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5 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns in:

Burger Voss

Ausgeglaubt!, page 271 - 286

Warum Atheisten für die Gesellschaft wertvoll sind

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4218-2, ISBN online: 978-3-8288-7140-3, https://doi.org/10.5771/9783828871403-271

Tectum, Baden-Baden
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Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns „Mit oder ohne Religion würden gute Menschen Gutes tun, und schlechte Menschen würden Schlechtes tun. Doch damit gute Menschen Schlechtes tun, bedarf es der Religion.“ Steven Weinberg Religion ist eine Illusion, wie schon Siegmund Freud sagte, aber muss eine Illusion immer etwas Schlechtes sein? Das muss die Realität ent‐ scheiden. Religion als Idee sollte uns nur interessieren, wenn sie die Lebensqualität des Menschen nicht verschlechtert. Die Besessenheit mit ungeborenem Leben Mitte Dezember 2012 wachte eine junge Frau auf einer Parkbank in Köln mit Unterleibsschmerzen und Gedächtnislücken auf. Sie vermu‐ tete, sie sei betäubt und vergewaltigt worden, und suchte daher eine Arztpraxis auf. Die Ärztin bestätigte den Verdacht, wies aber auch da‐ rauf hin, dass man eine Untersuchung, die vor Gericht bestand hätte, nur mit besserer Ausrüstung würde vornehmen können. Also versuch‐ te sie, ihre Patientin in das katholische St. Vinzenz-Hospital zu über‐ weisen. Die lehnten ab, denn im Rahmen der Untersuchung müsse man auch eine Abtreibung diskutieren, und so etwas machen Katholi‐ ken nun mal nicht. Ein schrulliger Arzt, wird die Ärztin gedacht haben, und rief das Heilig-Geist-Krankenhaus an. Die lehnten mit der glei‐ chen Begründung ab, wiesen aber auch darauf hin, dass bereits Kolle‐ gen entlassen worden wären, die es entgegen der Anweisung getan hat‐ ten. Ob man der Patientin wenigstens frohe Weihnachten ausrichten ließ, ist nicht überliefert. Schließlich rief die Ärztin ein protestanti‐ sches Krankenhaus an und konnte ihre Patientin vermitteln. 5 5.1 271 Es waren keine schrulligen Ärzte mit sonderbaren Moralvorstel‐ lungen gewesen; die Anweisung kam von oben. Die Stiftung der Cel‐ litinnen zur heiligen Maria, zu der beide Krankenhäuser gehören, hat‐ te im November 2012 eine "Ethische Stellungnahme zur Notfallkontra‐ zeption bei Patientinnen, die vermutlich Opfer eines Sexualdelikts ge‐ worden sind" herausgegeben, in der die Verabreichung der „Pille da‐ nach“ verboten wurde. Allerdings müssen alle medizinischen Maßnah‐ men außer der Notfallkontrazeption und die volle Kooperation mit der Anonymen Spurensicherung angeboten werden. Dies beinhaltete ei‐ gentlich auch das Beratungsgespräch über die Pille danach, zu dem den Ärzten in den Krankenhäusern angesichts vorausgegangener Ent‐ lassungen anscheinend der Mut fehlte. Nachdem die Geschichte in die Medien gelangt und schlecht auf‐ genommen worden war, beschloss die Deutsche Bischofskonferenz, die Regeln ein wenig zu lockern und solche Dienste fortan zuzulassen. Wichtig dabei aber: es dürfe kein Embryo getötet werden. Die „Pille danach“ ist nun also grundsätzlich erlaubt – sie darf aber nur verhüten und keinen Embryo töten. Bemerkenswert ist auch hier wieder, dass die kirchlichen Würdenund vor allem Entscheidungsträger erst im Nachhinein feststellten, dass die Situation beschämend gewesen war. Erst der öffentliche Auf‐ schrei veranlasste sie, ihre Anweisungen zu überdenken. Ja fast wirkte es wie bei Psychopathen, die nicht wissen, was gut und was schlecht ist, und die es immer nur von anderen, normalen Menschen kopieren, die es zu wissen scheinen. Vielleicht haben sie auch gedacht, dass alle Katholiken so denken würden wie sie, und dass es daher normal wäre. Wenn ja, dann wurde hier einmal mehr die Kluft zwischen der Kirche und ihren Schäfchen deutlich. Woraus Außenstehende auch erkennen können, wie die kirchliche Lehre eigentlich gedacht ist. Nicht zum Wohle des Men‐ schen, sondern zur Einhaltung von Regeln. Darüber hinaus sollte auch hier wieder jedem klar werden, dass eine Institution, die erst nach dem öffentlichen Aufschrei bemerkt, was sich gehört und was nicht, un‐ möglich das Monopol auf Ethik haben kann. Ein ähnlicher Fall wird aus Irland berichtet: Eine junge Inderin na‐ mens Savita Halappanavar, in der 17. Woche schwanger, wurde im Ok‐ tober 2012 in Galway mit einer Unterleibsinfektion in ein Kranken‐ 5 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns 272 haus eingewiesen. Da der rettende Eingriff die Beseitigung des Fötus bedingt hätte, ließ man von einer Operation ab, bis das ohnehin nicht mehr zu rettende Kind im Mutterleib gestorben war, und gab ihr dann Antibiotika, die aber gegen die fortgeschrittene Infektion nichts mehr ausrichten konnten. Sie starb einige Tage später, wenn auch in medizi‐ nischer Obhut, an einer Blutvergiftung.83 Sie selbst war Zahnärztin ge‐ wesen. Oder nehmen wir den Fall der 16jährigen Rosaura Almonte aus der Dominikanischen Republik. Sie war sowohl in der siebten Woche schwanger als auch an Leukämie erkrankt. Nach dem gleichen Muster, nämlich weil eine Therapie den Tod des ungeborenen Kindes bewirkt hätte, verweigerte man ihr für 20 Tage die notwendige Behandlung, so dass nach katholischer Rechnung nun zwei Tote zu beklagen waren statt nur dem Ungeborenen84 - dafür aber hatte man niemanden aktiv umgebracht. Hier ist wohl die katholische Antwort auf das Trolley- Problem. Am 29. September 2016 wurde die 32jährige Sizilianerin Valentina Milluzzo, in der 17. Woche mit Zwillingen schwanger, in das Ospitale Cannizzaro in Catana eingeliefert, da sich eine Fehlgeburt abzeichnete. Zwei Wochen lang wurde ihre Entwicklung nur beobachtet, bis sie am 15. Oktober plötzlich Fieber bekam. Alles deutete auf eine Blutvergif‐ tung hin. Der Gynäkologe weigerte sich, die erforderlichen Schritte einzuleiten. Sie wissen schon warum – ich will mich nicht laufend wie‐ derholen. Er wurde zitiert mit den Worten: „Solange es lebt, werde ich nicht eingreifen.“ Gegen Mitternacht erfolgte die erste Totgeburt. Man gab ihr Oxy‐ tocin, um die Wehen für das zweite Kind einzuleiten, das zwei Stunden später ebenfalls tot auf die Welt kam. Ab diesem Moment taten die Ärzte alles, um ihr Leben zu retten, doch es war zu spät. Die Ärzte hat‐ ten aus Gewissensgründen zu viel Zeit verstreichen lassen. In Italien ist es Ärzten erlaubt, aus Gewissensgründen eine Abtrei‐ bung zu verweigern – allerdings müssen sie den Eingriff vornehmen, wenn eine akute Gefahr für die Mutter besteht. Sieben von zehn Gynä‐ kologen in Italien lehnten im Jahre 2016 eine Abtreibung aus Gewis‐ sensgründen ab – 2005 waren es noch sechs von zehn gewesen. Und manche Ärzte lassen sich anscheinend lieber wegen fahrlässiger Tö‐ tung anklagen, als sich den Vorgaben der katholischen Kirche zu wi‐ 5.1 Die Besessenheit mit ungeborenem Leben 273 dersetzen.85 Und bei dieser Gelegenheit können wir uns auch fragen, ob das eventuell etwas mit dem Christentum zu tun hat, und ob Ihr Widerspruch gegen diese Hypothese auf unangebrachtem Wohlwollen gegenüber der Idee Religion beruht. Das Desinteresse an geborenem Leben Wie Ihnen sicherlich aufgefallen ist, wird dem ungeborenen Leben im Zweifelsfall anscheinend eine höhere Priorität eingeräumt als dem be‐ reits geborenen Leben. Doch auch wenn der Gläubige sich nicht zwi‐ schen diesen beiden Optionen entscheiden muss, scheint das Wohl der Schäfchen zuweilen keine große Rolle zu spielen. Wir müssen nicht das gesamte Ausmaß des Kindesmissbrauchs durch die katholische Kirche aufrollen. Die Sache ist jahrelang und mit ausreichender Regelmäßigkeit in die Medien gelangt. Die Fälle von Priestern oder Bischöfen, die sich an Messdienern vergangen haben; wie jeder Papst die Täter immer wieder versetzte, auf dass die weltli‐ chen Institutionen ihrer nicht habhaft würden; wie Papst Johannes XXIII bereits im Jahre 1962 alle Bischöfe der Welt durch ein Doku‐ ment anwies, die Täter zu versetzen und bei Androhung von Exkom‐ munikation (!) verbot, mit Personen außerhalb des Vatikans darüber zu sprechen;86 wie Missbrauchsopfern nahegelegt wurde, Vergebung gegenüber den Tätern wäre ja eine christliche Tugend. Der Wikipedia- Artikel „Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche“ ist 183 DIN A 4-Seiten lang und zitiert 1095 Quellen (Stand: September 2018). Als Buch wäre er etwas mehr als halb so dick wie jenes, das Sie gerade in Händen halten. Doch zuweilen gibt es auch hier noch Fälle, die in ihrer Herzlosig‐ keit herausstechen. Bekannt wurde im Mai 2017 die Verhaftung der in Argentinien arbeitenden, japanischen Nonne Kosaka Kumiko. Sie hat‐ te fünf Priester gedeckt, die sich im Antonio Provolo Institut an min‐ destens 24 gehörlosen Kindern vergangen hatten. Sie konnten ihren Gelüsten sorglos nachgehen – die anderen Kinder waren taub und konnten die Schreie der penetrierten Opfer gar nicht hören. Im Falle eines fünfjährigen Mädchens zwang Kumiko ihr eine Windel auf, da‐ mit die anderen Kinder das Blut nicht sehen würden. Bei ihrer Anhö‐ 5.2 5 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns 274 rung in Buenos Aires sagte Kumiko zu ihrer Verteidigung: „Ich wusste nichts von dem Missbrauch. Ich bin ein guter Mensch, der sein Leben Gott gewidmet hat.“87 Religion ist ja etwas grundsätzlich Gutes. Nun sollte man denken, dass die evangelische Kirche, die sich im Augsburger Bekenntnis von 1530 gegen das Zölibat entschied und de‐ ren Personal daher naturgemäß unter weniger Samenstau leidet als das der katholischen Kirche, in dieser Hinsicht besser dastünde. Das tut sie auch, aber auch sie ist alles andere als frei davon. Die Hamburger Bi‐ schöfin Maria Jepsen musste gar zurücktreten, da sie die Aufklärung von Kindesmissbrauchsfällen in Ahrensburg zu halbherzig betrieben hatte. Bisher sind 3,0 Prozent aller katholischen Priester in dieser Hin‐ sicht auffällig geworden. Die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) gibt für das Jahr 2016 insgesamt 47.401 registrierte Fälle von Kindesmiss‐ brauch an, was bei 82 Millionen Einwohnern 0,06 Prozent aller Ein‐ wohner des sexuellen Missbrauchs schuldig macht. Die Chance, von einem Priester angegangen zu werden, ist derzeit also rund 50mal hö‐ her als im Bundesdurchschnitt. Allerdings sind diese Zahlen nur be‐ dingt aussagekräftig, da die Dunkelziffer nicht bekannt ist und nur ge‐ mutmaßt werden kann, wie viele Fälle es in der Bevölkerung oder in der Kirche wirklich gibt. Homosexualität heilen Wollen Der Hamburger Diabetologe Arne Elsen bietet in seiner Praxis Hei‐ lung gegen Homosexualität an. Der NDR-Reporter Christian Deker, selbst schwul, ging im Rahmen seines Dokumentarfilms Die Schwulen‐ heiler zu ihm und ließ sich „behandeln“. Der Arzt lege ihm die Hände auf Stirn und Brust und rieb ihm die Stirn mit Öl ein, um ihm „den Geist der Homosexualität“ auszutreiben. Dann behauptete er, seinem Patienten sei eine dunkle Wolke aus dem Rücken gekommen, und der Geist der Homosexualität sei nun fort. Oder besser, mindestens einer. Er rechnete das Ganze als „Erörterung einer lebensverändernden Er‐ krankung“ mit der Kasse ab, stand aber dem NDR für ein Interview nicht zur Verfügung und ließ schriftliche Anfragen unbeantwortet. Das ist keine schrullige Geschichte aus Afrika oder Tennessee ver‐ gangener Zeiten; das ist Deutschland im Jahre 2014. Man möchte mei‐ 5.2 Das Desinteresse an geborenem Leben 275 nen, dass es diesem sehr religiösen Arzt so wichtig ist, seinen Impulsen nachzugeben, dass er die Realität lieber außerhalb der Praxis lässt. Es sei noch angemerkt, dass Homosexualität keine Krankheit ist, sondern einfach ein Phänomen mit genetischen Ursachen, das wir schon in über 1500 verschiedenen Spezies beobachtet haben. Sie muss nicht geheilt werden. Homosexualität ist keine richtige oder falsche Entscheidung, sie ist gar keine Entscheidung. Homosexuelle sind we‐ der krank, noch wollen sie missionieren, noch ist es ansteckend, und sie neigen auch nicht mehr zur Pädophilie als Heteros. Sie sind nicht sexbesessen, sie wählen nur eine andere Art von Partner, den sie ge‐ nauso lieben wie Mann und Frau sich lieben. Wenn ich einen Babysit‐ ter suche, dann nehme ich lieber einen schwulen Atheisten als einen Priester. Und schwule Atheisten gibt es genug in Deutschland – sie sind den Kirchen alles andere als dankbar für die grundsätzliche Ab‐ lehnung ihrer sexuellen Orientierung und den Vorwurf, gegen die Na‐ tur und in Sünde zu leben, so als würden in Klöstern, Kirchen und konfessionellen Kinderheimen nicht auch Schwänze gelutscht. Bildung schützt nicht vor Fanatismus Wie Ihnen sicher schon einmal aufgefallen ist, handelt es sich bei über‐ durchschnittlich vielen der islamistischen Attentäter um Menschen mit gehobenem Bildungsniveau. Die meisten der 9/11-Attentäter wa‐ ren Studenten oder hatten einen College-Abschluss – 15 der 19 Atten‐ täter kamen aus wohlhabenden Verhältnissen. Osama bin Laden war Ingenieur, sein Vize und Nachfolger Aiman az-Zawahiri ist Arzt. Der salafistische Prediger Dr. Zakir Naik, der auf Facebook immerhin knapp 17 Millionen Fans hat und keine Gelegenheit auslässt, öffentlich die Evolutionslehre zu leugnen, ist ebenfalls Arzt. Abu Bakr al-Bagh‐ dadi, der selbsternannte Kalif des Islamischen Staates, hat in islami‐ scher Theologie zu dem Thema „Die einzigartigen Perlen bei der Er‐ läuterung des Schatibi-Gedichts“ promoviert. Kafeel Ahmed, der im Juni 2007 einen LKW voller Gasflaschen in den Flughafen von Glasgow fuhr, war studierter Maschinenbauer und Doktorand. Sein Mittäter Bilal Abdullah war Arzt im Royal Alexandra Hospital in Paisley gewesen. Umar Farouk Abdulmutallab, der wegen 5.3 5 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns 276 seines versuchten Anschlags auf einen Flug von Amsterdam nach De‐ troit im Jahre 2009 auch als Unterhosenbomber bekannt wurde, hat Maschinenbau studiert, ist Sohn eines ehemaligen nigerianischen Mi‐ nisters und Bankenchefs und war in seinem Leben nicht einen einzi‐ gen Tag arm. Nidal Malik Hasan, der im November 2009 auf einer US- Militärbasis in Texas 13 Menschen erschoss, war Militärpsychiater ge‐ wesen, und er legte kurz vor Prozessbeginn im Jahre 2013 seine ameri‐ kanische Staatsbürgerschaft ab und missbilligte die Demokratie, da ihm als Muslim nicht erlaubt sei, irgendein anderes Gesetz zu befolgen als die Scharia. Michael Adebolajo, der im Mai 2013 den britischen Soldaten Lee Rigby mit einem Auto überfuhr und seine Leiche auf of‐ fener Straße mit einem Fleischerbeil zerhackte, studierte Soziologie in Greenwich und war schon zehn Jahre vor der Tat zum Islam konver‐ tiert, also kein schnellradikalisierter Neuling. Abdul Waheed Majeed, der im Jahr 2014 der erste britische Selbstmordattentäter im Syrien‐ krieg wurde, stammte aus einer vollständig integrierten Familie – sein Großvater hatte bereits im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der britischen Armee gekämpft. Omar Mateen, der 2016 in Orlando einen Nachtclub zusammenschoss, hatte einen Collegeabschluss in Kriminalistik und arbeitete für eine Sicherheitsfirma. Wie kann das sein? Macht das Studium der Naturwissenschaften diese Leute zu Menschenfeinden, Fundamentalisten und psychopathi‐ schen Terroristen? Wenn Armut und Chancenlosigkeit der Schlüssel zur Radikalisierung sind, warum gibt es dann diese Biographien über‐ haupt? Viele dieser Attentäter waren gebildet, kamen aus sicherem Hause, hatten Jobs und galten als freundlich und unauffällig, bis sie in der Zeitung landeten. Nun, zuerst fällt auf, dass auch ein gehobenes Bildungsniveau ge‐ gen das Zwangskorsett des Islam machtlos zu sein scheint. Man kann studierter Ingenieur sein und trotzdem Glauben, man hätte einen Dschinn im Zahn statt einer entzündeten Wurzel. Der Islam ist der Rahmen, der das gesamte Leben des Muslims bestimmt. Wenn der einen gewissen Grad an Fundamentalismus erreicht hat, dient alles nur noch zur Bestätigung des bereits Geglaubten und ordnet sich diesem Rahmen unter. Alles, was dann noch fehlt, ist ein Prediger, der sie eben nicht zu einer pervertierten Version des Islam drängt, sondern ihnen eine wortgetreue Auslegung des Korans und der Sunna bietet. Es dürf‐ 5.3 Bildung schützt nicht vor Fanatismus 277 te nicht allzu schwer sein, jemanden von einer wortgetreuen Ausle‐ gung der Schrift zu überzeugen, wenn er ohnehin glaubt, sie sei Silbe für Silbe von Schöpfer des Universums diktiert worden. Dumm zu sein ist bei diesen Biographien keine Voraussetzung für Terrorismus – reli‐ giös zu sein ist es, und Bildung scheint dagegen sogar machtlos zu sein. Und wer immer noch behauptet, der islamistische Terror sei eine Folge der Unterdrückung durch den Westen, der muss auch erklären, warum es neben Joseph Goebbels (promovierter Germanist), dem be‐ rüchtigten Nazi-Strafrichter Roland Freisler (promovierter Jurist) und dem Vollblutideologen Alfred Rosenberg (Diplomingenieur) immer noch genug gebildete und wohlhabende Nationalsozialisten geben konnte, um einen Kontinent in den Ruin zu treiben. Dumm waren sie nicht, nur falsch gepolt, und wenn das für Nazis gilt, dann weiß ich nicht, warum es bei frommen Muslimen grundsätzlich anders sein müsse. Dann gibt es noch eine Besonderheit zu beachten. Ein Chirurg, ein Elektrotechniker oder (im Falle von Mohammed Atta) ein Student des Städtebauwesens an der TU Harburg muss im Rahmen seines Studi‐ ums zwar einige naturwissenschaftliche Grundlagen lernen, aber er hat damit seinen Finger nicht gerade am Puls der aktuellen Naturphi‐ losophie. Er hat Naturwissenschaften als Handwerk gelernt, nicht aber als Weltbild. Er hat das gleiche Problem wie der Rest der islamischen Welt, und der Grund ist der gleiche, warum die islamische Welt keine nennenswerten Mengen an Wissenschaftlern von Weltruf produziert: der Islam kommt immer zuerst. Wissenschaft beschränkt sich für diese Menschen darauf, die Wunder der Schöpfung zu preisen. Man liest R=U/I, sinkt vor Ergriffenheit in die Knie und dankt dem Schöpfer für die Schönheit dieser Formel. Deshalb gibt es dschihadistische Chirur‐ gen oder Elektroingenieure, aber keine Evolutionsbiologen oder Kos‐ mologen mit vergleichbar kataklastischer Einstellung. Ein arabischer Charles Darwin hätte mit der HMS Beagle auf die Galapagosinseln fahren können, aber er hätte aufgrund gewisser Kon‐ ditionierungen, die in seinem Kulturkreis seit Jahrhunderten ihr wun‐ derliches Werk am menschlichen Verstand tun, gar nichts anderes tun können, als die Artenvielfalt zu beschreiben und Allah umgehend da‐ für zu danken. Der Fall wäre klar: Allah ist groß, seine Schöpfung er‐ haben. Keine weiteren Fragen. 5 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns 278 Sollte er sich von seinen wissenschaftlichen Beobachtungen den‐ noch auf andere Gedanken bringen lassen wie Charles Darwin es sei‐ nerseits trotz der christlichen Konditionierung tat (er hatte in Cam‐ bridge sogar drei Jahre lang Theologie studiert), wäre der Ablauf übli‐ cherweise der folgende. Man erinnert ihn daran, dass der Koran voller Beweise für Allahs Werk ist. Das steht nämlich im Koran, und dessen Autorität und Gott‐ gesandtheit müsste er dann gleich mit anzweifeln, was eine Ungeheu‐ erlichkeit wäre und den Vorwurf der Apostasie nach sich zieht. Sollte er auf seinen Beobachtungen beharren und damit am Koran zweifeln, erfolgt die Aufforderung zur Reue (Istitaba). Lehnt er das ab, wirft man ihm Abfall vom Islam vor. Auf diese Apostasie oder arabisch Ridda genannte Tat steht in vielen Ländern der islamischen Welt die Todesstrafe. Das steht in jener vielzitierten Koranpassage, die mit den Worten „Wenn einer einen Menschen tötet, dann ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet“ beginnt, nur steht es etwas weiter hinten. Dort nämlich, wo steht, wie mit den Menschen verfahren werden soll, die „Unheil im Lande“ stiften – zum Beispiel, indem sie am Islam krat‐ zen. Und auch das meint die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam in Artikel 22b mit „für das Richtige eintreten und vor dem Falschen warnen.“ Sollte er den Vorwurf der Apostasie bestreiten und weiterhin be‐ haupten, ein Muslim zu sein, dann wirft man ihm ersatzweise vor, ein Munafiq zu sein, ein Heuchler, der den Islam nur nach außen ange‐ nommen hat. Er gefährdet damit die Reinheit des Glaubens. Die Tech‐ nik, jemandem vorzuwerfen, ein Munafiq zu sein, heißt Takfir. Die Folgen sind die gleichen wie in Schritt zwei. Wie Lamya Kaddor in ihrem Buch Zum Töten bereit schreibt, wird in salafistischen Kreisen gar diskutiert, ob ein Muslim, der einen Kafir nicht zum Kafir erklärt und somit einen Takfir verweigert, nicht auch einen Takfir verdient habe88 - sie nennen es einen Kettentakfir. Erkennen Sie das perfekte System zur Unterdrückung neuer Ideen dahinter? Man gibt klein bei oder hat zwei verschiedene Möglichkeiten, bestraft zu werden. Eines darf sich nämlich auf keinen Fall ändern: das Weltbild von Muslimen. Wir haben dieses Buch mit den Gottesurteilen der Wiegeprobe, der Wasserprobe und der Feuerprobe begonnen, 5.3 Bildung schützt nicht vor Fanatismus 279 doch ein Viertel der Weltbevölkerung lebt immer noch unter ver‐ gleichbaren Gesetzen. Ich bin mir nicht sicher, wie viele echte Forschergeister vom Schla‐ ge eines Darwin es in der islamischen Welt gibt. Ich mache mir aber auch keine Illusionen über die Natur des Menschen. So mancher wird seine Zweifel aus Angst vor Repressalien für sich behalten. Andere dürften schon so weit sein, dass sie zu einer Entdeckung wie Charles Darwins Evolutionslehre gar nicht mehr in der Lage sind. Die meisten verstehen es ja nicht einmal, wenn man es ihnen erklärt. Wie soll man dann von alleine auf etwas Gewagtes kommen! *** Das Problem mit fanatischen Gläubigen ist, dass man ihnen nie gefal‐ len kann. Was immer wir tun, es wird uns negativ ausgelegt werden, denn hier werden Ursache und Wirkung umgedreht. Die Feindselig‐ keit ist hier latent vorhanden, und die Argumente dafür kommen dann von alleine. Eine Frau trinkt Bier? Unmoralischer Westen! Impfungen in Nigeria? Damit wollen sie Muslime unfruchtbar machen! Der Wes‐ ten greift in Syrien ein? Sie wollen muslimisches Land besetzen! Der Westen greift nicht in Syrien ein? Sie schauen tatenlos zu, wie Muslime abgeschlachtet werden! Es ist kein Zufall, dass Maajid Nawaz, der britische Exradikale und heutige Radikalismusbekämpfer, sich in den Neunzigern wegen des Massenmordes in Srebrenica radikalisierte. Er warf dem Westen still‐ schweigendes Gutheißen dieser Massentötung von Muslimen vor, denn wenn man sich mit den Opfern zu sehr identifiziert (sie sind ja alle eine Umma), teilt sich die Welt nur noch in Täter und Opfer – Un‐ beteiligte gibt es dann einfach nicht mehr. Wer überzeugt ist, der einzig wahren Religion anzugehören, der kann andere Lebensentwürfe immer nur erdulden, aber nie akzeptie‐ ren. Dazu kommt eine latente, schleichende Verachtung für alles, was dieser Religion aus Mangel an Interesse nicht angehören möchte. All dies sind Impulse, die der Gläubige sich im Sinne eines friedlichen Zu‐ sammenlebens laufend verkneifen muss, und das ist auf Dauer kein stabiler Zustand. Ist die Zeitachse nur lang genug, wird es unweigerlich Konflikte geben. Und das Ganze wird noch fragiler, wenn konservative Imame durch Europa touren und eine extremistische Auslegung des 5 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns 280 Korans propagieren. Die latent vorhandene Ablehnung der westlichen Lebensweise, bis hierhin eher schlummernd, kann sich jederzeit zügig entladen. Ich vermute dies als Grund, warum es gelegentlich muslimi‐ sche Einzeltäter gibt, die spontan mit einem Küchenmesser in einer Einkaufszone Amok laufen oder Fußgänger auf Brücken überfahren, auch wenn sie von keiner Organisation dazu angestiftet wurden. Sie sind in einem metastabilen Zustand gefangen, der jederzeit in einen energieärmeren Zustand übergehen kann und auf dem Weg dahin viel Energie abgibt. In der medinischen Sure 8:55 schreibt der Schöpfer des Univer‐ sums immerhin: „Wahrlich, schlimmer als das Vieh sind bei Allah jene, die ungläubig sind und nicht glauben werden“. Und wenn Sie jetzt sagen, dass im Alten Testament ja auch so einiges an Unschönem geschrieben steht, dann kann ich nur erneut darauf verweisen, dass es durchaus erfreulich ist, wenn Sie Ihre Heilige Schrift nicht sonderlich ernst nehmen, dass das aber nicht im gleichen Aus‐ maß für Menschen gilt, die eine andere Religion mit viel größerer In‐ tensität leben. Eine Umfrage des Pew Research Centers aus den Jahre 2015 ergab für zehn mehrheitlich muslimische Länder folgende Antei‐ le an Zustimmung auf die Frage, in welchem Ausmaß der Koran die Gesetzgebung in ihrem Land beeinflussen solle.89 Land Anteil Muslime an der Be‐ völkerung Bevölke‐ rung des Landes Anteil der Muslime, die für strikte Auslegung sind Anzahl Muslime mit strik‐ ter Ausle‐ gung [-] [%] [Millionen] [%] [Millionen] Pakistan 97 210 78 159,0 Palästina 100 4,8 65 3,0 Jordanien 96 10 54 5,2 Malaysia 64 32,4 52 10,8 Senegal 94 15,3 49 7,0 Nigeria 50 193,4 27 26,1 Indonesien 91 261,9 22 52,4 5.3 Bildung schützt nicht vor Fanatismus 281 Libanon 55 6,1 15 0,5 Türkei 96 79,8 13 10,0 Burkina Faso 60 19,6 9 1,1 Summe 833,3 - 275,1 Anteil in Prozent: 33,0 Ergebnisse einer Pew-Studie darüber, wie viele Befragte der Meinung sind, der Koran solle die Basis der Gesetzgebung in ihrem Land sein. Ein Drittel der Befragten scheint die Theo‐ kratie zu bevorzugen. Vernachlässigt wurden in dieser Umfrage bevölkerungsstarke und islamisch konservative Länder wie Ägypten mit 96 Millionen Einwoh‐ nern, Bangladesch mit 164 Millionen Einwohnern und sehr konserva‐ tive, aber kleinere Länder wie Afghanistan mit 30 Millionen und Sau‐ di-Arabien mit 32 Millionen Einwohnern sowie Indien, das zwar nur 14 Prozent Muslime in seiner Bevölkerung hat, aber dafür 1,3 Milliar‐ den Einwohner, was weitere 182 Millionen Muslime mit unbekanntem Ausmaß an Schrifttreue hinzufügt. Der Islam hat 1,6 Milliarden Anhänger, von denen laut diesen Da‐ ten mindestens 17 Prozent der Meinung sind, Sie und ich wären Ab‐ schaum, und zwar nicht nur in theologischer, sondern auch in gesetzli‐ cher Hinsicht. Der Anteil der Hardliner in diesen ausgewählten zehn Ländern betrug 33 Prozent. Rechnet man das auf die islamische Welt‐ bevölkerung hoch, kommt man auf rund eine halbe Milliarde Men‐ schen, unter deren Knute Sie und ich etwa so viel zu sagen hätten – wie jene Christin Aasiya Noreen in Pakistan, die nicht gut genug war, um mit Muslimen aus derselben Kelle zu trinken, die sowohl den Gouverneur Salman Taseer als auch seinen Mörder Mumtaz Qadri überlebte und noch immer auf ihre Todesurteil wartet; – wie Mashal Khan, der Journalistikstudent, der im April 2017 von einem wütenden Mob in Pakistan getötet wurde; – wie einige Dutzend religionsferne Blogger in Bangladesch, die in den letzten Jahren von wildgewordenen Frömmlern mit Macheten getötet wurden, weil man ihnen das Recht absprach, den Islam in Tabelle 3: 5 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns 282 welcher Form auch immer zu kritisieren, egal was in seinem Na‐ men getan wird; – aber auch wie die Afghanin Farkhunda, die man nur fälschlicher‐ weise für eine Ungläubige gehalten hatte und deren Tod durch den Lynchmob man rückblickend bedauerte. Fast sieben Prozent der Weltbevölkerung wollen Ihnen und mir ans Leder, sofern wir uns weigern, Muslime zu werden, aber auch wenn wir nur halbherzig oder gar mit Begeisterung zum Islam konvertierten, würde unser Leben die Hölle sein. Die friedliche Mehrheit ist bedeu‐ tungslos, wenn sie durch die Tatsache gelähmt ist, dass die Frömmler grundsätzlich recht haben und ihr Handeln mit der Heiligen Schrift beweisen können. Wie es stattdessen sein könnte Wie der Politikwissenschaftler Carsten Frerk in seinem Violettbuch Kirchenfinanzen zusammengetragen hat, erhalten die beiden Großkir‐ chen in Deutschland vom Staat jedes Jahr durch direkte Bezuschus‐ sung, Steuerbefreiung etc. etwa 20 Milliarden Euro.90 Abzüglich der Posten, die der Allgemeinheit tatsächlich zu Gute kommen (wie Kitas, Altenheime oder Krankenhäuser, die der Staat den Kirchen bezahlt, von denen die Gemeinschaft aber wenigstens etwas hat) bleiben etwa 12,2 Milliarden Euro Staatsleistungen an die Kirchen übrig, von denen die Gemeinschaft nichts hat außer gebetsmühlenartig wiederholten Märchen und unzeitgemäßen Eingriffen in das Staatsgeschick. Zum Vergleich: das Jahresbudget der NASA beträgt umgerechnet etwa 15 Milliarden Euro. An dieser Stelle können wir den Wissen‐ schaftlern der amerikanischen Raumfahrtbehörde kurz für Solarzellen, HACCP, Säuglingsnahrung, GPS, die Wettervorhersagen, Satelliten‐ fernsehen, neuere Methoden der Wasseraufbereitung, erdbebensichere Gebäude und Brücken, neue Textilien, Spezialschaum-Matratzen, Ro‐ botik, kontrastverstärkende Skibrillen, Digitalkameras, die spektakulä‐ ren Hubble-Bilder, die Entdeckung von 3720 Exoplaneten und für all die Ergebnisse ihrer grundlegenden Gesundheitsforschung danken. Bedenken Sie, was Länder wie Saudi-Arabien, Malaysia oder Katar sich für Teilchenbeschleuniger oder Teleskope in die Landschaft stellen 5.4 5.4 Wie es stattdessen sein könnte 283 könnten. Was an neuartigen Materialien, Halbleitertechnik oder er‐ neuerbaren Energien dort entwickelt werden könnte. Oder einfach, was für ein wundervolles Stück Erde der Nahe Osten sein könnte, mit seinen spektakulären Landschaften, dem heißtrockenen Klima, der besten Quisine der Welt und den durchweg freundlichen Menschen, sofern ihre religiösen Empfindlichkeiten nicht getriggert werden. Doch nichts dergleichen. Stattdessen baut man die Große Moschee in Mekka aus, um der immer größer werdenden Pilgerströme Herr zu werden, die man durch das eifrige Missionieren in allen Teilen der Welt herangezüchtet hat, oder man liefert sich in einem halben Dut‐ zend Nachbarländern einen Stellvertreterkrieg mit dem schiitischen Iran, der seinerseits Milliarden darin investiert, den schiitischen Halb‐ mond auszubauen, der sich vom Libanon über Syrien und den Irak bis nach Bahrain an den Persischen Golf zieht und langfristig nichts ande‐ res bewirken wird als Konfrontation mit der sunnitischen Mehrheit, sei es durch Kriege zwischen Staaten oder religiös motivierte Bürger‐ kriege innerhalb von Staaten. Und hier liegt der Unterschied zwischen Wissenschaft und Religi‐ on. Wissenschaft verbessert das Leben der gesamten Menschheit – das einzige Leben, von dem wir sicher wissen, dass wir es haben. Wenn Sie die zentrale Botschaft des Christentums oder des Islam ernst nehmen wie Mutter Teresa oder jeder konservative Muslim, dann ist Ihnen die‐ ses Leben jedoch nur wenig wert, Leiden sogar eine Chance, sich als besonders gottesfürchtig zu erweisen. Es scheint, man wolle Fortschritt um jeden Preis vermeiden. Bedenken Sie, in welchem Ausmaß der Wert dieses Lebens sinkt, wenn man sich bevorzugt auf das Leben nach dem Tode konzentriert. Wie viele Menschen würden Selbstmordattentate begehen, wenn sie dieses Leben höher schätzen würden als jenes im hypothetischen Jen‐ seits? Sicher, auch im Dritten Reich, im Kommunismus und im japani‐ schen Kaiserreich gab es Selbstmordattentate. Das lag am Aufgehen des Individuums in einer Idee, ohne deren Verwirklichung es nicht mehr leben möchte. „Wenn wir den Krieg verlieren, lohnt es sich nicht mehr zu leben“, zog Joseph Goebbels gegen Ende des Zweiten Welt‐ krieges die Schraube an. Die einzigen Systeme, bei denen man so etwas heute noch beobachtet, sind Nordkorea und transzendente Religionen. Der Rest der Welt hat es aufgegeben, für irgendetwas sterben zu wollen, 5 Religion und Mensch. Ein kurzer Abriss des alltäglichen Wahnsinns 284 und das ist auch gut so. Nicht nur die Religion wird weniger im Leben des Menschen, sondern auch jede andere fanatische Idee. Warum nur ist eine solch unbewiesene, groteske, altertümliche, machthungrige, die Menschheit spaltende, Schlechtigkeit im Men‐ schen fördernde, ihn von jeder Verantwortung freisprechende, ihm sein Urteilsvermögen systematisch aberkennende, andere Ansichten so gnadenlos verachtende, den Menschen seines natürlichen Mitgefühls beraubende, im Einzelfall als Geisteskrankheit klassifizierte, im Kol‐ lektiv aber schlicht „Religion“ genannte Idee in unserem Alltagsemp‐ finden so sehr über jeden Zweifel erhaben? 5.4 Wie es stattdessen sein könnte 285

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References

Zusammenfassung

Atheisten verunsichern. Aus irgendeinem Grund glauben Menschen, religiös zu sein sei grundsätzlich gut, und wer dagegen ist, der müsse einfach etwas im ­Schilde führen. Mittlerweile sind ein Drittel der Deutschen konfessionslos ­– dennoch scheint es in der öffentlichen Wahrnehmung einen Unterschied zu geben zwischen religiös Uninteressierten und ausgewachsenen Atheisten. Bei religiös Uninteressierten sagt man bestenfalls „Soll doch jeder glauben, was er will“, bei Atheisten wittert man Angriffe auf das Gute im Menschen, gesellschaftliche Verrohung und Haftanstalten für Christen.

Wir wollen in diesem Buch untersuchen, was an der Sache dran ist.