Content

6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen in:

Burger Voss

Ausgeglaubt!, page 287 - 326

Warum Atheisten für die Gesellschaft wertvoll sind

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4218-2, ISBN online: 978-3-8288-7140-3, https://doi.org/10.5771/9783828871403-287

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen „Jemand sagte mir mal auf Twitter: ‚Jeder hat ein Recht auf seine Mei‐ nung, also behalte deinen Atheismus für dich!‘ Großartig.“ Ricky Gervais Ich weiß, dass mancher mit dem Inhalt dieses Buches seine liebe Not haben wird. Abgesehen von den hoffentlich durchweg rationalen Ar‐ gumenten, die ich in diesem Buch vorgebracht habe, stellt sich doch vielen die Frage, was so ein Angriff gegen die religiösen Gefühle der Mitmenschen eigentlich soll – zumeist vermutet man pure Angriffslust von Atheisten wie mir, denen es offensichtlich an Respekt vor religiö‐ sen Überzeugungen fehlt. Der Bedarf an aktiver Gegenwehr Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin nicht blind gegenüber religiö‐ sen Gefühlen. Ich bezweifele viel mehr die Harmlosigkeit dieser reli‐ giösen Gefühle. Wer sich auf seine religiösen Gefühle beruft, um Re‐ spekt oder wenigstens Schweigen von seinem Gegenüber zu erzwingen, dem ist nicht klar, dass ich nicht nur sein Weltbild, sondern auch die Glaubwürdigkeit seines Weltbildes nicht teile. Indem ich aus Angst, je‐ mandes Gefühle zu verletzen schweige, wenn Unrecht geschieht, ma‐ che ich mich mitschuldig. Das Ziel des säkularen Aktivismus soll es sein, den unverdienten Schutzpanzer abzubauen, der aus einer Angst zu missfallen oder zu beleidigen besteht und der die Religion als Idee umgibt. Es sollte nichts umsonst geben, nur weil sich jemand erhobe‐ nen Hauptes der Realität verweigert. Zumindest wendet man diesen Maßstab bei Impfgegnern, Reichsbürgern und rechten Verschwö‐ rungshypothetikern auch an, und ich sehe keinen Grund, warum wir vor der Religion halt machen sollten wie Alexander DeLarge in A 6 6.1 287 Clockwork Orange beim Anblick von Brüsten, nachdem man ihn ge‐ hirngewaschen hatte. Doch man tut es laufend, weil man dem religiösen Gefühl des an‐ deren einen zu hohen Wert zubilligt. Im November 2017 gingen Män‐ ner in Gelsenkirchen in mehrere REWE-Fillialen und verlangten, dass eine bestimmte Wodka-Marke aus den Regalen entfernt werde – das Logo der Firma erinnere an das arabische Wort für Allah, und das gin‐ ge auf einer Wodkaflasche nun wirklich nicht. Sollte man nicht gehor‐ chen, würde man zurückkehren und die Flaschen zerstören.91 Im Ja‐ nuar 2018 musste die Modekette H&M Kindersocken aus dem Sorti‐ ment nehmen, da eine gezeichnete Linie darauf an das arabische Wort für Allah erinnerte.92 Mussten sie? Nein. Sie haben sich diesem Unsinn freiwillig gebeugt, aus dem einzigen Grund, weil die Alternative darin bestand, sich mit Frömmlern anzulegen, was einem um sein Ansehen und seinen Umsatz bemühten Konzern schlecht zu Gesicht steht. Das Problem ist die einzigartige Fähigkeit der Religion, vom menschlichen Gehirn Besitz zu ergreifen und ihre Weiterverbreitung zu verlangen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass diese beiden Vorfälle bereits alles gewesen wären. Es wird immer weitergehen, und wenn man diesen Prozess gewähren lässt, dann findet man sich über kurz oder lang in einer von der Religion dominierten Welt wieder, wo‐ bei die Mehrheit der Bevölkerung dieses Gefühl nicht einmal teilen muss. Es genügt, wenn sie sich vom religiösen Eifer anderer beeindru‐ cken lassen oder glauben, dass sie die einzigen wären, denen etwas Un‐ angenehmes an der Religion aufgefallen ist. Und jedes Mal, wenn eine Modekette sich zu einer Presseerklärung genötigt fühlt, in der sie be‐ teuert, dass es sich um einen bedauerlichen Zufall gehandelt habe und verspricht, die anstößige Ware aus dem Sortiment zu nehmen, macht sie es nur schlimmer. Sie hat damit ihre Dominierbarkeit demonstriert, und das lädt dann zu weiteren Gängelungsversuchen ein. Je früher man die Grenze des Zumutbaren zieht, desto freier kann man leben. *** Der Großteil der nominellen Christen in Deutschland nimmt es mit der Religion nicht so genau. Man geht höchstens zu Weihnachten in die Kirche, man achtet nicht darauf, freitags Fisch zu essen, und man hat seine eigene Meinung über Sterbehilfe, Abtreibung oder Präim‐ 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 288 plantationsdiagnostik. Eigentlich steht man den Dogmen der Kirchen nicht sonderlich nahe. Dennoch nennt man sich Christ. So mancher ist nur eine Karteileiche, als Kind getauft, und als Arbeitnehmer hat man sich später irgendwann an die Kirchensteuer gewöhnt, denn da‐ mit geschieht ja viel Gutes im Lande.* Wir haben bei genauerer Betrachtung wenig Grund, uns an die Brust zu schlagen und mit dem Finger auf den Islam zu zeigen. Sicher ist das Ausmaß religiös motivierter Gewalt in Deutschland wesentlich geringer als etwa im Nahen Osten oder in Pakistan. Das Problem in Deutschland ist ein anderes. Wenngleich die beiden Großkirchen in Deutschland zusammen jedes Jahr etwa 300.000 Mitglieder durch Kirchenaustritte verlieren, bleibt ihr Einfluss auf die Regierung dennoch erhalten. Merkels Kabi‐ nett III war das erste seit vielen Jahren, das keinen einzigen Konfessi‐ onslosen enthielt, wie die Website Katholisch.de im Dezember 2013 zufrieden feststellte.93 Die evangelische Wochenzeitung „Unsere Kir‐ che“ meldete darüber hinaus im Juli 2016, dass es im Parlament pro‐ zentual gesehen viel mehr Katholiken und Protestanten gibt als im Be‐ völkerungsdurchschnitt. Das ist an sich nicht alarmierend, doch es riecht nach Methode. Wenn die Idee, Religion stünde grundsätzlich und ausschließlich für Gutes, sich in der Gesellschaft und den Köpfen der Entscheidungsträ‐ ger erst einmal festgesetzt hat, dann wird es eine Tendenz geben, reli‐ giöse Kandidaten bei der Auswahl zu bevorzugen. Die wiederum sind gegenüber den Interessen der organisierten Religionen instinktiv viel nachgiebiger als Religionskritiker und würden den Anliegen der Kir‐ chen auch nachgeben, wenn sie diese Überzeugungen selbst nicht tei‐ len. Die psychologische Macht der Religion auch über die nur gering‐ fügig Interessierten ist grundsätzlich stärker als die Macht von Organi‐ sationen, die irdische Dinge vertreten. Wenngleich man ihre Ansichten * Nein. Die Kirchen beteiligen sich mit ganzen zwei Prozent an den Kosten für kon‐ fessionelle Krankenhäuser oder Altersheime, den Rest der Rechnungen reichen sie an den Staat weiter. Stattdessen konzentriert man sich darauf, den Arbeitnehmern dieser Einrichtungen die Treue zu den eigenen Dogmen abzuringen, entlässt Chef‐ ärzte, die nach ihrer Scheidung wieder heiraten wollen, und stellt Konfessionslose gar nicht erst ein. Wer in diesem Sumpf tiefer wühlen möchte, dem seien die Bücher von Carsten Frerk empfohlen. 6.1 Der Bedarf an aktiver Gegenwehr 289 nicht unbedingt teilt, muss es sich doch um etwas Schützenswertes handeln, nur weil es religiös ist. Und so hat der Deutsche Bundestag am 12. Dezember 2012 ent‐ schieden, dass die Beschneidung von Jungen rechtmäßig sei, egal ob die das selber wollen oder nicht. Die Beschneidung als symbolische Nachahmung von Abrahams Menschenopfer, der heute bei dem öf‐ fentlichen Versuch, seinen Sohn auf Gottes Anweisung zu töten, inner‐ halb von Minuten verhaftet würde, wurde damit gesetzlich geschützt. Anscheinend traute man sich einfach nicht, dieses Fass aufzumachen und sich mit der Religion als Idee anzulegen. Norwegen, Polen, Däne‐ mark, die Niederlande, Island und Liechtenstein haben hingegen be‐ reits das Schächten verboten – hier siegte der Tierschutz über die Reli‐ gion. Und auch erst seit 1997, nachdem ausgerechnet die Christdemo‐ kraten 25 Jahre lang erfolgreich gemauert hatten, ist eine Vergewalti‐ gung in der Ehe auch juristisch eine Vergewaltigung. Zuvor war es bes‐ tenfalls Nötigung, und der Bundesgerichtshof hatte 1966 in einer Ent‐ scheidung zur sexuellen Vernachlässigung als Scheidungsgrund schon argumentiert: „Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt.“94 Der damalige CSU-Parteivorstand Alfred Sauter befürchtete 1988, eine Ehefrau könne, wenn die Vergewaltigung in der Ehe als solche aner‐ kannt würde, eine Vergewaltigung jederzeit behaupten, um das Recht zur Abtreibung zu erhalten.95 Womit er auch offenbart, dass eine Nachwuchsentscheidung in seiner Filterblase anscheinend ebenfalls nicht der Zustimmung der Frau bedürfe. Geprägt durch ein christliches Familien-, Ehe- und Frauenbild können Menschen tatsächlich solchen Blödsinn reden und über Jahr‐ zehnte nicht merken, wie abscheulich es eigentlich ist. Als wenn das nicht schon schlimm genug wäre, können sie dann mit Eifer wichtige und lange überfällige Entscheidungen blockieren, da die Überzeugun‐ gen einer Religion zu ihren eigenen wurden. Wie der Leiter des katho‐ lischen Kommissariats der deutschen Bischöfe in Berlin, Prälat Dr. Karl Jüsten einmal sagte: "Unser Erfolg beeindruckt manchmal auch die Bankenlobby oder die Atomlobby."96 Ein weiteres Problem mit Religiösen, besonders wenn sie politi‐ sche Entscheidungsträger sind, liegt darin, dass sie im Gegensatz zum 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 290 konfessionslosen Drittel des Volkes oftmals blind zu sein scheinen ge‐ genüber den Gefahren der Religion. Besonders mit dem Islam, der ge‐ rade vom Wahhabismus innerlich zerfressen wird, sind sie überfordert. Ja, ist die Religion denn überhaupt ein Problem? Jein. Religionen sind immer nur das, was Menschen daraus machen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bedenklich wird es, wenn der gesamten Gesell‐ schaft religiös motivierte Entscheidungen wie zur Sterbehilfe oder zur Beschneidung aufgedrückt werden. Das war in Zeiten von geringer globaler Migration recht einfach: entweder das Christentum hatte das Sagen, oder ein weltlicher Herrscher hatte das Sagen (oftmals arbeite‐ ten sie aber Hand in Hand zusammen, da sie beide im Menschen-Kon‐ trollieren-Geschäft waren). Heutzutage ist das aber nicht mehr so ein‐ fach. Stellen Sie sich vor, Sie stehen im Supermarkt mit Ihren Einkäufen an der Kasse, und es entsteht der folgende Dialog: Kassiererin: Tut mir leid, ich bin katholisch, ich kann Ihnen diese Kondome nicht verkaufen, denn das ist gegen meine Überzeugungen. Kunde: Kennen Sie denn jemanden, der sie mir ver‐ kaufen würde? Kassiererin: Nun, Fatima an Kasse 3 ist da ganz offen, aber als Muslima kann sie Ihnen den Wodka nicht verkaufen, ohne eine Sünde zu begehen, und das wollen Sie ihr sicherlich nicht abverlangen. Kunde: Und kennen Sie jemanden, der mir beides ver‐ kaufen würde? Kassiererin: Ja, Raphael an Kasse 8. Der ist aber Mormone, also passt das Coffein in Ihrer Cola da auch nicht. Aufputschmittel sind bei ihm verboten. Kunde: Noch jemand im Angebot? Kassiererin: Erika an Kasse 6. Die ist aber Zeugin Jehovas und gerät in einen Gewissenskonflikt, wenn sie Ihnen die Geburtstagskarte hier verkaufen soll. Kunde: Mann, das wird ja immer kniffliger. Ich glaube, ich lasse es einfach. Ich geh nur noch schnell rüber zum Zeitungsstand. Kassiererin: Gerne, aber falls Sie sich mit dem Gedanken tragen, dort das neue Buch von Ayaan Hisli Ali zu kaufen… 6.1 Der Bedarf an aktiver Gegenwehr 291 Kunde: Jaaa? Kassiererin: Athena-Solveig ist Marxistin. In ihren Augen ist Frau Ali eine islamophobe Hasspredigerin, also werden Sie sich auf eine längere Diskussi‐ on einstellen müssen. Wir haben aber auch Un‐ term Schleier die Freiheit von Khola Maryam Hübsch. Kunde: Ich gehe wohl lieber nach Hause und mache gar nichts mehr. Kassiererin: Natürlich. Und herzlichen Dank für Ihren Re‐ spekt gegenüber unseren Überzeugungen! Natürlich sind die Gelegenheiten, bei denen man mit einem Kassierer wegen seiner Einkäufe in Konflikt gerät, äußerst selten. Ersetzen wir jedoch in diesem fiktiven Dialog den Supermarkt durch den Staat, wird es schwierig. In einer pluralistischen Gesellschaft kann der Staat die Aufgabe, allen Religionen besonderen Schutz zu gewähren, nicht mehr gewährleisten, und das ist auch nie seine Aufgabe gewesen. Seine Aufgabe liegt laut Grundgesetz darin, die freie Religionsausübung zu gewährleisten, mehr nicht. Er soll den Religionen nicht zu gesellschaft‐ licher Macht verhelfen, er soll genau das verhindern. Er kann gar nichts anderes wollen, wenn verschiedene Religionen verschiedene Ansichten haben, die einander direkt widersprechen wie das Weintrin‐ ken in der Eucharistie und das völlige Alkoholverbot im Islam. Sie halten das für übertrieben? Hätten Sie, wenn Sie todkrank sind, gerne das Recht selbst zu entscheiden, wann, wie und in welchem Zu‐ stand Ihr Leben endet? Verstehen Sie es nicht falsch, es geht nicht darum, Todkranke zu töten, weil sie weg müssten. Es geht nicht um Euthanasie, sondern um Ihr Recht, über Ihr Ende selbst zu entschei‐ den, und genau das hat der Bundestag Ihnen im November 2015 ver‐ wehrt. Wie die Deutsche Bischofskonferenz dazu anmerkte (und ich will meinerseits in kursiv auch ein wenig dazu anmerken): „Aus Sorge um den Menschen setzen sich Christen dafür ein, dass das Le‐ ben eines jeden Menschen – gerade auch in der Nähe des Todes – zu je‐ dem Zeitpunkt geschützt wird [also auch vor dem Besitzer jenes Lebens]. Sie glauben daran, dass wir alles, was ist, Gott verdanken [das sollte aber nicht für alle gelten]. Gott hat den Menschen als sein Abbild geschaffen und ihm eine unantastbare Würde verliehen [eine reine Hypothese]. Diese Würde gründet nicht in seiner Leistung oder in dem Nutzen, den er für 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 292 andere hat [das ist richtig, war aber nicht die Frage]. Die Würde des Men‐ schen folgt daraus, dass Gott ihn bejaht [was bedeutet es in der Praxis, „von Gott bejaht“ zu werden?]. Aus dem Wissen um Gottes Zuwendung und Liebe heraus darf und kann der Mensch auch im Leiden und im Ster‐ ben sein Leben bejahen und seinen Tod aus Gottes Hand annehmen [darf und kann, schön, aber Ihr redet davon, es zu müssen]. Aus der Überzeu‐ gung, dass das menschliche Leben von Gott geschenkt ist, folgt auch die Überzeugung, dass der Mensch keine volle Verfügungsgewalt über sein Leben haben kann [dieses Recht sollten Christen für sich selbst durchaus ausüben dürfen]. Christen müssen bekennen: In Würde stirbt, wer aner‐ kennt, dass sein Leben als solches unverfügbar ist [sagen Sie das einem Todkranken auch ins Gesicht?]. Es hat einen Wert in sich, auch wenn der Körper keine Leistung erbringt oder nicht voll funktionsfähig ist. Die Ent‐ scheidung gegen das eigene Leben, auch wenn es durch Schmerzen und Leid geprägt ist, widerspricht fundamental dem Wesen des Menschen [das aber haben Sie nicht für andere zu entscheiden, auch wenn Sie das Recht haben, Ihr Leben zuende zu leiden].“97 Leben schützen, das klingt sehr gut, geht aber zu weit, wenn der Besit‐ zer dieses Lebens andere Pläne hat und hier aus religiösen Gründen entmündigt wird, die er nicht teilt und die ihn nicht interessieren. Selbst wenn der Todkranke ein Christ ist und hier eine Ausnahme ha‐ ben möchte, wird sie ihm verwehrt. Die Argumentation ist, dass eben nicht der Mensch der Besitzer dieses Lebens sei, sondern Gott, und der soll entscheiden. Das aber ist Ansichtssache, und es ist einfach jäm‐ merlich, so etwas als Begründung für eine ethische Entscheidung in einem säkularen Staat anzuführen. Es wird gefälligst zu Ende gelitten, so wie der letztendlich durch den Bundestag umgesetzte Entwurf der „Deutschen Stiftung Patientenschutz“ des katholischen Malteserordens es vorsah. Wer als Fachkraft todkranken Menschen dabei hilft, sicher und schmerzlos und vor allem auf eigenen Wunsch aus dem Leben zu scheiden, gilt seitdem in Deutschland als Mörder. Das hat nichts mit dem Schutz des Lebens zu tun, sondern vielmehr mit der Einhaltung von religiöser Doktrin, die in einem säkularen Staat nichts zu suchen hat und eher an Agnes, den Todesengel von Kalkutta erinnert – man kann ihr einiges vorwerfen, aber sicher nicht mangelnde Linientreue. 6.1 Der Bedarf an aktiver Gegenwehr 293 Säkularismus ist keine Einbahnstraße – sein größter Feind wird nie aufgeben Mit den Islamapologeten sehe ich primär zwei Probleme: zum einen können sie, wie Khola Maryam Hübsch, schneller Blödsinn reden, als man ihnen die Realität hinterherwerfen kann. Dieses Prinzip ist be‐ kannt als Brandolinis Gesetz: der Aufwand, um Blödsinn zu widerle‐ gen, ist eine Größenordnung größer, als ihn zu produzieren. Zum an‐ deren machen Leute wie Pierre Vogel oder Ibrahim Abou-Nagie es be‐ ruflich, leben also offiziell von Hartz IV, lassen sich größere Ausgaben (zum Beispiel wenn man eine Million Koranexemplare in deutschen Fußgängerzonen verschenkt) von Gönnern aus den Golfstaaten finan‐ zieren und haben viel Zeit, ihre kruden Ideen unters Volk zu bringen*. Wer steht dem entgegen? Kaum jemand. Sie werden zwar vom Verfas‐ sungsschutz beobachtet, aber das kostet viel und bringt wenig. Was wir brauchen sind Bürger, die bei jeder sich bietenden Gele‐ genheit den Bullshit-Buzzer drücken und die Salafisten argumentativ in die Schranken verweisen. Das macht sogar richtig Spaß. Es ist sicher nicht nett, Dummen ihre Dummheit ins Gesicht zu reiben, aber es gibt nun mal eine unverzeihliche Art von Dummheit. Jene, die frisch ge‐ paart mit dem Stolz der Ahnungslosigkeit, der Arroganz der nur Gott ergebenen Demut und mit dem Air des Befreiers losmarschiert und Gehirne zu vergiften sucht. Wenn man sie schon nicht des Landes ver‐ weisen kann, darf man sie wenigstens lächerlich machen. Wir brau‐ chen eine wehrhafte Einstellung gegenüber religiösen Überzeugungen, die selten Substanz, aber immer viel Rhetorik zu bieten hatten und de‐ ren natürliches Streben nach Macht im Zaum gehalten werden muss. Denn wenn sich auf der einen Seite kaum jemand für die Trennung von Staat und Religion interessiert, auf der anderen Seite aber eine Re‐ ligion gelebt wird, die keine Trennung von Staat und Religion kennt und felsenfest davon überzeugt ist, dass alle Menschen glücklich wer‐ den, sobald sie diese Religion annehmen, sieht es langfristig düster aus. 6.2 * Ibrahim Abou Nagie sitzt, während ich dieses schreibe, wegen Sozialbetrugs im Kittchen – unter anderem, weil er als Hartz-IV-Empfänger auf YouTube seine schwarze American Express Karte in die Kamera gehalten hat, „mit der man auch einen Lamborghini kaufen kann“. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 294 Doch auch das Christentum ist kein grundsätzlicher Hort der Idee, Staat und Kirche getrennt zu halten. Selbst in den USA, deren Staats‐ entwurf noch säkularer ist als Deutschlands, gibt es immer wieder Menschen wie die Staatsangestellte Kim Davis, die sich im Jahre 2015 weigerte, homosexuelle Paare zu trauen, weil es ihrem Glauben wider‐ sprach. Sie musste in Beugehaft genommen werden und inszenierte sich nach ihrer Freilassung als Unterdrückte, die ihren Glauben nicht hatte ausleben dürfen. Jedoch, Mrs Davis, Ihr Recht, Ihre Faust zu schwingen, endet vor der Nase anderer. Wenn Sie sich durch Ihren Glauben berechtigt fühlen, anderen ihre Rechte vorzuenthalten, dann haben Sie das Wesen des säkularen Staates einfach nicht verstanden. Der folgende Text zur Natur des säkularen Staates und einer ge‐ sunden Haltung gegenüber religiösen Empfindlichkeiten entstammt einem Vortrag, den ich im Sommer 2016 anlässlich der Lesereihe „Lie‐ be für Alle“ in Hamburg halten durfte. Der alberne Hut Wenn Sie im Leben etwas durchsetzen wollen, dann gibt es einen ein‐ fachen Trick dafür: setzen Sie sich einen albernen Hut auf, verlangen Sie von Ihren Mitmenschen todernst Respekt vor dem Hut und sagen Sie ihnen dann, was Sie haben möchten, und dass man es Ihnen und Ihrem Hut schuldet. Es gäbe einfach keine Alternative, denn jeder an‐ dere mögliche Ausgang der Sache würde Sie in der ungestörten Aus‐ übung der Pflichten beschneiden, die der alberne Hut Ihnen nun mal auferlegt hat. Wichtig dabei: nicht Sie fordern es, sondern der Hut ver‐ langt von Ihnen, dass Sie es von anderen fordern. So beinahe geschehen in Frankreich im November 2015. Der ira‐ nische Präsident Rohani war zu Besuch in Paris, um nach der Aufhe‐ bung des Nuklearstreit-Embargos gegen sein Land einige wirtschaftli‐ che Gelegenheiten zu sondieren. Zum Abschlussbankett sollte Wein serviert werden, wogegen Rohani protestierte. Wohlgemerkt, niemand hatte von ihm erwartet, Wein zu trinken. Er war grundsätzlich dage‐ gen, dass in seiner Gegenwart Wein getrunken würde. Da er tatsäch‐ lich versucht hatte, Franzosen vom Weintrinken abzuhalten, wurde schließlich das ganze Essen abgesagt, nachdem ihm die vorgeschlagene Alternative, ein gemeinsames Frühstück, „zu billig“ erschienen war. 6.2 Säkularismus ist keine Einbahnstraße – sein größter Feind wird nie aufgeben 295 Wer hat nun Recht? Die Franzosen, weil sie seine Bitte um Nach‐ sicht stur ablehnten, oder Rohani, der Respekt vor seiner Religion ein‐ forderte? Was ist wichtiger, die Interessen der Mehrheit oder der Min‐ derheit? Das war eine Fangfrage. Es gab hier überhaupt keinen Konflikt. Niemand wurde gezwungen, entgegen seinen Überzeugungen Wein zu trinken. Seinen religiösen Befindlichkeiten war bereits durch die Tat‐ sache entsprochen worden, dass er kein Schweinefleisch serviert be‐ kam. Das wäre ein Affront gewesen, den die Franzosen bereits vermie‐ den hatten. Stattdessen versuchte Rohani, der Mehrheit das Weintrinken zu verbieten, weil sein alberner Hut den Gedanken nicht erträgt. Stellen wir uns vor, die Franzosen hätten nachgegeben, und das Essen wäre nach Rohanis Willen verlaufen. Fünfundsiebzig maulige Franzosen es‐ sen ohne Wein zu Abend, an der Stirnseite des Tisches ein Mann mit weißem Bart und einem albernen Hut, der das Geschehen gütig ab‐ nickt; hat er doch schließlich den Willen Hutes durchgesetzt. Bis ihm auffällt, dass die Kellnerinnen nicht verschleiert sind oder der servierte Fisch zusammen mit Froschschenkeln im Kühlschrank gelegen haben könnte. Tiere ohne Ohren wie Frösche, Schnecken oder Muscheln sind haram, also verboten, genau wie Blutwurst, Aal oder der rote Lebens‐ mittelfarbstoff Echtes Karmin (E120), da er aus Schildläusen herge‐ stellt wird. Wann wäre religiöser Eifer jemals mit einer Situation zufrieden ge‐ wesen? Die Steigerung der Ansprüche liegt in der Natur der Sache, es gleicht der Dosissteigerung bei einer Sucht, aus dem einfachen Grund, dass Religionen sich selbst nie als ein einfaches Angebot sehen, son‐ dern als dringende Notwendigkeit, was seinerseits eine ganz einfache Erklärung hat. Glauben im religiösen Sinne heißt nicht „vermuten“, sondern „für sich persönlich zur Wahrheit erklären“. Hierin liegen die Wurzeln religiöser Selbstüberschätzung und Kompromisslosigkeit und damit der Drang, in die Geschicke des Staates eingreifen zu wollen. Was man auch unternimmt, sie werden immer wieder versuchen, auf den Staat einzuwirken. Eine Zeit der achselzuckenden Koexistenz hat es nicht gegeben, seit monotheistische Religionen existieren. Religio‐ nen sind wie Terrier - entweder Du kontrollierst sie oder sie kontrollie‐ ren Dich, es gibt keine dritte Option. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 296 Jedoch, die Franzosen waren immun gegen die Zauberkräfte des Hutes. Frankreich, einst ein finsterer Hort des Katholizismus und der schonungslosen Verbarbecueung Andersdenkender, ist heute eines der säkularsten Länder in Europa und achtet sehr darauf, dass das auch so bleibt. Es hat auch überhaupt nichts mit Unhöflichkeit seitens der Franzosen zu tun, wenn sie sich weigern, das Abendessen nach den Regeln einer Religion stattfinden zu lassen, der sie nicht angehören. Vielmehr war es unhöflich von Rohani, anderen seine religiösen Werte aufzwingen zu wollen. Die Franzosen haben nicht versucht, Rohani ihren Willen aufzuzwingen, sie verweigerten seinem albernen Hut die Unterwerfung. Das ist etwas ganz anderes. Behaltet das im Kopf, es ist wichtig. Der grundlegende Unterschied zwischen Rohani und den Franzo‐ sen ist nämlich der: er hat einen albernen Hut auf, die Franzosen nicht. Für den Träger eines albernen Hutes ist der Fall damit klar: wer einen albernen Hut trägt, der darf etwas. Wer keinen albernen Hut trägt, hat einfach „keine eigenen Interessen“ und muss daher zwangsläufig mit jeder Entscheidung eines Hutträgers zufrieden sein. Wenn aber jemand keinen albernen Hut trägt, dann liegt das nicht daran, dass er noch nicht den passenden albernen Hut gefunden hätte oder nicht wüsste, wozu der Hut gut ist. Er weiß es. Er will gar keinen Hut, und er ist dagegen, das Land den Hutträgern auszuliefern, nur weil sie das als ihr Recht oder eher: ihre Pflicht gegenüber dem Hut empfinden. Man selbst will das ja gar nicht, es geht nur darum, was der Hut will. Der moderne europäische Staat ist nicht hutfeindlich, im Gegenteil. Er tritt ein für eine Vielfalt der Hüte. Er weist den Hüten aber einen bestimmten Platz in der Gesellschaft zu und verwehrt ihnen mit Ab‐ sicht die Hoheit über andere Hüte. Das geschieht nicht aus Mangel an Hutverständnis, sondern aus dem fundierten Studium der Historie des Huttragens. In jeder Hutträgergemeinde gibt es Mitglieder, die den Anblick anderer Hüte einfach nicht ertragen und sich nichts sehnli‐ cher wünschen, als dass diese Irrenden ihre falschen Hüte ablegen und sich umgehend den richtigen Hut aufsetzen. Und dann gibt es noch Leute wie mich, komplett ohne Hut. Leute, die herumlaufen und Hutträger dazu einladen, mal ein wenig Luft an die Kalotte zu lassen. Das ist zu viel. Was für eine Frechheit! 6.2 Säkularismus ist keine Einbahnstraße – sein größter Feind wird nie aufgeben 297 Es ist nicht nur richtig gewesen, Rohani das Recht an der Auswahl an Erfrischungsgetränken zu verweigern. Es war wichtig, ihm klarzu‐ machen, dass Frankreich immun ist gegen die Zauberkräfte seines al‐ bernen Hutes. Hier hat kein Hut mehr Rechte als ein anderer. Zwei Monate später hat Italien demselben Rohani zu Ehren Statu‐ en mit Brettern vernagelt. In vorauseilendem Gehorsam verschwanden bei seinem Besuch in Rom im Januar 2016 historische Statuen hinter Bretterwänden. Man konnte ihm den Anblick einer Marmortitte anscheinend nicht zumu‐ ten. Darüber hinaus wurde beim gemeinsamen Abendessen selbstver‐ ständlich kein Wein serviert, schon gar kein französischer. Das liegt daran, dass die Italiener unterm Strich mehr Hüte tragen als die Fran‐ zosen und daher für die Befindlichkeiten von Hutträgern allgemein empfänglicher sind. Nun kann man einwenden, dass es immerhin um milliarden‐ schwere Aufträge ging, die sonst hätten platzen können. Ein berechtig‐ ter Einwand, durchaus. Andererseits waren Rohani und sein alberner Hut auf Europatournee, um dringend benötigte Wirtschaftsgüter zu besorgen, denn das Nuklearstreit-Embargo hatte Ersatzteile und Neu‐ anschaffungen im Iran zehn Jahre lang ziemlich rar gemacht. Als ich im Jahre 2010 auf Dienstreise im Iran war, wurde mir von allen Seiten abgeraten, die Reise von Teheran nach Isfahan per Flug‐ zeug anzutreten, da der iranischen Luftflotte aufgrund akuten Ersatz‐ teilmangels schon länger nicht mehr zu trauen sei. Stattdessen fuhren wir im Dunkeln mit einer schrottreifen Karre über einen schlecht bis gar nicht gepflegten Highway und wurden unterwegs noch von einem Nukleartransporter überholt, gefolgt von einem Reisebus, der auf sei‐ ner Heckscheibe das Wort „God“ trug. Und eine Handynummer. Eine schmale Alternative zu funktionierender Technologie, sicher, aber im Gegensatz zu handfesten Ersatzteilen jederzeit aus dem Hut zu zau‐ bern. Man fragt sich, ob Rohani die wirtschaftlichen und technologi‐ schen Bedürfnisse eines Siebzig-Millionen-Volkes einfach so hätte schleifen lassen, nur weil er bei der Verrichtung seiner Dienstreise an einigen halbnackten Skulpturen vorbeigekommen wäre und jemand in seiner bloßen Gegenwart Wein getrunken hätte. Dabei hatte es den Fall in Paris doch bereits gegeben; es wurde lediglich das Abendessen 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 298 abgesagt, und weitere Konsequenzen gab es nicht. Handelsgespräche mussten nicht darunter leiden, dafür waren sie beiden Parteien zu wichtig. Hier sehe ich noch ein weiteres Problem: man tut dem Hutträger keinen Gefallen, wenn man seinem Leiden sekundiert. War es doch gerade die vielzitierte Pluralität der Kulturen, an der er sich stieß, und die er nicht erleben mochte. Ein Rohani hat uns über kulturelle Vielfalt überhaupt nichts zu erzählen. Schließlich will er sie doch vernichten, wo er ihr begegnet. Das hat zu tun mit der Gewissheit, ein privilegier‐ tes Verhältnis zum Schöpfer des Universums zu haben, und ist selten geeignet, das pluralistische Zusammenleben friedlich zu gestalten. Denn sind die Hutträger erst einmal unter sich, so findet früher oder später jener interreligiöse Meinungsaustausch statt, der dem Nahen Osten seit jeher seine unvergleichliche Dynamik verleiht. *** Atheisten sind wichtig für die Gesellschaft. Wir sind die Nanny auf dem Spielplatz der Religionen, wir sind das Wasser auf ihren Wald‐ brand, wir sind die Regelstäbe in ihrem Reaktor und die Zange an ihrem Zünder. Religion wird nicht aussterben, aber ihre Kontrolle über die Gesellschaft muss begrenzt werden. Kulturkampf! Wundern Sie sich über die Erfolge der AfD? Das sollten Sie nicht. Wenn die Politik versucht, den Menschen ihre gefühlten oder realen Sorgen auszureden, wenn sie jeden beim kleinsten Mucks als kleinbür‐ gerlich, islamophob oder gar rassistisch abstempelt, entfremdet sie sich vom Bürger, und der wird sich dann am Wahltag rächen. Wenn dann nur diejenigen Parteien übrigbleiben, die von der herrschenden Politik von vornherein als unbrauchbar abgetan werden, dann werden genau diese Leute gewählt. Dann rückt die AfD in den Bundestag ein, und ihre Wähler freuen sich, dass die verkrustete Politik jetzt einmal so richtig „aufgemischt“ wird. Wenn das alles ist, was manche Wähler sich von einer Wahl noch erwarten, dann haben wir offensichtlich noch ein ganz anderes Problem im Lande, und die Schuldigen daran 6.3 6.3 Kulturkampf! 299 müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, ein Volk herangezüchtet zu haben, das im Rausch des Ressentiments johlend die Karre sausen lässt wie in den USA unter Trump. Fürst Otto von Bismarck hatte sich hier im 19. Jahrhundert schon wesentlich schlauer angestellt: indem er die Forderungen der Sozialis‐ ten teilweise übernahm und Versicherungen gegen Unfälle, Krankheit, Invalidität und Altersarmut einführte, sorgte er für Flaute in ihren Se‐ geln und verhinderte die weitere innenpolitische Eskalation – hätte Bismarck diesen Ausfallschritt nicht getan, sondern hätte nur stumpf draufgehauen, wäre Deutschland vielleicht das erste kommunistische Land auf Erden geworden.* In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten sich viele euro‐ päische Staaten in Richtung des Säkularismus bewegt, der Vorstellung also, dass der Staat nicht der Erfüllungsgehilfe der Kirchen sei, son‐ dern eine eigene Entität, und zwar die mit der höchsten Bedeutung für das Leben seiner Schutzbefohlenen. Im Gegenzug entwickelte sich in‐ nerhalb des Katholizismus eine Bewegung namens Ultramontanismus, was „hinter den Bergen“, also den Alpen bedeutete und damit den Va‐ tikan meinte. In den Augen der Ultramontanisten sollte er in jedem Land eine größere Macht haben als irgendein weltlicher Herrscher. Bismarck, der fleischgewordene preußische Staat, trat dem entge‐ gen, indem er eine Reihe von Gesetzen erließ, die die Macht der Kir‐ chen über die Bevölkerung eindämmen sollten. Im Jahre 1871 erließ er den Kanzelparagraphen, demzufolge Geistliche, die von der Kanzel aus politisch agierten, in Haft genommen werden konnten. 1872 verbot er dem Jesuitenorden, in Deutschland Niederlassungen einzurichten, da er ihn als die Speerspitze der Ultramontanisten identifizierte. Ab 1872 hatte in Preußen der Staat die alleinige Aufsicht über die Schulen und nicht mehr die Kirchen. Der Böttchergeselle Eduard Kullmann verübte wegen dieses Kul‐ turkampfes am 13. Juli 1874 ein Attentat auf Bismarck, bei dem der Kanzler aber nur eine leichte Schusswunde an der Hand erlitt. Hätte er * Oder auch nicht – Deutschland war zu jener Zeit immer noch ein mehrheitlich kon‐ servatives Land, und die Lethargie seiner Einwohner ist sprichwörtlich. Gesell‐ schaftliche Normen zu durchbrechen ist für Deutsche nun mal wie durch Honig zu schwimmen. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 300 Bismarck getötet, wie es sein Plan war, wäre er wohl als katholischer Terrorist in die Geschichte eingegangen. Da die Kirchen sich aufgrund ihrer überhöhten Selbstwahrneh‐ mung natürlich nicht durchweg an Bismarcks Anordnungen hielten, erließ er im April 1875 in Preußen das Brotkorbgesetz. Geistlichen, die sich nicht an die Regeln hielten, wurden die staatlichen Zuschüsse ge‐ strichen. Sie erhielten sie erst wieder, wenn sie schriftlich zusagten, sich an die Gesetze zu halten. Im Jahre 1875 schließlich gelang Bismarck der Wurf mit der größ‐ ten Reichweite: Bismarck führte in Deutschland die Zivilehe ein. Bis‐ her war es Sache der Kirchen gewesen, Menschen zu verheiraten. Mit der Einführung der Zivilehe machte Bismarck klar, dass nur der preu‐ ßische Staat das Recht habe, Menschen juristisch verbindlich zu trauen, und dass die Kirchen das aber auch gerne tun könnten, wenn auch nur im Nachhinein und juristisch folgenlos. Noch heute müssen Sie zuerst zum Standesamt und können erst danach genüsslich das Kirchenschiff abschreiten. Als der Kulturkampf im Jahre 1878 abgeschlossen war, hatte der Staat 1.800 Geistliche inhaftiert, die gegen die erlassenen Gesetze ver‐ stoßen hatten, darunter Matthias Eberhard, den Bischof von Trier, und Mieczysław Halka Ledóchowski, den Bischof von Posen, der sich be‐ harrlich geweigert hatte, den Kanzelparagraphen einzuhalten – er galt unter Erzkatholiken lange Zeit als Märtyrer. Die zwölf Bistümer Preu‐ ßens wurden nur noch von drei Bischöfen geleitet. Und nun versuchen wir uns vorzustellen, was ein moderner Politi‐ ker bräuchte, um die Trennung von Staat und Kirche in ähnlichem Maße zu forcieren. Wer hätte vergleichbares Format? Angela Merkel? Horst Seehofer, Martin Schulz, Andrea Nahles, Katrin Görin-Eckardt? Sie alle sehen das derzeitige Problem nicht einmal – selbst Nahles und Göring-Eckardt sind erzkatholisch beziehungsweise fromm evange‐ lisch. Wer von diesen Herrschaften hätte den Mut, den Kirchen ihre Zuschüsse zu kürzen, wenn sie nicht aufhören, gegen Abtreibung oder Sterbehilfe Stimmung zu machen, also in die Politik einzugreifen? Wer würde ihnen die Krankenhäuser, Altenheime und Kitas wegnehmen, die der Staat eh schon zu 98 Prozent selbst finanziert, damit dieses selbstherrliche Bad in fremdfinanzierter Nächstenliebe aufhört, mit dem die Kirchen sich als Wohltäter zeigen, während sie geschiedene 6.3 Kulturkampf! 301 Chefärzte entlassen, die sich neu verlieben und wieder heiraten wol‐ len?98 Oder einen Kirchenmusiker wegen des gleichen „Vergehens“?99 Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte musste das deutsche Bundesarbeitsgericht für diese Entscheidung zurechtweisen. Die Kir‐ chen dürfen so etwas tun, denn sie haben ein eigenes Arbeitsrecht, das Dogmentreue verlangen darf und damit dem sonstigen deutschen Ar‐ beitsrecht direkt wiederspricht. Am ehesten sehe ich noch bei Sarah Wagenknecht eine Chance, die Sache überhaupt in die Hand nehmen zu wollen. Zu beachten ist hierbei, dass auch Bismarck ein halbwegs religiöser Mensch war. Lange Zeit war er eher Deist gewesen, glaubte also vage an einen Schöpfer, konnte sich aber nicht zu den christlichen Dogmen durchringen. Der jungen Frau Marie von Thadden-Trieglaff zuliebe (und auch im Sinne einer politischen Netzwerkbildung) verkehrte Bis‐ marck einige Jahre in pietistischen Kreisen Pommerns, konnte sich aber trotz einiger Bekehrungsversuche nicht dazu überwinden, sich Christ zu nennen. Als Marie im Jahre 1846 im Alter von 24 Jahren un‐ erwartet an einer Gehirnentzündung starb, konnte Bismarck nach lan‐ ger Zeit zum ersten Mal wieder beten. Das war 25 Jahre, bevor er den Kulturkampf begann. Denn Bismarck war kein Mann, der sich nach den Tod einer ge‐ liebten Person mit Schwung in die Theokratie gestürzt hätte. Er konnte klar unterscheiden zwischen der Möglichkeit, dass es einen Schöpfer gibt, der geringeren Möglichkeit, dass es der christliche Gott sei, und den weltlichen Ansprüchen der Gottesvertreter auf Erden, die wohl die größte Skepsis verdienen. Wer die Kreidezeichnung Bismarcks von Franz Krüger aus dem Jahre 1826 betrachtet, die den späteren Kanzler im Alter von elf Jahren zeigt, erkennt auf Anhieb eine Persönlichkeit voller Selbstachtung, Skepsis und Übersättigung mit den dummen Ide‐ en anderer Menschen. Radikalisierung – die konstante Gefahr Die Flüchtlingskrise von 2015 hat ein paar Besonderheiten. Zum einen schürt sie besonders bei den Abgehängten, hauptsächlich in den neuen Bundesländern, Ängste und Ressentiments. Zum anderen ist das ge‐ 6.4 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 302 nau das, was die Salafisten und Dschihadisten wollten. Ursprünglich hatten sie davon geträumt, dass Millionen Muslime vor den Toren Eu‐ ropas zusammengeschossen würden, und sie waren von der Massen‐ flucht doppelt enttäuscht: einerseits, dass wir nicht so kriegerisch sind wie sie, und andererseits, dass Millionen Muslime vor jenem islami‐ schen Paradies auf Erden, dem Kalifat, flohen. Doch damit gaben sie sich natürlich nicht geschlagen. Um diese merkwürdige Art zu denken zu verstehen, müssen wir kurz ein Jahrzehnt zurückgehen. Die Stadt Zarqa nördlich von Am‐ man in Jordanien ist ein kleines Industriezentrum mit Freihandelszone, das ich im Rahmen meiner früheren Tätigkeit etwa zehnmal besucht habe. Hier wurde im Jahre 1966 einer der erfolgreichsten Terroristen aller Zeiten geboren: Abu Musab az-Zarqawi (der Nachname deutet bereit auf seinen Geburtsort hin). Zarqawi war der Gründer von Al- Qaida im Irak, obwohl er bin Laden erst die Treue schwor, als er mit ihm auf Augenhöhe war und die USA für beide ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar ausgesetzt hatten. Zarqawi ist auch der Erfinder des Enthauptungsvideos, in dem man Kriegsgefangene in orangefarbenen Overalls in der Wüste niederknien lässt und das Messer anlegt. Sein erstes Opfer dieser Art war der Amerikaner Nicholas Berg im Mai 2004. Zarqawis Strategie für den Irak war die folgende. Man müsste nur genug Selbstmordattentate gegen die schiitische Mehrheit (ca. 60 Pro‐ zent der irakischen Bevölkerung) begehen. Die Schiiten würden sich dafür an der sunnitischen Minderheit (ca. 30 Prozent) rächen, und das würde einen internationalen Strom von sunnitischen Dschihadisten in den Irak locken, die sich Zarqawis Truppe anschließen würden. Damit könnten dann die Schiiten wieder in die Unterwerfung gebombt wer‐ den wie zu Saddam Husseins Zeiten, als die sunnitische Minderheit die schiitische Mehrheit politisch entmündigte und unterdrückte. Am En‐ de könne man dann das Kalifat errichten, was bin Laden übrigens nur als in der Ferne liegendes Ziel, quasi als Utopie vorgehabt hatte. Auch der Kampf gegen die Schiiten schmeckte ihm nicht, da es ja auch ir‐ gendwie Muslime seien, wenn auch fehlgeleitete. Zarqawi hatte die 6.4 Radikalisierung – die konstante Gefahr 303 Idee des „Kalifats hier und jetzt“ in die Welt gesetzt, an dessen Voll‐ endung dann der Islamische Staat weiterarbeitete.* Das war der ganze Plan. Terror, um Terror zu provozieren, der mehr Terror legitimiert, denn Allah belohnt den Kampf genauso wie den Sieg. Süchtig nach Konfrontation, beseelt von dem Gedanken, den entscheidenden Kampf gegen die Ungläubigen zu führen. Seine Nach‐ folger vom Islamischen Staat sehnen sich ebenfalls danach. Ihr Maga‐ zin Dabiq war nach einem kleinen Ort in Syrien benannt, in dessen Nähe gemäß einer Prophezeiung die entscheidende Schlacht gegen die „Römer“ geführt werden soll, womit die Christen gemeint sind, und damit der Westen per se. Ohne die Schlacht bei Dabiq kann das Jüngs‐ te Gericht nicht stattfinden, und das wollen sie ja alle, denn nichts ist für einen überzeugten Monotheisten schöner als die Zerstörung der Welt, aus deren Trümmern er noch mit ascheverschmiertem Gesicht ins Paradies abberufen wird.** Das ist der Grund, warum der Islamische Staat sich zu Beginn der Flüchtlingskrise die Hände rieb. Man mischte auch Gotteskrieger unter die Flüchtlinge, um die muslimfeindliche Stimmung in Europa weiter aufzuheizen. Kleinere Anschläge wie der Axtangriff im Zug bei Würz‐ burg, der Sprengstoffanschlag auf ein Musikfestival in Ansbach, bei dem nur der Attentäter getötet wurde, oder der LKW-Angriff auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016 hatten nicht den Terror selbst zum Ziel. Das Ziel ist eine Konfrontation mit uns, den Kuffar, deren Gegen‐ reaktion dann eine Radikalisierung bei einem Teil der 16 Millionen Muslime in Europa bewirken sollte. Wie viele Anschläge braucht es da‐ für? Fünfzig? Hundert? Tausend? Bedenken wir, was ein einziger Idiot anrichten kann, wenn er nur überzeugt genug ist, das Richtige zu tun. Und was bedeutet es für das Zusammenleben in Deutschland und Eu‐ ropa in der Zukunft? * Der Islamische Staat und Al-Qaida im Irak sind die gleiche Organisation, sie wurde im Jahre 2014 nur umbenannt, nachdem bin Ladens Nachfolger az-Zawahiri die Gruppe wegen mangelnder Linientreue exkommuniziert hatte. ** Da der Islamische Staat im Oktober 2016 die Kontrolle über die Stadt Dabiq an die türkische Armee verloren hat, wurde das Magazin kurzerhand in Rumiyah umbe‐ nannt, was das arabische Wort für Rom ist und weniger nach Scheitern, sondern wieder nach einem Fernziel klingt. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 304 Sie sehen, wie fragil die Lage ist. Viele der muslimischen Flüchtlin‐ ge sind belogen worden. Die Schlepperbanden hatten ihnen gesagt, sie würden ein eigenes Haus bekommen, alles wäre nur noch himmlisch, man würde bedient werden wie eine Herrenrasse, die örtlichen Frauen kann man jederzeit haben. Sie sollen fügsam sein wie die ideale Musli‐ ma, nur ohne eine Ehre, die man verletzen könnte. In Zeiten von Face‐ book und Twitter verbreiten sich solche Fake News sehr schnell, und umso schneller, je mehr man sie glauben möchte. Es würde über kurz oder lang Frustration bei den Flüchtlingen geben, auch nach Jahren noch. Eine so große Zahl von Flüchtlingen auf einmal zu integrieren, ihnen eine Zukunft zu bieten und ihnen erst einmal das Wesen des europäischen säkularen Staates beizubringen ist eine Aufgabe, die kaum zu bewältigen ist. Interessanterweise hatte Merkel selbst das Multikulti-Projekt im Oktober 2010 noch für gescheitert erklärt100, be‐ vor sie sich angesichts der wachsenden Flüchtlingsmassen 2015 flach auf den Boden legte. Sie hatte anscheinend gedacht, sie könne auch dieses Problem einfach wegmerkeln, und musste es ab dann als Ge‐ winn verkaufen. Seitdem glänzt sie mit Aussagen wie „Ist mir egal, ob ich schuld am Zustrom der Flüchtlinge bin, nun sind sie halt da…“, „Strafdelikte sind bei uns nicht erlaubt“ und „Wir können nur zusam‐ menleben, wenn wir uns gemeinsam an unsere Gesetze halten“.101 Wenngleich man Frau Merkel bei aller scheinbaren Hilflosigkeit noch zugestehen kann, dass sie den Fehler erkannt haben mag, so sieht es bei anderen Politikern geradezu unheimlich aus. Katrin Göring- Eckardt sprach im November 2015 davon, dass man jetzt „Menschen geschenkt“ bekäme. Für den Ideologen sind Menschen in erster Linie nun mal ein Mittel zum Ausleben der ideologischen Träume. Auf dem Parteitag der Grünen im Jahre 2015 frohlockte sie noch im selben Mo‐ nat: „Unser Land wird sich ändern, und zwar drastisch. Und ich freue mich drauf!“102 Im August 2016 hingegen klang sie schon ganz anders. Angesprochen auf den Fall eines muslimischen Vaters, der der Lehrerin seines Sohnes nicht die Hand geben wollte, sagte sie der Rheinischen Post: „Wir müssen für unsere Werte und unsere Kultur, für vieles, was wir ei‐ gentlich für selbstverständlich halten, wieder viel mehr einstehen und kämpfen. Vor allem für Frauenrechte müssen wir heute wieder offensiv in 6.4 Radikalisierung – die konstante Gefahr 305 die Auseinandersetzung gehen. Eine Soße der Harmonie über alles zu kippen, das hilft uns in der Integrationspolitik nicht weiter.103“ Ernüchterung? Nicht doch. Als ehemaliger Präses der Evangelischen Kirche Deutschlands und Präsidiumsmitglied des Deutschen Evangeli‐ schen Kirchentags weiß sie, dass Religion grundsätzlich eine gute Sa‐ che ist und den Menschen gar nicht unethisch, feindselig und rück‐ ständig machen kann. Was haben wir langfristig zu erwarten? Wenn wir nichts tun und lernen, mit dem Terror zu leben, werden die Dschihadisten der Welt so lange die Terrorschraube anziehen, bis wir etwas tun. Wenn wir etwas tun, werden sie die Terrorschraube anziehen, bis wir tot sind oder den Islam annehmen. Wie vielerorts (und auch schon von der mittlerweile immerhin volljährigen Malala Yusufzai höchstpersönlich) gewarnt wird, werden sich, sobald wir irgendwelche Gegenmaßnahmen ergrei‐ fen, mehr und mehr Muslime radikalisieren, weil der Islam nämlich grundsätzlich eine Religion des Friedens ist und mit Terror überhaupt nichts zu tun hat. Als Mittel gegen den Terror empfiehlt sie Bildung, so als wären Osama bin Laden, Aiman az-Zawahiri, Abu Bakhr al-Bagh‐ dadi und der Großteil der 9/11-Attentäter allesamt Analphabeten statt Hochschulabsolventen gewesen. Manche sehen nun mal den Wald vor lauter Bäumen nicht. Eine dritte Option gäbe es noch: wir helfen der islamischen Welt, ihre theokratischen Probleme zu überwinden. Das ist definitiv die schwierigere Aufgabe, und es wird Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauern, aber es sorgt dafür, dass wir nicht auf ewig im psychologischen Aus‐ nahmezustand werden leben müssen. Wir würden uns geehrt fühlen, die islamisch geprägte Welt in den Kreis der Kulturen aufzunehmen, die darin mitarbeiten, das Leben der Menschen kontinuierlich zu ver‐ bessern und gemeinsam nach den Sternen zu greifen. Bisher allerdings besteht sie hauptsächlich aus erzreligiösen Drittewelt-Ländern und aus durch Ölvorkommen reichen Theokratien, die sich für Wissenschaft, Kunst und Philosophie nur so weit interessieren, wie diese Dinge der Religion zu höherem Ansehen verhelfen können. *** Im Falle eines Wechsels vom Nahen Osten nach Europa kommt es, wie Millionen Menschen es in den letzten Jahren durchgemacht haben, zu‐ 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 306 weilen zu einem ganz anderen Phänomen. Zuerst der Kulturschock. Frauen trinken Bier, Schwule dürfen sich in der Öffentlichkeit küssen, überall Schweinefleisch. Und niemand wird sofort vom Blitz erschla‐ gen! Denkt man als religiös Indoktrinierter länger darüber nach, so gibt es letzten Endes nur zwei mögliche Erklärungen dafür: entweder wurde man sein Leben lang belogen, teilweise auch von Leuten, die es selbst nicht besser wussten; dann kann man sich, wenn auch zaghaft und schrittweise, davon lösen. Es ist das, was im Film Matrix die rote Pille ist: unangenehme Erkenntnis, aber die Wahrheit. Oder aber man nimmt die blaue Pille: Gottes Strafe kommt erst später, wird dann aber umso größer ausfallen. Die Hölle wartet auf all die Ungläubigen. Und plötzlich fällt einem wieder ein: dieses Leben ist doch nur eine Prüfung Allahs! Hier entscheidet sich, ob der Mensch sich des Paradieses als würdig erweist! All die biertrinkenden Frauen, die sich küssenden Schwulen und die Currywurstfans haben jetzt schon versagt, und ihr Lebensstil ist eine Prüfung Allahs für mich! So paradox es klingt: ab einem gewissen Grad an Gläubigkeit bewirkt die Konfrontation mit einer wenig religiösen Gesellschaft tatsächlich nicht, dass die religiösen Ansichten relativiert werden, sondern schlichtweg mehr Religion im Individuum. Denn hier bewirkt die kognitive Dissonanz, sich in den eigenen Glauben hineinzusteigern - die Flucht in die Phantasiewelt hilft, die ei‐ gene Misere zu ertragen. Dass die Trennung von Staat und Religion das moderne Leben im Westen mit all seinen Annehmlichkeiten er‐ möglicht und die mangelnde Trennung von Staat und Religion im Na‐ hen Osten die geringe Lebensqualität verursacht, blendet man einfach aus. In Europa wird fern von Gott gelebt, und das kann ja nur schlecht sein. Alles, was man für eine unheilvolle Entwicklung hin zum Extre‐ misten braucht, sind laut Maajid Nawaz vier Dinge: 1. Groll. Unzufriedenheit mit dem Westen und seinen Taten, seinem Wegschauen in Bosnien, wegen Osttimor, wegen Irak. Ist man Muslim genug, wird man immer etwas finden, wofür man den ge‐ neralverdächtigen Westen anklagen kann. Hier ist auch oftmals die politische Linke behilflich, die den religiös motivierten Hass auf den Westen zuweilen mit lobenswertem Antikapitalismus ver‐ wechselt. 6.4 Radikalisierung – die konstante Gefahr 307 2. Eine persönliche Identitätskrise. Eine Migration vom Nahen Os‐ ten nach Europa liefert hier genug Gründe. Wenn man nicht das Bildungsniveau hat, um Anspruchsvolleres zu tun als Lahmacun aufzurollen oder Pakete auszuliefern und man darüber hinaus glaubt, man sei in Europa ausschließlich von Rassisten umgeben, dann wird man sie auch überall sehen. Und sei es nur, weil die Schwester am Schwimmunterricht teilnehmen soll. Das Nichtbe‐ folgen islamischer Regeln durch Europäer und ihre Weigerung, is‐ lamisch motivierten Forderungen nachzugeben, kann nur eine Er‐ klärung haben: Hass auf den Islam und Muslime. Und eine Min‐ derheit, die sich gehasst fühlt, muss einfach die Aufmerksamkeit der politischen Linken erhalten. 3. Ein charismatischer Rekruteur, der den Orientierungslosen in den Punkten 1 und 2 bestätigt. Auch davon gibt es in Deutschland ge‐ nug. Pierre Vogel, Sven Lau, Ibrahim Abou Nagie, Abu Walaa, Ab‐ dul Adhim Kamouss, Ahmad Abul Baraa, der davon abrät, das Handy mit auf die Toilette zu nehmen und Sami Abu-Yusuf, der den Frauen der Kölner Silvesternacht durch Parfüm und „halb‐ nacktes Herumlaufen“ die Schuld an den Vorfällen gab, werden von reichen Golfstaaten finanziert, um eine wortgetreue Ausle‐ gung des Koran zu predigen. Sie sind hier und tun ihr lächerliches, aber geglaubtes und daher gefährliches Werk, denn sie verbreiten 4. die Ideologie, die man noch benötigt, um gänzlich in die Radikali‐ tät abzugleiten, um das eigene Leben nicht mehr zu schätzen, um das Gute zu verbreiten und vor dem Bösen zu warnen und gleich‐ zeitig die Eintrittskarte ins Paradies zu erhalten. Der Koran liefert dafür genauso viel Stoff wie das Alte Testament, allerdings be‐ hauptet er von sich, Silbe für Silbe das letzte Wort des Schöpfers an die Menschheit zu sein, und daher ist die wortgetreue Ausle‐ gung des Korans im Islam viel naheliegender und die Bindung des Individuums an die Schrift viel stärker, als man beim Alten Testa‐ ment argumentieren kann. Ist es daher verwunderlich, dass die Zahl an Salafisten in Deutschland konstant zunimmt? Waren es im Jahre 2011 noch 3.800 Personen, wa‐ ren es 2018 bereits 11.000. In einem Artikel von 2017 beschreibt der Verfassungsschutz die Koranexemplare der LIES!-Kampagne bereits in der 21. Auflage.104 Abou Nagies erklärtes Ziel ist es, 25 Millionen Ko‐ 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 308 ranexemplare in Deutschland zu verteilen – eines für jeden Haushalt. Man kann ihre Vereine verbieten, aber deswegen rasieren sie sich noch lange nicht. Als sein Verein Die Wahre Religion im Jahre 2016 verboten wurde und man bei dieser Gelegenheit 22.000 Koranexemplare beschlag‐ nahmte, stellte sich umgehend die Frage, wie mit den Druckwerken zu verfahren sei. Würde man sie schreddern oder verbrennen, gäbe es wohl ähnliche Proteste in der muslimischen Gemeinschaft (nicht nur von den Salafisten!) wie im Jahre 2012, als auf einer amerikanischen Militärbasis in Afghanistan einige Koranexemplare verbrannt wurden, mit denen inhaftierte Taliban geheime Botschaften ausgetauscht hat‐ ten. Die unvermeidlichen Wutausbrüche des Volkes führten zu 41 To‐ ten und 270 Verletzten – unter anderem erschoss ein afghanischer Sol‐ dat (eigentlich ein Verbündeter!) zwei US-Soldaten.105 Das Wahr‐ scheinlichste für die beschlagnahmten Koranexemplare (die mit stark salafistischer Tendenz ins Deutsche übersetzt wurden) ist tatsächlich eine Bestattung in der Wüste. Es soll aber auch Islamwissenschaftler geben, die eine Vernichtung von Koranübersetzungen grundsätzlich erlauben, da sie das Original eh nie erreichen und daher nicht als Ko‐ rane gelten.106 In seiner Autobiografie Mein Abschied vom Himmel beschreibt Ha‐ med Abdel-Samad eindringlich, wie er als frommer Muslim nach Deutschland kam, für die Einwohner und ihren Lebensstil mit der Zeit immer mehr Verachtung entwickelte und dann eines Tages beschloss, es sei nun genug. Klarheit musste her! Hin- und hergerissen zwischen den Dogmen, die er gelernt hatte, und den Erfahrungen in einer nicht‐ muslimischen Gesellschaft nahm er den Koran und stellte sich dabei vor, dies sei nicht das Buch Gottes, perfekt und seine letzte Botschaft an die Menschheit, sondern ein von Menschen geschriebenes Buch, das naturgemäß auch Fehler enthalten kann. Plötzlich ergab vieles mehr Sinn als vorher, und das änderte seine Einstellung erheblich. Es ist erstaunlich, wie sehr man 35 Jahre lang den Wald vor lauter Bäu‐ men nicht sehen kann, da Prägung und kognitive Dissonanz einen da‐ von abhielten, die Sache zu durchschauen. Hamed hatte jedoch die ro‐ te Pille genommen, war in das Reich des Zweifels und der Suche nach Wahrheit eingetreten und fühlte sich bereichert. Denn im Reich des Zweifels gibt es zwar weniger Gewissheit, dafür aber mehr Freiheit. 6.4 Radikalisierung – die konstante Gefahr 309 Dann kam der 11. September 2001. Innerhalb kurzer Zeit wurde er vom Bundeskriminalamt eingeladen, einmal vorstellig zu werden, damit man sich besser kennenlerne. Es stellte sich heraus, dass seine Biographie denen der meisten Attentäter des 11. September stark äh‐ nelte. Hamed kooperierte und gibt auch in seinem Buch ohne Weiteres zu, dass er durchaus zu den Attentätern hätte gehören können, wenn er nicht die rote Pille genommen hätte. Nun ist er einer der schärfsten Islamkritiker Europas. So leicht kann man geistig abbiegen. Wohin, hängt von der Mühe ab, die man sich zu machen bereit ist. Dass er von konservativen Muslimen angegriffen wird, sollte nicht überraschen. Dass Teile der politischen Linken ihn genauso attackieren, obwohl es bereits eine Fatwa aus der Al-Azhar-Universität in Kairo gegen ihn gibt, ist geradezu jämmerlich. Ich habe ihn anlässlich eines Vortrages einmal live erleben dürfen. Wir, die Hamburger Regionalgruppe der Giordano Bruno Stiftung, hatten als Organisatoren der Veranstaltung zunächst eine Zusage der Technischen Universität Hamburg-Harburg erhalten, die Vorlesung in ihrem Audimax durchzuführen. Wir hatten die TUHH als symboli‐ schen Ort für sehr geeignet gehalten, da immerhin einige der berüch‐ tigtsten Terroristen des bisherigen Jahrtausends dort studiert hatten, zum Beispiel Mohammed Atta (und auch Theodor Nöldeke wurde in Harburg geboren).* Kurz nach ihrer Zusage sagten die Entscheidungs‐ träger der TUHH uns und Hamed dann doch noch ab, da sie um „die Sicherheit des Campus“ fürchteten. Also suchten wir eine Alternative und fanden sie in der Freien Akademie der Künste, die uns dankens‐ werterweise ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellte. Hamed kam erst kurz vor der eigentlichen Veranstaltung, begleitet von vier BKA-Beamten. Er verschwand in seinem Zimmer, um mög‐ lichst wenig gesehen zu werden, und als der Vortrag begann, saß er al‐ leine vor dem Mikrophon, die Beamten jeweils zu zweit links und rechts der Bühne. Sie ließen die Augen nicht von Saal. Ich saß seitlich von der Bühne mit meiner Kamera und zeichnete auf.107 Als mir nach etwa einer Stunde der Hintern wehtat, stand ich kurz auf, um wieder * Ich wohnte zu Attas aktiver Zeit auch in der Nähe des TUHH-Campus, zwei Geh‐ minuten von seiner konspirativen Wohnung entfernt. Als ich nach den Anschlägen sein Foto im Fernsehen sah, erinnerte ich mich, ihm oft morgens auf der Straße be‐ gegnet zu sein. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 310 etwas Blut in die vernachlässigten Zonen zu lassen. Die beiden Beam‐ ten in meiner Nähe standen sofort auf und waren darauf bedacht, ein Blickduell mit mir jederzeit zu gewinnen. Ich starrte die Beamten an, sie starrten mich an, Hamed starrte die Beamten an, der Saal starrte mich und die Beamten an. Hamed entschärfte die Situation, indem er dem Saal versicherte, alles sei in Ordnung, man könne wieder zu ihm schauen. Er nahm es mit Humor, was mir eingedenk seiner Lebenssi‐ tuation schon Respekt einflößt. Aber wenn einige Millionen Menschen einen tot sehen wollen, kann man wahrscheinlich eh nur noch lachen. *** Der Gedanke, dass Mohammed als Vorbild für alle Muslime dient, kristallisiert sich in der Sunna, übersetzt Handlungsweise. Hier wird deutlich, dass es sich keinesfalls um die überspannte Auslegung einer radikalen Minderheit handelt, sondern im Islam ein Mainstream-Ge‐ danke ist. Wir können allen friedfertigen Muslimen der Welt an dieser Stelle dafür danken, die Sache mit den minderjährigen Ehefrauen und den enthaupteten Islamkritikern nicht so ernst zu nehmen, aber ei‐ gentlich verhalten sie sich damit nicht islamisch korrekt. Es herrscht damit ein konstanter Druck auf die Muslime der Welt, der nur von Aufpeitschern rausgeholt werden muss, um eine Radikalisierung zu bewirken oder die friedfertigen Muslime aus dem Islam zu vertreiben. Das aber wäre eine ganz andere Kategorie von Fehlverhalten, denn niemand hat im Islam so schlechte Karten wie der, der aussteigen will. Ich bewundere jeden, der den Mut dazu hat, es tatsächlich zu tun, denn es bedeutet in frommeren Zirkeln und in Theokratien ein Todes‐ urteil, in gemäßigteren Kreisen aber mindestens das gesellschaftliche Aus. Da will einer nicht dazugehören oder hält sich für besonders. Wer aus der italoamerikanischen Mafia aussteigt und mit der Polizei redet, wird wiseguy genannt, Schlaumeier. Der Mensch ist überall der gleiche. Hier wird durch das Abwerten des Aussteigers kognitive Dissonanz vermieden, sonst nichts. Es ist jedoch bedauerlich, wie gut das in der Praxis funktioniert. Nun darf man aber nicht denken, dass alle Saudis oder alle Ägyp‐ ter religiöse Fanatiker wären. Die menschliche Natur war und ist, zur Verzweiflung aller Despoten, niemals so homogen wie schlicht mö‐ blierte Denker es sich wünschen. Gedankliche Vielfalt wird es immer 6.4 Radikalisierung – die konstante Gefahr 311 geben. Es ist wie in jedem totalitären System: die Zweifler lernen zu schweigen, aber sie bleiben oftmals Zweifler, denn es liegt in ihrer Na‐ tur. Gerade in Zeiten der weltweiten Instantkommunikation, in der über Twitter oder Facebook ein Gedanke innerhalb von Sekunden um den ganzen Erdball transportiert werden kann, müssen die Despoten die Schrauben anziehen, wenn sie die Kontrolle behalten wollen. Sie müssen die Zweifler daran hindern zu bemerken, dass sie nicht allein sind, denn sonst könnten sie sich Gehör verschaffen. Und das ge‐ schieht bereits.* Ich halte es seitens der Islamapologeten in der westlichen Welt für bemerkenswert realitätsblind, wenn man einerseits leugnet, dass die Lehren des Islam irgendetwas mit dem globalen Dschihad zu tun ha‐ ben sollten, und gleichzeitig nicht bemerkt, dass man mit den Extre‐ misten im Chor schreit, wenn man Exmuslime wie Hamed Abdel-Sa‐ mad, Ayyan Hisli Ali oder Mina Ahadi niederbuht, weil sie trotz ihrer eigenen Abstammung komischerweise Rassisten sein könnten. Merke: dass du erfolgreich integriert wurdest, erkennst du daran, dass dein Migrationshintergrund nicht mehr vor Rassismusvorwürfen schützt. Farkhunda – das Aufwischen Der geborene Muslim Abdul Rahman aus Afghanistan konvertierte im Jahre 1990 zum Christentum, nachdem er begonnen hatte, für eine christliche Hilfsorganisation zu arbeiten. Er wanderte nach Europa aus, bekam jedoch weder in Deutschland noch in Belgien Asyl und wurde im Jahre 2002 wieder nach Afghanistan abgeschoben. Im Jahre 2006 zeigten seine eigenen Eltern ihn bei der Polizei an, nachdem sie ihn ei‐ nige Jahre lang zähneknirschend gedeckt hatten. Die Polizei fand eine Bibel bei ihm, und so wurde er der Apostasie angeklagt. Der vorsitzen‐ de Richter Ansarullah Mawlafizada wurde mit den Worten zitiert: „Der Prophet Mohammed sagte mehrfach, dass diejenigen, die den Islam verlassen, getötet werden sollen, sofern sie sich weigern zurückzukehren. Der Islam ist eine Religion des Friedens, der Toleranz, der Güte und der 6.5 * Im September 2016 traf ich bei irgendeiner Gelegenheit Mina Ahadi vom Zentralrat der Exmuslime. Sie schätzt, dass 10-15 Prozent der Flüchtlinge aus dem Nahen Os‐ ten in Wirklichkeit Atheisten sind, die vor dem Islam fliehen. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 312 Rechtschaffenheit. Daher haben wir ihm gesagt, dass wir ihm vergeben werden, wenn er bereut, was er getan hat.“108 Kann man es sich noch widersprüchlicher vorstellen? Fast möchte man glauben, dass der Richter gar nicht weiß, was Frieden, Toleranz, Güte und Rechtschaffenheit eigentlich sind. Er kennt diese Begriffe nur aus islamischer Sicht. Ich wünschte, man könne nur dem Individu‐ um dafür Vorwürfe machen. Doch leider betrifft es einen ganzen Kul‐ turkreis. Da Abdul Rahman sich weigerte, zum Islam zurückzukehren, wur‐ de allen Ernstes eine medizinisch-psychologische Untersuchung ange‐ ordnet, denn wer im Angesicht der Todesstrafe nicht zum Islam zu‐ rückkehrt, der muss verrückt sein. Doch eigentlich zeigte er damit doch genau die Standhaftigkeit, die gewöhnlich von Muslimen ver‐ langt wird – die ultimative Prüfung des Glaubens im Angesicht des To‐ des. Tut man es jedoch im Namen einer anderen Religion, hat man an‐ scheinend nicht mehr alle Tassen im Schrank. Aufgrund von juristischen Formfehlern (und wahrscheinlich auch auf internationalen Druck hin) wurde Abdul Rahman im März 2006 schließlich freigelassen. Er lebt heute in italienischem Asyl. Am 29. April 2017 erstach der afghanische Flüchtling Hamidullah Moradi vor einem Lidl-Markt in Prien am Chiemsee die ebenfalls aus Afghanistan stammende Farimah Seadie vor den Augen ihrer Kinder mit 16 Messerstichen.109 Als Grund gab er an, dass sie zum Christen‐ tum konvertiert war. Was wie religiöser Extremismus klingt, war in Wirklichkeit gar keiner. Es war Linientreue zum sunnitischen Islam. Hamidullah Moradi wurde am 9. Februar 2018 vom Landgericht Traunstein wegen des Mordes an Farimah Seadie zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach deutschem und europäischem Gesetz hat er eine schwere Straftat begangen – nach islamischem Recht hat er eine schwere Straftat gesühnt. In seiner Welt ist Gott stolz auf ihn, in unse‐ rer Welt ist er ein Lynchmörder. Ist es tatsächlich nur eine Marotte des Westens, Menschenleben höher zu schätzen als die Einhaltung von religiösen Dogmen? Liegen wir wirklich so falsch damit, wenn jeder ein Recht darauf haben soll, sich frei zu entfalten und an religiösen Inhalten teilzunehmen oder nicht? Sind wir anmaßend, wenn wir allen Menschen dieses Recht wünschen? Wem genau sind wir ein Dorn im Auge, wenn wir den 6.5 Farkhunda – das Aufwischen 313 Menschen das Recht absprechen, selbst Urteile über andere zu fällen und sie zur Einhaltung von Regeln zwingen, die nicht ihre sind? Genau das ist das Problem. Wenn wir den wütenden Mob von Ka‐ bul bestraft sehen wollen, der die nicht minder religiöse Farkhunda in religiöser Hysterie tötete, dann fällen wir doch auch ein Urteil über Leute, die mit unseren ethischen Vorstellungen nichts zu tun haben wollen. Wo genau liegt der Unterschied, sofern es einen gibt? Was ge‐ nau macht unserer Forderung nach Menschenrechten wertvoller als die Scharia, die ja auch nur mit dem Selbstverständnis verbreitet wird, den Menschen langfristig Gutes zu tun? Kommen wir zunächst zu den Regeln selbst. Religion ist, wie man so gerne behauptet, eine freie Entscheidung des Individuums. Wenn das so ist, dann kann man unmöglich Menschen lynchen, die andere Wertvorstellungen haben. Es würde aber das Taufen und Beschneiden von Säuglingen ebenfalls als unfairen Trick entlarven, als Rekrutierung wider Willen oder, wie man in Hamburg sagt, als Schanghaien.* Indem man einem Säugling die Vorhaut abtrennt, schafft man Tatsachen, die zum Einknicken einladen. Doch auch hier stellt sich wieder die Frage, wann genau das euro‐ päische Individuum eigentlich zugestimmt haben soll, in einem westli‐ chen Staatsgebilde zu leben und sich an dessen Regeln zu halten. Kön‐ nen Sie sich erinnern, wann Sie zugestimmt haben, mit 16 Jahren einen Personalausweis zu erhalten, Lohnsteuer zu zahlen, krankenver‐ sichert zu sein, in die Bundeswehr eingezogen zu werden oder Zivil‐ dienst zu leisten? Das haben Sie nie, das hat man Ihnen abgenommen. Warum also sollte man sich daran halten? Hat man Sie gezwungen, oder ist Ihnen der Gedanke nie gekommen, dass Sie sich auch hätten dagegen entscheiden können? Schwierige Frage, nicht wahr? Die Antwort, die ich dazu habe, ist folgende. Ein moderner, säkularer Staat erlaubt sich diese Dinge, und er tut das in der Verpflichtung, sich um Ihr Wohlergehen zu küm‐ mern.** Sie haben Rechte und Pflichten, und das einzige Ziel dieser Re‐ geln besteht darin, das friedliche Zusammenleben großer Menschen‐ * Jemanden betrunken machen und als Seemann verpflichten, so dass er erst an Bord eines Schiffes auf dem Weg nach Schanghai wieder zu sich kommt. ** Ich sollte vielleicht noch darauf hinweisen, dass ich vom deutschen Staat rede, nicht von seiner jeweiligen Regierung. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 314 mengen zu ermöglichen. Ein halbes Dutzend Gestrandeter auf einer einsamen Insel kann miteinander reden, eine Nation von Millionen muss Vertreter schicken. Wir sind zu viele, als dass jeder noch einzeln befragt werden könnte. Warum sollte es den Staat interessieren, ob Ihr Haus brennt? Den‐ noch schickt er die Feuerwehr, die er mit Grundsätzen, Ausbildung, Ausrüstung, Fuhrpark und ständiger Bereitschaft organisiert. Der Diebstahl Ihres Autos könnte ihm egal sein, doch die Polizei nimmt Ihre Anzeige auf und sucht nach Ihrem Wagen. Es könnte dem Staat egal sein, ob Sie Arbeit haben, doch er unterstützt Sie, wenn Sie ar‐ beitslos werden. Er muss nicht eingreifen, wenn Sie blutend auf der Straße liegen, doch er hat für solche Fälle Rettungsdienste organisiert, die jeden Unfallort in Deutschland in 17 Minuten erreichen können. Der Staat tut diese Dinge, weil Menschen beschlossen haben, dass es seine Pflicht sei. Der moderne europäische Staat, der vom wesentlich älteren amerikanischen Staat inspiriert wurde, ist von Menschen für Menschen. Er basiert auf der Allgemeinen Erklärung der Menschen‐ rechte von 1948 – ihr stimmten 48 Mitgliedsstaaten zu, und acht Staa‐ ten enthielten sich. Es handelte sich dabei um Staaten des Kommunis‐ mus, Südafrika und Saudi-Arabien. Wenngleich die Mehrzahl der Menschen, die diese Erklärung ausarbeiteten und unterzeichneten, Christen gewesen sein dürften, so hat der Vatikan selbst sie jedoch nie anerkannt. Der Durchschnittschrist hat nun mal höhere Ansprüche an das gepflegte Zusammenleben als die offiziellen Vertreter seines Glau‐ bens. Eine Eigenschaft aber hebt den modernen Staat besonders hervor: die Trennung von Staat und Religion. Der moderne Staat muss Religi‐ on in die Schranken verweisen, denn beide wollen letzten Endes nichts anderes als die Herrschaft über das Land, und beide, der Staat und die Religion, sehen sich selbst als alternativlos. Der Unterschied liegt in ihren ethischen Ansichten. Der Kern monotheistischer Religionen liegt in gewissen Überzeugungen über die Beschaffenheit der Realität, in der Frage, was nach dem Tod geschieht, und wie man für sich selbst den bestmöglichen Ausgang der Geschichte erreichen kann. Ein weite‐ rer Unterschied liegt nun darin, dass die religiöse Komponente Glau‐ benssache ist, da sie nicht bewiesen werden kann. Unabhängig von Dogmen wie „Dieses Leben ist nur eine Prüfung für das Jenseits“ 6.5 Farkhunda – das Aufwischen 315 nimmt der moderne europäische Staat zur Kenntnis, dass die letzten Fragen nicht zu beantworten sind, es aber konkret in diesem Leben Dinge gibt, die man regeln muss. Zur Minimierung von Leid haben Sie Rechte, die Ihnen niemand nehmen kann, auch der Staat nicht, der sie Ihnen gab. Er kann Sie für gewisse Taten einsperren, aber er kann Sie nicht foltern oder töten, zumindest in Europa nicht mehr. Tun Vertre‐ ter der Exekutive es dennoch, können sie vor Gericht gezogen werden. Niemand darf Sie besitzen; Sie sind niemandes Eigentum. All diese Rechte hat der Staat Ihnen unter anderem deswegen gegeben, weil er das Leben im Jenseits nur für eine Hypothese hält. Wenn Sie religiös sein möchten, dann dürfen Sie das. Das gibt Ih‐ nen aber nicht das Recht, die Regeln, die Sie sich selbst auferlegt haben, auf andere anzuwenden, die damit nichts zu tun haben möchten. Reli‐ gionen gibt es viele, und sie widersprechen sich zum Teil erheblich. Staat gibt es immer nur einen pro Staatsgebiet, auch wenn gewisse Reichsbürger das anders sehen. Religionen streben danach, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft sich an die Regeln der Religion halten, denn sie können Parallelent‐ würfe nie lange ertragen. Doch was genau schadet es mir, wenn mein linker Nachbar schwul ist und das Ehepaar rechts eine offene Ehe führt? Es geht mich nichts an. Der Religiöse jedoch fühlt sich ermäch‐ tigt, seinen Mitmenschen seine Version des Guten beizubringen, und kann nicht verstehen, warum es die anderen nicht so begeistert wie ihn selbst. Was immer die Regeln der Religion genau sind, die Religion ver‐ pflichtet uns, ihre Einhaltung zu forcieren, da wir uns sonst gegen die Gebote des Schöpfers versündigen. Deshalb erwartet sie von uns, dass wir uns in Dinge einmischen, die uns nichts angehen, und das Gewalt‐ monopol des Staates herausfordern. Der deutsche Staat verpflichtet Sie, einen geplanten Mord bei der Polizei zu melden, wenn Sie davon Kenntnis erhalten. Ist das nicht das Gleiche? Geht mich ein Mord an Person X durch Person Y etwas an? Nun, der Staat zieht die Grenzen anders als die Religionen. Im Gegen‐ satz zu religiösem Recht allerdings verbietet er die Selbstjustiz, wäh‐ rend die Religion sie bei theologischen Übertretungen von uns gerade‐ zu erwartet. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 316 Sowohl im Christentum als auch im Islam ist Gott die oberste In‐ stanz nicht nur im Staat, sondern im gesamten Universum. Was bleibt, ist also eine unausweichliche Entscheidung zwischen Staat und Religi‐ on als oberster Quelle des Rechtes. In Europa hat nach langem Ringen der Staat gewonnen – Bismarcks Arbeit war hier so gründlich, dass sie‐ ben Orte in den USA von deutschen Einwanderern nach ihm benannt wurden. Diese Menschen waren durchweg Christen, aber sie haben er‐ kannt, dass eine Trennung von Staat und Kirche die Lebensqualität für alle erhöht. In weiten Teilen der islamischen Welt ist Allah die höchste Instanz, und im Rest der islamischen Welt gibt es Kräfte, die diese Idee durchsetzen wollen, als wäre ihre blutige Vorgeschichte unerheblich und die Toten gerechtfertigt. Für diese Kräfte ist ein weltlicher Staat mit menschgemachten Gesetzen eine Anmaßung gegenüber dem Schöpfer. Das Vermeiden von Leid in dieser Welt ist unnötig, gar ein Eingriff in Gottes Plan, denn dieses Leben ist nur eine Prüfung für das Jenseits, die Sie bestehen müssen.* Anscheinend gibt sich der Schöpfer des Universums damit zufrieden, Pauschalurteile zu fällen, und es ist erstaunlich, wie viele Menschen damit zufrieden sind, nicht mehr zu sein als eine Ameise unter einem Brennglas. Die Antwort ist: sie sind immerhin eine Ameise, die Nichtanhänger ihres Glaubens sind jedoch Garnichts. Der säkulare Staat garantiert keinen Frieden, aus dem einfachen Grund, dass Religion noch nie der einzige Kriegsgrund war. Der säku‐ lare Staat ist aber eine Grundbedingung dafür, dass es Frieden geben kann, inneren wie äußeren. Die Situation in der islamischen Welt ist, vereinfacht gesprochen, folgende: In kaum einem Land in der islami‐ schen Welt gibt es etwas anderes als einen Gottesstaat, eine Diktatur oder eine theokratisch gestützte Monarchie. Wenn es um die Leidvermeidung des Individuums geht, so sind die westlichen, säkularen Gesellschaften tatsächlich weiter fortge‐ schritten als die religiös geprägten. Zu behaupten, dass eine Gesell‐ schaft, in der Dinge wie mit Mashal Khan oder Farkhunda geschehen, mit einer rechtsstaatlichen, säkularen Gesellschaft gleichwertig sei, wird zwar gelegentlich behauptet, aber die Realität sieht anders aus. * Erstaunlicherweise ist Ihr Verhalten dann aber nicht Teil des Plans des Allmächtigen. Man muss schon wissen, an welcher Stelle man die Menschen zu gängeln beginnt. 6.5 Farkhunda – das Aufwischen 317 Die Massen der Flüchtlinge fliehen nicht in Länder wie Saudi-Arabien oder Malaysia, wo es genauso viel Religion, aber mehr Wohlstand gibt. Sie fliehen in den Westen, zu den Ungläubigen, wo jeder sein darf, wie er will, solange er sich an die Gesetze hält. Das gilt prinzipiell auch un‐ ter der Scharia, aber dort sind die Gesetze beengender und die Strafen für Übertretungen härter. Wer Freiheit will, geht in den Westen, auch wenn er ihn hasst. Religionen helfen sich lieber gegenseitig, als der Gesellschaft zu helfen Gelegentlich wird man als atheistischer Aktivist gefragt, warum man nicht einfach still und für sich allein nicht an Gott glauben kann. War‐ um gleich einem Verein beitreten, wenn man nichts anderes macht als NICHT zu beten? Die Antwort ist einfach: weil zu viele es nicht fertig bringen, still und für sich allein an Gott zu glauben. Ich schaue ins Land und sehe Kirchetage, die mit Steuermillionen bezuschusst werden und deren Besucherzahlen nie auch nur annä‐ hernd den Behauptungen entsprechen;110 Ich sehe Kruzifixe in Klassenzimmern und in bayerischen Amts‐ stuben, als würden sie für alle stehen; Ich sehe Staatsverträge mit religiösen Minderheiten, für die das Grundgesetz nur eine menschliche Anmaßung gegenüber Allahs Ge‐ setz ist, und die direkte Angestellte der türkischen AKP sind; Ich sehe Apologeten, die in der Öffentlichkeit jeden Blödsinn be‐ haupten würden, solange es der Sache nützt; Ich sehe Starrsinn und Arroganz, die als Demut gegenüber dem Herrgott daherkommen; Ich sehe Straßenschlachten, Terroranschläge und Livepredigten; Ich sehe Krankenhäuser, vom Staat finanziert und von Kirchen ge‐ leitet, in denen ein Chefarzt entlassen wird, weil er zum zweiten Mal heiraten will; Ich sehe kreationistische Arbeitskreise, die die Evolutionslehre für ein Wunschdenken von Atheisten halten und Biologiebücher mit der biblischen Schöpfungsgeschichte in die Schulen tragen wollen; 6.6 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 318 Ich sehe Jugendliche in einem Ausmaß in den Krieg nach Syrien ziehen, das nicht darauf hindeutet, ihre religiösen Führer hätten sie da‐ von abhalten wollen; Ich sehe organisierten Wahnsinn, der Einzelne in die Psychiatrie bringen würde, während man es sofort mit Kultur verwechselt, wenn Millionen Menschen es tun; Ich sehe Politiker, die jede noch so abscheuliche religiöse Zuckung akzeptieren, mit keiner besseren Begründung als „ist halt deren Kul‐ tur“ oder „wir sind ein christliches Land“; Ich sehe Ärzte, die Homosexualität exorzieren wollen; Ich sehe Gott auf allen Seiten eines Krieges gleichzeitig und daher immer auch auf der Gewinnerseite. Sie haben die menschliche Geschichte durch systematische Bü‐ chervernichtung um Jahrtausende zurückgeworfen. So sehr, dass unse‐ re Bibliotheken erst Anfang des neunzehnten Jahrhunderts wieder die Anzahl von Monographien beherbergten, die wir kurz vor der Verbrei‐ tung des Christentums hatten. Wir haben die Lebenserwartung des Menschen mit Antibiotika fast verdoppelt. Nicht durch Beten. Wir haben den Mond erreicht. Mit Wissenschaft und Technik, und nicht dadurch, dass man ganz fest dran glaubt. Wir haben uns von absolutistischen Regimes losgesagt, deren be‐ reitwilliger Partner die Religion immer gewesen ist. Sie verhandeln nicht mit den Menschen, sie verhandeln mit der Macht, denn sie sehen sich per Direktverbindung mit Gott dazu im Recht. Und sie hören nicht auf, bei jeder Gelegenheit nach der Macht zu greifen, in der Ukraine, in Russland, in der Türkei, in den USA und in Polen, wo Jesus tatsächlich zum König ernannt wurde111, und animie‐ ren Politiker, sich für sie stark zu machen, damit ihr Einfluss nicht so sehr auffällt. Gerufen zu werden ist schöner als Klinkenputzen, und es sieht auch besser aus. Sie geben Salman Rushdie die Schuld an der Fatwa gegen ihn und Charlie Hebdo die Schuld an seinem eigenen Massaker, denn religiöse Gefühle wurden verletzt. Robert Runcie, der damalige Erzbischof von Canterbury, setzte sich anlässlich der Satanischen Verse tatsächlich für eine Verschärfung der britischen Blasphemiegesetze ein. Was bedeuten religiöse Gefühle, wenn sie dazu führen, dass Menschen getötet wer‐ 6.6 Religionen helfen sich lieber gegenseitig, als der Gesellschaft zu helfen 319 den oder über Jahrzehnte untertauchen müssen! Zu erwarten, dass man deshalb aufhört, Bücher zu schreiben oder Karikaturen zu zeich‐ nen, ist zu erwarten, dass Religion wieder wichtiger wird als Men‐ schenleben – und dass eine Religion, der wir nicht angehören, den‐ noch unser Leben bestimmt. Gerade in letzter Zeit kann in Deutschland beobachtet werden, dass die Großkirchen den Islamverbänden sehr hilfreich gegenüberste‐ hen und sich dafür einsetzen, dass auch die Islamverbände Staatsver‐ träge bekommen, staatliche Privilegien genießen und der Alltag, wo immer es erforderlich wird, den Wünschen der Islamverbände ange‐ passt wird. Getrennter Schwimmunterricht, Halalfleisch in der Schul‐ kantine, Rücksicht auf ausgezehrte Schüler, die aus religiösem Eifer am Ramadan teilnehmen, obwohl sie explizit das Recht haben, es nicht zu tun. Wird es in Deutschland niemals eine Hinterhofsteinigung geben, weil die verheiratete Tochter keine Jungfrau mehr war oder weil sie aus Liebe statt aus Religionszugehörigkeit heiraten will? Es wird sie lang‐ fristig geben, wenn wir gegenüber der Religion als Idee weiterhin so passiv und wohlwollend sind. Warum tun die Kirchen das? Warum hofieren sie den Islam, egal wer sich als sein Vertreter ausgibt? Der Berliner Pfarrer Martin Ger‐ mer bezeichnete Anis Amri, den Täter vom Berliner Breitscheidplatz als jemanden, der „seine destruktiven Energien mit dazu passenden Versatzstücken seiner Religion“ versehen hat.112 Der Berliner Jesuiten‐ pater Tobias Zimmermann beklagte, das Neutralitätsgesetz an Berliner Schulen mache Religion zur Privatsache, was eine Mitschuld am Nie‐ dergang christlicher Religion in Deutschland trage.113 Daher habe er ganz bewusst eine muslimische Lehrerin mit Kopftuch eingestellt, denn im Islam wird noch so richtig geglaubt. Heinrich Bedform-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, plädiert für einen Islamunterricht an allen deutschen Schulen, und zwar unter der Kontrolle der Islamverbän‐ de.114 Dazu gehören die DITIB, die direkt dem türkischen Präsidium für religiöse Angelegenheiten untersteht – dieses wiederum ist Teil des türkischen Ministerpräsidentenamtes. Was in den 900 deutschen Mo‐ scheen dieses Vereins gepredigt wird, steht somit im direkten Verant‐ wortungsbereich von Recep Erdogan. Zu den Islamverbänden gehört auch die äußerst bescheiden benannte Islamische Gemeinschaft in 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 320 Deutschland (IGD), die nichts anderes ist als der in Deutschland agie‐ rende Arm der ägyptischen Muslimbruderschaft. Im November 2014 veröffentlichte das Kabinett der Vereinigten Arabischen Emirate eine Liste mit 83 islamistischen Terrororganisationen, zu denen Al-Qaida, der Islamische Staat, Boko Haram, die Muslimbruderschaft und auch die IGD gehörte. Die IGD ist auch Gründungsmitglied des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Der Zentralrat der Muslime in Deutsch‐ land ist ebenfalls eine rechte Mogelpackung, da er mit seinen rund 20.000 Mitgliedern zwar recht medienpräsent ist und sich zentral gibt, jedoch für die knapp fünf Millionen Muslime in Deutschland schwerlich repräsentativ sein kann. Dennoch war es sein Vorsitzender Aiman Mazyek, der sich nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo zwi‐ schen Angela Merkel und Joachim Gauck einhaken durfte, und nicht Hamed Abdel-Samad oder Ahmad Mansour, die der Idee einer sol‐ chen Mahnwache für die Meinungsfreiheit wesentlich näher stehen (und dafür Polizeischutz benötigen). Dieses Bild mag uns wie ein Zei‐ chen gegen Rassismus oder für die Meinungsfreiheit erscheinen – für so manchen Anhänger des Zentralrats ist es eher ein Beweis für die Dummheit und Schwäche der Kuffar. Die Kirchen scheinen nicht zu wissen, dass sie sich einerseits für eine Idee einsetzen, in deren Weltbild sie bestenfalls eine unterworfene Rolle haben, und dass sie sich andererseits für Vertreter dieser Idee einsetzen, die der Idee selbst auch nicht im Geringsten kritisch gegen‐ über stehen. Doch die sinkenden Mitgliedszahlen der Kirchen veran‐ lassen sie dazu, wenigstens irgendeine Form von Gottesglauben zu för‐ dern. Aus Liebe zu dem Gedanken, dass mehr Religion grundsätzlich etwas Schönes sei, basteln sie langfristig an ihrer eigenen Beseitigung, und indem sie jeden Terroranschlag als grundsätzlich nicht religiös motiviert wegrationalisieren, tun sie genau das, was sie immer getan haben: mehr Religion und weniger Lebensqualität für alle. Was die staatlichen Privilegien angeht, stehen die Kirchen seit eini‐ ger Zeit in der Kritik des organisierten Säkularismus, und so wäre es doch schön, denkt man sich anscheinend, wenn man Verstärkung hät‐ te und nicht mehr die einzige Zecke im Fell des Staates wäre. Was das Einkassieren von Staatsgeldern und die Unterordnung des Alltags un‐ ter religiöse Befindlichkeiten angeht, so sollte spätestens hier jeder‐ 6.6 Religionen helfen sich lieber gegenseitig, als der Gesellschaft zu helfen 321 mann klarwerden, auf welcher Seite die Kirchen stehen: auf der des Glaubens, meine Freunde, nicht auf Eurer. Das waren sie nie. Wie ernst der deutsche Durchschnittschrist seine Religion nimmt, erkennt man an einem interessanten Fall aus dem Jahre 2014. Zwi‐ schen 1990 und 2016 haben die beiden Großkirchen jedes Jahr im Durchschnitt 330.000 Mitglieder durch Kirchenaustritte verloren*. Das austrittstärkste Jahr war jedoch das Jahr 2014 mit 487.000 Austritten, immerhin rund 155.000 Austritte mehr als im Durchschnitt. Der Grund war, dass zum 1. Januar 2015 eine Gesetzesänderung in Kraft trat. War Kirchensteuer auf Kapitalerträge bisher eine freiwil‐ lige Sache gewesen, so sollte sie ab 2015 ohne Zutun des Steuerzahlers von den Banken automatisch einbehalten werden. Die Initiative für diese Maßnahme ging von den Kirchen aus, die angesichts schwinden‐ der Mitgliederzahlen auch schwindende (oder besser: nicht stark ge‐ nug wachsende) Einkünfte hatten. Dank dieser Maßnahme wurde das Jahr 2015 für die Kirchen ein Rekordjahr – die Einnahmen durch Kir‐ chensteuer stiegen um 6,5 Prozent115, und dieser Anstieg war keine einmalige Sache, da die Gesetzesänderung ja dauerhaft gilt. Allerdings verloren die Kirchen dadurch auch auf einen Schlag das Äquivalent einer Großstadt an Mitgliedern mehr als sonst – eine Großstadt hat per Definition mindestens 100.000 Einwohner. Zusätz‐ lich zu den 330.000 Mitgliedern, die jedes Jahr aus der Kirche austre‐ ten (was etwa der Einwohnerzahl von Bonn entspricht), verloren sie 2014 zusätzlich noch ein Darmstadt oder Heidelberg an Mitgliedern, denn Gefasel von Erlösung und Jenseits ist eine nette und wohlklin‐ gende Sache, aber beim Geld hört der Spaß nun mal auf. Und hier kann man auch ein weiteres Phänomen beobachten: wenngleich die Mitgliederzahlen laufend sinken und die Kirchenbänke leer bleiben, so steigen die Einnahmen der Kirchen noch immer – mo‐ mentan nehmen sie jedes Jahr etwa eine halbe Milliarde Euro mehr Kirchensteuer ein als im Vorjahr. Die Kirchen verlieren jedes Jahr etwa ein Prozent Mitglieder, aber ihre Einnahmen steigen jedes Jahr um et‐ wa fünf Prozent. Mancherorts muss ein Pastor drei Kirchen mit Got‐ * Die tatsächlichen Nettoverluste an Mitgliedern liegen für beide Kirchen zusammen jedoch eher in der Größenordnung von 500.000 Mitgliedern pro Jahr. Diese Zahl beinhaltet nämlich auch die jährlichen Mitgliedsverluste durch Tod, die durch Tau‐ fen und willentliche Eintritte nicht annähernd ausgeglichen werden. 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 322 tesdiensten versorgen, da den Kirchen der akademische Nachwuchs ausgeht, aber es wird weiterhin steigender Gewinn gemacht. Religion mag im Volke weniger werden, aber die Institution Kirche wird blei‐ ben, solange man sie gewähren lässt, auch wenn die Gesellschaft sie weniger und weniger benötigt. Das liegt daran, dass sie keine Bündnis‐ se mit ihren Schäfchen eingehen, sondern mit der Politik Bündnisse über die Schäfchen. *** Religionsfreiheit heißt, dass jeder Mensch das Recht hat, seine Religion auszuüben. Sie beinhaltet aber auch das Recht, der Religion ganz fern zu bleiben. Aber vor allem bedeutet sie nicht, dass Religionen alle Frei‐ heiten hätten. Religionen sind Kinder auf einem Spielplatz. Ihr Recht, die Faust zu schwingen, endet vor der Nase des anderen. Über allem wacht ein Erwachsener, der den Kindern jederzeit klarmacht, wo ihre Grenzen sind. Das heißt nicht, dass der Aufpasser immer die gerech‐ teste aller denkbaren Entscheidungen trifft. Wird aber eines der Kin‐ der selbst zum Aufpasser, wird die Sache zuverlässig ins Ungerechte abgleiten. Säkularisation bedeutet, dass keine Religion Einfluss auf die Ge‐ schicke und das Handeln des Staates haben darf. Besonders in religiö‐ sen Kreisen wird das aber häufig missverstanden. Das führt sogar bis zur systematischen Benachteiligung von Konfessionslosen. Die gängige Argumentation ist sinngemäß die folgende: „Wenn Du keine Religion hast, dann stört es Dich doch bestimmt nicht, wenn wir unseren Gott in die Landesverfassung von Schleswig-Holstein setzen. Du hast ja kei‐ nen Gott, der stattdessen in die Verfassung könnte.“ Doch, es stört mich. Nicht, weil ich ein Feind der Religion als Idee bin. Das bin ich. Nein, es stört mich, weil die Verteidiger des Gottesbe‐ zuges frontal ignorieren, was für ein Gut es eigentlich ist, dass Staat und Religion getrennt sind. Es gleicht einem Ehepaar: Sie:„Schatz, machst Du gerade was?“ Er: „Nein, ich entspanne.“ Sie: „Gut. Während Du entspannst, hast Du dann ja Zeit, die Wäsche zu machen, das Wohnzimmer zu saugen und einkaufen zu gehen.“ 6.6 Religionen helfen sich lieber gegenseitig, als der Gesellschaft zu helfen 323 Die Antwort ist offensichtlich: es widerspricht der Grundidee des Ent‐ spannens. Genauso, wie ein Gottesbezug der Grundidee des säkularen Staates widerspricht. Aus diesem Grunde hat die Piratenpartei Schles‐ wig-Holstein im Jahre 2016 uns, die Hamburger Regionalgruppe der Giordano Bruno Stiftung, als Sachverständigen benannt und uns gebe‐ ten, eine Stellungnahme zum geplanten Gottesbezug in der Schleswig- Holsteinischen Landesverfassung anzufertigen. Die Ehre ging an mich, und so setzte ich ein achtseitiges Pamphlet auf, in dem ich den Wert (oder Unwert) eines solchen Gottesbezuges untersuchte, und die Stel‐ lungnahme wurde an die Abgeordneten des Landtages verteilt. Sämtli‐ che Argumente, die ich benutzte, sind über dieses Buch hier verteilt – die Stellungnahme ist quasi die Keimzelle dieses Buches. Im Herbst 2014 war ein solcher Antrag auf einen Gottesbezug bereits abgelehnt worden. Im Jahre 2016 bot man nun alles auf, was das Land zu bieten hatte – Protestanten, Katholiken, Juden, Muslime. Die Kampagne er‐ hielt 40.000 Unterstützer, so dass der Landtag sich gezwungen sah, über den Sachverhalt ein zweites Mal abzustimmen. Es wären 46 Stim‐ men erforderlich gewesen, im Juli 2016 schließlich stimmten jedoch nur 45 Abgeordnete dafür – das Ansinnen war damit ein zweites Mal abgewiesen worden.116 Ich bilde mir nicht ein, die Sache höchstpersönlich knapp verhin‐ dert zu haben, doch es ist fraglich, wie die Sache ausgegangen wäre, wenn man der Öffentlichkeitsarbeit der Religionsverbände überhaupt nichts entgegengesetzt hätte. Von den 2,8 Millionen Einwohnern Schleswig-Holsteins (etwa die Hälfte davon Christen) hatten sich trotz anderthalbjähriger Bearbeitung nur 40.000 Menschen bereit erklärt, die Kampagne für einen Gottesbezug in der Schleswig-Holsteinischen Verfassung zu unterstützen. Hier ist sehr schön zu erkennen, wie eine kleine, fromme Minderheit die religiös eher lethargische Mehrheit mo‐ bilisieren will, um ihre Ziele zu erreichen. Hätte es eine einzige Stimme mehr gegeben, so wäre der Gottesbezug in die Landesverfassung auf‐ genommen worden. Und dann hätten sie diesen knapp und nur mit viel Aufwand erreichten Gottesbezug bei jeder künftigen Gelegenheit herausgeholt, um bei entsprechenden Abstimmungen über Sterbehilfe, Abtreibung, Präimplantationsdiagnostik oder Staatshilfen für islami‐ sche Organisationen darauf zu verweisen, dass Schleswig-Holstein ja einen Gottesbezug in der Verfassung habe. Wenn Sie’s nicht glauben - 6 Der säkulare Staat und warum es wichtig ist, seine Meinung zu sagen 324 die Geschichte der Welt ist voll von Beispielen, in denen die Religion den Menschen Stück für Stück die Butter vom Brot nahm, obwohl der Großteil der Bevölkerung nie dahinter stand. 6.6 Religionen helfen sich lieber gegenseitig, als der Gesellschaft zu helfen 325

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Atheisten verunsichern. Aus irgendeinem Grund glauben Menschen, religiös zu sein sei grundsätzlich gut, und wer dagegen ist, der müsse einfach etwas im ­Schilde führen. Mittlerweile sind ein Drittel der Deutschen konfessionslos ­– dennoch scheint es in der öffentlichen Wahrnehmung einen Unterschied zu geben zwischen religiös Uninteressierten und ausgewachsenen Atheisten. Bei religiös Uninteressierten sagt man bestenfalls „Soll doch jeder glauben, was er will“, bei Atheisten wittert man Angriffe auf das Gute im Menschen, gesellschaftliche Verrohung und Haftanstalten für Christen.

Wir wollen in diesem Buch untersuchen, was an der Sache dran ist.