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7 Darf man noch religiös sein? Vom richtigen Umgang mit dem Göttlichen in:

Burger Voss

Ausgeglaubt!, page 327 - 332

Warum Atheisten für die Gesellschaft wertvoll sind

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4218-2, ISBN online: 978-3-8288-7140-3, https://doi.org/10.5771/9783828871403-327

Tectum, Baden-Baden
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Darf man noch religiös sein? Vom richtigen Umgang mit dem Göttlichen „Ich wurde auch als Sünder geboren. Meine Sünde wird in der Bibel 25 Mal erwähnt. Ich habe versucht, mich zu ändern, doch es gelang mir nicht. Glücklicherweise hat die Gesellschaft gelernt, uns Linkshänder zu akzeptieren.“ Nicholas Ferroni Wir haben nun in den vorangegangenen Kapiteln erörtert, dass Religi‐ on den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zuwider läuft, dass die großen Religionen der Welt sich gegenseitig widersprechen, dass sie menschgemachte Versuche sind, sich die Welt zu erklären oder die Ge‐ sellschaft zusammenzuschweißen, dass sie elementare Aspekte der menschlichen Psyche bedienen, aber nur mit Denkfehlern und Fehl‐ schlüssen begründbar sind und dass die Religion einen erheblich schädlichen Einfluss auf das menschliche Miteinander haben kann. Allgemein scheint es kaum etwas zu geben, das seine Versprechen we‐ niger halten kann und mehr schädliche Nebenwirkungen hat. Religion, so scheint es, ist schlechte Medizin. Es scheint als müssten wir uns fra‐ gen: verdient eine solche Sache überhaupt, weiterhin zu existieren? Natürlich! Jeder hat ein Recht auf Bullshit in seinem Leben, aber niemand hat das Recht zu vergessen, dass es Bullshit ist. Ich als Le‐ bensmittelchemiker erwische mich auch immer wieder dabei, wie ich im Supermarkt eher braune als weiße Eier kaufen will, da sie dem im‐ pulsiven Genießer in mir irgendwie gehaltvoller erscheinen. Ich weiß, dass das Blödsinn ist, aber ich muss mich regelmäßig daran erinnern. Würde ich der Idee in meinem Kopf freien Lauf lassen oder mich je‐ den Sonntag mit Menschen treffen, die auch der Meinung sind, braune Eier wären weißen Eiern grundsätzlich überlegen und die Anhänger weißer Eier allesamt lernbedürftig, ja würde die gesamte Gesellschaft, in der ich lebe, nur diese eine Einschätzung kennen, dann könnte sich die Idee wohl tatsächlich so tief in mein Gehirn einnisten, dass ich ir‐ 7 327 gendwann vergessen würde, dass die Sache einst nur als Vermutung begann und sich nur mangels Gegenrede zu einer Überzeugung ge‐ mausert hat, die aber nie bewiesen wurde. Und wenn mir jetzt jemand Außenstehendes damit kommen würde, dass nur braune Eier jemals einen Fischgeruch entwickeln können*, dann würde ich das wahr‐ scheinlich ablehnen, bestenfalls als „interessante Idee“ abtun oder dem Verkünder dieser Nachricht einfach Schlechtigkeit unterstellen. Wäre ich gläubig genug, würde ich vielleicht gar von einem „Krieg gegen die braunen Eier sprechen“, so wie konservative Christen in den USA auch von einem „Krieg gegen Weihnachten“ sprechen, da man sich auf‐ grund der religiösen Vielfalt in den USA nicht mehr „Frohe Weih‐ nachten“, sondern „Frohe Feiertage“ wünschen soll. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will Religion nicht verbieten. Wie Ihnen wahrscheinlich aufgefallen ist, bin ich von den Religionen inhaltlich alles andere als überzeugt, ich halte sie für eher schädlich als nützlich, und ich könnte mir kaum etwas Schöneres vorstellen, als dass die Menschheit ihre Bemühungen auf diesem Gebiet wegen erwiesener Nutzlosigkeit und Schädlichkeit einstellt, sich friedlich zusammentut und dass wir alle gemeinsam das Universum erkunden – immerhin eine Aufgabe, die die Lebenserwartung einer ganzen Zivilisation über‐ steigen kann. Dennoch stehe ich jederzeit für Ihr persönliches Recht ein, religiös zu sein, schon allein weil alles andere eine umgekehrte Theokratie wäre, quasi eine Atheokratie, die auch niemand ernsthaft wollen kann. Ich bilde mir nicht ein, die Religion aus dem Lande werfen zu kön‐ nen, und ich will das auch gar nicht. Mein Ziel ist auch nicht, Gläubige von meinen Ansichten zu überzeugen, zumal die Erfolgsquote gering ist. Was man seit dem Kindesalter inhaliert hat, ist tief ins Gewebe ein‐ gezogen. Ich bin lediglich der Meinung, dass Sie zum Thema Religion mehr Argumente hören sollten als die, die von Berufsreligiösen mit ihrem beeindruckenden Netzwerk aus Funk und Fernsehen, Websites, eigenen Verlagen und 45.000 Kirchen verbreitet werden. Viel wäre schon erreicht, wenn diejenigen, die ihre Religion reali‐ tätsfern ernst nehmen, sich nicht mehr in einer Herde aus Schäfchen * Was nebenbei bemerkt nicht am Futter liegt, sondern an einem Gendefekt der Hen‐ nenart, die braune Eier legt. 7 Darf man noch religiös sein? Vom richtigen Umgang mit dem Göttlichen 328 verstecken könnten, die sich für Religion eigentlich nicht interessieren und nur Mitglieder der Kirchen bleiben, weil sich der Eindruck hart‐ näckig hält, Religion sei etwas grundsätzlich Gutes oder dazuzugehö‐ ren gehöre zum guten Ton, oder weil man sonst der einzige im Dorf wäre, der nicht in der Kirche ist. Jede religiöse Gemeinschaft besteht letzten Endes aus unheilbar Tiefgläubigen und solchen, für die Religion „im Grunde eine gute Sa‐ che“ ist, die nicht sonderlich aktiv sind, aber zu sehr an das Gute in al‐ len Gläubigen glauben, oder an den Glauben an sich glauben. Die un‐ heilbaren Frömmler benutzen dabei die moderaten als eine Art menschlichen Schutzschild, als eine Herde, in der sie sich verstecken können. Die Aufgabe des säkularen Aktivismus sollte es sein, den un‐ heilbar Religiösen den Schutzschild wegzunehmen und die Herde zu verkleinern, in der sie sich verstecken können. Wenn all die Karteilei‐ chen, die den Kirchen nur auf dem Papier angehören, sich damit aber inhaltlich überhaupt nicht identifizieren, einen Schlussstrich ziehen würden, dann bestünde der religiöse Korpus der Nation nur noch aus Frömmlern, Kreationisten, militanten Abtreibungsgegnern, selbster‐ nannten Schwulenheilern und Konservativen, für die die Beatles im‐ mer noch der Anfang vom Ende sind. Sie wären leichter zu erkennen, ihre Feindseligkeit und ihr Drang, in das Leben anderer einzugreifen, würden bloßgestellt, mit ihnen assoziiert zu werden wäre so unange‐ nehm wie sie selbst. Sie könnten das gesellschaftliche Ansehen von Reichsbürgern, UFO-Gläubigen oder Flat Earthern haben, und sie ver‐ dienen es auch. Solange die Idee, dass Religion grundsätzlich gut sei, sich in der Bevölkerung hält, wird hier aber wenig geschehen. Und deshalb habe ich für mich beschlossen, der Religion als Idee nicht nur passiv ableh‐ nend gegenüberzustehen – sie maßt sich viel zu oft an, in mein und Ihr Leben eingreifen zu dürfen. Deshalb habe ich beschlossen, nicht nur nicht zu glauben, sondern den Glauben, seine Irrungen, sein fehlendes Fundament in der Realität und seine ethische Rückständigkeit ohne Zögern anzusprechen, wann immer das Thema aufkommt. Organisationen, in denen man sich engagieren oder Standpunkte austauschen kann, gibt es genug. Es gibt die Richard Dawkins Stiftung Deutschland, es gibt den Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten, es gibt die Giordano Bruno Stiftung und die Partei der 7 Darf man noch religiös sein? Vom richtigen Umgang mit dem Göttlichen 329 Humanisten, die im Jahre 2014 gegründet wurde und mittlerweile Landesverbände in zehn Bundesländern hat. Sie alle verstehen sich als aktive Verteidiger des säkularen Staates, als Unterstützer der Men‐ schenrechte (die der Vatikan übrigens nie anerkannt hat) und als Ver‐ treter eines Weltbildes, das wissenschaftliche Erkenntnisse nicht igno‐ riert. Diese atheistischen Aktivisten sind überdurchschnittlich gebildet, lehnen Gewalt ab, haben keine extremistischen Splittergruppen wie ISIS oder die Piusbruderschaft und würden sich jederzeit dafür einset‐ zen, dass Sie glauben dürfen, was Sie wollen. Sie teilen Ihren Glauben nur nicht, und Sie geraten mit diesen Menschen erst in Konflikt, wenn Sie Ihren Glauben auf die gesamte Gesellschaft abwälzen wollen. Kon‐ flikt heißt hier, dass Sie sich auf eine Diskussion gefasst machen müs‐ sen. *** Aber warum sollte man den Menschen so etwas Schönes wie das Ge‐ fühl beim Beten wegnehmen wollen? Nun, das will ja auch keiner. Ich weiß nicht, wie es im Gehirn eines Menschen aussieht, der fest an die Erbsünde glaubt und im Rahmen einer Predigt einen Weinkrampf der Erlösung bekommt, weil er weiß, dass er errettet werden wird. Am ehesten stelle ich es mir vor wie bei Sarah Churman aus Burle‐ son, Texas. Sie kam ohne Gehör auf die Welt und wurde der Welt durch ein Video ihrer Mutter Sloan bekannt, als die Ärzte im Jahre 2011 zum ersten Mal das frisch installierte Cochleaimplantat einschal‐ teten und Sarah mit 29 Jahren die ersten Geräusche ihres Lebens hörte. Sie war so überwältigt, dass sie einen Weinkrampf der Erlösung bekam – das Video wurde auf YouTube bis 2018 etwa 27 Millionen Mal gese‐ hen. Ähnlich ergeht es Menschen mit leichter Farbenblindheit, die zum ersten Mal eine EnChroma-Brille aufsetzen. YouTube ist voll von Vide‐ os, in denen die Betroffenen zum ersten Mal Pink von Petrol unter‐ scheiden können, sie fragen „Ist das hier Lila?“, und viele von ihnen weinen vor Ergriffenheit, weil sie erst jetzt bemerken, wie schön die Welt ist und was ihnen so lange verwehrt geblieben war. Rentner wei‐ nen, Kindern weinen, ihre Eltern und Kinder weinen mit ihnen. Der Unterschied zwischen religiöser Ektase beim Beten und den beschriebenen Patienten besteht in einem eingeredeten, theologischen 7 Darf man noch religiös sein? Vom richtigen Umgang mit dem Göttlichen 330 Problem gegenüber einem echten medizinischen Problem, das mit Wissenschaft gelöst wurde. Denn Beten bewirkt hier höchstens den Endorphinrausch, den das tatsächliche Beheben eines medizinischen Problems ebenfalls auslöst, das aber die Lebensqualität tatsächlich ver‐ bessert. Wenn Sie von Kindheit an gelernt haben, an Gott zu glauben und zu beten, dann brauchen Sie diese Dinge auch. Wenn Sie es nie beige‐ bracht bekommen haben, werden Sie auch nichts vermissen. Nur wer religiös ist, kann sich vor einer Welt ohne Religion fürchten. Nie religi‐ ös gewesen zu sein gleicht der Vorstellung, ohne dritten Arm geboren zu sein. Sie können das sicher nachvollziehen. Und auch die Kunst würde nicht leiden. Der Grund, warum es so viel religiöse Architektur, Musik und Malerei gibt, ist der, dass die Kir‐ chen das Geld dafür hatten und das Wesen der Kunst daher bestim‐ men konnten. Religion ist keinesfalls erforderlich, um Schönheit zu produzieren. Falls Sie sich fragen, wie Beethovens Symphonie über die Evolution geklungen hätte: so wie seine Pastorale. Dürer kam weitest‐ gehend ohne religiöse Motive aus, und Goethe beurteilte den Stoff zwischen Faust und Mephisto eher nach seinem Unterhaltungswert. Gott, Mensch und Teufel waren ein spannendes Dreieck, ein Schau‐ spiel menschlicher Zerrissenheit zwischen Wunsch und Realität – son‐ derlich religiös war Goethe jedoch nicht, wie so viele unabhängig den‐ kende Geister der Geschichte. Wenn Kunst aus dem Menschen heraus will, dann findet sie einen Weg. 7 Darf man noch religiös sein? Vom richtigen Umgang mit dem Göttlichen 331

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Zusammenfassung

Atheisten verunsichern. Aus irgendeinem Grund glauben Menschen, religiös zu sein sei grundsätzlich gut, und wer dagegen ist, der müsse einfach etwas im ­Schilde führen. Mittlerweile sind ein Drittel der Deutschen konfessionslos ­– dennoch scheint es in der öffentlichen Wahrnehmung einen Unterschied zu geben zwischen religiös Uninteressierten und ausgewachsenen Atheisten. Bei religiös Uninteressierten sagt man bestenfalls „Soll doch jeder glauben, was er will“, bei Atheisten wittert man Angriffe auf das Gute im Menschen, gesellschaftliche Verrohung und Haftanstalten für Christen.

Wir wollen in diesem Buch untersuchen, was an der Sache dran ist.