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Thomas Müller-Schneider, Verschwindet die Paarbeziehung? Liebe und menschliche Natur im Zeitalter der Glückssuche in:

Lothar Bluhm, Thomas Müller-Schneider, Markus Schiefer Ferrari, Christoph Zuschlag (Ed.)

"Das süße Wort: Ich liebe dich", page 13 - 42

Konstellationen der Liebe in Literatur, Kunst und Wissenschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4258-8, ISBN online: 978-3-8288-7142-7, https://doi.org/10.5771/9783828871427-13

Series: LBKS - Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte, vol. 2

Tectum, Baden-Baden
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13 Verschwindet die Paarbeziehung? Liebe und menschliche Natur im Zeitalter der Glückssuche Thomas Müller-Schneider 1. Einleitung Geht das Zeitalter der Paare zu Ende? Es gibt verschiedene Gründe, sich dieser Frage zuzuwenden. Noch nie hatten Menschen so viele Handlungsspielräume zur Gestaltung ihres Lebens wie heute. Darin stimmen wichtige soziologische Zeitdiagnosen überein. Eine ist die „Multioptionsgesellschaft“ von Peter Gross, die er unter das plakative Motto „Nichts ist unmöglich“ stellt.1 Beeindruckend führt er uns die Moderne als einen Steigerungsprozess vor Augen, der die Optionen unablässig expandieren lässt. Biografie, Konsum, Lebensstile, Medizin auf allen Ebenen menschlichen Handelns mehren sich die Handlungsmöglichkeiten Schritt für Schritt. Aus Sicht der Akteure besagt die Individualisierungstheorie von Ulrich Beck letztlich etwas ganz Ähnliches. Durch die Moderne werden wir, so Beck, aus traditionellen gesellschaftlichen Verhältnissen herauskatapultiert. Er sieht uns inzwischen im Zeitalter des „eigenen Lebens“ angekommen, in dem die Individuen aus ihren, wie er sagt, „Verhaltenskäfigen“ ausbrechen.2 In seiner Zeitdiagnose der Erlebnisgesellschaft setzt Gerhard Schulze individuelle Handlungsfreiheit schlicht voraus; er analysiert, was Menschen daraus machen. Ihr oberstes Ziel ist es, aus der gegebenen Optionenvielfalt möglichst viel Lebensfreude und Glück zu gewinnen.3 1 Peter Gross: Die Multioptionsgesellschaft. Frankfurt/Main 1994. 2 Ulrich Beck: Das Zeitalter des „eigenen Lebens“. Individualisierung als paradoxe Sozialstruktur und andere offene Fragen. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (2001), Nr. 29, S. 3-6. 3 Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt/New York 1992. Verschwindet die Paarbeziehung? 14 Auch der Sozialkonstruktivismus regt, gerade in Verbindung mit den enorm gestiegenen Handlungsfreiheiten, dazu an, die Frage nach einem Ende der Paarbeziehung aufzugreifen. Der Sozialkonstruktivismus ist das unhinterfragte Glaubensbekenntnis der heutigen Mainstreamsoziologie. Man kann ihn als eine Metatheorie des Sozialen betrachten, die besagt, dass die soziale Wirklichkeit eine rein kulturelle Schöpfung ist. Wenn dies so sein sollte und wenn es noch nie so viele Handlungsfreiheiten wie heute gab, drängt sich geradezu die Frage auf, warum wir immer noch Paarbeziehungen führen sollten. Für freie, sozialkonstruktivistisch agierende Menschen ist doch vieles vorstellbar. Sie könnten, um mit Michel Foucault zu sprechen, Lebensarten erfinden, die heute noch unwahrscheinlich scheinen;4 sie könnten auf einschränkende Beziehungen verzichten, um sich wie uns das die vielzitierten Bonobos im Tierreich vormachen schnellem und unverbindlichem Sex hinzugeben; sie könnten mit „Friends with Benefits“ ganz normale Freundschaften für den Sex öffnen; möglicherweise wären auch feste Beziehungen nicht schlecht, vielleicht sogar offene, in denen man sich, wie es in manchen Kreisen heißt „polyamourös“ ausleben könnte; denkbar ist weiterhin ein Beziehungsleben, bei dem sich Partner regelmäßig heimlich betrügen. Und wer sagt eigentlich, dass wir unser Liebesleben auf Menschen beschränken müssten? Vielleicht sind ja bald schon Liebesroboter viel lohnendere Objekte als notorisch eigensinnige Menschen. Schließlich gibt es nicht wenige Stimmen, die an einer Zukunft der traditionellen Paarbeziehung zweifeln lassen. Schon vor zwei Jahrzehnten diagnostizierte der Soziologe Hartman Tyrell Anzeichen einer heraufziehenden Krise des Paares, weil er eine Abkehr von der „romantischdyadischen Liebe“ zu erkennen glaubte.5 Thomas Schroedter und Christina Vetter, zwei Autoren, die sich in einer Abhandlung polyamourösen Liebesformen widmen, prophezeien für die nahe Zukunft: Die Tradierung der auf romantischer Liebe basierenden Ehe (und sei sie auch noch so partnerschaftlich geführt) als hegemoniale und wei- 4 Michel Foucault: Von der Freundschaft als Lebensweise. Berlin 1984, S. 70. 5 Hartmann Tyrell: Romantische Liebe Überlegungen zu ihrer „quantitativen Bestimmtheit“. In: Theorie als Passion. Hrsg. von Dirk Baecker u.a. Frankfurt/Main 1987, S. 592. Thomas Müller-Schneider 15 terhin ‚normale‘ Lebens- und Liebesform stößt zunehmend an ihre Grenzen.6 Glaubt man den beiden Trendforschern Matthias Horx und Holm Friebe, drängen „neue Arrangements für Sexualität und Partnerschaft aus den Nischen in den Mainstream.“7 Und David Precht, um ein letztes Beispiel zu geben, sieht in seinem massenmedial vielbeachteten Buch über die Liebe ebenfalls neue Verhältnisse auf uns zukommen: „Ohne uns dessen bewusst zu sein wandert unser Verhalten wieder zurück in die Zeit vor der Romantik: Sex und Bindung driften auseinander.“8 Man darf also durchaus gespannt sein. Die Frage, ob die Paarbeziehung in unserer Gesellschaft verschwindet, lässt sich in drei präzisierende Teilfragen differenzieren: Lösen sich feste Beziehungen zugunsten unverbindlicher Sexualität auf (1); öffnen sich sexuell exklusive Beziehungen (2) und erkaltet unsere Gefühlswelt, d.h. sterben Liebe und Romantik aus (3)? In den folgenden Beitrag, der Antworten auf diese Fragen gibt, fließen Ergebnisse ein, die aus einem empirischen Projekt zur Ordnung des Liebeslebens in der spätmodernen Gesellschaft stammen. Im Rahmen dieses Projektes wurden zwei Befragungen durchgeführt, eine unter Studierenden und eine in einer westdeutschen Großstadt.9 Das Liebesleben von Studierenden ist für die vorliegende Forschungsfrage schon allein deshalb interessant, weil sich diese in einer Lebenssituation befinden, in der sie sich besonders ungebunden ausleben oder neue soziale Formen des Liebeslebens erproben könnten. In diesem Sinne sind Studierende Seismografen möglicher Trends, die in der Gesamtgesellschaft vielleicht nicht oder noch nicht zu beobachten sind. Die Befragung in einer großstädtischen Bevölkerung dient dement- 6 Thomas Schroedter/Christina Vetter: Polyamory. Eine Erinnerung. Stuttgart 2010, S. 145. 7 Matthias Horx/Holm Friebe: Polylove. Es ist kompliziert. Die neue Vielfalt von Geschlechterrollen, Partnerschaft und Sex. In: Trend Update (2012), Nr. 5, S. 6-14. 8 Richard Precht: Liebe. Ein unordentliches Gefühl. München 2009, S. 367. 9 Die Befragungen wurden im Zeitraum von 2012 bis 2013 durchgeführt. An der studentischen Befragung waren insgesamt 10 deutsche sowie zwei österreichische und eine Schweizer Universität beteiligt. Mehr als 10.000 Studierende haben den präsentierten Online-Fragebogen ausgefüllt. Die großstädtische Befragung wurde im Stadtgebiet von Karlsruhe ebenfalls mit Hilfe eines Online-Fragebogens durchgeführt. Diesen beantworteten über 1.200 Personen aus der angesprochenen Wohnbevölkerung. Verschwindet die Paarbeziehung? 16 sprechend zum Abgleich der empirischen Befunde, die an Studierenden gewonnen wurden. Mein Beitrag beginnt mit einer möglicherweise überraschenden oder gar irritierenden Diagnose zum Stellenwert der Paarbeziehung in unserer spätmodernen Gesellschaft. Diese Diagnose lässt sich, wie in einem weiteren Abschnitt gezeigt wird, viel besser mit Hilfe neuerer Befunde zur menschlichen Natur als mit gängigem soziologischem Gedankengut erklären. Anschließend folgen einige ausgewählte empirische Befunde zu Liebe und Bindung. Danach wird das Liebesleben jenseits der Paarbindung angesprochen, wobei es vor allem darum geht, dessen Grenzen in spätmodernen Gesellschaften aufzuzeigen. Der Beitrag schließt mit einem Fazit und einigen Überlegungen zur weiteren Entwicklung der Paarbeziehung und der sozialen Ordnung des Liebeslebens. 2. Empirische Diagnose zum heutigen Stellenwert der Paarbeziehung Der mehrheitliche Wunsch nach einer festen und lebenslangen Beziehung ist ungebrochen. Studierende, die sich über ihre zukünftigen Beziehungswünsche eine Meinung gebildet haben, geben zu knapp 82 Prozent an, in ihrem weiteren Leben nur noch eine einzige bzw. nur die jetzige Beziehung haben zu wollen. Die Anteile von Männern (76 Prozent) und Frauen (84 Prozent) unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht wesentlich. Weitere 17 Prozent wünschen sich mehr als eine Beziehung und lediglich ein Prozent sagt, keine feste Beziehung mehr zu wünschen. In der großstädtischen Bevölkerung ist der Prozentsatz derjenigen, die sich für ihr gesamtes Leben nur eine (die jetzige) Beziehung wünschen mit 86 Prozent sogar noch geringfügig höher. Die Vorherrschaft der festen Beziehung manifestiert sich auch im sexuellen Verhalten. Mehr als 90 Prozent allen Geschlechtsverkehrs findet innerhalb einer festen Beziehung statt. Das gilt sowohl für Studierende als auch für die Gesamtbevölkerung.10 Singlesex ist im Vergleich dazu also eine Rarität. Wie eine Längsschnittstudie nachweist, hat sich für Studierende seit Mitte der 1990er 10 Gunter Schmidt: Spätmoderne Beziehungswelten. Report über Partnerschaft und Sexualität in drei Generationen. Wiesbaden 2006, S. 115. Silja Matthiesen/Maika Böhm: Wie organisieren Studierende Beziehungen und Sexualität? In: pro Familia Magazin (2013), Nr. 3, S. 6. Thomas Müller-Schneider 17 Jahr daran auch nichts geändert.11 In der eigenen Befragung von Studierenden geben die meisten der sexuell aktiven Singles an (66 Prozent),12 im letzten Monat keinen Sex gehabt zu haben. Der Rest hatte entweder einen One-Night-Stand (14 Prozent) oder Sex in einem unverbindlichen Verhältnis (20 Prozent). In den USA wird in letzter Zeit häufiger von einer neuen Kultur des Abschleppens („Hookeup“) an Universitäten gesprochen. Studierende würden immer weniger feste Beziehungen, dafür aber mehr und mehr unverbindlichen Sex haben. Unterzieht man diese Behauptung einer Analyse mit verlässlichen Daten (General Social Survey), bleibt von der vermeintlichen Abschleppkultur nicht mehr viel übrig. Große Veränderungen des Sexualverhaltens lassen sich seit Beginn des neuen Jahrtausends nicht nachweisen.13 Wie sieht es mit sexueller Treue aus? In den Medien tauchen häufig sehr imposante Zahlen auf, die besagen, dass die Hälfte oder ein noch größerer Anteil der Bevölkerung schon einmal im Leben fremdgegangen sei. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass Fremdgehen eine völlig gewöhnliche Angelegenheit ist. Im internationalen Vergleich mit wissenschaftlich verlässlichen Daten zeigt sich aber, dass viele Zahlen stark übertrieben sind.14 Zudem erwecken sie einen falschen Eindruck, weil sie sich nicht auf das alltägliche Beziehungsleben beziehen. Man würde ja auch nicht sagen, dass die Mehrheit der Bevölkerung Alkoholiker sind, nur weil sie irgendwann in ihrem Leben schon einmal Alkohol getrunken hat. In der großstädtischen Bevölkerung gaben zwar knapp 38 Prozent der Befragten an, in ihrem Leben schon einmal jemanden sexuell betrogen zu haben, bezogen auf die aktuelle Beziehung sind dies aber nur noch 17 Prozent. Die große Mehrheit ist während einer bestehenden Beziehung also treu. Und berechnet man, um dem alltäglichen Beziehungsleben noch näher zu kommen, die mittlere Häufigkeit des Fremdgehens, so stellt man fest, dass liierte Großstädter durchschnittlich lediglich alle acht Jahre fremdgehen (dabei ist zu berücksichtigen, dass viele dieser Au- ßenkontakte auf das Konto offener Beziehungen gehen). Schließt man offene Beziehungen aus, gehen sie sogar nur alle 14 Jahre fremd. In einer 11 Ebd., S. 6. 12 Ausgeschlossen sind Singles, die noch nie Sex hatten. 13 Martin A. Monto/Anna G. Carey: A new standard of sexual behavior? Are claims associated with the „hookup culture“ supported by general social survey data? In: The Journal of Sex Research 51 (2014), Nr. 6, S. 613. 14 Christoph Kröger: Sexuelle Außenkontakte und -beziehungen in heterosexuellen Partnerschaften. In: Psychologische Rundschau 61 (2010), Nr. 3, S. 123-143. Verschwindet die Paarbeziehung? 18 anderen, zu Beginn des Jahrtausends in zwei Großstädten durchgeführten Studie wurde ebenfalls die durchschnittliche Häufigkeit des Fremdgehens berechnet. Die Autoren kamen auf eine Zeitdauer von etwa 13 Jahren, die es durchschnittlich braucht, bis jemand fremdgeht (wobei nicht zwischen exklusiven und offenen Beziehungen unterschieden wurde).15 Liierte Studierende gehen rein rechnerisch etwa alle 11 Jahre fremd (bzw. alle 16 Jahre, wenn man offene Beziehungen ausklammert). Knapp neun Prozent geben an, während ihrer Beziehung schon einmal fremdgegangen zu sein. Die genannten Zahlen lassen deutlich erkennen, wie selten Fremdgehen im Beziehungsalltag ist (selbst wenn man eine gewisse Beschönigungstendenz unterstellt). Dieser Befund entspricht im Übrigen auch den Wünschen der Mehrheit. Nach ihrer idealen Beziehungsform befragt, votieren die meisten Studierenden (80 Prozent) für eine treue Paarbeziehung. Weitere 12 Prozent wünschen sich ein gelegentliches Abenteuer bzw. eine gelegentliche Affäre nebenher und ein marginaler Anteil von zwei Prozent hätte gern eine Parallelbeziehung mit zwei oder mehr Partnern. Der unbedeutende Rest möchte nur noch unverbindlichen Sex oder kann sich nicht auf ein ideales Modell des Liebeslebens festlegen. In der befragten großstädtischen Bevölkerung finden sich nahezu identische Werte. Wie verhält es sich mit offenen Beziehungen? Eine offene Beziehung wurde in den Befragungen dadurch definiert, dass Liierte Sex oder Liebesaffären mit Dritten erklärtermaßen tolerieren. Unter Studierenden führt nur eine verschwindend kleine Minderheit von etwa zwei Prozent eine offene Beziehung (Großstädter: drei Prozent). Und, dies ist mindestens genauso bedeutsam: Unter denjenigen, die keine offene Beziehung haben, wünscht sich sowohl unter Studierenden als auch in der großstädtischen Bevölkerung fast niemand eine solche (knapp drei bzw. vier Prozent). Die Diagnose ist eindeutig: Die Paarbeziehung ist nach wie vor das dominante und ideale Beziehungsmodell der spätmodernen Gegenwartsgesellschaft. Die meisten Menschen wollen einen festen Partner für das gesamte Leben. Von einem Vormarsch von Lebensabschnittspartnerschaften oder gar „Wegwerfbeziehungen“, so eine dramatisierende Wendung (von Zygmunt Bauman), kann nicht im Entferntesten die Rede sein. Treue ist gewünscht und im Beziehungsalltag auch der Normalfall. Eine offene Beziehung ist für die allermeisten Menschen kein Thema. Die 15 Schmidt, Spätmoderne Beziehungswelten, S. 133. Thomas Müller-Schneider 19 vielfach angekündigte Revolution des Liebeslebens und das Verschwinden der Paarbeziehung müssen wohl noch etwas auf sich warten lassen. Im Folgenden wird allerdings eine ganz andere These vertreten und begründet: Paarbeziehungen werden auch künftig nicht verschwinden; sie entsprechen der menschlichen Natur. 3. Einbeziehung der menschlichen Natur Bevor die menschliche Natur näher betrachtet wird, ist zuvor in aller Kürze auf wenig geeignete soziologische Erklärungsversuche einzugehen. Interessant ist zunächst, dass sich die Soziologie trotz unzähliger Publikationen zu Ehe und Familie kaum mit der Frage beschäftigt, warum unser Liebesleben überwiegend paarweise organisiert ist. Die Argumente, die sich explizit finden oder indirekt erschließen lassen, können unter wenigen Stichpunkten systematisiert werden. Ein Stichwort lautet „Mononormativität“. Manche Soziologen sind der Ansicht, dass uns ein selbst auferlegter gesellschaftlicher Zwang zu (sexuell exklusiven) Paaren zusammenschweißt.16 Wer so argumentiert, tut so, als habe es nie eine Individualisierung oder sexuelle Revolution gegeben, die die Menschen aus ihrem gesellschaftlichen Korsett befreit haben. Ein anderes Stichwort lautet Nebenfolge der Modernisierung (Individualisierung). Menschen, die aus traditionellen Rollen herauskatapultiert werden, würden nach Trost und Erlösung suchen, nach einer irdischen Religion. In diesem Sinne ist Liebe, wie Ulrich Beck sagt, eine Gegenutopie zur Individualisierung.17 Allerdings ist damit noch nicht klar, warum es ausgerechnet die Liebe von Paaren sein muss. Liebesbindungen zwischen mehreren Menschen wären mindestens genauso gut, wenn nicht sogar noch besser als Gegenutopie geeignet. Hartmann Tyrell sagt, die exklusive Zweierbeziehung sei eine zwingende Antwort auf die Individualisierung. Wieso eigentlich zwingend? Worin das Zwingende jenseits der literarischen Codes des 18. und 19. Jahrhunderts, auf die er sich bezieht liegen soll, wird nicht klar.18 Ein letztlich sehr konstruktivistisches Argument steht hinter dem Stich- 16 Marianne Pieper/Robin Bauer: Polyamorie: Mono-Normativität – Dissidente Mikropolitik. Begehren als transformative Kraft? In: Journal für Psychologie 22 (2014), Nr. 1, S. 1-35. 17 Ulrich Beck/Elisabeth Beck-Gernsheim: Das ganz normale Chaos der Liebe. Frankfurt/Main 1990, S. 253. 18 Tyrell, Romantische Liebe, S. 578. Verschwindet die Paarbeziehung? 20 wort Hollywood-Mythos. Ulrich Beck spricht von vorgefertigten Liebeskonserven, die wir in unseren Küchen und Betten nachspielen.19 Ähnlich sieht es auch Eva Illouz, wenn sie mit Blick auf die romantische Liebe sagt, aus „fiktionalen Gefühlen“ entstünden „kognitive Schablonen“, die in Gestalt „erfundener Skripte“ unser Gefühlsleben prägen würden.20 Eine umfassende Kritik ist hier nicht möglich. Nur so viel: Die Argumente erscheinen schon allein deshalb völlig überzogen, weil wir in den Medien heute überall auf alternative Liebesmöglichkeiten stoßen. Man denke nur an den Film „Drei“ von Tom Tykwer. Ein weiteres und sogar noch wichtigeres Gegenargument: Menschen sind alles andere als „kulturelle Deppen“ (ein plakativer theoriekritischer Begriff von Harold Garfinkel),21 die ohne Sinn und Verstand kulturellen Liebeskitsch nachspielen oder daran scheitern. 3.1. Biologisches Fundament von Liebe und Paarbeziehung Wer die heutige Vorherrschaft der Paarbeziehung befriedigend erklären will, kommt an der menschlichen Natur nicht vorbei. In den letzten zwei, drei Jahrzehnten haben verschiedene wissenschaftliche Disziplinen eine Reihe von Befunden geliefert, die jeweils darauf hindeuten, dass Liebe und Paarbindung ein biologisches Fundament haben. Diese Belege stammen aus mindestens vier Begründungszusammenhängen: Universalität, körperliche Merkmale, Neurobiologie und begrenzte kulturelle Formbarkeit. In der Mainstreamsoziologie und in den Kulturwissenschaften werden sie aufgrund ihrer biophobischen Abwehrhaltung weder beachtet noch diskutiert. In gebotener Kürze werden die Belege hier präsentiert. Universalität. In einer bemerkenswerten Studie untersuchten zwei US-Anthropologen das aus allen Zeiten und aller Welt verfügbare ethnografische Material (darunter auch Materialien aus Jäger- und Sammlergesellschaften) auf eindeutige Anzeichen leidenschaftlicher Liebe. In über 90 Prozent der analysierten Gesellschaften wurden sie fündig, in den meisten der restlichen Gesellschaften war das Liebesleben nicht ausrei- 19 Beck/Beck-Gernsheim, Das ganz normale Chaos der Liebe, S. 250. 20 Eva Illouz: Warum Liebe weh tut Eine soziologische Erklärung. Berlin 2011, S. 223. 21 Harold Gar nkel: Studies in Ethnomethodology. Englewood Cliffs NJ 1967. Thomas Müller-Schneider 21 chend dokumentiert, um sich ein gesichertes Urteil bilden zu können.22 Die evolutionäre Literaturwissenschaft bestätigt den Befund der Universalität: Leidenschaftliche Liebe zwischen zwei Menschen ist ein kultur- übergreifendes Erzählmotiv.23 „Gedichte und Geschichten aus aller Welt“24 zeugen von tiefen Gefühlen und der Verzauberung, die sie hervorbringen. Ein altes mikronesisches Liebeslied, das aus einer ethnografischen Sammlung der 1930er Jahre stammt, mag als Beispiel dienen: Dein Glanz Ein schönes Wunderwerk ist dein Glanz wie Mondenschein. Es schwimmt das Mondlicht, das die Zeit in unserem Geiste für uns beide, Liebste, kündet! Aufdämmern die ersten Streifen der Morgenröte. Es meldet sich der erste Vogel in früher Morgenstunde. Es ruft einmal, der Vogel und die Zikade im Wäldchen.25 Liebe gehört zum Erfahrungshorizont der Menschheit. Wer dies angesichts des überbordenden ethnografischen Befundes bezweifeln möchte, muss schon radikal kulturrelativistisch behaupten, dass all die Ausdrucksweisen leidenschaftlicher Liebe, die man weltweit antrifft, nicht mehr als Projektionen westlicher Interpreten sind. In letzter Konsequenz würde diese Argumentation dann allerdings bedeuten, dass es grundsätzlich kein wirkliches kulturelles Fremdverstehen geben kann und die Vielfalt der Kulturen letztlich eine Vielfalt undurchschaubarer Bedeutungen bleibt. Wie unsinnig eine solche erkenntnistheoretische Position ist, legt für das Beispiel der Liebe schon die Tatsache nahe, dass kulturübergreifend in Artefakten immer wieder ähnliche Muster mentaler Zustände 22 William Jankowiak/Thomas Paladino: Desiring Sex, Longing for Love. A Tripartite Conundrum. In: Intimacies. Love and Sex across Cultures. Hrsg. von Willliam Jankowiak. New York 2008, S. 7. 23 Jonathan Gottschall/Marcus Nordlund: Romantic Love: A Literary Universal? In: Philosophy and Literature 30 (2006), Nr. 2, S. 432-452. 24 Erich Renner. Liebesleute. Gedichte und Geschichten aus aller Welt. Wuppertal 2011. 25 Ebd., S. 98. Verschwindet die Paarbeziehung? 22 und Handlungsweisen symbolisiert werden. Liebe erzählt von sehnsuchtsvollem Verlangen und wechselseitiger Idealisierung, von Hingabe und erotischer Freude. Gerade die Koppelung mit evolutionär begründeten Emotionen und Verhaltensweisen macht Bedeutungen interkulturell leicht verstehbar. Körperliche Merkmale. Der Evolutionsbiologie gelang es, und dies wird als einer ihrer großen Erfolge verbucht, bei Primaten (Tier- und Menschenaffen einschließlich des Menschen) einen Zusammenhang zwischen körperlichen Merkmalen und Paarungsverhalten aufzudecken. Es geht um zwei besonders relevante Merkmale, nämlich das Größenverhältnis zwischen Männern und Frauen (sexueller Dimorphismus) und um das relative Hodengewicht.26 Um die Aussagekraft der körperlichen Merkmale verstehen zu können, muss man sich die dahinterstehende evolutionäre Kraft vergegenwärtigen: Zugang zu Weibchen und Reproduktionserfolg. Gorillas leben in Harems, also in Gruppen von einem Männchen mit mehreren Weibchen. Die Männchen sind häufig doppelt so groß und schwer wie die Weibchen. Männchen brauchen körperliche Kraft, um ihren Harem gegen Konkurrenten zu verteidigen und sich fortpflanzen zu können. Die natürliche (innergeschlechtliche) Auslese begünstigt Männchen, die stark und aggressiv genug sind ihren Harem zu verteidigen. Daraus resultiert der enorme Größenunterschied zwischen Männchen und Weibchen. Das Gegenbeispiel sind Bonobos, eine Unterart der Schimpansen. Sie bilden weder Paare noch Harems, sondern leben in promiskuitiven Gruppen. Männliche Bonobos konkurrieren nicht mit körperlicher Stärke um Fortpflanzungserfolg, sondern mit möglichst vielen Spermien. Das ist ihr evolutionäres Erfolgsrezept. Wer größere Hoden hat, kann mehr Spermien produzieren und hat dadurch einen größeren Fortpflanzungserfolg. Im Vergleich zu ihrem Körpergewicht haben Bonobos daher evolutionär sehr große Hoden entwickelt. Gorillas hingegen haben sehr kleine Hoden (bei ihnen genügen schon kleine Spermienmengen, da sie wenn sie ihren Harem verteidigen können als einzige sexuellen Zugang zu ihren Weibchen haben). Und wo steht nun der Mensch? Unsere Körpermerkmale sind eher für Primaten typisch, die dauerhaft Paare bilden. Von Gorillas und Bonobos sind wir jedenfalls weit entfernt. Zum einen ist der Gewichtsund Größenunterschied zwischen Männern und Frauen vergleichsweise 26 Alan F. Dixson. Primate Sexuality. Comparative Studies of the Prosimians, Monkeys, Apes and Human Beings. Second Edition. Oxford 2012, S. 624-630. Thomas Müller-Schneider 23 schwach ausgeprägt und zum anderen haben Männer ein viel geringeres relatives Hodengewicht als Bonobos (wenn es auch nicht ganz so gering ist, wie das der Gorillas). Über menschliche Hoden hat der bekannte Primatenforscher Frans de Waal Folgendes gesagt: „Sie sind nur Erdnüsschen im Vergleich mit den Kokosnüssen unserer Menschenaffen- Vettern.“27 Der Vergleich mag vielleicht etwas überzogen sein, aber das Bild eines männlichen Bonobos verdeutlicht unmittelbar, dass Homo sapiens ganz und gar nicht zum promiskuitiven Leben gebaut ist, auch wenn gelegentlich das Gegenteil behauptet wird.28 Abb. 1: Männlicher Bonobo Neurobiologie. In jüngster Vergangenheit ist es aufgrund neuer bildgebender Verfahren (insbesondere der funktionalen Magnetresonanztomographie, fMRT) gelungen, Gehirne gewissermaßen in Aktion zu beobachten. Dadurch konnten grundlegende Schaltkreise der Paarbindung und Liebe entschlüsselt werden. Drei Befunde sind hier besonders bedeutsam.29 Erstens sind die Schaltkreise der Liebe mit dem Belohnungszentrum gekoppelt. Das Belohnungszentrum ist eine evolutionäre Erfindung, 27 Frans de Waal. Der Affe in uns. Warum wir sind wie wir sind. München 2006, S. 160. 28 Christopher Ryan/Cacilda Yetha: Sex at Dawn: The Prehistoric Origins of Modern Sexuality. New York 2010. Zur Kritik: Ryan Ellsworth: The Human That Never Evolved. In: Evolutionary Psychology 10 (2012), Nr. 3, S. 325-335. Lynn Saxon: Sex at Dusk: Lifting the Shiny Wrapping from Sex at Dawn. Lexington 2012. 29 Vgl. Andreas Bartels: Die Liebe im Kopf. Über Partnerwahl, Bindung und Blindheit. In: Hirnforschung für Neu(ro)gierige. Braintertainment 2.0. Hrsg. von Manfred Spitzer/Wulf Bertram. Stuttgart 2010, S. 76-106. Helen Fisher u.a.: Romantic love: a mammalian brain system for mate choice. In: Philosophical Transactions of the Royal Society B (2006), Nr. 361, S. 2173-2186. Verschwindet die Paarbeziehung? 24 die wir mit allen Säugetieren teilen. Ursprünglich ist es entstanden, um uns zu Handlungen zu motivieren, die das Überleben und die Fortpflanzung sichern. Das Belohnungssystem motiviert, indem es uns ein Verlangen eingibt und mit schönen Gefühlen belohnt, wenn wir erfolgreich sind (z.B. Nahrung aufnehmen oder Sex haben). Das Verlangen ein Ziel zu erreichen, bewirkt der Botenstoff Dopamin, und an der Belohnung sind körpereigene Opioide beteiligt. Zweitens ist Liebe neurobiologisch etwas anderes als Sex. Beiden liegen unterschiedliche, wenn auch sich zum Teil überschneidende Schaltkreise zugrunde. Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, und dies ist der dritte Befund, dass der neuronale Schaltkreis der Liebe eine starke Überlappung mit dem der Mutter-Kind- Liebe (bzw. elterlichen Bindung) aufweist. Dies ist ein deutlicher Hinweis auf die Bindungskraft der Liebe. Schon länger ist man der Ansicht, dass sich leidenschaftliche Liebe evolutionär nicht aus der Sexualität entwickelte, sondern aus der Mutter-Kind-Bindung.30 Die bildgebenden Verfahren der Neurobiologie liefern dafür nun eindrucksvolle Belege. Neurochemisch sind die Botenstoffe Oxytocin und Vasopressin an der Paarbindung beteiligt. Die beiden Substanzen vermitteln Gefühle von inniger Liebe und Verbundenheit. Vom Oxytocin ist außerdem bekannt, dass es bei Männern den Belohnungswert ihrer Partnerinnen steigert und so zur sexuellen Exklusivität beiträgt.31 Die geschilderten Befunde verdeutlichen, wie Liebe aus neurobiologisch-psychologischer Sicht zu verstehen ist: als ein Mechanismus der Paarbindung, der durch das motivierende Verlangen nach einer Person und Belohnung (schöne Gefühle) entsprechender Interaktionen wirkt. Im Zusammenhang mit den neurobiologischen Befunden ist weiterhin bemerkenswert, dass sie nicht auf den westlichen Kulturkreis beschränkt sind. Wie sich zeigte, finden sich die neuronalen Schaltkreise in verschiedenen ethnisch-kulturellen Kontexten, darunter auch in China.32 Dass diese Schaltkreise kulturübergreifend auffindbar sind, ist ein weiteres Indiz für ein biologisches Fundament der Liebe. Die menschliche Neurobiologie der Paarbindung weist außerdem große Ähn- 30 Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Biologie des menschlichen Verhaltens. Grundriß der Humanethologie. 5. Auflage. München 1995, S. 233-236. 31 Dirk Scheele u.a.: Oxytocin enhances brain reward system responses in men viewing the face of their female partner. In: Proceedings of the National Academy of Sciences 110 (2013), Nr. 50, S. 20308-20313. 32 Xiaomeng Xu u.a.: Reward and Motivation Systems: A Brain Mapping Study of Early-Stage Intense Romantic Love in Chinese Participants. In: Human Brain Mapping 32 (2011), Nr. 2, S. 249-257. Thomas Müller-Schneider 25 lichkeit mit den neurobiologischen Grundlagen der Paarbindung bei anderen Säugetieren auf, so bei amerikanischen Präriewühlmäusen und roten Springaffen.33 Es ist offensichtlich, dass der neurobiologische Mechanismus der Liebe eine evolutionäre Vorgeschichte hat, die bis weit vor die Menschwerdung zurückreicht und zu unserem Säugetiererbe gehört. Begrenzte kulturelle Formbarkeit. Gemeinschaften, die Zweierbeziehungen unterdrücken, sind gewissermaßen natürliche Experimente, in denen sich die menschliche Natur durch ihren Widerstand bemerkbar macht. Beispiele hierfür sind die Mormonen und sozialrevolutionäre Kommunen verschiedener Zeiten. In all diesen Gemeinschaften haben sich verdeckt Liebespaare gefunden oder aber die Kollektive zerfielen letztendlich.34 Bei den Oneida, einer amerikanischen Sekte des 19. Jahrhunderts, gab es ein „sozialistisches“ Rotationsschema, das genau festlegte, wer mit wem und wann Sex zu haben hatte bzw. haben durfte. Liebesbeziehungen zwischen Paaren waren verpönt und wurden sanktioniert. Als sich die Gemeinschaft der Oneida auflöste, kollabierte das kollektive Liebesmodell und viele der ehemaligen Mitglieder gingen eine Paarbeziehung ein.35 In der Gesamtbetrachtung aller Befunde, die sich aus ganz verschiedenen Quellen speisen, kann kaum ein vernünftiger Zweifel bleiben, dass Menschen von Natur aus zur Paarbindung neigen. Der handlungsrelevante neurobiologisch-psychische Mechanismus der Paarbindung ist die Liebe. Sie wirkt als Motivations- und Belohnungsmechanismus, der relativ stabile Beziehungen ermöglicht (auch wenn diese selbstverständlich scheitern können). Die menschliche Natur legt somit ein Konzept der Liebe nahe, das sich durch intensives Verlangen nach einer Person auszeichnet sowie durch den Wunsch, mit dieser Person eine soziale Einheit zu bilden.36 Was Liebe aber sicherlich nicht ist: eine rein kulturelle Erfindung – etwa der Troubadoure im Mittelalter oder der Literaten im bürgerlichen Zeitalter der beginnenden Industrialisierung. Soziologie und Kulturwis- 33 Bales et al.: Titi Monkeys as a Novel Non-Human Primate Model for the Neurobiology of Pair Bonding. In: Journal of Biology and Medicine 90 (2017), S. 373-387. 34 David M. Buss: The evolution of Love. In: The new Psychology of Love. Hrsg. von Robert Sternberg/Karin Weiss. New Haven/London 2006, S. 67. 35 William Kephart: Extraordinary Groups. New York 1976, S. 98. 36 Vgl. Elaine Hatfield/Richard L. Rapson: Love, sex, and intimacy: Their psychology, biology, and history. New York 1993, S. 5. Verschwindet die Paarbeziehung? 26 senschaft werden jedoch nicht müde zu behaupten, Liebe sei nichts als eine soziale Konstruktion. Damit liegen sie nicht falsch, wenn mit (romantischer) „Liebe“ der Inhalt kultureller Erzeugnisse gemeint ist. Was anderes als Konstruktionen sollten Liebesgedichte oder Liebesfilme aus Hollywood auch sein? Der blinde Fleck des Sozialkonstruktivismus ist aber einfach der, dass die kulturellen (und wandelbaren) Codes der romantische Liebe ein biologisches, d.h. eben nicht sozial konstruiertes Fundament haben. Auch andernorts und zu allen Zeiten wurde und wird der biologische Motivations- und Belohnungsmechanismus symbolisch zum Ausdruck gebracht und kulturell interpretiert (die Bedeutungen der Liebe können sich dabei historisch und interkulturell durchaus unterscheiden). Man muss also evolutionär entstandene Liebesgefühle und ihre kulturell konstruierten Ausdrucksformen (wie „romantische Liebe“) auseinanderhalten. Um die Erklärung der heutigen Paargesellschaft zu vervollständigen, ist eine weitere Komponente nötig, die letzten Endes ebenfalls auf der Natur des Menschen gründet. Es geht um einen kulturellen Leitwert westlicher Gesellschaften, der unsere Handlungsweisen maßgeblich beeinflusst: Lebensfreude. Man könnte auch vom Streben nach Glück bzw. nach einem schönen Leben sprechen. Menschen streben von Natur aus nach Lebensfreude und Glück, nach einem Optimum positiver Affekte (schöner Gefühle). Das flüstert ihnen ihr Belohnungssystem ein – immer schon.37 In der heutigen Überflussgesellschaften können sie das Prinzip der Affektoptimierung jedoch zum Lebensziel erheben. Mit anderen Worten: Sie kultivieren ihr Belohnungssystem. Gerhard Schulze spricht in diesem Zusammenhang, allerdings ohne auf das biologische Fundament zurückzugreifen, von Erlebnisorientierung: Wir organisieren unser Leben so, dass wir ein möglichst schönes Leben haben. Das ist insofern rationales Handeln, als wir die bestmöglichen Mittel für unsere Zwecke (in diesem Fall schöne Gefühle) einsetzen. Die gleiche Handlungsrationalität gilt auch für das Liebesleben: Es soll optimal sein und dahingehend versuchen wir es zu organisieren. Zwischen dem Wunsch ein Wohnzimmer möglichst schön einzurichten und ein optimales Liebesleben zu führen, besteht handlungslogisch kein Unterschied: Wir orientieren uns an dem, was uns am besten gefällt. Nun lässt sich erklären, warum die meisten Menschen auch in spätmodernen Zeiten an der Paarbindung unbeirrbar festhalten. Diese Bezie- 37 Bjorn Grinde: The Biology of Happiness. Dordrecht u.a. 2012. Thomas Müller-Schneider 27 hungsform verspricht im Unterschied zu allen anderen denkbaren Organisationsformen das schönste Liebesleben. Zur Paarbindung muss sie niemand zwingen und sie sind auch nicht Verführte einer romantischen Liebeskultur. 3.2. Exkurs: Ein biokulturelles Handlungsmodell Die Missverständnisse, die in der Soziologie und den Kulturwissenschaften immer dann auftauchen, wenn von menschlicher Natur oder biologischen Einflussgrößen menschlichen Handelns die Rede ist, sind nach wie vor so groß, dass in einem Exkurs klärend darauf einzugehen ist. Sozialund Kulturwissenschaften sehen meist einen unvereinbaren Gegensatz zwischen Natur und Kultur. Reflexartig wird mit Begriffen wie „Essenzialismus“, „Biologismus“ oder „genetischer Determinismus“ auf jeden Versuch reagiert, die menschliche Natur in soziologische Handlungserklärungen einzubeziehen. Dabei sagen selbst (und vor allem) Biologen schon seit längerem, dass es kein Entweder-oder gibt, sondern ein Sowohl-als-auch.38 Kulturelle und biologische Einflussgrößen bestimmen unser Handeln. Man kann es also nicht deutlich genug sagen und auch nicht oft genug wiederholen: Es gibt keinen Widerspruch zwischen Kultur und menschlicher Natur. In der modernen Anthropologie mehren sich dementsprechend die Stimmen, die eine biokulturelle Synthese in der Sozialtheorie fordern.39 Was allerdings in der Tat fehlt, ist ein biokulturelles Handlungsmodell, das soziokulturelle und biologische Komponenten in sich vereint. Ein solch integratives Modell könnte wesentlich zur transdisziplinären Versöhnung der scheinbaren Gegenbegriffe „Kultur“ und „Natur“ beitragen. Es liegt sogar schon ein geeignetes Modell vor, man müsste nur sein biokulturelles Potenzial erkennen und entsprechend anwenden. Um Missverständnisse zur biologischen Komponente sozialen Handelns von vornherein zu vermeiden, sei ein Zitat von Hartmut Esser angeführt, der die Situationsanalyse für eine erklärende Soziologie ausgebaut hat: Das Handeln der Menschen ist nicht durch genetische Programme, nicht durch innere Triebe, nicht durch invariable Bedürfnisse […] fi- 38 Frans de Waal: Wer beherrscht den Menschen: Gene oder Umwelt? Spektrum der Wissenschaft Digest 7 (2000), Nr. 2, S. 68-73. 39 Raymond Scupin/Christopher DeCorse: Anthropology. A global Perspective. Seventh Edition. Boston u.a. 2012, S. 230. Verschwindet die Paarbeziehung? 28 xiert, sondern das Ergebnis einer im Prinzip immer auswählenden, intelligenten, aktiven und kreativen Anpassung der Akteure an die vorgefundenen Gegebenheiten.40 Diese klare Absage an einen genetischen Determinismus schließt aber umgekehrt biologische Einflussgrößen nicht aus. Dazu ein weiteres Zitat von Esser: Die Situationsanalyse zielt auf die Untersuchung der typischen Anpassungen der Akteure an die aktuell gegebene äußere Situation angesichts eines jeweils vorliegenden Repertoires an inneren Tendenzen und Zielen des Handelns, die der Akteur vorher kulturell oder biologisch geerbt hat.41 Knapper und treffender kann man es kaum formulieren. Die menschliche Natur ist Teil der inneren Situationsbedingungen, die unser Handeln gemeinsam mit den äußeren Situationsbedingungen (dies sind vor allem objektive Lebensbedingungen und kulturell geschaffene Lebenswelt) bestimmen. Im Situationsmodell kommen kulturelle und evolutionärbiologische Elemente (in Form von Prädispositionen, die sich in allen Kulturen in der ontogenetischen Entwicklung ausbilden) zusammen ohne jeweils exklusive Geltung für sich beanspruchen zu können. Die Natur der Liebe lässt sich nun ohne weiteres in das integrative Situationsmodell einbauen. Menschen sind, wie oben dargelegt, neurobiologisch dazu prädisponiert, sich zu verlieben und dadurch motiviert, mit der betreffenden Person eine Paarbeziehung aufzubauen. Ob dies tatsächlich geschieht, hängt nicht nur von der biologischen Komponente ab. In Gesellschaften, in denen Beziehungen (Ehen) arrangiert werden, können kulturell-normative Vorgaben eine Bindung durchaus wirkungsvoll verhindern. In westlichen Gesellschaften ist die Liebesheirat aufgrund neuer äußerer Situationsbedingungen (Industrialisierung und Modernisierung) aus inneren Impulsen (Liebesgefühle) hervorgegangen, und es waren auch diese prädisponierten Impulse, die – wie oben schon gesagt – die Kultur der romantischen Liebe als soziale Konstruktion hervorbrachten. Antrieb der zunächst bürgerlichen und dann gesamtgesellschaftlichen Liebesrevolution im 19. und 20. Jahrhundert war der Wunsch der Menschen 40 Hartmut Esser. Soziologie. Spezielle Grundlagen. Band 1: Situationslogik und Handeln. Frankfurt/New York 1999, S. 35. 41 Ebd., S. 32. Hervorhebung abweichend vom Original. Thomas Müller-Schneider 29 nach einem schöneren und glücklicheren Leben (Affektoptimierung als Prädisposition). Es ist dieses komplexe biokulturelle Zusammenspiel von Handlungsbedingungen, das die konstruktivistische Sozialwissenschaft ausblendet, könnte es doch vertraute Denkweisen durcheinanderbringen und liebgewonnene fachliche Abgrenzungen bedrohen. 4. Paarbindung, Liebesglück und das optimale Liebesleben Nachfolgend werden ausgewählte Befunde zu Liebe, Paarbindung und dem optimalen Liebesleben präsentiert. Liebesgefühle spielen dabei eine wichtige Rolle, sodass vorab etwas zur Messung von Liebesgefühlen zu sagen ist. 4.1. Messung von Liebesgefühlen Wie misst man Liebesgefühle eigentlich und kann man das überhaupt? Die Stärke bzw. Abwesenheit von Liebesgefühlen lässt sich wie andere mentale Merkmale auch (z.B. Einstellungen) ohne große Probleme messen. Seit längerer Zeit liegen hierzu psychologisch getestete Liebesskalen vor, die sich auch im kulturüberschreitenden Einsatz bewährt haben.42 Die Grundidee einer Liebesskala ist einfach: Man misst Liebesgefühle anhand ihrer typischen subjektiven Erscheinungsformen. Beispielsweise kann man Befragten folgende Aussagen über eine Referenzperson vorlegen: „Ich wäre tief verzweifelt, wenn er (sie) mich verlassen würde“; „Ganz gleich, woran ich auch denke, am Ende lande ich mit meinen Gedanken wieder bei ihm (ihr)“; „Ich finde es sehr schön, wenn er (sie) mich begehrt“; „Für mich ist er (sie) der (die) perfekte Liebespartner(in)“. Die in den eigenen Befragungen verwendete Liebesskala (eine deutsche Variante der „Passionate Love Scale“43) besteht neben den gerade genannten aus insgesamt zehn Statements. Jedem dieser Statements konnten Befrag- 42 James Graham: Measuring love in romantic relationships: A meta-analysis. In: Journal of Social and Personal Relationships 28 (2011), Nr. 6, S. 748-771. Elaine Hatfield/Richard L. Rapson: Culture and passionate love. In: Rendering borders obsolete: Cross-cultural and cultural psychology as an interdisciplinary, multimethod endeavor. Hrsg. von Fanziska Deutsch u.a. Bremen 2011, S. 13. Accessed via www.iaccp.org. 43 Vgl. Elliot Aronson u.a.: Sozialpsychologie. 6. Auflage. München u.a. 2008, S. 329. Verschwindet die Paarbeziehung? 30 te eine 7-fach abgestufte Zustimmung geben, von „trifft überhaupt nicht zu“ bis „trifft voll und ganz zu“. Ohne hier auf methodische Details einzugehen, sei angefügt, dass die Aussagen alle sehr trennscharf sind und nach den üblichen Kriterien der Sozialforschung ein sehr gutes Messinstrument bilden (Cronbachs Alpha liegt bei etwa .90; das gilt für Studierende und die großstädtische Bevölkerung). Die Messwerte, die man erhält, wenn man für jede Person die Einzelwerte ihrer Aussagen zu einem Gesamtpunktwert addiert, weisen eine besondere, für die weitere Argumentation überaus wichtige Eigenschaft auf. Sie hängen, wie sich in neurobiologischen Experimenten herausstellte, sehr eng mit der Aktivierung von Gehirnregionen zusammen, die unmittelbar an der geschlechtlichen Liebe beteiligt sind.44 Je intensiver die neuronale Aktivierung ist, die bei einer Versuchsperson durch ein Bild eines geliebten Menschen ausgelöst und in einem „Hirnscanner“ erfasst wird, desto höher sind auch die Messwerte dieser Person auf der Liebesskala. Sie geben also Auskunft über die individuelle Stärke biologisch-evolutionär angelegter Liebesgefühle. 4.2. Ausgewählte Befunde zu Liebe und Bindung Zu Beginn wird über die Liebe innerhalb fester Beziehungen berichtet. Es geht um Zusammenhänge von auf der erläuterten Liebesskala gemessenen Liebesgefühlen mit verschiedenen anderen Merkmalen zur Charakterisierung von Paarbeziehungen. So gibt es einen sehr starken positiven Zusammenhang (Korrelation) zwischen den Werten der Liebesskala und der Intensität des Wunsches, die gegenwärtige Beziehung möge ein Leben lang halten (Studierende: r = .67; Großstadt: r = .62). Man könnte auch so sagen: Liebe will Ewigkeit und keinen Lebensabschnitt. Der Zeithorizont von Liebesbeziehungen kennt keine vorweggenommene Begrenzung, auch wenn Beziehungen – manchmal schon nach kurzer „Ewigkeit“ – wieder scheitern. Weitere Zusammenhänge dokumentieren den dyadischen Charakter von Liebesbeziehungen: Je mehr man liebt, desto eher denkt man mit dem Fürwort „wir“ als mit den Wörtern „ich“ versus „er“/„sie“ an die eigene Beziehung (Studierende: r = .49; Großstadt: r = .50); desto weniger begehrt man eine andere Person (Studierende: r = .54; 44 Helen Fisher u.a.: Reward, Addiction, and Emotion Regulation Systems Associated With Rejection in Love. In: Journal of Neurophysiology 104 (2010), Nr. 1, S. 55. Thomas Müller-Schneider 31 Großstadt: r = .52) und desto seltener denkt man über eine Liebesaffäre oder ein sexuelles Abenteuer nach (Studierende: r = -.39; Großstadt: r = -.32). Liebe ist für die meisten Menschen also eine Angelegenheit, die sich zwischen zweien abspielt und mitnichten eine polyamouröse Veranstaltung mit drei oder gar mehr Personen. Wie andere Zusammenhänge belegen, bringt die Liebe schöne Gefühle in eine Beziehung. Wer mehr liebt, ist nach eigenen Angaben mit seinem Liebesleben insgesamt zufriedener. Wer dagegen weniger Gefühle hat, berichtet eher von einem unzufriedenen Liebesleben (Studierende: r = .52; Großstadt: r = .44). Auch der Sex macht einen umso glücklicher, je mehr man liebt. Sex mit Liebe ist in den Augen der Mehrheit einfach schöner als Sex ohne. Und Liebe hält die bösen Geister fern. Wer intensiver liebt, macht sich weniger Gedanken darüber, ob irgendwo „da draußen“ noch eine bessere Alternative wartet, die einen glücklicher machen könnte als der eigene Partner bzw. die eigene Partnerin (Studierende: r = -.59; Großstadt: r = -.54). Im Zeitalter der Multioptionsgesellschaft und des Glücksstrebens sind gesellschaftliche Normen nicht mehr für die Paarbildung relevant. Menschen tun sich heute nicht (mehr) zu Paaren zusammen, weil das „die Gesellschaft“ von ihnen erwarten würde; genauso wenig verpaaren sie sich, weil sie vom Mythos der Liebe verblendet würden. Über diese beiden Fehlinterpretationen wurde bereits gesprochen. Es lässt sich empirisch zeigen, dass der Wunsch heutiger Singles nach einer Beziehung nicht von Normen abhängt und auch nicht vom Glauben an die romantische Liebe. Es gibt einen anderen Faktor, der sich als viel wichtiger herausstellt. Unter den insgesamt wenigen Singles, die von sich sagen, ein glückliches Liebesleben zu haben, finden sich lediglich 19 Prozent, die eine feste Beziehung haben wollen. Dementsprechend sagt eine Mehrheit von 81 Prozent der Singles mit einem glücklichen Liebesleben, dass sie aktuell keine feste Beziehung wünscht. Diejenigen aber, die (unter den Singles) denken, ihr Liebesleben könnte etwas bzw. gar viel glücklicher sein, wünschen sich überwiegend (74 Prozent) bzw. fast ausschließlich (94 Prozent) eine feste Beziehung. Die genannten Zahlen beziehen sich auf die Befragung unter Studierenden, wobei in der großstädtischen Stichprobe sehr ähnliche Prozentsätze zu finden sind. Für die Mehrheit der Singles gibt es eine einfache Glücksformel: Sie wollen eine feste Beziehung, weil sie sich dadurch ein glücklicheres Liebesleben erhoffen. Das müsste nicht so sein, die Wünsche könnten auch in eine ganz andere Richtung gehen. Denkbar wäre ja auch, dass Singles zwar schon ein viel Verschwindet die Paarbeziehung? 32 schöneres Liebesleben haben wollen, aber eben nicht im Rahmen einer „lästigen“ Beziehung, sondern in unverbindlichen Verhältnissen. Wie sieht es nun in Wirklichkeit mit dem erhofften schöneren Liebesleben aus? In Abbildung 2 ist ein unter Studierenden vorgenommener Vergleich von Singles mit Personen zu sehen, die in einer festen Beziehung leben. Analysiert man das Liebesleben, so ist „Single“ ein viel zu breiter Begriff, weil er Sachverhalte, die zu differenzieren sind, in eine einzige Kategorie packt. Unterschieden wird zwischen Singles, die in den letzten vier Wochen keinen Sex hatten, solchen, die in diesem Zeitraum einen oder mehrere One-Night-Stands hatten und solchen, die ein sexuelles Verhältnis hatten. Statt von sexuellem Verhältnis könnte man auch von „Bettgeschichte“ oder „Friends with Benefits“ sprechen. Bezeichnungen tun hier nichts zur Sache, wichtig ist nur, dass eine soziale Beziehung mit unverbindlicher Sexualität gemeint ist. Singles, die im Bezugszeitraum keinen Sex hatten, dienen als Bezugs- bzw. Kontrollgruppe. Das Ergebnis ist eindeutig: Die feste Beziehung übertrumpft das unverbindliche Liebesleben bei weitem. Wer eine feste Beziehung hat, ist mit seinem Liebesleben erheblich zufriedener als sexuell aktive Singles, gleichviel ob sie nun One-Night-Stands oder ein sexuelles Verhältnis hatten. Das gleiche Ergebnis zeigt sich auch in der großstädtischen Bevölkerung, wobei da die Zufriedenheit mit dem Liebesleben in allen Kategorien etwas niedriger ist. Abb. 2: Zufriedenheit mit dem Liebesleben nach Beziehungsform (Studierende) Thomas Müller-Schneider 33 Man könnte nun einwenden, das Ergebnis hinge damit zusammen, dass Singles weniger Sex haben als Paare. Vielleicht wünschen sie sich nur mehr unverbindlichen Sex und wären dann mit ihrem Liebesleben zufriedener, möglicherweise sogar zufriedener als Paare. Diese Vermutung lässt sich leicht überprüfen, indem man die Häufigkeit der sexuellen Aktivität statistisch kontrolliert. Mit dem statistischen Verfahren der Varianzanalyse lässt sich berechnen, wie zufrieden Singles wären, wenn sie genau so viel Sex hätten wie Liierte – sei es mit One-Night-Stands oder in unverbindlichen Verhältnissen. In der Abbildung ist bereits das Ergebnis dieser Berechnung dargestellt. Das wirkliche Liebesleben von Singles ist sogar noch etwas weniger zufriedenstellend als in der Grafik dargestellt (der Unterschied ist allerdings nicht gravierend). Der vorgelegte Befund ist bedeutsam, zeigt er doch, dass dem Liebesleben von Singles etwas Entscheidendes fehlt, wie viel Sex sie auch immer haben mögen. Der in den Medien bisweilen erweckte Anschein eines aufregenden unverbindlichen Liebeslebens trügt. Singles könnten sich, um es einmal salopp zu formulieren, durchs Leben „tindern“, ohne dass dabei ein glückliches Liebesleben herauskäme. Das Zufriedenheitsniveau einer festen Beziehung würden sie nie erreichen. Drückt man es in ökonomischen Begriffen aus, müsste man feststellen, dass eine feste Beziehung weit mehr ist als ein soziales Arrangement, um sich die Transaktionskosten für immer neue Sexpartner zu ersparen. Man muss auch Kant in seiner Auffassung widersprechen, die Ehe (moderner: die feste Beziehung) sei ein Vertrag zum wechselseitigen Besitz der „Geschlechtseigenschaften“.45 Das sexuelle Verhältnis kommt einem solchen Vertrag recht nahe, die feste Beziehung aber ist etwas grundlegend anderes, sonst könnte sie nicht deutlich mehr Liebesglück erzeugen. Der Unterschied schlägt sich sogar in der Bewertung der Qualität der Sexualität nieder. Der Sex in festen Beziehungen macht die meisten Menschen deutlich glücklicher als der in unverbindlichen Konstellationen. Auf einer Skala von 1 bis 7 (1 = trifft überhaupt nicht zu; 7 = trifft voll und ganz zu) stimmen Liierte mit einem Durchschnittswert von 6,1 der Aussage zu, der letzte Sex mit ihrem Partner habe sie glücklich gemacht. Der Sex in unverbindlichen Verhältnissen verschafft weit weniger Glücksgefühle, die durchschnittliche Bewertung liegt bei 5,2. Am schlechtesten schneiden einmalige sexuelle Begegnungen mit einer durchschnittlichen Bewertung von 4,2 ab. Wer also ein optima- 45 Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten. Königsberg 1789, S. 107. Verschwindet die Paarbeziehung? 34 les Liebesleben mit bestmöglicher emotionaler und sexueller Belohnung haben möchte, braucht eine feste Beziehung. Der entscheidende Unterschied zwischen sexuellen Verhältnissen (und erst recht einmaligen Begegnungen) und festen Beziehungen liegt im Bindungsmechanismus der Liebe. In sexuellen Verhältnissen wird wesentlich weniger geliebt als in festen Beziehungen. Das Gefühlsniveau für studentische Sexpartner liegt bei durchschnittlich 3,9 auf der Liebeskala (mit einem Wertespektrum von 1 bis 7), wohingegen der entsprechende Wert für feste Partner 5,9 beträgt. In der großstädtischen Bevölkerung finden sich auf der Liebesskala nahezu identische Werte. Die unterschiedlichen Gefühlsniveaus des verbindlichen und unverbindlichen Liebeslebens geben auch eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage, ob unsere Gefühlswelt erkaltet und die Liebe ausstirbt. Das Ende der Liebe, das Sven Hillenkamp in einem Essay bereits ausgerufen hat,46 ist bislang nicht eingetreten; sonst gäbe es nicht solch drastische Gefühlsunterschiede zwischen fest Gebundenen und denjenigen, die nur Sex miteinander haben (zudem liegt das Gefühlsniveau in festen Beziehung nahe am Maximum der Liebesskala). Es wird auch zu keinem Ende der Liebe kommen, da Menschen, wie dargelegt wurde, neurobiologisch darauf ausgerichtet sind, sich ineinander zu verlieben und Paarbeziehungen einzugehen. Die Wirkung der Liebe als Paarbindungsmechanismus lässt sich an den Zukunftswünschen für sexuelle Verhältnisse ablesen. Abbildung 3 stellt den Zusammenhang zwischen drei verschiedenen Zukunftswünschen und den auf der Liebesskala gemessenen Gefühlen dar (die Berechnungen waren aufgrund zu geringer Fallzahlen in der großstädtischen Bevölkerung nur für Studierende möglich). Wie man sieht, empfinden diejenigen am wenigsten für ihren Sexpartner, die auf Dauer weder ein Verhältnis noch eine feste Beziehung mit der betreffenden Person wollen; wer das Verhältnis gern so fortsetzen würde, wie es aktuell ist, hat schon etwas mehr Gefühle; und wer aus seinem Verhältnis gern eine feste Beziehung machen möchte, liebt mit Abstand am meisten. Man kann es auch andersherum sagen: Kommt die Liebe, will man eigentlich nur noch eine feste Beziehung und ein glückliches Liebesleben mit der betreffenden Person. So ist es von der Evolution ja auch eingerichtet. 46 Sven Hillenkamp: Das Ende der Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit. Stuttgart 2010. Thomas Müller-Schneider 35 1 2 3 4 5 6 7 auf Dauer weder Verhältnis noch feste Beziehung Verhältnis so fortsetzen wie es ist feste Beziehung Maximum Minimum Li eb es sk al a Abb. 3: Liebesgefühle und Zukunftswünsche für das Verhältnis Zur Paarbeziehung gehört die sexuelle Treue. Weiter oben wurde schon deutlich, dass die Liebe einen wichtigen Beitrag dazu leistet. Sie fokussiert Liebende aufeinander und dämpft die Attraktivität potenzieller Sexualpartner.47 Treue speist sich aber nicht nur aus Liebesgefühlen. Möglicherweise denkt man hierbei zuerst wiederum an gesellschaftliche Normen, die uns vorgeben, unseren Partnern und Partnerinnen treu zu bleiben. Von „Mononormativität“ war schon die Rede. Robin Bauer und Marianne Piper glauben darin eine wirkmächtige Struktur zu erkennen, die polyamouröse Modelle des Liebeslebens eindämmen.48 Wer so denkt, vergisst, dass wir heute in einer multioptionalen, individualisierten und nachtraditionalen Gesellschaft leben, in der sich Menschen nicht mehr einfach vorschreiben lassen, wie sie zu leben haben. Außerdem gab es schon einmal eine historische Periode, in der sich die Treueanforderung schlagartig lockerte. Gemeint ist die sexuelle Revolution der 1960er Jahre. Viele haben damals erlebt, wie schmerzhaft es ist, vom geliebten Partner betrogen zu werden. Eine aussagekräftige Zeitreihe aus den Niederlanden, die bis in die damalige Zeit zurückreicht, belegt, dass die Mehrheit innerhalb weniger Jahre verstanden hat, wie sehr Fremdgehen einer glücklichen Beziehung schadet.49 Kaum hatten sich die Menschen sexuell 47 Garth Fletcher: Pair-Bonding, Romantic Love, and Evolution: The Curious Case of Homo sapiens. In: Perspectives on Psychological Science 10 (2015), Nr. 1, S. 23f. 48 Pieper/ Bauer, Polyamorie, S. 3. 49 Gerbert Kraaykamp: Trends and Countertrends in Sexual Permissiveness. Three Decades of Attitude Change in the Netherlands 1965-1995. In: Journal of Marriage and Family 64 (2002), Nr. 1, S. 225-239. Verschwindet die Paarbeziehung? 36 befreit, lernten sie auch schon ihre Lektion über Eifersucht in der „freien Liebe“ und begaben sich freiwillig wieder in den emotionalen Schutzraum der Treue. Mit einem gesellschaftlichen Moralkodex oder religiösen Werten hat diese Rückbesinnung nichts zu tun, auch nichts mit der erst später aufkommenden AIDS-Epidemie. Vielmehr ist eine neue Kultur der Treue „von unten“ entstanden, die auf den Gefühlen der Individuen beruht und nicht von irgendwelchen gesellschaftlichen Mächten aufoktroyiert wird. In den Daten lässt sich ein einfacher Dreischritt nachzeichnen: Liebe, Eifersucht und wechselseitige Treueforderung. Die Liebesskala korreliert hoch mit der Aussage, man würde eifersüchtig reagieren, falls der eigene Partner fremdginge (Studierende: r = .55; Großstadt: r = .75);50 die Eifersucht hängt wiederum eng mit Forderung nach Treue zusammen (Studierende: r = .65; Großstadt: r = .72). Heutige Treue ist daher als eine utilitaristische Institution zu deuten, die dem schönen Liebesleben dient. Wer sich auf die Treue seines Partners verlassen kann, wird nicht von unschönen Gefühlen der Eifersucht heimgesucht und wer selbst treu bleibt, riskiert nicht die Grundlagen seines eigenen Liebesglücks. Treue im Zeitalter des Glücksstrebens (der kulturell unterstützten Affektoptimierung) ist etwas völlig anderes als christlich-moralische Gebote und gesellschaftliche Verbote längst vergangener Zeiten. Die Ausführungen zur Eifersucht bedürfen einer Ergänzung. Bei diesem Thema läuten bei radikalen Sozialkonstruktivisten alle Alarmglocken. Ja, wissen wir denn nicht schon längst, dass Eifersucht nichts mit menschlicher Natur zu tun hat, sondern eine soziale Konstruktion ist, eine Erfindung der westlichen Kultur, in der es um Besitztum (von Partnern) geht? Das ist ein Irrglaube. Schon die krampfhaften, gleichwohl vergeblichen Versuche, die während der sexuellen Revolution gestartet wurden, um die verpönte Eifersucht abzuschütteln, sollten uns eines Besseren belehren. Man kann aber auch andere Kulturen betrachten. Es ist ein sozialkonstruktivistischer Mythos, dass es Kulturen gäbe, die frei von romantischer und sexueller Eifersucht seien.51 Manche ethnografischen 50 Die Zahlen beziehen sich auf sexuelle Verhältnisse, da in ihnen alle Gefühlsniveaus auftreten und deshalb der starke Zusammenhang zwischen Liebe und imaginierter Eifersucht in vollem Umfang zum Ausdruck kommt. Innerhalb fester Beziehungen ist der Zusammenhang niedriger, weil Liebesgefühle dort insgesamt viel intensiver sind und somit die große Mehrheit eine starke Bereitschaft zeigt, eifersüchtig zu reagieren (Studierende: r =.32; Großstadt: r = .45). 51 David Buss: „Wo warst du?“ Vom richtigen und vom falschen Umgang mit der Eifersucht. Kreuzlingen/München 2001, S. 49. Thomas Müller-Schneider 37 Beobachter haben Eifersucht schlicht übersehen oder aus ideologischen Gründen übersehen wollen. Margaret Meads Behauptung, auf Samoa würde man über Eifersucht nur lachen, erwies sich nach eingehender Überprüfung als grundfalsch.52 Wo Liebe zwischen Menschen ist, droht auch die emotionale Gefahr der Eifersucht, woraus dann der wechselseitige Wunsch nach Exklusivität entsteht. Eifersucht ist – man mag das begrüßen oder nicht – ein unausrottbarer Bestandteil der menschlichen Natur. Dafür gibt es auch gute evolutionsbiologische Gründe.53 5. Ein Blick auf das Liebesleben jenseits der Paarbeziehung Was man trotz der gesellschaftlichen Vorherrschaft der Paarbeziehung nicht außer Acht lassen kann, ist die Tatsache, dass es ein Liebesleben jenseits davon gibt. Wenn man heute von Paargesellschaft spricht, kann man dazu nicht schweigen. Die folgenden Ausführungen konzentrieren sich auf wenige Punkte. Das Wichtigste, was es aus quantitativer Sicht zu sagen gibt, ist, dass das Liebesleben jenseits der Paarbeziehung durch die Lupe der Medien viel bedeutsamer erscheint, als es tatsächlich ist. Man kann sich selbst die Frage beantworten, was mehr Nachrichtenwert hat, die altbekannte treue Liebesbeziehung oder die polyamouröse Neigung einiger Menschen? Das Gewöhnliche ist nun einmal weniger interessant als das Unbekannte, vielleicht sogar schauerlich Lockende, wie offene Beziehungen, Halbbeziehungen oder Mehrfachliebe. Aus Sicht des vorliegenden Beitrags sind vor allem die Bedingungen bzw. Grenzen eines unkonventionellen Liebeslebens von Interesse. Der Einfachheit halber sei es in zwei Unterformen aufgeteilt, den unverbindlichen Sex und offene Beziehungen. Beim unverbindlichen Sex taucht die Frage auf, warum es ihn überhaupt gibt, wo doch weiter oben behauptet wurde, die optimale Beziehungsform sei die feste Beziehung. Es gibt eine für spätmoderne Verhältnisse abwegige soziologische Erklärung von Eva Illouz, die davon ausgeht, dass Männer mit unverbindlicher Sexualität ihren Männlichkeitsstatus bekräftigen und im „Bereich der Gefühle“ Macht erlangen können.54 52 Derek Freeman: Liebe ohne Aggression. Margaret Meads Legende von der Friedfertigkeit der Naturvölker. München 1983, S. 267f. 53 David Buss: Evolutionary Psychology. The new Science of the Mind. 5. Edition. New York 2016, S. 329f. 54 Illouz, Warum Liebe weh tut, S. 194. Verschwindet die Paarbeziehung? 38 So etwas mag es geben, aber die Erklärung taugt schon allein deshalb nicht, weil sie den heutigen Wünschen von Frauen, die sich inzwischen ebenfalls für die Erlebnismöglichkeiten unverbindlicher Sexualität geöffnet haben, nicht im Mindesten gerecht wird. An diesem Punkt denkt Illouz konsequent an der Lebenswirklichkeit in westlichen Gesellschaften vorbei. Worum geht es beim unverbindlichen Sex dann, wenn nicht vorwiegend um männliche Macht und Status? Unverbindlicher Sex hat wiederum mit der Optimierung des Liebeslebens zu tun. Liebe ist ein mentaler Zustand, der sich weder bei sich selbst noch bei jemand anderem herbeizwingen lässt. Daran ändern auch digitale Dating-Formate nichts. Solange man nicht liebt und keine Liebesbeziehung hat, kann man sein Liebesleben aber immerhin mit Sex ohne Gefühle aufbessern (das sexuelle Belohnungssystem funktioniert auch ohne Liebe). Im Vergleich zur Liebesbeziehung ist unverbindlicher Sex zwar suboptimal, aber eben besser als gar nichts. Dies wurde in Abbildung 2 deutlich: Wer innerhalb der vergangenen vier Wochen einen One-Night-Stand oder ein sexuelles Verhältnis hatte, war mit seinem Liebesleben etwas zufriedener als diejenigen, die gar keinen Sex hatten. Die amerikanische Schauspielerin und Drehbuchautorin Mae West brachte es mit einem ihrer Bonmots auf den Punkt: „Sex with love is the greatest thing in life. But sex without love – that’s not so bad either.“ Ganz so einfach liegen die Dinge allerdings nicht. Um unverbindlichen Sex genießen und auskosten zu können, muss man die richtige Persönlichkeit mitbringen. Wie die Datenanalyse zeigt,55 muss man eine grundsätzliche Neigung zum unverbindlichen Sex haben, das relevante Persönlichkeitsmerkmal wird etwas sperrig als „Soziosexualität“ bezeichnet. Wer ein geringes soziosexuelles Niveau aufweist, kann unverbindlichem Sex nichts abgewinnen, noch nicht einmal als suboptimale Ersatzstrategie für das Liebesglück in einer festen Beziehung. Viele Singles wissen, dass diese Art von Sex nichts für sie ist und verzichten deshalb von vornherein darauf. So paradox es klingen mag, auch in einer sexuell befreiten und nach Glück strebenden Gesellschaft bleibt unverbindlicher Sex ein begrenztes Phänomen. Entscheidend ist der Wunsch nach einem optimalen Liebesleben. Einerseits sorgt er dafür, dass es unverbindlichen 55 Die nachfolgend genannten empirischen Ergebnisse dieses Abschnitts können aus Platzgründen nicht eingehend dokumentiert werden. Sie beruhen im Wesentlichen auf logistischen Regressionsanalysen. Thomas Müller-Schneider 39 Sex überhaupt gibt, weil er für einen Teil der Menschen das Liebesleben verbessert, andererseits begrenzt er ihn aber auch massiv. Erstens verlieben sich ständig ungebundene Menschen ineinander und finden dann ihr optimales Liebesleben in einer festen Paarbeziehung. Zweitens ist unverbindlicher Sex für viele Menschen aufgrund ihrer Persönlichkeit kein lohnendes Erlebnis. An diesen subjektiven Grenzen der Unverbindlichkeit ändern auch Dating-Apps wie Tinder oder Bumble nichts. Die offene Beziehung wirft sozialwissenschaftlich vor allem eine Frage auf: Warum kommt sie so selten vor? Einflussgrößen, die man in der Soziologie sofort aufzählen würde, kann man empirisch ausschließen. Weder soziale Normen noch religiöse Überzeugungen oder das kulturelle Konstrukt der romantischen Liebe sind bedeutsame Faktoren, die diese Beziehungsform gesellschaftlich begrenzen. Der einfache Grund, warum man auch in liberalen Gesellschaften nach offenen Beziehungen fast schon wie nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen suchen muss, liegt darin, dass die offene Beziehung für die allermeisten Menschen keine Vorstellung gesteigerten Liebesglückes, sondern eine Horrorvision ist. Es gibt aber durchaus Menschen, für die eine offene Beziehung gewinnbringend ist, wobei wiederum Persönlichkeitsmerkmale ausschlaggebend sind. Dass es eine typische menschliche Natur gibt, die sich durch den Wunsch nach einer exklusiven Paarbeziehung auszeichnet, heißt nämlich nicht, dass es keine bedeutsamen individuellen Variationen gäbe. Empirisch erwiesen sich drei Merkmale als besonders relevant. Menschen, die zur offenen Beziehung neigen, haben erstens (anders als die allermeisten Menschen) eine starke Vorliebe für polyamouröse Erfahrungen. Sie sagen, das Leben sei schöner, wenn man mehr als nur einen Menschen lieben könne; sie sagen auch, dass das Liebesleben mehr böte, als nur eine Zweierbeziehung; und sie glauben, dass ein Mensch alleine nicht all ihre Bedürfnisse erfüllen könne. Wer eine offene Beziehung präferiert, hat zweitens eine große Vorliebe für unverbindlichen Sex und ist drittens bei weitem nicht so eifersüchtig wie die meisten anderen Menschen, auch wenn Eifersucht in offenen Beziehungen ein Problem bleibt. Es müssen also viele seltene Phänomene aufeinandertreffen, bis jemand eine offene Beziehung für sich in Betracht zieht. Die Glücksbilanz mag dann fast schon ernüchternd wirken, denn das Liebesleben einer offenen Beziehung ist im Durchschnitt nicht einmal besser als das einer exklusiven Paarbeziehung, allerdings auch nicht schlechter. Hinzu kommt, dass man in offenen Beziehungen einen beträchtlichen kommunikativen und emotionalen Mehraufwand leisten muss (z.B. Abstimmung unter Liebespart- Verschwindet die Paarbeziehung? 40 nern, Bewältigung und positive Umdeutung von Eifersucht), um ein Liebesleben zu erreichen, das genauso schön ist wie das in exklusiven Beziehungen. 6. Schluss Das Fazit des Beitrags ist – mit Blick auf die drei eingangs gestellten Fragen – eindeutig: Die Paargesellschaft verschwindet nicht, die exklusive Paarbeziehung ist und bleibt das vorherrschende und für die große Mehrheit auch das optimale Beziehungsmodell. Wir steuern auch keiner Ära entgegen, in der große Gefühle und romantische Idealisierung verschwinden. Die manchmal geäußerte Vermutung, Menschen würden sich angesichts möglicher Enttäuschungen und Verletzungen neuartigen Vernunftbeziehungen zuwenden, wird nicht eintreffen. Menschen neigen neurobiologisch dazu, sich zu verlieben. Das Belohnungssystem drängt zur Bindung und ermöglicht ein schönes Liebesleben, das sich Menschen in Zeiten des Glücksstrebens weder entgehen noch nehmen lassen. Für die allermeisten Menschen bietet die exklusive Paarbeziehung – von Natur aus – das optimale Liebesleben; unverbindlicher Sex ist bestenfalls die zweitbeste Lösung, solange man niemanden liebt und offene Beziehungen sind nur für die allerwenigsten überhaupt erträglich. Nicht gesellschaftliche Normen ziehen die Grenzen für das Liebesleben jenseits der festen und exklusiven Paarbeziehung, sondern das Streben nach einem optimalen Liebesleben. Mit anderen Worten: Die soziale Ordnung des spätmodernen Liebeslebens entsteht aus dem Innenleben und nicht aus gesellschaftlichen Vorgaben. Die Fortexistenz dieser Ordnung, in deren Zentrum die exklusive Paarbeziehung steht, setzt dennoch eine wesentliche gesellschaftliche Bedingung (externe Handlungsbedingung) voraus. Menschen müssen sich frei entscheiden können, wie sie ihr Liebesleben einrichten wollen. Man mag selbst entscheiden, wie wahrscheinlich die Entstehung einer „schönen neuen Welt“ ist, in der, wie uns Aldous Huxley vorbuchstabiert, Liebe und dauerhafte Beziehungen verpönt sind. Eine weitere Bedingung betrifft die Natur des Menschen, sie muss unverändert bleiben. In diesem Zusammenhang sind zwei ergänzende Bemerkungen zu machen. Erstens sind sich Männer und Frauen in den strukturrelevanten Dingen des Liebeslebens eher ähnlich als fremd. Am wichtigsten dabei ist: Die neurobiologischen Netzwerke der Liebe sind gleich aufgebaut, beide Geschlechter Thomas Müller-Schneider 41 streben mehrheitlich feste Liebesbeziehungen an.56 Die zweite Bemerkung ist zugleich eine Antwort auf die Frage, ob Liebesbeziehungen auch in Zukunft vorwiegend heterosexuell sein werden. Die Frage lässt sich leicht beantworten, da Heterosexualität keine soziale Konstruktion, sondern eine evolutionäre Anpassung im Dienste der menschlichen Fortpflanzung ist. Ein geringer Anteil von Menschen, der in vielen Kulturen ähnlich ist, hat eine homosexuelle Orientierung. Die genauen Mechanismen ihrer Genese und evolutionsbiologische Hintergründe sind allerdings noch nicht vollständig geklärt.57 Glücklicherweise gibt es schon heute keine Hemmnisse mehr, eine homosexuelle Orientierung auszuleben. Dass die Zahl homosexueller Verbindungen dennoch kaum gestiegen ist, ist ein weiterer Beleg dafür, dass es innere Grenzen ihrer Verbreitung gibt. Eine andere Überlegung zur menschlichen Natur ist relevanter. Auf absehbare Zukunft bleibt sie wohl konstant, weil biologisch-evolutionäre Veränderungen großer Zeiträume bedürfen. Wir nähern uns aber einem Entwicklungsstadium, in dem wir manipulativ in die Biologie der Liebe eingreifen können. Je mehr die neurobiologischen Grundlagen und Mechanismen von Liebe und Sexualität entschlüsselt werden, desto besser werden die biotechnischen Voraussetzungen hierfür sein. Die Verstärkung von Liebesgefühlen mit Hilfe des Botenstoffes Oxytocin ist schon in Ansätzen möglich.58 Es lassen sich viele Zukunftsszenarien eines biotechnisch manipulierten Liebeslebens entwerfen, die einer weiteren Affektoptimierung (Glückssteigerung) dienen könnten. Nicht nur, dass man Liebesgefühle erstmals gewollt erzeugen oder erhalten kann, denkbar wäre auch ein Mittel gegen Liebeskummer. Warum leiden, wenn es nicht sein muss?59 Oder warum nicht eine Substanz, die uns schnellen und unverbindlichen Sex – so wie ihn die Bonobos haben – mehr als das Liebesleben in einer festen Beziehung genießen lässt? Eine solche Substanz könnte von einer anderen ergänzt werden, die verhindert, dass wir uns verlieben, wenn es gerade nicht passt. Oder vielleicht ein Mittel ge- 56 Bartels, Die Liebe im Kopf, S. 95. 57 Stephen Sanderson: Human Nature and the Evolution of Society. Boulder 2014, S. 146-152. 58 Larry Young. Being human: Love: Neuroscience reveals all. In: Nature 457 (2009), Nr. 7226, S. 148. 59 Brian Earp u.a.: If I Could Just Stop Loving You: Anti-Love Biotechnology and the Ethics of a Chemical Breakup. In: The American Journal of Bioethics 13 (2013), Nr. 11, S. 3-17. Verschwindet die Paarbeziehung? 42 gen Eifersucht, um in polyamouröse Bindungen einzusteigen? Biotechnik dieser Art, die irgendwann in naher Zukunft möglich sein wird, könnte die soziale Ordnung des Liebeslebens erheblich beeinflussen. Ob dies gewünscht, ethisch legitimierbar oder gesellschaftlich durchsetzungsfähig wäre, steht hier nicht zur Debatte. Eine letzte Überlegung gilt der globalen Entwicklung. Unter der sich heute schon abzeichnenden Bedingung, dass existenzielle Sicherung und Wohlstand auch in Entwicklungsländern Einzug hält, wird dort eine ähnliche Entwicklung eintreten, wie sie schon vor Jahrzehnten im Westen zu beobachten war. Die Menschen werden ihr Belohnungssystem kultivieren und – Stichwort Wertewandel – vor allem nach Lebensfreude und Glück streben. Traditionelle Beziehungsstrukturen werden sich zugunsten eines innenorientierten Liebeslebens auflösen. Arrangierte Ehen und herkömmliche Vielehen (die weniger auf Liebe als auf ökonomischen Erfordernissen beruhen) werden verschwinden. Stattdessen wird die sexuell exklusive Liebesbeziehung, die optimale Form des menschlichen Liebeslebens, vorherrschen. Daneben wird es, so undenkbar dies in manchen sexuell repressiven Ländern heute noch scheint, auch unverbindlichen Sex und nichtexklusive Beziehungen geben.

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Zusammenfassung

Mit Band 2 der Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte wird eine Reihe von Sammelbänden zu Ringvorlesungen fortgeführt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen mit ihren jeweils eigenen Perspektivierungen übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Erscheinungen zuwenden. Im Fokus dieses 2. Bandes steht das Phänomen der Liebe.

Der wissenschaftliche Blick auf die Liebe ist immer einer auf eine Erscheinung, die sich auf sehr unterschiedliche Weise präsentiert. Das gilt sowohl in Hinblick auf ihre Historizität als auch ihre Systematizität. Und es gilt allemal für ihre Bewertung im Spannungsfeld von Sozialkonstruktion und biologisch-psychologischer Prädisposition. Aus diesem Spannungsfeld heraus schauen die Beiträge auf die tatsächliche oder vermeintliche Krise der modernen Paarbeziehung und fragen nach den Faktoren, die für die unterschiedlichen Bezeichnungen von Paarbeziehungen verantwortlich sind. In den Blick genommen werden Konstellationen der Liebe in den biblischen Erzählungen und ihrer Rezeptionsgeschichte, in der deutschen, englischen und französischen Literatur und im Film, in der Philosophie, der Musik und in der Kunst, gestern und heute. Ein eigener Blick wird auf die Idealtypik der ‚First Lady‘ in der politischen Kultur der USA geworfen.

Die Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte dokumentieren Ergebnisse regelmäßig stattfindender Ringvorlesungen an der Universität Koblenz-Landau. Die öffentliche Vortragsreihe wird als fester Bestandteil der universitären Veranstaltungskultur vom Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften am Standort Landau organisiert und widmet sich interdisziplinären Fragestellungen aus dem jeweiligen Blickwinkel der vortragenden Disziplinen. Auf diese Weise wird ein Forum für den aktiven wissenschaftlichen Austausch zwischen den Neuphilologien (Germanistik, Romanistik, Anglistik), der Kunst- und der Musikwissenschaft, der evangelischen und katholischen Theologie, der Soziologie, der Politikwissenschaft sowie der Wirtschaftswissenschaft ermöglicht und befördert.