Content

8 Bismillah, Genossen! in:

Burger Voss

Ausgeglaubt!, page 333 - 356

Warum Atheisten für die Gesellschaft wertvoll sind

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4218-2, ISBN online: 978-3-8288-7140-3, https://doi.org/10.5771/9783828871403-333

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Bismillah, Genossen! „Soweit ich sehen kann, ist alles politische Denken seit Jahren auf die glei‐ che Weise beeinträchtigt. Menschen können die Zukunft nur vorhersehen, wenn sie mit ihren eigenen Wünschen übereinstimmt, und die offensicht‐ lichsten Tatsachen können ignoriert werden, sofern sie unbequem sind.“ George Orwell, 1944 Wir heute Geborenen verdanken der politischen Linken viel. Arbeiter‐ rechte, Gleichberechtigung, Tierschutz, Umweltschutz sind Dinge, die ohne den Aktivismus der politischen Linken wahrscheinlich immer noch auf sich warten lassen würden. Doch wie der Staat einen Mörder nicht rund um die Uhr für all die Tage lobt, an denen er nicht gemor‐ det hat, so können wir die politische Linke auch nicht ununterbrochen in den Himmel preisen und wegschauen, wenn Teile von ihr sich in eine unheilvolle Richtung entwickeln. Ideologie und Hygiene In jeder Ideologie der Welt, und zu denen zählen die Religionen und die politischen Ideologien nun mal, gibt es ein bestimmtes Phänomen zu beobachten. Ich nenne es das Hygienebedürfnis. Zunächst einmal wird ein räumlicher und auch ideologischer Abstand zu Andersden‐ kenden hergestellt. Da man ja weiß, auf der richtigen Seite zu stehen, können die anderen nicht auch Recht haben. Das Hygienebedürfnis sorgt nun dafür, dass der Gegner nie Recht hat und niemals recht ha‐ ben kann, einfach dadurch, dass man ihn auf Distanz hält, um von sei‐ nen Einflüssen unbehelligt zu bleiben. Am deutlichsten kann man das derzeit in den konservativen Strömungen des Islam beobachten. Was immer der Westen tut, ist abscheulich und verdient Opposition. Si‐ cherlich kauft man ihre Technologie, aber sobald es um gesellschaftli‐ che Werte geht, ist „der Westen“ eine kolossale Ansammlung von Fehl‐ geleiteten und teilweise satanischen Blinden. 8 8.1 333 Doch sollte der Islam den Kampf gegen den Westen jemals gewin‐ nen, so wird eines nicht verschwinden: das ideologische Hygienebe‐ dürfnis als psychologische Naturkonstante. Es sorgt bereits dafür, dass nicht nur der Westen der Feind ist, sondern auch Schiiten, Alawiten oder Ahmadiyya. Unklare Weltbilder mit viel Grau verwirren nur, und so versucht das Gehirn, sich ein Umfeld zu schaffen, in dem nur die reine, wahre, unverfälschte Ideologie Weiß gegen Schwarz gelebt wird – sie flüchtet in die Filterblase, da es sich im Bestätigungsfehler leichter lebt. Doch das ideologische Hygienebedürfnis ist nicht nur der Grund für die Bekämpfung anderer Ideen. Es ist auch das, was Mutation in der Evolution ist – die Antriebskraft für Vielfalt. Hier aber genau die Vielfalt, die man eigentlich gar nicht haben will. Denn sicherlich wird es in jeder Ideologie früher oder später ein Schisma geben, da man ei‐ gene Hygienekriterien zum Maßstab macht, die dann nicht denen der anderen entsprechen. Man gründet eine neue Gruppe, um ideologisch wieder unter sich zu sein. Deshalb gab es im Kommunismus Leninis‐ ten, Stalinisten, Trotzkisten und Maoisten, im Islam Sunniten und Schiiten, Sufi und Ahmadiyya, im Christentum stattliche 40.000 Spiel‐ arten. Hätte man den Nationalsozialismus weiter gewähren lassen, wä‐ re er früher oder später auf die Idee gekommen, Rassenunterschiede zwischen Friesen und Schwaben zu thematisieren oder hätte sich in Hitleristen und Himmleristen unterteilt, zwischen denen eine unüber‐ brückbare Kluft liegt: soll der Mensch das Christentum oder die ger‐ manische Religion leben? Jede Ideologie, die die Gesellschaft aufteilen will, spaltet sich früher oder später auch selbst. Manchmal geschieht beides gleichzeitig – man redet von der Umma, der weltweiten Ge‐ meinschaft der Muslime, während neun von zehn Opfern islamisti‐ schen Terrors selbst Muslime sind. Das ideologische Hygienebedürfnis, fußend auf dem Wunsch nach einem übersichtlichen Weltbild, ist ein so fundamentaler Zug der menschlichen Psyche, dass man ihn auf fast allen Gebieten menschli‐ chen Denkens beobachten kann. Wenn Sie etwas sagen, was irgend‐ wann schon mal ein Rechter gesagt hat, dann können Sie sicher sein, von Linken dafür „zur Rede gestellt“ zu werden, als würden Sie ihnen tatsächlich eine Erklärung schulden. Genau das macht uns Religions‐ kritikern das Leben so schwer – am Christentum dürfen wir rumnör‐ geln, denn das hat auch in der Linken eine lange Tradition, aber Islam‐ 8 Bismillah, Genossen! 334 kritik steht immer im Geruch, rassistisch motiviert zu sein. Aus die‐ sem Hygienebedürfnis heraus werden Sie, wenn Sie Bedenken bei der Masseneinwanderung von Muslimen haben, denen der westliche Le‐ bensstil nicht nur fremd, sondern teilweise auch verhasst ist, von ideo‐ logischen Keimphobikern wie Claudia Roth, Hannelore Kraft oder Ska Keller ermahnt, die auf diesem Gebiet offensichtlich nicht differenzie‐ ren können. Ihr Wunsch nach Diversität ist auch nach Vergewaltigun‐ gen mit Todesfolge wie bei Maria in Freiburg, Mia in Kandel und Su‐ sanna in Wiesbaden oder nach organisiertem Menschenhandel durch muslimische Banden in Rotherham, Bristol, Derby, Newcastle, Roch‐ dale, Oxford, Halifax, Banbury, Aylesbury, Keighley, Peterborough und Telford nicht verhandelbar. Hat man Sie dann erst einmal als „Rech‐ ten“ identifiziert, können Sie argumentieren, wie Sie wollen, Sie wollen sich dann nur rausreden – ein Beweis für Ihre Verschlagenheit. Wenn Sie die Diskussion dann genervt abbrechen, weil sie sinnlos geworden ist, „begeben Sie sich in die Opferrolle“. Man hat immer eine Erklä‐ rung parat, die zur Prämisse passt: Sie sind ein Nazi! Kein einziges Opfer dieser Banden in England ist selbst als musli‐ misch bekannt, die Opfer waren anscheinend durchweg Bioeuropäer – Muslimas habe Ehre, Nichtmuslimas können für die Täter gar keine haben, und Allah hat erlaubt, dass „Eure rechte Hand sie besitzt“. Wenn Sie jetzt nur denken können, dass hier in rassistischer Absicht antimuslimische Ressentiments herausgeholt werden, haben Sie das Ausmaß des kulturellen Konflikts nicht verstanden, und wenn Sie ar‐ gumentieren, dass Weiße ja auch vergewaltigen, dann haben sie die ex‐ plizit religiöse Erklärung hinter diesem Phänomen übersehen oder wollen sie einfach nicht wahrnehmen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich hier an Tempo verliere, sollte ich noch einmal die Litanei aufsagen, dass natürlich nicht alle Muslime so sind, genau wie auch nicht alle Russen oder Chinesen alle gleich wären (Europäer sind es ja auch nicht). Das wäre eine Pauschalisierung, eine vorgetäuschte Gewissheit, wie sie nur die Kritikimmunen kennen. Es geht immer nur um Tendenzen und Verhältnisse. Ich aber finde zwei‐ stellige Prozentbereiche der muslimischen Welt, die Steinigung für Ehebruch als gerecht empfinden, durchaus diskutierenswert, und es ist naiv anzunehmen, dass diese Einstellung an den Grenzen Europas schlicht abgelegt würde. Wenn übrigens jemand sagt, dass neunzig 8.1 Ideologie und Hygiene 335 Prozent aller Muslime friedliche Menschen sind, redet er immer noch von zig Millionen Konfliktbereiten. Und um die Sache einmal in Per‐ spektive zu setzen: Einundneunzig Prozent der Deutschen waren in den 1940er Jahren kein Mitglied der NSDAP. War Deutschland zu je‐ ner Zeit deshalb ein sicherer Ort für Juden? Die friedliche Mehrheit bedeutet garnichts, wenn sie die Extremisten gewähren lässt oder ihr Verhalten wegdiskutieren will. Besonders das Argument „Alkohol tötet jedes Jahr mehr Men‐ schen als islamistischer Terror“, das nach jedem Anschlag die Runde macht, verdient eine Ohrfeige. Es stimmt, Alkohol verursacht in Deutschland jedes Jahr etwa 75.000 Tote durch akute Überdosis, Le‐ berzirrhose, Speiseröhrenkrebs, Verkehrsunfälle unter Einfluss und so weiter. Das ist ein gesellschaftliches Problem von epidemischen Aus‐ maßen, dem gegenüber einige hundert Terroropfer ziemlich marginal erscheinen. Allerdings wäre es ein Unterschied, wenn zum Beispiel eine Firma explodierende Kopfhörer auf den Markt bringen würde, deren einziger Zweck darin besteht, Ihnen bei erster Gelegenheit den Schädel vom Hals zu sprengen. Wir würden uns fragen, warum diese Firma das tut, was man dagegen unternehmen kann und was mit Politikern nicht stimmt, die sich weigern, etwas dagegen zu unternehmen und die Ver‐ antwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Man hört dann, es sei nicht die Firma selbst, sondern entweder nur ein Produktionsfehler oder nur ein paar Individuen einer Abteilung der Firma, und sie hätten es auch nur aus Rache getan, weil sie zuvor bei der Konkurrenz rausgeworfen wurden oder weil der Verbraucher nicht genug Exemplare ihrer Kopf‐ hörer kauft – dennoch geht der Verkauf dieser Mordwaffen weiter. Dass das ISO-Handbuch der Firma einer kritischen Prüfung unterzo‐ gen werden müsste, ist dann ein pauschalisierender Vorwurf, der an Rassismus grenzt, weil er alle Mitarbeiter der Firma unter Generalver‐ dacht stellt. Hier bieten sich auch die hate crime Statistiken des FBI an, die jährlich veröffentlicht werden. Die antiislamischen und antiarabischen hate crimes in den USA sind heute etwa auf dem Stand von 2001, wo der 11. September einen Schub an hate crimes gegen diese Gruppen bewirkt hatte und sie auf immer noch magere fünf Prozent aller hate crimes anhob. Die Nummer eins im Jahre 2015 waren allerdings unan‐ 8 Bismillah, Genossen! 336 gefochten hate crimes gegen Schwarze (30,7 Prozent), dann gegen Weiße (!) mit 11,0 Prozent und Juden (10,2 Prozent). Für eine Religion wie den Islam, die sich weltweit so schlecht benimmt, ist das ein über‐ raschend mildes Ergebnis.117 Und um nun die Scheinheiligkeit des Alkohol-Arguments voll‐ ständig offen zu legen: stellen Sie sich einmal vor, jemand würde die Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds NSU mit dem Argu‐ ment relativieren, man stürbe ja viel eher an Rauchen oder einem Ver‐ kehrsunfall. Wer würde ihm die Unzulänglichkeiten dieses Arguments wohl als erstes empört um die Ohren hauen und ihm unterstellen, aus der eigenen Ideologie heraus etwas relativieren zu wollen? Ich habe die Beobachtung gemacht, dass man heutzutage gerne In‐ formationen ablehnt, sofern sie aus einer unliebsamen Richtung kom‐ men. Wenn es von der AfD kommt, muss es Populismus sein. Wenn es von Putin kommt, muss es falsch sein. Wenn es im SPIEGEL steht, ist es grundsätzlich richtig (links) oder grundsätzlich gelogen (rechts). Diese Attitüde setzt voraus, dass die eigene Filterblase immer Recht hat, und dass die andere immer falsch liegt. Wann wäre die Welt je‐ mals so einfach gewesen? Es bewirkt nichts weiter als einen rasanten Abstieg in den Bestätigungsfehler und verhärtet die Fronten. Eine ech‐ te Islamkritik wird damit sofort in die rechte Ecke geschoben, so dass die AfD und Pegida über kurz oder lang die einzigen sind, die sie noch betreiben, und in deren Arme auch Durchschnittsbürger getrieben werden, die sich von den etablierten Parteien keine Lösungen mehr er‐ warten, zumal sie das Problem nicht einmal anerkennen wollen. Alles, was man dann noch benötigt, ist ein einziger Terroranschlag direkt vor der Wahl, und das Volk wählt aus Angst die AfD. Dann aber hat man ihr ganzes, stellenweise recht sozialdarwinistisches Programm an der Backe. Es gibt Beispiele dafür. Am 23. September 2001, zwölf Tage nach den Anschlägen von New York, erreichte die erzkonservative Schill- Partei in Hamburg aus dem Stand 19,4 Prozent der Stimmen. In den folgenden Jahren zerlegte sie sich selbst bis in die verdiente Vergessen‐ heit. Die Parlamentswahl in Spanien 2004 fand drei Tage nach den An‐ schlägen auf den vollbesetzten Zug in Madrid statt. Die spanische So‐ zialistische Arbeiterpartei unter Zapatero holte massiv auf und nahm der PP unter Mariano Rajoy die absolute Mehrheit. Menschen sind 8.1 Ideologie und Hygiene 337 nämlich sehr leicht zu manipulieren, wenn man ihnen Angst macht, und Islamisten wissen das. Wenn sie auch sonst nicht viel von der Welt wissen, Menschenkenntnis besitzen sie. Besonders die Linke in Form der Grünen und der SPD kann sich hier des Filterblasenfehlers rühmen. Sie sind im Grunde genauso zu‐ frieden mit halbgaren Parolen wie weite Teile der AfD oder Pegida, nur die Parolen sind andere. Zuweilen grenzt ihre Suche nach Wespen‐ nestern an eine Hexenjagd. Im November 2016 zeigte Edeka einen Werbespot, der sich mit dem vielen Müssen und der mangelnden Besinnlichkeit in der Vor‐ weihnachtszeit auseinandersetzte. Darin tauchte themengerecht an einem Volvo ein Nummernschild auf, das MU-SS 420 lautete. Wir alle wissen, dass Nummernschilder mit Buchstabenkombinationen wie SS, SA und HJ auf deutschen Nummernschildern nicht auftauchen, da diese Kombinationen nicht zulässig sind. Sie sind nicht „verboten“, aus dem einfachen Grund, weil sie dem Fahrzeughalter gar nicht erst ange‐ boten werden und daher niemand mit einem verbotenen amtlichen Kennzeichen überhaupt durch die Gegend fahren kann. Sabine Bamberger-Stemmann, die Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung in Hamburg, sah gemäß einem Interview mit dem Manager-Magazin in dem fraglichen Nummernschild jedoch subtile rechtsextreme Botschaften, da nicht nur die Kombination SS vorkäme, sondern auch die Zahlenfolge 420, was auf den zwanzigsten April hin‐ deute, immerhin Hitlers Geburtstag. Darüber hinaus tauchte in dem fraglichen Werbespot noch ein weiteres Nummernschild SO-LL 3849 auf. Wenngleich ihr zur Buchstabenkombination LL nicht viel einfiel, erkannte sie doch in den Zahlen die 84, was gemäß Nazi-Zahlencode „Heil Deutschland“ bedeute. Diese Zahlen seien wiederum von einer 39 umrahmt, was „christliche Identität“ meine und direkt in den Anti‐ semitismus führe.118 Schlimm sowas. Was genau befürchtet Frau Bamberger-Stemmann hier eigentlich? Dass Zuschauer beim Anblick von Buchstaben und Zahlen, deren Be‐ deutung ihnen erst durch fachkundige Exegese erklärt werden muss, in den Rechtextremismus abgleiten? Dass Edeka und die Agentur Jung von Matt eine gemeinsame, geheime Agenda haben, die nur der Fach‐ mann erkennen konnte, denn so subtil arbeitet der Feind? 8 Bismillah, Genossen! 338 Doch selbst wenn es Edeka und Jung von Matt nur versehentlich passiert sein solle, „dann zeigt sich darin doch ein tiefstes Unverständ‐ nis der deutschen Historie“, so Bamberger-Stemmann. Man fragt sich, wie Frau Bamberger-Stemmann in eine Position kommen konnte, in der sie für die politische Bildung zigtausender Schüler in Hamburg verantwortlich ist. Der leiseste Hinweis auf das Dritte Reich lähmt an‐ scheinend ihr Denken und lässt sie pawlowsche Reflexe der Betroffen‐ heit abspulen. Gleichzeitig kann sie nicht ertragen, dass es anderen nicht auch so geht, und ihre Erklärung ist dann bestenfalls Ignoranz. Das Naheliegende ist dann, kurz auf das Dritte Reich zu verweisen, da‐ mit die anderen den gleichen Kloß im Hals verspüren wie sie selbst. Wenn jemand mit intellektueller und emotionaler Distanz über das Dritte Reich sprechen kann, dann mangelt es ihm anscheinend an Ehrfurcht vor dem Thema – ja er läuft sogar Gefahr, sich irgendwann versehentlich mit Teilen der Nazi-Ideologie infizieren zu können, weil er nicht vorsichtig genug war. Man muss ihre Hysterie und ihr kon‐ stantes Entsetzen teilen, denn alles andere macht einen verdächtig. Es ist, als wäre rechtes Gedankengut ein Virus, das durch mentalen Kon‐ takt übertragen werden kann. Das stimmt auch, nur gilt das für linkes Gedankengut nicht weniger. Und das Schöne daran ist: Frau Bamber‐ ger-Stemmann hat dann nie etwas falsch gemacht, sie hatte immer nur die besten Absichten und stand unentwegt für das Gute ein. Mit solch hehren Absichten kann man sogar Mitglied des Bundestages werden, ohne jemals irgendetwas geleistet zu haben. Ein ähnlicher Fall: Peter Gutzeit, Fraktionsmitglied der Linken in Hamburg-Eimsbüttel, entdeckte Anfang Dezember 2016 auf einem der Wagen eines Kinderkarussells auf dem örtlichen Weihnachtsmarkt das Kennzeichen HH 88. Sechzig Jahre, nachdem das Kinderkarussell norddeutsche Jahrmärkte zu durchtouren begann, twitterte Gutzeit et‐ was von Nazi-Codes auf einem Kinderkarussell, das sich ausgerechnet auf einem nach der jüdischen Pianistin Fanny Mendelssohn benann‐ ten Platz dreht, und der Tatsache, dass eine NPD-Größe aus demsel‐ ben Ort kommt wie der Betreiber des Karussells. Des Rätsels Auflö‐ sung: HH stand für die Initialen des Karussellbauers Hans Hennecke. Die 88 ist Zufall und dürfte im Jahre 1957 noch nicht die kodifizierte Bedeutung „Heil Hitler“ gehabt haben, die sie heute in Neonazikreisen hat. Doch es nützte alles nichts: Gutzeit verlangte, dass dem Betreiber 8.1 Ideologie und Hygiene 339 wegen dieser Sache, die wohl zumindest fahrlässig gewesen sein soll, die Konzession entzogen würde.119 Hier kommt alles zusammen, was das Spinnerherz begehrt: Ver‐ steckte Botschaften des Feindes, eine NPD-Größe im Hintergrund, ein symbolträchtiger Ort und Kinder in der Gefahr, von einer gefährlichen Ideologie erfasst zu werden. Paranoia und das Hygienebedürfnis wol‐ len gelebt werden, da hat der Erkrankte selbst keine Chance. Wenn man nur Hammer und Sichel hat, sieht jedes Problem aus wie ein Nazi. Gutzeit hat schließlich in aller selbstgerechten Güte von einer An‐ zeige abgesehen, da der Betreiber des Karussells das Schild entfernt hat und ihm glaubhaft versichern konnte, keine NS-Propaganda verbrei‐ ten zu wollen. Aber stellen wir uns vor, der Betreiber des Karussells hätte Herrn Gutzeit den Vogel gezeigt und ihm nahegelegt, sich um Wichtigeres zu kümmern. Wäre Gutzeit einfach gegangen, weil man ihm klarmachen konnte, dass er übertreibt? Die menschliche Psyche sieht anders aus. Wahrscheinlich hätte Gutzeit sich in seiner Hypothe‐ se lediglich bestätigt gefunden, einen Nazi identifiziert zu haben. Wo‐ möglich wäre Gutzeit auch gar nicht in der Lage gewesen, zwischen der Möglichkeit zu unterscheiden, dass der Betreiber ein Nazi ist, und der Möglichkeit, dass er sich Gutzeits Gängelungsversuche einfach ver‐ bittet. Menschen wie Gutzeit und Bamberger-Stemmann haben jahr‐ zehntelang andere gegängelt, ihnen Vorschriften gemacht, mit dem moralischen Zeigefinger in den Gesichtern Anderer herumgefuchtelt, sie zur Rede gestellt und mehr Sensibilität gefordert, weil sie die Vor‐ stellung nicht ertragen, dass andere ihre Hysterie nicht teilen. Viel‐ leicht rührt die Sympathie mancher Linker für den Islamismus auch daher, dass die Islamisten ideologisch nicht so uninteressiert sind wie der Großteil der Bevölkerung. Sie stehen für etwas ein, egal für was. Denken wir kurz an Farkhunda, wie sie den Verkäufer von Koran‐ sprüchen zur Rede gestellt hat, da sie unislamisches Verhalten einfach nicht tolerieren konnte. Leider konnte der Karussellbetreiber nicht be‐ haupten, Gutzeit hätte Das Kapital verbrannt, denn in Das Kapital steht nicht, dass Das Kapital heilig ist. Ansonsten gibt es zwischen einer entsprechend stark ausgelebten politischen Gesinnung und reli‐ giösem Eifer keinen Unterschied. 8 Bismillah, Genossen! 340 Wir können den Spieß aber auch umdrehen. Wie weit die Linke sich von ihren Ursprüngen entfernt hat, kann man daran erkennen, dass das SPD-Urgestein Kurt Schumacher sich für den Ersten Welt‐ krieg freiwillig gemeldet hatte und sich auch nach dem Zweiten Welt‐ krieg noch gegen die Oder-Neiße-Linie als endgültige Grenze Deutschlands aussprach. Die alliierten Pläne, die Deutschen nach dem Kriege zunächst nicht an der Verwaltung teilhaben zu lassen, kom‐ mentierte Schumacher gegenüber Lord Annan mit den Worten: „Wir sind kein Negervolk!“. Wäre dieser Mann ein heutiger Zeitgenosse, wä‐ re er wohl selbst der AfD zu heiß. Herr Gutzeit, Frau Roth, Frau Göring-Eckardt, Frau Nahles, Frau Bamberger-Stemmann: warum sind in Hamburg und Bremen immer noch Alleen nach diesem Mann benannt, in Berlin gar ein Platz und der Sitz des SPD-Landesverbandes? Schämen Sie sich nicht, so etwas weiterhin zuzulassen, oder hängen Sie gar mit drin? Ihr Mangel an Ini‐ tiative in dieser Sache kann als stille Zustimmung seiner unzumutba‐ ren Äußerungen ausgelegt werden. Sprechen Sie umgehend Bekennt‐ nisformeln aus und kriechen Sie zu Kreuze um zu beweisen, dass Sie nicht rechtsradikal sind! Ich meine das natürlich satirisch, doch hauptsächlich will ich auf das ideologische Hygienebedürfnis hinweisen, das laufend bedient werden will und neue Tätigkeitsfelder aufmachen muss, damit die Ideologie weiterhin gelebt werden kann. Übrigens war das Wort „Ne‐ ger“ mal ein feinerer Ersatz für das Wort „Schwarze“, bis es selbst in Verruf geriet und durch ein neues Wort ersetzt werden musste: Farbige. Dieses Wort selbst wurde irgendwann anrüchig, so dass man in den USA heute von Afro-Amerikanern oder allgemein von people of color (POC) spricht. Doch auch indem ich dieses niederschreibe, schon warnt mich was, dass es dabei nicht bleibe. Es ist mitnichten das Hauptziel einer Ideologie, die Welt besser zu machen. Selbst wenn es das jemals gewesen sei, so lief es doch immer Gefahr, von den psychologischen Mechanismen des Ideologeseins überrannt zu werden, denn Ideologie auszuleben macht den Ausfüh‐ renden glücklich. Alles, was wir Menschen tun, soll uns immer nur glücklich machen, unsere Gehirne sind süchtig danach. Ideologien können sich immer nur verselbstständigen. Was den Ideologien der 8.1 Ideologie und Hygiene 341 Welt fehlt, ist ein Selbstkorrekturmechanismus, wie die Wissenschaft ihn hat. Eine Korrektur kann gewöhnlich nur von außen stattfinden, doch wer sollte das im Falle der Linken übernehmen, die ja schon für alles Gute stehen, was dem Menschen überhaupt widerfahren kann? Muss es schon wieder die Rechte sein? Wir wollen doch nicht immer nur zwischen zwei Positionen hin und her oszillieren, die ihren Ursprung in der Sitzverteilung in der französischen Nationalversammlung Ende des 18. Jahrhunderts haben! Warum werden auch Mitglieder der FDP noch nach ihren politischen Äußerungen in links und rechts einsor‐ tiert, als gäbe es nur diese beiden Möglichkeiten? Wie wäre es mal mit Vorne oder Hinten, oder allgemein: mit Rational oder Ideologisch? Die Linke hat in der Gesellschaft eine Position erreicht, die jener des Christentums in vorsäkularer Zeit ähnelt und von der aus es furchtbar einfach ist, nicht selbst kritisiert zu werden. Kritiker mit dem Vorwurf des Rechtsseins zu diskreditieren und so dafür zu sorgen, dass ihnen niemand mehr zuhört, ist seit Jahrzehnten der einzige Existenz‐ nachweis mancher MdBs. Links ist gut und selbstverständlich, und wer daran zweifelt, macht sich verdächtig, ein Ketzer – Entschuldigung, ein Rechter zu sein. Der kanadische Psychologe Steven Pinker prägte hier‐ für einmal den Ausdruck Linkspol. So wie der Nordpol der Punkt auf der Erde ist, von dem aus es in alle Richtungen nach Süden geht, so ist der Linkspol jener ideologische Punkt, von dem aus alle anderen nur noch rechts sein können. Die hingegen müssen gar nicht rechts sein – um sich verdächtig zu machen, genügt es, wenn sie die Linke inhaltlich herausfordern. Der amerikanische Psychologe und Ethikforscher Jonathan Haidt hat hierzu eine interessante Entdeckung gemacht. Er und seine Kolle‐ gen gaben 2.200 Personen, die sich zunächst selbst zwischen links, mo‐ derat oder konservativ einordnen sollten, einen Fragebogen. Dieser Fragebogen, auch als Moral Foundations Questionnaire bekannt, un‐ terteilt ethische Überzeugungen in fünf Kategorien: 8 Bismillah, Genossen! 342 Fürsorge/Schaden: Das Ausmaß, in dem man Sympathie, Mitgefühl und Zuwendung für andere empfindet. Fairness/Gegenseitigkeit: Das Ausmaß, in dem man Gerechtigkeit empfindet und Rechte gewährt. Ingroup/Loyalität: Das Befürworten der Verpflichtung, der eigenen Gruppe gegenüber loyal zu sein, sowie Wir-gegen-Die-Denken. Autorität/Respekt: Ein Maß für die Wichtigkeit von Traditionen und das Aufrechterhalten sozialer Ordnung. Reinheit/Heiligkeit: Ein Maß für moralische Abscheu und die spiritu‐ elle Neigung, den Körper als einen Tempel zu betrachten. Die ersten beiden Kategorien Fürsorge/Schaden und Fairness/Gegen‐ seitigkeit sind dabei die individuellen Kategorien, da sie sich mit dem Individuum beschäftigen, und die anderen drei sind die Gruppen-Ka‐ tegorien, da sie sich mit dem Verhalten des Individuums in der Gruppe auseinandersetzen. Die ersten beiden Kategorien sind klassische Do‐ mänen der politischen Linken, während die anderen drei Kategorien typische Anliegen von Konservativen sind. Haidts Versuchspersonen sollten nun den Fragebogen ausfüllen, um sich selbst auf dieser ethischen Landkarte zu verorten. Gleichzeitig aber sollten sie tun, worum es in diesem Experiment eigentlich ging: sie sollten den Fragebogen in einem zweiten Anlauf so beantworten, wie Vertreter des feindlichen politischen Lagers ihn ihrer Meinung nach beantworten würden. Die Linken sollten sich also in die Rechten hineinversetzen, und die Rechten sollten sich in die Linken hineinver‐ setzen. Auf diese Weise erhielten die Forscher Daten darüber, welche Überzeugungen die Versuchspersonen selbst hatten und wie sie von anderen wahrgenommen wurden. Bei der Auswertung stellten Haidt und Kollegen folgendes fest120: 1. Konservative konnten hinsichtlich der individuellen Kategorien sowohl ihre eigenen als auch die Ansichten der Linken am besten einschätzen, gefolgt von den Moderaten. Linke schnitten hier am schlechtesten ab – bei dem Versuch, die Positionen der Konserva‐ tiven nachzuvollziehen, kam eine übertriebene Karikatur des typi‐ 8.1 Ideologie und Hygiene 343 schen Konservativen heraus, die viel weniger Mitgefühl für andere zu haben schien, als es der Realität entsprach. 2. Moderate konnten sich selbst und beide anderen Lager hinsicht‐ lich der Gruppen-Kategorien am besten einschätzen, gefolgt von den Konservativen und dann den Linken. Interessanterweise un‐ terschätzten die Linken ihre eigene Gruppenloyalität am meisten. 3. Beide Lager, die Linken und die Konservativen, überschätzten die Unterschiede zwischen ihren eigenen Anschauungen und denen des politischen Gegners. Konservative hielten Linke für übertrie‐ ben individualistisch, und Linke hielten Konservative für übertrie‐ ben kollektivistisch. Das Ausmaß aber, in dem man den Gegner schlechter einschätzt als er ist, war bei den Linken am größten. Linke sind im Durchschnitt ideologischer als Rechte, und sie sind sich dieser Tatsache auch weniger bewusst. Wenngleich die politische Situation in den USA nur bedingt mit der in Europa oder Deutschland vergleichbar ist, so ist die Tendenz doch be‐ eindruckend. Politischen Lagern geht es nur in zweiter Linie um die Wahrheit – in erster Linie geht es ihnen darum, den politischen Geg‐ ner zu bekämpfen. Doch die Kluft zwischen Ideologie und Realität scheint im linken Lager am größten zu sein. Die Konservativen verste‐ hen die Linken besser, als Linke die Konservativen verstehen. Wenn je‐ mand andere über einen Kamm schert, dann die Linken mit ihrem übertrieben dämonischen Bild der Konservativen und der anmaßen‐ den Vorstellung, was nicht links ist, müsse grundsätzlich einer Art Ge‐ fährdungsbeurteilung unterzogen werden. Wer ist schuld am Dschihad? Der von einigen Golfstaaten finanzierte Islamismus ist in Europa nicht die einzige Bedrohung für gemäßigte Muslime und den Rest der europäischen Bevölkerung. Diese Bewegung wird von einer Seite ho‐ fiert, unterstützt und freigesprochen, von der man es wirklich nicht er‐ wartet hätte, die damit ihr eigenes, religionskritisches Erbe schlichtweg zertrampelt und die wirklich Schutzbedürftigen, nämlich säkulare Muslime und Exmuslime schlicht im Stich lässt. Nicht mit Wut, son‐ dern mit den groben Stiefeln der Ahnungslosigkeit. Die politische Lin‐ 8.2 8 Bismillah, Genossen! 344 ke hat vor lauter Toleranz gegenüber den Intoleranten ihre ethische Orientierung eingebüßt. Sie leistet sich mit Stolz die folgenden Fehlan‐ nahmen. 1. Der islamische Terrorismus sei ein Produkt des westlichen Impe‐ rialismus im Nahen Osten Nein. Zugegeben, seit Beginn des Jahrtausends (und schon davor) ha‐ ben die USA sich im Nahen Osten stellenweise schamlos bereichert, sich einige politische Patzer geleistet, Diktatoren installiert und gedul‐ det, solange sie der Sowjetunion eine Grenze setzten, und damit eini‐ ges an Schaden verursacht, genau wie Frankreich in Algerien, die Bri‐ ten in Ägypten, und genau wie der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg vor hundert Jahren mit der Idee, Lenin nach Russland zu schicken, um den Bolschewismus zu begründen und da‐ mit das Zarenreich von innen zu stürzen. Was sollte denn dabei schon schiefgehen. Das sind Tatsachen, die niemand leugnen sollte. Die Ursache des islamischen Terrors ist aber eine andere: die derzeit grassierende, wort‐ getreue Lesart des Korans, die sich seit der ersten Hälfte des Zwanzigs‐ ten Jahrhunderts in der islamischen Welt verbreitet. Wenngleich der Koran wesentlich älter ist, so ist die Neigung, ihn wörtlich auszulegen, in der Moderne erst durch die Schriften von Hassan al-Banna in Ägypten (Hin zum Licht, 1936), durch Abu Maududi in Indien (Den Koran verstehen, 1972) und durch Sayyid Qutb in Ägypten (Wegzei‐ chen, 1964) propagiert worden. Bedenken wir, dass der islamistische Terror erst seit Ende der Neunziger Jahre ein weltweites Thema ist, die Schriften aber knapp dreißig Jahre älter sind. Es musste anscheinend erst eine Generation heranwachsen, die von Geburt an nichts anderes kennt als diese wortgetreue Lesart. Osama bin Laden, Jahrgang 1957, lebte bereits in dieser Welt und war zu seiner Zeit der Prototyp des is‐ lamischen Terroristen, der den Koran wörtlich nahm. Wenn die Prä‐ gung von Kindesbeinen an irgendeine Bedeutung für das menschliche Weltbild hat, dann stehen wir immer noch am Anfang des Konfliktes, denn es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die maximale Zahl von Muslimen, die auf die wortgetreue Auslegung des Koran setzen, bereits erreicht wäre. Zumindest nicht, solange sie weiterhin mit viel Geld in 8.2 Wer ist schuld am Dschihad? 345 ihren Gemeinden rund um die Welt verbreitet wird und auch von einstmals säkularen Staaten wie der Türkei Besitz ergreift. Solche Menschen brauchen keinen äußeren Anlass, um den Wes‐ ten zu hassen. Die Verfehlungen des Westens kommen da nur als gele‐ genes Argument, denn es ist eine Sache, die eigenen Leute aufzupeit‐ schen. Es ist aber ein noch viel größerer Genuss, Teilen des Gegners das Gefühl zu geben, er sei zurecht selbst schuld daran, verachtet zu werden. Der britische Ex-Radikale Maajid Nawaz, heute Gründer und Leiter des Extremismus bekämpfenden Think Tanks Quilliam, berich‐ tet in seiner Autobiographie Radical, wie er die Linken erlebte: naiv, ahnungslos und ihn als Extremisten jederzeit verteidigend, solange er dem Westen Vorwürfe machte.121 Er tat es aus islamistischen Grün‐ den, die Linken sahen nur Kapitalismus- und Kolonialismuskritik, was also grundsätzlich gut sein müsse. Wenn man den Amerikanern mit ihrer Weisheit „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ eine spek‐ takuläre Naivität diagnostizieren kann, dann muss man das auch bei der regressiven Linken tun, die sich keinen Deut schlauer verhält. Nawaz und seinesgleichen bezeichneten sie als nützliche Idioten und hatten wenig mehr als Verachtung und Gelächter für sie übrig. Heute bemängelt er, dass Vertreter der Linken auch dazu neigen, Voll‐ verschleierung, Beschneidung und Geschlechtertrennung als kulturell abzutun und damit ihre tiefsten Grundwerte aufzugeben. Er nennt es den Rassismus der geringen Erwartungen. Sind die Handlungen sexis‐ tisch, tut man sie als „das ist nun mal deren Kultur“ ab; sind sie mör‐ derisch wie das Steinigen, haben sie „nichts mit den Islam zu tun“ – vielmehr sei der Westen daran schuld, dass die Menschen in der isla‐ mischen Welt ihr Heil in der Religion suchen. Unter Linken und Islamisten kursiert des Weiteren ein Gerücht: die CIA oder gar der Mossad hätten Al-Qaida gegründet. Das aber stimmt nicht. Als die USA sich anschickten, in Afghanistan die Frei‐ heitskämpfer gegen die Sowjets mit Geld und Stinger-Raketen zu un‐ terstützen, war die Sache noch recht übersichtlich. Die Sowjets waren die Repräsentanten des Reichs des Bösen, wie Reagan die UdSSR sei‐ nerzeit nannte, und wer um seine Freiheit kämpft, muss der Gute sein. Schließlich ist der Kampf gegen Unterdrücker eine uralte amerikani‐ sche Tradition. 8 Bismillah, Genossen! 346 Allerdings gab es damals bereits Anzeichen, dass die Sache ein paar unschöne Details haben könnte. In seinem Buch The Looming Tower (dt. Der Tod wird Euch finden) beschreibt Lawrence Wright, wie die Kameraden eines gefallenen „arabischen Mudschaheddin“, wie die Afghanen die von bin Laden importierten Kämpfer nannten, beim Anblick seiner Leiche weinten vor Neid und Glück. Er war ein Märty‐ rer und nun im Paradies bei Allah und dem Propheten. Aus diesem Grunde hatten sie auch keine Bedenken dabei, in leuchtend weißen Zelten in der afghanischen Steppe zu kampieren, auch wenn sie da‐ durch vom Hubschrauber aus bestens zu sehen waren. Der pakistani‐ sche Journalist Rahimullah Yusufzai fragte die Araber, was das solle. Ihre Antwort war, dass sie bombardiert und getötet werden wollten wenn sie wahrlich gesegnet seien, würde Gott sie mit dem Märtyrertod belohnen.122 Wenn man gewinnt, ist Allah glücklich und belohnt die Kämpfer für ihren Sieg mit dem Paradies – wenn man als Kämpfer stirbt, ist Al‐ lah ebenfalls glücklich und belohnt die Kämpfer mit dem Paradies. In ihrem verschrobenen Weltbild können islamische Extremisten gar nicht verlieren. So oder so – die Ewigkeit ist ihnen sicher. Der islami‐ sche Staat tickt da nicht anders. Das Beste, was man als ihr Gegner tun kann ist anscheinend, ihnen beim Sterben behilflich zu sein, bevor sie nennenswerten Schaden anrichten. Als die USA im Jahre 1991 (in Kooperation mit einigen Golfstaa‐ ten!) die Operation Desert Storm einleiteten und den Irak angriffen, wandte sich Osama bin Laden, bis dato der oberste Verbündete der USA in Afghanistan und ein Held in Saudi-Arabien, innerhalb weni‐ ger Jahre gegen seinen einstigen Partner, verübte Anschläge auf die US- Botschaften in Dar es Salaam und Nairobi 1998 sowie auf den Zerstö‐ rer USS Cole im Jahre 2000 und wurde dadurch der meistgesuchte Ter‐ rorist der Welt. Man mag sich fragen, was den Mann antrieb. Hier ist die Antwort: er war entsetzt und erbost darüber, dass die Amerikaner Stützpunkte in Saudi-Arabien hatten und von dort aus den Irak angrif‐ fen. Bin Laden hatte mit Saddam Hussein nichts am Hut, denn Hus‐ sein war kein Theokrat, wenngleich seine Propaganda von religiösen Motiven nur so triefte. Es war nichts anderes gewesen als die Anwe‐ senheit von ungläubigen Soldaten im Heiligen Land, die bin Laden veranlasste, fortan einen Krieg gegen die USA zu führen, die er Kreuz‐ 8.2 Wer ist schuld am Dschihad? 347 ritter nannte, als wäre da noch eine Rechnung offen. Da die Saudis die Amerikaner gewähren ließen, konnte er nur zu dem Schluss kommen, sie seien ebenfalls keine wahren Muslime, korrupt und verwestlicht. Das war der Grund für seinen Seitenwechsel. Das Ziel hinter den Anschlägen war jedoch ein anderes: er wollte die Amerikaner nach Af‐ ghanistan locken, den Friedhof der Imperien, wie es auch genannt wurde.123 Dort würden sie sich an der kargen Landschaft, dem erbar‐ mungslosen Klima und der örtlichen Bevölkerung die Zähne ausbei‐ ßen wie zuvor die Briten und die Sowjetunion. Ein weiteres Beispiel für diese grundsätzliche Feindseligkeit liefert uns die Geschichte von Osttimor. Dieser kleine, katholische Landstrich im Osten Indonesiens erlebte im Jahre 1999 einen Genozid durch die indonesische Armee und durch proindonesische, muslimische Milizen, bis schließlich die Vereinten Nationen mit einer multinationalen Trup‐ pe unter der Führung Australiens eingriffen und der UN-Statthalter Sergio de Mello die provisorische Kontrolle über Osttimor übernahm. Nachdem Osttimor sich offiziell zur unabhängigen Republik erklärt und eigene Wahlen abgehalten hatte, reiste Sergio de Mello weiter in den Irak, wo sich bereits die nächste humanitäre Krise anbahnte. Wie Sie sich erinnern werden, erfolgte im Jahre 2002 auf Bali der historische Anschlag auf Bars und Restaurants durch Al-Qaida mit über 200 Toten. Den größten Teil der Opfer machten australische Tou‐ risten aus, denn Bali ist in etwa das australische Mallorca. Als Begrün‐ dung führte bin Laden unter anderem die Teilung muslimischen Lan‐ des in Osttimor an124, die für ihn anscheinend ein größeres Problem war, als die Beendigung des Genozids etwas Gutes darstellte. Wären die Opfer des Genozids Muslime gewesen, hätte er sicherlich nicht zur Waffe gegriffen, solange die Täter es auch waren. Hier jedoch griff er zur Waffe, weil Osttimor von Indonesien abgetrennt wurde, um Ka‐ tholiken vor Muslimen zu schützen, und bestrafte Australien für seine militärische Führung der INTERFET, der UN-Schutztruppe in Ostti‐ mor. Das Schicksal einer halben Million Katholiken spielte für bin La‐ den gegenüber der Verringerung muslimischer Landfläche überhaupt keine Rolle. Ich weiß nicht, welche Doppelmoral man in sich herum‐ tragen muss, um Europäern und Amerikanern bei jeder Gelegenheit Rassismus vorzuwerfen, wenn man selbst die gesamte Menschheit in Gläubige und Ungläubige unterteilt, die gegenüber den Gläubigen 8 Bismillah, Genossen! 348 ganz offiziell überhaupt nichts zu melden haben. Werden Muslime ge‐ tötet, erzürnt es den Islamisten – wehren Nichtmuslime sich dagegen, von Muslimen getötet zu werden, erzürnt es den Islamisten. Wollen Is‐ lamisten in weißen Zelten durch Bomben getötet werden, ist es Hel‐ dentum – werden sie tatsächlich durch Bomben getötet, schreit der Is‐ lamist nach Rache. In seiner Ansprache zitierte bin Laden auch die medinische Sure 2, Vers 120: „Weder die Juden noch die Christen werden mit dir zufrieden sein, bis du ihrem Glaubensbekenntnis folgst.“125 Dabei hat der konservative Islam doch mit uns gar nichts anderes vor. Sie werden nie mit uns zufrieden sein, bis wir ihrem Glaubensbe‐ kenntnis folgen. Sergio de Mello wurde am 19. August 2003 im UN-Hauptquartier in Bagdad durch eine gewaltige LKW-Bombe getötet, die gezielt ihm galt. Daraufhin zogen die Vereinten Nationen sich aus dem Irak zu‐ rück, so dass nur die Koalition der Willigen und Al-Qaida auf dem Schlachtfeld übrigblieben. Wo genau hat der Westen hier versagt, sich bereichert, Frustration geschaffen, Menschen mit Füßen getreten? Wo genau wollen Sie das Trostpflaster aufkleben, Herr Todenhöfer, Frau Roth? Ob man Gutes oder Schlechtes tut, ist anscheinend nicht die Frage. Die Frage ist, ob man auch im Angesicht eines Völkermordes (mit Muslimen als Tätern!) islamischen Interessen nachgibt oder nicht. Und um es noch mal jenen deutlich zu sagen, die einen so gerne missverstehen: Nein, bin Laden ist nicht der Islam. Das war aber auch nicht die Frage. Die Frage war, ob der Westen am islamischen Extremismus schuld ist. Ich kann es im‐ mer nur betonen: das Problem bei jeglichem Fundamentalismus sind die Fundamente. Dieser eklatante Mangel an bin Ladens Zurechnungsfähigkeit sagt den Linken zur Analyse der Ursachen des Terrors allerdings wenig. Für sie ist klar, dass der Westen schuld ist, denn er ist kapitalistisch und damit schlecht und für alles Schlechte verantwortlich. Es ist in all seiner Bedrohlichkeit doch bemerkenswert, dass der linke Kulturma‐ sochismus und die theologische Selbstüberhöhung des Islam wie Zahnräder ineinandergreifen können. Leider befindet sich der Rest der menschlichen Gesellschaft dazwischen. 8.2 Wer ist schuld am Dschihad? 349 Der fromme Muslim springt hier gewöhnlich helfend ein, da ja „der Westen“ seit Jahrzehnten Muslime abschlachtet. Es ist jedoch heuchlerisch, „den Westen“ dafür verantwortlich zu machen, wenn Muslime detonieren und dabei andere Muslime töten. Zwischen 2001 und 2018 gab es knapp 34.000 islamistisch geprägte Terroranschläge auf der Welt, die im Schnitt sieben bis acht Todesopfer forderten. Der Großteil dieser Anschläge fand in der islamischen Welt statt, und neun von zehn Opfern dieser Anschläge waren selbst Muslime. Zumindest nach unserem Maßstab. Gemäß dem Konzept des Takfir waren es je‐ weils keine Muslime gewesen, sondern Ungläubige (wenn sie einer an‐ deren Strömung des Islam angehörten) oder Heuchler (wenn sie zwar von der gleichen Strömung waren wie die Täter, aber das mit der Reli‐ gion lockerer angingen). Im Übrigen war der Rachegedanke noch nie zu etwas gut, außer zur Eskalation eines Problems. Das ist eine Sache, die Mohammed auch hätte bemerken können, wäre sein Charakter ein anderer gewesen. Wir sollten bei dieser Angelegenheit auch nicht versäumen, die Gegenprobe zu machen. In ihrem Kampf gegen die Ausbreitung des Kommunismus in Süd- und Mittelamerika sowie in Südostasien haben die USA über Jahrzehnte demokratisch gewählte Staatsoberhäupter beseitigt, durch Diktaturen ersetzt oder Diktaturen unterstützt. Diese Diktaturen erschienen ihnen als das kleinere Übel gegenüber dem So‐ wjetreich. Unnötig zu sagen, dass solche Umbaumaßnahmen gewöhn‐ lich keine bloßen Verwaltungsakte waren, sondern politische Umstür‐ ze, die jeweils einige zehn- bis hunderttausend Todesopfer forderten, da die installierten Diktatoren wie Pinochet sich selbst kaum als reine Befehlsempfänger begriffen. Sie fühlten sich in ihrem Anspruch, das Land zu regieren, immer nur bestätigt, wenn Henry Kissinger ihnen aufs Pferd half. Alles im Namen des Guten, selbstverständlich, der Mensch hat nie eine andere Erklärung für sein Treiben. Was wurde daraus nach dem Niedergang der Sowjetunion und dieser Diktaturen? Ein weltweiter Dschihad der abgehängten Sozialis‐ ten? Wo sind die russischen Terroristen, die den Zusammenbruch der Sowjetunion nicht verkraftet haben und New York bombardieren, um einen Kampf zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Idee heraufzubeschwören? Wo ist der Terror rotchinesischer Migran‐ ten? Wie viele vietnamesische Einwanderer in die USA haben sich dort 8 Bismillah, Genossen! 350 im Nachhinein radikalisiert, wie viele chilenische, panamaische oder nicaraguanische? Wie viele chinesische Restaurantbesitzer haben in Europa den maoistischen Terror relativiert, der uns jahrzehntelang das Fürchten lehrte und dessen Tatorte sich in unser kollektives Gedächt‐ nis gebrannt haben – Köln-Sulz, Wanne-Eickel, Nürnberg, Lippstadt, Pirmasens, selbst in unseren Urlaubsorten wie Föhr, Fehmarn und Sylt? Kein einziger, wie Sie wissen, denn es gab ihn und diese Tatorte nie. Der Unterschied liegt in der natürlichen Feindseligkeit des Islam gegenüber allem Nichtmuslimischen, der die wortgetreue Lesart des Korans zu neuer Blüte verhalf. Wer der Feind ist, steht bereits fest, und die Begründung findet sich. Es ist bedauerlich, dass sie dann von eini‐ gen Opfern auch so bereitwillig geglaubt wird. 2. Jede fremde Kultur ist wertvoller als die eigene Dies ist eine wenn auch eher instinktive Kernthese des linken Selbst‐ verständnisses. Wer den Zweiten Weltkrieg lange genug inhaliert hat und darüber hinaus nicht viel differenzierter denkt als sein Lieblings‐ feind, der Faschist, der wird früher oder später eine Bewältigungsstra‐ tegie für diesen inneren Konflikt entwickeln: er wird entweder alles Deutsche hassen, nur weil es deutsch ist, oder sich jeder anderen Kul‐ tur um den Hals werfen. Da diese beiden Strategien einander nicht ausschließen, erleben wir oftmals beides. Haben die Anführer der poli‐ tischen Linken heute noch ein Faible für Einwanderer aus Italien, Por‐ tugal oder Griechenland? Nein, die sind erfolgreich absorbiert und müssen sich höchstens für vermeintlich rechtes Gedankengut erklären, sofern es öffentlich bekannt wird.* Das derzeitige Steckenpferd sind Muslime. Wer wie Claudia Roth bei jedem Besuch im Nahen Osten meta‐ phorisch gesprochen schon auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen den Hidschab anlegt, der biedert sich in der würdelosesten Weise je‐ * Eine der Begründungen für die Öffnung der Grenzen im Jahre 2015 war der Import von Arbeitskräften. Dass Spanien, Portugal, Griechenland und Italien zweistellige Prozentsätze von Jugendarbeitslosigkeit haben, hätte eine innereuropäische Migrati‐ onswelle lostreten können, und diese Jugend ist mit den Werten der EU bereits bes‐ ser vertraut als die arabische und nordafrikanische, der man anscheinend erst bei‐ bringen muss, dass Europa sie nicht verzweifelt um mehr Islam gebeten hat. 8.2 Wer ist schuld am Dschihad? 351 dem noch so despotischen Regime an, „weil es halt deren Kultur ist“. Nein, das ist es nicht, und nichts zeugt deutlicher von der Unkenntnis. Kemal Atatürk hatte keine hohe Meinung vom Islam, er hielt ihn für archaisch, unnötig gewalttätig und dem Fortschritt hinderlich. Erdo‐ gan hält sich für schlauer und marschiert mit Riesenschritten in die Theokratie. Afghanistan war unter Mohammed Sahir Schah auch einst ein Land voll bunt gekleideter Frauen mit Wahlrecht und Schulab‐ schlüssen gewesen, bis die Taliban diese westliche Scheußlichkeit aus dem Lande schafften. Seitdem strahlt das Land im Feuerschein der Autobomben in Burkablau. In Pakistan, Iran und auch dem Irak präg‐ ten in den 1970ern Schlaghosen, riesige Gürtelschnallen, langärmlige, enge T-Shirts in Gelb und Rot und offenes weibliches Haar das Stra‐ ßenbild. Jeder zweite Iraner schien herumzulaufen wie Frank Zappa in seinen besten Tagen. Ein Jugendlicher aus einem dieser Länder, der heute in einer Schatulle unter dem Bett solche Bilder seiner Eltern vor‐ findet, stellt sie für diese Anbiederung an den verhassten Westen eher zur Rede, als sich über den Anblick scheckig zu lachen. Denn mit dem Aufkommen der Religion verschwindet das Lachen als allererstes. Nachdem die Mullahs im Iran die Macht ergriffen hatten, gingen in Teheran 100.000 Frauen am 8. März 1979 auf die Straße und protes‐ tierten fünf Tage lang gegen die Einführung des Hidschab, also nur des bloßen Kopftuches, nicht der Vollverschleierung.126 Zu beachten ist hierbei, dass der schiitische Islam auch in der Verfassung von 1907 be‐ reits Staatsreligion gewesen war. Vor 1975 mussten Frauen sich jeder‐ zeit mit einer Mehrehe abgeben, erbten nur die Hälfte dessen, was ihre Brüder erbten, durften weder wählen noch ein öffentliches Amt be‐ kleiden und durften ohne die Zustimmung ihres Mannes nicht arbei‐ ten gehen. Alles Dinge, die wir heute aus Saudi-Arabien kennen. Das liberale Familienschutzgesetz von 1975 änderte das. Es wurde gleich 1979 wieder abgeschafft, da es „gegen den Islam“ war, wie Chomeini erkannte. Kopftuch und Niqab sind keine traditionellen Kulturstatements, Frau Roth, sondern Zeichen davon, dass ein ausgesprochen konserva‐ tiver Islam, der grundsätzlich auch Ihnen an die Wäsche will, sich in der islamischen Welt breitmacht. Was wir in der westlichen Welt erle‐ ben, sind eher die Ausläufer eines innerislamischen Kampfes um die 8 Bismillah, Genossen! 352 Deutungshoheit der heiligen Schrift. Sobald sie unter sich aufgeräumt haben, werden wir an der Reihe sein. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: ich fühle mich der deut‐ schen Kultur auch nicht sonderlich verbunden, was einfach daran liegt, dass ich mir von allen Kulturen das Beste heraussuche. Britischen Hu‐ mor, mediterranes Essen, griechische Gelassenheit, arabisches Spaßvo‐ geltum. Ich bin mir nicht sicher, was an mir deutsch ist; wahrschein‐ lich die eher introvertierte Persönlichkeit. Das heißt für mich aber nicht, dass ich das Deutsche unbedingt ablehnen oder dezimieren muss – das wäre intolerant von mir. Und schon gar nicht bedeutet es, dass ich diese Entscheidung für andere treffe oder mir anmaße, das Volk erziehen zu wollen, bis es kotzen muss. Denn das tut es gerade, indem es AfD wählt und den etablierten Parteien und den „Systemme‐ dien“ kein einziges Wort mehr glaubt. Es ist genau dieser Kulturmasochismus, der die Linke in weiten Teilen auszeichnet. Doch paradoxerweise hat auch dieser Kulturmaso‐ chismus etwas ganz und gar Deutsches an sich: das moralinsaure Be‐ dürfnis, andere Kulturen vor deutschen Pauschalurteilen in Schutz zu nehmen und sie damit indirekt und versehentlich zu dümmlichen Na‐ turvölkern zu erklären, denen man keine Verantwortlichkeit abverlan‐ gen kann. Es ist falsch, andere Kulturen pauschal schlecht zu machen; es ist aber keinen Deut besser, sie pauschal von etwas freizusprechen, auf das die Realität nun mal hinweist. Das nennt man Kulturrelativis‐ mus – die Vorstellung, dass alle Kulturen der Welt gleichwertig seien, und dass Dinge wie die universellen Menschenrechte in arabischen Ländern nicht gelten müssten, weil man dort ja anderslautende Grundsätze hat. Nein, es gibt keinen Grund anzunehmen, dass alle Kulturen der Welt grundsätzlich gleichwertig seien – in Bezug auf die deutsche Kultur sehen sie es ja auch nicht so. Manche Kulturen sind seit einigen Jahrzehnten gar auf dem Rückschritt, und wenn man von Kulturen spricht, dann muss man eigentlich auch klarstellen, welchen Zeitpunkt in ihrer Entwicklung man genau meint. Kulturrelativismus bedeutet auch, dass es richtig sei, wenn Frauen ohne Hidschab im Iran mit Ermahnung und Gewalt rechnen müssen. Der Schlüssel liegt im Begriff Menschenrechte. Wessen Recht ist es, von einer Frau zu erwarten, dass sie sich einer gewalttätigen Theokra‐ tie beugt und den Hidschab anlegt? Der Unterschied liegt darin, wer 8.2 Wer ist schuld am Dschihad? 353 die Rechte und wer die Pflichten hat. In der westlichen Welt hat pri‐ mär der Mensch die Rechte, in der islamischen Welt hat die Theologie die Rechte und der Mensch die Pflichten. Es ist unglaublich, dass Ver‐ treter der Linken, die eigentlich einmal religionskritisch war, ausge‐ rechnet bei der menschenfeindlichsten Religion der Welt kneifen und die Seiten wechseln. Das Problem, das ich mit Ihnen und Ihresgleichen habe, Frau Roth, ist nicht nur, dass Sie die Debatte verweigern, weil Sie sich bereits auf der Gewinnerseite wähnen. Das Problem ist auch, dass Sie nicht ein‐ mal mehr erkennen, wann eine Debatte notwendig ist. Sie leben als Kapitalismuskritikerin bei Fahrdienst und MdB-Einkommen in einer Filterblase aus Gleichgesinnten, die Sie von den Bedürfnissen real exis‐ tierender Menschen schon lange abgeschnitten hat. Angenommen, es gäbe tatsächlich eine rückständige Kultur, die ihre Kinder aus metaphysischen Gründen verstümmelt, Nachbarn bei der geringsten theologischen Übertretung tötet und sich gesellschaft‐ lich nicht im geringsten weiterentwickelt, ja sogar jede Gelegenheit zur Weiterentwicklung kategorisch ablehnt. Wer sollte in der Lage sein, das zu erkennen? Mir fällt auf Anhieb ein Dutzend Namen von Politi‐ kern ein, die das niemals würden wahrhaben wollen, und immer etwas von „gerade wir haben kein Recht, das zu kritisieren“ faseln. Wenn sie in ein islamisches Land reist, legt Frau Roth den Hid‐ schab an. Wenn es nun in diesem Land zu einem Umsturz kommt, der die Theokraten aus dem Lande fegt und die Hidschabpflicht aufhebt – wird sie ihn dann bei ihrer nächsten Reise wieder anlegen? Oder ist es dann plötzlich zu deren Kultur geworden, keinen Hidschab zu tragen? Und angenommen, die Revolutionäre hätten gar ein Hidschabverbot erlassen – würde sie ihn dann trotzdem anlegen, weil es ja bis vor kur‐ zem noch Teil der muslimischen Identität war? Hängt es vielleicht von der Entschlossenheit und der Gewaltbereitschaft der Revolutionäre ab, was sie tun wird? Und worin würde sich dann ihr Kulturrelativismus von bloßem Duckmäusertum unterscheiden? Sie hat zeit ihres Lebens immer nur an Orten demonstriert, wo nicht scharf geschossen wurde. Aber auch eine Kanzlerin, die angesichts der großen Menge kon‐ servativer Muslime, die zwangsläufig unter den Flüchtlingen sein wird, zu nichts Besserem raten kann als „den Mut zu haben zu sagen, dass wir Christen sind“ oder zu Weihnachten wieder die Blockflöte rauszu‐ 8 Bismillah, Genossen! 354 holen, ist eher ein Teil des Problems als der Lösung. Und auch Markus Söder drückte im Rahmen des politischen Aschermittwochs 2018 den Wunsch aus, die christliche Prägung möge in die bayrische Landesver‐ fassung aufgenommen werden, und installierte Kreuze in allen öffent‐ lichen Gebäuden in Bayern. Wann in der Geschichte der Menschheit hat eine Rückbesinnung auf die Religion jemals eine Krise deeskalieren lassen? Mir sind nur Beispiele für das Gegenteil bekannt. Darauf aufmerksam zu machen, ist in diesem Buch mein ganzes Anliegen. 8.2 Wer ist schuld am Dschihad? 355

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Atheisten verunsichern. Aus irgendeinem Grund glauben Menschen, religiös zu sein sei grundsätzlich gut, und wer dagegen ist, der müsse einfach etwas im ­Schilde führen. Mittlerweile sind ein Drittel der Deutschen konfessionslos ­– dennoch scheint es in der öffentlichen Wahrnehmung einen Unterschied zu geben zwischen religiös Uninteressierten und ausgewachsenen Atheisten. Bei religiös Uninteressierten sagt man bestenfalls „Soll doch jeder glauben, was er will“, bei Atheisten wittert man Angriffe auf das Gute im Menschen, gesellschaftliche Verrohung und Haftanstalten für Christen.

Wir wollen in diesem Buch untersuchen, was an der Sache dran ist.