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Kathrin Heintz, „War das Süße ins Bittre oder das Bittreins Süße gepfropft?“ Die Rolle der Liebe in Hilde Domins Schriften in:

Lothar Bluhm, Thomas Müller-Schneider, Markus Schiefer Ferrari, Christoph Zuschlag (ed.)

"Das süße Wort: Ich liebe dich", page 213 - 230

Konstellationen der Liebe in Literatur, Kunst und Wissenschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4258-8, ISBN online: 978-3-8288-7142-7, https://doi.org/10.5771/9783828871427-213

Series: LBKS - Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte, vol. 2

Tectum, Baden-Baden
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213 „War das Süße ins Bittre oder das Bittre ins Süße gepfropft?“ Die Rolle der Liebe in Hilde Domins Schriften Kathrin Heintz Viele der Texte Hilde Domins thematisieren ihre Liebesbeziehung zu Erwin Walter Palm oder auch die Liebe der Autorin zu ihrer Muttersprache. Beide Formen der Liebe sind im Werk Domins untrennbar miteinander verbunden und beide werden als existenziell dargestellt: Sie kann und will sich nicht vorstellen, ohne ihren Ehemann zu leben und sie wird rückblickend berichten, dass das Verfassen von Poesie in ihrer Muttersprache sie „vor dem Selbstmord oder Irrenhaus“1 bewahrte. Mit Blick auf das lyrische Gesamtwerk lässt sich feststellen, dass sich der Fokus der Texte im Laufe der Zeit verschiebt: Speziell in den ersten Jahren ihres Schreibens ist die Liebe zu ihrem Partner häufig das vordergründige Thema der Gedichte Domins, später steht zunehmend die Liebe zur Sprache, der Grundlage der Texte, im Mittelpunkt. Mit Blick auf die Forschung lässt sich attestieren, dass Hilde Domin als Liebeslyrikerin bisher kaum wahrgenommen wurde,2 wohingegen die Texte, die sich ihrer Poetik in theoretischer oder poetischer Form widmen, im Fokus der Forschung stehen. Dies belegen allein schon die Titel der entsprechenden Publikationen, wie Heimkehr ins Wort oder Hilde Domin. „Hand in Hand mit der Sprache“. Dieser Beitrag widmet sich einer kleinen Auswahl von Gedichten der Autorin, die nach Ulrich Kittsteins Definition als „Liebeslyrik im enge- 1 Domin schreibt dies am 19.8.1952 an Erwin Walter Palm (Marion Tauschwitz: Dass ich sein kann, wie ich bin. Hilde Domin. Die Biographie. Heidelberg 2009, S. 232). 2 Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass anhand ihrer Prosa, insbesondere mit Blick auf ihren einzigen Roman, Das zweite Paradies, durchaus bereits Liebesdiskurse bei Domin in den Blick genommen wurden. „War das Süße ins Bittre oder das Bittre ins Süße gepfropft?“ 214 ren Sinne“3 einzuordnen sind. Das heißt, sie thematisieren eine „an die Individualität ganz bestimmter, einzigartiger Partner gebundene und auf Dauer angelegte“4 Beziehung. „Liebesgedichte reflektieren erstaunlich häufig ihren eigenen Status als sprachliche Kunstwerke“.5 Dieser „hohe Grad an poetologischer Bewußtheit“6 lässt sich an Domins Gedichten deutlich erkennen. Da die von Hilde Domin thematisierte Paarbeziehung primär als die Partnerschaft zu Erwin Walter Palm zu verstehen ist, erscheint es sinnvoll, die Gedichte Domins in ihrer Biographie zu verorten. Daher erfolgt einführend ein kurzer Überblick über ihre Lebensdaten. Die im Anschluss daran vorgelegten Interpretationen der Texte erschöpfen sich nicht in dieser Kontextualisierung, sondern weisen über den biographischen Hintergrund der Autorin hinaus. Hilde Domin wird im Jahr 1909 als Hildegard Dina Löwenstein in Köln in eine jüdische Familie hineingeboren und wächst „in einem Ambiente jüdisch-großbürgerlicher Weltoffenheit“7 auf. Nach dem Abitur nimmt sie ein Studium an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg auf. Dort lernt sie 1931 in den Vorlesungen von Karl Jaspers den ein Jahr jüngeren Erwin Walter Palm, Sohn wohlhabender, jüdisch-orthodoxer Eltern, kennen.8 Sie verlieben sich ineinander und verlassen Deutschland bereits ein Jahr später, um in Rom und Florenz zu studieren. Bereits in dieser Zeit hat Palm schriftstellerische Ambitionen. Neben seiner kunstgeschichtlichen Forschung wird er zeitlebens als Autor tätig sein und weitgehend erfolglos versuchen, sich als solcher zu etablieren. Durch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler verwandelt sich der Studien- in einen Exilsort. 1936 heiraten Löwenstein und Palm in Rom. Mit Mussolinis Politik verschärft sich jedoch auch in Italien die Situation für Juden zusehends. Die Palms fliehen 1939 noch vor dem Einsetzen der Verhaftungswelle, allerdings nach Inkrafttreten von Mussolinis Ausreise- 3 Ulrich Kittstein: Sprachkunst und Liebesfeuer. Überlegungen zum Umgang mit Liebesgedichten. In: Die Poesie der Liebe. Aufsätze zur deutschen Liebeslyrik. Hrsg. v. Ulrich Kitttstein. Frankfurt/M. u.a. 2006, S. 15. 4 Ebd. 5 Ebd., S. 7. 6 Ebd. 7 Lermen in Birgit Lermen und Michael Braun: Hilde Domin. „Hand in Hand mit der Sprache“. Bonn 1997, S. 15. 8 Vgl. Hilde Domin: Die Liebe im Exil. Briefe an Erwin Walter Palm aus den Jahren 1931-1959. Hrsg. v. Jan Bürger und Frank Druffner. Frankfurt/M. 2009, S. 21. Kathrin Heintz 215 verbot für Juden, die keine italienische Staatsbürgerschaft besitzen, nach England. 1940 bricht das Ehepaar Palm von dort auf, um „über Kanada und Jamaika nach Santo Domingo zu fliehen.“9 Vom August 1940 bis in die 1950er Jahre hinein lebt das Ehepaar in der heutigen Dominikanischen Republik. Zur damaligen Zeit herrschte dort Rafael Leónidas Trujillo Molina, der die Stadt 1936 in Ciudad Trujillo umbenannt hatte. Der als besonders grausam bekannt gewordene Diktator10 hatte 1938 Zuflucht für 100.000 europäische Juden angeboten, allerdings nicht aus humanistischen Gründen: Sein erklärtes Ziel war, dafür zu sorgen, dass die Bewohner seines Landes eine „hellere“ Haut bekämen. Zumindest einige Hundert Juden folgten seinem Ruf, darunter das Ehepaar Palm. Im Dominikanischen Exil vollzieht sich Hildes Entwicklung zur Dichterin. Aus diesem Grund entscheidet sie später, das Pseudonym ‚Domin‘ als Verweis auf diesen Ort anzunehmen.11 Ab 1946 verfasst Hilde Domin erste literarische Texte. Doch erst 1951, als sie in einer schweren persönlichen Krise nicht mehr weiterleben möchte, macht sie die Erfahrung, dass das Verfassen von Poesie ihr Halt bietet und begreift sich selbst als Autorin. Sie resümiert einige Jahre später in einem Brief an ihren Bruder: „Ich begann ein ganz neues Leben mit Gedichten.“12 Auslöser sind einerseits der Tod ihrer Mutter, die ihr in der gesamten Exilzeit eine große emotionale Stütze war, und andererseits „Palms Umgang mit den Folgen des Trauerfalls“.13 Domin fühlt sich in der schweren Situation schlicht von ihrem Mann im Stich gelassen. Dass der Tod der Mutter […] eine zentrale Rolle bei der Geburt der Dichterin spielt, ist bekannt. Später entstandene […] Briefe belegen indes […], dass die zunehmende Entfremdung von Palm mindestens ebenso verantwortlich ist für den Beginn des dichterischen Schaffens.14 Domin berichtet in der ersten ihrer Frankfurter Poetikvorlesungen: 9 Lermen in Lermen/Braun, Hand in Hand mit der Sprache, S. 16. 10 Christian Schmidt-Häuer: Diktator Rafael Trujillo. Fluch der Karibik. http://www. Zeit.de/2012/22/Trujillo (26. Mai 2017). 11 Diese Entscheidung ist u.a. in dem Gedicht Landen dürfen dokumentiert. Vgl. Hilde Domin: Gesammelte Gedichte. Frankfurt/M. 1987, S. 229. 12 Bürger/Druffner, S. 259. Es handelt sich um einen undatierten Brief, von dem Bürger und Druffner annehmen, dass er im Jahr 1958 verfasst wurde. 13 Bürger/Druffner, Die Liebe im Exil, S. 257. 14 Ebd., S. 163. „War das Süße ins Bittre oder das Bittre ins Süße gepfropft?“ 216 1951 also stieß es mir zu: in einer äußersten Krise. […] Aussprechen können, was einem geschieht, befreit. Für einen Augenblick zumindest. Probleme wachsen ja nach. Und müssen erneut ausgesprochen und damit festgehalten und doch auch fest-gehalten werden: Nähe und Distanz in einem schafft das Gedicht.15 1953 ist Erwin Walter Palm Guggenheim-Stipendiat und verbringt daher den größten Teil des Jahres in New York. Dort erhält er vom DAAD ein weiteres Stipendium, das es dem Paar finanziell ermöglicht, nach Deutschland zurückzukehren. Die Entscheidung hierzu fällt beiden jedoch schwer. Zunächst können sie sich lediglich zu einer Heimkehr nach Europa entschließen und pendeln sieben Jahre zwischen Spanien und Deutschland, bis sie sich 1961 endgültig in Heidelberg niederlassen, wo beide bis zu ihrem Tod leben. Hilde Domin fasst die gemeinsame Odyssee knapp in den folgenden, lakonischen Worten zusammen: „Von Heidelberg nach Heidelberg, rund um den Globus.“16 Erwin Walter Palm verstirbt 1988. Seine Frau überlebt ihn um fast 18 Jahre; sie entschläft im Februar 2006 im Alter von beinah 97 Jahren. Nach Domins Tod finden sich in ihrem Kleiderschrank und ihrem Schreibtisch, zu Bündeln geschnürt, mehr als 2000 Briefe, darunter „allein 844 Briefe, Postkarten und Telegramme, die Domin […] ihrem Mann geschrieben hatte“.17 Man nimmt an, dass der Briefwechsel des Paars trotz dessen Flucht- und Exilgeschichte vollständig erhalten ist.18 Da es den Palms gelungen war, gemeinsam im Exil zu überleben und zurückzukehren, galten sie im Nachkriegsdeutschland zunächst als intellektuelles Vorzeigepaar. Die Briefe zeichnen hingegen das gegensätzliche Bild einer Beziehung, die von Anfang an davon geprägt ist, dass beide umeinander kämpfen und sich aneinander abarbeiten. Bereits zu Beginn muss Hilde sich gegen eine Konkurrentin durchsetzen und auch später gibt es Phasen in der Partnerschaft, in denen jeweils einer von beiden mehr oder weniger ernsthaft damit liebäugelt, sich einer anderen Person 15 Hilde Domin: Das Gedicht als Augenblick von Freiheit. Frankfurter Poetik- Vorlesungen 1987/1988. München, Zürich 1988, S. 42. 16 Domin, Das Gedicht als Augenblick von Freiheit, S. 40. 17 Bürger/Druffner, Die Liebe im Exil, S. 307. Die Nachlässe von Erwin Walter Palm und Hilde Domin sind im Deutschen Literaturarchiv in Marbach archiviert. 18 Vgl. ebd., S. 15 und 17. Kathrin Heintz 217 zuzuwenden.19 Ein weiteres Problem, das die Beziehung immer wieder gefährdet, ist die emotionale Distanz, die häufig zwischen beiden besteht. Obgleich Domin immer wieder unter Einsamkeit litt, entsteht beim Lesen der Korrespondenz des Paars der Eindruck, dass die wiederholte und zeitweise langfristige räumliche Trennung beider ihre emotionale Bindung tendenziell stärkte. „Nur durch Ferne fanden Erwin Walter Palm und Hilde Domin wieder die Nähe, um sich einander zuzuwenden.“20 Bei einer genaueren Auseinandersetzung mit Domins Schriften entsteht der Eindruck, dass die Autorin bestimmte Aspekte der Beziehung in ihren poetischen Texten verarbeitet und andere in der direkten, schriftlichen Kommunikation mit Palm zur Sprache bringt. Beide Formen des Schreibens ergänzen einander und lassen sich wie zwei Puzzleteile zu einem Gesamteindruck vielleicht nicht der Partnerschaft selbst, aber zumindest von Domins Darstellungen dieser Liebesbeziehung, zusammensetzen. Der folgende Brief gibt eindringlich Auskunft über einige besonders schwere Probleme, die die Ehe der Palms prägten. Er stammt aus der Zeit, in der das Paar zwischen Deutschland und Spanien pendelte. Aus Oberammergau nach Madrid, 25. September 1957 Mein liebstes Herze, […] ich bin, heute, so bereit wir nur irgendwann vor Dir niederzuknien, Dir die Füsse zu küssen. Ich, so wie ich bin. Aber mich aufgeben, wegen einer Marotte, das kann ich nicht. Hast Du mir, nach der Abtreibung 1940, und nach dem Abort 1952, nicht übel genommen, dass die Kinder weg waren, die Du nicht wolltest? Wie übel nähmst DU mirs erst, gäbe ich Dir nach und trieb mich selber ab! Alles wäre zu Ende. Nein, Du kannst nicht das verzogene Kind mit mir spielen. […] Das tust Du aber seit Monaten. Das kannst Du nicht tun. Auf Augenblicke, kannst Du sein, als hätt ich Dich gerade geboren. Aber von Tag zu Tag musst Du mir gegenüber leben können und mich ansehen. […] Du tust uns ein Unrecht. Ich liebe Dich doch – Du liebst mich doch. Damit die Einheit sein 19 Die Bekanntschaft mit Rudolf Hirsch, dem damaligen Leiter des S. Fischer Verlags, führte 1957 beispielsweise dazu, dass Hilde Domin ihre Ehe ernsthaft in Frage stellte. Ihr einziger Roman, Das zweite Paradies, ist stark autobiographisch geprägt und verarbeitet die Zerrissenheit, die die emotional zwischen zwei Männern hin und her gerissene Autorin in dieser Zeit empfand. (Vgl. ebd., S. 256.) 20 Tauschwitz, Dass ich sein kann, wie ich bin, S. 14. „War das Süße ins Bittre oder das Bittre ins Süße gepfropft?“ 218 kann, muss die Zweiheit sein. – Wozu schreib ich all dies? Du weisst es natürlich, aber Du willst es nicht wissen! Wolle! H. 25.9.5721 Das Gedicht, das in den Blick genommen werden soll, Bittersüßer Mandelbaum, führt mehrere zentrale Symbole und Motive des (liebes-)lyrischen Werks der Autorin zusammen: den Baum, das Blühen insbesondere rosafarbener und weißer Blüten22 und die Mandel. Die Bedeutung der ersten beiden lässt sich auch daran messen, dass Domin 1999 ihren letzten Gedichtband Der Baum blüht trotzdem nennen wird.23 Domin schreibt Bittersüßer Mandelbaum wenige Wochen nach dem zitierten Brief, im Oktober 1957.24 Bittersüßer Mandelbaum Die Zweige müssen die Blüten verlieren, damit die Bäume grünen: das Rosa und das Weiß der süßen und bitteren Mandel mischt sich am Boden. War das Süße ins Bittre oder das Bittre ins Süße gepfropft? Alle Blüten sind voller Honig, leichte Schmetterlingswiegen, alles Blühen ist süß. Doch wenn erst das Laub die doppelte Krone vereint, unter dem blauesten Himmel, 21 Bürger/Druffner, Die Liebe im Exil, S. 284. 22 Siehe hierzu bspw. das Gedicht Du mußt mit dem Obstbaum reden. 23 Es handelt sich dabei zugleich um den Titel eines 1964 entstandenen und im Band enthaltenen Gedichts (vgl. Michael Braun: Exil und Engagement. Untersuchungen zur Lyrik und Poetik Hilde Domins. Frankfurt/M. u.a. 1993, S. 243). 24 Der Text erschien zunächst in Neues Rheinland und 1959 im Band Nur eine Rose als Stütze (vgl. Heimkehr ins Wort. Materialein zu Hilde Domin. Hrsg. v. Bettina v. Wangenheim, Frankfurt/M. 1982, S. 236 sowie Braun, Exil und Engagement, S. 247). Kathrin Heintz 219 im sanftesten Wind, wird dann das Bittere bitter.25 Es handelt sich um einen Text, der die Gleichzeitigkeit positiver und negativer Aspekte einer Liebesbeziehung in den Mittelpunkt stellt. Auch das ist charakteristisch für Domins Gedichte, unter denen sich kein einziges findet, das die Liebe allein positiv oder umgekehrt ausschließlich negativ darstellt. Immer wird Schönes mehr oder weniger explizit mit Negativem kontrastiert und die Darstellung deutlich oder wenigstens unterschwellig gebrochen und eine doppelte Lesart gefordert. Diese Tendenz zu Ambivalenzen prägt nicht nur die Liebeslyrik der Autorin. Irmgard Hammers attestiert: Hilde Domins Werk ist bestimmt von Dualismus und Relativierung, was keine endgültige Interpretation zuläßt. Immer wieder hebt die Dichterin dialektisch das Gesagte durch eine diametral entgegengesetzte Wendung auf oder stellt es zumindest durch die Stilfigur der Antithese infrage.26 Das Gedicht Bittersüßer Mandelbaum umfasst drei Strophen à fünf Versen, die weder Endreime noch ein festes Versmaß aufweisen, jedoch durch zahlreiche Alliterationen klanglich verbunden sind. Es wird ein Argumentationszusammenhang hergestellt, der das Allgemeine in Zusammenhang mit dem Speziellen stellt. Das allgemeine Phänomen, von dem die Rede ist, ist der Baum im Wandel der Jahreszeiten, der sich mit dem tradierten Symbol des Lebensbaums gleichsetzen lässt. Das Spezielle ist ein bestimmter Baum mit der spezifischen Eigenschaft „bittersüß“ zu sein. Die Deutung des Baums als Lebensbaum wird in der ersten Strophe evoziert. Wichtig sind in diesem Zusammenhang insbesondere die ersten beiden Verse in denen das konkret Beobachtete, das Fallen von Blütenblättern, in einen jahreszeitlichen Ablauf und damit auch in den Zyklus des Lebens eingeordnet wird: „Die Zweige müssen die Blüten verlieren, / damit die Bäume grünen: / das Rosa und das Weiß / der süßen und bitteren Mandel / mischt sich am Boden.“ Die Blüte der Mandelbäume ist ein Phänomen, dass Domin aus dem Rheintal und aus ihrer Zeit in Italien wohl vertraut war. Dies bezeugt das 25 Domin, Gesammelte Gedichte, S. 115. 26 Hammers 1984, S. 187f. zitiert nach Lermen/Braun, Hilde Domin, S. 9. „War das Süße ins Bittre oder das Bittre ins Süße gepfropft?“ 220 1999 veröffentlichte Gedicht Wahl,27 in dem gleich zu Beginn der Wunsch, „[e]in Mandelbaum [zu] sein“,28 zum Ausdruck gebracht wird. Die Autorin bezeichnet die üppige Blütenpracht der Mandelbäume darin als „eine kleine Wolke / in Kopfhöhe über dem Boden“.29 Zumeist vergehen diese „Wolken“ innerhalb weniger Tage und die Blütenblätter fallen herab. Hiervon berichten die Verse drei bis fünf, die zugleich verraten, dass es bittere und süße Mandeln gibt, die unterschiedlich gefärbte Blüten aufweisen. Das Gedicht gibt dies in der korrekten Reihenfolge wieder: Die rosafarbenen Blüten gehören zu den Süß-, die weißen zu den Bittermandeln. Die Früchte beider Arten unterscheiden sich optisch kaum, jedoch deutlich im Geschmack und durch ihren Anteil an Amygdalin. Dies ist eine Substanz, die sich beim Verdauen aufspaltet und zwei ähnlich riechende Aromaten hervorbringt: Der eine begründet den typischen Geschmack der Mandeln, bei dem anderen handelt es sich um das Gift Blausäure.30 Das Besondere ist, dass der „bittersü- ße“ Baum, von dem hier die Rede ist, zugleich beide Arten von Blüten trägt und damit auch beide Sorten von Früchten hervorbringen wird. Dies ist in dieser Form nur möglich durch die Technik des Pfropfens,31 daher stellen die Verse 6 und 7 die Frage, mit der dieser Beitrag überschrieben ist: „War das Süße ins Bittre / oder das Bittre ins Süße gepfropft?“. Welche Unterlage der Baum hat, ist für jemanden, der die Mandelkerne verzehren möchte, im Grunde nicht relevant. Wichtig ist für ihn allein, dass Vorsicht bei der Auswahl geboten ist. 27 Wahl entstand im Frühjahr 1959 und existiert in mehreren Varianten (z.T. wurden die fünf letzten Verse als eigenständiges Gedicht veröffentlicht), u.a. unter dem Titel Alternative. Erst 1999 nahm Domin es in ihren letzten Gedichtband, Der Baum blüht trotzdem, auf (vgl. Braun, Exil und Engagement, S. 241). 28 Hilde Domin: Der Baum blüht trotzdem. Frankfurt/M. 1999, S. 12, V. 1. 29 Ebd., S. 12, V. 2f. 30 Bittermandeln enthalten 3-5% Amygdalin. Der Verzehr von etwa 5-6 Mandeln soll für ein Kind tödlich sein, bei einem Erwachsenen beträgt die tödliche Dosis etwa eine Mandel pro Kilogramm Körpergewicht. Aufgrund des unangenehmen Geschmacks kann jedoch nahezu ausgeschlossen werden, dass jemand eine derartige Menge Bittermandeln verzehrt. 31 Vgl. hierzu Kathrin Heintz: „Die Anlage, die wir jetzt zu unserem Dasein gemacht haben, ist von guter Art.“. Gartendarstellungen bei Goethe und Tieck. In: „Ich wandle unter Blumen / Und blühe selber mit“. Zur Kultur- und Sozialgeschichte des Gartens. Hrsg. v. Lothar Bluhm, Markus Schiefer Ferrari und Christoph Zuschlag. Baden-Baden 2018, S. 174f., wo das Pfropfen als landwirtschaftliche Kulturtechnik, aber auch als literarisches Phänomen vorgestellt wird. Kathrin Heintz 221 Versteht man den Baum jedoch als Symbol für die Abfolge der Jahreszeiten und damit für den Zyklus des Lebens, so wandelt sich die Bedeutung der beiden Verse: Sie fragen, ob die Anlage der Pflanze das Gallige oder das Süße ist, also danach, ob es ihrer Natur, ihrem Wesen entspricht, genießbare oder ungenießbare Früchte hervorzubringen. Auf der metaphorischen Ebene wird demnach hinterfragt, ob das Wesen des Lebens angenehm und köstlich oder gallig und bitter ist. Und, um das Pfropfen einzubeziehen, ob das Schöne etwas ist, das dem bitteren Leben willentlich hinzufügt wird, oder ob das Leben schön ist und durch menschliches Zutun bitter wird. Die Verse 8-10 betonen die Schönheit aller Blüten und zeichnen für sich genommen das harmonisch, fast kitschig wirkende Bild eines blühenden, von Schmetterlingen umflatterten Baums. Dieses ist jedoch gebrochen durch den vorangestellten Hinweis, dass aus dieser Schönheit auch Ungenießbares entstehen wird. Die Schönheit zumindest der wei- ßen Blüten täuscht damit quasi über die Galligkeit der entstehenden Mandeln hinweg. Die dritte Strophe deutet an, wie sich der Baum verändern wird: Wenn er belaubt ist, werden die Blätter „die doppelte Krone verein[en]“ (V. 12). Erst hier wird explizit erwähnt, dass das zwiefältige Wesen der Pflanze nicht nur an den Blüten, sondern auch an ihrem Wuchs erkennbar ist. Das im siebten Vers angesprochene Pfropfen hat demnach deutliche Spuren hinterlassen, die jedoch nur zu bestimmten Zeiten im Jahr auszumachen sind. Gerade dann, wenn die Mandeln reifen, ist die Zweiteilung nicht zu erkennen. Ähnlich wie in der zweiten Strophe wird auch in der dritten die Atmosphäre des latent Unangenehmen und Gefährlichen mit einer harmonischen Bildlichkeit konterkariert. Die Verse 13 und 14 sprechen vom „blauesten Himmel“ (V. 13) und dem „sanftesten Wind“ (V. 14) und führen damit zwei Merkmale des Topos vom locus amoenus in einer zum Superlativ gesteigerten Form auf. Am Ende des Gedichts ist der fünfzehnte Vers in den Aussagesatz, den die dritte Strophe bildet, integriert. Er mutet aufgrund seiner Wortstellung jedoch zumindest dann, wenn man ihn für sich betrachtet, wie eine Frage an: „wird dann das Bittre bitter.“ An dieser Stelle weist das Gedicht explizit darauf hin, dass das Bittersein eine Bittermandel ausmacht. Es handelt sich eben nicht um eine Art „verdorbene“ Süßmandel, sondern das Gallige ist das Charakteristische dieser Mandelart, das auch oder gerade dann zum Vorschein kommt, wenn die äußeren Bedingun- „War das Süße ins Bittre oder das Bittre ins Süße gepfropft?“ 222 gen ideal sind. Auffällig ist, dass der unvermeidliche, gallige Geschmack durch diese Schlussposition in den Fokus gerückt wird und daher als Kernproblem des Gedichts erscheint. Der Gedichttitel und der Verweis auf die „doppelte Krone“ implizieren hingegen ein eher ausgewogenes Verhältnis des Süßen und des Bittren. Dies kann man als subtilen Hinweis darauf verstehen, dass die Dominanz der Bitterkeit nicht naturgegeben ist, sondern sich aus der individuellen Wahrnehmung ergibt. Dies lässt sich auf die verschiedenen Ebenen zurückbeziehen, auf denen das Gedicht sich lesen lässt: Ob der individuelle Baum oder das Leben eher süß oder hauptsächlich bitter erscheinen, liegt sprichwörtlich im Auge des Betrachters. Das Gedicht scheint sowohl auf Domins Leben, das von verschiedenen Schicksalsschlägen geprägt ist, zu verweisen als auch auf die „bittersüße“ Beziehung zu Palm. Verbindungen zu anderen Gedichten Domins stärken diesen Eindruck. In dem einige Monate zuvor entstandenen Wo steht unser Mandelbaum? 32 spricht das lyrische Ich in der ersten Strophe den Geliebten an: „Ich liege / in deinen Armen, Liebster, / wie der Mandelkern in der Mandel. / Sag mir: wo steht / unser Mandelbaum?“33 Die Beziehung des Paares wird hier als positiv und symbiotisch dargestellt: Beide ergänzen einander, sind eine Frucht. Der Angesprochene symbolisiert die schützende, harte Schale, die sich passgenau um den verletzlichen Kern legt. Deutlich wird, dass die Frucht vom Baum gefallen ist und damit die Verbindung zu ihrem Ursprung verloren hat. Das Negative liegt in diesem Text nicht in der Beziehung begründet, sondern in den äußeren Umständen, denen beide Partner ausgesetzt sind und in denen sie nur durch ihr Miteinander bestehen können. Dies ist vor allem für das lyrische Ich bedeutsam, da es die Rolle des fragilen, sprichwörtlich weichen Kerns einnimmt und durch den Anderen geschützt wird. Umgekehrt lässt sich jedoch attestieren, dass die harte Schale nur dann eine Daseinsberechtigung hat, wenn sie tatsächlich einen Kern enthält, den sie schützen kann. Bemerkenswert ist, dass das Problem der Trennung nicht als die unvorstellbare Krisensituation dargestellt ist, die sie im Leben der Palms war – immerhin thematisiert Domin hier die Flucht vor dem Zugriff der 32 Das Gedicht wurde 1957 erstmals in Neues Rheinland und im Anschluss im Band Apfelbaum und Olive veröffentlicht (Braun, Exil und Engagement, S. 247). 33 Domin, Gesammelte Gedichte, S. 25, V. 1-5. Kathrin Heintz 223 Nazis –, sondern als natürlicher Vorgang: des Fallens einer Frucht vom Baum. Die Frage nach Gemeinschaft und Trennung, nach Nähe und Distanz verhandelt das Gedicht Brief auf den anderen Kontinent,34 das Domin kurz nach dem Tod ihres Gatten in Portugal schreibt,35 in prägnanter Weise. Brief auf den anderen Kontinent Sieh dich nicht um nach mir Eurydike immer mit dir die Hand deine Schulter berührend unter den fernen Bäumen. Der relativ kurze Text besteht aus einem einzigen Satz mit 19 Worten, der allerdings mittels Zeilenumbrüchen in fünf Sinneinheiten untergliedert ist. Einziges Satzzeichen ist der Schlusspunkt. Dies eröffnet Leserinnen und Lesern den Freiraum durch unterschiedliche Betonungen eine eigene Gliederung vorzunehmen, die die Bedeutung des Gedichts verändert: Man kann Eurydike mit dem lyrischen Ich gleichsetzen oder als angesprochene Person verstehen. Je nach Betonung lautet der Text entweder: „Sieh dich nicht um nach mir, Eurydike.“ oder kann gelesen werden als: „Sieh dich nicht um nach mir. Eurydike [ist] immer mit dir.“ Einiges spricht dafür, die letzte Variante zu präferieren, die Eurydike als Sprecherin begreift, die verspricht: „immer mit“ dem Angesprochenen zu sein. Dennoch ist auch die umgekehrte Interpretation, dass Eurydike einen treuen Begleiter hat, denkbar und die doppelte Lesart, die sich als möglicher Rollentausch Eurydikes und ihres Begleiters manifestiert, konstitutiver Bestandteil des Gedichts. Nähe und Ferne werden ambivalent dargestellt: Einerseits behauptet das lyrische Ich, das es die Schulter des oder der Angesprochenen berühre, also nah genug sei, um Körperkontakt zu haben. Andererseits scheint sich eine der beiden Personen „unter den fernen Bäumen“ zu befinden. Bezieht man den Gedichttitel mit ein, so vergrößert sich die räumliche 34 Domin, Gesammelte Gedichte, S. 287. 35 Vgl. Tauschwitz, Dass ich sein kann, wie ich bin, S. 380. „War das Süße ins Bittre oder das Bittre ins Süße gepfropft?“ 224 Distanz enorm: Beide Personen scheinen sich auf unterschiedlichen Kontinenten zu befinden. Nähe wäre dann nur in emotionaler Hinsicht möglich. Die Deutungsmöglichkeiten sind jedoch noch deutlich komplexer, als bisher dargelegt: Das Gedicht bezieht sich auf einen griechischen Mythos, die Geschichte des Liebespaares Orpheus und Eurydike. Eurydike stirbt durch den Biss einer Schlange, woraufhin ihr Gemahl ins Totenreich hinabsteigt, um sie zurückzuholen. Mit seinem Lautenspiel gelingt es ihm, alle Wächter gnädig zu stimmen. Persephone, die Gattin des Hades, erlaubt ihm, Eurydike wieder mit ins Diesseits zu nehmen, allerdings unter der Bedingung, dass Orpheus vorangehe, ohne sich nach seiner Gemahlin umzusehen. Dies macht deutlich, warum das Gedicht von emotionaler und eventueller körperlicher Nähe zwischen beiden Personen spricht und berichtet, dass beide miteinander kommunizieren, der Blickkontakt jedoch unterbleiben muss. Dies spricht wiederum dafür, das lyrische Ich mit Eurydike gleichzusetzen, die den vor ihr gehenden Orpheus anspricht, um ihn davor zu bewahren, sich umzudrehen. Das Paar befindet sich also im Jenseits und versucht, dieses gemeinsam zu verlassen. Das impliziert für Kenner des Stoffes wiederum, dass die beiden einen Begleiter haben: Hermes. Hermes hat die Aufgabe, die Toten über den Totenfluss, den Styx zu führen. Er führt Eurydike aus dem Totenreich heraus und überwacht zugleich die Einhaltung der von Persephone aufgestellten Regel. Zudem ist Hermes mit seinen geflügelten Schuhen als Götterbote bekannt. Mit Blick darauf, dass der Text als „Brief“ gekennzeichnet ist, könnte man auch annehmen, dass Hermes derjenige ist, der die Warnung und das Versprechen Eurydikes an Orpheus überbringt. Der Rückbezug zum Orpheus-und-Eurydike-Stoff eröffnet zudem eine weitere Lesart des Gedichts, denn bereits seit der Antike existiert eine Version der Geschichte, in der berichtet wird, dass Eurydike den Voranschreitenden berührt und damit auslöst, dass Orpheus sich nach ihr umdreht. Damit kann man die Berührung einerseits positiv als vertraute und beruhigende Geste und andererseits mit Blick auf die mythologischen Wurzeln als Auslöser der Katastrophe, also als Grund der endgültigen Trennung des Liebespaares, verstehen. Der Aspekt der Berührung eröffnet demnach zwei Lesarten, die sich wechselseitig unter Vorbehalt stellen. Dies entspricht der Darstellung Michael Brauns, der zur Poetologie Domins schreibt: Kathrin Heintz 225 Das Gedicht soll im Leser Erfahrungen freisetzen und durch die Mittel des Paradoxons und der Verfremdung – im Sinne einer Darstellung von Unvorhergesehenem – alltäglicher Wirklichkeitskomplexe eine Selbsterkenntnis herbeiführen.36 Domins Gedicht bezieht sich zudem intertextuell auf Rainer Maria Rilkes Orpheus. Eurydike. Hermes aus dem Jahr 1904 und verweist damit nicht allein auf den mythologischen Stoff, sondern zusätzlich auf eine bestimmte künstlerische Interpretation der Geschichte. Als Verweis auf die Rilke’sche Lyrik lässt sich speziell der erste Vers lesen, weil Rilke häufig damit spielt, dass er das Optische in seinen Gedichten betont und wiederholt das Wörtchen „siehe“ als Auftakt wählt. Die Aufforderung zu sehen, wird bei Domin getätigt und zugleich negiert – dies versinnbildlicht die Versuchung, in der sich der Voranschreitende befindet, der die ihm Folgende kaum oder gar nicht wahrnehmen kann. Rilkes deutlich längerer Text gestaltet den gemeinsamen Gang der drei aus. Das Dilemma, in dem Orpheus sich befindet, beschreiben die folgenden Verse Rilkes: Und seine Sinne waren wie entzweit: indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief, […] blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück. Manchmal erschien es ihm als reichte es bis an das Gehen jener beiden andern, die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg. Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang und seines Mantels Wind was hinter ihm war. Er aber sagte sich, sie kämen doch; sagte es laut und hörte sich verhallen. Sie kämen doch, nur wärens zwei die furchtbar leise gingen. […] 37 36 Braun, Exil und Engagement, S. 137. 37 Rainer Maria Rilke: Orpheus. Eurydike. Hermes. In: Rainer Maria Rilke. Werke in drei Bänden. Bd. 1: Gedicht-Zyklen. Hrsg. v. Rilke-Archiv in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke, Frankfurt/M. 1991, S. 299. „War das Süße ins Bittre oder das Bittre ins Süße gepfropft?“ 226 Rilke macht auch deutlich, warum das so ist: Eurydike ist tot. Damit erscheint, und das ist das Tragische an Rilkes Interpretation, der Versuch, sie zurückzugewinnen, von Vornherein als zum Scheitern verurteilt. Im Gedicht wird dies wie folgt umschrieben: Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein erfüllte sie wie Fülle. Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel so war sie voll von ihrem großen Tode, der also neu war, daß sie nichts begriff. […] Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau, die in des Dichters Liedern manchmal anklang, nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland und jenes Mannes Eigentum nicht mehr. Sie war schon aufgelöst wie langes Haar und hingegeben wie gefallner Regen und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat. Sie war schon Wurzel.38 Die Referenz auf den antiken Stoff und auf Rilkes Bearbeitung stellt das Miteinandersein, die Nähe des Paars, die scheinbar im Zentrum des Domin’schen Gedichts steht, in Frage und rückt den Aspekt der Trennung oder Distanz zwischen beiden in den Mittelpunkt. Das Gedicht thematisiert und inszeniert den Prozess, in dem beide herausfinden, ob die Trennung umkehrbar ist oder nicht. Zudem wird die ambivalente Darstellung von Nähe und Ferne dadurch erklärbar, dass sich die Deutungsmöglichkeit eröffnet, dass einer der beiden Liebenden bereits verstorben ist. In dieser Lesart diskutiert das Gedicht die Frage, ob Liebe über den Tod hinaus Bestand hat.39 38 Ebd., S. 300f. 39 Interessant sind die Gemeinsamkeiten und Unterschiede beim inszenatorischen Spiel von Nähe und Distanz, Zu- und Abwendung, Leben und Tod, wenn man vergleichend die berühmte Begegnung der Maria von Magdala mit dem auferstandenen Christus (Joh 20) und die entsprechende literarische Rezeption in den Blick nimmt; vgl. dazu in diesem Band den Beitrag von Judith Distelrath. Kathrin Heintz 227 Das Gedicht entstand nach der Rückkehr des Paars nach Heidelberg.40 Dies spricht dafür, dass Hilde Domin eine Krise in der Beziehung verarbeitet. Auffälliger ist, dass die emotionale Nähe in Brief auf den anderen Kontinent nicht in Zweifel gezogen wird. Dies lässt darauf schlie- ßen, dass für Domin die Beziehung nicht in Frage steht. Möchte man die Titulierung des Gedichts als Brief erklären, so muss man sich fragen, welche Bedeutung der Briefwechsel mit Palm für Domin hatte. Von Beginn an ist die Beziehung von Phasen der räumlichen Trennung geprägt. Das Paar überbrückt die Distanz schreibend. Dies erklärt die große Zahl an Briefen im Nachlass. Domin thematisiert beispielsweise 1951, wie wichtig ihr diese Korrespondenz ist, wenn sie Palm schreibt: „Du kannst Dir gar nicht vorstellen wie tröstlich mir Deine Briefe sind, und wie nah ich Dich fühle.“41 Jahrzehnte später greift die Autorin nach dem Tod Erwin Walter Palms den mythologischen Stoff in Mein Herze wir sind verreist erneut auf.42 Das Gedicht nimmt Bezug auf Brief auf den anderen Kontinent. Wiederum ist zudem die Referenz auf Rilkes Gedicht zu erkennen. Domin widmet Erwin Walter Palm den Text. Mein Herze wir sind verreist Mein Herze wir sind verreist nach verschiedenen Weltteilen Eurydike meine Hand Deine Schulter berührend Ich schreibe mit deinem Stift ich möchte eintreten durch diese großen Trichter am Meer 40 Es finden sich in der Forschungsliteratur unterschiedliche Angaben zum Entstehungsjahr. Wangenheim geht davon aus, dass der Text 1963 entstand, Tauschwitz datiert ihn ein Jahr später und berichtet von der erzürnten Reaktion Erwin Walter Palms, dem Domin den Text nach Mexiko sandte (vgl. Wangenheim, Heimkehr ins Wort, S. 241 sowie Tauschwitz, Dass ich sein kann, wie ich bin, S. 463). 41 Bürger/Druffner, Die Liebe im Exil, S. 221. Domin sendet den Brief aus Ciudad Trujillo nach Mexico City. 42 Domin, Der Baum blüht trotzdem, S. 10. „War das Süße ins Bittre oder das Bittre ins Süße gepfropft?“ 228 in das Reich in dem du gehst oder liegst in dem du jetzt alles weißt oder alles vergißt Ich dein schneller dein zu langsamer Weggefährte Ich komme hinter dir her ›Langsamer‹ sagst du wie immer ›Sei langsam‹ So sitze ich hier hoch über dem Meer blau grün fern deinen Stift in der Hand Das Gedicht besteht aus 23 Versen, die in drei Einheiten gegliedert sind und verzichtet, abgesehen von den Anführungsstrichen, auf Satzzeichen. Das Gedicht beginnt mit der Anrede eines Gegenübers, das als „Mein Herze“ bezeichnet wird. Der Adressat antwortet nicht, wird jedoch zitiert, so dass zwar kein Dialog, aber dennoch eine wechselseitige Kommunikation dargestellt wird. Die ersten beiden Verse greifen den Titel des Gedichts auf und betonen ihn durch die Wiederholung. Dies und dass sich das lyrische Ich im siebten Vers und erneut im 23. als schreibendes zu erkennen gibt, erzeugt den Eindruck, es handle sich um einen Brief. In der Tat ist „Mein Herze“ eine der typischen Anreden, die Hilde Domin in ihren Briefen an ihren Mann wählt. So beginnt sie den eingangs zitierten Brief mit „Mein liebes Herze“. In diesem Gedicht wird weitaus deutlicher auf ein Diesseits und ein Jenseits angespielt als in dem früheren. Die angesprochene Person ist offenkundig in ein „Reich“ eingetreten, über das das lyrische Ich nichts Gesichertes weiß und in das es dem vorangegangenen „Herze“ folgen möchte und wird. Kenner der griechischen Mythologie wissen, dass der beschriebene Eingang in das Totenreich von Domin in charakteristischer Weise dargestellt wird: Sie umschreibt ihn als „großen Trichter / am Meer“ und verweist damit auf die Erdspalte, in der sich in der Mythologie Meeres- oder zumindest meeresähnliche Fluten treffen und versickern. Dies erinnert an Darstellungen wie sie sich beispielsweise bei Ovid finden. Kathrin Heintz 229 Das Schreiben mit dem Stift des Anderen scheint die Trennung zeitweise aufzuheben und ist daher als transzendentale Erfahrung zu verstehen, die zugleich eine poetische ist – immerhin wird mit besagtem Stift ein Gedicht verfasst, dessen Entstehungsprozess in den mittleren beiden Versen (dem siebten und achten) der ersten Strophe thematisiert und am Ende erneut aufgegriffen wird. Dieser poetologische Aspekt wird verstärkt durch den intertextuellen Verweis auf das eigene Werk.43 Die Analogie geht sogar so weit, dass es sich in beiden Fällen um dieselben Verse handelt, nämlich den dritten bzw. vierten bis sechsten. Domin variiert jedoch den Wortlaut: „Eurydike / immer mit dir / die Hand / deine Schulter berührend“ ändert sie in: „Eurydike / meine Hand / Deine Schulter berührend“. Die Verse werden durch die Ersetzung des Artikels „die“ durch das Possessivpronomen „mein“ nicht nur konkretisiert, sondern es wird auch eine weitaus deutlichere Änderung vorgenommen: Das Versprechen des ewigen Miteinanders wird ausgespart. Das lyrische Ich möchte seinem Herzen, dessen Schulter es berührt, in das Reich, in dem dieses sich befindet, folgen. Von einer Rückkehr ist nicht die Rede. Die letzte Reise, eine kaum verschlüsselte Metapher für den Tod, ist bei Domin eine endgültige. Thematisiert wird demnach, anders als bei Rilke, ein Eingehen beider Liebenden in das Totenreich und nicht etwa die Befreiung der oder des zuerst Verstorbenen. Das Gedicht vermittelt ein Sehnen nach dem oder der Verstorbenen, jedoch keine Todessehnsucht. Der Grund hierfür scheint derselbe zu sein, der die Befreiung Eurydikes ausschließt: Das lyrische Ich bedenkt, was Rilkes Orpheus außer Acht ließ: Vielleicht hat die geliebte Person bereits „alles“ vergessen und ist nicht mehr sie selbst. Das lyrische Ich findet jedoch einen anderen Ausweg, um die Trennung zu überwinden: Das Schreiben eines Gedichts an das geliebte „Herze“, das zwar keine Briefe mehr empfangen, dem man aber noch immer Gedichte widmen kann. 43 Die Tatsache, dass das jüngere Gedicht nicht nur den selben Stoff bearbeitet, sondern auch mit der Form des Briefs spielt, ist als Verweis auf Brief auf den anderen Kontinent zu verstehen.

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Zusammenfassung

Mit Band 2 der Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte wird eine Reihe von Sammelbänden zu Ringvorlesungen fortgeführt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen mit ihren jeweils eigenen Perspektivierungen übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Erscheinungen zuwenden. Im Fokus dieses 2. Bandes steht das Phänomen der Liebe.

Der wissenschaftliche Blick auf die Liebe ist immer einer auf eine Erscheinung, die sich auf sehr unterschiedliche Weise präsentiert. Das gilt sowohl in Hinblick auf ihre Historizität als auch ihre Systematizität. Und es gilt allemal für ihre Bewertung im Spannungsfeld von Sozialkonstruktion und biologisch-psychologischer Prädisposition. Aus diesem Spannungsfeld heraus schauen die Beiträge auf die tatsächliche oder vermeintliche Krise der modernen Paarbeziehung und fragen nach den Faktoren, die für die unterschiedlichen Bezeichnungen von Paarbeziehungen verantwortlich sind. In den Blick genommen werden Konstellationen der Liebe in den biblischen Erzählungen und ihrer Rezeptionsgeschichte, in der deutschen, englischen und französischen Literatur und im Film, in der Philosophie, der Musik und in der Kunst, gestern und heute. Ein eigener Blick wird auf die Idealtypik der ‚First Lady‘ in der politischen Kultur der USA geworfen.

Die Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte dokumentieren Ergebnisse regelmäßig stattfindender Ringvorlesungen an der Universität Koblenz-Landau. Die öffentliche Vortragsreihe wird als fester Bestandteil der universitären Veranstaltungskultur vom Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften am Standort Landau organisiert und widmet sich interdisziplinären Fragestellungen aus dem jeweiligen Blickwinkel der vortragenden Disziplinen. Auf diese Weise wird ein Forum für den aktiven wissenschaftlichen Austausch zwischen den Neuphilologien (Germanistik, Romanistik, Anglistik), der Kunst- und der Musikwissenschaft, der evangelischen und katholischen Theologie, der Soziologie, der Politikwissenschaft sowie der Wirtschaftswissenschaft ermöglicht und befördert.