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Walter Kühn, „Trostbild der Gedancken“. Johann Christian Günthers Abschieds-Widmungen in:

Lothar Bluhm, Thomas Müller-Schneider, Markus Schiefer Ferrari, Christoph Zuschlag (Ed.)

"Das süße Wort: Ich liebe dich", page 159 - 182

Konstellationen der Liebe in Literatur, Kunst und Wissenschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4258-8, ISBN online: 978-3-8288-7142-7, https://doi.org/10.5771/9783828871427-159

Series: LBKS - Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte, vol. 2

Tectum, Baden-Baden
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159 „Trostbild der Gedancken“ Johann Christian Günthers Abschieds-Widmungen Walter Kühn I. Im Kosmos der Liebesliteratur hat auch die Widmungslyrik ihren Ort.1 Grundsätzlich ist die Widmung kommunikativer Natur. Sie stellt stets ein Verhältnis zu einem Du her, dem das Werk privat in meist handschriftlicher2 oder öffentlich in gedruckter Form3 übereignet wird. Die beiden Faktoren der Widmung, die obligatorische Bedingung ihrer Adressatenbezogenheit und die fakultative Bestimmung ihrer Anlassgebun- 1 Dieser Beitrag fußt auf einem Hauptseminar, das Roland Berbig unter dem Titel „Widmungslyrik von Johann Christian Günther bis Günter Grass“ im Sommersemester 2005 an der Humboldt-Universität zu Berlin angeboten hat. Ihm ist herzlich zu danken. 2 Das vielleicht schönste Zeugnis für eine handschriftliche Widmung ist Friedrich Hölderlins Widmung des Briefromans Hyperion oder Der Emerit in Griechenland für Susette Gontard. Anfang November 1799 schrieb Hölderlin Folgendes auf ein Blatt, das er in die Fuge zwischen beiden Bänden einklebte: „Wem sonst / als / Dir“ (das Faksimile der Widmung findet sich in: Adolf Beck [Hrsg.]: Hölderlins Diotima Susette Gontard. Frankfurt/M. 1980, S. 179). In Hölderlins Begleitschreiben heißt es: „Hier unsern Hyperion, Liebe! Ein wenig Freude wird diese Furcht unserer seelenvollen Tage Dir noch geben. Verzeih mirs, daß Diotima stirbt. Du erinnerst Dich, wir haben uns ehmals nicht ganz darüber vereinigen können. Ich glaubte, es wäre, der ganzen Anlage nach, nothwendig“ (Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe von D. E. Sattler. Bd. 10: Hyperion. Hrsg. von Michael Knaupp und D. E. Sattler. Frankfurt/M. 1982, S. 27). 3 In diese Rubrik gehören Else Lasker-Schülers veröffentlichte Widmungsgedichte für Gottfried Benn wie Giselheer dem Knaben, Giselheer dem König und Giselheer dem Tiger (Else Lasker-Schüler. Werke und Briefe. Kritische Ausgabe. Bd. 1.1: Gedichte. Bearb. von Karl Jürgen Skrodzki unter Mitarbeit von Norbert Oellers. Frankfurt am Main 1996, S. 150f. u. 145f.). „Trostbild der Gedancken“ 160 denheit, begünstigen die Aufnahme poetischer Liebesdiskurse. Die Literatur ist reich an Beispielen, die sich an einem triftigen ‚Anlass‘ orientieren: dem des Abschieds zwischen zwei Liebenden. Die Forschung hat in diesem Bestand literaturgeschichtlich zu sondieren versucht, wo frühe Ausprägungen ‚moderner‘ literarischer Darstellungen von Liebe und Abschied festzustellen sind. Eine repräsentative Stellung ist dabei lange und inzwischen wieder dem schlesischen Widmungslyriker Johann Christian Günther (1695-1723) zugesprochen worden. Legt man den Begriff der ‚Moderne‘ im Hinblick auf Günthers Lyrik auf die Waage, so kommt man nicht umhin, zunächst zwei Günther-Bilder kurz zu skizzieren: Das romantische Bild des modernen Dichters aus Not einerseits, das rhetorische Bild vom späten eklektizistischen Virtuosen des gegebenen Formensystems andererseits.4 II. Berühmt ist Goethes „Epitaph“5 in Dichtung und Wahrheit: „Hier gedenken wir“, schreibt Goethe im siebten Buch seiner Autobiographie, „Gün- 4 Schönert fasst die Forschungsdiskussion wie folgt zusammen: Günthers Werk hat in der „poetologischen und gattungsgeschichtlichen Diskussion zur Repräsentation von ‚Gefühl‘ und ‚Subjektivität‘ in der Lyrik des 18. Jahrhunderts“ eine „Schlüsselstellung“ inne, wobei einerseits der Pol des „(authentischen) Ausdruck[s] von selbst erlebten Gefühlen“, andererseits der Pol der „(rhetorischen) Nachahmung von vorgestellten Affekten“ gewichtet wird“ (Jörg Schönert: Johann Christian Günther: „An Leonoren“. In: Lyrik und Narratologie. Text- Analysen zu deutschsprachigen Gedichten vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Hrsg. von Jörg Schönert, Peter Hühn und Malte Stein. Berlin 2007, S. 47). Zum Stand der Günther-Forschung Mitte der 1980er Jahre siehe Ernst Osterkamp: Perspektiven der Günther-Forschung. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur (1985), Sonderheft 1: Forschungsreferate, S. 129- 159. Eine Verdichtung beider Forschungsstränge in den 1990er Jahren zeigt folgender Tagungsband: Jens Stüben (Hrsg.): Johann Christian Günther (1695- 1723). Oldenburger Symposium zum 300. Geburtstag des Dichters. Oldenburg 1997. Vgl. auch Hans-Georg Kempers profunde wie bündige Darstellung der Rezeptions- und Forschungsprobleme: Hans-Georg Kemper: Johann Christian Günther. Deutsche Lyrik der frühen Neuzeit. Band 4, Teil 2: Barock- Humanismus: Liebeslyrik. Tübingen 2006, S. 300-304. 5 Wolfgang Preisendanz: Präsente Bedrängnis. Über ein Gedicht von Johann Christian Günther. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft (1974), Bd. 18, S. 221. Walter Kühn 161 thers, der ein Poet im vollen Sinne des Wortes genannt werden darf“.6 Das ranghohe Prädikat „Poet“ begründete Goethe wie folgt: Ein entschiedenes Talent, begabt mit Sinnlichkeit, Einbildungskraft, Gedächtnis, Gabe des Fassens und Vergegenwärtigens, fruchtbar im höchsten Grade, rhythmisch-bequem, geistreich und dabei vielfach unterrichtet; genug er besaß alles, um im Leben ein zweites Leben durch Poesie hervorzubringen, und zwar in dem gemeinen wirklichen Leben. Wir bewundern seine große Leichtigkeit, in Gelegenheitsgedichten alle Zustände durchs Gefühl zu erhöhen.7 Das Urteil des Verfassers der Sesenheimer Lieder hat maßgeblich die im 19. Jahrhundert sich entwickelnde und an Günthers Biographie orientierte Rezeptions- und Editionsgeschichte mitbestimmt.8 Sie verortet den frühverstorbenen Schriftsteller in dem im 18. Jahrhundert einsetzenden Prozess, in dem das Individuum mit seinem Glücksverlangen ins Zentrum einer auf Autonomie drängenden Literatur rückte, und misst ihm, ebenso wie Paul Fleming (1609-1640), eine Vorreiterrolle bei der Etablierung des Konzepts der Erlebnis- und Stimmungslyrik zu.9 So befürwortete auch Theodor Storm die Aufnahme von Günthers Liebeslyrik in den Kanon ‚echter‘ Liebeslyrik. In der von ihm verantworteten Anthologie Deutsche Liebeslieder seit Johann Christian Günther. Eine Codification (1859), die, wie Storm in seinem Vorwort schreibt, angesichts „massenhafter Veröffentlichung von ‚Gedichten‘“ das „Unbedeutende“ vom „Be- 6 Johann Wolfgang Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. In: Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Bd. 16: Dichtung und Wahrheit. Hrsg. von Karl Richter in Zusammenarbeit mit Herbert G. Göpfert, Norbert Miller und Gerhard Sauder. München, Wien 1985, S. 288. 7 Ebd. 8 Vgl. u.a. Carl Enders: Zeitfolge der Gedichte und Briefe Johann Christian Günthers: Zur Biographie des Dichters. Dortmund 1904. 9 Ein Beispiel für diesen Rezeptionsvorgang ist Ludwig Fuldas bewundernde Beschreibung: „Selten hat ein Dichter so durchaus sein Leben gedichtet und seine Gedichte gelebt, wie Günther. Seit Jahrhunderten war es – vom Volks- und Kirchenlied abgesehen – das erste Mal, daß die tiefsten Tiefen des Menschenherzens in der Lyrik ihren unmittelbaren Ausdruck fanden“ (Deutsche National- Litteratur. Historisch kritische Ausgabe. Hrsg. von Joseph Kürschner. Bd. 38: Die Gegner der zweiten schlesischen Schule. 1. Teil: Johann Christian Günther. Hrsg. von Ludwig Fulda. Berlin, Stuttgart o. J. (1883), S. XXVI). „Trostbild der Gedancken“ 162 deutenden“ sortieren soll,10 hat Storm Strophen wie folgende aus Günthers Gedicht An Leonoren als Zeugnis für „Liebeslieder, [...] in denen es gelungen“ sei, dass der Autor seine „eigenste Persönlichkeit der Dichtung“ anvertraut und „die Atmosphäre des Gefühls in künstlerischer Form11“ festgehalten habe, an den Anfang gestellt: An Leonoren. [...] Gedenk an unser Abschiednehmen, Insonders an die letzte Nacht, In der wir mit Gebet und Grämen Die kurzen Stunden hingebracht. Gedenk auch an den treuen Schwur, Der dort aus deinen Lippen fuhr. [...]12 In den 1930er Jahren hat Wilhelm Krämer diesem Bild von Günther als Vorläufer der Erlebnislyrik eine editionsgeschichtliche Prägung gegeben. Fügen will sich da Krämers Entschluss, Günther Liebeslyrik in der zwischen 1930 und 1936 erarbeiteten, indes unvollständig gebliebenen Historisch-kritischen Gesamtausgabe der Sämtlichen Werke an den Anfang der sechsbändigen Ausgabe zu platzieren.13 10 Theodor Storm (Hrsg.): Deutsche Liebeslieder seit Johann Christian Günther. Eine Codification. Hrsg. von Theodor Strom. Berlin 1859. S. XIII. Günther Häntzschel hat Storms Vorhaben wie folgt beschrieben: „Neubesinnung auf Gattungsreinheit im Klima des schwindenden Gattungsbewusstseins und der bloßen Verstofflichung der trivial werdenden Lyrik, das möchte Storm durch ein Wiederbeleben der stimmungshaften Naturlyrik der frühen Goethezeit erreichen“ (Günther Häntzschel: Die deutschsprachigen Lyrikanthologien 1840 bis 1914. Sozialgeschichte der Lyrik des 19. Jahrhunderts. Wiesbaden 1997, S. 85). 11 Storm, Deutsche Liebeslieder, S. XIIIf. 12 Johann Christian Günther: An Leonoren. In: Theodor Storm (Hrsg.), Deutsche Liebeslieder seit Johann Christian Günther, S. 3. 13 Johann Christian Günther: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Sechs Bände. Hrsg. von Wilhelm Krämer. Leipzig 1930-1936. Günthers Texte sind nach dem Kriterium der „Erlebnisfolge“ (Krämer Bd. 5.1, S. VII) in zwei Abteilungen angeordnet worden. In die Bände 1-4 sind Texte aufgenommen worden, die Krämer zufolge als ‚authentische‘ Erlebnis- und Bekenntnisgedichte aufzufassen seien, und in die Bände 5 und 6 sind unpersönliche, häufig der mäzenatischen Widmungspraxis verpflichtete Gelegenheitsgedichte abgedruckt worden. Krämer, dessen Ausgabe angesichts des Fehlens des textkritischen Apparats unvollständig geblieben ist, versuchte ‚echte‘ und ‚unechte‘ Gedichte im Hin- Walter Kühn 163 Das zweite Günther-Bild ist in den 1970er Jahren aufgrund der Wiederbesinnung der Germanistik auf die eminente Bindungskraft von Rhetorik und Poetik für das literarische Arbeiten im 17. Jahrhundert aufgebaut worden. Reiner Bölhoff hat dies maßgeblich in die Wege geleitet. So heißt es im 1982 veröffentlichten dritten Band von Bölhoffs Dissertationsschrift Johann Christian Günther 1695-1975, dass die bisherige Forschung Günthers „Autorpsyche und Produktionsästhetik“ in den Vordergrund gerückt habe und es nun an der Zeit sei, dass das „Interesse daran, wie viele Leonoren Günther wann wo geküßt hat“, und „das Faszinosum dieses ganzen traurigen Menschenschicksals [...] zurücktrete“, um einer Re- und Neulektüre den Weg zu ebnen, die Günthers Liebeslyrik, Klagedichtung wie auch seine zahlreichen Gelegenheitsgedichte „als sprachkünstlerische[n], funktionale[n], kommunikative[n], historische[n] Gebilde[n]“ beizukommen versucht und ihnen „ihren fremden Eigenwert läßt“.14 Bezeichnend ist die Gliederung von Bölhoffs 1998 erschienener Werkausgabe, die zweihundertvierzig der ungefähr sechshundert überlieferten Texte versammelt hat: Unter der Rubrik „Frühe“ und „Späte Leonoren-Gedichte“ stehen Günthers Liebesgedichte nach dem Abdruck des Dramas Die von Theodosio betreute Eifersucht, den „Religiösen Gelegenheitsdichtungen“ und den „weltlichen Gelegenheitsdichtungen der Gelehrtenrepublik“ an letzter Stelle unter dem Dach „Erotische Gelegenheitsdichtungen“.15 Inzwischen hat Bölhoff durch seine Arbeit an der Herausgabe von vier Textbänden und einem Dokumentenband, die angesichts des Umfangs „schon durch den schieren Umfang schwierig und durch die bisherige Überlieferungs-, Editions- und Forschungssituation kompliziert“16 gewesen ist, die Säule einer soliden historisch-kritischen Werkausgabe aufgebaut.17 blick auf den „Verlauf einer dichterischen Entfaltung“ zu unterscheiden (Krämer, Bd. 6, S. XVI). Dabei versuchte er, durch Stil- und Motiveigenschaften auf Günthers charakterliche Eigenschaften zu schließen. 14 Reiner Bölhoff: Johann Christian Günther 1695-1975. Rezeptions- und Forschungsberichte. Köln 1982, S. 284. 15 Johann Christian Günther: Werke in einem Band. Hrsg. von Reiner Bölhoff. Frankfurt am Main 1998, S. 667-912. 16 Rüdiger Zymner: [Rez. zu:] Johann Christian Günther: Textkritische Werkausgabe in vier Bänden und einer Quellendokumentation. In: Arbitrium 32 (2014), Nr. 2, S. 192. 17 Johann Christian Günther. Textkritische Werkausgabe in vier Bänden und einer Quellendokumentation. Bd. I. Dichtungen der Schuljahre 1710-1715; Bd. II: Dichtungen der Universitätsjahre 1715-1719; Bd. 3: Dichtungen der ersten Wan- „Trostbild der Gedancken“ 164 Im Folgenden sollen beide Positionen der Forschung, die sich inzwischen dank maßgeblicher Arbeiten von Preisendanz, Stenzel, Regener, Borgstedt, Kaminski, Zymner und Koch näher gekommen zu sein scheinen,18 berücksichtigt werden. III. Am ersten Bild kommt nicht vorbei, wer in einem ersten Schritt biographische Bedingungen von Günthers Widmungen zu rekonstruieren versucht. Günthers zahlreiche Abschiedsgedichte für Magdalena Eleonore Jachmann (1689-1746) sind, wie Krämer es geschildert hat,19 aus Not entstanden. Ihre Genese ist mit unpoetischen sozialen Bedingungen um 1700 verbunden.20 Die patriarchalisch geprägte Gesellschaft, strenge Vorstelderjahre 1719-1721; Bd. 4: Dichtungen der letzten Wanderjahre 1721-1723. Hrsg. von Reiner Bölhoff. Berlin, Boston 2013-2015. Im Folgenden wird im Haupttext mit dem Kürzel „GW“, der Nummer des Bandes und der Seitenangabe zitiert. Hauptsächliches Gliederungsprinzip dieser Ausgabe ist das der „Produktionszeiten und Wirkungskreise“. Innerhalb der vier Bände sind die Texte jeweils nach den „drei historisch sanktionierten, letztlich ständisch und stilistisch begründeten Gattungsbereichen“ (GW 1, S. 20) des Geistlichen, des Adlig-Akademischen und des Erotischen angeordnet. 18 Vgl. Wolfgang Preisendanz: Präsente Bedrängnis. Über ein Gedicht von Johann Christian Günther. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft (1974), Bd. 18, S. 221; Jürgen Stenzel: „Welch Pflaster kan den tieffen Riß verbinden?“ Johann Christian Günthers „Abschieds-Aria“. In: Gedichte und Interpretationen. Bd. 1: Volker Meid (Hrsg.): Renaissance und Barock. Stuttgart 1982, S. 381-390. Ursula Regener: Stumme Lieder? Zur motiv- und gattungsgeschichtlichen Situierung von Johann Christian Günthers „Verliebten Gedichten“. Berlin 1989. Thomas Borgstedt: Petrarkismus und Präsenz in Johann Christian Günthers Liebesdichtung. In: Johann Christian Günther (1695-1723). Oldenburger Symposium zum 300. Geburtstag des Dichters. Hrsg. von Jens Stüben. Oldenburg 1997, S. 173-196; Rüdiger Zymner: Literarische Individualität. Vorstudien am Beispiel Johann Christian Günthers. In: Ebd., S. 249-287; Nicola Kaminski: Textualität des Erlebens und Materialität der Zeichen in Johann Christian Günthers Liebesgedichten. In: Ebd., S. 229-248. Manfred Koch: Die erinnerte Geliebte. Zu einem Petrarca-Motiv in der deutschen Lyrik des 17. und frühen 18. Jahrhunderts. In: Meditation und Erinnerung in der Frühen Neuzeit. Hrsg. von Gerhard Kurz. Göttingen 2000, S. 327–355. 19 Wilhelm Krämer: Das Leben des schlesischen Dichters. Stuttgart 1980. 20 Goethe sparte die äußeren Bedingungen von Günthers Werdegang aus, als er in Dichtung und Wahrheit sein oben zitiertes rühmendes Urteil so ergänzte, dass Walter Kühn 165 lungen von Moral, die Engherzigkeit des sozialen Umfelds und eiserne Erziehung setzten dem individuellem Glücksverlangen des 1695 in ärmlichen Verhältnissen geborenen Sohnes des rigiden Invalidenmedikus Johann Günther (1659-1745) enge Grenzen. Die Faktoren materielle Armut und soziale Kontrolle bewirkten mit, dass der Beziehung zwischen Günther und Jachmann, die insgesamt 28 Monate, „vom Juli 1714 bis Oktober 1715 und vom September 1719 bis August 1720“21, hielt, kein dauerhaftes Glück beschieden war und Abschied zu einem schmerzlichen Grundwort für beide werden musste.22 Dem Widmen kam aufgrund dessen eine existentielle Bedeutung zu, die beispielhaft anhand Günthers beiden berühmtesten Abschiedsgedichten, dem im Herbst 1715 verfassten Gedicht Abschieds-Aria und dem offenbar Anfang 1720 erarbeiteten Korrespondenzgedicht An Leonoren hey dem andern Abschiede angezeigt werden kann. Der Umfang der Gedichte, die Günther Jachmann in seiner „glücklichen Schulzeit“ (GW I.II, 5) überreichte, dokumentiert bereits, wie nah Günther „sich nicht zu zähmen [wußte], und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten“ (Goethe, Dichtung und Wahrheit, S. 288). Dass Goethe hier lediglich den Stab über Züge von Günthers unangepassten, leichtlebigen und leichtsinnigen Charakter – der sich in Günthers damals illusorischem Wunsch ausdrückte, seine Existenz auf literarisches Arbeiten zu gründen – brach, ist als werkpolitische Strategie gedeutet worden. Reiner Bölhoff hat in Rücksicht auf eine Arbeit Delbonos (Francesco Delbono: Questioni di critica güntheriana. In: Convivium [Torino] 22, 1954, S. 291-304) dargelegt, dass „Goethe sich hier ablehnend mit einer eigenen überwundenen Entwicklungsstufe, nämlich den Leipziger Jahren (Werther-Syndrom), auseinandergesetzt“ habe (Reiner Bölhoff: Zum Problem der Günther Biographie. In: Text + Kritik [1982], Nr. 74/75, S. 116). 21 Bölhoff, Günthers Werke, S. 1478. 22 Dies zeigt bereits ein Blick auf die Anzahl von Günthers Abschiedsgedichten. In Dichtungen der Schuljahre 1710-1715, dem ersten Band der von Bölhoff herausgegebenen Ausgabe, sind unter der Überschrift „Abschied (Herbst 1715)“ (GW I.II, 408) acht Gedichte (GW I, 237-247, GW I.II, S. 449-358), unter denen Abschieds- Aria herausragt, verzeichnet. Fünf Gedichte, die der Zeit der ersten Trennung von Jachmann gelten, sind im zweiten Band Dichtungen der Universitätsjahre 1715-1719 (GW II.I, 456-466, GW II.II, 295-301) eingegliedert. Im dritten Band Dichtungen der ersten Wanderjahre (1719-1721), in dem insgesamt sechsundzwanzig Gedichte abgedruckt worden sind (GW III.I, 163-195), die im Zuge der dreimaligen Wiederbegegnung Günthers mit Jachmann im Winter 1719/1720, im Sommer 1721 und schließlich im Herbst 1721 entstanden sind, gelten eine Reihe von Gedichten dem Abschied, vor allem die vielfach untersuchten Gedichte Leonoren bey dem andern Abschiede (GW III.I, 175) und An Leonoren. Leonorens Antwort (GW III.I. 177). „Trostbild der Gedancken“ 166 sich der begabte Schüler des Lyceums in Schweidnitz und die reale Adressatin seiner Widmungen, Günthers sechs Jahre ältere Nachbarin und Schwägerin seines Lehrers, standen. So ist „fast die Hälfte“ (GW I.II, 4) von Günthers zwischen Juli 1714 und Oktober 1715 entstandenen Gedichten an die Quelle seiner Inspiration gerichtet. Die posthum publizierten Texte für Jachmann waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sie durften es nicht sein, lief man doch Gefahr, dass die voreheliche Verbindung durch Gedichte, die zumeist unverhüllt den Namen „Leonore“ im Titel tragen, bemerkt wurde.23 Günthers lyrisches Werben um die ältere, von vielen „begehrte“ Frau, hat Krämer in seiner einfühlsamen Biographie so geschildert: Günthers „Huldigung[en]“, die sich teils in „einer Abschriften-Sammlung von ursprünglich 16 Blättern, die Leonore Jachmann [...] zugeschrieben werden“ (GW I.II, 51), erhalten haben, bezweckten ein „Aufleuchten der geliebten Augen, ein Lächeln des Munde[s], der die Verse gelesen“, einen „Druck der Hand, der die Blätter gehalten“.24 Günthers späteres Abschiedsgedicht An Leonoren, 1720 entstanden (GW III.II, 169) und von Storm in seiner Anthologie Deutsche Liebeslieder seit Johann Christian Günther abgedruckt, beschwört das 1714/15 geknüpfte Band zwischen beiden wieder herauf: „Gedenk’ an Altan, Hof und Herd / Wobei sich dir mein Herz erklärt“ (GW III.I, 178). Aufgerufen werden mit „Altan, Hof und Herd“ die „Verständigungszeichen und Listen“ der Verliebten, insbesondere ihre Begegnungen an von einer „verschwiegene[n] Freundin“ vermittelte Zufluchtsstätten „zum Schutz vor Feinden und Aufpassern“.25 Der Vers „Wobei sich dir mein Herz erklärt“ gibt ebenso wie die Verse „Versiegele den Bund durch einen feuchten Kuß, / Biß dich des Priesters Hand mir völlig überreiche“ (GW I, 224) zu erkennen, dass der „argumentative Fixpunkt“ von Günthers Liebesge- 23 Wie sensibel man um 1700 auf voreheliche Liebe reagierte, zeigt Krämers Hinweis darauf, dass Jachmann, „das Gerede der Leute fürchtend“, von Günther „verlangte [...], daß er in seinen Gedichten ihren Namen nicht nenne“ (Krämer, Günthers Leben, S. 80). In Liebesgedichten wie Auf den Tod seiner geliebten Flavie (GW I.I, 185), die Günthers Beziehung zu Jachmann vorangegangen waren, hatte Günther durch die traditionelle Namensgebung „Flavie“ vermutlich die Adressatin vor übler Nachrede zu schützen versucht. Krämer führt die Fiktionalisierung „Flavie“ zudem darauf zurück, dass der „niedere gesellschaftliche Status“ des realen Urbilds der Flavien-Gedichte (Krämer, Günthers Leben, S. 372) verhüllt werden sollte. 24 Krämer, Das Leben Günthers, S. 80. 25 Ebd., S. 82. Walter Kühn 167 dichten „implizit oder explizit [...] immer die Ehe“ gewesen ist.26 Dazu fügt sich, dass vermutlich am 3. April 171527 die ‚Verlobung‘ vollzogen worden ist, inoffiziell und in dem Bewusstsein, dass in einer „Frist / Von vier und zwantzig Wochen“ (GW I, 227) „die Beständigkeit von meiner reinen Liebe“ (GW I, 226) sich in der Ferne erweisen musste, da das Ende von Günthers Schulzeit, die er so lange wie möglich hinauszuzögern versuchte, bevorstand. Besonders schwer wog zudem, dass gegen Ende seiner Schulzeit sein Drama Die von Theodosio betreute Eifersucht (GW I.I, 261- 360) aufgeführt wurde, dessen gotteslästerliche und satirische Spitzen gegen Schweidnitzer Bürger und protestantische Geistliche ihm einen bösen Leumund einbrachte, der ihm künftig viele Türen verschloss. Unter den acht Gedichten, die Günther in der Zeit des nahenden Abschieds von Jachmann verfasste, ragt Abschieds-Aria heraus. Mit ihm verabschiedete er sich im Herbst 1715 auf dem Gut Roschkowitz in Schlesien von Jachmann, um an der Universität Wittenberg ein weniger teures Medizinstudium aufzunehmen. Einfühlsam schildert Krämer: [I]n Leonorens Händen [blieb] das schönste Gebild seines schöpferischen Lebens, eins der wenigen wirklichen Gedichte aus dieser brausenden Frühe [...]. Es ist seit den sehnenden seligen Strophen Heinrichs von Morungen, der von sich sagte, er sei des Sanges wegen zur Welt geboren, das erste große Liebesgedicht, seit Wolframs Wächterruf vom Tage [...] das erste große Tagelied neudeutscher Dichtung.28 Die Entstehungsumstände von Günthers An Leonore bey dem andern Abschiede zeigen das Scheitern des Versuchs einer bürgerlichen Existenzgründung im ehelichen Verbund. Ausschnitthaft bezeugt dies eine 1720 verfasste autobiographische Passage in Günthers Briefgedicht An Herrn Marckard von Riedenhausen. Anno 1720.29 Der von Krämer unter „Klagelieder“30 und von Bölhoff unter „Freundschafts-Gedichte und -Briefe“ (GW III.I, 123-129) rubrizierte Brief an Günthers Leipziger Studienfreund Johannes Wilhelm Marckard (1699-1757) stammt aus Günthers letzter Schaffensphase. Sie war geprägt von Leidensdruck. Günther stemmte sich mit fieberhafter dichterischer Produktivität entgegen und 26 Osterkamp, Scherz und Tugend, S. 54. 27 Vgl. Enders, Zeitfolge der Gedichte und Briefe Johann Christian Günthers, S. 19, 90f., 177f. 28 Krämer, Das Leben Günthers, S. 105. 29 Vgl. Dahlke, Günthers dichterische Entwicklung, S. 136-140. 30 Günther, Sämtliche Werke, Bd. II, S. 89-94. „Trostbild der Gedancken“ 168 klammerte sich an das unrealistische Vorhaben, künftig Dichter einer Gelehrtenrepublik zu sein. Er war seit seiner erfolglosen Bewerbung um das Amt als höfischer Dichter bei August dem Starken in Dresden im August 1719 ein getriebener Außenseiter, der sich in seine schlesische Heimat und nach Magdalena Eleonore Jachmann zurücksehnte – glücklos, wie der Studienfreund nun erfahren sollte. Bezeichnend für Günthers aussichtslose Lage sind die Ortsangaben des brieflichen „Bericht[s]“: „Hirschberg“, „Striegau“, „Schweidnitz“, „Breßlau“ und nun schließlich „Lauban“ markieren Stationen für die „krümmste Bahn“ rastloser Orientierungslosigkeit. (GW III.I, 125ff.) Das Äußerste an physischer Not deutete Günther mit „Bis Hirschberg hielt der Fuß, drauf hinkt er“ (GW III.I, 125) an. Aufgrund seines Wanderlebens hatte der Fuß zu eitern begonnen, sodass Günther sich nun bei der Niederschrift des Briefes zu einem langen Aufenthalt in einem Armenund Siechhaus in Lauban gezwungen sah, „ohne sich rühren zu können: hilflos, hungrig, ohne Pflege, sterbenskrank“31: Hier lieg ich nun gestreckt, die Kräfte sind geschwächt; Der Nordwind deckt mich oft mit Flocken durch das Dach; Kein Freund, kein Mensch, kein Hund erfährt mehr Ungemach, Dieß kann ich sogar im Schlafe nicht vergessen. (GW III.I, 127) Das Äußerste psychischer Not spricht aus seinen Schilderungen der ausweglosen familiären Situation. Sein Vater hatte endgültig mit ihm gebrochen: Kein Vater ließ mich vor. [...] Die treue Mutter lag, die Schwester weint und schwieg. Ich zog mit Wehmut aus [...]. (GW III.I, 125) Isolation versursachte zudem die feindselige Umwelt. Der „Lästrer Pfeil“, die „Misgunst“, die „Feinde“, die mit „Lerm [drohten]“ (GW III.I, 125f.), hefteten sich an seine Fersen. Schutz fand er für eine kurze Zeit in „Breßlau“. Nachdem er Jachmann vergeblich in Schweidnitz gesucht hatte, hatte er sie auf Schloß Zeiditz, wo sie inzwischen als Wirtschafterin arbeitete, wiedergefunden. Die erneute Begegnung zeigte ihm jedoch abermals die Unerreichbarkeit seiner Liebe und stärkte den Plan, sein Medizin-Studium abzuschließen, um vielleicht einmal eine Stelle als Arzt in 31 Kemper, Johann Christian Günther, S. 308. Walter Kühn 169 Schlesien zu finden. Wieder war der Abschied der beruflichen Entwicklung geschuldet. Günther bündelte seine brieflichen Schilderungen in der Formulierung „nichts als Leid“ (GW III.I, 125), doch deutete er Marckard noch seine Erinnerung an das Wiedersehen und das wohl „unmittelbar vor der Abreise nach Lauban“ (GW III.II, 166) entstandene Widmungsgedicht An Leonoren bey dem andern Abschiede als seine Habe im Armenhaus an: Ein traurig Lebewohl beschloß die keusche Lust; O Himmel, daß du stets so grausam wechseln mußt. Jch rieß mich brünstig loß, sie sah betrübt zurücke; Verstehst du, wie man liebt, so bild es dir nur ein, Was Thränen solcher Angst vor Scheidewasser seyn; Jch fühl es, wenn ich nur das Abschiedslied erblicke. (GW III.I, 126) Die Strophe kann als Zugang zu Günthers existentieller Widmungspoetik gedeutet werden. IV. Welchen Stellenwert die ‚Gelegenheit‘ und poetische Darstellung des Abschieds für Günther hat, ist in der Forschung zu Recht im Rekurs auf eine Definition Peter Szondis gezeigt worden. „Das Grundmotiv aller tragischen Situationen“, schreibt Szondi in seinem Versuch über das Tragische, „ist das Abscheiden“, dessen „dialektische Struktur“ Goethe erfasst habe: Abschied ist Einssein, dessen einziges Thema die Entzweiung ist; Nähe, die nur noch die Ferne vor Augen hat, die darauf zustrebt, wie verhaßt sie ihr auch sei; Verbundenheit, welche die Trennung, ihren Tod, indem sie Abschied ist, selber vollzieht.32 Die Ambivalenz von Nähe und Distanz ist ein wesentliches Strukturmerkmal von Günthers Widmungsgedichten. Sie wird in der Strophe an den Leipziger Studienfreund augenscheinlich. So spiegelt die mit Günthers Klagedichtung in Verbindung stehende Aufbietung der barocken Wettermetaphorik „O Himmel, daß du so grausam wechseln mußt“ für 32 Peter Szondi. Versuch über das Tragische. Frankfurt am Main 1964, S. 32. Vgl. Stenzel, Günthers „Abschieds-Aria“, S. 381; Regener, Stumme Lieder, S. 28. „Trostbild der Gedancken“ 170 eine Spannung zwischen Verbundenheit und Ferne: „Ein traurig Lebewohl beschloß die keusche Lust“. In An Leonoren bey dem andern Abschiede wird daran eine ästhetische Vermittlung von Zeit gekoppelt, die die Situation des Abschieds als eine konstant gegenwärtige erscheinen lässt: Du daurest mich, du allerliebstes Kind! Du fühlst mein Weh, ich leide deine Schmertzen, Da Glück und Zeit so lange grausam sind, Und mit dem Flehn getreuer Seelen schertzen; Du leidest viel, doch gieb der Treu Gehör! Ich leide mehr. [...] Viel auszustehn und gleichwohl froh zu seyn, Vermag kein Geist, den Lieb und Ruhm nicht stärcken; Kind! gute Nacht! mein Anblick mehrt die Pein, Jch kan die Angst an Farb und Sprache mercken; Sieh mich noch an, und lebe wohl und sprich: Du daurest mich. (GW III.I, 175f.) Der literarische Liebesdiskurs im Augenblick des Abschiednehmens ist, wie Preisendanz gezeigt hat, kunstvoll in Szene gesetzt worden. Die Anfangs- und Schlussstrophen bringen eine Zirkelbewegung zum Ausdruck. Da „der letzte Kurzvers“ – und dies nicht nur hier, sondern im Strophenschema des ganzen Gedichts – „Glied [...] des allerersten Langverses“ ist,33 wird folgender Eindruck, der auch in Günthers Mitteilungen an den Freund „Jch fühl es, wenn ich nur das Abschiedslied erblicke“ reflektiert zu sein scheint, erzeugt: Der Abschied „ist nicht als ein ‚aufgehobener‘ und reflektierter“ dargestellt, sondern „als aktueller Vollzug [...], als eine die Rede unmittelbar und synchron veranlassende Situation“.34 Dieses 33 Preisendanz, Präsente Bedrängnis, S. 231. 34 Ebd., S. 227. Preisendanz deutet die zirkuläre Textbewegung in Orientierung an Goethes Bild des Pulsschlags: „[D]ie im Kurzvers als metrische Kontraktion gestaltete Systole wird durch das Wiederauftreten des Verses in einer neuen Perspektive von einer Diastole abgelöst. Dieses [...] Verhältnis von Diastole und Systole, von Bewegung und Sammlung bildet den Sinn des Strophenschemas; macht dieses zum rhythmischen Komplement der gedanklichen Dialektik von ausgreifendem Pathos und stoischer Fassung“ (ebd., S. 230f.). Auf die Bedeutung der zyklischen Form als Bewältigung des Abschiedsschmerzes, die Ruhe und Sicherung der Treue garantiere, weist auch Dürrenfeld hin (Eva Dürrenfeld: Paul Walter Kühn 171 „eigentümliche Hervortreten des Vorganghaften“35 steht in engem Zusammenhang mit Günthers literarischer Erzeugung von Individualität. Das „Stilprinzip geradezu mündlicher Privatheit“36, wie es am Beginn des ersten Verses bei „Du daurest“37 erkennbar wird, suggeriert „Zweisamkeit in solchem Maß“, dass es fast den Anschein hat, als ob das Gedicht „mit niemanden als mit der Angeredeten zu kommunizieren scheint.“38 Einen Zuwachs erfährt dies im Hinblick darauf, dass hier Liebe als gegenseitige Teilhabe dargestellt wird. So erinnert manches an Günthers subtile Anknüpfung an die im Minnesang etablierte Gattung der „Wechselrede“.39 Günther hat deren bereitgestellte Möglichkeit, ein vertrauliches Gespräch zweier Liebender zu inszenieren, erprobt: An Leonoren. Jch nehm in Brust und Armen Den schweren Abschieds-Kuß, Der Himmel hat Erbarmen, Jndem er trennen muß. Jch kueß ich wein und liebe, Mein treues Lorchen spricht: Sie habe gleiche Triebe Wie aber weint sie nicht? Leonorens Antwort. Du suchest ja dein Gluecke, Das hier wohl nicht mehr blueht, Jch hasse das Geschicke, Das uns vonsammen zieht. Ach! saehst du meine Schmertzen, Fleming und Johann Christian Günther: Motive, Themen, Formen. Tübigen 1964, S. 236-240). 35 Preisendanz, Bedrängte Bedrängnis, S. 230. 36 Zymner, Literarische Individualität, S. 268. 37 Preisendanz weist auf die „Menge notorisch umgangssprachlicher und für die Poetik der Renaissance zum stilus humilis gehöriger Wendungen“ als Merkmal von Günthers literarischer Arbeit hin: „Schon der Einsatz: ‚Du daurest mich‘ darf als ein Ausdruck angesehen werden, der im Umkreis der Lyrik des 17. Jahrhunderts nur im niedrigsten der genera elocutionis am Platz sein konnte [...].“ (Preisendanz, Bedrängte Bedrängnis, S. 225). 38 Ebd., S. 227. 39 Ebd., S. 232. „Trostbild der Gedancken“ 172 Jch schweige, werthes Licht! Jch liebe dich von Hertzen, Und darum wein ich nicht. (GW III.I, 177)40 In An Leonoren bey dem andern Abschiede bezeichnen „ich leide deine Schmertzen“, „Du leidest viel“ in der ersten sowie „Ich kan die Angst an Farb und Sprache mercken“ in der letzten Strophe ein wichtiges Element von Günthers situativer Poetik.41 Die „Gemeinsamkeit beider Liebenden“ scheint nahezu „alle Äußerung“ zu grundieren.42 Bedroht von der Zeit orientiert sich die männliche Stimme an der Adressatin, spricht mit dieser mit, antwortet ihr und bittet sie schließlich noch um das erlösende gemeinsame Wort: „Sieh mich noch an, und lebe wohl und sprich: / Du daurest mich“. Die fünfte Strophe von An Leonoren bey dem andern Abschiede setzt mit einer stoischen Sprachformel ein, die nach den beiden vorangegangenen Versen „Daß leicht kein Mensch so rein als ich geliebt, / Obgleich betrübt“ genau in der Mitte des Gedichts platziert worden ist, und verweigert sich schließlich einem Lebensplan, der die Ehe mit einer anderen Frau vorsieht. Dazwischen wird, in Parallelität zu den Versen „Mein Vaterland versagt mir Glück und Stern, / Dies blüht vielleicht in unbekandten Ländern“ der achten Strophe, „Poesie und Kunst als Terrain der 40 Hans Dahlke hat die Leistung dieses Gedichts darin gesehen, dass in Günthers Text „keine Spur von literarischer Konvention“ oder „rhetorischer Pointierung“ zu finden sei, sondern Schlichtheit des Ausdrucks mit „bestrickende[r] Subtilität“, die in Günthers „raffinierte[r]“ Beherrschung des „alten barocke[n] Stilmittel[s] antithetischer Gedankenführung“ bestehe (Dahlke, Günthers dichterische Entwicklung, S. 147-149). Vgl. auch Wolfgang Trautwein: „Von innen zwar ein Paradies, von außen Unruh, Zanck und Plagen.“ Zur Komposition von Johann Christian Günthers Liebesgedichten. In: Daphnis 16 [1987], Nr. 1/2, S. 210-212). Böhloff warnt im Kommentar seiner einbändigen Günther Werkausgabe vor „distanzlosen Deutungen“ und weist darauf hin, dass es sich um die „Inszenierung eines direkten Zwiegesprächs“ handelt, in dem die zweite Strophe eine imaginierte „Wunschantwort“ darstellt (Günther, Werke in einem Band, S. 1529). 41 Preisendanz erläutert den Zusammenhang von Zeit- und Figurendarstellung wie folgt: „Gerade dadurch, daß eine Wechselrede impliziert ist, daß die Worte des Sprechers mit einem Male auch Reflex des Verhaltens und Redens Leonorens sind, vollendet sich der Eindruck“, dass „die objektive Dauer einer der poetischen Rede synchronen und sie als ‚historische‘ Gelegenheit umgreifenden und bestimmenden Abschiedssituation“ zur Sprache komme. „[D]as ‚Mimetische‘ dieser lyrischen Darstellung hat seinen [...] Ursprung im Poetischen.“ (Ebd., S. 232) 42 Stenzel, Günthers „Abschieds-Aria“, S. 388. Walter Kühn 173 gemeinten Freiheit“43 durch die selbstbezügliche Wendung „Trostbild der Gedancken“ erstrebt: Obgleich betrübt, jedennoch unverzagt. Der Himmel zürnt, wer will mit diesem zancken? Wohin mich auch mein hart Verhängnüß jagt, Da bleibest du ein Trostbild der Gedancken; Wirst du mir nicht, so haß ich Lieb’ und Eh. Nun, Kind, ich geh. (GW III.I, 175f.)44 Die Devise „Obgleich betrübt, jedennoch unverzagt“ ist eng mit „Trostbild der Gedancken“ verbunden worden. Sie weist auf Günthers Widmungsverständnis hin, an privates Erleben zu erinnern. Das „Gedicht selbst“ wird hier zum „unhintergehbare[n] Ort der Liebesbeziehung“: Die Gegenwärtigkeit der Schrift ist eine kompensatorische Stütze für die „physische Absenz der Liebenden“ und reaktiviert „ihre Liebe in der lektüregeleiteten Erinnerung“.45 Die fünfte Strophe von Günthers 1720 verfasstem Gedicht An Leonoren bey dem andern Abschiede hat ihre Vorprägung in der siebten Strophe der Abschieds-Aria von 1715.46 Es wird hier deutlich, dass Günther Motive aus der Tradition des Tagelieds, wie Jürgen Stenzel durch seinen Vergleich zwischen Günthers Abschieds-Aria und Christian Friedrich Hunolds (1680-1721) galantem Gedicht An Thalestris, als er von ihr Abschied nahme gezeigt hat, „in tief verwandelter Weise“47 übernommen hat. Die Geste des Überreichens eines Geschenks, die in dem Motivbestand des Tagelieds einen festen Ort hat, wird eingeleitet im Übergang von der sechsten zur siebten Strophe. Wird am Schluss der fünften Strophe noch bestehendes Liebesglück durch die Verse „Da sah uns auch bey selbst erwünschter Ruh, / kein Wächter zu“ gezeigt, so wird nun „tageliedähnlich mahnend mit einem Glockenschlag das Ende des letzten Beisammen- 43 Vgl. Regener, Stumme Lieder, S. 53. 44 Preisendanz hat die Nähe dieser Strophe zu Paul Flemings Versen des Sonetts An sich herausgestellt: „‚Sei dennoch unverzagt, gieb dennoch unverloren, [...] / Was dich betrübt und labt, halt Alles für erkoren, / nim dein Verhängnis an‘“ (Preisendanz, Präsente Bedrängnis, S. 229f.). 45 Kemper, Johann Christian Günther, S. 319. 46 Vgl. Regener, Stumme Lieder, S. 53. 47 Stenzel, Günthers „Abschieds-Aria“, S. 385. „Trostbild der Gedancken“ 174 seins“48 eingeläutet und Zeitdruck signalisiert: „Genug! ich muß, die Marter-Glocke schlägt“. Die folgenden Verse lauten wie folgt: Hier liegt mein Hertz, da nimm es aus dem Munde, Und heb’ es auf, die Früchte, so es trägt, Sind Ruh und Trost bey mancher bösen Stunde, Und ließ, so offt dein Gram die Leute flieht, Mein Abschieds-Lied. (GW I.I, 241) Hunolds Abschiedsgedicht An Thalestris, als er von ihr Abschied nahme bewegt sich in der konventionellen Bahn galanter Lyrik: Ein treuer Knecht erkühnet sich zuletzt, Dir, schönstes Kind, das Blat zu überreichen. Du hast mich ja der Gnade werth geschätzt, Dein schönes Hertz durch Seufftzer zu erweichen; Drum gönne doch ein gnädig Angesicht Der letzten Pflicht.49 Verse wie diese hat Stenzel dahingehend gedeutet, dass Hunolds Gedicht einen „völlig anderen Zweck“ als Günthers Lied verfolge. Der Vers „Dir, schönstes Kind, das Blat zu überreichen“ ist Teil einer „Verführungsrhetorik“, die die Gelegenheit des Abschieds lediglich als „Anlaß und Vorwand“ nimmt. In der „petrakistische[n] Rolle des dem Tode nahen, ewig treuen Knechtes“ versucht der Sprecher, die Angesprochene, die „real Sexual- und literarisch bloßes Anredeobjekt“ ist, „in letzter Minute noch zur Hingabe zu überreden“. Günthers Gedicht hingegen artikuliere „den Abschied aus erfüllter Liebe“.50 In diese Perspektive fügen sich die tonangebenden ersten beiden Verse von Günthers Abschieds-Aria: „Schweig du doch nur, du Hälfte meiner Brust; / Denn was du weinst, ist Bluth aus meinem Herzen“. (GW I.I, 241) Der Trennungsschmerz, der wie in An Leonoren bey dem andern Abschiede so dargestellt wird, dass er sowohl Sprecher als auch Adressatin angeht, bewirkt „Zärtlichkeit der innerlichen Qual“, die es dem Sprecher 48 Regener, Stumme Lieder, S. 44. 49 Christian Friedrich Hunold: Galante, Verliebte Und Satyrische Gedichter. Erster und Anderer Theil. Hamburg 1704. Zitiert nach: Stenzel, Günthers „Abschieds-Aria“, S. 383. 50 Stenzel, Günthers Abschieds-Aria, S. 385f. Walter Kühn 175 unmöglich mache, „ein gantzes Wort“ zu bilden. Die dritte Strophe nimmt diesen Bezug auf die eigene Sprachnot wieder auf und fragt: Welch Pflaster kan den tieffen Riß verbinden? Den tieffen Riß, der dich und mich zuletzt In Kummer setzt? (GW I.I, 241) Die siebte Strophe scheint die Antwort zu geben. Mit dem feierlichen Vers „Hier liegt mein Hertz, da nimm es aus dem Munde“, der an „Nehmet, esset: das ist mein Leib“ (Mt 26,26) erinnert,51 wird „das Abschiedslied selbst [...] mit dem Herzen des Sprechenden“52 identifiziert und in einen, wie Stenzel gezeigt hat, „verwirrend weiten Anspielungshorizont“ eingerückt, der sich durch Günthers Verknüpfung des „Herzen[s]“ mit „Mund“ und „Lied“ ergibt. Stenzel ist dieser Verbindung in „Sprichwörtern, Gesangbuchversen und Bibelstellen“ nachgegangen. Er stellt besonders heraus, dass in der „emblematischen Literatur [...] das Essen des eigenen Herzens als Sinnbild verzehrenden Grams“ vorgestellt wird und kommt zu folgendem Deutungsangebot: Vor diesem Hintergrund gelesen würden diese Verse darum bitten, daß die Geliebte das Zeichen des Grames, sein Lied, von ihm nimmt – im doppelten Sinne der Annahme und der Befreiung – und mit ihm [....] ihre eigene Trauer tröstet. Und das wäre das Siegel der Unzerstörbarkeit ihrer Liebe – das Abschiedslied. Sprache gewordener Schmerz beider Liebenden und Zeichen ihrer Hoffnung [...].53 Verbindendes Element von An Leonoren bey dem andern Abschiede und Abschieds-Aria ist Trost. Das „Trostbild der Gedancken“ in dem Abschiedsgedicht von 1720 korrespondiert mit der emblematischem Sprechen verpflichteten siebten Strophe des 1715 überreichten Gedichts. Es kennzeichnet Günthers Schreib- und Widmungsverständnis: Im Medium des poetischen Worts soll Zweisamkeit als buchstäblich Beständiges gegenwärtig bleiben.54 Die auf Überzeitlichkeit zielende Macht der Poesie kommt am Ende der Abschieds-Aria erneut zum Ausdruck: 51 Auf den Bezug zum letzten Abendmahl deutet Stenzel hin (Stenzel, Günthers- Abschieds-Aria, S. 388). 52 Zymner, Literarische Individualität, S. 272. 53 Stenzel, Günthers „Abschieds-Aria“, S. 389. 54 Vgl. Kaminski, Textualität des Erlebens und Materialität der Zeichen in Günthers Liebesgedichten, insbesondere S. 235f. „Trostbild der Gedancken“ 176 Ich sterbe dir, und so soll ein fremder Sand Den offt durch dich ergetzten Leib bedecken; So gönne mir das letzte Liebes-Pfand, Und laß ein Creutz mit dieser Grab-Schriftt stecken; Wo ist ein Mensch, der treulich lieben kann? Hier liegt der Mann. (GW I.I, 243) Wie in den Versen „Sieh mich noch an, und lebe wohl und sprich: / Du daurest mich“ in An Leonoren bey dem andern Abschiede wird abermals das Ganze der Ich und Du umfassenden einen Stimme angestrebt. In Orientierung an der Grabschrift „Der hier ruht als kalter Staub, einer Liebe Diener war er einst“55 von Properz wird der Wunschgedanke mitgeteilt, das Du möge dem Ich eine Widmung stiften, da nur „die Geliebte [...] es [...] wahr machen [kann], daß es um die gemeinsame Liebe zweier Menschen geht, nicht um das Begehren nur des einen“.56 V. Das Motiv der Treue ist fundamentaler Bestandteil von Günthers Liebesgedichten.57 Es wirkt sich nicht nur formbildend auf den Schluss der Abschieds-Aria aus, in dem um eine „Grab-Schrifft“ als „letzte[s] Liebes- Pfand“ gebeten wird, sondern zeigt sich auch in weiteren frühen Liebesgedichten von Günther. Sie loten in Auseinandersetzung mit normbildenden Werken die Frage aus, die schließlich in dem 1721 verfassten Gedicht Als er der Phillis einen Ring mit einem Todten-Kopfe überreichte gestellt wird: „Wie reimt sich Lieb’ und Tod’ zusammen?“ (GW III.I, 55 Zitiert nach: Stenzel, Günthers „Abschieds-Aria“, S. 386. 56 Ebd. 57 Borgstedt hat in Anknüpfung an die Forschungen Osterkamps und Regeners darauf hingewiesen, dass Günther sich von einer „vorindividualistischen Semantik“ barocker „Repräsentativität“ löse, indem er „Diskurse der Authentizität“ mitbefördert habe: „[D]as ‚intersubjektiv‘ aufgefaßte Treuemotiv“ gehöre wie „das Betonen“ des „Wahrheitsbezuges seiner Poesie gerade gegenüber [...] gesellschaftlichen Zumutungen“ und die Behauptung „eigene[r] ‚Redlichkeit‘“ angesichts seines „Lebensschicksal[s]“ zu der wesentlichen „Argumentationsstrategie, [...] die einen modernen und subjektbezogenen Charakter haben“ (Borgstedt, Petrarkismus und Präsenz in Liebesdichtung, S. 175). Walter Kühn 177 242).58 Vor diesem Hintergrund ist auch Günthers „mehrfach aufgegriffene Praxis“ zu sehen, in Anlehnung an die „,Anthologia Graeca‘ und die Neulateiner“ Gedichte wie An seine Schöne „mit einem eigenen Epitaph zu krönen“ (GW I.II, 339): Jedoch soll mich der Tod entreissen, Du aber meine Leiche sehn, So soll mir doch der Wunsch geschehn, Dir in der Grufft getreu zu heissen; Mein Blut soll dir beständig seyn Und meines Cörpers Leichen-Stein Wird diese Grab-Schrifft nie verliehren: Hier schläfft mein Kind! dein ander Ich, Dem wenig, glaub’ es sicherlich, Den Preiß der Redlichkeit entführen. (GW I.I, 227)59 Günther hat als „geübte[r] Abschiedsschreiber“60 von mindestens siebzehn Abschiedsgedichten61 die emblematische Kunstform eingehend berücksichtigt. Die Konstellation von „Grufft“ und „Leichen-Stein“ als darstellendem und „Grab-Schrifft“ als ausdeutendem Teil wird besonders in Günthers 1714 (GW I.II, 306) erarbeitetem Gedicht Auf den Tod seiner geliebten Flavie deutlich. Liebe und Tod, Treue und letzter Abschied werden auch hier imaginiert, nun jedoch durch eine über etablierte Gattungskonventionen hinausgehende innovative Gestalt. 58 Regener hat den Vers passgerecht als Überschrift für das vierte Kapitel ihrer Studie gewählt, das präzise Analysen von Günthers folgenden Gedichten bietet: Auf den Tod seiner geliebten Flavie, Als er sich der ehemals von Flaviens Genoszenen Gunst noch erinnerte, Als er ohngefehr auf dem Kirchhofe mit seiner Leonore zusammenkam, Abschied von seiner ungetreuen Liebsten, Eher todt als ungetreu (Regener, Stumme Lieder, S. 74-156). 59 Osterkamp hat in diesem vier Strophen umfassenden Gedicht das „strukturelle Widerspiel“ zweier „Argumentationsmuster“ herausgefiltert. „Während in den Mittelstrophen“, in denen radikal mit Versen wie „Eröfne mit das Feld der Brüste, / Entschleus die wollustschwangere Schoos“ (GW I.I, 226) „die körperliche Vereinigung“ angestrebt wird, „die Liebe als Scherz der Zeit gehorcht, siegt in den umrahmenden Strophen“, insbesondere „mit der das Gedicht beschließenden Grabschrift“, „die Liebe als Treue über die Zeit“ (Ernst Osterkamp, Scherz und Tugend, in: Text + Kritik (1982), Nr. 74/75, S. 56). 60 Regener, Stumme Lieder, S. 27. 61 Reiner Bölhoff: Johann Christian Günther 1695-1975. Literatur und Leben. Bd. 2: Kommentierte Bibliographie. Freiburg 1978. S. 383. „Trostbild der Gedancken“ 178 Auf den Tod seiner geliebten Flavie ist, wie insbesondere Regener in ihrer motiv- und gattungsgeschichtlichen Studie überzeugend dargelegt hat, ein gewagtes Experiment. Es zeugt von „Eingriffe[n] in bestehende Gattungskonventionen“,62 die Traditionen und Verfahren der Sinnerzeugung auf die Probe stellen. Auf den Tod seiner geliebten Flavie stellt eine Mischung von Elementen der Gattungen Elegie, Schäfergedicht und Epicedium dar, die bezeichnend ist für Günthers „Bestreben“, das „antithetisch-symmetrische Denken seiner Epoche in Bewegung zu bringen“.63 Maßgeblich ist der Anfang des Gedichts: Stirbt meine Flavie? so klagen meine Flöten, Der Schlag, so sie gefällt, muß mich auch selber tödten; Die Schönheit, und ihr Kind, mein Leben sinkt ins Grab. (GW I.I, 185) Der elegische Grundton erfährt in den folgenden Strophen eine Zunahme. Das Außen, das durch Bilder wie „todte Thäler“ und „Angstgebürge“ aufgerufen wird, entspricht dem Innen, das durch den Verlust der Geliebten „Kummer, Angst und Leid“ erfährt und sich dadurch fast selbst wie begraben, wie „in die Erde“ (GW I.I, 187) gezogen fühlt. Die „Topographie dieser gesteigerten Klage ist Flaviens Grabstätte“64 in der fünften Versgruppe: [...] Bey diesem Leichensteine, Der meiner Flavien geliebtesten Gebeine Bedeckt, doch nicht beschwert, vergeht mein Paradies. (GW I.I, 187) „Bey“ ist ein Signal für die Nähe des Textes zur Gelegenheitsdichtung. Der Präposition schließt sich ein feierlicher Gestus an, der offenbar macht, dass vom gedanklichen Fundament des Barock abgewichen wird, da vergeblich eine „im Sinne des kirchlichen Epicediums falsch verstandene Auferstehung“65 angestrebt wird: 62 Regener, Stumme Lieder, S. 155. Es wäre einer genaueren Prüfung wert, ob Günthers Traditionsverhalten mit Böhns Konzept des „Formzitat[s]“ (Andreas Böhn: Bestimmung einer Textstrategie im Spannungsfeld zwischen Intertextualitätsforschung und Gattungstheorie. Berlin 2001) als Übernahme der Struktur eines Textes in einen anderen Text beschreibbar ist. 63 Regener, Stumme Lieder, S. 155. 64 Ebd., S. 88. 65 Ebd. Walter Kühn 179 [...] Bringt Blumen und Violen, Laßt Narden und Jasmin aus fremden Ländern holen; Salbt den erblaßten Leib, beräuchert Gruft und Sarg Mit Ambra und Zibeth; ja zieht das beste Mark Aus Perlen, Gold und Stein, belebt die kalten Glieder Mit warmen Mumien, vielleicht erwacht sie wieder. (ebd.)66 Die glückverheißenden wie fruchtlosen Versuche, die Geliebte wiederzubeleben, münden in dem für Gelegenheitsdichtung zentralen Aspekt, dass die „Schreibsituation des Autors in das Carmen“67 einbezogen wird: Ach! daß ichs, wie ich will, nicht gut besingen kann, Nicht recht beschreiben darf. Es soll gleichwohl indessen Dein Grabmal, deine Gruft von Lorbern und Cypressen Erhöht und lustig stehn. Ein jährlich Trauerfest, (Wer weiß, ob mich der Tod so lange trauren läßt!) Soll dir gewidmet seyn. (GW I.I, 188) Eine ausdrückliche Grabschrift, die eng mit dem Refrain „Stirbt meine Flavie? so klagen meine Flöten / Der Schlag [...] muß mich auch selber tödten“ verbunden ist, formuliert schließlich die drittletzte Strophe. Erstmals, so will es fast den Anschein haben, wird der Übergang von Sprachzweifel, die in den Versen „Wer schafft mir Kiel und Pinsel, / Der meinen Schmerzen malt, der meine Sehnsucht trifft“ (GW I.I, 191) zum Ausdruck kommt und sich in einer stockenden Rede fortsetzt, in authentische Klageworte vollzogen: 66 In den darauffolgenden Versen wird dies zurückgenommen: „Doch wer im Tode schläft, der schläft nicht eher aus, / Bis ihn der Himmel weckt, und sich das Sternenhaus / Zu seinem Bette naht. Ach widriges Geschicke!“ (GW I.I, 187) 67 Wulf Segebrecht hat in dem Teilkapitel „‚Die Feder fällt dahin...‘. Zur Integration der Schreibsituation des Autors in das Carmen“ seines Aufsatzes „Steh, Leser, still! Prolegomena zu einer situationsbezogenen Poetik der Lyrik, entwickelt am Beispiel von poetischen Grabschriften und Grabinschriftenvorschlägen in Leichencarmina des 17. und 18. Jahrhunderts“ (In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 52 [1978], S. 166-173) als gattungstypisches Merkmal herausgestellt, dass „dem Leser glaubwürdig zu vermitteln“ versucht wird, dass „der Schmerz des Autors [...] so stark“ sei, dass „er die Erfüllung seiner Aufgabe ernsthaft gefährdet“ sehe. (Ebd., S. 168) Regener führt daran anknüpfend aus, dass sich „Günther [...] mit der fünften Versgruppe, die sich mit der Unangemessenheit des Ausdrucks befasst, auf der Höhe der poetologischen Reflexion seiner Zeit“ befände und das von Preisendanz untersuchte „vorganghafte Dichten“ auch in Günthers Frühwerk zu erkennen sei. (Regener, Stumme Lieder, S. 90) „Trostbild der Gedancken“ 180 Hier soll mein Herze selbst dein bester Leichenstein, Die Ueberschrift von Blut: Hier liegt mein Leben, seyn. (GW I.I, 191) VI. Die beiden im zweiten Abschnitt skizzierten Günther-Bilder der Forschung stehen sich weniger trennscharf gegenüber, als es den Anschein haben mag. Einen wichtigen Impuls hat Zymner in seiner Differenzierung des für Moderne-Konzepte im Allgemeinen und für die Günther- Forschung im Besonderen relevanten Begriffs der Individualität gegeben. An die von ihm benannten Kriterien anknüpfend kann folgendes Resümee gezogen werden. Erstens sind Günthers Widmungsgedichte „Zeugnis [...] der Individualität ihres Verfassers“; sie geben zweitens literarisch die „Darstellung von Individualität“ sowohl auf der Seite des Adressanten als auch auf der Seite der Adressatin der Widmungen zu erkennen und zeichnen sich drittens aufgrund der „Individualität der Sprachverwendung“ als ein überlegtes Ineinander von imitatio und ‚Erlebnislyrik‘ aus.68 Damit ist ein integrativer Ansatz verbunden, der Günthers Widmungspraxis sowohl als realen Vorgang der Schenkung als auch als Herstellung ästhetischer Konstrukte nimmt, in denen sich amikale mit panegyrischen, sakralen und poetologischen Bezügen verbinden. Mit dem ersten Befund ist im dritten Abschnitt die Verflochtenheit von Günthers Leben und Werk, wie sie die ältere Forschung zum Maßstab genommen hat, berücksichtigt worden. In Anlehnung an Krämers verdienstvolle Günther-Biographie sollten sozialpsychologische Voraussetzung für zwei unglücklich Liebende angedeutet und nahegelegt werden, dass Günther allem Anschein nach eine Vielzahl seiner Abschiedsgedichte seiner inoffiziell Verlobten Magdalena Eleonore Jachmann in der realen Notlage erzwungener Trennung überreicht hat. Während in dieser Blickrichtung an den Fakt des Schenkens erinnert werden sollte, zielten die Ausführungen in den darauffolgenden Abschnitten auf die Struktur der Gedichtgeschenke selbst. Analysepotentiale, so sollte gezeigt werden, bietet insbesondere der Befund, dass Widmung und Abschied nicht lediglich Entstehungshintergrund von Günthers Liebesgedichten sind, sondern auch zum Motivbestand seiner Gedichtgeschenke gehören. Deutet man sie mit Zymners Kriterien „Darstellung von Individualität“ und „Individualität 68 Zymner, Literarische Individualität, S. 251. Walter Kühn 181 der Sprachverwendung“, werden Günthers literarisch anspruchsvolle Widmungstechniken kenntlich. Das hauptsächliche Augenmerk sollte dabei der ästhetischen Verfasstheit vor allem von Günthers Abschieds- Aria (1715), An Leonoren bey dem andern Abschiede (1720) und Auf den Tod seiner geliebten Flavie (1714) gelten, um folgende Aspekte von Günthers Schreibverfahren darzulegen: im vierten Abschnitt die literarische Erzeugung von Gegenwärtigkeit des Abschieds, die von Preisendanz als „präsente Bedrängnis“69 und von Koch als „Situationslyrik“70 bezeichnet worden ist, und die damit verbundene Inszenierung einer gemeinsamen Erlebnishaltung u.a. durch Günthers Individualität stiftende Orientierung an der Gattung der Wechselrede; im fünften Abschnitt war Günthers ausdrückliche Verwendung der Widmung als ein Motiv im Hinblick auf seine originelle Verarbeitung der Gattung der Grabschrift Gegenstand. Vor allem das „Fehlen der Publikumsbezogenheit“,71 die in der Widmung „Hier liegt mein Leben“ deutlich wird, stimmt mit Günthers individuellen, ‚erlebnislyrischen‘ Prägemarken überein, die u.a. im Hinblick auf den intimen Charakter seiner Gedichtgeschenke Abschieds-Aria und An Leonoren bey dem andern Abschiede entwickelt worden sind. 69 Preisendanz, Präsente Bedrängnis, S. 227-234. 70 Koch, Die erinnerte Geliebte, S. 348. 71 Regener, Stumme Lieder, S. 96.

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References

Zusammenfassung

Mit Band 2 der Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte wird eine Reihe von Sammelbänden zu Ringvorlesungen fortgeführt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen mit ihren jeweils eigenen Perspektivierungen übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Erscheinungen zuwenden. Im Fokus dieses 2. Bandes steht das Phänomen der Liebe.

Der wissenschaftliche Blick auf die Liebe ist immer einer auf eine Erscheinung, die sich auf sehr unterschiedliche Weise präsentiert. Das gilt sowohl in Hinblick auf ihre Historizität als auch ihre Systematizität. Und es gilt allemal für ihre Bewertung im Spannungsfeld von Sozialkonstruktion und biologisch-psychologischer Prädisposition. Aus diesem Spannungsfeld heraus schauen die Beiträge auf die tatsächliche oder vermeintliche Krise der modernen Paarbeziehung und fragen nach den Faktoren, die für die unterschiedlichen Bezeichnungen von Paarbeziehungen verantwortlich sind. In den Blick genommen werden Konstellationen der Liebe in den biblischen Erzählungen und ihrer Rezeptionsgeschichte, in der deutschen, englischen und französischen Literatur und im Film, in der Philosophie, der Musik und in der Kunst, gestern und heute. Ein eigener Blick wird auf die Idealtypik der ‚First Lady‘ in der politischen Kultur der USA geworfen.

Die Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte dokumentieren Ergebnisse regelmäßig stattfindender Ringvorlesungen an der Universität Koblenz-Landau. Die öffentliche Vortragsreihe wird als fester Bestandteil der universitären Veranstaltungskultur vom Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften am Standort Landau organisiert und widmet sich interdisziplinären Fragestellungen aus dem jeweiligen Blickwinkel der vortragenden Disziplinen. Auf diese Weise wird ein Forum für den aktiven wissenschaftlichen Austausch zwischen den Neuphilologien (Germanistik, Romanistik, Anglistik), der Kunst- und der Musikwissenschaft, der evangelischen und katholischen Theologie, der Soziologie, der Politikwissenschaft sowie der Wirtschaftswissenschaft ermöglicht und befördert.