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Burger Voss

Ausgeglaubt!

Warum Atheisten für die Gesellschaft wertvoll sind

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4218-2, ISBN online: 978-3-8288-7140-3, https://doi.org/10.5771/9783828871403

Tectum, Baden-Baden
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Burger Voss Ausgeglaubt! Burger Voss Ausgeglaubt! Warum Atheisten für die Gesellschaft wertvoll sind Tectum Verlag Burger Voss Ausgeglaubt! Warum Atheisten für die Gesellschaft wertvoll sind © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018 ePDF: 978-3-8288-7140-3 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4218-2 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildung: Tectum Verlag, unter Verwendung der Bilder #1076356358 von Art Houze und #770336959 von frankie‘s www.shutterstock.com Autorenfoto: © Evelin Frerk | www.who-is-hu.de Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Mit bestem Dank an den Scrutator Raphael Dorigo, der mir eine kreative Blockade lösen konnte und dessen Kehrtwende vom Frömmler zum Freidenker vielen ein Beispiel sein möge. Inhaltsverzeichnis Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Glauben heißt leugnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1 15 Religionen sind menschgemacht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2 97 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3 133 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist . . . . . . . .4 205 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns. . . . . . . . . . . . . . . . . .5 271 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen . . . . . . . . . . . . . . .6 287 Darf man noch religiös sein? Vom richtigen Umgang mit dem Göttlichen . . . . . . . . . . . .7 327 Bismillah, Genossen! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8 333 Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 VII Einleitung „Als ich ein junger Mann war, war Religion im Wesentlichen am Ende. Leute, die von Religion sprachen, waren sozusagen Idioten. Es schien un‐ denkbar, dass es ein Revival der Religion als zentrale Kraft in der Weltpo‐ litik geben würde. Religion war uncool. Dummerweise haben, während wir damit beschäftigt waren, cool zu sein, die uncoolen Leute die Welt übernommen.“ Sir Salman Rushdie Wir werden uns in diesem Buch zunächst mit der Existenz Gottes aus‐ einandersetzen, dann mit dem Glauben selbst (und schließlich mit dem Glauben an den Glauben). Wir werden uns hier aber nicht lange mit der korrekten Auslegung von Bibel- oder Koranstellen aufhalten, weil das in etwa so realitätsnah ist, wie sich mit der Grammatik der Zaubersprüche aus Harry Potter zu beschäftigen. Wenn ich Stellen aus diesen Werken zitiere, dann hauptsächlich um zu zeigen, was Men‐ schen daraus machen. Darüber hinaus setzen die heiligen Schriften voraus, dass es Gott gibt, und genau das ist keinesfalls eine etablierte Tatsache. Viel wichtiger ist zu betrachten, wie Religionen real gelebt werden. Gute Vorsätze interessieren nicht. Wenn Menschen leiden müssen, ih‐ nen Dinge aufgezwungen werden oder sie gar aus religiösen Motiven getötet werden, sollte das ausreichen, sich ein Bild von der „real exis‐ tierenden Religion“ zu machen, um einmal die ernüchterten Worte Erich Honeckers zu entleihen - im Jahre 1973 sprach er zum ersten Mal vom real existierenden Sozialismus und brachte so den Unter‐ schied zwischen Wunsch und Wirklichkeit zum Ausdruck. Und das alles wird in der Frage gipfeln, ob es, wie der Großteil der rund 36 % Konfessionsfreien in Deutschland es praktiziert, wirklich genügt, der Religion gegenüber nur achselzuckend distanziert zu sein. Oder ob es nicht doch wichtig ist, sich und seinen Interessen Gehör zu verschaffen und dafür zu sorgen, dass die Kirche zwar im Dorf, aber nicht im Staat bleibt. 1 *** Im Rahmen einer früheren Tätigkeit war ich beruflich viel in der isla‐ mischen Welt unterwegs, hauptsächlich in Jordanien, der Türkei und Indonesien, aber auch in Dubai, dem Libanon und dem Iran. Die Gastfreundschaft dieser Menschen ist für Deutsche geradezu beschä‐ mend, zumal ich nicht als Kunde dort war, sondern als Lieferant, der in Deutschland fast schon froh sein kann, durch die Vordertür herein‐ gelassen zu werden. Ich bekam in Jordanien einmal eine Packung vor‐ zügliches Baklava geschenkt. Als ich bei meinem nächsten Besuch nur fragte, wo ich meiner Frau eine Packung kaufen könne, rief mein Kun‐ de in seinem Büro in Damaskus an – ein Fahrer setze sich in den Wa‐ gen, kaufte bei Semiramis Sweets zwei Packungen und fuhr sie die 180 Kilometer über die Grenze zu uns ins jordanische Zarqa. Welcher deutsche Firmeninhaber tut so etwas für seinen Lieferanten? Hier kann der Deutsche an sich noch viel lernen. Religion hat auch schöne Seiten. Als ich im November 2013 mit meiner Frau in Jordanien die Zitadelle von Amman besuchte, war ich erstaunt von dem Altertumsmuseum, das sie beherbergt. Amman ist eines der ältesten Siedlungsgebiete der Welt, und seit 7500 v. Chr. las‐ sen sich Spuren von organisiertem Zusammenleben in dieser Region nachweisen. Beseelt vom Eindruck all der prähistorischen Steinwerk‐ zeuge, der altertümlichen Fruchtbarkeitssymbole und der römischen Münzen verließen wir das Gebäude. Dass es vierzehn Uhr war merkte ich daran, dass alle Muezzin der Stadt gleichzeitig von den Lautspre‐ chern der Minarette zum Freitagsgebet einluden. Die ganze Stadt hallte wider vom Echo der Gesänge, ich stand auf einem der höchsten Hügel der Stadt und bekam es aus allen Richtungen serviert. Was für ein Sound! Und ich merkte, dass ich feuchte Augen bekam. Ich weiß nicht warum. Ich hatte keine Angst vor der kollektiven Kraft, die eine der‐ maßen die Gesellschaft durchdringende Idee freisetzen kann; ich fürchtete keine aufgepeitschten Frömmler, die nach dem Freitagsgebet das dringende Bedürfnis haben würden, Nichtmuslimen ihre Überzeu‐ gungen mit der Holzlatte nahezubringen; ich fürchtete auch das Totali‐ täre, das Massen Mobilisierende nicht, das dem modernen Deutschen so unheimlich ist. Vielleicht wäre es mir in Saudi-Arabien oder Pakis‐ tan anders ergangen; in Jordanien muss man da keine Angst haben. Einleitung 2 Hier konnte ich von diesem Moment einfach ergriffen sein. Ich selbst habe eine ausgeprägte musische Ader – das Blut, das sie durchfließt, wird aber von Filmen, Büchern und Musik bereits ausreichend mit Sauerstoff versorgt, so dass ich keine weiteren Wundergeschichten be‐ nötige. Ein Jahr zuvor hatte ich ein paar teilweise ziemlich alkoholkranke Algerier durch Deutschland begleitet, und als wir in der Vorweih‐ nachtszeit in Dresden zu Mittag aßen und die Weihnachtsgesänge vor der Frauenkirche hörten, bekam auch einer von ihnen feuchte Augen, einfach weil der Moment so schön war. Christentum oder nicht, es be‐ wegte ihn. Machen wir uns nichts vor: Religion kann herzergreifende Mo‐ mente im Leben eines jeden hervorrufen. Das aber können Musik und Schauspiel auch. Es wäre unsinnig, bei Muezzingesang sofort an Selbstmordattentäter zu denken. Dennoch gibt es Dinge an der Religi‐ on als Idee, über die wir sprechen müssen. Atheist sein heißt nicht „Gott zu hassen“, denn man glaubt einfach nicht, dass es ihn gibt; Atheismus heißt auch nicht „Gläubige zu has‐ sen“, denn wer die Sünde hassen kann, aber nicht den Sünder, der kann bestimmt auch begreifen, dass Atheisten den Glauben als Idee kritisie‐ ren, aber nicht den Gläubigen. Wer den Menschen mehr schätzt als die Ideologie oder das Buch, ist Humanist. Ein Großteil der Christen in Deutschland dürfte Humanist sein, und das bedeutet, dass sie eine Or‐ ganisation unterstützen, deren Leitmotive sie eigentlich nicht teilen. Ein Bischof ist, verglichen mit seinen Schäfchen, ein religiöser Extre‐ mist, dem wesentlich mehr Gehör geschenkt wird als er verdient, und dem es mitnichten darum geht, dass alle glücklich sind. Ihn interessiert in erster Linie das Einhalten von Dogmen, was auch der Grund sein dürfte, warum die Deutsche Bischofskonferenz sich anlässlich der päpstlichen Umfrage von 2013 genötigt sah, die Fragen eins, zwei, fünf, sieben und acht von neun Fragen stellvertretend für die deut‐ schen Katholiken selbst zu beantworten.1 Die Themen dieser Fragen waren Ehe, gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft und Abtreibung. Es ist möglich, dass die deutschen Bischöfe ihren mangelnden Einfluss auf die Bevölkerung nicht nach Rom kommunizieren wollten und da‐ her zu diesem Schritt griffen – in jedem Fall aber haben sie sich in bes‐ Einleitung 3 ter Tradition über ihre Schäfchen hinweggesetzt, was dem Grundge‐ danken einer Umfrage direkt widerspricht. Trotz allem empfinden die meisten Menschen eher das Wort Athe‐ ist als abschreckend, nämlich weil sie die Position der Atheisten haupt‐ sächlich von Berufsreligiösen erklärt bekommen. Aus historisch ge‐ wachsenen Gründen ist die christliche Sichtweise in Deutschland noch immer die maßgebliche. Neun Prozent der Mitglieder in den Auf‐ sichtsgremien der deutschen Rundfunkräte vertreten die Interessen der Religionsgemeinschaften. Das klingt nicht nach viel, genügt aber, um ein regelmäßiges Wort am Sonntag stattfinden zu lassen, oder Pro‐ gramme wie Moment mal! auf NDR 2 direkt nach den 18 Uhr-Nach‐ richten, in denen Geistliche aus Norddeutschland täglich versuchen, Gott auf banale Alltagserlebnisse anzuwenden. Das ist an sich kein Problem, doch ist es nicht verwunderlich, dass dem Drittel Konfessionsfreier in Deutschland nichts Ähnliches gebo‐ ten wird? Es müssten nicht einmal „atheistische Bekehrungsversuche“ sein, sondern einfach Aufrufe zur Mitmenschlichkeit, zu Spenden im Katastrophenfall oder einfach gelegentliche Verschnaufpausen vom alltäglichen Hamsterrad. Diese Momente der Einkehr sind wertvoll, aber bislang ausschließlich religiös konnotiert, und das erweckt den Eindruck, nur Religion könne das leisten. Man könnte jederzeit genug Material, nun nicht über den Atheis‐ mus, aber über ein naturwissenschaftliches Weltbild bringen, das den Menschen ihre vermeintliche Wichtigkeit im Universum zurechtstutzt. Schaut, vom Saturn aus gesehen ist die Erde mit all ihren Menschen, deren Sorgen, Nöten, Hoffnungen und Wünschen nur ein kleiner blau‐ er Punkt im Vakuum! Schaut, ihr tragt die DNA von Bakterien in eu‐ ren Zellen! Schaut, das Universum dehnt sich mittlerweile schneller aus als das Licht! Laut statistischem Bundesamt lag der Anteil von Konfessionsfreien in der BRD im Jahre 1970 bei vier Prozent. Laut der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) lag ihr Anteil im Jahre 1987 schon bei elf Prozent, nach der Wiedervereinigung bei 22 Pro‐ zent, im Jahre 2004 bei 32 Prozent und im Jahre 2016 bei 36 Prozent. Die Konfessionsfreien sind mittlerweile die größte Gruppe der Weltan‐ schauungen in Deutschland, doch das ist ausschließlich ihr Privatver‐ gnügen – sie erhalten weder staatliche Zuschüsse, noch treibt der Staat Einleitung 4 Geld für sie ein, noch haben sie Sendezeit in Rundfunk oder Fernse‐ hen. Die Abwesenheit von religiösen Überzeugungen, so wirkt es, scheint auch Abwesenheit von Interessenvertretung mit sich zu brin‐ gen. Dabei ist der Staat doch offiziell säkular, also religionsfern! Dass christliches Denken in Europa maßgeblich ist, liegt daran, dass sie sehr lange die Sendehoheit hatten. Von der Kanzel aus, vom Balkon des Herrschers aus, über Radio und Fernsehen. Doch heute gibt es weitere Medien, die jeder auch ohne das entsprechende Vitamin B benutzen kann. Wenn Sie versuchen sich vorzustellen, wie der Ein‐ fluss der Kirchen auf die Gesellschaft vor YouTube und Facebook aus‐ gesehen hat, so ist es erstaunlich, wie wenig überzeugend ihre Argu‐ mente zu sein scheinen, wenn sie nur mit Sendemonopol und großem Druck auf die Bevölkerung aufrecht erhalten werden konnten. Noch vor zehn Jahren, so sagte der Philosoph Michael Schmidt-Salomon an‐ lässlich eines Vortrags im Jahre 2013, wurde er von Talkshows ausgela‐ den, wenn ein Bischof anmerkte, er werde nicht mit einem Atheisten diskutieren. Heute bietet der Sender dem Bischof an, zuhause zu blei‐ ben und stattdessen jemand Gesprächsbereiten zu schicken. Ein Wan‐ del zeichnet sich ab. Der moderne, offensiv auftretende Atheismus (auch Neuer Atheis‐ mus genannt) stammt aus den USA, wo er eine grundsätzlich verteidi‐ gende Haltung einnahm: es ging primär darum zu verhindern, dass Kreationisten Einfluss auf die Lehrpläne amerikanischer Schulen neh‐ men. Die Kreationisten glauben an die wortwörtliche Schöpfungsge‐ schichte der Bibel, also daran, dass Gott die Welt in sechs Tagen er‐ schaffe habe, und lehnen die Evolutionslehre als atheistische bis mar‐ xistische Erfindung ab. Interessanterweise sind diese Gläubigen mehr‐ heitlich Protestanten und nicht Katholiken. Es wäre bedauerlich genug, wenn sie es nur unter sich tun würden – stattdessen aber versuchen sie laufend, die biblische Schöpfungsge‐ schichte in den Biologieunterricht amerikanischer Schulen zu bringen. Aus dieser Bedrohung des säkularen Staates heraus (und unter dem Eindruck des 11. Septembers) beschloss eine ganze Reihe von Wissen‐ schaftlern und Philosophen im Gegenzug, ihren Atheismus nicht län‐ ger für sich zu behalten. Richard Dawkins‘ Buch Der Gotteswahn aus dem Jahre 2006 war ein weltweiter Erfolg mit drei Millionen verkauften Exemplaren und Einleitung 5 Übersetzungen in 35 Sprachen. Nur für die arabische Welt gab es keine Übersetzung, bis ein Araber namens Bassam Al-Baghdadi in Schwe‐ den die Arbeit auf sich nahm, die 464 Seiten ins Arabische zu überset‐ zen und kostenlos ins Netz zu stellen (wogegen Richard Dawkins übri‐ gens keine Einwände hatte). Die arabische Übersetzung wurde mittler‐ weile etwa 10 Millionen Mal heruntergeladen, allein drei Millionen Mal in Saudi-Arabien. Man muss sich vorstellen, was für eine Offenba‐ rung es für Zweifler in der islamischen Welt gewesen sein muss, ein‐ mal die Argumente der Atheisten selbst zu hören, statt immer nur von Theologen erklärt zu bekommen, wie der Atheist angeblich denkt. Was ist denn nun ein Atheist? Der Begriff Atheist birgt ein Missverständnis. Es gibt Agnostiker, die der Meinung sind, dass die Frage nach dem Schöpfer sich nicht beant‐ worten lässt. Dann gibt es Atheisten, die der festen Meinung sind, es gäbe keinen Schöpfer. Tatsächlich bin ich in der atheistischen Szene Deutschlands bisher keinem einzigen davon begegnet. So gut wie alle sind agnostische Atheisten – sie wissen, dass die Frage nach dem Schöpfer nicht zu beantworten ist, halten es angesichts wissenschaftli‐ cher Erkenntnisse und theologischer Widersprüche allerdings für sehr unwahrscheinlich, dass eine der etablierten Religionen Recht hat, und wittern Betrug. Als ich einer länger nicht wahrgenommenen Freundin davon er‐ zählte, dass ich neuerdings Vegetarier sei, bekam ich per Messenger- Service innerhalb weniger Minuten einen ganzen Kanon von Fragen und Argumenten geschickt wie: „Also ich werde von Grünzeug nicht satt“, „Pflanzen haben auch Gefühle“, „Das Tier ist doch schon tot wenn Du es kaufst“ und so weiter. Solche Fehleinschätzungen lassen sich ebenso auf die Wahrneh‐ mung eines modernen Atheisten übertragen. Ein Vegetarier ist nie‐ mand, der plötzlich nur noch Grünzeug mampft. Pizza Quattro Sta‐ gioni, Croque Camembert, Pommes mit Ketchup und Majo, Bratkar‐ toffeln, Spaghetti Arrabiata, Romanesco-Kartoffelauflauf oder Ome‐ lette sind allesamt vegetarisch oder ohne Fleisch möglich. Doch in der oberflächlichen Wahrnehmung des Gewohnheitsfleischessers knabbert Einleitung 6 der Veggie nur noch freudlos am Möhrchen – und ein Atheist ist je‐ mand, der mit hysterisch grinsender Fratze dem Abgrund entgegen‐ torkelt und weder Freude empfinden kann noch Moral besitzt. Aus pu‐ rem Hass auf Gott oder die Gesellschaft scheint er sich laufend auskot‐ zen zu müssen. Beides ist Blödsinn. Ich bin nicht den ganzen Tag aktiv damit beschäftigt, kein Fleisch zu essen. Ich urteile nicht über andere, weil sie „noch“ Fleisch essen; ich habe es einfach hinter mir und wende mich anderen Dingen zu, und das würde mir eigentlich genügen. Und nun stellen wir uns vor, es gäbe eine große, weltweite Organi‐ sation von Fleischessern mit einem alteingesessenen Zentrum in Rom, einigen Tausend Niederlassungen sowie dem größten Landbesitz in Deutschland und besten Verbindungen in die Politik, für die der Ver‐ zicht auf Fleisch so unverständlich, ja geradezu verstörend und vor al‐ lem gegen ihre gesellschaftlichen Interessen ist, dass sie sich gezwun‐ gen sehen, dringend etwas dagegen zu unternehmen. Kongresse und Debatten werden organisiert, der Staat zahlt fleißig an diesen Carni‐ vortagen in Hamburg oder Leipzig mit, es wird vor der Gefahr des Fleischverzichts gewarnt, YouTube-Kanäle füllen sich mit Videos, in denen mit tiefster Überzeugung in Hamburger gebissen wird, Live- Konversionen, Straßenpredigten und „Iss!“-Stände von carnivoren Ex‐ tremisten. Und wo sollen diese Vegetarier denn bloß ihre Nährstoffe hernehmen, und warum wollen die unbedingt so anders sein! Es ist doch egal, ob man zu den Schweineessern oder den Geflügelessern ge‐ hört, Hauptsache man isst Fleisch, denn ganz ohne, das kann man doch nicht machen! Die tun so, als wären wir Fleischesser alle dumm, und überhaupt: Hitler war Vegetarier! Wie kann man nur! Und sei froh, dass du in Europa lebst, du fleischfreier Schlaumeier! In Afrika oder auf der arabischen Halbinsel gelten andere Sitten, da würde man dir das Fleisch noch mit Anlauf in den Hals rammen, bis du wieder funktionierst! Wenn die da unten nur nicht so beschäftigt wären, im Moment tobt da ein Krieg zwischen zwei Gruppen, die einen wollen Rindfleisch nur grillen, die anderen wollen es nur braten, und außerdem geht es darum, wer der legitime Nachfolger des Großen Chefkochs von Damals ist, seine Kinder oder gewählte Nichtverwand‐ te, und ob man durchgaren oder medium grillen soll, mit Marinade oder ohne, morgens und abends oder nur abends, und es fließt deswe‐ Was ist denn nun ein Atheist? 7 gen schon ziemlich lange ziemlich viel Blut in dieser Region, und sie suchen mittlerweile auch bei uns Anhänger, und den Indern sind sie vollständig verhasst, weil sie allesamt Rinder schlachten, aber eines ist klar, das hat überhaupt nichts mit Fleischessen zu tun! Kein Fleisch zu essen ist einfach keine Lösung! So in etwa kommt sich der moderne Atheist vor, wenn er Religiöse reden hört. Dass ich im Rahmen dieser Metapher heute in Europa nicht mehr zum Fleischverzehr oder zur Angehörigkeit einer Religion genötigt werde, ist einem langen Kampf zu verdanken, in welchem man den Religiösen klar gemacht hat, dass ihre Sicht der Dinge nur eine von vielen ist und dass sie nur innerhalb ihrer eigenen Lehren, nicht aber in der realen Welt einen Absolutheitsanspruch besitzt. In anderen Teilen der Welt fehlt diese Erkenntnis noch. Schlimmer: sie wird aktiv bekämpft. In der Türkei galt bis vor kurzem noch eine strik‐ te Trennung von Staat und Religion. Sie wird unter der AKP täglich geschwächt. Hierin liegt auch der Grund für meinen Aktivismus. Ich wurde Vegetarier, als ich ein Bild einer Ziege sah, die während des islami‐ schen Opferfestes ängstlich um die Hausecke schaute, wo eine andere Ziege gerade geschächtet wurde. Ich fragte mich, was die Ziege wohl bei diesem Anblick empfand, ob ihr schwante, dass sie die nächste sei, und was sie in diesem Moment über Menschen dachte. Während des islamischen Opferfestes werden auf der ganzen Welt in wenigen Stun‐ den 100 Millionen Tiere geschächtet, um Abrahams Beinahe-Men‐ schenopfer zu gedenken und dem Allwissenden damit etwas zu bewei‐ sen. Doch keineswegs, so dachte ich mir, sollte das ein Grund sein, in einen Kulturimperialismus gegenüber „diesen Barbaren“ zu verfallen, denn zu Weihnachten sieht es in den deutschen Backöfen kaum anders aus, und auch das Thanksgiving in den USA wird in seinem Zynismus eigentlich nur gesteigert, wenn der US-Präsident EINEM Truthahn das Leben schenkt. Wenn es darum geht, das Leid empfindungsfähiger Tiere zu mindern, die nichts anderes wollen als einfach leben, und die beim Erreichen der Schlachtreife allesamt noch Kinder sind, dann ist das nicht mal der Tropfen auf den heißen Stein. Wer davon überzeugt ist, dass Mensch wie Tier insgesamt nur ein einziges Leben, nämlich dieses hier haben werden, der muss dieses Le‐ Einleitung 8 ben mehr schätzen. Fleisch essen aus bloßer Gewohnheit ignoriert eine entsetzliche Menge an industriell produziertem Leid, und der prä‐ ventive Masseneinsatz von Antibiotika und die daraus folgende Resis‐ tenzbildung bei Bakterien beginnen sich im humanmedizinischen Be‐ reich bereits zu rächen. Um meinen Duktus gegenüber Fleischessern von potenziellen Missverständnissen zu befreien: Wenn ich irgendwo eingeladen bin, läge mir nichts ferner, als mich in der Küche aufzustellen und in die Runde zu deuten, dass wir alle das hier nicht essen können, weil es Schinkenwürfel enthält. Wenn der Gastgeber Nachsicht hatte, hat er eine vegetarische Alternative bereitgestellt. Wenn nicht, füge ich mich und esse, was die anderen essen. Nichts läge mir ferner, als der gesam‐ ten Runde meine Vorstellungen aufzuzwingen. Mit meinem Vegetaris‐ mus halte ich es wie mit meinem Atheismus: ich muss nicht eingreifen, wenn jemand betet, und ich ziehe auch niemandem die Salami vom Brötchen. Genau das aber tun organisierte Religionen, und sie würden noch ganz andere Sachen tun, wenn man sie wieder so gewähren ließe, wie man sie in der Vergangenheit gelassen hat. Ein Disclaimer für Hysteriker Aus Gründen, die sich im öffentlichen Diskurs mit der Zeit festgesetzt haben, muss noch etwas gesagt werden. Ich unterscheide in diesem Buch (und auch sonst) zwischen Gläubigen und ihren Religionen. Christen und Muslime sind Menschen mit Rechten – das Christentum und der Islam sind Ideen, die aus sich heraus genauso wenig Respekt verdienen wie weltliche Ideologien. Und wenn ich den Islam oder das Christentum kritisiere, dann nicht um Menschen zu beleidigen. Ich bin lediglich der Meinung, dass diese Ideen zu selten einer kritischen Prüfung unterzogen werden, gerade weil sie sich selbst das Attribut „heilig“ gegeben haben. Was ich kritisiere, sind diese Ideen selbst, die Annahme, Kritik verbitte sich bei diesen Ideen grundsätzlich sowie das Ausmaß, in dem solche Ideen blind geglaubt werden, und die Folgen, die sich daraus ergeben. Der Nationalsozialismus wäre kein Problem gewesen, wenn Hitlers Mein Kampf ungelesen und ungeglaubt als Pflichtexemplar in einem Regal der Deutschen Nationalbibliothek ge‐ Ein Disclaimer für Hysteriker 9 endet wäre. Doch da diese Idee auch gelebt wurde, müssen wir uns mit ihrem historischen Erbe herumschlagen. Des Weiteren sollte selbstverständlich sein, dass ich, wenn ich über Osama bin Laden oder den Islamischen Staat rede, nicht alle Muslime meine. Es ist erstaunlich, wie oft man falsch verstanden wird – ver‐ mutlich liegt es auch daran, dass manche einen falsch verstehen wollen, um noch ein vermeintliches Argument zu haben. Noch nie in der Ge‐ schichte der Menschheit haben alle Vertreter eines Kulturkreises oder einer Idee im Kopf so synchron getickt wie Atomuhren. Zur Beschrei‐ bung des Ist-Zustandes geht es immer nur um Anteile, Verhältnisse, Tendenzen und Entwicklungen. Wer angesichts eines Umfrageergeb‐ nisses wie „91 Prozent der Muslime im Irak wollen die Scharia als Ge‐ setzgebung“2 freudig darauf hinweist, dass ja nicht alle so sind, weil da noch neun Prozent fehlen, der hat überhaupt nichts beigetragen, denn die eigentliche Frage ist, bei welchem Prozentsatz ihre grundsätzliche Ablehnung der Demokratie einmal angefangen hat. Zwei Probleme haben in der öffentlichen Debatte in letzter Zeit stark zugenommen. Das erste ist die Vereinfachung der Debatte da‐ durch, dass Ideen ohne weitere Differenzierung angeblich entweder gut oder schlecht sein sollen. Christentum ist gut, Islam ist schlecht, oder beide sind gut und keine schlechter als die andere. Ich gebe zu, Jaoder-Nein- und Null-oder-Eins-Ansätze halten das Denken einfach. Doch leider ist das Leben selten so einfach, wie man Denkaufwand einsparen möchte. Das zweite ist das größere Problem: der Tribalismus, also das Stammesdenken. Informationen oder Ansichten werden hier nicht an ihrem Wahrheitsgehalt gemessen, sondern daran, aus welcher Rich‐ tung sie kommen. Sagt die AfD etwas, ist es populistisch, rechtsextrem, menschenfeindlich und sowieso gelogen, so die Linke. Sagen die Grü‐ nen etwas, ist es naiv, deutschfeindlich, linksextrem und kurzsichtig, sagen die Rechten. Wann wäre die Welt jemals so einfach gewesen? Das Problem ist, dass die AfD als einzige Organisation von nen‐ nenswerter Reichweite Islamkritik betreibt (oder was sie dafür halten). Die Gegenseite nimmt daher an, dass Islamkritik grundsätzlich rechts sei, und verwirft den Gedanken umgehend als unbrauchbar, da er zum Weltbild des Feindes gehört. Islamisten können gegen Schwule, Lesben und Juden hetzen, aber da Kritik daran irgendwie rechts ist, verlegt Einleitung 10 man sich auf die Position, dass das dann halt keine islamischen Werte seien oder der Islamkritiker Menschen mit bestimmter Hautfarbe sol‐ che Abscheulichkeiten einfach unterstellen würde. Dabei kann der Kritiker selbst aus einem entsprechenden Kultur‐ kreis stammen. Der Brite Maajid Nawaz (liberaler Reformmuslim pa‐ kistanischer Herkunft) und die Niederländerin Ayaan Hirsi Ali (Ex‐ muslima somalischer Abstammung) wurden im Jahre 2016 vom ame‐ rikanischen Southern Poverty Law Center, das etwa 55.000 Schulen in den USA mit Unterrichtsmaterialien zur Toleranzförderung versorgt, in ihre Liste von „antimuslimischen Extremisten“ aufgenommen. Hier treffen sich beide angesprochenen Probleme: Man hält Nawaz und Ali für Extremisten, da sie tun, was man nur von Rechtsextremisten kennt, und daher müssen sie Extremisten sein – was sie tun, ist also extremis‐ tisch und ausländerfeindlich. Dieser Zirkelschluss könnte durchbrochen werden, indem man eine weitere Kategorie aufmacht: Islamkritiker ohne eigenen Extremis‐ mus. Aber das würde erfordern, dass man aufhört, das Leben an die Ideologie anzupassen, und stattdessen die Ideologie an das Leben an‐ passt. Das stünde nicht nur den Religionen, sondern auch weltlichen Ideologien einmal gut zu Gesicht, weshalb ich mich in diesem Buch mit beiden beschäftigen werde. Ein Disclaimer für Hysteriker 11 „Atheismus ist ein Zeichen, dass man die Religion ernst nimmt.“ Karl Popper Glauben heißt leugnen „Beten: darum bitten, dass die Naturgesetze zugunsten eines Bittenden aufgehoben werden, der zuvor eingestanden hat, dessen nicht würdig zu sein.“ Ambrose Bierce Es gibt keinen Gott, das ist eine ziemlich großspurige Behauptung. Im‐ merhin sind etwa 85 % der Weltbevölkerung anderer Meinung. Aber ist das dann auch wahr? Wenn Sie aus dem südlichen Indien stammen, sind Sie mit der größten Wahrscheinlichkeit Hindu. Wenn Sie aus Somalia kommen, werden Sie Muslim sein. Als weißer Ameri‐ kaner sind Sie wohl Christ, und wenn Sie aus China stammen, werden Sie es mit der Religion allgemein nicht so haben, was Sie vom Staat ge‐ nauso dogmatisch beigebracht bekommen haben wie ein getauftes Kind in der westlichen Welt das Christentum. Was sagt das über den Wert und den Wahrheitsgehalt der einzelnen Weltanschauungen aus, zumal sie sich gegenseitig oft widersprechen? Über religiöse Überzeu‐ gungen allgemein, wie wahr sie dem Einzelnen auch vorkommen mö‐ gen? Viel naheliegender ist: Religionen sind menschgemachte Funktio‐ nen ihrer Kulturkreise, mehr nicht. Deshalb steht weder im Koran noch in der Bibel eine Beschreibung derjenigen Teile des Planeten, die außerhalb des Gesichtskreises ihrer Stifter lagen. Regenwald? Perma‐ frost? Polarlichter? Beuteltiere? Nichts dergleichen. Es ist, als hätte Gott nur die Wüste sehen können, in der seine allerersten Anhänger lebten. Vergessen Sie das nie! Da ein Gottesbeweis zwar nicht zu erbringen, eine Gotteswiderle‐ gung aber genauso unmöglich ist, gestaltet sich das endgültige Über‐ winden der Gotteshypothese schwierig; klammern sich die Gottes‐ fürchtigen schließlich an die Restwahrscheinlichkeit, dass es ihn viel‐ leicht doch gibt. Denn die Alternative bestünde darin zu akzeptieren, dass die Gotteshypothesen jeglicher Religionen mittlerweile wirklich 1 15 genug Gelegenheit hatten, einen Beweis für ihre Richtigkeit zu erbrin‐ gen, und dass man sie daher getrost aufgeben kann. Man kann niemandem wirklich vorwerfen, gläubig zu sein, denn sie haben getan, was alle Kinder tun: sie haben ihre Eltern imitiert. Wohl aber kann man kritisieren, wenn jemand sich gegen rationale Argumente sperrt oder gar körperliche Züchtigung, eine Ablehnung der Schulmedizin oder Todesstrafen für religiöse Übertretungen pro‐ pagiert, Homosexualität „heilen“ will oder von allen wissenschaftli‐ chen Erkenntnissen nur die Evolutionslehre ablehnt, weil sie einer hei‐ ligen Schrift widerspricht. Sich etwas herbei lügen, um einen kogniti‐ ven Konflikt zu vermeiden, ist eine Sache; dafür die gesamte Gesell‐ schaft umkrempeln zu wollen, ist etwas völlig anderes. Hier muss dem freiheitsliebenden Bürger der Kamm schwellen, und hier liegt auch der Unterschied zwischen einem religiös Uninteressierten und einem athe‐ istischen Aktivisten wie mir. Die wissenschaftliche Methode Es dürfte kein Zufall sein, dass keine große Zeitschrift neben den Ru‐ briken Schlagzeilen, Wirtschaft, Sport, Kultur, Wissenschaft und Lus‐ tig Gemeintes eine feste Rubrik Religion hat, in der die neuesten theo‐ logischen Erkenntnisse präsentiert werden. Es gibt keine. Die Frage nach dem Schöpfer ist so alt wie der Mensch selbst. Es gibt auf der Welt nicht nur verschiedene Vermutungen betreffend sei‐ ne Natur und seine Absichten, die mit verschiedener Intensität vertre‐ ten werden. Es gibt auch grundverschiedene Ansätze, die Frage über‐ haupt anzugehen. Im Mittelalter suchte man für Ernteausfälle, Pestepidemien und ähnliche Katastrophen gerne Schuldige, die nach einigen Tagen der peinlichen Befragung mit gebrochenen Fingern, ausgerenkten Schul‐ tern, zerstochenen Augen und verbrannten Füßen alles Mögliche zuga‐ ben, nur damit die Folter endlich aufhörte. Die ganze Sache begann al‐ so bereits mit einem Denkfehler: der Annahme nämlich, dass Men‐ schen schlechte Sommer oder Heuschreckenplagen überhaupt verur‐ sachen könnten. 1.1 1 Glauben heißt leugnen 16 Die gängigsten Methoden, Verdächtigen Hexerei nachzuweisen, waren die Wasserprobe, die Feuerprobe und die Wiegeprobe. Bei der Wasserprobe warf man das Opfer gefesselt in einen Teich; konnte es aufschwimmen, war es mit dem Teufel im Bunde. Blieb es unter Was‐ ser, hatte man eine reine Seele identifiziert, die in Kürze von Gott ent‐ sprechend wohlwollend aufgenommen werden würde. Bei der Feuerprobe drückte man dem Delinquenten ein glühendes Stück Eisen in die Hand, mit dem er einige Schritte gehen musste. Ent‐ zündeten sich seine Brandwunden nach einigen Tagen nicht, war er unschuldig. Bei der Wiegeprobe wog man den Delinquenten gegen ein festgelegtes (!) Gewicht. War er leichter, lag das daran, dass er seine Seele dem Teufel verkauft hatte. Drei Dinge hieran sollten den aufgeklärten Menschen der heutigen Zeit stören. Zunächst die völlige Willkür, mit der die Regeln der Expe‐ rimente aufgestellt wurden. Bei der Feuerprobe war derjenige unschul‐ dig, dessen Wunden sich nicht entzündeten. Die Auslegung hätte ge‐ nauso gut auch anders herum verlaufen können. Wäre es nicht auch möglich gewesen, dass derjenige, dessen Wunden sich nicht entzünde‐ ten, vom Teufel beschützt und feuerresistent gemacht worden war, er‐ go einen Bund mit ihm geschlossen hatte? Na sicher. Die Interpretati‐ on des Ergebnisses trieft nur so vor Willkür. Aus dieser Willkür resultiert der zweite Punkt, der uns hieran stö‐ ren sollte: die völlige Wertlosigkeit des Beweises. Mit unserem heuti‐ gen Wissen ist klar, dass Bakterien die Entzündungen des Feuerge‐ probten verursachten, und wer die Wiegeprobe befürwortete, hätte erst einmal belegen müssen, dass eine Seele ein Gewicht hat, und welches. Die Wiegeprobe konnte aufgrund ihrer Regelsetzung gar nicht schief‐ gehen – wer überlebte, war schuldig, und wer nicht überlebte, war nun bei Gott. Wissenschaftliche Ahnungslosigkeit war die Grundvorausset‐ zung für diese Vorgehensweise. Drittens widerstrebt es unseren heutigen Überzeugungen, solch unnötige Gewalt anzuwenden, nur um eine Erkenntnis zu gewinnen. Aus heutiger Sicht ist es wahnwitzig, jemandem mit solchen Maßnah‐ men Schuld nachweisen zu wollen, nur weil er rothaarig, Linkshänder oder Autist war. Nichts daran passte zusammen, und dennoch war es jahrhundertelang der Maßstab – der letzte Hexenprozess in Deutsch‐ land fand im Jahr 1775 statt. Und selbst wenn die Motivation keine re‐ 1.1 Die wissenschaftliche Methode 17 ligiöse gewesen wäre, so ist es doch erstaunlich, dass die christliche Moral gegenüber solchen Abscheulichkeiten mindestens machtlos war. Wer sich mit der Frage nach dem Sinn des Seins beschäftigt, kommt heute um die Naturwissenschaften nicht mehr herum. Sie pro‐ duzieren Wahrheit zwar auch nicht mit irrungsfreier Zielsicherheit, aber sie sind bisher das Beste, was wir haben. Ihnen zugrunde liegt die wissenschaftliche Methode. Die wissenschaftliche Methode verlangt, kurz gesagt, dass man nicht nur versucht, seine Hypothese zu beweisen, sondern dass man auch selbst versucht, sie zu widerlegen. Ich werde das an einem Bei‐ spiel aus der Chemie erklären, da sie nun mal mein Fachgebiet ist - das Prinzip lässt sich aber auf so gut wie alle Bereiche menschlichen Den‐ kens anwenden. Stellen wir uns ein Reagenzglas mit Orangensaft vor. Wir vermu‐ ten, der Saft sei mit einem Gift X versetzt worden. Wir wissen auch, dass Gift X unter einer Rotfärbung mit Farbreagens Y reagiert, das wir in einem Fläschchen bereithalten. Nun können wir ein paar Tropfen des Farbreagens Y in den Saft pipettieren, um zu sehen, ob er sich rot färbt. So weit, so gut – wir pi‐ pettieren Farbreagens Y in den Saft, er färbt sich rot oder nicht, der Saft ist also mit Gift X vergiftet oder nicht. Richtig? Falsch. In Wirklichkeit haben wir noch gar keine Antwort. Denn es können zwei Dinge geschehen sein: eine andere Substanz in dem Saft kann ebenfalls mit Farbreagens Y unter einer Rotfärbung reagie‐ ren – dann wäre unser Ergebnis falsch-positiv. Wir würden Gift nach‐ weisen, wo gar keines ist, da der Saft selbst mit dem Farbreagens Y re‐ agiert. Es ist aber auch möglich, dass irgendetwas in dem Saft die Farb‐ reaktion blockiert. Es kann das Limonen des Orangenaromas sein, der hohe Kaliumgehalt oder der niedrige pH-Wert. Dann hätten wir ein falsch-negatives Ergebnis produziert – wir hätten Gift X übersehen, obwohl der Saft vergiftet ist. Um nun eine sichere Aussage treffen zu können, benötigen wir zwei weitere Reagenzgläser. In dem einen versetzen wir etwas Oran‐ gensaft absichtlich mit Gift X und führen dann die Farbreaktion durch. Das wollen wir die Positivprobe nennen. Färbt die Positivprobe (ver‐ gifteter Saft) sich bei Zugabe von Farbreagens Y nun tatsächlich rot, deutet alles darauf hin, dass die Farbreaktion in diesem Orangensaft 1 Glauben heißt leugnen 18 auch so funktioniert, wie es im Buch steht. Hätte der absichtlich vergif‐ tete Saft sich wider Erwarten nicht rot gefärbt, dann wüssten wir, dass mit dem Versuch etwas nicht stimmt und dass wir die Saftprobe daher versehentlich als „nicht vergiftet“ bezeichnet hätten. In dem anderen Reagenzglas versetzen wir Orangensaft, von dem wir wissen, dass er nicht vergiftet ist, ebenfalls mit Farbreagens Y und erwarten hier keine Rotfärbung. Dies sei die Blindprobe. Sie muss ne‐ gativ ausfallen, denn wenn sie positiv reagiert, bedeutet eine Rotfär‐ bung in der Saftprobe nicht mehr eindeutig, dass er vergiftet ist. Wir benötigen die Blind- und die Positivprobe jeweils nur einmal pro Ex‐ periment und können damit problemlos zehn Orangensäfte auf einmal untersuchen. Um zehn Säfte zu untersuchen, brauchen wir zwölf Re‐ agenzgläser, aber um einen einzigen Saft zu analysieren, brauchen wir immer noch drei. Beachten Sie das Wichtige. Wie auch immer die Farbreaktion in der eigentlichen Probe ausgeht, ist erst einmal egal – um dem Ergebnis vertrauen zu können, müssen die Blind- und die Positivprobe in der Praxis so ablaufen, wie sie es in der Theorie sollen. Die Blindprobe darf nie eine Farbreaktion zeigen, die Positivprobe muss immer eine Farbreaktion zeigen. Schlägt die Farbreaktion in der Positivprobe fehl, beweist man damit, dass man das Gift gar nicht hätte sehen können, wenn es da gewesen wäre. Bildet die Blindprobe eine Rotfärbung, so beweisen wir damit, dass wir das Gift überall sehen würden, wo es nicht unbedingt sein muss. Es genügt nicht, Farbreagens Y in einen Saft zu pipettieren und eine Rotfärbung abzuwarten. Man muss immer beide Gegenproben durchführen, wenn die Ergebnisse ernst genom‐ men werden sollen. Die systematische Suche nach Fehlern im eigenen Experiment ist eine Grundvoraussetzung dafür, am wissenschaftlichen Prozess teilzunehmen, sonst erntet man nur Spott und Gelächter. Die Sache hat aber immer noch einen Haken. Sicherlich können wir den Saft für die Positivprobe mit ein wenig Gift X versetzen, um auf falsch-negative Effekte zu testen. Aber für die Durchführung der Blindprobe können wir nicht den gleichen Saft nehmen. Wir müssen also einen anderen Orangensaft nehmen, um die Blindprobe durchzu‐ führen und auf falsch-positive Effekte zu testen. Dabei können wir nicht ausschließen, dass dieser andere Saft auf das Gift oder die Sub‐ stanz Y auch anders reagiert, weil etwa sein Kaliumgehalt oder sein pH- 1.1 Die wissenschaftliche Methode 19 Wert ein anderer ist als in der Saftprobe. Es bleibt immer eine gewisse Restunsicherheit. Sie lässt sich nie ganz beseitigen, sie kann nur auf ein Minimum reduziert werden. Immerhin ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Positivprobe und die Blindprobe in einem Versuch aus ver‐ schiedenen Gründen nicht funktionieren. Je mehr Gelegenheit wir der Sache geben, nicht zu funktionieren, desto häufiger wird sie es auch tun. Funktioniert sie dennoch, können wir davon ausgehen, dass der Test verlässliche Ergebnisse produziert. Und das gilt prinzipiell nicht nur für diesen konkreten Versuch, sondern für alles, was man mit der wissenschaftlichen Methode analy‐ siert. Sie ist daher in der modernen Wissenschaft weiterhin unum‐ gänglich, egal in welcher Disziplin, denn sie ist immer noch das beste Werkzeug, das wir zur Verfügung haben. Aus irgendeinem Grund aber vermeidet die Menschheit, eine der grundlegendsten Fragen menschlicher Existenz öffentlich mit dieser Methode zu untersuchen: die Frage nach einem Schöpfer oder, wie man in unserem Kulturkreis immer gleich weiterspringt: die Frage nach Gott. Wie es bei Anwendung der wissenschaftlichen Methode um ihn bestellt ist und warum das so enttäuschend wenig Wirkung hat, wollen wir in diesem Buch untersuchen. Die Stellung des Menschen im Universum Sowohl in der jüdischen, der christlichen als auch in der islamischen Theologie hat der Schöpfer die Welt in sechs Tagen geschaffen. Wobei die Frage erlaubt sei, wie Gott drei Tage konnte verstreichen lassen, wenn er die Sonne und all die anderen Himmelskörper erst am vierten Tag geschaffen hat. Wir wissen heute aus radiologischen Messungen der Erdkruste und von Meteoriten sowie aus der Beobachtung der Sonne und des Kosmos, dass das Universum 13,8 Milliarden Jahre alt ist, die Sonne und die Erde rund 4,6 Milliarden Jahre, und dass die Entstehung der Sonne und der Erde keine schlagartigen Ereignisse wa‐ ren, sondern langsame Prozesse, in denen sich Gas- und Staubwolken über Jahrmillionen langsam zu Himmelskörpern verdichteten. Die Staubwolken ihrerseits, aus denen sich auch die Erde formte, bestan‐ 1.2 1 Glauben heißt leugnen 20 den aus Elementen wie Sauerstoff, Silizium und Eisen, die es zu Be‐ ginn des Universums noch nicht gab. Dort gab es nur Wasserstoff, ein wenig Helium und noch weniger Lithium und Beryllium, die vier einfachsten Elemente im Periodensys‐ tem. Aus diesen simplen Elementen bildeten sich etwa 400 Millionen Jahre nach dem Urknall die ersten Sterne. All die Elemente jenseits des Berylliums sind erst hunderte Millionen Jahre später in den Superno‐ vae der ersten Sterne entstanden. Aus diesem Sternenstaub bestehen wir und alles, was wir essen, trinken, einatmen, produzieren, wegwer‐ fen, sehen, riechen und anfassen – und jeder Mensch, den wir lieben. Der Stern R136a1 in der großen Magellanschen Wolke ist etwa 163.000 Lichtjahre von uns entfernt, 35mal so groß wie die Sonne und 265mal so schwer. Er ist erst eine Million Jahre jung, wog bei sei‐ ner Geburt aber noch 320 Sonnenmassen, von denen er seitdem ge‐ mäß Einsteins E = mc2 etwa 55 Sonnenmassen per Kernfusion in Energie umgewandelt hat. Während unsere Sonne eine Oberflächen‐ temperatur von etwa 5.500 °C hat, herrschen auf der Oberfläche von R136a1 satte 40.000 °C. In einer weiteren Million Jahren wird er seine Masse von 265 auf etwa 80 Sonnenmassen reduziert haben. Dann wird er von Wasserstofffusion auf Heliumfusion umsteigen, noch ein paar weitere Schritte durchlaufen und schließlich in einer gewaltigen Super‐ nova explodieren, während der Rest seines Kerns zu einem Schwarzen Loch kollabiert. Unsere Sonne ist zu klein für einen solch fulminanten Untergang – sie wird sich in etwa 7 Milliarden Jahren einfach zu einem Weißen Zwerg zusammenziehen und dann belanglos durchs Weltall treiben, solange es das Weltall geben wird. Zu diesem Zeitpunkt wird jegliches Leben auf der Erde bereits seit Milliarden Jahren ausgestorben sein, und nichts kann das aufhalten. *** Ein Flug von Frankfurt nach New York dauert etwa siebeneinhalb Stunden – bei der gleichen Geschwindigkeit würde ein Flug zur Sonne etwa 21 Jahre dauern. Die Raumsonde Voyager 2 wurde im August 1977 gestartet und bewegt sich derzeit mit etwa 15 Kilometern pro Se‐ kunde durch das Sonnensystem, während ein Transatlantikflieger etwa 0,23 Kilometer pro Sekunde zurücklegt - Voyager 2 ist etwa 65mal 1.2 Die Stellung des Menschen im Universum 21 schneller. Nach zwei Jahren hatte die Sonde den Jupiter erreicht, nach vier Jahren den Saturn, nach achteinhalb Jahren den Uranus und nach zwölf Jahren, im Jahre 1989, schließlich den Neptun. Erst im Jahre 2019 verlässt sie das Sonnensystem und tritt in den interstellaren Raum ein – sie wird dann 42 Jahre lang mit Mach 44 durch das Son‐ nensystem geflogen sein. Wäre sie auf dem direkten Weg zu Proxima Centauri, mit 4,2 Lichtjahren Entfernung das sonnennächste Sternen‐ system, bräuchte sie bis dorthin etwa 85.000 Jahre, der Transatlantik‐ flieger aber fünfeinhalb Millionen Jahre. Unsere Milchstraße hat einen Durchmesser von etwa 100.000 Lichtjahren und besteht aus rund 200 Milliarden Sternen. Die uns na‐ heste Galaxie in etwa 2,5 Millionen Lichtjahren Entfernung ist der An‐ dromedanebel – die beiden Galaxien gleichen zwei 1-Euro-Münzen im Abstand von 50 Zentimetern. Es ist eigentlich sinnlos auszurechnen, wie lange Voyager 2 für eine Reise dorthin brauchen würde, da wir uns den Unterschied zwischen 85.000 Jahren bis zu Proxima Centauri und 50 Milliarden Jahren bis zum Andromedanebel ohnehin nicht vorstellen können. Und unsere Milchstraße und der Andromedanebel sind nur zwei von 150 Milliarden Galaxien im beobachtbaren Univer‐ sum. In jeder Sekunde, in der Sie dieses Buch lesen, explodiert irgendwo im Universum ein Stern in einer Supernova, und in jeder dieser Se‐ kunden wird unsere eigene Sonne durch die Umwandlung von Materie in Energie vier Millionen Tonnen leichter. Doch obwohl sie ein recht kleiner Stern ist, ist sie immer noch so groß und schwer, dass der Mas‐ severlust eines ganzen Tages sich nur in der siebzehnten Nachkomma‐ stelle ihrer Masse abspielt. Auch nach einer Milliarde Jahren Kernfusi‐ on hat sich ihre Masse erst in der sechsten Nachkommastelle geändert, was einem Schwund von mickrigen 0,0001 Prozent entspricht. Seit dem Zeitpunkt, als die Kernfusion in unserer Sonne zündete, hat sie also erst 0,0005 Prozent ihrer Masse in Energie umgewandelt – doch wenn Sie mit einem Jeep in der gleißenden Hitze der Wüste liegen bleiben, nützt Ihnen das auch nichts. Sie haben jetzt Gelegenheit, sich furchtbar wichtig und als Lieb‐ lingskreatur des Schöpfers vorzukommen, der die Sonne und die ande‐ ren Gestirne erst am vierten Tag schuf, die Erde aber als allererstes. Wie wahrscheinlich ist es wohl, dass die Bibel entgegen allen wissen‐ 1 Glauben heißt leugnen 22 schaftlichen Erkenntnissen Recht hat? Bedenken Sie, dass die Autoren der Heiligen Schrift nicht die geringste Ahnung hatten, wo sie sich be‐ fanden, wie groß das Spielfeld in Wirklichkeit ist und was außerhalb des mit dem bloßen Auge Sichtbaren noch existiert. Sie waren sogar davon überzeugt, dass die Sonne sich um die Erde drehe. *** Die Erde hat einen Umfang von 40.000 Kilometern, und rund drei Zehntel ihrer Oberfläche sind Land. Wenngleich die Erde zu grob sie‐ ben Zehnteln von Wasser bedeckt ist, beträgt der Massenanteil Wasser am Planeten nur 0,03 Prozent, die wiederum zu 97,5 Prozent aus Salz‐ wasser bestehen. Unser Lebensraum gleicht dem Atemhauch auf einer Billardkugel, der auch noch größtenteils ungenießbar ist. Das vielzellige Tierleben auf der Erde existiert seit etwa 550 Millio‐ nen Jahren, und in dieser Zeit hat es einige Dutzend weltweite Ausster‐ beereignisse gegeben, deren größte die Big Five genannt werden – hier starben jeweils mindestens 75 Prozent aller Spezies aus. Das macht nicht den Eindruck, als hätte die Schöpfung zielstrebig darauf hin ge‐ arbeitet, Menschen zu erzeugen, und für die ferne Zukunft verheißt es auch nicht viel. Der jüdische, christliche und islamische Gott hat nun drei Mal den gleichen Landstrich im Nahen Osten aufgesucht, um die gesamte Menschheit zu erleuchten. Zu Zeiten Jesu hatte Jerusalem schätzungs‐ weise 5.000 Einwohner, Peking bereits über 200.000. China besaß be‐ reits dreißig Mal mehr Einwohner als der Nahe Osten, und die Men‐ schen dort konnten größtenteils lesen. Die Stadt Teotihuacan in Mexi‐ co hatte zu jener Zeit ebenfalls Pyramiden und bereits zigtausend Ein‐ wohner, Rom hatte mindestens eine halbe Million. Dennoch suchte der Schöpfer des Universums sich einen kleinen trockenen Flecken im Nahen Osten aus, um sich zu manifestieren. Wie viele Menschen mehr hätte er auf einen Schlag erreichen können, wenn er sich eine beste‐ hende Metropole mit hoch entwickelter Logistik ausgesucht hätte? Und warum hat er sich als Allmächtiger nicht auf allen Kontinenten gleichzeitig manifestiert? Und zeigt die Geschichte von Moses nicht auch, dass Gott es keinesfalls scheuen musste, sich gleich mit ganzen Imperien anzulegen? 1.2 Die Stellung des Menschen im Universum 23 Evolution des Menschen Nachdem wir jetzt unsere Stellung im Universum geklärt hätten, wen‐ den wir uns einem der schlagendsten Beweise dafür zu, dass wir Men‐ schen in der Fauna des Planeten ebenfalls keine Sonderstellung ein‐ nehmen: der Endosymbiontentheorie. Wenn Sie sich, wie der deutsche Biologe Andreas Franz Wilhelm Schimper im 19. Jahrhundert, das Blatt einer Grünpflanze oder einer Alge unter dem Mikroskop betrachten, so können Sie in jeder einzel‐ nen Zelle kleine, grüne, reiskornförmige Objekte finden, die man Chloroplasten nennt – sie sind der Ort in der Zelle, an dem die Photo‐ synthese abläuft. Schimper stellte bei dieser Gelegenheit fest, dass diese Chloroplasten gewissen kleinen, einzelligen Algen namens Blaualgen erstaunlich ähnlich sehen. Er stellte die Vermutung auf, dass diese Chloroplasten einst selbst kleine Einzeller gewesen seien, die mit grö‐ ßeren Organismen eine Symbiose eingegangen waren – dabei hätten sich die kleineren Einzeller darauf spezialisiert, Photosynthese zu be‐ treiben, und der größere Organismus würde ihnen Schutz bieten und sie mit CO2 versorgen. Später, im Jahre 1905, übernahm der russische Biologe Konstantin Sergejewitsch Mereschkowski die Idee, bis die amerikanische Biologin Lynn Margulis knapp sechzig Jahre später die Endosymbiotentheorie formulierte. Was Schimper und Mereschkowski mangels Laborausrüstung und Kenntnissen in Molekularbiologie nicht wissen konnten: die Chloro‐ plasten in den Zellen von Pflanzen sehen nicht nur aus wie eigenstän‐ dige Organismen, sie haben auch ihre eigene DNA und eigene Riboso‐ men – kleine Zellbausteine, die Proteine herstellen. Die Chloroplasten vermehren sich innerhalb der Zelle selbstständig und ohne ihr Zutun. Und noch etwas fand man heraus: die Mitochondrien in den Zellen von Tieren und Menschen, die für den Energiestoffwechsel zuständig sind, sehen den Chloroplasten der Pflanzen abgesehen von der grünen Farbe erstaunlich ähnlich, und auch sie haben ihre eigene DNA, ihre eigenen Ribosomen und vermehren sich innerhalb der Zelle nach eige‐ nem Gutdünken. Doch das Allererstaunlichste ist, dass die Ribosomen unserer Mi‐ tochondrien genau der gleiche Typ sind wie die Ribosomen von Bakte‐ 1.3 1 Glauben heißt leugnen 24 rien. Beide haben eine Größe von 70 S*, die restlichen Ribosomen der Zelle haben eine Größe von 80 S. Und tatsächlich blockieren Antibioti‐ ka wie Tetracycline nicht nur die 70 S-Ribosomen von Bakterien, son‐ dern auch die 70 S-Ribosomen unserer Mitochondrien, weswegen wir uns bei einer Tetracyclintherapie etwas matt fühlen, denn unser Ener‐ giestoffwechsel wird von den Tetracyclinen gedämpft. Auf die 80 S-Ri‐ bosomen der restlichen Zelle wirken sie nicht. In jeder unserer Zellen tummeln sich also zahllose kleine Zellbe‐ standteile, die vor langer Zeit einmal eigenständige Bakterien gewesen sind und ohne die wir nicht leben können. Das Leben auf der Erde ist aus einem Guss, und wir Menschen nehmen da keinerlei Sonderstel‐ lung ein. Noch ein Nachtrag: der Begriff Theorie hat in der Wissenschaft eine andere Bedeutung als im Alltag. Im Alltag hat der Begriff Theorie die gleiche Bedeutung wie Vermutung. Die Vermutung aber heißt in der Wissenschaft Hypothese. Aus diesem Grunde sage ich auch nie Verschwörungstheorie, sondern Verschwörungshypothese. Eine Hypo‐ these wird durch Experimente überprüft, und wenn alle Experimente die Hypothese bestätigen und kein anderer Wissenschaftler Fehler da‐ rin findet, hat die Hypothese eine Chance, eine Theorie zu werden. Dabei gibt es noch einen wichtigen Unterschied zwischen dem Deut‐ schen und dem Englischen. Im Deutschen spricht man von Evoluti‐ onslehre und Gravitationslehre, im Englischen von theory of evolution und von gravitational theory. Eine Ausnahme bildet der Begriff germ theory of disease, der im Deutschen analog Keimtheorie genannt wird und die Ansicht beschreibt, dass Keime Krankheiten verursachen kön‐ nen, was schon länger nichts Neues mehr ist. Dennoch würde nie‐ mand ernsthaft behaupten, dass es sich dabei „nur um eine Theorie“ handeln würde – ein Einwand, der im englischen, aber auch im deut‐ schen Sprachraum häufig gegen die Evolutionslehre vorgebracht wird. Theorie im wissenschaftlichen Sinne heißt nicht Vermutung, son‐ dern aus Experimenten abgeleitetes Modell, das die Realität korrekt beschreibt und Vorhersagen zu leisten vermag. Aber glauben im reli‐ giösen Sinne heißt nicht „vermuten“, sondern „für sich persönlich zur * Sedimentationskoeffizient: ein Maß für Größe und Form von Proteinen in der Bio‐ chemie. 1.3 Evolution des Menschen 25 Wahrheit erklären“. Diese beiden Disziplinen könnten einander nicht ferner sein. *** Dass die Evolutionslehre die Geschichte des Lebens korrekt beschreibt, erkennt man auch an den kleinen Dingen im Körper, die keinen Nut‐ zen mehr haben und lediglich Überbleibsel früherer Entwicklungspha‐ sen sind. Wale haben immer noch Beckenknochen, die allerdings nicht mehr mit der Wirbelsäule verbunden sind und nur als lose Knochen im Fleisch stecken. Während die Flossen der Fische mit Flossenstrah‐ len aus hornartiger Substanz verstärkt sind, sind es bei den Walen ei‐ gentlich Arme – sie haben einen Oberarmknochen, darunter Elle und Speiche wie beim menschlichen Unterarm, und darunter finden sich beim Wal tatsächlich noch eine Handwurzel und fünf Finger. Da die Vorderflossen der Wale die gleiche Aufgabe erfüllen wie die Fischflos‐ sen, aber einen anderen evolutionären Ursprung haben, nennt man diese Organe zueinander analog. Im Gegensatz dazu nennt man Orga‐ ne, die den gleichen Ursprung haben, aber unterschiedliche Aufgaben erfüllen, homolog. Ein Beispiel für Homologie ist der Vogelflügel, der ebenfalls Elle und Speiche sowie Rudimente einer Hand mit Fingern besitzt und unserem menschlichen Arm daher homolog ist. Der Insek‐ tenflügel, der eine Ausstülpung der Haut ist (wie etwa unsere Ohren), ist dem Vogelflügel analog, denn beide dienen dem Fliegen, haben aber verschiedene evolutionäre Ursprünge. Es bedeutet auch, dass das Fliegen sich auf der Erde mindestens zweimal unabhängig voneinan‐ der entwickelt hat. Wenn Sie Meeresfrüchte mögen, dann wird Ihnen in einer Pa‐ ckung tiefgefrorener Tintenfische vielleicht schon mal eine merkwür‐ dige kleine Lanze aufgefallen sein, die an ein schmales Blatt oder eine Feder erinnert, aber sehr hart ist. Dies ist ein Gladius oder Schulp, der sich im Inneren des Tintenfisches befindet und ihm eine gewisse Stabi‐ lität in der Längsachse verleiht. Unter dem Mikroskop kann man an einem solchen Gladius noch kleine Kammern erkennen – das liegt da‐ ran, dass die Tintenfische von den schneckenähnlich aussehenden Ammoniten abstammen, die noch ein äußeres Gehäuse hatten und vor etwa 250 Millionen Jahren ausgestorben sind. Ihre Nachfahren sind die Tintenfische, und das teilungsfähige Gewebe des Gladius, das nach 1 Glauben heißt leugnen 26 links und rechts über den Körper eines Ammoniten wuchs und ihn so vor äußeren Einflüssen schützte, hat sich bei den Tintenfischen zu‐ rückentwickelt, ist aber nie ganz verschwunden. Die Perlboote (Nauti‐ lus) ähneln den Ammoniten heute noch. Die Ammoniten waren 330 Millionen Jahre lang die selbstverständlichste Gruppe von Lebewesen in den Meeren der Welt, bis sie vor 250 Millionen Jahren ausstarben. Den Menschen gibt es je nach Einschätzung erst seit 100.000 bis 200.000 Jahren, denn evolutionäre Prozesse sind langsam und zeichnen sich nie durch einen abrupten Wechsel aus. Die Frage ist also nicht, ob der Mensch sich aus einem Vorgänger entwickelt hat. Die Frage ist, wo in diesem Prozess man die Grenze zwischen unserem Vorgänger und dem Menschen zieht. Was eine Spezies ist, bestimmen wir Menschen selbst – die Taxonomie ist in der Biologie nur der menschliche Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen. Sind indische und afrikanische Elefanten verschiedene Spezies? Wir Menschen ha‐ ben entschieden: Ja. Der afrikanische Elefant Loxodonta africana un‐ terscheidet sich von seinem indischen Pendant Elephas maximus hin‐ sichtlich der Haut, der Zähne, der Stoßzähne (weibliche indische Ele‐ fanten haben kaum Stoßzähne) und in der Anzahl der Zehennägel, so dass Biologen entschieden, es handele sich um verschiedene Spezies. Demgegenüber sind die Haushunde, vom Chihuahua bis zur Däni‐ schen Dogge, allesamt die gleiche Spezies. Der Evolution, den Elefan‐ ten und den Chihuahuas selbst ist das egal – wir Menschen aber wol‐ len die Welt verstehen und müssen daher gelegentlich eine Entschei‐ dung treffen. Unser menschliches Steißbein ist der Rest eines Schwanzes, den unsere Vorfahren noch hatten. Im Mutterleib tragen wir alle diesen Schwanz noch etwa vier Wochen lang, bevor er verkümmert und schließlich bei der Geburt nur noch das Steißbein ist. Tatsächlich wer‐ den manche Menschen heute noch mit einem kurzen Schwanz gebo‐ ren. Die indischen Adligen Ranas von Saurashta führten ihren gene‐ tisch veranlagten Steißanhang stolz darauf zurück, dass sie angeblich vom indischen Affengott Hanuman abstammten.3 Was im Rest der Welt mit Argwohn beobachtet oder als Verfluchtheit ausgelegt wurde, war in Indien ein Zeichen von hoher Herkunft, wenn nur die Religion durch Zufall stimmte. 1.3 Evolution des Menschen 27 Ein wesentlicher anatomischer Unterschied zwischen Vögeln und den meisten Säugetieren ist an ihrer Unterseite zu beobachten. Wäh‐ rend die meisten Säugetiere separate Ausgänge für Exkremente und Nachwuchs haben, ist es bei den Vögeln derselbe. Er trägt den unge‐ schönten Titel „Kloake“, was auch der Grund ist, warum Eier auf ihrer Schale immer mit hohen Keimzahlen belastet sind. Das sollte nicht überraschen, wenn Eier und Exkremente abwechselnd aus demselben Loch kommen. Und interessanterweise kommt es auch beim Menschen in sehr seltenen Fällen zu einer solchen anatomischen Besonderheit. Das liegt daran, dass wir alle im Mutterleib kurzzeitig eine Kloake entwickeln, die sich dann aber in der sechsten bis siebten Woche in separate Aus‐ gänge auftrennt. Gelingt das aus irgendeinem Grund nicht, spricht man von einer persistierenden Kloake, die operativ behandelt werden muss. Man mag sich nun wieder fragen, was der Herrgott sich dabei denkt. Das ist aber auf Dauer immer wieder dieselbe Frage. Viel inter‐ essanter finde ich: warum ist keine Religion auf der Welt jemals auf die Idee gekommen, Eier als unreine Speise zu betrachten, wenn sie per Definition auf so unschöne Art gelegt werden? Schweinefleisch, Mee‐ resfrüchte und Unpaarhufer wie Pferde und Esel zu essen ist laut Bibel abscheulich, sich mit offenem Mund an der richtigen Stelle unter eine Kuh zu legen ist aber kein Problem, und Eier sind gar eine geschissene Gottesgabe, wie ein Dokumentarfilm von 1993 über das Leben in einem bayerischen Dorf schon im Titel bekannte. Man fragt sich, wo diese unverständlichen Prioritäten herkommen mögen. Es ist so will‐ kürlich wie die Deutung einer Feuerprobe. *** Wenn Sie sich die anthropologische Geschichte des Menschen an‐ schauen, genauer: die Schädel, die wir bisher haben ausgraben können, so werden Sie feststellen, dass das Gehirnvolumen unserer Vorfahren in der Vergangenheit laufend zugenommen hat. Vor anderthalb Mil‐ lionen Jahren betrug das Hirnvolumen unseres Vorfahren Homo habi‐ lis etwa 0,6 Liter. Vor einigen hunderttausend Jahren, bei homo erectus, lag es bei etwa 1,1 Litern. Der Neandertaler, dessen Spuren bis vor et‐ wa 28.000 Jahre zurückzuverfolgen sind und der wohl in unserer Spe‐ 1 Glauben heißt leugnen 28 zies Homo sapiens sapiens aufgegangen ist, hatte ein Gehirnvolumen von etwa 1,5 Litern. Der heutige Mensch hat etwa 1,4 Liter Hirnvolu‐ men, was eine leichte Schrumpfung bedeutet. Das muss aber nicht hei‐ ßen, dass Menschen dümmer würden, denn Hirnvolumen und Intelli‐ genz hängen nur sehr grob miteinander zusammen. Vielmehr kann es auch bedeuten, dass das Gehirn den zur Verfügung stehenden Raum heute besser ausnutzt, etwa durch einen komplexeren Aufbau und eine gestiegene Zahl von Hirnwindungen und neuronalen Verknüpfungen, die üblicherweise keine Fossilien hinterlassen. Zum Vergleich: Compu‐ ter sind, seit es sie gibt, immer leistungsfähiger geworden, aber nicht größer, im Gegenteil. Auch hier geht es nur darum, eine höhere Kom‐ plexität zu erreichen und den gegebenen Raum besser auszunutzen. Beim Computer waren es Forschung und Entwicklung, beim Gehirn waren es Mutation und Selektion. Das Becken der Frau ist in der Geschichte des Menschen allerdings nicht in gleichem Maße mitgewachsen wie der Schädel. Das liegt daran, dass Evolution kein Ziel verfolgt, sondern durch Mutation Vielfalt schafft und durch die Selektion nur das Überlebensfähige übrig lässt. Es gibt auch genug Beispiele, wo es nicht mehr zum Überleben der Spezies reichte. So hat der neuseeländische Kakapo, ein papagaienähn‐ licher Vogel, im Laufe der Jahrhunderte das Fliegen verlernt, da es auf seiner Insel keine Fressfeinde gab und es ihm daher einfach möglich war, einen bodennahen Lebensstil zu entwickeln. Mit der Ankunft des Menschen begegnete der Kakapo auch Hunden und Katzen, vor denen er nun allerdings nicht mehr fliehen konnte. Er wird heute nur noch mit großem Aufwand vom Aussterben abgehalten. Die Ankunft von Katzen auf der Insel muss dabei kein menschgemachtes Ereignis sein. Es kann auch die Neubildung einer Landbrücke durch Erdbeben oder sinkenden Meeresspiegel sein, oder das Wegfallen einer räumlichen Barriere durch Erdbeben, Feuer oder durch die Begrünung eines vor‐ her unpassierbaren Wüstenabschnitts durch Klimaveränderung. Spezi‐ es passen sich ihrem Lebensraum an – und plötzliche Veränderungen können Populationen zugrunde gehen lassen, weil die evolutionären Vorgänge nun mal wesentlich langsamer ablaufen. Beim Menschen muss es nicht zum Aussterben führen, wenn die Geburt schmerzhaft verläuft. Eine endgültige Grenze würde erst ge‐ setzt, wenn die Geburt dadurch unmöglich wird. Würde der Mensch 1.3 Evolution des Menschen 29 von heute auf morgen von der Erde verschwinden, gäbe es aber schon mal eine Tierart, die ihm direkt folgen würde: englische Bulldoggen. Ihre Schädel sind durch die Züchtungserwartungen des Menschen so groß geworden, dass eine natürliche Geburt nur noch selten möglich ist. Wenn Sie auf der Straße einer englischen Bulldogge begegnen, so ist sie mit großer Wahrscheinlichkeit per Kaiserschnitt auf die Welt ge‐ holt worden. Wir Menschen haben den Bulldoggen dieses Problem be‐ schert, und wir sind auch ihre einzige Abhilfe. Ohne unser Zutun wür‐ de die natürliche Selektion die Bulldoggen innerhalb einer Generation wegen Untauglichkeit aus dem Genpool der Spezies Haushund entfer‐ nen. Und warum erzähle ich das alles? Gemäß der Bibel (Genesis 3:16) erleidet die Frau bei der Entbindung starke Schmerzen, weil der Herr sie damit für die Sache mit der Schlange und dem Apfel strafte. Nicht nur Eva, sondern alle Frauen und für immer. Adam muss sich zur Strafe unter harter Arbeit vom Felde ernähren; nicht weil der Planet nie die Absicht hatte, Menschen zu ernähren, und weil auf der Welt nichts Gutes passiert, wenn man es nicht selbst in die Hand nimmt. Noch heute werden Hungersnöte, Kindstode oder Dürren in weiten Teilen der Welt als Gottesstrafen, mindestens aber als Teil von Gottes Plan gesehen, was bei den Gläubigen nichts anderes bewirkt als angst‐ volle Lethargie und mehr Religion, so als hätte man es einfach nicht angestrengt genug versucht. Und das nicht nur in Afrika oder Pakistan, sondern auch unter den Evangelikalen in den USA, die mittlerweile ein Viertel der amerikanischen Bevölkerung ausmachen. Wieder ein‐ mal hat die Theologie die falsche Erklärung zu einem Naturphänomen, wieder einmal ist wissenschaftliche Ahnungslosigkeit der Grund dafür, warum sie falsch liegt, und wieder einmal geht der Lösungsansatz in exakt die falsche Richtung. Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Evolutionslehre ist, dass es nie das Ziel gab, dem Menschen ein langes und glückliches Leben zu bescheren. Es wird gelebt, so lange und so gut es geht, auch mit Parasi‐ ten im Darm oder pellagrakrank durch Niacinmangel. Es gab nie den Plan, dass Menschen achtzig Jahre oder älter wer‐ den. In der Geschichte dieses Planeten haben bisher ca. 110 Milliarden Menschen gelebt – die meisten eher schlecht als recht. Noch vor ein‐ hundertfünfzig Jahren lag die Lebenserwartung eines deutschen Man‐ 1 Glauben heißt leugnen 30 nes bei etwa 40 Jahren, wobei Kinder unter fünf Jahren gar nicht erst Teil der Statistik wurden, da sie starben wie die Fliegen und den Schnitt beträchtlich nach unten gerissen hätten. Ludwig van Beetho‐ ven war das siebente von acht Kindern, Johann Sebastian Bach das achte von acht Kindern. Bach selbst hatte 20 Kinder, von denen die Hälfte das Erwachsenenalter nicht erreichte – die andere Hälfte wurde im Schnitt etwa fünfzig Jahre alt. Ich schreibe das nur, damit Sie einen Eindruck von den damaligen Verhältnissen bekommen. Ich kann nachvollziehen, warum der Mensch damals sein Heil in der Religion gesucht hat. Die Vorstellung, dass es keine höhere Macht interessieren sollte, wenn die Hälfte des Nachwuchses an Krankheiten oder Unterernährung krepiert, muss unter den damaligen Umständen schwer zu ertragen gewesen sein. Es ist ein immerwährender Wunsch des Menschen, der achselzuckenden Kaltschnäuzigkeit des Univer‐ sums ein bisschen mehr Leben abzutrotzen. Und dann bricht die Pest aus, oder ein Vulkan. Wir heutigen Menschen haben diese Sorgen kaum noch. Kindstode, Fehlgeburten, verbogene Knochen durch Vit‐ amin D-Mangel oder Blindheit durch Vitamin A-Mangel sind in der Ersten Welt heute praktisch Geschichte. Wann wäre ein Grundnah‐ rungsmittel wie Mehl oder Milch in Europa das letzte Mal knapp ge‐ wesen? Das ist Generationen her, und heute erinnert sich kaum noch jemand daran, wie es gewesen sein soll. Welches kleine Kind muss heute in Europa noch für eine Handvoll gekeimter Kartoffeln sein Lieblingsspielzeug hergeben? Welcher Junge sehnt sich heute noch nach sauberem Trinkwasser? Ihn quält die Wahl zwischen Cola Zero und einem hippen Energydrink. Das Wirken eines Gottes als Abweichung von den Naturgesetzen müsste schon alleine statistisch nachzuweisen sein, etwa indem die Gebete von Presbyteriern signifikant öfter erhört werden als die Gebe‐ te anderer Konfessionen. Stattdessen finden wir nur Grundrauschen. Naturkatastrophen gehen keine Konfessionslisten durch, während sie über das Land fegen. Es ist, als wäre Gott gar nicht da. Ich weiß, dass Gläubige über diesen Umstand gerne hinweglächeln und die Heraus‐ forderung an diesem an sich bereits entwaffnenden Umstand entweder nicht erkennen oder es einfach für „einen interessanten Gedanken“ halten, der jedoch jenen Teil ihres Gehirns, der sich für Wahrheit in‐ teressiert, nicht mehr erreicht. Sie sehen es dann eher als Prüfung ihres 1.3 Evolution des Menschen 31 Glaubens, sie hadern kurz mit Gott, um dann weiterzumachen wie bis‐ her. Wir müssen uns auch vorstellen, dass der Schöpfer dem Leid des Menschen über Jahrzehntausende zugeschaut hat, ohne einzugreifen. Menschen starben bei der Geburt, an Krankheiten, an Vitaminmangel, durch Blutvergiftungen, die durch kleinste Verletzungen zustande kommen konnten, sie starben durch Gewalt, durch schlechtes Wasser oder als Opfer von Raubtieren. Der Herrgott jedoch tat nichts. Dann plötzlich, um das Jahr null herum, fasste er einen Entschluss: er würde sich selbst als sein eigener Sohn auf die Erde senden, sich von den Menschen verraten, foltern und töten lassen und sie durch seinen Tod von ihren Sünden befreien. Wie wahrscheinlich ist es, und warum ist dem Schöpfer des Universums als Lösung nur eingefallen, was auch von den wissenschaftlich Ahnungslosen des Nahen Ostens hätte stam‐ men können? So, liebe Christen, es muss noch eine Gretchenfrage her: Die Menschheit heilt heute eine Krankheit nach der anderen. Warum ließ Gott über Jahrtausende Millionen von Männern, Frauen und Kindern an Zahnschmerzen, entzündeten Blinddärmen, Skorbut und Lungen‐ entzündung sterben, während solche Leiden heute mit einem kurzen Krankenhausbesuch oder schlicht mit abwechslungsreicher Ernährung beseitigt werden können? Warum ist die Zeitachse menschlicher Erfin‐ dungen hier ausschlaggebend? Die Antwort ist ganz klar. Gott will nicht, dass wir mit Wissenschaft Menschen heilen. Wenn Sie Ihre Reli‐ gion ernst nehmen, dann müssen Sie jeden Tod durch Krebs, Unter‐ ernährung oder Diabetes als gottgewollt akzeptieren. Gehen Sie nie wieder zum Arzt! Beten Sie stattdessen. Warum heilen wir Krankheiten und schreiben fesselnde Geschich‐ ten, warum bauen wir Passivhäuser, landen Roboter auf dem Mars und kreieren Nachtische aus 15 Zutaten? Weil wir mit dem Zustand dieser Welt nicht zufrieden sind. Wir wollen sie besser machen, als das Uni‐ versum sie uns hingerotzt hat. Echte Gottergebenheit hingegen bedeu‐ tet, nackt im Wald zu leben und dafür auch noch dankbar zu sein. *** Es mag kein schöner Gedanke sein, dass das Universum sich nicht für uns interessiert, dass wir uns keinen Schöpfer durch die richtige rituel‐ 1 Glauben heißt leugnen 32 le Handlung gewogen machen können, dass kein Jenseits auf uns war‐ tet und dass dem unperfekten, ungerechten und verwirrenden Leben, durch das wir uns kämpfen, kein Zustand von Perfektion und Wonne folgen wird. Aber haben Sie sich schon mal klar gemacht, dass es ge‐ nau das Ducken vor diesen Tatsachen ist, das auf Erden das meiste Leid verursacht? Wenn der gesamten Menschheit klar wäre, dass wir nur dieses eine Leben haben, dann würden wir es vielleicht mehr zu schätzen wissen. Nicht nur das eigene, sondern auch das der anderen, Tiere eingeschlossen. Die dafür notwendige Empathie tragen wir als soziale Wesen seit Urzeiten in uns; sie wird aber durch Dogmen weg‐ rationalisiert, oder diese Güte gilt nur für Mitglieder unseres Stammes, nicht aber für die anderen da drüben. So wie der Gedanke, man müsse nur das richtige Ritual finden, damit alles gut wird, auch für die Vor‐ stellung sorgt, man müsse andere davon abhalten, ihre falschen Rituale zu verbreiten, so würde das Akzeptieren unserer kosmischen Unbe‐ deutendheit uns alle vereinen können. Es steckt viel mehr Größe darin, es hinzunehmen und davon abzulassen, anderen die eigene Realitäts‐ flucht aufzuzwingen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob den meisten Christen und Musli‐ men klar ist, was sie im versprochenen Jenseits erwartet. Wir reden hier immerhin von der Ewigkeit, deren Ausmaß man schnell unter‐ schätzt. Am besten hat es wohl der britisch-amerikanische Journalist Christopher Hitchens gesagt, als er bereits unheilbar an Krebs erkrankt war, und den ich hier sinngemäß wiedergeben will: „Wir alle haben sicherlich irgendwann einmal den Moment erlebt, in dem wir die Hand auf der Schulter spürten und nicht etwa hörten, dass die Party vorbei wäre, sondern schlimmer: ‚Die Party geht weiter, aber Du musst gehen‘. Das stört uns doch eigentlich daran. Und nun stellen wir uns das Gegenteil vor. Jemand kommt in den Raum und sagt: ‚Gute Nach‐ richten allerseits, die Party geht weiter – und zwar für immer! Und Ihr könnt nicht gehen! Und der Boss besteht darauf, dass Ihr Euch amüsiert!‘ … Der Vater, den der Monotheismus vorschlägt, ist der Vater, der nicht stirbt. Der seinen Kindern versichert: ‚Keine Angst, ich verlasse Euch nie. Ihr werdet mein Ende niemals erleben. Ihr werdet nie die Chance erhal‐ ten, etwas zu bereuen. Ich bin immer da, ich bin der ultimative Diktator, und in meinem Gericht gibt es keine Berufung.‘ Denken Sie wirklich, dass das irgendjemanden aufmuntert, der zu Empfindsamkeit, Menschlichkeit oder zur Ironie fähig ist? Ich lege mal nahe, das sei außer Frage.“ 1.3 Evolution des Menschen 33 Im Islam ist das Paradies allein schon dadurch erstrebenswert, dass seine einzige Alternative die Hölle ist. Das moderne Christentum spricht nur noch ungern von der Hölle, sondern lieber von der „Tren‐ nung von Gott“. Die habe ich aber bereits, er spielt in meinem Leben nicht die geringste Rolle, und es lebt sich sehr gut. Und warum ist das Jenseits eigentlich so genau festgelegt, als ewige Gottesschau? Wenn ich wählen dürfte, wo ich nach dem Tod hingehe, dann wäre ich gerne mit meiner Frau allein im Welpenhimmel. Doch da Tiere keine Seele haben, die den Tod überwindet, kann das christliche Jenseits mich nur enttäuschen. Wissenschaft ist das Beste, was wir haben Wie Sie vielleicht schon wissen, war Isaac Newton einer der größten Wissenschaftler aller Zeiten, da seine Entdeckungen bahnbrechend waren. Bahnbrechend bedeutet, dass er den festen Trott menschlichen Denkens verließ und einen neuen, sehr gut begehbaren Weg fand. Newton war aber nicht nur ein begnadeter Physiker, er war auch ein religiöser Mann und glaubte an Alchemie. Dimitri Mendelejew, der das Periodensystem entwickelte, war ebenfalls sehr religiös und konnte recht aufbrausend werden, wenn man in seiner Gegenwart mutmaßte, Materie bestünde aus Protonen und Elektronen. Nochmal: der Erfin‐ der des Periodensystems lehnte die Existenz von Elektronen als un‐ wahrscheinliche Hypothese ab! Die meisten berühmten Naturwissen‐ schaftler waren genauso religiös wie ihre Zeitgenossen, und die Erklä‐ rung dafür werden wir in Kapitel 3 untersuchen. Linus Pauling war einer der wichtigsten Chemiker des 20. Jahr‐ hunderts und neben Marie Curie der einzige Träger zweier Nobelprei‐ se (Chemie 1954, Frieden 1962). Er glaubte jedoch, dass sich mit ge‐ nug Vitamin C im Körper praktisch jede Krankheit bis hin zu Krebs heilen ließe und nahm täglich einen Esslöffel davon zu sich.* Der ame‐ rikanische Biochemiker Kary Mullis, für seine Entwicklung der PCR- 1.4 * Da Vitamin C wasserlöslich ist, wird der aufgenommene Überschuss einfach über die Nieren ausgeschieden. Hätte er das von einem fettlöslichen Vitamin wie Vitamin A oder D behauptet, wäre er bestimmt nicht 93 Jahre alt geworden. 1 Glauben heißt leugnen 34 Methode zur Genanalyse im Jahre 1993 ebenfalls mit dem Nobelpreis geehrt, leugnet das Ozonloch und den Klimawandel ebenso wie den Zusammenhang zwischen einer HIV-Infektion und AIDS. Er behaup‐ tet, im Jahre 1985 in einer abgeschiedenen Hütte in Kalifornien eine Begegnung mit einem leuchtenden Waschbären gehabt zu haben, der ihn mit den Worten „Guten Abend, Doktor!“ begrüßte. Die Geschichte soll laut Mullis überhaupt nichts mit seinem damaligen LSD-Konsum zu tun haben. Sie sehen, auch Wissenschaftler von Weltruf sind keine Übermenschen. Albert Einstein hatte seine liebe Not mit der Quantenphysik, zu‐ mal er die Teilchennatur des Lichtes in seiner Arbeit bereits 1905 be‐ legt hatte und daher daran zweifeln musste, dass Licht eine Welle sei. Dennoch, und trotz seiner beträchtlichen Reputation, verließ sich nie‐ mand auf Einsteins Einschätzung der Sachlage, sondern betrieb eigene Forschung, die zu völlig anderen Ergebnissen führte, welche Einsteins Erkenntnissen direkt widersprachen, aber nicht weniger richtig waren: Licht kann auch Wellennatur haben, und es hängt von den Bedingun‐ gen ab, was wir jeweils beobachten. Hätte die wissenschaftliche Ge‐ meinde Einstein wie bei einer Religion die Fähigkeit zu göttlicher Of‐ fenbarung bescheinigt, hätte die Quantenphysik es wahrlich schwer gehabt, sich gegen eine dogmatisch gelehrte Relativitätstheorie durch‐ zusetzen. Doch Experimente, Beobachtungen und die gegenseitige Überprüfung von Fachartikeln beschieden ihr den verdienten Erfolg. Der ehemalige amerikanische Präsidentschaftskandidat Ben Car‐ son ist ein weiteres Beispiel. Er wuchs als Kind einer alleinerziehenden Mutter in einem Ghetto in Detroit auf. Seine Mutter sorgte dafür, dass ihr kleiner Ben regelmäßig die Bibliothek besuchte, um in der Schule gut abzuschneiden. Er wurde ein weltweit hoch angesehener Neuro‐ chirurg, der durch einige Trennungsoperationen an siamesischen Zwillingen berühmt wurde. Er ist aber auch Adventist und glaubt da‐ ran, dass Gott tatsächlich in sechs Tagen die Welt erschaffen habe. Er dankt Gott und der Liebe seiner Mutter für den Halt und den Erfolg, den er erfuhr.4 Wobei die Frage erlaubt sein muss, wie er nur mit Gott und ohne seine liebende Mutter abgeschnitten hätte. Das Wichtige am naturwissenschaftlichen Prozess ist, dass die per‐ sönlichen Ansichten des Einzelnen keine Bedeutung haben. Man kann jede Behauptung aufstellen, aber als gangbare Sichtweise auf die Natur 1.4 Wissenschaft ist das Beste, was wir haben 35 wird sie sich erst etablieren können, wenn die weltweiten Forscherkol‐ legen die Entdeckungen bestätigen können und der Versuch, die Ent‐ deckung zu widerlegen, fehlschlägt. Das menschliche Gehirn neigt zu einer ganzen Reihe von Denkfehlern, voreiligen Schlüssen und vor al‐ lem zu dem Wunsch, seine Sichtweise nicht ändern zu müssen. Wis‐ senschaftler sind auch nur Menschen mit den gleichen Neigungen, aber Wissenschaft selbst ist gelebte Schwarmintelligenz mit dem Ziel, die Wünsche, Überzeugungen und Denkfehler des Einzelnen aus der Betrachtung zu eliminieren und nur das allgemein und objektiv Gülti‐ ge zu behalten. Es ist daher eine immerwährende Quelle von Erheiterung, wenn Gläubige Albert Einstein oder Max Planck zitieren, die dieses oder je‐ nes über Gott gesagt haben sollen. Damit missachten sie eines der Grundprinzipien der Wissenschaft und tun, was sie immer tun: sie be‐ rufen sich auf eine Autorität, sei es Gott, Jesus, der Papst oder Werner Heisenberg. Mit einer gewissen Regelmäßigkeit geschehen aber auch in den Naturwissenschaften Skandale um gefälschte Messergebnisse oder fin‐ gierte Entdeckungen. Der Piltdown-Mensch wurde im Jahre 1912 im englischen Piltdown „entdeckt“ und wäre von wesentlicher Bedeutung für die Evolutionsgeschichte des Menschen gewesen, da er wesentlich weiter entwickelt war, als er gemäß dem angegebenen Alter von eini‐ gen hunderttausend Jahren hätte sein dürfen. Ein Großteil der wissen‐ schaftlichen Gemeinde war aufgrund dieser Tatsache der Meinung, man sei auf einen bahnbrechenden Fund gestoßen, der die bisher be‐ kannte Geschichte des Menschen revidieren würde. Doch je älter der Fund des Piltdown-Menschen wurde und je länger ähnliche Funde ausblieben, desto misstrauischer wurde man. Hier konnte schon rein statistisch etwas nicht stimmen. Erst im Jahre 1953 wurde der Schädel des Piltdown-Menschen mit der neu entwickelten 14C-Methode als Fälschung identifiziert, die erst wenige hundert Jahre alt war und der jemand den Unterkiefer eines modernen Schimpansen untergescho‐ ben hatte. Das Wichtige daran ist: der Piltdown-Mensch, wenn er authen‐ tisch gewesen wäre, hätte die bisher erforschte Stammesgeschichte des Menschen erheblich durcheinander gebracht, und zwar weil er den bisherigen Erkenntnissen widersprach. Als jedoch bessere Messmetho‐ 1 Glauben heißt leugnen 36 den entwickelt wurden, konnte der Fehler gefunden und korrigiert werden. Unser Bild von der Stammesgeschichte des Menschen erwei‐ tert sich heute noch täglich, und mit jedem Tag, an dem weitere Hin‐ weise eintreffen und glaubhafte Gegenbeweise ausbleiben, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass wir komplett auf dem falschen Dampfer seien und eines Tages wieder komplett von null anfangen müssten, um die Geschichte des Menschen zu verstehen. Hier tritt auch das Sparsamkeitsprinzip der Wissenschaft zutage, das Sie vielleicht als Ockhams Rasiermesser kennen. Was ist wahr‐ scheinlicher: dass ein einzelner Fund die gesamte Menschheitsge‐ schichte fundamental umkrempelt, oder dass mit dem Fund etwas nicht stimmt? Solche Fehler zu entdecken und zu korrigieren ist nur eine Frage der Zeit und der Messmethoden. Es gibt für das naturwis‐ senschaftliche Weltbild nur eine Richtung: es wird laufend schärfer, klarer, deutlicher, aber das Motiv wird sich kaum noch ändern, und zwar weil ihre Erkenntnisse nicht die dogmatisch wiederholten Offen‐ barungen Einzelner sind, sondern weil aller Unrat durch gegenseitige Überprüfung entfernt wird und nur das Brauchbare und Belastbare übrig bleibt. Mit jedem Tag Forschung wird die Schöpfungsgeschichte unwahrscheinlicher, und das seit Jahrhunderten. Das Internet wurde, als es noch sehr jung war, primär zur Kom‐ munikation zwischen Hochschulen benutzt, bis es schließlich auf die gesamte Menschheit ausgedehnt wurde. Der heutige, fließende Aus‐ tausch von Informationen zwischen Fachleuten weltweit ermöglicht auch eine schnellere Überprüfung der einzelnen Publikation und senkt damit die Überlebenschancen von Fälschungen erheblich. Allein schon statistisch muss eine ungeheuerliche Behauptung herausstechen und die Fachkollegen der Welt zur besonderen Bemühung animieren, der Behauptung ihre Fehler nachzuweisen. Nur wenn das nicht gelingt, hat die Behauptung eine Chance, ernst genommen zu werden. Das Wichtigste zum Schluss. Niemand liegt immer richtig. Nie‐ mand. Versuchen wir uns den Unterschied klar zu machen: ein Wis‐ senschaftler, der in seiner beruflichen Arbeit immer genauso von der Richtigkeit seiner Thesen überzeugt wäre wie ein frommer Gläubiger, würde im wissenschaftlichen Betrieb nicht lange überleben. Wer im‐ mer und grundsätzlich Recht zu haben glaubt, macht irgendetwas falsch und sollte allein deswegen bereits misstrauisch werden. Und 1.4 Wissenschaft ist das Beste, was wir haben 37 niemand wird in der wissenschaftlichen Gemeinschaft für seine Stand‐ haftigkeit belohnt, wenn er Gegenbeweise ignoriert und auf seinen persönlichen Überzeugungen beharrt. Er wäre vielmehr eine Schande für seine Zunft. Wieviel Anspruch auf Glaubwürdigkeit hat ein Weltbild, das selbst das beste Werkzeug, das wir zur Erforschung der Welt haben und das die grundlegendsten Behauptungen der Religionen laufend widerlegt, einfach links liegen lässt und stattdessen nur noch persönliche Über‐ zeugungen anführen kann? Ein Universum aus nichts In islamisch-salafistischen Kreisen, aber auch unter konservativen Christen wird oftmals über die Behauptung „der Atheisten“ hergezo‐ gen, dass das Universum einfach so aus nichts entstanden sei.* Bei Christen wird dann länglich über die Definition von Nichts diskutiert, und letzten Endes ziehen sie sich doch wieder auf die Be‐ hauptung zurück, dass ein Gott sagte „Sei!“, und das Universum war. Ich denke daher, wir sollten uns noch einmal über das Konzept eines Universums aus nichts unterhalten. Zunächst einmal sollte darauf hin‐ gewiesen werden, dass es sich dabei um eine Hypothese handelt, und nicht um eine etablierte wissenschaftliche Theorie wie Evolution oder Quantenmechanik. Die Hypothese geht folgendermaßen. Wenn Sie einen Apfel mit den Fingern vom Tisch anheben, dann wenden Sie Energie auf, denn Sie müssen der Schwerkraft entgegen‐ wirken. Die Energie, die Sie geleistet haben, ist nicht weg, sondern ist jetzt „gespeichert“ in der Tatsache, dass der Apfel weiter von der Erde weg ist als vorher. Zwei Körper entgegen ihrer Anziehungskraft von‐ einander zu trennen kostet Energie. Sie merken es jedes Mal beim Treppensteigen, wenn Sie die Distanz zwischen sich und dem Planeten vergrößern. Das gilt aber nicht nur für den Apfel und den Planeten Erde; das gilt auch für unsere Erde und ferne Galaxien, die sich ja auch „über 1.5 * Diese Behauptung stammt allerdings nicht aus dem Atheismus, sondern aus der Kosmologie, einer Teildisziplin der Physik. 1 Glauben heißt leugnen 38 der Erdoberfläche“ befinden, wenn auch in einer Höhe, die man um‐ gangssprachlich eher Entfernung nennt. Und es gilt auch für Galaxien untereinander. Berechnet man jetzt die Massen aller Galaxien im Uni‐ versum und ihre Abstände voneinander, so erhält man die Energie, die im Urknall nötig war, um all diese Massen räumlich voneinander zu trennen. Diesen Betrag nennen wir E1. Nun haben Sie vielleicht auch mal gehört, dass Masse und Energie dasselbe sind. Der Umrechnungsfaktor zwischen beiden ist das Qua‐ drat der Lichtgeschwindigkeit, und die entsprechende Gleichung lautet E = mc2. Nehmen wir nun alle Massen des Universums (plus die Dunkle Materie) und rechnen sie gemäß dieser Gleichung in Energie um (und addieren die Dunkle Energie), so erhalten wir E2. Und dieser Betrag entspricht gemäß den bisherigen Messungen ziemlich genau E1. Zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass Masse und Energie einerseits und Gravitation andererseits in der Physik entgegengesetzte Vorzei‐ chen haben. Masse ist positiv, Gravitationsenergie ist negativ. Wenn wir nun diese beiden Beträge miteinander verrechnen, erhalten wir (im Rahmen der Messungenauigkeiten) null. Die Energie, die alle Massen im Universum innehaben, ist so groß wie die Energie, die man benötigt, um sie auf ihre Abstände zu bringen. Es bedeutet, dass die Gesamtenergie des Universums null ist. Das ist gemeint mit „ein Uni‐ versum aus nichts“. Bisher gibt es keinen schlagenden Beweis dafür, dass es wirklich so sei. Die bisherigen Daten widersprechen der Nullenergie-Hypothese aber auch nicht. Das heißt aber nicht, dass die Wissenschaftler an den Zufall als Ur‐ sache glaubten; dass ein Universum spontan aufpoppte und jemand erschreckt beiseite springen musste, um nicht zu verdampfen wie Fahrzeuge und Zäune bei der Zeitreise in Terminator. Wir wissen ein‐ fach noch nicht, was die Ursache dafür war (wenn es denn so ist). Was genau das Nichts in diesem Prozess war, kann bislang auch niemand sagen. Das Nichts könnte sich im Urknall aber in Materie und Energie aufgespalten haben. Würden die Kosmologen auf eine andere Summe kommen als null, dann müsste man sich fragen, woher dieser Unter‐ schied kam und warum er da war, bevor Raum und Zeit im Urknall ebenfalls entstanden. 1.5 Ein Universum aus nichts 39 Wenn man sich nun im Lichte dieser Erkenntnisse mit der Defini‐ tion von Nichts beschäftigt, so könnte man (so denke zumindest ich) das „Nichts“ nicht mehr definieren als die Abwesenheit von Allem, sondern eher als das Minimum dessen, was sein kann, denn zumindest war im ursprünglichen Nichts das Potential vorhanden, sich in zwei gegensätzliche Dinge aufzuspalten. Dieses Minimum hat plötzlich be‐ schlossen, sich in Materie und Gravitation zu trennen. Die Ursache dafür ist weiterhin unbekannt, man hat hinsichtlich des genauen Ab‐ laufes lediglich eine fachmännische Vermutung. Es heißt aber auch nicht, dass die Ursache für die Entstehung des Universums gleich Gott sein muss, und zwar der christliche oder der islamische, und daher ist Homosexualität eine Sünde und Abtreibung Mord, oder Allah groß und seine Feinde Abschaum. Das sind ziemlich vage Schlussfolgerungen, die weiterhin durch nichts zu beweisen sind. Es ist der Sprung von Deismus (das Universum hat einen Schöpfer) zum Theismus (ich weiß, wer dieser Schöpfer ist und was er von uns erwartet). Der Grund für die Auseinandersetzung muslimischer Frömmler mit dieser Hypothese liegt in Sure 53 des Korans. Sie stammt aus der mekkanischen Phase, als Mohammed sich noch in theologischen Dis‐ kussionen mit wesentlich erfahreneren Scharlatanen versuchte. Sie lau‐ tet: „Oder sind sie etwa aus dem Nichts erschaffen worden, oder sind sie (gar) selbst die Schöpfer?“ Sure 53:35 Verstehen Sie, was hier vorgeht? Man wünscht sich, dass der Gegner behauptet, dass Alles aus Nichts entstanden sei, damit man umgehend diese Sure rausholen und Booyah! sagen kann. Dabei nimmt eigentlich niemand diese Nullenergiehypothese bisher wirklich ernst. Es grenzt an ein Strohmann-Argument, an dem man sich reiben und seine Frömmigkeit demonstrieren kann. Auf eine Frage mit unbekannter Antwort sofort „Gott!“ zu sagen, ist darüber hinaus akademisch ziemlich faul, genau wie Gott an den Anfang zu setzen und weitere Erklärungsversuche mit „Gott war schon immer da!“ abzubügeln. Für Wissenschaftler ist das höchst unbefriedi‐ gend, und sie haben sich in der Geschichte auch geistlosen Sentenzen wie „Gott brauchte einen neuen Engel“ widersetzt, stattdessen die Är‐ 1 Glauben heißt leugnen 40 mel hochgekrempelt und schließlich Antibiotika erfunden, um kranke Kinder zu heilen. Gott als Antwort auf dringende Fragen wurde als nirgendwohin führende Hypothese abgelehnt, und die Folge war eine erhebliche Verbesserung der Lebensqualität für alle. Was im Umkehr‐ schluss heißen muss: wer nur auf Gott vertraut, dem wird nicht viel Gutes widerfahren. Ordnung entsteht doch nicht von alleine! Wenn Sie sich jemals devot-muslimische oder christlich-kreationisti‐ sche YouTube-Videos angesehen haben, werden Sie feststellen, dass ei‐ nes ihrer Kernargumente immer das gleiche Prinzip hat: jemand gibt eine Handvoll Legosteine in eine Schachtel, schüttelt ein paarmal, holt nach einem cineastischen Schnitt ein Auto oder einen Hubschrauber heraus und schaut fragend in die Kamera um zu demonstrieren, dass das alles keinesfalls von alleine geschehen könne. Es müsse also ein Schöpfer im Spiel sein, denn die Wahrscheinlichkeit wäre sonst eins zu 1040.000 oder eine ähnlich astronomische Zahl. Das ist leicht zu widerlegen. Zum Beispiel, indem man eine Tüte Studentenfutter öffnet. Die Erdnüsse liegen alle unten, die Rosinen di‐ rekt darüber, dann kommen die Cashews und ganz oben die großen Paranüsse, weshalb dieser Prozess der Selbstsortierung auch Paranuss- Effekt genannt wird. Hat das jemand gemacht? Nein. Dieser Entmi‐ schungsprozess findet von allein statt, wenn die Tüte nur lange genug bewegt wird (zum Beispiel beim Transport). Oder nehmen wir Strand‐ gut. Je geringer die Dichte des Stückes, desto höher werden die Wellen es den Strand hinauf tragen. Das ist auch ein Sortierungsprozess, der ausschließlich auf der Basis von physikalischen Gesetzen stattfindet. Was die Selbstorganisation von Materie zu Lebensformen angeht, gelten andere Gesetze, denn das Ganze findet auf molekularer Ebene statt. Hier wirken elektrische Anziehungskräfte zwischen Atomen und Molekülen, chemische Bindungen verschiedener Stärke und quanten‐ mechanische Gesetze. All diese Dinge spielen beim Paranuss-Effekt oder beim Strandgut überhaupt keine Rolle. Auf der Ebene der Mole‐ küle allerdings sind sie entscheidend, und Eigenschaften wie Dichte oder Masse spielen wiederum in der Welt der Moleküle keine Rolle, 1.6 1.6 Ordnung entsteht doch nicht von alleine! 41 denn die elektromagnetische Anziehung zwischen zwei Elementarteil‐ chen ist etwa 1040 mal stärker als die Gravitation zwischen ihnen. Die Jungs auf YouTube werfen gerne mit astronomischen Zahlen um sich, und dann biete ich auch mal eine an, wenn auch eine wissenschaftlich abgesicherte. Wenn jemand also Legosteine in einer Schachtel schüttelt, um die vermeintliche Unmöglichkeit der Selbstorganisation von Materie zu demonstrieren, dann muss man sich eher vorstellen, dass die Legostei‐ ne Magnetflächen haben, die darüber hinaus dreieckig, viereckig, keil‐ förmig und oval sind, so dass nur bestimmte Magnetflächen zueinan‐ derfinden können. Schüttelt man einige Milliarden davon in einer Schachtel nur lange genug, so dürfte die eine oder andere bekannte Fi‐ gur dabei herauskommen. Das Beispiel endet hier; in der Realität kommt noch die Tatsache hinzu, dass die Bausteine und die Figuren Erbinformationen tragen. Und wenn sich eine komplexe Form einmal gebildet hat und ihre Erbinformationen weitergeben kann, dann bleibt sie erhalten. Es ist ja nicht so, dass jeder Säugling auf der Welt erneut aus Atomen zusammengeschüttelt werden müsse. Hier entstehen aber auch Mutationen, die die Basis für die Weiterentwicklung darstellen, die seit einigen Milliarden Jahren an der Artenvielfalt unseres Planeten arbeitet, aber auch an Krebs, Depressionen und Sichelzellanämie. Ein göttlicher, perfekter Plan sieht anders aus. Ja aber die Erbinformation muss ja irgendwo herkommen! Die DNA trägt, wie Sie sich bestimmt erinnern werden, in jeder Zelle den Großteil der Erbinformation. Nun ist es natürlich naheliegend an‐ zunehmen, dass jemand diese Information da auch aktiv hinterlegt ha‐ ben müsse – die DNA als Sprache Gottes. Das aber ist ein Fehlschluss. In Wirklichkeit ist die DNA ein Abkömmling der RNA, denn die RNA kann sowohl ein Träger von Information als auch ein Arbeitsmolekül sein. Sie ist flexibler in ihren Möglichkeiten als die DNA, dafür aber auch etwas weniger stabil. Viel wahrscheinlicher ist es also, dass die RNA als erstes in der Lage war, sowohl Kopien von sich selbst herzu‐ stellen als auch andere Moleküle zu bearbeiten. Lässt man diesen Pro‐ zess lange genug gewähren, so wird also nicht nur die RNA sich ver‐ 1.7 1 Glauben heißt leugnen 42 mehren (Rohstoffe vorausgesetzt), sondern sie wird auch eine Vielzahl von anderen Molekülen produzieren. Wenn jetzt einige darunter sind, die so etwas wie eine Hülle bilden können, dann wird dieses Stück ge‐ schützte RNA eine erhöhte Überlebenswahrscheinlichkeit haben. Auf diesem Wege dürften die ersten Zellen entstanden sein. Ich schreibe „dürften“, weil der endgültige Beweis nicht erbracht werden kann, denn die Sache ist immerhin einige Milliarden Jahre her und Bakterien hinterlassen keine Fossilien, sondern bestenfalls Erdöl. Die Versuche im Reagenzglas belegen aber, dass es absolut den Fähigkeiten der RNA entspricht, und wirken damit der Behauptung entgegen, dass Ordnung unmöglich von allein entstehen könne oder die Erbinformation in der DNA dort aktiv hinterlegt worden sein müsse. Es ist im Lichte echter wissenschaftlicher Erkenntnisse geradezu wahnwitzig zu behaupten, dass Materie sich niemals zu Proteinen oder Zellmembranen organisieren könne. Es ist kein Beweis für einen Schöpfer, sondern für die wissenschaftliche Ahnungslosigkeit derer, die es behaupten. Darüber hinaus ist es erstaunlich, mit welcher Hart‐ näckigkeit manche Apologeten von der Wissenschaft Beweise verlan‐ gen, die sie gar nicht verstehen, während sie gleichzeitig die Existenz Gottes zu einer Glaubensfrage erklären, die man nicht beweisen müsse oder auch nur könne. Das hohe Ross, auf dem sie zu sitzen glauben, steht in Wirklichkeit im Kinderkarussell. Natürlich ist es überwältigend, einem Motorprotein zuzusehen, wie es ein Transportvesikel voller Glückshormone wie einen Sack auf der Schulter ein Skleroprotein entlang transportiert. Es gibt dazu eine beeindruckende Animation der Harvard University namens The Inner Life of the Cell auf YouTube zu sehen. Ausgewachsenen Salafisten wie Pierre Vogel, Ibn Yakub oder Marcel Krass (immerhin ein studierter Ingenieur!) gereichen solche Details immer wieder zu der Annahme, dass das ein Schöpfer gemacht haben müsse, da es viel zu komplex sei, um durch chemische Evolution entstanden zu sein. Sie schmücken das dann aus, halten ein Smartphone hoch und stellen die rhetorisch-iro‐ nische Behauptung auf, dieses Smartphone sei daraus entstanden, dass der Blitz in eine Portion Sand eingeschlagen hätte, der dann die Schalt‐ kreise bildete. Dann wurde die ganze Sache von Erdöl umspült, das in der Sonne aushärtete und zur Hülle des Smartphones wurde. Und schließlich werfen sie dann noch mit astronomisch hohen Zahlen um 1.7 Ja aber die Erbinformation muss ja irgendwo herkommen! 43 sich, die die Unmöglichkeit dieser Behauptung unterstreichen sollen, und kommen zu der Schlussfolgerung, dass es einen Schöpfer geben müsse, der dann ganz zufällig immer der eigene ist. Das Ganze ist als Argument aber nichts Neues. Der britische Theologe William Paley argumentierte bereits im Jahre 1802, dass ein Eingeborener, der eine Taschenuhr am Strand findet, keine Ahnung haben dürfte, wie dieses Ding funktioniert oder wozu es da ist. Ihm würde aber sofort klar, dass dieses Ding nicht von allein auf die Welt gekommen sein kann. Der Astronom Fred Hoyle argumentierte im Jahre 1983, dass ein Tornado, der durch einen Schrottplatz fegt, nie‐ mals eine flugfähige Boeing 747 zusammensetzen könne. Und er hat Recht. Nur beschreibt sein Beispiel nicht annähernd die Mechanismen der Evolution, und den Evolutionsbiologen der Welt eine solch dämli‐ che Sichtweise oder gar absichtliches Lügen zu unterstellen gelingt nur mit völliger Ahnungslosigkeit über den Sachverhalt oder dem absicht‐ lichen Gebrauch eines Strohmann-Argumentes. Fred Hoyle, auch wenn er ein begnadeter Astronom war, hat sich damit wirklich keinen Gefallen getan. Man muss auch bedenken, dass man sich nicht einmal die Zeit‐ spanne vorstellen kann, die nötig war, um eine Zelle entstehen zu las‐ sen. Wir reden hier von einigen hundert Millionen Jahren, in denen Wellen gegen Felsen schlugen, Tümpel sich füllten und wieder ver‐ dunsteten, Vulkane auf dem Land oder am Meeresboden Unmengen von Rohstoffen ausspien und ganze Kontinente miteinander ver‐ schmolzen und wieder zerbrachen. Immer aber gab es Moleküle im Meer, die bei Kontakt sofort chemische Bindungen eingingen, bis die Sache sich gemausert hatte. Wenn man erst einmal auf das Märchen hereingefallen ist, die Er‐ de sei erst sechstausend Jahre alt, dann führt das natürlich zu weiteren Fehleinschätzungen. Das aber liegt daran, dass man gedanklich bereits falsch abgebogen ist und der Weg zurück bei jeder Fehlentscheidung immer länger wird. Zurückzugehen, ganz neu anzufangen und pein‐ lich genau auf Fehltritte zu achten ist den meisten Menschen wahr‐ scheinlich einfach zu viel. Selbst wenn ein religiöser Fanatiker die Rea‐ lität zweifelsfrei vorexerziert bekommt, wird es seinen Glauben nur be‐ stärken, denn er wurde einst ein Fanatiker, weil er eine starke innere Abneigung gegen das Umdenken hat. Der menschliche Geist ist nun 1 Glauben heißt leugnen 44 mal eine gnadenlose Vorwärtsmaschine; außer bei schweren morali‐ schen Verfehlungen hört die Stimme in Ihrem Kopf niemals auf, Ihnen Recht zu geben. Um auch den letzten Apologeten einmal zu verblüffen, nehmen wir noch ein anderes Beispiel für Komplexität, die von allein entsteht: Sprache. Wer genau hat aus dem Althochdeutschen das moderne Rheini‐ sche gemacht? Kennen Sie einen Namen, eine Technik, ein Ereignis, eine Entscheidung über Nacht? Warum können wir am Klang und an der Wortwahl einen Pfälzer von einem Sachsen unterscheiden? Das hat niemand aktiv bewirkt. Wenn Sie eine große Gruppe von Menschen, die alle exakt den gleichen Dialekt sprechen, auf zwei ein‐ same Inseln verteilen, dann werden ihre Sprachen sich früher oder später diversifizieren, also lokale Unterschiede in der Wortwahl und der Aussprache entwickeln – es würde an ein Wunder grenzen, wenn sie es dennoch nicht täten, so als wären sie durch ein unsichtbares geistiges Band miteinander verbunden. Daher können wir Deutsche, Österreicher und Schweizer an ihrer Sprache unterscheiden. Man sieht es unter anderem auch daran, dass es immer eine Jugendsprache gibt, die sich ihrerseits ebenfalls wandelt. Die Jugendsprache der 60er war eine völlig andere als die der 90er, und sie ist natürlich auch abhängig vom technologischen Stand einer Generation. Worte wie „Arschfax“ für ein Wäschezeichen, das aus der Hose ragt, hätte es in den 1960ern bereits geben können*, und doch kam dieses Wort erst später auf. Auch ist die Reichweite der Jugendsprache nicht festgelegt. Es gibt kei‐ nen Tag, an dem man eine unveränderliche Jugendsprache ablegt und fortan die Erwachsenensprache benutzt. Alles fließt, man kann es nicht oft genug sagen. Auch hier entstehen Komplexität und Vielfalt von allein nur dadurch, dass man die Sache gewähren lässt. Die Phan‐ tasie der Gehirne, die sich neue Begriffe ausdenken, sind in diesem Vergleich die Mutationen in der DNA, im weitesten Sinne also Abwei‐ chungen vom Status quo. Die Begeisterung, mit der sie übernommen und verbreitet werden, ist ein Maß für ihre Überlebensfähigkeit. Es ist das, was Richard Dawkins in seinem Buch Das egoistische Gen als * Bis dieses Manuskript in Druck geht, ist das Wort „Arschfax“ bestimmt schon wie‐ der total out. Sag man heute überhaupt noch „out“? 1.7 Ja aber die Erbinformation muss ja irgendwo herkommen! 45 Mem bezeichnete: eine Information, die sich durch Sprache und Schrift von Gehirn zu Gehirn verbreitet wie DNA in unseren Erbanla‐ gen. In Wirklichkeit sind das alles bestimmende Chaos und die Ten‐ denz eines jeden Systems, sich von einer vorgegebenen Ordnung weg zu bewegen, kein Argument für einen Schöpfungsakt, sondern der Motor hinter biologischer Vielfalt und Komplexität, die sich somit oh‐ ne eine Schöpfer erklären lassen. Es wäre viel erstaunlicher, wenn ein System sich trotz äußerer Einflüsse partout nicht verändern würde. 1.8 Schrittweise Evolution – mal in religiösem Kontext Es herrscht in evolutionsfeindlichen Kreisen die Ansicht, es gäbe so et‐ was wie nichtreduzierbare Komplexität. Es gibt Mechanismen auf bio‐ chemischer Ebene, so die Hypothese, die zur Hälfte nicht funktionie‐ ren können, wie zum Beispiel das menschliche Auge oder, als drasti‐ scheres Beispiel, die Motorproteine der Bakterienflagellen. Hier sitzt ein Proteinmolekül passgenau in einem zylindrischen, anderen Protein, und das innere Protein ist frei drehbar wie bei einem echten, mensch‐ gemachten Elektromotor. Und genau wie ein menschgemachter Elek‐ tromotor wird die Sache durch elektrische Ladungen angetrieben, die eine Drehung bewirken, so dass das Bakterium sich wie mit einem Au‐ ßenbordmotor durchs Wasser vorwärtsbewegen kann, wenn auch nur mit etwa 20 Zentimetern pro Stunde. In der Tat ist dieses Beispiel in der Hinsicht interessant, dass die Sache nicht funktionieren kann, wenn sie durch Mutation und Selekti‐ on erst zur Hälfte fertig geworden ist. Auch wenn der erste Denkfehler darin besteht, dass die Sache nicht mit dem Ziel eines Elektromotors mit freier Drehbarkeit entstanden ist, ist dieses Prinzip kein außerge‐ wöhnliches. Es taucht sogar in einem ganz anderen Zusammenhang auf. Die Azteken haben über Jahrhunderte jeden Tag ein Menschenop‐ fer dargebracht, da sie davon überzeugt waren, dass die Sonne sonst am nächsten Tag nicht aufgehen würde. Mal abgesehen von der unvor‐ stellbaren Grausamkeit und ihrer aus heutiger Sicht grotesken Begrün‐ dung stellt sich dem aufmerksamen Betrachter hierbei eine ähnliche Frage, nämlich: wie kam dieses Ritual zustande? 1 Glauben heißt leugnen 46 Es ist doch undenkbar, dass jemand von einem Tag auf den ande‐ ren behauptete, man müsse täglich ein Menschenopfer bringen, da sonst die Sonne nicht mehr aufginge. Die spöttische Antwort seiner Zeitgenossen würde gelautet haben: „Heute Morgen ging’s doch noch.“ Die Entwicklung hin zu diesem Ritual wird eine andere gewesen sein. Wahrscheinlich existierte das Ritual des Menschenopfers bereits vorher und wurde irgendwann inhaltlich umgedeutet. So wie Weih‐ nachten früher einmal die Wintersonnenwende beschrieb, den Zeit‐ punkt also, ab dem die Tage wieder länger werden, heute aber als das Fest der Geburt Christi gilt. Auch hier gab es einen Übergang in der Deutung, während das Ritual selbst sich nicht sonderlich verändern musste. So ein Übergang von der einen Bedeutung eines Rituals zur ande‐ ren kann dann auch getrost schlagartig erfolgen. Zum Beispiel, indem ein Herrscher eine neue Deutung anordnet und die Nichtbeachtung mit drakonischen Strafen ahndet. Dann dauert es nur wenige Genera‐ tionen, bis die neue Deutung die maßgebliche wird. Denn wer in eine Welt geboren wird, in der gewisse Ansichten mit Priorität behandelt werden, der wird denken, dass es schon immer so gewesen sei, auch wenn es nur wenige Tage vor seiner Geburt durchgesetzt wurde. Das funktioniert erst dann so richtig reibungslos, wenn diejenigen ausge‐ storben sind, die sich noch an andere Zeiten erinnern konnten. Zurück zum Bakterium und seinen Flagellen, die über freie Dreh‐ barkeit verfügen: aller Wahrscheinlichkeit nach haben sie sich aus dem sogenannten Typ-III-Sekretions- und Transportsystem entwickelt, einem nadelähnlichen Bakterienbaustein, mit dem Bakterien tierische Zellen anbohren und Gifte injizieren. Der Aufbau zwischen beiden ist bis auf wenige Unterschiede erstaunlich ähnlich, und eine Weiterent‐ wicklung von hier aus ist wesentlich wahrscheinlicher. Und mal ehr‐ lich: ist es wahrscheinlich, dass der Schöpfer einen Beweis für seine Existenz in so einem winzigen Detail versteckt, das man erst mit Elek‐ tronenmikroskopen erkennen kann? Entweder will er, dass wir ihm auf die Schliche kommen, oder er will es nicht, und die Sache mit dem Baum der Erkenntnis kann uns verdeutlichen, was er von der mensch‐ lichen Neugier allgemein hält. Wenn er es will, dann könnte er welt‐ weit gleichzeitig am Himmel erscheinen und alle Zweifel ein für alle Mal ausräumen. Wenn er es nicht will, hat er hier einen Fehler began‐ 1.8 Schrittweise Evolution – mal in religiösem Kontext 47 gen und sich erwischen lassen, was einem Allmächtigen sicher nicht passieren würde. Seele oder Psyche? Die Vorstellung, dass jeder Mensch eine Seele besitzt und dass nur Menschen, nicht aber Tiere Seelen besitzen, ist ein Eckpfeiler so gut wie aller Religionen. Wenn wir durch die Welt gehen, haben wir in je‐ dem Moment unserer Existenz das Gefühl, ein Beobachter zu sein, der im Kopf des Körpers wohnt, der hinter unseren Augen sitzt, der unsere Gedanken denkt, der die ganze Zeit mit uns redet. Die Tatsache, dass wir rund um die Uhr eine Stimme im Kopf haben, die wir den inneren Monolog nennen, hinterlässt natürlich den Eindruck, es gäbe einen Sprecher und einen Zuhörer. Aus dieser Annahme heraus ergeben sich der Gedanke des Leib-Seele-Dualismus und die Frage, wie Materie ein Bewusstsein erschaffen kann. Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Gehirn in einem Schädel. Das sollte nicht allzu schwer sein, denn Sie sind nun mal eins. Glücklicher‐ weise verfügen Sie über eine Reihe von Ausstülpungen, die Ihnen da‐ bei helfen, Informationen über Ihre Umgebung zu erhalten – diese nennen wir Sinnesorgane. Wir können Geräusche hören, Lichtreize wahrnehmen, wir spüren, wenn uns jemand berührt oder wir irgend‐ wo gegenrempeln. Sie haben auch Sinne, die Ihnen wahrscheinlich gar nicht klar sind. Zum Beispiel die Propriozeption – immerhin nicht we‐ niger als das Gefühl, einen Körper zu haben. Dies ist Voraussetzung für die Fähigkeit, sich blind mit dem Finger an die Nase zu fassen, denn Sie wissen zu jeder Zeit und auch mit geschlossenen Augen, wo im Raum sich Finger und Nase befinden – Sie müssen den Prozess nicht beaufsichtigen, Sie können ihn einfach durchführen. Der Teil des Gehirns, der für diesen Sinn verantwortlich ist, heißt Cerebellum und befindet sich am Hinterkopf dort, wo er in den Hals übergeht. Ist das Cerebellum durch Alkohol betäubt, gelingt Ihnen der Versuch nicht mehr genug, um einen Verkehrspolizisten zu überzeugen. Unser Gehirn ist auf Reize von außen angewiesen, um uns sicher durch die Welt zu navigieren, und so versucht es auch laufend, Vorher‐ sagen zu machen, um Zeit zu sparen. Immer glaubt unser Gehirn zu 1.9 1 Glauben heißt leugnen 48 wissen, was gleich geschieht. Aus diesem Grunde sind Musikrhythmen gleichmäßig, denn so sprechen sie unser Gehirn wesentlich besser an als unregelmäßige Geräusche. Wenn wir unser Gehirn bei solchen Vorhersageversuchen austricksen, nennen wir es je nach angewendeter Technik optische Täuschung oder Komik, deren zentrales Element das Durchbrechen der Erwartungshaltung ist. Der britische Neurowissen‐ schaftler Anil Seth nennt eine Halluzination daher eine unkontrollierte Wahrnehmung, während er unsere Wahrnehmung gar als eine kon‐ trollierte Halluzination beschreibt, denn der vorhersagende Teil des Bewusstseins ist wesentlich größer, als wir gemeinhin denken. Das kleine Männchen in Ihrem Kopf, das ununterbrochen zu Ih‐ nen spricht, gibt es nicht. Das waren schon immer Sie. Sie sind nicht der Denker hinter dem Gedanken, Sie sind der Gedanke; Sie sehen das Geschehen nicht auf einer geistigen Leinwand, ein Abbild des Gesche‐ hens findet in Ihnen statt, ganz ohne Zuschauer; Sie haben keinen Körper, Sie sind ein Körper. Ihr Gehirn redet laufend mit sich selbst, und Sie hören dabei nicht etwa zu – Sie sind das Gehirn. Es gibt keine Software, die auf einer Hardware namens Gehirn liefe, es gibt nur die Hardware. Der gefühlte Dualismus ist gar keiner. Besonders aufschlussreich werden die Mechanismen des Gehirns immer dann, wenn es nicht mehr richtig funktioniert. Bei einer Be‐ schädigung des rechten Gyrus fusiformis, einem Teil des Schläfenlap‐ pens, verliert der Mensch die Fähigkeit, Gesichter zu erkennen. Er sieht den Menschen noch, kann ihn aber nicht identifizieren – dieses Leiden heißt Gesichtsblindheit. Ist der Gyrus fusiformis hingegen über‐ mäßig aktiv, halluziniert man in jeden Autoreifen, in jeden Bierdeckel und in jedes Knie ein Gesicht. Vielleicht ist Ihnen der Fall Phineas Gage bekannt, ein Eisenbahn- Vorarbeiter, der im Jahre 1848 in Vermont einen Unfall erlitt, der die Physiologen der Welt erstaunte. Bei der Vorbereitung einer Sprengung stopfte er Schwarzpulver mit einer Eisenstange in ein Sprengloch, als die Eisenstange am Stein einen Funken schlug und das Schwarzpulver entzündete. Da das ganze System einer Kanone mit Pulver und Geschoss entsprach, schoss die Eisenstange vorwärts und traf Gage in den Kopf. Sie drang unter dem linken Auge in den Kopf ein und trat oben in der Mitte des Schädels wieder aus. Gage überlebte den Unfall, wenngleich er sein linkes Auge 1.9 Seele oder Psyche? 49 verlor. Sprachvermögen, Wahrnehmung, Gedächtnis, Intelligenz und Erinnerungsvermögen blieben ihm erhalten. Allerdings hatte er sich von einem ausgeglichenen, beliebten und verantwortungsvollen Indi‐ viduum in einen unbeständigen, respektlosen und impulsgetriebenen Menschen verwandelt, der seit dem Unfall auch oft zur Vulgärsprache griff und dem man den Vorarbeiterposten nicht mehr anvertrauen konnte. Das lag daran, dass die Eisenstange den Frontallappen verletzt hatte, der als der Sitz von Persönlichkeit und Sozialverhalten gilt. Im Frontallappen befindet sich auch der Motorcortex, der uns koordinier‐ te Bewegungen ermöglicht, der aber bei Phineas Gage nicht beein‐ trächtigt worden war. Im Falle von Rosemary Kennedy, der älteren Schwester des ermor‐ deten US-Präsidenten, verlief die Sache anders. Sie hatte einen Intelli‐ genzquotienten von 60 bis 70 und galt daher als retardiert. Mit den Leistungen ihrer Geschwister John und Robert konnte sie nicht annä‐ hernd mithalten. Da ihr streng katholischer Vater Joseph fürchtete, sie könne das Ansehen der Familie schädigen oder ungewollt schwanger werden, und gemäß dem Bibelwort „Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen“ erhielt sie auf Anweisung ihres Vaters im Alter von 23 Jahren eine Lobotomie des gleichen Frontallappens, der auch bei Phineas Gage verletzt worden war. Man erhoffte sich Linderung ihrer Stimmungsschwankungen und ihres leichtsinnigen Verhaltens. Doch der Eingriff schlug fehl. Rosemary hatte nach der Operation das geistige Vermögen einer Zweijährigen, wurde inkontinent und brauch‐ te zeitweise einen Rollstuhl. Ein zwei Zentimeter tiefer Schnitt ins Ge‐ hirn hatte ihr Leben ruiniert – sie verbrachte den Rest ihres Lebens in der St. Coletta-Heilanstalt in Wisconsin und starb dort im Jahre 2005 im Alter von 86 Jahren. Der Corpus callosum ist jener Teil des Gehirns, der die beiden Hälften miteinander verbindet wie bei einer Walnusshälfte. Zuweilen kam es in der Vergangenheit vor, dass bei Patienten eine Callosotomie vorgenommen wurde, um Epilepsie zu heilen – dabei wurde der Cor‐ pus callosum durchtrennt, so dass fortan zwei Gehirnhälften in einem Körper nebeneinander existierten. Die linke Gehirnhälfte kann Spra‐ che benutzen, die rechte Gehirnhälfte kann lesen und zeichnen, kann auch Sprache verstehen, aber nicht Sprache produzieren. Man kann 1 Glauben heißt leugnen 50 daher je nachdem, wie man die Antwort haben möchte, die beiden Ge‐ hirnhälften einzeln ansprechen. In einem Versuch des Neurologen Michael Gazzaniga zeigte er einem Patienten auf einem Bildschirm mit einer Trennwand gleichzei‐ tig einen Hammer und eine Säge, so dass die Augen jeweils nur Ham‐ mer oder Säge sehen konnten. Fragte er den Patienten, was er gesehen hat, so sagte er „Hammer“, weil seine linke Gehirnhälfte den Hammer gesehen hat und die Antwort mündlich mitteilen konnte. Die rechte Gehirnhälfte hatte die Säge gesehen, und wenn der Patient die Augen schloss und zeichnete, was er gesehen hatte, so zeichnete er eine Säge. Als Gazzaniga den Patienten fragte, warum er eine Säge statt einem Hammer gezeichnet hat, wie er eben selbst sagte, wusste er nicht war‐ um oder versuchte die Entscheidung im Nachhinein zu rechtfertigen – ich mag Sägen lieber als Hämmer oder Ähnliches. Die Erklärung ist: indem man die Frage mündlich beantwortet haben möchte, antwortet zwangsläufig auch nur die linke Gehirnhälfte, was sie gesehen hat, und sie hat nur den Hammer gesehen. Soll der Patient seine Antwort zeich‐ nen, antwortet nur die rechte Gehirnhälfte und zeichnet die Säge, die sie gesehen hat. Zeigt man solchen Patienten ein Bild des Renaissancemalers Giu‐ seppe Arcimboldo, der gerne Gesichter aus Obst und Gemüse gemalt hat, so erkennt die linke Gehirnhälfte verschiedene Obst- und Gemü‐ sesorten, während die rechte ein Gesicht erkennt. Das liegt daran, dass der Gyrus fusiformis des rechten Schläfenlappens für das Erkennen von Gesichtern zuständig ist. Der linke Schläfenlappen vermag das nicht. Beachtlicherweise kann man einer solchen Person gleichzeitig einen Kreis und ein Quadrat zeigen, und sie kann mit beiden Händen gleichzeitig beide Figuren sauber zeichnen. Bei Menschen, die einen solchen Eingriff nicht hatten, verwirren sich die beiden Gehirnhälften gegenseitig, so dass man weder das eine noch das andere sauber hinbe‐ kommt. Ein Callosotomie-Patient ist also dadurch, dass man das Ge‐ hirn zweigeteilt hat, auch zwei Personen in einem Kopf, die unabhän‐ gig voneinander gleichzeitig arbeiten können. Der Neurologe V. S. Ramachandran berichtet darüber hinaus von einem Fall, wo eine Gehirnhälfte an Gott glaubte, während die andere es nicht tat. Was die Frage aufwirft, ob man nun auch eine weitere See‐ 1.9 Seele oder Psyche? 51 le geschaffen hat und nun eine in die Hölle und die andere in den Himmel kommt. Die christliche Literatur sagt zumindest nirgendwo, dass der Mensch neue Seelen erschaffen könne, wenngleich man Per‐ sönlichkeiten erschaffen kann, indem man Gehirne zweiteilt. Es lassen sich zahlreiche weitere Beispiele dafür finden, wie Wahr‐ nehmung, Verhalten und Persönlichkeit sich durch Verletzung des Ge‐ hirns grundlegend verändern. Für fast jeden Teil Ihres Lebens gibt es einen Teil des Gehirns, der ihn bestimmt und kontrolliert – ob Sie Choleriker sind oder manisch-depressiv, ob Sie eine Suchtneigung ha‐ ben, ob Sie das Abenteuer suchen oder Ihnen beim Anblick eines Wingsuits sofort das Wort „Rollstuhl“ durch den Kopf geht. Seelen‐ blinde, deren Sehzentrum verletzt ist, können die Gestalt einer Rose beschreiben, können ihr aber nicht mehr das Wort „Rose“ zuordnen. Wird der Scheitellappen verletzt, kann ein Patient nicht mehr sagen, welches der beiden Gewichte in seinen Händen das schwerere ist, und wenn die parientale Hirnrinde beschädigt wird, wird der Patient eine seiner Körperhälften nicht mehr als Teil seines Körpers akzeptieren, sondern der Ansicht sein, das Bein und der Arm gehörten jemand an‐ derem. Patienten mit Temporallappenepilepsie neigen zu intensiven religiösen Erfahrungen, die Teil des sogenannten Geschwind-Syn‐ droms sind, und aus Spanien wird ein Fall berichtet, wo eine nicht sonderlich religiöse Frau über Monate immer religiöser wurde, mehr und mehr in der Bibel las und schließlich persönliche Gespräche mit der Jungfrau Maria zu führen glaubte. Wie sich herausstellte, war die Ursache ein Hirntumor, und die fünfwöchige Behandlung desselben mit Bestrahlung und Chemotherapie ließ sowohl den Tumor schrump‐ fen als auch die Religiosität wieder zurückgehen.5 Jeder Schaden am Gehirn hat irgendeine Auswirkung, und je mehr Schaden es erleidet, desto geringer werden unsere Möglichkeiten. Doch wenn das ganze Gehirn den Geist aufgibt, kann plötzlich etwas Übriggebliebenes in den Himmel aufsteigen, Petrus Rede und Antwort stehen, Verwandte erkennen und Glückseligkeit empfinden? Bisher deutet alles darauf hin, dass das Selbst und das Bewusstsein vollständig vom Gehirn erzeugt werden. Auf die Existenz einer Seele gibt es wei‐ terhin keinen Hinweis. Der schwedische Physiologe Hugo Lövheim veröffentlichte im Jah‐ re 2011 ein Diagramm, das als Lövheim-Würfel bekannt wurde.6 Löv‐ 1 Glauben heißt leugnen 52 heim ordnete die bereits bekannten Wirkungen von drei Hormonen dem jeweiligen Gefühlszustand zu, indem er für jede Achse eines Wür‐ fels ein Hormon setzte. Diese Kombinationen aus Noradrenalin, Sero‐ tonin und Dopamin funktionieren bei allen Menschen gleich. In Ta‐ bellenform sieht das so aus: Serotonin Noradrenalin Dopamin Emotion hoch hoch hoch Interesse/Aufregung hoch hoch niedrig Freude/Genuss niedrig hoch hoch Wut/Zorn niedrig hoch niedrig Angst/Schrecken hoch niedrig hoch Überraschung/Erstaunen hoch niedrig niedrig Verachtung/Ekel niedrig niedrig hoch Not/Pein niedrig niedrig niedrig Scham/Erniedrigung Die grundlegenden menschlichen Emotionen basieren auf Kombinationen von bestimmten Hormonen. Wenn wir in dieser Tabelle all jene Emotionen betrachten, in de‐ nen Serotonin niedrig ist, so finden wir Wut/Zorn, Angst/Schrecken, Not/Pein und Scham/Erniedrigung. Es fehlen Interesse/Aufregung, Freude/Genuss und Überraschung/Erstaunen, aber auch Verachtung und Ekel. Das Fehlen eines simplen Moleküls mit der Summenformel C10H12N2O führt Menschen in einen Zustand der Depression, der mit Medikamenten wie Citalopram gelindert werden kann, die den Sero‐ toninspiegel im Gehirn erhöhen können. Und was ist mit der Liebe? Sie wäre ohne Oxytocin nicht möglich, da es das Hormon für Liebe, Vertrauen und Bindung ist – aber auch die Wehen einleitet und somit gleich nach der Geburt eine starke Bin‐ dung zwischen Mutter und Kind bewirkt. Sie ist nicht nur evolutionär begründbar und biochemisch erklärbar, wir finden sie in einer Viel‐ zahl von Spezies, von Fischen über Mäuse und andere Säugetiere bis zum Menschen. Liebe hält die Spezies zusammen und begünstigt Ko‐ operation zwischen den Individuen. Fühlt sie sich deshalb unecht an? Sie durchflutet unser Primatengehirn, sie ist älter als unser Primaten‐ Tabelle 1: 1.9 Seele oder Psyche? 53 gehirn, sie ist fundamental, sie ist schön. Wo ist das Problem, wenn man sie sich erklären kann? Das einzig Unbequeme daran mag sein, dass sie mit dieser Erklärung weniger mystische, nur durch Gott er‐ klärbare Eigenschaften hat. Gewissheit Um es einmal deutlich zu machen: Es gibt kaum absolute Gewissheit auf Erden. Es gibt nur Wahrscheinlichkeiten und Modelle, mit denen wir uns der Realität nähern können. Wie sie wirklich aussieht, wird uns dauerhaft verborgen bleiben. Das ist keine Frage der jeweils aktu‐ ellen Technologie, sondern liegt in der Beschaffenheit der Realität selbst begründet. Wohl kaum etwas in den Naturwissenschaften ist so sehr geeignet, diese letztendliche Ungewissheit zu verdeutlichen, wie der Aufbau des Atoms selbst. Die geläufigsten Modelle sind die beiden folgenden. Das bohrsche Atommodell Im bohrschen Atommodell, das Niels Bohr Anfang des 20. Jahrhun‐ derts entwickelte, befindet sich der Atomkern majestätisch in der Mit‐ te, und die Elektronen umkreisen ihn auf definierten Bahnen wie die Planeten die Sonne. Wenn ein Elektron durch Hitze oder Strahlung angeregt wird, wird es auf eine höhere, energiereichere Bahn angeho‐ ben, und wenn die Anregung nachlässt, fällt es wieder in seine Lieb‐ lingsbahn zurück und gibt den Energieunterschied zwischen den bei‐ den Bahnen in Form einer Lichtwelle ab. Die Frequenz des Lichtes, sei‐ ne Farbe also, entspricht dem freigesetzten Energiebetrag. Rotes Licht entspricht einem Übergang zwischen zwei Niveaus, die sich energe‐ tisch weniger unterscheiden, und violettes Licht entspricht einem gro‐ ßen Unterschied zwischen den beiden Energieniveaus, denn violettes Licht enthält mehr Energie als rotes. Da das Atom in seinem Aufbau nur sehr wenig Spielraum hat, bewirken alle Strontiumatome im Uni‐ versum eine rote Flammenfärbung, alle Natriumatome eine gelbe, alle Bariumatome eine grüne, und alle Kaliumatome färben das Licht einer Flamme violett. Wenn Sie während eines Feuerwerks mal neben einem 1.10 1 Glauben heißt leugnen 54 Chemiker gestanden haben, werden Sie wissen was ich meine. Auch andere Metalle wie Quecksilber und Arsen unterliegen diesem Prinzip, die emittierten Wellenlängen liegen jedoch im ultravioletten Bereich, den unser Auge nicht sehen kann. Das Molekülorbitalmodell Das Molekülorbitalmodell, kurz MO-Theorie, ist komplizierter, aber auch logischer. Der grundlegende Gedanke ist, dass der positiv gelade‐ ne Kern und die negativ geladenen Elektronen einander ja anziehen und sich daher mit der größten Wahrscheinlichkeit sehr dicht beiein‐ ander befinden. Auf atomarer Ebene gibt es für das Elektron nämlich keine nennenswerte Fliehkraft, die ein Gegenstück zur Gravitation des Kerns wäre, so dass sich eine stabile Bahn ergäbe. Das ist das Modell‐ hafte und damit Unzutreffende am planetenähnlichen, bohrschen Atommodell. In der MO-Theorie ist die Aufenthaltswahrscheinlichkeit des Elek‐ trons umso größer, je näher wir dem Kern kommen, und wird nach außen immer unwahrscheinlicher. Dieses Orbital (das Wahrschein‐ lichkeitswölkchen, in dem sich das Elektron befindet) kann verschie‐ dene Formen haben. Kugelförmig, hantelförmig, donutförmig und ir‐ gendwie babyspielzeugförmig. Dieses Modell kann die Flammenfär‐ bung der Atome nicht erklären. Es ist aber ausgesprochen hilfreich zur Klärung der Frage, warum ß-Carotin eine rote Substanz ist, warum man mit Kohlenstoff so tolle und lebenswichtige Moleküle bauen kann und warum Diamant so hart ist. Die MO-Theorie ist die Erklärung, warum das riesige Feld der Chemie mit all seinen Gesetzmäßigkeiten letzten Endes nichts anderes ist als angewandte Quantenphysik. Hier ist nun der Knüller: das bohrsche Atommodell und die MO- Theorie sind beide gültig, obwohl sie sich direkt widersprechen. Im einen Modell nimmt man eine Art Planetensystem an, und man kann damit arbeiten und korrekte Vorhersagen machen. Im anderen ist das Elektron eine mathematische Welle, die auch mal direkt durch den Kern fliegen kann, wenn es gerade keinen Grund gibt, es nicht zu tun auch dieses Modell bietet korrekte Vorhersagen an, mit deren Hilfe man zum Beispiel neue Werkstoffe mit ungeahnten Eigenschaften ent‐ wickeln kann. Ein Quadratmeter Graphen kann eine vier Kilogramm 1.10 Gewissheit 55 schwere Katze tragen und ist mit seinen 0,7 Milligramm Gewicht dabei so leicht, dass er an die Zimmerdecke steigt, wenn man ihn loslässt. Die Tatsache, dass zwei sich direkt widersprechende Modelle zum Aufbau des Atoms gleichzeitig richtig sein können, lässt sich nur damit erklären, dass die Wirklichkeit dahinter noch wesentlich komplizierter ist und beide Modelle nur Näherungen sind. Tausende von Wissen‐ schaftlern haben über Jahrhunderte an diesen Modellen gearbeitet, und sie sind elementar daran beteiligt gewesen, unser heutiges Tech‐ nologieniveau zu entwickeln. Doch wie genau das Atom jetzt aufge‐ baut ist, weiß niemand. Gewisse Grundprinzipien aus dem Bereich der Quantenmechanik wie die heisenbergsche Unschärferelation deuten zudem darauf hin, dass wir es nie werden erfahren können, da es keine Frage der Technologie ist, sondern die Beschaffenheit der Realität selbst betrifft. Die Realität hat keinerlei Verpflichtung, uns gegenüber verständlich zu sein, denn unsere menschlichen Sinne und unser Abs‐ traktionsvermögen haben sich nur soweit entwickelt, wie es zum Über‐ leben in der afrikanischen Savanne erforderlich war. Messungen und Restunsicherheit Wir können durch chemische Messungen sagen, dass ein Thunfischfi‐ let 2,0 mg/kg Quecksilber enthält. Vielleicht können wir auch 2,02 mg/kg angeben, wenn wir die Messung oft genug durchführen und einen Mittelwert bilden. Es liegt in der Natur einer Messung, einen Messfehler zu haben, und die Ergebnisse, sofern man die Messung nur oft genug wiederholt, werden sich in Form einer gaußschen Glocken‐ kurve um den wahren Wert µ (sprich: mü) anordnen. Aber der wahre Wert µ mit beliebig vielen Nachkommastellen wird uns niemals be‐ kannt sein. Alles was wir produzieren können, sind Näherungen an diesen wahren Wert, und jede moderne Messung ist ein Kompromiss zwischen der erforderlichen Genauigkeit und dem entsprechenden Aufwand im Labor. Messwerte sind eigentlich keine Zahlen, sondern Intervalle, kleine Fenster der Wahrscheinlichkeit auf dem Zahlenstrahl. Wir können im Falle des Thunfischfilets sagen, dass der wahre Wert µ sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % zwischen 1,95 und 2,05 befindet, und wenn wir noch 30 Messungen drauflegen, können wir den wahren 1 Glauben heißt leugnen 56 Wert µ mit 99,9%iger Wahrscheinlichkeit vielleicht zwischen 1,99 und 2,01 verorten. Das Intervall, in dem sich der wahre Wert µ mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit befindet, wird dadurch kleiner. Wir können ein größeres Intervall wählen, in dem sich der wahre Wert µ mit 99,99%iger Wahrscheinlichkeit befindet, aber dieses Intervall ist dann wieder größer. Um das Intervall bei gleichbleibender Wahr‐ scheinlichkeit wieder kleiner zu machen und dadurch eine weitere gül‐ tige Nachkommastelle zu gewinnen müssen wir, Sie haben es erraten, mit der Anzahl der Messungen um eine Größenordnung hoch gehen, also in die hunderte. Und das will niemand bezahlen, denn es geht nur um ein Stück Fisch. Die wichtige Erkenntnis daraus ist: Ein Messwert ist immer entwe‐ der genau oder wahrscheinlich, aber niemals beides. Dennoch können wir näherungsweise sagen, ob dieses Fischfilet den Grenzwert für Quecksilber einhält oder nicht, und das können wir dann mit Fug und Recht eine gesicherte Erkenntnis im Rahmen des Erforderlichen nen‐ nen. Es ist nur keine absolute Gewissheit, denn die gibt es in diesem Universum fast nie – die Frage ist vielmehr, wo man die Grenze des Unglaubens zieht. Stellen Sie sich das Ausmaß, in dem man an Be‐ hauptungen zweifelt, wie ein Paar Schnürsenkel vor. Je fester Sie sie an‐ ziehen, desto mehr erwarten Sie Beweise für Behauptungen. Wer abso‐ lute Gewissheit will, würgt sich die Füße ab, und wer abseits aller Fak‐ ten nur auf den Glauben setzt, schlottert komplett ohne Schnürsenkel durch die Welt. Wenn Sie also vom Leben so etwas wie absolute Gewissheit erwar‐ ten, muss selbst die Wissenschaft Sie enttäuschen. Dennoch kann man, genügend Statistikkenntnisse vorausgesetzt, toxikologische Einschät‐ zungen vornehmen, Durchschnittswerte in Lebensmitteln bestimmen und Grenzwerte festlegen, die das Lebensmittel einhalten soll. Es hat unsere Lebenserwartung und die Lebensqualität in den letzten hun‐ dert Jahren erheblich erhöht. Es funktioniert, auch wenn es keine ex‐ akte Wahrheit bieten kann. Doch es gibt immer und überall eine Restunsicherheit nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern zum Beispiel auch in der Recht‐ sprechung. Daher sagen Richter zum Ende des Gerichtsverfahrens nicht „Der Angeklagte hat die Tat begangen“, sondern: „Das Gericht sieht es als erwiesen an“. Dass man dabei betont subjektiv vorgeht, soll 1.10 Gewissheit 57 daran erinnern, dass man es nie genau wird wissen können. Zuweilen genügt die Sachlage aber, um jemandem 25 Jahre Freiheitsentzug auf‐ zubrummen. Es gibt sowohl in der Quantenmechanik als auch in der makrosko‐ pischen Welt letzten Endes nichts als Wahrscheinlichkeiten. Es gibt aber einen Unterschied zwischen der 5 %igen Wahrscheinlichkeit, dass ein belastetes Fischfilet den Grenzwert für Quecksilber doch noch ein‐ hält, und der Wahrscheinlichkeit, dass der Schöpfer des Universums mit seinen 150 Milliarden Galaxien, die jeweils aus 200 Milliarden Sternen bestehen (das macht 3 x 1022 Sterne), von denen vielleicht die Hälfte Planeten besitzt (das macht 1,5 x 1022 Planeten), nur unseren Planeten mit Leben versehen hat, das er für würdig hält, ihn anzubeten. Dass wir per Abstammung ein bevorzugtes Verhältnis zu ihm haben (Judentum); dass wir so grässlich geraten sind, dass unser Gott sich umbrachte (Christentum); oder dass dieser Schöpfer noch einen drit‐ ten Anlauf startet (Islam), in dem er uns nichts zu bieten hat außer Ka‐ davergehorsam und Jenseitsversprechen. Wie wahrscheinlich ist das? Es riecht zumindest sehr menschgemacht. Es sei noch angemerkt, dass wir sehr wohl unterscheiden müssen zwischen einem wie auch immer gearteten Schöpfer und jenen, die in den großen Religionen der Welt dargestellt werden. Jene Schöpfer, die sich benehmen wie Warlords mit latenter Verachtung der Frau, der Homosexualität und allgemein allen Andersdenkenden. Es ist bemer‐ kenswert, wie Menschen sich an diese Restwahrscheinlichkeit einer an sich unsympathischen Gottheit klammern, nur um liebgewonnene Überzeugungen nicht aufgeben zu müssen. *** Ist bei all dieser Restwahrscheinlichkeit nicht auch Platz für den Gott der Bibel oder des Koran? Für Shiva, Odin und Huitzilopochtli, dem die Azteken über Jahrhunderte täglich ein Menschenopfer brachten? Versuchen Sie sich vorzustellen, wie sicher die Azteken sich ihrer Sa‐ che gewesen sein müssen! In einem Universum mit 150 Milliarden Ga‐ laxien gibt es eine, in deren westlichem Spiralarm eine kleine, sehr durchschnittliche Sonne mit 1,4 Millionen Kilometern Durchmesser ihre Bahn um das Zentrum der Galaxis zieht, und auf deren drittem Planeten eines von tausenden Völkern jeden Tag einem Menschen bei 1 Glauben heißt leugnen 58 vollem Bewusstsein die Brust unterhalb des Rippenbogens mit einem Obsidianmesser öffnete und in Sekunden das Herz herausschnitt, so dass es in der Hand des Zeremonienmeisters bestenfalls noch schlug. Damit wollten diese Menschen erreichen, dass die etwa eine Million Mal größere Sonne, um die sich der kleine Planet dreht, morgen früh wieder aufgehen würde. Wer immer sich als Christ oder Muslim da‐ rüber amüsiert, möge an das Fleisch Jesu Christi in seinem Mund, an das Menschenopfer seines Gottessohnes (ja, es ist eins) oder an seine abgetrennte Vorhaut denken, die ihrerseits eine stilisierte Version von Abrahams Menschenopfer ist. Ja aber das ist was anderes, das ist den Menschen von Gott direkt auferlegt worden! Nein. Es ist die gleiche Hingabe an einen Gott, und es ist nicht plausibler oder wahrer, nur weil es Sie und Ihre Familie, Ihre Nachbarn und Ihre Staatsoberhäupter betrifft. Euer Gott ist euch so selbstverständlich wie den Azteken der ihre. Der Unterschied: die Azteken haben täglich ein Menschenopfer dargebracht, und die Chris‐ ten gehen davon aus, dass ein einziges, besonderes Menschenopfer die Sache ein für allemal geklärt hätte. Aber die Azteken waren fehlgeleitet, weil Christen so furchtbar genau wissen, nicht glauben, sondern wis‐ sen, dass ihr Gott der richtige ist? Die Azteken haben dafür ohne zu zögern täglich getötet. So sicher waren sie sich. Nimmt man den Eifer der heutigen dschihadistischen Selbstmordattentäter zum Vergleich, so dürften manche aztekischen Menschenopfer sich sogar geehrt gefühlt haben, an einem so wichtigen Ereignis in prominenter Position teilzu‐ nehmen. Und noch etwas kann man am Beispiel der Azteken erkennen: die ganze Sache wäre in sich zusammengefallen wie ein Soufflet bei geöff‐ neter Backofentür, wenn irgendein Azteke es jemals gewagt hätte, die Sache zu überprüfen. Zum Beispiel, indem man das Menschenopfer einmal ausfallen lässt. Das aber scheint zu riskant, und eher legt man dann den Skeptiker auf den Altar, als die Hypothese zu überprüfen. Sie sehen, ein Wahn kann sich über Jahrhunderte in einer Gesellschaft halten. Ist es nicht erstaunlich, dass weder Poseidon, der Odysseus jahre‐ lang über die Ägäis irren ließ, noch Huitzilopochtli, noch Ra, Helios oder der ausgesprochen selbstbewusste Odin jemals wieder von sich hören ließen, nachdem ihre Anhänger ausgestorben waren oder den 1.10 Gewissheit 59 Gott gewechselt hatten? Hungern wir heute, weil wir Demeter nicht mehr huldigen? Gibt es keinen Wein mehr, seit Dionysos die Gefolg‐ schaft entglitt? Leben wir in ewigem Regen, weil wir Ba‘al missachten? Nichts dergleichen. Es ist, als wären all diese Götter immer nur Projek‐ tionen menschlicher Bedürfnisse gewesen. Und so gewinnt Gott jeden Krieg, weil beide Parteien sich auf ihn berufen und er daher immer auch auf der Gewinnerseite steht. Die Verlierer schreiben nun mal kei‐ ne Geschichte. Man dankt Gott gerne, aber man beschwert sich bei ihm nicht öffentlich, weil man dann nach einer Alternative suchen müsste, was den bisherigen Glauben irgendwie beliebig erscheinen lässt. Wenn es etwas auf der Welt gibt, das halbwegs gesicherte Erkennt‐ nisse produzieren kann, dann ist es die Wissenschaft, denn ihre Me‐ thode ist ungeschlagen. Alles andere ist Wunschdenken. Und wir soll‐ ten immer gewarnt sein, wenn jemand um die Ecke kommt und uns höhere Wahrheit oder Gewissheit aus Überzeugung auftischen will. Er verfolgt damit nur eigene Ziele, und seine Gewissheit ist subjektiv, was jedem religiös Überzeugten aus skeptischer Sicht eine gruselige Aura der selbstüberschätzenden Unzurechnungsfähigkeit verleihen muss. In der westlichen Welt gibt es das Phänomen des Gottes der Lü‐ cken. Es bedeutet, dass die Religion, immer wenn die Wissenschaft neue Erkenntnisse gewonnen hatte, ein Stück ihrer Position aufgeben musste. Kometen sind keine Vorboten göttlichen Zorns, sondern Bro‐ cken aus Eis und Staub, die sich der Sonne nähern und dabei einen Schweif aus Partikeln ausbilden, die der Sonnenwind herausgeschlagen hat. Die Pest war keine Seuche, die die Juden zusammen mit dem Teu‐ fel in die Welt gebracht haben, sondern eine bakterielle Infektion, die sich aufgrund der katastrophalen und ignoranten Hygienebedingun‐ gen des Mittelalters rasant ausbreiten konnte. Blitze sind kein göttli‐ cher Zorn, weil ich meine in wilder Ehe lebenden Nachbarn nicht zur Rede stelle, und die Erde ist nicht der Mittelpunkt des Universums, ja nicht einmal des Sonnensystems. Und der Mensch wurde nicht aus Lehm geschaffen, sondern ist durch einen Milliarden Jahre dauernden Prozess namens Evolution zu dem geworden, was er heute ist. Stellen Sie sich vor, Sie würden mit einem Menschen des Mittelal‐ ters diskutieren. Allerdings müssen wir eine kleine Änderung vorneh‐ men: dieser Mittelaltermensch sei nicht ignorant gegenüber der Frage, 1 Glauben heißt leugnen 60 welche Bedeutung Kindbettfieber, Missernten, Seuchen, Heuschre‐ ckenplagen und Blutstürze haben. Er bilde sich vielmehr ein zu wissen, dass dies göttliche Strafen seien. Wenn er ehrlich wäre und sich einge‐ stünde, dass er es nicht weiß, dann würde er wahrscheinlich die Argu‐ mentation benutzen, die man heute in anderen Zusammenhängen hört: Die Wissenschaft weiß ja auch nicht alles. Da ist noch Platz für Gott. Mit unserem heutigen Wissen können wir ihm klipp und klar er‐ klären, welche Ursachen diese Phänomene hatten. Kindbettfieber ist eine bakterielle Infektion durch mangelnde Hygiene bei der Entbin‐ dung; Missernten geschehen durch Wettereinflüsse, den falschen pH- Wert des Bodens, Virusinfektionen der Pflanzen, Insektenbefall oder Nährstoffmangel; Seuchen sind bakterielle Infektionen, die durch mangelnde Hygiene, das Fehlen einer Kanalisation und durch das Zu‐ sammenleben von Mensch und Tier auf engstem Raum begünstigt werden; Heuschreckenplagen geschehen einfach, wenn man den Heu‐ schrecken genug Futter anbietet, oder wenn der Winter mild war und die Larven den Frost überlebt haben; ein Blutsturz wie jener, der Atilla dem Hunnen die Hochzeitsnacht mit Ildico versaute, wurde durch das Platzen einer Krampfader in der Speiseröhre verursacht, die durch jahrzehntelangen Alkoholmissbrauch zustande kam, und war keines‐ falls ein göttliches Statement betreffend die Zukunftsfähigkeit dieser Ehe. Und nun übertragen wir dieses Verhältnis von Mittelaltermensch zu uns heutigen Menschen auf die Gegenwart. Nachdem die Religion so viele Behauptungen über die Beschaffenheit der Welt und die Be‐ deutung von Schicksalsschlägen aufgeben musste, klammert sie sich heute daran, dass man ja immer noch nicht weiß, wie aus Gehirnmate‐ rie Bewusstsein entsteht, was den Urknall verursachte und wie die ers‐ te Zelle entstand – allesamt Fragen, die die Religionsstifter sich noch gar nicht stellen konnten, da sie vom Urknall und von Zellen keine Ahnung hatten und gemäß Aristoteles vermuteten, das Gehirn sei nur dazu da, das allzu heißblütige und aufwallende Herz zu kühlen. Und indem sie solche Fragen stellen, glauben sie, die Wissenschaft vor sich her zu treiben, die blass und in kaltem Schweiß laufend um Erklärun‐ gen bemüht sei. Das ist sie aber nicht. Sie ist mit Forschung, Experi‐ menten, logischen Ableitungen und zulässigen Schlussfolgerungen be‐ 1.10 Gewissheit 61 schäftigt. Dass sie die Behauptungen der Religionen lächerlich ausse‐ hen lässt, ist nur eine Begleiterscheinung ihrer Arbeit. Wissenschaft empfindet keine Scham dabei zuzugeben, dass sie etwas nicht weiß – die vergangenen Jahrhunderte erfolgreicher Naturforschung lassen souverän in die Zukunft blicken. Sie wird immer etwas nicht wissen, denn sie selbst wirft laufend neue Fragen auf, die zuvor niemand ande‐ res stellen konnte, und auch in 500 Jahren wird noch ein Gläubiger ne‐ ben dem Forscher stehen und zufrieden feststellen, dass die Wissen‐ schaft „ja auch nicht alles weiß“. Um was für Fragen es dann gehen wird, muss die Wissenschaft erst noch herausfinden – die Theologie hat keine Ahnung, setzt sich aber in geballter Hochnäsigkeit an die Spitze des Diskurses. So zumindest in der westlichen Welt. Im Islam sieht das etwas an‐ ders aus. Hier gibt es keinen Gott der Lücken, sondern eine Wissen‐ schaft der Lücken. Sie darf nur die offenen Fragen beantworten, die der Koran gelassen hat. Wissenschaft hat im Islam hauptsächlich die Aufgabe, den Koran zu bestätigen. Gelingt das nicht, hat die Wissen‐ schaft Mist gebaut, wie der iranische Physiker Reza Mansouri es selbst bestätigte.7 Falls Sie sich fragen, was Wissenschaftler als ernstzunehmende Hinweise für einen Schöpfungsakt ansehen würden, kann ich Ihnen hier ein paar Beispiele nennen. 1. Wenn eine Schwangerschaft immer genau 268,0 Tage dauern wür‐ de, anstatt sich um den errechneten Zeitpunkt fast in einer gauß‐ schen Glockenkurve zu verteilen (von die Statistik beeinflussenden Maßnahmen wie Kaiserschnitten oder Wehen einleitenden Medi‐ kamenten abgesehen). Das wäre unstatistisches Verhalten ohne Grund und damit ein starker Hinweis darauf, dass die Sache nicht den Gesetzen der Natur folgt, sondern dass hier ein Exemplar von Gottes Lieblingskreatur nach besonderen Regeln in die Welt gesetzt wird. 2. Wenn das Jahr genau 365 Tage hätte anstatt 365,24219052 Tage. Wenn also das Verhältnis von Eigendrehungen der Erde zu Son‐ nenumrundungen exakt ganzzahlig wäre. Wie Sie den Nachkom‐ mastellen ansehen können, kommt etwa alle vier Jahre ein weiterer Tag zusammen, der dann zur Korrektur in einem Schaltjahr ausfällt, damit die Rechnung wieder stimmt. Allerdings ist der überschüssi‐ 1 Glauben heißt leugnen 62 ge Vierteltag nur fast einer. Also muss der Schalttag seinerseits alle 100 Jahre ausfallen. Damit aber überkorrigiert man die Korrektur, so dass das Ausfallen des Schalttages wiederum alle 400 Jahre aus‐ fallen muss. Die Eigendrehung der Erde und ihre Umrundung der Sonne haben keinerlei Einfluss aufeinander. Wenn das eine genau das 365,00000000fache des anderen wäre, dann würde man sich mit Fug und Recht fragen, wie das so perfekt zusammenpassen kann. Hier wäre ein Beleg für ästhetisch inspiriertes Design zu erwarten. Stattdessen deutet nichts daran auf einen Entwurf eines Schöpfers hin, es sind einfach zufällige Zahlen. Die Venus dreht sich sogar langsamer um sich selbst, als sie die Sonne umrundet – ein Tag auf der Venus dauert länger als ihr Jahr. Der Schöpfer hätte es für die Erde (und für alle anderen Planeten) klar und ganzzahlig machen können, um nebenbei einen echten Hinweis auf sich selbst zu ge‐ ben wie Alfred Hitchcock, der in seinen Filmen gelegentlich augen‐ zwinkernd am Rande zu sehen ist. 3. Wenn der geostationäre Orbit über der Erde in 3.000 km Höhe lie‐ gen würde statt in 36.000 km. Auf jeder stabilen Umlaufbahn ist die Zentrifugalkraft, die den Satelliten von der Erde weg schleudert, genauso groß wie die Anziehungskraft der Erde, so dass Gleichge‐ wicht herrscht. Es gibt aber nur einen Orbit, bei dem dieses Gleich‐ gewicht bei einer Geschwindigkeit stattfindet, die es dem Satelliten erlaubt, immer über dem gleichen Punkt der Erde zu sein und da‐ mit immer das gleiche Gebiet mit seinen Leistungen versorgt. Die‐ ser Orbit befindet sich in 36.000 Kilometern Höhe, was immerhin etwa zehn Prozent der Entfernung Erde-Mond sind. Satelliten unterliegen aber auch den Effekten der Relativitätstheorie – in diesem Fall zwei entgegengesetzten Effekten. Da Satelliten schnell sind, läuft ihre Zeit langsamer ab als für uns. Da sie sich im Gravitationsfeld der Erde aber auch weiter außen befinden, läuft ihre Zeit schneller als für uns, denn Gravitation verlangsamt hier auf der Erdoberfläche unsere Zeit. In einer Höhe von 3.000 km he‐ ben die beiden relativistischen Effekte sich genau auf, so dass wir uns in dieser Höhe um das Problem keine Sorgen machen müssen. So aber müssen die Uhren auf Satelliten, die in eine geostationäre Umlaufbahn in 36.000 Kilometern Höhe geschickt werden, langsa‐ 1.10 Gewissheit 63 mer laufen als normale Uhren auf der Erde, so dass sie beim Errei‐ chen der Umlaufbahn schneller und dann so schnell wie unsere Uhren auf der Erde laufen. Wären diese Phänomene, die sich auf verschiedene, voneinander unabhängige Effekte berufen, von Natur aus genau aufeinander abgestimmt (der Allmächtige sollte das hin‐ bekommen können), so dass ein Satellit immer über dem gleichen Punkt der Erde ist UND bei dem sich die beiden relativistischen Effekte perfekt ausgleichen, dann würde man sich in der Tat wun‐ dern, warum das so saugend-schmatzend ineinander passt, und hätte einen Hinweis auf göttliches Design (der aber als Beweis im‐ mer noch nicht taugen würde, denn es könnte immer noch Zufall sein). 4. Wenn das berühmte Exorzismusopfer Anneliese Michel neben der Behauptung, die Dämonen Luzifer, Nero, Judas, Fleischmann (ein böhmischer Priester aus dem 16. Jahrhundert), Hitler und Kain würden in ihr hausen, auch Saddam Hussein oder Kim Jong Un aufgeführt hätte. Saddam Hussein kam im Irak erst drei Jahre nach ihrem Tod an die Macht, Kim Jong Un wurde erst acht Jahre nach ihrem Tod geboren, und daher konnte sie von beiden nicht wissen. Hier hätte sich zeigen können, dass ihre Eingebungen echt waren. 5. Wenn wir alle genau 80,0 Jahre alt würden. Stattdessen mussten wir dieses Durchschnittsalter erst durch Hygiene, Haltbarmachung von Lebensmitteln und Schulmedizin möglich machen, und die restli‐ chen Details gehören dem Zufall. 6. Wenn das Verhältnis zwischen Männern und Frauen auf der Welt auch bei sieben Milliarden Menschen genau 50,00 zu 50,00 wäre und nicht 52,15 zu 47,85. 7. Wenn der Bau von Burj Khalifa in Dubai ähnliche Folgen gehabt hätte wie der Turmbau zu Babel. Da wir aber bereits in jenem Sprachgewirr leben, das anscheinend eine Strafe sein sollte, müsste dann eine ähnlich absurde Strafe geschehen. Verstehen Sie die wissenschaftliche Denke dahinter? Wenn die Dinge der Natur eine Chance haben, zufällig zu sein, dann sind sie es auch. Hier wäre eine Abweichung ein starker Hinweis auf Design oder einen Schöpfer; hier würde nicht nur der Laie sich wundern, sondern der Fachmann auch staunen. Doch nichts dergleichen. Wenn es einen 1 Glauben heißt leugnen 64 Schöpfer gibt, dann achtet er peinlich genau darauf, nicht als solcher erkannt zu werden. Doch selbst wenn das Universum Anzeichen von absichtlicher Ge‐ staltung zeigen würde, wäre damit noch keine theistische Position be‐ wiesen. Unser Universum kann genauso gut eine minutiös geplante Si‐ mulation eines Wissenschaftlers außerhalb unseres Universums sein, die auf einem Computer in einem höheren Universum läuft. Der Wis‐ senschaftler hat uns vielleicht noch gar nicht entdeckt, da die Zeit in seinem Universum wesentlich langsamer abläuft und wir als Spezies entstanden sind, während der Wissenschaftler noch auf dem Weg zur Arbeit ist und erst in 500 Millionen Erdenjahren sein Büro betreten wird. Gebete wären überflüssig; religiöse Regeln wie Fisch am Freitag oder Geschlechtertrennung in Moscheen, mit denen der Mensch Gott seinen Gehorsam demonstrieren will, würden unbeachtet verhallen; Naturkatastrophen hätten ihren Grund nicht darin, dass die Homoehe in allen Bundesstaaten der USA erlaubt wurde; Ihre Seele ginge nir‐ gendwohin, sofern Sie überhaupt eine besitzen. Und niemand kann beweisen, dass die Vermutung, unser Universum sei nur simuliert, falsch wäre. Mit genug Phantasie kann man alle möglichen Behaup‐ tungen aufstellen, und mit genug Humorlosigkeit und Gewalt kann man solche Ideen auch in der Gesellschaft verbreiten, bis die nächste Generation herangewachsen ist und nie etwas anderes kannte als die‐ sen Glauben. *** Natürlich kann man auch ein entspanntes, auf- oder abgeklärtes reli‐ giöses Weltbild haben. Der amerikanische Genetiker Francis Collins, Direktor des National Institute of Health in den USA, war einst Atheist gewesen, bis er auf einem Spaziergang einen gefrorenen Wasserfall sah, in den Eissäulen die heilige Trinität erkannte, ergriffen in die Knie sank und Jesus als seinen Herrn und Erlöser annahm. Auf seine Arbeit hat es aber keinen Einfluss, und den Kreationismus als Erklärungsan‐ satz für die Artenvielfalt lehnt er weiterhin entschieden ab. Nicko McBrain, Drummer der Band Iron Maiden, hatte im Jahre 1999 ein emotionales Erlebnis in einer Kirche in Florida. Er fühlte in seinem Herzen plötzlich eine Liebesgeschichte mit Jesus vorgehen und ist seitdem Christ. Ihm gefällt einfach der Gedanke, auch nach dem 1.10 Gewissheit 65 Tode mit seinen Jungs weiterzurocken. Es scheint, als wäre er mit die‐ sem Leben so zufrieden, dass er es verlängern möchte. Mir stellt sich nicht die Frage, ob diese Herren noch klar im Kopf seien. Wenn ich von jemandes Religiosität höre, stellen sich mir immer dieselben beiden Fragen: 1. Macht es ihn glücklich? 2. Macht er andere damit unglücklich? Punkt eins geht mich eigentlich nichts an. Punkt zwei aber geht uns al‐ le an. Denn das Problem ist, dass dieses Leben in den großen monothe‐ istischen Religionen nur das Vorspiel auf das Ewige Leben im Jenseits ist, bestenfalls die Eintrittskarte ins Paradies bei korrektem Benehmen. Da die monotheistischen Religionen weder Zweifel an ihrer Richtigkeit haben noch bei anderen zulassen, liegt es in ihrer Natur, sich selbst als den einzig wahren Weg zu sehen. Das Christentum ist der einzig wah‐ re Weg, Islam ist der einzig wahre Weg. Das abgeklärte Judentum lacht über beide. Hier liegt die Schwäche: eine Religion, und wenn sie noch so viel auf sich hält, ergibt maximal innerhalb ihres eigenen Weltbildes Sinn. Das Christentum macht in sich Sinn, wenn man drin ist. Der Islam macht in sich Sinn, wenn man den Worten des Korans vertraut, der sich selbst schon in den ersten Zeilen als das direkte Wort Gottes be‐ zeichnet, an dem es keine Zweifel gibt. Der Koran ist heilig, denn das steht im heiligen Koran. Von außen betrachtet sind beide lächerlich. Wenn man erst einmal im religiösen Weltbild feststeckt, kann man sich innerhalb dieses Weltbildes mit Logik fortbewegen. Es ist logisch, die Sakramente zu empfangen, wenn man in das Himmelreich treten will. Es ist logisch, Schweinefleisch zu meiden, wenn es den Allmächti‐ gen erzürnt. Es ist logisch, seinem Sohn die Vorhaut abzutrennen, wenn er nur dann ein Muslim sein kann. Ginge es nicht um Religion, befänden wir uns hier auf der Ebene der Paranoia. Doch wenn man sich ungebremst in die Religion hineinsteigert, erreicht man unweigerlich einen Zustand, in dem man beim besten Willen nur noch psychotisch genannt werden kann. Hier geht es darum, Antworten auf all die Fragen des Alltags zu finden, die die Re‐ ligion offen gelassen hat, weil alles, aber auch wirklich alles nach reli‐ 1 Glauben heißt leugnen 66 giösen Maßstäben beurteilt werden muss. In einer hochtechnisierten Welt ist das gar zwangsläufig. Der Berliner Prediger Ahmad Abul Ba‐ raa ließ ein YouTube-Video veröffentlichen, in dem er die Frage beant‐ wortet, ob man als Muslim sein Smartphone mit auf die Toilette neh‐ men darf. Es spielt dabei keine Rolle, ob dieser Knilch ein legitimer Prediger ist oder nie eine theologische Ausbildung erhalten hat. Seine Zuhörerschaft ist so weit, dass sie ihm solche unsinnigen Fragen stellt, und er hat eine Antwort, die man ihm glaubt. Das gesellschaftliche Problem ist vorhanden, denn ist die Psychose nur stark genug, wird je‐ de noch so banale Alltagshandlung zu einer Frage um Himmel und Hölle. Religion ist, was Menschen draus machen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.* Na kommen Sie, sagen Sie’s endlich! Was ich meine? Das letzte Ar‐ gument des Gläubigen natürlich, die Glückwünsche für das Jenseits, verpackt in ein mürrisches „Wir werden ja sehen, wer am Ende recht hat!“ Hier kristallisiert sich die wahre Bedeutung des Wortes „glauben“ heraus. Glauben im religiösen Sinne heißt nicht „vermuten“, sondern „für sich selbst zur Wahrheit erklären“. Die Gewissheit, dass man am Ende von den Unwürdigen aussortiert und vom Schöpfer des Univer‐ sums bevorzugt behandelt wird, ist nur gefühlt, lässt das Individuum aber vergessen, dass es den Bereich der Hypothese nie verlassen hat. Wenn man sich jedoch bereits so sicher ist, dass man das eigene, hypo‐ thetische Verhältnis zum Schöpfer als Argument benutzt, dann ist man mit rationalen Argumenten auch nicht mehr zu erreichen. Oder man will anderen einfach genau die Angst machen, die einen selbst einst in die Religion getrieben hat. Beides ist nicht schön. Oftmals offenbart sich in solchen Sentenzen auch die simple Schlechtigkeit, vom Himmel aus zuschauen zu wollen, wie die Atheisten in der Hölle gequält wer‐ den, wie der Heilige Thomas von Aquin in seiner Summa Theologica bereits feststellte.8 Mit moralischer Überlegenheit hat das rein gar nichts zu tun. Man kann ein schlechter Verlierer sein, aber ein schlech‐ ter Gewinner zu sein, ist noch armseliger – es offenbart all den Hass, * Falls Sie die Antwort benötigen: gemäß dem Propheten warten die bösen Geister auf der Toilette, daher sollte man seinen Besuch kurz halten. 1.10 Gewissheit 67 den man für Andersdenkende empfindet, und der nicht so loslegen darf, wie er gerne möchte. Doch die Gläubigen könnten sich irren, es ist sogar sehr wahr‐ scheinlich. Denn sie setzen voraus, dass die Geschichte nur zwei mög‐ liche Ausgänge haben kann, ihren oder meinen. Tatsächlich aber müssten wir jede Religion der Welt in die Berechnung mit einbeziehen, genauer: auch alle ausgestorbenen Religionen. Gibt es einen Grund an‐ zunehmen, dass die einzige Religion, die jemals recht hatte (und sofern es sie jemals gab), es auch unendlich lange durch die Zeitachse schaff‐ te? Sie könnte schon lange vom Angesicht der Erde verschwunden sein, weil fehlgeleitete, aber sehr gut ausgerüstete Frömmler in Überzahl ihre Anhänger vollständig unterworfen und zwangskonvertiert haben. Vielleicht ist diese Religion nicht einmal überliefert. Oder Sie und ich wachen nach unserem Tod in einer Welt der Dunkelheit auf, weil der Mensch einfach vergessen hat, diesem Gott der Azteken mit dem un‐ aussprechlichen Namen jeden Tag ein Menschenopfer zu schenken. Sie zweifeln an meinem Zweifel, haben selbst aber nichts weiter in der Hand als die tiefe Überzeugung, selbst richtig zu liegen. Gott – grundsätzlich gut, weil Menschen es so wollen Am Abend des 8. August 1969 beschloss der kalifornische Schüler Ste‐ ve Parent, seinen Schulkameraden William Garretson zu besuchen, der eine Kamera zu verkaufen hatte. Steve traf ihn im Gästehaus des An‐ wesens 10050 Cielo Drive, wo William einen Sommerjob als Haus‐ meister angenommen hatte. Nach dem Kauf der Kamera setzte Steve sich wieder in seinen Wagen, und als er das Grundstück verlassen wollte, kam ein Mann in der Einfahrt auf ihn zu und gab ihm zu ver‐ stehen, er solle den Motor ausmachen. Der Mann zog eine Waffe und schoss Steve Parent durch das offene Fenster viermal in den Körper. Am nächsten Morgen fand die Haushälterin Winifred Chapman die Leichen von Steve Parent, dem Starfriseur Jay Sebring, dem ange‐ henden Drehbuchautor Wojciech Frykowski, dessen Freundin Abigail Folger und der im achten Monat schwangeren Sharon Tate, Ehefrau von Roman Polanski, der sich zur Tatzeit für Dreharbeiten in Europa aufhielt. Die Täter waren junge Frauen und Männer der Manson Fa‐ 1.11 1 Glauben heißt leugnen 68 mily gewesen. William Garretson hatte im Gästehaus am anderen En‐ de des Grundstücks nichts von der Blutorgie mitbekommen und über‐ lebte. Nun stellt sich die Frage, was das sollte. Täter und Opfer hatten keinerlei Verbindung gehabt. Wie sich im Laufe der Ermittlungen he‐ rausstellte, waren diese bestialischen Morde im Auftrag von Charles Manson geschehen. Er hatte messiasähnliche Anwandlungen, denen zufolge die Beatles ihm mit ihren Songs, speziell denen auf dem Wei‐ ßen Album, Botschaften übermittelten. Manson deutete den Ausdruck Helter Skelter, einen britischen Ausdruck für Achterbahn, als zentralen Begriff für den ultimativen Rassenkrieg zwischen Schwarz und Weiß. Die Schwarzen, so Manson, würden diesen Krieg gewinnen, dann aber unfähig sein, sich selbst zu regieren. Manson und seine Anhänger wür‐ den schließlich aus ihrem Versteck im Death Valley kommen, und Manson würde zum König der Welt gekrönt werden. Kleiner hatte er es anscheinend nicht. Nur wollte dieser Rassenkrieg einfach nicht in die Gänge kommen. Manson beschloss daher, Killerkommandos auszusenden, um reiche Weiße zu töten und den Schwarzen, besonders den Black Panthers, diese Morde in die Schuhe zu schieben, damit die Fronten zu verhär‐ ten und die Dinge eskalieren zu lassen. Sharon Tate und ihre Freunde waren aber nicht das erklärte Ziel dieses Angriffs gewesen. Terry Mel‐ cher, Produzent der Beach Boys, hatte sich einst im Rahmen eines Vor‐ spielens über Mansons musikalische Fähigkeiten lustig gemacht und seine Adresse war Charles Manson ebenfalls bekannt. Melcher hatte sein Haus inzwischen an Roman Polanski verkauft. Manson wusste, dass Melcher mittlerweile nicht mehr dort wohnte, aber als er seinen willigen Helfern irgendeine Adresse von reichen Weißen nennen musste, wusste er immerhin eine. Das war der ganze Grund dafür, dass diese Menschen an jenem Tage so bestialisch ermordet wurden. Die Fragen, die ich mir selbst bei der Lektüre von Vincent Buglio‐ sis Buch Helter Skelter stellte, möchte ich nun an Sie weiterreichen. Welcher barmherzige Gott schaut bei so einer sinnlosen und aus‐ schließlich auf Zufall und Dummheit gegründeten Blutorgie tatenlos zu? Will er nicht eingreifen, ist er nicht barmherzig. Kann er nicht ein‐ greifen, ist er nicht allmächtig. Man kann sich die meisten Opfer wenn auch nur dürftig mit dem Besitzerwechsel des Hauses erklären, was 1.11 Gott – grundsätzlich gut, weil Menschen es so wollen 69 dem Allmächtigen auch nicht gerade hoch anzurechnen ist. Aber war‐ um dann auch noch Steve Parent, der 18jährige Kamerakäufer? Wenn es ein Paradebeispiel dafür gibt, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, dann ihn. Und der Allmächtige, so es ihn gibt, schaut einfach zu. Ich habe dieses Beispiel gewählt, weil tausende oder Millionen To‐ te die Eigenschaft haben, den menschlichen Verstand zu übersteigen. Eine Viertelmillion tote Muslime durch einen Tsunami in Indonesien am zweiten Weihnachtstag 2004 ist schon aufgrund ihrer schieren Größenordnung ein wesentlich tragischeres Ereignis und genauso sinnlos. Die Fragen aber sind die gleichen. Was soll das? Ging es nicht anders? Musste Gott diese Menschen für etwas anderes opfern? Dann ist er nicht allmächtig, er kann die Bedingungen setzen wie er will. Konnte Gott es also nicht verhindern, oder wollte er nicht? Wenn Sie eine Antwort darauf haben, wenden Sie sie zur Überprüfung mal auf den Holocaust an, oder auf die Spanische Grippe von 1918, die mehr Opfer gefordert hat als der Erste Weltkrieg. Wenn Sie sehr religiös sind, dann werden Sie diese Frage besten‐ falls „interessant“ nennen. Der Grund, warum Ihr Gehirn diesen Aus‐ weg sucht, ist der, dass die alternative Erklärung einfach nicht sein darf. Denn die offensichtliche Antwort ist: Es gibt keinen Gott, so wie die Religionen ihn beschreiben. Nicht wahr? Die Argumente für einen Schöpfer des Universums seitens der Religionen haben immer das Ziel, den eigenen Gott wahrscheinlicher zu machen. Dabei können sie es nie. Die Überzeugung, dass es irgendeinen Schöpfer des Universums gibt, heißt Deismus. Kein Atheist auf der Welt kann sicher ausschlie‐ ßen, dass es ihn gibt. Die Überzeugung zu wissen, wer er ist und was er von uns will, nennt sich hingegen Theismus. Alle Religionen der Welt mit ihren heiligen Schriften, Ritualen und Jenseitsversprechen sind Theismen. Aber keine von ihnen kann beweisen, dass ihr Gott der tat‐ sächliche ist. Die Versuche, es dennoch zu tun, sind allesamt sowohl lächerlich als auch intellektuell unbefriedigend, und die psychologi‐ schen Mechanismen dahinter werden wir in Kapitel 3 betrachten. Theisten behaupten zu wissen, wer der Schöpfer ist. Das ist Teil ihrer Definition. Geschieht dann etwas Unerklärliches und Unange‐ nehmes, ziehen sie sich in eine Wolke aus Phrasen zurück, aus der he‐ raus sie versuchen, dem Ereignis ein wenig Bedeutung abzuringen. Und zwar ganz gezielt eine Bedeutung, die sich mit ihren Überzeugun‐ 1 Glauben heißt leugnen 70 gen vereinbaren lässt. Weder darf es einen Schöpfer nicht geben, noch kann man selbst sich in seinem Gott oder in dessen Plan geirrt haben. Wenn etwas Wundervolles geschieht, kommt kein Christ auf die Idee, Shiva oder Hanuman dafür zu danken, sondern er dankt grundsätzlich seinem eigenen Gott. Man hat recht, Punkt. Für wen hält diese Realität sich eigentlich?! Es dürfte genug Gläubige geben, die die Morde der Manson-Fami‐ lie gar als Auswuchs des Atheismus betrachten und daraus ableiten, dass es diesen Menschen an Gott gefehlt habe, um solch grausame Ta‐ ten zu begehen. Weit gefehlt. Sie hatten ihren eigenen. Charles Manson war in der Lage gewesen, seinen Anhängern eine unvorstellbare Grausamkeit abzuverlangen. Die dafür erforderlichen Mechanismen waren dieselben wie bei allen Religionen: eine charis‐ matische, messianische Gestalt, die bevorstehende Apokalypse, das bessere Jenseits, bis dahin viel unangenehme Arbeit. Junge Frauen, mit den Idealen der 68er im Kopf aus ihren konservativen Elternhäusern oder gescheiterten Ehen geflohen, waren leicht beeinflussbare Beute. Der Mensch muss schwach, gebeutelt oder dumm sein, wenn er Rat‐ tenfängern wie Charles Manson oder den Rekrutierern des Islami‐ schen Staates auf den Leim gehen soll. Drogen können den Prozess be‐ schleunigen. Gibt man dem Menschen dann das Gefühl, an etwas Wichtigem mitzuarbeiten, kann man ihn zur Bestie umbauen. Alle Ideologien funktionieren so, und Religionen sind nur eine Untergrup‐ pe davon. So leid es mir tut, liebe Apologeten, Charles Manson hat mit den Gründern eurer Religion wesentlich mehr gemeinsam als mit einem modernen Atheisten, der die Welt eher naturwissenschaftlichskeptisch angeht und auf seinem Recht beharrt, die Dinge zu hinter‐ fragen. Charles Manson, die 1,57 m kleine Ausgeburt an Selbstherr‐ lichkeit und Ego, konnte sehr unangenehm werden, wenn man seinen Herrschaftsanspruch herausforderte. Und wie bei den Autoren der Bibel und des Koran war auch Charles Mansons gesamte „Theologie“ nur aus Dingen zusammenge‐ setzt, die ihn persönlich bewegt hatten. Als das ungewollte Kind einer 16jährigen, alkoholkranken Prostituierten wollte er als Erwachsener, der zum Zeitpunkt seiner letzten Verhaftung mehr als die Hälfte seines Lebens im Gefängnis verbracht hatte, nichts mehr als Anerkennung und Kontrolle über andere Menschen, bevor sie ihn wieder enttäu‐ 1.11 Gott – grundsätzlich gut, weil Menschen es so wollen 71 schen würden. Die Details seiner Version der Apokalypse waren da‐ rüber hinaus tief geprägt von den politischen und sozialen Gescheh‐ nissen seiner Zeit: ethnische Spannungen, Krieg, die drohende Auslö‐ schung der Welt im nuklearen Feuer. Schließlich würde die Welt bei ihm alles wieder gutmachen, indem er endlich der König würde, für den er sich schon immer gehalten hatte. Aus solchem Material werden Propheten gemacht. Charles Manson starb im Jahre 2017 im Alter von 83 Jahren, von denen er 68 Jahre im Gefängnis verbracht hatte. Vor zweitausend Jahren hätte er tatsächlich ein Heiliger werden können. *** Am 4. Oktober 2017 veröffentlichte die Website Katholisch.de (das In‐ ternetportal der katholischen Kirche in Deutschland) einen Artikel zum Massenmord in Las Vegas, dem 59 Menschen zum Opfer gefallen waren. Der Artikel zitiert Joseph Pepe, den Bischof von Las Vegas, im Rahmen eines interreligiösen Gebetsgottesdienstes in der Guardian Angel Cathedral mit den Worten: "Wir beten und singen und hören auf das Wort Gottes, um uns daran zu erinnern, dass inmitten dieser Tragödie Gott mit uns ist." Er fügte hinzu: "Gott weint mit unseren Tränen."9 Welcher Gott weint hier? Der Allmächtige, der all die Christen im Pu‐ blikum des Country-Festivals nicht beschützen konnte, und der Ku‐ geln auf friedliche Zuschauer niederregnen ließ und dem Attentäter zuvor nicht ins Gewissen hatte reden können? Der Angehörige stun‐ denlang auf den Fluren der Krankenhäuser bangen ließ, bis sie am En‐ de die Nachricht bekamen, ihre Tochter sei während des Eingriffs doch noch auf dem OP-Tisch verblutet? Der Gott, der jungen Ehepaaren, die nur ein Konzert besuchen wollten, durch einen Bein- oder Schul‐ tertreffer eine plötzliche Krankenhausrechnung von 100.000 Dollar einbrockte, die nicht nur die finanzielle Zukunft der Ehe, sondern auch die einzelnen Leben der Ehepartner zerstören kann? Gott hat uns den freien Willen gegeben, heißt es dazu oft, und der beinhaltet nun mal auch, dass jemand Schlechtes tut. Wie unethisch von Ihm! Vielleicht liegt es auch daran, dass wir Menschen in diese unperfekte Welt gestoßen wurden, da wir uns im Paradies versündigt haben. Dabei ist aber schwer verständlich, warum Gott alle Menschen 1 Glauben heißt leugnen 72 für alle Zeit dafür bestraft, weil Adam und Eva vom Baum der Er‐ kenntnis gegessen haben. Echte Barmherzigkeit sieht anders aus. Und doch wird gebetet und gesungen, als hätte es in der Geschich‐ te der Welt jemals etwas bewirkt. Es hat nichts ändern können, es wird beim nächsten Mal nichts ändern, und doch glauben die Menschen, es wäre nützlich. Es spendet Trost, sicher. Dieser Trost wäre aber nicht notwendig, wenn die betont christliche und waffenbesessene Rechte in den USA nicht alles Menschenmögliche unternehmen würde, um die irrsinnigen Waffengesetze in den USA so zu belassen, wie sie sind. Die Lösung des Problems kann nur eine irdische sein. Versuchen Sie die Anmaßung nachzuvollziehen, mit der sich ein Geistlicher ans Mikro‐ fon stellen kann um zu behaupten, er wüsste, wie die Situation zu deu‐ ten sei. Sobald man eine Religion von außen betrachtet, sieht man auf der Kanzel nur noch Psychopathen, die der Welt nicht besser helfen können als Wünschelrutengänger oder Astrologen, und es ist erstaun‐ lich, wie viel Durchblick und Geduld man als skeptischer Mensch von seinem mentalen Konto abbuchen muss, um ein solches Schauspiel zu ertragen. Religion ist eine Sonderform von Ideologie, und sie verfügt wie keine zweite über die Fähigkeit, den Verstand ihrer Anhänger auszuhe‐ beln, die Fesseln der Logik, des Mitgefühls und der Selbstachtung ab‐ zuwerfen und in der Schwerelosigkeit des Wunschdenkens rauscharti‐ ge Zustände zu bewirken. Was die eigenen Überzeugungen beweist, ist gut – was ihnen widerspricht, ist gefälscht, nur aus Boshaftigkeit vor‐ getragen oder durch Gottlosigkeit verblendet. Oder man hört im ent‐ scheidenden Moment einfach auf zu denken, weil es unangenehm wer‐ den könnte. Eine junge Frau entkommt knapp einer Vergewaltigung. Gott ist gut. Sie wird vergewaltigt, überlebt jedoch. Gott ist gut. Sie wird vergewaltigt, und bei der medizinischen Untersuchung entdeckt man einen Tumor, der später erfolgreich entfernt werden kann. Gott ist gut. Sie wird vergewaltigt und überlebt schwanger. Gott hat ihr ein neues Le‐ ben geschenkt! Gott ist gut. Sie wird vergewaltigt und umgebracht, ist jetzt aber dafür an einem besse‐ ren Ort. Gott ist gut. Gott ist immer nur gut, egal was geschieht. Doch ist es nicht entlar‐ vend, dass Gott laufend vom Vorwurf des Nichteingreifens und der 1.11 Gott – grundsätzlich gut, weil Menschen es so wollen 73 Kaltschnäuzigkeit entlastet werden muss? Ist es nicht verstörend und trostlos, in einem Universum zu leben, in dem Gott auf solch achselzu‐ ckende und lieblose Art auf seine Schäfchen aufpasst? Und das Beste daran ist: dieser Kanon an Apologetik funktioniert vollständig ohne ihn. Es muss ihn gar nicht geben, die menschliche Phantasie genügt hier vollkommen und kann das Spielchen sogar bis in wissenschaftlich aufgeklärte Zeiten treiben. Über Jahrhunderte haben Religionen mit dieser Selbsttäuschung eine Dynamik entwickelt, die sich auch in unserem Sprachgebrauch niedergeschlagen hat: „göttlich“ ist etwas Wundervolles, Erhabenes, das uns das Herz wärmt und Erwachsene wieder unschuldige Kinder vor dem gütigen Vater sein lässt. „Gottlos“ ist alles bar jeglicher ethi‐ schen Werte, mörderisch, rücksichtslos, jederzeit zu allem fähig, un‐ vollkommen, stumpfsinnig und gefährlich. So einen Blödsinn muss man erst einmal lancieren können. Das ist das Ergebnis jahrhunderte‐ langer Propaganda, sonst nichts. Wir werden uns mit diesem Thema in Kapitel 4 im Detail beschäftigen. Sie würden das Ausmaß des Betruges nicht glauben, wenn ich es Ihnen hier in wenigen Sätzen hinwürfe. Allmacht und Allwissenheit Stellen Sie sich etwas so Simples wie eine Flasche Wasser auf einem Tisch vor. Und nun versuchen Sie sich in jemanden hineinzuversetzen, der ALLES über diese Flasche Wasser weiß. Er weiß, in welchem Stern durch Kernfusion die Siliziumatome der Glasflasche entstanden sind, er weiß, durch wessen Harnblase die Wassermoleküle bereits gegangen sind, wann diese Menschen lebten und ob sie reinen Herzens waren. Er kennt jeden Moment des Universums, der in der Fertigung dieser Flasche Wasser kulminierte, und er weiß, welches Schicksal jedes ein‐ zelne Atom dieser Flasche Wasser dereinst haben wird. Und nicht nur die Flasche Wasser: er weiß es auch von dem Tisch, dem Haus, Ihnen, Ihrer Familie, dem Planeten Erde, unserer Sonne, Alpha Centauri, der Milchstraße und dem gesamten Rest des Universums mit den 1080 Atomen, aus denen es besteht. Ein Allwissender kennt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft jedes einzelnen subatomaren Partikels im Universum. Sollte es weitere Universen unter seiner Kontrolle geben, gilt es auch für sie. 1 Glauben heißt leugnen 74 Sie werden sich vorstellen können, dass ein solches Leben recht langweilig sein muss, aber das ist ein menschliches Kriterium, das wir nicht auf den Schöpfer des Universums anwenden sollten, denn wir wissen nichts über seine Persönlichkeit. Viel elementarer aber ist: wenn er alles weiß, was es über das Universum zu wissen gibt, und wenn er darüber hinaus außerhalb der Zeit lebt und alle Momente des Universums für ihn gleichzeitig stattfinden, dann hat er keinen Grund mehr, irgendetwas zu tun. Warum sollte er? Um zu schauen, wie die Sache sich entwickelt? Nein. Das Wie ist ihm bekannt, zumal das Wort „entwickelt“ den Faktor Zeit voraussetzt – und der spielt für ihn keine Rolle. Wir Menschen sind kein Experiment, da Gott den Ausgang ei‐ nes jeden Experiments bereits kennt. Man ist an dieser Stelle wieder geneigt, ihm als Motiv für das Lostreten der Vorgänge im Universum Langeweile zu unterstellen, aber die mussten wir eben bereits aus der Betrachtung entfernen, da sie eine menschliche Eigenschaft ist und ebenfalls den Faktor Zeit enthält. Der Kreis schließt sich, und es gibt objektiv und logisch keinen Grund mehr für ihn, Dinge geschehen zu lassen. Mit unserem freien Willen (sofern es ihn gibt) können wir einen Allwissenden auch nicht beeindrucken. Er weiß, ob Sie mastur‐ bieren und an wen Sie dabei denken werden, denn wenn der Allmäch‐ tige Sie so geschaffen hat, ist er auch verantwortlich für Ihr Handeln. Ein Allmächtiger hat keine Ausrede für irgendetwas mehr. Erstaunlicherweise waren die alten Griechen theologisch schon viel weiter. Ihre Götter waren mächtiger als Menschen, aber sie hatten kein Schicksal. Sie waren Götterbote, Waffenschmied oder Winzer und würden es immer bleiben. Im Gegensatz zu uns Menschen konnten sie sich nicht weiterentwickeln. Die Menschen, so die Philosophie der Griechen, konnten aus eigener Kraft Helden werden, was den Göttern verwehrt blieb. Und die Götter beneideten uns dafür. Atheismus – auch eine Religion? Ich bin durch viele Diskussionen mit Apologeten zu folgender Schluss‐ folgerung gelangt: Bei dem Versuch, die atheistische Position zu ver‐ stehen, verhalten sich Apologeten zuweilen wie Computer, die durch Null teilen sollen. Also muss die Null dringend durch irgendeine ande‐ 1.12 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 75 re Zahl ersetzt werden, wenn der Gläubige nicht durchbrennen soll. Man unterstellt den organisierten, sich auch öffentlich äußernden Atheisten also, ebenfalls so etwas wie eine Religion zu vertreten. Und plötzlich ist die Evolution dann so etwas wie ein Gott, und Charles Darwin oder Richard Dawkins sind die Propheten, und überhaupt denken Atheisten ja alle gleich. Es scheint wirklich schwer vermittelbar zu sein, dass man überhaupt nicht glaubt. Es ist, als wäre Glatze eine Haarfarbe, Aus ein Fernsehkanal, Fasten eine Mahlzeit, Enthaltsamkeit eine Sexstellung oder Nichtbriefmarkensammeln ein Hobby. Dabei könnte es so einfach sein: man denke einfach an all die Göt‐ ter, an die man selbst nicht glaubt, zählt die Gründe auf, warum der Glaube an diese Götter Blödsinn ist, und wendet das dann einfach mal auf seinen eigenen Gott an. Wenn nichts anderes übrigbleibt als per‐ sönliche Überzeugung, dann gilt sie auch für die Anhänger der ande‐ ren Götter. Wenn es in der Geschichte der Menschheit vielleicht 5.000 Götter gegeben hat, glaubt der Christ an 4.999 davon bereits nicht, und der Muslim ebenfalls – der Atheist geht dann nur einen Gott wei‐ ter. Anlässlich einer Unterschriften-Sammelaktion zur Einführung ei‐ nes Gottesbezuges in die Schleswig-Holsteinische Landesverfassung wurde der Schleswiger Bischof Gothart Magaard mit den Worten zitiert: „Es geht nicht um das Glaubensbekenntnis zu einem bestimmten Gott. Vielmehr sind wir dafür, den Gottesbezug in die Präambel aufzunehmen, um damit deutlich zu machen, nicht der Mensch ist das Maß aller Dinge. Es gibt eine höhere Instanz.“10 Oftmals gepaart mit dieser Behauptung ist die Unterstellung, der Athe‐ ismus, der angeblich religionsähnliche Züge trägt, wäre die Ursache für die größten Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts. Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot, allesamt Atheisten, hätten die größten Massenmorde der Geschichte begangen. Ich weiß nicht genau, wo ich anfangen soll. Vielleicht damit: von den elf blutigsten Kriegen der Menschheitsgeschichte haben neun in China stattgefunden. Die anderen beiden waren die Weltkriege. Die Liste ist elf Kriege lang, damit der Erste Weltkrieg überhaupt noch da‐ rin vorkommt. Haben Sie schon mal vom Krieg der Ming-Dynastie ge‐ gen die Quing-Dynastie gehört, der zur gleichen Zeit tobte wie der 1 Glauben heißt leugnen 76 Dreißigjährige Krieg in Europa? Dieser Krieg hat 25 Millionen Tote gefordert, von denen in Europa kaum jemand weiß, obwohl die Opfer‐ zahl etwa dreimal so hoch war wie die des Dreißigjährigen Krieges. Der Nationalsozialismus war alles andere als atheistisch. Hitler selbst war zeit seines Lebens römisch-katholisch. In Mein Kampf schrieb er schon im Jahre 1925: „Die ewige Natur rächt unerbittlich die Übertretung ihrer Gebote. So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“11 Atheismus klingt jedenfalls anders. In einer Rede am 28.10.1928 in Passau sagte er: „Welcher Glaube den anderen besiegt, ist nicht die Frage, vielmehr ob das Christentum steht oder fällt, das ist die Frage! … In unseren Reihen dul‐ den wir keinen, der das Christentum verletzt, der einem anders Gesinn‐ ten Widerstand entgegenträgt, ihn bekämpft oder sich als Erbfeind des Christentums provoziert. Diese unsere Bewegung ist tatsächlich christ‐ lich.“12 Zu Beginn des Dritten Reiches hatte der Deutsche Freidenkerbund, die größte atheistische Vereinigung im Lande, 650.000 Mitglieder und eine eigene Zeitung – ein ganzes Prozent der deutschen Bevölkerung waren atheistische Aktivisten! Bereits im März 1933, zwei Monate nach der Machtergreifung, wurde die Vereinigung aufgelöst, das Ver‐ mögen beschlagnahmt, der Präsident Max Sievers (er befand sich be‐ reits im Exil in Brüssel und organisierte von dort aus Flugblattaktio‐ nen) offiziell ausgebürgert, nach der Besetzung Belgiens inhaftiert und 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet. Das Ge‐ bäude des Freidenkerbundes wurde (ich erfinde nichts!) noch im März 1933 in eine „Reichszentrale zur Bekämpfung des Gottlosentums“ um‐ gewandelt.13 So ein Atheist war er, der Hitler. Der Nationalsozialismus unterschied jedoch zwischen den Begrif‐ fen Atheist und Konfessionsloser. Konfessionslosigkeit war gemäß dem philosophischen Wörterbuch von 1943 definiert als „amtliche Bezeich‐ nung für diejenigen, die sich zu einer artgemäßen Frömmigkeit und Sittlichkeit bekennen, ohne konfessionell-kirchlich gebunden zu sein, andererseits aber Religions- und Gottlosigkeit verwerfen.“14 Konfessi‐ onslosigkeit war im Dritten Reich grundsätzlich möglich, bedeutete aber, dass man gottgläubig war und seine Ansichten lediglich in keiner 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 77 der etablierten Kirchen wiederfand. Gottlosigkeit hingegen war ein Re‐ sultat des „zersetzenden jüdischen Geistes“. Im Juli 1933 wurde das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nach‐ wuchses erlassen, das bei Menschen mit verschiedenen erblichen Ge‐ brechen wie „zirkulärem Irresein“ (heute „bipolare Störung“), Epilep‐ sie, Schizophrenie, Taubheit, Blindheit oder körperlicher Missbildung eine Sterilisierung vorschrieb. Die Sterilisierung sollte „den Volkskör‐ per reinigen und die krankhaften Erbanlagen allmählich ausmerzen.“ Wie reagierten die Kirchen darauf? Die evangelische Kirche war in dieser Hinsicht alles andere als frei von Sünde. Im Folgenden dazu ein Flugblatt, das die taubstummen Protestanten dazu aufrief, dem Gesetz zu gehorchen und sich zum Wohle des Volkes sterilisieren zu lassen: „Ein Wort an die erbkranken evangelischen Taubstummen. Die Obrigkeit hat befohlen: Wer erbkrank ist, soll in Zukunft keine Kin‐ der mehr bekommen. Denn unser deutsches Vaterland braucht gesunde und tüchtige Menschen. Viele Menschen haben von Geburt an ein schweres Gebrechen oder Lei‐ den. Die einen haben keine gesunden Hände, die anderen sind am Geiste so schwach, daß sie die Schule nicht besuchen konnten. Wieder andere sind blind. Und du selbst, lieber Freund, leidest an Taubheit. Wie schwer ist das doch! Du bist oft traurig darüber. Du hast wohl oft gefragt: „War‐ um muß ich krank sein?” Und wie traurig sind wohl auch Deine Eltern gewesen, als sie merkten, daß Du nicht hören konntest! Es gibt taubstumme Kinder, deren Vater und Mutter auch taubstumm ist. Es gibt auch Taubstumme, deren Großeltern ebenfalls taubstumm waren. Sie haben das Gebrechen ererbt. Sie sind erbkrank. Zu diesen Menschen sagt die Obrigkeit: Du darfst Dein Gebrechen nicht noch weiter auf Kinder oder Großkinder vererben. Du mußt ohne Kin‐ der bleiben. Wenn Du an ererbter Taubheit leidest, bekommst Du eine Vorladung vor das Erbgesundheitsgericht. Da geht es um die Frage, ob Du auch niemals Kinder haben sollst. Vor allem eins: Nichtwahr, Du wirst die Wahrheit sagen, wenn Du gefragt wirst. Denn so will es Gott von Dir. Du wirst die Wahrheit sagen auch dann, wenn das unangenehm ist. Vielleicht bestimmt das Erbgesundheitsgericht: Du sollst durch eine Ope‐ ration unfruchtbar gemacht werden. Du wirst traurig. Du denkst: „Das möchte ich nicht. Ich möchte heiraten und Kinder haben. Denn ich habe Kinder lieb.” Aber nun überlege einmal: möchtest Du schuld daran sein, daß die Taubheit noch weiter vererbt wird? Würdest Du nicht sehr traurig werden, wenn Du sehen müßtest, daß Deine Kinder und Enkelkinder auch wieder taub sind? Müßtest Du Dir dann nicht selber schwere Vor‐ 1 Glauben heißt leugnen 78 würfe machen? Nein, das möchtest Du doch wohl nicht. Die Verantwor‐ tung ist zu groß. Sieh, da will die Obrigkeit Dir helfen. Sie will Dich bewahren vor Verer‐ bung Deines Gebrechens. Aber, sagst Du, unangenehm, sehr unangenehm ist das doch. Denn die Menschen klatschen darüber, wenn ich unfruchtbar gemacht bin. Sie ver‐ achten mich. Nein, so mußt Du nicht denken. Die Obrigkeit hat befohlen: Niemand darf über die Unfruchtbarmachung sprechen. Du selbst auch nicht. Merke wohl: Du darfst zu keinem Menschen darüber sprechen. Auch deine Angehörigen nicht! Und der Arzt, der Richter, sie alle müssen darüber schweigen! Gehorche der Obrigkeit! Gehorche ihr auch, wenn es Dir schwer wird! Denke an die Zukunft Deines Volkes und bringe ihr dieses Opfer, das von Dir gefordert wird! Vertraue auf Gott und vergiß nicht das Bibelwort: „Wir wissen, daß denen die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.” Reichsverband der evangelischen Taubstummen – Seelsorger Deutschlands“15 Es ist beschämend, wie offensichtlich manipulativ den Taubstummen hier ein schlechtes Gewissen gemacht wird, dass sie ihre Eltern ent‐ täuscht haben, wie man es ihnen als Gottes Willen verkauft, dass sie keine Kindern haben sollen, wie man immer wieder Obrigkeitsgehor‐ sam predigt und ihnen als Trostkeks einredet, es würde am Ende schon alles gut werden. Die katholische Kirche war über das Gesetz zur Verhütung erbkran‐ ken Nachwuchses empört, allerdings nicht aus dem Grund, den Sie jetzt vermuten mögen. Die Bischöfe schrieben: „Die Vertreter des Episkopats machten […] darauf aufmerksam, daß mit der Durchführung des Gesetzes für die private und öffentliche Sittlichkeit große Gefahren sich ergeben; denn die sterilisierten Männer und Frauen können sich nun ihrem Geschlechtsleben hemmungslos überlassen, da ja aus dem Verkehr keine Nachkommen entstehen. Von Seiten der Regie‐ rung wurden hier Schutzmaßnahmen zugesagt.“16 Die selbsternannten Hüter der Moral mokierten sich nicht über den chirurgischen Eingriff wider Willen bei zigtausend Menschen, sondern darüber, dass man ihnen ein permanentes Verhütungsmittel einbauen würde, das natürlich zu sexuellen Ausschweifungen einlud. Wenn Sie ein Beispiel für die Tatsache brauchen, dass religiöse Moral und menschliche Ethik zwei sehr verschiedene Dinge sind – hier haben Sie es. 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 79 Hitler arbeitete sehr eng mit den beiden Großkirchen zusammen. Geburtstagsglückwünsche an den Führer wurden von der Kanzel aus angeordnet, es wurde dem Führer versprochen, die Katholiken Deutschlands auf Parteilinie zu halten. Priester bekamen Nahkampf‐ spangen für Kampfeinsätze, und was man von „den“ Juden zu halten habe, ließ sich ebenfalls aus der Bibel, mindestens aber aus Luthers glühendem Antisemitismus ableiten: Christusmörder, allesamt. Julius Streicher, Verleger des Propagandablattes Der Stürmer, wies bei seinem Prozess in Nürnberg darauf hin, dass man nur getan habe, was Martin Luther einst gefordert hatte. Er sagte: „Antisemitische Presseerzeugnisse gab es in Deutschland durch Jahrhun‐ derte. Es wurde bei mir zum Beispiel ein Buch beschlagnahmt von Dr. Martin Luther. Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank. In dem Buch ‚Die Juden und ihre Lügen‘ schreibt Dr. Martin Luther, die Juden seien ein Schlangengezücht, man soll ihre Syn‐ agogen niederbrennen, man soll sie vernichten.“17 Erst zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, im Zweiten Vatikani‐ schen Konzil, hat die katholische Kirche sich von ihrer Doktrin des jü‐ dischen Christusmördertums gelöst. Heute sind offiziell nicht mehr al‐ le Juden schuld, sondern nur noch die Individuen von damals. Bis heu‐ te ist Hitler nicht exkommuniziert worden, denn exkommuniziert wird man nur für die ganz schweren Vergehen wie Abtreibung, für das Ver‐ leihen der Priesterweihe an eine Frau oder, wie im Fall von Joseph Go‐ ebbels, wenn man eine Protestantin heiratet. Nein, im Dritten Reich hat der Mensch sich nicht „zum Maß aller Dinge gemacht.“ Man hatte sich ganz im Gegenteil eingebildet, an der Verwirklichung eines göttlichen Plans mitzuarbeiten. Im Übrigen lehrt uns die Geschichte auch, dass die Sache nie besser wurde, wenn je‐ mand Gott auf seiner Seite zu wissen glaubte. Die Kirchen waren im‐ mer ihre eigenen Maßstäbe, egal wer unter ihnen regierte, und egal was sie taten, sie sahen ihr Handeln immer als von Gott legitimiert. Sie würden mit dem Teufel paktieren, wenn dadurch wieder mehr über Gott geredet würde. *** Stalin, Mao und Pol Pot waren zwar Atheisten, aber sie haben ihre Gräueltaten nicht aus ihrem Atheismus heraus oder gar in seinem Na‐ 1 Glauben heißt leugnen 80 men begangen. In den Systemen, die sie vertraten, war Religion eine Konkurrenz zu ihren eigenen Weltbildern. Und die hatten den glei‐ chen Anspruch darauf zu wissen, wie die Welt aussieht und wie sie aussehen sollte. Monotheistische Religionen und der Kommunismus lassen sich in eine erstaunliche Deckungsgleichheit bringen, wenn man die transzen‐ denten Elemente weglässt und sich auf das Wirken dieser beiden Kräf‐ te auf Erden konzentriert. Dann sind beide von dem Gedanken beseelt, die Wahrheit gefunden zu haben; wer es anders sieht und sich der Idee verweigert, kann das nur aus niederen Motiven tun und muss daher ein schlechter Mensch sein. Er steht dem großen Plan im Wege und ist eine Gefahr. Beide verlangen unbedingten Gehorsam; kritisches Den‐ ken ist der direkte Weg zur Ausgrenzung, zur Bestrafung, zur Ausmer‐ zung. Beide haben, nun, kein Jenseitsversprechen, weil es im Kommu‐ nismus kein Jenseits gibt; beide aber haben ein Zukunftsversprechen. Die einen versprechen das Paradies, die anderen das Paradies auf Er‐ den, sobald die ganze Erde kommunistisch ist. Bei beiden ist es an eine Bedingung geknüpft; nicht kritisieren, nicht eigenständig denken. Aus vollem Herzen mitarbeiten, Abweichler denunzieren, nie verzagen, trotz Krieg, Entbehrung, Leid, Armut, Hunger, Krankheit und leeren Durchhalteparolen. Es geht nur um die Sache und nicht um Dich. Und für mich persönlich bei beiden am Störendsten: sie sind völlig humor‐ los. Es ist enttäuschend, wie oft dieser billige Trick in der Geschichte schon funktioniert hat. Religion war Konkurrenz, und der Unterschied bestand darin, dass Hitler sie zu kontrollierten Partnern machte, wäh‐ rend der Kommunismus sie als Konkurrenz beseitigen wollte. Der Sta‐ linismus, der auf eine jahrhundertelange Vergöttlichung des Zaren‐ tums folgte, hatte eine Inquisition (den NKWD), er postulierte Wun‐ der durch falsche wissenschaftliche Behauptungen (vier Ernten im Jahr dank Trofim Lyssenkos Behauptung, Organismen besäßen kein Erbgut und könnten je nach Umweltbedingungen beliebig umgeformt wer‐ den), und er hatte zeremonielle Dankesriten an den Zeremonienmeis‐ ter, bei denen man nicht durch mangelnden Enthusiasmus auffallen durfte – der GULAG war genauso allgegenwärtig wie die Hölle, nur tödlicher. Das Problem am Kommunismus war nicht seine Religionskritik (die gab es); das Problem war auch nicht die öffentliche Förderung des 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 81 kritischen, unabhängigen Denkens (die gab es nicht); das Problem war, dass der Kommunismus sich selbst wie eine Religion aufführte. Der wichtigste Unterschied, der mir auffällt, ist aber folgender: Im Kom‐ munismus hat man es nach dem Tode hinter sich. Das hat den meisten Bewohnern ermöglicht, sich nach dem Zusammenbruch des Kommu‐ nismus in Russland und Osteuropa neu zu orientieren. Wenn Sie ein‐ mal bei Spätaussiedlern zu Gast sind, also ethnischen Deutschen, die nach 200 Jahren Leben in Russland wieder nach Deutschland zurück‐ gezogen sind: sie gehen arbeiten, sie haben einen großen Fernseher, und am Wochenende wird gegrillt. Mehr verlangen sie der Gesellschaft eigentlich nicht ab. Der kommunistische Terror der Ex-Sowjets hat in Europa nie stattgefunden. Eine weitere Ausnahme vom religiösen Monopol auf wunderliche Behauptungen bildet Nordkorea, wo der Ewige Präsident Kim Il Sung auch nach seinem Tod noch immer das Amt des Präsidenten hält – sein Sohn Kim Jong Il war der Geliebte Führer, sein Enkel Kim Jong Un ist der Oberste Führer, und keiner von beiden besetzt das Amt des Präsidenten. Der Juche-Kalender in Nordkorea beginnt seine Zeitrech‐ nung mit dem Jahr 1912, dem Jahr von Kim Il Sungs Geburt. Weder er noch seine Söhne und Enkel haben angeblich Stuhlgang oder müssen jemals urinieren, denn Gottgleiche tun so etwas nicht. Ich versuche mir vorzustellen, was für eine Gefahr für die innere Sicherheit des Landes der Klempner darstellen muss, der in den Privatgemächern der Kims die Toiletten repariert. Wenngleich sie nicht von Gott gesandt sind, denn in ihrer Welt gibt es keine Götter neben den Kims, so ist das Schicksal doch ganz auf ihrer Seite, wenn es ihre Geburten mit doppel‐ ten Regenbögen und 10.000 Kranichen markiert, die ein Lied in Men‐ schensprache singen. Auf Koreanisch natürlich, der wichtigsten Spra‐ che in ihrer Welt. Was die heiligen Anführer, das unbedingte Festhal‐ ten an Ritualen wie dem jährlichen Arirang-Festival und den Familis‐ mus (die ganze Nation ist eine Familie) angeht, erinnert das Leben in Nordkorea nicht gerade an ein skeptisches Weltbild, das Behauptungen hinterfragt, sondern eher an eine Religion, an deren Dogmen nicht ge‐ rüttelt werden darf. Die Dogmen selbst scheinen zweitrangig gegen‐ über der Absicht, Menschen zu kontrollieren. 1 Glauben heißt leugnen 82 Welcher Gott überhaupt? Wenn man ohne Religion aufwächst und sich für das Thema zu inter‐ essieren beginnt, steht man nach ein wenig Recherche vor einem Prob‐ lem. Gemäß dem Christentum ist Jesus der Sohn Gottes, und wer ihn nicht als seinen Herrn und Erlöser annimmt, dem droht die christliche Hölle. Im Islam ist Jesus einer der Propheten, aber wenn Sie ihn für den Sohn Gottes halten, betreiben Sie Schirk, also Beigesellung. Wenn Sie sich weigern, davon abzurücken, droht Ihnen die islamische Hölle. Wenn Sie sich für die eine Religion entscheiden, kommen Sie in die Hölle der anderen. Beide können nicht gleichzeitig Recht haben. Ist es nicht merkwürdig, dass die größte Frage von allen, nämlich die nach dem Schöpfer, so viele sich direkt widersprechende Antworten hat und die jeweiligen Gläubigen es hauptsächlich ernst nehmen, weil sie es von ihren Eltern so gelernt haben? Zunächst einmal sollten wir einige Begriffe klären. Wenn jemand der Meinung ist, dass das Universum einen Schöpfer hat, dann ist er ein Deist (sprich: De-ist). Dem gegenüber steht der Theist, der sich si‐ cher ist zu wissen, wer dieser Gott ist und was er von uns will. Alle bis‐ her über den Schöpfer aufgestellten Behauptungen von Theisten sind reine Spekulationen, denen ein Schutzlack aus heiliger Idee und per‐ sönlicher Überzeugung verpasst wurde und der die Grenze zwischen dem Gott und seinem Glaubenden verwischen soll. Wer Gott kritisiert, der verletzt religiöse Gefühle – es ist, als würde man den Glaubenden damit an etwas Unangenehmes erinnern. Die Feststellung, man könne Gottes Nichtexistenz ja schließlich auch nicht beweisen, macht seine Existenz dabei nicht im Geringsten wahrscheinlicher. Dieses Argument ist bekannt als Russels Teekanne. Der britische Philosoph Bertrand Russel merkte zu den Gottesbehaup‐ tungen der Welt an, dass man auch nicht widerlegen könne, dass eine Teekanne zwischen Erde und Mars die Sonne umkreist.* Das muss aber nicht bedeuten, dass es sie gibt. Die Behauptung kann auch ein‐ fach unwahr sein. Die Quintessenz ist, dass derjenige, der die Existenz besagter Teekanne behauptet, auch die Beweise vorlegen sollte, und dass es keinesfalls die Aufgabe der Zweifler ist, seine Nichtexistenz zu 1.13 * Von einem roten Tesla Roadster wissen wir das allerdings. 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 83 belegen. Es gab eine Zeit, als es den Gott der Bibel in den Köpfen der Menschen noch nicht gab. Dann tauchte die Idee irgendwann auf der Zeitachse auf. Hier hätte ein Beweis für diese neue Behauptung erfol‐ gen sollen. Den aber gab es nie. Niemand kann beweisen, dass es den Gott der Bibel nicht gibt, aber daraus lässt sich nicht ableiten, dass der Theist mit seiner Vermutung Recht hätte. Es entlarvt außerdem das dringende Bedürfnis des Theisten, einen Gott zu sehen, egal ob da einer ist oder nicht, und die Tatsache, dass man es ihm nicht widerle‐ gen kann, scheint ihn glücklich zu machen. So kann man argumentativ schon lange in den Seilen hängen und sich trotzdem als Sieger fühlen. Zuweilen wird behauptet, die Auferstehung Jesu wäre ein Beweis. Sie ist aber kein Beweis, sie ist Teil der Behauptung. Stattdessen gebär‐ det man sich, als wäre das Ereignis eine etablierte Tatsache – man hat es für sich persönlich zur Wahrheit erklärt. Das ist etwas fundamental Anderes. Sollte einem aber tatsächlich gelingen, die Nichtexistenz der Teekanne zu beweisen, so kann man diesen Beweis dann auch auf all die Götter anwenden, an die man selbst nicht glaubt – und schließlich auf den eigenen. Außerdem gibt es noch Erik, den götterfressenden Pinguin. Erik frisst Götter, seit es das Universum gibt, und daher hat er auch bereits den Gott der Christenheit gefressen. Gott existiert daher nicht. Ein Theologe müsste nun beweisen, dass Erik nicht existiert, damit es sei‐ nen eigenen Gott wieder geben kann. Wenn es ihm aber gelingt zu be‐ weisen, dass Erik nicht existiert, dann hat er damit eine Methode ent‐ wickelt, die auch die Existenz Gottes widerlegt. Im ersten Szenario wurde Gott gefressen, im zweiten hat er nie existiert. Ich selbst bin kein eigentlicher Atheist, der sich sicher sei, das Uni‐ versum habe keinen Schöpfer. Ich bin agnostischer Atheist, da man es nicht sicher wissen kann, aber das beinhaltet auch meine Überzeugung, dass naturwissenschaftlich Ungebildete es ganz sicher auch nicht wis‐ sen. Wer dieser Schöpfer ist und was er von uns will, ist eine andere Frage, und man kann nicht oft genug betonen, dass niemand auf der Welt es weiß, egal, was sie behaupten. Der Schöpfer des Universums kann ein Wissenschaftler sein, der ein Modelluniversum an einem Computer erschaffen hat; er kann einer sommersprossigen Göre mit einer Lupe gleichen, die in der Nachmittagssonne mit Vergnügen 1 Glauben heißt leugnen 84 Ameisen verpuffen lässt. Unser Universum kann auch das Innere eines Schwarzen Lochs in einem viel größeren Universum sein, oder das In‐ nere eines Protons, oder von mir aus auch die zweite Seite eines Möbi‐ usstreifens – wir wissen es nicht. Doch vielmehr hat der Theist das Problem, irgendwie belegen zu müssen, dass seine Wahrnehmung des Schöpfers die richtige ist und woher er weiß, wer dieser Schöpfer ist, wen er mag und wen nicht, was wir tun und was wir lassen sollen, mit wem wir ins Bett gehen dürfen und unter welchen Umständen, und was für ein Problem er mit dem Genuss von Schinken oder Meeresfrüchten hat. Verstehen Sie, was für ein unglaublicher Sprung das ist? Selbst wenn wissenschaftlich festgestellt würde, dass das Universum einen Schöpfer haben muss, hat der Theist dadurch garnichts gewonnen – durch das Ausbleiben eines Gegenbeweises sind seine Ansichten vor‐ her verschont geblieben, sonst nichts. Sicher, er kann jetzt seine heilige Schrift zücken und behaupten, dass es einfach sein eigener Gott sein müsse – das aber können die Theisten aller anderen Religionen auch, mit Argumenten von jeweils vergleichbarer Beweiskraft, denn die hei‐ ligen Schriften sind nun mal allesamt nicht die Beweise, sondern nur die Behauptungen. Könnte die Wissenschaft nachweisen, dass das Uni‐ versum einen Schöpfer haben muss, hat der Theist gar nichts gewon‐ nen, und jeder weitere Versuch, Land zu gewinnen, endet für ihn in einem Patt mit allen anderen Religionen. Man kann die Behauptung aufstellen, dass die eigene heilige Schrift die richtige ist, aber die Be‐ hauptung ist nicht der Beweis. Falls Sie sich fragen, wie eine Welt aus‐ sehen würde, in der Gottheiten nicht existieren, sondern von Men‐ schen erfunden und herbeidebattiert werden: sie würde aussehen wie unsere. Die Landkarte der Meinungen Stellen Sie sich die Landkarte menschlicher Meinungen als ein Blatt Papier vor. Je weiter Sie nach rechts schauen, desto gesicherter sind die Erkenntnisse, und desto besser sind die Meinungen begründet. Links herrschen Willkür und Beliebigkeit. Hier kann man machen was man will, und die eigene Überzeugung von der Richtigkeit einer Sache zählt am meisten. 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 85 Auf der rechten Seite dieser Landkarte der Meinungen stehen wis‐ senschaftlich begründete Weltbilder, basierend auf Evolution, Kosmo‐ logie, Physik, einer skeptischen Haltung gegenüber abwegigen Erklä‐ rungen und vor allem basierend auf der Erkenntnis, dass es keine ab‐ solute Gewissheit gibt, weshalb keiner ganz rechts an der Kante steht. Zumindest mir sind keine Wissenschaftsextremisten bekannt. Wer wie ich auf dieser Seite der Landkarte der Meinungen steht und nach links schaut, kann ein kleines Rauchwölkchen am anderen Ende der Karte erkennen. Schaut man mit einem Fernglas hinüber, sieht man Religionen und ihre Anhänger im Streit. Vor einiger Zeit noch war die Rauchwolke viel größer; durch das Aufkommen des mo‐ dernen, säkularen Staates sind diese Auseinandersetzungen weniger geworden. Religionen ziehen heute nur noch selten gegeneinander zu Felde. Die Rauchwölkchen, die man heute noch sehen kann, stammen größtenteils aus Streitigkeiten innerhalb einer einzigen Religion. Es ist die Religion des Friedens. Die Landkarte der Meinungen ist sehr groß, denn es gibt mindes‐ tens so viele Meinungen, wie es Menschen gibt. Um ihre Größe einmal in Perspektive zu setzen: das winzige Rauchwölkchen am anderen En‐ de der Karte sind 34.000 Terroranschläge mit Hunderttausenden von Opfern, die nur seit dem 11. September 2001 stattgefunden haben. Je‐ der dieser Anschläge hat im Schnitt sieben bis acht Opfer gefordert, und neun von zehn Opfern dieser Terroranschläge sind selbst Anhän‐ ger der Religion des Friedens. Würde eine andere Religion den Anhän‐ gern der Religion des Friedens so dermaßen zusetzen, wäre der Auf‐ schrei unvorstellbar. So jedoch geschieht nichts, denn man hat ja be‐ schlossen, dass es die Religion des Friedens sei. Wer das bezweifelt, ge‐ rät ins gesellschaftliche Aus. Deshalb wird sich nichts ändern, aber das ist auch gar nicht notwendig, denn gemäß der Religion des Friedens ist dieses Leben nur eine Prüfung, in der man sich des Paradieses würdig erweist oder eben nicht. Das führt auch dazu, dass Raketenstellungen in dicht besiedelten Wohngebieten installiert werden, damit Israel sie bombardiert und als Kindermörder dasteht. Die Kinder selbst sind dann Märtyrer, womit sich die Frage nach ihrem jenseitigen Verbleib ebenfalls klärt. Instant paradise, was auch immer Achtjährige mit 72 Jungfrauen anfangen sollen. Die gestorbenen Mädchen hingegen wer‐ 1 Glauben heißt leugnen 86 den Ehefrauen von sonst wem. Wahrscheinlich aber von gottergebe‐ nen Kriegern. Das Erstaunliche an der Religion des Friedens ist, dass ihre An‐ hänger sich gegenseitig geradezu hysterisch vorwerfen, keine echten Anhänger der Religion des Friedens zu sein. Das führt gelegentlich zu Gewalt, die dann aber nicht von den angeblichen „Heuchlern“ ausgeht, sondern von den jeweils „wahren“ Anhängern der Religion des Frie‐ dens. Da dieses Spiel in alle Richtungen funktioniert und Hanafiten, Hanbaliten, Zwölferschiiten, Alaviten, Ahmadiyya und Sufi jeweils den Hanafiten, Hanbaliten, Zwölferschiiten, Alaviten, Ahmadiyya und Sufi vorwerfen, etwas falsch verstanden zu haben, ist kein Teil der Erde so sehr von religiös motivierter Gewalt überzogen wie jener, in dem die Religion des Friedens herrscht.* Wenn man die Anhänger der Religion des Friedens darauf an‐ spricht, lautet die übliche Argumentation: Unsere Religion ist perfekt, aber Menschen sind es nicht, daher die Gewalt. Komischerweise aber scheinen andere, weniger perfekte Religionen die Sache besser im Griff zu haben – besonders in den Ländern, in denen der Staat die Religio‐ nen in eine untergeordnete Rolle gezwungen hat. Das schützt nämlich davor, Religion über zu bewerten. Die Türkei war einmal so; in zehn Jahren wird sie nicht wiederzuerkennen sein und sich bei fortschrei‐ tender Tendenz vom Iran nur noch in theologischen Feinheiten unter‐ scheiden. Das gesellschaftliche Leben in der Türkei wird dem im Iran gleichen, Despoten lieben das nun mal. Die Evolutionslehre ist in der Türkei bereits vom Lehrplan gestrichen, stattdessen wird jetzt ein tiefe‐ res Verständnis des Dschihad gelehrt. * Wenn Sie mal den Nerv haben, eine Ausgabe des Magazins Dabiq zu lesen, die der Islamische Staat veröffentlichte, so werden Sie außer theologischer Hysterie vor al‐ lem eines bemerken: alle sind vom Islam abgefallen. Mohammed Mursi, Chef der Muslimbruderschaft in Ägypten; Pierre Vogel, Deutschlands bekanntestes Gesicht des Salafismus; Bilal Phillips, sein britisches Pendant; Erdogan, Präsident der Türkei. Sie alle gelten beim IS als Feinde des Islam, da sie nicht unentwegt Krieg gegen die Ungläubigen führen. Für die westliche Welt sind sie jedoch durchweg religiöse Ex‐ tremisten. Sigmund Freud nannte dieses Prinzip den Narzissmus der kleinen Diffe‐ renzen: ist eine Gruppe nur fundamentalistisch genug, wird sie sich von anderen ab‐ grenzen, die fast die gleichen Ansichten haben und sich nur in minimalen Details unterscheiden. 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 87 Im Übrigen ist es natürlich sehr einfach, eine Religion für perfekt zu erklären. Das zeigt aber nur, wie leichtfertig manche mit dem Be‐ griff „perfekt“ umgehen. Wenn die Religion des Friedens perfekt wäre, dann könnte sie Gewalt unter ihren Anhängern verhindern. Tut sie das nicht, so ist sie entweder nicht perfekt, oder Gewalt ist ein Teil ihrer „perfekten“ Lehre. So oder so, der Religion-des-Friedens-Apologet steckt nun in einer Zwickmühle, besonders wenn er Außenstehenden seinen Glauben als die Religion des Friedens verkaufen will. Entweder ist die Religion des Friedens nicht perfekt oder nicht friedlich. So zumindest denkt man nach europäischen Maßstäben. Das Ge‐ rede von der Religion des Friedens trotz aller offensichtlichen Gegen‐ beweise hat einen anderen Grund: Steinigungen, Enthauptungen und der Kampf gegen Andersdenkende sind, da der Islam perfekt ist, keine Akte der Gewalt, sondern göttliches Gesetz. Das arabische Wort Sa‐ laam für „Frieden“ leitet sich von der dreifachen Konsonantenwurzel S- L-M ab, also von den gleichen Wurzelkonsonanten wie das Wort Islam, das bekanntlich „völlige Hingabe an Gott“ bedeutet. Frieden heißt im Arabischen auch immer „Frieden mit Gott“ und bedeutet daher auch, sich Gott ergeben zu haben. In dieser Hinsicht ist der Islam tatsächlich eine Religion des „Friedens“, aber nur, solange sie den Begriff selbst definieren darf. Dass Verteidiger des Islam, die sich in der Religion auskennen, ihn trotz aller Terroranschläge und Konfessionskriege den‐ noch als die Religion des Friedens bezeichnen, kann dann nur zwei Gründe haben: entweder sie lügen absichtlich, oder ihnen ist einfach nicht klar, dass Nichtmuslime ein anderes, nämlich weltliches Ver‐ ständnis des Begriffes Frieden haben, in dem die Abwesenheit von Ge‐ walt im Vordergrund steht. Wenn Sie Salafisten predigen hören, dauert es gewöhnlich nicht lange, um jenen Kadavergehorsam herauszuhören, der in Europa einst zum Holocaust geführt hat. Was will man machen, der Schöpfer des Universums will es halt so, das steht hier in seinem perfekten Buch. Daran glaubt man, und dieser Glaube genügt, um die Gesellschaft in einen hysterischen Klumpen archaischer Gewalt zu verwandeln. Das ist das Gefährliche an Religion: sie kann die dem Menschen inhärente Ethik aushebeln und durch Dogmen ersetzen, die mit echter Ethik bes‐ tenfalls eine Schnittmenge gemeinsam haben, sie aber keinesfalls erset‐ zen können. 1 Glauben heißt leugnen 88 Der Monotheismus hat ein paar Besonderheiten, die ihn beson‐ ders gefährlich machen. Zwischen Polytheismus und Monotheismus liegt, simpel gesprochen, mindestens ein Gott Unterschied. Das gilt aber auch für den Monotheismus und den Atheismus. Und so wie sich der Atheismus und der Monotheismus dennoch qualitativ stark unter‐ scheiden, gibt es auch beträchtliche Unterschiede zwischen dem Mo‐ notheismus und dem Polytheismus. Zwischen Monotheismus und Duotheismus liegt kein Faktor zwei; sie sind wie Äpfel und Birnen. Wenn ich viele Götter habe, so kann mein Nachbar auch viele Göt‐ ter haben, sogar ganz andere. Die Quintessenz davon ist, dass sie ein‐ ander nicht ausschließen und sich die Frage, wessen Weltbild nun das richtige sei, sich nicht so brennend aufdrängt. Zwischen der Aussage „Zeus, Poseidon, Athene und Minerva sind die wahren Götter und Ju‐ piter, Mars, Saturn und Venus sind es nicht“ auf der einen Seite und „Mein Gott ist der wahre Gott und er sagt uns, Deine Götter sind es nicht!“ auf der anderen Seite liegt ein grundlegender Unterschied. In einem polytheistischen Gefüge sind die eigenen Überzeugungen relati‐ vierter und taugen eher dazu, zur Unterhaltung statt zur Sinnstiftung benutzt zu werden, so wie es sich für das 21. Jahrhundert gehört. Die monotheistische Sichtweise ist da eine ganz andere. Wenn es nur einen Gott gibt, muss er auch gleichzeitig der oberste Gott sein. Er ist für alles verantwortlich, und damit ist das gesamte Universum ge‐ meint. Das Universum und seine unvorstellbaren Ausmaße waren den Menschen vor einigen tausend Jahren nicht im Geringsten klar, aber was für eine Rolle spielt es denn! Was immer neu entdeckt wird, ge‐ hörte immer schon zu Seinem Reich, und seine Bedeutung wird damit immer nur noch größer. Sie beanspruchten es für sich, bevor sie von seiner Existenz wussten. Demut sieht anders aus. Das erste, was eine jede monotheistische Religion allerdings zum Heiligtum erklärt, ist sie selbst. Sie sehen, es liegen viel mehr Deutungshoheit und viel mehr Herr‐ schaftsanspruch im Monotheismus, als zu Zeiten der Vielgötterei je‐ mals möglich gewesen wäre. Denn der Monotheismus schließt als di‐ rekte Konsequenz seines Aufbaus andere Gottheiten und damit alle anderen Glaubensgefüge aus. Oftmals auch absichtlich; fragt man isla‐ mische Gelehrte, so ist die größte Sünde im Islam nicht Mord, Dieb‐ stahl oder die Lüge, sondern Schirk, die Beigesellung. Das geht sogar 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 89 so weit, das Christentum aufgrund seiner Dreifaltigkeitslehre als Poly‐ theismus zu bezeichnen.* Ich persönlich wittere hier eine Gelegenheit, dass auch Muslime mal stolz auf mich sein können, da ich dieses Ge‐ bot mit meinem Glauben an null Götter geradezu übererfülle. Aber das klappt wahrscheinlich auch nicht. Machen Sie nicht den Fehler, den Islam mit dem modernen Chris‐ tentum gleichzusetzen. Sie unterscheiden sich grundsätzlich. Zum einen, weil dem Christentum (und dem Islam eben nicht) seitens des Staates der eine oder andere Reißzahn gezogen wurde (wobei der Pro‐ zess auch heute noch alles andere als abgeschlossen ist). Zum anderen, weil der Islam von vornherein wesentlich verführerischer aufgebaut ist. Und hier kann man auch getrost „der Islam“ sagen, denn es betrifft alle seine Strömungen. Die Hauptunterschiede zwischen Islam und Christentum sind die folgenden: 1. Die Bibel ist eine Sammlung von Texten, die von ca. 40 Autoren über einen Zeitraum von anderthalb Jahrtausenden in mehreren Sprachen geschrieben und spätestens von Athanasius von Alexan‐ dria im vierten Jahrhundert aus einer wesentlich größeren Samm‐ lung von Texten zu einem Best-of kanonisiert wurden, das dann Bi‐ bel genannt wurde. Der Koran ist hingegen ein einziges Buch, das der Schöpfer des Universums einem einzigen Menschen Silbe für Silbe so in die Feder diktiert haben soll, wie er heute noch gedruckt wird. Das Wort „Bibel“ kommt deswegen in der Bibel kein einziges Mal vor, der Koran spricht regelmäßig von sich selbst (rund 70mal). Er preist sich entweder selbst, indem er sich bescheinigt, Menschen rechtleiten zu können, oder er warnt davor, ignoriert zu werden. Er bezeichnet sich selbst ganz unverblümt als frei von Widersprüchen * Und das sogar gemäß Koran 5:72: „Wer Allah (etwas) beigesellt, dem verbietet für‐ wahr Allah das Paradies, und dessen Zufluchtsort wird das (Höllen)feuer sein. Die Ungerechten werden keine Helfer haben.“ Und noch genauer auf das Christentum bezogen: "Fürwahr, ungläubig sind diejeni‐ gen, die sagen: ‚Gewiß, Allah ist einer von dreien.‘ Es gibt aber keinen Gott außer dem Einen Einzigen. Wenn sie mit dem, was sie sagen, nicht aufhören, so wird den‐ jenigen von ihnen, die ungläubig sind, ganz gewiss schmerzhafte Strafe widerfahren." Sure 5:73 1 Glauben heißt leugnen 90 und über jeden Zweifel erhaben. Damit trägt der Koran selbst schon einen ganz anderen Heiligenschein als die Bibel; versuchen Sie sich vorzustellen, was es für das Weltbild bedeutet, mit einem solchen Buch in der Hand großgezogen zu werden oder es als Kind auswendig lernen zu müssen. Hier spricht der Schöpfer des Univer‐ sums zu allen Menschen, aber nur wir Muslime haben die Bot‐ schaft bisher verstanden. Und wenn man es genau nimmt, dann gilt jede einzelne Silbe dieses Buches – sonst hätte der Schöpfer andere Worte benutzt. Deshalb haben wir alle, sobald der Islam die Welt erobert hat, auch gefälligst Arabisch zu lernen, damit wir die Bot‐ schaft des Schöpfers frei von Ungenauigkeiten der Übersetzung verstehen können. 2. Im Koran ist Jesus, auch wenn er genau wie Mohammed ein Pro‐ phet ist, nur ein Mensch, denn an seine Gottesabstammung zu glauben wäre Schirk, also Beigesellung neben Allah, was im Islam eine schwere Sünde ist. Das Besondere ist, dass im Koran nur der Koran göttlichen Ursprungs ist. Indem der Erzengel einem Men‐ schen diktiert, der weder lesen noch schreiben kann, ist nicht der Prophet das Wunder, sondern das Buch selbst. Der Islam hat in einigen Hinsichten aus den Fehlern der anderen Religionen gelernt. Er warnt vor seiner eigenen Verwässerung (was unausweichlich geschehen wird, wenn man Menschen über die Re‐ ligion herrschen lässt), und bezeichnet sich selbst allen Ernstes als die letzte gültige Religion; wahrscheinlich nur, um hinter sich dicht zu machen und nicht zu weiteren Optimierungsversuchen einzula‐ den. Die Schriften der Juden und der Christen waren auch von Gott, wurden aber durch Menschen verfälscht, und alles, was nach dem Koran kommt, können nur noch Freveleien sein. Immerhin musste Mohammed ja auch eine Legitimation für seine neue Bewe‐ gung schaffen, ohne sie gleichzeitig beliebig aussehen zu lassen oder andere anzuspornen, es auch einmal zu versuchen. Darüber hinaus hat der Islam von vornherein feste, theologisch sehr genau definierte Begriffe für Nichtmuslime (Kuffar) und jene, die den Islam nur halbherzig angehen (Munafiqun), und er gibt auch sehr genau vor, wie man sich gegenüber diesen Menschen ver‐ halten soll. Die Bibel tut das nicht – die Hexenverfolgungen, die In‐ quisition und die Sachsenkriege Karls des Großen waren quasi frei‐ 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 91 willige Leistungen der Christen an das Christentum, aber nicht von der heiligen Schrift vorgeschrieben. Religion ist, was Menschen draus machen – der Islam ist geschaffen, genau das zu verhindern. 3. Der Islam ist von vornherein politisch gedacht. Jesus war für zwei bis drei Jahre Wanderprediger, Mohammed hingegen war 23 Jahre lang Prophet, Kriegsherr, Staatsführer und oberster Richter. Es liegt daher in der Natur des Islam, sich nicht nur mit religiösen und transzendenten Fragen, sondern auch mit Politik, Ehe- und Steuer‐ recht zu beschäftigen. Die Verwirklichung einer Trennung von Staat und Religion muss daher immer bedeuten, dass man dem Is‐ lam nicht die Rolle zugesteht, die er für sich selbst grundsätzlich vorsieht. Ob der einzelne Muslim eine Theokratie verwirklicht se‐ hen will, ist eine andere Frage. Da es aber eine zentrale Forderung der islamischen Lehre ist, wird er im Zweifelsfall wenig Widerstand leisten und den Fehler bei sich selbst suchen. Ihm vorzuwerfen, er sei kein richtiger Muslim, wenn er nicht hinter der Theokratie steht, ist dann seitens der Theologie ein Leichtes. Das Potential ist latent vorhanden, es muss nur genutzt werden. 4. Der Islam verzichtet auf eine zentrale theologische Autorität und hat damit auch keine zentrale Auslegung der Schrift. Das hat den Vorteil, dass immer jemand die Gewalttat eines anderen als unisla‐ misch abtun kann, weil niemand als Schiedsstelle angerufen wer‐ den kann. Es gibt keinen islamischen Papst, der die Richtung be‐ stimmt, die beste Näherung für die Sunniten ist die al-Azhar-Uni‐ versität in Kairo. Gäbe es einen islamischen Papst, so müsste der Wahhabismus sich bei der äußerst konservativen Auslegung seiner Lehre innerhalb der islamischen Welt entweder gegen diesen hypo‐ thetischen Papst durchsetzen oder wäre von vornherein auf seiner Linie. Damit aber wäre der Vorgang wesentlich leichter erkennbar. So aber geht die Frustration des Westens auch nach dem x-ten Ter‐ roranschlag grundsätzlich ins Leere, da sich außer den Terroristen selbst (die ja nie etwas mit dem Islam zu tun haben) keine islami‐ sche Autorität damit identifizieren will, sich verantwortlich fühlt oder zur Rede gestellt werden kann. Schirk ist, wenn man den Herrschaften von Sharia4UK in England oder der deutschsprachigen Facebook-Gruppe Probleme und Lösungen im Islam (immerhin 38.000 Mitglieder!) glauben darf, auch der Grund 1 Glauben heißt leugnen 92 für ihre Ablehnung der Demokratie. Wer menschgemachten Gesetzen gehorcht, gesellt Allah schon etwas bei, und das ist nun mal Schirk. Schirk ist Auslegungssache. Wer diesen Begriff streng auslegt, kann nicht anders, als zum Demokratiefeind zu werden. Das ist auch der Grund, warum viele Salafisten, wenn sie vor Gericht stehen, bei der Urteilsverkündung nur müde lachen können. Was sind schon mensch‐ liche Gesetze! Der einzige, der mich überhaupt für irgendetwas beur‐ teilen darf, ist Allah! Und Allah will anscheinend, dass ich im Knast weitermache. Und das tun sie dann auch. Gefängnisse sind für diese Leute erstklassige Rekrutierungslager, denn sie sind voll von Verzwei‐ felten, die einen neuen Lebensweg suchen – ideale Beute für Frömmler, die gerne mit erhobenem Zeigefinger ewige Wahrheiten versprühen. Man fragt sich, wie man das wieder aus den Köpfen dieser Menschen heraus bekommen soll. Es verhält sich wie eine psychische Krankheit, eine Mischung aus Paranioa und Solipsismus, die wie ein Virus von Gehirn zu Gehirn springt, sie infiziert, sie umpolt und sie zwingt, es bei anderen Gehirnen auch zu versuchen. Es ist wie BSE. In seinem Buch Plötzlich Pakistan: Mein Leben im gefährlichsten Land der Welt beschreibt der SPIEGEL-Redakteur Hasnain Kazim ein Gespräch mit einem älteren Herren, dessen Haus während des Rama‐ dan von einer Flut zerstört wurde. Trotz des Elends und der vielen Dinge, die es zu tun gab, bestand der alte Mann auf dem Fasten, denn die Flut war seiner Meinung nach eine Strafe Allahs, weil sie keine richtigen Muslime gewesen seien. Jetzt das Fasten nicht einzuhalten wäre das Schlimmste, was man überhaupt tun könne. Auf Kazims Fra‐ ge, woher der alte Mann denn so genau wisse, dass der Islam die einzig richtige Religion sei, entwickelte sich ein merkwürdiges Gespräch. Der alte Mann konnte kein Arabisch, verstand auch den Koran nicht, aber der Anblick der gedruckten Worte gab ihm Gewissheit, dass es sich um das Buch Gottes handele. Er machte sich dann über die Dreifaltigkeits‐ lehre des Christentums lustig und sagte, die gingen da doch etwas zu weit, denn „eine Jungfrauengeburt, ganz ohne Mann, da müssten die Christen doch wohl etwas durcheinander gebracht haben“.*,18 * Es sei noch angemerkt, dass Marias unbefleckte Empfängnis auch in Sure 21:91 des Korans als Tatsache verkauft wird, aber dazu hätte der alte Mann tatsächlich lesen müssen. 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 93 Wie enttäuschend einfach der Mensch doch funktioniert! Man hat ihm einfach lange genug eingetrichtert, dass der Polytheismus die größtmögliche Sünde sei, und dann strickt man sich die nötigen Argu‐ mente. Dann findet man die Jungfrauengeburt lächerlich. Andernorts ist sie ein Wunder, aber sie taucht als göttliches Zeichen schon wesent‐ lich früher in der Geschichte auf, zum Beispiel bei Mithras. Dass Mo‐ hammed auf einem pferdeähnlichen Wesen von Mekka nach Jerusa‐ lem fliegt, um dort die Propheten zu treffen, mit ihnen das Paradies zu besichtigen und Gott persönlich von 50 Gebeten am Tag auf 5 Gebete am Tag herunterzuhandeln19, das ist nicht lächerlich. Der amerikanische Neurologe und Religionskritiker Sam Harris hat in einer Debatte bei Truthdig im Mai 2007 zum gesamten Inhalt dieses Kapitels einmal die passenden Worte gefunden: „Lassen Sie mich Ihnen einen Eindruck davon geben, wie es ist, in einer solchen Diskussion ich zu sein. Mir scheint, wir hätten diese Diskussion vor 500 Jahren haben können. Das Leben war schwierig, es gab viel Ver‐ zweiflung, Ernten misslangen, Krankheiten verbreiteten sich, Menschen erlitten schlagartige und katastrophale Schicksalsschläge, und die Ursache dafür war vor 500 Jahren sehr gut bekannt: es war Hexerei. Glücklicher‐ weise hatte die Kirche einige sehr energetische Herren hervorgebracht, die den Grips hatten, dieses Problem anzugehen. Und so wurden jedes Jahr einige hundert bis tausend Frauen lebendig verbrannt, weil sie ihre Nachbarn verhext hatten. Stellen Sie sich nun vor, Sie wären Teil der fünf, vielleicht zehn Prozent der Bevölkerung, denen klar war, dass der Glaube an Magie, an Hexerei, an gute und an schlechte Hexen nichts weiter war als eine bösartige Phan‐ tasie. Die weißen Hexen heilten Menschen mit Kräutertinkturen oder hal‐ fen Kinder gebären, aber sie hatten kein festeres Fundament als die schwarzen Hexen, die den Bösen Blick warfen. Das gesamte Glaubensge‐ füge war falsch. Stellen Sie sich vor, welche Kritik Sie ernten würden. ‚Neinein, das Problem besteht nur mit fundamentalistischer Hexerei, die Realität ist, dass Hexerei viel mehr Nuancen hat, und es gibt auch keinen Konflikt zwischen Wissenschaft und Hexerei. Wissenschaft beschäftigt sich mit physikalischen Gesetzen und physikalischer Kausalität, und He‐ xerei befasst sich mit Zaubersprüchen und der inneren Verbindung zwi‐ schen den Dingen‘. Die Vorstellung, dass wir diese offenkundig schlechten Ideen nicht an‐ zweifeln sollten, weil es Menschen beleidigen, ihre Verzweiflung unter den Teppich kehren oder andere Probleme außer Acht lassen könnte! Ich würde nie argumentieren, dass Religion das einzige Problem oder die ein‐ zige Quelle menschlichen Konfliktes auf der Welt ist, aber sie ist eine sol‐ che Quelle, und man hängt ihr emotional sehr an. Und wir werden verab‐ 1 Glauben heißt leugnen 94 scheut, wenn wir sie kritisieren, selbst wenn sie ihre hässlichsten Absich‐ ten und Überzeugungen zeigt. Das Problem mit der Bibel ist, wie auch immer Sie es angehen, wenn Sie sie wörtlich nehmen oder nur selektiv wörtlich nehmen, sie ist voll von entzweiendem Nonsens. Und daher bekommen Menschen Ideen wie dass Homosexualität eine Abscheulichkeit wäre, und warum unser Land die Homoehe diskutiert, als wäre sie die große moralische Frage unserer Zeit. Das stammt aus der Religion, und mir scheint es ist Zeit, dass wir eine aufrichtige Diskussion darüber führen.“20 Wenn ich der Religion als Idee beim Gelebtwerden zuschaue, fühle ich mich zuweilen wie die Römer in Das Leben des Brian, die neben der Steinigungsszene stehen und fassungslos den Kopf schütteln, während der Pulk sich in religiöser Hysterie zerfleischt – denn genau so war die Szene gemeint. Und nun die Gretchenfrage: würde ein Christ, wenn er einen un‐ zweifelhaften Beweis dafür erhielte, dass Shiva die einzige existierende Gottheit ist, sofort und ohne Widerspruch zur richtigen Religion wechseln? Sicherlich nicht. Man wird ja wohl noch Christ sein dürfen. 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 95 Religionen sind menschgemacht „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei auch etwas denken lassen.“ Goethe Die Natur des Menschgemachten Es gibt einen Satz, den Verleger ihren Romanautoren für eine packen‐ de Story mit auf den Weg geben: beginne mit einem Erdbeben, und dann steigere dich. Es soll langatmige Geschichten verhindern, in de‐ nen nur geschieht, was in jedermanns Leben geschieht. Eine packende Geschichte soll uns den Atem nehmen und muss daher spannender sein als das Frühstück des Titelhelden. Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass fast alle großen Reli‐ gionen mit einer wunderlichen Geburt ihres Protagonisten beginnen. Buddha soll im Leib seiner Mutter wie ein Edelstein geleuchtet haben. Der chinesische Halbgott Houji, der den Menschen die Hirse gebracht haben soll, wurde empfangen, als seine ansonsten unfruchtbare Mutter in die Fußstapfen des Gottes Shangdi trat. Die ägyptische Göttin Isis empfing ihren Sohn Horus, nachdem ihr toter Gatte Osiris kurzzeitig und nur zu Paarungszwecken wiederbelebt worden war. Der griechi‐ sche Held Perseus wurde von seiner Mutter Danae in Gefangenschaft empfangen, als Zeus in Form eines Goldregens über sie kam. Im Hin‐ duismus betritt Wischnu die Gebärmutter von Devaki und wird als Krishna geboren. Genauso verfährt er mit der Königsfrau Kausalya, von der er sich als Rama zur Welt bringen lässt. Der aztekische Gott Huitzilopochtli wurde von seiner Mutter Koatlikue empfangen, als sie Federn auf dem Boden fand und an sich nahm. Der ebenfalls azteki‐ sche Gott Quetzalcoatl wurde von seiner jungfräulichen Mutter Chi‐ malman entweder im Traum empfangen oder gemäß einer alternati‐ ven Geschichte dadurch, dass sie einen Edelstein verschluckte. 2 2.1 97 Diese Geschichten sollen in uns den Eindruck erwecken, dass die Protagonisten so anders sind, wie sie nur sein können. Schon bei ihrer Geburt werden die Naturgesetze verletzt, und ich kann mir wirklich nichts Besseres vorstellen, um in eine Geschichte ganz groß einzustei‐ gen. Bei der Geburt des Geliebten Führers Kim Jong Il soll eine Schwalbe seine Geburt angekündigt haben, ein Stern erleuchtete den Himmel und ein doppelter Regenbogen erschien. Wie Sie vielleicht wissen, wurde Anakin Skywalkers Mutter Shmi in Star Wars von den endosymbiontisch lebenden Midi-Chlorianern geschwängert, was ebenfalls einer Jungfrauengeburt gleichkommt. Und auch Paul Atrei‐ des aus Frank Herberts Der Wüstenplanet entstammt einem Zuchtpro‐ gramm der Bene Gesserit, einer religiösen Vereinigung, der seine Mut‐ ter angehört und deren Ziel die Erschaffung des messiasähnlichen Kwisatz Haderach ist, eines Übermenschen, der an mehreren Orten gleichzeitig sein kann. Frank Herbert sagte im Jahre 1979: „Die Grundaussage von Der Wüstenplanet ist: Hüte dich vor Helden. Verlas‐ se dich lieber auf dein eigenes Urteil und deine eigenen Fehler.“21 Gewöhnlich gehen die Geschichten dann mit einem Problem wei‐ ter: das Böse muss bekämpft, etwas Verlorenes muss wiedergefunden werden. Im Christentum sind wir durch die Erbsünde belastet und müssen Jesus annehmen, um ins Paradies zu gelangen und der Hölle zu entgehen. Im Islam haben wir die konstante Gefahr der Hölle, doch können wir ihr durch das minutiöse Befolgen von Regeln entgehen, die der Schöpfer diktiert hat. Solange es die USA gibt, wird das Kim- Regime in Nordkorea sein Volk glauben lassen, das Böse stünde vor der Tür und wolle sie alle vernichten. Eine Gefahr schweißt Mitglieder einer Gemeinschaft zusammen und isoliert sie nach außen, was der Festigung des Glaubens durchaus förderlich ist. Johannes 3:16 spricht zwar davon, dass Jesus sein Leben für unsere Sünden gab, aber der Trick an der Sache ist, dass er dann von den Toten auferstand und wir trotzdem immer noch Sünder sind und seiner bedürfen. Warum das Ganze? Sonst gibt es keine Story, wie der Journalist sagt. Wir würden uns zur Gegenprobe folgende theologische Lehre vorstellen müssen: Es gab ein Problem, aber nun ist alles klar, das Problem wurde beseitigt, Ihr könnt weitermachen wie bisher. Damit bekommt man in der Welt des Glaubens kein Bein auf die Erde. Der Zuhörer würde sich für das Entertainment bedanken und dem Erzäh‐ 2 Religionen sind menschgemacht 98 ler der Geschichte bestenfalls ein Trinkgeld geben – jeder Kinofilm funktioniert so. Vielleicht gab es einmal Religionen, die eine solche, abgeschlossene Geschichte gepredigt haben und keinen Handlungsim‐ perativ für künftige Generationen übrigließen, gepaart mit Strafen für das Nichtbeachten des Imperativs. Solche Rohrkrepierer haben die Ei‐ genschaft, in der Geschichte nur wenig Spuren zu hinterlassen, und so können wir über ihre Zahl, ihre Verbreitung und die Frage, ob es sie überhaupt gegeben hat, nur mutmaßen. In Anbetracht des evolutionä‐ ren Prinzips der Selektion des Überlebensfähigen und der universellen Einsetzbarkeit dieses Prinzips halte ich es aber für wahrscheinlich, dass es sie gegeben hat. Das Prinzip von Mutation und Selektion, das die Evolution des Le‐ bens auszeichnet, lässt sich ohne Weiteres auch auf die Religion an‐ wenden. In der Biologie entsteht Artenvielfalt durch Mutationen in den Erbanlagen. Der Birkenspanner Biston betularia ist eine Motte, die in der Vergangenheit hauptsächlich weiße Flügel besaß und daher auf Birkenstämmen schlecht zu sehen war, so dass sie Fressfeinden wie Vögeln und Fledermäusen entging und überlebte – die wenigen dunk‐ len Exemplare der Spezies hatten schlechtere Karten. Das heißt nicht, dass ihr genetisches Merkmal aus dem Genpool der Spezies vollständig verschwand, es wurde lediglich ein Nischendasein, dunkle Flügel zu besitzen. Mit dem Einsetzen der industriellen Revolution in England wurden von Eisenbahnen und Fabrikschloten große Mengen Ruß frei‐ gesetzt, der die Birkenstämme schwärzte. Nun waren weiße Motten auf den Birkenstämmen hervorragend zu sehen und wurden in größerer Zahl gefressen als die dunklen Exemplare. Jetzt hatten die dunklen Ex‐ emplare einen Selektionsvorteil, so dass sie nach wenigen Jahren das Bild ihrer Spezies dominierten. „Der“ Birkenspanner hatte nun typi‐ scherweise dunkle Flügel. Der ganze Prozess wurde in etwa 70 ver‐ schiedenen Spezies beobachtet und heißt Industriemelanismus. Um das Beispiel vollständig zu machen, beobachtet man seit den 1960er Jahren wieder eine Zunahme der weißen Sorte Birkenspanner, da elektrisch angetriebene Eisenbahnen und moderne Abgasreinigung die Verrußung der Umwelt Geschichte werden ließen. Eine gängige Fehlannahme ist, dass die Verrußung sich direkt auf die Gene der Spe‐ zies auswirken würde. Das aber tut sie nicht. Mutationen des Erbgutes geschehen laufend und ununterbrochen – es sind die Umweltbedin‐ 2.1 Die Natur des Menschgemachten 99 gungen, an denen sich entscheidet, welches genetische Merkmal die Oberhand gewinnt. Das ist die natürliche Selektion, die zweite große Kraft der Evolution. Mutation bewirkt Vielfalt der Möglichkeiten, und die natürliche Selektion bestimmt, welche Merkmale sich mit welcher Wahrscheinlichkeit durchsetzen. Und nun können wir das Ganze auf Religionen anwenden. Was in der Evolution die Mutation ist, sind in den Religionen Ideen und Dog‐ men, die von Gehirn zu Gehirn springen. Was in der Evolution die na‐ türliche Selektion ist, ist in den Religionen ebenfalls natürliche Selekti‐ on – obwohl eine religiöse Idee gewaltig an Fahrt gewinnen und das Prinzip der natürlichen Selektion verletzen kann, wenn ein Herrscher wie Theodosius I. im Jahre 380 das Christentum zur Staatsreligion ei‐ nes Imperiums macht. Wenn jemand eine christliche Strömung entwickeln würde, deren zentrale Aussage darin besteht, man dürfe keinen Nachwuchs haben, da man damit nur die Summe an Sündern auf der Welt erhöht, dann würde diese Strömung sich per Selbstdefinition nur schlecht verbreiten können. Gibt es dann gleichzeitig eine andere christliche Strömung mit zentralen Aussagen wie „Du sollst Dir die Erde Untertan machen“ und „Die Frau ist dazu da, Dir Kinder zu gebären“, dann ist klar, wel‐ che der beiden Religionen wir einige Generationen später in der Ge‐ sellschaft noch sehen werden. Wichtig dabei ist auch zu wissen, dass der ganze Prozess aus Muta‐ tion und Selektion in der Natur nicht danach strebt, das Leben des In‐ dividuums zu verbessern. Es geht nur um das Überleben und die Wei‐ tergabe von Erbinformationen, egal auf welchem Zufriedenheitsniveau. Und ist das bei den Religionen nicht genauso? Die dramatischen Zu‐ stände der Spätantike und des Mittelalters mit allgegenwärtiger Gewalt, Seuchen und Hungersnöten haben nicht dazu geführt, dass man sich vom Christentum abgewendet hätte, denn hier kommt noch eine psy‐ chologische Komponente hinzu, die in der Evolutionslehre nichts Ent‐ sprechendes hat. In der Evolution des Lebens geschehen Mutationen durch chemische oder radioaktive Einflüsse auf das Erbmaterial, in der Evolution der Religion können das nur die Gedanken und Taten von Menschen sein, und die sind den Naturgesetzen weniger streng unter‐ worfen als die Beeinflussung eines DNA-Moleküls – es grenzt eher an Beliebigkeit. Der Tod einer geliebten Person kann bewirken, dass das 2 Religionen sind menschgemacht 100 Individuum sich in die Religion flüchtet und sich einredet, es sei viel‐ leicht nicht gläubig genug gewesen; er kann aber auch bewirken, dass das Individuum sich von Gott enttäuscht abwendet. Besitzt die Religi‐ on allerdings entsprechende Passagen, denen zufolge einen Abwen‐ dung von der Religion die gesellschaftliche Ausgrenzung oder eine To‐ desstrafe zur Folge hat, so demonstriert die Religion damit einmal mehr ihre Überlebensfähigkeit – sie hat verbreitungsfähige Informa‐ tionen. Das Wohlbefinden des Individuums spielt auch hier weiterhin keine Rolle, und auch der Wahrheitsgehalt einer Religion hatte nie Einfluss auf den Verbreitungserfolg. *** Der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge, bekannt durch seinen Rhyme of the Ancient Mariner, entwickelte im 18. Jahrhundert das Konzept der willing suspension of disbelief, auf Deutsch „das willentli‐ che Aussetzen der Ungläubigkeit“. Er beschrieb damit das Phänomen, dass Zuhörer oder Leser einer phantastischen Geschichte sich bewusst auf die Geschichte einlassen und ihre Skepsis vorübergehend ablegen, um die Geschichte zu genießen. Wir alle wissen, dass es keinen golde‐ nen Ring gibt, der in Mordor in den Vulkan geworfen werden muss, und wir sind uns auch der Tatsache bewusst, dass Han, Luke und Leia erfundene Figuren sind. Niemand auf der Welt hatte jemals die Mög‐ lichkeit, in eine weit, weit entfernte Galaxie (und bei der Gelegenheit auch gleich in die Vergangenheit) zu reisen, um die Geschichte aus außergalaktisch-historischen Quellen zusammenzutragen und sie auf die Leinwände des Planeten Erde zu bringen. Wir wissen das. Auch der abgedrehteste Star Trek-Fan, der fließend Klingonisch spricht und in jedem Modell der Enterprise mit verbundenen Augen einen durchge‐ brannten Unschärferelations-Kompensator wechseln könnte, ist sich immer noch der Tatsache bewusst, dass es sich nur um Fiktion handelt, und man kann sich nur schwer vorstellen, dass jemand auf einer Co‐ micmesse getötet wird, weil er John Connor beleidigt hat, die einzige Hoffnung der Menschheit in der Rebellion gegen die Maschinen. Denn all diese Geschichten wurden mit dem erklärten Zweck der Un‐ terhaltung und Zerstreuung in die Welt gesetzt. Im Gegensatz zur Reli‐ gion, besonders der monotheistischen, legen sie keinen Wert darauf, gelebt zu werden, und vor allem sind sie abgeschlossene Geschichten, 2.1 Die Natur des Menschgemachten 101 die das Publikum nicht mit einem metaphysischen Problem in die Welt entlassen. Sie sind völlig offen und ehrlich hinsichtlich ihrer welt‐ lichen Ziele, nämlich des Umsatzes, und sie wollen auch nur Umsatz und keine Macht über Gehirne. Zu jener Zeit, als die großen Religionen entstanden, beherrschte ein vorzüglich dazu geeignetes Gemisch aus Einschüchterbarkeit, so‐ zialer Gewalt, Aberglauben und wissenschaftlicher Ahnungslosigkeit die Gesellschaften. Seuchen, Fluten, Waldbrände, Vulkanausbrüche, Kindstode und missglückte Ernten konnten mangels Wissenschaft zu jenen Zeiten gar nicht anders gedeutet werden als theologisch – wenn es schadete, musste es eine Strafe oder eine Prüfung des Glaubens sein. Wenn man nur einen Hammer hat, sieht jedes Problem aus wie ein Nagel. Deshalb ist den Religionen nie der Sprung in das offiziell Fikti‐ ve gelungen – man hielt sie für irdisch wirksam und tut das heute noch. Doch selbst im neunzehnten Jahrhundert, als es schon Dampfma‐ schinen, Telegraphen und Dosenfleisch gab, konnte sich eine Konfessi‐ on wie die Mormonen noch immer entwickeln. Die heutigen Mitglie‐ der, die ins Mormonentum geboren werden, glauben zum Teil sehr fest daran, dass der verurteilte Betrüger Joseph Smith in Pennsylvania auf zwei goldenen Tafeln ein fehlendes Buch der Bibel gefunden hat, wel‐ ches natürlich nur er in menschliche Sprache übersetzen konnte, und dass Jesus Nordamerika besucht hat. Einige Mormonen glauben, eines Tages nach Independence, Missouri zu kommen, wo sich angeblich der Garten Eden befindet. Darüber hinaus ist es bei den Mormonen Pflicht, besondere Unterwäsche zu tragen, die Joseph Smith selbst an‐ geordnet hat und die vor dem Bösen schützen soll. Joseph Smith selbst fühlte sich durch die Leichtgläubigkeit seiner Anhänger inspiriert, neben der Gründung der einzig wahren Kirche Jesu Christi und als Bürgermeister des Städtchens Nauvoo auch gleich das Präsidentenamt der USA draufzulegen. Skeptiker und Exmormo‐ nen gründeten eine Zeitung namens Nauvoo Expositor, die nur eine einzige Ausgabe hatte. In dieser Zeitung wurden Reformen des Mor‐ monentums gefordert, und Joseph Smith warf man vor, seine promi‐ nente Stellung in der Bewegung auszunutzen, um anderen die Frauen auszuspannen. Als dem Gouverneur von Illinois Thomas Ford zu Oh‐ ren kam, dass Smith wegen dieser Ärgerlichkeit und ganz in der Tradi‐ tion etablierter Religionen die Druckmaschine des Nauvoo Expositor 2 Religionen sind menschgemacht 102 hatte zerstören lassen, mobilisierte er alle Kräfte, die ihm zur Verfü‐ gung standen. Joseph Smith hatte mittlerweile seine 5.000 Mann starke Privatarmee Nauvoo Legion mobilisiert und das Kriegsrecht ausgeru‐ fen. Wenige Tage später erreichte ein Brief des Gouverneurs den Ge‐ meinderat von Nauvoo und bot Smith ein faires Verfahren an, denn Angriffe auf die Pressefreiheit und das willkürliche Ausrufen des Kriegsrechts mit Privatarmeen müssen den Staat einfach provozieren, wieder die Oberhand zu gewinnen. Joseph Smith setzte sich nach Iowa ab, kam aber einige Tage später wieder zurück, nachdem seine Gefolg‐ schaft doch eine gewisse Enttäuschung verspürt hatte. Gouverneur Ford erwartete Smith mit klimpernden Handschellen und ließ ihn und seinen Bruder Hyrum Smith in das zwanzig Meilen entfernte Carthage bringen, wo ihr Prozess wegen Hochverrats am Staat Illinois stattfin‐ den sollte. Ford machte noch kurz einen Abstecher nach Nauvoo, um den Bürgern mitzuteilen, dass der Spuk nun vorbei sei. Er beauftrage die Carthage Greys, eine örtliche Miliz, mit der Bewachung der Inhaf‐ tierten. Am Nachmittag des 27. Juni 1844 bewegte sich ein wütender und vor allem bewaffneter Mob von etwa 200 Mann auf das Gefängnis zu. Joseph Smith hielt die Gestalten zunächst für seine Nauvoo Legion, die zu seiner Befreiung gekommen seien. Doch der Mob hatte sich die Ge‐ sichter mit feuchtem Schwarzpulver bemalt und hatte alles andere als wohlwollende Absichten. Die Carthage Greys, die den Gefangenen be‐ wachen sollten, verteidigten das Gefängnis eher halbherzig, und einige von ihnen schlugen sich gar auf die Seite des Mobs und stürmten zu‐ sammen mit ihm das Gefängnis. Hyrum Smith wurde durch die ge‐ schlossene Holztür ins Gesicht geschossen und starb fast augenblick‐ lich. Joseph Smith verteidigte sich noch ein paar Momente mit einem kleinen Revolver, den man ihm zu geschmuggelt hatte, bis ihm die Munition ausging und er sich daran machte, aus dem Fenster zu sprin‐ gen. Er wurde von zwei Kugeln in den Rücken und von einer Muskete frontal in die Brust getroffen, als er im Fenster stand. Sie dürfen raten, was er für die Mormonen heute ist – ein Märtyrer natürlich. Gouver‐ neur Ford nannte Smith später den „erfolgreichsten Hochstapler der Moderne“. Denn an der Spitze eines Kultes steht eine Person, die weiß, dass es sich um einen Betrug handelt. In einer Religion hingegen ist diese Person tot. 2.1 Die Natur des Menschgemachten 103 *** Religionen in Südamerika beschreiben Kakao, Chilis und Tabak. Reli‐ gionen im Nahen Osten sprechen von Weizen, Oliven und Granatäp‐ feln, die Aborigines Australiens kennen in ihren Mythen von der Traumzeit das Große Känguru, das alle Worte der Menschen ausspie. Die Wikinger haben Polarlichter als Anzeichen davon gedeutet, dass Wallküren gefallene Krieger von irgendwo nach Walhalla brachten. Der Koran spricht nicht von Kakao, die Bibel nicht von Kängurus, die Schriften der Inkas nicht von Polarlichtern, und die Wikinger wussten nicht, was eine Dattel oder eine Ananas ist. Und so wie Sie bei einem Science-Fiction-Film an dem Chrom und den Schlaghosen erkennen können, dass der Film aus den Siebzi‐ gern ist, so sind auch alle heiligen Schriften der Menschheit hinsicht‐ lich ihres Weltbildes interessanterweise von Büchern, wie Menschen sie schreiben, nicht zu unterscheiden. Hier hätte ein unzweifelhafter Beweis für den göttlichen Ursprung einer Religion stattfinden können. Stattdessen deutet alles darauf hin, dass Menschen lediglich versucht haben, ihre Umwelt mit metaphysischen Ansätzen zu verstehen. Gele‐ gentlich meint jemand, in einem Vers einen Beweis für den göttlichen Ursprung seiner heiligen Schrift zu finden. Bisher allerdings sind diese Beweise leicht zu widerlegen oder lassen sich ohne statistische Über‐ dehnungen in die Rubrik „Zufall“ einordnen. So wird muslimischerseits oft die Behauptung vorgebracht, der Koran müsse ganz einfach von Gott sein, weil kein Mensch so etwas Wundervolles schreiben könne, und wie durch Zufall behauptet der Koran es auch von sich selbst. Das Konzept heißt Iʿdschaz und wird gewöhnlich mit Sure 17:88 belegt, in der Mohammed von den christli‐ chen und jüdischen Geistlichen Mekkas verlangt, etwa Ebenbürtiges vorzubringen (ob es ihnen gelungen ist, lässt der Koran allerdings of‐ fen). Bedenkt man die hysterische Überbewertung des Korans im Is‐ lam, verliert die Sache schon mal viel von ihrem Glanz. Und es ist auch einfach, ein Buch als göttlich zu verehren, wenn man in seinem ganzen Leben kaum ein anderes Buch in die Hand genommen hat, eben weil man glaubt, nur dieses eine Buch lesen zu müssen. Die anderen Bü‐ cher, die man so in die Hand nimmt, sind hauptsächlich Bücher über dieses eine Buch oder über die daraus entstandene Religion. Gemäß dem Arab Human Development Index der Vereinten Nationen aus dem 2 Religionen sind menschgemacht 104 Jahre 2003 übersetzt Spanien jedes Jahr mehr Bücher ins Spanische, als der gesamte islamische Kulturkreis in den letzten 1.200 Jahren ins Ara‐ bische übersetzt hat.22 Nun ist das Englische in der arabischen Welt trotz einer durch‐ schnittlichen Analphabetenrate von 20 % wesentlich verbreiteter als zum Beispiel in Deutschland. Und in der Tat kann fast jeder Passant in Amman oder Teheran Ihnen spontan auf Englisch den Weg zeigen, ich kenne es aus eigener Erfahrung und bin beschämt, wenn ich in Ham‐ burg oder Berlin erlebe, wie die Eingeborenen sich in einer vergleich‐ baren Situation abrackern. Daraus ließe sich nun ableiten, dass viele Bücher gar nicht ins Arabische übersetzt werden müssen, weil dort fast jeder Lesefähige auch Englisch kann, was die Statistik sicherlich beein‐ flusst. Demgegenüber jedoch haben die Vereinigten Staaten im Jahre 2005 insgesamt 172.000 Neuerscheinungen in ihrer eigenen Sprache veröffentlicht, die gesamte arabischsprachige Welt im Jahre 2006 ganze 7.230.23 Da es in etwa so viele Amerikaner wie arabische Mutter‐ sprachler gibt (320 Millionen Amerikaner und 295 Millionen arabi‐ sche Muttersprachler), lässt sich errechnen, dass der durchschnittliche Amerikaner etwa fünfundzwanzigmal so viele Bücher produziert wie sein arabisches Pendant. Und die Themen sind wesentlich vielfältiger. Der Grund ist folgender: wenn Sie den Islam so richtig ernst neh‐ men, dann vermuten Sie nicht, sondern Sie wissen, dass der Koran das einzige Buch ist, das zu lesen sich lohnt. Genaugenommen ist der Ko‐ ran aber kein Buch, sondern Gottes diktiertes Wort, das Menschen mangels Alternative halt in Buchform herausbringen, was auch der Grund ist, warum zerfledderte Koranexemplare tatsächlich bestattet werden müssen. Von Menschen geschriebene Bücher können da grundsätzlich nicht mithalten. Wenn die Lektüre eines menschge‐ machten Buches in der islamischen Welt einen Sinn haben soll, dann ist es gewöhnlich über den Islam oder den Koran. Die vorgebliche Erhabenheit des Korans schreit geradezu danach, in Perspektive gesetzt zu werden, und so wollen wir das einmal tun. Isaac Newton ging mit 24 Jahren in die selbsterwählte Isolation und arbeitete an einem Buch. Als er anderthalb Jahre später wieder unter Menschen trat, hatte er eines der wichtigsten Bücher der Wissen‐ schaftsgeschichte geschrieben, darin ganz nebenbei und aus purer Er‐ fordernis die Differentialrechnung erfunden und festgestellt, dass nicht 2.1 Die Natur des Menschgemachten 105 alles grundsätzlich zu Boden fällt, sondern viel fundamentaler, dass al‐ le Massen einander anziehen, und der Fall des Apfels auf den Boden (oder Newtons Kalotte, wenn man der Anekdote glauben darf) nur ein Spezialfall dieser Regel ist. Und alles, was er in seinem Buch behaupte‐ te, funktionierte und beschrieb die Natur korrekt. Es sollte 250 Jahre dauern, bis ein Mann namens Einstein etwas Sinnvolles zu ergänzen hatte. Ein anderes Beispiel: zu Beginn des 20. Jahrhunderts geriet die Wissenschaft zunehmend in Sorge, wie man den weltweit steigenden Bedarf an Dünger decken könne. Bisher baute man Salpeter in Chile ab oder sammelte Guano an der südamerikanischen Pazifikküste, um ihn dann mit Schiffen nach Europa zu transportieren. Das Wertvolle an diesem Dünger war der Nitratstickstoff, der sich von dem Stickstoff aus der Luft dadurch unterscheidet, dass Luftstickstoff von Natur aus sehr reaktionsträge ist, der bereits chemisch gebundene (fixierte) Stick‐ stoff aus Salpeter und Guano hingegen nicht. Pflanzen können nur den fixierten Stickstoff nutzen. Daher wollte man Wege finden, den Luft‐ stickstoff zu fixieren, denn seine unbegrenzte Verfügbarkeit war ein schlagkräftiges Argument. Einige Chemiker in Europa machten sich daran Verfahren zu ent‐ wickeln, mit denen der Stickstoff der Luft zu chemischen Substanzen verarbeitet werden könnte. Das Problem war, dass es sehr viel Energie kostet, den Luftstickstoff zu einer chemischen Reaktion zu animieren, und man wusste damals einfach nicht, wo man diese Energiemengen hernehmen sollte. Alle Verfahren schienen gegenüber dem Import von Salpeter aus Südamerika immer noch unwirtschaftlich. Nun gibt es in der Chemie einen Trick: man könnte einen Katalysator benutzen. Ka‐ talysatoren zeichnen sich dadurch aus, dass sie den energetischen Auf‐ wand für eine chemische Reaktion herabsetzen können, den Verlauf der Reaktion selbst aber nicht beeinflussen. Man müsste den passen‐ den Katalysator nur finden und könnte dann mit vermindertem Ener‐ giebedarf Luft in Dünger verwandeln. Was für eine Vorstellung! Der Mann, der besagten Katalysator entwickelte, hieß Alwin Mit‐ tasch, und sein Beitrag zum Wohlergehen der Menschheit bestand da‐ rin, etwa 20.000 Versuche durchzuführen, um den richtigen Katalysa‐ 2 Religionen sind menschgemacht 106 tor für diese Reaktion zu finden.* Seine Arbeit war so gründlich, dass der eingesetzte Katalysator bis heute praktisch unverändert ist. Fritz Haber und Carl Bosch entwickelten schließlich auf der Basis von Mit‐ taschs Arbeit das Haber-Bosch-Verfahren zur Umwandlung von Luft‐ stickstoff in Ammoniak, das auf diese Weise zu Dünger weiterverar‐ beitet werden konnte. Dies ist einer der Gründe, warum Hungersnöte heute höchstens noch eine Frage der Güterverteilung sind, aber nicht mehr der grundsätzlichen Verfügbarkeit von Essbarem. Das ist eine größere Leistung als alle Erntegebete der Geschichte zusammen. Und hier sehen wir auch, dass große Entwicklungen selten das Werk eines Einzelnen sind. Life is a remix, and so is religion Haber und Bosch bauten auf der Arbeit von Alwin Mittasch auf. Wil‐ liam Shakespeare erfand nur wenige Geschichten selbst, er nahm oft‐ mals Erzählungen der Antike und veredelte sie durch seine poetischen Fähigkeiten. Seine Komödien haben immer die gleiche Struktur: eine Gruppe von Protagonisten trifft auf einen Bösewicht (der meist eine schöne, aber sorgenumwölkte Tochter hat), und im Laufe des Stücks werden die Tochter gerettet und der Bösewicht sozial therapiert, also wieder in die Gemeinschaft aufgenommen – das Stück endet traditio‐ nell mit einer Heirat. Goethes Faust basiert auf einer vermutlich realen Person, die im 15. und 16. Jahrhundert gelebt haben soll und deren Geschichte zuerst um das Jahr 1592 von Christopher Marlowe auf die Theaterbühnen Englands gebracht wurde. Einstein war nicht der erste, der auf die Idee mit der Relativitäts‐ theorie kam. Hendrik Antoon Lorentz und Joseph Larmor hatten be‐ reits Jahrzehnte vorher daran gearbeitet. Der Faktor, um den sich die Zeit für einen Reisenden bei hoher Geschwindigkeit verlangsamt und seine Masse zunimmt, wird mit der Lorentzgleichung errechnet und heißt auch heute noch Lorentzfaktor. 2.2 * Ganz ohne Excel und Taschenrechner, falls Sie sich das noch vorstellen können. Nur mit Laborgeräten und Notizbüchern. 2.2 Life is a remix, and so is religion 107 Wer das Schwarzpulver erfand, wissen wir nicht genau. Von der bloßen Beobachtung, dass Salpeter, Schwefel und Holzkohle im richti‐ gen Mischungsverhältnis zügig abbrennen, bis zum Patronenpulver musste aber noch ein weiterer Entwicklungsschritt erfolgen. Die Zuta‐ ten zu mischen, zu festen Tabletten zu pressen und diese wieder zu Granulat zu zerstoßen bewirkte nämlich, dass die Zutaten sich im Fass beim Transport durch den Pekannusseffekt nicht wieder entmischten. Erst jetzt war das eigentliche Schwarzpulver geboren. Der Ursprung des Schachspiels ist wahrscheinlich das indische Chaturanga. Vorstu‐ fen des Internets existierten bereits in den 70er Jahren, bevor Tim Ber‐ ners Lee ab 1989 begann, die wachsende Flut an verfügbaren Informa‐ tionen im Netz mit Navigations- und Suchwerkzeugen zu verwalten. So wurde aus dem Internet das World Wide Web. Schlagen Sie nach, was Sie wollen. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat jemand einfach das Werk eines anderen aufgegriffen und etwas Neues draus entwickelt oder seine Kinderkrankheiten beseitigt, wodurch die Entwicklung erst zu größerer Reife fand. Zu jeder großen Entwicklung in der Geschichte der Menschheit gibt es eine Vorstufe, gebaut von jemandem, der die zündende Idee noch nicht hatte, da er von seiner eigenen Sichtweise auf das Problem nicht wieder loskam und eine Weiterentwicklung den frischen Blick ei‐ nes Außenstehenden benötigte. Diese Erfinder sind keine Ideendiebe, die Welt funktioniert einfach so. Echte Neuerfindungen sind nun mal sehr selten. Ohne Schrift keine Buchstaben, ohne Buchstaben kein Buchdruck, ohne Schwarzpulver keine Raketen, ohne V2 keine Mond‐ landung, ohne Telegraph kein Telefon, ohne Telefon kein Handy, ohne Handy kein Smartphone. Das Prinzip der schrittweisen Evolution zu höherer Komplexität greift auch hier. Es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn das bei heiligen Schriften anders wäre. Und tatsächlich basiert Jahwe auf dem ugariti‐ schen Gott El, dem Schöpfer der Erde, der aber nicht ihr einziger Gott war (wir kennen etwa zehn). Die Uragiten lebten in Ugarit, einer Stadt an der Mittelmeerküste im heutigen Gouvernement Latakia in Syrien, die um 1200 v. Chr. von Seevölkern zerstört wurde. Auch die Kanaani‐ ter verehrten El, neben einigen Dutzend anderen, bis die Israeliten El schließlich zu ihrem einzigen Gott Jahwe machten, und das Christen‐ 2 Religionen sind menschgemacht 108 tum und schließlich der Islam entwickelten diesen ersten Monotheis‐ mus weiter (das arabische „Allah“ stammt ab von „El“!). Erkennen Sie die Beliebigkeit, mit der der heutige Allmächtige zu‐ stande kam? El hatte als Schöpfer der Erde sicherlich einen sehr geeig‐ neten Lebenslauf vorzuweisen, aber der Job hätte auch an den Gewitterund Fruchtbarkeitsgott Ba’al gehen können, an den Totengott Mot oder an Anat, die Königin des Himmels. Wäre Mot der maßgebliche Gott geworden, so würde heute jemand wahrscheinlich argumentieren, Mot müsse einfach der Schöpfer sein, weil sein Name dem Wort Mut‐ ter ähnelt – dem Ursprung menschlichen Lebens. Wenn Sie frommer Christ sind und Götzendienst ablehnen, sind das schlechte Nachrich‐ ten. Nicht umsonst schreibt Gott in Exodus 20:5, dass er „ein eifer‐ süchtiger Gott“ sei – anscheinend waren seine früheren Kollegen zum Zeitpunkt der Niederschrift innerhalb der israelitischen Gemeinde noch nicht ganz in Vergessenheit geraten. Aus diesen bescheidenen Anfängen entwickelte sich das monothe‐ istische Judentum, die Bibel basiert auf den heiligen Schriften der Ju‐ den, und der Koran wäre ohne die christlichen Texte wesentlich dün‐ ner und seine Lehren nicht annähernd so gekonnt auf die Schwächen seiner Vorgängerreligionen zugeschnitten. Wenngleich die Geschich‐ ten im Koran weitestgehend Wiedergekäutes aus vorherigen Religio‐ nen sind, so sind seine Forderungen an das Individuum geradezu un‐ verschämt erpresserisch und daher umso wirksamer. Aberglaube Die großen Religionen der Welt haben ein Problem: wenn das Volk ihre Dogmen glauben soll, dann muss es so anfällig für Irrationales sein, dass auch andere Inhalte, die vergleichbar flach in der Realität verwurzelt sind, nicht ausgeschlossen werden können. Religionen müssen immer darum bemüht sein sicherzustellen, dass die Sache nicht eskaliert und nur das explizit Vorgegebene geglaubt wird. Inter‐ essanterweise sind die religiösesten Nationen in Europa (Polen, Rumä‐ nien) auch die mit dem größten Aberglauben. In seinem Buch The Looming Tower (dt.: Der Tod wird Euch fin‐ den) beschreibt Lawrence Wright, wie Aiman az-Zawahiri dem chro‐ 2.3 2.3 Aberglaube 109 nisch kranken bin Laden in einer Höhle in Afghanistan während eines sowjetischen Bomberangriffs eine Infusion verabreichen wollte, denn bin Laden neigte zu geringem Blutzucker und Ohnmachtsanfällen. Als Zawahiri die Flasche anschließen wollte, warf eine nahe Explosion den Infusionsständer um. Er nahm einen neuen Schlauch, griff nach der Flasche, und als bin Laden seinen Arm ausstreckte, warf ein weiterer Bombeneinschlag erneut den Ständer um und schleuderte die Flasche quer durch den Raum. Mittlerweile kamen von den anwesenden Mud‐ schaheddin die ersten Warnungen, dass mit der Flasche etwas nicht stimme. Zawahiri sage, das sei reiner Zufall, aber als er zum dritten Mal die Nadel einführen wollte, erschütterte zum dritten Mal eine Bombe den Berg. Die Gotteskrieger warfen sich auf den Boden und murmelten Koranverse. Zawahiri griff nach der Flasche, doch ein Mudschaheddin nahm sie ihm weg, warf sie aus der Höhle und kam sich wie ein Retter vor.24 Ist es nicht erstaunlich, wie dumm der Mensch sein kann? Es gibt nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass ein Zusammenhang zwischen Bombeneinschlägen und dem Setzen einer Infusion existiert. Und wieviel davon ist einer Religion vorzuwerfen, die jeden Staubteu‐ fel in der Wüste zu einem Dschinn erklärt, einem Wesen aus rauchlo‐ sem Feuer, das ebenso wie die Menschen an Gott glauben oder es auf eigene Gefahr lassen kann? *** Wie Sie vielleicht wissen, gibt es das Phänomen der Schlafparalyse, der Lähmung der willkürlichen Muskulatur in der REM-Phase des Schlafs. Sie ist der Grund, warum Sie, auch wenn Sie wild träumen, nicht im Bett um sich schlagen oder aufstehen und gegen den Schrank laufen. Sie ist etwas sehr Sinnvolles, auch wenn so mancher von uns beim Aufwachen etwas ungeduldig wird, wenn er die Kontrolle über seinen Körper nur langsam wiedererlangt. Laut einer Studie aus dem Jahr 2013 glaubten 48 Prozent der zu diesem Thema befragten Personen in Kairo, dass ein Angriff der Dschinn dahinter stecke, und rund ein Viertel vermutete den Satan persönlich dahinter. Fast alle, die die Dschinn verantwortlich machten, rezitierten während der Paralyse den Koran, um sich gegen die Dschinn zu schützen, oder suchten Rat bei ihrer örtlichen Geistlichkeit, die dann in 90 Prozent der Fälle die Hy‐ 2 Religionen sind menschgemacht 110 pothese bestätigte und das Rezitieren des Korans empfahl.25 Im Ver‐ gleich dazu machten in Dänemark die Hälfte der Befragten physiologi‐ sche Phänomene dafür verantwortlich, der Rest erklärte sie sich mit Stress, Albträumen oder einfach dem Gehirn, und nur eine einzige von 59 Personen, der unvermeidliche Irre, vermutete den Leibhaftigen da‐ hinter. *** Dem Vatikan hat die Christenheit zu verdanken, dass einem Exorzis‐ mus seit 1999 eine medizinisch-psychologische Untersuchung voraus‐ geht, um irdischen Erklärungen den Vorzug zu geben – zuvor galt die weniger zimperliche Vorgehensweise aus dem Jahre 1614. Darüber hi‐ naus war es Franziskus‘ verdienst, die Internationale Vereinigung der Exorzisten (AIE) offiziell in die Arme der Kirche aufzunehmen, nach‐ dem sie ihren Opfern rund 25 Jahre lang als freischaffende Splitter‐ gruppe des Katholizismus den Teufel ausgetrieben hatte. Einer ihrer Gründer, der Brite Jeremy Davies, hält Humanisten für durch den Sa‐ tan geblendet und Europa für gefährdet, in den Zustand der Apostasie abzugleiten. Der Priester Gabriele Amorth, ein weiterer Gründer der AIE und seit 1986 Exorzist der Diözese Rom, kritisierte die Entschei‐ dung, im Rahmen von Exorzismen den Rat von Medizinern oder Psy‐ chologen zu suchen: es sei, also wolle man „den Teufel mit einer unge‐ ladenen Waffe bekämpfen“. Er rühmte sich zu Lebzeiten einer stattli‐ chen Zahl von 70.000 erfolgreichen Exorzismen und hielt die Harry- Potter-Romane für satanisch. „Wer nicht an den Teufel glaubt, glaubt nicht an das Evangelium“, räsonierte er einst, so dass man ihm eines zugestehen muss: ein lustloser Christ war er nicht. Seit ihrer Gründung ist die Zahl der ausgebildeten Exorzisten in der AIE auf 250 gestiegen. In England hat heute jede Diözese einen Exorzisten, auch wenn ihre Namen nicht veröffentlicht werden – fast möchte man sie für vermummte Sonderkommandos halten, die die Besessenen mit einer spirituellen MP5 aus der Geiselhaft ballern. In Österreich heißen die Kollegen tatsächlich „Beauftragte im Befrei‐ ungsdienst“. Erkennen Sie den Teufelskreis darin? Die Religion gibt uns Dinge, die wir fürchten sollen, und gibt uns dann die Lösung für dieses einge‐ bildete Problem. Wenn ich der Teufel wäre – so würd ich’s machen. 2.3 Aberglaube 111 Sowohl im Islamischen Staat als auch in Saudi-Arabien wird heute noch die Todesstrafe für Hexerei angewendet. Anfang 2015 wurde ein Straßenmagier im syrischen Rakka vom Islamischen Staat enthauptet, da seine Darbietungen als „gegen den Islam“, als „eine Beleidigung Gottes“ und als „die Verbreitung von Illusion und Unwahrheit“ einge‐ stuft wurden.26 Die Ironie wäre geradezu köstlich, wenn es nicht so psychopathisch und blutrünstig wäre. Religion und Aberglaube gehen immer Hand in Hand. Wenn die religiösen Inhalte wahr wären, sähe das sicherlich anders aus. Ungereimtes Die heiligen Schriften sind alles andere als frei von Fehlern. Selbst wenn sie nur beschreiben, was die Menschen ihrer Zeit kannten, so sind auch diese Geschichten voll von inhaltlichen Fehlern, historisch nachweisbaren, aber dann theologisch umgedeuteten Begebenheiten, Missverständnissen und Logikfehlern, die auf alles andere als einen göttlichen Ursprung hinweisen. Die Hölle Am Rande Jerusalems liegt ein Tal namens er-Rababi, das in früh‐ christlicher Zeit Ge-Hinnom genannt wurde. In diesem Tal wurden in vorchristlicher Zeit Menschenopfer durch Feuer dargebracht. Zu Zei‐ ten römischer Besatzung waren die Menschenopfer bereits Geschichte, und nun wurden hier die Leichen von Kriminellen sowie Tierkadaver entsorgt. In hebräischen Schriften und im Alten Testament wird regel‐ mäßig erwähnt, dass Frevler und Abtrünnige im Tal Ge-Hinnom en‐ den würden, wobei hier noch eine irdische Strafe gemeint sein kann: Wenn du so weiter machst, wirst du als Krimineller enden, und du wirst kein Grab bekommen, sondern von gelangweilten römischen Soldaten im Strafdienst zu Asche verbrannt werden. Der Anblick bren‐ nender Leichen dürfte so manchen Theologen bei der Beschreibung der Hölle inspiriert haben. Tatsächlich beschreibt das Alte Testament die Hölle nur als Ort der Verdammnis; Jesus spricht in Matthäus 5:22 aber bereits vom Höllenfeuer. 2.4 2 Religionen sind menschgemacht 112 Im Koran lautet der Name der Hölle Jehannam; eine sprachliche Ähnlichkeit mit Ge-Hinnom ist hier nicht zu leugnen. Die ganze Sache mit der Hölle hat also eine historische Evolution und eine theologische Umdeutung durchgemacht (wie der Zweck der Menschenopfer der Az‐ teken) und einen höchst irdischen Ursprung. Dennoch ist die Existenz der Hölle im Islam die Ursache allen Wahns. Schauen Sie sich die Mör‐ der des Islamischen Staates an. Alles, aber auch wirklich alles, was sie tun, dreht sich nur darum, der Hölle zu entgehen und ins Paradies zu gelangen. Es gibt kurdische Einheiten, die nur aus Frauen zusammen‐ gesetzt sind und vor denen die Kämpfer des Islamischen Staates angeb‐ lich in Panik fliehen - wer von einer Frau getötet wird, kommt nämlich in die Hölle, so das Narrativ. Das Wort Hölle kommt in der Koran‐ übersetzung von Islam.de ganze 78 Mal vor, das Paradies nur 55 Mal. Versuchen Sie sich vorzustellen, wie die islamische Welt ticken würde, wenn der Gedanke an die Hölle dort als genau das entlarvt würde, was er ist: eine menschliche Erfindung, die anderen Angst ma‐ chen soll. Versuchen Sie sich all das Leid vorzustellen, das es in der Welt nicht geben würde, wenn niemand die Hölle als Strafe für man‐ gelnden Gehorsam ernst nähme. Ich glaube nicht, dass der Islam dann in sich zusammenfallen würde, denn den Gedanken an das Paradies gäbe es dann ja noch. Nur würde die religiöse Hysterie weniger werden, und vor allem würde die Entmenschlichung der Nichtmuslime schwe‐ rer fallen. Hier kann ich mich aber irren – der Kommunismus kannte schließlich auch keine Hölle, aber viele Feinde. Pessach Das Pessachfest ist im Judentum die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Sie erinnern sich: nachdem die ersten neun Plagen nur be‐ dingte Einsicht beim Pharao und seinen Schergen bewirkt hatten, er‐ sann der Allmächtige in seiner unendlichen Güte eine zehnte Plage: den Tod aller Erstgeborenen, Mensch wie Vieh. Die Sache ist von so actiongeladener Blutrünstigkeit, dass die Heavy Metal-Band Metallica ihren Song Creeping Death darauf aufbaute und sich seitdem immer 2.4 Ungereimtes 113 wieder dem Vorwurf des Satanismus gegenüber sieht, den Gläubige ih‐ nen unterstellen.* In Exodus 12 weist der Herrgott die Israeliten über Moses und Aa‐ ron an, ein einjähriges Lamm zu schlachten, es auf keinen Fall zu ko‐ chen, sondern über dem Feuer zu braten und es bis zum Morgen mit ungesäuertem Brot und Bitterkräutern aufzuessen – Reste mussten am nächsten Morgen verbrannt werden. Danach sollen die Israeliten das Blut des Tieres nehmen und damit die Türen der Häuser markieren, in denen die fromme Mahlzeit verzehrt wurde. Sodann erklärt der Allmächtige und Allwissende in Exodus 12:13, warum man die Türen markieren solle: damit der Allwissende und Allgegenwärtige an jenen Häusern vorübergehen und sehen kann, wo die Israeliten wohnen, so als wüsste er es nicht bereits. Ihr Nachwuchs sollte überleben dürfen, der ihres ägyptischen Nachbarn hingegen nicht. Irgendein bronzezeitlicher Schreiberling scheint hier mit der Feder in der Hand kurz eingenickt zu sein. Der Allmächtige hätte auch von vornherein das Herz des Pharao erweichen können, aber das wäre eine langweilige Abkürzung, die Seine Größe und Macht nicht demonstra‐ tiv vorturnt, weniger Story bietet und sich in der realen Welt allzu oft widerlegen lässt, weil Herrscher nicht andauernd auf göttliches Geheiß nachgeben, sondern sich von den Ereignissen gewöhnlich in ihren Entschlüssen bestätigt sehen. Die Vorstellung allerdings, dass der All‐ mächtige durch die Straßen schlurft und nach Lammblut an Türen sucht, ist für einen Allwissenden ziemlich armselig – ein menschlicher Fehler in der Beschreibung des Allmächtigen, ein temporärer Mangel an Vorstellungskraft darüber, von wem man hier eigentlich spricht, ist viel wahrscheinlicher. Wandern durch den Sinai In Numeri 32 wird beschrieben, dass die Israeliten vierzig Jahre lang durch die Wüste wanderten, bis sie schließlich das Land Kanaan er‐ * Die Eltern des Metallica-Frontmanns James Hetfield waren Christian Scientists – er verarbeitete die strenge Erziehung seiner Jugend in dem Song Dyer’s Eve. Der Krebs‐ tod seiner Mutter, die als Christian Scientist nicht auf Schulmedizin, sondern auf Heilung durch Jesus gesetzt hatte, inspirierte ihn zu dem Song Until It Sleeps. 2 Religionen sind menschgemacht 114 blickten. Wer heute bei Google Maps einen Weg von Kairo nach Jeru‐ salem eingibt, bekommt einen etwa viertägigen Fußweg von 92 Stun‐ den angeboten. Wenn die Israeliten vierzig Jahre lang durch die Wüste marschiert sind (bei zwölf Stunden Fußmarsch täglich), dann haben sie in dieser Zeit etwa 1,2 Millionen Kilometer zurückgelegt. Da die Si‐ nai-Halbinsel nur 61.000 Quadratkilometer Fläche hat, haben sie in diesen 40 Jahren statistisch gesehen jeden einzelnen Quadratkilometer etwa zwanzigmal durchquert. Die Israeliten waren laut Exodus 12:37 zu Beginn des Auszugs etwa 600.000 „Mann zu Fuß“, was wahrschein‐ lich „Männer in wehrfähigem Alter“ bedeutet. Mit Alten, Frauen und Kindern müssen wir davon ausgehen, dass etwa zwei Millionen Men‐ schen wenige Tagesmärsche von Jerusalem entfernt vierzig Jahre lang wie Flipperkugeln durch die Wüste irrten. Und anscheinend sind sie in dieser Zeit nie jemandem begegnet, keinem Reisenden, keiner Armee, keiner Karawane, keinem anderen irren Propheten, der ihnen den Weg zeigen konnte, ja nicht einmal die Kunde von zwei Millionen Idioten, die von Gott verflucht ziellos durch die Wüste staksten und zwangsläu‐ fig Schaulustige anziehen mussten, scheint sich damals verbreitet zu haben. Sobald sie aber die Reise hinter sich gebracht hatten, wies der Herrgott die Ausgemergelten an, die Kanaaniter aus Jericho zu vertrei‐ ben und ihr Land in Besitz zu nehmen. Lassen Sie sich von Theologen nicht täuschen, indem 40 Jahre an‐ geblich eine Metapher für eine lange Zeit sein sollen. Metaphern holen sie immer raus, wenn ihr Glaube mit der Realität kollidiert. In Exodus 7:7 steht glasklar, dass Aaron 83 Jahre alt war, als die Plagen begannen, die den Pharao umstimmen und den Israeliten den Auszug ermögli‐ chen sollten. Auf dem Berg Hor starb Aaron mit 123 Jahren. Moses war zu Beginn des Exodus 80 Jahre alt und starb auf dem Berg Nebo mit 120 Jahren, das Heilige Land in Sichtweite. So lächerlich diese Ge‐ schichte auch ist, ihre Autoren waren hier zumindest teilweise auf in‐ nere Schlüssigkeit bedacht. Paradoxon Stellen Sie sich zwei Selbstmordattentäter vor, einen schiitischen und einen sunnitischen. Sie rennen mit erhobenen Auslösern aufeinander 2.4 Ungereimtes 115 zu und brüllen das unvermeidliche Allahu akbar. Dann detonieren sie beide und töten sich jeweils selbst. Wer von beiden hat diesen Kampf gewonnen? Keiner, aber das in‐ teressiert sie auch nicht. Es geht nicht ums Gewinnen, es geht darum, Allah seine Untergebenheit zu beweisen. Beide tun es, um in den Him‐ mel zu kommen, und beide tun es in der Gewissheit, dass der andere nicht in den Himmel kommen wird. Wenn sie beide mit dem Dschi‐ had den falschen Weg gegangen sind und dafür trotz aller Überzeu‐ gungen in die Hölle kommen, dann wäre es überaus begrüßenswert von Allah, den Irrtum dauerhaft aufzuklären, damit nicht noch mehr Fehlgeleitete trotz ihrer Glaubensfestigkeit in der Hölle landen müssen. Er könnte als Allmächtiger die Hölle für solche Leute auch abschaffen, aber das müsste er dann auch mal kommunizieren, weil es sonst keine Wirkung auf das Handeln der Menschen haben wird. Das geht aber ir‐ gendwie auch nicht, denn der Islam ist perfekt und die einzig wahre, richtige und vor allem letzte Religion. Solange Gott nicht selbst er‐ scheint, sind die Menschen chancenlos, denn wenn jemand behauptet, das Wort des Herrn empfangen zu haben und sich anschickt, andere aufzuklären, wird man ihm theologischerseits zügig klar machen, dass die Sache mit dem Islam bereits abgeschlossen ist. Es kann nach Mo‐ hammed keinen Propheten mehr geben, das ist eine zentrale Aussage des Islam. Es kann nur noch den Mahdi geben, aber der leitet die End‐ zeit ein und stellt keine Missverständnisse klar. Ein solches Eingeständnis kann Allah sich nicht erlauben, wenn er weiterhin als Allmächtiger und sein Islam als die letzte gültige Bot‐ schaft wahrgenommen werden sollen. Alles ist perfekt darauf ausge‐ richtet, dass die Dinge so bleiben wie sie sind, egal was für Unheil da‐ bei herauskommt. Denn in der subjektiven Sicht der Selbstmordatten‐ täter gewinnen jeweils beide. Gottes DNA Wer sich einmal die Freude gönnt und nach Wien fährt, sollte die Ge‐ legenheit nutzen, die kaiserliche Schatzkammer zu besichtigen, die in Vorausahnung einer späteren, nämlich der heutigen Gesellschaftsord‐ nung in einen weltlichen und einen geistlichen Bereich getrennt ist. Es ist erstaunlich, was für Devotionalien dort ausgestellt sind. Kerzen‐ 2 Religionen sind menschgemacht 116 leuchtergroße, goldene Gebilde namens Ostensorien, in die wahlweise ein Backenzahn von Petrus, ein Tropfen Blut des Heilands oder ein Splitter des Kreuzes eingearbeitet sind, auf dem der Allmächtige sein Menschenopfer vorgetäuscht haben soll. In Turin wird das berühmte Grabtuch Jesu aufbewahrt, und allgemein sind solche morbiden Bröckchen überall dort auf der Welt zu finden, wo die Frohe Botschaft verkündet wurde. Doch eine Sache daran ist für mich besonders inter‐ essant. Wenn wir einen Tropfen Blut von Jesus haben, könnten wir davon eine DNA-Untersuchung machen. Die DNA im Zellkern setzt sich aus der DNA des Vaters und der Mutter zusammen, wobei das Y-Chromo‐ som nur die Erbinformationen des Vaters liefert. Darüber hinaus be‐ sitzt eine Zelle auch noch ein Bauteil namens Mitochondrium, das sich zu Beginn des mehrzelligen Lebens auf der Erde vor etwa einer Milli‐ arde Jahren in die Zelle eingeschlichen hat und dort symbiotisch Auf‐ gaben übernahm; es war vorher mal ein eigenständiges Bakterium ge‐ wesen und hat daher heute noch eigene DNA. Diese DNA wird nur über die Mutter vererbt. Ob Sohn oder Tochter, in Ihren Mitochondri‐ en tragen Sie die Erbinformationen Ihrer Mutter und nie die Ihres Va‐ ters. Wenn wir also den Chromosomensatz Jesu sequenzieren, dann können wir die DNA-Zugaben von Maria und von Gott unterscheiden. Das Problem ist nur: Jesus ist auch gleichzeitig Gott. Da Jesus also DNA seiner Mutter enthält, muss Marias DNA ebenfalls göttlich sein, oder Jesus‘ DNA ist es nicht. Es bedeutet auch, dass der Herrgott im Himmel die DNA einer Sterblichen in seinen Mitochondrien trägt, so‐ fern er da oben noch welche hat. Natürlich kann man hier, wie so oft, die Analyse einfach verbieten oder der Wissenschaft zur Erklärung einfach ein Wunder in die Spei‐ chen werfen; es bleibt aber das Problem, dass solche Wunder erst not‐ wendig werden, wenn etwas wissenschaftlich herausgearbeitet wurde. Wieder einmal ist die Sache bei näherer Betrachtung nicht halb so göttlich, wie sie sich gibt, und muss aufgrund wissenschaftlicher Ent‐ deckungen ständig um Korrektur bemüht sein, wobei die Ränder ihrer Glaubwürdigkeit Stück für Stück ausfransen. Fast ist es, als hätten die Autoren der Heiligen Schrift nicht voraus‐ sehen können, dass die Wissenschaft ihre Behauptungen eines Tages 2.4 Ungereimtes 117 nicht nur als falsch, sondern stellenweise als völlig paradox entlarven würde. Wer hätte schon die genauen Mechanismen der Vererbung ge‐ netischer Information über Chromosomen und Mitochondrien vor‐ aussehen können! Ist das ein Hinweis auf göttlichen Ursprung oder darauf, dass Menschen ohne göttlichen Einfluss diese Bücher geschrie‐ ben haben? Maria oder Mirjam? Die 19. Sure des Korans ist nach Maria benannt, die dort Maryam heißt. Sie gebiert unter eine Palme ihren Sohn Isa, was der koranische Name von Jesus ist. Als ihre Mitmenschen erfahren, dass sie unverhei‐ ratet, aber schwanger ist, sagen sie: „… O Maryam, du hast da ja etwas Unerhörtes begangen. O Schwester Hārūns, dein Vater war doch kein sündiger Mann, noch war deine Mutter eine Hure.“ Sure 19:27-28 Wie milde die Menschen hier mit ihr umgehen – gewöhnlich wurde in den heiligen Schriften mit solchen Damen anders verfahren. Das In‐ teressante daran aber ist, dass Harun der koranische Name von Aaron ist, dem Bruder von Moses. Und diese beiden hatten eine Schwester namens Mirjam. Wenn man nun weiß, dass Maria und Mirjam im Arabischen bei‐ de Maryam heißen, dann könnte man jetzt denken, dass der Autor des Koran entweder nur oberflächliche Kenntnisse des Christentums be‐ saß und die beiden deswegen verwechselte, oder dass der Fehler so‐ wohl ihm als auch seinem Lektorat durchgerutscht ist. Man kann sich aber auch auf Sure 2 besinnen und erkennen, dass am Koran kein Zweifel ist. Das steht nämlich im Koran. Die satanischen Verse Sie kennen wahrscheinlich den Begriff „die Satanischen Verse“. Damit meine ich hier allerdings nicht das Buch von Salman Rushdie, sondern die tatsächlichen satanischen Verse. Die Geschichte dahinter sollten wir uns nicht entgehen lassen. Der Prophet saß, den Griffel in der Hand, zu Füßen des Erzengels und empfing die folgenden Worte: 2 Religionen sind menschgemacht 118 „Habt ihr Lat und Uzza gesehen, und auch Manat, diese andere, die dritte? Das sind die erhabenen Kraniche. Auf ihre Fürbitte darf man hoffen.“ Wie sich später herausstellte, wiedersprach die Erlaubnis, zu diesen drei Gottheiten zu beten, dem zuvor veröffentlichten Verbot des Poly‐ theismus. Bei Lat, Uzza und Manat handelte es sich um Gottheiten, die in vorislamischer Zeit in Mekka verehrt wurden. Die offizielle Erklä‐ rung für diesen Lapsus: der Satan habe sich dem Propheten in Gestalt des Erzengels genähert und ihm diese Verse eingeflüstert. Der Prophet, gutmütig und von seligem Wesen, wurde getäuscht und so angestiftet, diese Falschheit unter die Menschen zu bringen. Oder jemand brauch‐ te im Nachhinein eine Ausrede für einen inhaltlichen Fehler. Wie Christopher Hitchens in der WELT dazu schrieb: „Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendetwas in dieser menschlich hergelei‐ teten Rhetorik „unfehlbar“, geschweige denn „letztgültig“ sein soll, lässt sich nicht nur durch die ihr innewohnenden unzähligen Widersprüche und Ungereimtheiten überzeugend widerlegen, sondern auch durch die berühmte Episode der angeblichen „satanischen Verse“ im Koran, die Sal‐ man Rushdie später in seinem gleichnamigen Roman thematisch verar‐ beitete. Bei dieser oft erwähnten Begebenheit versuchte Mohammed sich mit ei‐ nigen führenden Polytheisten in Mekka zu versöhnen und erfuhr zum ge‐ eigneten Zeitpunkt eine „Offenbarung“, die ihnen allen erlaubte, einige der alten Lokalgottheiten weiterhin anzubeten. Später wurde ihm be‐ wusst, dass dies nicht richtig sein konnte und er ungewollt vom Teufel „verleitet“ worden sei, der seinerseits aus unerfindlichen Gründen kurz‐ zeitig seine Gewohnheit gelockert hatte, die Monotheisten auf ihrem eige‐ nen Feld zu bekämpfen.“ 27 Herbeigereimtes Nachdem wir uns nun einigen versehentlichen Fehlern gewidmet ha‐ ben, sollten wir auch nicht versäumen, uns ein paar Passagen anzu‐ schauen, die den Bereich des versehentlich Misslungenen verlassen und einfach frontal dreiste Behauptungen sind, die aus der Not gebo‐ ren wurden. Zuweilen kamen dabei Mittel heraus, mit denen man den Mitmenschen noch mehr abverlangen konnte – immerhin beschreibt 2.5 2.5 Herbeigereimtes 119 das griechische Wort krisis nicht unseren Begriff von Krise, sondern Höhe- oder Wendepunkt, an dem sich also etwas entscheidet, was auch besser werden kann als vorher. Die Nachtreise Die Geschichte der Nachtreise besagt, dass der Prophet von einem flie‐ genden, pferdeähnlichen Wesen namens Burak aufgenommen und nach Jerusalem zu einer „fernen Kultstätte“ geflogen wurde, womit die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem gemeint ist. Von dort aus ging es weiter ins Paradies, wo Mohammed verschiedenen seiner Prophetenvorgän‐ ger begegnete. Ursprünglich war ihm von Gott aufgetragen worden, den Menschen 50 Gebete am Tage abzuverlangen; inklusive der rituel‐ len Waschungen hätte das aber kaum Zeit für andere Tätigkeiten gelas‐ sen. Und so schickte Moses den Propheten wieder zum Herrn. So konnte der Prophet den Herrgott von den ursprünglichen fünfzig Ge‐ beten in einer verstörend redundanten Erzählung zunächst auf vierzig Gebete am Tag herunterhandeln. Moses sagte ihm, da ginge noch was, worauf Mohammed zu Gott zurückkehrte und ihn auf dreißig Gebete herunterhandelte, woraufhin Moses bei Mohammeds Rückkehr sofort wieder Spielraum sah. Er schickte Mohammed also zurück zu Allah, der sich nach einem entsprechenden Wortwechsel mit zwanzig Gebe‐ ten am Tag zufriedengab. Moses schickte Mohammed wie eine Flip‐ perkugel erneut zum Obersten, mit dem er sich dann auf zehn Gebete am Tag einigte. Und schließlich schickte Moses den Propheten ein fünftes Mal zum Allmächtigen und schlug beim Schöpfer des Univer‐ sums für alle Menschen und für alle Zeit fünf Gebete am Tage heraus.* Nun stellt sich aber die Frage, warum der Allmächtige ihm erst so eine unsinnige Zahl auferlegt hat. „Um den Propheten zu prüfen!“ mag so mancher sich nun reflexartig hervortun; ist diese Antwort im Islam doch gewöhnlich das, was „Gottes Wege sind unerforschlich“ im Christentum ist. Doch ich kann es immer nur wieder betonen: Gott * Gemäß Sahih al-Bukhari, Buch 1, Hadith 349 halbierte Gott die Anzahl der Gebete zunächst auf 25, dann halbierte er sie erneut (12,5), um sie dann auf 5 festzulegen und zu betonen, sie würden wie 50 Gebete gelten – Sein Wort stünde nun fest. Die Quellen sind hier nicht eindeutig, aber interessant soll für uns ja in erster Linie sein, was Gläubige so alles für voll nehmen. 2 Religionen sind menschgemacht 120 muss niemanden prüfen. Er weiß bereits alles. Erkenntnisgewinn ist bei Allwissenden ausgeschlossen, da sie bereits maximale Erkenntnis besitzen. Gott weiß, dass vierzig Gebete in dieser Sache noch nicht das letzte Wort sind, wenn Mohammed wieder um die Ecke kommt. Er weiß, dass Mohammed schlussendlich mit fünf Gebeten am Tag die Verhandlungen beenden wird. Er weiß das die ganze Zeit über, und doch spielt er das Spiel geduldig mit, so als müsse dem Propheten mit dieser Posse irgendetwas demonstriert werden. Mir stellt sich auch die Frage, welche Rolle der Prophet in dieser Erzählung eigentlich hat. Stellen Sie sich den Himmel als den Kreml vor. Dann würde Mohammed hier als nützlicher Idiot für parteiinterne Machtspielchen zwischen Moses und dem Chef benutzt. Zu einem perfekten Menschen, wie Mohammed so oft genannt wird, fehlen da noch ein paar Dinge wie Initiative, Vorausschau, Flexibilität. Hier hätte der gelernte Verkäufer Mohammed geschickter, gewitzter oder talen‐ tierter als Moses und die anderen Propheten dastehen können. Statt‐ dessen verkommt er zum Laufburschen derer, die das Spiel schon län‐ ger kennen. Ich versuche mir auch bildlich vorzustellen, wie Mohammed tat‐ sächlich zum fünften Mal vor Gott tritt und erneut um eine Senkung der Gebetsquote bittet. Es ist schwer sich einen Gott vorzustellen, der hier nicht genervt mit den Augen rollt oder die ganze Zeit über wis‐ send lächelt, als wäre das alles Teil eines schlauen Plans. Genau ge‐ nommen muss ich hier an eine Szene aus Die Ritter der Kokosnuss den‐ ken, wo der König den beiden Wachen in etwa einem Dutzend Anläu‐ fen klarzumachen versucht, dass sie stehen bleiben und sicherstellen sollen, dass der Prinz den Raum nicht verlässt. Es könnte natürlich auch sein, dass sich jemand vor versammelter Mannschaft verplappert hat und es irgendwie wieder geradebiegen musste, so wie bei den satanischen Versen. Sagte ich bereits, dass die gesamte Nachtreise von Medina nach Jerusalem, von dort in den Him‐ mel und zurück in irdischer Zeit nur 15 Minuten gedauert haben soll? Falls Sie sich fragen, wie man anderen solche Märchen aufbinden kann: Mohammed war Sales Manager, gelernt ist gelernt. Bei uns in Deutschland glauben ja auch viele, es sei von irgendeiner Bedeutung, ob Heidi Klum für jemanden ein Foto hat oder nicht. Beides lässt sich 2.5 Herbeigereimtes 121 im Volk mit äußerst irdischen Mitteln durchsetzen, nämlich mit viel Tamtam und unerbittlicher Wiederholung der Behauptungen. Al Aksa Da wir gerade bei der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem sind: sie wurde nachweislich erst 70 Jahre nach Mohammeds Tod erbaut. Also wurde entweder der Koran erst nach Mohammeds Tod geschrieben, was der Vorstellung widerspricht, der Erzengel Gabriel hätte ihm die Verse dik‐ tiert; oder mit der „fernen Kultstätte“, von der im Koran in Sure 17 Vers 1 die Rede ist, ist nicht die Al-Aksa-Moschee gemeint, was islami‐ sche Ansprüche auf dieses Gebäude irgendwie ungerechtfertigt er‐ scheinen lässt. Die Masse der Muslime würde sich immer noch einge‐ stehen müssen, falsch gelegen zu haben, was aber angesichts der kol‐ lektiven Hysterie, die den Islam umgibt, wenig wahrscheinlich ist. Man vertreibt lieber alles Nichtmuslimische, besonders alles Jüdische von der Kultstätte, damit man sich in Ruhe seiner kollektiven Faszination für das Unglaubliche hingeben kann. Fitra Der Begriff Fitra bedeutet „Veranlagung“ oder „Schöpfung“. Gemeint ist im Islam damit, dass jeder Mensch die Veranlagung besäße, an einen Schöpfergott zu glauben, und zwar nur an einen einzigen. Das geht in seiner heutigen Auslegung so weit, dass manche islamische Theologen sich zu der Behauptung versteigen, jeder Mensch auf der Welt sei eigentlich ein Muslim. Manche von uns aber würden durch Umfeld und Erziehung vom rechten Weg abgebracht und glitten ins Christen- oder gar ins Judentum ab. Allah hat sie fehlgeleitet, und wenn sie sich weigern, ihren Irrtum zu erkennen, droht ihnen dereinst das Höllenfeuer. Unter Salafisten herrscht gar die Ansicht, dass Deutschland schon immer Allah und damit dem Islam gehört habe und jeder, der das nicht akzeptiere, ein Problem darstelle. In der Reli‐ gion, so scheint es, ist selbst die Demut arrogant. Doch das betrifft nicht nur die Fundamentalisten. Stellen Sie sich vor, Sie hätten als Durchschnittsgläubiger von Kindesbeinen auf diese Erklärung für die Existenz von anderen Weltanschauungen eingetrich‐ 2 Religionen sind menschgemacht 122 tert bekommen: sie liegen alle falsch, du aber hattest Glück, in den richtigen Kulturkreis geboren zu sein. Stellen Sie sich die latente Ver‐ achtung, Geringschätzung oder zumindest Bemitleidung vor, mit der Muslime, die unter dieser Doktrin groß geworden sind, auf den Rest der Welt herabblicken müssen. Du liegst falsch, lieber Christ, aber das ist nicht deine Schuld, du wurdest nur noch nicht zum Islam eingela‐ den. Erst wenn du die zweite Einladung ablehnst, hast du ein Problem. Wie gönnerhaft! Es ist genau der Kulturimperialismus, den sich die Ungläubigen gegenüber den Muslimen dauernd verkneifen sollen, weil es sonst nach Rassismus riecht. Wer mit diesen Hintergedanken der eigenen Überlegenheit durch Europa geht, der muss andere verachten oder sich laufend zusammen‐ reißen, sie nicht zu verachten. Beides ist problematisch und keine Basis für ein friedliches Miteinander. Sicherlich kann der Großteil der Mus‐ lime in Deutschland mit Nichtmuslimen friedlich zusammenleben; ihre Religion jedoch fordert etwas anderes, und das macht so man‐ chem ein schlechtes Gewissen. Der Vorwurf seitens der Salafisten, kein richtiger Muslim zu sein, kann da viel bewegen. Die Federn im Kopf sind bereits gespannt, es muss nur jemand den Haken lösen, und der Mechanismus schnurrt ab. Das ist mein eigentlicher Vorwurf an den Islam. Sie können die Richtigkeit ihrer Religion nicht beweisen, was sie aber nicht daran hindert, es zu versuchen und sich lächerlich zu ma‐ chen. Gleichzeitig fordern sie, dass alle so werden wie sie. Bid’ah Der Begriff Bid’ah bedeutet „Neuerung“, womit in erster Linie etwas Schlechtes gemeint ist, denn Neuerungen im theologischen Sinne lau‐ fen immer Gefahr, dem Koran oder der Sunna (den Handlungen des Propheten als Vorbild) zu widersprechen. Erkennen Sie die Bombe da‐ rin? Im Gegensatz zum Christentum, dessen irdische Verwaltung jegli‐ chen Neuerungen auch immer skeptisch gegenüber gestanden hat, ist es fester Teil der islamischen Theologie, Neuerungen und Reformen abzulehnen, sofern sie dem Status quo widersprechen. Es gibt gute Bid’ahs. Sie dürfen raten, in welche Richtungen sie gehen: gute Bid’ahs zeichnen sich dadurch aus, sich noch mehr an den Koran und das Vor‐ bild des Propheten zu halten, aber auch das Nutzen moderner Techno‐ 2.5 Herbeigereimtes 123 logien zur Verbreitung des Islam wie YouTube oder Facebook ist eine gute Bid‘ah. Die Schriften des Ägypters Sayyid Qutb, besonders sein Buch Wegzeichen aus dem Jahre 1964, sind ein Aufruf zur Rückbesin‐ nung auf islamische Werte im Angesicht einer sich schnell ändernden Welt. Er preist die Scharia als perfekte Gesetzgebung an, kann aber nicht besser argumentieren, als dass sie nun mal von Gott sei, und Gottes Gesetze sind nicht vage, sondern ziemlich eindeutig. Fast jede moderne islamistische Bewegung kann sich auf die Schriften Qutbs berufen. Was er verbreitet hatte, war also eine gute Bid’ah. Großzügigere Auslegungen der heiligen Schrift, die dem Individu‐ um mehr Freiheit geben oder die Kontrolle des Islam über die Gesell‐ schaft schwächen würden, sind daher grundsätzlich schlechte Bid’ahs und können dem Verbreitenden schnell einen Takfir einbringen, den Vorwurf des Abfalls vom Glauben. Aus diesem Grunde sind die Ah‐ madiyya, eine vergleichsweise wissenschaftsfreundliche Sekte des Is‐ lam, auch die meistverfolgte Gruppe innerhalb des Islam. Gemäß Tak‐ fir sind sie aber auch gleichzeitig keine Muslime, denn das sind sie nur für sich selbst und für uns Westler. Für Sunniten und Schiiten sind sie Munafiqun, also Heuchler, die sich als Muslime ausgeben, aber in Wirklichkeit keine sind und den wahren Glauben damit verwässern. Als Seyran Ateş am 16. Juni 2017 ihre erste Predigt als Imamin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin hielt, dauerte die Reaktion der Geistlichkeit nicht lange. In ihrer Moschee ist eine Vollverschleierung verboten, grundsätzlich jeder darf mitmachen (Sunniten, Schiiten, Christen, Atheisten, Schwule und Lesben) und es wird auch nicht nach Geschlechtern getrennt. Es sei Frauen nicht erlaubt, Imamin zu sein, wenn Männer anwe‐ send sind, urteilte das ägyptische Fatwa-Amt Dar al-Ifta, das immer‐ hin offiziell die Mondsichel feststellt und so den Startschuss zum Ra‐ madan gibt. Frauen müssten ein Kopftuch tragen, so das Amt, und überhaupt wäre es in der Moschee so eng gewesen, dass Frauen und Männer, die überhaupt nicht zusammen beten dürfen, sogar einander berührt hätten – das Gebetshaus könne unmöglich als Moschee aner‐ kannt werden.28 Was Frau Ateş, der Islamwissenschaftler Dr. Abdel- Hakim Ourghi und ihre Mitstreiter hier versucht hatten, war eine Bid’ah. Bis zum 1. Juli 2017, innerhalb von zwei Wochen, hatte Frau Ateş für das Herausfordern theologischer Dogmen rund 100 Morddro‐ 2 Religionen sind menschgemacht 124 hungen erhalten und brauchte nun mehr Personenschutz durch das BKA als so mancher Bundesminister. Hamed Abdel-Samad hatte sich im Jahre 2013 von Mahmoud Shabaan, einem ägyptischen Professor an der Al-Azhar-Universität, eine Fatwa eingefangen, als er dem Islam faschistoide Tendenzen dia‐ gnostiziert hatte (was einer gewissen Ironie nicht entbehrt) und lebt seitdem unter Polizeischutz. Seyran Ateş tritt für einen weltoffeneren Islam ein, und ihr geschieht das Gleiche. Wenn man noch notdürftig argumentieren könnte, Hamed Abdel-Samads These sei feindselig ge‐ genüber dem Islam gewesen, so müssen wir nun am Beispiel von Frau Ateş erkennen, dass es der konservative Islam ist, der sich gegenüber der Welt feindselig verhält. Ist es nicht bemerkenswert, wie viel die Erfinder des Korans aus dem Christentum gelernt haben? Alle Regeln des Islam haben nur den Zweck, die Religion zu verbreiten, die Kontrolle über den Menschen zu behalten und Abweichungen von der Lehre unmöglich zu machen. Das Judentum galt für eine nicht missionierende Ethnie, das Christen‐ tum lud alle ein, und damit bestand auch eine erhöhte Gefahr neuer Ideen – der Islam als Monotheismus 3.0 brauchte klare, gottgegebene Regeln, um das zu verhindern. Das und der ungezügelte Geburtenüberschuss in der islamischen Welt sind der Grund, warum der Islam die am schnellsten wachsende Religion der Welt sein soll.* Wenn man sie annehmen muss, sie nicht verlassen darf, sie selbst verbreiten muss und ihre Lehren immer nur strikter auslegen darf, dann findet man sich innerhalb weniger Gene‐ rationen in einer Welt wieder, die kein Außenstehender mehr versteht. Dadurch sinkt der Einfluss von außen, der den Frömmler mit anderen Ideen bekannt machen könnte. Reisen bildet, es sei denn, man ist sehr religiös. Die Folge ist gesellschaftliche Isolation, gepaart mit tiefer Ab‐ lehnung gegenüber anderen Einflüssen, besonders den westlichen, die dann nur noch als minderwertig, verdorben und korrekturbedürftig wahrgenommen werden. Das Konzept der Bid’ah verbietet, die Sache lockerer zu sehen, und begrüßt jederzeit eine strengere Auslegung. * Fun fact: wenn der Atheismus eine Religion wäre, wäre er die am schnellsten wach‐ sende Religion. 2.5 Herbeigereimtes 125 Und so kann der Islam gar nicht anders, als extremistischen Auslegun‐ gen den Vorzug zu geben. Hier dürfen wir zu Recht beeindruckt sein von der perfekten Men‐ schenfalle, die die Erfinder des Islam aufgebaut haben. Sie haben auf alles eine Antwort und müssen nichts beweisen. Eigentlich läuft die Sache genauso, wie man es von einer Religion erwarten sollte, die zwei Vorläufer hatte und aus deren Fehlern gelernt hat. Doch auch hier gibt es noch Verbesserungspotential, denn Religion ist nun mal eine Do‐ mäne der Emotionen und nicht der Logik. Und hier stellt sich mir auch eine ganz besondere Frage. Warum sollte es dem Schöpfer des Universums genügen, uns mit dem Befolgen eines Buches ins Paradies zu lassen? Viel naheliegender wäre es doch, wenn der Schöpfer des Universums uns ein Buch mit unsinnigen Re‐ geln und abscheulicher Moral gäbe, und wer sich begeistert daran hält, hat sich sofort für das Jenseits disqualifiziert. Der Koran als Ablen‐ kungsmanöver. Jeder Personalchef spielt im Bewerbungsgespräch sol‐ che Spielchen mit seinen Kandidaten, und dort geht es nur um Jobs. In dieser Erklärung würden dem Einzelnen auch vielmehr geistige Unab‐ hängigkeit und weise Urteile abverlangt. Es wäre die schwerere Prü‐ fung, als nur Regeln zu befolgen. Und wir reden hier von dem Paradies, also der größtmöglichen Belohnung, die sich überhaupt denken lässt. Was wäre naiver als zu glauben, es gäbe einen todsicheren Weg dort‐ hin? Wozu hat der Schöpfer uns ein so großes Gehirn gegeben? Nur zum Beten? Abrogation als Schlupfloch Es ist ein zentrales Element islamischer Theologie, dass Mohammed die Verse des Koran über einen Zeitraum von 23 Jahren nacheinander erhalten hat. Bei Gelegenheit wurde er vom Erzengel Gabriel besucht, der ihm die Worte des Herrn diktierte, obwohl Mohammed gar nicht schreiben konnte. Hätte es einen Urkoran gegeben, den der Prophet selbst in Händen gehalten hat, wäre der so heilig wie die Kaaba in Mekka. Dabei ist es wesentlich wahrscheinlicher, dass der Koran in seiner heutigen Form vom Herrschergeschlecht der Umayyaden zusammen‐ gestellt wurde, namentlich vom Kalifen Abu Bakr, der eine Sammlung 2 Religionen sind menschgemacht 126 von Pergamenten, Palmblättern, Steintafeln und auswendig Gelerntem zusammentrug. Ist es nicht erstaunlich, dass der Prophet anscheinend selten Stift und Papier zur Hand hatte, wenn er doch jederzeit Worte des Schöpfers diktiert bekommen konnte? Er konnte zwar nicht schrei‐ ben, sagt man, aber wenn der Erzengel kam, konnte er es doch wie je‐ der andere. Wie fahrlässig! Stattdessen gab er seine Eingebungen mündlich weiter, und da einige Personen in Mekka und Medina schreiben konnten, trugen sie es nieder, und so gelangten die Rohfas‐ sungen in die Hände von Abu Bakr. Der dritte Kalif Uthman ibn Affan, der sein Amt zwölf Jahre nach Mohammeds Tod antrat, gelangte in den Besitz der Koranausgabe von Hafsa, einer Witwe des Propheten. Da die verschiedenen arabischen Dialekte sich langfristig als Problem bei der Rezitation des Korans er‐ wiesen, musste eine standardisierte Version in nur einem Dialekt her. Dem Islamgelehrten Bukhari zufolge wurde es der Dialekt der Banu Quraisch, dem Stamme Mohammeds. Uthman ließ alle anderen Koranversionen verbrennen, die in eini‐ gen Details abwichen und weißgottwoher kamen, so dass nur die eine Version im Dialekt der Banu Quraisch übrig blieb. Doch wie jeder andere Text war auch dieser von einem grundsätz‐ lichen Problem bedroht, das über allen Gesetzestexten der Welt schwebt: es wird immer einen Fall geben, für den das Gesetz keine ein‐ deutige Aussage macht und das daher von Fachleuten gedeutet werden muss. Dabei kann man gelegentlich auf Widersprüche im Text stoßen, die einem ohne diesen konkreten Fall nie aufgefallen wären. Doch glücklicherweise gab es bereits die passende Koransure: es ist Sure 16, Vers 101. Hier scheint der Schöpfer des Universums sich beim stückweisen Verfassen der wichtigsten Botschaft aller Zeiten bereits im Voraus das Recht einzuräumen, Gesagtes jederzeit zu revidieren: „Und wenn Wir einen Vers anstelle eines (anderen) Verses austauschen – und Allah weiß sehr wohl, was Er offenbart –, sagen sie: „Du ersinnst nur Lügen.“ Aber nein! Die meisten von ihnen wissen nicht.“ Das Ganze wird unterstrichen von Sure 2 Vers 106, die es noch einmal beteuert: „Was Wir an Versen aufheben oder in Vergessenheit geraten lassen – Wir bringen bessere oder gleichwertige dafür. Weißt du denn nicht, dass Allah zu allem die Macht hat?“ 2.5 Herbeigereimtes 127 Einmal abgesehen von dem befremdlichen „Ich bin der Schöpfer, ich weiß was ich tue!“ ist den Autoren und Herausgebern des Korans da‐ rüber hinaus noch eine weitere Genialität gelungen. Sie ordneten die Suren des Korans nicht chronologisch, sondern (mit Abweichungen) nach der Länge, beginnend mit der ersten Sure als Einleitung und dann der längsten Sure von allen, Sure 2. Der Harburger Orientalist Theodor Nöldeke ist heute noch dafür bekannt, die Suren anhand ihres Stils und ihres historischen Zusammenhangs chronologisch sor‐ tiert, das handgemachte Chaos also wieder rückgängig gemacht zu ha‐ ben. Sofern zwei Suren sich gegenseitig widersprechen, zum Beispiel hinsichtlich der Akzeptanz von anderen Religionen, so besagt die Re‐ gel der Abrogation, dass die später offenbarte Sure gegenüber der frü‐ heren den Vorzug hat und sie inhaltlich aufhebt. Wenn Sie also ganz vorne im Koran etwas Kriegerisches oder Versöhnliches finden, sind Sie hinsichtlich der Abrogation noch keinen Deut schlauer, denn es ist die Chronologie, die entscheidet, welches von beiden der Schöpfer spä‐ ter herabsandte und damit das Alte aufhob. Nöldekes Chronologie verdient es, einmal abgebildet zu werden, damit man jederzeit nachschlagen kann, welcher Vers welchen aufhebt. Wichtig dabei: die Reihenfolge muss nicht exakt stimmen – es ist zum Verstehen der Art und Weise, wie der Islam heute gelebt wird, jedoch unerlässlich zu wissen, was in der islamischen Welt geglaubt wird. Frühmekkanische Periode 96, 74, 111, 106, 108, 104, 107, 102, 105, 92, 90, 94, 93, 97, 86, 91, 80, 68, 87, 95, 103, 85, 73, 101, 99, 82, 81, 53, 84, 100, 79, 77, 78, 88, 89, 75, 83, 69, 51, 52, 56, 70, 55, 112, 109, 113, 114, 1 Mittelmekkanische Periode 54, 37, 71, 76, 44, 50, 20, 26, 15, 19, 38, 36, 43, 72, 67, 23, 21, 25, 17, 27, 18 Spätmekkanische Periode 32, 41, 45, 16, 30, 11, 14, 12, 40, 28, 39, 29, 31, 42, 10, 34, 35, 7, 46, 6, 13 Medinische Periode 2, 98, 64, 62, 8, 47, 3, 61, 57, 4, 65, 59, 33, 63, 24, 58, 22, 48, 66, 60, 110, 49, 9, 5 Theodor Nöldekes Chronologie der Koransuren. Je später, des‐ to tendenziell feindseliger, und leider auch umso bedeutsamer. Die friedliebenden, versöhnlichen, mekkanischen Suren des Ko‐ rans (als Mohammed es noch mit Worten versuchte) liegen zeitlich vor Tabelle 2: 2 Religionen sind menschgemacht 128 den eher kriegerischen Suren der medinischen Phase (als Mohammed neue Saiten aufzog und es wesentlich aggressiver versuchte). In Mekka versuchte Mohammed, seine neue Religion neben den bereits existierenden Religionen Christentum und Judentum zu eta‐ blieren. Man lachte ihn aus, da seine Theologie größtenteils von den beiden anderen Religionen abgeschrieben war und wenig Neues zu bieten hatte. Man glaubte ihm einfach nicht – es muss hunderte Men‐ schen wie ihn gegeben haben, die versuchten, sich als Prophet einen Namen zu machen. Als Mohammed nach Medina gegangen war, än‐ derte sich seine Haltung gegenüber den anderen Religionen. Nun trat er wesentlich feindseliger, geradezu kriegerisch auf. Sein Gang nach Medina ist im Islam von so grundlegender Bedeutung, dass die islami‐ sche Zeitrechnung mit dem Jahr der Hidschra, der Auswanderung nach Medina, also nach unserer Zeitrechnung im Jahre 622 beginnt.* Bedenken Sie: es hätte auch der Geburtstag des Propheten sein können, oder der Tag, an dem er die erste Sure niederschrieb, oder die letzte, oder an dem er ins Paradies kam. Stattdessen wurde es das Jahr, in dem Mohammed sich die Sonnenbrille aufsetzte und sagte: „Sie wollen es anscheinend nicht anders.“ Sure 5 ist die letzte in Nöldekes Chronologie. Sie verbietet den Ge‐ nuss von Alkohol, Blut und Schweinefleisch, immerhin zentrale und konfessionsübergreifende Inhalte des gelebten Islam. Sure 5:51 verbie‐ tet es Muslimen, sich von Christen oder Juden regieren zu lassen, Sure 5:57 fügt noch die Ungläubigen hinzu. Sure 5:72 und 5:73 erklären alle, die an Jesus als den Sohn Gottes glauben, zu Ungläubigen. Dies sind genauso zentrale Inhalte des Islam wie das Verbot von Schweinefleisch und Alkohol. In Sure 9, der vorletzten, befindet sich auch der berüchtigte Schwertvers 9:5. „Wenn nun die Schutzmonate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendie‐ ner, wo immer ihr sie findet, ergreift sie, belagert sie und lauert ihnen aus * Darüber hinaus ist der islamische Kalender knapp 11 Tage kürzer als der christliche, weshalb man die eine Zeitrechnung nicht einfach durch Subtraktion in die andere umrechnen kann. Alle 33,2 Jahre kommt in der islamischen Zeitrechnung ein Jahr dazu. Die islamische Zeitrechnung holt auf, so dass das Jahr 20.874 in beiden Kalen‐ dern schließlich das Gleiche sein wird. In dem Visum, das ich im Jahre 2010 für meine Einreise in den Iran erhielt, ist noch das Jahr 1432 notiert. 2.5 Herbeigereimtes 129 jedem Hinterhalt auf! Wenn sie aber bereuen, das Gebet verrichten und die Abgabe entrichten, dann lasst sie ihres Weges ziehen! Gewiß, Allah ist Allvergebend und Barmherzig.“ Eine weitere Chronologie ist die Ägyptische Standard-Chronologie der al-Azhar-Universität, die im Gegensatz zu Nöldeke den Sprachstil der Suren nicht berücksichtigt und daher zu leicht abweichenden Ergeb‐ nissen kommt.* In beiden ist Sure 9 die vorletzte, und Sure 5 ist in der ägyptischen Reihenfolge die 112. von 114 Suren, also nicht die letzte. Hier ist Sure 110 die letzte, die bei Nöldeke Platz 111 von 114 ein‐ nimmt. Sure 110, die letzte in der a-Azhar-Chronologie, ist kurz und schnell erzählt: „Wenn Allahs Hilfe kommt und der Sieg und du die Menschen in Allahs Religion in Scharen eintreten siehst, dann lobpreise deinen Herrn und bitte Ihn um Vergebung; gewiß, Er ist Reue annehmend.“ Wenngleich es hinsichtlich der exakten Chronologie als auch bei der Deutung, welcher Vers nun welchem widerspreche, Unterschiede in der Interpretation gibt, so muss man bedenken, dass es immer noch Millionen Menschen auf der Welt gibt, die den Schwertvers ernst neh‐ men und den Dschihad als heilige Pflicht aller Muslime für alle Zeiten betrachten. Religion ist, was Menschen daraus machen – ohne die Re‐ ligion aber hätten sie einen gewaltigen Grund weniger, anderen das Leben zur Hölle zu machen, nur um ihr selbst zu entgehen. Und das Problem ist, dass Dschihadisten sich jederzeit auf etablierte, jahrtau‐ sendealte Theologie berufen und moderaten Muslimen damit nach‐ weisen können, dass sie sich irren, wenn sie auf einem friedlichen Mit‐ einander bestehen. Wer wie der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourgi versucht, den kriegerischen Versen des Korans nur die Bedeutung zu überlassen, die sie zu Zeit ihrer Offenbarung hatten, und der Meinung ist, sie seien nicht mehr zeitgemäß, der legt sich mit Millionen von Ge‐ lehrten und bewaffnetem Fußvolk an, die es anders sehen. Das Prob‐ lem ist nicht, dass der Islam grundsätzlich kriegerisch sei – das Prob‐ * Verschiedene Sprachstile deuten auf verschiedene Autoren hin, und das wider‐ spricht nun mal der offiziellen Entstehungsgeschichte des Korans. 2 Religionen sind menschgemacht 130 lem ist, dass mehr Muslime, als Deutschland Einwohner hat, das aus tiefstem Herzen glauben. Benimmregeln im Hause des Propheten In Sure 33:53 beschreibt der Schöpfer des Universums höchstpersön‐ lich, wie man sich zu Besuch bei Mohammed dem Genervten verhal‐ ten solle: „O ihr, die ihr glaubt! Betretet nicht die Häuser des Propheten, es sei denn, daß euch zu einer Mahlzeit (dazu) Erlaubnis gegeben wurde. Und wartet nicht (erst) auf deren Zubereitung, sondern tretet (zur rechten Zeit) ein, wann immer ihr eingeladen seid. Und wenn ihr gespeist habt, dann geht auseinander und lasset euch nicht aus Geselligkeit in eine weitere Unter‐ haltung verwickeln. Das verursacht dem Propheten Ungelegenheit, und er ist scheu vor euch, jedoch Allah ist nicht scheu vor der Wahrheit. Und wenn ihr sie (seine Frauen) um irgendetwas zu bitten habt, so bittet sie hinter einem Vorhang. Das ist reiner für eure Herzen und ihre Herzen. Und es geziemt euch nicht, den Gesandten Allahs zu belästigen, noch (ge‐ ziemt es euch,) seine Frauen jemals nach ihm zu heiraten. Wahrlich, das würde vor Allah eine Ungeheuerlichkeit sein.“ Vielleicht hätte der Schöpfer des Universums dem Propheten auch einen weiteren Gefallen tun und die Gäste dazu verpflichten können, beim Abwaschen zu helfen, dabei die Klappe zu halten und beim Rausgehen noch den Müll mitzunehmen; dann aber hätte auch der Dümmste gemerkt, dass diese Anweisung irgendwie nicht nach dem Schöpfer des Universums klingt, sondern nach einem Menschen der gerade lernen muss, mit seiner steigenden Popularität umzugehen. Von einer göttlichen Schrift könnte man, wenn man pingelig wäre, auch mal einen handfesten Hinweis erwarten wie: „In fünfundzwanzig Generationen werden Wir, einfach weil wir es kön‐ nen, die Kuffar in eine neue Welt entsenden. Dort werden sie auf Men‐ schen treffen, die eine Pflanze anbauen, deren Blätter sie trocknen, um sie dann zu entzünden und den Rauch einzuatmen. O die Ihr glaubt, über‐ lasst das den Kuffar, denn es bewirkt Lungenkrebs und schwächt sie im Kampf gegen Euch. Krebs ist übrigens ein tödliches Leiden, zu dessen Be‐ seitigung die Kuffar sich lange erfolglos anschicken werden. Euer Anteil an der Eroberung der Neuen Welt wird sich über Jahrhunderte darauf be‐ schränken, den Kuffar schwarze Sklaven zu verkaufen.“ 2.5 Herbeigereimtes 131 Das wäre ein Hinweis. Ich meine, wenn der Schöpfer des Universums nicht an weltliche Phänomene wie Zeit gebunden ist, wenn also alle Momente des Universums für ihn gleichzeitig stattfinden, dann könnte man sich fragen, warum er in seinen Schriften bei jeder Gelegenheit so peinlich genau darauf achtet, sich diese Fähigkeit nicht anmerken zu lassen. Man mag sich zum Abschluss dieses Kapitels noch die berechtigte Frage stellen, wie es denn überhaupt möglich sein kann, dass solche Plattheiten, christlich wie islamisch, sich kulturkreisübergreifend aus‐ breiten konnten und heute das Leben von Milliarden Menschen be‐ stimmen. Fragen Sie das wirklich? Wir wollen uns im nächsten Kapitel an einer detaillierten Antwort versuchen. 2 Religionen sind menschgemacht 132 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen „Eine besondere Bedeutung beansprucht der Fall, dass eine größere An‐ zahl von Menschen gemeinsam den Versuch unternimmt, sich Glückver‐ sicherung und Leidensschutz durch wahnhafte Umbildung der Wirklich‐ keit zu schaffen. Als solchen Massenwahn müssen wir auch die Religio‐ nen der Menschheit kennzeichnen. Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.“ Siegmund Freud Soviel zur Logik. Doch wie Sie zweifelsfrei wissen, ist Logik nicht alles im Leben. Die Argumente, die ich aufgezählt habe, sind teilweise so alt wie die Religion selbst. Dennoch scheinen sie wenig daran ausrichten zu können, dass Religion weiterhin das Leben von Milliarden Men‐ schen bestimmt. Ich selbst habe mich jahrzehntelang der Illusion hin‐ gegeben, dass die Religiosität meiner Mitmenschen nur auf Uninfor‐ miertheit begründet sei; man müsse ihnen nur die naturwissenschaftli‐ chen Erkenntnisse nahebringen, und ihnen würden Lichter aufgehen. Mit der Zeit musste ich jedoch feststellen, dass ein beträchtlicher Teil dieser Menschen gar nicht besser informiert sein will, ja dass man so‐ gar entgegen aller Evidenz an seinem Weltbild festhält, als gäbe es da‐ für etwas zu gewinnen. Das liegt daran, dass sie keine Suchenden sind, sondern viel mehr glauben gefunden zu haben. Das geht so weit, dass evangelikale Christen in den USA die Hurri‐ kane Harvey, Irma und José aus 2017 für Strafen Gottes halten, weil die USA die Homoehe erlaubt haben oder einfach, um uns Menschen Demut beizubringen. Dass Klimawissenschaftler seit Jahrzehnten vor‐ aussagen, Hurrikane in der Karibik und im Golf von Mexico würden mit der Zeit häufiger und heftiger werden, wird dabei vollständig ignoriert, denn der durchschnittliche evangelikale Christ hält den Kli‐ mawandel ebenfalls für eine Lüge. Je schwerer die Hurrikane auf den Bahamas und in Florida wüten, desto sicherer ist man sich, dass Gott 3 133 uns damit etwas sagen möchte. Zuweilen scheint der Glaube schlicht unheilbar. Bei dieser Gelegenheit aber frage ich mich, ob man sich damit nicht auch erpressbar macht. Immerhin liegen San Francisco, Portland und Salt Lake City, die LGBT-Zentren der USA, vom Wirkungskreis der Hurrikane weit entfernt – es ist erstaunlich, dass der Herrgott seine Strafen so indirekt organisiert. Die LGBT-Verbände in den USA könn‐ ten den Frömmlern sagen: „Gebt uns jedes Jahr zehn Milliarden Dollar, sonst bringen wir Jahwe gezielt auf die Palme und zerstören Eure Städ‐ te!“. Ich bin mir sicher, dass die Frömmler des Bible Belt dann plötzlich nicht mehr halb so fest an diesen gefühlten Zusammenhang glauben würden wie bisher. Würde man alle Religion der Welt, ihre Schriften, ihre Veranstal‐ tungen und sakralen Bauten und sämtliche Erinnerungen an die geleb‐ ten Religionen über Nacht aus der Welt und aus unseren Gehirnen entfernen, so könnte man mit Sicherheit eine interessante Beobach‐ tung machen. Etwas Vergleichbares würde wiederkommen, und zwar innerhalb weniger Jahre. Es wären aber garantiert nicht die gleichen Religionen mit den gleichen Geschichten. Es würden andere Geschich‐ ten sein, der modernen menschlichen Ethik angepasster, weniger wi‐ dersprüchlich. Zeitgemäß, den aktuellen Stand wissenschaftlicher Er‐ kenntnisse berücksichtigend, in ihrer Doktrin eventuell sogar säkular und staatsfern. Sie wären ein Produkt des Kulturkreises, in dem sie entstanden sind, genau wie die jetzigen, überlieferten Religionen. Doch es scheint grundsätzlich sicher, dass Religion als Idee wie‐ derkommen würde. Ich sehe darin den fehlenden Sargnagel der Reli‐ gionen: neben ihrer unzeitgemäßen Ethik, ihren wissenschaftlichen Ir‐ rungen und ihrer realitätsleugnenden Dogmatik entspringen sie einem psychischen Bedürfnis des Menschen, und davon kann man genauso süchtig werden wie von Spiel- oder Sexsucht. Um den Schlüssel zum religiösen Gefühl zu diskutieren, muss ich das religiöse Gefühl zunächst abgrenzen. Ich meine damit weder kon‐ krete religiöse Inhalte noch organisierte Religionen sondern das, was den Einzelnen an der Religion anspricht. Warum es uns logisch er‐ scheint, dass alles einen Anfang, eine Schöpfer haben muss, und die Angst vor der Vorstellung, dass es niemanden gibt, den man sich durch Gebet oder Opfergaben kooperativ machen kann. Denn darum 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 134 geht es in der Religion: den Wunsch nach Kontrolle des Geschehens und zuweilen des Mitmenschen. Hier muss eine Erklärung her. Wenn ich mit naturwissenschaftli‐ chen Fakten und Logik bei Gläubigen nichts bewirken kann, dann bie‐ ten sich mir grundsätzlich zwei Erklärungsansätze an. Zum einen kann ich ganz einfach falsch liegen. Das sollte man nie ausschließen, und dennoch meine ich dargebracht zu haben, dass die Fakten und die Logik auf meiner Seite sind und keine der theistischen Positionen un‐ terstützen, weder was die Existenz eines Schöpfers angeht, noch seine näheren Eigenschaften und Erwartungen an uns, die in den Religionen so selbstverständlich gelebt werden. Und ich hoffe auch dargelegt zu haben, dass ein menschlicher Ursprung von heiligen Schriften oder re‐ ligiösen Geboten wesentlich wahrscheinlicher ist. Zum anderen kann die Erklärung, warum Menschen im Angesicht moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auf ihren religiösen Ansichten beharren und seit Jahrtausenden die Logik der Gegenargu‐ mente ignorieren, einfach in der Psyche des Menschen liegen. Genau‐ er: in den evolutionär gewachsenen Mechanismen des menschlichen Gehirns, das sich bemüht, die Welt zu begreifen, Erklärungen zu fin‐ den und Naturkatastrophen durch rituelle Tänze oder Menschenopfer abzuwehren. Es gibt genug Gebiete, auf denen Logik keine Rolle spielt, und oft‐ mals reiten Apologeten dann darauf herum, um auf die begrenzte Gül‐ tigkeit der Logik zum Beispiel in der Liebe hinzuweisen. Natürlich kann ich mir Liebe erklären als evolutionäres Mittel der Partner‐ schaftsbildung, um Nachwuchs zu zeugen; das „Kuschelhormon“ Oxy‐ tocin wird in entsprechenden Situationen nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Hunden und Katzen ausgeschüttet, denn das Leben auf der Erde ist nun mal aus einem Guss. Gleichzeitig befindet sich der menschliche Geist im Würgegriff eines Urtriebes, der alles andere in den Schatten stellt: dem Drang nach Geschlechtsverkehr, denn Nach‐ wuchs will gezeugt werden. Hätten wir diesen Trieb nicht, wären wir wohl schon ausgestorben wie so viele andere Spezies. Der chinesische Panda beispielsweise arbeitet derzeit darauf hin (oder gerade nicht). Hat man noch nie Geschlechtsverkehr gehabt, gewinnt dazu oftmals der Drang nach Monogamie, weshalb besonders jungfräuliche Artge‐ 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 135 nossen oftmals eine romantisierte und idealisierte Vorstellung von Lie‐ be haben.* Doch alle Wissenschaft kann das Gefühl nicht beschreiben, ver‐ liebt zu sein. Gefühle sind subjektive Empfindungen. Manche kann man messen oder in einem Magnetresonanztomographen sichtbar machen, aber sie überwältigen das Individuum, wann immer es sie er‐ lebt. Man kann Physik studiert haben und sich beim Küssen trotzdem fühlen wie eine Rakete im Flug. Dass das so ist liegt daran, dass jener Blumenkohl zwischen unse‐ ren Ohren sich evolutionär nur so weit entwickelt hat, wie es uns als Spezies zum Überleben nützte. Zugegeben, Sprache und Schrift sind als evolutionäre Errungenschaften ein ziemlicher Hammer, aber sie sind auch alles andere als fehlerfrei. Denken Sie nur an den Unter‐ schied zwischen dem was Sie sagen und dem, was der andere aufge‐ nommen hat. Immer kostet es viel Mühe und Aufwand, bei den Fakten zu bleiben, und Fehler und Impulse laden nur zu sehr dazu ein, es sich zu einfach zu machen. Sprache und Schrift haben es uns Menschen aber ermöglicht, Kenntnisse und Fertigkeiten von nie dagewesenem Detailreichtum in kurzer Zeit von Gehirn zu Gehirn zu transportieren. Da es sie gibt, muss niemand von uns zu Beginn seines Lebens erneut das Rad erfin‐ den, die Speerschleuder, das Feuermachen, koordinierte Jagdtechniken oder Worte mit komplexen Inhalten wie „Vertrauensverlust“, „Sieger der Herzen“ oder „Jahresabschlussbericht“. Wir lernen es von anderen, und das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Individuum darauf basierend der Menschheit etwas Neues bietet. Es ist die Basis des Fort‐ schritts. Life is a remix. Wir müssen jedoch auch bedenken, dass nicht nur richtige Ideen sich verbreiten. Der Mensch hat keinen automatischen Schutz gegen falsche Ideen – Ideen können sich verbreiten, wenn sie nur auf den ersten Blick logisch erscheinen, wenn sie die Gruppe zusammen‐ schweißen oder wenn es das Individuum kurzfristig glücklich macht, sie zu verbreiten. * Das äußert sich dann auch darin, dass die katholische Kirche allen Ernstes Ehebera‐ tungsstellen betreibt, die mit Priestern oder Klosterbrüdern besetzt sind. Wer auf der Welt, der nach 35 Jahren vor den Trümmern seiner Ehe steht, braucht dazu die Meinung einer Berufsjungfrau? 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 136 Hier sind elf Dinge, die am Gehirn nicht stimmen und zu irratio‐ nalem Verhalten einladen. 1. Der Zirkelschluss 2. Confirmation bias – der Bestätigungsfehler 3. Hindsight bias – der Rückschaufehler 4. Beeinflussbarkeit 5. Das Gehirn bevorzugt falsch-positive Schlüsse 6. Kognitive Dissonanz 7. Der Wunsch nach Kontrolle 8. Befehl von ganz oben – Legitimation durch übergeordnete Autori‐ tät 9. Religion als Drogenrausch 10. Religion als Krankheit 11. Prägung Ich habe in Diskussionen mit religiösen Menschen unterschiedlichen Schweregrades die Feststellung gemacht, dass kein Argument seitens der Apologeten die strengen Kriterien eines wissenschaftlichen Dis‐ kurses erfüllen würde. Entweder man argumentiert mit seinem subjek‐ tiven Empfinden („ich glaube halt daran“), oder man wagt sich auf das Terrain eines rationalen Diskurses, was aber selten in etwas Anderes mündet als in die gleiche Subjektivität bei der Quellenauswahl, das ab‐ sichtliche Missverstehen wissenschaftlicher Konzepte, tatsächliche wis‐ senschaftliche Ahnungslosigkeit oder schlicht in Lügen. Schauen wir uns den Schaden einmal an. Der Zirkelschluss Einer der gefährlichsten Denkfehler, denn so offensichtlich er ist, so einladend ist er auch, denn er macht glücklich. Selten tritt er in so ein‐ facher Form auf wie „Der Koran ist das unverfälschte Wort Gottes, und wir müssen ihm gehorchen. Das steht im Koran!“ Die chronische Überbewertung des Koran und Mohammeds laden die Gläubigen jederzeit ein, solche Zirkelschlüsse zu begehen, die Tat‐ 3.1 3.1 Der Zirkelschluss 137 sache zu ignorieren, dass man damit so manches beweisen könnte* oder sie schlicht nicht als solche wahrzunehmen. Was immer Moham‐ med an Gewalttaten begangen hat, sie waren gut, denn sie waren von ihm, dem perfekten Menschen. Und er ist perfekt, weil er all diese von Gott beauftragten Taten begangen hat, die zweifellos gut und richtig waren, denn er tat sie ja, der perfekte Mensch, und er war perfekt, weil… Im Christentum existiert Gott, weil die Bibel sagt, dass er existiert, und die Bibel ist das inspirierte Wort Gottes, und daher muss er exis‐ tieren, denn die Bibel sagt es, und die Bibel ist von Gott inspiriert, und das könnte sie nicht sein, wenn er nicht existiert, also existiert er. Sie können an jedem beliebigen Punkt dieses Zirkelschlusses einsteigen und die gedankliche Karussellfahrt ad nauseam mitmachen. Wenngleich es in der Thermodynamik kein Perpetuum mobile gibt, in der menschlichen Psyche existiert es. Confirmation bias – der Bestätigungsfehler Die Mutter aller Denkfehler. Es handelt sich um die Neigung, sich die Argumente auszusuchen, die die eigene These stützen, und alle Gegen‐ argumente auszublenden oder zu ignorieren. Damit kann man alles beweisen – man muss es nur solange tun, bis man emotional überzeugt ist. Indem der moderne Gläubige sich nur Bibelstellen aussucht, die Vergebung und Feindesliebe predigen, gelangt er zu dem Schluss, dass in der Bibel nur Wertvolles, Edles und Barmherziges stünde. Um ein realistisches Bild der Bibel zu erhalten, darf man aber die hässlichen Stellen nicht weglassen, zum Beispiel wenn Gott zum Völkermord an den Amalekitern aufruft wie in Deuteronomium 25:19: „Wenn der Herr, dein Gott, dir von allen deinen Feinden ringsum Ruhe verschafft hat in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, damit du es in Besitz nimmst, dann lösche die Erinnerung an Amalek un‐ ter dem Himmel aus! Du sollst nicht vergessen.“ 3.2 * Dazu gibt es die Serviettenreligion. Die Serviettenreligion ist die einzig wahre Reli‐ gion, das steht auf der heiligen Serviette. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 138 Ein anderes Beispiel ist der beliebte Taufspruch „Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und bringe dich an den Ort, den ich bereitet habe“ aus Exodus 23:20. Hier spricht Gott zu Moses, der die Israeliten durch die Wüste führt, und es klingt nach Schutz und Geborgenheit. Zumindest, wenn man hier zu lesen aufhört. Gott spricht nämlich weiter zu Moses: „Darum hüte dich vor seinem Angesicht und gehorche seiner Stimme und erbittere ihn nicht; denn er wird euer Übertreten nicht vergeben, und mein Name ist in ihm. Wirst du aber seine Stimme hören und tun alles, was ich dir sagen werde, so will ich deiner Feinde Feind und deiner Wi‐ dersacher Widersacher sein. Wenn nun mein Engel vor dir her geht und dich bringt an die Amoriter, Hethiter, Pheresiter, Kanaaniter, Heviter und Jebusiter und ich sie vertilge, so sollst du ihre Götter nicht anbeten noch ihnen dienen und nicht tun, wie sie tun, sondern du sollst ihre Götzen umreißen und zerbrechen… Ich will meinen Schrecken vor dir her senden und alles Volk verzagt ma‐ chen, dahin du kommst, und will dir alle deine Feinde in die Flucht geben. Ich will Hornissen vor dir her senden, die vor dir her ausjagen die Heviter, Kanaaniter und Hethiter. Ich will sie nicht auf ein Jahr ausstoßen vor dir, auf daß nicht das Land wüst werde und sich wilde Tiere wider dich mehren; einzeln nacheinan‐ der will ich sie vor dir her ausstoßen, bis du wächsest und das Land besit‐ zest. Und will deine Grenze setzen von dem Schilfmeer bis an das Philis‐ termeer und von der Wüste bis an den Strom. Denn ich will dir in deine Hand geben die Einwohner des Landes, dass du sie sollst ausstoßen vor dir her. Du sollst mit ihnen oder mit ihren Göttern keinen Bund machen; sondern lass sie nicht wohnen in deinem Lande, dass sie dich nicht ver‐ führen wider mich. Denn wo du ihren Göttern dienst, wird dir's zum Fall geraten.“ Wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist, erinnert die Legitimation, die der Herrgott hier dem lieben Moses als oberstem Führer der Israeliten gibt, sehr an den Moralkodex des Islamischen Staates. Auch sie vertrieben Bewohner aufgrund religiöser Differenzen, zerbrachen ihre Heiligtü‐ mer oder historische Statuen wie im syrischen Palmyra oder wie die Taliban im Jahre 2001, als sie die Buddha-Statuen von Bamyan aus dem Fels sprengten. Sie gaben „sich die Einwohner des Landes in die Hand“, was eine Schönfärberei für Versklavung ist, wie es bei den Jesi‐ den im Nordirak geschah, und machten „mit ihnen und ihren Göttern keinen Bund“, tolerierten also andere Glaubensrichtungen nicht. Der Islamische Staat wendete hier dann das islamische Recht an, das für 3.2 Confirmation bias – der Bestätigungsfehler 139 Ungläubige entweder die Flucht, die Kopfsteuer Jizya (explizit als De‐ mütigung gedacht) oder ihre Tötung vorsieht. Den Beginn dieser Passage als Taufspruch zu talismanähnlichem Schutz zweckzuentfremden ist zwar ethisch wesentlich verträglicher als ihn in die Tat umzusetzen, aber es zeugt doch von einem unauf‐ richtigen Verhältnis zur Schrift und ist wenig geeignet, einen korrekten Eindruck von der Schrift und ihren Inhalten zu geben. Wer nur die Passagen zitiert, die ihm gefallen, und den Rest ignoriert, kann nicht behaupten, dass der christliche Gott ein Gott der Liebe und Barmher‐ zigkeit wäre, oder dass die Bibel allgemein ein Buch von erhabener Ethik sei. Ein ehrliches Verhältnis zur Schrift, so leid es mir tut, besteht darin, 1) die Schrift entweder in ihrer Gänze ernst zu nehmen und sich zu gebärden wie eine fundamentalistische Terrorgruppe oder 2) sich einzugestehen, dass der Schöpfer des Universums den Kampf gegen den Unglauben eigentlich von Ihnen verlangt, und dass das Problem bei Ihnen liegt, wenn Sie dem nicht nachkommen. Was darf es also sein, Extremismus oder Unaufrichtigkeit? Ich bie‐ te Ihnen eine dritte Option an: Nehmen Sie’s in Anlehnung an Cole‐ ridge mit willentlichem Aussetzen der Gläubigkeit. In diesem gespaltenen Zustand zwischen Option eins und zwei aber befindet sich die islamische Welt gerade – Option drei scheint den meisten schlicht indiskutabel. Die Mehrheit der Muslime möchte in Frieden leben, aber es gibt immerhin einen zweistelligen Prozent‐ satz von Glaubensgenossen, die eine striktere, wortgetreuere Ausle‐ gung der heiligen Schrift fordern und den Gemäßigten vorwerfen, kei‐ ne richtigen Muslime zu sein, wenn sie diese Ansicht nicht teilen. Sie machen dem Durchschnittsmuslim (der seine Religion immer noch ernster nehmen dürfte als der durchschnittliche CSU-Wähler) laufend ein schlechtes Gewissen und können sich dabei jederzeit auf die Heili‐ ge Schrift berufen. Es gibt sogar einen koranischen Ausdruck für das halbherzige Muslimsein: Munafiq, also Heuchler. Die Sure 63 ist nach ihnen benannt und attestiert ihnen, für den Glauben schlimmer zu 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 140 sein als erklärte Feinde des Islam, da sie ihn verwässern und aufwei‐ chen, also die Reinheit des Din (des Glaubens) gefährden. Der algerische Astrophysiker Nidhal Guessoum sieht eine Versöh‐ nung von Islam und Wissenschaft, indem er Sure 2, Vers 111 vorbringt (immerhin die 91ste in Nöldekes Reihenfolge): "Bringt euren Beweis her, wenn ihr wahrhaftig seid!" Damit, so Guessoum, mache der Koran auf die Gefahren des Mutma‐ ßens ohne Beweise aufmerksam, und er sieht darin ein Argument da‐ für, gute Wissenschaft zu betreiben.29 Nur lautet der ganze Text leider: „Bringt euren Beweis her, wenn ihr wahrhaftig seid! Und sie [die Juden und Christen] sagen: ‚Es wird niemand in das Paradies eingehen außer Juden und Christen.‘ Dies sind Wunschvorstellungen. Sprich: ‚Bringt eu‐ ren Beweis her, wenn ihr wahrhaftig seid!‘" Das hat mit einer wissenschaftsfreundlichen Haltung des Korans über‐ haupt nichts zu tun. Es ist Russels Teekanne seitens des Koran (die Ju‐ den und Christen können ihre Behauptungen weder belegen noch wi‐ derlegen) und ein Bestätigungsfehler seitens Herrn Guessoum, sonst nichts. Aus atheistischer Sicht ist es geradezu putzig, wenn Gläubige von anderen Religionen handfeste Beweise für ihre Behauptungen ver‐ langen, während man selbst weiß, dass keine Religion sie hat und auch die Gläubigen für ihre Religion nichts vorlegen können als ihre Be‐ hauptungen. Bei dem Versuch, die Richtigkeit des Islam zu beweisen, offenbaren die Apologeten eigentlich nichts anderes als wissenschaftli‐ che Ahnungslosigkeit und Hysterie, und ich finde es immer wieder er‐ staunlich, dass Menschen ihnen das tatsächlich abkaufen. Das dürfte einerseits daran liegen, dass diese Jungs sehr entschlossen auftreten. Zum anderen daran, dass ihre Zuhörer den gleichen Denkfehler ma‐ chen. Zamzam In der Heiligen Moschee in Mekka entspringt eine Quelle, deren Was‐ ser aufgrund ihrer prominenten Lage selbstverständlich gar nicht an‐ ders kann, als einfach alles zu können. Menschen reiben sich Wunden damit ein, trinken es und schenken es sich gegenseitig in den besten Absichten. 3.2 Confirmation bias – der Bestätigungsfehler 141 Im Jahre 2010 beschlossen zwei Wissenschaftlerinnen aus Riad na‐ mens Dr. Nour Al Zuhair und Prof. Rita Khounganian, der Sache mit wissenschaftlichen Methoden auf den Grund zu gehen, oder zumin‐ dest was sie dafür hielten. Sie machten eine Ionenanalyse des Zamzam- Wassers und verglichen die Ergebnisse mit denen einer Probe Lei‐ tungswasser aus Riad.30 Bei der Lektüre der Veröffentlichung fiel mir auf, dass das Zamz‐ am-Wasser schon mal den Grenzwert für Nitrat überschreitet, der in der deutschen Trinkwasserverordnung festgelegt ist. Die BBC hat in einer weiteren Analyse darüber hinaus bedenkliche Mengen Arsen festgestellt, das in der ursprünglichen Analyse nicht berücksichtigt worden war.31 Viel wichtiger aber ist: man erreicht kein wissenschaftliches Ziel, indem man die Ionengehalte von Zamzam-Wasser und riader Lei‐ tungswasser einfach stumpf gegenüber stellt. Es war keine Fragestel‐ lung vorhanden, und daher gab es außer den Messergebnissen auch keinerlei wissenschaftliche Erkenntnis. Was wie ein Schülerprojekt in der achten Klasse anmutet, damit sie mal in der Wissenschaft schnuppern dürfen, wurde hier von einem Team aus promovierten und habilitierten Medizinerinnen ausgetüftelt. Der Vergleich der Messergebnisse brachte keine andere Erkenntnis zu‐ tage als (Sie haben es erraten): Das Wasser im Brunnen und das Was‐ ser in der Leitung waren im Rahmen der Messgenauigkeiten identisch, gegenüber dem Leitungswasser aus Riad jedoch signifikant anders. Was nicht überraschen sollte, sind Mekka und Riad doch schließlich durch 900 Kilometer Wüste getrennt und dürften schwerlich die glei‐ che Wasserzusammensetzung haben. Ich weiß nicht, ob die Damen gute Medizinerinnen sind; wenn ja, könnten sie sich für die Dürftigkeit dieser Veröffentlichung tatsächlich geschämt und sie aus einer religiösen Notwendigkeit heraus angefer‐ tigt haben. Was wiederum zeigt, dass Wissenschaft in einem von der Religion dominierten Umfeld immer zu einer Karikatur ihrer selbst verkommt. Hätten die Damen überhaupt herausfinden können, dass der Nitratgehalt des Zamzam-Wassers unverträglich hoch ist? Hätten sie das veröffentlichen dürfen? Konnte bei dieser Untersuchung über‐ haupt etwas anderes herauskommen, als dass Zamzam von spezieller 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 142 Natur ist? In der religiös dominierten Welt der Wahhabiten hätte es gar kein anderes Ergebnis geben dürfen. Der Physiker Richard Feynman prägte für diese Art wissenschaft‐ licher Betätigung einmal den Begriff Cargo-Cult-Wissenschaft. Er meinte damit das Imitieren wissenschaftlicher Handlungsabläufe ohne ein tatsächliches Verständnis der Vorgänge oder der Erfordernisse.* Es ist leitmotivisch für alle totalitären Ideen, dass die wissenschaft‐ liche Forschung kontrolliert werden muss. Vom Lyssenkoismus des stalinistischen Russlands (jeder Organismus kann durch harte Bedin‐ gungen verändert werden, der Gedanke an Gene und Erbgut ist unso‐ zialistisch) über die Deutsche Physik des Dritten Reiches (die Relativi‐ tätstheorie ist Blödsinn, weil Einstein Jude war), über Nordkorea bis hin zu den Theokratien des Nahen Ostens fürchten die Despoten den ungetrübten, skeptischen Blick des Wissenschaftlers, so dass man sich zunächst seine Arbeit und schließlich den Wissenschaftler selbst zur Konformitätsprüfung auf den Schreibtisch legt. Und bei der Gelegen‐ heit macht man sich die Wissenschaft auch gleich zunutze, indem man das Ergebnis ihrer Forschungen vorgibt und es ihnen lediglich über‐ lässt, den Weg dahin zu finden. Die Folge ist immer und überall ein Brain Drain, das Abwandern der Kompetenten hin zu besseren Mög‐ lichkeiten, weshalb sich die Partei Erdogans im Sommer 2016 auch ge‐ nötigt sah, türkischen Hochschulwissenschaftlern künftig Auslandsrei‐ sen zu verbieten.32 Die weniger Kompetenten bleiben und werden vom System absorbiert, denn mehr verträgt es nicht, und schließlich sinkt das Niveau der Veröffentlichungen auf eine simple Ionenanalyse von Zamzam-Wasser. Wenn Akademiker nur noch das wissenschaftliche Handwerk, aber nicht mehr die wissenschaftliche Methode anwenden dürfen, ist eine Religion oder eine Politreligion im Spiel, und das Spiel heißt confirmation bias. Vernunft im Islam Wo wir gerade bei Wissenschaft sind: Die pakistanischstämmige Isla‐ mapologetin Khola Maryam Hübsch turnt gelegentlich schnellredend * Falls Sie den Begriff Cargo Cult noch nicht kennen: es lohnt sich, ihn zu recherchie‐ ren. 3.2 Confirmation bias – der Bestätigungsfehler 143 durch die Talkshows der Nation und ist immer die Erste wenn es darum geht, sich für den Islam in die Bresche zu werfen. Eines ihrer Lieblingsargumente ist: Der Koran sei sehr wissenschaftsfreundlich, denn immerhin bestünde ein Achtel des Korans aus der Aufforderung, seine Vernunft zu gebrauchen. Das wäre für eine monotheistische Reli‐ gion in der Tat erstaunlich, und da außergewöhnliche Behauptungen auch außergewöhnliche Erklärungen benötigen, ist die Sache daher umso mehr eine Prüfung wert. Wahrscheinlich zitiert Frau Hübsch hier den pakistanischen Physi‐ ker Abdus Salam, der im Jahre 1979 zusammen mit Steven Weinberg und Sheldon Glashow den Nobelpreis für Physik erhielt.* Er hielt im Jahre 1984 in Paris eine Rede, in der er genau diese These aufstellte, und er ist ebenfalls Ahmadiyya wie Frau Hübsch. Salam spricht von 750 Versen im Koran, die die Aufforderung enthielten, seine Vernunft zu gebrauchen. In besagter Rede vor der UNESCO im Jahre 1984 zi‐ tierte Abdus Salam konkret und exemplarisch die folgende Stelle.33 „In der Schöpfung der Himmel und der Erde und in dem Unterschied von Nacht und Tag liegen wahrlich Zeichen für diejenigen, die Verstand besitzen, die Allahs stehend, sitzend und auf der Seite (liegend) gedenken und über die Schöpfung der Himmel und der Erde nachdenken: „Unser Herr, Du hast (all) dies nicht umsonst erschaffen. Preis sei Dir! Bewahre uns vor der Strafe des (Höllen)feuers.“ Sure 3, Vers 190 - 191 Als ich auf der Website Islam.de den Begriff „Vernunft“ in die Suchma‐ schine eingab, erhielt ich keinen einzigen Treffer. Es könnte eine Frage der Übersetzung sein, dachte ich mir, und gab im Folgenden einige Synonyme ein. Das beste Ergebnis produzierte der Begriff „Verstand“ mit 22 Treffern. Das ist von einem Achtel des Korans noch weit ent‐ fernt, aber damit sind wir noch lange nicht am Ende. Denn so gut wie alle Stellen, in denen der Begriff Verstand im Koran auftauchte, hatten immer dasselbe Schema wie die von Abdus Salam zitierte Stelle: Allah hat den Regen/die Sonne/die Datteln gemacht, und wer‘s nicht glaubt, kommt in die Hölle. Hierin sind Zeichen für die, die „Verstand“ besit‐ zen. Das ist mentale Erpressung und sonst nichts. Wenngleich ich * Ein Jude, ein Pakistani (in Indien geboren) und ein weißer Amerikaner namens Sheldon, die sich mit theoretischer Physik beschäftigen. Man meint zu erkennen, woher die Autoren der Big Bang Theory ihre Inspiration hatten. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 144 mich freue, dass Herr Salam diesen Vers so wissenschaftsfreundlich auslegt, kann man das leider nicht auf die gesamte Umma (= die welt‐ weite Gesamtheit der Muslime) übertragen. Der Koran liefert keine wissenschaftlichen Fakten und gibt auch keine Zeichen, die mit fortschreitender Erkenntnis auf seinen göttli‐ chen Ursprung hinweisen; was will man auch mit Zeichen. Der Koran beschreibt Phänomene der Natur und erklärt sie zu Allahs Werk, und wer schlau ist, akzeptiert diese Argumentation. Der Koran meint es gut mit uns. Mit dem Gebrauch der Vernunft hat das nicht das Ge‐ ringste zu tun, es ist das genaue Gegenteil. Es ist eine Aufforderung, seine Skepsis über Bord zu werfen und sich von Dingen überzeugen zu lassen, die im Koran nichts beweisen, sondern einfach stumpf zum Be‐ weis erklärt werden. Und wenn der Koran sagt, dass es ein Beweis ist, dann ist es ein Beweis! Immerhin ist es der Koran! Und er hat recht, denn es ist voller Beweise dafür, dass er recht hat! Das wird der Grund sein, warum die islamische Welt auf dem Gebiet der Naturwissen‐ schaften so erbärmlich abschneidet.* Der Koran ist nun mal nicht der Beweis, sondern bloß die Behauptung; wer das nicht mehr unterschei‐ den kann, darf sich ein wahrer Muslim nennen. Was auch der Grund sein dürfte, warum ich in meiner Eigenschaft als Administrator der Facebook-Seite Die Atheisten schon „Beweise“ vorgelegt bekam wie: „Selbst das Wort Atheist beinhaltet den ersten Buchstaben ‚A‘ wie ALLAH!“. Versuchen Sie sich einen Kulturkreis vorzustellen, in dem niemand schlauer sein darf als das, weil er sich sonst über den Koran und Allah erhöht, die ihm ja klipp und klar vor‐ geben, was ein Beweis ist und wo die satanische Verführung anfängt. Das ist das islamische Ideal. Wenn ich dann antworte mit „Antisemit, Apostat, Armleuchter fangen auch alle mit A an. Beweist das auch et‐ was?“, dann bin ich eine Prüfung seines Glaubens, mehr nicht. * Von den 486 naturwissenschaftlichen Nobelpreisen, die bis 2017 verliehen wurden, gingen drei an Muslime, von denen es immerhin 1,6 Milliarden gibt. Die rund 15 Millionen Juden der Welt haben im gleichen Zeitraum 143 Nobelpreisträger auf be‐ sagten Forschungsgebieten produziert. Man mag damit argumentieren, dass große Teile der islamischen Welt nun mal zur Dritten Welt gehören, aber wohlhabende is‐ lamische Länder wie Singapur, Saudi-Arabien oder Malaysia gleichen da nichts aus. Es gibt kein Nobelpreisgefälle innerhalb der islamischen Welt – es gibt ein Nobel‐ preisgefälle zwischen der islamischen Welt und dem Rest der Menschheit. 3.2 Confirmation bias – der Bestätigungsfehler 145 Und es drängt sich die Frage auf, ob Frau Hübsch die Sache mit der Vernunft im Koran selbst nicht durchschaut oder schlichtweg gelo‐ gen hat. Wahrscheinlich ist ihr jedes Mittel recht, den Koran und den Islam gut dastehen zu lassen, denn sie weiß ja, dass sie gut sind, und die Begründung findet sich dann. Das ist der confirmation bias, ohne den religiöse Überzeugungen nun mal nicht auskommen. Hindsight bias – der Rückschaufehler Rückschaufehler bedeutet, im Nachhinein in der Heiligen Schrift eine Prophetie zu entdecken, die angeblich die Gegenwart beschreibt. Sie kann aber immer erst im Nachhinein gemacht werden, da man vorher einfach nicht wusste, wonach man in der Heiligen Schrift hätte suchen sollen. So findet man auch Wissenschaft im Koran: immer erst nach der eigentlichen Entdeckung durch richtige Wissenschaftler. Nie hat es sicher und unzweifelhaft zu deutende Zeichen gegeben, mit denen sich etwas fehlerfrei vorhersagen ließ. Nachher war man immer schlauer. Selbst der Großteil der gemäßigten Muslime ist der Meinung, der Islam sei perfekt, aber Menschen nicht. Der Koran ist das Wort Gottes, Mohammed der vollendetste Mensch, der je gelebt hat. Der Islam hat es geschafft, sich selbst für so unanfechtbar und überlegen zu erklären, dass Menschen die merkwürdigsten Verrenkungen auf sich nehmen, um diesem Bild gerecht zu werden. „Wir haben Eisen vom Himmel gesandt“ ist ein Beweis, dass der Koran das Wort Gottes sei, denn die Sure 57, in der diese Worte ste‐ hen, ist ja nur eine Einheit vom Atomgewicht von Eisen entfernt. Das sei angeblich ein Zeichen.34 Oder man sieht einen Grabenbruch auf einem Foto des Mondes und weiß ganz sicher, dass die Geschichte von Mohammed, der den Mond gespalten und wieder zusammengesetzt haben soll, wirklich stattgefunden hat. Und man hat dabei nie das Ge‐ fühl, sich lächerlich zu machen, denn die Gewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen, macht immun gegen Zweifel. Schlimmer noch: im An‐ gesicht von noch so guten Argumenten standhaft zu bleiben, ist in der Religion eine Tugend. Man kann hier sogar die eine Religion gegen die andere ausspielen. Ein Muslim argumentiert zum Beispiel, dass Mohammed den Mond 3.3 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 146 gespalten und wieder zusammengesetzt habe, und man kann mit Tele‐ skopen auch eine Narbe auf dem Mond erkennen. Somit ist der Fall klar: der Koran ist Gottes Wort und der Islam damit die richtige Reli‐ gion (so leicht sind manche tatsächlich zu überzeugen). Gegenargu‐ ment: in der biblischen Offenbarung des Johannes fällt ein Stern auf die Erde, der die Wasser vergiftet und bitter macht; und der Name des Sterns ist Wermut. Wermut heißt auf Russisch Tschernobyl. Der Fall ist klar, die Bibel ist das Wort Gottes. Wie konnte Johannes das sonst wis‐ sen? Zufall? Und welche der beiden Schriften ist jetzt die Wahrheit? Immerhin widersprechen sie sich direkt. Laut Bibel ist Jesus der Sohn Gottes – laut Koran kommt jeder in die Hölle, der Jesus als Gottessohn bezeichnet. Nun, was genau soll Johannes gewusst haben? Im April 1986 ist kein „Stern auf die Erde gefallen“, sondern eine Kernreaktion ist eska‐ liert. Man kann auch nicht argumentieren, dass es ja eine Kernreaktion war wie in der Sonne und allen anderen Sternen, denn es handelte sich um eine Kernspaltung, und in den Sternen findet Kernverschmelzung statt, also das Gegenteil. Darüber hinaus ist der kleinste Stern, den wir kennen (EBLM J0555-57Ab), immer noch etwa so groß wie der Sa‐ turn, und die Erde passt rund 850mal in diesen Stern hinein. Wie so ein Objekt „auf die Erde fallen“ soll, muss man jene Leute von damals fragen, die keine Ahnung hatten, was ein Stern eigentlich ist. Die Flüsse wurden nicht bitter, sondern radioaktiv, was auch nicht das gleiche ist wie giftig, und Tschernobyl ist nicht der Name des Wer‐ mutkrautes, sondern des Beifußes, der lediglich aus der gleichen Pflan‐ zenfamilie stammt und mit dem Wermut in etwa so verwandt ist wie die sprichwörtlichen Äpfel mit den Birnen (beides sind Rosengewäch‐ se). Sie sehen aber, wie einfach die Sache ist: da schreibt einer seine Halluzinationen nieder, die Sache wird durch menschliche Auswahl Teil eines gewaltigen Kanons an „göttlicher Überlieferung“, und den Rest macht unser Gehirn, denn es will überall Zusammenhänge sehen, egal ob da nun welche sind oder nicht. Wenn die wissenschaftliche Methode in der Evolutionsgeschichte des Menschen ein Selektionskri‐ terium gewesen wäre und nicht das Überreagieren, dann säßen wir heute nicht über solchen Fragestellungen, sondern würden mindestens eine bemannte Neptunmission planen. 3.3 Hindsight bias – der Rückschaufehler 147 Es ist natürlich beides nur Zufall. Die Narbe auf dem Mond ist die Rima Ariadaneus, ein 300 Kilometer langer Grabenbruch, der dadurch entstand, dass die dünne Kruste über zwei Bruchlinien eingesackt ist. Gehen Sie zum Vergleich auf Google Maps, schalten Sie auf Satellit und schauen Sie sich den Pazifik an. Sein Meeresboden sieht aus wie eine zerkratzte Billardkugel. Himmelskörper haben so etwas nun mal. In der islamischen Überlieferung steht auch nichts von einer Narbe auf dem Mond, die erst spätere Generationen mit guten Teleskopen entde‐ cken konnten, sondern nur von der Behauptung, Mohammed hätte den Mond gespalten. Der Rest wurde von devoten Gehirnen einfach passend gemacht. Es mag ein wenig unfair erscheinen, den Koran mit der Bibel zu widerlegen. Das ändert jedoch nichts daran, dass ein noch so schwa‐ cher Beweis für den Koran auch ein ebenso gültiger Beweis für die Bi‐ bel sein muss. Es sei denn, die Wahrhaftigkeit einer Religion hängt nicht von einer objektiven Betrachtung ab, sondern nur von der Hin‐ gabe des Gläubigen. Man kann ein objektives Argument jedoch nicht subjektiv belegen, denn damit erklärt man es zu einer Glaubensfrage. Nun aber ist die Zwickmühle da: wenn der Koran wegen der Spaltung des Mondes das Wort Gottes ist, dann ist die Bibel es wegen des Wer‐ muts auch, denn die Argumentation ist von vergleichbarer Qualität, wie etwa auch die Weissagungen des Nostradamus. Der wahrschein‐ lichste Sachverhalt: keines von beiden ist Gottes Wort, und No‐ stradamus hat ebenso halluziniert.* Nostradamus und seine Prophezeiungen sind bei näherer Betrach‐ tung ebenfalls reine Rückprojektionen des menschlichen Gehirns auf der Suche nach Zusammenhängen. In einem berühmten Vers sagt er angeblich Hitler voraus: * Ist es nicht erstaunlich, dass seine Prophezeiungen fast immer nur auf Ereignisse an‐ gewendet werden, die gerade erst geschehen sind? Selbst wenn er recht hätte, könn‐ ten die prophezeiten Ereignisse aus unserer Sicht bereits vor 300 Jahren stattgefun‐ den haben, und für eine Prognose in unsere, noch kommende Zukunft sind sie grundsätzlich zu vage. Nostradamus ließ sich nicht auf das Jahr 1939 oder 2001 fest‐ nageln, und daher gereichen seine Prophezeiungen bestenfalls zum Amüsement. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 148 „Wilde Bestien überqueren die Flüsse Der größere Teil des Schlachtfelds wird gegen/gegenüber Hister sein In einen eisernen Käfig wird der Große hineingezogen Wenn der Deutsche den jungen Rhein beobachtet.“ Das französische Wort encontre heißt „gegen“ oder „räumlich ge‐ genüber“. Viele derer, die von Nostradamus‘ Prophezeiungen über‐ zeugt sind, sehen im Wort Hister einen Fehler; sicher habe er Hitler gemeint. Wenn man schon anfängt Nostradamus zu sagen, was er ge‐ meint habe, dann ist die Übersetzung von encontre klar: der größte Teil des Schlachtfeldes wird gegen Hitler sein. Es sei allerdings angemerkt, dass Hister das lateinische Wort für die untere Donau ist. Es könnte also genauso gut heißen: „der größte Teil des Schlachtfeldes wird räumlich gegenüber der unteren Donau sein“. Oder ist damit tatsächlich die Donau gemeint, weil Hitler ja an der Donau geboren wurde? Nein. Er kam an der oberen Donau zur Welt, und die hieß auf Latein Danuvius. Indem die überirdische Heiligkeit der Bibel, des Koran und Mo‐ hammeds bereits die Voraussetzung dafür ist, dass jemand nach sol‐ chen Phänomenen sucht, findet er sie auch, oder bildet es sich zumin‐ dest ein. Immerhin ist der überzeugendste Lügner immer noch der, der es von sich selbst gar nicht weiß. Beeinflussbarkeit – dieser Abschnitt wird Ihnen schaden! Ende März 1983, kurz nach einer Tetanusimpfung, klagte eine Schüle‐ rin in Araba im Westjordanland über Atemnot und Schwindelgefühl. Da man auch den Geruch von faulen Eiern wahrnahm und das Offen‐ sichtliche ignorierte, nämlich die defekte Toilette der Schule, vermutete man schnell einen Giftgasangriff der Israelis. In den nächsten Stunden klagten weitere sechs Schülerinnen über ähnliche Symptome, am nächsten Tag waren es sechzig. Mittlerweile tauchten auch Flugblätter auf, in denen die Bevölkerung zum Kampf gegen die Besatzer aufgeru‐ fen wurde, denn „sonst würde es ihnen ja ergehen wie den Kindern in Araba“.35 Einige Tage später erkrankten im zehn Kilometer entfernten Dschenin 367 Kinder. Anfang April trat eine dritte Welle auf, so dass insgesamt 949 Personen erkrankten, die meisten davon weibliche 3.4 3.4 Beeinflussbarkeit – dieser Abschnitt wird Ihnen schaden! 149 Teenager, aber auch vier israelische Soldaten. Weder in den Luftmes‐ sungen noch im Blut der Betroffenen wurden Giftstoffe nachgewiesen. Da man auf einer Fensterbank in einer der Schulen ein gelbes Pulver gefunden hatte, wurde auf einen israelischen Giftanschlag geschlossen. Es handelte sich jedoch um harmlosen Blütenstaub. Die im Nahen Os‐ ten allgegenwärtige Aleppo-Kiefer hat ihre Pollenzeit zwischen März und April, und ihre Pollen sind gelb. Dennoch war der Schuldige wieder einmal klar: die Israelis. Ir‐ gendwo zwischen „Die zionistischen Verschwörer vergiften unsere Kinder“ und „die Menstruation unserer Mädchen soll zerstört werden, um Unfruchtbarkeit zu erzeugen“ (palästinensische Mediziner) fand dann auch Arafat persönlich einige Worte: es sei „Teil des Völkermords am palästinensischen Volk“. Tatsächlich gab es nicht einmal nach Un‐ tersuchungen des amerikanischen CDC irgendwelche Hinweise auf einen Einsatz von Giften, dafür aber genug Hysterie, um eine Justin- Bieber-Welttournee zu versorgen. Was wir bei diesem „Arjenyattah-Epidemie“ genannten Phänomen beobachten können, ist der sogenannte Nocebo-Effekt. Er ist seit An‐ fang der 1960er Jahre identifiziert, aber nicht annähernd so bekannt wie sein Bruder, der Placebo-Effekt. Knapp zusammengefasst: man kann einem Patienten eine Zuckerpille geben und behaupten, sie helfe gegen Kopfschmerzen, und bei einem gewissen Prozentsatz der Pro‐ banden wird das auch funktionieren (Placebo-Effekt). In einem Folge‐ schritt kann man den Probanden die gleiche Zuckerpille verabreichen und ihnen sagen, dass sie gegen Kopfschmerzen hilft, aber dass man davon auch Sodbrennen und kalte Füße bekommt. Und ein Prozent‐ satz der Probanden wird auch diese Symptome aufweisen, nur weil man ihnen zuvor davon erzählt hat. Das ist der Nocebo-Effekt. Wenn die Abneigung gegen die Israelis nur groß genug ist (und sie wird Kindern täglich gepredigt von Erwachsenen, die sie ihrerseits als Kinder ebenfalls schon eingetrichtert bekamen), dann ist es nicht schwer, einen solchen Effekt in der Bevölkerung zu erzeugen. Das Problem dabei: er ist real, auch wenn er keine materielle Ursache hat. Es ist eine kollektive psychische Störung, über Jahrzehnte aufgebaut durch ein endlos wiederholtes Bild eines vor nichts zurückschrecken‐ den, unmenschlichen und sehr heimtückischen Feindes, und dann je‐ derzeit ausgelöst durch fast nichts – selbst die jedes Jahr auftretenden 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 150 Kiefernpollen haben plötzlich einen andere Bedeutung als sonst und können nur bedeuten, dass die ganze Sache schon viel länger dauert, als man in seiner naiven Gutmütigkeit vermutet hätte – es muss in Wirklichkeit alles viel schlimmer sein! Denken wir an Elektrosmog. Ist das ein reales Phänomen? Lassen Sie mich so sagen: die Sprache ist die Grundvoraussetzung für Mei‐ nungsverschiedenheiten. Das Internet ist die Voraussetzung dafür, dass falsche Ideen sich genauso rasant ausbreiten können wie korrekte. Die Information selbst ist hilfreich, muss aber kompetent gedeutet werden. Vermeintliche Gefahren wie Elektrosmog bei Hochspannungsleitun‐ gen oder Infraschall bei Windkraftanlagen können allein dadurch zu einer Gefahr werden, dass man ihr vermeintliches Gefahrenpotential überhaupt diskutiert. Tut man es nicht, sondern verhängt eine Infor‐ mationssperre, um dem Nocebo-Effekt vorzubeugen, verheimlicht man in den Augen der Hysteriker die Wahrheit. Entweder die Men‐ schen werden hysterisch oder sie werden hysterisch. Ein weiteres Beispiel liefert asiatischer Kampfsport. Trotz der sehr hoch entwickelten Kampftechniken trägt einiges an diesen Sportarten übertrieben rituelle und pseudoreligiöse Züge. Der Aikido-Meister Yanagi Ryuken war auch in Japan wegen sei‐ ner großspurigen Behauptung umstritten, eine buddhistische Medita‐ tion habe ihm die Fähigkeit zur psychischen Beeinflussung seiner Kampfgegner gegeben. Und tatsächlich existieren Videos von ihm, in denen er ein halbes Dutzend Gegner, die sich auf ihn stürzen, nur mit vorgehaltener Hand zu lähmen scheint, so dass sie zusammenbrechen und umfallen. Der Trick dabei: nicht nur er glaubte an seine Kräfte, sondern auch seine Schüler. Nachdem er seinen Schülern jahrelang eingeredet hatte, dass er sie ohne körperliche Berührung zu Boden bringen könne (und anschei‐ nend lange genug nur noch gegen seine Schüler angetreten war), setzte er umgerechnet 3.500 Euro Preisgeld für denjenigen aus, der ihn besie‐ gen könne. Und so trat der damals 65jährige Yanagi Ryuken im Jahre 2006 gegen den eher durchschnittlich trainierten Journalisten Iwakura Tsuyoshi an, um seine übermenschlichen Kräfte an ihm zu demons‐ trieren. Nach etwa 50 Sekunden, die hauptsächlich aus Maßnehmen und aus nur zwei Attacken bestanden, kauerte der Großmeister mit blutender Nase am Rande der Kampffläche. So sieht es aus, wenn der 3.4 Beeinflussbarkeit – dieser Abschnitt wird Ihnen schaden! 151 Glaubende die Gemeinde der Glaubenden verlässt und sich mit Leuten anlegt, die seine Rituale nicht teilen. Seine Rituale und Überzeugungen erweisen sich dann als etwas, das sich viel zu lange verselbstständigt hat und nur noch Menschen beeindruckt, die die gleiche Entwicklung durchgemacht haben. Der Nocebo-Effekt wirkt nicht bei Leuten, die nicht daran glauben. Ein ähnlicher Fall ist aus China überliefert. Der Mixed Martial Arts-Kämpfer Xu Xiaodong hatte einige Wochen lang etwas Ähnliches getan wie der japanische Journalist: die ehrfurchtgebietende Aura der verehrten Meister ignoriert und sich an die physische Kampftechnik halten. Im April 2017 trat er gegen den Tai-Chi-Meister Wei Lei an und brachte ihn mit gezielten Faustschlägen in etwa 20 Sekunden zu Boden. Es entwickelte sich eine mediale Entrüstung gegen Xu Xiao‐ dong. Die Chinese Wushu Association, einer der größten Kampfsport‐ verbände Chinas, nannte den Kampf „eine Verletzung der Moral der Kampfkünste“. In einem Interview mit HBO sagte Xu Xiaodong: „Viele Jahre lang gab es in China nur sehr wenige, die das Betrügerische in den chinesischen Kampkünsten offenlegten. Nun habe ich das getan. Ich habe den Teich voll Benzin angezündet.“36 Xu Xiaodong musste kurzzeitig untertauchen, sein Weibo-Account (der chinesischer Twitter- und Facebook-Ersatz) wurde vom Staat ge‐ blockt. Es ist, als wäre man sich des betrügerischen Elements der Kampfkünste bewusst und wolle die Gruppendynamik aufrechterhal‐ ten, indem Kritiker zum Schweigen gebracht werden. Es ist der Glaube, der die Menschen dazu bringt, andere für unbesiegbar zu halten. Doch Menschen wie Xu Xiaodong achten dennoch auf den Mann hinter dem Vorhang. Da sie mit ihrer kritischen Prüfung aber der Gemein‐ schaft ihre kollektive Irrung vorhalten, werden sie immer unbeliebt sein, solange die Irrenden in der Mehrheit sind. Und nun denken wir an die unnachahmliche Art, mit der beson‐ ders in den schwarzen Gemeinden der USA das Christentum zele‐ briert wird. Nachdem der Zeremonienmeister die Zuschauer in genug religiöse Ekstase versetzt hat, genügt das Handauflegen in einer dyna‐ mischen Geste, um das Opfer (anders kann man es nicht nennen) wie durch einen Stromschlag bewusstlos zu machen. Mit einer dynami‐ schen Handbewegung fällt der ganze Saal ohnmächtig um (außer dem Kameramann natürlich, er muss das Wunder ja festhalten). Das be‐ 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 152 deutet aber nicht, dass daran etwas real wäre. Es ist psychosomatisch, sonst nichts. Unnötig zu sagen, dass die Sache umso leichter fällt, je in‐ tensiver die Menschen daran glauben – Skepsis immunisiert jedoch dagegen. Das Gehirn bevorzugt falsch-positive Schlüsse Wir Menschen sind Menschenaffen und neigen dazu, aus zu wenigen Informationen unzulässige Schlüsse zu ziehen. Sobald das menschliche Gehirn zwei Punkte sieht, muss es eine Gerade durch sie ziehen und schauen, wohin sie führt. Versuchen Sie mal, sich das zu verkneifen. Ein Türke hat eine Rechnung nicht bezahlt, ein halbes Jahr später hat ein anderer Türke seine Rechnung nicht bezahlt. Schlussfolgerung: Türken bezahlen ihre Rechnungen nicht. Dem können 20 unbezahlte Rechnungen von „Biodeutschen“ gegenüberstehen, und auch prozen‐ tual könnten die Türken ihre Rechnungen häufiger bezahlen als die Alteingesessenen. Trotzdem fallen sie manchem deutlicher auf.* Falsch-positive Schlüsse ziehen sich durch unser gesamtes Leben. Wenn zwei Ereignisse zeitlich dicht beieinander liegen, wollen wir un‐ bedingt einen Zusammenhang sehen. Wenn sie nur Randthemen eines größeren Themas sind, wollen wir trotzdem vermuten, sie seien ur‐ sächlich füreinander. Haben wir bereits eine Hypothese im Geiste for‐ muliert, dient fast alles zu ihrer Bestätigung. Hier kommt die Wissenschaft ins Spiel. Entgegen der landläufigen Meinung kommt es in der Wissenschaft nicht darauf an, Zusammen‐ hänge zu erkennen, sondern sich von dem Anschein eines Zusammen‐ hanges nicht täuschen zu lassen. Wissenschaft ist nicht weniger als die Kunst, Zusammenhänge sicher von zufälligem Rauschen zu unter‐ scheiden. 3.5 * Im Gegenzug gibt es aber auch viele Menschen, deren Überzeugungen sie davon ab‐ halten, Zusammenhänge zu erkennen. Wenn sie dann, um beim fiktiven Beispiel zu bleiben, aus tausenden von Fällen einen einzigen Türken auftreiben, der seine Rech‐ nungen tatsächlich bezahlt, glauben sie umgehend eine menschenverachtende Pau‐ schalisierung entlarvt und die Welt dadurch besser gemacht zu haben. Das ist ge‐ nauso armselig, denn es folgt dem Wunschdenken nicht minder, nur der Wunsch selbst ist ein anderer. 3.5 Das Gehirn bevorzugt falsch-positive Schlüsse 153 Der amerikanische Psychologe und Wissenschaftshistoriker Mi‐ chael Shermer hat ein beeindruckendes Beispiel dafür entwickelt, war‐ um das menschliche Gehirn zu falsch-positiven Schlüssen neigt. Stellen wir uns vor, wir seien ein Humanoide namens Lucy und stünden in der afrikanischen Steppe. Es raschelt im Gras. Das könnte entweder der Wind sein oder ein Raubtier. Wenn es ein Raubtier ist, wir aber arglos nur den Wind vermuten, sind wir Geschichte. Wir ha‐ ben dann einen falsch-negativen Schluss gezogen, denn wir haben et‐ was Wichtiges übersehen. Haben wir bis dahin noch keine Nachkom‐ men gezeugt, so ist mit uns ein Träger der Neigung zu falsch-negativen Schlüssen aus dem Genpool der Menschheit entfernt worden. Wenn wir aber, sobald das Gras raschelt, ein Raubtier vermuten, auch wenn es nur der Wind ist, dann werden wir nicht nur viel größe‐ re Überlebenschancen haben, sondern können diese Neigung auch an unsere Nachkommen weitergeben. Wir heutigen Menschen sind diese Nachkommen, denn es hat unseren Vorfahren mal einen Selektions‐ vorteil verschafft, falsch-positive Schlüsse zu ziehen und tendenziell über zu reagieren. Bedenken Sie, dass dieser Prozess einige Millionen Jahre gedauert hat. Genaugenommen dürfte er sogar so alt sein wie das Raubtier als Lebensweise, das wären dann etwa 500 Millionen Jah‐ re. In unserer heutigen Welt hat die Neigung, Dinge zu bemerken, die nicht da sind, keinen Selektionsvorteil mehr. Da es aber auch keinen Selektionsdruck gibt, der uns diese Neigung wieder austreiben würde, bleibt sie im Erbgut erhalten.* Das ist der Grund, warum wir schnell Beweise für etwas finden, wovon wir bereits überzeugt sind, aber sel‐ ten freiwillig und der Vollständigkeit halber nach Gegenargumenten suchen, denn das verunsichert nur und macht den Primaten in uns ungeduldig. Die Szene mit Lucy hat noch einen weiteren Aspekt. Der Wind ist nur ein Naturphänomen, das Raubtier aber, von dem eine konkrete Gefahr für unser Leib und Leben ausgeht, hat einen Willen. Wir nei‐ gen also nicht nur dazu, falsch-positive Schlüsse zu ziehen, wir unter‐ * Ein Selektionsdruck wäre zum Beispiel, wenn nur Wissenschaftler Kinder zeugen würden. Die Neigung zur gründlichen Prüfung eines Sachverhaltes, wenngleich sie mehr Zeit benötigt als Lucy in der afrikanischen Steppe für ihre Entscheidung hatte, würde sich dann im Erbgut der Menschheit anreichern. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 154 stellen auch gerne Absichten, wo keine sein müssen. Wenn Sie mor‐ gens unter der Dusche ausrutschen, dann Ihre Lieblingskaffeetasse fal‐ len lassen, der Wagen nicht anspringt und Sie bei Ankunft auf der Ar‐ beit erfahren, dass die lang ersehnte Beförderung an jemand anderen gegangen ist, Sie dann entnervt nach Hause gehen, sich mit ihrer Lieb‐ lingsserie auf Netflix von diesem Scheißtag ablenken wollen aber das Internet nicht funktioniert, dann werden Sie geneigt sein, die Faust ge‐ gen den Himmel zu schütteln, denn offensichtlich hat irgend ein Scherzbold da oben gerade Spaß an Ihrer Misere. Sie müssen nicht re‐ ligiös sein, um diese Neigung zu haben. Sie können Gott verantwort‐ lich machen, das Schicksal oder das Universum, aber eines ist klar: ir‐ gendetwas ist gerade gegen Sie und Ihre Pläne. Das Christentum und der Islam kanalisieren diese Neigung, indem sie sagen, Gottes Wege seien unerforschlich oder alles sei der Wille Allahs. In Wirklichkeit aber bestätigen sie damit nur indirekt diese Fehlleistung des Gehirns, anstatt sie zu entlarven und zu korrigieren, wie sie es als angeblich überlegene Systeme doch können sollten. Wer also aus Sicherheitsgründen dazu neigt, Raubtiere zu sehen, wo keine sind, wird gleichzeitig auch Willen und Intentionen sehen, wo keine sind. Hier hat das religiöse Gefühl seinen Ursprung. Hier setzten die Gedanken an Windgeister, Fruchtbarkeitsgöttinnen und Donnergötter in der menschlichen Wahrnehmung ein. Hier sahen un‐ sere Vorfahren eine Chance, ihre Lebensqualität zu verbessern, indem man sich diese Gottheiten gewogen machte. Idealerweise dadurch, dass man ein teures Opfer bringt, wie einen Eber oder die eigene Toch‐ ter. Voraussetzung dafür ist ebenfalls eine differenzierte Art zu kom‐ munizieren, denn abstrakte Konzepte wie Paradies oder Seele können ohne klar definierte Begriffe nur schwerlich von Gehirn zu Gehirn springen. Am Denkfehler selbst ändert das nichts – wir werden einen Willen vermuten, wo keiner ist, und wir werden versuchen, das Schicksal zu ändern, indem wir Dinge tun, die das Schicksal gar nicht beeinflussen können, und wir werden uns dann trotzdem einbilden, es hätte funktioniert. Sie werden sicher nachvollziehen können, dass ich am Menschengeschlecht zuweilen verzweifle. Hier stellt sich nun die Frage, ob weniger differenziert kommuni‐ zierende Spezies vielleicht Vorstufen von diesen „allzu menschlichen“ Neigungen haben. Und in der Tat kann man zum Beispiel bei Schim‐ 3.5 Das Gehirn bevorzugt falsch-positive Schlüsse 155 pansen einige Verhaltensmuster erkennen, die uns Menschen sehr be‐ kannt vorkommen dürften. Die berühmte Schimpansenforscherin Jane Goodall hat in Tansa‐ nia einen Großteil ihres Lebens unter Schimpansen verbracht. Anfang der Siebzigerjahre brach in ihrem Schimpansenclan eine Streitigkeit aus, die man beim besten Willen nur als Bürgerkrieg bezeichnen kann und die tatsächlich den Namen Schimpansenkrieg von Gombe trägt. Nach dem Tod des Seniormännchens Leakey kam es zu einem Streit in der Nachfolge. Humphrey übernahm den Clan, doch Hugh und Charlie wollten ihn als Anführer nicht akzeptieren. Die Gruppe zerbrach in zwei Lager, die sich vier Jahre lang erbittert bekämpften. Humphreys Gruppe würde Expeditionen in das Territorium von Hugh und Charlie unternehmen, und wenn sie auf eine einsame Patrouille des Gegners trafen, brachten sie sie um. Wenn es ein Weibchen war, können Sie sich das Vorspiel zur Tötung denken. Hier ging es nicht ums Fressen und nur bedingt um Territorialgefechte. Hier wurde aus ideologischem Hass getötet, misshandelt, vergewaltigt. Hier wurde of‐ fensichtlich gehasst und bestraft, und dieses Verhalten beobachten wir bisher nur bei Menschen und Schimpansen, nicht einmal bei Orang Utans oder Gorillas, die sich gewöhnlich mit Drohgebärden begnügen. Wenn es blitzt und donnert, verstecken sich die meisten Mitglieder eines Schimpansenclans davor. Das Alphamännchen hingegen muss die Herausforderung annehmen, reckt die Faust gen Himmel, schüttelt Bäume und wirft Steine, um wen auch immer damit zu beeindrucken, denn er vermutet einen Willen hinter dem Donner. Wenn Schimpan‐ sen ein differenzierteres Vokabular hätten und sogar Schrift besäßen, dann könnten sie ihren Göttern Namen geben und ihnen persönliche Historien andichten, so dass spätere Generationen diese Vorstellungen ungeprüft übernehmen können. Das ist der einzige Unterschied. Der initiale Denkfehler ist jedoch derselbe. Ein weiteres Beispiel für übersinnliche Mutmaßungen hat der amerikanische Verhaltensbiologe B. F. Skinner mit Tauben geliefert. Eine Taube in einer Skinner-Box bekam jedes Mal Futter aus einer Klappe, wenn sie eine bestimmte Taste drückte. Die Taube lernte schnell die Beziehung zwischen dem Drücken der Taste und dem Er‐ halten von Futter. Nun nahm Skinner die Taste weg und ließ die Klap‐ pe nach dem Zufallsprinzip in unregelmäßigen Abständen aufgehen. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 156 Es bestand nun absolut kein Zusammenhang mehr zwischen dem, was die Taube tun konnte, und dem Erhalten von Futter. Skinners Tauben taten etwas sehr Aufschlussreiches: sie merkten sich, welche Bewegun‐ gen sie ausgeführt hatten, als sie das letzte Mal Futter aus der Klappe erhielten, und wiederholten diese Bewegungen fortan. Sie schienen zu denken, dass es der Schritt nach links war, oder die Pickbewegung, oder die halbe Drehung nach rechts, die das Öffnen der Klappe be‐ wirkt hatten. Falls Sie sich fragen, wo hier der Zusammenhang zu einem Regentanz oder den Menschenopfern der Azteken ist: die Tau‐ ben hatten einen Zusammenhang vermutet, wo keiner war, also einen falsch-positiven Schluss gezogen, genau wie Menschen es laufend tun. Regentänze bewirken nichts, die Sonne wäre auch ohne die Menschen‐ opfer der Azteken aufgegangen, und wenn Sie für den Sieg Ihrer Fuß‐ ballmannschaft beten, dann tun Sie es nur, um sich besser zu fühlen. Auf die Realität hat es keinen Einfluss. Beten ist wie Masturbieren – es fühlt sich gut an, aber man erreicht niemanden. *** Im Christentum gibt es ein Problem. Die nicht zu beantwortende Fra‐ ge nämlich, warum ein gütiger Gott Züge entgleisen, Dämme brechen und Kinder an Knochenkrebs sterben lässt. Es passt nicht zusammen, und auch nach zwei Jahrtausenden lautet die beste Antwort darauf: Gottes Wege sind unerforschlich – man kann keinen Plan dahinter er‐ kennen, aber es muss unbedingt einen geben, weil der Gläubige sonst wieder durch Null teilen muss. Im Islam hingegen sieht die Sache etwas anders aus, denn als er entstand, kannte man dieses Problem des Christentums bereits. Also lautet die Antwort: alles ist der Wille Allahs, und wir Menschen kön‐ nen nicht erwarten, eine Antwort zu erhalten. Dieses Leben ist eine einzige lange Prüfung, an deren Ende sich entscheidet, ob Sie in den Himmel oder in die Hölle kommen. Jener alte Mann in Hasnain Ka‐ zims Gespräch in Pakistan, der in der Flut eine Strafe Gottes sah, weil man sich anscheinend nicht muslimisch genug aufgeführt hatte, dach‐ te durchaus islamisch. Beachten Sie, dass die Antwort auf diese Frage hier nur mehr Religion bewirkt, denn sie ist ja etwas grundsätzlich Gu‐ tes. 3.5 Das Gehirn bevorzugt falsch-positive Schlüsse 157 Doch wir sollten diese Denke nicht für ein rein islamisches Phäno‐ men halten. Anlässlich der Schießerei in einer Schule in Florida im Fe‐ bruar 2018 mit 17 toten Schülern schrieb Bryan Fischer, der Radiomo‐ derator von American Family Radio: „Wir haben die letzten 60 Jahre damit verbracht, Gott aus unseren Schu‐ len zu vertreiben. Es sollte nicht überraschen, dass er sich nicht blicken lässt, wenn wir ihn brauchen.37“ Es sei angemerkt, dass das Gebet in amerikanischen Schulen nicht ver‐ boten ist – die Schüler werden seit 1963 nur nicht mehr von den Schu‐ len zum Gebet verpflichtet, was dem säkularen Gedanken der ameri‐ kanischen Verfassung entspricht. Mal abgesehen von dem kleinlichen Gott, der Schüler A in Florida sterben lässt, weil Schüler B in Ohio nicht gebetet hat (so scheint Fischer sich das zumindest vorzustellen), ist es doch erstaunlich, wie erwachsene Menschen hier tatsächlich einen Zusammenhang vermuten können und diese Vermutung dann über 180 Radiostationen in 35 Bundesstaaten der USA übertragen. Und natürlich brauchen die Schulen nicht nur Gott, sondern auch Waffen, um sich gegen Bewaffnete wehren zu können. Der einfältige Geist kann im Angesicht der Katastrophe anscheinend nur zu dem Schluss kommen, er müsse das Gleiche tun wie vorher, nur mehr da‐ von. Es macht einfach glücklich, sich selbst Recht zu geben, und auch die nächste Katastrophe wird ihn in seiner Sichtweise nur bestätigen. Mit seinem Konzept der Fitra geht der Islam sogar zum Gegenan‐ griff über. Er behauptet, der angeborene Glaube an einen (und nur einen!) Schöpfer komme daher, dass die Seele Gott kennt, bevor sie sich in einem Menschen niederlässt. Ich bin mir nicht sicher, wie man damit erklären will, dass der Mensch jahrzehntausende lang Erntegöt‐ ter, Kriegsgötter, Wassergötter, Donnergötter und Wen-nicht-noch-al‐ les zur Erklärung der Naturphänomene heranzog, und erst nach einer langen Zeit des Irrens zum eigentlichen, korrekten Konzept gefunden haben will. Das geht wahrscheinlich nur, wenn man (wie die Erschaf‐ fer des Islam) von der Geschichte des Menschen einfach keine Ahnung hat und stattdessen einfach Dinge behauptet und sie für wahr erklärt. Wer also den oberflächlichen Impulsen des Gehirns nachgibt, die emotionalen Reflexe gegenüber der Homosexualität anderer Leute grassieren lässt oder jeden Regentropfen zu einem Wunder Allahs er‐ klärt, der kommt in seinen gedanklichen Mustern nicht über das Ni‐ 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 158 veau des Tieres hinaus, das noch immer in uns lebt und von dem er sich so hochnäsig abgrenzt. Und genau das unterstellt er dann den Nichtangehörigen seiner Weltanschauung, da er anscheinend gerne von sich auf andere schließt. Wünscht der Schöpfer des Universums sich wirklich eine Umma voller Leichtgläubiger, deren Abstraktions‐ vermögen das Niveau eines Schimpansen nicht überschreitet? Wenn ja, wozu hat er uns dann ein so großes und leistungsfähiges Gehirn gege‐ ben? Nur um sich anhimmeln zu lassen? Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit Mit den 68ern gab sich in Europa Ende der Sechzigerjahre auch der Kommunismus als en vogue. Zunächst aus Ablehnung des Imperialis‐ mus oder des Kapitalismus heraus, galt der Kommunismus dann schließlich in manchen Kreisen als reine Idee gut und brauchbar, bis Alexander Solschenizyn im Jahre 1973 den Archipel Gulag heraus‐ brachte. Solschenizyn, selbst ehemaliger Gulag-Häftling (er hatte sich in einem Frontbrief nach Hause über Stalin echauffiert), war fast zwanzig Jahre lang durch die Sowjetunion gereist, hatte undercover hunderte Ex-Häftlinge interviewt und schließlich einige Tausend Sei‐ ten zusammengetragen, wobei bereits die Beschaffung von ausreichen‐ den Mengen Papier genügte, um den KGB auf sich aufmerksam zu machen (da schreibt doch einer ein Buch!). Als der Geheimdienst ihm näher kam, wies Solschenizyn seinen Schweizer Verleger an, das Ma‐ nuskript zu veröffentlichen, bevor es zu spät sei. Mit der Veröffentli‐ chung des ersten Bandes von Der Archipel Gulag platzte die Bombe in Europa. Desillusioniert von diesen drastischen Schilderungen wandten sich viele Menschen in Europa vom Kommunismus ab – der harte Kern fand Gründe, Solschenizyn nicht zuhören zu müssen. Interessanterweise betraf das aber nicht nur diejenigen Europäer, die den Kommunismus nie von oben diktiert bekommen haben und für Nichtteilnahme hart bestraft wurden. Auch nach dem Zusammen‐ bruch der Sowjetunion, die drei Generationen lang das Denken und Handeln der Menschen kontrolliert hatte, ließen die meisten Men‐ schen diese Ideologie schnell hinter sich. Innerhalb weniger Jahre wa‐ 3.6 3.6 Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit 159 ren kommunistische Strömungen in der Russischen Föderation nur noch eine Randerscheinung. So sehr die russische Bevölkerung auch den geopolitisch imposanteren Zeiten der Sowjetunion nachweint, den Kommunismus selbst wollen nur wenige wiederhaben. Mir stellt sich hier die Frage, warum das bei Religionen so selten geschieht. Vielleicht weil ihre Versprechen größer sind? Wer im Kom‐ munismus stirbt, hat es hinter sich. Bei den monotheistischen Religio‐ nen fängt das Problem dort erst an. Das kommunistische Paradies auf Erden ist eine Sache, aber das ewige Paradies ist eine ganz andere Grö‐ ßenordnung von Versprechen und die ewige Hölle eine erheblich an‐ dere Klasse von Drohung. Zusammen verursachen sie wohl eine ganz andere Dimension von Psychose, besonders wenn man es vom Kindes‐ alter an eingetrichtert bekommt. Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum wahre Frömmler sich nicht von ihrem Weg abbringen lassen wollen. Das hat nichts mit Standhaftigkeit oder Glaubensfestigkeit zu tun, das ist nur die klerikale Verkaufstechnik. Der Grund ist folgender: Gegenbeweise zu akzeptie‐ ren und das eigene Weltbild bereitwillig zu korrigieren erfordert genau die Demut, die sie nicht haben und die sie durch ein Weiterreichen des Problems an das Metaphysische ersetzen wollen. Gewiss fühlen sie sich alle furchtbar klein gegenüber Gott, dem Höchsten, dem Schöpfer des Universums; nicht aber ohne gleichzeitig auf ihre gehobene Stellung in seiner Hierarchie hinzuweisen, da sie eine persönliche Beziehung mit ihm eingegangen sind und gelegentlich Monologe mit ihm führen. Gä‐ be es diese Erhöhung durch die eigene Unterwerfung nicht, stünden sie vor Gott genauso ratlos da wie vor dem kaltschnäuzigen Univer‐ sum. Ich sehe hier hauptsächlich zwei Mechanismen am Werk. Den einen nennt man den IKEA-Effekt. Den Eindruck nämlich, dass etwas allein dadurch wertvoller wäre, dass der Beschaffungsaufwand größer ist. IKEA hat die emotionale Bindung zu selbst zusammengebauten Möbeln als Marke etabliert, und das wäre nicht so, wenn dem nicht ein psychologischer Mechanismus zugrunde läge. Diese Neigung wurde sogar schon bei Mäusen beobachtet. Indem man zwei Reservoirs mit Zuckerlösungen bereitstellte, den Beschaffungsaufwand für eines der beiden Reservoirs aber erhöhte, wurde es auch das beliebtere. Bei den Mäusen herrschte die Illusion, dass eine Sache wertvoller wäre, wenn 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 160 man sich dafür mehr anstrengen muss.38 Mit dem gleichen Trick kann man Menschen „besonderes Olivenöl“ für 15 Euro pro Viertelliter ver‐ kaufen, oder vergoldete Kupferscheiben für 187 Euro, die angeblich Lebensmittel entgiften und „Strichcodeinformationen auflösen“, oder eben das Paradies durch Enthaltsamkeit und Kirchenspenden. Die Re‐ geln, die man einhalten muss, sind an sich egal. Sie können noch so albern sein, sie werden akzeptiert und der Wert des Jenseits mit jeder neuen Schwierigkeit dadurch immer nur erhöht. So kann man Men‐ schen einreden, für den Genuss von Alkohol und außerehelichem Sex in die Hölle zu kommen, während die Enthaltsamen dereinst ins Para‐ dies gelassen werden, wo Sex und Alkohol auf sie warten. Naturwis‐ senschaftliche Erkenntnisse, die den Dogmen einer Religion wider‐ sprechen, hätten die Kraft, das Individuum aus dieser Tretmühle zu befreien. Das aber erfordert Umdenken, das Hinterfragen seiner Über‐ zeugungen, den berühmten „Sprung über den eigenen Schatten“. Und es gibt einen Grund, warum diese inhaltlich unmögliche Metapher sich als Vergleich durchgesetzt hat. Der andere Mechanismus ist nicht nur als Erklärung von Religiosi‐ tät, sondern als allgemeine Eigenschaft des Menschen viel ernüchtern‐ der. Das menschliche Gehirn tut alles, um kognitive Dissonanz zu ver‐ meiden. Kognitive Dissonanz ist das psychische Dilemma wenn etwas, woran man in tiefster Überzeugung glaubt, mit der Realität in Konflikt kommt. Das menschliche Gehirn ist dann bereit, die aberwitzigsten Erklärungsansätze zu akzeptieren, nur damit es nicht umdenken muss. Es ist, als würde das rationale Denkzentrum wie mit einem Gummi‐ knüppel narkotisiert, damit es jetzt ja nicht eingreift. Besonders stark ist die Dissonanz, wenn die neuen Informationen das stabile, positive Selbstbild gefährden. Etwa, wenn man dann in der Öffentlichkeit als Idiot dastehen würde, oder wenn man sich so stark mit einer Idee identifiziert, dass man zwischen seiner Persönlichkeit und der Idee ei‐ gentlich keinen Unterschied mehr macht. Auf diese Weise wird Islam‐ kritik seitens frommer Muslime schnell zum Rassismus weitereskaliert, und in diesem Moment horcht die politische Linke auf, packt ihr Hel‐ fersyndrom aus und greift umgehend den Kritiker an. Wahrscheinlich waren Sie in Ihrem Leben auch schon oft genug frustriert darüber, dass man in irgendeiner Diskussion Ihre Argumen‐ te nicht ernst nahm, sie sogar verspottete, obwohl sie logisch konsis‐ 3.6 Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit 161 tent und gut recherchiert waren. Es lag doch alles so sonnenklar auf der Hand, und dennoch schien man sich zu weigern, Ihnen auf die Schulter zu klopfen und für diese Erleuchtung zu danken. Ihre Tochter will nicht mit dem Rauchen aufhören, der Chef will seine Fehlent‐ scheidung nicht eingestehen. Diesem nervigen Kreationisten auf Face‐ book möchte man nur noch sagen, er solle gehen und sich mehren, nur mit anderen Worten. Allgemein sind Sie doch viel begabter und gemessen an Ihren Fähigkeiten total unterbezahlt. Der muslimische Kollege hält den Islam weiterhin pauschal für eine Religion des Frie‐ dens, trotz 9/11, London, Madrid, Bali, Paris, Nizza, Istanbul, Aleppo, einigen tausend (!) Bagdads und Kabuls, Köln, wieder Paris, Berlin und Barcelona. Woran liegt das? Waren Ihre Argumente in Wirklichkeit grotten‐ schlecht, und Sie haben es als einziger nicht bemerkt? Haben Sie etwas Wichtiges übersehen? Aber das hätte man Ihnen doch gesagt bzw. als brauchbares Gegenargument um die Ohren gehauen. Stattdessen nur Kopfschütteln, gequältes Lächeln, verschränkte Arme, der Geruch von Stress, komische rote Flecken in um Freundlichkeit bemühten Gesich‐ tern. Man machte sich über Sie lustig, brachte merkwürdige Argumen‐ te, die jeglicher Logik entbehrten, und Sie haben dann womöglich noch den Fehler bei sich selbst gesucht aber nicht gefunden. Was für ein versauter Abend! Es muss aber keinesfalls an Ihnen gelegen haben (obwohl Sie das nie ausschließen sollten). In den Fünfzigerjahren beschäftigte sich der amerikanische Psy‐ chologe Leon Festinger mit einer Sekte, die den Untergang der Menschheit kommen sah und sich darauf konzentrierte, von Außerir‐ dischen gerettet zu werden, indem sie rechtzeitig Raumschiffe anlo‐ cken würden. Festinger und sein Kollege Elliot Aronson hatten die Gruppe schon vor einiger Zeit infiltriert, mit der Sektenleiterin Tee ge‐ trunken und ihre Fantastereien geduldig über sich ergehen lassen. Vie‐ le der Sektenmitglieder hatten ihre Jobs gekündigt und ihre Häuser verschenkt, denn wo sie hingehen würden, brauchten sie kein Geld. Nun standen Festinger und Aronson an einem kalten Dezemberabend zusammen mit den anderen Sektenmitgliedern unter dem Firmament und warteten auf das UFO. Um Mitternacht war noch nichts gesche‐ hen. Um zwei Uhr morgens wurden die Mitglieder unruhig. Gegen vier Uhr morgens hatte die Sektenoberin die Erklärung: ihre Gebete 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 162 hatten Gott von der geplanten Apokalypse abgebracht und die Welt ge‐ rettet. Eine Rettung durch UFOs war also gar nicht mehr notwendig gewesen. Hier hatten die Gehirne der Sektenanhänger zwei Möglichkeiten. Man könnte sich eingestehen, dass die Dame falsch lag. Das aber wür‐ de auch erfordern, dass man sich einen jahrelangen Betrug eingesteht, den man einfach so geschluckt hatte. Viele Mitglieder der Sekte ent‐ schieden sich daher für die zweite Option: Sie steigerten ihren Glauben in diese ausgesprochen schrullige Sache, und auch die zuvor eher pas‐ siven Mitglieder begannen jetzt eifrig zu missionieren. Anscheinend war es angenehmer, andere von den eigenen Fehlschlüssen zu überzeu‐ gen, als sie sich selbst einzugestehen. Aus dem gleichen Grund wird kein Theologe sich in einer Fernsehdiskussion jemals seinen Kragen abreißen und sagen: „Sie haben recht, die Argumente sind auf Ihrer Seite, ich habe mein Leben verschwendet!“ Diskussionen mit Gläubi‐ gen sind jedoch weiterhin wertvoll – nicht um den Gläubigen zu über‐ zeugen, sondern vielmehr die Zuschauer, die das Glück haben, gerade nicht selbst öffentlich auseinander genommen zu werden. Das menschliche Gehirn ist kein Freund von Logik. Es ist durch‐ aus logikbegabt, aber das kostet viel Mühe und verbrennt viel Treib‐ stoff. Das Gehirn ist eine Durchhaltemaschine und will nicht gerne umdenken. Es sagt viel häufiger „Weiter so“ statt „Moment mal“. Es dürfte keinen einzigen Menschen auf der Welt geben, der komplett ra‐ tional denkt und handelt, und das ist auch gut so, wir haben nämlich auch Emotionen. Aber die Emotionen sagen uns, welche Themen wir logikbegabt angehen dürfen, damit im Weltbild und im Selbstbild kein allzu großer Wirbel gemacht wird. Wir gehen so durch die Welt, denken über dieses und jenes nach, kommen zu unseren Schlüssen. Dies ist der Prozess, durch den wir un‐ sere Persönlichkeit geformt haben. Nun kommt es aber gelegentlich vor, dass wir eine Entdeckung machen, die unseren Überzeugungen zuwiderläuft. Wenn wir ehrlich sind, tragen wir davon sogar einen ganzen Haufen mit uns herum und können das jahrzehntelang tun. Rauchen ist schlecht, ich weiß, aber es wird nicht diese Zigarette hier sein, die mich umbringt. In einer Stunde wird eine andere Zigarette geraucht, mit der gleichen Rechtfertigung. Meine Großmutter hatte 50 Jahre lang drei bis vier Schachteln am Tag geraucht. Als man ihr 3.6 Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit 163 schließlich mit 78 Jahren einen kleinen, langsam wachsenden Lungen‐ tumor diagnostizierte, fiel sie aus allen Wolken und konnte sich das nicht erklären. Fünf Jahrzehnte lang hatte sie die Frage, ob das eventu‐ ell schädlich sei, aus Angst vor der Antwort offen gelassen und sich dem momentanen Bedürfnis hingegeben. Oder nehmen wir Lammkeule. Das anonyme Verhältnis zwischen Mensch und Fleisch, das der Massentierhaltung und dem modernen Einzelhandel so eigen ist, verhindert das Aufkommen einer kognitiven Dissonanz. Die wenigsten von uns würden, wenn sie das Lamm einmal persönlich kennen gelernt und ihm die Milchflasche gegeben haben, zum Messer greifen, das Lamm töten, die Keulen herausschneiden und nach dem Grillen immer noch vollen Herzens genießen können. Den‐ noch blenden die meisten, während sie Lammkeule essen, den Gedan‐ ken an ein argloses und lebensfrohes Jungtier aus, das einfach nur le‐ ben und niemandem Ärger bereiten wollte. Das Ausblenden ist die Voraussetzung für den Genuss. Das menschliche Gehirn will, dass alles so bleibt wie es ist. Selten sind die Momente, in denen es nicht anders geht. Tritt ein solcher Mo‐ ment ein, spüren wir starkes Unbehagen. Man steht vor der Wahl, sei‐ ne tiefsten Überzeugungen entweder aufzugeben, jetzt gleich und in aller Öffentlichkeit, oder sie beizubehalten und diesen unseligen Zu‐ stand irgendwie zu beseitigen. Blut rauscht durch den Kopf, man weiß nicht was man sagen soll, man möchte sich wütend fühlen, nur um sei‐ nen Gefühlszustand besser begreifbar zu machen, und oftmals ge‐ schieht das auch. Diesen ausgesprochen unangenehmen Zustand nennt der Psychologe „kognitive Dissonanz“, und entsprechend viel sind wir bereit zu tun, um diesen Zustand zu vermeiden oder zu besei‐ tigen. Oftmals ohne zu bemerken, was wir da eigentlich tun, und war‐ um. Das Handhaben kognitiver Konflikte in Gemeinschaften Kognitive Dissonanz ist ein unangenehmer Zustand, und unser Gehirn ist dankbar, wenn es eine Bestätigung von außen erhält, die diesen un‐ angenehmen Zustand beseitigen kann. Nehmen wir noch einmal das Beispiel Rauchen. Ich habe einige Jahre in der Tabakbranche gearbeitet. Genauer, in einer Firma, die die Tabakindustrie mit Aromen beliefert. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 164 Der Ablauf war gewöhnlich folgender: Der Kunde (z. B. ein Zigaret‐ tenhersteller) schickte uns einige Kilogramm des Tabaks, den er ge‐ kauft hatte, und beauftragte uns dafür zu sorgen, dass er zum Beispiel wie eine berühmte American Blend-Zigarette schmeckt. Also setzten wir uns hin, rauchten den Tabak und entschieden, welche Aromen der Tabak brauchte, um seine Fehler auszugleichen und den Geschmack in Richtung jener berühmten American Blend-Zigarette zu entwickeln. Dann behandelten wir seinen Tabak mit diesen Zusätzen, rauchten das Ganze noch einmal und entschieden dann, welche Aromen wir dem Kunden anbieten würden. Dann flog ich zum Kunden in den Nahen Osten, rauchte den behandelten Tabak nochmal mit ihm zusammen und nahm seine Aufträge oder Änderungswünsche entgegen. Für eine einzige Tabakprobe musste jeder von uns im Schnitt vielleicht 30 Ziga‐ retten testrauchen. Wir waren Berufsraucher, und ich habe auf Messen und anderen Veranstaltungen kaum einen Berufsraucher gesehen, der die Sechzig überschritten hätte. Starke Raucher sterben selten an Krebs – sie erleiden in ihren Fünfzigern gewöhnlich einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall. Nun versuchen Sie einmal sich vorzustellen, wie das Rauchen in der Tabakbranche in gesundheitlicher Hinsicht bewertet wird. Die Antwort lautet: überhaupt nicht. Man spricht nicht darüber. Wenn wirklich mal jemand (gewöhnlich ein Außenstehender) mit den übli‐ chen, aber nicht weniger gültigen Argumenten kommt, dass Tabak‐ rauch schädlich ist, wegen der Nitrosamine, der PAKs, den Hunderten von weiteren krebserregenden Komponenten, die den Tabakrauch aus‐ machen, wegen der radioaktiven Schwermetalle, die sich in der Lunge ablagern, dort jahrzehntelang bleiben und die DNA bestrahlen, wegen der Kurzatmigkeit, des Herzrisikos, des widerlichen Gestanks kalten Rauches und schlichtweg weil es teuer ist, dann reagiert der Berufsrau‐ cher darauf letzten Endes mit Argumenten wie: es ist meine Entschei‐ dung, ich bin alt genug, und Rauchen ist meine Freiheit. Mit dieser schlappen Begründung verkürzt man freiwillig und aus einer Sucht he‐ raus sein Leben statistisch um elf Minuten pro Zigarette. Diese Begründung betrifft aber nicht nur die Berufsraucher; letz‐ ten Endes weiß jeder Raucher auf der Welt, dass es schlecht für ihn ist, und jeder Raucher wäre eigentlich gerne ein Nichtraucher. Wenn man gerade eine raucht, durchdenkt man die Sache gerade nicht, oder ver‐ 3.6 Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit 165 schiebt die Lösung des Problems (das Aufhören) in die unbestimmte Zukunft. Bei manchen hakt dann schließlich der Verstand ein, und sie hören mit dem Rauchen auf. Und ehemalige Raucher sind, nachdem die üblichen Argumente bei ihnen tatsächlich Wirkung gezeigt haben, die schärfsten Nichtraucher.* Über lange Zeiträume hinweg aber ver‐ bittet man sich schlichtweg eine rationale Diskussion über seine Ange‐ wohnheiten. Kurzum, man tut alles dafür, dass es so bleibt wie es ist, aus Gründen, die man nicht benennen könnte. Machen wir uns klar, was hier vorgeht. Man weiß, dass es falsch, schädlich und teuer ist, und trotzdem braucht es Jahre, manchmal Jahrzehnte oder einen mild verlaufenden Schlaganfall bis man bereit ist, die Konsequenzen zu ziehen. Rauchen bietet einem nichts außer Nachteilen, und trotzdem kann man sich schwer davon lösen. Die Gründe dafür sind gruppendynamische Effekte und körperliche Niko‐ tinsucht. Die körperliche Nikotinsucht kann aber kaum als Begrün‐ dung dafür herhalten, dass der Raucher trotz aller Bedenken nicht ein‐ mal versucht, davon loszukommen, es sei denn, er badet mental in sei‐ ner Sucht – es macht für den Moment glücklich. Nun machen wir uns klar, wie schwierig es ist, jemanden vom Glauben abzubringen. Im Gegensatz zum Rauchen bietet der Glaube die Verheißung des ewigen Paradieses, die Liebe des Schöpfers des Universums und eine viel stärkere Gruppendynamik. Wenn es dem Raucher trotz guter Gegenargumente nur selten und nach langer Zeit gelingt, sich davon zu lösen, wie soll dann ein Gläubiger überzeugt werden? Ist es doch sowohl im Christentum als auch im Islam eine Tu‐ gend, sich rationalen Argumenten zu widersetzen und stattdessen rei‐ nen Herzens zu glauben. Etwas Weiteres kommt noch hinzu: mit dem Rauchen schadet man sich primär selbst, indirekt aber auch anderen. Passivrauch ist ebenfalls schädlich, und wenn Kinder in einem verqualmten Milieu aufwachsen, werden sie mit großer Wahrscheinlichkeit später auch Raucher werden. Das ist mit Religion nicht anders. Der Großteil der Anhänger einer Religion mag friedlich sein, doch auch in diesem Dunstkreis wird die * Das gilt übrigens auch für ehemalige Christen, Muslime und eigentlich alle anderen Gläubigen, die sich dem Einfluss der Theologen irgendwann widersetzt haben. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 166 Entfaltung von religiösem Extremismus begünstigt; dies ist der Grund, warum der Islam sich nicht weiterentwickelt. Die moderaten Muslime verhindern einen Diskurs, indem sie entweder leugnen, dass Terroris‐ ten auch Muslime seien und der Terror daher überhaupt ein Problem des Islam sein könne, oder indem sie solche Taten mit Verweis auf die Gräueltaten „des Westens“ in der arabischen Welt zu relativieren ver‐ suchen. Kurzum, man tut alles dafür, dass es so bleibt wie es ist, aus Gründen, die man nicht benennen könnte. Was den christlichen Dunstkreis betrifft, so verhelfen das Zahlen der Kirchensteuer und das stille Dulden kirchlicher Einmischung in Staatsangelegenheiten auch nur zu wenig Gutem. Kirchen maßen sich an, in die Politik einzugreifen, wenn im Bundestag über die Legalisie‐ rung von Sterbehilfe oder über Stammzellforschung entschieden wird. Dass sie ihre Kirchensteuer vom Staat eintreiben lassen, ist auch nicht ganz koscher; dass sie ihre Kirchentage vom Staat finanzieren lassen, die Gewinne aber einbehalten, ist für eine Vereinigung, die angeblich nur metaphysische Ziele verfolgt, schlichtweg skandalös. All diese Dinge könnten sich die Kirchen nicht erlauben, wenn sie nicht diesen bedingungslosen Rückhalt in der Bevölkerung hätten, der aus der dif‐ fusen Vermutung stammt, es wäre in Ordnung so, Religion sei ja grundsätzlich gut. Und überhaupt, warum möchte jemand an dieser Ordnung rütteln? Was soll denn das, haben die gar keinen Anstand, warum wollen sie uns das wegnehmen? Kurzum, man tut alles dafür, dass es so bleibt wie es ist, aus Gründen, die man nicht benennen könnte. Der Mensch ist, wenn er sich sein Urteil erst einmal gebildet hat, skeptisch gegenüber der Vernunft und allgemein allergisch gegen Veränderungen. Er meidet den kognitiven Konflikt. Genuss geht vor Logik Der deutsche Biologe Stefan Lanka leugnet allen Ernstes die Existenz von Viren. Im Jahre 2011 setzte er eine Prämie von 100.000 Euro für denjenigen aus, der die Existenz von Masernviren belegen könne. Der damalige Medizinstudent David Bardens sandte ihm einige wissen‐ schaftliche Publikationen, aus denen die Existenz von Viren zweifels‐ frei hervorgeht. Lanka weigerte sich zu zahlen, der Fall ging vor Ge‐ richt. Das Landgericht Ravensburg entschied für Bardens und ver‐ 3.6 Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit 167 pflichtete Lanka zur Zahlung der versprochenen Prämie. Dieser jedoch ging in Berufung, und das Oberlandesgericht entschied letzten Endes für den Virenleugner Lanka, da David Bardens mehrere Publikationen vorgelegt hatte und nicht wie in der Wette vorgegeben nur eine einzige. Versuchen wir uns vorzustellen, was in einem Kopf wie Lankas vorgeht. Wir kennen Masernviren, wir wissen dass es sie gibt, wir ha‐ ben Fotos, kennen ihre Größe und ihren Wirkmechanismus im menschlichen Körper und haben ihre DNA vollständig sequenziert. Wir benutzen Retroviren, um Gensoja herzustellen; wir nutzen hier die Fähigkeit dieser Viren, der Pflanze neue Erbinformationen aufzu‐ zwingen (in diesem Fall eine, die wir vorher dem Virus aufgezwungen haben). Dennoch ist es möglich, dass ein studierter Biologe die ganze Angelegenheit bezweifelt und für eine Verschwörung hält. Wie oft muss man im Geiste falsch abgebogen sein, dass einem der Weg zu‐ rück zur Realität einfach zu lang erscheint? Wie kann man sich in sol‐ chen Verschwörungshypothesen verlieren, wenn die gesamte wissen‐ schaftliche Welt es seit Jahrhunderten besser weiß? Und noch viel wichtiger: warum hat die wissenschaftliche Methode zur kritischen Analyse, die er an der Uni zweifelsfrei mal gelernt hat, bei dieser Sache anscheinend überhaupt keine Bedeutung? Weil dem menschlichen Gehirn der Genuss vor die Logik geht. Natürlich sind Masern ein Genuss für niemanden; wohl aber ist es Lankas Gehirn angenehm, die eigenen Überzeugungen beizubehalten. Wir Menschen sind Vorwärtsmaschinen, alles andere verunsichert da nur. Das ist auch der Grund, warum viele aus einer Diskussion heraus‐ gehen und sich sicher sind, es dem anderen so richtig gezeigt zu haben. Der denkt im selben Moment das Gleiche. Das Bedürfnis, kognitive Dissonanz zu vermeiden, ist eine der Hauptantriebsfedern für das Lügen, den Selbstbetrug, die Aggression und den Fanatismus. Dafür, sich noch tiefer in seinen Fehlansichten zu verstricken, den Gegner zu entmenschlichen, das große „Jetzt erst recht!“ herauszuholen und denjenigen, der uns in diese missliche Lage gebracht hat, eher als Teil der Verschwörung oder als Idioten wahrzu‐ nehmen. Es ist das Aber, mit dem wir uns ein Schlupfloch bohren. Es ist der Grund, warum der Islam sich im Leben eines Muslims so ziem‐ lich alles erlauben kann und dadurch eigentlich immer nur stärker wird. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 168 Bei Verschwörungshypothesen ist das häufig zu beobachten, be‐ sonders wenn Fachkenntnisse fehlen. Wenn etwas nicht in die Ver‐ schwörungshypothese passt, dann kann das oftmals nur bedeuten, dass die Verschwörung noch viel größer ist, dass nicht nur die Politik, son‐ dern auch die Justiz, die Medien, das Militär, die Raumfahrt und die Industrie mit drin hängen. Man muss die Hypothese in ihrem Ausmaß ständig vergrößern, damit sie weiter Bestand haben kann. So wird aus der Fehlentscheidung eines Politikers schnell eine hinterlistige Ver‐ schwörung gegen die Menschheit, die noch viel mehr Verschwörer be‐ nötigt. Die Alternative wäre ein schlichtes Aufgeben der eigenen Über‐ zeugung, und das ist eher selten der Fall. Eine Begleiterscheinung dieses Phänomens ist auch, dass der Mensch seine Überzeugungen geradezu reflexartig gegen neue Argu‐ mente verteidigt, einfach nur weil sie auf der Zeitachse später kamen. Das ist der Grund, warum alle Religionen der Welt Initiationsriten für den Nachwuchs ihrer Gläubigen haben. Ob Beschneidung, Taufe oder sonstige Angewohnheiten, das Kind wird von vornherein für die Reli‐ gion vereinnahmt, oder besser, sie wird ihm aufgezwungen. Dann wird das Kind losschnurren und diese Religion aus oben genannten Grün‐ den gegen alle Kritik verteidigen. Dabei müssen die Religionen nicht einmal den erklärten Plan haben, das Kind mit Ritualen und der Ver‐ meidung eines kognitiven Konfliktes gegen andere Sichtweisen zu im‐ munisieren. Nach dem evolutionären Prinzip der Selektion könnten auch einfach alle oder fast alle Religionen, die das nicht taten, ver‐ schwunden sein, und übrig geblieben sind nur diejenigen, die zufällig auf diesen Riten bestanden. Es ist eine der großen Tragödien der Menschheit, dass wir uns die‐ ses Mechanismus so selten bewusst sind. Wäre er uns öfter präsent, so würden wir von sinnlosen oder schädlichen Gedanken wesentlich frü‐ her ablassen. Stattdessen aber ziehen wir lieber andere mit hinein, als an uns selbst etwas zu ändern. Ist es nicht erstaunlich, wie unbewusst zielsicher die großen Religionen der Welt genau diese Unzulänglich‐ keit zu einer Tugend erklärt haben? Im Glauben fest und unerschütter‐ lich zu sein, ist in den Religionen (und in politischen Ideologien) aus‐ nahmslos eine Tugend. In jedem anderen Gebiet menschlichen Stre‐ bens aber sind die Unbelehrbarkeit und das stolze Ignorieren von Ge‐ genargumenten eine Schande und ein Zeichen von schlechtem Cha‐ 3.6 Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit 169 rakter; sie lediglich für eine Prüfung der eigenen Überzeugungen zu halten ist paranoid. Dabei ist wichtig sich in Erinnerung zu behalten, dass das Konzept „Wenn etwas Unangenehmes passiert, ist das eine Prüfung des Glaubens“ nicht mit dem Vorsatz entwickelt wurde, ko‐ gnitive Dissonanz im Gehirn des Gläubigen zu vernichten. Vielmehr werden die Erfinder dieses Konzeptes ebenfalls kognitive Dissonanz erlitten haben, und sie fanden einen Ausweg, der funktionierte und sich daher verbreiten konnte. Natürliche Selektion also. Dies ist einer der schwersten Vorwürfe, den ich den Religionen der Welt mache: sie schaffen einen Präzedenzfall an Schlechtigkeit und verteilen ihn an ausgewählte Mitglieder wie Orden. Kreationisten wie Ken Ham sind stolz darauf, der Evolutionslehre den Schöpfungsbericht der Bibel vorzuziehen und sich niemals davon abbringen zu lassen, selbst wenn Gott persönlich es ihnen sagen würde. Fromme Muslime streiten die Evolutionslehre ebenfalls ab und halten jedes Gegenargu‐ ment für eine Prüfung ihres Glaubens, wie der Koran es bereits be‐ schreibt: “Rechnen denn die Menschen damit, dass sie gelassen werden, dass sie sa‐ gen: "Wir glauben", und sie werden nicht auf die Probe gestellt?! Und wir haben ja bereits diejenigen vor ihnen auf die Probe gestellt. So weiß Allah ganz gewiss um diejenigen, die wahrhaft sind, und ER weiß ganz gewiss um die Lügner.” Sure 29: 1-3 Hier haben die Autoren des Korans ganze Arbeit geleistet und eine mit simplen Erklärungen asphaltierte Schnellstraße in die Massenpsychose geschaffen. Wer diese Straße hinab rauscht, weil er jeden Widerstand einfach geleugnet hat und theologisch von ihm nichts anderes erwartet wurde als sich die Finger in die Ohren zu stecken und standhaft zu bleiben, der erwartet dann vom Schöpfer seine Belohnung für das Treuehalten. Es macht glücklich, Gegenbeweise zu ignorieren, und der Gedanke an eine göttliche Belohnung macht auch glücklich. Es ist be‐ dauerlich, dass Rationalität dem so wenig entgegenzusetzen hat, aber das macht die Theologie nicht wahrer. Indem die Religionen der Welt das Beibehalten der eigenen Über‐ zeugungen entgegen allem Offensichtlichen zu einer Tugend erheben, indem sie behaupten, dass die Welt der Vernunft und die des Glaubens zwei grundverschiedene Domänen seien (wobei die des Glaubens we‐ gen der Jenseitsfrage natürlich die Wichtigere sein soll), und indem sie 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 170 vom Individuum Respekt dafür fordern, das Unmögliche zu glauben, schaffen sie ein Einfallstor des Wahnsinns und der Beliebigkeit in eine Welt, die ohne sie viel besser funktionieren würde. Falls Sie sich fragen, warum irre Ideen wie das Reichsbürgertum, Alternativmedizin, Impfskepsis und jede andere Verschwörungshypothese sich in den Köpfen der Menschen breit machen können: könnte es vielleicht daran liegen, dass der Mensch seit Jahrtausenden von Organisationen mit hohem Maß an gefühlter Wichtigkeit dazu eingeladen wird, seine Skepsis über Bord zu werfen, die Realität frontal zu leugnen und sich ganz einer unbewiesenen Idee hinzugeben, die glücklich macht statt Wahrheit zu liefern? Nicht ohne Grund schwärmen Alternativmedizi‐ ner von der Quantenphysik, der sie aber nur entnehmen, dass es etwas gäbe, das per Definition unbestimmt ist und das zu beobachten bereits den ganzen Prozess zunichtemacht – man muss halt dran glauben, sonst funktioniert es nicht, so ihre Deutung. Religionen haben das Er‐ setzen der Vernunft und der Rationalität durch das Gefühl zum Stan‐ dard gemacht, und Fake News waren schon immer ihre Handelsware. Bedenken Sie, wie viel Energie die Religionen auf das Argument verwenden, dass man die Nichtexistenz ihrer Gottesbehauptung nicht beweisen könne, und dass ihr Glaube daher gerechtfertigt sei. Ich möchte Russels hypothetische Teekanne hier und jetzt erweitern, in‐ dem ich sie mit all den Dingen fülle, die wir Menschen uns ersehnen: dem Heilmittel gegen Krebs, dem Schlüssel zum Weltfrieden, der Ant‐ wort auf den Sinn des Lebens und allem anderen, was wir Menschen uns wünschen. Nun müssen wir diese mit Erkenntnis gefüllte Teekan‐ ne finden. Wir wissen, dass die Suche nach der Teekanne zwischen Er‐ de und Mars schwierig bis unmöglich sein wird. Trotzdem würden wir versuchen, sie zu finden und auszulesen, einfach weil so vieles davon abhängt. Die Wissenschaft würde die Suche irgendwann aufgeben und stattdessen versuchen, die Antworten auf anderem Wege zu finden. Der Religiöse würde sich früher oder später einbilden, direkt und ohne Raumfahrt telepathischen Kontakt zur Teekanne aufnehmen zu kön‐ nen, und seine Erkenntnisse teuer an andere verkaufen. Droht der Religiöse den Skeptikern der Teekannenhypothese da‐ rüber hinaus mit ewigem Höllenfeuer, macht sich in den Köpfen der Zuhörer die berüchtigte Restunsicherheit breit. Man weiß ja nie, viel‐ leicht stimmt es ja doch… will man das wirklich riskieren? Ich meine, 3.6 Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit 171 es glauben doch schon so viele so lange daran, dann kann das doch nicht alles komplett erfunden sein! Doch, das kann es durchaus. Gera‐ de wenn Sie selbst gläubiger Christ sind, müssten Sie eine Erklärung dafür haben, warum eine Milliarde Hindus falsch liegen und trotzdem von ihrer Theologie überzeugt sein können. Und von der Erklärung dafür dürfen Sie Ihren eigenen Glauben eigentlich auch nicht aus‐ schließen. Das ist wie bei meiner Großmutter und dem Rauchen. Man kann das ganze Leben in diesem Schwebezustand verbringen, aber das macht die eigenen Überzeugungen nicht wahrer. Was können wir tun, um das zu verhindern? Wie kommen wir he‐ raus aus der Falle der kognitiven Dissonanz? Es ist schwer, wenn man einmal drin ist. Das Beste dürfte es sein, gar nicht erst in die kognitive Dissonanz zu geraten. Und das geht am besten, indem man von vorn‐ herein gar keine zutiefst empfundenen Überzeugungen hat. Ist das möglich? Nun, es ist viel Charakterarbeit, und nicht jeder ist bereit, sie zu leisten. Als Wissenschaftler muss man das allerdings, verbringt man doch schließlich den gesamten Tag mit dem Aufstellen und Zerpflü‐ cken von Hypothesen. Wissenschaftler Werden heißt, den Ballast des Stolzes und der Selbstüberschätzung abzulegen, sich an die Fakten zu halten und persönliche Überzeugungen komplett aus der Betrachtung zu entfernen. Man darf dann aus den gesammelten Fakten ein Weltbild entwickeln – ich tue es ja auch. Dieses Weltbild aber darf nicht auf die wissenschaftliche Arbeit zurückwirken, es muss ein einseitiger Prozess bleiben. Das Bedürfnis, kognitive Dissonanz zu vermeiden und weiterhin ruhige See im Kopf zu behalten verleitet uns dazu, Positionen zu ver‐ teidigen ohne zu wissen warum. Wir kennen es so, wir sind damit auf‐ gewachsen, wir sind Sklaven unserer Gehirne und folgen dem Impuls, dass alles gefälligst so bleibt. Gehören Sie auch zu den Menschen, die sich darüber ärgern, dass das Weihnachtsgebäck jedes Jahr früher in die Läden kommt? Mittlerweile sind wir bei Mitte September! Die Grillsaucen sind noch nicht vollständig verramscht, da kommen schon die Zimtsterne. Aber was genau erregt Sie daran? Die Ausweitung der kommerzi‐ ellen Aspekte von Weihnachten? Zimtsterne sind nicht Weihnachten. Zimtsterne gehören in den Dezember! Sagt wer? Der Teil Ihres Hirns, der damit aufgewachsen ist? In Arabien und Indien benutzt man Zimt 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 172 das ganze Jahr über, und ehrlich gesagt kenne ich keine bessere Art, Hackfleisch zu würzen, als mit Chili, Knoblauch und Zimt. Wenn Sie jetzt „Bäh!“ sagen oder denken, dann liegt das daran, dass Sie es sich nicht vorstellen können, und dass es wie eine Regelübertretung wirkt, Zimt für Deftiges zu benutzen. Wie gesagt, die Länder, in denen Zimt angebaut wird und als erstes benutzt wurde, beschränken sich in sei‐ nem Gebrauch nicht auf Süßes, wozu auch. Das ist bei uns so entstan‐ den, als die Kolonialwarenhändler Zimt verkauften und er so teuer war, dass er nur zu besonderen Anlässen wie Weihnachten verwendet wur‐ de. Unser Kulturkreis ist der Ausreißer von der Norm. Ich habe Ara‐ bern auf meinen Reisen erzählt, dass es Zimtiges in Deutschland nur zu Weihnachten gibt, und bekam als Antwort: „Warum? Damit kann man so viel machen!“ Verstehen Sie, dass Ihre Abneigung dagegen, Zimtsterne das ganze Jahr über zu verkaufen, nur auf dem basiert, was man Ihnen beige‐ bracht und als Norm verkauft hat? Sie ist völlig unbegründet, es sei denn, das Einhalten von Normen ist Ihnen wichtiger als eine differen‐ zierte Betrachtung des Sachverhaltes. Das ist einer der Hauptgründe, warum es Religion heute noch gibt. Sie ist nun mal das empfundene Soll und Muss der Gesellschaft, und die Begründung findet sich ir‐ gendwie. Der Drang, kognitive Dissonanz zu vermeiden, ist der Grund, warum manche Christen und der Großteil der Muslime die Evolution bezweifeln, die Gravitationstheorie oder die Quantenmechanik aber links liegen lassen. Die Alternative wäre nämlich, Standpunkte aufzu‐ geben, die man sein ganzes Leben aus tiefster Überzeugung als wahr empfunden hat. Das kostet mehr, es ist eine größere Umwälzung, und daher geht man bevorzugt den einfacheren Weg. Die Ironie daran ist, dass viele glühende Apologeten den skeptischen Wissenschaftlern zu‐ weilen vorwerfen, genau das Gleiche zu tun. Im Dialog mit Religiösen wird man früher oder später mit den Behauptungen konfrontiert, Atheismus sei auch nur eine Religion, die Evolutionslehre sei eine Lüge, an den Urknall zu glauben sei ein atheistisches Dogma und so weiter. Wenn diese Menschen wüssten, wie beleidigend es eigentlich ist, aus‐ gewachsenen Kosmologen, Biochemikern und Biologen die gleichen niederen emotionalen Regungen zu unterstellen, wie man sie als Apo‐ loget offen und mit Stolz zur Schau stellt. Wie viel Arbeit es war, sich 3.6 Kognitive Dissonanz – Standhaftigkeit ist keine Tugend, sondern Schlechtigkeit 173 diese oberflächlichen Sichtweisen mühsam und mit viel Verstocken und Selbstdisziplin abzutrainieren. Ich weiß, wovon ich rede. Zu Beginn meines Studiums war ich recht verschwörungshypothetisch drauf, und fast jede Behauptung ei‐ nes Bloggers (den Begriff gab es damals noch nicht) oder einer Nicht- Mainstream-Nachrichtenseite erschienen mit glaubwürdiger als der SPIEGEL oder die WELT. Es war attraktiv, immer eine leicht andere Sichtweise auf das politische Weltgeschehen zu haben, man kam sich mit diesem „Insider-Wissen“ immer ein wenig bedeutungsvoller vor (dabei war es weder noch) und schaute irgendwie immer auf die Fern‐ sehleichen und BILD-Verblödeten herab. Das Paradoxe, ja geradezu Ironische daran war, dass ich mir damit nicht nur überdurchschnitt‐ lich informiert, sondern geradezu skeptisch vorkam. Rückblickend be‐ trachtet war es der blanke Hohn. Es ist nicht skeptisch, die Meldungen der Mainstream-Medien generell als tendenziös zu verwerfen, sich aber gleichzeitig mit allem zu identifizieren, was irgendjemand übers Internet verbreitet. Es ist genau das gleiche, was man „den Schafen“ unterstellt, und nur der Inhalt des Geglaubten ist ein anderer. Die Denkweise ist genauso oberflächlich und vor allem selbstgefällig. Doch das Studium trieb mir diesen Impuls aus. Es dauerte Jahre, und ich frage mich heute noch, wie viel schwerer es mir gefallen wäre, wenn ich an diesen Verschwörungsgeschichten nicht nur passiv als Le‐ ser, sondern als Aktivist mit persönlichen Kontakten und Liebschaften, mit Vorträgen, Kongressen und Demonstrationen teilgenommen hätte. Das Studium einer Naturwissenschaft brachte mir das kritische Den‐ ken und vor allem das vorsichtige Fällen von Urteilen bei, und ich war bereit, es auf alle Bereiche meines Lebens anzuwenden, egal was ich dort finden würde oder in Zweifel stellen müsste. Es war Arbeit an sich selbst, aber selbstkritischer, demütiger und der Wahrheit verpflichteter als fünf Gebete am Tag oder ein schuldbewusster Weinkrampf in einem Beichtstuhl. Es war Korrekturarbeit, nicht Anpassung an unbe‐ wiesene Dogmen. Wieder einmal ist das wissenschaftlich-skeptische Weltbild religiösem Denken also grundsätzlich überlegen. Mehr noch, das religiöse Denken entlarvt sich wieder einmal als der einfache, pri‐ mär emotionale, oberflächliche, verführerische Weg. Wobei sich die Frage stellt, warum ausgerechnet diejenigen Überzeugungen mit dem 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 174 höchsten Wahrheitsanspruch gleichzeitig nie auf etwas Anderem beru‐ hen. Religionen haben hier wirklich sehr wenig zu bieten. Wir Menschen müssten uns bei jeder Gelegenheit eingestehen, dass wir uns in etwas verrennen, dass wir etwas nicht wahrhaben wol‐ len, dass wir persönliche Gründe haben, eine „andere Wahrheit“ vor‐ zuziehen, sei sie nun angenehmer oder schlichtweg bequemer. Wollen wir nicht alle immer nur bessere Menschen sein? Wie einfach. Wie idealistisch. Wie utopisch! Der Wunsch nach Kontrolle Wenn aus Gründen, die niemand erkennt, die Ernte versagt oder eine Epidemie den Nachwuchs dezimiert, dann können wir Menschen nicht anders, als nach der Ursache zu suchen, um diese Übel in der Zukunft zu verhindern. Es ist dieses Bedürfnis nach Kontrolle, das uns das Überleben bis heute ermöglicht hat, und es ist auch der Motor hin‐ ter wissenschaftlicher Neugier. Früher wurden Menschenopfer ge‐ bracht oder Tiere geschlachtet, um eine günstige Ernte zu bewirken. Heute haben wir Dünger, motorisierte Landwirtschaft, hochtechnisier‐ te Verarbeitungsbetriebe und wissen um die Tricks, mit denen man das Gelagerte möglichst lange haltbar macht. In dieser Hinsicht sind Religionen gescheiterte Wissenschaft – sie wollten das Gleiche, konn‐ ten es aber nicht liefern. In einem Propagandavideo des Islamischen Staates kann man einen Selbstmordattentäter am Steuer eines Trucks sehen, der die Ka‐ mera passiert und sich auf den Weg zu einem Checkpoint der kurdi‐ schen YPG macht. Eine Minute später ist er angekommen, wie man der Explosion und der Rauchwolke am Horizont entnehmen kann. Die Männer, die noch bei der Kamera stehen, brechen natürlich sofort in die üblichen „Allahu akbar“-Rufe aus. Einer der Männer, viel‐ leicht sogar der Kameramann selbst, wiederholt das Allahu akbar mehrfach und betont dabei jedes Mal eine andere Silbe. AllAHu akbar, AlaHU akbar, Allahu AKbar, Allahu AkBAR. Es klingt lächerlich. Interessant aber ist die Frage, warum er so viele Variationen des Allahu akbar durchspielt. Mir fällt keine andere Erklärung ein, als dass er sicher gehen will den Tonfall zu treffen, den Allah am Liebsten hört. 3.7 3.7 Der Wunsch nach Kontrolle 175 Es ist, als hätte man ihm eine einfache Rechenaufgabe wie „2 + 2“ ge‐ geben, und er würde den Test bestehen, indem er einfach alle Zahlen von eins bis zehn aufsagt. Die richtige Zahl würde schon dabei sein.* Dann würde es klick machen im Herzen Gottes wie in einem Zahlen‐ schloss, und Gnade, Sex und Wein würde ihm widerfahren. Wir Menschen haben Religion erfunden, weil unser Gehirn nicht anders kann: aus dem Zwang heraus, Zusammenhänge zu sehen, und aus dem Bedürfnis heraus, den Verlauf der Ereignisse zu unseren Gunsten zu kontrollieren. Wir wären gar nicht so weit gekommen, wenn wir diese Neigungen nicht hätten, und Religionen sind Begleiter‐ scheinungen dieser Verhaltensweisen. Mehr Substanz haben sie nicht, so leid es mir tut. Um es bei dieser Gelegenheit noch einmal klar zu stellen: ein Bischof weiß genauso wenig über den Schöpfer des Universums wie ich. Weder über die Frage seiner Existenz an sich, noch über seine Zie‐ le, Absichten oder Erwartungen an die Menschheit. Er weiß viel über eine bestimmte Art von Behauptungen, die darüber aufgestellt werden, und er ist geradezu ein Experte bezüglich der Abläufe und Strukturen innerhalb einer menschlichen Organisation, die einen besonderen Draht zum Schöpfer des Universums zu haben behauptet. Alles jedoch, was er über den Schöpfer selbst sagen kann, ent‐ stammt unsicheren Quellen. Die Bibel ist nicht das Wort Gottes, es sei denn, es ist Seine Methode, mündlich überlieferte Texte über Jahrhun‐ derte zusammentragen zu lassen, durch Athanasius von Alexandria eine Auswahl zu treffen und diese als Buch herauszugeben, das dann aber das unverbrüchliche Wort ist. Das wäre immerhin ein ziemlich kruder Mechanismus, der von menschlichem Handeln nicht zu unter‐ scheiden ist, wie so vieles an Seinem Tun. * Vielleicht irre ich mich auch, und dieses Allahu akbar-Gebrüll langweilt ihn einfach so sehr, dass er ein wenig Vielfalt versuchen will. Doch wenn er Monotonie fürchtet, ist er beim Islam definitiv an der falschen Religion. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 176 Befehl von ganz oben – Legitimation durch übergeordnete Autorität Es ist ein wesentliches Merkmal aller Ideologien, dass die unteren Rän‐ ge, die die Drecksarbeit machen, auf wunderliche Weise trotzdem nachts ruhig schlafen können. Menschen haben Juden selektiert, un‐ nötige Operationen an ihnen durchgeführt, GULAG-Häftlinge verprü‐ gelt und vor den Augen dieser Ausgemergelten ihre Lebensmittelpake‐ te von zuhause mit Genuss verzehrt oder auf den Boden ausgekippt, haben Frauen, die unter Hexereiverdacht standen, mit eisernen Schel‐ len die Füße zerquetscht oder sie an ihren hinterrücks zusammenge‐ bundenen Armen aufgehängt; man konnte sie dann auch einen Meter fallen lassen und abrupt anhalten, so dass die Arme aus den Schulter‐ gelenken rissen. Man konnte sie auch mit dem After oder der Vagina auf einen gut geölten Holzpflock setzen, wenn nötig bis zum Tod durch Penetration bis durch den Hals. Wenn Sie in einem Film oder auf einem Bild Gepfählte sehen, denen der Pfahl aus dem Hals kommt, dann wissen Sie, in welcher Körperöffnung das Elend seinen Anfang nahm. All dies konnten Menschen tun, ohne Empathie oder Reue da‐ bei zu empfinden. Ein Schlüssel dazu, das eigene Handeln zu legitimieren, ist die Ent‐ menschlichung des Gegners. Das Opfer hat es schlichtweg verdient, in dieser Position zu sein. Doch es gibt auch andere Wege, mit denen man sich selbst über seine Rolle in dieser Blutrünstigkeit belügen kann. Wenn ich es nicht tue, macht es jemand anderes; man muss es in grö‐ ßerem Maßstab betrachten; ich tue nur, was von mir erwartet wird und so weiter. Das letzte Argument ist besonders blutgetränkt. Der Nachbar hat die Juden im Keller nebenan nur gemeldet. Der Polizist hat die Juden nur festgenommen. Der SD hat die SS nur ausgerüstet und ausgebildet. Die SS hat die Juden nur abtransportiert. Die Mörder im KZ haben nur getan, was in Wannsee von höheren Tieren beschlossen wurde, ba‐ sierend auf den Ausführungen des Führers. Der Führer hat, „indem er sich des Juden erwehrte“, nur „das Werk des Herrn verrichtet“. Wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist, geschieht hier etwas Furchtba‐ res. Indem man die Verantwortung letzten Endes in den Himmel ab‐ gibt, ist kein Mensch mehr wirklich verantwortlich. All die angesam‐ 3.8 3.8 Befehl von ganz oben – Legitimation durch übergeordnete Autorität 177 melte Schuld, die von Hunderttausenden zu Tausenden zu Wenigen zu Einem weitergereicht wird wie in einem Trichter, verpufft schließlich ins Nichts. Gott selbst kann die Verantwortung nicht mehr weiterrei‐ chen, aber niemand hört, wie sie bei ihm bleibt; er greift auch nicht in den Holocaust ein. Es ist, als wäre er nicht da, also kommt bei den meisten Gehirnen dann nur die Erkenntnis an, dass er mit den Ge‐ schehnissen einverstanden wäre. Die Abwesenheit eines Widerspru‐ ches wird falsch-positiv als Zustimmung interpretiert. Tatsächlich ist vieles von dem, was in der Religion geschieht, letzt‐ lich nur der irdische Wille des Menschen. Der Mensch sieht sein Han‐ deln dann einfach als von oben legitimiert an. Das lässt sich auch viel besser verkaufen, ist aber eine Triebfeder der Grausamkeit. Das mit dem Verkaufen meine ich wörtlich. Hier nämlich erfolgt die Weiterentwicklung von der Religion als bloßer theologischer Idee zur organisierten Religion als weltpolitischer Größe. Wenn man die Ansicht, man hätte einen besonderen Draht zum Obersten, erst einmal in der Bevölkerung etabliert hat, dann kann man sie auch als Handels‐ ware auffassen und damit Dienstleistungen anbieten. Es gibt ein passendes Bild von den Euromaidan-Prostesten in Kiew, die im Jahre 2013 begannen. Sie erinnern sich: die Proteste brachen aus, als der ukrainische Präsident dem Assoziierungsabkommen mit der EU die Unterschrift verweigerte. Das Volk hingegen hatte sich mehrheitlich einiges davon versprochen, der EU näherzukommen. Auf besagtem Bild sieht man eine Gruppe Protestler Barrikaden aus Auto‐ reifen bauen, im Hintergrund steht etwa einhundert Meter entfernt eine Hundertschaft der Polizei. Zwischen ihnen kommt eine Handvoll Geistliche mit albernem Hut und erhobenem Kreuz auf die Protestler zu, um ihnen ins Gewissen zu reden, etwas von Obrigkeit zu faseln, Frieden zu propagieren, der hier aber eher durch Unterwerfung er‐ reicht wird. Nichts in der Weltpolitik der Religionen ist symbolischer als dieses Bild. Naja, vielleicht noch eines, auf dem Bischöfe Hitler die Hand schütteln. Davon gibt es auch so manche. Die Quintessenz ist folgende: Wer immer in der Weltpolitik kommt oder geht, die Religionen stehen bereits mit ausgestreckter Hand da und laden zu Tisch. Aus dem einzigen Grund, dass sie am Tisch sitzen bleiben wollen, als hätten sie da jemals hingehört, und dass sie es können, weil man es ihnen gewährt. Wer als Politiker das 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 178 die Bevölkerung kontrollierende Potential, das sie bieten, nicht erkennt, ist in der falschen Branche. Die einzigen Ausnahmen, die mir einfallen, kommen aus dem Kommunismus. Dort wurde mit den Kirchen nicht kooperiert, sondern ihre Techniken kopiert, da der Kommunismus nun mal keine Götter neben sich duldet. Die meisten Diktatoren der Welt haben mit der Religion immer eng kooperiert – der Faschismus in Europa hat es ohne Ausnahme getan. Im Islam ist die Religion selbst die staatliche Diktatur, weshalb sie so viel Autorität und Gehorsam findet und umso schwieriger aus dem Staat zu entfernen ist. Besonders der Wahhabismus sorgt dafür, dass es für Staaten mit muslimischer Mehrheit derzeit nur eine Richtung gibt: Theokratie. Dies geschieht nicht einfach, weil der Islam erst jetzt ge‐ merkt hätte, dass er an die Macht muss. Was hier geschieht, ist eine Verschärfung in der Auslegung der heiligen Schrift. Und die kommt nicht von ungefähr. Im Jahre 1979 ereiferten sich etwa 500 militante Sunniten in Sau‐ di-Arabien, das Heiligtum des Islam in Mekka zu besetzen: die Kaaba, jenen schwarzen Würfel im Zentrum der Großen Moschee. Die saudi‐ sche Regierung stand vor einem Problem: auf keinen Fall durfte im heiligen Zentrum des Islam Blut vergossen werden. Andererseits konnte man die militärische Besetzung der heiligen Stätte nicht ein‐ fach hinnehmen oder die Besetzer aushungern. Sie könnten Bomben zünden und das Heiligtum beschädigen. Muhammad ibn Abdullah al- Qahtani, die zentrale theologische Figur der Besetzer, sah in sich selbst den Mahdi – den einzigen, der nach dem Tod des Propheten noch ernsthaft etwas verkünden darf, und der das Jüngste Gericht einleiten würde. Das Datum, der 20. November 1979, war für diese Aktion ebenfalls nicht willkürlich, sondern sehr bewusst gewählt: es war der Neujahrstag des Jahres 1400 nach islamischer Zeitrechnung. Gemäß einem Hadith (einem der gesammelten Aussprüche und Handlungsan‐ weisungen des Propheten) würde der Mahdi tatsächlich an diesem Tag erscheinen. Die Besetzer warfen dem saudischen Königshaus vor, korrupt und prahlerisch zu sein und eine Verwestlichung Saudi-Arabiens zu bewir‐ ken. Sie forderten eine Abschaffung des Fernsehens, die Zurückwei‐ sung westlicher Einflüsse und die Ausweisung aller Nichtmuslime aus dem Heiligen Land. Die saudische Führung bat die Geistlichkeit um 3.8 Befehl von ganz oben – Legitimation durch übergeordnete Autorität 179 Hilfe. Diese würde mit den üblichen theologischen Verrenkungen er‐ lauben, dass an diesem heiligen Ort doch Blut vergossen werden dürfe. Als Gegenleistung erwarteten sie staatliche (und stattliche) Förderung bei der weltweiten Verbreitung des Wahhabismus.39 Es scheint, sie hät‐ ten sie erhalten. Zuallererst aber sollte im eigenen Land aufgeräumt werden. Frauen verschwanden Stück für Stück aus dem öffentlichen Bild, von den Titelblättern saudischer Zeitungen und Magazine, aus dem Fernsehen, aus dem Straßenbild, bis die Geschlechtertrennung je‐ des Café erreicht hatte. Denn in den Köpfen der Theologen und der Herrscher gab es für diesen ungeheuerlichen Vorfall insgesamt nur eine Lösung: mehr Religion. Sie ist ja grundsätzlich etwas Gutes. Beachten Sie, dass die Besetzer der Moschee prinzipiell verlangten, was das Königshaus der eigenen Geistlichkeit schließlich gewährte. Eine striktere Auslegung der Religion, ihre konsequente Verbreitung, die Zurückweisung westlicher Werte. Seitdem wird der Wahhabismus weltweit mit sehr viel Geld verbreitet. Genau der gleiche Fundamenta‐ lismus, der einst zur Besetzung der Großen Moschee geführt hatte. Der einzige ideologische Unterschied: die Terroristen waren nicht kö‐ nigstreu gewesen. Beachten Sie auch den theologischen Firlefanz, der die Angelegen‐ heit begleitet. Die Täter besetzten die Große Moschee, weil sie ihnen als ein Symbol von Götzendienst und als ein Zeichen der Verwässe‐ rung der Glaubenslehre vorkam. Der saudische Kleriker Abd al-Aziz ibn Baz betrachtete das Blutvergießen mit Sorge, nannte die Besetzer aber nicht Ungläubige (womit seinesgleichen sonst selten Bedenken hat), sondern schlicht „die bewaffnete Gruppe“. Der Grund: der mili‐ tärische Anführer der Gruppe, al-Otaybi (wie es nicht anders sein konnte, auch noch der Schwager des gefühlten Mahdis al-Qahtani), war ibn Baz‘ Schüler gewesen. Bereits ein Jahr vor der Besetzung der Großen Moschee war al-Otaybi zusammen mit knapp 100 Gefolgsleu‐ ten verhaftet worden, da sie gegen das Königshaus demonstriert hatten. Ibn Baz hatte die Aufrührer damals befragt und für unbedenklich er‐ klärt, denn glaubensfest waren sie ja gewesen. Das kommt dabei he‐ raus, wenn man Religiosität mit Ethik verwechselt. Noch etwas sollten wir bedenken. Gemäß den Worten des Prophe‐ ten soll alle hundert Jahre ein Mudschaddid kommen, ein Erneuerer der Religion. Das Problem ist: jeder Religionserneuerer wird sich 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 180 grundsätzlich dem Vorwurf gegenübersehen, kein richtiger Muslim zu sein, da es nun mal seine Tätigkeitsbeschreibung sein wird, die beste‐ henden Verhältnisse anzuzweifeln. Es wird also immer auf Konfronta‐ tion hinauslaufen. Dabei ist das mit der Erneuerung auch nicht annä‐ hernd so klar, wie man denken möchte. Die Ahhmadiya-Gemeinde ist der Meinung, der Islam würde durch den Mudschaddid modernisiert, also zeitgenössischer gemacht. Die Wahhabiten sind der Meinung, der Mudschaddid würde alle hundert Jahre menschliche und moderne Neuerungen (Bid‘ah) aus dem Islam entfernen und ihn so zu seinen Wurzeln zurückführen. Und dann ist da noch der Mahdi. Der Mahdi soll, die Hadith sind da nicht eindeutig, entweder im Jahre 1400 oder im 14. Jahrhundert is‐ lamischer Zeitrechnung erscheinen, das sich noch bis zum Jahr 2079 ziehen wird. Konnte im Jahre 1400 nach islamischer Zeitrechnung ei‐ gentlich irgendetwas anderes passieren als das Auftauchen eines ge‐ fühlten Mahdis? War die Konfrontation überhaupt vermeidbar? Es musste ja nicht die Besetzung der Großen Moschee sein. Man hätte auch dem Westen mit einer großangelegten Terroraktion den Krieg er‐ klären oder zwischen Irak und Syrien ein Kalifat ausrufen können. Es ist beliebig, was genau geschehen würde, aber Frömmler von Format können dieses Datum nicht einfach verstreichen lassen. Irgendeiner würde sich berufen fühlen, und die anderen würden ihn dafür hassen. Mehr Religion auf beiden Seiten und mehr Leid für alle. Bedenken Sie, dass der weltweite islamische Terrorismus, dessen Opfer zu 90 Prozent selbst Muslime sind, seine Wurzeln in diesem Er‐ eignis hat, und dass es klar war, dass etwas Großes an diesem Datum stattfinden würde. Die Details sind eigentlich unwichtig, aber Ärger würde es geben. Und Religion ist der Grund, denn man will sich mit seiner Hörigkeit gegenüber der göttlichen Autorität gegenseitig über‐ bieten. Gleichzeitig, und so paradox es klingt, wollten alle Parteien dieses Konfliktes ihren eigenen Ansichten mehr Gewicht verleihen, indem sie sie Gott unterjubelten. Doch das ist kein rein islamisches Phänomen. Die christliche Rechte in den USA verdammt die Homosexualität, da sie im Alten Testament zur Sünde erklärt wird, aber keiner von denen verzichtet aus dem gleichen Grund auf gebratenen Speck oder Hum‐ 3.8 Befehl von ganz oben – Legitimation durch übergeordnete Autorität 181 merfleisch.* Man ist schwulenfeindlich und könnte sich nichts Schöne‐ res vorstellen, als dass der Schöpfer des Universums es auch so sieht. Religion als Droge und, bei dieser Gelegenheit, der freie Wille Vielleicht haben Sie schon einmal den Begriff Entheogen gehört. Ge‐ meint sind damit chemische Substanzen, die Gotteserfahrungen und Gefühle der Allverbundenheit auslösen können. Entheogene werden seit Anbeginn der Menschheit zu rituellen Zwecken konsumiert, sei es Marihuana in Indien, Mescal in Zentralamerika oder Fliegenpilze in Sibirien. Heutzutage gibt es darüber hinaus künstlich hergestellte Sub‐ stanzen wie LSD oder Dimethyltryptamin (DMT), die eine sehr ähnli‐ che Wirkung entfalten können. Neben den Entheogenen, Aufputschmitteln wie Kokain und Seda‐ tiva wie Heroin gibt es noch andere Substanzen, die eine verblüffende Wirkung auf den menschlichen Geist haben. Das im Stechapfel und der Engelstrompete enthaltene Scopolamin etwa hat eine tödliche Do‐ sis von rund 100 Milligramm. Bei einer Dosis von etwa 5 Milligramm aber macht es hörig. Sie haben richtig gelesen. In Kolumbien gibt es jedes Jahr etwa 50.000 Fälle von betrügeri‐ schem Raub nach beeindruckendem Schema. Das Opfer bekommt ein wenig Pulver verabreicht. Manchmal genügt es, einen mit Scopolamin imprägnierten Straßenplan vorgesetzt zu bekommen, dessen Stäube man versehentlich inhaliert. Scopolamin kann aber auch durch die Augenschleimhaut aufgenommen werden, etwa wenn man eine gerin‐ ge Menge davon ins Gesicht geblasen bekommt. Hat das Gift seine Wirkung nach einigen Minuten entfaltet, sagt das Opfer zu fast allem ja. Man muss sich also vorstellen, dass es in kolumbianischen Ka‐ schemmen Dialoge wie den folgenden tatsächlich schon gegeben hat: Täter: „Hey, ich hab eine Idee: wir machen Dein Konto leer und geben alles einem Freund von mir.“ Opfer: „Abgemacht! Mir nach!“ 3.9 * „Aber alles, was in Meeren oder Flüssen lebt, alles Kleingetier des Wassers und alle Lebewesen, die im Wasser leben und keine Flossen oder Schuppen haben, seien euch abscheulich.“ Levitikus 11:10 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 182 Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, verursacht Scopolamin nach erfolgtem Rausch auch beträchtliche Gedächtnislücken, da das auf die‐ se Weise betäubte Gehirn die Geschehnisse gar nicht erst mitschneidet wie sonst üblich. Es gibt Berichte von Menschen in Kolumbien, die morgens in ihrer leeren Wohnung aufwachten und sich nicht erinnern konnten, wie es dazu gekommen sein soll. Dabei haben sie am Abend zuvor im Scopolamin-Rausch den Umzugsservice selber beauftragt. Die Täter sind dann natürlich längst über alle Berge.40 Interessant daran ist, dass es offensichtlich möglich ist, Gefühle wie eine Gotterkenntnis oder die „Verbundenheit mit Allem“ durch Stoffe auszulösen, die sich mit einer chemischen, also ausgesprochen materiellen Formel darstellen lassen, und dass es anscheinend auch möglich ist, den freien Willen mit chemischen Mitteln auszuhebeln. Dürfen wir daraus Schlussfolgerungen ableiten über die Authentizität des Gottesgedankens oder die ausgesprochen materielle Natur des Be‐ wusstseins? Natürlich dürfen wir das. Die Wissenschaft darf alles, zu‐ mindest heute und in der westlichen Welt. Und was den freien Willen angeht: christliche Theologen setzen ihn als gottgegeben voraus, damit wir überhaupt sündigen können – im Islam leitet Allah recht, wen er will, was uns Kuffar zuweilen Nach‐ sicht mit der Vernachlässigung unserer Pflichten gewährt. Der Physio‐ loge Benjamin Libet ertüftelte im Jahre 1979 jedoch etwas anderes. Aufbauend auf den Experimenten von William Grey Walter, Hans Helmut Kornhuber und Lüder Deecke (life is a remix!) setzte er seine Probanden in einem Versuch vor einen Bildschirm, auf dem ein sich kreisförmig bewegender Punkt wie auf einem Ziffernblatt das Zeitmaß darstellte. Die Probanden sollten nun zu einem beliebigen Zeitpunkt die Hand bewegen, sich aber merken, an welcher Stelle auf dem Zif‐ fernblatt sich der Punkt befand, als sie den Entschluss fassten, die Hand zu bewegen. Parallel dazu wurde mit einem Elektromyographen gemessen, wann die Handbewegung tatsächlich einsetzte. Man erwar‐ tete natürlich, dass die Handbewegung nach dem willentlichen Ent‐ schluss erfolgen würde. Es stellte sich jedoch heraus: der bewusste Ent‐ schluss, die Hand zu bewegen, wurde im Schnitt erst 200 Millisekun‐ den NACH dem Einleiten der Muskelbewegung gefasst. Ihr Körper agiert und setzt Ihr Bewusstsein lediglich in cc, das sich dann getrost seine Kontrollhoheit einbilden kann, wenn es sich damit 3.9 Religion als Droge und, bei dieser Gelegenheit, der freie Wille 183 besser fühlt. Der Impuls aus Gehirnareal A kommt zuerst, und erst da‐ nach werden wir uns im Gehirnareal B dieses Impulses bewusst. Der Grund nun, warum wir unseren nervigen Arbeitskollegen nicht andauernd versehentlich die Schnauze polieren (und sie uns!) und wir Unbekannten bei Kontakt nicht sofort unser Erstaunen über ihre Hässlichkeit oder ihr Übergewicht mitteilen, ist eine Veto-Kraft, die schneller eingreift, als unser Bewusstsein mitschneiden kann. Das Unterbewusste trifft eine Entscheidung, die innerhalb von 100 Millise‐ kunden von der Veto-Kraft blockiert werden kann und ansonsten durchgelassen wird – weitere 100 Millisekunden später erreicht die Entscheidung dann unser Bewusstsein. Falls Sie glauben, Sie hätten je‐ derzeit die volle Kontrolle über Ihr handeln, liegt das daran, dass Sie bisher in keinem Moment Ihres Lebens etwas Anderes erlebt haben. Die Veto-Kraft zieht ihrerseits ihre Kriterien aus den gesellschaftlichen Normen, mit denen man aufgewachsen ist. Und ist es nicht erstaunlich, wieviel Arbeit den Theologen und Philosophen der Welt erspart werden kann, sobald jemand ein wissen‐ schaftliches Experiment ersinnt und damit einen Großteil ihrer bishe‐ rigen Überlegungen überflüssig macht? Glauben Sie mir, die mögen das gar nicht. Die Forscher Michael A. Ferguson und Jared A. Nielsen haben im Jahre 2016 ein Experiment mit 19 devoten Mormonen gemacht. Sie scannten ihre Gehirne in verschiedenen Situationen. In entspanntem Zustand, wenn sie ein Kirchenvideo über Mitgliederzahlen und Fi‐ nanzberichte schauten, wenn sie Zitate von kirchlichen Autoritäten la‐ sen, wenn sie beteten, wenn sie die Heilige Schrift lasen und wenn sie Videos von religiösen Ansprachen schauten.41 Bei jeder Situation wur‐ den die Probanden gefragt, ob sie gerade „den Geist spürten“. Die For‐ scher fanden heraus, dass das Gefühl, den Geist zu spüren, genau die gleiche Zone im Gehirn aktiviert wie Verliebt sein oder ein Drogen‐ rausch: den Nucleus accumbens, das Belohnungszentrum des Gehirns. Zusätzlich waren das Aufmerksamkeitssystem und der ventromediale präfrontale Cortex aktiviert, der als Moralitätszentrum gesehen wird. Dass diese Bereiche aktiviert werden, sollte nicht verwundern, wenn der Proband gerade seinem Lieblingsthema lauscht und das Thema Moral ist. Aber das Belohnungszentrum? Nennen Sie mich ruhig kleinlich und misstrauisch, aber wenn etwas das Moralzentrum und 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 184 das Belohnungszentrum gleichzeitig aktiviert, sind das gute Vorausset‐ zungen dafür, Homosexuellen die Schuld an einem Hurrikan zu geben oder Steine auf eingegrabene Ehebrecher zu werfen, sofern der Glaube ungestört wuchern kann. In dieser Hinsicht ist atheistischer Aktivis‐ mus ein Dienst am Mitmenschen, denn er erdet theologische Aufla‐ dungen. *** Die Ähnlichkeit der Gehirnprozesse bei religiöser Euphorie und beim Konsum von bewusstseinsverändernden Substanzen hat noch eine weitere Analogie. Ab dem Jahr 2014 beobachteten die Behörden eine beträchtliche Zahl von Islamkonvertiten, die sich im Nu radikalisierten und nach Syrien in den Kampf gegen das Assad-Regime zogen. Es ist wie bei jeder Droge – man muss sie dosieren lernen und neigt anfangs dazu, es zu übertreiben. Allzu menschlich. Nehmen wir nun eine Passage, die der evangelische Bischof Wolf‐ gang Huber im Rahmen der Debatte „Ohne Religion wäre die Welt besser dran“ von Disput Berlin im Jahre 2011 zur Verteidigung der or‐ ganisierten Religionen zum Besten gab. Er sprach im üblichen, intel‐ lektuell klingenden Duktus: „Früher konnte man über Glaubensgemeinschaften, religiöse Organisa‐ tionen großzügig hinwegschauen und sagen: ‚Der Humus, der setzt sich auch so fort, von Generation zu Generation‘. Heute ist das anders, Tradi‐ tionen wachsen nicht von selber, sie müssen gepflegt werden. Wie man Gottesdienst feiert, wissen die Menschen nicht mehr von selber, sie müs‐ sen es lernen. Und deswegen noch einmal: es ist gut, dass es das gibt. Ver‐ stehen Sie mich nicht falsch! Ich habe gelernt, Religions- und Kirchenkri‐ tiker zu sein. Ich weiß, dass Religionen und Kirchen ihren Gott auch oft zum Götzen gemacht haben. Ich weiß, dass sie selber oft hinter dem zu‐ rückgeblieben sind, was ihnen anvertraut ist. Sie haben das Vertrauen von Menschen missbraucht und damit auch das Gottvertrauen geschwächt. Sie haben egoistisch gehandelt, die Gewalt verherrlicht und damit auch der Nächstenliebe einen Bärendienst erwiesen. Und trotzdem, ich weiß keine andere Instanz, die ein wirksameres Gegenmittel ist, wie auch gegen das, was im Namen der Religion schief gelaufen ist, als die Religion selbst. Deswegen bin ich tief davon überzeugt: die Trennlinie, die wir heute ha‐ ben, die geht nicht zwischen Vernunft und Religion, sie geht zwischen Fundamentalismus und Toleranz, sie geht zwischen Unbarmherzigkeit und Barmherzigkeit.“42 3.9 Religion als Droge und, bei dieser Gelegenheit, der freie Wille 185 Und nun stellen wir uns ein solches Statement einmal aus dem Munde des Kokainkönigs Pablo Escobar vor, wie er zu einem Süchtigen mit schweren Entzugserscheinungen spricht. „Das Geschäft wächst nicht von allein, es muss gepflegt werden. Wie man im Geschäft bleibt, wissen die Menschen nicht mehr von selber, sie müs‐ sen es lernen. Und deswegen noch einmal: es ist gut, dass es das gibt. Ver‐ stehe mich nicht falsch! Ich habe gelernt, Drogen- und Kartellkritiker zu sein. Ich weiß, dass die Kartelle zuweilen unnötig hart vorgegangen sind. Ich weiß, dass sie selber oft hinter dem zurückgeblieben sind, was ihnen anvertraut ist. Sie haben das Vertrauen von Menschen missbraucht. Sie haben egoistisch gehandelt, die Gewalt verherrlicht. Und trotzdem, ich weiß keine andere Substanz, die ein wirksameres Gegenmittel ist, wie auch gegen das, was im Namen des Kokains in deinem Körper gerade schief läuft, als das Kokain selbst, das du dir umgehend und gegen einen kleinen Obolus ins Gehirn schnupfen solltest. Und wie sonst wohl sollten ich und die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, dir diese Sub‐ stanz wohl regelmäßig und in verlässlicher Qualität zukommen lassen, wenn wir nicht organisiert vorgehen.“ Der österreichische Kabarettist Gunkl beschreibt das Bedürfnis der Menschen, auch aus seichten bis inhaltslosen Texten Honig zu saugen, in seinem unnachahmlichen Wienerisch so: "Wir glauben, dass wir Menschen einander verstehen. Mhm. Und wenn man sagt: ‚Das Unsichtbare bleibt dem Auge meist verborgen‘, dann ni‐ cken die allermeisten gleich einmal in verzückter Betulichkeit so, als hätte man da etwas sehr Kluges gesagt. Die, die nach zwei Sekunden ein stump‐ fes Stöhnen von sich geben, mit denen ist ein sachlich ergiebiges Ge‐ spräch möglich. Die, die weiterhin nicken, sollte man in ihrem Glück las‐ sen." Muslimischerseits wird sich oft Kritik am Islam damit verbeten, dass man als Nichtmuslim ja keine Ahnung vom Islam hat und daher bes‐ ser nichts darüber sagen sollte. Wie wenig subtil hier angedeutet wird, dass Nichtmuslime kein Recht haben, sich ein Urteil zu machen.* Ich kann verstehen, dass man in einer Welt, in der Islamkritiker sozial aus‐ gegrenzt oder getötet werden, nicht mehr gewohnt ist, auf Widerstand zu treffen. Das aber ist ein Defizit der islamischen Welt und keine Stär‐ ke. Es ermöglicht eine immer stärkere Flucht in religiöse Ideen mit * Das Recht, über den Islam zu sprechen, wird Exmuslimen übrigens auch mit schö‐ ner Regelmäßigkeit abgesprochen. Man darf sich nämlich nur über den Islam äu‐ ßern, wenn man dafür ist. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 186 einer spätantiken Ethik, in mangelnde Bildung, hohe Geburtenraten bei geringem Einkommen, in Fremdenhass, in eine systematische Ver‐ meidung von Demokratie, in erhöhte Kriegsbereitschaft sowie in wis‐ senschaftlichen und technologischen Rückstand. Bildungsmangel, ho‐ he Geburtenrate und wissenschaftlicher und technologischer Rück‐ stand wiederum fördern Armut und Religiosität. Die Religion gibt auch vor, dass der Mann die Familie ernährt und die Frau die Kinder großzieht. Geht die Wirtschaft mangels qualifiziertem Personal den Bach runter, kann der Mann mangels Beschäftigung seiner Hauptauf‐ gabe nicht nachkommen, was ihn als Versager dastehen lässt. Alles, was er dann noch hat, sind Stolz und feste Überzeugungen. Da der Gläubige von Kindesbeinen an gelernt hat, dass der Islam perfekt ist und dieses Leben nur eine Prüfung darstellt, ist es einladend, sich in die Religion zu flüchten. Ein Teufelskreis, der nur der Steigerung der Religiosität und der Verminderung von Lebensqualität dient und den der Allmächtige anscheinend nicht vorhersehen konnte – oder er will es so haben. Als Atheist sehe ich das so: Ich sehe deine Heruntergekommen‐ heit, die Nadelstiche in deinen Armen, die zerkratzte Haut, die schlechten Zähne, die mangelnde Körperhygiene, die Unterernährung und die wenig verheißungsvolle Zukunft, und du verbittest Dir tat‐ sächlich, dass ich als Nüchterner über Heroin spreche, ohne es je selbst genommen zu haben? Ich sehe dich und erkenne dein Problem, aber ich muss dein Problem nicht selbst durchleben. Vielmehr würde es mich eventuell dazu bringen, dein Problem genauso wegzurationalisie‐ ren, wie du es tust. Irgendjemand hier muss nüchtern bleiben; die Be‐ rauschten saßen lange genug am Steuer. Der Islam verbietet Alkohol, damit er die einzige verbleibende Droge im Leben des Muslims ist.* Eine weitere Parallele findet man bei Verschwörungstheoretikern. Es verursacht sicher kein Hochgefühl, wenn man sich von Kartellen aus Wirtschaft, Militär oder reptiloiden Außerirdischen umzingelt sieht, oder von Politikern, die die Deutschen „umvolken“ wollen. Man erhält den Endorphinkick vielmehr dadurch, dass man sich schlau vorkommt und glaubt, eine Bedrohung erkannt zu haben, gegen die * Das aber hat nicht vollständig funktioniert. Wenn Sie einmal den Nahen Osten be‐ reisen, werden Sie feststellen, dass die Menschen sich ihren Kick dort von Coffein, Nikotin und Zucker holen. 3.9 Religion als Droge und, bei dieser Gelegenheit, der freie Wille 187 man sich nun dadurch wehren kann, dass man diese gefühlte Ver‐ schwörung in jeder noch so banalen Aussage eines Kommunalpoliti‐ kers bestätigt findet. Religion als Krankheit. Warum ein medizinischer Ausdruck verstörend gut auf die Symptome passt Zu Beginn dieses Abschnitts möchte ich Ihnen eine Passage aus der 15. Ausgabe des IS‑Hausmagazins Dabiq ans Herz legen, die wir einmal einsickern lassen sollten. Die Erzählerin im Artikel „Wie ich zum Islam kam“ nennt sich Umm Khalid al-Finlandyyah. Umm Khalid war ein palästinensisches Dorf, das bei der Gründung von Israel geräumt wur‐ de. Umm Khalid kann aber auch „Mutter von Khalid“ bedeuten, und al-Finlandyyah bedeutet schlicht „aus Finnland“. Einleitend erzählt sie uns, wie sie schon immer an einen Schöpfer glaubte, aber im Christen‐ tum nie eine wahre Religion erkannte. Ihr erster Mann war ein nicht praktizierender Muslim, ihr zweiter erzählte ihr vom Dschihad. Eines Tages wurde er von den finnischen Behörden wegen Terrorismusver‐ dachts verhaftet. Nach seiner Freilassung beschlossen sie, gemeinsam in das Kalifat auszuwandern. Sie schreibt: „Ich kann das Gefühl nicht einmal beschreiben, das man hat, wenn man das Kalifat betritt. Es ist so ein Segen von Allah, dass man Gelegenheit hat, im Kalifat zu leben. Wenn man ins Kalifat kommt, nachdem man alles für Allah aufgegeben hat, wird man natürlich weiterhin geprüft. Man erlebt Mühsal und Strapazen, aber jeden Tag dankt man Allah, dass er einem er‐ laubt hat, die Hidschra [Auswanderung] zu machen und unter der Scha‐ ria zu leben. Das Leben im Islamischen Staat ist so ein Segen! Es gibt Schwierigkeiten und harte Umstände, man ist an das Essen oder die Än‐ derung im Leben nicht gewohnt, man spricht die örtliche Sprache nicht, man hört Bombardierungen und die Kinder haben Angst, doch nichts da‐ von nimmt einem die Dankbarkeit gegenüber Allah, dass er einem er‐ laubt, hier zu sein. Darüber hinaus muss man erst hier leben um zu bemerken, was für ein Leben man vorher gehabt hat. Das Leben hier ist so viel reiner. Im Dar al- Kufr [dem Lande des Unglaubens] setzt man sich und seine Kinder so viel Schmutz und Verdorbenheit aus. Man macht es Satan leicht, einen ir‐ rezuführen. Hier lebt man ein reines Leben, und die Kinder wachsen mit vielen guten Einflüssen auf. Sie müssen sich ihrer Religion nicht schämen. Sie haben die Freiheit, stolz darauf zu sein, und bekommen von Anfang 3.10 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 188 an den richtigen Glauben. Nachdem wir vier Monate hier waren, wurde mein Sohn zum Märtyrer, und das war noch ein weiterer Segen. Wann immer ich darüber nachdenke, frage ich mich: „Welches Ende hätte er wohl gefunden, wenn ich im Dar al-Kufr geblieben wäre? Was wäre ihm zugestoßen? Alhamdulillah, all das blieb ihm erspart, und was könnte besser sein, als dass er für die Sache Allahs starb? Es ist offensichtlich nicht einfach, aber ich bitte Allah darum, dass wir uns ihm anschließen dürfen.“43 Lesen Sie die letzten Sätze noch mal, falls Sie es nicht glauben können. Beachten Sie, wie die Erzählerin den Tod ihres Sohnes, den sie vor einem der besten Gesundheits- und Bildungssysteme der Welt „geret‐ tet“ hat, einfach wegrationalisiert. Sie bildet sich ein, ihm tatsächlich das Beste aller denkbaren Schicksale beschert zu haben. Allah hat ihm erlaubt, die Abkürzung ins Paradies zu nehmen, indem er für Allahs Sache starb, durch eine Bombe des syrischen Regimes oder einen ame‐ rikanischen Drohnenangriff. Alles, aber auch wirklich alles in ihrer Welt ist jetzt entweder eine Prüfung Allahs oder gleich ein Segen Al‐ lahs. Indem sie sich selbst, ihren Entscheidungen und den Geschehnis‐ sen bei jeder Gelegenheit recht gibt, steht hinter jedem einzelnen Satz ein kleiner Endorphinkick. Sie ist süchtig danach geworden. Alle Fragen, die sie jemals an das Leben gehabt haben könnte, sind beantwortet: es ist eine Prüfung oder es ist ein Segen, meistens beides.* Mehr Antworten hat der Islam nicht, und mehr braucht er auch nicht. Sie ist besessen von dem Gedanken, das theologisch Richtige zu tun. Ihr Leben ist ein einziger, glücklich machender Bestätigungsfehler ge‐ worden, dem selbst der Kriegstod ihres Sohnes nichts mehr anhaben kann. Es war kein Segen von Allah. Sie hat ihren minderjährigen Sohn in ein Kriegsgebiet geführt, aus dem die Menschen zu Millionen flie‐ hen. Sie hat die Fesseln der Realität hinter sich gelassen und schwebt in einer mentalen Wolke aus Denkfehlern, die rauschartig glücklich ma‐ chen, gerade weil sie dem Elend einen vermeidlichen Sinn geben. Das letzte, was solche Menschen wollen, ist eine tatsächliche Beseitigung des Elends. * Denn natürlich ist auch die Prüfung ein Segen Allahs – er kümmert sich um sie und prüft sie, um sie auf den richtigen Weg zu lenken. Und das Beste daran ist: es muss ihn gar nicht geben, die Vorstellung genügt völlig. 3.10 Religion als Krankheit. Warum ein medizinischer Ausdruck verstörend gut auf die Symptome passt 189 Das Magazin Dabiq ist Propaganda, richtig. Das Verstörende da‐ ran ist aber, dass jede Propaganda auf der Welt uns mit Dingen mani‐ pulieren soll, die bei uns Zustimmung bewirken. Sie soll Zweifel beim Gegner sähen und die eigenen Anhänger in ihrem Weltbild bestärken. Stellen Sie sich vor, wer Sie sein müssen, um Ihr Weltbild in diesen psychotischen Zeilen bestätigt zu finden. Es würde nicht funktionieren, wenn der religiöse Knopf, den die Autoren hier drücken, nicht mit et‐ was im muslimischen Gehirn verdrahtet wäre. Menschen lesen diese Zeilen und empfinden nichts Anderes dabei als Stolz oder Neid auf ihre Glaubensfestigkeit, denn es ist tugendhaft von ihr, sich vom Tod ihres Sohnes nicht im Glauben erschüttern zu lassen. Entfernen Sie einmal das religiöse Element aus ihrem Text. Funktioniert das, was üb‐ rig bleibt, auch ohne Religion? Ein anderes Beispiel gibt uns Maryam Mohammad Yousif Farhat aus Palästina, die auch unter dem Namen Umm Nidal bekannt war, was „Mutter der Anstrengung“ heißt. Sie war eine palästinensische Po‐ litikerin, die ihre Söhne ohne zu zögern in den Märtyrertod schickte. Mohammed, einer dieser Märtyrer, schlich sich im März 2002 in eine israelische Siedlung, warf Handgranaten und schoss mit seiner Ka‐ laschnikow, bis ihm die Munition ausging und er von der israelischen Polizei erschossen wurde. In einem Fernsehinterview mit dem Sender Dream2 TV im Dezember 2005 sprach sie freimütig darüber, wie sie ihn auf seine Mission schickte. Ein Auszug aus dem Interview44: Umm Nidal: Die Operation war sehr erfolgreich, Allah sei gepriesen. Zehn Soldaten wurden getötet und 23 verletzt. Interviewerin: Die Verluste des besetzenden Gegners sind Ih‐ nen wichtiger als Ihr eigener Verlust – und ich meine das nicht negativ. Doch Sie konzentrie‐ ren sich auf das Ergebnis der Operation, nicht auf das Leben Ihres Sohnes. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 190 Umm Nidal: Natürlich habe ich gehofft, dass er zum Märty‐ rer wird. Wenn er zurückgekehrt wäre… ehr‐ lich, es gab kein Zurück von dieser Operation. Das Märtyrertum war in dieser Operation un‐ ausweichlich. Er betrat die Siedlung, und es gab keine Möglichkeit, da wieder herauszu‐ kommen. Sein Märtyrertum war unausweich‐ lich. Ich hab ungeduldig auf das Ergebnis der Operation gewartet. Ich hatte nicht einmal ge‐ hofft, dass er mehr als zwei Soldaten töten würde. Wenn ein Märtyrertum-Suchender eine Sied‐ lung betritt, dann ist das bereits ein Triumph an sich. Es ist sehr schwer durchzuführen, die Siedlungen sind sehr schwer befestigt. Es ist schwierig für einen Märtyrertum-Suchenden, dort hineinzugelangen. Als ich vom Ausgang der Operation hörte, war ich ehrlich gesagt traurig über meinen Sohn. Das kann man nicht ignorieren. Interviewerin: Haben Sie geweint? Umm Nidal: Zu Anfang habe ich nicht geweint. Ich sagte „Allahu akbar“ und verbeugte mich in Dank‐ barkeit. Ehrlich gesagt war ich beschämt zu sa‐ gen: ‚Allah, hilf mir in meiner Tragik!‘, denn ich betrachte es als Segen, nicht als Tragödie. Ich hatte Schachteln mit Halva und Schokola‐ de vorbereitet und verschenkte sie an seine Freunde. 3.10 Religion als Krankheit. Warum ein medizinischer Ausdruck verstörend gut auf die Symptome passt 191 Interviewerin: Entschuldigen Sie, Umm Nidal, aber im Wes‐ ten hat diese Szene… nicht nur verstehen sie es nicht. Sie verstehen nicht, wie eine palästi‐ nensische Mutter bei der Beisetzung ihres Sohnes jubeln und Allahu akbar sagen kann, wenn sie von seinem Märtyrertod erfährt. Sie finden das nicht nur verwunderlich, sie kriti‐ sieren es auch. Sie sagen, diese palästinensi‐ schen Frauen haben offensichtlich keine menschlichen Gefühle. In anderen Worten, keine Mutter auf der Welt, egal wie edel die Sache oder wie erfolgreich der Ausgang, würde so reagieren. Über Sie und all die Mütter Palästinas ist schon viel ge‐ schrieben worden. Sie verstehen solche Emo‐ tionen einfach nicht. Umm Nidal: Die sind vom Islam und seinen Konzepten völlig abgewandt. Doch wir, Allah sei geprie‐ sen, sind fromme Muslime. In dieser Hinsicht herrscht ein großer Unterschied zwischen uns und ihnen. Sie verstehen nicht, was der Islam ist. Interviewerin: Aber Menschen sind doch alle gleich. Unser Herr erschuf nur eine Sorte Mensch. Umm Nidal: Natürlich, und als menschliches Wesen emp‐ finde ich diese Gefühle sehr tief. Glauben Sie mir, wenn es um meine Söhne geht, bin ich eine der mitfühlendsten Mütter. Aber dies hier ist eine heilige Pflicht, an deren Stelle kein Ge‐ fühl auf der Welt treten kann. Interviewerin: Ist es wahr, dass während des Rückzuges… 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 192 Umm Nidal: Wir können nicht aufhören zu opfern, nur weil wir Schmerz empfinden. Was bedeutet denn das Opfer? Man opfert, was einem wert‐ voll ist, nicht was geringen Wert hat. Meine Kinder sind das Wertvollste in meinem Leben. Deshalb opfere ich sie für eine höhere Sache – für Allah, der wertvoller ist als sie. Mein Sohn ist nicht wertvoller als sein Gott. Er ist nicht wertvoller als die Orte, die dem Islam heilig sind, und er ist nicht wertvoller als seine Hei‐ mat oder sein Islam. Ganz und gar nicht. Interviewerin: Manche Leute sagen: warum bereiten Sie Ihre Söhne auf den Tod vor, wenn Sie sie auf das Leben vorbereiten könnten? Ich meine nicht Leben im Sinne von Vergnügen, doch viel‐ leicht könnten sie mehr im Leben tun als im Tode. Wenn diese Leute diese jungen Männer sehen, dann könnten sie sagen, sie hätten gro‐ ße militärische Anführer werden können oder große Denker. Sie hätten viel mehr Verluste verursachen können als dadurch, ihre Leben ins Verderben zu stürzen. Umm Nidal: Aber er wirft sich nicht in den Tod oder ins Verderben. Dies ist nicht der Tod. Man nennt es nicht Tod, sondern Märtyrertum. […] Interviewerin: Sie haben zehn Söhne? Umm Nidal: Ja, Allah sei gepriesen. Interviewerin: Wenn ein weiterer getötet wird… Umm Nidal: Es gibt viele junge Männer. Interviewerin: Wird Ihr Herz dann mit unsäglichem Leid ge‐ füllt sein? Umm Nidal: Nein, nein, Allah sei gepriesen. Ich bin vorbe‐ reitet. Ich werde sie alle opfern. Wenn meine Pflicht verlangt, sie alle zu opfern, werde ich mich nicht weigern. Und wenn es mich hun‐ dert Söhne kostet. Fällt Ihnen ein medizinischer Begriff dafür ein? Für die Kaltherzigkeit selbst kenne ich keinen Begriff, wohl aber für die Ursache, die hinter all diesem steht: den Gedanken an das Paradies, das man als Märtyrer 3.10 Religion als Krankheit. Warum ein medizinischer Ausdruck verstörend gut auf die Symptome passt 193 auf dem Expressweg erreichen kann. Er ist die Ursache dafür, dass Menschen wie Umm Nidal sich so kaltherzig benehmen können, ob‐ wohl sie sich selbst als mitfühlend betrachten, und der medizinische Ausdruck lautet Paranoia. Paranoia ist definiert als ein Leiden, bei dem der Leidensträger durchaus zu rationalen Entscheidungen fähig ist, jedoch eine falsche Ausgangssituation vermutet. Das Verfolgtwerden, die Untreue des Partners oder der Verrat durch Angestellte müssen nicht stattgefunden haben; stattdessen beherrscht die Angst vor diesen Ereignissen das Handeln des Erkrankten, und er wird Maßnahmen ergreifen, um diese Ereignisse zu verhindern. Er spioniert, überwacht, stellt Fallen, stellt zur Rede, akzeptiert keine Argumente. Je besser man ihn vom Gegen‐ teil überzeugen könnte, je besser die Argumente sind, desto misstraui‐ scher wird der Paranoiker. Es klingt einfach zu gut, zu überzeugend, dieses Argument wurde nur entwickelt, um mich zu täuschen! Also habe ich recht! Umm Nidal ist überzeugt von der falschen Annahme, es gäbe einen Schöpfer, der uns Regeln und ein Jenseitsversprechen gab. Auf diesem falschen Pfad navigiert sie durchaus logisch, beschert ihren Söhnen den Märtyrerstatus, sie opfert was ihr wichtig ist, und wenn der Rest der Welt es nicht versteht, dann liegt das Problem bei denen. Sie sind vom Islam abgewandt und können sich daher gar kein Urteil erlauben. Sicher wäre es unhöflich und der Sache wenig hilfreich, jedem reli‐ giösen Menschen gleich vorzuwerfen, dass er einen an der Waffel hat. Dennoch lassen sich gewisse Parallelen nicht leugnen, und vor allem hängt es davon ab, wie ernst der Religiöse seine Religion nimmt. Rich‐ tet er sein ganzes Leben nach der Einhaltung religiöser Vorschriften aus und versucht, andere ebenfalls davon zu überzeugen, weil ihnen sonst die Hölle droht, dann nimmt er die Sache sicherlich auf klinische Weise zu ernst. Genau das aber erwarten die monotheistischen Religionen vom Individuum, und dass das Christentum heute nicht mehr so viel Druck auf das Individuum ausübt wie der Islam liegt daran, dass der säkulare Staat ihm die Zähne gezogen hat. Wie die Religion das Leben der Menschen im Mittelalter bestimmt hat, lässt sich am heutigen Islam noch gut beobachten. Die Hölle ist dort noch nicht als Angstmacherei 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 194 von annodazumal erkannt worden. Ein beträchtlicher Prozentsatz der Muslime der Welt lebt sein Leben, als gäbe es die Abzweigung zwi‐ schen Himmel und Hölle nach ihrem Tod wirklich – in einer Pew-Stu‐ die aus dem Jahr 2012 glaubten 85 Prozent und mehr der befragten Muslime im Nahen Osten an eine Hölle.45 Und da der Islam viel aus seinen beiden Vorgängerreligionen gelernt hat, schreibt er auch gleich von Ungläubigen, die die Gläubigen zu verwirren suchen: „O die ihr glaubt, nehmt keine Vertrauten außer von euch. Sie scheuen keine Mühe, euch zu verwirren, und möchten gern, dass ihr in Bedräng‐ nis geratet. Schon wurde aus ihren Mündern Hass offenkundig, aber was ihre Brüste verborgen halten, ist (noch) schwerwiegender. Wir haben euch die Zeichen bereits klargemacht, wenn ihr begreifen wollt.“ Sure 3:118 Hier wird dem Muslim ein zentrales Element der Paranoia direkt auf dem Silbertablett serviert: Bleib bei deinesgleichen, die anderen wollen dich täuschen, sie hassen dich, und wer weiß was die noch alles vorha‐ ben! Du weißt es doch besser! Wenn der Schöpfer des Universums das sagt, ist jeder Widerspruch sinnlos und bestätigt den Gläubigen nur in seiner Ansicht. Die Folge: man wähnt sich im Krieg, ist aber keinesfalls der Angreifer, sondern verteidigt sich immer nur. Die militärischen In‐ terventionen der USA im Nahen Osten haben dieses Narrativ zweifels‐ frei genährt, aber es war schon vorher vorhanden und ist der Grund, warum die Interventionen der USA in Südamerika oder Südostasien zwar ebenfalls Millionen ziviler Opfer, aber keinen globalen kommu‐ nistischen Dschihad verursacht haben. Das ist eine islamische Speziali‐ tät. Religion, ernst genug genommen, ist erlernte Psychose. Menschen wie Umm Nidal sind nicht der Grund, warum ich Athe‐ ist bin. Ich bin Atheist, weil ich die Argumente der Religionen nicht überzeugend finde. Menschen wie Umm Nidal sind aber der Grund, warum ich atheistischer Aktivist bin. Wenn ein gewisser Prozentsatz der Gläubigen immer verlässlich an diesem Stadium des religiösen Wahns angelangt, dann müssen wir unser Wort dagegen erheben, sonst wird es immer so weitergehen und sich nie etwas ändern. Unser 3.10 Religion als Krankheit. Warum ein medizinischer Ausdruck verstörend gut auf die Symptome passt 195 Schweigen wird von diesen verwirrten Gehirnen nur als Zustimmung oder als Einknicken gewertet.* Doch leider ist die Idee Islam in der arabischen Welt so stark, dass auch ihre landeseigenen Kritiker nur wenig erreichen. Im März 2018 veröffentlichte das Middle East Media Research Institute (MEMRI) ein Video aus dem ägyptischen Fernsehen. Dort war der Ägypter Moham‐ mad Haschem ein- bzw. vorgeladen und kam über zwei Sätze nicht hi‐ naus: dass es keine wissenschaftlichen Hinweise auf die Existenz Got‐ tes gäbe und dass er keine Religion brauche, um moralische Werte zu besitzen und ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein. Der Moderator Mahmoud Abd Al-Halim entschuldigte sich umgehend bei den Zuschauern, einen solchen Ägypter in seiner Sendung zu haben. Er bezeichnete Haschem als verwirrt und unzurechnungsfähig, seine Ideen als Ketzerei, unangemessen und zerstörerisch und nannte ihn ein schlechtes Beispiel für die ägyptische Jugend. Der Moderator und sein anderer Gast Mahmoud Ashour von der al-Azhar-Universität empfahlen ihm, sofort das Studio zu verlassen und umgehend einen Psychiater aufzusuchen.46 Wenn die Psychose gesellschaftliche Norm geworden ist, ist der Gesunde der Verrückte. Interessanterweise spricht man von religiösem Wahn erst, wenn je‐ mand sich für Jesus oder die Jungfrau Maria hält – ein Leiden, das so‐ gar den Namen Jerusalem-Syndrom trägt und hauptsächlich Reisende befällt, die sich den lang ersehnten Wunsch erfüllen, das Heilige Land aufzusuchen. Jede andere Art, die Religion zu ernst zu nehmen, ist für wahre Gläubige ein Kompliment, für den Rest der Welt eher gruselig. *** Am Valentinstag 2016 ging ein Foto durch Facebook, auf dem zwei Musliminnen Zettel mit den Worten „We are Muslim – No Valentines Day!“ hochhielten. Ich habe mich daher aufgrund dieser Steilvorlage an die Recherche gemacht und wurde auch schnell fündig. * Unsere Kritik auch, keine Bange. Ich bilde mir nicht ein, jemand Verlorenes wie Umm Nidal noch bekehren zu können. Es wäre aber schön gewesen, wenn sie bei ihren Missionierungsversuchen auch mal Widerstand erfahren hätte, denn letzten Endes geht es bei jeder Debatte nur um die Meinung des Zuschauers. Menschen wie Umm Nidal können nur im Vergleich mit Gesunden als krank identifiziert werden. 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 196 Auf einer Vielzahl von Websites kann man nachlesen, dass das Be‐ gehen des Valentinstages haram ist, also verboten. Ist es dem Muslim doch schließlich nicht erlaubt, andere Feste als die des Islam zu bege‐ hen. Den Valentinstag zu begehen wäre also ein Nachahmen der Kuf‐ far, und dafür droht das Höllenfeuer. In Saudi-Arabien und im Iran sind einige Tage vorher bereits keine Blumen mehr erhältlich, denn je‐ mand könnte sie seiner Frau schenken. Es ist verboten, sich lieb zu ha‐ ben, es sei denn, man tut es nach islamischen Regeln. Man fragt sich, ob man es mit der Religion noch mehr übertreiben könnte. Versuchen Sie sich die seelische Panik vorzustellen, die man haben muss, wenn man hinter jeder noch so harmlosen Geste eine Sünde vermutet. Alles muss bewertet und genehmigt werden. Das ist die Perfektion der Unfreiheit. Wer denkt im Westen heute noch an Va‐ lentin von Rom, den christlichen Märtyrer, der Paare christlich traute und dafür am 14. Februar 273 n. Chr. hingerichtet wurde? Niemand. In der islamischen Welt scheint man zu glauben, wir würden das Christentum genauso ernst nehmen wie sie den Islam. Angesichts der überwältigenden Beweislage halte ich die Zeit für reif, Religionen ebenso zu behandeln und vor allem zu tun, was wir zu lange nicht getan haben: Die Apologeten und ihre Behauptungen mit Logik und guten Argumenten zu konfrontieren. Lasst sie wissen, dass sie uns nicht alles auf die Nase binden können! Hört auf, Euch aus un‐ angebrachtem Respekt vor irren Ideen die Butter vom Brot nehmen zu lassen! Beleidigt sie nicht, aber macht ihnen klar, dass ihr nur den Menschen respektiert, nicht aber die hanebüchene Idee, für die er eine Extrawurst will. Das Aufgeben kritischen Denkens und die Standhaf‐ tigkeit im Angesicht unwiderlegbarer Argumente sind keine Tugenden, sondern eine Schande für unsere Spezies. Zu fordern, dass wir schwei‐ gen, damit Religionen nicht beleidigt werden, ist keine Grenze unserer Meinungsfreiheit. Es ist der Abstieg in die Theokratie. Wie der amerikanische Neurologe Sam Harris einmal sagte: „Wenn Sie morgen früh aufwachen und glauben, dass ein paar lateinische Worte über Ihren Pfannkuchen Sie in den Körper von Elvis Presley ver‐ wandeln, haben Sie eine Schraube locker. Wenn Sie mehr oder weniger das Gleiche von einer Oblate und dem Körper von Jesus Christus glauben, sind Sie lediglich Katholik.“ 3.10 Religion als Krankheit. Warum ein medizinischer Ausdruck verstörend gut auf die Symptome passt 197 Dass das eine uns behandlungswürdig erscheint und das andere nicht, liegt an den gesellschaftlichen Normen, unter denen wir großgewor‐ den sind. Mehr nicht. Es hat nicht den geringsten Einfluss darauf, ob die Sache stimmen mag. Prägung Wenn wir gewisse Überzeugungen von unserem Umfeld übernommen haben, werden wir sie ernst nehmen, denn das von den Eltern über‐ nommene Weltbild zu verwerfen setzt die Überwindung eines kogniti‐ ven Konflikts voraus und geschieht nie über Nacht. Es hat Jahre gedau‐ ert, bis ich mich zum Vegetariertum bereit fühlte, obwohl mir die Ar‐ gumente schon lange bekannt waren und nicht minder einleuchteten als heute. Seit 1990 hat die Bevölkerung Deutschlands leicht zugenommen, der Tabakkonsum hat sich jedoch ungefähr halbiert. Der Grund dafür ist die konstante Aufklärung über die Gefahren des Rauchens, ein Ver‐ bot von Tabakwerbung in Fernsehen, Radio und Kinos. Ich empfinde es im Nachhinein als unglaublich, dass ich (abgesehen von den ver‐ qualmten Haushalten, in denen ich mich bewegte) in einer Welt aufge‐ wachsen bin, in der es Schokoladen- und Kaugummizigaretten für Kinder gab, mit denen sie ihre Idole schon mal imitieren konnten, bis sie alt genug waren, sich echte Zigaretten zu kaufen. Ironischerweise wollen die Erwachsenen für ihre Kinder nur das Beste, und jeder Rau‐ cher wäre insgeheim gerne Nichtraucher. Schokoladen- und Kaugummizigaretten sind in Deutschland bis heute noch nicht verboten worden, aber acht EU-Staaten haben diese Produkte bereits vom Markt genommen, da sie Kindern das Rauchen als erstrebenswert oder cool suggerieren. Allein die Tatsache, dass gro‐ ße Tabakfirmen die kindgerechten Imitate ihrer Produkte nie marken‐ rechtlich belangt haben, sollte demonstrieren, dass sie es als Werbung für ihre Produkte und als Rekrutierung künftiger Kunden betrachten. Menschen, die an eine flache Erde glauben, Tabakwerbung und Religi‐ on sind Beispiele dafür, dass man Menschen alles einreden kann, sei es noch so unsinnig oder schädlich. Ich kann es mir mit der fehlerhaften 3.11 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 198 Konstruktion des menschlichen Geistes erklären. Gibt es allgemein ein besseres Argument für Nachsicht mit dem Mitmenschen? Versuchen Sie sich vorzustellen, wie groß die Macht des Wunsch‐ denkens und des von Kindesbeinen auf Erlernten gegenüber dem ra‐ tionalen, kritischen Teil Ihres Gehirns ist. Wahrlich, der Glaube kann Berge versetzen, wenn man nur Ochse genug ist oder schon im Säug‐ lingsalter vor diesen Pflug gespannt wurde. Wie wir die Welt sehen, hängt sehr entscheidend davon ab, mit welchen Werten wir aufgewachsen sind oder welche Werte wir aus ei‐ gener Entscheidung leben – also davon, welche Normen wir über län‐ gere Zeit inhaliert haben. Nicht nur prüfen wir dann Inhalte auf ihre Verträglichkeit mit unseren Überzeugungen, sondern wir sind, eine entsprechend starke Prägung vorausgesetzt, irgendwann auch nicht mehr in der Lage, den Inhalt einer neutralen Aussage unverzerrt wahr‐ zunehmen. Nehmen wir einmal die folgende Aussage: „Der Bau des Weißmeerkanals bei St. Petersburg unter Josef Stalin hat ei‐ nige zigtausend Zwangsarbeiter das Leben gekostet. Dennoch gibt es heu‐ te in Russland einen Wodka, der nach dem Weißmeerkanal benannt ist. Einen Doppelkorn ‚Mittelbau‘ gibt es in Deutschland nicht!“ Wenn Sie betont links sind und nicht wissen, welche Gesinnung die Person hat, die den obigen Satz ausspricht, dann werden Sie zu der Annahme neigen, die Person wolle damit den Mittelbau relativieren, der im Dritten Reich ebenfalls einige zigtausend Todesopfer gefordert hat. Sie werden annehmen, dass der Tenor der Aussage sei, die links‐ grünversifften Gutmenschen sollten sich mal nicht so anstellen - ande‐ re Kinder spielen schließlich auch mit Kacke. Eventuell bedeutet es für Sie, dass die Person solche Verbrechen sogar gutheißt. Erkennen Sie, wie viel davon bloße Projektion ist? Eigentlich alles. Sie vermuten das Schlimmste und ziehen dann die Schlussfolgerung, dass die Person zum ideologischen Feind gehört und die linksgrünver‐ sifften Gutmenschen, zu denen er Sie zählt, naiv gegenüber der Reali‐ tät sind. Sollte die Person weitere ambivalente Aussagen machen, wird sich Ihr Urteil bestätigen – sollte sie etwas klarstellen wollen, will sie sich dann nur rausreden. Sie haben sie doch in flagranti erwischt! Die Person könnte aber auch gemeint haben, dass Deutschland bei der Aufarbeitung seiner geschichtlichen Verfehlungen weiter ist als 3.11 Prägung 199 Russland, das immer noch ein viel zu romantisches Verhältnis zur Ge‐ schichte der Sowjetunion hat. Die Person könnte die gleichen Ansich‐ ten haben wie Sie, aber Sie haben, als Sie diese Worte hörten, im Ge‐ hirn den falschen, den inquisitorischen Kanal offen gehabt. Und je stärker Sie an Ihren Mitmenschen herummoralisieren, desto öfter ha‐ ben Sie diesen Kanal offen. Wenn Sie betont rechts sind und die obige Aussage über den Weißmeerkanal hören, werden Sie den linksgrünversifften Gutmen‐ schen vorwerfen, es zu übertreiben, denn die anderen Kinder sehen sich ja nicht dazu genötigt, sich in ihren Schandtaten zu wälzen, und wer es als erster und einziger tut, begibt sich freiwillig in eine Position der Schwäche. Oder Sie sind von der wirklich dummen Sorte und träumen tatsächlich davon, andere bis zum Tode schuften zu lassen, weil sie zu einem anderen Volk oder Kulturkreis gehören als Sie. Wenn Sie das Christentum lange und tief inhaliert haben, werden Atheisten Ihnen wie Verrückte vorkommen, die wider besseres Wissen mit hysterisch lachender Fratze auf den Abgrund zu torkeln und drin‐ gend gerettet werden müssen. Dass ein solches Verhalten unerklärlich ist, macht Sie nicht misstrauisch gegenüber Ihrem eigenen Gedanken‐ gang, und es würde Sie auch niemals zu der Vermutung veranlassen, dass Sie mit Ihrer Einschätzung falsch lägen. Atheisten können gar nicht Recht haben, denn Sie liegen ja bereits richtig, und beides geht nicht. Die frühkindliche Prägung dürfte auch der Grund sein, warum die Wissenschaftler vergangener Jahrhunderte allesamt religiös waren. Wissenschaft und Religion sind verschiedene Welten, sie finden in ver‐ schiedenen Teilen des Gehirns statt, und so ist die Korrelation zwi‐ schen den beiden eigentlich gar keine. Heute ist etwa die Hälfte der Mitglieder der American Association for the Advancement of Science (AAAS) Atheist oder Agnostiker, Tendenz steigend – nur noch ein Drittel der Mitglieder glaubt an einen Gott, wie die Religionen ihn na‐ helegen.47 Wenn Sie den Islam lang und tief genug inhaliert haben, wird Ih‐ nen jede Regung aus dem Westen wie ein feindseliger Akt vorkommen. Polioimpfungen sind eine Verschwörung des Westens, um Muslime unfruchtbar zu machen, wie eine gängige und klerikal verbreitete Ver‐ schwörungshypothese im Norden Nigerias lautet. Alles, aber auch wirklich alles, was „der Westen“ tut, ist scheinbar gegen Muslime ge‐ 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 200 richtet. Greifen wir in Konflikte ein, schlachten wir Muslime ab wie in Syrien. Greifen wir nicht ein, schauen wir tatenlos zu, wie Muslime ab‐ geschlachtet werden wie in Srebrenica. Die Opferrolle war schon im‐ mer vorzüglich dazu geeignet, etwas zu dürfen. Interessant dabei: „den Islam“ gibt es immer nur, wenn er angegriffen oder beleidigt wird. Ge‐ schieht im Namen des Islam eine Brutalität, so zerstiebt er, als hätte man in Mehl geblasen, und die Täter sind dann abhängig vom Erzäh‐ ler entweder fehlgeleitet, gar keine Muslime oder israelische Agenten, die den Islam diskreditieren sollen. Wenn man erst einmal irre genug ist und ein solches Feindbild entwickelt hat, kann der Westen machen was er will, man wird ihm immer Boshaftigkeit unterstellen. Wir Westler sind Feinde des Islam, ohne es zu wollen. Der Islam kann uns dabei nicht einmal egal sein, denn das ist einfach keine ideologieverträgliche Erklärung. Ich stelle mir Religionen (und auch politische Ideologien) immer ein wenig wie einen Parasiten vor, dem es zunächst nicht leicht fällt, Gehirne zu befallen. Wenn es ihm aber gelungen ist, dann befreit er das Gehirn von seinem Respekt vor der Logik, überschüttet es mit Glückshormonen und redet dem Wirt ein, dass das Leben ohne den Parasiten sinnlos wäre. Er bringt die Wirte so weit, dass sie diesen Pa‐ rasiten dann in speziell dafür entworfenen Zeremonien feierlich an ihre Kinder weiterreichen. Er steuert die Wirte fern und hält sie ver‐ meintlich glücklich, doch in erster Linie interessiert ihn sein eigenes Überleben. Genaugenommen hätte der Parasit nicht überlebt, wenn er diese Fähigkeit zur Verbreitung nicht von vornherein gehabt hätte. Er muss den Wirt kontrollieren, muss seine Einwände beseitigen, muss sich in die nächste Generation verbreiten, da er sonst mit den bestehenden Wirten ausstirbt. Der Wirt darf leiden, Wirte dürfen sich gegenseitig töten, aber der Parasit muss weiterleben. Selbst die Überlebenden eines Parasitenkrieges zwischen hellgrünen und dunkelgrünen Wirten müs‐ sen davon abgehalten werden, den Parasiten abzustoßen und zu erken‐ nen, dass man auch ohne ihn gut leben kann, und dass der Befall zu‐ weilen schädliche Ausmaße annimmt. Und der Parasit zwingt Wirte bei starkem Befall auch dazu, nach dem Staat zu greifen, da er sich von dort aus wesentlich schneller verbreiten kann. 3.11 Prägung 201 Zugabe: Falsche Erinnerungen – Glauben Sie ja nicht, was Sie denken! Im August 2011 erschien ein Artikel im Stern, der das Leid einer Frau aus Wuppertal schilderte. Sie hatte über Jahre ihren Eltern vorgewor‐ fen, sie und ihren Bruder vergewaltigt zu haben. Sie schrieb Drohbriefe, betrieb Telefonterror, denunzierte ihre Eltern bei deren Freunden, zeigte sie bei der Polizei an. Die Eltern begriffen nichts. Denn die Erinnerungen der Frau waren nicht echt. Sie hatte sich in einer anderen Sache vertrauensvoll an eine esoterische „Lebensberate‐ rin“ gewandt, und diese hatte sie davon überzeugt, sie sei in ihrer Kindheit von ihrem Vater über Jahre missbraucht worden, und ihre Mutter hätte ihn gedeckt. Anfangs hatte sie Zweifel an diesen Erinne‐ rungen, passten sie doch gar nicht in das Bild, das sie von ihren Eltern bisher gehabt hatte. Die Lebensberaterin sagte dazu, das käme von der Verdrängung des Erlebten. Ihre Schwester, ebenfalls in der Gruppe, konnte die Geschichten irgendwann bestätigen. Sie erinnerten sich an Details, an Räume, Situationen, gemeinsam Erlebtes. Nur ihr Bruder schluckte die Geschichte nicht. Nach einigen Jahren echter Therapie schaffte sie schließlich den Ausstieg aus dieser Irrung, doch das Ver‐ hältnis zu den Eltern ist dauerhaft zerrüttet.48 Doch bevor wir wutentbrannt auf die Lebensberaterin eindreschen, sollten wir zum eigentlichen Punkt kommen. Die amerikanische Psy‐ chologin Elizabeth Loftus, Spezialistin auf dem Gebiet der Gedächtnis‐ forschung, mahnt zur Skepsis, wenn traumatische Erinnerungen zum ersten Mal in einer psychotherapeutischen Sitzung auftauchen. Oft‐ mals, so Loftus, würde der Therapeut dadurch, dass er selbst eine fal‐ sche Erwartung hat, den Patienten damit versehentlich manipulieren, bis er selbst an ein erlittenes Trauma glaubt. In diesen verletzlichen Momenten wird selten die Wahrheit ausgegraben, es gleicht eher einem kreativen statt einem analytischen Prozess. Erinnerungen sind besonders bei hilfesuchenden Menschen leicht zu induzieren; sie wol‐ len eine Erklärung, Hilfe, Orientierung, sie wollen glauben. Und das geht viel einfacher als man möchte. Man kann nur hoffen, dass Psy‐ chotherapeuten sich dieser Verantwortung bewusst sind. Wie sehr also können wir uns selbst trauen, wenn selbst unsere Er‐ innerungen so beeinflussbar sind? Was richtet es wirklich an, wenn ein 3.12 3 Der Mensch ist schuld. Von der Psyche und ihren Bedürfnissen 202 Priester uns von der Kindheit an einredet, wir seien der Erbsünde schuldig? Wenn Imame nicht müde werden Kinder zu überzeugen, dass sie selbst der einzig wahren Religion angehören, während die Is‐ raelis angeblich alle Muslime ausradieren wollen? Schauen Sie sich die neunjährigen Palästinenser an, mit Kalaschnikow und dem grünen Stirnband des Paradieses durch die Straßen von Gaza marschierend, wie sie „Tod den Juden“ skandieren. Die muslimischen Frauen, die al‐ len Ernstes die Vollverschleierung und häusliche Gewalt durch den Ehemann verteidigen. Die Frauen in Saudi-Arabien, die es in Ordnung finden, das Haus nicht ohne männliche Familienangehörige verlassen zu dürfen. Der Dreijährige an ihrer Hand, der lernt, dass er gesell‐ schaftlich höher steht als seine Mutter. Sind die alle dumm? Nein. Ist es wirklich ihr eigener Wille? Auch nicht. Es ist lebenslange Prägung, und sie wieder abzuschütteln ist eine zum Verzweifeln schwierige Aufgabe und keinesfalls in kurzer Zeit zu schaffen. Es dürfte Jahrzehnte dauern. Das menschliche Gehirn kann immer nur schrittweise von gefestigten Überzeugungen abkehren. Umso besser also, wenn es sie von vornhe‐ rein gar nicht erst erhält und skeptisch bleibt. *** Was also bleibt von der Religion als Weltbild übrig, wenn wir in den vergangenen Kapiteln erklären konnten, dass sie von der Beschaffen‐ heit der Welt nie eine Ahnung hatte, dass sie von Menschen gemacht wurde und dass bestimmte Mängel der Psyche den Menschen für Ver‐ schwörungstheorien, für das frontale Leugnen von Tatsachen und für Religiosität anfällig machen? Dass es einen Endorphinkick verursacht, sich selbst recht zu geben, wie etwa beim Zug an einer Zigarette, bei einem Stück Schokolade oder beim Küssen? Dass die ganze Sache mit der Religion ihren Ursprung darin nahm, dass Menschen sich gegen Naturkatastrophen schützen wollten und nach Wegen suchten, das Ge‐ schehen zu kontrollieren? Nun, einen Vorteil hat die Religion ja immer noch: sie macht bes‐ sere Menschen aus uns. Oder etwa nicht? 3.12 Zugabe: Falsche Erinnerungen – Glauben Sie ja nicht, was Sie denken! 203 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist „Mich stören nicht die Stellen in der Bibel, die ich nicht verstehe, mich stören die Stellen, die ich verstehe.“ Mark Twain (1835-1910) Moral ist ein sehr missverstandenes Wort, gerade weil seine Bedeutung uns so selbstverständlich erscheint. Es stammt vom lateinischen Wort mores ab, das einfach nur „Sitten“ bedeutet, also die Summe der real vorhandenen Handlungsmuster eines Kulturkreises meint. Es hat also eher beschreibenden Charakter des Ist-Zustands und ist in erster Linie keine Handlungsanweisung für den Soll-Zustand. Ethik hingegen ist ein Teilgebiet der Philosophie, das sich mit der Frage beschäftigt, wie der Mensch sein soll. Ein Wort über das Böse Gibt es das Böse? Lassen Sie mich zunächst einwenden, dass diese Fra‐ ge sehr nach Schwarzweißdenken riecht. Wer den Gedanken an die Existenz des Bösen zu sehr an sich heranlässt, wird zu sehr bereit sein, es jederzeit und überall zu diagnostizieren und entsprechende Maß‐ nahmen zu ergreifen. Das passiert Frömmlern genauso wie politischen Extremisten; ein Linksextremer findet überall faschistoides Gedanken‐ gut, denn sonst hat er nichts zu tun – ein Rechtsextremer sieht überall deutschfeindliche Linksextreme, die das Land ruinieren wollen und dazu Immigranten benutzen. Schwarz-weiße Weltbilder wollen schließlich gelebt werden. Der Vatikan bildet heute noch hunderte Ex‐ orzisten aus, die die Welt bereisen und Dämonen austreiben. Die Be‐ troffenen sind fast ausschließlich selbst Katholiken, und die Mehrzahl der Opfer dieses Heilerwahns sind junge Frauen, die streng katholisch erzogen wurden. Wer die Flexibilität des menschlichen Wahrnehmens 4 4.1 205 und Interpretierens bedenkt, dem wird klar, dass die Opfer des Exor‐ zismus in Wirklichkeit nicht von Dämonen besessen sind, sondern vom Gedanken an Dämonen. In Wirklichkeit gibt es das Böse nicht – es gibt Empathie und Abwesenheit von Empathie, so wie es in der Phy‐ sik auch den Begriff Kälte nicht gibt, sondern nur Wärmeenergie und Abwesenheit von Wärmeenergie.* Jeder Mensch ist zu Gutem und zu verstörender Grausamkeit fähig. Hannah Ahrendt hat in ihren Berichten über den Prozess gegen Adolf Eichmann von der Banalität des Bösen gesprochen. Interessant ist hier, dass man das Böse immer nur anderen unterstellen kann. Nie‐ mand, und seien seine Gedanken noch so extrem, bezeichnet sich selbst jemals als Teil des Bösen. Gewöhnlich sieht man sich selbst als das Gute, mindestens aber das notwendige Übel im Dienste von etwas Gutem. Diese Selbstwahrnehmung haben Nationalsozialisten, Kom‐ munisten, The Lord‘s Army in Uganda und der Islamische Staat ge‐ meinsam. Zeit für eine differenziertere Betrachtung also. Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einem Bahngleis, und es nähert sich ein Waggon. Er droht die Weiche direkt vor Ihnen zu passieren und fünf Menschen zu überfahren. Sie können, da Sie zufällig in der Nähe der Weiche stehen, den Hebel umlegen und den Waggon damit auf ein anderes Gleis führen, wo nur ein Mensch steht. Option 1: Sie tun nichts und lassen damit fünf Menschen sterben. Option 2: Sie greifen ein, retten damit fünf, aber töten einen Menschen aktiv und absichtlich. Eine schwierige Situation, nicht wahr? So mancher mag sich einbilden, dass es noch eine dritte Option gäbe: auf die Knie fallen und für die Seelen derer beten, die gleich sterben werden. Das aber ist keine dritte Option. Es ist Option eins, das Nichtstun, gepaart mit dem Wunsch, die Verantwortung weiterzureichen. In einer Umfrage aus dem Jahre 2009 gaben 68 Prozent der befrag‐ ten Philosophen an, sie würden den Hebel und damit die Einzelperson * Deshalb geht es auf der Temperaturskala auch nicht unendlich nach unten, sondern nur bis minus 273,15 °C – dem Punkt, an dem ein Körper keinerlei Wärmeenergie mehr enthält. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 206 umlegen. Acht Prozent würden es nicht tun, und 24 Prozent verwei‐ gerten schlicht die Antwort.49 Michael Stevens, bekannt durch seinen YouTube-Kanal Vsauce, hat sich in der Webserie Mind Field dieses sogenannten Trolley-Problems angenommen. Er ließ einen Baucontainer mit einer Schaltzentrale der fiktiven California Railroad Authority aufstellen, mit einem gemütli‐ chen älteren Herrn vor dem Bildschirm, der die Weichen bediente. Draußen wurden Bewerber für einen Job begrüßt, denen man sagte, sie müssten noch kurz warten, könnten das aber im Container neben dem Weichensteller tun. Zum Spaß, und weil er älteren Semesters war, zeigte der ältere Herr und Weichensteller den Probanden, wie die Wei‐ chenstellung funktionierte: mit einem prominenten roten Schalter di‐ rekt vor dem Sessel. Die Probanden durften bei Ankunft eines Zuges den Schalter einmal selbst umlegen. Der Bildschirm vor ihnen war in vier Teile unterteilt – das Gleis Richtung Westen, von wo die Züge ka‐ men, der Blick nach Osten, der die Gabelung zeigte, auf die der Zug sich zubewegte, und darunter das linke und das rechte Gleis direkt nach der Gabelung. Dann erhielt der freundliche ältere Herr einen Anruf und musste kurz den Raum verlassen. Als die Tür sich hinter ihm schloss und der Proband mit dem Schalter allein war, tauchten auf dem Bildschirm vor ihm plötzlich sechs Bahnarbeiter auf. Fünf davon gingen auf das linke Gleis, einer auf das rechte. Auf dem einen Bildausschnitt näherte sich ein Zug aus Westen, und alles deutete darauf hin, dass er gleich auf dem zweiten Bildausschnitt erscheinen würde, wo die Gabelung mit den Bahnarbeitern zu sehen war. Und dann tauchte der Zug tatsäch‐ lich auf der zweiten Kameraeinstellung auf und näherte sich den Bahnarbeitern. Die beiden weiteren Kameraeinstellungen auf dem gleichen Bildschirm zeigten jetzt das linke Gleis mit fünf Menschen und das rechte Gleis mit einem Menschen und den Zug, der sich der Gabelung näherte. Eine weibliche Stimme warnte per Durchsage: „Achtung. Objekt auf dem Gleis.“ und „Zug nähert sich.“ Der Wei‐ chensteller war natürlich nicht mehr aufzufinden – es gab ein dringen‐ des Problem, und niemand anderes war da außer dem Probanden. Hatte der Zug einen bestimmten Punkt erreicht, brach die Videoauf‐ zeichnung ab, und eine freundliche Frauenstimme sagte: „Ende des Experiments. Alle sind sicher.“ Danach wurden die Probanden den 4.1 Ein Wort über das Böse 207 Schauspielern vorgestellt, die sie vorher als Personalmanager oder als Weichensteller kennen gelernt hatten. Alle der sieben Probanden, die Stevens und die Kollegen von Mind Field testeten, begriffen die Situation. Doch nur zwei legten tatsächlich den Schalter um. Von den anderen fünf entschied sich keiner aktiv, den Schalter nicht umzulegen und den Zug in fünf Menschen fahren zu lassen – sie blockierten einfach im Angesicht der kniffligen Situati‐ on und wurden damit unfreiwillig Träger von Option 1. Interessanterweise konnten die, die nichts getan hatten, ihr Han‐ deln im Gespräch danach erklären. Der Zug hatte wahrscheinlich Sen‐ soren, die eine Katastrophe verhindern; die Bahnarbeiter würden den Zug schon bemerken; ich wollte nicht an den Schaltern herumspielen. Zuweisungen also, mit denen man die Verantwortung an andere oder an das Schicksal abgeben wollte. Der siebte Proband, Cory, murmelte einige dieser Argumente so‐ gar vor sich hin, während der Zug sich der Gabelung näherte. Doch er hatte sich in dem Moment, als der Weichensteller den Raum verließ, innerlich bereits darauf eingestellt, ihn zu vertreten. Und Cory legte den Schalter um. Im Gespräch danach begann er zu weinen, denn man möchte nicht zwischen dem Tod von einem oder fünf Menschen wäh‐ len müssen, wie er selbst sagte. Er fühlte sich verantwortlich, hier und jetzt, denn Hilfe von außen war nicht zu erwarten. Eine durchaus hu‐ manistische Herangehensweise. Gottergebenheit hätte zu Option 1 ge‐ führt, dem Geschehenlassen. Das Trolley-Problem ist realer und präsenter als wir es uns wün‐ schen. Unterm Strich geht es um die Frage, ob Leid quantifizierbar, die Menge des Leids also ausschlaggebend ist, und ob es verschiedene Qualitäten von Leiden mit verschiedener Gewichtung gibt. Es ist die gruselige Frage, ob man Leiden oder Tod gegeneinander aufrechnen kann. Ein Dilemma, dem sich die Militärs der Welt tagtäglich gegen‐ über sehen. Für lange Zeit war das kein Problem, denn das Gottver‐ trauen hatte es den Menschen vergangener Jahrhunderte auch ermög‐ licht, mit einem Steinschlossgewehr unter dem Arm langsam auf die feindliche Artillerie zuzumarschieren. Heutzutage, da unsere Techno‐ logie wesentlich vielfältiger und unsere Ethik viel differenzierter ist, kann man sich da nicht mehr so leicht aus der Affäre ziehen. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 208 Hätte man im September 2001 die Flugzeuge abschießen dürfen, die auf die Twin Towers zurasten? Einige hundert Passagiere töten, um 3.000 Menschen in den Türmen zu retten? Das ist eine ähnliche Frage. Sie ist nicht gleich, denn in diesem Szenario hat man nicht die Wahl zwischen 300 toten Passagieren oder 3.000 Toten im World Trade Cen‐ ter, sondern einerseits zwischen 300 Toten Passagieren, wenn man das Flugzeug abschießt, und 3.300 Toten im World Trade Center UND im Flugzeug andererseits, wenn man es nicht abschießt. Die Passagiere der Flugzeuge würden den Anschlag in keiner der beiden Optionen überleben. Dennoch bleibt der Aspekt des aktiven Tötens Unschuldi‐ ger in beiden Szenarien, dem Flugzeugangriff und der Szene an der Weiche erhalten. Das Bundesverfassungsgericht hat im Jahre 2006 entschieden, dass ein Abschuss in jedem Fall unrechtmäßig sei, und erklärte die Ab‐ schussermächtigung des Luftsicherheitsgesetzes für nichtig. Die Passa‐ giere „würden dadurch, dass der Staat ihre Tötung als Mittel zur Ret‐ tung anderer benutzt, als bloße Objekte behandelt; ihnen werde da‐ durch der Wert abgesprochen, der dem Menschen um seiner selbst willen zukommt.“50 Ich schreibe das nur, falls Sie sich fragen, in was für einem Staat Sie leben. Im Oktober 2016 wurde in der ARD der Fernsehfilm Terror – Ihr Urteil ausgestrahlt, der einen fiktiven Gerichtsprozess zum Inhalt hat‐ te. Ein Pilot der Luftwaffe hatte hier die Entscheidung getroffen, ein entführtes Flugzeug abzuschießen, das in die Allianz-Arena in Mün‐ chen einzuschlagen drohte. Bei 164 Passagieren im Flugzeug und 70.000 Menschen in der Arena würde ein Abschuss, so der Pilot, einige Tausend Menschenleben retten. Das Besondere an diesem Fern‐ sehfilm war, dass die Zuschauer kurz vor Ende des Films abstimmen konnten, ob der Pilot freigesprochen oder wegen 164fachen Mordes verurteilt werden solle. Rund 87 Prozent der Zuschauer stimmten für einen Freispruch des Piloten, auch wenn wahrscheinlich kaum einer von ihnen in der Lage des Piloten hätte sein wollen. Es geht aber auch kniffliger. Da das selbstfahrende Auto auf der Zeitachse nicht mehr weit weg ist, stellt sich uns mittlerweile die Frage, ob Ihr Wagen Sie aktiv gegen einen Baum fahren darf, um drei Betrun‐ kene zu retten, die sich auf die Fahrbahn verirrt haben. Unterm Strich würden zwei Menschenleben gerettet, ein weiteres durch Ihren eigenen 4.1 Ein Wort über das Böse 209 Tod erkauft, aber würden Sie einen Wagen noch kaufen, wenn Sie wüssten, dass er so etwas mit Ihnen machen würde? Was, wenn Sie zu zweit im Wagen sitzen und Ihre Tochter auf der Fahrbahn steht? Der Wagen würde sich, zumindest im quantitativen Ansatz, für Sie und Ihren Mitfahrer entscheiden und Ihre Tochter opfern. Sie selbst wür‐ den sich sicherlich dagegen entscheiden, also den qualitativen Ansatz bevorzugen. Das sind real existierende Problemstellungen.* Das eigent‐ liche Trolley-Problem aber ist die Frage: warum lassen wir Menschen immer noch selbst fahren, wenn selbstfahrende Autos jetzt schon sta‐ tistisch viel weniger Verkehrstote pro 100.000 gefahrene Kilometer verursachen, obwohl sie noch in der Testphase sind? Nun darf man das Trolley-Problem aber nicht bei jeder Gelegen‐ heit herausholen, um seine Absichten zu legitimieren. Ein KZ-Arzt wie Joseph Mengele könnte seine Menschenversuche und die Zwillingsfor‐ schung damit begründen, dass wenigstens einige ihrer Forschungser‐ gebnisse ja der Gemeinschaft nutzen würden, dass also der Nutzen für die Mehrheit das Leiden der Wenigen übertrifft. Genaugenommen aber ist das kein Trolley-Problem, denn z.B. die Verträglichkeit und Wirksamkeit von Medikamenten oder die Erfor‐ schung des Wasserkrebses hätten sich auch an Tieren testen lassen (was zugegeben auch nicht schön ist). Es gab also mehrere Optionen, auf die man hätte ausweichen können. Was hier vorliegt, ist eine fal‐ sche Dichotomie: eine vorgebliche Zwickmühle. Ist der Tod von 200.000 japanischen Zivilisten durch Nuklearwaf‐ fen in einem Krieg gerechtfertigt, wenn dadurch einerseits das Leid von einer Million weiteren Zivilisten ausbleibt, da die Nuklearwaffen die Kapitulation beschleunigen, und andererseits nach gewonnenem Krieg eine Gesellschaftsordnung geschaffen werden kann, der die Mi‐ nimierung von Leid zur Abwechslung ein Anliegen ist? Wie viele nicht Hingerichtete, ethnisch Gesäuberte und Kriegstote in Deutschland, Ja‐ pan und Italien braucht es, damit ein Dresden gerechtfertigt ist? Sie se‐ hen, Ethik wird schwierig, wenn man sich an das Schicksal des Indivi‐ * Ich könnte mir sogar vorstellen, wie jemand in der Zukunft in ein Autohaus geht und einen selbstfahrenden Wagen kaufen möchte. Der Verkäufer sagt „Ja, das kön‐ nen Sie, aber hier steht, dass Sie ein verurteilter Drogendealer sind. Ich persönlich würde Ihnen von einem solchen Wagen abraten, denn er würde sich fast immer ge‐ gen Sie entscheiden.“ 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 210 duums hält. Ich persönlich halte die Bombardierungen von Dresden, Hiroshima und Nagasaki weiterhin für nicht gerechtfertigt. Ein nu‐ klearer Feuerball über der Bucht von Tokio, einige Kilometer von der Küste entfernt, wäre nicht unbemerkt geblieben und hätte sicherlich die gleiche psychologische Wirkung gehabt. Ein anderes Beispiel ist das Schicksal von Hunden in Südosteuropa. Viele Hunde dort werden von Tierschützern aus Tötungsstationen und umzäunten Wiesen befreit, in denen die Hunde ein Jahr oder länger an einen Baum gekettet gelebt haben. Ich kenne eine liebenswerte Hunde‐ dame, die aus so einem Ort befreit wurde. Ihre Halskette war ihr ins Fleisch gewachsen und musste von einem Tierarzt herausgeschnitten werden. Sie ist ein echtes Freudenbündel, und jeden Tag merkt man ihr an wie froh sie ist, es heute gut zu haben. Doch die Sache hat eine Schattenseite. Das Leid dieser Tiere ge‐ schieht nicht versehentlich - es ist eine Geschäftsmasche. Viele Leute in Kroatien, Rumänien, Polen, Bosnien, Albanien und weiteren, wirt‐ schaftlich schlecht, religiös aber stark dastehenden Ländern haben mitbekommen, dass Westeuropäer solche Tiere aus Mitleid bei sich aufnehmen und viel Geld dafür bezahlen. Uns tun die Tiere leid, den Händlern nicht. Sie lassen die Hunde absichtlich verelenden und schaffen damit erst den Notstand, den wir Westeuropäer aus Mitgefühl beseitigen wollen. Für jeden Hund, der diesem Schicksal entkommt, werden mit dem Erlös zwei neue im Wald angekettet. Indem man hilft, vergrößert man das Problem. Trolley-Frage: ist es besser, die Hunde nicht mehr zu befreien, da‐ mit das Angebot abnimmt? Soll man sie an ihrem Elend zugrunde ge‐ hen lassen, damit der Markt austrocknet? Es würden Leid und Elend der jetzt lebenden Tiere in Kauf genommen, damit es in der langen Zukunft weniger wird. Wir wollen doch Leid minimieren, richtig? Nun, auch hier besteht keine Zwangswahl zwischen nur zwei Op‐ tionen. Es gibt auch die Möglichkeit, vor Ort Aufklärungsarbeit zu leisten. Den Hund als empfindungsfähiges Wesen erkennen, nicht als eine Ware. Empathie im Menschen kultivieren, Straßenhunde kastrie‐ ren (das kleinere Trolley-Problem) oder auf das Thema dieses Buches übertragen: religiösen Menschen klar machen, dass die Beichte nicht von Sünden befreit, sondern Schuldgefühle auflöst, die durchaus be‐ rechtigt waren. 4.1 Ein Wort über das Böse 211 Wie immer Sie sich in der Situation an der Weiche auch entschei‐ den würden, ist eigentlich zweitrangig, denn der Punkt ist: Moralische Fragen sind nicht annähernd so leicht zu beantworten, wie man es sich wünscht. Das Trolley-Problem hat keine Lösung parat, aber es ist ja auch nur seine Natur, auf diesen Umstand hinzuweisen. Es ist nie ein Lösungsansatz gewesen, sondern ein Gedankenexperiment, das die Grenzen moralischer Eindeutigkeit aufzeigt. Das Schlimme ist: nicht nur gibt es keine definitive Antwort auf das Trolley-Problem. Es gibt auch keinen Grund anzunehmen, dass ein beliebig großer Forschungs‐ aufwand hier in Zukunft klarere Ergebnisse liefern könnte. Umso misstrauischer aber sollte man sein, wenn jemand ernsthaft behauptet, es sei in Wirklichkeit alles ganz einfach, hier sind die Re‐ geln, vergiss dieses Leben, es geht nur um das kommende. Wobei die Frage erlaubt sei, wozu dieses Leben überhaupt Regeln braucht, wenn die eigentliche Show erst später stattfindet. Wieder einmal muss man sich fragen, was der Schöpfer des Universums eigentlich davon hat, uns wie Ameisen unter einem Brennglas zu scheuchen um uns dann zu belohnen oder zu bestrafen. Das weiß nur der Schöpfer, heißt es dann, besonders von den Leuten, die sonst einen bevorzugten Draht zu ihm haben oder frisch „eine Nachricht reinbekommen“ könnten. Noch erstaunlicher ist nämlich, dass die perfekte, weil gottgegebe‐ ne moralische Ordnung in Form von Religion gegenüber Fragestellun‐ gen wie dem Trolley-Problem genauso hilflos dasteht wie jeder andere. Sie sollten die Lösung haben, und wenn nicht, dann umgehend von Oben bekommen. Stattdessen schweigt der Himmel, wie immer. Ge‐ mäß Leviticus 11 aber ist es in den Augen des Schöpfers abscheulich, wenn wir Meeresfrüchte oder Hasenfleisch essen.* In Peter Cooks brillanter Faust-Hommage Bedazzled erklärt George Spiggot, der Teufel, seinem Opfer Stanley Moon auf die Frage, wie er nur in diese vertrackte Situation mit diesem Pakt gekommen sei, seine bescheidene Lage. * Wenn Sie einmal einen Geistlichen mit einem Krabbenbrötchen in der Hand erwi‐ schen, haben Sie tatsächlich etwas gegen ihn in der Hand. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 212 George: In den Worten des großen Zenmeisters Li Kwi Kwat: Wenn du an deinen Fingern an einer Klippe hängst, und über dir wäre ein wütender Tiger mit seinen Reißzähnen, und unter dir wäre das Weib‐ chen des Tigers mit ihren Reißzähnen, was würdest du tun? Stanley: Blöde Frage, Klippen und Tiger! Ich würde gar nicht erst in so eine lächerliche Situation kommen! George: Natürlich nicht. Du hast die Lösung und bist we‐ sentlich besser dran. Da hängst du nun an einem Telefonmast in Berkshire, hiernach für immer ver‐ dammt, die Hälfte deiner Wünsche schon weg. Li Kwi Kwat kann dir nichts mehr beibringen. Der Schlüssel zu einer leidensminimierten Welt besteht nämlich nicht darin, sich beim Trolley-Problem weise zu entscheiden. Der Schlüssel besteht darin, Trolley-Probleme von vornherein zu vermeiden, auch wenn die heiligen Schriften dazu nichts sagen, weil das Problem ihren Autoren einfach unbekannt war. Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik Es gibt eine Weisheit, die wohl jede der weltweiten Religionen in ihren Kanon aufgenommen hat: die Goldene Regel. Man kennt sie als „Was du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu“ oder, wie Immanuel Kant es verkopft ausdrückte: „Handle so, dass die Maxi‐ me deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Ge‐ setzgebung gelten könne.“ Kaum eine Religion hätte es sich leisten können, diesen offensicht‐ lichen Grundsatz auszulassen oder zu umgehen. Und tatsächlich fin‐ den wir ihn fast überall. Hinduismus: „Man soll niemals einem Anderen antun, was man für das eigene Selbst als verletzend betrachtet. Dies, im Kern, ist die Regel aller Rechtschaffen‐ heit (Dharma).“ Mahabharata 13,113,8 4.2 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 213 Buddhismus: „Was für mich eine unliebe und unangenehme Sache ist, das ist auch für den anderen eine unliebe und unangenehme Sache. Was da für mich eine unliebe und unangenehme Sache ist, wie könnte ich das einem anderen aufladen?“ Samyutta Nikaya Judentum: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ Leviticus 19:34 Christentum: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ Matthäus 7:12 Islam: „Keiner von euch ist gläubig, solange er nicht für seinen Bruder wünscht, was er für sich selbst wünscht.“ Hadith al-Bukhari, das Buch der vierzig Hadithe, Hadith 13. Wenn ich ein Mineralwasser mit dem Aufdruck „komplett cholesterin‐ frei!“ auf den Markt bringe, wird irgendein Untersuchungsamt diesen Aufdruck monieren mit dem Hinweis, es handele sich dabei um Wer‐ bung mit Selbstverständlichkeiten. Mein Mineralwasser ist in dieser Hinsicht nicht besser als das der Konkurrenz, und so wäre es schein‐ heilig und irreführend, den Kunden mit diesem Hinweis zum Kauf meines Produktes einzuladen. Alle wichtigen Religionen haben diese Goldene Regel verinnerlicht, und so ist es wenig wahrscheinlich, dass sie sie erfunden haben – vielmehr scheinen sie eine menschliche Selbstverständlichkeit absorbiert zu haben. Was sie sonst noch an Re‐ geln draufgelegt haben, ist stellenweise nett, stellenweise aber auch psychopathisch. Ein weiterer Punkt ist die Tatsache, dass diese Goldene Regel ge‐ wöhnlich nur auf Mitglieder der eigenen Religion anzuwenden ist. Be‐ sonders die abrahamitischen Religionen machen zum Teil sehr deut‐ lich, dass Ungläubige oder Andersgläubige von dieser Regel ausge‐ nommen sind. Gegenüber Regelübertretern in den eigenen Reihen ist ihre Mobilmachung dann gewöhnlich eine totale. Der zitierte Hadith spricht ausdrücklich davon, was man seinem Bruder wünscht, nicht al‐ 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 214 len Menschen oder auch nur den eigenen Schwestern, und die Zehn Gebote wurden dem Volk Israel übergeben, nicht der gesamten Menschheit. Ist Ihnen das noch nicht aufgefallen? Direkt nach der Übergabe der Zehn Gebote warnte der Herrgott Moses, dass im Lager Unheil im Gange wäre, und drohte mit seinem Zorn. Moses besänftigte den Allmächtigen, und der Herrgott empfand tatsächlich Reue. Dann kam Moses von Berg Sinai zurück, sah das Goldene Kalb, zerschmetterte die zwei Steintafeln und ordnete die Tö‐ tung der 3.000 Götzenanbeter an. Gott sagt dazu, er werde nur diejeni‐ gen aus seinem Buch streichen, die gegen ihn gesündigt haben. Es scheint, als wolle die Bibel mit diesem Praxisbeispiel gleich davor war‐ nen, die Sache zu wohlwollend auszulegen. Interessanterweise scheint dieses Aufräumen nämlich dem fünften Gebot (Du sollst nicht töten) zu widersprechen, aber wer sich ein we‐ nig mit Gesetzestexten auskennt weiß, dass es immer eine Frage der Definition der benutzten Begriffe ist. Du sollst nicht töten, schön, aber wen sollst du nicht töten? Entweder gibt es hier einen Konflikt zwi‐ schen dem ersten Gebot (Du sollst keine Götter haben neben mir) und dem fünften Gebot (Du sollst nicht töten), und das erste Gebot ist wichtiger. Dann ist die Einhaltung religiöser Doktrin wichtiger als Menschenleben, was keine zeitgemäße Ethik für das 21. Jahrhundert ist. Oder die Sache lässt sich erklären, wenn mit dem Tötungsverbot nur Menschen gemeint sind, die nicht gegen Gott gesündigt haben, al‐ so echte Gläubige. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass nicht ganz so fromme Menschen offenbar wenig Wohlwollen erwarten können. Das wäre ebenfalls unzeitgemäß, zumindest für Europa. In Ländern wie Pakistan kann sich heute immer noch spontan ein wütender Mob bil‐ den, der den Einzelnen für eine religiöse Übertretung lyncht. So geschehen am 13. April 2017 in der pakistanischen Stadt Mar‐ den. Nachdem Gerüchte kursiert hatten, der 23jährige Journalistikstu‐ dent Mashal Khan sei ein Blasphemist oder gar ein Ahmadi, tat sich ein wütender Mob zusammen, ergriff Mashal Khan, schlug ihn mit Latten, erschoss ihn schließlich und warf seine Leiche vom Balkon. Woher wir das alles wissen? Die umstehende friedliche (oder eher ta‐ tenlose) Mehrheit der Muslime hatte es mit ihren Smartphones gefilmt und in die sozialen Netzwerke hochgeladen. Als die Polizei schließlich eintraf, sangen die Täter religiöse Lieder, riefen das unvermeidliche Al‐ 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 215 lahu akbar und verlangten von der Polizei allen Ernstes die Herausga‐ be des Leichnams, damit man ihn verbrennen könne. Geistliche in mehreren Moscheen priesen die Täter und sprachen sie von jeglicher Schuld frei. Die Polizei hingegen nahm 59 Menschen fest, und auch der Premierminister Nawaz Sharif sprach sich gegen diese Selbstjustiz aus.51 Genau so müssen Sie sich die gesellschaftliche Wirkung von Reli‐ gion zu Zeiten des Alten Testaments vorstellen. Wenn Sie die Bibel für wertvoll halten und bei solchen Szenen wie in Pakistan Abscheu emp‐ finden, befinden Sie sich in einem kognitiven Konflikt. Wenn Sie glau‐ ben, der Islam sei so wie das moderne Christentum, nur mit ein paar kleinen theologischen Unterschieden, dann irren Sie. Wenn Sie als Christ ihren Mitmenschen außer dem Paradies auch im Diesseits Gu‐ tes wollen, dann liegt das an dem heutigen Wischiwaschi-Christentum, zu dem es durch weltliches Einwirken geworden ist. Im Übrigen zeichnen sich die Zehn Gebote auch durch eine ganze Liste von Dingen aus, die ihnen fehlen. Der Herrgott hätte, wäre er zu‐ kunftsweisend gewesen, auch Gebote erlassen können, denen zufolge – man Kinder nicht schlagen darf, weil sie sonst die gleichen Arsch‐ löcher werden wie man selbst – stattdessen weisen die Sprüche Sa‐ lomons in Sprüche 29:17 explizit auf die Vorzüge der körperlichen Züchtigung hin, und im Jahre 2017 ist das Buch Eltern, Hirten der Herzen, das mit Verweis auf die Bibel körperliche Züchtigung pro‐ pagiert und im Jahre 2013 auf die Liste jugendgefährdender Schrif‐ ten gesetzt wurde, mittlerweile unter dem neuen Titel Kinder Her‐ zen erziehen - Biblisch orientierte Erziehung wieder bei Amazon er‐ hältlich. – Sklaverei und Menschenhandel abscheulich sind und niemand es verdient, als Ware behandelt zu werden. Doch das Alte Testament ist voll von Sklaverei und Versklavung. Auch im Neuen Testament schreibt Petrus in seinem 1. Brief noch: „Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen.“ 1. Petrus, 2:18. Der Heiland selbst ist zu diesem Thema in der Bibel erstaunlich wort‐ karg. Und auch Dr. Martin Luther gab angesichts der Bauernauf‐ stände noch zum Besten: „Der Esel will Schläge haben, und der Pö‐ bel will mit Gewalt regiert sein. Das wusste Gott wohl; drum gab er 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 216 der Obrigkeit nicht einen Fuchsschwanz, sondern ein Schwert in die Hand.52 – Tiere so empfindungsfähig sind wie wir selbst und daher nicht ge‐ quält werden dürfen. Doch der Herr sprach im 1. Buch Mose 1:28: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Und darüber hinaus gilt der christliche Grundsatz, dass Menschen eine Seele haben, Tiere aber nicht. Und wenn der Herrgott schon eine Selbstverständlichkeit wie „Du sollst nicht töten“ in die Gebote aufnimmt, warum dann nicht auch Verbote für Inzest, Vergewaltigung und Kannibalismus? Warum sind diese Dinge für uns heute selbstverständliche Tabus, für die Autoren der Bibel aber nicht? Eines der verstörendsten Beispiele für den Umgang mit Schuld fin‐ den wir jedoch in Levitikus 16:21. Hier wies der Herrgott Aaron an, einem Ziegenbock symbolisch die Sünden der Israeliten aufzuladen und ihn in die Einöde hinauszuschicken, auf dass das Volk der Israeli‐ ten wieder sündenfrei sei. Das Wort Sündenbock hat hier seinen Ur‐ sprung. Einmal im Jahr sollte ein Tier zum Verdursten in die Wüste verstoßen werden, damit die Israeliten sich wieder schuldfrei fühlen konnten. Hätten die Conquistadores eine solche Tradition bei den Ur‐ einwohnern Amerikas vorgefunden, hätten sie es einen armseligen Aberglauben genannt – bis jemand Bibelfestes feststellt, dass ihre eige‐ ne Heilige Schrift solch unsinniges, selbstgerechtes und nach heutigen Maßstäben grausames Treiben vorschreibt. *** Der Koranvers 5:32 wird immer wieder bemüht, die Friedlichkeit des Islam zu demonstrieren: „Deshalb haben Wir den Kindern Israels verordnet, dass, wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Le‐ ben hält, es so sein soll, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben er‐ halten.“ 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 217 Es ist also verboten, Menschen zu töten, die nicht entweder selbst ge‐ mordet oder Unheil im Lande gestiftet haben. Das ist nur oberfläch‐ lich friedfertig, denn einerseits ordnet das immer noch die Todesstrafe an, zum anderen liegt ein Schlupfloch in der Formulierung „ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre“. Unheil ist Auslegungssache, und so können zum Beispiel öffentlich vorgetragene Religionskritik, Abfall vom Islam, Homosexualität oder Ehebruch als Unheil und da‐ mit als todeswürdig gelten wie in Saudi-Arabien, Pakistan, dem Iran oder Teilen von Afghanistan. Wer sich strikt an den Koran und die wörtliche Auslegung seiner Verse hält, zieht steinigend und köpfend durchs Land wie der Islamische Staat, tut dabei aber vermeintlich Gu‐ tes. Und damit Sie nicht denken, ich würde das erfinden, schauen wir uns an, wie dieser vielzitierte Vers des Friedens weitergeht: „Und unsere Gesandten kamen mit deutlichen Zeichen zu ihnen; den‐ noch, selbst danach begingen viele von ihnen Ausschreitungen im Lande. Der Lohn derer, die gegen Allah und seinen Gesandten Krieg führen und Verderben im Lande zu erregen trachten, soll sein, dass sie getötet oder gekreuzigt werden und dass ihnen Hände und Füße wechselweise abge‐ schlagen werden oder dass sie aus dem Lande vertrieben werden. Das wird für sie eine Schmach in dieser Welt sein, und im Jenseits wird ihnen eine schwere Strafe zuteil.“ Sure 5:32-33 Ich habe noch keine Religion kennen gelernt, die einer modernen Ethik immer noch überlegen wäre. Indem man ihre veralteten Ethiken aber zum Maßstab macht, ist die moderne, wirklich friedfertige Ethik dann plötzlich „verweichlicht“, „verwestlicht“ oder „widerspricht dem göttlichen Gesetz“. Merke: je ernster du religiöse Ethik nimmst und je höher du sie gegenüber weltlicher Ethik einstufst, desto irrer und ar‐ chaischer wirst du. Sollte göttliches Gesetz nicht Leiden vermeiden können? Religiöse Moral entwickelt sich im Gegensatz zu weltlicher Moral nicht weiter, die Beibehaltung veralteter Überzeugungen ist so‐ gar ihr Kernanliegen. Wenn Sie Zweifel daran haben, spielen Sie einfach mal das Bibel- Spiel. Das kennen Sie nicht? Sie und Ihre Freunde schlagen nacheinan‐ der die Bibel auf, zeigen mit dem Finger auf eine beliebige Stelle und tun einfach, was dort geschrieben steht. Wer als letzter verhaftet wird, hat gewonnen. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 218 Die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam Die islamische Welt hielt die Allgemeine Erklärung der Menschen‐ rechte von 1948 wegen ihres säkularen Charakters und der Tatsache, dass sie von Nichtmuslimen entworfen wurde, offensichtlich für so korrekturbedürftig, dass ein Gegenentwurf her musste. Als Richt‐ schnur einigten sich daher 45 der 57 Staaten der Organisation der Isla‐ mischen Konferenz im Jahre 1990 auf die Kairoer Erklärung der Men‐ schenrechte im Islam. Gleich in der Präambel betont die Erklärung in aller Bescheiden‐ heit die natürliche Überlegenheit des Islam und den schädlichen Ein‐ fluss von Wohlstand und Diversität: „Die Mitgliedstaaten der Organisation Islamische Konferenz, die zivilisatorische und historische Rolle der islamischen Umma [Weltge‐ meinschaft der Muslime] bekräftigend, die Gott zur besten (Form der) Nation machte, die der Menschheit eine universelle und ausgewogene Zi‐ vilisation gegeben hat, in der Harmonie zwischen diesem Leben und dem Leben danach herrscht und Wissen mit Glauben einhergeht; und die Rol‐ le bekräftigend, die diese Umma spielen sollte, um eine von konkurrie‐ renden Strömungen und Ideologien verwirrte Menschheit zu leiten und Lösungen für die chronischen Probleme dieser materialistischen Zivilisa‐ tion zu bieten…“ Die Erklärung wiederholt dann vieles aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, fügt jedoch jeweils die Einschränkung hinzu, dass das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Artikel 2), die Erziehung der Kinder (Artikel 7), die Gewährung von Asyl (Artikel 12) und das Recht auf freie Meinung (Artikel 22) nur gelten, sofern sie der Scharia entsprechen. Erlaubt sind damit also die Todesstrafe und die Auspeitschung, die Indoktrination von Kindern, die Verfolgung wegen Blasphemie und die Unterdrückung von Religionskritik. Laut Artikel 6 ist die Frau dem Manne in ihrer menschlichen Wür‐ de gleichgestellt, hat aber Rechte und Pflichten, auf deren männliches Gegenstück nicht hingewiesen wird, und Artikel 6 verspricht ihr voll‐ mundig „ein eigenes Bürgerrecht“. Die Frau ist dem Manne also in ihrer Würde gleichgestellt, hinsichtlich der Rechte aber nicht, denn sie hat eigene Auflagen zu erfüllen. Was sich zunächst gerecht liest, hat in Wirklichkeit mit Gleichberechtigung nichts zu tun und verlangt wei‐ terhin Geschlechterapartheid. Eine Frau erbt nur halb so viel wie ein 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 219 Mann, braucht vor Gericht doppelt so viele Zeugen, und wenn sie ver‐ gewaltigt wird, muss sie mit einer Anklage wegen außerehelichen Ge‐ schlechtsverkehrs rechnen, wobei die Frau härter bestraft wird als der Mann. Und selbst im Paradies bekommen Männer die vielzitierten 72 Jungfrauen, während Frauen lediglich einen Ehemann bekommen, so‐ fern sie noch keinen hatten, oder sie bekommen ihren bisherigen Ehe‐ mann, sofern sie bereits verheiratet waren. *** Bei dieser Gelegenheit sollten wir uns kurz dem Thema Verschleierung widmen. Generell gibt es drei Hauptgründe, warum muslimische Frauen sich verschleiern: 1. Um die eigene Hingabe an Allah zu demonstrieren Am 6. November 2016 konnte Deutschland die Schweizer Islamistin Nora Illi bei Anne Will zum Thema „Mein Leben für Allah“ erleben, die Frauenbeauftragte einer kleinen, von Konvertiten gegründeten Ex‐ tremistengruppe, die sich großspurig „Islamischer Zentralrat Schweiz“ (IZRS) nennt. Der ebenfalls aus der Schweiz stammende Freidenker Valentin Abgottspon merkte dazu einmal spöttisch an, dass der IZRS bereits mehr Fernsehauftritte gehabt habe als zahlende Mitglieder. Bei Anne Will nun gab sie vollverschleiert ihr Weltbild zum Besten. Sie sei eine Verfechterin der Polygynie (ein Mann darf mehrere Frauen haben, aber nicht umgekehrt), denn „das ist im Islam so festgeschrieben“. Da ist er wieder, der Kadavergehorsam. Die Frau sei, so Illi weiter, im Islam durch ihre klar definierte Rolle besser dran, denn „wir müssen den Spagat zwischen Familien-Frau und Karriere-Frau, dem andere ausgesetzt sind, weniger machen“. Und da hat sie Recht. Es lebt sich in einem staatlichen Gefängnis auch ein‐ facher als draußen. Keine kniffligen Management-Entscheidungen, kein morgendlicher Verkehrsstau, um Beförderungen muss man sich auch keine Sorgen machen, das Wäschewaschen und das Essenkochen werden einem ebenfalls abgenommen. Klingt doch recht einladend – Fesseln drücken nun mal nicht, solange man sich nicht bewegt. Das Problem bei Zeitgenossen wie Frau Illi ist nicht das Tragen des Niqab. Das Problem ist der Wunsch nach einer Gesellschaftsordnung, 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 220 in der es auch denen, die keinen Niqab tragen möchten, aufgezwungen wird. Und genau dafür ist der Niqab ein Symbol.* 2. Der Anblick von weiblichem Haar erregt muslimische Männer und ist daher eine Sünde seitens der Frau Ich höre diese Behauptung des Öfteren, konnte aber auch nach zwei Stunden Recherche keine Koransure und keinen Hadith ausfindig ma‐ chen, der diese Behauptung belegen würde. Abgesehen davon ist es auch ein entwürdigendes Argument, in dem es einerseits Männern eine unkontrollierbare Dauergeilheit unterstellt, dieselbe aber gleich‐ zeitig legitimiert, indem eher die Frau Maßnahmen dagegen ergreifen muss, als dass der Mann an sich arbeitet – eine Forderung, die der Schöpfer oder der Prophet durchaus hätten stellen können. Stattdessen ist es, als würde jemand vor mir auf dem Gehweg 500 Euro verlieren und ich würde das Geld einstecken mit den Worten: „Sorry, aber das war eine echte Steilvorlage!“ Wie unethisch wäre das! Doch genau so argumentieren islamische Kleriker. Der Kölner Imam Sami Abu-Yusuf erklärte zu den Massenübergriffen der Kölner Silvesternacht 2015: „Einer der Gründe, weswegen muslimische Män‐ ner Frauen vergewaltigten oder belästigten ist, wie sie gekleidet waren. Wenn sie halbnackt und parfümiert herumlaufen, passieren eben sol‐ che Dinge. Das ist wie Öl ins Feuer gießen!“53 Eine schrullige Einzelmeinung? Keinesfalls, koranfeste Frömmler haben keine eigenen Ideen, es ist sogar verpönt. Der saudische Kleri‐ ker Dr. Abd al-Aziz Fawazan al-Fawzan, der in Riad islamisches Recht lehrt, sagte: „Wenn eine Frau allein durch die Öffentlichkeit geht und vergewaltigt wird, dann ist es ihre Schuld. Sie verführt Männer allein durch ihre Anwesenheit. Sie hätte zuhause bleiben sollen wie eine muslimische Frau.“ Jetzt haben Sie’s von ganz oben. * In einer Postfiliale, die ich regelmäßig besuche, arbeitet eine Araberin, die den Chi‐ mar trägt. Der Chimar bedeckt Kopf und Oberkörper und umrahmt das Gesicht, das aber frei bleibt, etwa wie bei einer Nonne. Die Dame ist schlagfertig, selbstbe‐ wusst und sieht in allem, was geschieht, das Witzige. Eigentliche eine Frau nach meinem Geschmack, auch wenn wir beim Thema Religion nicht zusammenkom‐ men würden. Ich mag sie nicht weniger, nur weil sie sich als religiös outet, denn ich unterscheide zwischen Menschen und Ideen. 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 221 Im April 2016 veröffentlichte die New York Times einen Artikel über eine Begegnung zwischen der amerikanischen Journalistin Isobel Yeung und dem afghanischen Parlamentsmitglied Nazir Ahmad Hana‐ fi.54 Das Thema war der seit 2009 noch immer nicht umgesetzte Ge‐ setzesentwurf zur Eliminierung von Gewalt gegen Frauen, den Hanafi als konservativer Muslim mit entsprechendem Eifer bekämpft. Isobel Yeung fragte Hanafi, ob es häuslicher Missbrauch sei, wenn ein Mann seine Ehefrau vergewaltigt, und ob seiner Meinung nach der Mann oder die Frau bestraft werden solle. Hanafi antwortete, es gäbe „eine Art Vergewaltigung bei Euch und eine bei uns im Islam“. Ein Unterschied in der Definition also? Das sollte uns eine Prü‐ fung wert sein. Und in der Tat lautet der zentrale Begriff, um den man hier nicht herumkommt, Zina, also Unzucht. Zina ist jeglicher Ge‐ schlechtsverkehr außerhalb einer Ehe oder eines Konkubinatsverhält‐ nisses. Maßgeblich ist hier die Sure 23:6, die im Kontext besagt: „Den Gläubigen wird es ja wohl ergehen, denjenigen, die in ihrem Gebet demütig sind, und denjenigen, die sich von unbedachter Rede abwenden, und denjenigen, die die (Zahlung der) Abgabe anwenden, und denjenigen, die ihre Scham hüten, außer gegenüber ihren Gattinnen oder was ihre rechte Hand (an Sklavinnen) besitzt, denn sie sind (hierin) nicht zu ta‐ deln, – wer aber darüber hinaus (etwas) begehrt, das sind die Übertreter –, und denjenigen, die auf die ihnen anvertrauten Güter und ihre Verpflich‐ tung achtgeben, und denjenigen, die ihre Gebete einhalten. Das sind die Erben, die das Paradies erben werden; ewig werden sie darin bleiben.“ Im sunnitischen Islam ist also Geschlechtsverkehr nur erlaubt, wenn man verheiratet oder die Frau eine Sklavin ist. Wenn verheiratete Mus‐ lime ein außereheliches Verhältnis haben, so ist das eine sogenannte hadd-Strafe, also eine Übertretung göttlichen Gesetzes. In Pakistan, Afghanistan, Sudan, Jemen, Saudi-Arabien und auch im schiitischen Iran wird hierfür die Todesstrafe angewendet. Allerdings ist das Verhältnis zu nichtmuslimischen Frauen ein gänzlich anderes. Hier ist es ein Leichtes, sie in dem Moment, wo man ihrer habhaft wird, als Sklavinnen aufzufassen, da sie als Nichtmuslime ja im Vergleich zu einer Muslima keinerlei Ehre besitzen, die man ver‐ letzen könnte. Am 1. Dezember 2013 wurde eine junge Wienerin (selbst Muslima tunesischer Herkunft) in Dubai Opfer einer Vergewaltigung in einem Parkhaus. Als sie zur Polizei ging, wurde sie wegen außerehelichen Ge‐ 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 222 schlechtsverkehrs verhaftet. Man bot ihr als Wiedergutmachung an, ihren Vergewaltiger zu heiraten, um einer Verurteilung für außereheli‐ chen Geschlechtsverkehr zu entgehen, wenngleich sie zum fraglichen Zeitpunkt nicht mit ihm verheiratet war. Das war quasi ein freundli‐ ches Entgegenkommen der Behörden. Nur durch Intervention des ös‐ terreichischen Außenministeriums wurde ihr schließlich nach zwei Monaten erlaubt, Dubai wieder zu verlassen.* Nun mag man hier einen Satz wie „Sie wusste nicht, dass das in Dubai nicht erlaubt ist“ rausholen, mit dem auch die Täter der Kölner Silvesternacht notdürftig amnestiert werden könnten. Der feine Unter‐ schied jedoch besteht darin, dass die Dame in Dubai nichts aktiv getan oder unterlassen hat. Wenn sie etwas hätte besser machen können, dann nicht zur Polizei zu gehen, sondern sich zurück ins Hotelzimmer zu schleichen und sich unter der Dusche kauernd selbst die Schuld zu geben. Und genau das hätten anscheinend auch die Frauen aus Köln machen sollen, nachdem sie umzingelt und von den Blicken anderer abgeschirmt wurden und die Täter selbst laut johlten, damit niemand ihre Schreie hört, und sich stundenlang an ihnen vergingen und sie be‐ raubten. Ein Kulturkreis, in dem Frauen selbst im Paradies höchstens Sexobjekt oder Ehefrau sein können, hat es schwer, dem Rest der Welt noch zu folgen, dessen Ethik sich rasant zu immer höheren Ansprü‐ chen weiterentwickelt. Das Besondere liegt jedoch darin, dass die west‐ liche Ethik, indem sie immer höhere Ansprüche stellt, sich mehr und mehr vom Islam entfernt, was als Vorwurf genügt. Fawzan äußerte sich im Juni 2005 im saudi-arabischen Fernsehen über die Pläne, Frauen Auto fahren zu lassen, wie folgt: „Die, die danach rufen, Frauen Auto fahren zu lassen, können in zwei Gruppen aufgeteilt werden. Die erste Gruppe beinhaltet verwestlichte Leute die, um die Wahrheit zu sagen, die Gesellschaft verwestlichen wol‐ len. Sie wollen die Gesellschaft zerstören, sie korrumpieren und sie in die Tiefen des Verfalls und der Freizügigkeit reißen, wie in den westlichen Gesellschaften. Diese Menschen sind durch das, was sie bei Besuchen oder beim Studium [im Westen] gesehen haben, geblendet, und sie wol‐ len, dass unsere Gesellschaft wie andere Gesellschaften wird. Sie wollen sie frei von allen Werten, von Moral und Sittsamkeit. Sie wollen, dass * Die Organisation Detained in Dubai hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche Fälle aufzudecken. Näheres unter http://www.detainedindubai.org 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 223 Frauen geschminkt und mit unbedecktem Gesicht auf die Straßen gehen wie Huren, wie sie es im Westen sehen.“55 Wenn eine Gesellschaft überhaupt Werte hat, dann nur eine islamische. Trotz dieser feindseligen Ideologie gibt es Menschen, die den Hidschab als ein feministisches Statement betrachten. Die Ideologie hinter dem Hidschab ist jedoch alles andere als feministisch, sie entspringt einer Verachtung für alles Nichtislamische, die wiederum auf einem islami‐ schen Überlegenheitswahn basiert. Und sie bewirkt auch nichts. Je weniger Frau der Mann zu sehen bekommt, desto verheißungsvoller sind die Hand, das Kinn, die Bewe‐ gung der Hüfte, der Blick, die Stimme. Die menschliche Natur setzt sich durch. Man verbietet immer mehr Weiblichkeit und erreicht nichts damit. Der Iran richtete in seiner Vergangenheit auch Minderjährige hin. Bis zum Jahre 2012 waren Jungen bis 15 Jahre noch Kind, Mädchen bis neun Jahre. Da diese Todeskandidaten gewöhnlich noch Jungfrauen sind und es im Islam verboten ist, Jungfrauen hinzurichten, muss man… Sie dürfen raten, welchen Ausweg aus diesem Dilemma sich die Gefängniswachen rechtzeitig vor der Hinrichtung überlegen. Sie müs‐ sen nur darauf achten, die Verurteilte vor der Vergewaltigung auch zu heiraten, um sich selbst nichts zuschulden kommen zu lassen. Nach‐ dem man seinen Spaß hatte, lässt man sich wieder scheiden, und die Verurteilte darf dann offiziell hingerichtet werden. Ist es nicht erschüt‐ ternd, welche Scheußlichkeiten sich daraus ergeben, dass eine be‐ stimmte Regel nicht hinterfragt werden darf und das restliche Recht sich darum herumstricken muss? Die religiösen Regeln sind Sand im Getriebe einer jeglichen Fortentwicklung und vermehren das Leid in der Welt nur noch mehr. 3. Weil die Verschleierung eine Frage der Sittsamkeit ist Was wiederum im Umkehrschluss bedeuten muss, dass eine Unver‐ schleierte allein durch das Fehlen eines Schleiers eine ehrlose Schlam‐ pe ist, wie Fawzan bereits andeutete. Der Hidschab gilt als ein Aus‐ druck von weiblicher Haya, was am Ehesten mit Schüchternheit, Zu‐ rückhaltung oder Verschämtheit zu übersetzen ist und Allah gefällt. Als selbstbewusste Frau werden Sie immer Ärger bekommen. Wenn man die Meme der Islamaktivisten ernst nimmt, gleicht eine unver‐ 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 224 schleierte Frau einem ausgewickelten Lolli mit Fliegen und Dreck drauf, während die keusche Muslima brav darauf wartet, von ihrem Ehemann ausgepackt zu werden. Und wie die Vereinten Nationen in Kooperation mit Promundo festgestellt haben, wird dieses veraltete Frauenbild nicht nur von Männern gelebt, sondern auch von Frauen. In Ägypten, Marokko und Palästina sind mehr Frauen als Männer der Ansicht, dass eine provokativ gekleidete Frau an ihrer sexuellen Beläs‐ tigung selbst schuld ist.56 Da es beide Geschlechter betrifft, scheint die Begründung dafür keine patriarchalische, sondern eine religiöse zu sein. Denn im Libanon ist das anders, hier stimmte nur jede dritte Frau dieser Aussage zu.57 Liegt es daran, dass nur 54 Prozent der Be‐ völkerung des Libanon Muslime sind und Christen dort immerhin 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen, dass das Frauenbild eines Groß‐ teils der libanesischen Bevölkerung also nichtmuslimisch ist? Es ist die Religion, die dafür sorgt, dass beide Geschlechter (und damit die Ge‐ sellschaft) so ein schlechtes Frauenbild haben. All das versteckt sich in der Kairoer Erklärung der Menschenrech‐ te hinter der Formulierung in Artikel 6, dass die Frau dem Manne in ihrer Würde gleichgestellt sei, aber ein eigenes Bürgerrecht besäße. *** Artikel 9 der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam bezeich‐ net das Streben nach Wissen als Pflicht und schreibt vor, dass der Staat im Interesse der Gesellschaft die Vielfalt der Bildung garantieren muss, „damit der Mensch sich zum Wohle der Menschheit mit der Religion des Islam und den Tatsachen des Universums vertraut machen kann“. Das ist lediglich ein Aufruf zur Missionierung. Wissen ist hier in erster Linie Wissen über den Islam, und was die Tatsachen des Universums angeht, so sind die Erkenntnisse der Astronomie, der Kosmologie und der Planetologie wahrscheinlich nur lästige Behauptungen, mit denen der Westen Muslime vom Glauben abbringen will. Das Ziel ist explizit, sich mit der Religion des Islam vertraut zu machen – dem einzigen, was der Mensch wirklich wissen muss. Artikel 10 beschreibt den Islam als „die Religion der unverdorbe‐ nen Natur. Es ist verboten, auf einen Menschen in irgendeiner Weise Druck auszuüben oder die Armut oder Unwissenheit eines Menschen auszunutzen, um ihn zu einer anderen Religion oder zum Atheismus 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 225 zu bekehren“. Toleranz sieht anders aus, aber was will man von Men‐ schen auch erwarten, die den Schlüssel zum Glück bereits in Händen zu halten glauben und die das eigene Ableben leider nie vom Gegenteil wird überzeugen können. Artikel 17 gibt jedem das Recht, „in einer sauberen Umwelt zu le‐ ben, ohne Laster und moralische Korruption, einer Umwelt, die die ei‐ gene Entwicklung des Menschen fördert, und es obliegt dem Staat und der Gesellschaft im Allgemeinen, dieses Recht zu gewähren.“ Was zu‐ nächst nach Umweltschutz klingt, ist in Wirklichkeit ein ideologisches Hygienebedürfnis, das weder Kritik noch jegliche Entwicklung weg von Islam erlaubt. Artikel 22b gibt jedem „das Recht, für das Richtige einzutreten, das Gute zu propagieren und vor dem Falschen und der Sünde zu war‐ nen, wie es den Normen der Scharia entspricht.“ Artikel 22c beschreibt Information als lebensnotwendig für die Gesellschaft – „Sie darf nicht ausgebeutet oder in einer Weise missbraucht werden, die die Heiligkeit und die Würde der Propheten verletzt, moralische und ethische Werte untergräbt oder die Gesellschaft spaltet, korrumpiert oder ihr schadet oder ihren Glauben schwächt“.58 „Das Recht, für das Richtige einzutreten und vor dem Falschen zu warnen“ heißt hier, Nachbarn und Arbeitskollegen zu denunzieren, wenn sie einer religiösen Übertretung schuldig geworden sind; es heißt auch, aus seinen Kindern Extremisten zu machen, denn je mehr Reli‐ gion, desto besser, und es heißt allgemein, sich unausstehlich religiös zu benehmen, mit erhobenem Zeigefinger und dem Air des Gotterge‐ benen durch den Ort zu schreiten und sich in das Leben anderer ein‐ zumischen, als wäre man dazu berechtigt. Denn laut Artikel 22b ist man das. Vor allem aber geht es darum, die öffentliche Meinung zu besitzen. Die Facebook-Seite Atheist Republic ist die größte Vereinigung von Atheisten auf Facebook und hat 1,7 Millionen Mitglieder. Im Mai 2017 ging sie plötzlich offline. Der Grund: islamische Aktivisten der Gruppe Report anti-islamic pages aus Pakistan hatten die Gruppe über mehrere Accounts gemeldet, so dass ein Facebook-Algorithmus einsetzte, der die Seite automatisch sperrte. Die Entsperrung muss dann von den Be‐ treibern wieder aktiv beantragt werden, und bei Facebook müssen dann real existierende Personen eine Entscheidung treffen, ob die Seite 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 226 nicht schädlich oder gewaltverherrlichend ist oder illegales Material verbreitet. Kritik am Islam, und sei sie noch so fundiert, ist für die Frömmler sowohl schädlich als auch illegal, und Artikel 22b gibt ihnen Recht. Innerhalb eines Monats wurde eine ganze Reihe von Facebook- Seiten und Gruppen auf diese Weise angegriffen: Arab Atheist Network (23.500 Mitglieder) Arab Atheist Forum and Network (9.200 Mitglieder) Radical Atheists without Borders (23.500 Mitglieder) Arab Atheist Syndicate (11.000 Mitglieder) Arab Atheist Syndicate, backup (5.000 Mitglieder) Humanitarian Non-Religious (32.000 Mitglieder) Human Atheists (11.000 Mitglieder) Arab Atheists Forum and Network (6.400 Mitglieder) Mind and Discussion (6.500 Mitglieder)59 Falls Sie sich fragen, warum der Islam die Köpfe seiner Anhänger so sehr im Griff hat: weil er Kritik kategorisch ablehnt und so ihren ei‐ genen confirmation bias fördert. Hier hat eine kleine Gruppe von Frömmlern weltweite Verbindungen von Andersdenkenden attackiert, weil sie ihnen nicht nur missfällt, sondern weil ihre Heilige Schrift und auch die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam, die nur Scharia mit jüngerem Datum ist, es explizit nicht zulassen. Nun mag man einwenden, dass die Kairoer Erklärung der Men‐ schenrechte nicht rechtlich bindend ist. Das ist richtig. Viel verstören‐ der ist jedoch, dass 45 muslimischen Nationen offensichtlich nichts Besseres und vor allem Wegweisenderes einfällt als bei jeder Gelegen‐ heit darauf hinzuweisen, dass der Islam das Wichtigste überhaupt sei, und dass er geschützt werden müsse wie nichts anderes auf der Welt. Mit dieser Erklärung wird größtenteils nur zementiert, was schon be‐ kannt war. Dieses Dokument hätte ein Meilenstein sein können, doch es ist immer das Gleiche: religiöse Moral will Weiterentwicklung ver‐ hindern, mit allen Mitteln, denn im Falle des Islam wäre alles andere Bid’ah, unerlaubte Neuerung. Wenngleich die Erklärung Folter, Geiselnahmen, Kolonialismus und Massenvernichtungswaffen verbietet, redet sie ansonsten in jeder Hinsicht der Theokratie das Wort, und zwar gerade weil dieser Aspekt in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte nicht vorkam. Be‐ denken wir, dass dieser Text nicht von den Taliban oder dem Islami‐ schen Staat verabschiedet wurde, sondern von den Außenministern 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 227 von 45 islamischen Ländern. Was für uns Westler wie religiöser Extre‐ mismus wirkt, ist im Islam gar keiner, sondern ein Eintreten für das gefühlt Gute und Richtige. Hier stellt sich auch die Frage: welche Chance hatte der Arabische Frühling von 2011 eigentlich? Sobald menschgemachte Gesetze oder ökonomische Ideen versagen, fällt man auf die Scharia zurück. Es gibt genug Frömmler in Arabien, denen zur Lösung gesellschaftlicher Pro‐ bleme nichts anderes einfällt als mehr Islam, und es gibt noch mehr Muslime in Arabien, die das den Frömmlern glauben. Christliche Ethik? Nein, menschliche Ethik! Man hört es zuweilen von christlichen Apologeten: „Die Kirchen ha‐ ben die Moral! Und zwar von Gott! Sehen Sie doch nur all das Gute, das in der Bibel steht!“ Naja, in der Bibel steht so manches. Hier wird Feindesliebe gepre‐ digt, dort stiftet Gott zum Völkermord an den Amalekitern an. Woher weiß der moderne Christ, welchen Teil davon er ernst nehmen soll? Immerhin sind die Christen, die für Samstagsarbeit an der Tankstelle noch die Steinigung fordern wie im Buch Numeri 15:32-36 beschrie‐ ben, aus irgendeinem Grund heute mit der Lupe zu suchen. Die andere Wange hinzuhalten ist zumindest ein frommer Wunsch. Interessant daran ist, dass der moderne Christ bei einigen Stellen in der Bibel tiefste Abscheu empfindet, während ihm andere Stellen zusagen. Wie kann das sein, wenn wir unsere Moral aus der Bibel oder von Gott haben? Anders gefragt: was braucht der moderne Mensch, um zwischen hässlichen, unnötig gewalttätigen, geradezu blutrünstigen Passagen der Bibel und einer schönen, versöhnlichen, modernen Ethik in der Bibel zu unterscheiden? Richtig, eine moderne Ethik. Wenn die aber nur teilweise der Ethik der Bibel entspricht, kann sie nicht aus der Bibel stammen. Wir würden sonst zu jedem salomonischen Urteil und jeder drakonischen Strafe der Bibel Ja und Amen sagen. Außerdem ist es doch wohl bezeichnend, dass die über Jahrtausen‐ de gepredigte und gelebte christliche Ethik offensichtlich kein friedli‐ ches Zusammenleben schaffen konnte. Auf die Kreuzzüge, die Spani‐ sche Inquisition oder den 30jährigen Krieg braucht man da eigentlich 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 228 gar nicht erst hinzuweisen. Selbst wenn man die Religion nicht als Ur‐ sache dieser Konflikte betrachtet, so war sie mindestens machtlos, und das ist für Organisationen, die viel von Moral und Ethik reden, auch ziemlich wenig. Die Auflösung des ganzen Rätsels ist: menschliche Ethik ent‐ wickelt sich weiter. Zu Zeiten der alten Griechen war die Knabenliebe ein gesellschaftliches Gebot; heute ist sie eine Straftat. Die Vorstellung, dass Platon seinem Schüler Aristoteles nicht nur Philosophie, sondern noch ganz andere -philien beibrachte, wirkt auf uns Menschen des 21. Jahrhunderts völlig unverständlich bis so verstörend, dass wir es am liebsten leugnen möchten. Es passt einfach nicht in unser reinliches, minimalistisches Bild von schlicht gekleideten Philosophen, die durch einen Garten schreiten, Weintrauben und Feigen naschen und die mögliche Existenz von Atomen diskutieren. Nimmt man die Geschich‐ te der Griechen im perikleischen Zeitalter genauer unter die Lupe, so finden wir aus heutiger Sicht eine Bande von pädophilen Sklavenhal‐ tern vor, die einen Redner unabhängig von seinen Argumenten aus‐ buhten, wenn sein Gewand keine schönen Falten warf, denen die Kunst zu argumentieren wichtiger war als Fakten, die sich für körperli‐ che Arbeit schon seit langem zu fein waren, sie daher von Sklaven ver‐ richten ließen und die ihre Philosophie und ihre Kriege mit dem Be‐ stehlen ihrer Bundesgenossen finanzierten. In den Jahrhunderten nach dem griechischen Höhepunkt ver‐ schwand die Peiderastia nicht nur aus dem Leben, sondern auch von der Liste moralisch zulässiger Handlungen. In der Renaissance war es üblich, Geschäftspartner von Außerhalb ins Bordell einzuladen, um die örtlichen Sensationen angemessen präsentieren zu können. Das kann einen Versicherungsmanager heute den Job kosten. Zu Zeiten der Römer war es moralisch einwandfrei, Sklaven in der Arena gegen wilde Tiere antreten zu lassen; wenn es stattfand, ent‐ sprach es der gängigen moralischen Vorstellung. Im Nibelungenlied, das in der Spätantike spielt, wird die Heldin Kriemhild am Ende von Waffenmeister Hildebrand erschlagen, weil sie Hagen getötet hat. Ein Schwert in der Hand einer Frau! Für Hildebrand brach eine Welt zu‐ sammen, eine höhere Ordnung war gefährdet. Es durfte nicht sein. Es spielt hierbei keine Rolle, ob das Nibelungenlied auf der Realität ba‐ 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 229 siert oder nicht - die Autoren haben diese Ethik in ihrem Werk offen‐ bart. Vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert stopfte man in Frankreich in Ermangelung eines Fernsehers Katzen in ein Netz und ließ sie lang‐ sam ins Feuer hinab, um sich an ihren chancenlosen Versuchen zu amüsieren, dem Schicksal zu entkommen. Im Mittelalter galten Katzen noch als die Gesellen der Hexen, was zumindest eine Erklärung sein kann – erst im Jahre 1765 wurde diese Praxis abgeschafft.60 Solches Treiben ist heute nicht nur eine Straftat, sondern unmenschlich und von geradezu psychopathischer Qualität. Damals war es ein Genuss, und keinem Christenmenschen von Rang ist die überlieferte Idee ge‐ kommen, dass damit etwas nicht stimmen könnte. Tiere haben keine Seele. So wurde nicht argumentiert - es gab gar keine Argumentation. Es gab auch keinen Konsens, dass es rechtens wäre, ein Bündel Katzen den langsamen Hitzetod sterben zu lassen, am Rücken gegart, im Kopf noch wach, schlimmer - man dachte sich gar nichts dabei. Dass Tiere arm dran waren, Pferde, Hunde, Esel, Ziegen, Gänse, Hühner, alles was sich nützlich machen konnte, war einfach normal, und das ist es heute noch, auch wenn wir beim Gedanken an Massentierhaltung gerne Krokodilstränen weinen. Christliche Ethik hat hier gar nichts bewirkt, oder sie hat sich mit diesem Thema nie beschäftigt, was auch bedeuten muss, dass ihr das Problem nicht aufgefallen ist. Das aber spricht auch nicht für ethische Überlegenheit. Wir müssen uns auch vorstellen, dass ein Mann wie Thomas Jef‐ ferson, einer der Gründerväter der USA, auf seinem Landsitz Monti‐ cello in Virginia abends an seinem Schreibtisch an Sätzen wie „Alle Menschen sind gleich und haben ein Recht auf das Streben nach Glück“ bastelte, während er bei seiner Lieblingssklavin Sally Hemings einen Kaffee bestellte und sie bei dieser Gelegenheit anwies, sich etwas Hübsches anzuziehen und schon mal das Bett vorzuwärmen, er wäre hier gleich fertig mit der Freiheit aller Menschen und danach noch nicht wirklich müde.* * Sah er es nicht? In einem Brief an John Holmes verglich er 1820 die Freiheit für die Sklaven mit der Situation, einen Wolf bei den Ohren gepackt zu haben; man kann ihn nicht halten, aber man kann ihn auch nicht loslassen, ohne sich selbst zu gefähr‐ den. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 230 Heute gibt es Menschen, die aus ethischen Gründen Veganer sind. Sie argumentieren nicht nur, dass es ein Unrecht sei, Tiere wegen ihres Fleisches zu töten, für sie ist auch die Massentierhaltung zur Gewin‐ nung von Milch und Eiern eine Zumutung gegenüber den Tieren. Sie haben sehr gute, rationale Argumente dafür, und in der atheistischen Szene Deutschlands gibt es überproportional viele Vegetarier und Ve‐ ganer. Der YouTube-Kanal des Dresdners Patrick Schönfeld (Der Art‐ genosse) oder der Blog des Wiesbadeners Jan Hegenberg (Der Graslut‐ scher) setzen sich sehr detailliert mit den Argumenten ihrer Gegner auseinander und liefern selbst kaum zu widerlegende Argumente, de‐ nen auch ich mir als Vegetarier mit Hang zu Käsesauce und Rührei unterlegen vorkomme. So sieht gottlose Ethik in der Praxis aus. Die Behauptung, Atheisten wären religiösen Menschen moralisch unterle‐ gen, ist richtig – wir haben keine zementierte, ewige Moral (die Chris‐ ten ja auch nicht zu haben scheinen), aber stattdessen eine zeitgemäße Ethik. Wenn man Theologen vor das Thema Veganismus setzt und sie mit der Bibel eine Zeitlang allein lässt, werden sie früher oder später irgendeine Passage aus der Bibel anführen, mit der sie meinen belegen zu können, dass der Herrgott es eigentlich immer schon so gemeint habe. „Tierschutz steht schon in der Bibel“, wird es dann heißen. Nur fiel ihnen das komischerweise nicht auf, bevor die Frage nach dem Tierschutz in der Gesellschaft aufkam. Sie müssen erst von der Gesell‐ schaft lernen, wonach sie suchen sollen, und dann finden sie mit Si‐ cherheit und ein wenig Rückschaufehler auch etwas halbwegs Passen‐ des. Von allein geschieht da aber wenig, und wenn immer erst eine Veränderung in der Gesellschaft geschehen muss, damit Theologen drauf gestoßen werden können, dann können sie schwerlich als mora‐ lische Autoritäten gelten, sondern nur als Opportunisten. Außerdem stellt sich die Frage, warum der Herrgott seine Anweisungen in einer Form entstehen ließ, die bis zu ihrer korrekten Entschlüsselung teil‐ weise zweitausend Jahre braucht. Die Ethik einer Gesellschaft kann aber auch jederzeit wieder in barbarische Zustände zurückfallen, und einen Zustand von Empathie und Altruismus aufrecht zu erhalten ist endotherm und kostet Energie, wie der Chemiker sagt. Es ist also fast zwangsläufig, dass die Ethik einer Gesellschaft zu einem beliebigen Zeitpunkt immer teilweise der 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 231 Ethik eines Buches entspricht, solange es nur genug Aussagen macht (also lang genug ist) und die Aussagen vage genug sind, um neu inter‐ pretiert werden zu können. Das ist eine statistische Unausweichlichkeit. Sich dann aber unter völliger Nichtbeachtung von allen Passagen, die der modernen Ethik widersprechen, darauf zu berufen, dieses Buch hätte die Ethik mit Löffeln gefressen, ist substanzloses Wunschdenken. Und noch etwas hat sich über einen sehr langen Zeitraum verän‐ dert: das Ehrgefühl. Für einen Kreuzritter, für einen napoleonischen Kommandanten oder für einen General der Wehrmacht gab es Schlimmeres als den Tod: Den Ehrverlust, also den Eindruck zu hin‐ terlassen, man hätte für Volk und Vaterland nicht alles gegeben. Der amerikanische General George Patton betrachtete die Angelegenheit wesentlich nüchterner, indem er sinngemäß gesagt haben soll: „Man gewinnt Kriege nicht dadurch, dass man für seine Sache stirbt, son‐ dern indem der andere für seine Sache stirbt.“ Er sollte Recht behalten. Ist also zu leugnen, dass menschliche Wertgefüge sich weiterentwi‐ ckeln? Nein. Die Ansprüche des Menschen an sich selbst und beson‐ ders an die eigene Toleranz werden, zumindest in der westlichen Welt, laufend mehr. Noch vor wenigen Jahrzehnten war die körperliche Züchtigung in der Schule oder zuhause Gang und Gäbe. Homosexuali‐ tät war ein Verbrechen. Eine Sünde auch, sicher, aber auch weltlich ge‐ sehen ein Verbrechen. Tierschutz gab es nur wenig und beschränkte sich weitestgehend auf aussterbende Tierarten. Es gab kein Wahlrecht für Frauen, und sie brauchten die Erlaubnis ihres Gatten, wenn sie ein Anstellungsverhältnis eingehen wollten. Vergewaltigung in der Ehe ist in Deutschland erst seit 1997, nach 25 Jahren parlamentarischer Dis‐ kussion, eine Straftat. All diese Dinge muten uns rückblickend entsetz‐ lich und archaisch an. Dennoch geben Kleriker sich jeden Tag Mühe, unsere Zeit als furchtbar darzustellen, und das hauptsächlich wegen der Duldung der Homosexualität, der gemischtgeschlechtlichen Wohngemeinschaft oder der gesellschaftlichen Akzeptanz von Transsexuellen. Ich hätte gerne weitere Beispiele aus breiter gefächerten Gebieten aufgeführt; die Fixierung der Religionen auf Sexuelles beschränkt jedoch die Auswahl. Andererseits war auch der Wahlkampf Donald Trumps auf nichts an‐ deres ausgelegt als auf die Vorstellung, dass es mit Amerika gerade furchtbar bergab ginge, was nicht der Fall war. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 232 Die Kleriker benutzen dann gerne Satzbausteine wie „gerade in der heutigen Zeit“ oder „in Zeiten wie diesen“, womit sie seit 2000 Jah‐ ren die jeweilige Gegenwart meinen. Es ist eine wertlose Phrase. Sie tun das aber aus einem ganz bestimmten Grund: sie müssen Bedarf schaffen für ihre Sache, genau wie Trump. Dabei hat der kanadische Psychologe Steven Pinker in seinem monumentalen Werk Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit bereits 2011 mit großem Aufwand nachweisen können, dass die Welt von heute die friedlichste aller Zei‐ ten ist. Etwa 60 Prozent aller Skelette, die wir aus der Steinzeit ausgegra‐ ben haben, zeigen Spuren von tödlicher Gewalt: abgetrennte Köpfe, zerschmetterte Schädel, Pfeilspitzen in der Brust, gebrochene Genicke. Wenn der Zweite Weltkrieg 60 Prozent der Menschheit das Leben ge‐ kostet hätte, dann hätte er zwei Milliarden Menschenleben kosten müssen statt „nur“ 80 Millionen. Der größte Konflikt unserer heutigen Zeit ist der syrische Bürgerkrieg mit etwa einer halben Million Toten – das aber in sieben Jahren. Der Koreakrieg hat in drei Jahren etwa vier Millionen Menschen das Leben gekostet (1.300.000/Jahr), der Viet‐ namkrieg in zehn Jahren etwa vier Millionen Menschen (400.000/ Jahr), der Sowjetisch-Afghanische Krieg maximal 2 Millionen in zehn Jahren (200.000/Jahr) der Erste Golfkrieg zwischen Irak und Iran ma‐ ximal 800.000 in acht Jahren (100.000/Jahr), der Irakkrieg unter George W. Bush bis 2011 etwa 600.000 Tote in acht Jahren (75.000/ Jahr).* Der Syrische Bürgerkrieg ist da mit 72.000 Toten/Jahr eher niedrig angesiedelt. Der Ukrainekonflikt mit rund 11.000 Toten in vier Jahren ist in dieser Hinsicht fast schon vernachlässigbar, auch wenn je‐ der Tote einer zu viel ist. In vorstaatlichen Gesellschaften waren Stammeskriege an der Ta‐ gesordnung und die prozentualen Verluste wesentlich höher. Mit dem Aufkommen des Staates reifte auch die Entscheidung, nicht jeder ge‐ gen jeden aufeinander loszugehen, sondern das von Berufssoldaten er‐ ledigen zu lassen, was Konflikte in ihrem Ausmaß schrumpfen ließ – * Hier ist allerdings zu beachten, dass die größeren Kampfhandlungen im Mai 2003 nach bereits zwei Monaten abgeschlossen waren. Das Forschungsprojekt Iraq Body Count geht für den offiziellen Zeitraum des Konfliktes von etwa 8.000 getöteten Zi‐ vilisten und etwa 40.000 Kombattanten aus. Der Rest der Toten stammt aus dem an‐ schließenden, religiös motivierten Bürgerkrieg. 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 233 es sei denn natürlich, die Zivilbevölkerung war das erklärte Ziel der Aggression. Heutzutage jedoch sind es fast nur noch die Religiösen und Ideologen, die gegeneinander zu Felde ziehen. Der Rest der Welt ist durch Handel und Globalisierung viel zu abhängig voneinander ge‐ worden – selbst das kommunistische China macht dabei mit. *** Religionen haben nach langem Widerstand die Deutungshoheit über die Wissenschaft verloren, und der moderne Staat zwingt die Bürger nicht mehr in die Kirche, auch wenn es bei der Durchsetzung der Sä‐ kularisation noch viel zu tun gibt. Alles, was die Kirchen noch als Exis‐ tenzberechtigung anführen können, ist das hohe Ross der christlichen Moral. Doch auch darum ist es nicht annähernd so gut bestellt, wie sie gerne behaupten. Ob sie dabei absichtlich lügen oder ihre Argumente selbst glauben, kann ich nicht sicher sagen. Ich halte es für einen grup‐ pendynamischen Prozess, in dem die Kleriker sich ihre Thesen täglich gegenseitig bestätigen. Das ist ganz normal, wenn man hauptsächlich mit Gleichgesinnten spricht, denn das macht den eigenen Standpunkt nicht wahrer, lässt ihn aber selbstverständlicher erscheinen. Das Interessante an der christlichen Moral ist, dass es sie eigentlich gar nicht gibt. Oder sagen wir: aus dem schwer zu überschauenden Pool moralischer Behauptungen der Bibel werden immer die passen‐ den herausgesucht, die sich in die jeweilige Epoche einfügen lassen. Und wenn gar nichts hilft, dann wird so lange herum interpretiert, bis die Welt wieder in Unordnung ist und der christlichen Moral bedarf. Die sieht unter anderem so aus: „Als nun die Kinder Israel in der Wüste waren, fanden sie einen Mann Holz lesen am Sabbattage. Und die ihn darob gefunden hatten, da er das Holz las, brachten sie ihn zu Mose und Aaron und vor die ganze Gemein‐ de. Und sie legten ihn gefangen; denn es war nicht klar ausgedrückt, was man mit ihm tun sollte. Der HERR aber sprach zu Mose: Der Mann soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen draußen vor dem Lager. Da führte die ganze Gemeinde ihn hinaus vor das Lager und steinigte ihn, dass er starb, wie der HERR dem Mose geboten hatte.“ Numeri 15:32-36 „Der Mann aber soll das Haupt nicht bedecken, denn er ist Gottes Bild und Abglanz; die Frau aber ist des Mannes Abglanz.“ 1. Korinther 11, 5 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 234 „Nun bringt alle männlichen Kinder um und ebenso alle Frauen, die schon einen Mann erkannt und mit einem Mann geschlafen haben. Aber alle weiblichen Kinder und die Frauen, die noch nicht mit einem Mann geschlafen haben, lasst für euch am Leben!“ Numeri 31:17, 18 „Ihr sollt kein Aas essen – dem Fremdling in deinem Tor magst du es ge‐ ben, daß er's esse oder daß er's verkaufe einem Ausländer; denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott.“ Deuteronomium 14:21 Dies sind Passagen, die der moderne Christ nicht mehr hervorholt, um die Bibel als moralischen Leitfaden zu verkaufen. Man konzentriert sich lieber auf die brauchbaren Passagen. Dass dabei nur eine willkür‐ liche Auswahl herauskommen kann, liegt in der Natur der Sache. Wis‐ senschaftler aller Richtungen warnen sich gegenseitig vor diesem allzu einladenden Rosinenpicken, denn es kommt dann immer heraus, was man möchte, aber nie die Wahrheit. Das aber macht die Sache für Theologen so attraktiv, während ein Wissenschaftler mit solchen Tech‐ niken in kurzer Zeit dafür sorgen würde, dass ihm niemand mehr zu‐ hört. Darüber hinaus ist nicht einmal die Existenz des Gegenstandes ihrer Disziplin bewiesen, nämlich Gott selbst. Wir sollten das nicht aus den Augen verlieren. Das Christentum hat sich, als es noch stärker die Richtung der Ge‐ sellschaft bestimmte, nur in technologischer Hinsicht vom Islamischen Staat unterschieden. Was das Vernichten von unpassender Literatur, das Aufspüren und Ausmerzen von Kritikern, die Verbreitungsmetho‐ den der eigenen Lehre und die drakonischen Strafen für religiöse Übertretungen angeht, nehmen sich die beiden nicht viel. In Diskussionen zwischen Atheisten und christlichen Apologeten kommt von christlicher Seite früher oder später ein bestimmtes Argu‐ ment: „Wenn Sie so mit dem Islam umgehen würden, hätten Sie schon ganz andere Probleme!“ Der Neid, der hier mitschwingt, stammt aus der Frustration, die Gesellschaft nicht mehr so zu beherrschen wie einst oder der Islam den Nahen Osten heute noch. Es ist eine Sache, de facto keine Gewalt mehr anzuwenden, aber eine ganz andere, den Drang dazu nicht mehr zu verspüren, weil man ja weiß, dass man da‐ mit das Richtige tun würde. Diese Geißel der Menschheit darf nie wie‐ der entfesselt werden, denn wir sind noch dabei, die restlichen Geißeln 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 235 einzufangen. Wer sich entgegen allen Argumenten sicher ist, das Rich‐ tige zu vertreten, ist schon auf dem falschen Weg. Im Islam ist das mit der Moral noch etwas anders gelagert. Das Christentum annektiert, zumindest heute in seiner domestizierten Form, die ethischen Ansichten der Gesellschaft und behauptet, man hätte sie ohne das Christentum nie gehabt. Der Islam nimmt den Pro‐ pheten und macht alles, was er je getan hat oder gesagt haben soll, konsequent zum Vorbild. Wenn es Unterschiede zu den Auffassungen moderner Muslime gibt, dann liegt der Fehler einfach bei ihnen, denn man weiß ja, wie es sich gehört: Mohammed war perfekt, sein Handeln war perfekt, und wer es anders sieht, maßt sich anscheinend ziemlich viel an. Lassen Sie sich diesen Unterschied einmal auf der Zunge zergehen. Im Christentum haben wir eine laufende Anpassung an die bestehen‐ den Verhältnisse. Auch der Judenhass im Dritten Reich war damit machbar; als weltpolitische Größe hatten die Kirchen schon immer ziemlich schüttelbereite Hände. Im Islam wird alles, was ein Feldherr namens Mohammed jemals mit seinen Opfern gemacht hat, zur Tu‐ gend. Es ist das Übliche: die Männer töten und die Frauen an die Kämpfer verteilen, nachdem man sich die Schönsten zur Deckung des Eigenbedarfs herausgesucht hat. Im Christentum ist sündiges Verhal‐ ten sündiges Verhalten, von dem das meiste absolutiert werden kann. Im Islam ist die Sache etwas schamloser aufgezogen: Man nimmt den Menschen alles, was Spaß macht, und verspricht, es ihnen im Jenseits wiederzugeben, sofern sie sich im Diesseits an eine längliche Liste von Regeln gehalten haben. Wer hier den Betrug nicht bemerkt, der will ihn gar nicht bemerken. Für solche Gehirne ist es meistens zu spät. Das beliebteste Haustier in der islamischen Welt ist die Katze, Hunde gelten als rituell unrein. Der Prophet ordnete zwar gütiges Ver‐ halten gegenüber Hunden an, aber die Legende besagt, dass er einmal sogar mit seinem Dolch den Ärmel seines Gewandes abtrennte, weil er die darauf schlafende Katze nicht wecken wollte. Man fragt, sich, wozu eine Gesellschaft imstande ist, die jede noch so unspektakuläre oder schrullige Handlung eines Einzelnen zum Maßstab für die gesamte Gesellschaft macht. Mohammed heiratete Aisha, als sie sechs Jahre alt war, und vollzog die Ehe in ihrem neunten Lebensjahr;61 wenn er es getan hat, dann 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 236 war es gut und ist genehmigt. Die Hysterie, mit der Mohammed ver‐ göttert wird, macht jegliche Abweichung von seinem Vorbild verwerf‐ lich. Von seinem Vorbild abweichen zu wollen heißt bereits, ihn als Vorbild nicht zu akzeptieren. Das ist der Grund für Massenkinderhei‐ raten* in Gaza, bei denen minderjährige Mädchen, deren Lebensziel das Hausfrau und Muttersein ist, an Kämpfer verheiratet werden. Eine Konferenz in Norwegen Anfang 2013 hielt die Organisation Islam Net in Norwegen eine Frie‐ denskonferenz ab. Fahad Qurashi, der Gründer von Islam Net, hielt es für notwendig, auf die Missverständnisse der Ungläubigen in Bezug auf den Islam einzugehen. Und zwar, indem er klar machte, dass das Steinigen von Ehebrechern mitnichten eine exklusive Sichtweise von Extremisten ist. Er fragte die etwa 1500 Zuschauer: „Wie viele von Euch stimmen zu, dass die im Koran und der Sunna be‐ schriebenen Strafen – ob es der Tod ist, oder Steinigung für Ehebruch, was immer es ist, solange es von Allah und seinem Propheten ist – die bestmögliche Strafe für die Menschheit darstellt – und dass wir das in der Welt auch praktizieren sollten? Wie viele Stimmen dem zu?“ Die überwältigende Mehrheit der anwesenden Durchschnittsmuslime hob hier die Hand. Qureshi fragte: „Was, seid Ihr alle Extremisten?“ Das Publikum lachte amüsiert.62 Ist das alarmierend? Ja und nein. Es wäre unsinnig anzunehmen, dass jeder Durchschnittsmuslim in einem westlichen Land die Scharia mit all ihren Unappetitlichkeiten eingeführt sehen will. Das Problem ist eher, dass die Durchschnittsmuslime im Zweifelsfall die Extremis‐ ten gewähren lassen würden, da diese jedes Wort mit dem Koran und den Hadithen belegen können. Der Grund dafür ist die von Kindesbei‐ nen an eingetrichterte, hysterische Verehrung für Allah, den Koran und den Propheten. Wenn ein Durchschnittsmuslim wirklich gegen die Steinigung ist, weil sie ihm unnötig grausam oder archaisch vor‐ kommt, dann ist der Fall klar: das Problem liegt bei ihm, denn er kennt anscheinend die Heilige Schrift nicht gut genug, und er mag sich auch ein wenig dafür schämen. Es ist dann seitens der Extremisten * Ich hätte nie gedacht, dass ich ein solches Wort jemals würde schreiben müssen. 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 237 leicht, ihn in dieser Ansicht zu bestätigen, und die meisten von ihnen werden dann letzten Endes zustimmen oder wortlos den Weg freima‐ chen. Es sollte auch bedacht werden, wie klein der Schritt vom Gut‐ heißer zum Extremisten selbst ist, wenn man seinen Inhalten bereits grundsätzlich zustimmt. Im Begleittext des Videos auf YouTube schreibt die Organisation selbst: “Der Vorsitzende von Islam Net, Fahad Ullah Qurashi, fragte das Publi‐ kum, und die Antwort war klar. Die Anwesenden waren normale sunniti‐ sche Muslime. Sie sahen sich selbst nicht als radikale oder Extremisten. Sie glaubten, dass die Geschlechtertrennung [im Publikum] richtig wäre, sowohl Männer als auch Frauen stimmten dem zu. Sie unterstützten sogar die Steinigung oder welch immer andere Strafe der Islam oder der Pro‐ phet Mohammed (Friede und Segen über ihm) für Ehebruch oder jegli‐ ches anderes Verbrechen angeordnet haben. Sie glaubten sogar, dass diese Praktiken weltweit eingeführt werden sollten. Nun, was sagt uns das? Ent‐ weder sind alle Muslime und der Islam radikal, oder die Medien sind in ihrer Darstellung des Islam islamophob und rassistisch. Der Islam ist nicht radikal, noch sind Muslime allgemein radikal. Das bedeutet, dass die Medien schuld sind am Hass gegenüber Muslimen, der sich unter den Nichtmuslimen in westlichen Ländern verbreitet.”63 Das Köstliche an diesem Video ist die Tatsache, dass Fahad Qureshi mit dieser Frage ans Publikum klarzumachen glaubte, dass nicht alle Muslime Extremisten sind, und dass die westlichen Medien eine Hass‐ kampagne gegen den Islam schüren. Die Botschaft ist klar: wenn Sie den Inhalt des Videos problematisch finden, dann liegt das nur an Ih‐ nen. Dass Qureshi glaubt, die Vorbehalte gegen den Islam mit diesem Exempel entkräften zu können, zeigt eigentlich nur auf, wie groß die Kluft in den Weltanschauungen zwischen „dem Westen“ und der isla‐ mischen Welt sein kann. Er glaubte, den Spieß mit der Feststellung umdrehen zu können, dass ja alle Muslime so denken und dass es da‐ her kein Extremismusproblem gibt, sondern nur den Islam und igno‐ rante Abneigung dagegen. Die Botschaft ist: sie wollen Auspeitschen und Hände amputieren dürfen, und wenn Ihnen das nicht gefällt, sind Sie ein Islamhasser. Qureshi fordert Respekt für seine Glaubensfestig‐ keit ein, und nie wäre dieser Respekt unangebrachter gewesen. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 238 Der türkische Präsident Erdogan bestätigte Qureshis Sichtweise, als er bereits im Jahre 2007 sagte: „Diese Beschreibung [moderater Islam] ist hässlich und anstößig und eine Beleidigung unserer Religion. Es gibt keinen moderaten oder nicht‐ moderaten Islam. Islam ist Islam, und damit hat es sich.“64 Stellen wir uns vor, wir entdeckten im Amazonasgebiet einen Stamm, der jedes vierte Kind tötet, weil dann angeblich die Ernten besser aus‐ fallen. Müssten wir das auch respektieren, oder würden wir uns nicht verpflichtet fühlen, diesen Menschen Düngemittel und ertragreichere Maiszüchtungen zu bringen, damit das sinnlose Morden endlich auf‐ hört? Ich werde Ihnen sagen, wie es ablaufen würde: der Amazonas‐ stamm würde sich weigern, seine geheiligten Traditionen aufzugeben, und einige von uns würden den Versuch, das Leben dieser Menschen besser zu gestalten, als kulturimperialistisch oder gar als potenziell ras‐ sistisch ablehnen. Rassismus und seine nahen Verwandten Es gibt den Rassismus, der sich durch das Blut definiert, und es gibt den Nationalismus, der sich durch die Nation definiert. Leider sind diese Geißeln der Menschheit in Wirklichkeit Drillinge, und man hört das Wort Religionismus viel zu selten, wenngleich es nicht minder en‐ demisch verbreitet ist als seine Geschwister. Gemeint ist damit die Dis‐ kriminierung aufgrund des Glaubens. Ich möchte des Weiteren den Religionismus noch abgrenzen von jenem Rassismus, den der eine oder andere Gläubige in sich herumtra‐ gen mag. Sicherlich gibt es Christen, Juden, Muslime, Buddhisten und andere Gläubige, die auch Rassisten sind – der Süden der USA ist voll davon. Hier kann man monieren, dass die Religion, selbst wenn sie den Rassismus nicht vorschreibt, dennoch machtlos dagegen zu sein scheint. Die Hotspots des Rassismus in den USA sind aber auch gleichzeitig die religiösen Zentren. Das eine muss nicht ursächlich für das andere sein, aber diese Phänomene korrelieren eindeutig. Joseph Smith hatte es sich als Gründer des Mormonentums nicht leisten können, irgendjemandem die Teilnahme an seiner Bewegung vorzuenthalten. Als er im Jahre 1844 in Carthage, Illinois von einem 4.3 4.3 Rassismus und seine nahen Verwandten 239 wütenden Mob erschossen wurde, wurde Brigham Young sein Nach‐ folger, der 1845 erließ, dass Schwarze nicht Mormonenpriester werden oder an den Riten teilnehmen konnten. Hundertdreißig Jahre später, im Jahre 1978, spielte der Mormonenpräsident Spencer W. Kimball mit dem Gedanken, in Brasilien eine Zweigstelle aufzumachen. Ihm däm‐ merte bei dieser Gelegenheit, dass ein Großteil der Bevölkerung Brasi‐ liens ja gemischtrassig ist, und erhielt umgehend die passende Offen‐ barung: von nun an dürften alle Menschen unabhängig von Rasse oder Hautfarbe zum mormonischen Priestertum ordiniert werden. Wie pas‐ send, und vor allem vollständig ohne einen tatsächlichen Schöpfer möglich. Strenggläubige Muslime träumen unentwegt von der Umma, der weltweite Gemeinschaft aller Muslime, die sich als verschworene Trup‐ pe gegen den Rest der Welt wehren – wobei noch angemerkt sei, dass die aggressivsten Zeitgenossen gewöhnlich diejenigen sind, die sich umzingelt und der Vernichtung nahe wähnen, obwohl das gar nicht stimmen muss. Paranoia will gelebt werden und hält den Paranoiden auf Trab. Die Umma hält die Menschen im Glauben fest zusammen, träumt der Salafist, und Rassismus ist ein Phänomen, das es aus‐ schließlich im verhassten Westen gibt. Schaut man sich die Länder des Nahen Ostens genauer an, so sind sie jedoch voll von Diskriminierung und Tribalismus, also Stammesdenken. Als ich im Jahre 2012 etwa zum achten Mal im jordanischen Zarqa zu Gast war und wir im Ocean Restaurant in der Mecca Street zu Mit‐ tag aßen (es ist erstaunlich, welch hochwertige Fischrestaurants man in der Wüste hochziehen kann), geriet einer meiner Gastgeber, ein äu‐ ßerst liebenswerter Syrer aus Damaskus namens Haitham, in eine hit‐ zige Diskussion mit dem ebenfalls syrischen Oberkellner des Restau‐ rants. Da mein Arabisch mit „nichtexistent“ noch euphemistisch um‐ schrieben ist, fragte ich ihn anschließend, worum es bei der Diskussi‐ on gegangen sei – ich hatte mich bereits an meine Gabel geklammert, sollten Handgreiflichkeiten ausbrechen. Haitham erwiderte: Haitham: „Wir haben uns über Assad und den Krieg unterhalten. Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht nach Syrien zu‐ rückkehren werde, solange Assad an der Macht ist.“ Ich: „Und was hat er erwidert?“ 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 240 Haitham: „Unterm Strich hat er gesagt: Ich mag ihn ja auch nicht, aber er ist von meinem Stamm, was soll ich machen.“ Das Stammesdenken bestimmt in der arabischen Welt immer noch sehr viel, und es gibt keine Anzeichen, dass es besser werden würde. In Saudi-Arabien teilt sich die Gesellschaft neben der Religion noch in die Ethnie: da gibt es die Hadar, die nicht beduinischen Ursprungs sind, und diejenigen, die es sind. Wer keine beduinischen Vorfahren hat, kommt nur schwer an wichtige Positionen und wird meist auch gar nicht zum Militär zugelassen. Er bedankt sich dafür bei der herr‐ schenden Klasse mit dem Wort „Soroob“, was „Wilder“ heißt und an den beduinischen Bevölkerungsteil gerichtet ist, zu dem auch das Kö‐ nigshaus der Saud gehört. Khairallah Talfah, irakischer Exoffizier und Onkel sowie Schwie‐ gervater von Saddam Hussein, schrieb im Jahre 1981 ein zehnseitiges Pamphlet mit dem bescheidenen Titel Drei Dinge, die Gott nicht hätte erschaffen sollen: Perser, Juden und Schmeißfliegen, in dem er Iraner als „Tiere, denen Gott das Aussehen von Menschen gab“ und Juden als „einen Mischung aus Dreck und den Resten einiger Völker“65 bezeich‐ nete, während er den Schmeißfliegen immerhin zubilligte, dass wir Gottes Absicht bei ihrer Erschaffung noch nicht verstünden. Das Pam‐ phlet wurde fleißig an Schulkinder verteilt, und Saddam Hussein ließ sich den Buchtitel auf eine Plakette drucken, die er sich auf den Schreibtisch stellte. Das gängigste Wort für Schwarze in der arabischen Welt ist das Wort Abeed, was „Sklaven“ bedeutet und in seiner Schärfe dem N- Wort gleich steht. Der amerikanische Aktivist Dawud Walid vom Council on American-Islamic Relations (CAIR) sah sich in einem Ar‐ tikel in The Arab American News genötigt, seine Mitgläubigen darauf hinzuweisen, dass das Wort Abeed zutiefst beleidigend ist, obwohl es gleichzeitig einen tief gottgläubigen Menschen („Sklave Gottes“) be‐ deutet: „Es ist unaufrichtig zu sagen, dass es ein gutes Wort sei, weil zutiefst Gott‐ gläubige auch ‚Abeed‘ sind. Wenn Menschen diesen Ausdruck benutzen, dann nicht um darauf hinzuweisen, dass Schwarze die besten Gläubigen wären, und sie nennen auch Hellhäutige oder fromme Mitglieder ihrer Familie nicht ‚Abeed‘. Der Ausdruck hat hässliche Wurzeln und ist herab‐ würdigend. Sein Gebrauch sollte daher aufhören, anstatt es den Beleidig‐ 4.3 Rassismus und seine nahen Verwandten 241 ten weg zu erklären und ihnen zu sagen, sie sollten nicht so empfindlich sein, weil es ja etwas Gutes meine.“66 Und auch das Wort „Kaffer“, das zu Kolonialzeiten in Europa und auch später noch in den europäisch kontrollierten Gebieten Afrikas benutzt wurde, hat seine Wurzel im arabischen Wort Kuffar, das be‐ kanntlich für Ungläubige steht. Und wo wir gerade beim Thema Sklaverei sind: die nordafrikani‐ schen Barbaresken-Korsaren, die von Tripoli im heutigen Libyen aus operierten, haben zwischen 1530 und 1780 rund eine Million Europä‐ er durch Überfälle auf Küstenstädte versklavt oder für Lösegelderpres‐ sung gefangen genommen, so auch den spanischen Dichter Miguel de Cervantes, berühmt für seinen Don Quijote. Ihre Raubzüge führten sie über das gesamte Mittelmeer bis nach Frankreich, England, Irland und sogar bis nach Island. Im Juli 1785 kaperten Barbaresken-Korsaren zwei amerikanische Handelsschiffe, nahmen ihre Besatzung als Geiseln und verlangten 60.000 Dollar Lösegeld, in heutigem Wert einige Millionen. Thomas Jefferson und John Adams machten sich auf den Weg nach London, um dort den Gesandten aus Tripoli zu treffen. Auf die Frage, was diese konstanten Geiselnahmen und Versklavungen denn sollen, erwiderte der Botschafter (zitiert nach Jefferson): „Es stand in ihrem Koran geschrieben, dass alle Nationen, die den Pro‐ pheten nicht anerkannten, Sünder wären, die zu plündern und zu verskla‐ ven das Recht und die Pflicht der Gläubigen wäre; und dass jeder Musel‐ man, der in dieser Kriegführung fiele, mit Sicherheit ins Paradies käme. Er sagte auch, dass der Erste, der ein Schiff enterte, über seinen normalen Anteil hinaus einen Sklaven mehr bekommen würde…“67 Thomas Jefferson war der Ansicht, man solle nicht auf die Forderun‐ gen eingehen, da man die Korsaren damit nur zu weiteren Raubzügen ermutigen würde. Allerdings dauerte es noch, bis er Gehör fand, und so wurde das Problem stetig größer – im Jahre 1800 etwa gab der ame‐ rikanische Staat rund eine Million Dollar für solche Lösegeldforderun‐ gen aus, was gut 10 Prozent seiner gesamten Einnahmen ausmachte. Als Jefferson im Jahre 1801 selbst Präsident der USA wurde, ver‐ langten die Herrscher in Tripoli „auf gute Zusammenarbeit“ 225.000 Dollar Tribut von ihm. Jefferson weigerte sich, und so erklärte der Pa‐ scha den USA kurzerhand den Krieg, der als Amerikanisch-Tripolita‐ 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 242 nischer Krieg bekannt wurde und mit dem Sieg der USA im Jahre 1805 endete. Da andere nordafrikanische Freibeuter allerdings unverhohlen weitermachten, kam es im Jahre 1815 zum Zweiten Barbareskenkrieg, der dem Spuk endlich ein dauerhaftes Ende setzte. Die Piraterie der Muselmanen in Nordafrika war einer der drängendsten Gründe, war‐ um die USA sich jemals eine hochseetaugliche Flotte zulegten. Wer al‐ so den islamistischen Terror mit den Taten der USA im Nahen Osten rechtfertigt, der legitimiert auch die Existenz der US Navy mit dem gleichen Argument. Wie der schiitische Geistliche Mohammed Baqir Al-Qazwini vom Islamic Centre of America in Michigan vor wenigen Jahren erklärte, ist Unglaube das Schlimmste, was dem Menschen passieren kann. Daher ist es geradezu ein Akt der Gnade, Nichtmuslime zu versklaven, denn schließlich führt man sie damit an den Islam heran.68 In Jordanien kann man auf den Heckscheiben der Autos, die das Stadtbild zieren, gelegentlich einen Aufkleber in Form einer Krone se‐ hen. Ich fragte Haitham einmal, was das bedeute, und bekam zu hören, dass die Besitzer der Fahrzeuge sich damit als echte Jordanier kenn‐ zeichnen, im Gegensatz zum Großteil der Bevölkerung von Amman, die aufgrund der Migrationsbewegungen nach dem Sechstagekrieg pa‐ lästinensischer Abstammung ist. Wer die Krone auf seine Heckscheibe setzt, ist vom Stamme der Banu Haschim, der Haschimiten, die das jordanische Königshaus stellen und die vom Stamm der Banu Qura‐ isch abstammen, zu denen auch der Prophet gehörte. Nationalstolz im Angesicht von Migrationsbewegungen? Nicht doch, das gibt es nur im Westen. Dennoch ist Jordanien alles andere als ein schwerer Fall, was die übliche Korrelation zwischen Religiosität und Rassismus angeht, denn Amman ist eine der weltoffensten Städte im Nahen Osten. Für pakistanische Taxifahrer in Dubai sieht es da schon schlechter aus, Muslim oder nicht. Nehmen wir nun ein wirklich religiöses Land: Saudi-Arabien, Stif‐ ter des Wahhabismus, Herrscher über die Heiligen Stätten des Islam – die Sie als Nichtmuslim übrigens nicht betreten dürfen. Wenn Sie von Dschiddah aus auf dem Highway 40 nach Osten Richtung Mekka fah‐ ren, erreichen Sie nach einiger Zeit zwei Steinbögen über dem High‐ way – dies ist die Haram Boundary, etwa 20 Kilometer von der Großen Moschee entfernt. Wenn Sie die Boundary überhaupt erreichen, sind 4.3 Rassismus und seine nahen Verwandten 243 Sie wohl Muslim, denn ein Schild einige Kilometer zuvor hat Ihnen die letzte Gelegenheit gegeben, abzubiegen und Mekka nicht mit Ihrer An‐ wesenheit oder auch nur Ihrer Durchreise zu beleidigen. Das Ver‐ kehrsschild zeigt einen Pfeil geradeaus nach Arafat Makkah, der mit den Worten „Muslims only“ erklärt wird, und einen Pfeil nach rechts, der nach Dschiddah zurückführt und den Hinweis „Obligatory for non muslims“ trägt – für Nichtmuslime verpflichtend. Ich kann Sie aber beruhigen, es liegt nicht an den Menschen in Saudi-Arabien. Sure 9 des Korans besagt in Vers 28: „O die ihr glaubt, die Götzendiener sind fürwahr unrein, so sollen sie sich der geschützten Gebetsstätte nach diesem, ihrem Jahr nicht mehr nähern! Und wenn ihr (deshalb) Armut befürchtet, so wird Allah euch durch Sei‐ ne Huld reich machen, wenn Er will. Gewiss, Allah ist Allwissend und Allweise.“ Was will man da machen, der Oberste hat es nun mal bestimmt. Mit „Götzendienern“ sind vornehmlich Juden und Christen gemeint, aber auch Ahmadiyya dürfen nicht die Haddsch nach Mekka machen und werden aus der Stadt geworfen, sobald sie als solche erkannt werden. Auch Khola Maryam Hübsch zählt zu diesen Ausgestoßenen des Is‐ lam, den sie so leidenschaftlich verteidigt. Frau Hübsch gehört bei strenger Auslegung des Korans auch zu den im Folgenden Gemeinten. Die Sure 8 (Die Beute) besagt in Vers 55: „Gewiß, die schlimmsten Tiere bei Allah sind die, die ungläubig sind und (auch) weiterhin nicht glauben.“ Was in der westlichen Welt unverhohlener Rassismus wäre, käme es von irdischer Stelle, ist hier einfach vom Schöpfer des Universums vor‐ gegeben und daher nicht anzuzweifeln. Die genaue Chronologie der Sure ist nicht unumstritten. In der ägyptischen Standard-Reihenfolge ist Sure 8 die 88ste von insgesamt 114 Suren, in der Ordnung von Theodor Nöldeke ist sie die 95ste. In beiden Chronologien (die ägypti‐ sche ähnelt Nöldekes) ist sie bereits eine medinische. Sie hebt damit die friedlicheren, mekkanischen Suren auf, die zum Frieden und zu ge‐ genseitiger Toleranz einladen. Wer das als Muslim ernst nimmt, der kann nicht anders als den Westen zu hassen – tut er es nicht, versün‐ digt er sich. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 244 Wenn Kritik am Islam rassistisch ist (der Islam ist aber keine Rasse) und wir die Latte tatsächlich so tief setzen müssen, dann ist Allah an‐ scheinend ebenfalls ein Rassist. Das passendere Wort aber lautet Reli‐ gionist, denn hier benutzt niemand die Heilige Schrift als Ausrede für Rassismus – die Schrift selbst gibt vor, was man von Andersdenkenden zu halten hat. Das ist Religionismus – die Herabwürdigung Anders‐ denkender aufgrund von religiösen Überzeugungen. Und birgt die Tatsache, dass der Schöpfer des Universums seine letzte und wichtigste Botschaft den Menschen nur auf Arabisch gab, nicht bereits genug Po‐ tential für ungerechtfertigte Selbstüberhöhung? Wieviel Auserwählt‐ sein liegt allein darin, dass er seine Botschaft nicht auf Chinesisch ver‐ breitete, oder auf Altenglisch, oder auf Französisch, in der Sprache der Maya, auf Latein oder besser noch in allen Sprachen gleichzeitig? Nein, Gott liebt die Araber ganz besonders. Wie die arabisch-kanadische Ex‐ muslima Yasmine Mohammed auf ihrer Facebook-Seite Confessions of an Ex-Muslim feststellte: "Für arabische Muslime werden alle anderen Muslime immer Untergebe‐ ne sein. Sie sind nur Konvertiten, die ihr Bestes tun um sich anzupassen, aber das können sie nie, da sie nicht einmal das unübersetzte Wort Allahs verstehen. Sie werden immer einen arabischen Muslim brauchen, der ih‐ nen die Religion erklärt. Natürlich wollen sie, dass man konvertiert, da‐ mit sie die Umma vergrößern können, aber man wird den echten arabi‐ schen Muslimen niemals gleich sein."69 Und natürlich ist der Islam da nicht allein. Muss ich auf die Streitigkei‐ ten des Christentums mit anderen Religionen und mit sich selbst hin‐ weisen, auf die Sachsenkriege Karls des Großen, den Nordirlandkon‐ flikt, die Eroberung der Neuen Welt, die Christianisierung Europas und Amerikas, die Hexenverfolgungen, Bücher wie The Religious In‐ struction of the Negroes von Reverend Charles Colcock Jones aus dem Jahre 1843, den Dreißigjährigen Krieg, die Konflikte zwischen Chris‐ ten und Heiden, zwischen Katholiken und Protestanten, die wenn überhaupt dann erst der säkulare Staat beendet hat? Wieviel davon war Rassismus, für den nur religiös argumentiert wurde, wieviel davon war Nationalismus, und wieviel davon entstammte dem bloßen Über‐ legenheitswahn der eigenen Theologie? „Tötet sie, der Herrgott wird die Seinen schon erkennen“, wie der französische Bischoff Arnold Amalrich im Jahre 1209 bereits gesagt 4.3 Rassismus und seine nahen Verwandten 245 haben soll, als die Kreuzritter bei der Belagerung von Béziers nicht wussten, wie man die guten Katholiken von den Ketzern unterschei‐ den solle. Hier treffen sich der Religionismus und das Verschieben von Verantwortung nach oben wie die zwei Komponenten eines binären chemischen Kampstoffes. Religion ist Gift für das friedliche Zusam‐ menleben. Das aber nicht nur, wenn verschiedene Religionen sich be‐ gegnen. Religiöse Moral, naturtrüb und ohne säkulare Zusätze Farkhunda Im März 2015 ging eine junge Frau namens Farkhunda (wie viele an‐ dere in Afghanistan hatte sie keinen Nachnamen) in Kabul auf einen Verkäufer von Koranversen zu. Es ist in Afghanistan gängig, Zettel mit Koranversen am Körper zu tragen, die als eine Art Talisman gegen di‐ verses Übel wirken sollen. Da Farkhunda eine strenggläubige Muslima war und in Anlehnung an Koran und Artikel 22b der Kairoer Erklä‐ rung der Menschenrechte das Richtige propagieren sowie vor dem Fal‐ schen warnen wollte, stellte sie den Mann für sein unislamisches Ver‐ halten mit inquisitorischem Eifer zur Rede, denn diese Praxis ist nur ein lokaler Brauch, aber kein islamisches Dogma. Da der Mann um seinen Lebensunterhalt fürchtete, beschloss er die Argumentation schnell zu gewinnen, indem er ihr mehrfach und so laut vorwarf, einen Koran verbrannt zu haben, dass die Umstehenden hellhörig wurden. Schnell war man sich einig, dass Farkhunda nicht nur ein Apostat, sondern auch ein muslimfeindlicher Agent sei, der sich nur dem korrupten Westen andienen wolle. Unter dem Geschrei von antiamerikanischen und antidemokrati‐ schen Parolen ergriff man sie und schlug sie mit Fäusten und mit Holzlatten, bis eine Polizeistreife eingriff und die Blutende auf ein La‐ dendach rettete. Dort verloren die Polizisten anscheinend ihre Autori‐ tät oder hatten von vornherein mit dem Mob sympathisiert. Jedenfalls zog die Menge die verletzte Farkhunda wieder vom Dach, schlug sie bewusstlos, überfuhr sie mehrfach mit einem Jeep, steinigte noch de‐ monstrativ ihre Leiche und spendete schließlich Kleidung, um ihren 4.4 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 246 Leichnam noch vor Ort anzuzünden - ihre eigenen Textilien waren be‐ reits blutgetränkt und brannten nicht mehr. Anschließend warf man die Gegrillte in das trockene Flussbett. Auch hier wurde wieder fleißig gefilmt, falls Sie sich an solchen Bildern delektieren können. Interessant für unsere Betrachtung aber waren die Reaktionen auf diesen Vorfall. Hashmat Stanekzai, Polizeisprecher von Kabul, äußerte sich dahin gehend, dass Farkhunda wie so viele andere „Ungläubige“ mit ihrem schandhaften Verhalten nur auf eine Aufenthaltsgenehmi‐ gung in den USA oder Europa spekuliert habe, stattdessen aber das Leben verlor. Der stellvertretende Minister für Kultur und Information, Simin Ghazal Hasanzada, hieß die Exekution der Frau gut, die „für die Un‐ gläubigen arbeitete“. Zalmai Zabuli, Leiter der Beschwerdestelle des Parlamentes, postete ein Bild von ihr mit dem Text: „Dies ist die furchtbare und gehasste Person, die von unseren muslimischen Lands‐ männern für ihre Handlungen bestraft wurde. Sie bewiesen damit ihren [Farkhundas] Herren, dass Afghanen nur den Islam wollen und Imperialismus, Apostasie und Spione nicht dulden können.” Der islamische Gelehrte Maulavi Ayaz Niazi warnte die Regierung, dass jeglicher Versuch, die Männer zu verhaften, die den Koran vertei‐ digt hatten, zu einem Aufstand führen werde. Im Verlauf der nächsten Tage stellte sich dann heraus, dass Fark‐ hunda nie einen Koran verbrannt hatte und tatsächlich Muslima gewe‐ sen war. Die öffentliche Meinung schlug sofort in Bestürzung um, Pro‐ testmärsche wurden organisiert, und Ahmad Ali Jebreili vom Rat der Höchsten Religionsgelehrten verurteilte den Lynchmord und nannte ihn „dem Islam zuwider“. Abu Ammaar Yasir Qadhi, einer der angese‐ hensten islamischen Gelehrten in den USA, sagte dazu: „Wie zivilisiert eine Nation ist, erkennt man daran, wie sie ihre Frauen behandelt. Mö‐ ge Allah den Respekt und die Ehre wiederherstellen, die Frauen in un‐ seren Gesellschaften verdienen.“ Ob er damit auch nichtmuslimische Frauen meinte, ist nicht überliefert. In einem rekordverdächtig kurzen Gerichtsverfahren wurden be‐ reits zwei Monate später vier Täter zum Tode und acht weitere zu lan‐ gen Haftstrafen verurteilt. Elf Polizisten bekamen ein Jahr Gefängnis, da sie ihrer Pflicht nicht nachgekommen waren, die Angegriffene zu beschützen. 4.4 Religiöse Moral, naturtrüb und ohne säkulare Zusätze 247 Es gibt vieles an diesem Fall, über das wir reden könnten. Die Lynchjustiz, die Halbherzigkeit der Polizei, natürlich auch der religiöse Eifer. Ich habe dieses Beispiel jedoch gewählt, um auf etwas anderes aufmerksam zu machen: die Prioritäten. Als der Mob zu wissen glaubte, dass Farkhunda (selbst streng reli‐ giös und hierzulande wahrscheinlich ein Fall für den Verfassungs‐ schutz) einen Koran verbrannt hatte, hakte der Verstand kollektiv aus. Sämtliche Feindbilder von USA bis Demokratie allgemein wurden in einem pawlowschen Reflex herausgeholt, von dem die AfD noch was lernen kann. Hier ist sehr schön zu erkennen, wie das Feindbild aus‐ sieht: der Westen. Sie wissen schon, jener blutrünstige Moloch, der in den Achtzigern den Afghanen half, sich gegen die ungläubigen Invaso‐ ren aus der Sowjetunion zu wehren. Der Grund, warum wir Westler als Feind gelten, ist der: wir sind ohne Islam zufrieden. Das ist aus isla‐ mischer Sicht bereits Frevel genug. Im Kampf gegen die Sowjets waren die USA ein nützlicher Idiot gewesen – eine echte Partnerschaft hatte nie bestanden. Und das Leben eines Muslims scheint nicht nur in der Theologie, sondern auch in der islamischen Realität wertvoller zu sein als das eines Kafir. Die Mörder Farkhundas ernteten Beifall von Vertretern des Staates und der Theologie genau bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Verleum‐ dung als solche erkannt wurde. Dann erst begann man, von Unrecht zu sprechen, denn sie war tatsächlich eine echte Muslima gewesen. Was wäre geschehen, wenn sie tatsächlich einen Koran verbrannt hät‐ te? Das Gleiche, nur ohne den bereuenden Teil. Was, wenn sie eine Nichtmuslima gewesen wäre, die aber keinen Koran verbrannt hätte? Hätte ihr versehentlicher Lynchmord dann die gleiche Bestürzung aus‐ gelöst? Nur in der westlichen Welt, und Kritik an diesem Lynchmord wäre dann wohl ein Fall von antiislamischem Rassismus gewesen. Auch waren die Täter keine Taliban oder von der Religionspolizei gewesen, sondern der berühmte Ottonormalverbraucher auf einem Markt. Ich habe mir den Geisteszustand solcher Leute immer als einen Kippschalter vorgestellt, der nur allzu leicht umgelegt werden kann, aber das ist wahrscheinlich nicht richtig, denn sie wechseln nicht von einem gesunden Zustand in einen besessenen. Sie sind chronisch be‐ sessen. Ein treffenderes Bild ist, dass diesen Menschen von Kindesbei‐ nen an ein hochentzündlicher Haufen benzingetränktes Holz im Kopf 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 248 aufgeschichtet worden ist, der von jeder noch so kleinen Zündquelle entfacht werden kann. Auch das ist Monotheismus: die Vorfreude auf das Streichholz, das man gereicht bekommt. Ist es nicht auffällig, wie sehr im Verlauf dieses Falls zwischen einem moralisch richtigen und einem moralisch falschen Lynchmob unterschieden wurde? Verhaftung, Anklage, Verteidigung, Urteil, Re‐ vision sind Dinge, die „der Westen“ für notwendig hält, jener Haufen von Fehlgeleiteten, die „jedem Impuls folgen“. Die spontane Tötung einer Frau aufgrund eines Marktgerüchtes ist hingegen ein Akt von göttlicher Gerechtigkeit, sofern sie schuldig ist. Das Gerichtsverfahren, das man den Tätern überhaupt gab, basiert übrigens auf der Neuord‐ nung des afghanischen Staates durch die Alliierten nach der Beseiti‐ gung der Taliban 2002. Der Mörder lebe hoch Im Juni 2009 arbeitete die Christin Aasiya Noreen auf einem Feld in der pakistanischen Provinz Punjab. Als sie Wasser holen geschickt wurde (Christen werden in Pakistan eher für niedere Arbeiten einge‐ stellt), nahm sie sich mit der vorhandenen Blechkelle einen Schluck aus der Quelle, bevor sie den Krug füllte. Ein Nachbar sah sie dabei und warf ihr vor, sie dürfe nicht dasselbe Trinkgefäß benutzen wie Muslime, da sie als Christin unrein sei. Als man ihre christliche Religi‐ on beleidigte, sagte sie: „Ich glaube an meine Religion und an Jesus Christus, der am Kreuz für die Sünden der Menschheit starb. Was hat Mohammed jemals für die Menschen getan?“ Die frommen Nachbarn schwärzten Aasiya daraufhin bei einem örtlichen Geistlichen an. Am selben Abend drang der unvermeidliche wütende Mob in ihr Haus ein und schlug sie und ihre Familie. Als die Polizei eintraf, wähnte sie sich in Sicherheit – die Polizei nahm sie je‐ doch wegen Blasphemie fest. Gegen ihr Todesurteil ist mehrfach Beru‐ fung eingelegt worden, so dass sie heute (September 2018) noch lebt, doch auch im Falle einer Freilassung jederzeit mit einem Lynchmord rechnen muss. Salman Taseer, der Gouverneur der Provinz Punjab, setzte sich für ihre Freilassung ein und wagte es auch, sich für die Anerkennung der Ahmadiyya-Gemeinde als Muslime stark zu machen. Als er in einem 4.4 Religiöse Moral, naturtrüb und ohne säkulare Zusätze 249 Fernsehinterview an der Richtigkeit des pakistanischen Blasphemiege‐ setzes zweifelte, war das Maß anscheinend voll. Mumtaz Qadri, sein ei‐ gener Leibwächter, entleerte am 4. Januar 2011 in der Nähe von Tase‐ ers Haus in Islamabad das komplette Magazin seiner Kalaschnikow in Taseers Rücken. Qadri, sich selbst keines Unrechts bewusst, ergab sich auf der Stelle und wurde verhaftet. Salman Taseer bekam ein schlichtes Grab in seiner Heimatstadt Lahore, und 6.000 Menschen nahmen an seiner Beisetzung teil. Mehrere hundert Geistliche der einflussreichen islamischen Orga‐ nisation Jamaat Ahle Sunnat begrüßten die Tat und feierten den Mör‐ der als Helden. Qadri wurde im Oktober 2011 des Mordes und Terrors schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Sofort nach Bekannt‐ werden des Urteils brachen landesweite Proteste aus – der Richter, der das Urteil gefällt hatte, musste wegen Drohungen von Extremisten das Land verlassen. Am 29. Februar 2016 wurde Mumtaz Qadri in einem Gefängnis in Rawalpindi gehängt. Schätzungsweise 100.000 Personen nahmen an seiner Beisetzung in Bhara Kahu teil – ein viereinhalbminütiges Video zeigt eine endlose Kolonne von Fahrzeugen mit grünen Fahnen und erhobenen Zeigefingern. Mumtaz Qadri hat heute einen eigenen Schrein, der stets mit frischen Blumen geschmückt ist, die die Besu‐ cher seines Grabes in einem kleinen Laden kaufen können, der auch Bilder von Qadri in voller Bewaffnung oder als friedliche Leiche zeigt. Der Schrein wird immer noch ausgebaut. Bereits am ersten Tag nach seiner Beerdigung waren 80 Millionen Rupien an die Mumtaz Qadri Shaheed Foundation (Shaheed = Märtyrer) gespendet worden, was et‐ wa 640.000 Euro sind. Und schon gehen die Gerüchte, dass Gebete, die an seinem Schrein verrichtet werden, garantiert in Erfüllung gingen, denn als Märtyrer hat Qadri einen Platz im Paradies direkt neben dem Propheten, wo es mittlerweile ziemlich eng sein muss. Pakistan, das sich anlässlich der Gründung Indiens als eigener Staat für die indischen Muslime abspaltete, ist ein Land der Zerwürf‐ nisse. Es ist genau umgekehrt wie im Iran. Dort unterdrückt ein reli‐ giöses Regime das weitgehend säkulare Volk – in Pakistan muss der Staat, der offiziell Mörder vor Gericht stellen muss, jederzeit mit Auf‐ ständen durch die religiösen Massen rechnen, wenn der Religion nicht Vorrang gegeben wird. Immer muss abgewägt werden, was gesetzes‐ 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 250 konform und was islamkonform ist. Wie sonst kann man sich erklären, dass einer der fähigsten Geheimdienste der Welt, der pakistanische ISI, über Jahre nicht bemerkt haben will, dass Osama bin Laden in Abotta‐ bad nur 20 Gehminuten von der größten Militärakademie des Landes entfernt wohnte? Der ISI leugnet, davon gewusst zu haben. Der amerikanische Jour‐ nalist Seymour Hersh argumentiert, es sei nicht der Verdienst des CIA gewesen, bin Laden aufzuspüren, sondern der eines Informanten aus den Reihen des ISI, welcher bin Laden in fraglichem Anwesen als Faustpfand gegen die Taliban und Al-Qaida inhaftiert gehalten habe. Ist die Macht des Staates in Pakistan so fragil, dass sie mit Terroristen verhandeln müssen, weil ihre erfolgreiche Bekämpfung eh schon aus‐ sichtslos ist? Wenn das so ist, dann nur, weil religiöse Ideen in Pakistan wild grassieren, anstatt von einem säkularen Staat und einem aufge‐ klärten Volk im Zaum gehalten zu werden. *** Ich habe immer wieder die Beobachtung gemacht, dass exmuslimische Islamkritiker von Muslimen bevorzugt mit dem Vorwurf angefeindet werden, sie wollten nur Geld machen (wenn es ein Mann ist) oder sie wären unehrenhafte Schlampen (wenn es sich um eine Frau handelt). Der Islamische Staat hat in der Ausgabe seines Magazins Dabiq im Au‐ gust 2016 die Demokratie durch den Vorwurf kritisiert, der Westen würde damit nur seinen Impulsen folgen, statt dem Gesetz Allahs zu gehorchen. In London marschieren immer wieder islamische Funda‐ mentalisten mit Schildern wie „Sharia for UK“ oder „Freedom go to hell“ durch die Straßen, und sie meinen damit das Gleiche wie die Ini‐ tiatoren der deutschen Website Generation Islam, die sich kurz vor der Bundestagswahl im September 2017 im Rahmen eines Videos eben‐ falls dafür aussprachen, dass Muslime gefälligst nicht wählen gehen. Da Frömmler selten auf eigene Ideen kommen, dauerte es auch nicht lange, die theologische Herleitung für diese Ansicht zu finden. Der koranische Schlüsselbegriff lautet hier al-Hawa, was „Neigun‐ gen“ oder „Gelüste“ bedeutet. Als wichtige Stelle im Koran gilt hier die Sure 28, die die Vorgeschichte des Auszuges aus Ägypten zum Anlass nimmt, die Wichtigkeit des Gehorchens zu betonen und klarmacht, dass Moses (Musa) rechtgeleitet war und der Pharao (Fir‘aun) eben 4.4 Religiöse Moral, naturtrüb und ohne säkulare Zusätze 251 nicht, denn der Pharao machte seine eigenen Gesetze, Moses jedoch hielt sich an das Wort des Herrn. Vers 39 wirft dem Pharao vor, dass er und seine Heerscharen sich ohne Recht hochmütig auf Erden verhiel‐ ten, als würden sie nicht später zur Rechenschaft gezogen, und Vers 50 kulminiert schließlich in der Feststellung, dass die Ungläubigen nur ihren Neigungen folgen, wenn sie nicht auf Allah und den Propheten hören. „Und wer ist weiter abgeirrt als jemand, der seiner Neigung folgt ohne Rechtleitung von Allah!“ Wenn auf diesem Planeten jemand rechtgeleitet ist, dann sind es Muslime. Auch die, die per bloßes Hörensagen sofort zum Lynchmob wurden und ohne zu zögern ihre Gewaltphantasien auslebten, ohne die Sachlage zu kennen. Jemanden in religiösem Eifer zu zertrampeln ist religiöse Pflicht, und indem man sich an dieses ewige Gesetz des Schöpfers hält, zeigt man Rechtschaffenheit und Disziplin. Der Westen, fern vom Islam und den Geboten des Schöpfers, ist voll von Wilden. Güte, ein friedliches Miteinander und Gesetze zum Wohle aller sind menschliche Anmaßungen gegenüber Allahs Gesetz. Der wahre Mus‐ lim, so scheint es, denkt nicht selbst nach, sondern hält sich stumpf an die vorgegebenen Regeln des vermeidlichen Schöpfers und hält das tatsächlich für Edelmut. Dabei ist der Islam der Kulturkreis, in dem Frauen ihr Haar bede‐ cken sollen, da der Anblick von weiblichem Haar die Männer angeb‐ lich verrückt macht. Man kann von einem so rechtgeleiteten Kultur‐ kreis natürlich nicht erwarten, dass die Männer sich beherrschen. Die‐ ser ausgesprochen disziplinierte Kulturkreis freut sich auch wie kein anderer auf der Erde auf die Zeit im Paradies, wo man den ganzen Tag wie in Walhalla saufen und vögeln kann, soviel die Ausrüstung hergibt. Laut manchen Gelehrten erhält der Mann im Paradies sogar eine ewi‐ ge Erektion, um seinen Aufgaben angemessen nachkommen zu kön‐ nen, denn die Jungfernhäutchen der Jungfrauen wachsen immer wie‐ der nach. All das ungläubige Gesocks, das die frohe Botschaft des Is‐ lam entweder nicht kennt oder sie ablehnt, möge sich an diesen from‐ men Menschen ein Beispiel nehmen. Dem möchte ich an dieser Stelle die ersten beiden Wahrheiten Buddhas gegenüberstellen, die vereinfacht lauten: – Leben heißt Leiden. – Die Ursache des Leidens ist Verlangen. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 252 Bei beiden Lehren Buddhas handelt es sich um viel profundere Weis‐ heiten als das bloße Aufschieben irdischer Genüsse in das Jenseits, um im Diesseits Menschen zu kontrollieren. Es ist eine Aufforderung zum tatsächlichen Verzicht aus tiefstem Herzen – dazu, an sich selbst so lange zu arbeiten, bis man sich und andere durch die Jagd nach ober‐ flächlichen Begierden nicht mehr unglücklich macht. Damit aber wür‐ de der Islam nicht mehr funktionieren, denn er hat nur Scheinargu‐ mente, die mit Androhung von Höllenfeuer (Koran) und irdischer Ge‐ walt (Hadith) forciert werden. Etwa 200 Jahre nach Buddha kam der griechische Philosoph Epi‐ kur zu einem ähnlichen Schluss: mache dich glücklich, indem du dir Deine Wünsche erfüllst, aber arbeite zunächst an deinen Wünschen. Beide Ideen sind ein knappes Jahrtausend älter als der Islam. Der Grund, warum sie in der islamischen Welt kaum bekannt sind, ist de‐ ren profunde Ablehnung nichtislamischer Philosophie als simple und gefährliche Zeitverschwendung, die nur vom Islam wegführt. Es gibt keinen gründlicheren intellektuellen Stillstand als zu glauben, man hätte die Wahrheit bereits gefunden. Deshalb plant die westliche Welt heute die ersten bemannten Marslandungen, während andere sich fra‐ gen, ob sie im Ramadan Nägel kauen oder ihre eigene Spucke schlu‐ cken dürfen. Religiöse Moralvorstellungen sind kein Fortschritt, kein Segen für die Menschheit, und ganz besonders sind sie nicht die Ursache für die Ethik des modernen Menschen. Religiöse Moral ist ein Parallelgleis, und diese Gleise führen selten zum Wohlbefinden des Individuums. Wenn sie es tun, so hat das Individuum schlicht Glück gehabt. Religiö‐ se Moral führt in erster Linie zur Einhaltung religiöser Dogmen, die zwar eine gewisse Schnittmenge mit menschlichem Wohlempfinden haben können („Du sollst nicht töten“), im Zweifelsfall jedoch keine Rücksicht mehr nehmen, wenn sie hinterfragt werden. *** Im Januar 2016 befand sich ein 15jähriger junger Mann bei einem Freitagsgebet in einer Moschee in Pakistan. Der Imam stellte eine Fra‐ ge wie „Wer glaubt hier nicht an Gott?“, was in Pakistan aber durchaus als rhetorische Frage durchgehen dürfte. Der Junge aber verstand „Wer glaubt hier an Gott?“ und hob seine Hand. Er bemerkte seinen Irrtum, 4.4 Religiöse Moral, naturtrüb und ohne säkulare Zusätze 253 und da er sich versehentlich als Atheist bezeichnet hatte, gab er seiner Hand die Schuld und nannte sie hernach verflucht. Nach reichlich Ent‐ schuldigungsgebeten, die seine innere Zerwürfnis anscheinend nicht ausreichend beseitigen konnten, hackte er sich die verfluchte Hand schließlich ab. Er wurde durch diese Glaubensfestigkeit überregional bekannt, und sein gesamtes Dorf ist heute stolz auf ihn und seine Hin‐ gabe an die Religion.70 Die Huffington Post zitiert ihn mit den Wor‐ ten: „Warum sollte ich Schmerz oder Reue darüber empfinden, mir eine Hand abzuschlagen, die gegen den Propheten erhoben wurde?“71 Solcherlei Dinge sind allerdings keine Spezialität des Islam, denn das Christentum hat sich zu Spitzenzeiten nicht anders verhalten als der Mob von Kabul oder der einhändige Junge aus Pakistan. Das liegt daran, dass beide abrahamitischen Religionen sich am moralischen Beispiel Abrahams orientieren. Indem Abraham bereit ist, seinen Sohn auf Kommando zu opfern, beweist er das höchste Vertrauen an Gott. Das Wort Islam bedeutet übrigens „völlige Hingabe an Gott“. Um das Problem damit zu verdeutlichen, wenden wir uns vom ohnehin schon überstrapazierten Islam ab und schauen uns einmal näher an, woraus katholische Heilige gemacht werden. Agnes und die Wunderheiler Im Jahre 1952 gründete eine albanische Nonne namens Agnes Gonxha Bojaxhiu in Kalkutta ein Sterbehospiz. Sie hatte zu jener Zeit schon lange den Ordensnamen Mutter Teresa angenommen. Um der Schein‐ heiligkeit keinen unnötigen Vorschub zu leisten, werde ich sie im Fol‐ genden konsequent Agnes nennen. Nicht zuletzt aufgrund einer erheblichen Propagandaoffensive sei‐ tens der Kirche und eines äußerst gläubigen BBC-Journalisten namens Malcolm Muggeridge wurde Agnes in den Siebzigerjahren zum Sinn‐ bild der selbstlosen Wohltäterin, die für sich selbst nichts verlangt, aber den Ärmsten der Armen alles gibt. Muggeridge drehte im Jahre 1969 in Kalkutta den Film Something Beautiful for God, in dem er sich mit Agnes‘ Wirken wenig kritisch, da‐ für aber umso lobpreisender auseinandersetze. Da es in ihrem Hospiz allgemein recht schattig zuging und die ersten Filmaufnahmen versagt 4.5 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 254 hatten, beschloss der Kameramann Ken McMillan, einen neuen Kodak- Film mit höherer Lichtempfindlichkeit auszuprobieren. Dass die Bilder sich dann als brauchbar und von beeindruckender Klarheit erwiesen, führte Muggeridge darauf zurück, dass von Agnes „göttliches Licht“ ausginge. Es gelang ihm, dieses „Wunder“ medial auszuschlachten, und so erst wurde Agnes der westlichen Welt bekannt. Die Bilder von Armen, die auf dreckigen Matratzen dem Tode ent‐ gegensehen, sind sicherlich beeindruckend. Die ganze Sache gerät aber in ein merkwürdiges, geradezu psychotisches Licht wenn man bedenkt, dass Agnes zu jener Zeit bereits reichlich Spenden erhielt aber ihre Mitarbeiter anwies, die genutzten Gebäude auf äußerste Schlichtheit umzustellen und alles, was ihr luxuriös erschien (wie etwa frische Ma‐ tratzen) zu entfernen. Bei ihr würde gefälligst in Armut gestorben, wie es dem Herrgott gefällt. Der indische Arzt Aroup Chatterjee und Autor des Buches The Fi‐ nal Verdict beschreibt, dass Injektionsnadeln einfach mit kaltem Was‐ ser ausgewaschen wurden, dass die Krankenwagen zum Fahrdienst für Agnes‘ Schwestern umfunktioniert wurden und bei Bedarf stattdessen die Ambulanzen Kalkuttas Krankentransporte übernahmen. Die kanadischen Autoren einer Studie über die gesamte Literatur zu Agnes zitieren selbige mit den Worten: „Zu sehen, wie sie ihr Schicksal ertragen, hat auch etwas ganz Wundervolles. Sie leiden da‐ mit so wie Jesus Christus am Kreuz und kommen ihm damit näher.“ Millionen Dollar an Spendengeldern kamen nie bei den Armen an – Schmerzmittel bekamen auch die Todkranken nicht, Begründung siehe oben. Sie hatte auch keine Bedenken, Geld von Haitis Diktator François Duvalier anzunehmen, als der sich das Air eines Gönners ge‐ ben wollte. Als Agnes dafür kritisiert wurde, sprang ihr der Vatikan zur Seite, womöglich aus Angst, sie könne das Geld unter öffentlichem Druck tatsächlich zurückgeben.72 In ihrer Ansprache anlässlich der Verleihung des Friedensnobel‐ preises sagte Agnes im Jahre 1979: „Der größte Zerstörer des Friedens heute ist der Schrei des unschuldigen, ungeborenen Kindes. Wenn eine Mutter ihre eigenes Kind in ihrer eige‐ nen Gebärmutter ermorden kann, was hält Sie und mich dann davon ab, uns gegenseitig umzubringen?“ 4.5 Agnes und die Wunderheiler 255 Wie kann man von Abtreibung direkt auf Chaos und Gewalt schlie‐ ßen? Das nennt man ein Dammbruchargument: wenn wir diese Regel nicht einhalten, dann werden wir bald gar keine Regeln mehr einhal‐ ten, so als gäbe es nichts dazwischen. Dass Länder, die die Abtreibung erlauben, noch nicht ins völlige Chaos gefallen sind, scheint ihr noch nicht aufgefallen zu sein. Anlässlich einer Open-air-Messe in Irland sagte sie 1992: „Lassen Sie uns zu unserer Muttergottes beten, die Irland so sehr liebt, dass wir in diesem Lande niemals eine Abtreibung erlauben werden. Und keine Verhütungsmittel.“73 Es ist erstaunlich, wie jemand den schmerzhaften Tod von fünfjähri‐ gen Hindukindern als gottgewollt gutheißen kann, sich aber noch viel mehr um das Schicksal einer Ansammlung von acht oder 16 undiffe‐ renzierten Zellen sorgt, oder um Sex, der keine Fortpflanzung zum Ziel hat. Mittlerweile, im Mai 2018, hat das von der irischen Regierung im Januar 2018 beschlossene Volksreferendum mit einer Mehrheit von 66 Prozent die Abtreibung erlaubt. Agnes‘ Gebete wurden nicht erhört. In seinem Buch The Missionary Position – Mother Teresa in Theory and Practice zitiert Christopher Hitchens die ehemalige Schwester Su‐ san Shields, und sie beschreibt, wie die Schwestern angewiesen waren, die Todgeweihten auch gegen ihren Willen zu taufen: „Die Schwestern wurden gebeten, die Todkranken zu fragen, ob sie ein ‚Ticket in den Himmel‘ wollen. Zustimmung wurde als Einwilligung zur Taufe gewertet. Die Schwester sollte dann so tun, als würde sie den Kopf des Patienten mit einem feuchten Tuch kühlen wollen, während sie ihn in Wirklichkeit taufte und leise die notwendigen Worte sprach. Geheimhal‐ tung war wichtig, so dass nicht bekannt würde, dass Mutter Teresas Schwestern Hindus und Muslime tauften.“ 74 Shields beschreibt auch den unbedingten Gehorsam, den man gegen‐ über Agnes zu leisten hatte und der mit theologischer Untermauerung zu einem Kadavergehorsam wuchs, den man sonst nur im Islam fin‐ det: „Es gelang mir, mein klagendes Gewissen ruhig zu halten, da man uns ge‐ sagt hatte, der Heilige Geist leite Mutter. An ihr zu zweifeln war ein Zei‐ chen, dass uns Vertrauen fehlte und, schlimmer, dass wir des Stolzes schuldig waren. Ich stellte meine Einwände zurück und hoffte, ich würde eines Tages die vielen Dinge verstehen, die mir wie Widersprüche erschie‐ nen.“75 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 256 Auch schien Agnes genau den Fatalismus zu leben und zu versprühen, der das Leid auf der Welt so gottergeben betoniert und eine Verbesse‐ rung der Lebensumstände als Misstrauen gegen Gott deutet: „Eines Sommers bekamen die Schwestern des Noviziats in Rom eine gro‐ ße Menge Tomaten. Sie konnten die Tomaten nicht verschenken, da alle Nachbarn selbst welche anbauten. Die Mutter Oberin entschied, dass die Schwestern die Tomaten eindosen und dann im Winter essen würden. Als Mutter zu Besuch kam und die Tomatenkonserven sah, war sie sehr un‐ zufrieden. Missionare der Nächstenliebe lagern Dinge nicht ein, sondern müssen auf Gottes Vorsehung vertrauen.“76 Als Agnes im Jahre 1996 Herzprobleme bekam, vermutete sie eine dä‐ monische Besessenheit und ließ einen Exorzismus an sich durchfüh‐ ren.77 Mutter Agnes starb im September 1997 in Kalkutta, war jedoch zu willensschwach, um sich in ihrer Pein selbst Schmerzmittel vorzu‐ enthalten. Wir sollten die übliche christliche Nachsicht mit ihr haben. Wenn das alles noch nicht verstörend genug ist, so geht der verlo‐ gene Teil nach ihrem Ableben weiter. Im Jahre 1999, zwei Jahre nach ihrem Tod, leitete Papst Johannes Paul II. das Seligsprechungsverfah‐ ren ein, das normalerweise erst nach fünf Jahren beginnen darf. Es en‐ dete im Jahre 2003 mit ihrer Seligsprechung. Um den Sprung von der Seligen zur Heiligen zu machen, brauchte Mutter Agnes jetzt noch zwei Wunder. Das erste wurde bereits im Jah‐ re 2002 anerkannt, als der Inderin Monica Besra ein Bild von Mutter Agnes auf den Bauch gelegt wurde und ihr Tumor daraufhin ver‐ schwand. Allerdings, so einer der Autoren der kanadischen Studie, gab es keinerlei Hinweise auf ein Wunder: es habe sich dabei viel eher um eine Unterleibszyste gehandelt, die darüber hinaus auch medikamen‐ tös behandelt wurde. Aber wer ist denn schon so pingelig, wenn man an einer guten Sache arbeitet! Im Jahre 2015 wurde dann Agnes‘ zweite posthume Wohltat be‐ kannt: ein Brasilianer soll durch die Gebete seiner Angehörigen zu Mutter Agnes von mehreren Hirntumoren geheilt worden sein. Papst Franziskus entschied, es handele sich dabei um das notwendige zweite Wunder, und im September 2016 wurde Mutter Agnes tatsächlich hei‐ liggesprochen. Das erste Wunder war gar keines gewesen – das zweite muss auch kein Wunder gewesen sein, denn Spontanheilungen sind zwar selten, 4.5 Agnes und die Wunderheiler 257 aber keine Unmöglichkeit. Wenn man den Planeten lange genug ab‐ sucht, wird man auf solch einen Fall stoßen, das ist statistisch unaus‐ weichlich. Und genau das werden die Herren aus Rom getan haben. Findet jemanden, der von einem Leiden geheilt wurde (das der All‐ mächtige ihm aber auch beschert haben muss), und der zu Mutter Agnes betete (für die wir immerhin schon jahrzehntelang so viel Wer‐ bung gemacht haben). Das ist machbar, selbst wenn man nach den Re‐ geln spielt. Dass die Ärzte keine wissenschaftliche Erklärung für die Heilung des Brasilianers liefern konnten heißt nicht, dass es an Mutter Agnes gelegen haben müsse. Wenn die Ursache der Heilung nicht bekannt ist, dann ist sie einfach nicht bekannt, denn natürlich hat auch die Medi‐ zin noch viele offene Fragen. Wenn man aber bedenkt, wie viele Men‐ schen schon durch Antibiotika und Chemotherapie statt durch Beten geheilt wurden, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier einmal mehr der Gott der Lücken herausgeholt wurde. So entstehen Heilige: aus zweifelhaften Anfängen und mit viel confirmation bias. All die Millionen Nichtraucher, die schon an Lun‐ genkrebs gestorben sind, all die sportlichen Vegetarier, die trotzdem einen Prostatatumor erlitten, all die Kinder mit Leukämie oder Kno‐ chenkrebs spielen in der Betrachtung keine Rolle – Gott hat schon sei‐ nen Plan mit ihnen, und es ist ein guter Plan. Findet man jedoch einen Fall, der zumindest nicht kategorisch ausschließt, dass Gott seine güti‐ ge Hand im Spiel gehabt haben könnte, spricht man von einem Wun‐ der. Agnes, das Aushängeschild der Kirche und der Nächstenliebe, mag der Christenheit als Leuchtfeuer der selbstlosen Menschlichkeit dienen, aber nach modernen ethischen Maßstäben verdient sie es nicht. Den‐ ken Sie an die Bilder der kleinen, runzligen Frau mit stets gebeugter Haltung und gefalteten Händen, und Sie sehen in Wirklichkeit eine re‐ ligiöse Fanatikerin, dem Leiden ihrer Mitmenschen nicht nur gleich‐ gültig, sondern zustimmend gegenüber, arrogant bis an die Grenze zur Demut, stets voller Energie und bereit, nun, nicht das Richtige zu tun, sondern Gottgefälliges. Die keinen eigenen moralischen Kompass zu besitzen schien, sondern sich ausschließlich um die Einhaltung von Dogmen scherte. Die Kirchen machen es uns leicht, ihr Handeln mit 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 258 Ethik zu verwechseln, dabei entführen sie das menschliche Ethikemp‐ finden lediglich auf Parallelgleise, auf denen ein anderer Fahrplan gilt. Wie Christopher Hitchens abschließend feststellte: „Mutter Teresa war keine Freundin der Armen, sondern eine Freundin der Armut. Sie sagte, Leiden sei ein Geschenk Gottes. Sie verbrachte ihr Leben damit, das einzige bekannte Gegenmittel gegen die Armut zu be‐ kämpfen, nämlich die Selbstbestimmung der Frau und ihre Emanzipie‐ rung von einer aufgezwungenen Reproduktion, die der Tierzucht äh‐ nelt.“78 Moralisch richtig, ethisch fragwürdig Kurz nachdem Papst Franziskus im Jahre 2013 sein Amt angetreten hatte, sah er sich bereits einer unangenehmen Sache gegenüber. Ein australischer Priester namens Greg Reynolds hatte sich dreisterweise und vor allem öffentlich dafür ausgesprochen, auch Frauen ins Pries‐ teramt zu lassen. Es ist genauso schlimm, als würde man Abtreibungen vornehmen oder als Geschiedener wieder heiraten wollen. Im Gegen‐ satz zu Krieg, Folter, Massenmord und Diktatur (um Hitler einmal kurz zusammenzufassen) handelt es sich bei diesem Ansinnen jedoch um ein Vergehen, das eine Exkommunikation rechtfertigt. Gott vergibt jedem Psychopathen in der Todeszelle alles, sofern er nur die magischen Worte aufsagt. Das ist die ultimative Beseitigung echten moralischen Empfindens: selbst der Holocaust könnte vergeben werden, solange man nicht abtreibt oder Frauen ins Priesteramt lässt. Man fragt sich, wie die Verbreiter solcher Ideen ernsthaft für ethische Koryphäen gehalten werden können. Und die Antwort ist: solange man nicht darüber nachdenkt. Ein interessanter Aspekt bei der Exkommunikation ist, dass der Exkommunizierte weiterhin Mitglied der Kirche bleibt (ein Austritt aus der Kirche ist kirchenrechtlich tatsächlich nicht möglich) und auch weiterhin Kirchensteuer zahlen muss. Es sei denn, er tritt aktiv aus der Kirche aus. Wenn er das tut, wirft die Kirche ihm die Exkommunikati‐ on der Vollständigkeit halber noch hinterher. Bemerken Sie hier etwas? Die Hüter der Moral scheinen, seit sie ihren Job machen, entweder noch nicht bemerkt zu haben, was es alles Schlimmes auf der Welt gibt, oder sie hatten es nie auf der Agenda. 4.6 4.6 Moralisch richtig, ethisch fragwürdig 259 Haben Sie eine andere Erklärung für diese Diskrepanz, als dass die Einhaltung von Dogma den Kirchen schon immer wichtiger war als die Minimierung von Leid auf der Welt? Wenn man sich durch das Di‐ ckicht an rhetorisch ausgefeilten Ausflüchten kämpft, mit denen die Kirchen ihre Entscheidungen ausschmücken, dann wird klar, mit was für einem Verein wir es hier eigentlich zu tun haben. Sie haben ihre eigenen Wertvorstellungen, so wie auch die Mafia nicht gänzlich ohne Ehrencodex ist, und diese Moralvorstellungen haben mit einer zeitge‐ nössischen Ethik nur eine gewisse Schnittmenge gemeinsam, können sie aber keinesfalls ersetzen. Wenn Sie einmal Salafisten dabei sehen, wie sie Suppe an die Ar‐ men verteilen, dann wird klar: primär geht es nicht darum, den Hun‐ ger der Armen zu stillen. Das Zakat, das Almosen an die Armen, ist eine der fünf Säulen des Islam. Es geht darum, Punkte beim Obersten zu sammeln, und die Andächtigkeit, mit der die Teller der Hungern‐ den dann gefüllt werden, hat nichts mit selbstlosem Verhalten zu tun. Es ist mentale Masturbation, sonst nichts. Wenn der Schöpfer des Uni‐ versums befiehlt, den Armen zu geben, dann wird den Armen gegeben. Dieser Rahmen lässt die karitative Tat selbst in einem ganz anderen Licht erscheinen. Die Armen haben nur wenig Grund, den salafisti‐ schen Suppenspendern zu danken, denn sie hatten einfach Glück, dass es eine solche Anweisung gab. Befiehlt der Schöpfer des Universums, Straßenmagier wegen Hexerei zu enthaupten, dann werden mit dem gleichen Pflichtbewusstsein Straßenmagier enthauptet wie in Rakka 2015. Hier stellt sich noch eine grundlegende ethische Frage. Ist die Ab‐ sicht wichtiger als die Tat selbst, und ab welchem Punkt kann die Ab‐ sicht die Tat rechtfertigen? Unabhängig davon, warum genau den Ar‐ men Suppe gegeben wird, wird den Armen ja immer noch Suppe gege‐ ben. Ist es also gut, wenn Salafisten Suppe an die Armen verteilen, ein‐ fach weil Zakat eine der fünf Säulen des Islam ist? Na klar. Es sollte nur nicht ethisch genannt werden. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 260 Terrorismus Man hört es mit schöner Regelmäßigkeit: wann immer eine Gruppe von Unschuldigen von herumfliegenden Stahlkugeln verletzt, nieder‐ geschossen, enthauptet oder mit einem LKW überfahren wird, setzt sich im Rahmen der medialen Nachbereitung ein religiöser Würden‐ träger beliebiger Konfession in eine Talkshow und verkündet, der Ter‐ rorismus hätte nichts mit Religion zu tun. Das wird so oft vorgeturnt, dass man es fast glauben möchte. Es bleibt aber falsch. Terrorismus ist das Verbreiten einer Idee mit Gewalt. Er ist ein Mittel, eine Idee zu verbreiten. Diese Idee ist nicht der Terrorismus selbst, und der Terrorismus kommt ohne die Idee nicht aus. Terror um des bloßen Terrors Willen ist höchstens bei Einzeltätern zu finden, aber sie würden sich nie zusammentun, um ihren Sadismus gemein‐ sam effizienter ausleben zu können. Das zu vermuten ist in etwa so na‐ iv wie sich eine comichafte Organisation von Bösewichten vorzustellen, in der man sich trifft, um finster zu lachen und das Unglück anderer zu planen, und zwar ohne eine Agenda zu verfolgen oder sich selbst irgend einen Vorteil zu verschaffen. Bin Laden und seine Kämpfer sind nicht die Panzerknacker aus Donald Duck, al-Baghdadi vom Islami‐ schen Staat ist nicht der Joker aus Batman. Er ist promovierter Theolo‐ ge. Sehen Sie sich auf Fotos die Gesichter der IS-Soldaten an, wenn sie von der Schlacht zurückkehren: nichts als Glückseligkeit. Jeder Horror, den man auf dem Schlachtfeld erlebt oder selbst veranstaltet hat, war ein gottgefälliges Werk, der Täter dem Paradies ein Stück näher. Das Problem beim Terrorismus ist, wenn überhaupt, die Idee da‐ hinter. Das kann eigentlich jede beliebige Idee sein (es gibt sogar mili‐ tante Umweltschützer), in die das Individuum sich verstiegen hat. Es ist aber klar, dass eine Idee umso mehr zum Terror anstiftet, je explizi‐ ter sie zu Krieg und Gewalt einlädt und sie gutheißt. Gerade die medi‐ nischen Abschnitte des Koran, die auf der Zeitachse später liegen als die mekkanischen und nach dem Prinzip der Abrogation die mekkani‐ schen, friedlicheren Passagen aufheben, erklären den Kampf gegen die Ungläubigen zu einer gerechtfertigten Sache, besonders in Sure 9, der vorletzten nach Nöldeke. Der islamische Theologe Abu Hanifa (699-767 n. Chr.), Begründer der hanafitischen Rechtsschule, die sich immerhin von Ägypten bis 4.7 4.7 Terrorismus 261 nach Indien zieht, unterteilte die Welt in das Dar al-Islam (das Haus des Islam) und das Dar al-Harb (das Haus des Krieges), wo die Nicht‐ muslime wohnen. Kriege gegen die Ungläubigen sind jedoch keine Kriege, sondern Öffnungen des Islam in ihre Gebiete. Je nachdem, mit welchem Frömmler man es zu tun hat, leben wir in Europa entweder im Dar al-Harb, dem Haus des Krieges, oder im Dar al-Ahd, dem Haus des Vertrages, mit dem ein Waffenstillstand besteht, der aber grundsätzlich nur temporär sein kann. Waffenstillstände zwischen Muslimen und Nichtmuslimen haben muslimischerseits jedoch die Angewohnheit, als Hommage an Mo‐ hammeds Vertrag von Hudaybiyyah aus dem Jahre 628 aufgefasst zu werden. Hier hatte er mit dem polytheistischen Stamm der Banu Quraisch einen zehnjährigen Waffenstillstad ausgehandelt, den er aber nach zwei Jahren der Aufrüstung brach und die Quraisch unterwarf. Die Quellen sind sich nicht einig, ob Mohammed den Vertrag willent‐ lich brach oder ob Streitigkeiten zwischen seinem und dem gegneri‐ schen Fußvolk die Dinge eskalieren ließen. Wie ich in der Einleitung schrieb, liegt unser Ziel jedoch nicht darin, die Wahrheit hinter den Lehren der Religion herauszufinden, sondern zu schauen, was Men‐ schen daraus machen. Einer der Gründe, warum ein dauerhafter Frie‐ de zwischen Israel und den Palästinensern nicht möglich scheint, ist die Tatsache, dass Yassir Arafat als Rechtfertigung, warum er denn mit den verhassten Juden einen Friedensvertrag schloss, den Vertrag von Hudaybiyyah anführte. Die Israelis mussten also annehmen, dass das Oslo-Abkommen von einigen Palästinensern von vornherein als un‐ gültig angesehen wurde – indem sie sich auf eine Interpretation der Handlung des Propheten berufen, wäre ein Bruch des Abkommens je‐ derzeit sakrosankt, und die Israelis die Hereingelegten. Und genau hier liegt auch der Grund, warum islamische Apologe‐ ten so herrliche Beschwichtigungsarbeit leisten können. Wenn ein Ter‐ roranschlag in Europa stattfindet, kann man immer argumentieren, von einer Pflicht zum Dschihad stünde nichts im Koran, davon stünde auch nichts in den Hadithen, die Koransuren würden aus dem Kontext gerissen, die Täter waren keine Muslime, die hanafitische Rechtsschule ist nur eine von vieren, die Salafisten folgen gar keiner Rechtsschule, der Islam ist eine Religion des Friedens und wer etwas anderes prakti‐ ziert, missbraucht den Koran. Da jederzeit die Möglichkeit besteht, 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 262 dass Abkommen mit oder Zusagen an Nichtmuslime nie ernst gemeint waren, stellt sich auch die Frage, was die Muslimbruderschaft oder der Zentralrat der Muslime wirklich vorhaben, wenn sie Staatsverträge eingehen. Es muss immer davon ausgegangen werden, dass jemand sich auf den Propheten beruft und das letzte Wort alles andere als ge‐ sprochen ist. Da nicht jeder von uns ein Islamgelehrter sein kann, müssen wir solchen Worten vertrauen und an das Gute in der Religion glauben. Dennoch kann es weiterhin Millionen von Dschihadisten geben, die ihre Taten theologisch begründen können. Falls Sie hier an den Begriff Taqiyya denken, der Muslimen angeblich erlaubt, im Zweifelsfall zu lü‐ gen, so passt der Begriff hier nicht. Die Taqiyya ist zwar ein Konzept der Notlüge, seinen wahren Glauben in Gefahrensituationen zu ver‐ heimlichen, doch er existiert eigentlich nur im schiitischen Islam, und zwar zum Schutz vor Verfolgung durch Sunniten. Dennoch gab es auf der Iberischen Halbinsel nach der Rückeroberung Spaniens durch die Reconquista eine Fatwa, der zufolge Muslime zum Schein zum Chris‐ tentum konvertieren durften, um ihren tatsächlichen Glauben eher verdeckt weiterleben. Es ist kein Zufall, dass der spanische Cocido ma‐ drileño, ein Kichererbseneintopf, zu Zeiten der Inquisition zunehmend mit Schweinefleisch versetzt wurde, um Kryptojuden und Kryptomus‐ limen auf die Schliche zu kommen. In Anbetracht der feinseligen Theologie des Islam ist es fast ver‐ wunderlich, dass die ganze Erde noch nicht in Flammen steht. Das liegt daran, dass den meisten Muslimen dieses Leben doch etwas wert ist, und es hängt in einem beliebigen Land auch von der vorherrschen‐ den Lesart des Korans ab. Wer ihn wörtlich nimmt, und der Koran verlangt angesichts seiner behaupteten Perfektion vom Individuum im Grunde genau das, der muss über kurz oder lang die Messer wetzen, andernfalls macht er sich schuldig, gottloses Treiben gewähren zu las‐ sen. Es scheint jedoch eine Kraft zu geben, die die meisten Menschen dennoch davon abhält, diesem Ruf zu folgen. Es ist paradoxerweise ge‐ nau die menschliche Güte, die von den Religionen der Welt immer in Besitz genommen wird, die aber ohne Religion sehr gut auskommt, die älter ist als jedes Glaubensbekenntnis und die die Eskalation laufend verhindert. 4.7 Terrorismus 263 Sie erkennen sicher das Problem: wenn jemand, der mit dieser Ideologie aufgewachsen ist, um seine eigenen Schwächen und theolo‐ gischen Defizite weiß, dann gibt er sich selbst die Schuld, niemals aber der Idee. Er weiß, dass Ehebrecher eigentlich gesteinigt gehören, dass Homosexualität ein Verbrechen ist und Allah es nicht gut findet, wenn man nicht fünfmal am Tag betet. Er hat den Scheiterhaufen bereits im Kopf, und es riecht nach Brandbeschleuniger. Er muss sich laufend da‐ gegen wehren, den theologischen Erwartungen freien Lauf zu lassen. Ihn zur Umsetzung dieser theologischen Erwartungen zu überreden ist dann weniger aufwändig, als ihm ohne jegliche Basis den Terror einzureden. Das erklärt die verstörend breite Unterstützung, die der Is‐ lamische Staat in der muslimischen Welt erfährt: eigentlich handeln sie koranisch richtig. Auch nennen die Terroristen sich selbst niemals Ter‐ roristen – sie nennen sich Mudschaheddin, also „Menschen, die sich bemühen“. Inhaltlich bezeichnet das Wort einen Krieger genauso wie jemanden, der sich um ein tiefstmögliches Verständnis des Islam be‐ müht. In einer Umfrage des Pew Research Centers aus 2015 hatten er‐ hebliche Anteile der muslimischen Bevölkerung verschiedener Länder einen positiven Eindruck vom Islamischen Staat. In Syrien waren es 21 Prozent, in Tunesien 13 Prozent, in Pakistan neun Prozent (bei 62 Pro‐ zent Enthaltungen!), in der Türkei acht Prozent.79 Wie die Autoren des Artikels bereits in seinem Titel behaupten konnten, islamische Natio‐ nen hätten für den IS „viel Verachtung“ übrig, erschließt sich mir nicht. Wenn ein Fünftel der Deutschen in einer Sonntagsumfrage angeben würde, sie würden am liebsten die NSDAP wählen – wer würde einem solchen Artikel allen Ernstes den Titel „Mehrheit der Deutschen ver‐ achtet die NSDAP“ geben? Wer als Muslim dennoch davon angewidert ist, argumentiert mit theologischen Feinheiten, spricht den Terroristen das Muslimsein ab oder vermutet dahinter eine israelische Verschwörung. Eines darf nämlich nicht passieren: dass die Idee dahinter für ihre irdischen Kon‐ sequenzen verantwortlich gemacht wird, denn Religion ist ja grund‐ sätzlich gut. Der britische Exradikale Maajid Nawaz unterscheidet das Ausmaß, in dem Muslime an die Richtigkeit einer Konfrontation mit der nicht‐ muslimischen Welt glauben, anhand von konzentrischen Kreisen.80 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 264 Im Zentrum der konzentrischen Kreise befinden sich die globalen Dschihadisten, zu denen der Islamische Staat und Al-Qaida gehören. Ein Dschihadist will den Islam mit Gewalt über die ganze Welt ver‐ breiten und ewigen Krieg gegen die Ungläubigen führen. Der nächste Ring sind die regionalen Dschihadisten, die ebenfalls Gewalt anwenden, aber regional oder demographisch begrenzt sind, sich also mit ihren Anschlägen auf moderate Muslime oder auf eine andere religiöse Gruppe innerhalb ihrer Region beschränken. Die His‐ bollah (= „Partei Gottes“) und die Hamas (= „Eifer, Kampfgeist“), aber auch Boko Haram (= „Westliche Bildung verboten“) in Nigeria und al- Shabaab (= „die Jugend“) in Somalia fallen in diese Kategorie. Dschihadisten sind zahlenmäßig recht gering, aber sehr einfluss‐ reich, da sie oftmals militärisch und finanziell gut aufgestellt sind und andere Strömungen und die Öffentlichkeit mit Anschlägen gefügig machen können. Sie können dem jeweiligen Staat in Ländern wie Ni‐ geria, Afghanistan und Pakistan große Gebiete abspenstig machen, de‐ ren Rückeroberung einem Bürgerkrieg gleichen würde. Um den Kreis der Dschihadisten herum liegt der Kreis der Isla‐ misten, die sich in revolutionäre und politische Islamisten aufteilen. Personelle Wechsel zwischen Dschihadisten und revolutionären Isla‐ misten sind gängig. Die politischen Islamisten stellen die Mehrheit der Islamisten, sind aber innerhalb der Muslime immer noch eine Minder‐ heit. Dennoch streichen islamistische Parteien bei Wahlen in islami‐ schen Ländern im Schnitt 15 Prozent der Stimmen ein.81 Wenngleich nicht 15 Prozent aller weltweiten Muslime selbst Islamisten sein müs‐ sen, so schlägt ihr Herz doch für diese Sache. Islamisten wollen das Gleiche wie die Dschihadisten, nur nicht mit Gewalt, sondern mit po‐ litischem Einfluss wie zum Beispiel die aus Ägypten stammende Mus‐ limbruderschaft, die in einem Dutzend Länder im Nahen Osten und Nordafrika aktiv ist. Sie hat auch in Europa Niederlassungen und in Deutschland etwa 2.000 Mitglieder. Islamisten sind damit zufrieden, jegliche Form des Islam in der Gesellschaft zu verbreiten, denn von dort aus muss man nur noch Muslime radikalisieren – der zweite und leichtere Schritt. Die dritte Gruppe sind die konservativen Muslime, die laut Nawaz die Mehrheit der weltweiten Muslime ausmachen. Sie unterscheiden sich von den Islamisten dadurch, dass sie den Islam nicht als politische 4.7 Terrorismus 265 Kraft begreifen, sondern ihn nur im Privaten sehen wollen. Ein Grund dafür ist, dass sie sich die Lesart der Heiligen Schrift nicht von der Muslimbruderschaft oder ihrem jordanischen Ableger, der Islamischen Aktionsfront, vorschreiben lassen wollen. Konservative Muslime ste‐ hen typischerweise immer noch hinter der Genitalverstümmelung*, der Steinigung für Ehebruch sowie der Todesstrafe für Apostasie und sind glühende Antisemiten. Und dann kommen die moderaten Muslime, die gewöhnlich für die Mehrheit gehalten werden, ähnlich der Mehrheit der Christen in Deutschland, die höchstens zu Weihnachten in die Kirche geht. Der Anteil der moderaten Muslime an der weltweiten Umma ist spiegel‐ bildlich allerdings eher vergleichbar mit dem Anteil erzkonservativer Christen am europäischen Christentum. Der Mainstream im Islam ist konservativ. In so gut wie jedem islamisch geprägten Land war mehr als die Hälfte der Befragten in einer Pew Studie dafür, die Scharia zur Gesetzgebung des Landes zu machen.82 Stellen Sie sich vor, die Mehr‐ heit der Christen in Europa wäre gegen die Trennung von Staat und Religion, würde die Menschenrechte als atheistische Todsünde be‐ trachten, die Todesstrafe befürworten, Verhütungsmittel vollständig und ebenso verbieten wie Zinsnahme, Abtreibung, Gotteslästerung und Homosexualität. Dank der konservativen Revolution im Islam, die seit Ende der Siebzigerjahre stattfindet, ist der durchschnittliche Mus‐ lim heute in etwa so liberal wie ein Piusbruder. Lassen Sie sich von der Tatsache, dass der Großteil der Türken in Deutschland aus einer einstmals säkularen Türkei stammt, nicht täu‐ schen. Nicht von Serdar Somuncu, von Bülent Ceylan oder Fahri Yar‐ dim, von Sibel Kekilli, Mesut Özil oder Fatih Akin. Sie sind in einer weitgehend säkularen türkischen Gemeinschaft innerhalb und außer‐ halb der Türkei sozialisiert worden, die es heute nicht mehr gibt und die sich mit Riesenschritten auf eine Gesellschaftsordnung zu bewegt, die abgesehen von der genauen islamischen Konfession dem Iran äh‐ nelt. Die meisten der Aufgezählten haben ohnehin ein kritisches Ver‐ hältnis zum Islam und werden dafür von konservativeren Elementen * Die weibliche Genitalverstümmelung ist kein strikt islamisches Phänomen, sondern eher ein Nordafrikanisches. Die männliche Genitalverstümmelung hingegen ist ein islamisches und jüdisches Phänomen, dem weiterhin viel zu wenig Verachtung ge‐ schenkt wird. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 266 auch oft genug angefeindet. In der heutigen Türkei wurde im Sommer 2017 beschlossen, die Evolutionslehre nicht mehr zu unterrichten, da sie zu umstritten und zu kompliziert sei. Stattdessen wird der Dschi‐ had als innerer Kampf um das bessere Muslimsein gelehrt. Zumindest gelangte es so in die Presse. Die Verherrlichung des Märtyrertums wegzulassen wäre für fromme Muslime allerdings eine erstaunliche Willkür. Wer als Muslim an den Dogmen herum interpretieren will, be‐ kommt entweder heraus was alle schon wissen, oder er riskiert einen Takfir wie Hamed Abdel-Samad oder Seyran Ateş. Lassen Sie es ein‐ wirken: wie schwer ist es, einem potenziellen Reformer oder Neuinter‐ pretierer zu begegnen, wenn es für solche Leute feste, abwertende theologische Begriffe wie Heuchler oder Abtrünniger gibt, die der Schöpfer des Universums selbst diktiert haben soll? Wenn sie beim ge‐ ringsten Anzeichen von eigenem Denken sofort in dem Geruch stehen, an Gottes Plan herumzunörgeln? Es ist das leichteste der Welt. So ein‐ fach, dass selbst ein Pierre Vogel sich mental nicht überanstrengen muss. Das Problem am Fundamentalismus sind nun mal die Funda‐ mente, und die sich derzeit am energischsten verbreitende Lesart des Korans ist die wortwörtliche. Ich denke daher, dass das Modell der konzentrischen Kreise um eine weitere Dimension ergänzt werden sollte. Wir sollten es als einen Wasserstrudel oder als einen Gravitationstrichter sehen, wie in jenen Computeranimationen, in denen die Krümmung des Raumes so gerne veranschaulicht wird. Und um auch noch die Gesetze der Physik in dieses Modell einzubringen: Wer am Rande dieses Trichters steht, muss laufend Energie darin investieren, nicht in die Mitte gezogen zu werden. Er muss sich abmühen, nur damit alles so bleibt wie es ist. Lässt er den intellektuellen Widerstand fallen, sinkt er unweigerlich in die Gewaltspirale. Übertreibe ich hier? Denken Sie an die Imame, die von Moschee zu Moschee tippeln und überall in Europa ihre Geschichten rausholen von den verkommenen Europäern, von den Frauen, die alle Huren sind und gezüchtigt gehören, die den Islam nicht annehmen möchten, selbst wenn man ihnen davon berichtet; das Sie-sind-alle-gegen-uns- Narrativ, das die Welt in die Umma und das Haus des Krieges aufteilt. Versuchen Sie sich vorzustellen, was einen ägyptischen oder marokka‐ 4.7 Terrorismus 267 nischen Imam dazu antreibt, nach Europa zu fahren um dort zu predi‐ gen. Er begibt sich nach eigener Wahrnehmung in Feindesgebiet, und sein Anliegen besteht entweder darin, den Islam zu verbreiten oder die Muslime im Feindesgebiet davor zu warnen, sich mit den Ungläubigen einzulassen. Er verwendet so viel Energie darauf, weil er es wirklich glaubt. Er weint, wenn er sieht, dass eine Muslima einen Kafir heiratet, ihre Religion also nicht über die Liebe stellt wie verlangt. Oder schlim‐ mer noch, dass die beiden Unzucht treiben, ohne verheiratet zu sein. Oder sagen wir, zuerst weint er. Dann spitzt er den Griffel, schreibt eine flammende Rede über sittliches Verhalten und hält sie auf YouTube oder in einer Moschee voller Leichtgläubiger. Sie kennen vielleicht die Argumentation, dass man sich bemühen muss, den Glauben der Muslime nicht zu provozieren, um eine Radi‐ kalisierung zu verhindern. Wenn wir dies oder jenes tun, dann bewir‐ ken wir nichts als Radikalisierung. Wenn wir extremistische Imame ausweisen, wird das Ergebnis nur Radikalisierung der Übriggebliebe‐ nen sein. Wenn wir sie nicht ausweisen, wird das eine weitere Radika‐ lisierung zur Folge haben, da die Imame dann ungestört arbeiten kön‐ nen. Wir scheinen mit allem, was wir tun, unter den Anhängern der Religion des Friedens immer nur eine Radikalisierung bewirken zu können. Stellen Sie sich im Lichte des Gravitationstrichters vor, was da geschieht: Menschen klammern sich mit den spärlichen Überresten an kritischem Denken, die die Religion ihnen gelassen hat, an den Rand des Gravitationstrichters, um nicht in den Strudel aus Gewalt und Ra‐ dikalisierung gezogen zu werden. Dann kommt jemand, der aus tiefs‐ ter Überzeugung religiöse Moral mit Ethik verwechselt, rüttelt am Trichter und füttert die Dschihadmühle. In Deutschland sind es besonders die christlichen Kirchen, die die terroristischen Auswüchse einer Ideologie schönreden wollen, die sich ironischerweise die Vernichtung auch dieser Kirchen als göttlichen Auftrag auf die Fahne geschrieben hat, von deren Wirkung auf den Gläubigen sie aber in Wirklichkeit fasziniert sind. Einem Berufschris‐ ten muss einfach das Herz lachen, wenn er 50.000 Muslime gleichzeitig auf die Knie fallen sieht. Wenn dann ein Bischof Jaschke in einer Talk‐ show sagt, der Islamische Staat habe nichts mit Religion zu tun, dann höre ich einen Junkie über den anderen sagen: „Lassen Sie mal, dem geht’s gut, der hat das unter Kontrolle.“ 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 268 Denn Religion ist ja etwas grundsätzlich Gutes, und je mehr davon, desto besser. 4.7 Terrorismus 269 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns „Mit oder ohne Religion würden gute Menschen Gutes tun, und schlechte Menschen würden Schlechtes tun. Doch damit gute Menschen Schlechtes tun, bedarf es der Religion.“ Steven Weinberg Religion ist eine Illusion, wie schon Siegmund Freud sagte, aber muss eine Illusion immer etwas Schlechtes sein? Das muss die Realität ent‐ scheiden. Religion als Idee sollte uns nur interessieren, wenn sie die Lebensqualität des Menschen nicht verschlechtert. Die Besessenheit mit ungeborenem Leben Mitte Dezember 2012 wachte eine junge Frau auf einer Parkbank in Köln mit Unterleibsschmerzen und Gedächtnislücken auf. Sie vermu‐ tete, sie sei betäubt und vergewaltigt worden, und suchte daher eine Arztpraxis auf. Die Ärztin bestätigte den Verdacht, wies aber auch da‐ rauf hin, dass man eine Untersuchung, die vor Gericht bestand hätte, nur mit besserer Ausrüstung würde vornehmen können. Also versuch‐ te sie, ihre Patientin in das katholische St. Vinzenz-Hospital zu über‐ weisen. Die lehnten ab, denn im Rahmen der Untersuchung müsse man auch eine Abtreibung diskutieren, und so etwas machen Katholi‐ ken nun mal nicht. Ein schrulliger Arzt, wird die Ärztin gedacht haben, und rief das Heilig-Geist-Krankenhaus an. Die lehnten mit der glei‐ chen Begründung ab, wiesen aber auch darauf hin, dass bereits Kolle‐ gen entlassen worden wären, die es entgegen der Anweisung getan hat‐ ten. Ob man der Patientin wenigstens frohe Weihnachten ausrichten ließ, ist nicht überliefert. Schließlich rief die Ärztin ein protestanti‐ sches Krankenhaus an und konnte ihre Patientin vermitteln. 5 5.1 271 Es waren keine schrulligen Ärzte mit sonderbaren Moralvorstel‐ lungen gewesen; die Anweisung kam von oben. Die Stiftung der Cel‐ litinnen zur heiligen Maria, zu der beide Krankenhäuser gehören, hat‐ te im November 2012 eine "Ethische Stellungnahme zur Notfallkontra‐ zeption bei Patientinnen, die vermutlich Opfer eines Sexualdelikts ge‐ worden sind" herausgegeben, in der die Verabreichung der „Pille da‐ nach“ verboten wurde. Allerdings müssen alle medizinischen Maßnah‐ men außer der Notfallkontrazeption und die volle Kooperation mit der Anonymen Spurensicherung angeboten werden. Dies beinhaltete ei‐ gentlich auch das Beratungsgespräch über die Pille danach, zu dem den Ärzten in den Krankenhäusern angesichts vorausgegangener Ent‐ lassungen anscheinend der Mut fehlte. Nachdem die Geschichte in die Medien gelangt und schlecht auf‐ genommen worden war, beschloss die Deutsche Bischofskonferenz, die Regeln ein wenig zu lockern und solche Dienste fortan zuzulassen. Wichtig dabei aber: es dürfe kein Embryo getötet werden. Die „Pille danach“ ist nun also grundsätzlich erlaubt – sie darf aber nur verhüten und keinen Embryo töten. Bemerkenswert ist auch hier wieder, dass die kirchlichen Würdenund vor allem Entscheidungsträger erst im Nachhinein feststellten, dass die Situation beschämend gewesen war. Erst der öffentliche Auf‐ schrei veranlasste sie, ihre Anweisungen zu überdenken. Ja fast wirkte es wie bei Psychopathen, die nicht wissen, was gut und was schlecht ist, und die es immer nur von anderen, normalen Menschen kopieren, die es zu wissen scheinen. Vielleicht haben sie auch gedacht, dass alle Katholiken so denken würden wie sie, und dass es daher normal wäre. Wenn ja, dann wurde hier einmal mehr die Kluft zwischen der Kirche und ihren Schäfchen deutlich. Woraus Außenstehende auch erkennen können, wie die kirchliche Lehre eigentlich gedacht ist. Nicht zum Wohle des Men‐ schen, sondern zur Einhaltung von Regeln. Darüber hinaus sollte auch hier wieder jedem klar werden, dass eine Institution, die erst nach dem öffentlichen Aufschrei bemerkt, was sich gehört und was nicht, un‐ möglich das Monopol auf Ethik haben kann. Ein ähnlicher Fall wird aus Irland berichtet: Eine junge Inderin na‐ mens Savita Halappanavar, in der 17. Woche schwanger, wurde im Ok‐ tober 2012 in Galway mit einer Unterleibsinfektion in ein Kranken‐ 5 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns 272 haus eingewiesen. Da der rettende Eingriff die Beseitigung des Fötus bedingt hätte, ließ man von einer Operation ab, bis das ohnehin nicht mehr zu rettende Kind im Mutterleib gestorben war, und gab ihr dann Antibiotika, die aber gegen die fortgeschrittene Infektion nichts mehr ausrichten konnten. Sie starb einige Tage später, wenn auch in medizi‐ nischer Obhut, an einer Blutvergiftung.83 Sie selbst war Zahnärztin ge‐ wesen. Oder nehmen wir den Fall der 16jährigen Rosaura Almonte aus der Dominikanischen Republik. Sie war sowohl in der siebten Woche schwanger als auch an Leukämie erkrankt. Nach dem gleichen Muster, nämlich weil eine Therapie den Tod des ungeborenen Kindes bewirkt hätte, verweigerte man ihr für 20 Tage die notwendige Behandlung, so dass nach katholischer Rechnung nun zwei Tote zu beklagen waren statt nur dem Ungeborenen84 - dafür aber hatte man niemanden aktiv umgebracht. Hier ist wohl die katholische Antwort auf das Trolley- Problem. Am 29. September 2016 wurde die 32jährige Sizilianerin Valentina Milluzzo, in der 17. Woche mit Zwillingen schwanger, in das Ospitale Cannizzaro in Catana eingeliefert, da sich eine Fehlgeburt abzeichnete. Zwei Wochen lang wurde ihre Entwicklung nur beobachtet, bis sie am 15. Oktober plötzlich Fieber bekam. Alles deutete auf eine Blutvergif‐ tung hin. Der Gynäkologe weigerte sich, die erforderlichen Schritte einzuleiten. Sie wissen schon warum – ich will mich nicht laufend wie‐ derholen. Er wurde zitiert mit den Worten: „Solange es lebt, werde ich nicht eingreifen.“ Gegen Mitternacht erfolgte die erste Totgeburt. Man gab ihr Oxy‐ tocin, um die Wehen für das zweite Kind einzuleiten, das zwei Stunden später ebenfalls tot auf die Welt kam. Ab diesem Moment taten die Ärzte alles, um ihr Leben zu retten, doch es war zu spät. Die Ärzte hat‐ ten aus Gewissensgründen zu viel Zeit verstreichen lassen. In Italien ist es Ärzten erlaubt, aus Gewissensgründen eine Abtrei‐ bung zu verweigern – allerdings müssen sie den Eingriff vornehmen, wenn eine akute Gefahr für die Mutter besteht. Sieben von zehn Gynä‐ kologen in Italien lehnten im Jahre 2016 eine Abtreibung aus Gewis‐ sensgründen ab – 2005 waren es noch sechs von zehn gewesen. Und manche Ärzte lassen sich anscheinend lieber wegen fahrlässiger Tö‐ tung anklagen, als sich den Vorgaben der katholischen Kirche zu wi‐ 5.1 Die Besessenheit mit ungeborenem Leben 273 dersetzen.85 Und bei dieser Gelegenheit können wir uns auch fragen, ob das eventuell etwas mit dem Christentum zu tun hat, und ob Ihr Widerspruch gegen diese Hypothese auf unangebrachtem Wohlwollen gegenüber der Idee Religion beruht. Das Desinteresse an geborenem Leben Wie Ihnen sicherlich aufgefallen ist, wird dem ungeborenen Leben im Zweifelsfall anscheinend eine höhere Priorität eingeräumt als dem be‐ reits geborenen Leben. Doch auch wenn der Gläubige sich nicht zwi‐ schen diesen beiden Optionen entscheiden muss, scheint das Wohl der Schäfchen zuweilen keine große Rolle zu spielen. Wir müssen nicht das gesamte Ausmaß des Kindesmissbrauchs durch die katholische Kirche aufrollen. Die Sache ist jahrelang und mit ausreichender Regelmäßigkeit in die Medien gelangt. Die Fälle von Priestern oder Bischöfen, die sich an Messdienern vergangen haben; wie jeder Papst die Täter immer wieder versetzte, auf dass die weltli‐ chen Institutionen ihrer nicht habhaft würden; wie Papst Johannes XXIII bereits im Jahre 1962 alle Bischöfe der Welt durch ein Doku‐ ment anwies, die Täter zu versetzen und bei Androhung von Exkom‐ munikation (!) verbot, mit Personen außerhalb des Vatikans darüber zu sprechen;86 wie Missbrauchsopfern nahegelegt wurde, Vergebung gegenüber den Tätern wäre ja eine christliche Tugend. Der Wikipedia- Artikel „Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche“ ist 183 DIN A 4-Seiten lang und zitiert 1095 Quellen (Stand: September 2018). Als Buch wäre er etwas mehr als halb so dick wie jenes, das Sie gerade in Händen halten. Doch zuweilen gibt es auch hier noch Fälle, die in ihrer Herzlosig‐ keit herausstechen. Bekannt wurde im Mai 2017 die Verhaftung der in Argentinien arbeitenden, japanischen Nonne Kosaka Kumiko. Sie hat‐ te fünf Priester gedeckt, die sich im Antonio Provolo Institut an min‐ destens 24 gehörlosen Kindern vergangen hatten. Sie konnten ihren Gelüsten sorglos nachgehen – die anderen Kinder waren taub und konnten die Schreie der penetrierten Opfer gar nicht hören. Im Falle eines fünfjährigen Mädchens zwang Kumiko ihr eine Windel auf, da‐ mit die anderen Kinder das Blut nicht sehen würden. Bei ihrer Anhö‐ 5.2 5 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns 274 rung in Buenos Aires sagte Kumiko zu ihrer Verteidigung: „Ich wusste nichts von dem Missbrauch. Ich bin ein guter Mensch, der sein Leben Gott gewidmet hat.“87 Religion ist ja etwas grundsätzlich Gutes. Nun sollte man denken, dass die evangelische Kirche, die sich im Augsburger Bekenntnis von 1530 gegen das Zölibat entschied und de‐ ren Personal daher naturgemäß unter weniger Samenstau leidet als das der katholischen Kirche, in dieser Hinsicht besser dastünde. Das tut sie auch, aber auch sie ist alles andere als frei davon. Die Hamburger Bi‐ schöfin Maria Jepsen musste gar zurücktreten, da sie die Aufklärung von Kindesmissbrauchsfällen in Ahrensburg zu halbherzig betrieben hatte. Bisher sind 3,0 Prozent aller katholischen Priester in dieser Hin‐ sicht auffällig geworden. Die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) gibt für das Jahr 2016 insgesamt 47.401 registrierte Fälle von Kindesmiss‐ brauch an, was bei 82 Millionen Einwohnern 0,06 Prozent aller Ein‐ wohner des sexuellen Missbrauchs schuldig macht. Die Chance, von einem Priester angegangen zu werden, ist derzeit also rund 50mal hö‐ her als im Bundesdurchschnitt. Allerdings sind diese Zahlen nur be‐ dingt aussagekräftig, da die Dunkelziffer nicht bekannt ist und nur ge‐ mutmaßt werden kann, wie viele Fälle es in der Bevölkerung oder in der Kirche wirklich gibt. Homosexualität heilen Wollen Der Hamburger Diabetologe Arne Elsen bietet in seiner Praxis Hei‐ lung gegen Homosexualität an. Der NDR-Reporter Christian Deker, selbst schwul, ging im Rahmen seines Dokumentarfilms Die Schwulen‐ heiler zu ihm und ließ sich „behandeln“. Der Arzt lege ihm die Hände auf Stirn und Brust und rieb ihm die Stirn mit Öl ein, um ihm „den Geist der Homosexualität“ auszutreiben. Dann behauptete er, seinem Patienten sei eine dunkle Wolke aus dem Rücken gekommen, und der Geist der Homosexualität sei nun fort. Oder besser, mindestens einer. Er rechnete das Ganze als „Erörterung einer lebensverändernden Er‐ krankung“ mit der Kasse ab, stand aber dem NDR für ein Interview nicht zur Verfügung und ließ schriftliche Anfragen unbeantwortet. Das ist keine schrullige Geschichte aus Afrika oder Tennessee ver‐ gangener Zeiten; das ist Deutschland im Jahre 2014. Man möchte mei‐ 5.2 Das Desinteresse an geborenem Leben 275 nen, dass es diesem sehr religiösen Arzt so wichtig ist, seinen Impulsen nachzugeben, dass er die Realität lieber außerhalb der Praxis lässt. Es sei noch angemerkt, dass Homosexualität keine Krankheit ist, sondern einfach ein Phänomen mit genetischen Ursachen, das wir schon in über 1500 verschiedenen Spezies beobachtet haben. Sie muss nicht geheilt werden. Homosexualität ist keine richtige oder falsche Entscheidung, sie ist gar keine Entscheidung. Homosexuelle sind we‐ der krank, noch wollen sie missionieren, noch ist es ansteckend, und sie neigen auch nicht mehr zur Pädophilie als Heteros. Sie sind nicht sexbesessen, sie wählen nur eine andere Art von Partner, den sie ge‐ nauso lieben wie Mann und Frau sich lieben. Wenn ich einen Babysit‐ ter suche, dann nehme ich lieber einen schwulen Atheisten als einen Priester. Und schwule Atheisten gibt es genug in Deutschland – sie sind den Kirchen alles andere als dankbar für die grundsätzliche Ab‐ lehnung ihrer sexuellen Orientierung und den Vorwurf, gegen die Na‐ tur und in Sünde zu leben, so als würden in Klöstern, Kirchen und konfessionellen Kinderheimen nicht auch Schwänze gelutscht. Bildung schützt nicht vor Fanatismus Wie Ihnen sicher schon einmal aufgefallen ist, handelt es sich bei über‐ durchschnittlich vielen der islamistischen Attentäter um Menschen mit gehobenem Bildungsniveau. Die meisten der 9/11-Attentäter wa‐ ren Studenten oder hatten einen College-Abschluss – 15 der 19 Atten‐ täter kamen aus wohlhabenden Verhältnissen. Osama bin Laden war Ingenieur, sein Vize und Nachfolger Aiman az-Zawahiri ist Arzt. Der salafistische Prediger Dr. Zakir Naik, der auf Facebook immerhin knapp 17 Millionen Fans hat und keine Gelegenheit auslässt, öffentlich die Evolutionslehre zu leugnen, ist ebenfalls Arzt. Abu Bakr al-Bagh‐ dadi, der selbsternannte Kalif des Islamischen Staates, hat in islami‐ scher Theologie zu dem Thema „Die einzigartigen Perlen bei der Er‐ läuterung des Schatibi-Gedichts“ promoviert. Kafeel Ahmed, der im Juni 2007 einen LKW voller Gasflaschen in den Flughafen von Glasgow fuhr, war studierter Maschinenbauer und Doktorand. Sein Mittäter Bilal Abdullah war Arzt im Royal Alexandra Hospital in Paisley gewesen. Umar Farouk Abdulmutallab, der wegen 5.3 5 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns 276 seines versuchten Anschlags auf einen Flug von Amsterdam nach De‐ troit im Jahre 2009 auch als Unterhosenbomber bekannt wurde, hat Maschinenbau studiert, ist Sohn eines ehemaligen nigerianischen Mi‐ nisters und Bankenchefs und war in seinem Leben nicht einen einzi‐ gen Tag arm. Nidal Malik Hasan, der im November 2009 auf einer US- Militärbasis in Texas 13 Menschen erschoss, war Militärpsychiater ge‐ wesen, und er legte kurz vor Prozessbeginn im Jahre 2013 seine ameri‐ kanische Staatsbürgerschaft ab und missbilligte die Demokratie, da ihm als Muslim nicht erlaubt sei, irgendein anderes Gesetz zu befolgen als die Scharia. Michael Adebolajo, der im Mai 2013 den britischen Soldaten Lee Rigby mit einem Auto überfuhr und seine Leiche auf of‐ fener Straße mit einem Fleischerbeil zerhackte, studierte Soziologie in Greenwich und war schon zehn Jahre vor der Tat zum Islam konver‐ tiert, also kein schnellradikalisierter Neuling. Abdul Waheed Majeed, der im Jahr 2014 der erste britische Selbstmordattentäter im Syrien‐ krieg wurde, stammte aus einer vollständig integrierten Familie – sein Großvater hatte bereits im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der britischen Armee gekämpft. Omar Mateen, der 2016 in Orlando einen Nachtclub zusammenschoss, hatte einen Collegeabschluss in Kriminalistik und arbeitete für eine Sicherheitsfirma. Wie kann das sein? Macht das Studium der Naturwissenschaften diese Leute zu Menschenfeinden, Fundamentalisten und psychopathi‐ schen Terroristen? Wenn Armut und Chancenlosigkeit der Schlüssel zur Radikalisierung sind, warum gibt es dann diese Biographien über‐ haupt? Viele dieser Attentäter waren gebildet, kamen aus sicherem Hause, hatten Jobs und galten als freundlich und unauffällig, bis sie in der Zeitung landeten. Nun, zuerst fällt auf, dass auch ein gehobenes Bildungsniveau ge‐ gen das Zwangskorsett des Islam machtlos zu sein scheint. Man kann studierter Ingenieur sein und trotzdem Glauben, man hätte einen Dschinn im Zahn statt einer entzündeten Wurzel. Der Islam ist der Rahmen, der das gesamte Leben des Muslims bestimmt. Wenn der einen gewissen Grad an Fundamentalismus erreicht hat, dient alles nur noch zur Bestätigung des bereits Geglaubten und ordnet sich diesem Rahmen unter. Alles, was dann noch fehlt, ist ein Prediger, der sie eben nicht zu einer pervertierten Version des Islam drängt, sondern ihnen eine wortgetreue Auslegung des Korans und der Sunna bietet. Es dürf‐ 5.3 Bildung schützt nicht vor Fanatismus 277 te nicht allzu schwer sein, jemanden von einer wortgetreuen Ausle‐ gung der Schrift zu überzeugen, wenn er ohnehin glaubt, sie sei Silbe für Silbe von Schöpfer des Universums diktiert worden. Dumm zu sein ist bei diesen Biographien keine Voraussetzung für Terrorismus – reli‐ giös zu sein ist es, und Bildung scheint dagegen sogar machtlos zu sein. Und wer immer noch behauptet, der islamistische Terror sei eine Folge der Unterdrückung durch den Westen, der muss auch erklären, warum es neben Joseph Goebbels (promovierter Germanist), dem be‐ rüchtigten Nazi-Strafrichter Roland Freisler (promovierter Jurist) und dem Vollblutideologen Alfred Rosenberg (Diplomingenieur) immer noch genug gebildete und wohlhabende Nationalsozialisten geben konnte, um einen Kontinent in den Ruin zu treiben. Dumm waren sie nicht, nur falsch gepolt, und wenn das für Nazis gilt, dann weiß ich nicht, warum es bei frommen Muslimen grundsätzlich anders sein müsse. Dann gibt es noch eine Besonderheit zu beachten. Ein Chirurg, ein Elektrotechniker oder (im Falle von Mohammed Atta) ein Student des Städtebauwesens an der TU Harburg muss im Rahmen seines Studi‐ ums zwar einige naturwissenschaftliche Grundlagen lernen, aber er hat damit seinen Finger nicht gerade am Puls der aktuellen Naturphi‐ losophie. Er hat Naturwissenschaften als Handwerk gelernt, nicht aber als Weltbild. Er hat das gleiche Problem wie der Rest der islamischen Welt, und der Grund ist der gleiche, warum die islamische Welt keine nennenswerten Mengen an Wissenschaftlern von Weltruf produziert: der Islam kommt immer zuerst. Wissenschaft beschränkt sich für diese Menschen darauf, die Wunder der Schöpfung zu preisen. Man liest R=U/I, sinkt vor Ergriffenheit in die Knie und dankt dem Schöpfer für die Schönheit dieser Formel. Deshalb gibt es dschihadistische Chirur‐ gen oder Elektroingenieure, aber keine Evolutionsbiologen oder Kos‐ mologen mit vergleichbar kataklastischer Einstellung. Ein arabischer Charles Darwin hätte mit der HMS Beagle auf die Galapagosinseln fahren können, aber er hätte aufgrund gewisser Kon‐ ditionierungen, die in seinem Kulturkreis seit Jahrhunderten ihr wun‐ derliches Werk am menschlichen Verstand tun, gar nichts anderes tun können, als die Artenvielfalt zu beschreiben und Allah umgehend da‐ für zu danken. Der Fall wäre klar: Allah ist groß, seine Schöpfung er‐ haben. Keine weiteren Fragen. 5 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns 278 Sollte er sich von seinen wissenschaftlichen Beobachtungen den‐ noch auf andere Gedanken bringen lassen wie Charles Darwin es sei‐ nerseits trotz der christlichen Konditionierung tat (er hatte in Cam‐ bridge sogar drei Jahre lang Theologie studiert), wäre der Ablauf übli‐ cherweise der folgende. Man erinnert ihn daran, dass der Koran voller Beweise für Allahs Werk ist. Das steht nämlich im Koran, und dessen Autorität und Gott‐ gesandtheit müsste er dann gleich mit anzweifeln, was eine Ungeheu‐ erlichkeit wäre und den Vorwurf der Apostasie nach sich zieht. Sollte er auf seinen Beobachtungen beharren und damit am Koran zweifeln, erfolgt die Aufforderung zur Reue (Istitaba). Lehnt er das ab, wirft man ihm Abfall vom Islam vor. Auf diese Apostasie oder arabisch Ridda genannte Tat steht in vielen Ländern der islamischen Welt die Todesstrafe. Das steht in jener vielzitierten Koranpassage, die mit den Worten „Wenn einer einen Menschen tötet, dann ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet“ beginnt, nur steht es etwas weiter hinten. Dort nämlich, wo steht, wie mit den Menschen verfahren werden soll, die „Unheil im Lande“ stiften – zum Beispiel, indem sie am Islam krat‐ zen. Und auch das meint die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam in Artikel 22b mit „für das Richtige eintreten und vor dem Falschen warnen.“ Sollte er den Vorwurf der Apostasie bestreiten und weiterhin be‐ haupten, ein Muslim zu sein, dann wirft man ihm ersatzweise vor, ein Munafiq zu sein, ein Heuchler, der den Islam nur nach außen ange‐ nommen hat. Er gefährdet damit die Reinheit des Glaubens. Die Tech‐ nik, jemandem vorzuwerfen, ein Munafiq zu sein, heißt Takfir. Die Folgen sind die gleichen wie in Schritt zwei. Wie Lamya Kaddor in ihrem Buch Zum Töten bereit schreibt, wird in salafistischen Kreisen gar diskutiert, ob ein Muslim, der einen Kafir nicht zum Kafir erklärt und somit einen Takfir verweigert, nicht auch einen Takfir verdient habe88 - sie nennen es einen Kettentakfir. Erkennen Sie das perfekte System zur Unterdrückung neuer Ideen dahinter? Man gibt klein bei oder hat zwei verschiedene Möglichkeiten, bestraft zu werden. Eines darf sich nämlich auf keinen Fall ändern: das Weltbild von Muslimen. Wir haben dieses Buch mit den Gottesurteilen der Wiegeprobe, der Wasserprobe und der Feuerprobe begonnen, 5.3 Bildung schützt nicht vor Fanatismus 279 doch ein Viertel der Weltbevölkerung lebt immer noch unter ver‐ gleichbaren Gesetzen. Ich bin mir nicht sicher, wie viele echte Forschergeister vom Schla‐ ge eines Darwin es in der islamischen Welt gibt. Ich mache mir aber auch keine Illusionen über die Natur des Menschen. So mancher wird seine Zweifel aus Angst vor Repressalien für sich behalten. Andere dürften schon so weit sein, dass sie zu einer Entdeckung wie Charles Darwins Evolutionslehre gar nicht mehr in der Lage sind. Die meisten verstehen es ja nicht einmal, wenn man es ihnen erklärt. Wie soll man dann von alleine auf etwas Gewagtes kommen! *** Das Problem mit fanatischen Gläubigen ist, dass man ihnen nie gefal‐ len kann. Was immer wir tun, es wird uns negativ ausgelegt werden, denn hier werden Ursache und Wirkung umgedreht. Die Feindselig‐ keit ist hier latent vorhanden, und die Argumente dafür kommen dann von alleine. Eine Frau trinkt Bier? Unmoralischer Westen! Impfungen in Nigeria? Damit wollen sie Muslime unfruchtbar machen! Der Wes‐ ten greift in Syrien ein? Sie wollen muslimisches Land besetzen! Der Westen greift nicht in Syrien ein? Sie schauen tatenlos zu, wie Muslime abgeschlachtet werden! Es ist kein Zufall, dass Maajid Nawaz, der britische Exradikale und heutige Radikalismusbekämpfer, sich in den Neunzigern wegen des Massenmordes in Srebrenica radikalisierte. Er warf dem Westen still‐ schweigendes Gutheißen dieser Massentötung von Muslimen vor, denn wenn man sich mit den Opfern zu sehr identifiziert (sie sind ja alle eine Umma), teilt sich die Welt nur noch in Täter und Opfer – Un‐ beteiligte gibt es dann einfach nicht mehr. Wer überzeugt ist, der einzig wahren Religion anzugehören, der kann andere Lebensentwürfe immer nur erdulden, aber nie akzeptie‐ ren. Dazu kommt eine latente, schleichende Verachtung für alles, was dieser Religion aus Mangel an Interesse nicht angehören möchte. All dies sind Impulse, die der Gläubige sich im Sinne eines friedlichen Zu‐ sammenlebens laufend verkneifen muss, und das ist auf Dauer kein stabiler Zustand. Ist die Zeitachse nur lang genug, wird es unweigerlich Konflikte geben. Und das Ganze wird noch fragiler, wenn konservative Imame durch Europa touren und eine extremistische Auslegung des 5 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns 280 Korans propagieren. Die latent vorhandene Ablehnung der westlichen Lebensweise, bis hierhin eher schlummernd, kann sich jederzeit zügig entladen. Ich vermute dies als Grund, warum es gelegentlich muslimi‐ sche Einzeltäter gibt, die spontan mit einem Küchenmesser in einer Einkaufszone Amok laufen oder Fußgänger auf Brücken überfahren, auch wenn sie von keiner Organisation dazu angestiftet wurden. Sie sind in einem metastabilen Zustand gefangen, der jederzeit in einen energieärmeren Zustand übergehen kann und auf dem Weg dahin viel Energie abgibt. In der medinischen Sure 8:55 schreibt der Schöpfer des Univer‐ sums immerhin: „Wahrlich, schlimmer als das Vieh sind bei Allah jene, die ungläubig sind und nicht glauben werden“. Und wenn Sie jetzt sagen, dass im Alten Testament ja auch so einiges an Unschönem geschrieben steht, dann kann ich nur erneut darauf verweisen, dass es durchaus erfreulich ist, wenn Sie Ihre Heilige Schrift nicht sonderlich ernst nehmen, dass das aber nicht im gleichen Aus‐ maß für Menschen gilt, die eine andere Religion mit viel größerer In‐ tensität leben. Eine Umfrage des Pew Research Centers aus den Jahre 2015 ergab für zehn mehrheitlich muslimische Länder folgende Antei‐ le an Zustimmung auf die Frage, in welchem Ausmaß der Koran die Gesetzgebung in ihrem Land beeinflussen solle.89 Land Anteil Muslime an der Be‐ völkerung Bevölke‐ rung des Landes Anteil der Muslime, die für strikte Auslegung sind Anzahl Muslime mit strik‐ ter Ausle‐ gung [-] [%] [Millionen] [%] [Millionen] Pakistan 97 210 78 159,0 Palästina 100 4,8 65 3,0 Jordanien 96 10 54 5,2 Malaysia 64 32,4 52 10,8 Senegal 94 15,3 49 7,0 Nigeria 50 193,4 27 26,1 Indonesien 91 261,9 22 52,4 5.3 Bildung schützt nicht vor Fanatismus 281 Libanon 55 6,1 15 0,5 Türkei 96 79,8 13 10,0 Burkina Faso 60 19,6 9 1,1 Summe 833,3 - 275,1 Anteil in Prozent: 33,0 Ergebnisse einer Pew-Studie darüber, wie viele Befragte der Meinung sind, der Koran solle die Basis der Gesetzgebung in ihrem Land sein. Ein Drittel der Befragten scheint die Theo‐ kratie zu bevorzugen. Vernachlässigt wurden in dieser Umfrage bevölkerungsstarke und islamisch konservative Länder wie Ägypten mit 96 Millionen Einwoh‐ nern, Bangladesch mit 164 Millionen Einwohnern und sehr konserva‐ tive, aber kleinere Länder wie Afghanistan mit 30 Millionen und Sau‐ di-Arabien mit 32 Millionen Einwohnern sowie Indien, das zwar nur 14 Prozent Muslime in seiner Bevölkerung hat, aber dafür 1,3 Milliar‐ den Einwohner, was weitere 182 Millionen Muslime mit unbekanntem Ausmaß an Schrifttreue hinzufügt. Der Islam hat 1,6 Milliarden Anhänger, von denen laut diesen Da‐ ten mindestens 17 Prozent der Meinung sind, Sie und ich wären Ab‐ schaum, und zwar nicht nur in theologischer, sondern auch in gesetzli‐ cher Hinsicht. Der Anteil der Hardliner in diesen ausgewählten zehn Ländern betrug 33 Prozent. Rechnet man das auf die islamische Welt‐ bevölkerung hoch, kommt man auf rund eine halbe Milliarde Men‐ schen, unter deren Knute Sie und ich etwa so viel zu sagen hätten – wie jene Christin Aasiya Noreen in Pakistan, die nicht gut genug war, um mit Muslimen aus derselben Kelle zu trinken, die sowohl den Gouverneur Salman Taseer als auch seinen Mörder Mumtaz Qadri überlebte und noch immer auf ihre Todesurteil wartet; – wie Mashal Khan, der Journalistikstudent, der im April 2017 von einem wütenden Mob in Pakistan getötet wurde; – wie einige Dutzend religionsferne Blogger in Bangladesch, die in den letzten Jahren von wildgewordenen Frömmlern mit Macheten getötet wurden, weil man ihnen das Recht absprach, den Islam in Tabelle 3: 5 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns 282 welcher Form auch immer zu kritisieren, egal was in seinem Na‐ men getan wird; – aber auch wie die Afghanin Farkhunda, die man nur fälschlicher‐ weise für eine Ungläubige gehalten hatte und deren Tod durch den Lynchmob man rückblickend bedauerte. Fast sieben Prozent der Weltbevölkerung wollen Ihnen und mir ans Leder, sofern wir uns weigern, Muslime zu werden, aber auch wenn wir nur halbherzig oder gar mit Begeisterung zum Islam konvertierten, würde unser Leben die Hölle sein. Die friedliche Mehrheit ist bedeu‐ tungslos, wenn sie durch die Tatsache gelähmt ist, dass die Frömmler grundsätzlich recht haben und ihr Handeln mit der Heiligen Schrift beweisen können. Wie es stattdessen sein könnte Wie der Politikwissenschaftler Carsten Frerk in seinem Violettbuch Kirchenfinanzen zusammengetragen hat, erhalten die beiden Großkir‐ chen in Deutschland vom Staat jedes Jahr durch direkte Bezuschus‐ sung, Steuerbefreiung etc. etwa 20 Milliarden Euro.90 Abzüglich der Posten, die der Allgemeinheit tatsächlich zu Gute kommen (wie Kitas, Altenheime oder Krankenhäuser, die der Staat den Kirchen bezahlt, von denen die Gemeinschaft aber wenigstens etwas hat) bleiben etwa 12,2 Milliarden Euro Staatsleistungen an die Kirchen übrig, von denen die Gemeinschaft nichts hat außer gebetsmühlenartig wiederholten Märchen und unzeitgemäßen Eingriffen in das Staatsgeschick. Zum Vergleich: das Jahresbudget der NASA beträgt umgerechnet etwa 15 Milliarden Euro. An dieser Stelle können wir den Wissen‐ schaftlern der amerikanischen Raumfahrtbehörde kurz für Solarzellen, HACCP, Säuglingsnahrung, GPS, die Wettervorhersagen, Satelliten‐ fernsehen, neuere Methoden der Wasseraufbereitung, erdbebensichere Gebäude und Brücken, neue Textilien, Spezialschaum-Matratzen, Ro‐ botik, kontrastverstärkende Skibrillen, Digitalkameras, die spektakulä‐ ren Hubble-Bilder, die Entdeckung von 3720 Exoplaneten und für all die Ergebnisse ihrer grundlegenden Gesundheitsforschung danken. Bedenken Sie, was Länder wie Saudi-Arabien, Malaysia oder Katar sich für Teilchenbeschleuniger oder Teleskope in die Landschaft stellen 5.4 5.4 Wie es stattdessen sein könnte 283 könnten. Was an neuartigen Materialien, Halbleitertechnik oder er‐ neuerbaren Energien dort entwickelt werden könnte. Oder einfach, was für ein wundervolles Stück Erde der Nahe Osten sein könnte, mit seinen spektakulären Landschaften, dem heißtrockenen Klima, der besten Quisine der Welt und den durchweg freundlichen Menschen, sofern ihre religiösen Empfindlichkeiten nicht getriggert werden. Doch nichts dergleichen. Stattdessen baut man die Große Moschee in Mekka aus, um der immer größer werdenden Pilgerströme Herr zu werden, die man durch das eifrige Missionieren in allen Teilen der Welt herangezüchtet hat, oder man liefert sich in einem halben Dut‐ zend Nachbarländern einen Stellvertreterkrieg mit dem schiitischen Iran, der seinerseits Milliarden darin investiert, den schiitischen Halb‐ mond auszubauen, der sich vom Libanon über Syrien und den Irak bis nach Bahrain an den Persischen Golf zieht und langfristig nichts ande‐ res bewirken wird als Konfrontation mit der sunnitischen Mehrheit, sei es durch Kriege zwischen Staaten oder religiös motivierte Bürger‐ kriege innerhalb von Staaten. Und hier liegt der Unterschied zwischen Wissenschaft und Religi‐ on. Wissenschaft verbessert das Leben der gesamten Menschheit – das einzige Leben, von dem wir sicher wissen, dass wir es haben. Wenn Sie die zentrale Botschaft des Christentums oder des Islam ernst nehmen wie Mutter Teresa oder jeder konservative Muslim, dann ist Ihnen die‐ ses Leben jedoch nur wenig wert, Leiden sogar eine Chance, sich als besonders gottesfürchtig zu erweisen. Es scheint, man wolle Fortschritt um jeden Preis vermeiden. Bedenken Sie, in welchem Ausmaß der Wert dieses Lebens sinkt, wenn man sich bevorzugt auf das Leben nach dem Tode konzentriert. Wie viele Menschen würden Selbstmordattentate begehen, wenn sie dieses Leben höher schätzen würden als jenes im hypothetischen Jen‐ seits? Sicher, auch im Dritten Reich, im Kommunismus und im japani‐ schen Kaiserreich gab es Selbstmordattentate. Das lag am Aufgehen des Individuums in einer Idee, ohne deren Verwirklichung es nicht mehr leben möchte. „Wenn wir den Krieg verlieren, lohnt es sich nicht mehr zu leben“, zog Joseph Goebbels gegen Ende des Zweiten Welt‐ krieges die Schraube an. Die einzigen Systeme, bei denen man so etwas heute noch beobachtet, sind Nordkorea und transzendente Religionen. Der Rest der Welt hat es aufgegeben, für irgendetwas sterben zu wollen, 5 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns 284 und das ist auch gut so. Nicht nur die Religion wird weniger im Leben des Menschen, sondern auch jede andere fanatische Idee. Warum nur ist eine solch unbewiesene, groteske, altertümliche, machthungrige, die Menschheit spaltende, Schlechtigkeit im Men‐ schen fördernde, ihn von jeder Verantwortung freisprechende, ihm sein Urteilsvermögen systematisch aberkennende, andere Ansichten so gnadenlos verachtende, den Menschen seines natürlichen Mitgefühls beraubende, im Einzelfall als Geisteskrankheit klassifizierte, im Kol‐ lektiv aber schlicht „Religion“ genannte Idee in unserem Alltagsemp‐ finden so sehr über jeden Zweifel erhaben? 5.4 Wie es stattdessen sein könnte 285 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen „Jemand sagte mir mal auf Twitter: ‚Jeder hat ein Recht auf seine Mei‐ nung, also behalte deinen Atheismus für dich!‘ Großartig.“ Ricky Gervais Ich weiß, dass mancher mit dem Inhalt dieses Buches seine liebe Not haben wird. Abgesehen von den hoffentlich durchweg rationalen Ar‐ gumenten, die ich in diesem Buch vorgebracht habe, stellt sich doch vielen die Frage, was so ein Angriff gegen die religiösen Gefühle der Mitmenschen eigentlich soll – zumeist vermutet man pure Angriffslust von Atheisten wie mir, denen es offensichtlich an Respekt vor religiö‐ sen Überzeugungen fehlt. Der Bedarf an aktiver Gegenwehr Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin nicht blind gegenüber religiö‐ sen Gefühlen. Ich bezweifele viel mehr die Harmlosigkeit dieser reli‐ giösen Gefühle. Wer sich auf seine religiösen Gefühle beruft, um Re‐ spekt oder wenigstens Schweigen von seinem Gegenüber zu erzwingen, dem ist nicht klar, dass ich nicht nur sein Weltbild, sondern auch die Glaubwürdigkeit seines Weltbildes nicht teile. Indem ich aus Angst, je‐ mandes Gefühle zu verletzen schweige, wenn Unrecht geschieht, ma‐ che ich mich mitschuldig. Das Ziel des säkularen Aktivismus soll es sein, den unverdienten Schutzpanzer abzubauen, der aus einer Angst zu missfallen oder zu beleidigen besteht und der die Religion als Idee umgibt. Es sollte nichts umsonst geben, nur weil sich jemand erhobe‐ nen Hauptes der Realität verweigert. Zumindest wendet man diesen Maßstab bei Impfgegnern, Reichsbürgern und rechten Verschwö‐ rungshypothetikern auch an, und ich sehe keinen Grund, warum wir vor der Religion halt machen sollten wie Alexander DeLarge in A 6 6.1 287 Clockwork Orange beim Anblick von Brüsten, nachdem man ihn ge‐ hirngewaschen hatte. Doch man tut es laufend, weil man dem religiösen Gefühl des an‐ deren einen zu hohen Wert zubilligt. Im November 2017 gingen Män‐ ner in Gelsenkirchen in mehrere REWE-Fillialen und verlangten, dass eine bestimmte Wodka-Marke aus den Regalen entfernt werde – das Logo der Firma erinnere an das arabische Wort für Allah, und das gin‐ ge auf einer Wodkaflasche nun wirklich nicht. Sollte man nicht gehor‐ chen, würde man zurückkehren und die Flaschen zerstören.91 Im Ja‐ nuar 2018 musste die Modekette H&M Kindersocken aus dem Sorti‐ ment nehmen, da eine gezeichnete Linie darauf an das arabische Wort für Allah erinnerte.92 Mussten sie? Nein. Sie haben sich diesem Unsinn freiwillig gebeugt, aus dem einzigen Grund, weil die Alternative darin bestand, sich mit Frömmlern anzulegen, was einem um sein Ansehen und seinen Umsatz bemühten Konzern schlecht zu Gesicht steht. Das Problem ist die einzigartige Fähigkeit der Religion, vom menschlichen Gehirn Besitz zu ergreifen und ihre Weiterverbreitung zu verlangen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass diese beiden Vorfälle bereits alles gewesen wären. Es wird immer weitergehen, und wenn man diesen Prozess gewähren lässt, dann findet man sich über kurz oder lang in einer von der Religion dominierten Welt wieder, wo‐ bei die Mehrheit der Bevölkerung dieses Gefühl nicht einmal teilen muss. Es genügt, wenn sie sich vom religiösen Eifer anderer beeindru‐ cken lassen oder glauben, dass sie die einzigen wären, denen etwas Un‐ angenehmes an der Religion aufgefallen ist. Und jedes Mal, wenn eine Modekette sich zu einer Presseerklärung genötigt fühlt, in der sie be‐ teuert, dass es sich um einen bedauerlichen Zufall gehandelt habe und verspricht, die anstößige Ware aus dem Sortiment zu nehmen, macht sie es nur schlimmer. Sie hat damit ihre Dominierbarkeit demonstriert, und das lädt dann zu weiteren Gängelungsversuchen ein. Je früher man die Grenze des Zumutbaren zieht, desto freier kann man leben. *** Der Großteil der nominellen Christen in Deutschland nimmt es mit der Religion nicht so genau. Man geht höchstens zu Weihnachten in die Kirche, man achtet nicht darauf, freitags Fisch zu essen, und man hat seine eigene Meinung über Sterbehilfe, Abtreibung oder Präim‐ 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 288 plantationsdiagnostik. Eigentlich steht man den Dogmen der Kirchen nicht sonderlich nahe. Dennoch nennt man sich Christ. So mancher ist nur eine Karteileiche, als Kind getauft, und als Arbeitnehmer hat man sich später irgendwann an die Kirchensteuer gewöhnt, denn da‐ mit geschieht ja viel Gutes im Lande.* Wir haben bei genauerer Betrachtung wenig Grund, uns an die Brust zu schlagen und mit dem Finger auf den Islam zu zeigen. Sicher ist das Ausmaß religiös motivierter Gewalt in Deutschland wesentlich geringer als etwa im Nahen Osten oder in Pakistan. Das Problem in Deutschland ist ein anderes. Wenngleich die beiden Großkirchen in Deutschland zusammen jedes Jahr etwa 300.000 Mitglieder durch Kirchenaustritte verlieren, bleibt ihr Einfluss auf die Regierung dennoch erhalten. Merkels Kabi‐ nett III war das erste seit vielen Jahren, das keinen einzigen Konfessi‐ onslosen enthielt, wie die Website Katholisch.de im Dezember 2013 zufrieden feststellte.93 Die evangelische Wochenzeitung „Unsere Kir‐ che“ meldete darüber hinaus im Juli 2016, dass es im Parlament pro‐ zentual gesehen viel mehr Katholiken und Protestanten gibt als im Be‐ völkerungsdurchschnitt. Das ist an sich nicht alarmierend, doch es riecht nach Methode. Wenn die Idee, Religion stünde grundsätzlich und ausschließlich für Gutes, sich in der Gesellschaft und den Köpfen der Entscheidungsträ‐ ger erst einmal festgesetzt hat, dann wird es eine Tendenz geben, reli‐ giöse Kandidaten bei der Auswahl zu bevorzugen. Die wiederum sind gegenüber den Interessen der organisierten Religionen instinktiv viel nachgiebiger als Religionskritiker und würden den Anliegen der Kir‐ chen auch nachgeben, wenn sie diese Überzeugungen selbst nicht tei‐ len. Die psychologische Macht der Religion auch über die nur gering‐ fügig Interessierten ist grundsätzlich stärker als die Macht von Organi‐ sationen, die irdische Dinge vertreten. Wenngleich man ihre Ansichten * Nein. Die Kirchen beteiligen sich mit ganzen zwei Prozent an den Kosten für kon‐ fessionelle Krankenhäuser oder Altersheime, den Rest der Rechnungen reichen sie an den Staat weiter. Stattdessen konzentriert man sich darauf, den Arbeitnehmern dieser Einrichtungen die Treue zu den eigenen Dogmen abzuringen, entlässt Chef‐ ärzte, die nach ihrer Scheidung wieder heiraten wollen, und stellt Konfessionslose gar nicht erst ein. Wer in diesem Sumpf tiefer wühlen möchte, dem seien die Bücher von Carsten Frerk empfohlen. 6.1 Der Bedarf an aktiver Gegenwehr 289 nicht unbedingt teilt, muss es sich doch um etwas Schützenswertes handeln, nur weil es religiös ist. Und so hat der Deutsche Bundestag am 12. Dezember 2012 ent‐ schieden, dass die Beschneidung von Jungen rechtmäßig sei, egal ob die das selber wollen oder nicht. Die Beschneidung als symbolische Nachahmung von Abrahams Menschenopfer, der heute bei dem öf‐ fentlichen Versuch, seinen Sohn auf Gottes Anweisung zu töten, inner‐ halb von Minuten verhaftet würde, wurde damit gesetzlich geschützt. Anscheinend traute man sich einfach nicht, dieses Fass aufzumachen und sich mit der Religion als Idee anzulegen. Norwegen, Polen, Däne‐ mark, die Niederlande, Island und Liechtenstein haben hingegen be‐ reits das Schächten verboten – hier siegte der Tierschutz über die Reli‐ gion. Und auch erst seit 1997, nachdem ausgerechnet die Christdemo‐ kraten 25 Jahre lang erfolgreich gemauert hatten, ist eine Vergewalti‐ gung in der Ehe auch juristisch eine Vergewaltigung. Zuvor war es bes‐ tenfalls Nötigung, und der Bundesgerichtshof hatte 1966 in einer Ent‐ scheidung zur sexuellen Vernachlässigung als Scheidungsgrund schon argumentiert: „Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt.“94 Der damalige CSU-Parteivorstand Alfred Sauter befürchtete 1988, eine Ehefrau könne, wenn die Vergewaltigung in der Ehe als solche aner‐ kannt würde, eine Vergewaltigung jederzeit behaupten, um das Recht zur Abtreibung zu erhalten.95 Womit er auch offenbart, dass eine Nachwuchsentscheidung in seiner Filterblase anscheinend ebenfalls nicht der Zustimmung der Frau bedürfe. Geprägt durch ein christliches Familien-, Ehe- und Frauenbild können Menschen tatsächlich solchen Blödsinn reden und über Jahr‐ zehnte nicht merken, wie abscheulich es eigentlich ist. Als wenn das nicht schon schlimm genug wäre, können sie dann mit Eifer wichtige und lange überfällige Entscheidungen blockieren, da die Überzeugun‐ gen einer Religion zu ihren eigenen wurden. Wie der Leiter des katho‐ lischen Kommissariats der deutschen Bischöfe in Berlin, Prälat Dr. Karl Jüsten einmal sagte: "Unser Erfolg beeindruckt manchmal auch die Bankenlobby oder die Atomlobby."96 Ein weiteres Problem mit Religiösen, besonders wenn sie politi‐ sche Entscheidungsträger sind, liegt darin, dass sie im Gegensatz zum 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 290 konfessionslosen Drittel des Volkes oftmals blind zu sein scheinen ge‐ genüber den Gefahren der Religion. Besonders mit dem Islam, der ge‐ rade vom Wahhabismus innerlich zerfressen wird, sind sie überfordert. Ja, ist die Religion denn überhaupt ein Problem? Jein. Religionen sind immer nur das, was Menschen daraus machen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bedenklich wird es, wenn der gesamten Gesell‐ schaft religiös motivierte Entscheidungen wie zur Sterbehilfe oder zur Beschneidung aufgedrückt werden. Das war in Zeiten von geringer globaler Migration recht einfach: entweder das Christentum hatte das Sagen, oder ein weltlicher Herrscher hatte das Sagen (oftmals arbeite‐ ten sie aber Hand in Hand zusammen, da sie beide im Menschen-Kon‐ trollieren-Geschäft waren). Heutzutage ist das aber nicht mehr so ein‐ fach. Stellen Sie sich vor, Sie stehen im Supermarkt mit Ihren Einkäufen an der Kasse, und es entsteht der folgende Dialog: Kassiererin: Tut mir leid, ich bin katholisch, ich kann Ihnen diese Kondome nicht verkaufen, denn das ist gegen meine Überzeugungen. Kunde: Kennen Sie denn jemanden, der sie mir ver‐ kaufen würde? Kassiererin: Nun, Fatima an Kasse 3 ist da ganz offen, aber als Muslima kann sie Ihnen den Wodka nicht verkaufen, ohne eine Sünde zu begehen, und das wollen Sie ihr sicherlich nicht abverlangen. Kunde: Und kennen Sie jemanden, der mir beides ver‐ kaufen würde? Kassiererin: Ja, Raphael an Kasse 8. Der ist aber Mormone, also passt das Coffein in Ihrer Cola da auch nicht. Aufputschmittel sind bei ihm verboten. Kunde: Noch jemand im Angebot? Kassiererin: Erika an Kasse 6. Die ist aber Zeugin Jehovas und gerät in einen Gewissenskonflikt, wenn sie Ihnen die Geburtstagskarte hier verkaufen soll. Kunde: Mann, das wird ja immer kniffliger. Ich glaube, ich lasse es einfach. Ich geh nur noch schnell rüber zum Zeitungsstand. Kassiererin: Gerne, aber falls Sie sich mit dem Gedanken tragen, dort das neue Buch von Ayaan Hisli Ali zu kaufen… 6.1 Der Bedarf an aktiver Gegenwehr 291 Kunde: Jaaa? Kassiererin: Athena-Solveig ist Marxistin. In ihren Augen ist Frau Ali eine islamophobe Hasspredigerin, also werden Sie sich auf eine längere Diskussi‐ on einstellen müssen. Wir haben aber auch Un‐ term Schleier die Freiheit von Khola Maryam Hübsch. Kunde: Ich gehe wohl lieber nach Hause und mache gar nichts mehr. Kassiererin: Natürlich. Und herzlichen Dank für Ihren Re‐ spekt gegenüber unseren Überzeugungen! Natürlich sind die Gelegenheiten, bei denen man mit einem Kassierer wegen seiner Einkäufe in Konflikt gerät, äußerst selten. Ersetzen wir jedoch in diesem fiktiven Dialog den Supermarkt durch den Staat, wird es schwierig. In einer pluralistischen Gesellschaft kann der Staat die Aufgabe, allen Religionen besonderen Schutz zu gewähren, nicht mehr gewährleisten, und das ist auch nie seine Aufgabe gewesen. Seine Aufgabe liegt laut Grundgesetz darin, die freie Religionsausübung zu gewährleisten, mehr nicht. Er soll den Religionen nicht zu gesellschaft‐ licher Macht verhelfen, er soll genau das verhindern. Er kann gar nichts anderes wollen, wenn verschiedene Religionen verschiedene Ansichten haben, die einander direkt widersprechen wie das Weintrin‐ ken in der Eucharistie und das völlige Alkoholverbot im Islam. Sie halten das für übertrieben? Hätten Sie, wenn Sie todkrank sind, gerne das Recht selbst zu entscheiden, wann, wie und in welchem Zu‐ stand Ihr Leben endet? Verstehen Sie es nicht falsch, es geht nicht darum, Todkranke zu töten, weil sie weg müssten. Es geht nicht um Euthanasie, sondern um Ihr Recht, über Ihr Ende selbst zu entschei‐ den, und genau das hat der Bundestag Ihnen im November 2015 ver‐ wehrt. Wie die Deutsche Bischofskonferenz dazu anmerkte (und ich will meinerseits in kursiv auch ein wenig dazu anmerken): „Aus Sorge um den Menschen setzen sich Christen dafür ein, dass das Le‐ ben eines jeden Menschen – gerade auch in der Nähe des Todes – zu je‐ dem Zeitpunkt geschützt wird [also auch vor dem Besitzer jenes Lebens]. Sie glauben daran, dass wir alles, was ist, Gott verdanken [das sollte aber nicht für alle gelten]. Gott hat den Menschen als sein Abbild geschaffen und ihm eine unantastbare Würde verliehen [eine reine Hypothese]. Diese Würde gründet nicht in seiner Leistung oder in dem Nutzen, den er für 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 292 andere hat [das ist richtig, war aber nicht die Frage]. Die Würde des Men‐ schen folgt daraus, dass Gott ihn bejaht [was bedeutet es in der Praxis, „von Gott bejaht“ zu werden?]. Aus dem Wissen um Gottes Zuwendung und Liebe heraus darf und kann der Mensch auch im Leiden und im Ster‐ ben sein Leben bejahen und seinen Tod aus Gottes Hand annehmen [darf und kann, schön, aber Ihr redet davon, es zu müssen]. Aus der Überzeu‐ gung, dass das menschliche Leben von Gott geschenkt ist, folgt auch die Überzeugung, dass der Mensch keine volle Verfügungsgewalt über sein Leben haben kann [dieses Recht sollten Christen für sich selbst durchaus ausüben dürfen]. Christen müssen bekennen: In Würde stirbt, wer aner‐ kennt, dass sein Leben als solches unverfügbar ist [sagen Sie das einem Todkranken auch ins Gesicht?]. Es hat einen Wert in sich, auch wenn der Körper keine Leistung erbringt oder nicht voll funktionsfähig ist. Die Ent‐ scheidung gegen das eigene Leben, auch wenn es durch Schmerzen und Leid geprägt ist, widerspricht fundamental dem Wesen des Menschen [das aber haben Sie nicht für andere zu entscheiden, auch wenn Sie das Recht haben, Ihr Leben zuende zu leiden].“97 Leben schützen, das klingt sehr gut, geht aber zu weit, wenn der Besit‐ zer dieses Lebens andere Pläne hat und hier aus religiösen Gründen entmündigt wird, die er nicht teilt und die ihn nicht interessieren. Selbst wenn der Todkranke ein Christ ist und hier eine Ausnahme ha‐ ben möchte, wird sie ihm verwehrt. Die Argumentation ist, dass eben nicht der Mensch der Besitzer dieses Lebens sei, sondern Gott, und der soll entscheiden. Das aber ist Ansichtssache, und es ist einfach jäm‐ merlich, so etwas als Begründung für eine ethische Entscheidung in einem säkularen Staat anzuführen. Es wird gefälligst zu Ende gelitten, so wie der letztendlich durch den Bundestag umgesetzte Entwurf der „Deutschen Stiftung Patientenschutz“ des katholischen Malteserordens es vorsah. Wer als Fachkraft todkranken Menschen dabei hilft, sicher und schmerzlos und vor allem auf eigenen Wunsch aus dem Leben zu scheiden, gilt seitdem in Deutschland als Mörder. Das hat nichts mit dem Schutz des Lebens zu tun, sondern vielmehr mit der Einhaltung von religiöser Doktrin, die in einem säkularen Staat nichts zu suchen hat und eher an Agnes, den Todesengel von Kalkutta erinnert – man kann ihr einiges vorwerfen, aber sicher nicht mangelnde Linientreue. 6.1 Der Bedarf an aktiver Gegenwehr 293 Säkularismus ist keine Einbahnstraße – sein größter Feind wird nie aufgeben Mit den Islamapologeten sehe ich primär zwei Probleme: zum einen können sie, wie Khola Maryam Hübsch, schneller Blödsinn reden, als man ihnen die Realität hinterherwerfen kann. Dieses Prinzip ist be‐ kannt als Brandolinis Gesetz: der Aufwand, um Blödsinn zu widerle‐ gen, ist eine Größenordnung größer, als ihn zu produzieren. Zum an‐ deren machen Leute wie Pierre Vogel oder Ibrahim Abou-Nagie es be‐ ruflich, leben also offiziell von Hartz IV, lassen sich größere Ausgaben (zum Beispiel wenn man eine Million Koranexemplare in deutschen Fußgängerzonen verschenkt) von Gönnern aus den Golfstaaten finan‐ zieren und haben viel Zeit, ihre kruden Ideen unters Volk zu bringen*. Wer steht dem entgegen? Kaum jemand. Sie werden zwar vom Verfas‐ sungsschutz beobachtet, aber das kostet viel und bringt wenig. Was wir brauchen sind Bürger, die bei jeder sich bietenden Gele‐ genheit den Bullshit-Buzzer drücken und die Salafisten argumentativ in die Schranken verweisen. Das macht sogar richtig Spaß. Es ist sicher nicht nett, Dummen ihre Dummheit ins Gesicht zu reiben, aber es gibt nun mal eine unverzeihliche Art von Dummheit. Jene, die frisch ge‐ paart mit dem Stolz der Ahnungslosigkeit, der Arroganz der nur Gott ergebenen Demut und mit dem Air des Befreiers losmarschiert und Gehirne zu vergiften sucht. Wenn man sie schon nicht des Landes ver‐ weisen kann, darf man sie wenigstens lächerlich machen. Wir brau‐ chen eine wehrhafte Einstellung gegenüber religiösen Überzeugungen, die selten Substanz, aber immer viel Rhetorik zu bieten hatten und de‐ ren natürliches Streben nach Macht im Zaum gehalten werden muss. Denn wenn sich auf der einen Seite kaum jemand für die Trennung von Staat und Religion interessiert, auf der anderen Seite aber eine Re‐ ligion gelebt wird, die keine Trennung von Staat und Religion kennt und felsenfest davon überzeugt ist, dass alle Menschen glücklich wer‐ den, sobald sie diese Religion annehmen, sieht es langfristig düster aus. 6.2 * Ibrahim Abou Nagie sitzt, während ich dieses schreibe, wegen Sozialbetrugs im Kittchen – unter anderem, weil er als Hartz-IV-Empfänger auf YouTube seine schwarze American Express Karte in die Kamera gehalten hat, „mit der man auch einen Lamborghini kaufen kann“. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 294 Doch auch das Christentum ist kein grundsätzlicher Hort der Idee, Staat und Kirche getrennt zu halten. Selbst in den USA, deren Staats‐ entwurf noch säkularer ist als Deutschlands, gibt es immer wieder Menschen wie die Staatsangestellte Kim Davis, die sich im Jahre 2015 weigerte, homosexuelle Paare zu trauen, weil es ihrem Glauben wider‐ sprach. Sie musste in Beugehaft genommen werden und inszenierte sich nach ihrer Freilassung als Unterdrückte, die ihren Glauben nicht hatte ausleben dürfen. Jedoch, Mrs Davis, Ihr Recht, Ihre Faust zu schwingen, endet vor der Nase anderer. Wenn Sie sich durch Ihren Glauben berechtigt fühlen, anderen ihre Rechte vorzuenthalten, dann haben Sie das Wesen des säkularen Staates einfach nicht verstanden. Der folgende Text zur Natur des säkularen Staates und einer ge‐ sunden Haltung gegenüber religiösen Empfindlichkeiten entstammt einem Vortrag, den ich im Sommer 2016 anlässlich der Lesereihe „Lie‐ be für Alle“ in Hamburg halten durfte. Der alberne Hut Wenn Sie im Leben etwas durchsetzen wollen, dann gibt es einen ein‐ fachen Trick dafür: setzen Sie sich einen albernen Hut auf, verlangen Sie von Ihren Mitmenschen todernst Respekt vor dem Hut und sagen Sie ihnen dann, was Sie haben möchten, und dass man es Ihnen und Ihrem Hut schuldet. Es gäbe einfach keine Alternative, denn jeder an‐ dere mögliche Ausgang der Sache würde Sie in der ungestörten Aus‐ übung der Pflichten beschneiden, die der alberne Hut Ihnen nun mal auferlegt hat. Wichtig dabei: nicht Sie fordern es, sondern der Hut ver‐ langt von Ihnen, dass Sie es von anderen fordern. So beinahe geschehen in Frankreich im November 2015. Der ira‐ nische Präsident Rohani war zu Besuch in Paris, um nach der Aufhe‐ bung des Nuklearstreit-Embargos gegen sein Land einige wirtschaftli‐ che Gelegenheiten zu sondieren. Zum Abschlussbankett sollte Wein serviert werden, wogegen Rohani protestierte. Wohlgemerkt, niemand hatte von ihm erwartet, Wein zu trinken. Er war grundsätzlich dage‐ gen, dass in seiner Gegenwart Wein getrunken würde. Da er tatsäch‐ lich versucht hatte, Franzosen vom Weintrinken abzuhalten, wurde schließlich das ganze Essen abgesagt, nachdem ihm die vorgeschlagene Alternative, ein gemeinsames Frühstück, „zu billig“ erschienen war. 6.2 Säkularismus ist keine Einbahnstraße – sein größter Feind wird nie aufgeben 295 Wer hat nun Recht? Die Franzosen, weil sie seine Bitte um Nach‐ sicht stur ablehnten, oder Rohani, der Respekt vor seiner Religion ein‐ forderte? Was ist wichtiger, die Interessen der Mehrheit oder der Min‐ derheit? Das war eine Fangfrage. Es gab hier überhaupt keinen Konflikt. Niemand wurde gezwungen, entgegen seinen Überzeugungen Wein zu trinken. Seinen religiösen Befindlichkeiten war bereits durch die Tat‐ sache entsprochen worden, dass er kein Schweinefleisch serviert be‐ kam. Das wäre ein Affront gewesen, den die Franzosen bereits vermie‐ den hatten. Stattdessen versuchte Rohani, der Mehrheit das Weintrinken zu verbieten, weil sein alberner Hut den Gedanken nicht erträgt. Stellen wir uns vor, die Franzosen hätten nachgegeben, und das Essen wäre nach Rohanis Willen verlaufen. Fünfundsiebzig maulige Franzosen es‐ sen ohne Wein zu Abend, an der Stirnseite des Tisches ein Mann mit weißem Bart und einem albernen Hut, der das Geschehen gütig ab‐ nickt; hat er doch schließlich den Willen Hutes durchgesetzt. Bis ihm auffällt, dass die Kellnerinnen nicht verschleiert sind oder der servierte Fisch zusammen mit Froschschenkeln im Kühlschrank gelegen haben könnte. Tiere ohne Ohren wie Frösche, Schnecken oder Muscheln sind haram, also verboten, genau wie Blutwurst, Aal oder der rote Lebens‐ mittelfarbstoff Echtes Karmin (E120), da er aus Schildläusen herge‐ stellt wird. Wann wäre religiöser Eifer jemals mit einer Situation zufrieden ge‐ wesen? Die Steigerung der Ansprüche liegt in der Natur der Sache, es gleicht der Dosissteigerung bei einer Sucht, aus dem einfachen Grund, dass Religionen sich selbst nie als ein einfaches Angebot sehen, son‐ dern als dringende Notwendigkeit, was seinerseits eine ganz einfache Erklärung hat. Glauben im religiösen Sinne heißt nicht „vermuten“, sondern „für sich persönlich zur Wahrheit erklären“. Hierin liegen die Wurzeln religiöser Selbstüberschätzung und Kompromisslosigkeit und damit der Drang, in die Geschicke des Staates eingreifen zu wollen. Was man auch unternimmt, sie werden immer wieder versuchen, auf den Staat einzuwirken. Eine Zeit der achselzuckenden Koexistenz hat es nicht gegeben, seit monotheistische Religionen existieren. Religio‐ nen sind wie Terrier - entweder Du kontrollierst sie oder sie kontrollie‐ ren Dich, es gibt keine dritte Option. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 296 Jedoch, die Franzosen waren immun gegen die Zauberkräfte des Hutes. Frankreich, einst ein finsterer Hort des Katholizismus und der schonungslosen Verbarbecueung Andersdenkender, ist heute eines der säkularsten Länder in Europa und achtet sehr darauf, dass das auch so bleibt. Es hat auch überhaupt nichts mit Unhöflichkeit seitens der Franzosen zu tun, wenn sie sich weigern, das Abendessen nach den Regeln einer Religion stattfinden zu lassen, der sie nicht angehören. Vielmehr war es unhöflich von Rohani, anderen seine religiösen Werte aufzwingen zu wollen. Die Franzosen haben nicht versucht, Rohani ihren Willen aufzuzwingen, sie verweigerten seinem albernen Hut die Unterwerfung. Das ist etwas ganz anderes. Behaltet das im Kopf, es ist wichtig. Der grundlegende Unterschied zwischen Rohani und den Franzo‐ sen ist nämlich der: er hat einen albernen Hut auf, die Franzosen nicht. Für den Träger eines albernen Hutes ist der Fall damit klar: wer einen albernen Hut trägt, der darf etwas. Wer keinen albernen Hut trägt, hat einfach „keine eigenen Interessen“ und muss daher zwangsläufig mit jeder Entscheidung eines Hutträgers zufrieden sein. Wenn aber jemand keinen albernen Hut trägt, dann liegt das nicht daran, dass er noch nicht den passenden albernen Hut gefunden hätte oder nicht wüsste, wozu der Hut gut ist. Er weiß es. Er will gar keinen Hut, und er ist dagegen, das Land den Hutträgern auszuliefern, nur weil sie das als ihr Recht oder eher: ihre Pflicht gegenüber dem Hut empfinden. Man selbst will das ja gar nicht, es geht nur darum, was der Hut will. Der moderne europäische Staat ist nicht hutfeindlich, im Gegenteil. Er tritt ein für eine Vielfalt der Hüte. Er weist den Hüten aber einen bestimmten Platz in der Gesellschaft zu und verwehrt ihnen mit Ab‐ sicht die Hoheit über andere Hüte. Das geschieht nicht aus Mangel an Hutverständnis, sondern aus dem fundierten Studium der Historie des Huttragens. In jeder Hutträgergemeinde gibt es Mitglieder, die den Anblick anderer Hüte einfach nicht ertragen und sich nichts sehnli‐ cher wünschen, als dass diese Irrenden ihre falschen Hüte ablegen und sich umgehend den richtigen Hut aufsetzen. Und dann gibt es noch Leute wie mich, komplett ohne Hut. Leute, die herumlaufen und Hutträger dazu einladen, mal ein wenig Luft an die Kalotte zu lassen. Das ist zu viel. Was für eine Frechheit! 6.2 Säkularismus ist keine Einbahnstraße – sein größter Feind wird nie aufgeben 297 Es ist nicht nur richtig gewesen, Rohani das Recht an der Auswahl an Erfrischungsgetränken zu verweigern. Es war wichtig, ihm klarzu‐ machen, dass Frankreich immun ist gegen die Zauberkräfte seines al‐ bernen Hutes. Hier hat kein Hut mehr Rechte als ein anderer. Zwei Monate später hat Italien demselben Rohani zu Ehren Statu‐ en mit Brettern vernagelt. In vorauseilendem Gehorsam verschwanden bei seinem Besuch in Rom im Januar 2016 historische Statuen hinter Bretterwänden. Man konnte ihm den Anblick einer Marmortitte anscheinend nicht zumu‐ ten. Darüber hinaus wurde beim gemeinsamen Abendessen selbstver‐ ständlich kein Wein serviert, schon gar kein französischer. Das liegt daran, dass die Italiener unterm Strich mehr Hüte tragen als die Fran‐ zosen und daher für die Befindlichkeiten von Hutträgern allgemein empfänglicher sind. Nun kann man einwenden, dass es immerhin um milliarden‐ schwere Aufträge ging, die sonst hätten platzen können. Ein berechtig‐ ter Einwand, durchaus. Andererseits waren Rohani und sein alberner Hut auf Europatournee, um dringend benötigte Wirtschaftsgüter zu besorgen, denn das Nuklearstreit-Embargo hatte Ersatzteile und Neu‐ anschaffungen im Iran zehn Jahre lang ziemlich rar gemacht. Als ich im Jahre 2010 auf Dienstreise im Iran war, wurde mir von allen Seiten abgeraten, die Reise von Teheran nach Isfahan per Flug‐ zeug anzutreten, da der iranischen Luftflotte aufgrund akuten Ersatz‐ teilmangels schon länger nicht mehr zu trauen sei. Stattdessen fuhren wir im Dunkeln mit einer schrottreifen Karre über einen schlecht bis gar nicht gepflegten Highway und wurden unterwegs noch von einem Nukleartransporter überholt, gefolgt von einem Reisebus, der auf sei‐ ner Heckscheibe das Wort „God“ trug. Und eine Handynummer. Eine schmale Alternative zu funktionierender Technologie, sicher, aber im Gegensatz zu handfesten Ersatzteilen jederzeit aus dem Hut zu zau‐ bern. Man fragt sich, ob Rohani die wirtschaftlichen und technologi‐ schen Bedürfnisse eines Siebzig-Millionen-Volkes einfach so hätte schleifen lassen, nur weil er bei der Verrichtung seiner Dienstreise an einigen halbnackten Skulpturen vorbeigekommen wäre und jemand in seiner bloßen Gegenwart Wein getrunken hätte. Dabei hatte es den Fall in Paris doch bereits gegeben; es wurde lediglich das Abendessen 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 298 abgesagt, und weitere Konsequenzen gab es nicht. Handelsgespräche mussten nicht darunter leiden, dafür waren sie beiden Parteien zu wichtig. Hier sehe ich noch ein weiteres Problem: man tut dem Hutträger keinen Gefallen, wenn man seinem Leiden sekundiert. War es doch gerade die vielzitierte Pluralität der Kulturen, an der er sich stieß, und die er nicht erleben mochte. Ein Rohani hat uns über kulturelle Vielfalt überhaupt nichts zu erzählen. Schließlich will er sie doch vernichten, wo er ihr begegnet. Das hat zu tun mit der Gewissheit, ein privilegier‐ tes Verhältnis zum Schöpfer des Universums zu haben, und ist selten geeignet, das pluralistische Zusammenleben friedlich zu gestalten. Denn sind die Hutträger erst einmal unter sich, so findet früher oder später jener interreligiöse Meinungsaustausch statt, der dem Nahen Osten seit jeher seine unvergleichliche Dynamik verleiht. *** Atheisten sind wichtig für die Gesellschaft. Wir sind die Nanny auf dem Spielplatz der Religionen, wir sind das Wasser auf ihren Wald‐ brand, wir sind die Regelstäbe in ihrem Reaktor und die Zange an ihrem Zünder. Religion wird nicht aussterben, aber ihre Kontrolle über die Gesellschaft muss begrenzt werden. Kulturkampf! Wundern Sie sich über die Erfolge der AfD? Das sollten Sie nicht. Wenn die Politik versucht, den Menschen ihre gefühlten oder realen Sorgen auszureden, wenn sie jeden beim kleinsten Mucks als kleinbür‐ gerlich, islamophob oder gar rassistisch abstempelt, entfremdet sie sich vom Bürger, und der wird sich dann am Wahltag rächen. Wenn dann nur diejenigen Parteien übrigbleiben, die von der herrschenden Politik von vornherein als unbrauchbar abgetan werden, dann werden genau diese Leute gewählt. Dann rückt die AfD in den Bundestag ein, und ihre Wähler freuen sich, dass die verkrustete Politik jetzt einmal so richtig „aufgemischt“ wird. Wenn das alles ist, was manche Wähler sich von einer Wahl noch erwarten, dann haben wir offensichtlich noch ein ganz anderes Problem im Lande, und die Schuldigen daran 6.3 6.3 Kulturkampf! 299 müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, ein Volk herangezüchtet zu haben, das im Rausch des Ressentiments johlend die Karre sausen lässt wie in den USA unter Trump. Fürst Otto von Bismarck hatte sich hier im 19. Jahrhundert schon wesentlich schlauer angestellt: indem er die Forderungen der Sozialis‐ ten teilweise übernahm und Versicherungen gegen Unfälle, Krankheit, Invalidität und Altersarmut einführte, sorgte er für Flaute in ihren Se‐ geln und verhinderte die weitere innenpolitische Eskalation – hätte Bismarck diesen Ausfallschritt nicht getan, sondern hätte nur stumpf draufgehauen, wäre Deutschland vielleicht das erste kommunistische Land auf Erden geworden.* In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten sich viele euro‐ päische Staaten in Richtung des Säkularismus bewegt, der Vorstellung also, dass der Staat nicht der Erfüllungsgehilfe der Kirchen sei, son‐ dern eine eigene Entität, und zwar die mit der höchsten Bedeutung für das Leben seiner Schutzbefohlenen. Im Gegenzug entwickelte sich in‐ nerhalb des Katholizismus eine Bewegung namens Ultramontanismus, was „hinter den Bergen“, also den Alpen bedeutete und damit den Va‐ tikan meinte. In den Augen der Ultramontanisten sollte er in jedem Land eine größere Macht haben als irgendein weltlicher Herrscher. Bismarck, der fleischgewordene preußische Staat, trat dem entge‐ gen, indem er eine Reihe von Gesetzen erließ, die die Macht der Kir‐ chen über die Bevölkerung eindämmen sollten. Im Jahre 1871 erließ er den Kanzelparagraphen, demzufolge Geistliche, die von der Kanzel aus politisch agierten, in Haft genommen werden konnten. 1872 verbot er dem Jesuitenorden, in Deutschland Niederlassungen einzurichten, da er ihn als die Speerspitze der Ultramontanisten identifizierte. Ab 1872 hatte in Preußen der Staat die alleinige Aufsicht über die Schulen und nicht mehr die Kirchen. Der Böttchergeselle Eduard Kullmann verübte wegen dieses Kul‐ turkampfes am 13. Juli 1874 ein Attentat auf Bismarck, bei dem der Kanzler aber nur eine leichte Schusswunde an der Hand erlitt. Hätte er * Oder auch nicht – Deutschland war zu jener Zeit immer noch ein mehrheitlich kon‐ servatives Land, und die Lethargie seiner Einwohner ist sprichwörtlich. Gesell‐ schaftliche Normen zu durchbrechen ist für Deutsche nun mal wie durch Honig zu schwimmen. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 300 Bismarck getötet, wie es sein Plan war, wäre er wohl als katholischer Terrorist in die Geschichte eingegangen. Da die Kirchen sich aufgrund ihrer überhöhten Selbstwahrneh‐ mung natürlich nicht durchweg an Bismarcks Anordnungen hielten, erließ er im April 1875 in Preußen das Brotkorbgesetz. Geistlichen, die sich nicht an die Regeln hielten, wurden die staatlichen Zuschüsse ge‐ strichen. Sie erhielten sie erst wieder, wenn sie schriftlich zusagten, sich an die Gesetze zu halten. Im Jahre 1875 schließlich gelang Bismarck der Wurf mit der größ‐ ten Reichweite: Bismarck führte in Deutschland die Zivilehe ein. Bis‐ her war es Sache der Kirchen gewesen, Menschen zu verheiraten. Mit der Einführung der Zivilehe machte Bismarck klar, dass nur der preu‐ ßische Staat das Recht habe, Menschen juristisch verbindlich zu trauen, und dass die Kirchen das aber auch gerne tun könnten, wenn auch nur im Nachhinein und juristisch folgenlos. Noch heute müssen Sie zuerst zum Standesamt und können erst danach genüsslich das Kirchenschiff abschreiten. Als der Kulturkampf im Jahre 1878 abgeschlossen war, hatte der Staat 1.800 Geistliche inhaftiert, die gegen die erlassenen Gesetze ver‐ stoßen hatten, darunter Matthias Eberhard, den Bischof von Trier, und Mieczysław Halka Ledóchowski, den Bischof von Posen, der sich be‐ harrlich geweigert hatte, den Kanzelparagraphen einzuhalten – er galt unter Erzkatholiken lange Zeit als Märtyrer. Die zwölf Bistümer Preu‐ ßens wurden nur noch von drei Bischöfen geleitet. Und nun versuchen wir uns vorzustellen, was ein moderner Politi‐ ker bräuchte, um die Trennung von Staat und Kirche in ähnlichem Maße zu forcieren. Wer hätte vergleichbares Format? Angela Merkel? Horst Seehofer, Martin Schulz, Andrea Nahles, Katrin Görin-Eckardt? Sie alle sehen das derzeitige Problem nicht einmal – selbst Nahles und Göring-Eckardt sind erzkatholisch beziehungsweise fromm evange‐ lisch. Wer von diesen Herrschaften hätte den Mut, den Kirchen ihre Zuschüsse zu kürzen, wenn sie nicht aufhören, gegen Abtreibung oder Sterbehilfe Stimmung zu machen, also in die Politik einzugreifen? Wer würde ihnen die Krankenhäuser, Altenheime und Kitas wegnehmen, die der Staat eh schon zu 98 Prozent selbst finanziert, damit dieses selbstherrliche Bad in fremdfinanzierter Nächstenliebe aufhört, mit dem die Kirchen sich als Wohltäter zeigen, während sie geschiedene 6.3 Kulturkampf! 301 Chefärzte entlassen, die sich neu verlieben und wieder heiraten wol‐ len?98 Oder einen Kirchenmusiker wegen des gleichen „Vergehens“?99 Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte musste das deutsche Bundesarbeitsgericht für diese Entscheidung zurechtweisen. Die Kir‐ chen dürfen so etwas tun, denn sie haben ein eigenes Arbeitsrecht, das Dogmentreue verlangen darf und damit dem sonstigen deutschen Ar‐ beitsrecht direkt wiederspricht. Am ehesten sehe ich noch bei Sarah Wagenknecht eine Chance, die Sache überhaupt in die Hand nehmen zu wollen. Zu beachten ist hierbei, dass auch Bismarck ein halbwegs religiöser Mensch war. Lange Zeit war er eher Deist gewesen, glaubte also vage an einen Schöpfer, konnte sich aber nicht zu den christlichen Dogmen durchringen. Der jungen Frau Marie von Thadden-Trieglaff zuliebe (und auch im Sinne einer politischen Netzwerkbildung) verkehrte Bis‐ marck einige Jahre in pietistischen Kreisen Pommerns, konnte sich aber trotz einiger Bekehrungsversuche nicht dazu überwinden, sich Christ zu nennen. Als Marie im Jahre 1846 im Alter von 24 Jahren un‐ erwartet an einer Gehirnentzündung starb, konnte Bismarck nach lan‐ ger Zeit zum ersten Mal wieder beten. Das war 25 Jahre, bevor er den Kulturkampf begann. Denn Bismarck war kein Mann, der sich nach den Tod einer ge‐ liebten Person mit Schwung in die Theokratie gestürzt hätte. Er konnte klar unterscheiden zwischen der Möglichkeit, dass es einen Schöpfer gibt, der geringeren Möglichkeit, dass es der christliche Gott sei, und den weltlichen Ansprüchen der Gottesvertreter auf Erden, die wohl die größte Skepsis verdienen. Wer die Kreidezeichnung Bismarcks von Franz Krüger aus dem Jahre 1826 betrachtet, die den späteren Kanzler im Alter von elf Jahren zeigt, erkennt auf Anhieb eine Persönlichkeit voller Selbstachtung, Skepsis und Übersättigung mit den dummen Ide‐ en anderer Menschen. Radikalisierung – die konstante Gefahr Die Flüchtlingskrise von 2015 hat ein paar Besonderheiten. Zum einen schürt sie besonders bei den Abgehängten, hauptsächlich in den neuen Bundesländern, Ängste und Ressentiments. Zum anderen ist das ge‐ 6.4 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 302 nau das, was die Salafisten und Dschihadisten wollten. Ursprünglich hatten sie davon geträumt, dass Millionen Muslime vor den Toren Eu‐ ropas zusammengeschossen würden, und sie waren von der Massen‐ flucht doppelt enttäuscht: einerseits, dass wir nicht so kriegerisch sind wie sie, und andererseits, dass Millionen Muslime vor jenem islami‐ schen Paradies auf Erden, dem Kalifat, flohen. Doch damit gaben sie sich natürlich nicht geschlagen. Um diese merkwürdige Art zu denken zu verstehen, müssen wir kurz ein Jahrzehnt zurückgehen. Die Stadt Zarqa nördlich von Am‐ man in Jordanien ist ein kleines Industriezentrum mit Freihandelszone, das ich im Rahmen meiner früheren Tätigkeit etwa zehnmal besucht habe. Hier wurde im Jahre 1966 einer der erfolgreichsten Terroristen aller Zeiten geboren: Abu Musab az-Zarqawi (der Nachname deutet bereit auf seinen Geburtsort hin). Zarqawi war der Gründer von Al- Qaida im Irak, obwohl er bin Laden erst die Treue schwor, als er mit ihm auf Augenhöhe war und die USA für beide ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar ausgesetzt hatten. Zarqawi ist auch der Erfinder des Enthauptungsvideos, in dem man Kriegsgefangene in orangefarbenen Overalls in der Wüste niederknien lässt und das Messer anlegt. Sein erstes Opfer dieser Art war der Amerikaner Nicholas Berg im Mai 2004. Zarqawis Strategie für den Irak war die folgende. Man müsste nur genug Selbstmordattentate gegen die schiitische Mehrheit (ca. 60 Pro‐ zent der irakischen Bevölkerung) begehen. Die Schiiten würden sich dafür an der sunnitischen Minderheit (ca. 30 Prozent) rächen, und das würde einen internationalen Strom von sunnitischen Dschihadisten in den Irak locken, die sich Zarqawis Truppe anschließen würden. Damit könnten dann die Schiiten wieder in die Unterwerfung gebombt wer‐ den wie zu Saddam Husseins Zeiten, als die sunnitische Minderheit die schiitische Mehrheit politisch entmündigte und unterdrückte. Am En‐ de könne man dann das Kalifat errichten, was bin Laden übrigens nur als in der Ferne liegendes Ziel, quasi als Utopie vorgehabt hatte. Auch der Kampf gegen die Schiiten schmeckte ihm nicht, da es ja auch ir‐ gendwie Muslime seien, wenn auch fehlgeleitete. Zarqawi hatte die 6.4 Radikalisierung – die konstante Gefahr 303 Idee des „Kalifats hier und jetzt“ in die Welt gesetzt, an dessen Voll‐ endung dann der Islamische Staat weiterarbeitete.* Das war der ganze Plan. Terror, um Terror zu provozieren, der mehr Terror legitimiert, denn Allah belohnt den Kampf genauso wie den Sieg. Süchtig nach Konfrontation, beseelt von dem Gedanken, den entscheidenden Kampf gegen die Ungläubigen zu führen. Seine Nach‐ folger vom Islamischen Staat sehnen sich ebenfalls danach. Ihr Maga‐ zin Dabiq war nach einem kleinen Ort in Syrien benannt, in dessen Nähe gemäß einer Prophezeiung die entscheidende Schlacht gegen die „Römer“ geführt werden soll, womit die Christen gemeint sind, und damit der Westen per se. Ohne die Schlacht bei Dabiq kann das Jüngs‐ te Gericht nicht stattfinden, und das wollen sie ja alle, denn nichts ist für einen überzeugten Monotheisten schöner als die Zerstörung der Welt, aus deren Trümmern er noch mit ascheverschmiertem Gesicht ins Paradies abberufen wird.** Das ist der Grund, warum der Islamische Staat sich zu Beginn der Flüchtlingskrise die Hände rieb. Man mischte auch Gotteskrieger unter die Flüchtlinge, um die muslimfeindliche Stimmung in Europa weiter aufzuheizen. Kleinere Anschläge wie der Axtangriff im Zug bei Würz‐ burg, der Sprengstoffanschlag auf ein Musikfestival in Ansbach, bei dem nur der Attentäter getötet wurde, oder der LKW-Angriff auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016 hatten nicht den Terror selbst zum Ziel. Das Ziel ist eine Konfrontation mit uns, den Kuffar, deren Gegen‐ reaktion dann eine Radikalisierung bei einem Teil der 16 Millionen Muslime in Europa bewirken sollte. Wie viele Anschläge braucht es da‐ für? Fünfzig? Hundert? Tausend? Bedenken wir, was ein einziger Idiot anrichten kann, wenn er nur überzeugt genug ist, das Richtige zu tun. Und was bedeutet es für das Zusammenleben in Deutschland und Eu‐ ropa in der Zukunft? * Der Islamische Staat und Al-Qaida im Irak sind die gleiche Organisation, sie wurde im Jahre 2014 nur umbenannt, nachdem bin Ladens Nachfolger az-Zawahiri die Gruppe wegen mangelnder Linientreue exkommuniziert hatte. ** Da der Islamische Staat im Oktober 2016 die Kontrolle über die Stadt Dabiq an die türkische Armee verloren hat, wurde das Magazin kurzerhand in Rumiyah umbe‐ nannt, was das arabische Wort für Rom ist und weniger nach Scheitern, sondern wieder nach einem Fernziel klingt. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 304 Sie sehen, wie fragil die Lage ist. Viele der muslimischen Flüchtlin‐ ge sind belogen worden. Die Schlepperbanden hatten ihnen gesagt, sie würden ein eigenes Haus bekommen, alles wäre nur noch himmlisch, man würde bedient werden wie eine Herrenrasse, die örtlichen Frauen kann man jederzeit haben. Sie sollen fügsam sein wie die ideale Musli‐ ma, nur ohne eine Ehre, die man verletzen könnte. In Zeiten von Face‐ book und Twitter verbreiten sich solche Fake News sehr schnell, und umso schneller, je mehr man sie glauben möchte. Es würde über kurz oder lang Frustration bei den Flüchtlingen geben, auch nach Jahren noch. Eine so große Zahl von Flüchtlingen auf einmal zu integrieren, ihnen eine Zukunft zu bieten und ihnen erst einmal das Wesen des europäischen säkularen Staates beizubringen ist eine Aufgabe, die kaum zu bewältigen ist. Interessanterweise hatte Merkel selbst das Multikulti-Projekt im Oktober 2010 noch für gescheitert erklärt100, be‐ vor sie sich angesichts der wachsenden Flüchtlingsmassen 2015 flach auf den Boden legte. Sie hatte anscheinend gedacht, sie könne auch dieses Problem einfach wegmerkeln, und musste es ab dann als Ge‐ winn verkaufen. Seitdem glänzt sie mit Aussagen wie „Ist mir egal, ob ich schuld am Zustrom der Flüchtlinge bin, nun sind sie halt da…“, „Strafdelikte sind bei uns nicht erlaubt“ und „Wir können nur zusam‐ menleben, wenn wir uns gemeinsam an unsere Gesetze halten“.101 Wenngleich man Frau Merkel bei aller scheinbaren Hilflosigkeit noch zugestehen kann, dass sie den Fehler erkannt haben mag, so sieht es bei anderen Politikern geradezu unheimlich aus. Katrin Göring- Eckardt sprach im November 2015 davon, dass man jetzt „Menschen geschenkt“ bekäme. Für den Ideologen sind Menschen in erster Linie nun mal ein Mittel zum Ausleben der ideologischen Träume. Auf dem Parteitag der Grünen im Jahre 2015 frohlockte sie noch im selben Mo‐ nat: „Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich drauf!“102 Im August 2016 hingegen klang sie schon ganz anders. Angesprochen auf den Fall eines muslimischen Vaters, der der Lehrerin seines Sohnes nicht die Hand geben wollte, sagte sie der Rheinischen Post: „Wir müssen für unsere Werte und unsere Kultur, für vieles, was wir ei‐ gentlich für selbstverständlich halten, wieder viel mehr einstehen und kämpfen. Vor allem für Frauenrechte müssen wir heute wieder offensiv in 6.4 Radikalisierung – die konstante Gefahr 305 die Auseinandersetzung gehen. Eine Soße der Harmonie über alles zu kippen, das hilft uns in der Integrationspolitik nicht weiter.103“ Ernüchterung? Nicht doch. Als ehemaliger Präses der Evangelischen Kirche Deutschlands und Präsidiumsmitglied des Deutschen Evangeli‐ schen Kirchentags weiß sie, dass Religion grundsätzlich eine gute Sa‐ che ist und den Menschen gar nicht unethisch, feindselig und rück‐ ständig machen kann. Was haben wir langfristig zu erwarten? Wenn wir nichts tun und lernen, mit dem Terror zu leben, werden die Dschihadisten der Welt so lange die Terrorschraube anziehen, bis wir etwas tun. Wenn wir etwas tun, werden sie die Terrorschraube anziehen, bis wir tot sind oder den Islam annehmen. Wie vielerorts (und auch schon von der mittlerweile immerhin volljährigen Malala Yusufzai höchstpersönlich) gewarnt wird, werden sich, sobald wir irgendwelche Gegenmaßnahmen ergrei‐ fen, mehr und mehr Muslime radikalisieren, weil der Islam nämlich grundsätzlich eine Religion des Friedens ist und mit Terror überhaupt nichts zu tun hat. Als Mittel gegen den Terror empfiehlt sie Bildung, so als wären Osama bin Laden, Aiman az-Zawahiri, Abu Bakhr al-Bagh‐ dadi und der Großteil der 9/11-Attentäter allesamt Analphabeten statt Hochschulabsolventen gewesen. Manche sehen nun mal den Wald vor lauter Bäumen nicht. Eine dritte Option gäbe es noch: wir helfen der islamischen Welt, ihre theokratischen Probleme zu überwinden. Das ist definitiv die schwierigere Aufgabe, und es wird Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauern, aber es sorgt dafür, dass wir nicht auf ewig im psychologischen Aus‐ nahmezustand werden leben müssen. Wir würden uns geehrt fühlen, die islamisch geprägte Welt in den Kreis der Kulturen aufzunehmen, die darin mitarbeiten, das Leben der Menschen kontinuierlich zu ver‐ bessern und gemeinsam nach den Sternen zu greifen. Bisher allerdings besteht sie hauptsächlich aus erzreligiösen Drittewelt-Ländern und aus durch Ölvorkommen reichen Theokratien, die sich für Wissenschaft, Kunst und Philosophie nur so weit interessieren, wie diese Dinge der Religion zu höherem Ansehen verhelfen können. *** Im Falle eines Wechsels vom Nahen Osten nach Europa kommt es, wie Millionen Menschen es in den letzten Jahren durchgemacht haben, zu‐ 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 306 weilen zu einem ganz anderen Phänomen. Zuerst der Kulturschock. Frauen trinken Bier, Schwule dürfen sich in der Öffentlichkeit küssen, überall Schweinefleisch. Und niemand wird sofort vom Blitz erschla‐ gen! Denkt man als religiös Indoktrinierter länger darüber nach, so gibt es letzten Endes nur zwei mögliche Erklärungen dafür: entweder wurde man sein Leben lang belogen, teilweise auch von Leuten, die es selbst nicht besser wussten; dann kann man sich, wenn auch zaghaft und schrittweise, davon lösen. Es ist das, was im Film Matrix die rote Pille ist: unangenehme Erkenntnis, aber die Wahrheit. Oder aber man nimmt die blaue Pille: Gottes Strafe kommt erst später, wird dann aber umso größer ausfallen. Die Hölle wartet auf all die Ungläubigen. Und plötzlich fällt einem wieder ein: dieses Leben ist doch nur eine Prüfung Allahs! Hier entscheidet sich, ob der Mensch sich des Paradieses als würdig erweist! All die biertrinkenden Frauen, die sich küssenden Schwulen und die Currywurstfans haben jetzt schon versagt, und ihr Lebensstil ist eine Prüfung Allahs für mich! So paradox es klingt: ab einem gewissen Grad an Gläubigkeit bewirkt die Konfrontation mit einer wenig religiösen Gesellschaft tatsächlich nicht, dass die religiösen Ansichten relativiert werden, sondern schlichtweg mehr Religion im Individuum. Denn hier bewirkt die kognitive Dissonanz, sich in den eigenen Glauben hineinzusteigern - die Flucht in die Phantasiewelt hilft, die ei‐ gene Misere zu ertragen. Dass die Trennung von Staat und Religion das moderne Leben im Westen mit all seinen Annehmlichkeiten er‐ möglicht und die mangelnde Trennung von Staat und Religion im Na‐ hen Osten die geringe Lebensqualität verursacht, blendet man einfach aus. In Europa wird fern von Gott gelebt, und das kann ja nur schlecht sein. Alles, was man für eine unheilvolle Entwicklung hin zum Extre‐ misten braucht, sind laut Maajid Nawaz vier Dinge: 1. Groll. Unzufriedenheit mit dem Westen und seinen Taten, seinem Wegschauen in Bosnien, wegen Osttimor, wegen Irak. Ist man Muslim genug, wird man immer etwas finden, wofür man den ge‐ neralverdächtigen Westen anklagen kann. Hier ist auch oftmals die politische Linke behilflich, die den religiös motivierten Hass auf den Westen zuweilen mit lobenswertem Antikapitalismus ver‐ wechselt. 6.4 Radikalisierung – die konstante Gefahr 307 2. Eine persönliche Identitätskrise. Eine Migration vom Nahen Os‐ ten nach Europa liefert hier genug Gründe. Wenn man nicht das Bildungsniveau hat, um Anspruchsvolleres zu tun als Lahmacun aufzurollen oder Pakete auszuliefern und man darüber hinaus glaubt, man sei in Europa ausschließlich von Rassisten umgeben, dann wird man sie auch überall sehen. Und sei es nur, weil die Schwester am Schwimmunterricht teilnehmen soll. Das Nichtbe‐ folgen islamischer Regeln durch Europäer und ihre Weigerung, is‐ lamisch motivierten Forderungen nachzugeben, kann nur eine Er‐ klärung haben: Hass auf den Islam und Muslime. Und eine Min‐ derheit, die sich gehasst fühlt, muss einfach die Aufmerksamkeit der politischen Linken erhalten. 3. Ein charismatischer Rekruteur, der den Orientierungslosen in den Punkten 1 und 2 bestätigt. Auch davon gibt es in Deutschland ge‐ nug. Pierre Vogel, Sven Lau, Ibrahim Abou Nagie, Abu Walaa, Ab‐ dul Adhim Kamouss, Ahmad Abul Baraa, der davon abrät, das Handy mit auf die Toilette zu nehmen und Sami Abu-Yusuf, der den Frauen der Kölner Silvesternacht durch Parfüm und „halb‐ nacktes Herumlaufen“ die Schuld an den Vorfällen gab, werden von reichen Golfstaaten finanziert, um eine wortgetreue Ausle‐ gung des Koran zu predigen. Sie sind hier und tun ihr lächerliches, aber geglaubtes und daher gefährliches Werk, denn sie verbreiten 4. die Ideologie, die man noch benötigt, um gänzlich in die Radikali‐ tät abzugleiten, um das eigene Leben nicht mehr zu schätzen, um das Gute zu verbreiten und vor dem Bösen zu warnen und gleich‐ zeitig die Eintrittskarte ins Paradies zu erhalten. Der Koran liefert dafür genauso viel Stoff wie das Alte Testament, allerdings be‐ hauptet er von sich, Silbe für Silbe das letzte Wort des Schöpfers an die Menschheit zu sein, und daher ist die wortgetreue Ausle‐ gung des Korans im Islam viel naheliegender und die Bindung des Individuums an die Schrift viel stärker, als man beim Alten Testa‐ ment argumentieren kann. Ist es daher verwunderlich, dass die Zahl an Salafisten in Deutschland konstant zunimmt? Waren es im Jahre 2011 noch 3.800 Personen, wa‐ ren es 2018 bereits 11.000. In einem Artikel von 2017 beschreibt der Verfassungsschutz die Koranexemplare der LIES!-Kampagne bereits in der 21. Auflage.104 Abou Nagies erklärtes Ziel ist es, 25 Millionen Ko‐ 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 308 ranexemplare in Deutschland zu verteilen – eines für jeden Haushalt. Man kann ihre Vereine verbieten, aber deswegen rasieren sie sich noch lange nicht. Als sein Verein Die Wahre Religion im Jahre 2016 verboten wurde und man bei dieser Gelegenheit 22.000 Koranexemplare beschlag‐ nahmte, stellte sich umgehend die Frage, wie mit den Druckwerken zu verfahren sei. Würde man sie schreddern oder verbrennen, gäbe es wohl ähnliche Proteste in der muslimischen Gemeinschaft (nicht nur von den Salafisten!) wie im Jahre 2012, als auf einer amerikanischen Militärbasis in Afghanistan einige Koranexemplare verbrannt wurden, mit denen inhaftierte Taliban geheime Botschaften ausgetauscht hat‐ ten. Die unvermeidlichen Wutausbrüche des Volkes führten zu 41 To‐ ten und 270 Verletzten – unter anderem erschoss ein afghanischer Sol‐ dat (eigentlich ein Verbündeter!) zwei US-Soldaten.105 Das Wahr‐ scheinlichste für die beschlagnahmten Koranexemplare (die mit stark salafistischer Tendenz ins Deutsche übersetzt wurden) ist tatsächlich eine Bestattung in der Wüste. Es soll aber auch Islamwissenschaftler geben, die eine Vernichtung von Koranübersetzungen grundsätzlich erlauben, da sie das Original eh nie erreichen und daher nicht als Ko‐ rane gelten.106 In seiner Autobiografie Mein Abschied vom Himmel beschreibt Ha‐ med Abdel-Samad eindringlich, wie er als frommer Muslim nach Deutschland kam, für die Einwohner und ihren Lebensstil mit der Zeit immer mehr Verachtung entwickelte und dann eines Tages beschloss, es sei nun genug. Klarheit musste her! Hin- und hergerissen zwischen den Dogmen, die er gelernt hatte, und den Erfahrungen in einer nicht‐ muslimischen Gesellschaft nahm er den Koran und stellte sich dabei vor, dies sei nicht das Buch Gottes, perfekt und seine letzte Botschaft an die Menschheit, sondern ein von Menschen geschriebenes Buch, das naturgemäß auch Fehler enthalten kann. Plötzlich ergab vieles mehr Sinn als vorher, und das änderte seine Einstellung erheblich. Es ist erstaunlich, wie sehr man 35 Jahre lang den Wald vor lauter Bäu‐ men nicht sehen kann, da Prägung und kognitive Dissonanz einen da‐ von abhielten, die Sache zu durchschauen. Hamed hatte jedoch die ro‐ te Pille genommen, war in das Reich des Zweifels und der Suche nach Wahrheit eingetreten und fühlte sich bereichert. Denn im Reich des Zweifels gibt es zwar weniger Gewissheit, dafür aber mehr Freiheit. 6.4 Radikalisierung – die konstante Gefahr 309 Dann kam der 11. September 2001. Innerhalb kurzer Zeit wurde er vom Bundeskriminalamt eingeladen, einmal vorstellig zu werden, damit man sich besser kennenlerne. Es stellte sich heraus, dass seine Biographie denen der meisten Attentäter des 11. September stark äh‐ nelte. Hamed kooperierte und gibt auch in seinem Buch ohne Weiteres zu, dass er durchaus zu den Attentätern hätte gehören können, wenn er nicht die rote Pille genommen hätte. Nun ist er einer der schärfsten Islamkritiker Europas. So leicht kann man geistig abbiegen. Wohin, hängt von der Mühe ab, die man sich zu machen bereit ist. Dass er von konservativen Muslimen angegriffen wird, sollte nicht überraschen. Dass Teile der politischen Linken ihn genauso attackieren, obwohl es bereits eine Fatwa aus der Al-Azhar-Universität in Kairo gegen ihn gibt, ist geradezu jämmerlich. Ich habe ihn anlässlich eines Vortrages einmal live erleben dürfen. Wir, die Hamburger Regionalgruppe der Giordano Bruno Stiftung, hatten als Organisatoren der Veranstaltung zunächst eine Zusage der Technischen Universität Hamburg-Harburg erhalten, die Vorlesung in ihrem Audimax durchzuführen. Wir hatten die TUHH als symboli‐ schen Ort für sehr geeignet gehalten, da immerhin einige der berüch‐ tigtsten Terroristen des bisherigen Jahrtausends dort studiert hatten, zum Beispiel Mohammed Atta (und auch Theodor Nöldeke wurde in Harburg geboren).* Kurz nach ihrer Zusage sagten die Entscheidungs‐ träger der TUHH uns und Hamed dann doch noch ab, da sie um „die Sicherheit des Campus“ fürchteten. Also suchten wir eine Alternative und fanden sie in der Freien Akademie der Künste, die uns dankens‐ werterweise ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellte. Hamed kam erst kurz vor der eigentlichen Veranstaltung, begleitet von vier BKA-Beamten. Er verschwand in seinem Zimmer, um mög‐ lichst wenig gesehen zu werden, und als der Vortrag begann, saß er al‐ leine vor dem Mikrophon, die Beamten jeweils zu zweit links und rechts der Bühne. Sie ließen die Augen nicht von Saal. Ich saß seitlich von der Bühne mit meiner Kamera und zeichnete auf.107 Als mir nach etwa einer Stunde der Hintern wehtat, stand ich kurz auf, um wieder * Ich wohnte zu Attas aktiver Zeit auch in der Nähe des TUHH-Campus, zwei Geh‐ minuten von seiner konspirativen Wohnung entfernt. Als ich nach den Anschlägen sein Foto im Fernsehen sah, erinnerte ich mich, ihm oft morgens auf der Straße be‐ gegnet zu sein. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 310 etwas Blut in die vernachlässigten Zonen zu lassen. Die beiden Beam‐ ten in meiner Nähe standen sofort auf und waren darauf bedacht, ein Blickduell mit mir jederzeit zu gewinnen. Ich starrte die Beamten an, sie starrten mich an, Hamed starrte die Beamten an, der Saal starrte mich und die Beamten an. Hamed entschärfte die Situation, indem er dem Saal versicherte, alles sei in Ordnung, man könne wieder zu ihm schauen. Er nahm es mit Humor, was mir eingedenk seiner Lebenssi‐ tuation schon Respekt einflößt. Aber wenn einige Millionen Menschen einen tot sehen wollen, kann man wahrscheinlich eh nur noch lachen. *** Der Gedanke, dass Mohammed als Vorbild für alle Muslime dient, kristallisiert sich in der Sunna, übersetzt Handlungsweise. Hier wird deutlich, dass es sich keinesfalls um die überspannte Auslegung einer radikalen Minderheit handelt, sondern im Islam ein Mainstream-Ge‐ danke ist. Wir können allen friedfertigen Muslimen der Welt an dieser Stelle dafür danken, die Sache mit den minderjährigen Ehefrauen und den enthaupteten Islamkritikern nicht so ernst zu nehmen, aber ei‐ gentlich verhalten sie sich damit nicht islamisch korrekt. Es herrscht damit ein konstanter Druck auf die Muslime der Welt, der nur von Aufpeitschern rausgeholt werden muss, um eine Radikalisierung zu bewirken oder die friedfertigen Muslime aus dem Islam zu vertreiben. Das aber wäre eine ganz andere Kategorie von Fehlverhalten, denn niemand hat im Islam so schlechte Karten wie der, der aussteigen will. Ich bewundere jeden, der den Mut dazu hat, es tatsächlich zu tun, denn es bedeutet in frommeren Zirkeln und in Theokratien ein Todes‐ urteil, in gemäßigteren Kreisen aber mindestens das gesellschaftliche Aus. Da will einer nicht dazugehören oder hält sich für besonders. Wer aus der italoamerikanischen Mafia aussteigt und mit der Polizei redet, wird wiseguy genannt, Schlaumeier. Der Mensch ist überall der gleiche. Hier wird durch das Abwerten des Aussteigers kognitive Dissonanz vermieden, sonst nichts. Es ist jedoch bedauerlich, wie gut das in der Praxis funktioniert. Nun darf man aber nicht denken, dass alle Saudis oder alle Ägyp‐ ter religiöse Fanatiker wären. Die menschliche Natur war und ist, zur Verzweiflung aller Despoten, niemals so homogen wie schlicht mö‐ blierte Denker es sich wünschen. Gedankliche Vielfalt wird es immer 6.4 Radikalisierung – die konstante Gefahr 311 geben. Es ist wie in jedem totalitären System: die Zweifler lernen zu schweigen, aber sie bleiben oftmals Zweifler, denn es liegt in ihrer Na‐ tur. Gerade in Zeiten der weltweiten Instantkommunikation, in der über Twitter oder Facebook ein Gedanke innerhalb von Sekunden um den ganzen Erdball transportiert werden kann, müssen die Despoten die Schrauben anziehen, wenn sie die Kontrolle behalten wollen. Sie müssen die Zweifler daran hindern zu bemerken, dass sie nicht allein sind, denn sonst könnten sie sich Gehör verschaffen. Und das ge‐ schieht bereits.* Ich halte es seitens der Islamapologeten in der westlichen Welt für bemerkenswert realitätsblind, wenn man einerseits leugnet, dass die Lehren des Islam irgendetwas mit dem globalen Dschihad zu tun ha‐ ben sollten, und gleichzeitig nicht bemerkt, dass man mit den Extre‐ misten im Chor schreit, wenn man Exmuslime wie Hamed Abdel-Sa‐ mad, Ayyan Hisli Ali oder Mina Ahadi niederbuht, weil sie trotz ihrer eigenen Abstammung komischerweise Rassisten sein könnten. Merke: dass du erfolgreich integriert wurdest, erkennst du daran, dass dein Migrationshintergrund nicht mehr vor Rassismusvorwürfen schützt. Farkhunda – das Aufwischen Der geborene Muslim Abdul Rahman aus Afghanistan konvertierte im Jahre 1990 zum Christentum, nachdem er begonnen hatte, für eine christliche Hilfsorganisation zu arbeiten. Er wanderte nach Europa aus, bekam jedoch weder in Deutschland noch in Belgien Asyl und wurde im Jahre 2002 wieder nach Afghanistan abgeschoben. Im Jahre 2006 zeigten seine eigenen Eltern ihn bei der Polizei an, nachdem sie ihn ei‐ nige Jahre lang zähneknirschend gedeckt hatten. Die Polizei fand eine Bibel bei ihm, und so wurde er der Apostasie angeklagt. Der vorsitzen‐ de Richter Ansarullah Mawlafizada wurde mit den Worten zitiert: „Der Prophet Mohammed sagte mehrfach, dass diejenigen, die den Islam verlassen, getötet werden sollen, sofern sie sich weigern zurückzukehren. Der Islam ist eine Religion des Friedens, der Toleranz, der Güte und der 6.5 * Im September 2016 traf ich bei irgendeiner Gelegenheit Mina Ahadi vom Zentralrat der Exmuslime. Sie schätzt, dass 10-15 Prozent der Flüchtlinge aus dem Nahen Os‐ ten in Wirklichkeit Atheisten sind, die vor dem Islam fliehen. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 312 Rechtschaffenheit. Daher haben wir ihm gesagt, dass wir ihm vergeben werden, wenn er bereut, was er getan hat.“108 Kann man es sich noch widersprüchlicher vorstellen? Fast möchte man glauben, dass der Richter gar nicht weiß, was Frieden, Toleranz, Güte und Rechtschaffenheit eigentlich sind. Er kennt diese Begriffe nur aus islamischer Sicht. Ich wünschte, man könne nur dem Individu‐ um dafür Vorwürfe machen. Doch leider betrifft es einen ganzen Kul‐ turkreis. Da Abdul Rahman sich weigerte, zum Islam zurückzukehren, wur‐ de allen Ernstes eine medizinisch-psychologische Untersuchung ange‐ ordnet, denn wer im Angesicht der Todesstrafe nicht zum Islam zu‐ rückkehrt, der muss verrückt sein. Doch eigentlich zeigte er damit doch genau die Standhaftigkeit, die gewöhnlich von Muslimen ver‐ langt wird – die ultimative Prüfung des Glaubens im Angesicht des To‐ des. Tut man es jedoch im Namen einer anderen Religion, hat man an‐ scheinend nicht mehr alle Tassen im Schrank. Aufgrund von juristischen Formfehlern (und wahrscheinlich auch auf internationalen Druck hin) wurde Abdul Rahman im März 2006 schließlich freigelassen. Er lebt heute in italienischem Asyl. Am 29. April 2017 erstach der afghanische Flüchtling Hamidullah Moradi vor einem Lidl-Markt in Prien am Chiemsee die ebenfalls aus Afghanistan stammende Farimah Seadie vor den Augen ihrer Kinder mit 16 Messerstichen.109 Als Grund gab er an, dass sie zum Christen‐ tum konvertiert war. Was wie religiöser Extremismus klingt, war in Wirklichkeit gar keiner. Es war Linientreue zum sunnitischen Islam. Hamidullah Moradi wurde am 9. Februar 2018 vom Landgericht Traunstein wegen des Mordes an Farimah Seadie zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach deutschem und europäischem Gesetz hat er eine schwere Straftat begangen – nach islamischem Recht hat er eine schwere Straftat gesühnt. In seiner Welt ist Gott stolz auf ihn, in unse‐ rer Welt ist er ein Lynchmörder. Ist es tatsächlich nur eine Marotte des Westens, Menschenleben höher zu schätzen als die Einhaltung von religiösen Dogmen? Liegen wir wirklich so falsch damit, wenn jeder ein Recht darauf haben soll, sich frei zu entfalten und an religiösen Inhalten teilzunehmen oder nicht? Sind wir anmaßend, wenn wir allen Menschen dieses Recht wünschen? Wem genau sind wir ein Dorn im Auge, wenn wir den 6.5 Farkhunda – das Aufwischen 313 Menschen das Recht absprechen, selbst Urteile über andere zu fällen und sie zur Einhaltung von Regeln zwingen, die nicht ihre sind? Genau das ist das Problem. Wenn wir den wütenden Mob von Ka‐ bul bestraft sehen wollen, der die nicht minder religiöse Farkhunda in religiöser Hysterie tötete, dann fällen wir doch auch ein Urteil über Leute, die mit unseren ethischen Vorstellungen nichts zu tun haben wollen. Wo genau liegt der Unterschied, sofern es einen gibt? Was ge‐ nau macht unserer Forderung nach Menschenrechten wertvoller als die Scharia, die ja auch nur mit dem Selbstverständnis verbreitet wird, den Menschen langfristig Gutes zu tun? Kommen wir zunächst zu den Regeln selbst. Religion ist, wie man so gerne behauptet, eine freie Entscheidung des Individuums. Wenn das so ist, dann kann man unmöglich Menschen lynchen, die andere Wertvorstellungen haben. Es würde aber das Taufen und Beschneiden von Säuglingen ebenfalls als unfairen Trick entlarven, als Rekrutierung wider Willen oder, wie man in Hamburg sagt, als Schanghaien.* Indem man einem Säugling die Vorhaut abtrennt, schafft man Tatsachen, die zum Einknicken einladen. Doch auch hier stellt sich wieder die Frage, wann genau das euro‐ päische Individuum eigentlich zugestimmt haben soll, in einem westli‐ chen Staatsgebilde zu leben und sich an dessen Regeln zu halten. Kön‐ nen Sie sich erinnern, wann Sie zugestimmt haben, mit 16 Jahren einen Personalausweis zu erhalten, Lohnsteuer zu zahlen, krankenver‐ sichert zu sein, in die Bundeswehr eingezogen zu werden oder Zivil‐ dienst zu leisten? Das haben Sie nie, das hat man Ihnen abgenommen. Warum also sollte man sich daran halten? Hat man Sie gezwungen, oder ist Ihnen der Gedanke nie gekommen, dass Sie sich auch hätten dagegen entscheiden können? Schwierige Frage, nicht wahr? Die Antwort, die ich dazu habe, ist folgende. Ein moderner, säkularer Staat erlaubt sich diese Dinge, und er tut das in der Verpflichtung, sich um Ihr Wohlergehen zu küm‐ mern.** Sie haben Rechte und Pflichten, und das einzige Ziel dieser Re‐ geln besteht darin, das friedliche Zusammenleben großer Menschen‐ * Jemanden betrunken machen und als Seemann verpflichten, so dass er erst an Bord eines Schiffes auf dem Weg nach Schanghai wieder zu sich kommt. ** Ich sollte vielleicht noch darauf hinweisen, dass ich vom deutschen Staat rede, nicht von seiner jeweiligen Regierung. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 314 mengen zu ermöglichen. Ein halbes Dutzend Gestrandeter auf einer einsamen Insel kann miteinander reden, eine Nation von Millionen muss Vertreter schicken. Wir sind zu viele, als dass jeder noch einzeln befragt werden könnte. Warum sollte es den Staat interessieren, ob Ihr Haus brennt? Den‐ noch schickt er die Feuerwehr, die er mit Grundsätzen, Ausbildung, Ausrüstung, Fuhrpark und ständiger Bereitschaft organisiert. Der Diebstahl Ihres Autos könnte ihm egal sein, doch die Polizei nimmt Ihre Anzeige auf und sucht nach Ihrem Wagen. Es könnte dem Staat egal sein, ob Sie Arbeit haben, doch er unterstützt Sie, wenn Sie ar‐ beitslos werden. Er muss nicht eingreifen, wenn Sie blutend auf der Straße liegen, doch er hat für solche Fälle Rettungsdienste organisiert, die jeden Unfallort in Deutschland in 17 Minuten erreichen können. Der Staat tut diese Dinge, weil Menschen beschlossen haben, dass es seine Pflicht sei. Der moderne europäische Staat, der vom wesentlich älteren amerikanischen Staat inspiriert wurde, ist von Menschen für Menschen. Er basiert auf der Allgemeinen Erklärung der Menschen‐ rechte von 1948 – ihr stimmten 48 Mitgliedsstaaten zu, und acht Staa‐ ten enthielten sich. Es handelte sich dabei um Staaten des Kommunis‐ mus, Südafrika und Saudi-Arabien. Wenngleich die Mehrzahl der Menschen, die diese Erklärung ausarbeiteten und unterzeichneten, Christen gewesen sein dürften, so hat der Vatikan selbst sie jedoch nie anerkannt. Der Durchschnittschrist hat nun mal höhere Ansprüche an das gepflegte Zusammenleben als die offiziellen Vertreter seines Glau‐ bens. Eine Eigenschaft aber hebt den modernen Staat besonders hervor: die Trennung von Staat und Religion. Der moderne Staat muss Religi‐ on in die Schranken verweisen, denn beide wollen letzten Endes nichts anderes als die Herrschaft über das Land, und beide, der Staat und die Religion, sehen sich selbst als alternativlos. Der Unterschied liegt in ihren ethischen Ansichten. Der Kern monotheistischer Religionen liegt in gewissen Überzeugungen über die Beschaffenheit der Realität, in der Frage, was nach dem Tod geschieht, und wie man für sich selbst den bestmöglichen Ausgang der Geschichte erreichen kann. Ein weite‐ rer Unterschied liegt nun darin, dass die religiöse Komponente Glau‐ benssache ist, da sie nicht bewiesen werden kann. Unabhängig von Dogmen wie „Dieses Leben ist nur eine Prüfung für das Jenseits“ 6.5 Farkhunda – das Aufwischen 315 nimmt der moderne europäische Staat zur Kenntnis, dass die letzten Fragen nicht zu beantworten sind, es aber konkret in diesem Leben Dinge gibt, die man regeln muss. Zur Minimierung von Leid haben Sie Rechte, die Ihnen niemand nehmen kann, auch der Staat nicht, der sie Ihnen gab. Er kann Sie für gewisse Taten einsperren, aber er kann Sie nicht foltern oder töten, zumindest in Europa nicht mehr. Tun Vertre‐ ter der Exekutive es dennoch, können sie vor Gericht gezogen werden. Niemand darf Sie besitzen; Sie sind niemandes Eigentum. All diese Rechte hat der Staat Ihnen unter anderem deswegen gegeben, weil er das Leben im Jenseits nur für eine Hypothese hält. Wenn Sie religiös sein möchten, dann dürfen Sie das. Das gibt Ih‐ nen aber nicht das Recht, die Regeln, die Sie sich selbst auferlegt haben, auf andere anzuwenden, die damit nichts zu tun haben möchten. Reli‐ gionen gibt es viele, und sie widersprechen sich zum Teil erheblich. Staat gibt es immer nur einen pro Staatsgebiet, auch wenn gewisse Reichsbürger das anders sehen. Religionen streben danach, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft sich an die Regeln der Religion halten, denn sie können Parallelent‐ würfe nie lange ertragen. Doch was genau schadet es mir, wenn mein linker Nachbar schwul ist und das Ehepaar rechts eine offene Ehe führt? Es geht mich nichts an. Der Religiöse jedoch fühlt sich ermäch‐ tigt, seinen Mitmenschen seine Version des Guten beizubringen, und kann nicht verstehen, warum es die anderen nicht so begeistert wie ihn selbst. Was immer die Regeln der Religion genau sind, die Religion ver‐ pflichtet uns, ihre Einhaltung zu forcieren, da wir uns sonst gegen die Gebote des Schöpfers versündigen. Deshalb erwartet sie von uns, dass wir uns in Dinge einmischen, die uns nichts angehen, und das Gewalt‐ monopol des Staates herausfordern. Der deutsche Staat verpflichtet Sie, einen geplanten Mord bei der Polizei zu melden, wenn Sie davon Kenntnis erhalten. Ist das nicht das Gleiche? Geht mich ein Mord an Person X durch Person Y etwas an? Nun, der Staat zieht die Grenzen anders als die Religionen. Im Gegen‐ satz zu religiösem Recht allerdings verbietet er die Selbstjustiz, wäh‐ rend die Religion sie bei theologischen Übertretungen von uns gerade‐ zu erwartet. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 316 Sowohl im Christentum als auch im Islam ist Gott die oberste In‐ stanz nicht nur im Staat, sondern im gesamten Universum. Was bleibt, ist also eine unausweichliche Entscheidung zwischen Staat und Religi‐ on als oberster Quelle des Rechtes. In Europa hat nach langem Ringen der Staat gewonnen – Bismarcks Arbeit war hier so gründlich, dass sie‐ ben Orte in den USA von deutschen Einwanderern nach ihm benannt wurden. Diese Menschen waren durchweg Christen, aber sie haben er‐ kannt, dass eine Trennung von Staat und Kirche die Lebensqualität für alle erhöht. In weiten Teilen der islamischen Welt ist Allah die höchste Instanz, und im Rest der islamischen Welt gibt es Kräfte, die diese Idee durchsetzen wollen, als wäre ihre blutige Vorgeschichte unerheblich und die Toten gerechtfertigt. Für diese Kräfte ist ein weltlicher Staat mit menschgemachten Gesetzen eine Anmaßung gegenüber dem Schöpfer. Das Vermeiden von Leid in dieser Welt ist unnötig, gar ein Eingriff in Gottes Plan, denn dieses Leben ist nur eine Prüfung für das Jenseits, die Sie bestehen müssen.* Anscheinend gibt sich der Schöpfer des Universums damit zufrieden, Pauschalurteile zu fällen, und es ist erstaunlich, wie viele Menschen damit zufrieden sind, nicht mehr zu sein als eine Ameise unter einem Brennglas. Die Antwort ist: sie sind immerhin eine Ameise, die Nichtanhänger ihres Glaubens sind jedoch Garnichts. Der säkulare Staat garantiert keinen Frieden, aus dem einfachen Grund, dass Religion noch nie der einzige Kriegsgrund war. Der säku‐ lare Staat ist aber eine Grundbedingung dafür, dass es Frieden geben kann, inneren wie äußeren. Die Situation in der islamischen Welt ist, vereinfacht gesprochen, folgende: In kaum einem Land in der islami‐ schen Welt gibt es etwas anderes als einen Gottesstaat, eine Diktatur oder eine theokratisch gestützte Monarchie. Wenn es um die Leidvermeidung des Individuums geht, so sind die westlichen, säkularen Gesellschaften tatsächlich weiter fortge‐ schritten als die religiös geprägten. Zu behaupten, dass eine Gesell‐ schaft, in der Dinge wie mit Mashal Khan oder Farkhunda geschehen, mit einer rechtsstaatlichen, säkularen Gesellschaft gleichwertig sei, wird zwar gelegentlich behauptet, aber die Realität sieht anders aus. * Erstaunlicherweise ist Ihr Verhalten dann aber nicht Teil des Plans des Allmächtigen. Man muss schon wissen, an welcher Stelle man die Menschen zu gängeln beginnt. 6.5 Farkhunda – das Aufwischen 317 Die Massen der Flüchtlinge fliehen nicht in Länder wie Saudi-Arabien oder Malaysia, wo es genauso viel Religion, aber mehr Wohlstand gibt. Sie fliehen in den Westen, zu den Ungläubigen, wo jeder sein darf, wie er will, solange er sich an die Gesetze hält. Das gilt prinzipiell auch un‐ ter der Scharia, aber dort sind die Gesetze beengender und die Strafen für Übertretungen härter. Wer Freiheit will, geht in den Westen, auch wenn er ihn hasst. Religionen helfen sich lieber gegenseitig, als der Gesellschaft zu helfen Gelegentlich wird man als atheistischer Aktivist gefragt, warum man nicht einfach still und für sich allein nicht an Gott glauben kann. War‐ um gleich einem Verein beitreten, wenn man nichts anderes macht als NICHT zu beten? Die Antwort ist einfach: weil zu viele es nicht fertig bringen, still und für sich allein an Gott zu glauben. Ich schaue ins Land und sehe Kirchetage, die mit Steuermillionen bezuschusst werden und deren Besucherzahlen nie auch nur annä‐ hernd den Behauptungen entsprechen;110 Ich sehe Kruzifixe in Klassenzimmern und in bayerischen Amts‐ stuben, als würden sie für alle stehen; Ich sehe Staatsverträge mit religiösen Minderheiten, für die das Grundgesetz nur eine menschliche Anmaßung gegenüber Allahs Ge‐ setz ist, und die direkte Angestellte der türkischen AKP sind; Ich sehe Apologeten, die in der Öffentlichkeit jeden Blödsinn be‐ haupten würden, solange es der Sache nützt; Ich sehe Starrsinn und Arroganz, die als Demut gegenüber dem Herrgott daherkommen; Ich sehe Straßenschlachten, Terroranschläge und Livepredigten; Ich sehe Krankenhäuser, vom Staat finanziert und von Kirchen ge‐ leitet, in denen ein Chefarzt entlassen wird, weil er zum zweiten Mal heiraten will; Ich sehe kreationistische Arbeitskreise, die die Evolutionslehre für ein Wunschdenken von Atheisten halten und Biologiebücher mit der biblischen Schöpfungsgeschichte in die Schulen tragen wollen; 6.6 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 318 Ich sehe Jugendliche in einem Ausmaß in den Krieg nach Syrien ziehen, das nicht darauf hindeutet, ihre religiösen Führer hätten sie da‐ von abhalten wollen; Ich sehe organisierten Wahnsinn, der Einzelne in die Psychiatrie bringen würde, während man es sofort mit Kultur verwechselt, wenn Millionen Menschen es tun; Ich sehe Politiker, die jede noch so abscheuliche religiöse Zuckung akzeptieren, mit keiner besseren Begründung als „ist halt deren Kul‐ tur“ oder „wir sind ein christliches Land“; Ich sehe Ärzte, die Homosexualität exorzieren wollen; Ich sehe Gott auf allen Seiten eines Krieges gleichzeitig und daher immer auch auf der Gewinnerseite. Sie haben die menschliche Geschichte durch systematische Bü‐ chervernichtung um Jahrtausende zurückgeworfen. So sehr, dass unse‐ re Bibliotheken erst Anfang des neunzehnten Jahrhunderts wieder die Anzahl von Monographien beherbergten, die wir kurz vor der Verbrei‐ tung des Christentums hatten. Wir haben die Lebenserwartung des Menschen mit Antibiotika fast verdoppelt. Nicht durch Beten. Wir haben den Mond erreicht. Mit Wissenschaft und Technik, und nicht dadurch, dass man ganz fest dran glaubt. Wir haben uns von absolutistischen Regimes losgesagt, deren be‐ reitwilliger Partner die Religion immer gewesen ist. Sie verhandeln nicht mit den Menschen, sie verhandeln mit der Macht, denn sie sehen sich per Direktverbindung mit Gott dazu im Recht. Und sie hören nicht auf, bei jeder Gelegenheit nach der Macht zu greifen, in der Ukraine, in Russland, in der Türkei, in den USA und in Polen, wo Jesus tatsächlich zum König ernannt wurde111, und animie‐ ren Politiker, sich für sie stark zu machen, damit ihr Einfluss nicht so sehr auffällt. Gerufen zu werden ist schöner als Klinkenputzen, und es sieht auch besser aus. Sie geben Salman Rushdie die Schuld an der Fatwa gegen ihn und Charlie Hebdo die Schuld an seinem eigenen Massaker, denn religiöse Gefühle wurden verletzt. Robert Runcie, der damalige Erzbischof von Canterbury, setzte sich anlässlich der Satanischen Verse tatsächlich für eine Verschärfung der britischen Blasphemiegesetze ein. Was bedeuten religiöse Gefühle, wenn sie dazu führen, dass Menschen getötet wer‐ 6.6 Religionen helfen sich lieber gegenseitig, als der Gesellschaft zu helfen 319 den oder über Jahrzehnte untertauchen müssen! Zu erwarten, dass man deshalb aufhört, Bücher zu schreiben oder Karikaturen zu zeich‐ nen, ist zu erwarten, dass Religion wieder wichtiger wird als Men‐ schenleben – und dass eine Religion, der wir nicht angehören, den‐ noch unser Leben bestimmt. Gerade in letzter Zeit kann in Deutschland beobachtet werden, dass die Großkirchen den Islamverbänden sehr hilfreich gegenüberste‐ hen und sich dafür einsetzen, dass auch die Islamverbände Staatsver‐ träge bekommen, staatliche Privilegien genießen und der Alltag, wo immer es erforderlich wird, den Wünschen der Islamverbände ange‐ passt wird. Getrennter Schwimmunterricht, Halalfleisch in der Schul‐ kantine, Rücksicht auf ausgezehrte Schüler, die aus religiösem Eifer am Ramadan teilnehmen, obwohl sie explizit das Recht haben, es nicht zu tun. Wird es in Deutschland niemals eine Hinterhofsteinigung geben, weil die verheiratete Tochter keine Jungfrau mehr war oder weil sie aus Liebe statt aus Religionszugehörigkeit heiraten will? Es wird sie lang‐ fristig geben, wenn wir gegenüber der Religion als Idee weiterhin so passiv und wohlwollend sind. Warum tun die Kirchen das? Warum hofieren sie den Islam, egal wer sich als sein Vertreter ausgibt? Der Berliner Pfarrer Martin Ger‐ mer bezeichnete Anis Amri, den Täter vom Berliner Breitscheidplatz als jemanden, der „seine destruktiven Energien mit dazu passenden Versatzstücken seiner Religion“ versehen hat.112 Der Berliner Jesuiten‐ pater Tobias Zimmermann beklagte, das Neutralitätsgesetz an Berliner Schulen mache Religion zur Privatsache, was eine Mitschuld am Nie‐ dergang christlicher Religion in Deutschland trage.113 Daher habe er ganz bewusst eine muslimische Lehrerin mit Kopftuch eingestellt, denn im Islam wird noch so richtig geglaubt. Heinrich Bedform-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, plädiert für einen Islamunterricht an allen deutschen Schulen, und zwar unter der Kontrolle der Islamverbän‐ de.114 Dazu gehören die DITIB, die direkt dem türkischen Präsidium für religiöse Angelegenheiten untersteht – dieses wiederum ist Teil des türkischen Ministerpräsidentenamtes. Was in den 900 deutschen Mo‐ scheen dieses Vereins gepredigt wird, steht somit im direkten Verant‐ wortungsbereich von Recep Erdogan. Zu den Islamverbänden gehört auch die äußerst bescheiden benannte Islamische Gemeinschaft in 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 320 Deutschland (IGD), die nichts anderes ist als der in Deutschland agie‐ rende Arm der ägyptischen Muslimbruderschaft. Im November 2014 veröffentlichte das Kabinett der Vereinigten Arabischen Emirate eine Liste mit 83 islamistischen Terrororganisationen, zu denen Al-Qaida, der Islamische Staat, Boko Haram, die Muslimbruderschaft und auch die IGD gehörte. Die IGD ist auch Gründungsmitglied des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Der Zentralrat der Muslime in Deutsch‐ land ist ebenfalls eine rechte Mogelpackung, da er mit seinen rund 20.000 Mitgliedern zwar recht medienpräsent ist und sich zentral gibt, jedoch für die knapp fünf Millionen Muslime in Deutschland schwerlich repräsentativ sein kann. Dennoch war es sein Vorsitzender Aiman Mazyek, der sich nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo zwi‐ schen Angela Merkel und Joachim Gauck einhaken durfte, und nicht Hamed Abdel-Samad oder Ahmad Mansour, die der Idee einer sol‐ chen Mahnwache für die Meinungsfreiheit wesentlich näher stehen (und dafür Polizeischutz benötigen). Dieses Bild mag uns wie ein Zei‐ chen gegen Rassismus oder für die Meinungsfreiheit erscheinen – für so manchen Anhänger des Zentralrats ist es eher ein Beweis für die Dummheit und Schwäche der Kuffar. Die Kirchen scheinen nicht zu wissen, dass sie sich einerseits für eine Idee einsetzen, in deren Weltbild sie bestenfalls eine unterworfene Rolle haben, und dass sie sich andererseits für Vertreter dieser Idee einsetzen, die der Idee selbst auch nicht im Geringsten kritisch gegen‐ über stehen. Doch die sinkenden Mitgliedszahlen der Kirchen veran‐ lassen sie dazu, wenigstens irgendeine Form von Gottesglauben zu för‐ dern. Aus Liebe zu dem Gedanken, dass mehr Religion grundsätzlich etwas Schönes sei, basteln sie langfristig an ihrer eigenen Beseitigung, und indem sie jeden Terroranschlag als grundsätzlich nicht religiös motiviert wegrationalisieren, tun sie genau das, was sie immer getan haben: mehr Religion und weniger Lebensqualität für alle. Was die staatlichen Privilegien angeht, stehen die Kirchen seit eini‐ ger Zeit in der Kritik des organisierten Säkularismus, und so wäre es doch schön, denkt man sich anscheinend, wenn man Verstärkung hät‐ te und nicht mehr die einzige Zecke im Fell des Staates wäre. Was das Einkassieren von Staatsgeldern und die Unterordnung des Alltags un‐ ter religiöse Befindlichkeiten angeht, so sollte spätestens hier jeder‐ 6.6 Religionen helfen sich lieber gegenseitig, als der Gesellschaft zu helfen 321 mann klarwerden, auf welcher Seite die Kirchen stehen: auf der des Glaubens, meine Freunde, nicht auf Eurer. Das waren sie nie. Wie ernst der deutsche Durchschnittschrist seine Religion nimmt, erkennt man an einem interessanten Fall aus dem Jahre 2014. Zwi‐ schen 1990 und 2016 haben die beiden Großkirchen jedes Jahr im Durchschnitt 330.000 Mitglieder durch Kirchenaustritte verloren*. Das austrittstärkste Jahr war jedoch das Jahr 2014 mit 487.000 Austritten, immerhin rund 155.000 Austritte mehr als im Durchschnitt. Der Grund war, dass zum 1. Januar 2015 eine Gesetzesänderung in Kraft trat. War Kirchensteuer auf Kapitalerträge bisher eine freiwil‐ lige Sache gewesen, so sollte sie ab 2015 ohne Zutun des Steuerzahlers von den Banken automatisch einbehalten werden. Die Initiative für diese Maßnahme ging von den Kirchen aus, die angesichts schwinden‐ der Mitgliederzahlen auch schwindende (oder besser: nicht stark ge‐ nug wachsende) Einkünfte hatten. Dank dieser Maßnahme wurde das Jahr 2015 für die Kirchen ein Rekordjahr – die Einnahmen durch Kir‐ chensteuer stiegen um 6,5 Prozent115, und dieser Anstieg war keine einmalige Sache, da die Gesetzesänderung ja dauerhaft gilt. Allerdings verloren die Kirchen dadurch auch auf einen Schlag das Äquivalent einer Großstadt an Mitgliedern mehr als sonst – eine Großstadt hat per Definition mindestens 100.000 Einwohner. Zusätz‐ lich zu den 330.000 Mitgliedern, die jedes Jahr aus der Kirche austre‐ ten (was etwa der Einwohnerzahl von Bonn entspricht), verloren sie 2014 zusätzlich noch ein Darmstadt oder Heidelberg an Mitgliedern, denn Gefasel von Erlösung und Jenseits ist eine nette und wohlklin‐ gende Sache, aber beim Geld hört der Spaß nun mal auf. Und hier kann man auch ein weiteres Phänomen beobachten: wenngleich die Mitgliederzahlen laufend sinken und die Kirchenbänke leer bleiben, so steigen die Einnahmen der Kirchen noch immer – mo‐ mentan nehmen sie jedes Jahr etwa eine halbe Milliarde Euro mehr Kirchensteuer ein als im Vorjahr. Die Kirchen verlieren jedes Jahr etwa ein Prozent Mitglieder, aber ihre Einnahmen steigen jedes Jahr um et‐ wa fünf Prozent. Mancherorts muss ein Pastor drei Kirchen mit Got‐ * Die tatsächlichen Nettoverluste an Mitgliedern liegen für beide Kirchen zusammen jedoch eher in der Größenordnung von 500.000 Mitgliedern pro Jahr. Diese Zahl beinhaltet nämlich auch die jährlichen Mitgliedsverluste durch Tod, die durch Tau‐ fen und willentliche Eintritte nicht annähernd ausgeglichen werden. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 322 tesdiensten versorgen, da den Kirchen der akademische Nachwuchs ausgeht, aber es wird weiterhin steigender Gewinn gemacht. Religion mag im Volke weniger werden, aber die Institution Kirche wird blei‐ ben, solange man sie gewähren lässt, auch wenn die Gesellschaft sie weniger und weniger benötigt. Das liegt daran, dass sie keine Bündnis‐ se mit ihren Schäfchen eingehen, sondern mit der Politik Bündnisse über die Schäfchen. *** Religionsfreiheit heißt, dass jeder Mensch das Recht hat, seine Religion auszuüben. Sie beinhaltet aber auch das Recht, der Religion ganz fern zu bleiben. Aber vor allem bedeutet sie nicht, dass Religionen alle Frei‐ heiten hätten. Religionen sind Kinder auf einem Spielplatz. Ihr Recht, die Faust zu schwingen, endet vor der Nase des anderen. Über allem wacht ein Erwachsener, der den Kindern jederzeit klarmacht, wo ihre Grenzen sind. Das heißt nicht, dass der Aufpasser immer die gerech‐ teste aller denkbaren Entscheidungen trifft. Wird aber eines der Kin‐ der selbst zum Aufpasser, wird die Sache zuverlässig ins Ungerechte abgleiten. Säkularisation bedeutet, dass keine Religion Einfluss auf die Ge‐ schicke und das Handeln des Staates haben darf. Besonders in religiö‐ sen Kreisen wird das aber häufig missverstanden. Das führt sogar bis zur systematischen Benachteiligung von Konfessionslosen. Die gängige Argumentation ist sinngemäß die folgende: „Wenn Du keine Religion hast, dann stört es Dich doch bestimmt nicht, wenn wir unseren Gott in die Landesverfassung von Schleswig-Holstein setzen. Du hast ja kei‐ nen Gott, der stattdessen in die Verfassung könnte.“ Doch, es stört mich. Nicht, weil ich ein Feind der Religion als Idee bin. Das bin ich. Nein, es stört mich, weil die Verteidiger des Gottesbe‐ zuges frontal ignorieren, was für ein Gut es eigentlich ist, dass Staat und Religion getrennt sind. Es gleicht einem Ehepaar: Sie:„Schatz, machst Du gerade was?“ Er: „Nein, ich entspanne.“ Sie: „Gut. Während Du entspannst, hast Du dann ja Zeit, die Wäsche zu machen, das Wohnzimmer zu saugen und einkaufen zu gehen.“ 6.6 Religionen helfen sich lieber gegenseitig, als der Gesellschaft zu helfen 323 Die Antwort ist offensichtlich: es widerspricht der Grundidee des Ent‐ spannens. Genauso, wie ein Gottesbezug der Grundidee des säkularen Staates widerspricht. Aus diesem Grunde hat die Piratenpartei Schles‐ wig-Holstein im Jahre 2016 uns, die Hamburger Regionalgruppe der Giordano Bruno Stiftung, als Sachverständigen benannt und uns gebe‐ ten, eine Stellungnahme zum geplanten Gottesbezug in der Schleswig- Holsteinischen Landesverfassung anzufertigen. Die Ehre ging an mich, und so setzte ich ein achtseitiges Pamphlet auf, in dem ich den Wert (oder Unwert) eines solchen Gottesbezuges untersuchte, und die Stel‐ lungnahme wurde an die Abgeordneten des Landtages verteilt. Sämtli‐ che Argumente, die ich benutzte, sind über dieses Buch hier verteilt – die Stellungnahme ist quasi die Keimzelle dieses Buches. Im Herbst 2014 war ein solcher Antrag auf einen Gottesbezug bereits abgelehnt worden. Im Jahre 2016 bot man nun alles auf, was das Land zu bieten hatte – Protestanten, Katholiken, Juden, Muslime. Die Kampagne er‐ hielt 40.000 Unterstützer, so dass der Landtag sich gezwungen sah, über den Sachverhalt ein zweites Mal abzustimmen. Es wären 46 Stim‐ men erforderlich gewesen, im Juli 2016 schließlich stimmten jedoch nur 45 Abgeordnete dafür – das Ansinnen war damit ein zweites Mal abgewiesen worden.116 Ich bilde mir nicht ein, die Sache höchstpersönlich knapp verhin‐ dert zu haben, doch es ist fraglich, wie die Sache ausgegangen wäre, wenn man der Öffentlichkeitsarbeit der Religionsverbände überhaupt nichts entgegengesetzt hätte. Von den 2,8 Millionen Einwohnern Schleswig-Holsteins (etwa die Hälfte davon Christen) hatten sich trotz anderthalbjähriger Bearbeitung nur 40.000 Menschen bereit erklärt, die Kampagne für einen Gottesbezug in der Schleswig-Holsteinischen Verfassung zu unterstützen. Hier ist sehr schön zu erkennen, wie eine kleine, fromme Minderheit die religiös eher lethargische Mehrheit mo‐ bilisieren will, um ihre Ziele zu erreichen. Hätte es eine einzige Stimme mehr gegeben, so wäre der Gottesbezug in die Landesverfassung auf‐ genommen worden. Und dann hätten sie diesen knapp und nur mit viel Aufwand erreichten Gottesbezug bei jeder künftigen Gelegenheit herausgeholt, um bei entsprechenden Abstimmungen über Sterbehilfe, Abtreibung, Präimplantationsdiagnostik oder Staatshilfen für islami‐ sche Organisationen darauf zu verweisen, dass Schleswig-Holstein ja einen Gottesbezug in der Verfassung habe. Wenn Sie’s nicht glauben - 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 324 die Geschichte der Welt ist voll von Beispielen, in denen die Religion den Menschen Stück für Stück die Butter vom Brot nahm, obwohl der Großteil der Bevölkerung nie dahinter stand. 6.6 Religionen helfen sich lieber gegenseitig, als der Gesellschaft zu helfen 325 Darf man noch religiös sein? Vom richtigen Umgang mit dem Göttlichen „Ich wurde auch als Sünder geboren. Meine Sünde wird in der Bibel 25 Mal erwähnt. Ich habe versucht, mich zu ändern, doch es gelang mir nicht. Glücklicherweise hat die Gesellschaft gelernt, uns Linkshänder zu akzeptieren.“ Nicholas Ferroni Wir haben nun in den vorangegangenen Kapiteln erörtert, dass Religi‐ on den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zuwider läuft, dass die großen Religionen der Welt sich gegenseitig widersprechen, dass sie menschgemachte Versuche sind, sich die Welt zu erklären oder die Ge‐ sellschaft zusammenzuschweißen, dass sie elementare Aspekte der menschlichen Psyche bedienen, aber nur mit Denkfehlern und Fehl‐ schlüssen begründbar sind und dass die Religion einen erheblich schädlichen Einfluss auf das menschliche Miteinander haben kann. Allgemein scheint es kaum etwas zu geben, das seine Versprechen we‐ niger halten kann und mehr schädliche Nebenwirkungen hat. Religion, so scheint es, ist schlechte Medizin. Es scheint als müssten wir uns fra‐ gen: verdient eine solche Sache überhaupt, weiterhin zu existieren? Natürlich! Jeder hat ein Recht auf Bullshit in seinem Leben, aber niemand hat das Recht zu vergessen, dass es Bullshit ist. Ich als Le‐ bensmittelchemiker erwische mich auch immer wieder dabei, wie ich im Supermarkt eher braune als weiße Eier kaufen will, da sie dem im‐ pulsiven Genießer in mir irgendwie gehaltvoller erscheinen. Ich weiß, dass das Blödsinn ist, aber ich muss mich regelmäßig daran erinnern. Würde ich der Idee in meinem Kopf freien Lauf lassen oder mich je‐ den Sonntag mit Menschen treffen, die auch der Meinung sind, braune Eier wären weißen Eiern grundsätzlich überlegen und die Anhänger weißer Eier allesamt lernbedürftig, ja würde die gesamte Gesellschaft, in der ich lebe, nur diese eine Einschätzung kennen, dann könnte sich die Idee wohl tatsächlich so tief in mein Gehirn einnisten, dass ich ir‐ 7 327 gendwann vergessen würde, dass die Sache einst nur als Vermutung begann und sich nur mangels Gegenrede zu einer Überzeugung ge‐ mausert hat, die aber nie bewiesen wurde. Und wenn mir jetzt jemand Außenstehendes damit kommen würde, dass nur braune Eier jemals einen Fischgeruch entwickeln können*, dann würde ich das wahr‐ scheinlich ablehnen, bestenfalls als „interessante Idee“ abtun oder dem Verkünder dieser Nachricht einfach Schlechtigkeit unterstellen. Wäre ich gläubig genug, würde ich vielleicht gar von einem „Krieg gegen die braunen Eier sprechen“, so wie konservative Christen in den USA auch von einem „Krieg gegen Weihnachten“ sprechen, da man sich auf‐ grund der religiösen Vielfalt in den USA nicht mehr „Frohe Weih‐ nachten“, sondern „Frohe Feiertage“ wünschen soll. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will Religion nicht verbieten. Wie Ihnen wahrscheinlich aufgefallen ist, bin ich von den Religionen inhaltlich alles andere als überzeugt, ich halte sie für eher schädlich als nützlich, und ich könnte mir kaum etwas Schöneres vorstellen, als dass die Menschheit ihre Bemühungen auf diesem Gebiet wegen erwiesener Nutzlosigkeit und Schädlichkeit einstellt, sich friedlich zusammentut und dass wir alle gemeinsam das Universum erkunden – immerhin eine Aufgabe, die die Lebenserwartung einer ganzen Zivilisation über‐ steigen kann. Dennoch stehe ich jederzeit für Ihr persönliches Recht ein, religiös zu sein, schon allein weil alles andere eine umgekehrte Theokratie wäre, quasi eine Atheokratie, die auch niemand ernsthaft wollen kann. Ich bilde mir nicht ein, die Religion aus dem Lande werfen zu kön‐ nen, und ich will das auch gar nicht. Mein Ziel ist auch nicht, Gläubige von meinen Ansichten zu überzeugen, zumal die Erfolgsquote gering ist. Was man seit dem Kindesalter inhaliert hat, ist tief ins Gewebe ein‐ gezogen. Ich bin lediglich der Meinung, dass Sie zum Thema Religion mehr Argumente hören sollten als die, die von Berufsreligiösen mit ihrem beeindruckenden Netzwerk aus Funk und Fernsehen, Websites, eigenen Verlagen und 45.000 Kirchen verbreitet werden. Viel wäre schon erreicht, wenn diejenigen, die ihre Religion reali‐ tätsfern ernst nehmen, sich nicht mehr in einer Herde aus Schäfchen * Was nebenbei bemerkt nicht am Futter liegt, sondern an einem Gendefekt der Hen‐ nenart, die braune Eier legt. 7 Darf man noch religiös sein? Vom richtigen Umgang mit dem Göttlichen 328 verstecken könnten, die sich für Religion eigentlich nicht interessieren und nur Mitglieder der Kirchen bleiben, weil sich der Eindruck hart‐ näckig hält, Religion sei etwas grundsätzlich Gutes oder dazuzugehö‐ ren gehöre zum guten Ton, oder weil man sonst der einzige im Dorf wäre, der nicht in der Kirche ist. Jede religiöse Gemeinschaft besteht letzten Endes aus unheilbar Tiefgläubigen und solchen, für die Religion „im Grunde eine gute Sa‐ che“ ist, die nicht sonderlich aktiv sind, aber zu sehr an das Gute in al‐ len Gläubigen glauben, oder an den Glauben an sich glauben. Die un‐ heilbaren Frömmler benutzen dabei die moderaten als eine Art menschlichen Schutzschild, als eine Herde, in der sie sich verstecken können. Die Aufgabe des säkularen Aktivismus sollte es sein, den un‐ heilbar Religiösen den Schutzschild wegzunehmen und die Herde zu verkleinern, in der sie sich verstecken können. Wenn all die Karteilei‐ chen, die den Kirchen nur auf dem Papier angehören, sich damit aber inhaltlich überhaupt nicht identifizieren, einen Schlussstrich ziehen würden, dann bestünde der religiöse Korpus der Nation nur noch aus Frömmlern, Kreationisten, militanten Abtreibungsgegnern, selbster‐ nannten Schwulenheilern und Konservativen, für die die Beatles im‐ mer noch der Anfang vom Ende sind. Sie wären leichter zu erkennen, ihre Feindseligkeit und ihr Drang, in das Leben anderer einzugreifen, würden bloßgestellt, mit ihnen assoziiert zu werden wäre so unange‐ nehm wie sie selbst. Sie könnten das gesellschaftliche Ansehen von Reichsbürgern, UFO-Gläubigen oder Flat Earthern haben, und sie ver‐ dienen es auch. Solange die Idee, dass Religion grundsätzlich gut sei, sich in der Bevölkerung hält, wird hier aber wenig geschehen. Und deshalb habe ich für mich beschlossen, der Religion als Idee nicht nur passiv ableh‐ nend gegenüberzustehen – sie maßt sich viel zu oft an, in mein und Ihr Leben eingreifen zu dürfen. Deshalb habe ich beschlossen, nicht nur nicht zu glauben, sondern den Glauben, seine Irrungen, sein fehlendes Fundament in der Realität und seine ethische Rückständigkeit ohne Zögern anzusprechen, wann immer das Thema aufkommt. Organisationen, in denen man sich engagieren oder Standpunkte austauschen kann, gibt es genug. Es gibt die Richard Dawkins Stiftung Deutschland, es gibt den Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten, es gibt die Giordano Bruno Stiftung und die Partei der 7 Darf man noch religiös sein? Vom richtigen Umgang mit dem Göttlichen 329 Humanisten, die im Jahre 2014 gegründet wurde und mittlerweile Landesverbände in zehn Bundesländern hat. Sie alle verstehen sich als aktive Verteidiger des säkularen Staates, als Unterstützer der Men‐ schenrechte (die der Vatikan übrigens nie anerkannt hat) und als Ver‐ treter eines Weltbildes, das wissenschaftliche Erkenntnisse nicht igno‐ riert. Diese atheistischen Aktivisten sind überdurchschnittlich gebildet, lehnen Gewalt ab, haben keine extremistischen Splittergruppen wie ISIS oder die Piusbruderschaft und würden sich jederzeit dafür einset‐ zen, dass Sie glauben dürfen, was Sie wollen. Sie teilen Ihren Glauben nur nicht, und Sie geraten mit diesen Menschen erst in Konflikt, wenn Sie Ihren Glauben auf die gesamte Gesellschaft abwälzen wollen. Kon‐ flikt heißt hier, dass Sie sich auf eine Diskussion gefasst machen müs‐ sen. *** Aber warum sollte man den Menschen so etwas Schönes wie das Ge‐ fühl beim Beten wegnehmen wollen? Nun, das will ja auch keiner. Ich weiß nicht, wie es im Gehirn eines Menschen aussieht, der fest an die Erbsünde glaubt und im Rahmen einer Predigt einen Weinkrampf der Erlösung bekommt, weil er weiß, dass er errettet werden wird. Am ehesten stelle ich es mir vor wie bei Sarah Churman aus Burle‐ son, Texas. Sie kam ohne Gehör auf die Welt und wurde der Welt durch ein Video ihrer Mutter Sloan bekannt, als die Ärzte im Jahre 2011 zum ersten Mal das frisch installierte Cochleaimplantat einschal‐ teten und Sarah mit 29 Jahren die ersten Geräusche ihres Lebens hörte. Sie war so überwältigt, dass sie einen Weinkrampf der Erlösung bekam – das Video wurde auf YouTube bis 2018 etwa 27 Millionen Mal gese‐ hen. Ähnlich ergeht es Menschen mit leichter Farbenblindheit, die zum ersten Mal eine EnChroma-Brille aufsetzen. YouTube ist voll von Vide‐ os, in denen die Betroffenen zum ersten Mal Pink von Petrol unter‐ scheiden können, sie fragen „Ist das hier Lila?“, und viele von ihnen weinen vor Ergriffenheit, weil sie erst jetzt bemerken, wie schön die Welt ist und was ihnen so lange verwehrt geblieben war. Rentner wei‐ nen, Kindern weinen, ihre Eltern und Kinder weinen mit ihnen. Der Unterschied zwischen religiöser Ektase beim Beten und den beschriebenen Patienten besteht in einem eingeredeten, theologischen 7 Darf man noch religiös sein? Vom richtigen Umgang mit dem Göttlichen 330 Problem gegenüber einem echten medizinischen Problem, das mit Wissenschaft gelöst wurde. Denn Beten bewirkt hier höchstens den Endorphinrausch, den das tatsächliche Beheben eines medizinischen Problems ebenfalls auslöst, das aber die Lebensqualität tatsächlich ver‐ bessert. Wenn Sie von Kindheit an gelernt haben, an Gott zu glauben und zu beten, dann brauchen Sie diese Dinge auch. Wenn Sie es nie beige‐ bracht bekommen haben, werden Sie auch nichts vermissen. Nur wer religiös ist, kann sich vor einer Welt ohne Religion fürchten. Nie religi‐ ös gewesen zu sein gleicht der Vorstellung, ohne dritten Arm geboren zu sein. Sie können das sicher nachvollziehen. Und auch die Kunst würde nicht leiden. Der Grund, warum es so viel religiöse Architektur, Musik und Malerei gibt, ist der, dass die Kir‐ chen das Geld dafür hatten und das Wesen der Kunst daher bestim‐ men konnten. Religion ist keinesfalls erforderlich, um Schönheit zu produzieren. Falls Sie sich fragen, wie Beethovens Symphonie über die Evolution geklungen hätte: so wie seine Pastorale. Dürer kam weitest‐ gehend ohne religiöse Motive aus, und Goethe beurteilte den Stoff zwischen Faust und Mephisto eher nach seinem Unterhaltungswert. Gott, Mensch und Teufel waren ein spannendes Dreieck, ein Schau‐ spiel menschlicher Zerrissenheit zwischen Wunsch und Realität – son‐ derlich religiös war Goethe jedoch nicht, wie so viele unabhängig den‐ kende Geister der Geschichte. Wenn Kunst aus dem Menschen heraus will, dann findet sie einen Weg. 7 Darf man noch religiös sein? Vom richtigen Umgang mit dem Göttlichen 331 Bismillah, Genossen! „Soweit ich sehen kann, ist alles politische Denken seit Jahren auf die glei‐ che Weise beeinträchtigt. Menschen können die Zukunft nur vorhersehen, wenn sie mit ihren eigenen Wünschen übereinstimmt, und die offensicht‐ lichsten Tatsachen können ignoriert werden, sofern sie unbequem sind.“ George Orwell, 1944 Wir heute Geborenen verdanken der politischen Linken viel. Arbeiter‐ rechte, Gleichberechtigung, Tierschutz, Umweltschutz sind Dinge, die ohne den Aktivismus der politischen Linken wahrscheinlich immer noch auf sich warten lassen würden. Doch wie der Staat einen Mörder nicht rund um die Uhr für all die Tage lobt, an denen er nicht gemor‐ det hat, so können wir die politische Linke auch nicht ununterbrochen in den Himmel preisen und wegschauen, wenn Teile von ihr sich in eine unheilvolle Richtung entwickeln. Ideologie und Hygiene In jeder Ideologie der Welt, und zu denen zählen die Religionen und die politischen Ideologien nun mal, gibt es ein bestimmtes Phänomen zu beobachten. Ich nenne es das Hygienebedürfnis. Zunächst einmal wird ein räumlicher und auch ideologischer Abstand zu Andersden‐ kenden hergestellt. Da man ja weiß, auf der richtigen Seite zu stehen, können die anderen nicht auch Recht haben. Das Hygienebedürfnis sorgt nun dafür, dass der Gegner nie Recht hat und niemals recht ha‐ ben kann, einfach dadurch, dass man ihn auf Distanz hält, um von sei‐ nen Einflüssen unbehelligt zu bleiben. Am deutlichsten kann man das derzeit in den konservativen Strömungen des Islam beobachten. Was immer der Westen tut, ist abscheulich und verdient Opposition. Si‐ cherlich kauft man ihre Technologie, aber sobald es um gesellschaftli‐ che Werte geht, ist „der Westen“ eine kolossale Ansammlung von Fehl‐ geleiteten und teilweise satanischen Blinden. 8 8.1 333 Doch sollte der Islam den Kampf gegen den Westen jemals gewin‐ nen, so wird eines nicht verschwinden: das ideologische Hygienebe‐ dürfnis als psychologische Naturkonstante. Es sorgt bereits dafür, dass nicht nur der Westen der Feind ist, sondern auch Schiiten, Alawiten oder Ahmadiyya. Unklare Weltbilder mit viel Grau verwirren nur, und so versucht das Gehirn, sich ein Umfeld zu schaffen, in dem nur die reine, wahre, unverfälschte Ideologie Weiß gegen Schwarz gelebt wird – sie flüchtet in die Filterblase, da es sich im Bestätigungsfehler leichter lebt. Doch das ideologische Hygienebedürfnis ist nicht nur der Grund für die Bekämpfung anderer Ideen. Es ist auch das, was Mutation in der Evolution ist – die Antriebskraft für Vielfalt. Hier aber genau die Vielfalt, die man eigentlich gar nicht haben will. Denn sicherlich wird es in jeder Ideologie früher oder später ein Schisma geben, da man ei‐ gene Hygienekriterien zum Maßstab macht, die dann nicht denen der anderen entsprechen. Man gründet eine neue Gruppe, um ideologisch wieder unter sich zu sein. Deshalb gab es im Kommunismus Leninis‐ ten, Stalinisten, Trotzkisten und Maoisten, im Islam Sunniten und Schiiten, Sufi und Ahmadiyya, im Christentum stattliche 40.000 Spiel‐ arten. Hätte man den Nationalsozialismus weiter gewähren lassen, wä‐ re er früher oder später auf die Idee gekommen, Rassenunterschiede zwischen Friesen und Schwaben zu thematisieren oder hätte sich in Hitleristen und Himmleristen unterteilt, zwischen denen eine unüber‐ brückbare Kluft liegt: soll der Mensch das Christentum oder die ger‐ manische Religion leben? Jede Ideologie, die die Gesellschaft aufteilen will, spaltet sich früher oder später auch selbst. Manchmal geschieht beides gleichzeitig – man redet von der Umma, der weltweiten Ge‐ meinschaft der Muslime, während neun von zehn Opfern islamisti‐ schen Terrors selbst Muslime sind. Das ideologische Hygienebedürfnis, fußend auf dem Wunsch nach einem übersichtlichen Weltbild, ist ein so fundamentaler Zug der menschlichen Psyche, dass man ihn auf fast allen Gebieten menschli‐ chen Denkens beobachten kann. Wenn Sie etwas sagen, was irgend‐ wann schon mal ein Rechter gesagt hat, dann können Sie sicher sein, von Linken dafür „zur Rede gestellt“ zu werden, als würden Sie ihnen tatsächlich eine Erklärung schulden. Genau das macht uns Religions‐ kritikern das Leben so schwer – am Christentum dürfen wir rumnör‐ geln, denn das hat auch in der Linken eine lange Tradition, aber Islam‐ 8 Bismillah, Genossen! 334 kritik steht immer im Geruch, rassistisch motiviert zu sein. Aus die‐ sem Hygienebedürfnis heraus werden Sie, wenn Sie Bedenken bei der Masseneinwanderung von Muslimen haben, denen der westliche Le‐ bensstil nicht nur fremd, sondern teilweise auch verhasst ist, von ideo‐ logischen Keimphobikern wie Claudia Roth, Hannelore Kraft oder Ska Keller ermahnt, die auf diesem Gebiet offensichtlich nicht differenzie‐ ren können. Ihr Wunsch nach Diversität ist auch nach Vergewaltigun‐ gen mit Todesfolge wie bei Maria in Freiburg, Mia in Kandel und Su‐ sanna in Wiesbaden oder nach organisiertem Menschenhandel durch muslimische Banden in Rotherham, Bristol, Derby, Newcastle, Roch‐ dale, Oxford, Halifax, Banbury, Aylesbury, Keighley, Peterborough und Telford nicht verhandelbar. Hat man Sie dann erst einmal als „Rech‐ ten“ identifiziert, können Sie argumentieren, wie Sie wollen, Sie wollen sich dann nur rausreden – ein Beweis für Ihre Verschlagenheit. Wenn Sie die Diskussion dann genervt abbrechen, weil sie sinnlos geworden ist, „begeben Sie sich in die Opferrolle“. Man hat immer eine Erklä‐ rung parat, die zur Prämisse passt: Sie sind ein Nazi! Kein einziges Opfer dieser Banden in England ist selbst als musli‐ misch bekannt, die Opfer waren anscheinend durchweg Bioeuropäer – Muslimas habe Ehre, Nichtmuslimas können für die Täter gar keine haben, und Allah hat erlaubt, dass „Eure rechte Hand sie besitzt“. Wenn Sie jetzt nur denken können, dass hier in rassistischer Absicht antimuslimische Ressentiments herausgeholt werden, haben Sie das Ausmaß des kulturellen Konflikts nicht verstanden, und wenn Sie ar‐ gumentieren, dass Weiße ja auch vergewaltigen, dann haben sie die ex‐ plizit religiöse Erklärung hinter diesem Phänomen übersehen oder wollen sie einfach nicht wahrnehmen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich hier an Tempo verliere, sollte ich noch einmal die Litanei aufsagen, dass natürlich nicht alle Muslime so sind, genau wie auch nicht alle Russen oder Chinesen alle gleich wären (Europäer sind es ja auch nicht). Das wäre eine Pauschalisierung, eine vorgetäuschte Gewissheit, wie sie nur die Kritikimmunen kennen. Es geht immer nur um Tendenzen und Verhältnisse. Ich aber finde zwei‐ stellige Prozentbereiche der muslimischen Welt, die Steinigung für Ehebruch als gerecht empfinden, durchaus diskutierenswert, und es ist naiv anzunehmen, dass diese Einstellung an den Grenzen Europas schlicht abgelegt würde. Wenn übrigens jemand sagt, dass neunzig 8.1 Ideologie und Hygiene 335 Prozent aller Muslime friedliche Menschen sind, redet er immer noch von zig Millionen Konfliktbereiten. Und um die Sache einmal in Per‐ spektive zu setzen: Einundneunzig Prozent der Deutschen waren in den 1940er Jahren kein Mitglied der NSDAP. War Deutschland zu je‐ ner Zeit deshalb ein sicherer Ort für Juden? Die friedliche Mehrheit bedeutet garnichts, wenn sie die Extremisten gewähren lässt oder ihr Verhalten wegdiskutieren will. Besonders das Argument „Alkohol tötet jedes Jahr mehr Men‐ schen als islamistischer Terror“, das nach jedem Anschlag die Runde macht, verdient eine Ohrfeige. Es stimmt, Alkohol verursacht in Deutschland jedes Jahr etwa 75.000 Tote durch akute Überdosis, Le‐ berzirrhose, Speiseröhrenkrebs, Verkehrsunfälle unter Einfluss und so weiter. Das ist ein gesellschaftliches Problem von epidemischen Aus‐ maßen, dem gegenüber einige hundert Terroropfer ziemlich marginal erscheinen. Allerdings wäre es ein Unterschied, wenn zum Beispiel eine Firma explodierende Kopfhörer auf den Markt bringen würde, deren einziger Zweck darin besteht, Ihnen bei erster Gelegenheit den Schädel vom Hals zu sprengen. Wir würden uns fragen, warum diese Firma das tut, was man dagegen unternehmen kann und was mit Politikern nicht stimmt, die sich weigern, etwas dagegen zu unternehmen und die Ver‐ antwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Man hört dann, es sei nicht die Firma selbst, sondern entweder nur ein Produktionsfehler oder nur ein paar Individuen einer Abteilung der Firma, und sie hätten es auch nur aus Rache getan, weil sie zuvor bei der Konkurrenz rausgeworfen wurden oder weil der Verbraucher nicht genug Exemplare ihrer Kopf‐ hörer kauft – dennoch geht der Verkauf dieser Mordwaffen weiter. Dass das ISO-Handbuch der Firma einer kritischen Prüfung unterzo‐ gen werden müsste, ist dann ein pauschalisierender Vorwurf, der an Rassismus grenzt, weil er alle Mitarbeiter der Firma unter Generalver‐ dacht stellt. Hier bieten sich auch die hate crime Statistiken des FBI an, die jährlich veröffentlicht werden. Die antiislamischen und antiarabischen hate crimes in den USA sind heute etwa auf dem Stand von 2001, wo der 11. September einen Schub an hate crimes gegen diese Gruppen bewirkt hatte und sie auf immer noch magere fünf Prozent aller hate crimes anhob. Die Nummer eins im Jahre 2015 waren allerdings unan‐ 8 Bismillah, Genossen! 336 gefochten hate crimes gegen Schwarze (30,7 Prozent), dann gegen Weiße (!) mit 11,0 Prozent und Juden (10,2 Prozent). Für eine Religion wie den Islam, die sich weltweit so schlecht benimmt, ist das ein über‐ raschend mildes Ergebnis.117 Und um nun die Scheinheiligkeit des Alkohol-Arguments voll‐ ständig offen zu legen: stellen Sie sich einmal vor, jemand würde die Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds NSU mit dem Argu‐ ment relativieren, man stürbe ja viel eher an Rauchen oder einem Ver‐ kehrsunfall. Wer würde ihm die Unzulänglichkeiten dieses Arguments wohl als erstes empört um die Ohren hauen und ihm unterstellen, aus der eigenen Ideologie heraus etwas relativieren zu wollen? Ich habe die Beobachtung gemacht, dass man heutzutage gerne In‐ formationen ablehnt, sofern sie aus einer unliebsamen Richtung kom‐ men. Wenn es von der AfD kommt, muss es Populismus sein. Wenn es von Putin kommt, muss es falsch sein. Wenn es im SPIEGEL steht, ist es grundsätzlich richtig (links) oder grundsätzlich gelogen (rechts). Diese Attitüde setzt voraus, dass die eigene Filterblase immer Recht hat, und dass die andere immer falsch liegt. Wann wäre die Welt je‐ mals so einfach gewesen? Es bewirkt nichts weiter als einen rasanten Abstieg in den Bestätigungsfehler und verhärtet die Fronten. Eine ech‐ te Islamkritik wird damit sofort in die rechte Ecke geschoben, so dass die AfD und Pegida über kurz oder lang die einzigen sind, die sie noch betreiben, und in deren Arme auch Durchschnittsbürger getrieben werden, die sich von den etablierten Parteien keine Lösungen mehr er‐ warten, zumal sie das Problem nicht einmal anerkennen wollen. Alles, was man dann noch benötigt, ist ein einziger Terroranschlag direkt vor der Wahl, und das Volk wählt aus Angst die AfD. Dann aber hat man ihr ganzes, stellenweise recht sozialdarwinistisches Programm an der Backe. Es gibt Beispiele dafür. Am 23. September 2001, zwölf Tage nach den Anschlägen von New York, erreichte die erzkonservative Schill- Partei in Hamburg aus dem Stand 19,4 Prozent der Stimmen. In den folgenden Jahren zerlegte sie sich selbst bis in die verdiente Vergessen‐ heit. Die Parlamentswahl in Spanien 2004 fand drei Tage nach den An‐ schlägen auf den vollbesetzten Zug in Madrid statt. Die spanische So‐ zialistische Arbeiterpartei unter Zapatero holte massiv auf und nahm der PP unter Mariano Rajoy die absolute Mehrheit. Menschen sind 8.1 Ideologie und Hygiene 337 nämlich sehr leicht zu manipulieren, wenn man ihnen Angst macht, und Islamisten wissen das. Wenn sie auch sonst nicht viel von der Welt wissen, Menschenkenntnis besitzen sie. Besonders die Linke in Form der Grünen und der SPD kann sich hier des Filterblasenfehlers rühmen. Sie sind im Grunde genauso zu‐ frieden mit halbgaren Parolen wie weite Teile der AfD oder Pegida, nur die Parolen sind andere. Zuweilen grenzt ihre Suche nach Wespen‐ nestern an eine Hexenjagd. Im November 2016 zeigte Edeka einen Werbespot, der sich mit dem vielen Müssen und der mangelnden Besinnlichkeit in der Vor‐ weihnachtszeit auseinandersetzte. Darin tauchte themengerecht an einem Volvo ein Nummernschild auf, das MU-SS 420 lautete. Wir alle wissen, dass Nummernschilder mit Buchstabenkombinationen wie SS, SA und HJ auf deutschen Nummernschildern nicht auftauchen, da diese Kombinationen nicht zulässig sind. Sie sind nicht „verboten“, aus dem einfachen Grund, weil sie dem Fahrzeughalter gar nicht erst ange‐ boten werden und daher niemand mit einem verbotenen amtlichen Kennzeichen überhaupt durch die Gegend fahren kann. Sabine Bamberger-Stemmann, die Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung in Hamburg, sah gemäß einem Interview mit dem Manager-Magazin in dem fraglichen Nummernschild jedoch subtile rechtsextreme Botschaften, da nicht nur die Kombination SS vorkäme, sondern auch die Zahlenfolge 420, was auf den zwanzigsten April hin‐ deute, immerhin Hitlers Geburtstag. Darüber hinaus tauchte in dem fraglichen Werbespot noch ein weiteres Nummernschild SO-LL 3849 auf. Wenngleich ihr zur Buchstabenkombination LL nicht viel einfiel, erkannte sie doch in den Zahlen die 84, was gemäß Nazi-Zahlencode „Heil Deutschland“ bedeute. Diese Zahlen seien wiederum von einer 39 umrahmt, was „christliche Identität“ meine und direkt in den Anti‐ semitismus führe.118 Schlimm sowas. Was genau befürchtet Frau Bamberger-Stemmann hier eigentlich? Dass Zuschauer beim Anblick von Buchstaben und Zahlen, deren Be‐ deutung ihnen erst durch fachkundige Exegese erklärt werden muss, in den Rechtextremismus abgleiten? Dass Edeka und die Agentur Jung von Matt eine gemeinsame, geheime Agenda haben, die nur der Fach‐ mann erkennen konnte, denn so subtil arbeitet der Feind? 8 Bismillah, Genossen! 338 Doch selbst wenn es Edeka und Jung von Matt nur versehentlich passiert sein solle, „dann zeigt sich darin doch ein tiefstes Unverständ‐ nis der deutschen Historie“, so Bamberger-Stemmann. Man fragt sich, wie Frau Bamberger-Stemmann in eine Position kommen konnte, in der sie für die politische Bildung zigtausender Schüler in Hamburg verantwortlich ist. Der leiseste Hinweis auf das Dritte Reich lähmt an‐ scheinend ihr Denken und lässt sie pawlowsche Reflexe der Betroffen‐ heit abspulen. Gleichzeitig kann sie nicht ertragen, dass es anderen nicht auch so geht, und ihre Erklärung ist dann bestenfalls Ignoranz. Das Naheliegende ist dann, kurz auf das Dritte Reich zu verweisen, da‐ mit die anderen den gleichen Kloß im Hals verspüren wie sie selbst. Wenn jemand mit intellektueller und emotionaler Distanz über das Dritte Reich sprechen kann, dann mangelt es ihm anscheinend an Ehrfurcht vor dem Thema – ja er läuft sogar Gefahr, sich irgendwann versehentlich mit Teilen der Nazi-Ideologie infizieren zu können, weil er nicht vorsichtig genug war. Man muss ihre Hysterie und ihr kon‐ stantes Entsetzen teilen, denn alles andere macht einen verdächtig. Es ist, als wäre rechtes Gedankengut ein Virus, das durch mentalen Kon‐ takt übertragen werden kann. Das stimmt auch, nur gilt das für linkes Gedankengut nicht weniger. Und das Schöne daran ist: Frau Bamber‐ ger-Stemmann hat dann nie etwas falsch gemacht, sie hatte immer nur die besten Absichten und stand unentwegt für das Gute ein. Mit solch hehren Absichten kann man sogar Mitglied des Bundestages werden, ohne jemals irgendetwas geleistet zu haben. Ein ähnlicher Fall: Peter Gutzeit, Fraktionsmitglied der Linken in Hamburg-Eimsbüttel, entdeckte Anfang Dezember 2016 auf einem der Wagen eines Kinderkarussells auf dem örtlichen Weihnachtsmarkt das Kennzeichen HH 88. Sechzig Jahre, nachdem das Kinderkarussell norddeutsche Jahrmärkte zu durchtouren begann, twitterte Gutzeit et‐ was von Nazi-Codes auf einem Kinderkarussell, das sich ausgerechnet auf einem nach der jüdischen Pianistin Fanny Mendelssohn benann‐ ten Platz dreht, und der Tatsache, dass eine NPD-Größe aus demsel‐ ben Ort kommt wie der Betreiber des Karussells. Des Rätsels Auflö‐ sung: HH stand für die Initialen des Karussellbauers Hans Hennecke. Die 88 ist Zufall und dürfte im Jahre 1957 noch nicht die kodifizierte Bedeutung „Heil Hitler“ gehabt haben, die sie heute in Neonazikreisen hat. Doch es nützte alles nichts: Gutzeit verlangte, dass dem Betreiber 8.1 Ideologie und Hygiene 339 wegen dieser Sache, die wohl zumindest fahrlässig gewesen sein soll, die Konzession entzogen würde.119 Hier kommt alles zusammen, was das Spinnerherz begehrt: Ver‐ steckte Botschaften des Feindes, eine NPD-Größe im Hintergrund, ein symbolträchtiger Ort und Kinder in der Gefahr, von einer gefährlichen Ideologie erfasst zu werden. Paranoia und das Hygienebedürfnis wol‐ len gelebt werden, da hat der Erkrankte selbst keine Chance. Wenn man nur Hammer und Sichel hat, sieht jedes Problem aus wie ein Nazi. Gutzeit hat schließlich in aller selbstgerechten Güte von einer An‐ zeige abgesehen, da der Betreiber des Karussells das Schild entfernt hat und ihm glaubhaft versichern konnte, keine NS-Propaganda verbrei‐ ten zu wollen. Aber stellen wir uns vor, der Betreiber des Karussells hätte Herrn Gutzeit den Vogel gezeigt und ihm nahegelegt, sich um Wichtigeres zu kümmern. Wäre Gutzeit einfach gegangen, weil man ihm klarmachen konnte, dass er übertreibt? Die menschliche Psyche sieht anders aus. Wahrscheinlich hätte Gutzeit sich in seiner Hypothe‐ se lediglich bestätigt gefunden, einen Nazi identifiziert zu haben. Wo‐ möglich wäre Gutzeit auch gar nicht in der Lage gewesen, zwischen der Möglichkeit zu unterscheiden, dass der Betreiber ein Nazi ist, und der Möglichkeit, dass er sich Gutzeits Gängelungsversuche einfach ver‐ bittet. Menschen wie Gutzeit und Bamberger-Stemmann haben jahr‐ zehntelang andere gegängelt, ihnen Vorschriften gemacht, mit dem moralischen Zeigefinger in den Gesichtern Anderer herumgefuchtelt, sie zur Rede gestellt und mehr Sensibilität gefordert, weil sie die Vor‐ stellung nicht ertragen, dass andere ihre Hysterie nicht teilen. Viel‐ leicht rührt die Sympathie mancher Linker für den Islamismus auch daher, dass die Islamisten ideologisch nicht so uninteressiert sind wie der Großteil der Bevölkerung. Sie stehen für etwas ein, egal für was. Denken wir kurz an Farkhunda, wie sie den Verkäufer von Koran‐ sprüchen zur Rede gestellt hat, da sie unislamisches Verhalten einfach nicht tolerieren konnte. Leider konnte der Karussellbetreiber nicht be‐ haupten, Gutzeit hätte Das Kapital verbrannt, denn in Das Kapital steht nicht, dass Das Kapital heilig ist. Ansonsten gibt es zwischen einer entsprechend stark ausgelebten politischen Gesinnung und reli‐ giösem Eifer keinen Unterschied. 8 Bismillah, Genossen! 340 Wir können den Spieß aber auch umdrehen. Wie weit die Linke sich von ihren Ursprüngen entfernt hat, kann man daran erkennen, dass das SPD-Urgestein Kurt Schumacher sich für den Ersten Welt‐ krieg freiwillig gemeldet hatte und sich auch nach dem Zweiten Welt‐ krieg noch gegen die Oder-Neiße-Linie als endgültige Grenze Deutschlands aussprach. Die alliierten Pläne, die Deutschen nach dem Kriege zunächst nicht an der Verwaltung teilhaben zu lassen, kom‐ mentierte Schumacher gegenüber Lord Annan mit den Worten: „Wir sind kein Negervolk!“. Wäre dieser Mann ein heutiger Zeitgenosse, wä‐ re er wohl selbst der AfD zu heiß. Herr Gutzeit, Frau Roth, Frau Göring-Eckardt, Frau Nahles, Frau Bamberger-Stemmann: warum sind in Hamburg und Bremen immer noch Alleen nach diesem Mann benannt, in Berlin gar ein Platz und der Sitz des SPD-Landesverbandes? Schämen Sie sich nicht, so etwas weiterhin zuzulassen, oder hängen Sie gar mit drin? Ihr Mangel an Ini‐ tiative in dieser Sache kann als stille Zustimmung seiner unzumutba‐ ren Äußerungen ausgelegt werden. Sprechen Sie umgehend Bekennt‐ nisformeln aus und kriechen Sie zu Kreuze um zu beweisen, dass Sie nicht rechtsradikal sind! Ich meine das natürlich satirisch, doch hauptsächlich will ich auf das ideologische Hygienebedürfnis hinweisen, das laufend bedient werden will und neue Tätigkeitsfelder aufmachen muss, damit die Ideologie weiterhin gelebt werden kann. Übrigens war das Wort „Ne‐ ger“ mal ein feinerer Ersatz für das Wort „Schwarze“, bis es selbst in Verruf geriet und durch ein neues Wort ersetzt werden musste: Farbige. Dieses Wort selbst wurde irgendwann anrüchig, so dass man in den USA heute von Afro-Amerikanern oder allgemein von people of color (POC) spricht. Doch auch indem ich dieses niederschreibe, schon warnt mich was, dass es dabei nicht bleibe. Es ist mitnichten das Hauptziel einer Ideologie, die Welt besser zu machen. Selbst wenn es das jemals gewesen sei, so lief es doch immer Gefahr, von den psychologischen Mechanismen des Ideologeseins überrannt zu werden, denn Ideologie auszuleben macht den Ausfüh‐ renden glücklich. Alles, was wir Menschen tun, soll uns immer nur glücklich machen, unsere Gehirne sind süchtig danach. Ideologien können sich immer nur verselbstständigen. Was den Ideologien der 8.1 Ideologie und Hygiene 341 Welt fehlt, ist ein Selbstkorrekturmechanismus, wie die Wissenschaft ihn hat. Eine Korrektur kann gewöhnlich nur von außen stattfinden, doch wer sollte das im Falle der Linken übernehmen, die ja schon für alles Gute stehen, was dem Menschen überhaupt widerfahren kann? Muss es schon wieder die Rechte sein? Wir wollen doch nicht immer nur zwischen zwei Positionen hin und her oszillieren, die ihren Ursprung in der Sitzverteilung in der französischen Nationalversammlung Ende des 18. Jahrhunderts haben! Warum werden auch Mitglieder der FDP noch nach ihren politischen Äußerungen in links und rechts einsor‐ tiert, als gäbe es nur diese beiden Möglichkeiten? Wie wäre es mal mit Vorne oder Hinten, oder allgemein: mit Rational oder Ideologisch? Die Linke hat in der Gesellschaft eine Position erreicht, die jener des Christentums in vorsäkularer Zeit ähnelt und von der aus es furchtbar einfach ist, nicht selbst kritisiert zu werden. Kritiker mit dem Vorwurf des Rechtsseins zu diskreditieren und so dafür zu sorgen, dass ihnen niemand mehr zuhört, ist seit Jahrzehnten der einzige Existenz‐ nachweis mancher MdBs. Links ist gut und selbstverständlich, und wer daran zweifelt, macht sich verdächtig, ein Ketzer – Entschuldigung, ein Rechter zu sein. Der kanadische Psychologe Steven Pinker prägte hier‐ für einmal den Ausdruck Linkspol. So wie der Nordpol der Punkt auf der Erde ist, von dem aus es in alle Richtungen nach Süden geht, so ist der Linkspol jener ideologische Punkt, von dem aus alle anderen nur noch rechts sein können. Die hingegen müssen gar nicht rechts sein – um sich verdächtig zu machen, genügt es, wenn sie die Linke inhaltlich herausfordern. Der amerikanische Psychologe und Ethikforscher Jonathan Haidt hat hierzu eine interessante Entdeckung gemacht. Er und seine Kolle‐ gen gaben 2.200 Personen, die sich zunächst selbst zwischen links, mo‐ derat oder konservativ einordnen sollten, einen Fragebogen. Dieser Fragebogen, auch als Moral Foundations Questionnaire bekannt, un‐ terteilt ethische Überzeugungen in fünf Kategorien: 8 Bismillah, Genossen! 342 Fürsorge/Schaden: Das Ausmaß, in dem man Sympathie, Mitgefühl und Zuwendung für andere empfindet. Fairness/Gegenseitigkeit: Das Ausmaß, in dem man Gerechtigkeit empfindet und Rechte gewährt. Ingroup/Loyalität: Das Befürworten der Verpflichtung, der eigenen Gruppe gegenüber loyal zu sein, sowie Wir-gegen-Die-Denken. Autorität/Respekt: Ein Maß für die Wichtigkeit von Traditionen und das Aufrechterhalten sozialer Ordnung. Reinheit/Heiligkeit: Ein Maß für moralische Abscheu und die spiritu‐ elle Neigung, den Körper als einen Tempel zu betrachten. Die ersten beiden Kategorien Fürsorge/Schaden und Fairness/Gegen‐ seitigkeit sind dabei die individuellen Kategorien, da sie sich mit dem Individuum beschäftigen, und die anderen drei sind die Gruppen-Ka‐ tegorien, da sie sich mit dem Verhalten des Individuums in der Gruppe auseinandersetzen. Die ersten beiden Kategorien sind klassische Do‐ mänen der politischen Linken, während die anderen drei Kategorien typische Anliegen von Konservativen sind. Haidts Versuchspersonen sollten nun den Fragebogen ausfüllen, um sich selbst auf dieser ethischen Landkarte zu verorten. Gleichzeitig aber sollten sie tun, worum es in diesem Experiment eigentlich ging: sie sollten den Fragebogen in einem zweiten Anlauf so beantworten, wie Vertreter des feindlichen politischen Lagers ihn ihrer Meinung nach beantworten würden. Die Linken sollten sich also in die Rechten hineinversetzen, und die Rechten sollten sich in die Linken hineinver‐ setzen. Auf diese Weise erhielten die Forscher Daten darüber, welche Überzeugungen die Versuchspersonen selbst hatten und wie sie von anderen wahrgenommen wurden. Bei der Auswertung stellten Haidt und Kollegen folgendes fest120: 1. Konservative konnten hinsichtlich der individuellen Kategorien sowohl ihre eigenen als auch die Ansichten der Linken am besten einschätzen, gefolgt von den Moderaten. Linke schnitten hier am schlechtesten ab – bei dem Versuch, die Positionen der Konserva‐ tiven nachzuvollziehen, kam eine übertriebene Karikatur des typi‐ 8.1 Ideologie und Hygiene 343 schen Konservativen heraus, die viel weniger Mitgefühl für andere zu haben schien, als es der Realität entsprach. 2. Moderate konnten sich selbst und beide anderen Lager hinsicht‐ lich der Gruppen-Kategorien am besten einschätzen, gefolgt von den Konservativen und dann den Linken. Interessanterweise un‐ terschätzten die Linken ihre eigene Gruppenloyalität am meisten. 3. Beide Lager, die Linken und die Konservativen, überschätzten die Unterschiede zwischen ihren eigenen Anschauungen und denen des politischen Gegners. Konservative hielten Linke für übertrie‐ ben individualistisch, und Linke hielten Konservative für übertrie‐ ben kollektivistisch. Das Ausmaß aber, in dem man den Gegner schlechter einschätzt als er ist, war bei den Linken am größten. Linke sind im Durchschnitt ideologischer als Rechte, und sie sind sich dieser Tatsache auch weniger bewusst. Wenngleich die politische Situation in den USA nur bedingt mit der in Europa oder Deutschland vergleichbar ist, so ist die Tendenz doch be‐ eindruckend. Politischen Lagern geht es nur in zweiter Linie um die Wahrheit – in erster Linie geht es ihnen darum, den politischen Geg‐ ner zu bekämpfen. Doch die Kluft zwischen Ideologie und Realität scheint im linken Lager am größten zu sein. Die Konservativen verste‐ hen die Linken besser, als Linke die Konservativen verstehen. Wenn je‐ mand andere über einen Kamm schert, dann die Linken mit ihrem übertrieben dämonischen Bild der Konservativen und der anmaßen‐ den Vorstellung, was nicht links ist, müsse grundsätzlich einer Art Ge‐ fährdungsbeurteilung unterzogen werden. Wer ist schuld am Dschihad? Der von einigen Golfstaaten finanzierte Islamismus ist in Europa nicht die einzige Bedrohung für gemäßigte Muslime und den Rest der europäischen Bevölkerung. Diese Bewegung wird von einer Seite ho‐ fiert, unterstützt und freigesprochen, von der man es wirklich nicht er‐ wartet hätte, die damit ihr eigenes, religionskritisches Erbe schlichtweg zertrampelt und die wirklich Schutzbedürftigen, nämlich säkulare Muslime und Exmuslime schlicht im Stich lässt. Nicht mit Wut, son‐ dern mit den groben Stiefeln der Ahnungslosigkeit. Die politische Lin‐ 8.2 8 Bismillah, Genossen! 344 ke hat vor lauter Toleranz gegenüber den Intoleranten ihre ethische Orientierung eingebüßt. Sie leistet sich mit Stolz die folgenden Fehlan‐ nahmen. 1. Der islamische Terrorismus sei ein Produkt des westlichen Impe‐ rialismus im Nahen Osten Nein. Zugegeben, seit Beginn des Jahrtausends (und schon davor) ha‐ ben die USA sich im Nahen Osten stellenweise schamlos bereichert, sich einige politische Patzer geleistet, Diktatoren installiert und gedul‐ det, solange sie der Sowjetunion eine Grenze setzten, und damit eini‐ ges an Schaden verursacht, genau wie Frankreich in Algerien, die Bri‐ ten in Ägypten, und genau wie der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg vor hundert Jahren mit der Idee, Lenin nach Russland zu schicken, um den Bolschewismus zu begründen und da‐ mit das Zarenreich von innen zu stürzen. Was sollte denn dabei schon schiefgehen. Das sind Tatsachen, die niemand leugnen sollte. Die Ursache des islamischen Terrors ist aber eine andere: die derzeit grassierende, wort‐ getreue Lesart des Korans, die sich seit der ersten Hälfte des Zwanzigs‐ ten Jahrhunderts in der islamischen Welt verbreitet. Wenngleich der Koran wesentlich älter ist, so ist die Neigung, ihn wörtlich auszulegen, in der Moderne erst durch die Schriften von Hassan al-Banna in Ägypten (Hin zum Licht, 1936), durch Abu Maududi in Indien (Den Koran verstehen, 1972) und durch Sayyid Qutb in Ägypten (Wegzei‐ chen, 1964) propagiert worden. Bedenken wir, dass der islamistische Terror erst seit Ende der Neunziger Jahre ein weltweites Thema ist, die Schriften aber knapp dreißig Jahre älter sind. Es musste anscheinend erst eine Generation heranwachsen, die von Geburt an nichts anderes kennt als diese wortgetreue Lesart. Osama bin Laden, Jahrgang 1957, lebte bereits in dieser Welt und war zu seiner Zeit der Prototyp des is‐ lamischen Terroristen, der den Koran wörtlich nahm. Wenn die Prä‐ gung von Kindesbeinen an irgendeine Bedeutung für das menschliche Weltbild hat, dann stehen wir immer noch am Anfang des Konfliktes, denn es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die maximale Zahl von Muslimen, die auf die wortgetreue Auslegung des Koran setzen, bereits erreicht wäre. Zumindest nicht, solange sie weiterhin mit viel Geld in 8.2 Wer ist schuld am Dschihad? 345 ihren Gemeinden rund um die Welt verbreitet wird und auch von einstmals säkularen Staaten wie der Türkei Besitz ergreift. Solche Menschen brauchen keinen äußeren Anlass, um den Wes‐ ten zu hassen. Die Verfehlungen des Westens kommen da nur als gele‐ genes Argument, denn es ist eine Sache, die eigenen Leute aufzupeit‐ schen. Es ist aber ein noch viel größerer Genuss, Teilen des Gegners das Gefühl zu geben, er sei zurecht selbst schuld daran, verachtet zu werden. Der britische Ex-Radikale Maajid Nawaz, heute Gründer und Leiter des Extremismus bekämpfenden Think Tanks Quilliam, berich‐ tet in seiner Autobiographie Radical, wie er die Linken erlebte: naiv, ahnungslos und ihn als Extremisten jederzeit verteidigend, solange er dem Westen Vorwürfe machte.121 Er tat es aus islamistischen Grün‐ den, die Linken sahen nur Kapitalismus- und Kolonialismuskritik, was also grundsätzlich gut sein müsse. Wenn man den Amerikanern mit ihrer Weisheit „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ eine spek‐ takuläre Naivität diagnostizieren kann, dann muss man das auch bei der regressiven Linken tun, die sich keinen Deut schlauer verhält. Nawaz und seinesgleichen bezeichneten sie als nützliche Idioten und hatten wenig mehr als Verachtung und Gelächter für sie übrig. Heute bemängelt er, dass Vertreter der Linken auch dazu neigen, Voll‐ verschleierung, Beschneidung und Geschlechtertrennung als kulturell abzutun und damit ihre tiefsten Grundwerte aufzugeben. Er nennt es den Rassismus der geringen Erwartungen. Sind die Handlungen sexis‐ tisch, tut man sie als „das ist nun mal deren Kultur“ ab; sind sie mör‐ derisch wie das Steinigen, haben sie „nichts mit den Islam zu tun“ – vielmehr sei der Westen daran schuld, dass die Menschen in der isla‐ mischen Welt ihr Heil in der Religion suchen. Unter Linken und Islamisten kursiert des Weiteren ein Gerücht: die CIA oder gar der Mossad hätten Al-Qaida gegründet. Das aber stimmt nicht. Als die USA sich anschickten, in Afghanistan die Frei‐ heitskämpfer gegen die Sowjets mit Geld und Stinger-Raketen zu un‐ terstützen, war die Sache noch recht übersichtlich. Die Sowjets waren die Repräsentanten des Reichs des Bösen, wie Reagan die UdSSR sei‐ nerzeit nannte, und wer um seine Freiheit kämpft, muss der Gute sein. Schließlich ist der Kampf gegen Unterdrücker eine uralte amerikani‐ sche Tradition. 8 Bismillah, Genossen! 346 Allerdings gab es damals bereits Anzeichen, dass die Sache ein paar unschöne Details haben könnte. In seinem Buch The Looming Tower (dt. Der Tod wird Euch finden) beschreibt Lawrence Wright, wie die Kameraden eines gefallenen „arabischen Mudschaheddin“, wie die Afghanen die von bin Laden importierten Kämpfer nannten, beim Anblick seiner Leiche weinten vor Neid und Glück. Er war ein Märty‐ rer und nun im Paradies bei Allah und dem Propheten. Aus diesem Grunde hatten sie auch keine Bedenken dabei, in leuchtend weißen Zelten in der afghanischen Steppe zu kampieren, auch wenn sie da‐ durch vom Hubschrauber aus bestens zu sehen waren. Der pakistani‐ sche Journalist Rahimullah Yusufzai fragte die Araber, was das solle. Ihre Antwort war, dass sie bombardiert und getötet werden wollten wenn sie wahrlich gesegnet seien, würde Gott sie mit dem Märtyrertod belohnen.122 Wenn man gewinnt, ist Allah glücklich und belohnt die Kämpfer für ihren Sieg mit dem Paradies – wenn man als Kämpfer stirbt, ist Al‐ lah ebenfalls glücklich und belohnt die Kämpfer mit dem Paradies. In ihrem verschrobenen Weltbild können islamische Extremisten gar nicht verlieren. So oder so – die Ewigkeit ist ihnen sicher. Der islami‐ sche Staat tickt da nicht anders. Das Beste, was man als ihr Gegner tun kann ist anscheinend, ihnen beim Sterben behilflich zu sein, bevor sie nennenswerten Schaden anrichten. Als die USA im Jahre 1991 (in Kooperation mit einigen Golfstaa‐ ten!) die Operation Desert Storm einleiteten und den Irak angriffen, wandte sich Osama bin Laden, bis dato der oberste Verbündete der USA in Afghanistan und ein Held in Saudi-Arabien, innerhalb weni‐ ger Jahre gegen seinen einstigen Partner, verübte Anschläge auf die US- Botschaften in Dar es Salaam und Nairobi 1998 sowie auf den Zerstö‐ rer USS Cole im Jahre 2000 und wurde dadurch der meistgesuchte Ter‐ rorist der Welt. Man mag sich fragen, was den Mann antrieb. Hier ist die Antwort: er war entsetzt und erbost darüber, dass die Amerikaner Stützpunkte in Saudi-Arabien hatten und von dort aus den Irak angrif‐ fen. Bin Laden hatte mit Saddam Hussein nichts am Hut, denn Hus‐ sein war kein Theokrat, wenngleich seine Propaganda von religiösen Motiven nur so triefte. Es war nichts anderes gewesen als die Anwe‐ senheit von ungläubigen Soldaten im Heiligen Land, die bin Laden veranlasste, fortan einen Krieg gegen die USA zu führen, die er Kreuz‐ 8.2 Wer ist schuld am Dschihad? 347 ritter nannte, als wäre da noch eine Rechnung offen. Da die Saudis die Amerikaner gewähren ließen, konnte er nur zu dem Schluss kommen, sie seien ebenfalls keine wahren Muslime, korrupt und verwestlicht. Das war der Grund für seinen Seitenwechsel. Das Ziel hinter den Anschlägen war jedoch ein anderes: er wollte die Amerikaner nach Af‐ ghanistan locken, den Friedhof der Imperien, wie es auch genannt wurde.123 Dort würden sie sich an der kargen Landschaft, dem erbar‐ mungslosen Klima und der örtlichen Bevölkerung die Zähne ausbei‐ ßen wie zuvor die Briten und die Sowjetunion. Ein weiteres Beispiel für diese grundsätzliche Feindseligkeit liefert uns die Geschichte von Osttimor. Dieser kleine, katholische Landstrich im Osten Indonesiens erlebte im Jahre 1999 einen Genozid durch die indonesische Armee und durch proindonesische, muslimische Milizen, bis schließlich die Vereinten Nationen mit einer multinationalen Trup‐ pe unter der Führung Australiens eingriffen und der UN-Statthalter Sergio de Mello die provisorische Kontrolle über Osttimor übernahm. Nachdem Osttimor sich offiziell zur unabhängigen Republik erklärt und eigene Wahlen abgehalten hatte, reiste Sergio de Mello weiter in den Irak, wo sich bereits die nächste humanitäre Krise anbahnte. Wie Sie sich erinnern werden, erfolgte im Jahre 2002 auf Bali der historische Anschlag auf Bars und Restaurants durch Al-Qaida mit über 200 Toten. Den größten Teil der Opfer machten australische Tou‐ risten aus, denn Bali ist in etwa das australische Mallorca. Als Begrün‐ dung führte bin Laden unter anderem die Teilung muslimischen Lan‐ des in Osttimor an124, die für ihn anscheinend ein größeres Problem war, als die Beendigung des Genozids etwas Gutes darstellte. Wären die Opfer des Genozids Muslime gewesen, hätte er sicherlich nicht zur Waffe gegriffen, solange die Täter es auch waren. Hier jedoch griff er zur Waffe, weil Osttimor von Indonesien abgetrennt wurde, um Ka‐ tholiken vor Muslimen zu schützen, und bestrafte Australien für seine militärische Führung der INTERFET, der UN-Schutztruppe in Ostti‐ mor. Das Schicksal einer halben Million Katholiken spielte für bin La‐ den gegenüber der Verringerung muslimischer Landfläche überhaupt keine Rolle. Ich weiß nicht, welche Doppelmoral man in sich herum‐ tragen muss, um Europäern und Amerikanern bei jeder Gelegenheit Rassismus vorzuwerfen, wenn man selbst die gesamte Menschheit in Gläubige und Ungläubige unterteilt, die gegenüber den Gläubigen 8 Bismillah, Genossen! 348 ganz offiziell überhaupt nichts zu melden haben. Werden Muslime ge‐ tötet, erzürnt es den Islamisten – wehren Nichtmuslime sich dagegen, von Muslimen getötet zu werden, erzürnt es den Islamisten. Wollen Is‐ lamisten in weißen Zelten durch Bomben getötet werden, ist es Hel‐ dentum – werden sie tatsächlich durch Bomben getötet, schreit der Is‐ lamist nach Rache. In seiner Ansprache zitierte bin Laden auch die medinische Sure 2, Vers 120: „Weder die Juden noch die Christen werden mit dir zufrieden sein, bis du ihrem Glaubensbekenntnis folgst.“125 Dabei hat der konservative Islam doch mit uns gar nichts anderes vor. Sie werden nie mit uns zufrieden sein, bis wir ihrem Glaubensbe‐ kenntnis folgen. Sergio de Mello wurde am 19. August 2003 im UN-Hauptquartier in Bagdad durch eine gewaltige LKW-Bombe getötet, die gezielt ihm galt. Daraufhin zogen die Vereinten Nationen sich aus dem Irak zu‐ rück, so dass nur die Koalition der Willigen und Al-Qaida auf dem Schlachtfeld übrigblieben. Wo genau hat der Westen hier versagt, sich bereichert, Frustration geschaffen, Menschen mit Füßen getreten? Wo genau wollen Sie das Trostpflaster aufkleben, Herr Todenhöfer, Frau Roth? Ob man Gutes oder Schlechtes tut, ist anscheinend nicht die Frage. Die Frage ist, ob man auch im Angesicht eines Völkermordes (mit Muslimen als Tätern!) islamischen Interessen nachgibt oder nicht. Und um es noch mal jenen deutlich zu sagen, die einen so gerne missverstehen: Nein, bin Laden ist nicht der Islam. Das war aber auch nicht die Frage. Die Frage war, ob der Westen am islamischen Extremismus schuld ist. Ich kann es im‐ mer nur betonen: das Problem bei jeglichem Fundamentalismus sind die Fundamente. Dieser eklatante Mangel an bin Ladens Zurechnungsfähigkeit sagt den Linken zur Analyse der Ursachen des Terrors allerdings wenig. Für sie ist klar, dass der Westen schuld ist, denn er ist kapitalistisch und damit schlecht und für alles Schlechte verantwortlich. Es ist in all seiner Bedrohlichkeit doch bemerkenswert, dass der linke Kulturma‐ sochismus und die theologische Selbstüberhöhung des Islam wie Zahnräder ineinandergreifen können. Leider befindet sich der Rest der menschlichen Gesellschaft dazwischen. 8.2 Wer ist schuld am Dschihad? 349 Der fromme Muslim springt hier gewöhnlich helfend ein, da ja „der Westen“ seit Jahrzehnten Muslime abschlachtet. Es ist jedoch heuchlerisch, „den Westen“ dafür verantwortlich zu machen, wenn Muslime detonieren und dabei andere Muslime töten. Zwischen 2001 und 2018 gab es knapp 34.000 islamistisch geprägte Terroranschläge auf der Welt, die im Schnitt sieben bis acht Todesopfer forderten. Der Großteil dieser Anschläge fand in der islamischen Welt statt, und neun von zehn Opfern dieser Anschläge waren selbst Muslime. Zumindest nach unserem Maßstab. Gemäß dem Konzept des Takfir waren es je‐ weils keine Muslime gewesen, sondern Ungläubige (wenn sie einer an‐ deren Strömung des Islam angehörten) oder Heuchler (wenn sie zwar von der gleichen Strömung waren wie die Täter, aber das mit der Reli‐ gion lockerer angingen). Im Übrigen war der Rachegedanke noch nie zu etwas gut, außer zur Eskalation eines Problems. Das ist eine Sache, die Mohammed auch hätte bemerken können, wäre sein Charakter ein anderer gewesen. Wir sollten bei dieser Angelegenheit auch nicht versäumen, die Gegenprobe zu machen. In ihrem Kampf gegen die Ausbreitung des Kommunismus in Süd- und Mittelamerika sowie in Südostasien haben die USA über Jahrzehnte demokratisch gewählte Staatsoberhäupter beseitigt, durch Diktaturen ersetzt oder Diktaturen unterstützt. Diese Diktaturen erschienen ihnen als das kleinere Übel gegenüber dem So‐ wjetreich. Unnötig zu sagen, dass solche Umbaumaßnahmen gewöhn‐ lich keine bloßen Verwaltungsakte waren, sondern politische Umstür‐ ze, die jeweils einige zehn- bis hunderttausend Todesopfer forderten, da die installierten Diktatoren wie Pinochet sich selbst kaum als reine Befehlsempfänger begriffen. Sie fühlten sich in ihrem Anspruch, das Land zu regieren, immer nur bestätigt, wenn Henry Kissinger ihnen aufs Pferd half. Alles im Namen des Guten, selbstverständlich, der Mensch hat nie eine andere Erklärung für sein Treiben. Was wurde daraus nach dem Niedergang der Sowjetunion und dieser Diktaturen? Ein weltweiter Dschihad der abgehängten Sozialis‐ ten? Wo sind die russischen Terroristen, die den Zusammenbruch der Sowjetunion nicht verkraftet haben und New York bombardieren, um einen Kampf zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Idee heraufzubeschwören? Wo ist der Terror rotchinesischer Migran‐ ten? Wie viele vietnamesische Einwanderer in die USA haben sich dort 8 Bismillah, Genossen! 350 im Nachhinein radikalisiert, wie viele chilenische, panamaische oder nicaraguanische? Wie viele chinesische Restaurantbesitzer haben in Europa den maoistischen Terror relativiert, der uns jahrzehntelang das Fürchten lehrte und dessen Tatorte sich in unser kollektives Gedächt‐ nis gebrannt haben – Köln-Sulz, Wanne-Eickel, Nürnberg, Lippstadt, Pirmasens, selbst in unseren Urlaubsorten wie Föhr, Fehmarn und Sylt? Kein einziger, wie Sie wissen, denn es gab ihn und diese Tatorte nie. Der Unterschied liegt in der natürlichen Feindseligkeit des Islam gegenüber allem Nichtmuslimischen, der die wortgetreue Lesart des Korans zu neuer Blüte verhalf. Wer der Feind ist, steht bereits fest, und die Begründung findet sich. Es ist bedauerlich, dass sie dann von eini‐ gen Opfern auch so bereitwillig geglaubt wird. 2. Jede fremde Kultur ist wertvoller als die eigene Dies ist eine wenn auch eher instinktive Kernthese des linken Selbst‐ verständnisses. Wer den Zweiten Weltkrieg lange genug inhaliert hat und darüber hinaus nicht viel differenzierter denkt als sein Lieblings‐ feind, der Faschist, der wird früher oder später eine Bewältigungsstra‐ tegie für diesen inneren Konflikt entwickeln: er wird entweder alles Deutsche hassen, nur weil es deutsch ist, oder sich jeder anderen Kul‐ tur um den Hals werfen. Da diese beiden Strategien einander nicht ausschließen, erleben wir oftmals beides. Haben die Anführer der poli‐ tischen Linken heute noch ein Faible für Einwanderer aus Italien, Por‐ tugal oder Griechenland? Nein, die sind erfolgreich absorbiert und müssen sich höchstens für vermeintlich rechtes Gedankengut erklären, sofern es öffentlich bekannt wird.* Das derzeitige Steckenpferd sind Muslime. Wer wie Claudia Roth bei jedem Besuch im Nahen Osten meta‐ phorisch gesprochen schon auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen den Hidschab anlegt, der biedert sich in der würdelosesten Weise je‐ * Eine der Begründungen für die Öffnung der Grenzen im Jahre 2015 war der Import von Arbeitskräften. Dass Spanien, Portugal, Griechenland und Italien zweistellige Prozentsätze von Jugendarbeitslosigkeit haben, hätte eine innereuropäische Migrati‐ onswelle lostreten können, und diese Jugend ist mit den Werten der EU bereits bes‐ ser vertraut als die arabische und nordafrikanische, der man anscheinend erst bei‐ bringen muss, dass Europa sie nicht verzweifelt um mehr Islam gebeten hat. 8.2 Wer ist schuld am Dschihad? 351 dem noch so despotischen Regime an, „weil es halt deren Kultur ist“. Nein, das ist es nicht, und nichts zeugt deutlicher von der Unkenntnis. Kemal Atatürk hatte keine hohe Meinung vom Islam, er hielt ihn für archaisch, unnötig gewalttätig und dem Fortschritt hinderlich. Erdo‐ gan hält sich für schlauer und marschiert mit Riesenschritten in die Theokratie. Afghanistan war unter Mohammed Sahir Schah auch einst ein Land voll bunt gekleideter Frauen mit Wahlrecht und Schulab‐ schlüssen gewesen, bis die Taliban diese westliche Scheußlichkeit aus dem Lande schafften. Seitdem strahlt das Land im Feuerschein der Autobomben in Burkablau. In Pakistan, Iran und auch dem Irak präg‐ ten in den 1970ern Schlaghosen, riesige Gürtelschnallen, langärmlige, enge T-Shirts in Gelb und Rot und offenes weibliches Haar das Stra‐ ßenbild. Jeder zweite Iraner schien herumzulaufen wie Frank Zappa in seinen besten Tagen. Ein Jugendlicher aus einem dieser Länder, der heute in einer Schatulle unter dem Bett solche Bilder seiner Eltern vor‐ findet, stellt sie für diese Anbiederung an den verhassten Westen eher zur Rede, als sich über den Anblick scheckig zu lachen. Denn mit dem Aufkommen der Religion verschwindet das Lachen als allererstes. Nachdem die Mullahs im Iran die Macht ergriffen hatten, gingen in Teheran 100.000 Frauen am 8. März 1979 auf die Straße und protes‐ tierten fünf Tage lang gegen die Einführung des Hidschab, also nur des bloßen Kopftuches, nicht der Vollverschleierung.126 Zu beachten ist hierbei, dass der schiitische Islam auch in der Verfassung von 1907 be‐ reits Staatsreligion gewesen war. Vor 1975 mussten Frauen sich jeder‐ zeit mit einer Mehrehe abgeben, erbten nur die Hälfte dessen, was ihre Brüder erbten, durften weder wählen noch ein öffentliches Amt be‐ kleiden und durften ohne die Zustimmung ihres Mannes nicht arbei‐ ten gehen. Alles Dinge, die wir heute aus Saudi-Arabien kennen. Das liberale Familienschutzgesetz von 1975 änderte das. Es wurde gleich 1979 wieder abgeschafft, da es „gegen den Islam“ war, wie Chomeini erkannte. Kopftuch und Niqab sind keine traditionellen Kulturstatements, Frau Roth, sondern Zeichen davon, dass ein ausgesprochen konserva‐ tiver Islam, der grundsätzlich auch Ihnen an die Wäsche will, sich in der islamischen Welt breitmacht. Was wir in der westlichen Welt erle‐ ben, sind eher die Ausläufer eines innerislamischen Kampfes um die 8 Bismillah, Genossen! 352 Deutungshoheit der heiligen Schrift. Sobald sie unter sich aufgeräumt haben, werden wir an der Reihe sein. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: ich fühle mich der deut‐ schen Kultur auch nicht sonderlich verbunden, was einfach daran liegt, dass ich mir von allen Kulturen das Beste heraussuche. Britischen Hu‐ mor, mediterranes Essen, griechische Gelassenheit, arabisches Spaßvo‐ geltum. Ich bin mir nicht sicher, was an mir deutsch ist; wahrschein‐ lich die eher introvertierte Persönlichkeit. Das heißt für mich aber nicht, dass ich das Deutsche unbedingt ablehnen oder dezimieren muss – das wäre intolerant von mir. Und schon gar nicht bedeutet es, dass ich diese Entscheidung für andere treffe oder mir anmaße, das Volk erziehen zu wollen, bis es kotzen muss. Denn das tut es gerade, indem es AfD wählt und den etablierten Parteien und den „Systemme‐ dien“ kein einziges Wort mehr glaubt. Es ist genau dieser Kulturmasochismus, der die Linke in weiten Teilen auszeichnet. Doch paradoxerweise hat auch dieser Kulturmaso‐ chismus etwas ganz und gar Deutsches an sich: das moralinsaure Be‐ dürfnis, andere Kulturen vor deutschen Pauschalurteilen in Schutz zu nehmen und sie damit indirekt und versehentlich zu dümmlichen Na‐ turvölkern zu erklären, denen man keine Verantwortlichkeit abverlan‐ gen kann. Es ist falsch, andere Kulturen pauschal schlecht zu machen; es ist aber keinen Deut besser, sie pauschal von etwas freizusprechen, auf das die Realität nun mal hinweist. Das nennt man Kulturrelativis‐ mus – die Vorstellung, dass alle Kulturen der Welt gleichwertig seien, und dass Dinge wie die universellen Menschenrechte in arabischen Ländern nicht gelten müssten, weil man dort ja anderslautende Grundsätze hat. Nein, es gibt keinen Grund anzunehmen, dass alle Kulturen der Welt grundsätzlich gleichwertig seien – in Bezug auf die deutsche Kultur sehen sie es ja auch nicht so. Manche Kulturen sind seit einigen Jahrzehnten gar auf dem Rückschritt, und wenn man von Kulturen spricht, dann muss man eigentlich auch klarstellen, welchen Zeitpunkt in ihrer Entwicklung man genau meint. Kulturrelativismus bedeutet auch, dass es richtig sei, wenn Frauen ohne Hidschab im Iran mit Ermahnung und Gewalt rechnen müssen. Der Schlüssel liegt im Begriff Menschenrechte. Wessen Recht ist es, von einer Frau zu erwarten, dass sie sich einer gewalttätigen Theokra‐ tie beugt und den Hidschab anlegt? Der Unterschied liegt darin, wer 8.2 Wer ist schuld am Dschihad? 353 die Rechte und wer die Pflichten hat. In der westlichen Welt hat pri‐ mär der Mensch die Rechte, in der islamischen Welt hat die Theologie die Rechte und der Mensch die Pflichten. Es ist unglaublich, dass Ver‐ treter der Linken, die eigentlich einmal religionskritisch war, ausge‐ rechnet bei der menschenfeindlichsten Religion der Welt kneifen und die Seiten wechseln. Das Problem, das ich mit Ihnen und Ihresgleichen habe, Frau Roth, ist nicht nur, dass Sie die Debatte verweigern, weil Sie sich bereits auf der Gewinnerseite wähnen. Das Problem ist auch, dass Sie nicht ein‐ mal mehr erkennen, wann eine Debatte notwendig ist. Sie leben als Kapitalismuskritikerin bei Fahrdienst und MdB-Einkommen in einer Filterblase aus Gleichgesinnten, die Sie von den Bedürfnissen real exis‐ tierender Menschen schon lange abgeschnitten hat. Angenommen, es gäbe tatsächlich eine rückständige Kultur, die ihre Kinder aus metaphysischen Gründen verstümmelt, Nachbarn bei der geringsten theologischen Übertretung tötet und sich gesellschaft‐ lich nicht im geringsten weiterentwickelt, ja sogar jede Gelegenheit zur Weiterentwicklung kategorisch ablehnt. Wer sollte in der Lage sein, das zu erkennen? Mir fällt auf Anhieb ein Dutzend Namen von Politi‐ kern ein, die das niemals würden wahrhaben wollen, und immer etwas von „gerade wir haben kein Recht, das zu kritisieren“ faseln. Wenn sie in ein islamisches Land reist, legt Frau Roth den Hid‐ schab an. Wenn es nun in diesem Land zu einem Umsturz kommt, der die Theokraten aus dem Lande fegt und die Hidschabpflicht aufhebt – wird sie ihn dann bei ihrer nächsten Reise wieder anlegen? Oder ist es dann plötzlich zu deren Kultur geworden, keinen Hidschab zu tragen? Und angenommen, die Revolutionäre hätten gar ein Hidschabverbot erlassen – würde sie ihn dann trotzdem anlegen, weil es ja bis vor kur‐ zem noch Teil der muslimischen Identität war? Hängt es vielleicht von der Entschlossenheit und der Gewaltbereitschaft der Revolutionäre ab, was sie tun wird? Und worin würde sich dann ihr Kulturrelativismus von bloßem Duckmäusertum unterscheiden? Sie hat zeit ihres Lebens immer nur an Orten demonstriert, wo nicht scharf geschossen wurde. Aber auch eine Kanzlerin, die angesichts der großen Menge kon‐ servativer Muslime, die zwangsläufig unter den Flüchtlingen sein wird, zu nichts Besserem raten kann als „den Mut zu haben zu sagen, dass wir Christen sind“ oder zu Weihnachten wieder die Blockflöte rauszu‐ 8 Bismillah, Genossen! 354 holen, ist eher ein Teil des Problems als der Lösung. Und auch Markus Söder drückte im Rahmen des politischen Aschermittwochs 2018 den Wunsch aus, die christliche Prägung möge in die bayrische Landesver‐ fassung aufgenommen werden, und installierte Kreuze in allen öffent‐ lichen Gebäuden in Bayern. Wann in der Geschichte der Menschheit hat eine Rückbesinnung auf die Religion jemals eine Krise deeskalieren lassen? Mir sind nur Beispiele für das Gegenteil bekannt. Darauf aufmerksam zu machen, ist in diesem Buch mein ganzes Anliegen. 8.2 Wer ist schuld am Dschihad? 355 Quellen 1 Schreiben des Sekretärs der Deutschen Bischofskonferenz Dr. Hans Langendörfer an die deutsche Bischöfe, Bonn, 30.10.2013 2 Pew Research Center, Muslims and Islam: Key findings in the U.S. and around the world, von Michael Lipka, 09.08.2017, abgerufen unter http://www.pewresearch.org/fact-tank/2017/08/09/muslimsand-islam-key-findings-in-the-u-s-and-around-the-world/ 3 Abraham M. Baruchin, Dan Mahler, Dan J. 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Februar 2006, 1 BvR 357/05 51 SPIEGEL Online, Tod durch den Mob, von Hasnain Kazim, 19.04.2017, abgerufen unter http://www.spiegel.de/panorama/ justiz/pakistan-mob-toetet-studenten-mashal-khan-wegen-angeb‐ licher-gotteslaesterung-a-1143892.html, 52 Martin Luther, Ein Sendebrief von dem harten Büchlein wider die Bauern, Wittenberg, 1525 53 https://www.welt.de/politik/deutschland/article151310025/Wennsie-halbnackt-herumlaufen-passiert-sowas.html 54 http://nytlive.nytimes.com/womenintheworld/2016/04/13/afghanmp-threatens-reporter-with-sexual-abuse-after-she-asks-aboutmarital-rape/ Quellen 360 55 https://www.memri.org/tv/saudi-cleric-dr-abd-al-aziz-al-fawzanexplains-why-women-should-not-be-allowed-drive/transcript 56 Understanding Masculinities: Results from the International Men And Gender Equality Survey (IMAGES) – Middle East And North Africa. 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General Correspondence. 1651–1827, Library of Congress. 68 Das Islamic Center of America hat die Aufnahme mittlerweile wie‐ der aus dem Netz genommen, doch ein Video seines Vortrags ist noch unter https://mobile.twitter.com/ASJBaloch/status/9171 87044601982976/video/1 zu sehen. 69 https://www.facebook.com/ConfessionsOfAnExMuslim/, Beitrag vom 31.12.2017 Quellen 361 70 http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/pakistan-jugendli‐ cher-hackt-sich-wegen-blasphemie-vorwurf-die-hand-aba-1072658.html 71 https://www.huffingtonpost.com/entry/pakistani-teen-chops-offhand_us_569e97aae4b00f3e9863258e 72 Serge Larivée, Carole Sénéchal, Geneviève Chénard, Les côtés ténébreux de Mère Agnes, Studies in Religion/Sciences Religieuses, Volume: 42 issue: 3, page(s): 319-345 73 Christopher Hitchens, The Missionary Position, Verso, London 1995, S. 58 74 Christopher Hitchens, The Missionary Position, Verso, London 1995, S. 48 75 Christopher Hitchens, The Missionary Position, Verso, London 1995, S. 44 76 ebenda. 77 “Archbishop: Mother Teresa underwent exorcism”, CNN.com, 7. September 2001 http://edition.cnn.com/2001/WORLD/asiapcf/ south/09/04/mother.theresa.exorcism/ 78 Christopher Hitchens, Mommie Dearest, Slate.com, 20.10.2003, abgerufen unter http://www.slate.com/articles/news_and_politics/ fighting_words/2003/10/mommie_dearest.html 79 http://www.pewresearch.org/fact-tank/2015/11/17/in-nationswith-significant-muslim-populations-much-disdain-for-isis/ 80 Maajid Nawaz, Sam Harris, Islam and the Future of Tolerance, Harvard University Press, London 2015, S. 19ff 81 C. Kurzman, I. Naqvi, Do Muslims vote Islamic, Journal of Demo‐ cracy 21, No. 2. 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Titel: „Hamed Abdel Samad - Der islamische Faschis‐ mus“ 108 BBC Online, Mood hardens against Afghan convert, von Sanjoy Majumder, 24.03.2006, abgerufen unter http://news.bbc.co.uk/2 /hi/south_asia/4841334.stm 109 SPIEGEL Online, Lebenslange Haft für Mord an konvertierter Frau, 9.02.2018, abgerufen unter http://www.spiegel.de/panorama/ justiz/traunstein-lebenslange-haft-fuer-mord-an-konvertierterfrau-a-1192612.html 110 Leipziger Volkszeitung, Kein Interesse: Nur ein Drittel der Karten für Kirchentag in Leipzig verkauft, 26.05.2017, abgerufen unter http://www.lvz.de/Leipzig/Lokales/Kein-Interesse-Weniger-Besu‐ cher-als-erwartet-bei-Kirchentag-in-Leipzig 111 Allerdings lehnen die polnischen Bischöfe den Ausdruck „König von Polen“ ab, denn Jesus ist ja immerhin König des Universums, und „König von Polen“ kann seine Macht damit nur kleiner wir‐ ken lassen, als sie ist. Quelle: Katholisch.de, Polens Kirche würdigt Christus als "König", 19.11.2016, abgerufen unter http:// www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/polens-kirche-wur‐ digt-christus-als-konig 112 Die Kirche, Friedlich mit allen zusammenleben, von Martin Ger‐ mer, 12.12.2017, abgerufen unter http://www.die-kirche.de/artikeldetails/friedlich-mit-allen-zusammenleben 113 WELT Online, „Wir haben uns bewusst für die Lehrerin mit Kopf‐ tuch entschieden“, 11.12.2017, abgerufen unter https:// www.welt.de/print/welt_kompakt/print_politik/article171462542/ Wir-haben-uns-bewusst-fuer-die-Lehrerin-mit-Kopftuch-ent‐ schieden.html 114 ZEIT Online, EKD-Vorsitzender fordert Islamunterricht an allen Schulen, 27.05.2016, abgerufen unter http://www.zeit.de/gesell‐ schaft/zeitgeschehen/2016-05/evangelische-kirche-islam-unter‐ richt-heinrich-bedford-strohm 115 Der Tagesspiegel, Einnahmen der Kirchen 2015 auf Rekordniveau, 22.06.2016, abgerufen unter http://www.tagesspiegel.de/weltspie‐ gel/kirchensteuer-einnahmen-der-kirchen-2015-auf-rekordni‐ veau/13769240.html Quellen 365 116 SPIEGEL Online, Gottesbezug in Kieler Landesverfassung abge‐ lehnt, 22.07.2016, abgerufen unter http://www.spiegel.de/politik/ deutschland/schleswig-holstein-keine-gottesformel-fuer-landes‐ verfassung-a-1104318.html 117 https://ucr.fbi.gov/hate-crime/2015/tables-and-data-declarations/ 5tabledatadecpdf 118 Manager-Magazin, Nazi-Codes in Edeka-Spot? "Es ist erschüt‐ ternd", 23.11.2016 119 WELT Online, Der Hitler-Code auf dem Kinderkarussell, 9.12.2016, abgerufen unter https://www.welt.de/vermischtes/arti‐ cle160149680/Der-Hitler-Code-auf-dem-Kinderkarussell.html 120 Jesse Graham, Brian A. Nosek, Jonathan Haidt, The Moral Stereo‐ types of Liberals and Conservatives: Exaggeration of Differences across the Political Spectrum, PLoS ONE 7(12), 12.12.2012 121 Maajid Nawaz, Radical: My Journey out of Islamist Extremism, WH Allen, London 2012, S. 210. 122 Lawrence Wright, The Looming Tower, Random House, New York 2006, S. 107-108 123 Lawrence Wright, The Looming Tower, Random House, New York 2006, S. 272 124 BBC News, bin Laden rails against Crusaders and UN, 3. Novem‐ ber 2001, abgerufen unter http://news.bbc.co.uk/2/hi/world/moni‐ toring/media_reports/1636782.stm 125 Ebenda. 126 http://nytlive.nytimes.com/womenintheworld/2015/09/15/theday-100000-iranian-women-protested-the-head-scarf/ Quellen 366

Zusammenfassung

Atheisten verunsichern. Aus irgendeinem Grund glauben Menschen, religiös zu sein sei grundsätzlich gut, und wer dagegen ist, der müsse einfach etwas im ­Schilde führen. Mittlerweile sind ein Drittel der Deutschen konfessionslos ­– dennoch scheint es in der öffentlichen Wahrnehmung einen Unterschied zu geben zwischen religiös Uninteressierten und ausgewachsenen Atheisten. Bei religiös Uninteressierten sagt man bestenfalls „Soll doch jeder glauben, was er will“, bei Atheisten wittert man Angriffe auf das Gute im Menschen, gesellschaftliche Verrohung und Haftanstalten für Christen.

Wir wollen in diesem Buch untersuchen, was an der Sache dran ist.

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Zusammenfassung

Atheisten verunsichern. Aus irgendeinem Grund glauben Menschen, religiös zu sein sei grundsätzlich gut, und wer dagegen ist, der müsse einfach etwas im ­Schilde führen. Mittlerweile sind ein Drittel der Deutschen konfessionslos ­– dennoch scheint es in der öffentlichen Wahrnehmung einen Unterschied zu geben zwischen religiös Uninteressierten und ausgewachsenen Atheisten. Bei religiös Uninteressierten sagt man bestenfalls „Soll doch jeder glauben, was er will“, bei Atheisten wittert man Angriffe auf das Gute im Menschen, gesellschaftliche Verrohung und Haftanstalten für Christen.

Wir wollen in diesem Buch untersuchen, was an der Sache dran ist.