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Francesca Vidal, Bloch und die Liebe in:

Lothar Bluhm, Thomas Müller-Schneider, Markus Schiefer Ferrari, Christoph Zuschlag (Ed.)

"Das süße Wort: Ich liebe dich", page 231 - 246

Konstellationen der Liebe in Literatur, Kunst und Wissenschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4258-8, ISBN online: 978-3-8288-7142-7, https://doi.org/10.5771/9783828871427-231

Series: LBKS - Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte, vol. 2

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
231 Bloch und die Liebe Francesca Vidal „sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern“1 1. Zum Verhältnis von Eros und Geist oder über die Liebe zum Werk Zu einem der ersten philosophischen Texte über die Liebe gehört das Symposium von Platon, ein Text auf den der Philosoph Ernst Bloch sich gerne bezieht, wenn er über Liebe spricht. Die Herausgeberin dieses Textes, Ute Schmidt-Berger, hat den Titel in ihrer Übertragung wiedergeben als Das Trinkgelage oder über den Eros, da dies ihrer Meinung nach die sinnliche Stimmung, in der die damaligen Philosophen über die Liebe nachdachten, am besten wiedergeben würde.2 In einer sinnlichen Atmosphäre in einem Garten wird über die Liebe spekuliert und zu einem der ersten geäußerten Gedanken gehört der, dass der Ursprung der Liebe in einem Gefühl des Mangels liegen würde. „Etwas fehlt“ wird viel später der Philosoph Ernst Bloch sagen, der die Brecht’sche Wendung benutzt, wenn er sagen will, dass auch bei als schön oder gut empfundenen Gegebenheiten das Gefühl aufkommen kann, dass es noch nicht vollkommen sei. Und da in seinen Augen der Mensch ein hoffendes Wesen ist, richtet dieser seine Sehnsüchte auf eine Welt, in der der Mangel behoben sein wird. Die Liebe Blochs gilt – hier folge ich Micha Brumlik3 – der Hoffnung, denn ohne Hoffnung könnte die Liebe nicht ihre Kraft entfalten. Dies will ich im Folgenden erläutern. Für Ernst Bloch ist der Mensch als ein Triebwesen angelegt, das seine Mängel überwinden will und deshalb Sehnsüchte entwickelt. In seinem Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung beschreibt er dies sehr ausführlich, be- 1 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt/M. 1959, S. 1. 2 Platon: Das Trinkgelage oder über den Eros. Übertragung, Nachwort und Erläuterungen von Ute Schmidt-Berger. Frankfurt/M. 1985. 3 Micha Brumlik: Blochs Liebe. In: Klaus Kufeld und Peter Zudeick (Hrsg.): Utopien haben einen Fahrplan. Mössingen 2000, S. 64-70. Bloch und die Liebe 232 richtet vom richtungslosen Streben des Menschen hin zu zielgerichteten Sehnsüchten. Immer geht es vom Innen zum Außen, der Mensch sucht und hat dabei die Fähigkeit, seine Sehnsüchte auszumalen, denn er besitzt Phantasie. Grundtrieb ist freilich die Selbsterhaltung und daher der Hunger. Solcher Trieb aber geht weiter, nicht umsonst sprechen wir vom Hunger nach Anerkennung, vom Hunger nach Liebe und vielem mehr. Das bloße Dasein ist dem Menschen zu wenig und aus diesem Gefühl, dass da noch etwas fehlt, entwickelt er sowohl seine Ängste als auch seine Sehnsüchte. In seinen Tagträumen und Wunschbildern kündigt sich mögliche Zukunft an, möglich heißt freilich nicht, dass diese immer so eintreten wird. Und es geht nicht allein um die Befriedigung der Triebe, denn der Mensch ist immer auch ein Gesellschaftswesen, das sich der Welt durch praktisch-sinnliche Tätigkeit nähert. Bloch sagt, dass der Mensch lernt, die innere und die äußere Natur auf Zukunft hin zu gestalten und fasst dies in die Formel „Not lehrt Denken“.4 Das führt dazu, dass der Mensch sich nicht nur selbst erhalten und im Jetzt verharren, sondern aus diesem ausbrechen will, weshalb er zur Selbsterweiterung tendiert. Im Rückblick auf seine eigene Kindheit spricht der Philosoph vom Geist, der sich erst bildet. Und überträgt man dies auf sein Werk, so ist es der Geist der Utopie, der den Menschen zum Handelnden, zum in das Weltgeschehen Eingreifenden macht. In der ersten Fassung von Geist der Utopie, seinem expressionistischen Werk aus den 20er Jahren, liest sich das so: Dorthin geht es hinaus, ratend, befehlend, erratend, was kommen soll, zum veränderten Denkenwollen, zum Umdenkenwollen der ganzen Welt. Wenn wir uns danach kennen werden, dann sind wir mit allen unterwiesen und bekannt. Es gibt nichts mehr, das nur zu entziffern wäre und stünde es da, von unserem verschleiernden Auge befreit. Sondern wir selber sind an dem Gang der Welt, die kernlos ist, ja die überhaupt nicht wahr ist, mithandelnd, mitentscheidend, miternennend beteiligt.5 Dieses Beteiligtsein am Gang der Welt ist nur möglich, wenn der Mensch offen ist für das Neue. Dieses Neue ist etwas, das sich im Jetzt des gelebten Augenblicks zeigen kann. Ein solcher Augenblick muss freilich vom Subjekt wahrgenommen werden, was auch heißt, dass er verpasst werden 4 Ernst Bloch: Tübinger Einleitung in die Philosophie. Frankfurt/M. 1996, S. 14. 5 Ernst Bloch: Geist der Utopie. Frankfurt/M. 1959, S. 340. Francesca Vidal 233 kann. Und: Der Augenblick muss nicht nur erkannt werden, es muss auch reale Möglichkeiten für das Neue geben. Dieses Neue ist für Bloch immer der Versuch eines Ganzen, eines Ultimums, mithin eines, in dem jeglicher Mangel behoben sein wird. Was das mit der Liebe zu tun hat? Um dies zu erläutern, gehe ich noch einmal zurück zu Platon und besagtem Trinkgelage und zur Bloch’schen Interpretation des platonischen Eros. Schon bei Platon führt das Gefühl des Mangels zu Produktivität. Und Sokrates erklärt uns, was dies mit Eros zu tun hat. Dabei bezieht er sich auf eine weise Frau, auf Diotima, die ihn über die Wirkung des Eros aufgeklärt haben soll und von der er erfahren hat, warum ein Schaffensdrang ein erotischer Drang sei. Das Ziel des Strebens sei Unsterblichkeit. Deshalb benennt er das Wirken des Eros als ein „Zeugen […] im Leiblichen wie im Geistigen“. Um dies näher zu erläutern, gibt Sokrates seinen Freunden den Zeugungsmythos wieder, den Diotima ihn erläutert hatte. Dieser ist entscheidend, denn in dieser Darstellung ist Eros – nach griechischer Mythologie der Gott der Liebe – nicht mehr der Sohn der Aphrodite, ja, er ist überhaupt kein Gott mehr, sondern steht zwischen Sterblichen und Unsterblichen. Da es so entscheidend ist, Eros als ein Wirken ins noch Unabgeschlossene zu verstehen und damit auch Geist als einen Triebbegriff, der aus einer Gegenwart des Mangels herausdrängt, wiederhole auch ich diesen Mythos und zwar ganz bewusst im Sinne der Bloch’schen Interpretation: Denn er ist, wie Diotima dem Sokrates im Symposium erzählt, der Sohn von Poros und Penia, von Reichtum und Armut. „Als nämlich Aphrodite geboren wurde, schmausten die Götter und unter den übrigen auch Reichtum, der Sohn der Klugheit. Als sie aber gespeist hatten, kam, um etwas zu erbetteln, da es doch festlich herging, Armut herbei und blieb an der Pforte. Trunken vom Nektar – Wein gab es ja noch nicht – ging Reichtum in den Garten des Zeus und war schwer und fiel in Schlaf. Armut nun ergriff der Gedanke, wegen ihrer Dürftigkeit sich ein Kind vom Reichtum erzeugen zu lassen. Sie legte sich zu ihm und empfing den Eros. Daher auch Eros Aphrodites Begleiter und Diener wurde, erzeugt bei der Feier ihrer Geburt und zugleich, weil er von Natur verliebt ist in das Schöne und Aphrodite schön ist. Als Sohn von Reichtum und Armut ist Eros in solches Geschick gestellt: Erstlich bedürftig ist er immer, und viel fehlt, daß er zart sei und schön, wie die Vielen glauben, sondern hart und rauh und barfuß und heimatlos, immer am Boden lagernd und ohne Decke, vor Türen und Bloch und die Liebe 234 auf Straßen im Freien schlafend, da er die Natur der Mutter hat, immer der Bedürftigkeit Genosse. Wie der Vater hingegen stellt er den Schönen und Guten nach, tapfer und verwegen und eifrig, gewaltiger Jäger, allzeit Ränke schmiedend und nach Erkenntnis begierig und erfinderisch, Weisheit suchend sein ganzes Leben, gewaltiger Zauberer, Giftkundiger und Sophist, und weder als Unsterblicher ist er geartet noch als Sterblicher, sondern bald blüht er denselben Tag und lebt, wenn es ihm wohl geht, bald aber stirbt er hin. Und wieder lebt er auf durchs Vaters Natur, und das Erworbene zerfließt ihn immer, so daß Eros weder jemals arm ist noch reich und in der Mitte ist von Weisheit und Torheit.“6 Bevor ich mit Bloch weiterfahre, möchte ich daran erinnern, dass Eros in einem Garten erzeugt wurde: „Nur unter Blumen und Düften, so heißt es in Platons Gastmahl, könne Eros leben, in einem Garten sei er gezeugt, nur in einem Garten blühe mit der Liebe die philosophische Erkenntnis“.7 Es bedarf also auch für die Liebe zur Weisheit immer einer besonderen Landschaft, damit diese zum Blühen kommen kann. Aber zurück zur Bloch’schen Interpretation, denn für ihn lässt sich besser als durch Sokrates’ Wiedergabe der Erzählung dialektisches Denken nicht beschreiben, dabei geht es ihm hier vor allem um den Blick auf das noch Ungewordene und um das Streben vom Unvollkommenen zum Vollkommenen. Und auch er betont das Streben nach Unsterblichkeit. Er spricht von der metaphorischen Unsterblichkeit im Werk, die dieses erreichen würde, wenn es ein Produkt der geistigen Liebe zur Wahrheit sei. Im Prinzip Hoffnung findet sich dies als Abschnittstitel: „Die metaphorische Unsterblichkeit: im Werk“. Bloch wertet hier das Kinderbekommen als Wunsch im Kind weiterzuleben und sagt dann: Kinder aber werden auch die geistigen Werke genannt, die gemalten, musizierten, gedichteten, gebauten, gedachten. Sowohl wegen des Rauschs ihrer Empfängnis wie wegen der Schmerzen ihrer Geburt, wie eben wegen ihrer überlebenden Dauer. Bezeichnender Weise wurde noch nie ein geglücktes Geschäft, eine gewonnene Schlacht oder eine tüchtige politische Leistung das Kind ihres Urhebers genannt. Das macht: die Wirkung solcher Taten verläuft und verflechtet sich 6 Ernst Bloch: Tendenz – Latenz – Utopie. Frankfurt/M. 1978, S. 405f. 7 Renate Schlesier: „amor vi feri, vi sani amore“. René Schérer, Guy Hocquenghem, in: Dietmar Kamper/Christoph Wulf (Hrsg.): Das Schicksal der Liebe. Weinheim, Berlin 1988, S. 153. Francesca Vidal 235 schließlich, sie haben keine gerahmte Gestalt, die sich charakteristisch erhält. Der Name ihres Urhebers kann noch so dauernd erinnert werden, er ist mit keinem immer wieder aufführbaren, sich immer wieder erneuernden Werk verbunden. Vita brevis, ars longa, Reiche vergehen, ein guter Vers bleibt ewig: in diesen musischen Überzeugungen hat nur das geformte Werk Platz.8 Sehr schön beschreibt er diese Sehnsucht durch Aphorismen von Dichtern und Philosophen und karikiert zugleich Versuche, die dies auf Produkte der Wirtschaft übertragen wollen. Wegen der Schönheit sei hier einer dieser Aphorismen wiederholt, Nietzsches Aphorismus 209 aus Menschliches, Allzumenschliches – ausnahmsweise nennt Bloch sogar die Quelle: Der Denker und ebenso der Künstler, welcher sein besseres Selbst in Werke geflüchtet hat, empfindet eine fast boshafte Freude, wenn er sieht, wie sein Leib und Geist langsam von der Zeit angebrochen und zerstört werden, als ob er aus einem Winkel einen Dieb an seinem Geldschrank arbeiten sähe, während er weiß, daß dieser leer ist und alle Schätze gerettet sind.9 Metaphorisch ist diese Unsterblichkeit, weil der Schöpfer der Werke freilich sterblich bleibt. Erklärbar wird aber dadurch auch die Angst, nicht fertig zu werden mit dem Lebenswerk. Zudem machen die gewählten Beispiele deutlich, dass es nicht um den Nachruhm geht, sondern tatsächlich um den Wunsch, etwas Bleibendes zu schaffen. So erklärt sich – dies beschreibt Gert Ueding in seinen Erinnerungen an Ernst Bloch mit dem Titel Wo noch niemand war –, warum sich so wenig persönliche Hinweise im Bloch’schen Werk finden lassen und er uns wissen lässt: „Das Werk, so will uns dies bedeuten, stellt alles Wesentliche in sich dar, es ist das wichtigste Zeugnis meines Lebens“, denn, so ein weiterer bedeutender Satz aus den Spuren: „Private Sammlung war nirgends gemeint und wird nicht fortgesetzt.“10 8 Bloch, Prinzip Hoffnung, S. 1366. 9 Ebd., S. 1369. 10 Gert Ueding: Wo noch niemand war. Erinnerungen an Ernst Bloch. Tübingen 2016, S. 9. Bloch und die Liebe 236 2. Beziehungen: „Wir wollen dort nicht einsam sein, wo wir endlich leben“11 Nun also doch etwas Privates, denn etwas lässt sich schon im Werk finden und dies hat eindeutig etwas mit Liebe zu tun. Am Ende seines Lebens erscheint mit dem Einverständnis seiner Frau Karola das 1927 geschriebene Gedenkbuch für Else Bloch-von Stritzky, jene baltische Bildhauerin, die Bloch 1913 geheiratet hatte und die 1921 im Schweizer Exil unter ärmlichen und bedrückenden Umständen starb. Ohne zu leugnen, dass es noch weitere Lieben im Leben von Bloch gab, war er dieser Frau sein Leben lang in Liebe zugetan, betont er doch, dass Liebe auch mit dem einseitigen Tod nicht ende, denn: „Der Tod schneidet nicht die Liebe ab, doch dasjenige was für sie sichtbar und lebendig war.“12 Über Else von Stritzky hatte er schon 1913 an seinen Freund Georg Lukács geschrieben: Ich bin erstaunt, je mehr ich Else kennenlerne, dieses lustig raffinierte, maßlos gute, intensive und vor allem unerhört intuitive Mädchen (sie hat jede Minute einen anderen braven Gedanken, sehr tüchtig gesinnt und sehr ernsthaft, besonders vor jedem Kriegerdenkmal), wo ich vorher Ohren, Augen, Herz und Sinn gehabt habe. Wir fahren Sonntag nach München zur Matthäus-Passion. Und dann kommt Tristan. Wenn Tristan kommt, dann auch Isolde, eines der ‚hohen Paare‘ über die Bloch sich äußert – aber dazu später mehr. Bleiben wir noch bei der jungen Künstlerin, einer bekennenden Christin, von der Bloch viel über die christliche Religion erfahren haben soll. Nach ihrem Tod wird er sie als Lichtgestalt darstellen, und es gibt Interpreten, die behaupten, dass Johann Peter Hebels Geschichte vom Unverhofften Wiedersehen von Bloch deshalb als schönste Geschichte der Welt bezeichnet wird, weil er hofft, dereinst wieder mit seiner Else zusammen zu kommen. Es ist die Geschichte vom Bergmann, der kurz vor seiner Hochzeit verschüttet wird und den der Berg fünfzig Jahre später wie konserviert wiedergibt, während die Verlobte gealtert ist. Ich deute seine Liebe zur Hebel-Geschichte – denn auch Geschichten kann man lieben – allerdings etwas anders: In der Erzählung gibt es offensichtlich zwei sich unterscheidende Zeiten, die äußere chronologische, 11 Bloch, Geist der Utopie, S. 262. 12 Bloch, Prinzip Hoffnung, S. 385. Francesca Vidal 237 mithin der Lauf der Zeit, und die des Augenblicks, der uns ganz im Sinne Bloch’scher Philosophie als Möglichkeit einer blitzhaften Erkenntnis vorgeführt wird. Für Bloch sind eben dies die Augenblicke, in denen Sinn aufscheint, zu denen der Mensch wie Goethes Faust sagen möchte „Verweile doch, Du bist so schön“ und die doch nicht fassbar sind. Aber in dieser Geschichte von Hebel geschieht genau dies, Bloch schreibt: […] im Unverhofften Wiedersehen ist der einerzählte Zeitverlauf oder auch Zeitvertreib mehr als ein Kunstgriff; hier kommt dem erzählten Alter der Zeit am Ende selber ihre Zeit, das heißt, sie verschwindet, erschütternd.13 Erschütternd ist die Erfahrung trotzdem, denn sie ist nicht nur eine des Glücks, sondern auch Erfahrung des Todes, denn das unverhoffte Ereignis ist das Wiedertreffen der Liebenden als Begegnung von alter Frau und jungem toten Bräutigam. Solche Augenblicke bilden für Bloch einen Bewegungsgrund, sie bleiben dunkel, denn die Unmittelbarkeit, die Totalität, die hier aufscheint, können wir nur erahnen, aber nicht festhalten. Aber sie sind der Ausgangspunkt für Bilder des möglichen Noch-Nicht, die den Menschen antreiben zur Veränderung, zur Sehnsucht nach dem Neuen, das immer auch ein Besseres sein soll. So wie das Dunkel des Augenblicks bleibt auch der Tod ein Rätsel, sein Unfassbares wird nicht erhellt und so interpretiert Bloch den Schlusssatz der Geschichte, „was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie ein zweites Mal auch nicht behalten“, nicht als Auferstehung, sondern als „Wiedervereinigung, in der gut gemacht wird, um was uns das Bergwerk im Leben betrogen hat“.14 Mit anderen Worten, der Schlusssatz hat für Bloch – den ich gerne den Philosophen des Umgangs mit Enttäuschungen nenne – eine utopische Funktion, gibt er doch der Hoffnung Ausdruck, dass in der Zukunft einmal etwas gutgemacht wird. Auch für Bloch ist dies keinesfalls sicher, aber er liebt die- 13 Ernst Bloch: Nachwort in: Johann Peter Hebel: Kalendergeschichten. Frankfurt/M. 1965, S. 143. 14 Hebel-Kommentar von Ernst Bloch am 1. Mai 1969 im Landesstudio Tübingen des Südwestrundfunks. Veröffentlicht von Giuseppe Bevilacqua: „… wie sind die Worte richtig gesetzt“. Zwei unveröffentlichte Hebel-Kommentare Ernst Blochs. In: Text und Kritik, Heft 151. Hrsg. v. Heinz Ludwig Arnold. München 2001, VII/01, S. 15. Bloch und die Liebe 238 ses Bild so sehr, dass gerade diese Geschichte von ihm immer wieder hervorgehoben wird. Elsa Bloch von Stritzky ist freilich nicht die einzige Frau in seinem Leben. Trotz der großen Liebe heiratet er nach deren Tod sehr schnell ein zweites Mal und zwar 1922 Linda Oppenheimer, von der sich im Bloch’schen Werk aber keine Spuren finden lassen, ähnlich wie von der Mutter seiner Tochter Mirjam, die 1928 geboren wird und zu der er erst ein vertrautes Verhältnis aufbauen wird, als diese schon erwachsen ist. Danach heiratet er in Wien die zwanzig Jahre jüngere Architektin Karola Piotrkowska. Über diese Beziehung gibt die Widmung in seinem Werk Tendenz – Latenz – Utopie Auskunft, die da lautet: „Für meine Frau Karola, Mann und Werk vor den Nazis rettend“. Anna Czaijka hat den von ihr herausgegebenen Band des Briefwechsels zwischen Ernst und Karola Bloch den Titel Die Abenteuer der Treue gegeben,15 die Bloch selber als Ehe bezeichnete, eine Ehe, in der der mit Ernst beschrittene Liebesweg gemeinsam gegangen würde. Dort lesen wir im Klappentext, dass die Briefe Ausdruck einer leidenschaftlichen Beziehung seien über die Bloch schon am Anfang schrieb: „Wir gehörten zu uns; zu Dir gehörte ich; zu Dir mit meinem Werk, das ich zu tun habe“. Auch auf den Begriff der Leidenschaft möchte ich später Bezug nehmen. Die beiden heiraten 1934 und leben bis zu Blochs Tod zusammen, zuletzt in Tübingen. Über die Liebe des Vaters zum Sohn Jan Robert gibt es viele widersprüchliche Aussagen, die ich jetzt nicht wiederhole, denn wie gesagt: „Private Sammlung war nirgends gemeint und wird nicht fortgesetzt.“16 3. Über erotische Utopie oder über die Liebe Wie im ersten Teil dargelegt, beginnen Blochs Äußerungen über die Liebe mit der Erotik, die aber für ihn mehr ist als ein organischer Akt, „sondern“ – so heißt es in Geist der Utopie – „ein theologischer Zustand“.17 Gerade deshalb noch einmal zurück zu Platon, mit der ja die erotische Spannungskraft als Triebfeder des Geistes begründet wurde. Schon mit dem Symposium erklärt uns Platon, dass die Darstellung, was Liebe sei, nur narrativ möglich ist, mithin als ein Erzählen geleitet 15 Ernst Bloch: Das Abenteuer der Treue. Briefe an Karola 1928-1949. Hrsg. von Anna Czajka. Frankfurt/M. 2005. 16 Ueding, Wo noch niemand war, S. 9. 17 Bloch, Geist der Utopie, S. 264. Francesca Vidal 239 von Erfahrungen. Deutlich wird dabei, dass es die eine gültige Erklärung nicht gibt, allerdings immer von etwas geredet wird, das sich auf Zukunft richtet, auf die Sehnsucht nach den Vollkommenden. Lothar Bluhm macht deutlich, dass sich dies auch in der Literatur keinesfalls auf Paarbeziehungen richten muss, sondern auch ganz anders gemeint sein kann.18 Und Liebe ist ganz offensichtlich an Sprache gebunden, wie anders ließen sich Gefühle des Mangels, der Sehnsüchte und der Fülle ausdrücken. Das Geheimnis der Liebe lebt wohl gerade dadurch, dass von ihr auf so vielfältige Art und Weise gesprochen wird, sie dabei aber immer als etwas dargestellt wird, von dem Menschen nicht lassen können, denn so noch einmal ein Zitat aus dem Band Geist der Utopie: „es soll ein Menschenkind geboren werden und es soll ein Liebespaar unter Menschen geboren werden…“.19 Auffällig aber, dass die Fülle der Erzählungen über die Liebe noch nie dazu geführt hat, dass sich deutlich sagen ließe, was Liebe denn nun sei. So lernen wir schon aus Sokrates’ Wiedergabe der Erklärung Diotimas: Der Diskurs über die Liebe ist ein unendlicher, da sein Gegenstand aus einer Erzählung herrührt, auf die sich zwar jede diskursive Rede einlassen, die sie aber nicht zu erklären vermag.20 Liebe wird in Sehnsüchten und Träumen zum Ausdruck für die Hoffnung, die Antinomien des Alltags zu versöhnen. Der Wunsch nach der stabilen, treuen und doch leidenschaftlichen Vereinigung mit einer oder einem Anderen scheint dann wie etwas, von dem wir hoffen, dass es uns widerfährt. Und sicher ist die Frage „was uns denn da nun widerfährt“ eine Frage, die in der Geschichte der Menschheit kontinuierlich wiederkehrt. Wenig gesprochen wird dabei über den Wunsch nach Leidenschaft, eine Form der Liebe, die nun tatsächlich erst in der höfischen Literatur des 12. Jahrhunderts erfunden wurde. Und wir sollten nicht vergessen, schon hier wurde uns vorgeführt, dass die Leidenschaft immer im Zusammenhang steht mit der – wenn auch manchmal nur zeitweisen – Trennung vom Geliebten. Allerdings bleibt auffällig, dass es auch in der 18 Siehe den Beitrag von Lothar Bluhm in diesem Band. 19 Bloch, Geist der Utopie, S. 264. 20 Thomas Jung: Die Versprechungen der Liebe, in: Kamper/Wulf (Hrsg.), Das Schicksal der Liebe, S. 37. Bloch und die Liebe 240 künstlerischen Darstellung extrem wenige Belege für die beständige Erfüllung von Leidenschaft gibt.21 Über die Bedeutung der Trennung der Geliebten und auch über den Versuch des Christentums, die Leidenschaft durch die Institution Ehe zu bändigen, äußert sich der Philosoph Bloch an mehreren Stellen und auch er wählt den Weg über die Narration. Dabei wirkt auch in seinen Erzählungen die Liebe wie etwas, was den Menschen widerfährt. Damit diese Widerfahrnis aber möglich werden kann, bedarf es bestimmter Voraussetzungen. Einfach ließen diese sich als Offenheit beschreiben, ein Offen- Sein für das Neue, eine bestimmte Gabe zur Phantasie, die aber immer an Vernunft gebunden bleiben sollte, da ein reines Ausfabeln der Sehnsüchte erst recht dazu führen würde, passende Augenblicke zu versäumen. In Blochs Erzählungen über die Liebe sind die Protagonisten immer Reisende, denn erst der Wechsel der Umgebung bedingt auch eine Veränderung des Reisenden. Dabei strebt sein Reisender nach Glück. Prototyp ist hier Goethes Faust, ein Getriebener, beseelt vom Wunsch „Werd ich zum Augenblick sagen: Verweile doch! Du bist so schön!“ Im Prinzip Hoffnung lesen wir: Die Faust-Handlung ist die einer dialektischen Reise, wobei jeder erreichte Genuß durch eine eigene, darin erwachende neue Begierde ausgetrieben wird. Und jede erreichte Ankunft durch eine neue, ihr widersprechende Bewegung widerlegt; denn Etwas fehlt, der schöne Augenblick steht aus.22 In der Liebe aber scheint genau dieser Augenblick aufzuscheinen, dies erläutert Bloch in Erzählungen über das erotische Versprechen, „wirkt doch die Liebe wie ein Gerücht, wie ein Versprechen, das durch seine Kolportage erst seine Wirklichkeit stiftet.“23 Deshalb nutzt er Bilder, die in der Troubadourliteratur des 12. Jahrhunderts entwickelt wurden und seitdem in die literarische Tradition Eingang gefunden haben. Hervorgehoben wird die Liebe durchs Portrait, als Möglichkeit Sehnsucht bildhaft werden zu lassen. Er führt viele Beispiele an: Grimms Märchen vom treuen Johannes, Prinzessin Turandot, Senta im Fliegenden Holländer, 21 Vgl. hierzu die Einleitung von Dietmar Kamper und Christoph Wulf in: Dies. (Hrsg.), Das Schicksal der Liebe, S. 7-20. 22 Bloch, Prinzip Hoffnung, S. 1192. 23 Jung, Die Versprechungen der Liebe, S. 37. Francesca Vidal 241 Nastassja Filippowna bei Dostojewskj, aber vor allem als Traumgestalt sui generis Pamina aus Mozarts Zauberflöte. Es ist dies eine künstlerische Tradition, in der das Bild einer fernen, schönen Frau zum Auslöser von Wunschphantasien wird, da es denjenigen, der das Bildnis erblickt, sogleich in einen Ausnahmezustand versetzt. Er ist entrückt, verzückt, verliebt. Dabei hat Liebe für Bloch die Rolle einer epochen- und kulturunabhängigen Mentalität. An einer Mentalitätsgeschichte hat er offensichtlich kein Interesse, so ignoriert er beispielsweise, dass zwischen dem 5. und dem 10. Jahrhundert vorwiegend Texte über pharmakologische Mittel oder profane Texte über Rechtsfragen zu finden sind. Der Mediävist Peter Dinzelbacher hatte in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts in seiner Analyse Über die Entdeckung der Liebe im Mittelalter sehr klar herausgearbeitet, warum jegliche Kontinuitätsvorstellung angezweifelt werden muss.24 Dies sei hier erwähnt, um zu betonen, dass Bloch das künstlerische Genre bei seiner Erzählung von der Liebe nicht verlässt, weil er das Verhältnis von Wachtraum und ästhetischer Verarbeitung schildern will. Denn so kann er illustrieren, wie der Betrachter des Portraits entzündet wird von einem in der Ferne liegenden Ziel und wie er all seine Sehnsüchte in ein Traumbild hineinprojiziert. Das Bild bewirkt eine räumliche und leibliche Vorstellung, es ist nicht einfach ein Abbild der Frau, sondern fungiert als Verweis auf mögliche Erfüllung eines Versprechens. Böse könnte man mit Theweleit von Männerphantasien sprechen,25 aber dies werde ich hier freilich nicht tun, sondern bleibe bei der Bloch’schen Deutung: Der Betrachter wird ergriffen von etwas Greifbarem. Entsprechend dem höfischen Ideal der Schönheit wird er durch blitzartige Wirkung verführt. Das Portrait hat eine erotisierende Wirkung, es bewirkt die Ausfabelung von Möglichkeiten, führt zur Entwicklung eines utopischen Entwurfes. Dieser Entwurf nun bestimmt das zukünftige Handeln. Nun wissen wir alle spätestens seit Don Quijote, dem Ritter der traurigen Gestalt, dass es – wenn auch sympathisch – gefährlich wäre, sich einem Trugbild hinzugeben. Im unerfüllten Traumbild bleibt die Qual der Liebe lebendig, im Wachtraum zu verbleiben führt 24 Peter Dinzelbacher: Über die Liebe im Mittelalter. In: Saeculum. Jahrbuch für Universalgeschichte. Hrsg. von Judit Árokay, Jan Assmann u.a., Band 32, Köln, Weimar 1981, S. 185-208. 25 Siehe Klaus Theweleit: Männerphantasien. 2 Bände. Frankfurt/M., Basel 1977/78. Bloch und die Liebe 242 allenfalls zur Neurose.26 Wobei, wenn auch in aller Komik gezeigt, Dulcinea warnender als auch utopischer Traum ist, denn sie wird, sagt Bloch, verdichtet bis zum Urphänomen aller erotischen Traumwesen: zu Dulcinea als der femme introuvable. Das Bild der Geliebten schafft aber den ersten starken Wachtraum auch in glücklichen Lebenslagen; Imago ersetzt sowohl, wie sie ins Unbekannte hinausschickt.27 Den Fehlschlag einer Utopie, die sich nicht an den Möglichkeiten orientiert, erläutert Bloch an der Tragödie der doppelten Helena von Euripides. Zur Erinnerung, in dieser Geschichte war Helena im Gegensatz zur Fassung von Homer nie in Troja. Paris wollte sie zwar entführen, aber Hera hatte ihm ein Trugbild untergeschoben aus Rache, weil er Aphrodite und nicht ihr den Preis für Schönheit zuerkannt hatte. Helena war stattdessen in Ägypten. Für Bloch ist diese Helena eine Metapher für den Traum, der die Wahrheit des Augenblicks verhüllt. Diese Utopie bleibt abstrakt, trotzdem löst sie so starke Sehnsucht aus, dass sie das Handeln der Krieger im Trojanischen Krieg zehn Jahre lang bestimmt. Aber sobald das Trugbild an der Realität gemessen wird, kann es nicht bestehen, da die Phantasie ohne Bezug zur Realität gebildet wurde. Der Philosoph erklärt uns deshalb, dass daher die Frage im Raum stehen würde, ob die durch das Portrait hervorgerufene Imago der Liebe nur Phantasiezüge hat oder ob es die Gestalt wirklich gibt, dagegen: Pamina ist im angetroffenen Zustand ihrer Wirklichkeit vielleicht nicht so, wie sie Tamino im Bild erscheint, doch die utopische Imago, die sie erregte, ist eben ihre eigene.28 Nur so wird Erfüllung zur Möglichkeit. Dabei verweist Bloch durchaus darauf, dass im Alltag ähnlich vorgegangen wird, da Menschen, schon bevor sie als Liebende aufeinandertreffen, ein Bild im Kopf haben, wie der andere aussehen sollte. Der äußere Reiz zündet dann nur, wenn er den Zügen in etwa entspricht, die man sich von der Erwählten oder dem Gewählten vorgestellt hat. 26 Bloch, Prinzip Hoffnung, S. 377. 27 Ebd., S. 373. 28 Ebd., S. 378. Francesca Vidal 243 Sehr früh haben so manches Mädchen, mancher Knabe diese ihre schwärmerische Wahl getroffen, oft wirkt sie dauernd nach. Zuweilen geschah die Wahl zu Hause, an einzelnen Zügen von Vater und Mutter, zuweilen auf der Straße, zuweilen an einem abgebildeten Gesicht. Vieles bleibt hier inwendig, ein Traum von dem, was man nicht kennt oder was noch nicht erreichbar ist. Der Traum mit dem Bild darin wird lange, ja allein geliebt.29 Was geschieht, wenn die Liebenden sich gefunden haben, wird von Bloch auf verschiedenen Wegen gezeigt, auch hier immer im Rekurs auf künstlerische Belege. Vorab aber beschreibt er den Weg des Findens und bedient sich dabei eines literarischen Motivs, nämlich des Turandot-Motivs aus den Geschichten von Tausendundeiner Nacht, von denen aus es den Weg über den Orient in die Troubadourpoesie der provenzalischen Minne gefunden hat. Innerhalb der Tradition verläuft das durch das Portrait motivierte Handeln nach immer dem gleichen Muster. Die Affektbefriedigung unterliegt Regeln, die das Bestehen von Abenteuern und Gefahren beinhalten, bis das Versprechen des Bildes dann tatsächlich eingelöst wird: die Geliebten einander finden. Ganz selbstverständlich wird davon ausgegangen, dass die Frau gleichermaßen entflammt ist. Das Motiv lebt in der Literatur fort, vorzugsweise in der Kolportage und später dann im Hollywoodfilm. Anknüpfend an Ritterromane wie etwa Amadis de Gaula wird der Held zu einer besonderen Gestalt erhoben, der die Geliebte retten wird. Denn über der Frau schwebt immer ein Hauch von Kummer, der Betrachter ist also nicht allein von der Schönheit entflammt, sondern zugleich von der Erkenntnis, dass die Geliebte vom Leid umgeben ist. Die Sinnlichkeit des Bildes wird zugleich durch diesen Eindruck evoziert. Der Mann wird durch dieses Leid in seiner Rolle erhöht, indem durch das Bild der Eindruck erweckt wird, dass die Erblickte nicht einfach das Ziel seiner Wünsche ist, sondern er umgekehrt das Ziel ihrer Sehnsüchte. Sie sehnt sich nach ihrem Retter, der Kummer scheint quasi in seiner Abwesenheit begründet, so dass seine Ankunft bei der Begehrten ein Ende der Trauer bedeutet. Die erfüllte zwischenmenschliche Liebe wird dann zu einem Punkt, der ähnlich wie der Begriff „Heimat als Ort, an dem noch niemand war“, gelungene Identität erahnen lässt. Aber das Finden der Liebenden ist ja nicht statischer Zustand, sondern geht auf sehr unterschiedliche Weise weiter. 29 Ebd., S. 369. Bloch und die Liebe 244 4. Der Nimbus um die Ehe Sich gefunden zu haben, muss nicht im gemeinsamen Glück enden, Bloch spricht sehr deutlich von der Möglichkeit des Ehehasses und nimmt seine Beispiele wieder aus der Literatur und der Philosophie: E.T.A. Hoffmanns Kapellmeister Kreisler, Ibsens Ellida Wangel, Spittelers Theuda und viele mehr, sicher gäbe es auch viele Beispiele aus aktuellen Werken, von Bloch zusammengefasst einerseits durch die Erkenntnis: „allzu himmlische Liebe wird keine irdische, die eine stört die andre“, und durch die Analyse der ‚Melancholie der Erfüllung‘, mithin dem Gefühl, dass die Zeit des Wünschens und Sehnens befriedigender war, als die Erfüllung des Wunsches, der ja das Sehnen enden lässt. Aber er spricht auch davon, dass sich das Bild bewähren kann, eben im Abenteuer der Treue. Er spricht hier davon, dass die Liebe Quartier fände, anders ausgedrückt eine Heimat findet. Die Hausmetapher, die Bloch hier anführt, dient ihm zugleich dazu deutlich zu machen, dass dieses Wunschbild nicht mehr das der Leidenschaft ist und: Das Wunschbild ist erst recht keines der sexuell-sozialen Versorgtheit, der rationalisierten Sexualität, welche die Ehe zur bürgerlichen Einrichtung im Bürgertum werden ließ.30 Dagegen ist sie für ihn „das Abenteuer erotischer Weisheit“.31 Auch dies erklärt er mit Hilfe der Zauberflöte, denn er deutet die von Tamino zu bestehenden Proben auf den Weg zur Weisheit, die Pamina gemeinsam mit ihm bestehen will, als Beleg ehelicher Treue: Vielmehr kommt zur Utopie des Paminabildes in Taminos Hand die Musik der Feuer- und Wasserprobe hinzu: diese bezeichnet und bedeutet nun nicht weiter die Braut, nicht weiter die Leidenschaft, sondern die Freundschaft der Liebe, die eben Ehe heißt. Pamina selber leitet die Musik der Treue an oder die Bewährung der Imago weit über die erste bloße Bezauberung durch diese Imago hinaus. Die Ehe eröffnet und besteht die Feuerprobe der Wahrheit im Leben der Gatten, der standhaften Befreundung des Geschlechts im Leben des Alltags.32 30 Ebd., S. 379. 31 Ebd., S. 380. 32 Ebd. Francesca Vidal 245 Dass dies wirklich gelingt, ist für Bloch Glück, Zufall, Ausnahme und doch betont er, habe die Ehe den Nimbus zu Recht, drückt sich doch in ihr der Wunsch des Angekommenseins aus. Hierfür stehen die Liebespaare, die etwas, das fern liegt wie ein unbekanntes Land, so intensiv ersehnen, dass sie es nur durch ein gemeinsames Streben und Handeln erreichen können. Grundlage solcher Vorstellung findet sich in den archetypischen Mythen des ,Hohen Paares‘, aufgekommen nach der mutterrechtlichen Gesellschaft und erinnert etwa in Goethes West-Östlichem Diwan, denn es „imaginierte nichts Geringeres als die Begegnung, Verbindung, Konjunktur von Mond und Sonne in irdischer Liebe“.33 Als astralmythischer Hintergrund dient dieses Bild zum einen allen großen Liebesgeschichten, so auch als Quelle für die Faust-Helena-Legende. Es überlebt aber auch im Kitsch von dynastischen Paaren, die unsere Gazetten bis heute ausschmücken. Zum Archetyp erklärt Bloch die Große Offenbarung, Megale apophasis, des Simon Magus. Hier wird von einem religiösen Stifter berichtet, der immer auch ein Suchender ist und dadurch auch ein durch die Welt Reisender. Er ist göttlich, kam aber auf die Erde, um seine Tochter und Geliebte Sophia zu finden – auch der Inzest gehört zu den Mythen um die Liebe –, die von Dämonen geraubt und in weibliche Kleider inkarniert versteckt wurde. Sie ist der Grund, warum sich auch der Gottvater in menschlichen Gestalten auf die Reise begibt, bis er die geliebte Sophia „in ihrer verstecktesten Inkarnation als Hure in einem Matrosenbordell, als die tyrische Helena, so erniedrigt und dadurch so erkennbar, so geladen neu erhebbar wie möglich“34 findet. Im Archetyp des ‚Hohen Paares‘ geht Liebe über jede individuelle Liebesbeziehung hinaus. Verdrängt wurde das göttliche Paar, auch wenn es noch im kabbalistischen Judentum gewahrt bleibt, durch das Christentum mit seinem ‚weiblosen Gottvater‘ (Bloch). Denn auch wenn die Kirche das Sakrament der Ehe betone, wird sie hier von patriarchalischen Zügen beherrscht. So war es die erstarkte katholische Kirche des 13. Jahrhunderts, für die erotische Leidenschaft im Widerspruch zu den christlichen Idealen stand, die den mythischen Hintergrund schwächte. Sich jeglicher Erotik widersetzend, sollte dem Menschen eine ständige Konkurrenz zwischen körperlicher und religiöser Liebe aufgezwungen werden. Dem 33 Ernst Bloch: Atheismus im Christentum. Zur Religion des Exodus und des Reichs. Frankfurt/M. 1985, S. 224. 34 Bloch, Atheismus im Christentum, S. 225. Bloch und die Liebe 246 entsprechend diente die Ehe dazu, die Persönlichkeit der Frau zu brechen, sie zur Magd zu formen – man denke an die Darstellung der Maria als Magd Gottes. Hier wird dann freilich jede Traumphantasie durch Konvention bezwungen. Aber auch dies rührt für ihn nicht am Nimbus um die Ehe, denn Liebe ist ihm ein Symbol für die wahrhaft konkrete Utopie. Sehr ausführlich behandelt er als eine weitere Form der mythischen Ehe das Bild der Gemeinde, also den Bund Christi mit der Gemeinde – dieses Thema aber überlasse ich den Theologen und komme noch einmal ganz kurz auf die Hoffnung zurück und damit zum Ende meines Beitrages über Ernst Bloch und die Liebe. 5. Nach-Bild der Liebe Wie kann es nun sein, dass auch der Tod nicht das Ende der Liebe ist? Auch dies ist ein Versprechen. Wenn solche Nachbilder auch zweifelhaft sind, zur Verklärung neigen, dann lebt aus der Erinnerung doch immer die Hoffnung. Die tote Geliebte hat sich aus bloßer Erinnerung herausbewegt, die Imago läßt nicht fruchtlos zurücksehnen, sondern wirkt wie ein Stern aus der Zukunft her.35 Micha Brumlik erinnert dies an Benjamins Gedanken, dass uns die Hoffnung um der Hoffnungslosen willen gegeben sei. Anders ausgedrückt, das Nachbild lässt uns hoffen, dass am Ende etwas gut wird, wie eben in der Geschichte vom Unverhofften Wiedersehen. Die Liebe ermöglicht die Erfahrung vom geglückten Leben, von der Erinnerung an das Noch- Ausstehende aber lebt die Hoffnung. 35 Bloch, Prinzip Hoffnung, S. 387.

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Zusammenfassung

Mit Band 2 der Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte wird eine Reihe von Sammelbänden zu Ringvorlesungen fortgeführt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen mit ihren jeweils eigenen Perspektivierungen übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Erscheinungen zuwenden. Im Fokus dieses 2. Bandes steht das Phänomen der Liebe.

Der wissenschaftliche Blick auf die Liebe ist immer einer auf eine Erscheinung, die sich auf sehr unterschiedliche Weise präsentiert. Das gilt sowohl in Hinblick auf ihre Historizität als auch ihre Systematizität. Und es gilt allemal für ihre Bewertung im Spannungsfeld von Sozialkonstruktion und biologisch-psychologischer Prädisposition. Aus diesem Spannungsfeld heraus schauen die Beiträge auf die tatsächliche oder vermeintliche Krise der modernen Paarbeziehung und fragen nach den Faktoren, die für die unterschiedlichen Bezeichnungen von Paarbeziehungen verantwortlich sind. In den Blick genommen werden Konstellationen der Liebe in den biblischen Erzählungen und ihrer Rezeptionsgeschichte, in der deutschen, englischen und französischen Literatur und im Film, in der Philosophie, der Musik und in der Kunst, gestern und heute. Ein eigener Blick wird auf die Idealtypik der ‚First Lady‘ in der politischen Kultur der USA geworfen.

Die Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte dokumentieren Ergebnisse regelmäßig stattfindender Ringvorlesungen an der Universität Koblenz-Landau. Die öffentliche Vortragsreihe wird als fester Bestandteil der universitären Veranstaltungskultur vom Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften am Standort Landau organisiert und widmet sich interdisziplinären Fragestellungen aus dem jeweiligen Blickwinkel der vortragenden Disziplinen. Auf diese Weise wird ein Forum für den aktiven wissenschaftlichen Austausch zwischen den Neuphilologien (Germanistik, Romanistik, Anglistik), der Kunst- und der Musikwissenschaft, der evangelischen und katholischen Theologie, der Soziologie, der Politikwissenschaft sowie der Wirtschaftswissenschaft ermöglicht und befördert.