘ Liebe, denn der wissenschaftliche Artikel betont fließende Übergänge zwischen Liebe und Liebeswahn: „the pathological extensions of love not only touch upon but overlap with normal experience, and it is not always easy to accept that one of our most valued experiences may merge into psychopathology“ (ED, S. 242). Romantische Liebe wird demnach verstanden als anfällig für Pathologien. Das Modell von Liebe als Psychopathologie leistet eine Zähmung von Liebe als Kontingenzerfahrung. Denn mit dieser wissenschaftlichen Diagnose verwandelt Joes Narrativ Jeds obsessive Liebe in einen Fall, der gelöst werden muss. Es gilt herausfinden, um welche Psychopathologie es sich genau handelt, um dann den Fall wegzusperren und damit die bedrohliche Kraft von Jeds leidenschaftlicher Liebe bannen zu können.45 Durch die psychiatrische Erklärung von Jeds Liebe, die Aufhebung ihrer Fremdheit durch Überführung in bekannte wissenschaftliche Schemata, gewinnt Joe zudem auch auf der epistemologischen Ebene Kontrolle wieder zurück. Es gehört zur Komplexität von Enduring Love, dass die Pathologisierung von Jeds Passion nicht unhinterfragt bestehen bleibt. Zwar scheint der psychiatrische Fachartikel im Anhang Joes Diagnose und damit das 45 Zur Analogiebildung zwischen dem detektivisch zu lösenden Fall und dem medizinischen Fall in McEwans Psychothriller, siehe Childs, Ian McEwan’s Enduring Love, S. 39; Randall, „I don’t want your story“, S. 59f. Stella Butter 279 Modell von Liebe als Psychopathologie zu bestätigen. Wie Interpreten bemerkt haben, ergeben die beiden Nachnamen der Autoren dieses Artikels, Wenn und Camia, allerdings ein Anagramm von Ian McEwan.46 Auf diese Weise wird die Fiktionalität dieses Artikels markiert und somit der Wahrheitsanspruch einer Definition von Jeds religiös gefärbter Liebe als pathologischer Störung in Frage gestellt. Ein weiterer Fiktionalitätsmarker des wissenschaftlichen Anhangs erfolgt durch Hinweise auf den weiteren Beziehungsverlauf von Joe und Clarissa, die in der Fallstudie anonymisiert als R und M bezeichnet werden: „R and M were reconciled and later successfully adopted a child“ (ED, S. 242). Damit bietet der Roman genau dasjenige formelhafte und ideologisch fragwürdige ‚Happy End‘, den Sieg heterosexueller Liebe und Rationalität über die homosexuelle Passion eines religiösen Psychopathen,47 über das sich zuvor Joe noch kritisch mokiert hatte („The narrative compression of storytelling, especially in the movies, beguiles us with happy endings into forgetting that sustained stress is corrosive of feeling“ ED, S. 213). Beim zweiten Anhang, der unmittelbar folgt, handelt es sich um den Abdruck eines Liebesbriefs von Jed an Joe, den der inzwischen eingesperrte Jed aus der Psychiatrie schreibt. Sein Brief belegt, dass Jeds Liebe zu Joe fortwährt. Der unmittelbare Kontrast zwischen dem nüchternen wissenschaftlichen Diskurs und Jeds emphatisch ästhetischer Beschreibung seiner Liebe lenkt die Aufmerksamkeit auf blinde Flecken der Wissenschaft. Die Erlebnishaftigkeit der intensiven Erfahrung von Gottes Liebe (vgl. ED, S. 244) kann der medizinisch-psychiatrische Diskurs nicht einfangen. Insofern stellt sich die Frage, ob Jeds Deutung von Liebe, nämlich romantische Liebe als Form der Liebe Gottes, nicht doch als ein eigenes Modell gewertet werden könnte. Bei Jed steht nicht eine „Vergötterung der Liebe“,48 wie im literarisch-romantischen Liebesmodell (Clarissa) im Zentrum, sondern die Liebe Gottes, die ihm „ontologische Geborgenheit“49 gibt. Anstatt schlichtweg eines der dargestellten Liebesmodelle zu favorisieren, animiert der Roman seine Leser dazu, mehr über die Gründe für spezifische Deutungen von Liebe und deren Konsequenzen nachzudenken. Wie in der bisherigen Analyse bereits angeklungen ist, verweist das Scheitern von romantischer Liebe zwischen den Figuren implizit auf dia- 46 Siehe z.B. Randall, „I don’t want your story“, S. 64. 47 Vgl. Ryan, After the fall, S. 47. 48 Schmid, Die Liebe atmen lassen, S. 324. 49 Ebd., S. 323. Enduring Love 280 logische Liebe als Ideal. Es geht nicht darum, Differenzen in Welt- und Selbstdeutung einzuebnen im Sinne einer „Übereinstimmung“, sondern das Ziel dialogischer Liebe liegt in der „Übereinkunft […], ein[em] Kompromiss, der gegensätzliche Positionen anerkennt und dennoch ein gemeinsames Tun und Lassen ermöglicht“.50 Besessenheit schließt jedoch tendenziell die Möglichkeit einer solchen Übereinkunft zwischen unterschiedlichen Positionen aus. Dies erklärt das besondere Interesse, mit dem Enduring Love Varianten moderner Besessenheit durchspielt. Mit seinem Interesse an der Grenzziehung zwischen romantischer Besessenheit und pathologischer Obsession greift McEwan gegenwärtige Diskurse zur Doppelbödigkeit romantischer Liebe auf. Ein aktuelles Beispiel für diesen Diskurs ist Lisa Phillips Unrequited: The Thinking Woman’s Guide to Romantic Obsession (2015). Dieses Buch bietet eine Mischung aus Autobiographie (Phillips war selbst Stalkerin), Kulturgeschichte und Interviews mit Frauen, die in den Fängen des Liebeswahns waren. Bei dem Versuch zu verstehen, wie sie zur Stalkerin hatte werden können, zieht Phillips immer wieder die Verbindungslinie zwischen romantischer Liebe und pathologischer Besessenheit: „Romanticism presented a lasting emotional dare: How intense can you be? How powerfully can you love?“51 Die Frage nach der Grenze zwischen romantischer Besessenheit und Psychopathologie gewinnt in McEwans Roman an Dringlichkeit, weil alle seine Hauptfiguren von etwas oder jemandem besessen sind. Jed ist von Joe besessen und umgekehrt. Joe ist zudem davon besessen, alles in der Welt wissenschaftlich zu erklären. Clarissa ist seit Jahren von John Keats, ihrem Forschungsgegenstand, besessen, wobei Keats wiederum von seiner Verlobten Fanny Brawne besessen war, der er glühende Liebesbriefe schrieb. Eine solche textuelle Welt weist Obsession als Signatur der modernen Welt aus. Die Antwort auf die Frage nach der Grenzziehung zur Psychopathologie, die McEwans Roman liefert, gründet auf dem Unterschied zwischen geschlossenen und offenen Narrativen.52 Jed pflegt ein geschlosse- 50 Ebd., S. 320. 51 Lisa A. Phillips: Unrequited. The Thinking Woman’s Guide to Romantic Obsession. New York u.a. 2015, S. 76. 52 Zur Unterscheidung zwischen offenen und geschlossenen Narrativen in Enduring Love siehe Randall, „I don’t want your story“, S. 58-60. Randall betont, dass diese unterschiedlichen Narrative nicht als gleichwertig zu betrachten sind: „McEwan’s novel is […] [not] a paean to the intrinsic relativism of all narrative in what might be construed as an emblematically postmodern gesture. As David Stella Butter 281 nes Narrativ, das sich gegen ein Mit- oder Umschreiben durch einen anderen Menschen immunisiert. Ein solcher narrativer Solipsismus verhindert genau diejenige romantische Liebe, ein Teilen des Lebens, wonach sich Jed sehnt. Dass es sich bei geschlossenen und offenen Narrativen nicht um binäre Kategorien, sondern um skalierbare Phänomene handelt, sieht man am Beispiel von Joes Erzählung. Sein Narrativ geht auch in Richtung einer Erzählung mit geschlossenem Charakter, da er nur ein Deutungsmodell für die sich entwickelnde Beziehungsdynamik zwischen ihm und Jed zulässt, nämlich den zu erkämpfenden Triumph des Helden über den Schurken. Joe ist besessen davon, ein Hollywood-Skript mit einem männlichen Helden auszuleben, der den gefährlichen Gegner zur Strecke bringt.53 McEwans Roman tendiert aufgrund seiner vielfachen Relativierungen insgesamt in Richtung eines offenen Narrativs. So könnte man die ästhetische Form des Romans als Antwort auf die Frage lesen, was die Voraussetzungen für eine fortwährende und bejahenswerte romantische Liebe sind. Das Aushalten einer solchen dialogischen Offenheit übt dieser Roman potentiell bei seinen Lesern ein. Eine Vielzahl an Themen, die mit Blick auf romantische Liebe in McEwans Roman verhandelt werden, findet sich ebenso in anderen Werken der Gegenwartsliteratur. So bildet die feine Grenzziehung zwischen romantischer Leidenschaft und pathologischem Stalking ein typisches Motiv in einer der international erfolgreichsten Gattungen des 21. Jahrhunderts: dem Kriminalroman. Peter Robinsons No Cure for Love (1995), Caroline Kepnes’ You (2014) oder Jennifer Hilliers Creep (2011) sind nur einige Titel auf langen Listen für Buchempfehlungen zu obsessiver Liebe und Stalking, die sich auf Internetportalen wie ‚good reads‘ finden oder auf den Webseiten von Buchläden wie Barnes and Noble. Ebenso einschlägig ist die drängende Frage in Enduring Love nach authentischen Liebesgefühlen im Lichte wissenschaftlicher Erkenntnisse. So stellt der Wissenschaftsjournalist Joe die Authentizität von Gefühlen mit Blick auf evolutionsbiologische Annahmen grundsätzlich in Frage. Als er etwa am Flughafen auf Clarissa wartet, beobachtet er in der Ankunftshalle die freudigen Umarmungen von Menschen. Der identische körperliche Malcolm points out, despite this apparent acceptance of stories being unavoidable and, hence, in effect, everyone’s narrative being theoretically plausible, Enduring Love does privilege certain perspectives over others. […] [T]he novel’s narrator, Joe, has a more complete ‚less deceived‘ narrative than many of the other characters but most obviously the ‚story‘ of Jed.“ 53 Vgl. Davies, Enduring McEwan, S. 75-76. Enduring Love 282 Ausdruck von Empfindungen sei ein Beweis für deren genetische Kodierung. Das Beobachten des immergleichen (weil genetisch bedingten) Lächelns weckt bei Joe schließlich den Eindruck von Theatralität und damit Inauthentizität. In einer solchen wissenschaftlichen Sicht ist ‚wahre Liebe‘ lediglich ein evolutionärer Mechanismus.54 Zeitgenössisches Theater beschäftigt sich ebenso mit der Frage nach authentischer Liebe im Spiegel der Wissenschaft. Ein Beispiel ist Lucy Prebbles The Effect (2012), das von einem wissenschaftlichen Experiment handelt, bei dem zwei Probanden in Liebe zueinander entbrennen. Es lässt sich allerdings nicht feststellen, ob die Liebe der Probanden eine Nebenwirkung von eingenommenen Medikamenten ist. Die sich entwickelnde Beziehungsdynamik wirft Fragen nach dem Verhältnis von Gefühlen, Rationalität, Authentizität, Freiheit und ethischer Verantwortlichkeit auf. Einen zentralen Vergleich zur zweiten Fallstudie, Farrahs Gifts, liefert die Perspektivierung von Liebe als Gabenbeziehung in Enduring Love. Auffällig ist, dass Joe gleich zu Beginn seiner Erzählung erwähnt, dass er für Clarissa ein Geburtstagsgeschenk besorgt habe: „the most expensive single item I had ever bought“ (ED, S. 3). Es handelt sich um eine Erstausgabe von Keats’ Gedichtband aus dem Jahr 1817, durch die Joe seiner Wertschätzung für Clarissa Ausdruck verleihen möchte. Gleichzeitig drängt sich der Verdacht auf, dass Joe durch dieses sehr teure Geschenk seine Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren sucht. Schließlich betont er selbst, dass er nie verstanden habe, wieso eine schöne Frau wie Clarissa mit ihm zusammen sei. Akte des Schenkens sind nicht auf Joe und Clarissa beschränkt, denn auch Jed unterstreicht: „I come bearing gifts. The purpose is to bring you to the Christ that is in you and that is you. That’s what the gift of love is all about.“ (ED, S. 66) So unterschiedlich die Gaben in beiden Fällen sind, laufen sie gleichsam auf eine Gegengabe oder zumindest die Erwartung einer Gegengabe hinaus. Clarissas scherzhafte Reaktion auf das teure Geburtstagsgeschenk lautet, dass sie Joe nun nötigen werde, mit ihr zu schlafen („I’m going to make you fuck me all afternoon“; ED, S. 166). Jed spricht zwar von dem Geschenk der Liebe und der Gnade Gottes, allerdings will er diese Gabe nutzen, um Joes Gunst zu erzwingen. Diese zwei kurzen Beispiele verdeutlichen bereits, wie das Geben von Geschenken als Liebespraxis in 54 Zum evolutionspsychologischen und -biologischen Diskurs in McEwans Roman, siehe Childs, Ian McEwan’s Enduring Love, S. 21-27. Stella Butter 283 Machtdynamiken eingebunden ist. Geschenke und die Liebe basieren, so die Implikation von Enduring Love, beide auf Reziprozitätserwartungen. 3. Romantische Liebe als Gabenbeziehung in Nurrudhin Farrahs Gifts (1992) Eine faszinierende Vertiefung dieser Perspektive auf Liebe, nämlich der „Gabenbeziehung als bevorzugte Form der Beziehung zum Anderen“,55 bietet Nurrudhin Farrahs Gifts. Dieser preisgekrönte Roman des somalischen Autors erschien zuerst auf Schwedisch (1990), bevor er 1992 ins Englische übersetzt wurde. Farrah ist nicht nur der erste somalische Autor, dessen Werke auf Englisch publiziert wurden, sondern er zählt zu „the best-known and most powerful of English African writers“.56 Nurrudhin Farrahs Gifts ist deutlich von Marcel Mauss’ anthropologischer Studie Die Gabe (frz. 1923/24) beeinflusst, wie Farrah im Paratext zu Gifts selbst schreibt. Mauss hat in seiner Studie untersucht, wie in vormodernen Gesellschaften soziale Bande durch zeremonielle Gaben gestiftet wurden. Mauss’ Untersuchung zum Gabentausch zählt nach wie vor zu den Schlüsselwerken in der anthropologischen, sozialwissenschaftlichen und philosophischen Debatte um gesellschaftliche Praktiken des Teilens und der Konstituierung von sozialen Beziehungen durch die Zirkulation von Gaben. Vielfach wird in diesen Diskussionen die Gabe als Herzstück von Gemeinschaft ausgewiesen: As Roberto Esposito […] has shown, the term [‚community‘], derived from the Latin communitas, is traceable to the word munus […]. According to Esposito, the term munus oscillates among three meanings: onus, officium and donum, with the first two referring to the conceptual area of ‚duty‘ and ‚obligation‘, while the third denotes ‚gift‘. Munus designates a very specific, particular kind of gift, distinguished from the voluntary and spontaneous general meaning of donum. It 55 Marcel Hénaff: Die Gabe der Philosophen. Gegenseitigkeit neu denken. Bielefeld 2014, S. 217. 56 Gareth Griffiths, African Literatures in English: East and West, London/New York 2000, S. 374. Enduring Love 284 means a gift that one cannot not give. Thus, in etymology at least, at the heart of community lies the obligatory gift.57 Farahs Roman nimmt diese Etymologie ernst, denn es wird gezeigt, wie vielfältige Beziehungsverhältnisse auf „interpersonaler und privater Ebene ebenso wie auf institutioneller (sozialer, politischer, ökonomischer) [und internationaler] Ebene“58 durch den Tausch von Gaben hergestellt und austariert werden. Gerade weil sehr Heterogenes als gift im Roman ausgewiesen wird (z.B. Konsumobjekte, Träume, ein Findling, Blutspenden, Entwicklungshilfe), lädt dieser Text dazu ein, über verschiedene Formen von Gaben und deren unterschiedliche Wirkungen zu reflektieren. Eine besondere Rolle spielt dabei die Bevorzugung einer spezifischen Gabenbeziehung als Modell für gelingende Liebe und für Praktiken der Ästhetik. Gifts spielt Gabenbeziehungen für drei Bereiche durch: den interpersonellen bzw. persönlichen Bereich (Geben und Nehmen innerhalb und zwischen Familie[n], Freunden, Liebenden), den Bereich internationaler Beziehungen (‚first world and third world countries‘) und den Bereich der Ästhetik. Die Handlung von Gifts spielt in Mogadischu in den 1980er Jahren. Im Mittelpunkt steht die aufkeimende Romanze zwischen der Krankenschwester Duniya, die ihre Kinder nach zwei unglücklichen Ehen alleine aufzieht, und dem wohlhabenden Bosaaso, der sie umwirbt. Eingestreut in diese linear erzählte Liebesgeschichte sind diverse Zeitungsartikel, die die Entwicklungspolitik westlicher Länder, insbesondere deren ‚Geschenke‘ in Form von Entwicklungshilfe und Spenden, als Neokolonialismus entlarven. Die zerstörerischen Auswirkungen dieser neokolonialen Politik kann der Leser anhand Duniyas Alltagsleben in Mogadischu anschaulich erfahren.59 Der Verdacht, dass Gaben als Mittel genutzt werden, um Abhängigkeit zu stiften bzw. als Waffen im Kampf um Dominanz, prägt auch Duniyas Weltsicht und erklärt ihre starke Scheu, Geschenke anzuneh- 57 Olli Pyyhtinen: The Gift and its Paradoxes. Beyond Mauss. (1. Aufl. 2014) London/New York 2016, S. 5. 58 Hénaff, Die Gabe der Philosophen, S. 262. 59 Für eine ausführliche Analyse der postkolonialen Kritik in Gifts, siehe Tim Woods: Giving and Receiving: Nuruddin Farah’s Gifts, or, the Postcolonial Logic of Third World Aid. In: Journal of Commonwealth Literature 38 (2003), Nr. 1, S. 92-112; Francis Ngaboh-Smart: Dimensions of Gift Giving in Nuruddin Farah’s Gifts. In: Research in African Literatures 27 (1996), Nr. 4, S. 144-156. Stella Butter 285 men. Tatsächlich finden sich viele Beispiele im Roman, die das Schenken als eine Transaktion ausweisen, durch die eine problematische Asymmetrie zwischen Geber und Empfänger etabliert wird, da der Empfänger durch die Annahme der Gabe in ein schuldhaftes Verhältnis zum Geber gerückt wird. Ein solches Verständnis der Gabe folgt insofern der Mauss’schen Theorie, denn dieser geht von drei Verpflichtungen beim Gabentausch aus: die Pflicht Geschenke zu machen, Geschenke anzunehmen und Geschenke zu erwidern.60 So verlangen Duniyas Verwandte absoluten Gehorsam von Duniyas Tochter Yarey, weil sie ihr jahrelang Geschenke gemacht haben.61 Die Erwartung, eine spezifische Gegenleistung im Tausch für die Gabe zu erhalten, etabliert eine ökonomische Logik, wonach die Gabe in „ein Instrument der Verschuldung“62 verwandelt wird, die Macht- und Ausbeutungsverhältnisse zementiert. Die Kritik an der Gabe als ökonomische Transaktion umfasst im Roman die patriarchalische Nutzung von Frauen als Tauschobjekte zwischen Männern, um Allianzen zu sichern. Duniyas erste unglückliche Ehe mit einem greisen Mann kam dadurch zustande, dass ihr Vater sie seinem alten Freund zum Geschenk machte und ihr Bruder aufgrund finanzieller Vorteile diese Transaktion mittrug. Während diese Gruppe an Beispielen die Gabe kritisch als Kommerz ausweist, finden sich auch positiv bewertete Gabenmodelle im Roman, zu denen insbesondere die Liebesbeziehung zwischen Duniya und Bosaaso zählt. Eine Schlüsselszene für die romantische Liebe zwischen Duniya und Bosaaso ist Duniyas Umsetzung ihres Entschlusses, ihren Körper Bosaaso als Geschenk zu geben. Duniya hatte lange gezögert, mit Bosaaso eine Liebesbeziehung einzugehen, da sie um ihre Autonomie fürchtete. Tatsächlich wird die Frage nach Eigentumsdenken im Liebesverhältnis immer wieder aufgeworfen, etwa als Bosaaso sagt: „there isn’t enough in the way of you and of me to go round, which is why we tend to appear possessive, appear to be unwilling to share [….] You. Me. Us. That’s what it comes down to“.63 Indem Duniya sich selbst als Geschenk gibt, markiert sie zugleich ihre Handlungsmächtigkeit, denn nur ihr Sich-Selbst- Gehören ermöglicht erst ihre Gabe.64 Während Duniya in ihrer ersten 60 Marcel Mauss: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Frankfurt/M. 1968, S. 36. 61 Vgl. Nurruddin Farah: Gifts, (1. Aufl. 1993) New York u.a. Penguin 2000, S. 111. 62 Hénaff, Die Gabe der Philosophen, S. 38. 63 Farah, Gifts, S. 151. 64 Siehe auch Woods, „Giving and Receiving“, S. 103. Enduring Love 286 Ehe lediglich ein Tauschobjekt zwischen Gabengeber und -empfänger war, ist sie als Gabengeberin nun selbst Partner in der Gabenbeziehung. Duniyas Beschluss, „to make of her body a gift to him“,65 darf also keinesfalls als Einwilligung verstanden werden, zum Objekt männlicher Verfügungsgewalt zu werden. Duniyas Handlungsmächtigkeit wird dadurch betont, dass sie mittels Verhütung die Kontrolle über ihre reproduktive Kraft wahrt und das Tempo der sich entwickelnden Romanze bestimmt. Duniyas Liebesgabe zeugt von ihrem Vertrauen in Bosaaso: „Sie bedeutet, die Geste der Anerkennung zu riskieren, einander in der Ungewissheit zu akzeptieren“.66 Jede Gabe fordert zur Erwiderung auf, ohne jedoch eine absolute Gewissheit zu haben, wie die Erwiderung aussehen wird. Die Dynamik von Gabenbeziehungen lässt sich als „alternierende Asymmetrie“67 beschreiben. Die Asymmetrie resultiert aus der Schuld, die durch die Annahme einer Gabe entsteht, nämlich die „Schuld der Erwiderung“.68 Es geht bei der Liebesgabe somit nicht um eine ökonomische Logik bzw. um einen Handelstausch, der auf die Tilgung einer konkreten Schuld zielt. Vielmehr geht es um eine „Geste der Gegenseitigkeit“:69 „Die Antwort – die Gegengabe – […] bedeutet, im Spiel des Rufs und der Antwort ständig die Zeit der Beziehung zu öffnen“.70 Die alternierende Asymmetrie zwischen den Liebenden wird durch die sorgfältige Choreographie ihres Liebesaktes unterstrichen. Duniya und Bosaaso wechseln sich ab bei der Taktangabe für ihr Liebesorchester.71 Die Beschreibung des Liebesakts in religiösen Begriffen („divine“, „celestial system of joy“)72 vertieft den Kontrast zwischen Duniyas besonderer Liebesgabe und den negativen Beispielen von Gaben im Roman, die ausschließlich einer ökonomischen Tauschlogik folgen: „Sacred objects escape the economy of gift and repayment […]. What is given away is one’s propre: one‘s own, […] something […] not to be dirtied by buying and selling“.73 65 Farah, Gifts, S. 200. 66 Hénaff, Die Gabe der Philosophen, S. 104. 67 Ebd. S. 38. 68 Ebd. 69 Ebd., S. 40. 70 Ebd., S. 34f. 71 Vgl. Farah, Gifts, S. 211. 72 Farah, Gifts, S. 210, 211. 73 Pyyhtinen, The Gift, S. 151. Stella Butter 287 Die Kritik an der Reduzierung der Gabe auf Ökonomie bedeutet allerdings nicht, dass Farahs Gifts einzig die bedingungslose Gabe, d.h. die Gabe ohne jegliche Erwartung einer Gegengabe oder Erwiderung, als regulatives Handlungsideal zulässt. Vielmehr wird Reziprozität als wesentliche Dimension der Gabe etabliert, indem wiederholt und explizit Kritik am parasitären Verhalten im Roman geübt wird. Unmittelbar nach der Liebesnacht bzw. Duniys Liebesgabe prangert etwa Bosaaso das Schmarotzertum seiner Verwandtschaft an, die erwartet, dass er ihren verschwenderischen Lebensstil finanziert, ohne dass sie selbst bereit wären, sich einzuschränken oder ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Die Darstellung von Gaben in Gifts folgt somit nicht einflussreichen Kritikern an Mauss, wie etwa Jacques Derrida, der betont, dass nur eine Gabe ohne Erwiderung eine wahre Gabe sei, denn jegliche Erwiderung würde die Gabe in einen Handelstausch verwandeln.74 Gegenseitigkeit muss jedoch nicht, wie Marcel Hénaff überzeugend argumentiert, zwangsläufig dem Modell eines Handelstauschs folgen. Das sei eine unzulässige Verkürzung der Mauss’schen Beschreibung von Reziprozität als wesentliche Dimension der Gabe.75 Eine ähnliche Positionierung inszeniert Farahs Gifts mit ästhetischen Mitteln, indem der Roman sowohl Beispiele für Gaben als einen Handelstausch als auch für Gaben als anerkennende Geste der Gegenseitigkeit jenseits einer instrumentell-ökonomischen Logik präsentiert. Die Gabenbeziehung als Modell für Liebe in Gifts weist insgesamt zentrale Elemente dialogischer Liebe auf. Dazu gehören die Betonung von Reziprozität als Voraussetzung für Liebe sowie eine Sensibilisierung für die uneinholbare Partikularität des geliebten Menschen. Gelingende Liebe wird verortet „zwischen Ich und Du, in der Beziehung, im Teilen von Gefühlen und Handlungen“.76 Dies ist umso mehr zu unterstreichen, weil es Passagen gibt, die auf den ersten Blick dazu einladen, ein Fusionsmodell der Liebe zu identifizieren. Exemplarisch sei dies anhand von Duniyas Sicht auf ihre Liebesbeziehung verdeutlicht: Apparently, the two of them were we, the rest of the world they. Together, when alone with each other, they in turn fragmented themselves into their respective I’s. That is to say, they were like two imag- 74 Vgl. Jacques Derrida: Given Time I. Counterfeit Money. Chicago 1992, S. 7; Hénaff, Die Gabe der Philosophen, S. 37. 75 Vgl. Hénaff, Die Gabe der Philosophen, S. 151. 76 Krebs, Zwischen Ich und Du, S. 57. Enduring Love 288 es reflecting a oneness of souls, or like twin ideas united in their pursuit to be separable and linked at the same time. Is this the definition of love?77 Aus westlicher Sicht erinnern einzelne Formulierungen in dieser Passage an den Kugelmenschenmythos in Platons Symposion. Die Rede von einem geteilten Selbst („oneness of souls“) suggeriert, dass zuvor eine ursprüngliche Ganzheit in zwei Hälften zerfallen ist, die einander suchen („pursuit […] to be linked“). Zu einer solchen teleologischen Ganzheitsvision passt allerdings nicht die Rede von der Fragmentarisierung im Moment des Zusammenseins, welche die gewünschte Integrität des Einzelkörpers in der Liebesbeziehung bewahrt („pursuit to be separable“). Das Modell einer Fusion mit dem geliebten Menschen wird abgelehnt zugunsten einer Gleichzeitigkeit von Trennung („separable“) und Verbindung („linked“). Die evozierte Doppelbewegung von Distanz und Nähe in der Liebe harmoniert mit anderen Textpassagen, in denen Duniya Beziehungsmodelle ablehnt, die auf eine Vereinnahmung oder Inbesitznahme von Menschen zielen. Die Gabenbeziehung als Modell für die Liebe in Gifts steht konträr zur Vorstellung einer Auflösung von Ich- Grenzen, da diese Gabenbeziehung ein Wechselspiel von Geber und Rezipient und somit ein Teilen (statt Fusion) zwischen zwei Individuen umfasst.78 Liebe ist ein starkes Gefühl, gleichzeitig suggeriert Gifts, dass Liebe auch eine „emotionale und praktische Haltung [ist]: emotional als Gefühl der Sehnsucht nach dem Teilen und praktisch als Bereitschaft dazu“.79 Dies wird besonders klar anhand der Beschreibung von Duniya und Bosaasos wachsender Liebesbeziehung nach dem Tod eines Findlings, um den sich Duniya kurzzeitig gekümmert hatte: [Bosaaso] gained courage […], speaking of filling their evenings and empty late afternoons with activities. We would do this, he would say 77 Farah, Gifts, S. 151. 78 Vgl. auch Woods, Giving and Receiving, S. 104: „it becomes clear that Duniya regards her love for Bosaaso as a reciprocal, unified relationship, based upon equality and ethical respect for each other’s differences. Their love emerges as part of a complex ethical ‚keeping-for-giving‘ practice – preserving their differences in order to give their love.“ 79 Krebs, Zwischen Ich und Du, S. 57. Stella Butter 289 […]. We, it turned out, was a composite person (Duniya + Bosaaso = we!), able to perform miracles […]. When the baby had been alive neither Duniya nor Bosaaso had thought of inventing things to occupy them: he had made life take shape around them. […] Duniya couldn’t help taking account of the fact that the foundling’s death imposed a compulsory set of grammatical alterations on their way of speaking, producing a we that had not been there before, a we of hybrid necessities, half real, half invented.80 Die gemeinsame Änderung des Sprachgebrauchs nach dem Tod des Findlings ist Ausdruck davon, dass Duniya und Bosaaso „integrative Beiträge zu einem Ganzen“81 – zu einem Wir bzw. einem geteilten Leben („a we of hybrid necessities, […] half invented“) – leisten. Es bleibt nicht bei einem veränderten Sprachgebrauch oder Ideen für gemeinsame Aktivitäten, sondern diese werden umgesetzt. Insofern überrascht es nicht, dass für Duniya der Findling ein Symbol für ihre Liebesbeziehung wird („a symbol uniting the two of them“82). Die Betonung von Reziprozität als Bestandteil einer Gabe findet sich auch in den metafiktionalen Passagen des Romans, in denen das Erzählen einer (Liebes-)Geschichte als Gabenakt entworfen wird. Zu diesen gehört ein Gespräch am Ende des Romans, bei dem die Figuren als das zentrale Merkmal von Geschichten folgendes benennen: „all stories are one story, whose principal theme is love. And if the stories feel different, it is only because the journeys the characters are to undertake take different routes to get to their final destination.“83 Der Roman schließt kurz darauf mit den Worten, „The world was an audience, ready to be given Duniya’s story from the beginning.“84 Tatsächlich ist auch die vorliegende Geschichte eine Liebesgeschichte, die als eine Gabe an die Leser ausgewiesen wird. Gemäß dieses metafiktionalen Gabenmodells gibt der Autor mit der Gabe etwas von sich: „gifts […] necessitate the giving up of something, and yet they remain symbolically inseparable from the giver (gift-giving thus simultaneously involves the loss of self and the expansion of self)“.85 80 Farah, Gifts, S. 135. 81 Krebs, Zwischen Ich und Du, S. 192. 82 Farah, Gifts, S. 181. 83 Ebd., S. 246. 84 Ebd. 85 Pyyhtinen, The Gift, S. 153. Enduring Love 290 Durch das Erzählen und das Lesen einer fiktionalen Geschichte kann eine imaginative Erweiterung des Selbst erfolgen, so dass mit der Gabe der Geschichte etwas von sich selbst gegeben wird, und der Leser durch das imaginative Eintauchen in die erzählte Welt potentiell verändert wird. Wenn Literatur eine Gabe ist, dann weckt diese Gabe den Ruf nach Erwiderung. Da die erzählte Geschichte eine scharfe Kritik an neokolonialer Ausbeutung umfasst, wäre durchaus die Erwartung einer politischen Erwiderung (im Sinne von Widerständigkeit gegen Neokolonialismus) möglich. Obgleich die literarische (Liebes-)Gabe auf inhaltlicher Ebene die Geste der Gegenseitigkeit feiert, ist die Gefahr einer Reduktion der Gabe auf einen kommerziellen Akt insofern gegeben, als Farrahs Buch ein käuflich erworbener Gegenstand ist. Die im Roman entworfenen Gabenmodelle (Liebesgabe, Gabe als Kommerz) erlauben es, die verschiedenen Facetten von Literatur als Sozialsystem zu beleuchten. Die literarische Gabe, die uns LeserInnen gegeben wurde, lenkt die Aufmerksamkeit auf Deutungsoffenheit und semantische Überschüsse im Umgang mit der Welt und anderen Menschen. Dies kann anhand von zwei kurzen Beispielen illustriert werden. Bei seiner ersten Wiederbegegnung mit Duniya nimmt Bosaaso sie in seinem Auto mit. Er versucht während der Fahrt mit seinem Rückspiegel Duniya, die auf der Rückbank sitzt, einzufangen: „But he couldn’t frame her face in his mirror, however much he adjusted it.“86 Das Scheitern dieses Versuchs, Duniyas Gesicht im Spiegel einzufangen und damit zu fixieren, verweist auf die Unmöglichkeit, einen geliebten Menschen auf ein Bildnis bzw. eine Identität zu fixieren. Das Individuum sprengt vorgegebene Deutungsrahmen (‚frames‘). Das zweite Beispiel betrifft Paratexte des Romans. Der Roman ist in vier Teile gegliedert, wobei der erste Teil den Titel „A Story is Born“ trägt. Unmittelbar nach dieser Titelangabe folgt eine Kurzzusammenfassung des ersten Kapitels: „In which Duniya sees the outlines of a story emerging from the mist surrounding her, as the outside world impinges on her space and thoughts“.87 Solche Zusammenfassungen sind jedem Kapitel vorangestellt. Dieses Brecht’sche Element erfüllt verschiedene Funktionen. Rezeptionsästhetisch lenkt es die Aufmerksamkeit selbstreflexiv auf den Entstehungsprozess einer Geschichte bzw. fiktionalen Welt. Mit jedem Kapitel erleben wir erneut, wie aus dem Skelett einer dürren In- 86 Farah, Gifts, S. 6. 87 Ebd., S. 3. Stella Butter 291 haltsangabe sich allmählich eine Erzählung entwickelt bzw. wie die Erzählung voranschreitet (‚a story is born‘). Gleichzeitig schärft die Diskrepanz zwischen der knappen Inhaltsangabe und der erzählerischen Reichhaltigkeit der einzelnen Kapitel den Blick dafür, dass eine solche Rahmung nicht der Komplexität und Polyvalenz des Erzählten gerecht wird. Es kann somit eine Analogie gezogen werden zum gleich im ersten Kapitel dargestellten Scheitern von Bosaaso, das Gesicht von Duniya durch eine ‚Rahmung‘ einzufangen. Die gleich zu Beginn eingeführte Geburtsmetapher unterstreicht die Mutabilität von kreativen Erzählungen. So wie ein lebendiger Körper nach der Geburt wächst und sich ver- ändert, so sind auch Geschichten nicht statisch. Das Modell von geschlossenen Narrativen wird dementsprechend in Gifts abgelehnt, allerdings geht Enduring Love aufgrund der inszenierten erzählerischen Unzuverlässigkeit wesentlich weiter in Richtung offene Narrative im Vergleich zu Gifts. Aufgrund des Romantitels Gifts ruft das Motiv der Geburt gleichzeitig die Assoziation ‚gift of life‘ hervor. Zugespitzt formuliert erscheint Kreativität als eine lebensschaffende und -affirmierende Kraft. Das zyklische Zeitverständnis, das in der organischen Metapher angelegt ist (Lebenszyklus), findet seinen formalen Widerhall in der Kreisstruktur des Romans: Der Roman beginnt mit ‚a gift of life‘ bzw. der Gabe der Geschichte und schließt mit Duniyas Gabe, ihrer Geschichte, an die Welt der Zuhörer. Insgesamt suggeriert die Geburtsmetapher, dass die im Roman dargebotene Liebesgeschichte eine lebensbejahende und gemeinschaftsstiftende Liebesgabe ist. Diese Liebesgabe schließt Agonalität nicht aus, wie die im Roman scharf formulierte postkoloniale Kritik verdeutlicht. 4. Schlussbetrachtung: Liebe und Intimität im Gegenwartsroman Die Kunst gelingender Liebe besteht, so die literarische Diagnose, in der „Kunst des Schenkens“: „Eine Beziehung wird begründet, bestärkt, aufgewertet, auch in Frage gestellt, abgewertet, aufgelöst durch Gaben und ihre Verweigerung.“88 Die Gaben sind dabei nicht in erster Linie als materiell zu begreifen. Vielmehr umfassen sie insbesondere das Schenken von 88 Schmid, Die Liebe atmen lassen, S. 228. Enduring Love 292 Aufmerksamkeit, Vertrauen und Sorge. Gleichzeitig bedarf es, wie der Philosoph Wilhelm Schmid konstatiert, der Bereitschaft zur Hinnahme bzw. Annahme dessen, was gegeben wird. Wichtig sind dabei die Grenzen, die durch das Prinzip von Reziprozität bei der Hingabe und Hinnahme gesetzt werden, so dass Selbstaufgabe vermieden wird. So prägte die Befürchtung eines Autonomieverlusts in der Hinnahme von Liebesgaben vor allem Duniyas Sicht auf die Liebe. Nicht nur die Beziehungsdynamik zwischen Duniya und Bosaaso illustriert die Wichtigkeit einer „Hingabe und Hinnahme“89 für gelingende Liebe, sondern auch das Scheitern von Joes und Clarissas Liebesbeziehung. In Übereinstimmung mit einem dialogischen Modell der Liebe lenken beide Romane die Aufmerksamkeit auf die Wichtigkeit der narrativen „Arbeit am gemeinsamen Sinn, an den Zusammenhängen mit dem Anderen“.90 Das bevorzugte Modell von Liebe beeinflusst die ästhetische Form des Romans, weil unterschiedliche Textstrategien zum Einsatz kommen. So ist die extravagante Fülle an Binnengeschichten und Texten in Gifts der Gabenbeziehung als Modell für die Liebe geschuldet: [The novel’s] complex treatment of gift giving […] also extends to its imaginative structure. This is most evident in the novel’s composition and its narrative methods, marked […] by a formal excess and a drama of intextuality [sic!] similar to the extravagance and antagonism peculiar to the potlatch on which Farah draws for his political reading.91 Das agonale Potlatch in dieser Liebesgeschichte regt die Leser dazu an, genau darüber zu reflektieren, wie ihre Erwiderung auf diese Geschichte(n) ausfällt. Insgesamt erhebt der vorliegende Beitrag zwar keinen Anspruch auf Vollständigkeit hinsichtlich Modellen von Liebe im englischsprachigen Gegenwartsromane, beleuchtet jedoch eine zentrale Entwicklungstendenz in ihren verschiedenen Variationen. Letztlich ist auch mein Text eine offene Geschichte, denn es bleibt abzuwarten, welche anderen Entwürfe von Liebe in Zukunft literarisch inszeniert werden.92 89 Ebd. 90 Ebd., S. 311. 91 Ngaboh-Smart, Dimensions of Gift Giving, S. 153. 92 Mein Dank gilt Dorothee Birke und Marcus Menzel für ihre hilfreichen Anregungen zu einer früheren Version dieses Artikels.

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Zusammenfassung

Mit Band 2 der Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte wird eine Reihe von Sammelbänden zu Ringvorlesungen fortgeführt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen mit ihren jeweils eigenen Perspektivierungen übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Erscheinungen zuwenden. Im Fokus dieses 2. Bandes steht das Phänomen der Liebe.

Der wissenschaftliche Blick auf die Liebe ist immer einer auf eine Erscheinung, die sich auf sehr unterschiedliche Weise präsentiert. Das gilt sowohl in Hinblick auf ihre Historizität als auch ihre Systematizität. Und es gilt allemal für ihre Bewertung im Spannungsfeld von Sozialkonstruktion und biologisch-psychologischer Prädisposition. Aus diesem Spannungsfeld heraus schauen die Beiträge auf die tatsächliche oder vermeintliche Krise der modernen Paarbeziehung und fragen nach den Faktoren, die für die unterschiedlichen Bezeichnungen von Paarbeziehungen verantwortlich sind. In den Blick genommen werden Konstellationen der Liebe in den biblischen Erzählungen und ihrer Rezeptionsgeschichte, in der deutschen, englischen und französischen Literatur und im Film, in der Philosophie, der Musik und in der Kunst, gestern und heute. Ein eigener Blick wird auf die Idealtypik der ‚First Lady‘ in der politischen Kultur der USA geworfen.

Die Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte dokumentieren Ergebnisse regelmäßig stattfindender Ringvorlesungen an der Universität Koblenz-Landau. Die öffentliche Vortragsreihe wird als fester Bestandteil der universitären Veranstaltungskultur vom Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften am Standort Landau organisiert und widmet sich interdisziplinären Fragestellungen aus dem jeweiligen Blickwinkel der vortragenden Disziplinen. Auf diese Weise wird ein Forum für den aktiven wissenschaftlichen Austausch zwischen den Neuphilologien (Germanistik, Romanistik, Anglistik), der Kunst- und der Musikwissenschaft, der evangelischen und katholischen Theologie, der Soziologie, der Politikwissenschaft sowie der Wirtschaftswissenschaft ermöglicht und befördert.