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2 Religionen sind menschgemacht in:

Burger Voss

Ausgeglaubt!, page 97 - 132

Warum Atheisten für die Gesellschaft wertvoll sind

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4218-2, ISBN online: 978-3-8288-7140-3, https://doi.org/10.5771/9783828871403-97

Tectum, Baden-Baden
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Religionen sind menschgemacht „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei auch etwas denken lassen.“ Goethe Die Natur des Menschgemachten Es gibt einen Satz, den Verleger ihren Romanautoren für eine packen‐ de Story mit auf den Weg geben: beginne mit einem Erdbeben, und dann steigere dich. Es soll langatmige Geschichten verhindern, in de‐ nen nur geschieht, was in jedermanns Leben geschieht. Eine packende Geschichte soll uns den Atem nehmen und muss daher spannender sein als das Frühstück des Titelhelden. Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass fast alle großen Reli‐ gionen mit einer wunderlichen Geburt ihres Protagonisten beginnen. Buddha soll im Leib seiner Mutter wie ein Edelstein geleuchtet haben. Der chinesische Halbgott Houji, der den Menschen die Hirse gebracht haben soll, wurde empfangen, als seine ansonsten unfruchtbare Mutter in die Fußstapfen des Gottes Shangdi trat. Die ägyptische Göttin Isis empfing ihren Sohn Horus, nachdem ihr toter Gatte Osiris kurzzeitig und nur zu Paarungszwecken wiederbelebt worden war. Der griechi‐ sche Held Perseus wurde von seiner Mutter Danae in Gefangenschaft empfangen, als Zeus in Form eines Goldregens über sie kam. Im Hin‐ duismus betritt Wischnu die Gebärmutter von Devaki und wird als Krishna geboren. Genauso verfährt er mit der Königsfrau Kausalya, von der er sich als Rama zur Welt bringen lässt. Der aztekische Gott Huitzilopochtli wurde von seiner Mutter Koatlikue empfangen, als sie Federn auf dem Boden fand und an sich nahm. Der ebenfalls azteki‐ sche Gott Quetzalcoatl wurde von seiner jungfräulichen Mutter Chi‐ malman entweder im Traum empfangen oder gemäß einer alternati‐ ven Geschichte dadurch, dass sie einen Edelstein verschluckte. 2 2.1 97 Diese Geschichten sollen in uns den Eindruck erwecken, dass die Protagonisten so anders sind, wie sie nur sein können. Schon bei ihrer Geburt werden die Naturgesetze verletzt, und ich kann mir wirklich nichts Besseres vorstellen, um in eine Geschichte ganz groß einzustei‐ gen. Bei der Geburt des Geliebten Führers Kim Jong Il soll eine Schwalbe seine Geburt angekündigt haben, ein Stern erleuchtete den Himmel und ein doppelter Regenbogen erschien. Wie Sie vielleicht wissen, wurde Anakin Skywalkers Mutter Shmi in Star Wars von den endosymbiontisch lebenden Midi-Chlorianern geschwängert, was ebenfalls einer Jungfrauengeburt gleichkommt. Und auch Paul Atrei‐ des aus Frank Herberts Der Wüstenplanet entstammt einem Zuchtpro‐ gramm der Bene Gesserit, einer religiösen Vereinigung, der seine Mut‐ ter angehört und deren Ziel die Erschaffung des messiasähnlichen Kwisatz Haderach ist, eines Übermenschen, der an mehreren Orten gleichzeitig sein kann. Frank Herbert sagte im Jahre 1979: „Die Grundaussage von Der Wüstenplanet ist: Hüte dich vor Helden. Verlas‐ se dich lieber auf dein eigenes Urteil und deine eigenen Fehler.“21 Gewöhnlich gehen die Geschichten dann mit einem Problem wei‐ ter: das Böse muss bekämpft, etwas Verlorenes muss wiedergefunden werden. Im Christentum sind wir durch die Erbsünde belastet und müssen Jesus annehmen, um ins Paradies zu gelangen und der Hölle zu entgehen. Im Islam haben wir die konstante Gefahr der Hölle, doch können wir ihr durch das minutiöse Befolgen von Regeln entgehen, die der Schöpfer diktiert hat. Solange es die USA gibt, wird das Kim- Regime in Nordkorea sein Volk glauben lassen, das Böse stünde vor der Tür und wolle sie alle vernichten. Eine Gefahr schweißt Mitglieder einer Gemeinschaft zusammen und isoliert sie nach außen, was der Festigung des Glaubens durchaus förderlich ist. Johannes 3:16 spricht zwar davon, dass Jesus sein Leben für unsere Sünden gab, aber der Trick an der Sache ist, dass er dann von den Toten auferstand und wir trotzdem immer noch Sünder sind und seiner bedürfen. Warum das Ganze? Sonst gibt es keine Story, wie der Journalist sagt. Wir würden uns zur Gegenprobe folgende theologische Lehre vorstellen müssen: Es gab ein Problem, aber nun ist alles klar, das Problem wurde beseitigt, Ihr könnt weitermachen wie bisher. Damit bekommt man in der Welt des Glaubens kein Bein auf die Erde. Der Zuhörer würde sich für das Entertainment bedanken und dem Erzäh‐ 2 Religionen sind menschgemacht 98 ler der Geschichte bestenfalls ein Trinkgeld geben – jeder Kinofilm funktioniert so. Vielleicht gab es einmal Religionen, die eine solche, abgeschlossene Geschichte gepredigt haben und keinen Handlungsim‐ perativ für künftige Generationen übrigließen, gepaart mit Strafen für das Nichtbeachten des Imperativs. Solche Rohrkrepierer haben die Ei‐ genschaft, in der Geschichte nur wenig Spuren zu hinterlassen, und so können wir über ihre Zahl, ihre Verbreitung und die Frage, ob es sie überhaupt gegeben hat, nur mutmaßen. In Anbetracht des evolutionä‐ ren Prinzips der Selektion des Überlebensfähigen und der universellen Einsetzbarkeit dieses Prinzips halte ich es aber für wahrscheinlich, dass es sie gegeben hat. Das Prinzip von Mutation und Selektion, das die Evolution des Le‐ bens auszeichnet, lässt sich ohne Weiteres auch auf die Religion an‐ wenden. In der Biologie entsteht Artenvielfalt durch Mutationen in den Erbanlagen. Der Birkenspanner Biston betularia ist eine Motte, die in der Vergangenheit hauptsächlich weiße Flügel besaß und daher auf Birkenstämmen schlecht zu sehen war, so dass sie Fressfeinden wie Vögeln und Fledermäusen entging und überlebte – die wenigen dunk‐ len Exemplare der Spezies hatten schlechtere Karten. Das heißt nicht, dass ihr genetisches Merkmal aus dem Genpool der Spezies vollständig verschwand, es wurde lediglich ein Nischendasein, dunkle Flügel zu besitzen. Mit dem Einsetzen der industriellen Revolution in England wurden von Eisenbahnen und Fabrikschloten große Mengen Ruß frei‐ gesetzt, der die Birkenstämme schwärzte. Nun waren weiße Motten auf den Birkenstämmen hervorragend zu sehen und wurden in größerer Zahl gefressen als die dunklen Exemplare. Jetzt hatten die dunklen Ex‐ emplare einen Selektionsvorteil, so dass sie nach wenigen Jahren das Bild ihrer Spezies dominierten. „Der“ Birkenspanner hatte nun typi‐ scherweise dunkle Flügel. Der ganze Prozess wurde in etwa 70 ver‐ schiedenen Spezies beobachtet und heißt Industriemelanismus. Um das Beispiel vollständig zu machen, beobachtet man seit den 1960er Jahren wieder eine Zunahme der weißen Sorte Birkenspanner, da elektrisch angetriebene Eisenbahnen und moderne Abgasreinigung die Verrußung der Umwelt Geschichte werden ließen. Eine gängige Fehlannahme ist, dass die Verrußung sich direkt auf die Gene der Spe‐ zies auswirken würde. Das aber tut sie nicht. Mutationen des Erbgutes geschehen laufend und ununterbrochen – es sind die Umweltbedin‐ 2.1 Die Natur des Menschgemachten 99 gungen, an denen sich entscheidet, welches genetische Merkmal die Oberhand gewinnt. Das ist die natürliche Selektion, die zweite große Kraft der Evolution. Mutation bewirkt Vielfalt der Möglichkeiten, und die natürliche Selektion bestimmt, welche Merkmale sich mit welcher Wahrscheinlichkeit durchsetzen. Und nun können wir das Ganze auf Religionen anwenden. Was in der Evolution die Mutation ist, sind in den Religionen Ideen und Dog‐ men, die von Gehirn zu Gehirn springen. Was in der Evolution die na‐ türliche Selektion ist, ist in den Religionen ebenfalls natürliche Selekti‐ on – obwohl eine religiöse Idee gewaltig an Fahrt gewinnen und das Prinzip der natürlichen Selektion verletzen kann, wenn ein Herrscher wie Theodosius I. im Jahre 380 das Christentum zur Staatsreligion ei‐ nes Imperiums macht. Wenn jemand eine christliche Strömung entwickeln würde, deren zentrale Aussage darin besteht, man dürfe keinen Nachwuchs haben, da man damit nur die Summe an Sündern auf der Welt erhöht, dann würde diese Strömung sich per Selbstdefinition nur schlecht verbreiten können. Gibt es dann gleichzeitig eine andere christliche Strömung mit zentralen Aussagen wie „Du sollst Dir die Erde Untertan machen“ und „Die Frau ist dazu da, Dir Kinder zu gebären“, dann ist klar, wel‐ che der beiden Religionen wir einige Generationen später in der Ge‐ sellschaft noch sehen werden. Wichtig dabei ist auch zu wissen, dass der ganze Prozess aus Muta‐ tion und Selektion in der Natur nicht danach strebt, das Leben des In‐ dividuums zu verbessern. Es geht nur um das Überleben und die Wei‐ tergabe von Erbinformationen, egal auf welchem Zufriedenheitsniveau. Und ist das bei den Religionen nicht genauso? Die dramatischen Zu‐ stände der Spätantike und des Mittelalters mit allgegenwärtiger Gewalt, Seuchen und Hungersnöten haben nicht dazu geführt, dass man sich vom Christentum abgewendet hätte, denn hier kommt noch eine psy‐ chologische Komponente hinzu, die in der Evolutionslehre nichts Ent‐ sprechendes hat. In der Evolution des Lebens geschehen Mutationen durch chemische oder radioaktive Einflüsse auf das Erbmaterial, in der Evolution der Religion können das nur die Gedanken und Taten von Menschen sein, und die sind den Naturgesetzen weniger streng unter‐ worfen als die Beeinflussung eines DNA-Moleküls – es grenzt eher an Beliebigkeit. Der Tod einer geliebten Person kann bewirken, dass das 2 Religionen sind menschgemacht 100 Individuum sich in die Religion flüchtet und sich einredet, es sei viel‐ leicht nicht gläubig genug gewesen; er kann aber auch bewirken, dass das Individuum sich von Gott enttäuscht abwendet. Besitzt die Religi‐ on allerdings entsprechende Passagen, denen zufolge einen Abwen‐ dung von der Religion die gesellschaftliche Ausgrenzung oder eine To‐ desstrafe zur Folge hat, so demonstriert die Religion damit einmal mehr ihre Überlebensfähigkeit – sie hat verbreitungsfähige Informa‐ tionen. Das Wohlbefinden des Individuums spielt auch hier weiterhin keine Rolle, und auch der Wahrheitsgehalt einer Religion hatte nie Einfluss auf den Verbreitungserfolg. *** Der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge, bekannt durch seinen Rhyme of the Ancient Mariner, entwickelte im 18. Jahrhundert das Konzept der willing suspension of disbelief, auf Deutsch „das willentli‐ che Aussetzen der Ungläubigkeit“. Er beschrieb damit das Phänomen, dass Zuhörer oder Leser einer phantastischen Geschichte sich bewusst auf die Geschichte einlassen und ihre Skepsis vorübergehend ablegen, um die Geschichte zu genießen. Wir alle wissen, dass es keinen golde‐ nen Ring gibt, der in Mordor in den Vulkan geworfen werden muss, und wir sind uns auch der Tatsache bewusst, dass Han, Luke und Leia erfundene Figuren sind. Niemand auf der Welt hatte jemals die Mög‐ lichkeit, in eine weit, weit entfernte Galaxie (und bei der Gelegenheit auch gleich in die Vergangenheit) zu reisen, um die Geschichte aus außergalaktisch-historischen Quellen zusammenzutragen und sie auf die Leinwände des Planeten Erde zu bringen. Wir wissen das. Auch der abgedrehteste Star Trek-Fan, der fließend Klingonisch spricht und in jedem Modell der Enterprise mit verbundenen Augen einen durchge‐ brannten Unschärferelations-Kompensator wechseln könnte, ist sich immer noch der Tatsache bewusst, dass es sich nur um Fiktion handelt, und man kann sich nur schwer vorstellen, dass jemand auf einer Co‐ micmesse getötet wird, weil er John Connor beleidigt hat, die einzige Hoffnung der Menschheit in der Rebellion gegen die Maschinen. Denn all diese Geschichten wurden mit dem erklärten Zweck der Un‐ terhaltung und Zerstreuung in die Welt gesetzt. Im Gegensatz zur Reli‐ gion, besonders der monotheistischen, legen sie keinen Wert darauf, gelebt zu werden, und vor allem sind sie abgeschlossene Geschichten, 2.1 Die Natur des Menschgemachten 101 die das Publikum nicht mit einem metaphysischen Problem in die Welt entlassen. Sie sind völlig offen und ehrlich hinsichtlich ihrer welt‐ lichen Ziele, nämlich des Umsatzes, und sie wollen auch nur Umsatz und keine Macht über Gehirne. Zu jener Zeit, als die großen Religionen entstanden, beherrschte ein vorzüglich dazu geeignetes Gemisch aus Einschüchterbarkeit, so‐ zialer Gewalt, Aberglauben und wissenschaftlicher Ahnungslosigkeit die Gesellschaften. Seuchen, Fluten, Waldbrände, Vulkanausbrüche, Kindstode und missglückte Ernten konnten mangels Wissenschaft zu jenen Zeiten gar nicht anders gedeutet werden als theologisch – wenn es schadete, musste es eine Strafe oder eine Prüfung des Glaubens sein. Wenn man nur einen Hammer hat, sieht jedes Problem aus wie ein Nagel. Deshalb ist den Religionen nie der Sprung in das offiziell Fikti‐ ve gelungen – man hielt sie für irdisch wirksam und tut das heute noch. Doch selbst im neunzehnten Jahrhundert, als es schon Dampfma‐ schinen, Telegraphen und Dosenfleisch gab, konnte sich eine Konfessi‐ on wie die Mormonen noch immer entwickeln. Die heutigen Mitglie‐ der, die ins Mormonentum geboren werden, glauben zum Teil sehr fest daran, dass der verurteilte Betrüger Joseph Smith in Pennsylvania auf zwei goldenen Tafeln ein fehlendes Buch der Bibel gefunden hat, wel‐ ches natürlich nur er in menschliche Sprache übersetzen konnte, und dass Jesus Nordamerika besucht hat. Einige Mormonen glauben, eines Tages nach Independence, Missouri zu kommen, wo sich angeblich der Garten Eden befindet. Darüber hinaus ist es bei den Mormonen Pflicht, besondere Unterwäsche zu tragen, die Joseph Smith selbst an‐ geordnet hat und die vor dem Bösen schützen soll. Joseph Smith selbst fühlte sich durch die Leichtgläubigkeit seiner Anhänger inspiriert, neben der Gründung der einzig wahren Kirche Jesu Christi und als Bürgermeister des Städtchens Nauvoo auch gleich das Präsidentenamt der USA draufzulegen. Skeptiker und Exmormo‐ nen gründeten eine Zeitung namens Nauvoo Expositor, die nur eine einzige Ausgabe hatte. In dieser Zeitung wurden Reformen des Mor‐ monentums gefordert, und Joseph Smith warf man vor, seine promi‐ nente Stellung in der Bewegung auszunutzen, um anderen die Frauen auszuspannen. Als dem Gouverneur von Illinois Thomas Ford zu Oh‐ ren kam, dass Smith wegen dieser Ärgerlichkeit und ganz in der Tradi‐ tion etablierter Religionen die Druckmaschine des Nauvoo Expositor 2 Religionen sind menschgemacht 102 hatte zerstören lassen, mobilisierte er alle Kräfte, die ihm zur Verfü‐ gung standen. Joseph Smith hatte mittlerweile seine 5.000 Mann starke Privatarmee Nauvoo Legion mobilisiert und das Kriegsrecht ausgeru‐ fen. Wenige Tage später erreichte ein Brief des Gouverneurs den Ge‐ meinderat von Nauvoo und bot Smith ein faires Verfahren an, denn Angriffe auf die Pressefreiheit und das willkürliche Ausrufen des Kriegsrechts mit Privatarmeen müssen den Staat einfach provozieren, wieder die Oberhand zu gewinnen. Joseph Smith setzte sich nach Iowa ab, kam aber einige Tage später wieder zurück, nachdem seine Gefolg‐ schaft doch eine gewisse Enttäuschung verspürt hatte. Gouverneur Ford erwartete Smith mit klimpernden Handschellen und ließ ihn und seinen Bruder Hyrum Smith in das zwanzig Meilen entfernte Carthage bringen, wo ihr Prozess wegen Hochverrats am Staat Illinois stattfin‐ den sollte. Ford machte noch kurz einen Abstecher nach Nauvoo, um den Bürgern mitzuteilen, dass der Spuk nun vorbei sei. Er beauftrage die Carthage Greys, eine örtliche Miliz, mit der Bewachung der Inhaf‐ tierten. Am Nachmittag des 27. Juni 1844 bewegte sich ein wütender und vor allem bewaffneter Mob von etwa 200 Mann auf das Gefängnis zu. Joseph Smith hielt die Gestalten zunächst für seine Nauvoo Legion, die zu seiner Befreiung gekommen seien. Doch der Mob hatte sich die Ge‐ sichter mit feuchtem Schwarzpulver bemalt und hatte alles andere als wohlwollende Absichten. Die Carthage Greys, die den Gefangenen be‐ wachen sollten, verteidigten das Gefängnis eher halbherzig, und einige von ihnen schlugen sich gar auf die Seite des Mobs und stürmten zu‐ sammen mit ihm das Gefängnis. Hyrum Smith wurde durch die ge‐ schlossene Holztür ins Gesicht geschossen und starb fast augenblick‐ lich. Joseph Smith verteidigte sich noch ein paar Momente mit einem kleinen Revolver, den man ihm zu geschmuggelt hatte, bis ihm die Munition ausging und er sich daran machte, aus dem Fenster zu sprin‐ gen. Er wurde von zwei Kugeln in den Rücken und von einer Muskete frontal in die Brust getroffen, als er im Fenster stand. Sie dürfen raten, was er für die Mormonen heute ist – ein Märtyrer natürlich. Gouver‐ neur Ford nannte Smith später den „erfolgreichsten Hochstapler der Moderne“. Denn an der Spitze eines Kultes steht eine Person, die weiß, dass es sich um einen Betrug handelt. In einer Religion hingegen ist diese Person tot. 2.1 Die Natur des Menschgemachten 103 *** Religionen in Südamerika beschreiben Kakao, Chilis und Tabak. Reli‐ gionen im Nahen Osten sprechen von Weizen, Oliven und Granatäp‐ feln, die Aborigines Australiens kennen in ihren Mythen von der Traumzeit das Große Känguru, das alle Worte der Menschen ausspie. Die Wikinger haben Polarlichter als Anzeichen davon gedeutet, dass Wallküren gefallene Krieger von irgendwo nach Walhalla brachten. Der Koran spricht nicht von Kakao, die Bibel nicht von Kängurus, die Schriften der Inkas nicht von Polarlichtern, und die Wikinger wussten nicht, was eine Dattel oder eine Ananas ist. Und so wie Sie bei einem Science-Fiction-Film an dem Chrom und den Schlaghosen erkennen können, dass der Film aus den Siebzi‐ gern ist, so sind auch alle heiligen Schriften der Menschheit hinsicht‐ lich ihres Weltbildes interessanterweise von Büchern, wie Menschen sie schreiben, nicht zu unterscheiden. Hier hätte ein unzweifelhafter Beweis für den göttlichen Ursprung einer Religion stattfinden können. Stattdessen deutet alles darauf hin, dass Menschen lediglich versucht haben, ihre Umwelt mit metaphysischen Ansätzen zu verstehen. Gele‐ gentlich meint jemand, in einem Vers einen Beweis für den göttlichen Ursprung seiner heiligen Schrift zu finden. Bisher allerdings sind diese Beweise leicht zu widerlegen oder lassen sich ohne statistische Über‐ dehnungen in die Rubrik „Zufall“ einordnen. So wird muslimischerseits oft die Behauptung vorgebracht, der Koran müsse ganz einfach von Gott sein, weil kein Mensch so etwas Wundervolles schreiben könne, und wie durch Zufall behauptet der Koran es auch von sich selbst. Das Konzept heißt Iʿdschaz und wird gewöhnlich mit Sure 17:88 belegt, in der Mohammed von den christli‐ chen und jüdischen Geistlichen Mekkas verlangt, etwa Ebenbürtiges vorzubringen (ob es ihnen gelungen ist, lässt der Koran allerdings of‐ fen). Bedenkt man die hysterische Überbewertung des Korans im Is‐ lam, verliert die Sache schon mal viel von ihrem Glanz. Und es ist auch einfach, ein Buch als göttlich zu verehren, wenn man in seinem ganzen Leben kaum ein anderes Buch in die Hand genommen hat, eben weil man glaubt, nur dieses eine Buch lesen zu müssen. Die anderen Bü‐ cher, die man so in die Hand nimmt, sind hauptsächlich Bücher über dieses eine Buch oder über die daraus entstandene Religion. Gemäß dem Arab Human Development Index der Vereinten Nationen aus dem 2 Religionen sind menschgemacht 104 Jahre 2003 übersetzt Spanien jedes Jahr mehr Bücher ins Spanische, als der gesamte islamische Kulturkreis in den letzten 1.200 Jahren ins Ara‐ bische übersetzt hat.22 Nun ist das Englische in der arabischen Welt trotz einer durch‐ schnittlichen Analphabetenrate von 20 % wesentlich verbreiteter als zum Beispiel in Deutschland. Und in der Tat kann fast jeder Passant in Amman oder Teheran Ihnen spontan auf Englisch den Weg zeigen, ich kenne es aus eigener Erfahrung und bin beschämt, wenn ich in Ham‐ burg oder Berlin erlebe, wie die Eingeborenen sich in einer vergleich‐ baren Situation abrackern. Daraus ließe sich nun ableiten, dass viele Bücher gar nicht ins Arabische übersetzt werden müssen, weil dort fast jeder Lesefähige auch Englisch kann, was die Statistik sicherlich beein‐ flusst. Demgegenüber jedoch haben die Vereinigten Staaten im Jahre 2005 insgesamt 172.000 Neuerscheinungen in ihrer eigenen Sprache veröffentlicht, die gesamte arabischsprachige Welt im Jahre 2006 ganze 7.230.23 Da es in etwa so viele Amerikaner wie arabische Mutter‐ sprachler gibt (320 Millionen Amerikaner und 295 Millionen arabi‐ sche Muttersprachler), lässt sich errechnen, dass der durchschnittliche Amerikaner etwa fünfundzwanzigmal so viele Bücher produziert wie sein arabisches Pendant. Und die Themen sind wesentlich vielfältiger. Der Grund ist folgender: wenn Sie den Islam so richtig ernst neh‐ men, dann vermuten Sie nicht, sondern Sie wissen, dass der Koran das einzige Buch ist, das zu lesen sich lohnt. Genaugenommen ist der Ko‐ ran aber kein Buch, sondern Gottes diktiertes Wort, das Menschen mangels Alternative halt in Buchform herausbringen, was auch der Grund ist, warum zerfledderte Koranexemplare tatsächlich bestattet werden müssen. Von Menschen geschriebene Bücher können da grundsätzlich nicht mithalten. Wenn die Lektüre eines menschge‐ machten Buches in der islamischen Welt einen Sinn haben soll, dann ist es gewöhnlich über den Islam oder den Koran. Die vorgebliche Erhabenheit des Korans schreit geradezu danach, in Perspektive gesetzt zu werden, und so wollen wir das einmal tun. Isaac Newton ging mit 24 Jahren in die selbsterwählte Isolation und arbeitete an einem Buch. Als er anderthalb Jahre später wieder unter Menschen trat, hatte er eines der wichtigsten Bücher der Wissen‐ schaftsgeschichte geschrieben, darin ganz nebenbei und aus purer Er‐ fordernis die Differentialrechnung erfunden und festgestellt, dass nicht 2.1 Die Natur des Menschgemachten 105 alles grundsätzlich zu Boden fällt, sondern viel fundamentaler, dass al‐ le Massen einander anziehen, und der Fall des Apfels auf den Boden (oder Newtons Kalotte, wenn man der Anekdote glauben darf) nur ein Spezialfall dieser Regel ist. Und alles, was er in seinem Buch behaupte‐ te, funktionierte und beschrieb die Natur korrekt. Es sollte 250 Jahre dauern, bis ein Mann namens Einstein etwas Sinnvolles zu ergänzen hatte. Ein anderes Beispiel: zu Beginn des 20. Jahrhunderts geriet die Wissenschaft zunehmend in Sorge, wie man den weltweit steigenden Bedarf an Dünger decken könne. Bisher baute man Salpeter in Chile ab oder sammelte Guano an der südamerikanischen Pazifikküste, um ihn dann mit Schiffen nach Europa zu transportieren. Das Wertvolle an diesem Dünger war der Nitratstickstoff, der sich von dem Stickstoff aus der Luft dadurch unterscheidet, dass Luftstickstoff von Natur aus sehr reaktionsträge ist, der bereits chemisch gebundene (fixierte) Stick‐ stoff aus Salpeter und Guano hingegen nicht. Pflanzen können nur den fixierten Stickstoff nutzen. Daher wollte man Wege finden, den Luft‐ stickstoff zu fixieren, denn seine unbegrenzte Verfügbarkeit war ein schlagkräftiges Argument. Einige Chemiker in Europa machten sich daran Verfahren zu ent‐ wickeln, mit denen der Stickstoff der Luft zu chemischen Substanzen verarbeitet werden könnte. Das Problem war, dass es sehr viel Energie kostet, den Luftstickstoff zu einer chemischen Reaktion zu animieren, und man wusste damals einfach nicht, wo man diese Energiemengen hernehmen sollte. Alle Verfahren schienen gegenüber dem Import von Salpeter aus Südamerika immer noch unwirtschaftlich. Nun gibt es in der Chemie einen Trick: man könnte einen Katalysator benutzen. Ka‐ talysatoren zeichnen sich dadurch aus, dass sie den energetischen Auf‐ wand für eine chemische Reaktion herabsetzen können, den Verlauf der Reaktion selbst aber nicht beeinflussen. Man müsste den passen‐ den Katalysator nur finden und könnte dann mit vermindertem Ener‐ giebedarf Luft in Dünger verwandeln. Was für eine Vorstellung! Der Mann, der besagten Katalysator entwickelte, hieß Alwin Mit‐ tasch, und sein Beitrag zum Wohlergehen der Menschheit bestand da‐ rin, etwa 20.000 Versuche durchzuführen, um den richtigen Katalysa‐ 2 Religionen sind menschgemacht 106 tor für diese Reaktion zu finden.* Seine Arbeit war so gründlich, dass der eingesetzte Katalysator bis heute praktisch unverändert ist. Fritz Haber und Carl Bosch entwickelten schließlich auf der Basis von Mit‐ taschs Arbeit das Haber-Bosch-Verfahren zur Umwandlung von Luft‐ stickstoff in Ammoniak, das auf diese Weise zu Dünger weiterverar‐ beitet werden konnte. Dies ist einer der Gründe, warum Hungersnöte heute höchstens noch eine Frage der Güterverteilung sind, aber nicht mehr der grundsätzlichen Verfügbarkeit von Essbarem. Das ist eine größere Leistung als alle Erntegebete der Geschichte zusammen. Und hier sehen wir auch, dass große Entwicklungen selten das Werk eines Einzelnen sind. Life is a remix, and so is religion Haber und Bosch bauten auf der Arbeit von Alwin Mittasch auf. Wil‐ liam Shakespeare erfand nur wenige Geschichten selbst, er nahm oft‐ mals Erzählungen der Antike und veredelte sie durch seine poetischen Fähigkeiten. Seine Komödien haben immer die gleiche Struktur: eine Gruppe von Protagonisten trifft auf einen Bösewicht (der meist eine schöne, aber sorgenumwölkte Tochter hat), und im Laufe des Stücks werden die Tochter gerettet und der Bösewicht sozial therapiert, also wieder in die Gemeinschaft aufgenommen – das Stück endet traditio‐ nell mit einer Heirat. Goethes Faust basiert auf einer vermutlich realen Person, die im 15. und 16. Jahrhundert gelebt haben soll und deren Geschichte zuerst um das Jahr 1592 von Christopher Marlowe auf die Theaterbühnen Englands gebracht wurde. Einstein war nicht der erste, der auf die Idee mit der Relativitäts‐ theorie kam. Hendrik Antoon Lorentz und Joseph Larmor hatten be‐ reits Jahrzehnte vorher daran gearbeitet. Der Faktor, um den sich die Zeit für einen Reisenden bei hoher Geschwindigkeit verlangsamt und seine Masse zunimmt, wird mit der Lorentzgleichung errechnet und heißt auch heute noch Lorentzfaktor. 2.2 * Ganz ohne Excel und Taschenrechner, falls Sie sich das noch vorstellen können. Nur mit Laborgeräten und Notizbüchern. 2.2 Life is a remix, and so is religion 107 Wer das Schwarzpulver erfand, wissen wir nicht genau. Von der bloßen Beobachtung, dass Salpeter, Schwefel und Holzkohle im richti‐ gen Mischungsverhältnis zügig abbrennen, bis zum Patronenpulver musste aber noch ein weiterer Entwicklungsschritt erfolgen. Die Zuta‐ ten zu mischen, zu festen Tabletten zu pressen und diese wieder zu Granulat zu zerstoßen bewirkte nämlich, dass die Zutaten sich im Fass beim Transport durch den Pekannusseffekt nicht wieder entmischten. Erst jetzt war das eigentliche Schwarzpulver geboren. Der Ursprung des Schachspiels ist wahrscheinlich das indische Chaturanga. Vorstu‐ fen des Internets existierten bereits in den 70er Jahren, bevor Tim Ber‐ ners Lee ab 1989 begann, die wachsende Flut an verfügbaren Informa‐ tionen im Netz mit Navigations- und Suchwerkzeugen zu verwalten. So wurde aus dem Internet das World Wide Web. Schlagen Sie nach, was Sie wollen. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat jemand einfach das Werk eines anderen aufgegriffen und etwas Neues draus entwickelt oder seine Kinderkrankheiten beseitigt, wodurch die Entwicklung erst zu größerer Reife fand. Zu jeder großen Entwicklung in der Geschichte der Menschheit gibt es eine Vorstufe, gebaut von jemandem, der die zündende Idee noch nicht hatte, da er von seiner eigenen Sichtweise auf das Problem nicht wieder loskam und eine Weiterentwicklung den frischen Blick ei‐ nes Außenstehenden benötigte. Diese Erfinder sind keine Ideendiebe, die Welt funktioniert einfach so. Echte Neuerfindungen sind nun mal sehr selten. Ohne Schrift keine Buchstaben, ohne Buchstaben kein Buchdruck, ohne Schwarzpulver keine Raketen, ohne V2 keine Mond‐ landung, ohne Telegraph kein Telefon, ohne Telefon kein Handy, ohne Handy kein Smartphone. Das Prinzip der schrittweisen Evolution zu höherer Komplexität greift auch hier. Es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn das bei heiligen Schriften anders wäre. Und tatsächlich basiert Jahwe auf dem ugariti‐ schen Gott El, dem Schöpfer der Erde, der aber nicht ihr einziger Gott war (wir kennen etwa zehn). Die Uragiten lebten in Ugarit, einer Stadt an der Mittelmeerküste im heutigen Gouvernement Latakia in Syrien, die um 1200 v. Chr. von Seevölkern zerstört wurde. Auch die Kanaani‐ ter verehrten El, neben einigen Dutzend anderen, bis die Israeliten El schließlich zu ihrem einzigen Gott Jahwe machten, und das Christen‐ 2 Religionen sind menschgemacht 108 tum und schließlich der Islam entwickelten diesen ersten Monotheis‐ mus weiter (das arabische „Allah“ stammt ab von „El“!). Erkennen Sie die Beliebigkeit, mit der der heutige Allmächtige zu‐ stande kam? El hatte als Schöpfer der Erde sicherlich einen sehr geeig‐ neten Lebenslauf vorzuweisen, aber der Job hätte auch an den Gewitterund Fruchtbarkeitsgott Ba’al gehen können, an den Totengott Mot oder an Anat, die Königin des Himmels. Wäre Mot der maßgebliche Gott geworden, so würde heute jemand wahrscheinlich argumentieren, Mot müsse einfach der Schöpfer sein, weil sein Name dem Wort Mut‐ ter ähnelt – dem Ursprung menschlichen Lebens. Wenn Sie frommer Christ sind und Götzendienst ablehnen, sind das schlechte Nachrich‐ ten. Nicht umsonst schreibt Gott in Exodus 20:5, dass er „ein eifer‐ süchtiger Gott“ sei – anscheinend waren seine früheren Kollegen zum Zeitpunkt der Niederschrift innerhalb der israelitischen Gemeinde noch nicht ganz in Vergessenheit geraten. Aus diesen bescheidenen Anfängen entwickelte sich das monothe‐ istische Judentum, die Bibel basiert auf den heiligen Schriften der Ju‐ den, und der Koran wäre ohne die christlichen Texte wesentlich dün‐ ner und seine Lehren nicht annähernd so gekonnt auf die Schwächen seiner Vorgängerreligionen zugeschnitten. Wenngleich die Geschich‐ ten im Koran weitestgehend Wiedergekäutes aus vorherigen Religio‐ nen sind, so sind seine Forderungen an das Individuum geradezu un‐ verschämt erpresserisch und daher umso wirksamer. Aberglaube Die großen Religionen der Welt haben ein Problem: wenn das Volk ihre Dogmen glauben soll, dann muss es so anfällig für Irrationales sein, dass auch andere Inhalte, die vergleichbar flach in der Realität verwurzelt sind, nicht ausgeschlossen werden können. Religionen müssen immer darum bemüht sein sicherzustellen, dass die Sache nicht eskaliert und nur das explizit Vorgegebene geglaubt wird. Inter‐ essanterweise sind die religiösesten Nationen in Europa (Polen, Rumä‐ nien) auch die mit dem größten Aberglauben. In seinem Buch The Looming Tower (dt.: Der Tod wird Euch fin‐ den) beschreibt Lawrence Wright, wie Aiman az-Zawahiri dem chro‐ 2.3 2.3 Aberglaube 109 nisch kranken bin Laden in einer Höhle in Afghanistan während eines sowjetischen Bomberangriffs eine Infusion verabreichen wollte, denn bin Laden neigte zu geringem Blutzucker und Ohnmachtsanfällen. Als Zawahiri die Flasche anschließen wollte, warf eine nahe Explosion den Infusionsständer um. Er nahm einen neuen Schlauch, griff nach der Flasche, und als bin Laden seinen Arm ausstreckte, warf ein weiterer Bombeneinschlag erneut den Ständer um und schleuderte die Flasche quer durch den Raum. Mittlerweile kamen von den anwesenden Mud‐ schaheddin die ersten Warnungen, dass mit der Flasche etwas nicht stimme. Zawahiri sage, das sei reiner Zufall, aber als er zum dritten Mal die Nadel einführen wollte, erschütterte zum dritten Mal eine Bombe den Berg. Die Gotteskrieger warfen sich auf den Boden und murmelten Koranverse. Zawahiri griff nach der Flasche, doch ein Mudschaheddin nahm sie ihm weg, warf sie aus der Höhle und kam sich wie ein Retter vor.24 Ist es nicht erstaunlich, wie dumm der Mensch sein kann? Es gibt nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass ein Zusammenhang zwischen Bombeneinschlägen und dem Setzen einer Infusion existiert. Und wieviel davon ist einer Religion vorzuwerfen, die jeden Staubteu‐ fel in der Wüste zu einem Dschinn erklärt, einem Wesen aus rauchlo‐ sem Feuer, das ebenso wie die Menschen an Gott glauben oder es auf eigene Gefahr lassen kann? *** Wie Sie vielleicht wissen, gibt es das Phänomen der Schlafparalyse, der Lähmung der willkürlichen Muskulatur in der REM-Phase des Schlafs. Sie ist der Grund, warum Sie, auch wenn Sie wild träumen, nicht im Bett um sich schlagen oder aufstehen und gegen den Schrank laufen. Sie ist etwas sehr Sinnvolles, auch wenn so mancher von uns beim Aufwachen etwas ungeduldig wird, wenn er die Kontrolle über seinen Körper nur langsam wiedererlangt. Laut einer Studie aus dem Jahr 2013 glaubten 48 Prozent der zu diesem Thema befragten Personen in Kairo, dass ein Angriff der Dschinn dahinter stecke, und rund ein Viertel vermutete den Satan persönlich dahinter. Fast alle, die die Dschinn verantwortlich machten, rezitierten während der Paralyse den Koran, um sich gegen die Dschinn zu schützen, oder suchten Rat bei ihrer örtlichen Geistlichkeit, die dann in 90 Prozent der Fälle die Hy‐ 2 Religionen sind menschgemacht 110 pothese bestätigte und das Rezitieren des Korans empfahl.25 Im Ver‐ gleich dazu machten in Dänemark die Hälfte der Befragten physiologi‐ sche Phänomene dafür verantwortlich, der Rest erklärte sie sich mit Stress, Albträumen oder einfach dem Gehirn, und nur eine einzige von 59 Personen, der unvermeidliche Irre, vermutete den Leibhaftigen da‐ hinter. *** Dem Vatikan hat die Christenheit zu verdanken, dass einem Exorzis‐ mus seit 1999 eine medizinisch-psychologische Untersuchung voraus‐ geht, um irdischen Erklärungen den Vorzug zu geben – zuvor galt die weniger zimperliche Vorgehensweise aus dem Jahre 1614. Darüber hi‐ naus war es Franziskus‘ verdienst, die Internationale Vereinigung der Exorzisten (AIE) offiziell in die Arme der Kirche aufzunehmen, nach‐ dem sie ihren Opfern rund 25 Jahre lang als freischaffende Splitter‐ gruppe des Katholizismus den Teufel ausgetrieben hatte. Einer ihrer Gründer, der Brite Jeremy Davies, hält Humanisten für durch den Sa‐ tan geblendet und Europa für gefährdet, in den Zustand der Apostasie abzugleiten. Der Priester Gabriele Amorth, ein weiterer Gründer der AIE und seit 1986 Exorzist der Diözese Rom, kritisierte die Entschei‐ dung, im Rahmen von Exorzismen den Rat von Medizinern oder Psy‐ chologen zu suchen: es sei, also wolle man „den Teufel mit einer unge‐ ladenen Waffe bekämpfen“. Er rühmte sich zu Lebzeiten einer stattli‐ chen Zahl von 70.000 erfolgreichen Exorzismen und hielt die Harry- Potter-Romane für satanisch. „Wer nicht an den Teufel glaubt, glaubt nicht an das Evangelium“, räsonierte er einst, so dass man ihm eines zugestehen muss: ein lustloser Christ war er nicht. Seit ihrer Gründung ist die Zahl der ausgebildeten Exorzisten in der AIE auf 250 gestiegen. In England hat heute jede Diözese einen Exorzisten, auch wenn ihre Namen nicht veröffentlicht werden – fast möchte man sie für vermummte Sonderkommandos halten, die die Besessenen mit einer spirituellen MP5 aus der Geiselhaft ballern. In Österreich heißen die Kollegen tatsächlich „Beauftragte im Befrei‐ ungsdienst“. Erkennen Sie den Teufelskreis darin? Die Religion gibt uns Dinge, die wir fürchten sollen, und gibt uns dann die Lösung für dieses einge‐ bildete Problem. Wenn ich der Teufel wäre – so würd ich’s machen. 2.3 Aberglaube 111 Sowohl im Islamischen Staat als auch in Saudi-Arabien wird heute noch die Todesstrafe für Hexerei angewendet. Anfang 2015 wurde ein Straßenmagier im syrischen Rakka vom Islamischen Staat enthauptet, da seine Darbietungen als „gegen den Islam“, als „eine Beleidigung Gottes“ und als „die Verbreitung von Illusion und Unwahrheit“ einge‐ stuft wurden.26 Die Ironie wäre geradezu köstlich, wenn es nicht so psychopathisch und blutrünstig wäre. Religion und Aberglaube gehen immer Hand in Hand. Wenn die religiösen Inhalte wahr wären, sähe das sicherlich anders aus. Ungereimtes Die heiligen Schriften sind alles andere als frei von Fehlern. Selbst wenn sie nur beschreiben, was die Menschen ihrer Zeit kannten, so sind auch diese Geschichten voll von inhaltlichen Fehlern, historisch nachweisbaren, aber dann theologisch umgedeuteten Begebenheiten, Missverständnissen und Logikfehlern, die auf alles andere als einen göttlichen Ursprung hinweisen. Die Hölle Am Rande Jerusalems liegt ein Tal namens er-Rababi, das in früh‐ christlicher Zeit Ge-Hinnom genannt wurde. In diesem Tal wurden in vorchristlicher Zeit Menschenopfer durch Feuer dargebracht. Zu Zei‐ ten römischer Besatzung waren die Menschenopfer bereits Geschichte, und nun wurden hier die Leichen von Kriminellen sowie Tierkadaver entsorgt. In hebräischen Schriften und im Alten Testament wird regel‐ mäßig erwähnt, dass Frevler und Abtrünnige im Tal Ge-Hinnom en‐ den würden, wobei hier noch eine irdische Strafe gemeint sein kann: Wenn du so weiter machst, wirst du als Krimineller enden, und du wirst kein Grab bekommen, sondern von gelangweilten römischen Soldaten im Strafdienst zu Asche verbrannt werden. Der Anblick bren‐ nender Leichen dürfte so manchen Theologen bei der Beschreibung der Hölle inspiriert haben. Tatsächlich beschreibt das Alte Testament die Hölle nur als Ort der Verdammnis; Jesus spricht in Matthäus 5:22 aber bereits vom Höllenfeuer. 2.4 2 Religionen sind menschgemacht 112 Im Koran lautet der Name der Hölle Jehannam; eine sprachliche Ähnlichkeit mit Ge-Hinnom ist hier nicht zu leugnen. Die ganze Sache mit der Hölle hat also eine historische Evolution und eine theologische Umdeutung durchgemacht (wie der Zweck der Menschenopfer der Az‐ teken) und einen höchst irdischen Ursprung. Dennoch ist die Existenz der Hölle im Islam die Ursache allen Wahns. Schauen Sie sich die Mör‐ der des Islamischen Staates an. Alles, aber auch wirklich alles, was sie tun, dreht sich nur darum, der Hölle zu entgehen und ins Paradies zu gelangen. Es gibt kurdische Einheiten, die nur aus Frauen zusammen‐ gesetzt sind und vor denen die Kämpfer des Islamischen Staates angeb‐ lich in Panik fliehen - wer von einer Frau getötet wird, kommt nämlich in die Hölle, so das Narrativ. Das Wort Hölle kommt in der Koran‐ übersetzung von Islam.de ganze 78 Mal vor, das Paradies nur 55 Mal. Versuchen Sie sich vorzustellen, wie die islamische Welt ticken würde, wenn der Gedanke an die Hölle dort als genau das entlarvt würde, was er ist: eine menschliche Erfindung, die anderen Angst ma‐ chen soll. Versuchen Sie sich all das Leid vorzustellen, das es in der Welt nicht geben würde, wenn niemand die Hölle als Strafe für man‐ gelnden Gehorsam ernst nähme. Ich glaube nicht, dass der Islam dann in sich zusammenfallen würde, denn den Gedanken an das Paradies gäbe es dann ja noch. Nur würde die religiöse Hysterie weniger werden, und vor allem würde die Entmenschlichung der Nichtmuslime schwe‐ rer fallen. Hier kann ich mich aber irren – der Kommunismus kannte schließlich auch keine Hölle, aber viele Feinde. Pessach Das Pessachfest ist im Judentum die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Sie erinnern sich: nachdem die ersten neun Plagen nur be‐ dingte Einsicht beim Pharao und seinen Schergen bewirkt hatten, er‐ sann der Allmächtige in seiner unendlichen Güte eine zehnte Plage: den Tod aller Erstgeborenen, Mensch wie Vieh. Die Sache ist von so actiongeladener Blutrünstigkeit, dass die Heavy Metal-Band Metallica ihren Song Creeping Death darauf aufbaute und sich seitdem immer 2.4 Ungereimtes 113 wieder dem Vorwurf des Satanismus gegenüber sieht, den Gläubige ih‐ nen unterstellen.* In Exodus 12 weist der Herrgott die Israeliten über Moses und Aa‐ ron an, ein einjähriges Lamm zu schlachten, es auf keinen Fall zu ko‐ chen, sondern über dem Feuer zu braten und es bis zum Morgen mit ungesäuertem Brot und Bitterkräutern aufzuessen – Reste mussten am nächsten Morgen verbrannt werden. Danach sollen die Israeliten das Blut des Tieres nehmen und damit die Türen der Häuser markieren, in denen die fromme Mahlzeit verzehrt wurde. Sodann erklärt der Allmächtige und Allwissende in Exodus 12:13, warum man die Türen markieren solle: damit der Allwissende und Allgegenwärtige an jenen Häusern vorübergehen und sehen kann, wo die Israeliten wohnen, so als wüsste er es nicht bereits. Ihr Nachwuchs sollte überleben dürfen, der ihres ägyptischen Nachbarn hingegen nicht. Irgendein bronzezeitlicher Schreiberling scheint hier mit der Feder in der Hand kurz eingenickt zu sein. Der Allmächtige hätte auch von vornherein das Herz des Pharao erweichen können, aber das wäre eine langweilige Abkürzung, die Seine Größe und Macht nicht demonstra‐ tiv vorturnt, weniger Story bietet und sich in der realen Welt allzu oft widerlegen lässt, weil Herrscher nicht andauernd auf göttliches Geheiß nachgeben, sondern sich von den Ereignissen gewöhnlich in ihren Entschlüssen bestätigt sehen. Die Vorstellung allerdings, dass der All‐ mächtige durch die Straßen schlurft und nach Lammblut an Türen sucht, ist für einen Allwissenden ziemlich armselig – ein menschlicher Fehler in der Beschreibung des Allmächtigen, ein temporärer Mangel an Vorstellungskraft darüber, von wem man hier eigentlich spricht, ist viel wahrscheinlicher. Wandern durch den Sinai In Numeri 32 wird beschrieben, dass die Israeliten vierzig Jahre lang durch die Wüste wanderten, bis sie schließlich das Land Kanaan er‐ * Die Eltern des Metallica-Frontmanns James Hetfield waren Christian Scientists – er verarbeitete die strenge Erziehung seiner Jugend in dem Song Dyer’s Eve. Der Krebs‐ tod seiner Mutter, die als Christian Scientist nicht auf Schulmedizin, sondern auf Heilung durch Jesus gesetzt hatte, inspirierte ihn zu dem Song Until It Sleeps. 2 Religionen sind menschgemacht 114 blickten. Wer heute bei Google Maps einen Weg von Kairo nach Jeru‐ salem eingibt, bekommt einen etwa viertägigen Fußweg von 92 Stun‐ den angeboten. Wenn die Israeliten vierzig Jahre lang durch die Wüste marschiert sind (bei zwölf Stunden Fußmarsch täglich), dann haben sie in dieser Zeit etwa 1,2 Millionen Kilometer zurückgelegt. Da die Si‐ nai-Halbinsel nur 61.000 Quadratkilometer Fläche hat, haben sie in diesen 40 Jahren statistisch gesehen jeden einzelnen Quadratkilometer etwa zwanzigmal durchquert. Die Israeliten waren laut Exodus 12:37 zu Beginn des Auszugs etwa 600.000 „Mann zu Fuß“, was wahrschein‐ lich „Männer in wehrfähigem Alter“ bedeutet. Mit Alten, Frauen und Kindern müssen wir davon ausgehen, dass etwa zwei Millionen Men‐ schen wenige Tagesmärsche von Jerusalem entfernt vierzig Jahre lang wie Flipperkugeln durch die Wüste irrten. Und anscheinend sind sie in dieser Zeit nie jemandem begegnet, keinem Reisenden, keiner Armee, keiner Karawane, keinem anderen irren Propheten, der ihnen den Weg zeigen konnte, ja nicht einmal die Kunde von zwei Millionen Idioten, die von Gott verflucht ziellos durch die Wüste staksten und zwangsläu‐ fig Schaulustige anziehen mussten, scheint sich damals verbreitet zu haben. Sobald sie aber die Reise hinter sich gebracht hatten, wies der Herrgott die Ausgemergelten an, die Kanaaniter aus Jericho zu vertrei‐ ben und ihr Land in Besitz zu nehmen. Lassen Sie sich von Theologen nicht täuschen, indem 40 Jahre an‐ geblich eine Metapher für eine lange Zeit sein sollen. Metaphern holen sie immer raus, wenn ihr Glaube mit der Realität kollidiert. In Exodus 7:7 steht glasklar, dass Aaron 83 Jahre alt war, als die Plagen begannen, die den Pharao umstimmen und den Israeliten den Auszug ermögli‐ chen sollten. Auf dem Berg Hor starb Aaron mit 123 Jahren. Moses war zu Beginn des Exodus 80 Jahre alt und starb auf dem Berg Nebo mit 120 Jahren, das Heilige Land in Sichtweite. So lächerlich diese Ge‐ schichte auch ist, ihre Autoren waren hier zumindest teilweise auf in‐ nere Schlüssigkeit bedacht. Paradoxon Stellen Sie sich zwei Selbstmordattentäter vor, einen schiitischen und einen sunnitischen. Sie rennen mit erhobenen Auslösern aufeinander 2.4 Ungereimtes 115 zu und brüllen das unvermeidliche Allahu akbar. Dann detonieren sie beide und töten sich jeweils selbst. Wer von beiden hat diesen Kampf gewonnen? Keiner, aber das in‐ teressiert sie auch nicht. Es geht nicht ums Gewinnen, es geht darum, Allah seine Untergebenheit zu beweisen. Beide tun es, um in den Him‐ mel zu kommen, und beide tun es in der Gewissheit, dass der andere nicht in den Himmel kommen wird. Wenn sie beide mit dem Dschi‐ had den falschen Weg gegangen sind und dafür trotz aller Überzeu‐ gungen in die Hölle kommen, dann wäre es überaus begrüßenswert von Allah, den Irrtum dauerhaft aufzuklären, damit nicht noch mehr Fehlgeleitete trotz ihrer Glaubensfestigkeit in der Hölle landen müssen. Er könnte als Allmächtiger die Hölle für solche Leute auch abschaffen, aber das müsste er dann auch mal kommunizieren, weil es sonst keine Wirkung auf das Handeln der Menschen haben wird. Das geht aber ir‐ gendwie auch nicht, denn der Islam ist perfekt und die einzig wahre, richtige und vor allem letzte Religion. Solange Gott nicht selbst er‐ scheint, sind die Menschen chancenlos, denn wenn jemand behauptet, das Wort des Herrn empfangen zu haben und sich anschickt, andere aufzuklären, wird man ihm theologischerseits zügig klar machen, dass die Sache mit dem Islam bereits abgeschlossen ist. Es kann nach Mo‐ hammed keinen Propheten mehr geben, das ist eine zentrale Aussage des Islam. Es kann nur noch den Mahdi geben, aber der leitet die End‐ zeit ein und stellt keine Missverständnisse klar. Ein solches Eingeständnis kann Allah sich nicht erlauben, wenn er weiterhin als Allmächtiger und sein Islam als die letzte gültige Bot‐ schaft wahrgenommen werden sollen. Alles ist perfekt darauf ausge‐ richtet, dass die Dinge so bleiben wie sie sind, egal was für Unheil da‐ bei herauskommt. Denn in der subjektiven Sicht der Selbstmordatten‐ täter gewinnen jeweils beide. Gottes DNA Wer sich einmal die Freude gönnt und nach Wien fährt, sollte die Ge‐ legenheit nutzen, die kaiserliche Schatzkammer zu besichtigen, die in Vorausahnung einer späteren, nämlich der heutigen Gesellschaftsord‐ nung in einen weltlichen und einen geistlichen Bereich getrennt ist. Es ist erstaunlich, was für Devotionalien dort ausgestellt sind. Kerzen‐ 2 Religionen sind menschgemacht 116 leuchtergroße, goldene Gebilde namens Ostensorien, in die wahlweise ein Backenzahn von Petrus, ein Tropfen Blut des Heilands oder ein Splitter des Kreuzes eingearbeitet sind, auf dem der Allmächtige sein Menschenopfer vorgetäuscht haben soll. In Turin wird das berühmte Grabtuch Jesu aufbewahrt, und allgemein sind solche morbiden Bröckchen überall dort auf der Welt zu finden, wo die Frohe Botschaft verkündet wurde. Doch eine Sache daran ist für mich besonders inter‐ essant. Wenn wir einen Tropfen Blut von Jesus haben, könnten wir davon eine DNA-Untersuchung machen. Die DNA im Zellkern setzt sich aus der DNA des Vaters und der Mutter zusammen, wobei das Y-Chromo‐ som nur die Erbinformationen des Vaters liefert. Darüber hinaus be‐ sitzt eine Zelle auch noch ein Bauteil namens Mitochondrium, das sich zu Beginn des mehrzelligen Lebens auf der Erde vor etwa einer Milli‐ arde Jahren in die Zelle eingeschlichen hat und dort symbiotisch Auf‐ gaben übernahm; es war vorher mal ein eigenständiges Bakterium ge‐ wesen und hat daher heute noch eigene DNA. Diese DNA wird nur über die Mutter vererbt. Ob Sohn oder Tochter, in Ihren Mitochondri‐ en tragen Sie die Erbinformationen Ihrer Mutter und nie die Ihres Va‐ ters. Wenn wir also den Chromosomensatz Jesu sequenzieren, dann können wir die DNA-Zugaben von Maria und von Gott unterscheiden. Das Problem ist nur: Jesus ist auch gleichzeitig Gott. Da Jesus also DNA seiner Mutter enthält, muss Marias DNA ebenfalls göttlich sein, oder Jesus‘ DNA ist es nicht. Es bedeutet auch, dass der Herrgott im Himmel die DNA einer Sterblichen in seinen Mitochondrien trägt, so‐ fern er da oben noch welche hat. Natürlich kann man hier, wie so oft, die Analyse einfach verbieten oder der Wissenschaft zur Erklärung einfach ein Wunder in die Spei‐ chen werfen; es bleibt aber das Problem, dass solche Wunder erst not‐ wendig werden, wenn etwas wissenschaftlich herausgearbeitet wurde. Wieder einmal ist die Sache bei näherer Betrachtung nicht halb so göttlich, wie sie sich gibt, und muss aufgrund wissenschaftlicher Ent‐ deckungen ständig um Korrektur bemüht sein, wobei die Ränder ihrer Glaubwürdigkeit Stück für Stück ausfransen. Fast ist es, als hätten die Autoren der Heiligen Schrift nicht voraus‐ sehen können, dass die Wissenschaft ihre Behauptungen eines Tages 2.4 Ungereimtes 117 nicht nur als falsch, sondern stellenweise als völlig paradox entlarven würde. Wer hätte schon die genauen Mechanismen der Vererbung ge‐ netischer Information über Chromosomen und Mitochondrien vor‐ aussehen können! Ist das ein Hinweis auf göttlichen Ursprung oder darauf, dass Menschen ohne göttlichen Einfluss diese Bücher geschrie‐ ben haben? Maria oder Mirjam? Die 19. Sure des Korans ist nach Maria benannt, die dort Maryam heißt. Sie gebiert unter eine Palme ihren Sohn Isa, was der koranische Name von Jesus ist. Als ihre Mitmenschen erfahren, dass sie unverhei‐ ratet, aber schwanger ist, sagen sie: „… O Maryam, du hast da ja etwas Unerhörtes begangen. O Schwester Hārūns, dein Vater war doch kein sündiger Mann, noch war deine Mutter eine Hure.“ Sure 19:27-28 Wie milde die Menschen hier mit ihr umgehen – gewöhnlich wurde in den heiligen Schriften mit solchen Damen anders verfahren. Das In‐ teressante daran aber ist, dass Harun der koranische Name von Aaron ist, dem Bruder von Moses. Und diese beiden hatten eine Schwester namens Mirjam. Wenn man nun weiß, dass Maria und Mirjam im Arabischen bei‐ de Maryam heißen, dann könnte man jetzt denken, dass der Autor des Koran entweder nur oberflächliche Kenntnisse des Christentums be‐ saß und die beiden deswegen verwechselte, oder dass der Fehler so‐ wohl ihm als auch seinem Lektorat durchgerutscht ist. Man kann sich aber auch auf Sure 2 besinnen und erkennen, dass am Koran kein Zweifel ist. Das steht nämlich im Koran. Die satanischen Verse Sie kennen wahrscheinlich den Begriff „die Satanischen Verse“. Damit meine ich hier allerdings nicht das Buch von Salman Rushdie, sondern die tatsächlichen satanischen Verse. Die Geschichte dahinter sollten wir uns nicht entgehen lassen. Der Prophet saß, den Griffel in der Hand, zu Füßen des Erzengels und empfing die folgenden Worte: 2 Religionen sind menschgemacht 118 „Habt ihr Lat und Uzza gesehen, und auch Manat, diese andere, die dritte? Das sind die erhabenen Kraniche. Auf ihre Fürbitte darf man hoffen.“ Wie sich später herausstellte, wiedersprach die Erlaubnis, zu diesen drei Gottheiten zu beten, dem zuvor veröffentlichten Verbot des Poly‐ theismus. Bei Lat, Uzza und Manat handelte es sich um Gottheiten, die in vorislamischer Zeit in Mekka verehrt wurden. Die offizielle Erklä‐ rung für diesen Lapsus: der Satan habe sich dem Propheten in Gestalt des Erzengels genähert und ihm diese Verse eingeflüstert. Der Prophet, gutmütig und von seligem Wesen, wurde getäuscht und so angestiftet, diese Falschheit unter die Menschen zu bringen. Oder jemand brauch‐ te im Nachhinein eine Ausrede für einen inhaltlichen Fehler. Wie Christopher Hitchens in der WELT dazu schrieb: „Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendetwas in dieser menschlich hergelei‐ teten Rhetorik „unfehlbar“, geschweige denn „letztgültig“ sein soll, lässt sich nicht nur durch die ihr innewohnenden unzähligen Widersprüche und Ungereimtheiten überzeugend widerlegen, sondern auch durch die berühmte Episode der angeblichen „satanischen Verse“ im Koran, die Sal‐ man Rushdie später in seinem gleichnamigen Roman thematisch verar‐ beitete. Bei dieser oft erwähnten Begebenheit versuchte Mohammed sich mit ei‐ nigen führenden Polytheisten in Mekka zu versöhnen und erfuhr zum ge‐ eigneten Zeitpunkt eine „Offenbarung“, die ihnen allen erlaubte, einige der alten Lokalgottheiten weiterhin anzubeten. Später wurde ihm be‐ wusst, dass dies nicht richtig sein konnte und er ungewollt vom Teufel „verleitet“ worden sei, der seinerseits aus unerfindlichen Gründen kurz‐ zeitig seine Gewohnheit gelockert hatte, die Monotheisten auf ihrem eige‐ nen Feld zu bekämpfen.“ 27 Herbeigereimtes Nachdem wir uns nun einigen versehentlichen Fehlern gewidmet ha‐ ben, sollten wir auch nicht versäumen, uns ein paar Passagen anzu‐ schauen, die den Bereich des versehentlich Misslungenen verlassen und einfach frontal dreiste Behauptungen sind, die aus der Not gebo‐ ren wurden. Zuweilen kamen dabei Mittel heraus, mit denen man den Mitmenschen noch mehr abverlangen konnte – immerhin beschreibt 2.5 2.5 Herbeigereimtes 119 das griechische Wort krisis nicht unseren Begriff von Krise, sondern Höhe- oder Wendepunkt, an dem sich also etwas entscheidet, was auch besser werden kann als vorher. Die Nachtreise Die Geschichte der Nachtreise besagt, dass der Prophet von einem flie‐ genden, pferdeähnlichen Wesen namens Burak aufgenommen und nach Jerusalem zu einer „fernen Kultstätte“ geflogen wurde, womit die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem gemeint ist. Von dort aus ging es weiter ins Paradies, wo Mohammed verschiedenen seiner Prophetenvorgän‐ ger begegnete. Ursprünglich war ihm von Gott aufgetragen worden, den Menschen 50 Gebete am Tage abzuverlangen; inklusive der rituel‐ len Waschungen hätte das aber kaum Zeit für andere Tätigkeiten gelas‐ sen. Und so schickte Moses den Propheten wieder zum Herrn. So konnte der Prophet den Herrgott von den ursprünglichen fünfzig Ge‐ beten in einer verstörend redundanten Erzählung zunächst auf vierzig Gebete am Tag herunterhandeln. Moses sagte ihm, da ginge noch was, worauf Mohammed zu Gott zurückkehrte und ihn auf dreißig Gebete herunterhandelte, woraufhin Moses bei Mohammeds Rückkehr sofort wieder Spielraum sah. Er schickte Mohammed also zurück zu Allah, der sich nach einem entsprechenden Wortwechsel mit zwanzig Gebe‐ ten am Tag zufriedengab. Moses schickte Mohammed wie eine Flip‐ perkugel erneut zum Obersten, mit dem er sich dann auf zehn Gebete am Tag einigte. Und schließlich schickte Moses den Propheten ein fünftes Mal zum Allmächtigen und schlug beim Schöpfer des Univer‐ sums für alle Menschen und für alle Zeit fünf Gebete am Tage heraus.* Nun stellt sich aber die Frage, warum der Allmächtige ihm erst so eine unsinnige Zahl auferlegt hat. „Um den Propheten zu prüfen!“ mag so mancher sich nun reflexartig hervortun; ist diese Antwort im Islam doch gewöhnlich das, was „Gottes Wege sind unerforschlich“ im Christentum ist. Doch ich kann es immer nur wieder betonen: Gott * Gemäß Sahih al-Bukhari, Buch 1, Hadith 349 halbierte Gott die Anzahl der Gebete zunächst auf 25, dann halbierte er sie erneut (12,5), um sie dann auf 5 festzulegen und zu betonen, sie würden wie 50 Gebete gelten – Sein Wort stünde nun fest. Die Quellen sind hier nicht eindeutig, aber interessant soll für uns ja in erster Linie sein, was Gläubige so alles für voll nehmen. 2 Religionen sind menschgemacht 120 muss niemanden prüfen. Er weiß bereits alles. Erkenntnisgewinn ist bei Allwissenden ausgeschlossen, da sie bereits maximale Erkenntnis besitzen. Gott weiß, dass vierzig Gebete in dieser Sache noch nicht das letzte Wort sind, wenn Mohammed wieder um die Ecke kommt. Er weiß, dass Mohammed schlussendlich mit fünf Gebeten am Tag die Verhandlungen beenden wird. Er weiß das die ganze Zeit über, und doch spielt er das Spiel geduldig mit, so als müsse dem Propheten mit dieser Posse irgendetwas demonstriert werden. Mir stellt sich auch die Frage, welche Rolle der Prophet in dieser Erzählung eigentlich hat. Stellen Sie sich den Himmel als den Kreml vor. Dann würde Mohammed hier als nützlicher Idiot für parteiinterne Machtspielchen zwischen Moses und dem Chef benutzt. Zu einem perfekten Menschen, wie Mohammed so oft genannt wird, fehlen da noch ein paar Dinge wie Initiative, Vorausschau, Flexibilität. Hier hätte der gelernte Verkäufer Mohammed geschickter, gewitzter oder talen‐ tierter als Moses und die anderen Propheten dastehen können. Statt‐ dessen verkommt er zum Laufburschen derer, die das Spiel schon län‐ ger kennen. Ich versuche mir auch bildlich vorzustellen, wie Mohammed tat‐ sächlich zum fünften Mal vor Gott tritt und erneut um eine Senkung der Gebetsquote bittet. Es ist schwer sich einen Gott vorzustellen, der hier nicht genervt mit den Augen rollt oder die ganze Zeit über wis‐ send lächelt, als wäre das alles Teil eines schlauen Plans. Genau ge‐ nommen muss ich hier an eine Szene aus Die Ritter der Kokosnuss den‐ ken, wo der König den beiden Wachen in etwa einem Dutzend Anläu‐ fen klarzumachen versucht, dass sie stehen bleiben und sicherstellen sollen, dass der Prinz den Raum nicht verlässt. Es könnte natürlich auch sein, dass sich jemand vor versammelter Mannschaft verplappert hat und es irgendwie wieder geradebiegen musste, so wie bei den satanischen Versen. Sagte ich bereits, dass die gesamte Nachtreise von Medina nach Jerusalem, von dort in den Him‐ mel und zurück in irdischer Zeit nur 15 Minuten gedauert haben soll? Falls Sie sich fragen, wie man anderen solche Märchen aufbinden kann: Mohammed war Sales Manager, gelernt ist gelernt. Bei uns in Deutschland glauben ja auch viele, es sei von irgendeiner Bedeutung, ob Heidi Klum für jemanden ein Foto hat oder nicht. Beides lässt sich 2.5 Herbeigereimtes 121 im Volk mit äußerst irdischen Mitteln durchsetzen, nämlich mit viel Tamtam und unerbittlicher Wiederholung der Behauptungen. Al Aksa Da wir gerade bei der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem sind: sie wurde nachweislich erst 70 Jahre nach Mohammeds Tod erbaut. Also wurde entweder der Koran erst nach Mohammeds Tod geschrieben, was der Vorstellung widerspricht, der Erzengel Gabriel hätte ihm die Verse dik‐ tiert; oder mit der „fernen Kultstätte“, von der im Koran in Sure 17 Vers 1 die Rede ist, ist nicht die Al-Aksa-Moschee gemeint, was islami‐ sche Ansprüche auf dieses Gebäude irgendwie ungerechtfertigt er‐ scheinen lässt. Die Masse der Muslime würde sich immer noch einge‐ stehen müssen, falsch gelegen zu haben, was aber angesichts der kol‐ lektiven Hysterie, die den Islam umgibt, wenig wahrscheinlich ist. Man vertreibt lieber alles Nichtmuslimische, besonders alles Jüdische von der Kultstätte, damit man sich in Ruhe seiner kollektiven Faszination für das Unglaubliche hingeben kann. Fitra Der Begriff Fitra bedeutet „Veranlagung“ oder „Schöpfung“. Gemeint ist im Islam damit, dass jeder Mensch die Veranlagung besäße, an einen Schöpfergott zu glauben, und zwar nur an einen einzigen. Das geht in seiner heutigen Auslegung so weit, dass manche islamische Theologen sich zu der Behauptung versteigen, jeder Mensch auf der Welt sei eigentlich ein Muslim. Manche von uns aber würden durch Umfeld und Erziehung vom rechten Weg abgebracht und glitten ins Christen- oder gar ins Judentum ab. Allah hat sie fehlgeleitet, und wenn sie sich weigern, ihren Irrtum zu erkennen, droht ihnen dereinst das Höllenfeuer. Unter Salafisten herrscht gar die Ansicht, dass Deutschland schon immer Allah und damit dem Islam gehört habe und jeder, der das nicht akzeptiere, ein Problem darstelle. In der Reli‐ gion, so scheint es, ist selbst die Demut arrogant. Doch das betrifft nicht nur die Fundamentalisten. Stellen Sie sich vor, Sie hätten als Durchschnittsgläubiger von Kindesbeinen auf diese Erklärung für die Existenz von anderen Weltanschauungen eingetrich‐ 2 Religionen sind menschgemacht 122 tert bekommen: sie liegen alle falsch, du aber hattest Glück, in den richtigen Kulturkreis geboren zu sein. Stellen Sie sich die latente Ver‐ achtung, Geringschätzung oder zumindest Bemitleidung vor, mit der Muslime, die unter dieser Doktrin groß geworden sind, auf den Rest der Welt herabblicken müssen. Du liegst falsch, lieber Christ, aber das ist nicht deine Schuld, du wurdest nur noch nicht zum Islam eingela‐ den. Erst wenn du die zweite Einladung ablehnst, hast du ein Problem. Wie gönnerhaft! Es ist genau der Kulturimperialismus, den sich die Ungläubigen gegenüber den Muslimen dauernd verkneifen sollen, weil es sonst nach Rassismus riecht. Wer mit diesen Hintergedanken der eigenen Überlegenheit durch Europa geht, der muss andere verachten oder sich laufend zusammen‐ reißen, sie nicht zu verachten. Beides ist problematisch und keine Basis für ein friedliches Miteinander. Sicherlich kann der Großteil der Mus‐ lime in Deutschland mit Nichtmuslimen friedlich zusammenleben; ihre Religion jedoch fordert etwas anderes, und das macht so man‐ chem ein schlechtes Gewissen. Der Vorwurf seitens der Salafisten, kein richtiger Muslim zu sein, kann da viel bewegen. Die Federn im Kopf sind bereits gespannt, es muss nur jemand den Haken lösen, und der Mechanismus schnurrt ab. Das ist mein eigentlicher Vorwurf an den Islam. Sie können die Richtigkeit ihrer Religion nicht beweisen, was sie aber nicht daran hindert, es zu versuchen und sich lächerlich zu ma‐ chen. Gleichzeitig fordern sie, dass alle so werden wie sie. Bid’ah Der Begriff Bid’ah bedeutet „Neuerung“, womit in erster Linie etwas Schlechtes gemeint ist, denn Neuerungen im theologischen Sinne lau‐ fen immer Gefahr, dem Koran oder der Sunna (den Handlungen des Propheten als Vorbild) zu widersprechen. Erkennen Sie die Bombe da‐ rin? Im Gegensatz zum Christentum, dessen irdische Verwaltung jegli‐ chen Neuerungen auch immer skeptisch gegenüber gestanden hat, ist es fester Teil der islamischen Theologie, Neuerungen und Reformen abzulehnen, sofern sie dem Status quo widersprechen. Es gibt gute Bid’ahs. Sie dürfen raten, in welche Richtungen sie gehen: gute Bid’ahs zeichnen sich dadurch aus, sich noch mehr an den Koran und das Vor‐ bild des Propheten zu halten, aber auch das Nutzen moderner Techno‐ 2.5 Herbeigereimtes 123 logien zur Verbreitung des Islam wie YouTube oder Facebook ist eine gute Bid‘ah. Die Schriften des Ägypters Sayyid Qutb, besonders sein Buch Wegzeichen aus dem Jahre 1964, sind ein Aufruf zur Rückbesin‐ nung auf islamische Werte im Angesicht einer sich schnell ändernden Welt. Er preist die Scharia als perfekte Gesetzgebung an, kann aber nicht besser argumentieren, als dass sie nun mal von Gott sei, und Gottes Gesetze sind nicht vage, sondern ziemlich eindeutig. Fast jede moderne islamistische Bewegung kann sich auf die Schriften Qutbs berufen. Was er verbreitet hatte, war also eine gute Bid’ah. Großzügigere Auslegungen der heiligen Schrift, die dem Individu‐ um mehr Freiheit geben oder die Kontrolle des Islam über die Gesell‐ schaft schwächen würden, sind daher grundsätzlich schlechte Bid’ahs und können dem Verbreitenden schnell einen Takfir einbringen, den Vorwurf des Abfalls vom Glauben. Aus diesem Grunde sind die Ah‐ madiyya, eine vergleichsweise wissenschaftsfreundliche Sekte des Is‐ lam, auch die meistverfolgte Gruppe innerhalb des Islam. Gemäß Tak‐ fir sind sie aber auch gleichzeitig keine Muslime, denn das sind sie nur für sich selbst und für uns Westler. Für Sunniten und Schiiten sind sie Munafiqun, also Heuchler, die sich als Muslime ausgeben, aber in Wirklichkeit keine sind und den wahren Glauben damit verwässern. Als Seyran Ateş am 16. Juni 2017 ihre erste Predigt als Imamin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin hielt, dauerte die Reaktion der Geistlichkeit nicht lange. In ihrer Moschee ist eine Vollverschleierung verboten, grundsätzlich jeder darf mitmachen (Sunniten, Schiiten, Christen, Atheisten, Schwule und Lesben) und es wird auch nicht nach Geschlechtern getrennt. Es sei Frauen nicht erlaubt, Imamin zu sein, wenn Männer anwe‐ send sind, urteilte das ägyptische Fatwa-Amt Dar al-Ifta, das immer‐ hin offiziell die Mondsichel feststellt und so den Startschuss zum Ra‐ madan gibt. Frauen müssten ein Kopftuch tragen, so das Amt, und überhaupt wäre es in der Moschee so eng gewesen, dass Frauen und Männer, die überhaupt nicht zusammen beten dürfen, sogar einander berührt hätten – das Gebetshaus könne unmöglich als Moschee aner‐ kannt werden.28 Was Frau Ateş, der Islamwissenschaftler Dr. Abdel- Hakim Ourghi und ihre Mitstreiter hier versucht hatten, war eine Bid’ah. Bis zum 1. Juli 2017, innerhalb von zwei Wochen, hatte Frau Ateş für das Herausfordern theologischer Dogmen rund 100 Morddro‐ 2 Religionen sind menschgemacht 124 hungen erhalten und brauchte nun mehr Personenschutz durch das BKA als so mancher Bundesminister. Hamed Abdel-Samad hatte sich im Jahre 2013 von Mahmoud Shabaan, einem ägyptischen Professor an der Al-Azhar-Universität, eine Fatwa eingefangen, als er dem Islam faschistoide Tendenzen dia‐ gnostiziert hatte (was einer gewissen Ironie nicht entbehrt) und lebt seitdem unter Polizeischutz. Seyran Ateş tritt für einen weltoffeneren Islam ein, und ihr geschieht das Gleiche. Wenn man noch notdürftig argumentieren könnte, Hamed Abdel-Samads These sei feindselig ge‐ genüber dem Islam gewesen, so müssen wir nun am Beispiel von Frau Ateş erkennen, dass es der konservative Islam ist, der sich gegenüber der Welt feindselig verhält. Ist es nicht bemerkenswert, wie viel die Erfinder des Korans aus dem Christentum gelernt haben? Alle Regeln des Islam haben nur den Zweck, die Religion zu verbreiten, die Kontrolle über den Menschen zu behalten und Abweichungen von der Lehre unmöglich zu machen. Das Judentum galt für eine nicht missionierende Ethnie, das Christen‐ tum lud alle ein, und damit bestand auch eine erhöhte Gefahr neuer Ideen – der Islam als Monotheismus 3.0 brauchte klare, gottgegebene Regeln, um das zu verhindern. Das und der ungezügelte Geburtenüberschuss in der islamischen Welt sind der Grund, warum der Islam die am schnellsten wachsende Religion der Welt sein soll.* Wenn man sie annehmen muss, sie nicht verlassen darf, sie selbst verbreiten muss und ihre Lehren immer nur strikter auslegen darf, dann findet man sich innerhalb weniger Gene‐ rationen in einer Welt wieder, die kein Außenstehender mehr versteht. Dadurch sinkt der Einfluss von außen, der den Frömmler mit anderen Ideen bekannt machen könnte. Reisen bildet, es sei denn, man ist sehr religiös. Die Folge ist gesellschaftliche Isolation, gepaart mit tiefer Ab‐ lehnung gegenüber anderen Einflüssen, besonders den westlichen, die dann nur noch als minderwertig, verdorben und korrekturbedürftig wahrgenommen werden. Das Konzept der Bid’ah verbietet, die Sache lockerer zu sehen, und begrüßt jederzeit eine strengere Auslegung. * Fun fact: wenn der Atheismus eine Religion wäre, wäre er die am schnellsten wach‐ sende Religion. 2.5 Herbeigereimtes 125 Und so kann der Islam gar nicht anders, als extremistischen Auslegun‐ gen den Vorzug zu geben. Hier dürfen wir zu Recht beeindruckt sein von der perfekten Men‐ schenfalle, die die Erfinder des Islam aufgebaut haben. Sie haben auf alles eine Antwort und müssen nichts beweisen. Eigentlich läuft die Sache genauso, wie man es von einer Religion erwarten sollte, die zwei Vorläufer hatte und aus deren Fehlern gelernt hat. Doch auch hier gibt es noch Verbesserungspotential, denn Religion ist nun mal eine Do‐ mäne der Emotionen und nicht der Logik. Und hier stellt sich mir auch eine ganz besondere Frage. Warum sollte es dem Schöpfer des Universums genügen, uns mit dem Befolgen eines Buches ins Paradies zu lassen? Viel naheliegender wäre es doch, wenn der Schöpfer des Universums uns ein Buch mit unsinnigen Re‐ geln und abscheulicher Moral gäbe, und wer sich begeistert daran hält, hat sich sofort für das Jenseits disqualifiziert. Der Koran als Ablen‐ kungsmanöver. Jeder Personalchef spielt im Bewerbungsgespräch sol‐ che Spielchen mit seinen Kandidaten, und dort geht es nur um Jobs. In dieser Erklärung würden dem Einzelnen auch vielmehr geistige Unab‐ hängigkeit und weise Urteile abverlangt. Es wäre die schwerere Prü‐ fung, als nur Regeln zu befolgen. Und wir reden hier von dem Paradies, also der größtmöglichen Belohnung, die sich überhaupt denken lässt. Was wäre naiver als zu glauben, es gäbe einen todsicheren Weg dort‐ hin? Wozu hat der Schöpfer uns ein so großes Gehirn gegeben? Nur zum Beten? Abrogation als Schlupfloch Es ist ein zentrales Element islamischer Theologie, dass Mohammed die Verse des Koran über einen Zeitraum von 23 Jahren nacheinander erhalten hat. Bei Gelegenheit wurde er vom Erzengel Gabriel besucht, der ihm die Worte des Herrn diktierte, obwohl Mohammed gar nicht schreiben konnte. Hätte es einen Urkoran gegeben, den der Prophet selbst in Händen gehalten hat, wäre der so heilig wie die Kaaba in Mekka. Dabei ist es wesentlich wahrscheinlicher, dass der Koran in seiner heutigen Form vom Herrschergeschlecht der Umayyaden zusammen‐ gestellt wurde, namentlich vom Kalifen Abu Bakr, der eine Sammlung 2 Religionen sind menschgemacht 126 von Pergamenten, Palmblättern, Steintafeln und auswendig Gelerntem zusammentrug. Ist es nicht erstaunlich, dass der Prophet anscheinend selten Stift und Papier zur Hand hatte, wenn er doch jederzeit Worte des Schöpfers diktiert bekommen konnte? Er konnte zwar nicht schrei‐ ben, sagt man, aber wenn der Erzengel kam, konnte er es doch wie je‐ der andere. Wie fahrlässig! Stattdessen gab er seine Eingebungen mündlich weiter, und da einige Personen in Mekka und Medina schreiben konnten, trugen sie es nieder, und so gelangten die Rohfas‐ sungen in die Hände von Abu Bakr. Der dritte Kalif Uthman ibn Affan, der sein Amt zwölf Jahre nach Mohammeds Tod antrat, gelangte in den Besitz der Koranausgabe von Hafsa, einer Witwe des Propheten. Da die verschiedenen arabischen Dialekte sich langfristig als Problem bei der Rezitation des Korans er‐ wiesen, musste eine standardisierte Version in nur einem Dialekt her. Dem Islamgelehrten Bukhari zufolge wurde es der Dialekt der Banu Quraisch, dem Stamme Mohammeds. Uthman ließ alle anderen Koranversionen verbrennen, die in eini‐ gen Details abwichen und weißgottwoher kamen, so dass nur die eine Version im Dialekt der Banu Quraisch übrig blieb. Doch wie jeder andere Text war auch dieser von einem grundsätz‐ lichen Problem bedroht, das über allen Gesetzestexten der Welt schwebt: es wird immer einen Fall geben, für den das Gesetz keine ein‐ deutige Aussage macht und das daher von Fachleuten gedeutet werden muss. Dabei kann man gelegentlich auf Widersprüche im Text stoßen, die einem ohne diesen konkreten Fall nie aufgefallen wären. Doch glücklicherweise gab es bereits die passende Koransure: es ist Sure 16, Vers 101. Hier scheint der Schöpfer des Universums sich beim stückweisen Verfassen der wichtigsten Botschaft aller Zeiten bereits im Voraus das Recht einzuräumen, Gesagtes jederzeit zu revidieren: „Und wenn Wir einen Vers anstelle eines (anderen) Verses austauschen – und Allah weiß sehr wohl, was Er offenbart –, sagen sie: „Du ersinnst nur Lügen.“ Aber nein! Die meisten von ihnen wissen nicht.“ Das Ganze wird unterstrichen von Sure 2 Vers 106, die es noch einmal beteuert: „Was Wir an Versen aufheben oder in Vergessenheit geraten lassen – Wir bringen bessere oder gleichwertige dafür. Weißt du denn nicht, dass Allah zu allem die Macht hat?“ 2.5 Herbeigereimtes 127 Einmal abgesehen von dem befremdlichen „Ich bin der Schöpfer, ich weiß was ich tue!“ ist den Autoren und Herausgebern des Korans da‐ rüber hinaus noch eine weitere Genialität gelungen. Sie ordneten die Suren des Korans nicht chronologisch, sondern (mit Abweichungen) nach der Länge, beginnend mit der ersten Sure als Einleitung und dann der längsten Sure von allen, Sure 2. Der Harburger Orientalist Theodor Nöldeke ist heute noch dafür bekannt, die Suren anhand ihres Stils und ihres historischen Zusammenhangs chronologisch sor‐ tiert, das handgemachte Chaos also wieder rückgängig gemacht zu ha‐ ben. Sofern zwei Suren sich gegenseitig widersprechen, zum Beispiel hinsichtlich der Akzeptanz von anderen Religionen, so besagt die Re‐ gel der Abrogation, dass die später offenbarte Sure gegenüber der frü‐ heren den Vorzug hat und sie inhaltlich aufhebt. Wenn Sie also ganz vorne im Koran etwas Kriegerisches oder Versöhnliches finden, sind Sie hinsichtlich der Abrogation noch keinen Deut schlauer, denn es ist die Chronologie, die entscheidet, welches von beiden der Schöpfer spä‐ ter herabsandte und damit das Alte aufhob. Nöldekes Chronologie verdient es, einmal abgebildet zu werden, damit man jederzeit nachschlagen kann, welcher Vers welchen aufhebt. Wichtig dabei: die Reihenfolge muss nicht exakt stimmen – es ist zum Verstehen der Art und Weise, wie der Islam heute gelebt wird, jedoch unerlässlich zu wissen, was in der islamischen Welt geglaubt wird. Frühmekkanische Periode 96, 74, 111, 106, 108, 104, 107, 102, 105, 92, 90, 94, 93, 97, 86, 91, 80, 68, 87, 95, 103, 85, 73, 101, 99, 82, 81, 53, 84, 100, 79, 77, 78, 88, 89, 75, 83, 69, 51, 52, 56, 70, 55, 112, 109, 113, 114, 1 Mittelmekkanische Periode 54, 37, 71, 76, 44, 50, 20, 26, 15, 19, 38, 36, 43, 72, 67, 23, 21, 25, 17, 27, 18 Spätmekkanische Periode 32, 41, 45, 16, 30, 11, 14, 12, 40, 28, 39, 29, 31, 42, 10, 34, 35, 7, 46, 6, 13 Medinische Periode 2, 98, 64, 62, 8, 47, 3, 61, 57, 4, 65, 59, 33, 63, 24, 58, 22, 48, 66, 60, 110, 49, 9, 5 Theodor Nöldekes Chronologie der Koransuren. Je später, des‐ to tendenziell feindseliger, und leider auch umso bedeutsamer. Die friedliebenden, versöhnlichen, mekkanischen Suren des Ko‐ rans (als Mohammed es noch mit Worten versuchte) liegen zeitlich vor Tabelle 2: 2 Religionen sind menschgemacht 128 den eher kriegerischen Suren der medinischen Phase (als Mohammed neue Saiten aufzog und es wesentlich aggressiver versuchte). In Mekka versuchte Mohammed, seine neue Religion neben den bereits existierenden Religionen Christentum und Judentum zu eta‐ blieren. Man lachte ihn aus, da seine Theologie größtenteils von den beiden anderen Religionen abgeschrieben war und wenig Neues zu bieten hatte. Man glaubte ihm einfach nicht – es muss hunderte Men‐ schen wie ihn gegeben haben, die versuchten, sich als Prophet einen Namen zu machen. Als Mohammed nach Medina gegangen war, än‐ derte sich seine Haltung gegenüber den anderen Religionen. Nun trat er wesentlich feindseliger, geradezu kriegerisch auf. Sein Gang nach Medina ist im Islam von so grundlegender Bedeutung, dass die islami‐ sche Zeitrechnung mit dem Jahr der Hidschra, der Auswanderung nach Medina, also nach unserer Zeitrechnung im Jahre 622 beginnt.* Bedenken Sie: es hätte auch der Geburtstag des Propheten sein können, oder der Tag, an dem er die erste Sure niederschrieb, oder die letzte, oder an dem er ins Paradies kam. Stattdessen wurde es das Jahr, in dem Mohammed sich die Sonnenbrille aufsetzte und sagte: „Sie wollen es anscheinend nicht anders.“ Sure 5 ist die letzte in Nöldekes Chronologie. Sie verbietet den Ge‐ nuss von Alkohol, Blut und Schweinefleisch, immerhin zentrale und konfessionsübergreifende Inhalte des gelebten Islam. Sure 5:51 verbie‐ tet es Muslimen, sich von Christen oder Juden regieren zu lassen, Sure 5:57 fügt noch die Ungläubigen hinzu. Sure 5:72 und 5:73 erklären alle, die an Jesus als den Sohn Gottes glauben, zu Ungläubigen. Dies sind genauso zentrale Inhalte des Islam wie das Verbot von Schweinefleisch und Alkohol. In Sure 9, der vorletzten, befindet sich auch der berüchtigte Schwertvers 9:5. „Wenn nun die Schutzmonate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendie‐ ner, wo immer ihr sie findet, ergreift sie, belagert sie und lauert ihnen aus * Darüber hinaus ist der islamische Kalender knapp 11 Tage kürzer als der christliche, weshalb man die eine Zeitrechnung nicht einfach durch Subtraktion in die andere umrechnen kann. Alle 33,2 Jahre kommt in der islamischen Zeitrechnung ein Jahr dazu. Die islamische Zeitrechnung holt auf, so dass das Jahr 20.874 in beiden Kalen‐ dern schließlich das Gleiche sein wird. In dem Visum, das ich im Jahre 2010 für meine Einreise in den Iran erhielt, ist noch das Jahr 1432 notiert. 2.5 Herbeigereimtes 129 jedem Hinterhalt auf! Wenn sie aber bereuen, das Gebet verrichten und die Abgabe entrichten, dann lasst sie ihres Weges ziehen! Gewiß, Allah ist Allvergebend und Barmherzig.“ Eine weitere Chronologie ist die Ägyptische Standard-Chronologie der al-Azhar-Universität, die im Gegensatz zu Nöldeke den Sprachstil der Suren nicht berücksichtigt und daher zu leicht abweichenden Ergeb‐ nissen kommt.* In beiden ist Sure 9 die vorletzte, und Sure 5 ist in der ägyptischen Reihenfolge die 112. von 114 Suren, also nicht die letzte. Hier ist Sure 110 die letzte, die bei Nöldeke Platz 111 von 114 ein‐ nimmt. Sure 110, die letzte in der a-Azhar-Chronologie, ist kurz und schnell erzählt: „Wenn Allahs Hilfe kommt und der Sieg und du die Menschen in Allahs Religion in Scharen eintreten siehst, dann lobpreise deinen Herrn und bitte Ihn um Vergebung; gewiß, Er ist Reue annehmend.“ Wenngleich es hinsichtlich der exakten Chronologie als auch bei der Deutung, welcher Vers nun welchem widerspreche, Unterschiede in der Interpretation gibt, so muss man bedenken, dass es immer noch Millionen Menschen auf der Welt gibt, die den Schwertvers ernst neh‐ men und den Dschihad als heilige Pflicht aller Muslime für alle Zeiten betrachten. Religion ist, was Menschen daraus machen – ohne die Re‐ ligion aber hätten sie einen gewaltigen Grund weniger, anderen das Leben zur Hölle zu machen, nur um ihr selbst zu entgehen. Und das Problem ist, dass Dschihadisten sich jederzeit auf etablierte, jahrtau‐ sendealte Theologie berufen und moderaten Muslimen damit nach‐ weisen können, dass sie sich irren, wenn sie auf einem friedlichen Mit‐ einander bestehen. Wer wie der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourgi versucht, den kriegerischen Versen des Korans nur die Bedeutung zu überlassen, die sie zu Zeit ihrer Offenbarung hatten, und der Meinung ist, sie seien nicht mehr zeitgemäß, der legt sich mit Millionen von Ge‐ lehrten und bewaffnetem Fußvolk an, die es anders sehen. Das Prob‐ lem ist nicht, dass der Islam grundsätzlich kriegerisch sei – das Prob‐ * Verschiedene Sprachstile deuten auf verschiedene Autoren hin, und das wider‐ spricht nun mal der offiziellen Entstehungsgeschichte des Korans. 2 Religionen sind menschgemacht 130 lem ist, dass mehr Muslime, als Deutschland Einwohner hat, das aus tiefstem Herzen glauben. Benimmregeln im Hause des Propheten In Sure 33:53 beschreibt der Schöpfer des Universums höchstpersön‐ lich, wie man sich zu Besuch bei Mohammed dem Genervten verhal‐ ten solle: „O ihr, die ihr glaubt! Betretet nicht die Häuser des Propheten, es sei denn, daß euch zu einer Mahlzeit (dazu) Erlaubnis gegeben wurde. Und wartet nicht (erst) auf deren Zubereitung, sondern tretet (zur rechten Zeit) ein, wann immer ihr eingeladen seid. Und wenn ihr gespeist habt, dann geht auseinander und lasset euch nicht aus Geselligkeit in eine weitere Unter‐ haltung verwickeln. Das verursacht dem Propheten Ungelegenheit, und er ist scheu vor euch, jedoch Allah ist nicht scheu vor der Wahrheit. Und wenn ihr sie (seine Frauen) um irgendetwas zu bitten habt, so bittet sie hinter einem Vorhang. Das ist reiner für eure Herzen und ihre Herzen. Und es geziemt euch nicht, den Gesandten Allahs zu belästigen, noch (ge‐ ziemt es euch,) seine Frauen jemals nach ihm zu heiraten. Wahrlich, das würde vor Allah eine Ungeheuerlichkeit sein.“ Vielleicht hätte der Schöpfer des Universums dem Propheten auch einen weiteren Gefallen tun und die Gäste dazu verpflichten können, beim Abwaschen zu helfen, dabei die Klappe zu halten und beim Rausgehen noch den Müll mitzunehmen; dann aber hätte auch der Dümmste gemerkt, dass diese Anweisung irgendwie nicht nach dem Schöpfer des Universums klingt, sondern nach einem Menschen der gerade lernen muss, mit seiner steigenden Popularität umzugehen. Von einer göttlichen Schrift könnte man, wenn man pingelig wäre, auch mal einen handfesten Hinweis erwarten wie: „In fünfundzwanzig Generationen werden Wir, einfach weil wir es kön‐ nen, die Kuffar in eine neue Welt entsenden. Dort werden sie auf Men‐ schen treffen, die eine Pflanze anbauen, deren Blätter sie trocknen, um sie dann zu entzünden und den Rauch einzuatmen. O die Ihr glaubt, über‐ lasst das den Kuffar, denn es bewirkt Lungenkrebs und schwächt sie im Kampf gegen Euch. Krebs ist übrigens ein tödliches Leiden, zu dessen Be‐ seitigung die Kuffar sich lange erfolglos anschicken werden. Euer Anteil an der Eroberung der Neuen Welt wird sich über Jahrhunderte darauf be‐ schränken, den Kuffar schwarze Sklaven zu verkaufen.“ 2.5 Herbeigereimtes 131 Das wäre ein Hinweis. Ich meine, wenn der Schöpfer des Universums nicht an weltliche Phänomene wie Zeit gebunden ist, wenn also alle Momente des Universums für ihn gleichzeitig stattfinden, dann könnte man sich fragen, warum er in seinen Schriften bei jeder Gelegenheit so peinlich genau darauf achtet, sich diese Fähigkeit nicht anmerken zu lassen. Man mag sich zum Abschluss dieses Kapitels noch die berechtigte Frage stellen, wie es denn überhaupt möglich sein kann, dass solche Plattheiten, christlich wie islamisch, sich kulturkreisübergreifend aus‐ breiten konnten und heute das Leben von Milliarden Menschen be‐ stimmen. Fragen Sie das wirklich? Wir wollen uns im nächsten Kapitel an einer detaillierten Antwort versuchen. 2 Religionen sind menschgemacht 132

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References

Zusammenfassung

Atheisten verunsichern. Aus irgendeinem Grund glauben Menschen, religiös zu sein sei grundsätzlich gut, und wer dagegen ist, der müsse einfach etwas im ­Schilde führen. Mittlerweile sind ein Drittel der Deutschen konfessionslos ­– dennoch scheint es in der öffentlichen Wahrnehmung einen Unterschied zu geben zwischen religiös Uninteressierten und ausgewachsenen Atheisten. Bei religiös Uninteressierten sagt man bestenfalls „Soll doch jeder glauben, was er will“, bei Atheisten wittert man Angriffe auf das Gute im Menschen, gesellschaftliche Verrohung und Haftanstalten für Christen.

Wir wollen in diesem Buch untersuchen, was an der Sache dran ist.