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4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist in:

Burger Voss

Ausgeglaubt!, page 205 - 270

Warum Atheisten für die Gesellschaft wertvoll sind

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4218-2, ISBN online: 978-3-8288-7140-3, https://doi.org/10.5771/9783828871403-205

Tectum, Baden-Baden
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Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist „Mich stören nicht die Stellen in der Bibel, die ich nicht verstehe, mich stören die Stellen, die ich verstehe.“ Mark Twain (1835-1910) Moral ist ein sehr missverstandenes Wort, gerade weil seine Bedeutung uns so selbstverständlich erscheint. Es stammt vom lateinischen Wort mores ab, das einfach nur „Sitten“ bedeutet, also die Summe der real vorhandenen Handlungsmuster eines Kulturkreises meint. Es hat also eher beschreibenden Charakter des Ist-Zustands und ist in erster Linie keine Handlungsanweisung für den Soll-Zustand. Ethik hingegen ist ein Teilgebiet der Philosophie, das sich mit der Frage beschäftigt, wie der Mensch sein soll. Ein Wort über das Böse Gibt es das Böse? Lassen Sie mich zunächst einwenden, dass diese Fra‐ ge sehr nach Schwarzweißdenken riecht. Wer den Gedanken an die Existenz des Bösen zu sehr an sich heranlässt, wird zu sehr bereit sein, es jederzeit und überall zu diagnostizieren und entsprechende Maß‐ nahmen zu ergreifen. Das passiert Frömmlern genauso wie politischen Extremisten; ein Linksextremer findet überall faschistoides Gedanken‐ gut, denn sonst hat er nichts zu tun – ein Rechtsextremer sieht überall deutschfeindliche Linksextreme, die das Land ruinieren wollen und dazu Immigranten benutzen. Schwarz-weiße Weltbilder wollen schließlich gelebt werden. Der Vatikan bildet heute noch hunderte Ex‐ orzisten aus, die die Welt bereisen und Dämonen austreiben. Die Be‐ troffenen sind fast ausschließlich selbst Katholiken, und die Mehrzahl der Opfer dieses Heilerwahns sind junge Frauen, die streng katholisch erzogen wurden. Wer die Flexibilität des menschlichen Wahrnehmens 4 4.1 205 und Interpretierens bedenkt, dem wird klar, dass die Opfer des Exor‐ zismus in Wirklichkeit nicht von Dämonen besessen sind, sondern vom Gedanken an Dämonen. In Wirklichkeit gibt es das Böse nicht – es gibt Empathie und Abwesenheit von Empathie, so wie es in der Phy‐ sik auch den Begriff Kälte nicht gibt, sondern nur Wärmeenergie und Abwesenheit von Wärmeenergie.* Jeder Mensch ist zu Gutem und zu verstörender Grausamkeit fähig. Hannah Ahrendt hat in ihren Berichten über den Prozess gegen Adolf Eichmann von der Banalität des Bösen gesprochen. Interessant ist hier, dass man das Böse immer nur anderen unterstellen kann. Nie‐ mand, und seien seine Gedanken noch so extrem, bezeichnet sich selbst jemals als Teil des Bösen. Gewöhnlich sieht man sich selbst als das Gute, mindestens aber das notwendige Übel im Dienste von etwas Gutem. Diese Selbstwahrnehmung haben Nationalsozialisten, Kom‐ munisten, The Lord‘s Army in Uganda und der Islamische Staat ge‐ meinsam. Zeit für eine differenziertere Betrachtung also. Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einem Bahngleis, und es nähert sich ein Waggon. Er droht die Weiche direkt vor Ihnen zu passieren und fünf Menschen zu überfahren. Sie können, da Sie zufällig in der Nähe der Weiche stehen, den Hebel umlegen und den Waggon damit auf ein anderes Gleis führen, wo nur ein Mensch steht. Option 1: Sie tun nichts und lassen damit fünf Menschen sterben. Option 2: Sie greifen ein, retten damit fünf, aber töten einen Menschen aktiv und absichtlich. Eine schwierige Situation, nicht wahr? So mancher mag sich einbilden, dass es noch eine dritte Option gäbe: auf die Knie fallen und für die Seelen derer beten, die gleich sterben werden. Das aber ist keine dritte Option. Es ist Option eins, das Nichtstun, gepaart mit dem Wunsch, die Verantwortung weiterzureichen. In einer Umfrage aus dem Jahre 2009 gaben 68 Prozent der befrag‐ ten Philosophen an, sie würden den Hebel und damit die Einzelperson * Deshalb geht es auf der Temperaturskala auch nicht unendlich nach unten, sondern nur bis minus 273,15 °C – dem Punkt, an dem ein Körper keinerlei Wärmeenergie mehr enthält. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 206 umlegen. Acht Prozent würden es nicht tun, und 24 Prozent verwei‐ gerten schlicht die Antwort.49 Michael Stevens, bekannt durch seinen YouTube-Kanal Vsauce, hat sich in der Webserie Mind Field dieses sogenannten Trolley-Problems angenommen. Er ließ einen Baucontainer mit einer Schaltzentrale der fiktiven California Railroad Authority aufstellen, mit einem gemütli‐ chen älteren Herrn vor dem Bildschirm, der die Weichen bediente. Draußen wurden Bewerber für einen Job begrüßt, denen man sagte, sie müssten noch kurz warten, könnten das aber im Container neben dem Weichensteller tun. Zum Spaß, und weil er älteren Semesters war, zeigte der ältere Herr und Weichensteller den Probanden, wie die Wei‐ chenstellung funktionierte: mit einem prominenten roten Schalter di‐ rekt vor dem Sessel. Die Probanden durften bei Ankunft eines Zuges den Schalter einmal selbst umlegen. Der Bildschirm vor ihnen war in vier Teile unterteilt – das Gleis Richtung Westen, von wo die Züge ka‐ men, der Blick nach Osten, der die Gabelung zeigte, auf die der Zug sich zubewegte, und darunter das linke und das rechte Gleis direkt nach der Gabelung. Dann erhielt der freundliche ältere Herr einen Anruf und musste kurz den Raum verlassen. Als die Tür sich hinter ihm schloss und der Proband mit dem Schalter allein war, tauchten auf dem Bildschirm vor ihm plötzlich sechs Bahnarbeiter auf. Fünf davon gingen auf das linke Gleis, einer auf das rechte. Auf dem einen Bildausschnitt näherte sich ein Zug aus Westen, und alles deutete darauf hin, dass er gleich auf dem zweiten Bildausschnitt erscheinen würde, wo die Gabelung mit den Bahnarbeitern zu sehen war. Und dann tauchte der Zug tatsäch‐ lich auf der zweiten Kameraeinstellung auf und näherte sich den Bahnarbeitern. Die beiden weiteren Kameraeinstellungen auf dem gleichen Bildschirm zeigten jetzt das linke Gleis mit fünf Menschen und das rechte Gleis mit einem Menschen und den Zug, der sich der Gabelung näherte. Eine weibliche Stimme warnte per Durchsage: „Achtung. Objekt auf dem Gleis.“ und „Zug nähert sich.“ Der Wei‐ chensteller war natürlich nicht mehr aufzufinden – es gab ein dringen‐ des Problem, und niemand anderes war da außer dem Probanden. Hatte der Zug einen bestimmten Punkt erreicht, brach die Videoauf‐ zeichnung ab, und eine freundliche Frauenstimme sagte: „Ende des Experiments. Alle sind sicher.“ Danach wurden die Probanden den 4.1 Ein Wort über das Böse 207 Schauspielern vorgestellt, die sie vorher als Personalmanager oder als Weichensteller kennen gelernt hatten. Alle der sieben Probanden, die Stevens und die Kollegen von Mind Field testeten, begriffen die Situation. Doch nur zwei legten tatsächlich den Schalter um. Von den anderen fünf entschied sich keiner aktiv, den Schalter nicht umzulegen und den Zug in fünf Menschen fahren zu lassen – sie blockierten einfach im Angesicht der kniffligen Situati‐ on und wurden damit unfreiwillig Träger von Option 1. Interessanterweise konnten die, die nichts getan hatten, ihr Han‐ deln im Gespräch danach erklären. Der Zug hatte wahrscheinlich Sen‐ soren, die eine Katastrophe verhindern; die Bahnarbeiter würden den Zug schon bemerken; ich wollte nicht an den Schaltern herumspielen. Zuweisungen also, mit denen man die Verantwortung an andere oder an das Schicksal abgeben wollte. Der siebte Proband, Cory, murmelte einige dieser Argumente so‐ gar vor sich hin, während der Zug sich der Gabelung näherte. Doch er hatte sich in dem Moment, als der Weichensteller den Raum verließ, innerlich bereits darauf eingestellt, ihn zu vertreten. Und Cory legte den Schalter um. Im Gespräch danach begann er zu weinen, denn man möchte nicht zwischen dem Tod von einem oder fünf Menschen wäh‐ len müssen, wie er selbst sagte. Er fühlte sich verantwortlich, hier und jetzt, denn Hilfe von außen war nicht zu erwarten. Eine durchaus hu‐ manistische Herangehensweise. Gottergebenheit hätte zu Option 1 ge‐ führt, dem Geschehenlassen. Das Trolley-Problem ist realer und präsenter als wir es uns wün‐ schen. Unterm Strich geht es um die Frage, ob Leid quantifizierbar, die Menge des Leids also ausschlaggebend ist, und ob es verschiedene Qualitäten von Leiden mit verschiedener Gewichtung gibt. Es ist die gruselige Frage, ob man Leiden oder Tod gegeneinander aufrechnen kann. Ein Dilemma, dem sich die Militärs der Welt tagtäglich gegen‐ über sehen. Für lange Zeit war das kein Problem, denn das Gottver‐ trauen hatte es den Menschen vergangener Jahrhunderte auch ermög‐ licht, mit einem Steinschlossgewehr unter dem Arm langsam auf die feindliche Artillerie zuzumarschieren. Heutzutage, da unsere Techno‐ logie wesentlich vielfältiger und unsere Ethik viel differenzierter ist, kann man sich da nicht mehr so leicht aus der Affäre ziehen. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 208 Hätte man im September 2001 die Flugzeuge abschießen dürfen, die auf die Twin Towers zurasten? Einige hundert Passagiere töten, um 3.000 Menschen in den Türmen zu retten? Das ist eine ähnliche Frage. Sie ist nicht gleich, denn in diesem Szenario hat man nicht die Wahl zwischen 300 toten Passagieren oder 3.000 Toten im World Trade Cen‐ ter, sondern einerseits zwischen 300 Toten Passagieren, wenn man das Flugzeug abschießt, und 3.300 Toten im World Trade Center UND im Flugzeug andererseits, wenn man es nicht abschießt. Die Passagiere der Flugzeuge würden den Anschlag in keiner der beiden Optionen überleben. Dennoch bleibt der Aspekt des aktiven Tötens Unschuldi‐ ger in beiden Szenarien, dem Flugzeugangriff und der Szene an der Weiche erhalten. Das Bundesverfassungsgericht hat im Jahre 2006 entschieden, dass ein Abschuss in jedem Fall unrechtmäßig sei, und erklärte die Ab‐ schussermächtigung des Luftsicherheitsgesetzes für nichtig. Die Passa‐ giere „würden dadurch, dass der Staat ihre Tötung als Mittel zur Ret‐ tung anderer benutzt, als bloße Objekte behandelt; ihnen werde da‐ durch der Wert abgesprochen, der dem Menschen um seiner selbst willen zukommt.“50 Ich schreibe das nur, falls Sie sich fragen, in was für einem Staat Sie leben. Im Oktober 2016 wurde in der ARD der Fernsehfilm Terror – Ihr Urteil ausgestrahlt, der einen fiktiven Gerichtsprozess zum Inhalt hat‐ te. Ein Pilot der Luftwaffe hatte hier die Entscheidung getroffen, ein entführtes Flugzeug abzuschießen, das in die Allianz-Arena in Mün‐ chen einzuschlagen drohte. Bei 164 Passagieren im Flugzeug und 70.000 Menschen in der Arena würde ein Abschuss, so der Pilot, einige Tausend Menschenleben retten. Das Besondere an diesem Fern‐ sehfilm war, dass die Zuschauer kurz vor Ende des Films abstimmen konnten, ob der Pilot freigesprochen oder wegen 164fachen Mordes verurteilt werden solle. Rund 87 Prozent der Zuschauer stimmten für einen Freispruch des Piloten, auch wenn wahrscheinlich kaum einer von ihnen in der Lage des Piloten hätte sein wollen. Es geht aber auch kniffliger. Da das selbstfahrende Auto auf der Zeitachse nicht mehr weit weg ist, stellt sich uns mittlerweile die Frage, ob Ihr Wagen Sie aktiv gegen einen Baum fahren darf, um drei Betrun‐ kene zu retten, die sich auf die Fahrbahn verirrt haben. Unterm Strich würden zwei Menschenleben gerettet, ein weiteres durch Ihren eigenen 4.1 Ein Wort über das Böse 209 Tod erkauft, aber würden Sie einen Wagen noch kaufen, wenn Sie wüssten, dass er so etwas mit Ihnen machen würde? Was, wenn Sie zu zweit im Wagen sitzen und Ihre Tochter auf der Fahrbahn steht? Der Wagen würde sich, zumindest im quantitativen Ansatz, für Sie und Ihren Mitfahrer entscheiden und Ihre Tochter opfern. Sie selbst wür‐ den sich sicherlich dagegen entscheiden, also den qualitativen Ansatz bevorzugen. Das sind real existierende Problemstellungen.* Das eigent‐ liche Trolley-Problem aber ist die Frage: warum lassen wir Menschen immer noch selbst fahren, wenn selbstfahrende Autos jetzt schon sta‐ tistisch viel weniger Verkehrstote pro 100.000 gefahrene Kilometer verursachen, obwohl sie noch in der Testphase sind? Nun darf man das Trolley-Problem aber nicht bei jeder Gelegen‐ heit herausholen, um seine Absichten zu legitimieren. Ein KZ-Arzt wie Joseph Mengele könnte seine Menschenversuche und die Zwillingsfor‐ schung damit begründen, dass wenigstens einige ihrer Forschungser‐ gebnisse ja der Gemeinschaft nutzen würden, dass also der Nutzen für die Mehrheit das Leiden der Wenigen übertrifft. Genaugenommen aber ist das kein Trolley-Problem, denn z.B. die Verträglichkeit und Wirksamkeit von Medikamenten oder die Erfor‐ schung des Wasserkrebses hätten sich auch an Tieren testen lassen (was zugegeben auch nicht schön ist). Es gab also mehrere Optionen, auf die man hätte ausweichen können. Was hier vorliegt, ist eine fal‐ sche Dichotomie: eine vorgebliche Zwickmühle. Ist der Tod von 200.000 japanischen Zivilisten durch Nuklearwaf‐ fen in einem Krieg gerechtfertigt, wenn dadurch einerseits das Leid von einer Million weiteren Zivilisten ausbleibt, da die Nuklearwaffen die Kapitulation beschleunigen, und andererseits nach gewonnenem Krieg eine Gesellschaftsordnung geschaffen werden kann, der die Mi‐ nimierung von Leid zur Abwechslung ein Anliegen ist? Wie viele nicht Hingerichtete, ethnisch Gesäuberte und Kriegstote in Deutschland, Ja‐ pan und Italien braucht es, damit ein Dresden gerechtfertigt ist? Sie se‐ hen, Ethik wird schwierig, wenn man sich an das Schicksal des Indivi‐ * Ich könnte mir sogar vorstellen, wie jemand in der Zukunft in ein Autohaus geht und einen selbstfahrenden Wagen kaufen möchte. Der Verkäufer sagt „Ja, das kön‐ nen Sie, aber hier steht, dass Sie ein verurteilter Drogendealer sind. Ich persönlich würde Ihnen von einem solchen Wagen abraten, denn er würde sich fast immer ge‐ gen Sie entscheiden.“ 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 210 duums hält. Ich persönlich halte die Bombardierungen von Dresden, Hiroshima und Nagasaki weiterhin für nicht gerechtfertigt. Ein nu‐ klearer Feuerball über der Bucht von Tokio, einige Kilometer von der Küste entfernt, wäre nicht unbemerkt geblieben und hätte sicherlich die gleiche psychologische Wirkung gehabt. Ein anderes Beispiel ist das Schicksal von Hunden in Südosteuropa. Viele Hunde dort werden von Tierschützern aus Tötungsstationen und umzäunten Wiesen befreit, in denen die Hunde ein Jahr oder länger an einen Baum gekettet gelebt haben. Ich kenne eine liebenswerte Hunde‐ dame, die aus so einem Ort befreit wurde. Ihre Halskette war ihr ins Fleisch gewachsen und musste von einem Tierarzt herausgeschnitten werden. Sie ist ein echtes Freudenbündel, und jeden Tag merkt man ihr an wie froh sie ist, es heute gut zu haben. Doch die Sache hat eine Schattenseite. Das Leid dieser Tiere ge‐ schieht nicht versehentlich - es ist eine Geschäftsmasche. Viele Leute in Kroatien, Rumänien, Polen, Bosnien, Albanien und weiteren, wirt‐ schaftlich schlecht, religiös aber stark dastehenden Ländern haben mitbekommen, dass Westeuropäer solche Tiere aus Mitleid bei sich aufnehmen und viel Geld dafür bezahlen. Uns tun die Tiere leid, den Händlern nicht. Sie lassen die Hunde absichtlich verelenden und schaffen damit erst den Notstand, den wir Westeuropäer aus Mitgefühl beseitigen wollen. Für jeden Hund, der diesem Schicksal entkommt, werden mit dem Erlös zwei neue im Wald angekettet. Indem man hilft, vergrößert man das Problem. Trolley-Frage: ist es besser, die Hunde nicht mehr zu befreien, da‐ mit das Angebot abnimmt? Soll man sie an ihrem Elend zugrunde ge‐ hen lassen, damit der Markt austrocknet? Es würden Leid und Elend der jetzt lebenden Tiere in Kauf genommen, damit es in der langen Zukunft weniger wird. Wir wollen doch Leid minimieren, richtig? Nun, auch hier besteht keine Zwangswahl zwischen nur zwei Op‐ tionen. Es gibt auch die Möglichkeit, vor Ort Aufklärungsarbeit zu leisten. Den Hund als empfindungsfähiges Wesen erkennen, nicht als eine Ware. Empathie im Menschen kultivieren, Straßenhunde kastrie‐ ren (das kleinere Trolley-Problem) oder auf das Thema dieses Buches übertragen: religiösen Menschen klar machen, dass die Beichte nicht von Sünden befreit, sondern Schuldgefühle auflöst, die durchaus be‐ rechtigt waren. 4.1 Ein Wort über das Böse 211 Wie immer Sie sich in der Situation an der Weiche auch entschei‐ den würden, ist eigentlich zweitrangig, denn der Punkt ist: Moralische Fragen sind nicht annähernd so leicht zu beantworten, wie man es sich wünscht. Das Trolley-Problem hat keine Lösung parat, aber es ist ja auch nur seine Natur, auf diesen Umstand hinzuweisen. Es ist nie ein Lösungsansatz gewesen, sondern ein Gedankenexperiment, das die Grenzen moralischer Eindeutigkeit aufzeigt. Das Schlimme ist: nicht nur gibt es keine definitive Antwort auf das Trolley-Problem. Es gibt auch keinen Grund anzunehmen, dass ein beliebig großer Forschungs‐ aufwand hier in Zukunft klarere Ergebnisse liefern könnte. Umso misstrauischer aber sollte man sein, wenn jemand ernsthaft behauptet, es sei in Wirklichkeit alles ganz einfach, hier sind die Re‐ geln, vergiss dieses Leben, es geht nur um das kommende. Wobei die Frage erlaubt sei, wozu dieses Leben überhaupt Regeln braucht, wenn die eigentliche Show erst später stattfindet. Wieder einmal muss man sich fragen, was der Schöpfer des Universums eigentlich davon hat, uns wie Ameisen unter einem Brennglas zu scheuchen um uns dann zu belohnen oder zu bestrafen. Das weiß nur der Schöpfer, heißt es dann, besonders von den Leuten, die sonst einen bevorzugten Draht zu ihm haben oder frisch „eine Nachricht reinbekommen“ könnten. Noch erstaunlicher ist nämlich, dass die perfekte, weil gottgegebe‐ ne moralische Ordnung in Form von Religion gegenüber Fragestellun‐ gen wie dem Trolley-Problem genauso hilflos dasteht wie jeder andere. Sie sollten die Lösung haben, und wenn nicht, dann umgehend von Oben bekommen. Stattdessen schweigt der Himmel, wie immer. Ge‐ mäß Leviticus 11 aber ist es in den Augen des Schöpfers abscheulich, wenn wir Meeresfrüchte oder Hasenfleisch essen.* In Peter Cooks brillanter Faust-Hommage Bedazzled erklärt George Spiggot, der Teufel, seinem Opfer Stanley Moon auf die Frage, wie er nur in diese vertrackte Situation mit diesem Pakt gekommen sei, seine bescheidene Lage. * Wenn Sie einmal einen Geistlichen mit einem Krabbenbrötchen in der Hand erwi‐ schen, haben Sie tatsächlich etwas gegen ihn in der Hand. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 212 George: In den Worten des großen Zenmeisters Li Kwi Kwat: Wenn du an deinen Fingern an einer Klippe hängst, und über dir wäre ein wütender Tiger mit seinen Reißzähnen, und unter dir wäre das Weib‐ chen des Tigers mit ihren Reißzähnen, was würdest du tun? Stanley: Blöde Frage, Klippen und Tiger! Ich würde gar nicht erst in so eine lächerliche Situation kommen! George: Natürlich nicht. Du hast die Lösung und bist we‐ sentlich besser dran. Da hängst du nun an einem Telefonmast in Berkshire, hiernach für immer ver‐ dammt, die Hälfte deiner Wünsche schon weg. Li Kwi Kwat kann dir nichts mehr beibringen. Der Schlüssel zu einer leidensminimierten Welt besteht nämlich nicht darin, sich beim Trolley-Problem weise zu entscheiden. Der Schlüssel besteht darin, Trolley-Probleme von vornherein zu vermeiden, auch wenn die heiligen Schriften dazu nichts sagen, weil das Problem ihren Autoren einfach unbekannt war. Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik Es gibt eine Weisheit, die wohl jede der weltweiten Religionen in ihren Kanon aufgenommen hat: die Goldene Regel. Man kennt sie als „Was du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu“ oder, wie Immanuel Kant es verkopft ausdrückte: „Handle so, dass die Maxi‐ me deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Ge‐ setzgebung gelten könne.“ Kaum eine Religion hätte es sich leisten können, diesen offensicht‐ lichen Grundsatz auszulassen oder zu umgehen. Und tatsächlich fin‐ den wir ihn fast überall. Hinduismus: „Man soll niemals einem Anderen antun, was man für das eigene Selbst als verletzend betrachtet. Dies, im Kern, ist die Regel aller Rechtschaffen‐ heit (Dharma).“ Mahabharata 13,113,8 4.2 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 213 Buddhismus: „Was für mich eine unliebe und unangenehme Sache ist, das ist auch für den anderen eine unliebe und unangenehme Sache. Was da für mich eine unliebe und unangenehme Sache ist, wie könnte ich das einem anderen aufladen?“ Samyutta Nikaya Judentum: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ Leviticus 19:34 Christentum: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ Matthäus 7:12 Islam: „Keiner von euch ist gläubig, solange er nicht für seinen Bruder wünscht, was er für sich selbst wünscht.“ Hadith al-Bukhari, das Buch der vierzig Hadithe, Hadith 13. Wenn ich ein Mineralwasser mit dem Aufdruck „komplett cholesterin‐ frei!“ auf den Markt bringe, wird irgendein Untersuchungsamt diesen Aufdruck monieren mit dem Hinweis, es handele sich dabei um Wer‐ bung mit Selbstverständlichkeiten. Mein Mineralwasser ist in dieser Hinsicht nicht besser als das der Konkurrenz, und so wäre es schein‐ heilig und irreführend, den Kunden mit diesem Hinweis zum Kauf meines Produktes einzuladen. Alle wichtigen Religionen haben diese Goldene Regel verinnerlicht, und so ist es wenig wahrscheinlich, dass sie sie erfunden haben – vielmehr scheinen sie eine menschliche Selbstverständlichkeit absorbiert zu haben. Was sie sonst noch an Re‐ geln draufgelegt haben, ist stellenweise nett, stellenweise aber auch psychopathisch. Ein weiterer Punkt ist die Tatsache, dass diese Goldene Regel ge‐ wöhnlich nur auf Mitglieder der eigenen Religion anzuwenden ist. Be‐ sonders die abrahamitischen Religionen machen zum Teil sehr deut‐ lich, dass Ungläubige oder Andersgläubige von dieser Regel ausge‐ nommen sind. Gegenüber Regelübertretern in den eigenen Reihen ist ihre Mobilmachung dann gewöhnlich eine totale. Der zitierte Hadith spricht ausdrücklich davon, was man seinem Bruder wünscht, nicht al‐ 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 214 len Menschen oder auch nur den eigenen Schwestern, und die Zehn Gebote wurden dem Volk Israel übergeben, nicht der gesamten Menschheit. Ist Ihnen das noch nicht aufgefallen? Direkt nach der Übergabe der Zehn Gebote warnte der Herrgott Moses, dass im Lager Unheil im Gange wäre, und drohte mit seinem Zorn. Moses besänftigte den Allmächtigen, und der Herrgott empfand tatsächlich Reue. Dann kam Moses von Berg Sinai zurück, sah das Goldene Kalb, zerschmetterte die zwei Steintafeln und ordnete die Tö‐ tung der 3.000 Götzenanbeter an. Gott sagt dazu, er werde nur diejeni‐ gen aus seinem Buch streichen, die gegen ihn gesündigt haben. Es scheint, als wolle die Bibel mit diesem Praxisbeispiel gleich davor war‐ nen, die Sache zu wohlwollend auszulegen. Interessanterweise scheint dieses Aufräumen nämlich dem fünften Gebot (Du sollst nicht töten) zu widersprechen, aber wer sich ein we‐ nig mit Gesetzestexten auskennt weiß, dass es immer eine Frage der Definition der benutzten Begriffe ist. Du sollst nicht töten, schön, aber wen sollst du nicht töten? Entweder gibt es hier einen Konflikt zwi‐ schen dem ersten Gebot (Du sollst keine Götter haben neben mir) und dem fünften Gebot (Du sollst nicht töten), und das erste Gebot ist wichtiger. Dann ist die Einhaltung religiöser Doktrin wichtiger als Menschenleben, was keine zeitgemäße Ethik für das 21. Jahrhundert ist. Oder die Sache lässt sich erklären, wenn mit dem Tötungsverbot nur Menschen gemeint sind, die nicht gegen Gott gesündigt haben, al‐ so echte Gläubige. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass nicht ganz so fromme Menschen offenbar wenig Wohlwollen erwarten können. Das wäre ebenfalls unzeitgemäß, zumindest für Europa. In Ländern wie Pakistan kann sich heute immer noch spontan ein wütender Mob bil‐ den, der den Einzelnen für eine religiöse Übertretung lyncht. So geschehen am 13. April 2017 in der pakistanischen Stadt Mar‐ den. Nachdem Gerüchte kursiert hatten, der 23jährige Journalistikstu‐ dent Mashal Khan sei ein Blasphemist oder gar ein Ahmadi, tat sich ein wütender Mob zusammen, ergriff Mashal Khan, schlug ihn mit Latten, erschoss ihn schließlich und warf seine Leiche vom Balkon. Woher wir das alles wissen? Die umstehende friedliche (oder eher ta‐ tenlose) Mehrheit der Muslime hatte es mit ihren Smartphones gefilmt und in die sozialen Netzwerke hochgeladen. Als die Polizei schließlich eintraf, sangen die Täter religiöse Lieder, riefen das unvermeidliche Al‐ 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 215 lahu akbar und verlangten von der Polizei allen Ernstes die Herausga‐ be des Leichnams, damit man ihn verbrennen könne. Geistliche in mehreren Moscheen priesen die Täter und sprachen sie von jeglicher Schuld frei. Die Polizei hingegen nahm 59 Menschen fest, und auch der Premierminister Nawaz Sharif sprach sich gegen diese Selbstjustiz aus.51 Genau so müssen Sie sich die gesellschaftliche Wirkung von Reli‐ gion zu Zeiten des Alten Testaments vorstellen. Wenn Sie die Bibel für wertvoll halten und bei solchen Szenen wie in Pakistan Abscheu emp‐ finden, befinden Sie sich in einem kognitiven Konflikt. Wenn Sie glau‐ ben, der Islam sei so wie das moderne Christentum, nur mit ein paar kleinen theologischen Unterschieden, dann irren Sie. Wenn Sie als Christ ihren Mitmenschen außer dem Paradies auch im Diesseits Gu‐ tes wollen, dann liegt das an dem heutigen Wischiwaschi-Christentum, zu dem es durch weltliches Einwirken geworden ist. Im Übrigen zeichnen sich die Zehn Gebote auch durch eine ganze Liste von Dingen aus, die ihnen fehlen. Der Herrgott hätte, wäre er zu‐ kunftsweisend gewesen, auch Gebote erlassen können, denen zufolge – man Kinder nicht schlagen darf, weil sie sonst die gleichen Arsch‐ löcher werden wie man selbst – stattdessen weisen die Sprüche Sa‐ lomons in Sprüche 29:17 explizit auf die Vorzüge der körperlichen Züchtigung hin, und im Jahre 2017 ist das Buch Eltern, Hirten der Herzen, das mit Verweis auf die Bibel körperliche Züchtigung pro‐ pagiert und im Jahre 2013 auf die Liste jugendgefährdender Schrif‐ ten gesetzt wurde, mittlerweile unter dem neuen Titel Kinder Her‐ zen erziehen - Biblisch orientierte Erziehung wieder bei Amazon er‐ hältlich. – Sklaverei und Menschenhandel abscheulich sind und niemand es verdient, als Ware behandelt zu werden. Doch das Alte Testament ist voll von Sklaverei und Versklavung. Auch im Neuen Testament schreibt Petrus in seinem 1. Brief noch: „Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen.“ 1. Petrus, 2:18. Der Heiland selbst ist zu diesem Thema in der Bibel erstaunlich wort‐ karg. Und auch Dr. Martin Luther gab angesichts der Bauernauf‐ stände noch zum Besten: „Der Esel will Schläge haben, und der Pö‐ bel will mit Gewalt regiert sein. Das wusste Gott wohl; drum gab er 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 216 der Obrigkeit nicht einen Fuchsschwanz, sondern ein Schwert in die Hand.52 – Tiere so empfindungsfähig sind wie wir selbst und daher nicht ge‐ quält werden dürfen. Doch der Herr sprach im 1. Buch Mose 1:28: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Und darüber hinaus gilt der christliche Grundsatz, dass Menschen eine Seele haben, Tiere aber nicht. Und wenn der Herrgott schon eine Selbstverständlichkeit wie „Du sollst nicht töten“ in die Gebote aufnimmt, warum dann nicht auch Verbote für Inzest, Vergewaltigung und Kannibalismus? Warum sind diese Dinge für uns heute selbstverständliche Tabus, für die Autoren der Bibel aber nicht? Eines der verstörendsten Beispiele für den Umgang mit Schuld fin‐ den wir jedoch in Levitikus 16:21. Hier wies der Herrgott Aaron an, einem Ziegenbock symbolisch die Sünden der Israeliten aufzuladen und ihn in die Einöde hinauszuschicken, auf dass das Volk der Israeli‐ ten wieder sündenfrei sei. Das Wort Sündenbock hat hier seinen Ur‐ sprung. Einmal im Jahr sollte ein Tier zum Verdursten in die Wüste verstoßen werden, damit die Israeliten sich wieder schuldfrei fühlen konnten. Hätten die Conquistadores eine solche Tradition bei den Ur‐ einwohnern Amerikas vorgefunden, hätten sie es einen armseligen Aberglauben genannt – bis jemand Bibelfestes feststellt, dass ihre eige‐ ne Heilige Schrift solch unsinniges, selbstgerechtes und nach heutigen Maßstäben grausames Treiben vorschreibt. *** Der Koranvers 5:32 wird immer wieder bemüht, die Friedlichkeit des Islam zu demonstrieren: „Deshalb haben Wir den Kindern Israels verordnet, dass, wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Le‐ ben hält, es so sein soll, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben er‐ halten.“ 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 217 Es ist also verboten, Menschen zu töten, die nicht entweder selbst ge‐ mordet oder Unheil im Lande gestiftet haben. Das ist nur oberfläch‐ lich friedfertig, denn einerseits ordnet das immer noch die Todesstrafe an, zum anderen liegt ein Schlupfloch in der Formulierung „ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre“. Unheil ist Auslegungssache, und so können zum Beispiel öffentlich vorgetragene Religionskritik, Abfall vom Islam, Homosexualität oder Ehebruch als Unheil und da‐ mit als todeswürdig gelten wie in Saudi-Arabien, Pakistan, dem Iran oder Teilen von Afghanistan. Wer sich strikt an den Koran und die wörtliche Auslegung seiner Verse hält, zieht steinigend und köpfend durchs Land wie der Islamische Staat, tut dabei aber vermeintlich Gu‐ tes. Und damit Sie nicht denken, ich würde das erfinden, schauen wir uns an, wie dieser vielzitierte Vers des Friedens weitergeht: „Und unsere Gesandten kamen mit deutlichen Zeichen zu ihnen; den‐ noch, selbst danach begingen viele von ihnen Ausschreitungen im Lande. Der Lohn derer, die gegen Allah und seinen Gesandten Krieg führen und Verderben im Lande zu erregen trachten, soll sein, dass sie getötet oder gekreuzigt werden und dass ihnen Hände und Füße wechselweise abge‐ schlagen werden oder dass sie aus dem Lande vertrieben werden. Das wird für sie eine Schmach in dieser Welt sein, und im Jenseits wird ihnen eine schwere Strafe zuteil.“ Sure 5:32-33 Ich habe noch keine Religion kennen gelernt, die einer modernen Ethik immer noch überlegen wäre. Indem man ihre veralteten Ethiken aber zum Maßstab macht, ist die moderne, wirklich friedfertige Ethik dann plötzlich „verweichlicht“, „verwestlicht“ oder „widerspricht dem göttlichen Gesetz“. Merke: je ernster du religiöse Ethik nimmst und je höher du sie gegenüber weltlicher Ethik einstufst, desto irrer und ar‐ chaischer wirst du. Sollte göttliches Gesetz nicht Leiden vermeiden können? Religiöse Moral entwickelt sich im Gegensatz zu weltlicher Moral nicht weiter, die Beibehaltung veralteter Überzeugungen ist so‐ gar ihr Kernanliegen. Wenn Sie Zweifel daran haben, spielen Sie einfach mal das Bibel- Spiel. Das kennen Sie nicht? Sie und Ihre Freunde schlagen nacheinan‐ der die Bibel auf, zeigen mit dem Finger auf eine beliebige Stelle und tun einfach, was dort geschrieben steht. Wer als letzter verhaftet wird, hat gewonnen. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 218 Die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam Die islamische Welt hielt die Allgemeine Erklärung der Menschen‐ rechte von 1948 wegen ihres säkularen Charakters und der Tatsache, dass sie von Nichtmuslimen entworfen wurde, offensichtlich für so korrekturbedürftig, dass ein Gegenentwurf her musste. Als Richt‐ schnur einigten sich daher 45 der 57 Staaten der Organisation der Isla‐ mischen Konferenz im Jahre 1990 auf die Kairoer Erklärung der Men‐ schenrechte im Islam. Gleich in der Präambel betont die Erklärung in aller Bescheiden‐ heit die natürliche Überlegenheit des Islam und den schädlichen Ein‐ fluss von Wohlstand und Diversität: „Die Mitgliedstaaten der Organisation Islamische Konferenz, die zivilisatorische und historische Rolle der islamischen Umma [Weltge‐ meinschaft der Muslime] bekräftigend, die Gott zur besten (Form der) Nation machte, die der Menschheit eine universelle und ausgewogene Zi‐ vilisation gegeben hat, in der Harmonie zwischen diesem Leben und dem Leben danach herrscht und Wissen mit Glauben einhergeht; und die Rol‐ le bekräftigend, die diese Umma spielen sollte, um eine von konkurrie‐ renden Strömungen und Ideologien verwirrte Menschheit zu leiten und Lösungen für die chronischen Probleme dieser materialistischen Zivilisa‐ tion zu bieten…“ Die Erklärung wiederholt dann vieles aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, fügt jedoch jeweils die Einschränkung hinzu, dass das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Artikel 2), die Erziehung der Kinder (Artikel 7), die Gewährung von Asyl (Artikel 12) und das Recht auf freie Meinung (Artikel 22) nur gelten, sofern sie der Scharia entsprechen. Erlaubt sind damit also die Todesstrafe und die Auspeitschung, die Indoktrination von Kindern, die Verfolgung wegen Blasphemie und die Unterdrückung von Religionskritik. Laut Artikel 6 ist die Frau dem Manne in ihrer menschlichen Wür‐ de gleichgestellt, hat aber Rechte und Pflichten, auf deren männliches Gegenstück nicht hingewiesen wird, und Artikel 6 verspricht ihr voll‐ mundig „ein eigenes Bürgerrecht“. Die Frau ist dem Manne also in ihrer Würde gleichgestellt, hinsichtlich der Rechte aber nicht, denn sie hat eigene Auflagen zu erfüllen. Was sich zunächst gerecht liest, hat in Wirklichkeit mit Gleichberechtigung nichts zu tun und verlangt wei‐ terhin Geschlechterapartheid. Eine Frau erbt nur halb so viel wie ein 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 219 Mann, braucht vor Gericht doppelt so viele Zeugen, und wenn sie ver‐ gewaltigt wird, muss sie mit einer Anklage wegen außerehelichen Ge‐ schlechtsverkehrs rechnen, wobei die Frau härter bestraft wird als der Mann. Und selbst im Paradies bekommen Männer die vielzitierten 72 Jungfrauen, während Frauen lediglich einen Ehemann bekommen, so‐ fern sie noch keinen hatten, oder sie bekommen ihren bisherigen Ehe‐ mann, sofern sie bereits verheiratet waren. *** Bei dieser Gelegenheit sollten wir uns kurz dem Thema Verschleierung widmen. Generell gibt es drei Hauptgründe, warum muslimische Frauen sich verschleiern: 1. Um die eigene Hingabe an Allah zu demonstrieren Am 6. November 2016 konnte Deutschland die Schweizer Islamistin Nora Illi bei Anne Will zum Thema „Mein Leben für Allah“ erleben, die Frauenbeauftragte einer kleinen, von Konvertiten gegründeten Ex‐ tremistengruppe, die sich großspurig „Islamischer Zentralrat Schweiz“ (IZRS) nennt. Der ebenfalls aus der Schweiz stammende Freidenker Valentin Abgottspon merkte dazu einmal spöttisch an, dass der IZRS bereits mehr Fernsehauftritte gehabt habe als zahlende Mitglieder. Bei Anne Will nun gab sie vollverschleiert ihr Weltbild zum Besten. Sie sei eine Verfechterin der Polygynie (ein Mann darf mehrere Frauen haben, aber nicht umgekehrt), denn „das ist im Islam so festgeschrieben“. Da ist er wieder, der Kadavergehorsam. Die Frau sei, so Illi weiter, im Islam durch ihre klar definierte Rolle besser dran, denn „wir müssen den Spagat zwischen Familien-Frau und Karriere-Frau, dem andere ausgesetzt sind, weniger machen“. Und da hat sie Recht. Es lebt sich in einem staatlichen Gefängnis auch ein‐ facher als draußen. Keine kniffligen Management-Entscheidungen, kein morgendlicher Verkehrsstau, um Beförderungen muss man sich auch keine Sorgen machen, das Wäschewaschen und das Essenkochen werden einem ebenfalls abgenommen. Klingt doch recht einladend – Fesseln drücken nun mal nicht, solange man sich nicht bewegt. Das Problem bei Zeitgenossen wie Frau Illi ist nicht das Tragen des Niqab. Das Problem ist der Wunsch nach einer Gesellschaftsordnung, 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 220 in der es auch denen, die keinen Niqab tragen möchten, aufgezwungen wird. Und genau dafür ist der Niqab ein Symbol.* 2. Der Anblick von weiblichem Haar erregt muslimische Männer und ist daher eine Sünde seitens der Frau Ich höre diese Behauptung des Öfteren, konnte aber auch nach zwei Stunden Recherche keine Koransure und keinen Hadith ausfindig ma‐ chen, der diese Behauptung belegen würde. Abgesehen davon ist es auch ein entwürdigendes Argument, in dem es einerseits Männern eine unkontrollierbare Dauergeilheit unterstellt, dieselbe aber gleich‐ zeitig legitimiert, indem eher die Frau Maßnahmen dagegen ergreifen muss, als dass der Mann an sich arbeitet – eine Forderung, die der Schöpfer oder der Prophet durchaus hätten stellen können. Stattdessen ist es, als würde jemand vor mir auf dem Gehweg 500 Euro verlieren und ich würde das Geld einstecken mit den Worten: „Sorry, aber das war eine echte Steilvorlage!“ Wie unethisch wäre das! Doch genau so argumentieren islamische Kleriker. Der Kölner Imam Sami Abu-Yusuf erklärte zu den Massenübergriffen der Kölner Silvesternacht 2015: „Einer der Gründe, weswegen muslimische Män‐ ner Frauen vergewaltigten oder belästigten ist, wie sie gekleidet waren. Wenn sie halbnackt und parfümiert herumlaufen, passieren eben sol‐ che Dinge. Das ist wie Öl ins Feuer gießen!“53 Eine schrullige Einzelmeinung? Keinesfalls, koranfeste Frömmler haben keine eigenen Ideen, es ist sogar verpönt. Der saudische Kleri‐ ker Dr. Abd al-Aziz Fawazan al-Fawzan, der in Riad islamisches Recht lehrt, sagte: „Wenn eine Frau allein durch die Öffentlichkeit geht und vergewaltigt wird, dann ist es ihre Schuld. Sie verführt Männer allein durch ihre Anwesenheit. Sie hätte zuhause bleiben sollen wie eine muslimische Frau.“ Jetzt haben Sie’s von ganz oben. * In einer Postfiliale, die ich regelmäßig besuche, arbeitet eine Araberin, die den Chi‐ mar trägt. Der Chimar bedeckt Kopf und Oberkörper und umrahmt das Gesicht, das aber frei bleibt, etwa wie bei einer Nonne. Die Dame ist schlagfertig, selbstbe‐ wusst und sieht in allem, was geschieht, das Witzige. Eigentliche eine Frau nach meinem Geschmack, auch wenn wir beim Thema Religion nicht zusammenkom‐ men würden. Ich mag sie nicht weniger, nur weil sie sich als religiös outet, denn ich unterscheide zwischen Menschen und Ideen. 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 221 Im April 2016 veröffentlichte die New York Times einen Artikel über eine Begegnung zwischen der amerikanischen Journalistin Isobel Yeung und dem afghanischen Parlamentsmitglied Nazir Ahmad Hana‐ fi.54 Das Thema war der seit 2009 noch immer nicht umgesetzte Ge‐ setzesentwurf zur Eliminierung von Gewalt gegen Frauen, den Hanafi als konservativer Muslim mit entsprechendem Eifer bekämpft. Isobel Yeung fragte Hanafi, ob es häuslicher Missbrauch sei, wenn ein Mann seine Ehefrau vergewaltigt, und ob seiner Meinung nach der Mann oder die Frau bestraft werden solle. Hanafi antwortete, es gäbe „eine Art Vergewaltigung bei Euch und eine bei uns im Islam“. Ein Unterschied in der Definition also? Das sollte uns eine Prü‐ fung wert sein. Und in der Tat lautet der zentrale Begriff, um den man hier nicht herumkommt, Zina, also Unzucht. Zina ist jeglicher Ge‐ schlechtsverkehr außerhalb einer Ehe oder eines Konkubinatsverhält‐ nisses. Maßgeblich ist hier die Sure 23:6, die im Kontext besagt: „Den Gläubigen wird es ja wohl ergehen, denjenigen, die in ihrem Gebet demütig sind, und denjenigen, die sich von unbedachter Rede abwenden, und denjenigen, die die (Zahlung der) Abgabe anwenden, und denjenigen, die ihre Scham hüten, außer gegenüber ihren Gattinnen oder was ihre rechte Hand (an Sklavinnen) besitzt, denn sie sind (hierin) nicht zu ta‐ deln, – wer aber darüber hinaus (etwas) begehrt, das sind die Übertreter –, und denjenigen, die auf die ihnen anvertrauten Güter und ihre Verpflich‐ tung achtgeben, und denjenigen, die ihre Gebete einhalten. Das sind die Erben, die das Paradies erben werden; ewig werden sie darin bleiben.“ Im sunnitischen Islam ist also Geschlechtsverkehr nur erlaubt, wenn man verheiratet oder die Frau eine Sklavin ist. Wenn verheiratete Mus‐ lime ein außereheliches Verhältnis haben, so ist das eine sogenannte hadd-Strafe, also eine Übertretung göttlichen Gesetzes. In Pakistan, Afghanistan, Sudan, Jemen, Saudi-Arabien und auch im schiitischen Iran wird hierfür die Todesstrafe angewendet. Allerdings ist das Verhältnis zu nichtmuslimischen Frauen ein gänzlich anderes. Hier ist es ein Leichtes, sie in dem Moment, wo man ihrer habhaft wird, als Sklavinnen aufzufassen, da sie als Nichtmuslime ja im Vergleich zu einer Muslima keinerlei Ehre besitzen, die man ver‐ letzen könnte. Am 1. Dezember 2013 wurde eine junge Wienerin (selbst Muslima tunesischer Herkunft) in Dubai Opfer einer Vergewaltigung in einem Parkhaus. Als sie zur Polizei ging, wurde sie wegen außerehelichen Ge‐ 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 222 schlechtsverkehrs verhaftet. Man bot ihr als Wiedergutmachung an, ihren Vergewaltiger zu heiraten, um einer Verurteilung für außereheli‐ chen Geschlechtsverkehr zu entgehen, wenngleich sie zum fraglichen Zeitpunkt nicht mit ihm verheiratet war. Das war quasi ein freundli‐ ches Entgegenkommen der Behörden. Nur durch Intervention des ös‐ terreichischen Außenministeriums wurde ihr schließlich nach zwei Monaten erlaubt, Dubai wieder zu verlassen.* Nun mag man hier einen Satz wie „Sie wusste nicht, dass das in Dubai nicht erlaubt ist“ rausholen, mit dem auch die Täter der Kölner Silvesternacht notdürftig amnestiert werden könnten. Der feine Unter‐ schied jedoch besteht darin, dass die Dame in Dubai nichts aktiv getan oder unterlassen hat. Wenn sie etwas hätte besser machen können, dann nicht zur Polizei zu gehen, sondern sich zurück ins Hotelzimmer zu schleichen und sich unter der Dusche kauernd selbst die Schuld zu geben. Und genau das hätten anscheinend auch die Frauen aus Köln machen sollen, nachdem sie umzingelt und von den Blicken anderer abgeschirmt wurden und die Täter selbst laut johlten, damit niemand ihre Schreie hört, und sich stundenlang an ihnen vergingen und sie be‐ raubten. Ein Kulturkreis, in dem Frauen selbst im Paradies höchstens Sexobjekt oder Ehefrau sein können, hat es schwer, dem Rest der Welt noch zu folgen, dessen Ethik sich rasant zu immer höheren Ansprü‐ chen weiterentwickelt. Das Besondere liegt jedoch darin, dass die west‐ liche Ethik, indem sie immer höhere Ansprüche stellt, sich mehr und mehr vom Islam entfernt, was als Vorwurf genügt. Fawzan äußerte sich im Juni 2005 im saudi-arabischen Fernsehen über die Pläne, Frauen Auto fahren zu lassen, wie folgt: „Die, die danach rufen, Frauen Auto fahren zu lassen, können in zwei Gruppen aufgeteilt werden. Die erste Gruppe beinhaltet verwestlichte Leute die, um die Wahrheit zu sagen, die Gesellschaft verwestlichen wol‐ len. Sie wollen die Gesellschaft zerstören, sie korrumpieren und sie in die Tiefen des Verfalls und der Freizügigkeit reißen, wie in den westlichen Gesellschaften. Diese Menschen sind durch das, was sie bei Besuchen oder beim Studium [im Westen] gesehen haben, geblendet, und sie wol‐ len, dass unsere Gesellschaft wie andere Gesellschaften wird. Sie wollen sie frei von allen Werten, von Moral und Sittsamkeit. Sie wollen, dass * Die Organisation Detained in Dubai hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche Fälle aufzudecken. Näheres unter http://www.detainedindubai.org 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 223 Frauen geschminkt und mit unbedecktem Gesicht auf die Straßen gehen wie Huren, wie sie es im Westen sehen.“55 Wenn eine Gesellschaft überhaupt Werte hat, dann nur eine islamische. Trotz dieser feindseligen Ideologie gibt es Menschen, die den Hidschab als ein feministisches Statement betrachten. Die Ideologie hinter dem Hidschab ist jedoch alles andere als feministisch, sie entspringt einer Verachtung für alles Nichtislamische, die wiederum auf einem islami‐ schen Überlegenheitswahn basiert. Und sie bewirkt auch nichts. Je weniger Frau der Mann zu sehen bekommt, desto verheißungsvoller sind die Hand, das Kinn, die Bewe‐ gung der Hüfte, der Blick, die Stimme. Die menschliche Natur setzt sich durch. Man verbietet immer mehr Weiblichkeit und erreicht nichts damit. Der Iran richtete in seiner Vergangenheit auch Minderjährige hin. Bis zum Jahre 2012 waren Jungen bis 15 Jahre noch Kind, Mädchen bis neun Jahre. Da diese Todeskandidaten gewöhnlich noch Jungfrauen sind und es im Islam verboten ist, Jungfrauen hinzurichten, muss man… Sie dürfen raten, welchen Ausweg aus diesem Dilemma sich die Gefängniswachen rechtzeitig vor der Hinrichtung überlegen. Sie müs‐ sen nur darauf achten, die Verurteilte vor der Vergewaltigung auch zu heiraten, um sich selbst nichts zuschulden kommen zu lassen. Nach‐ dem man seinen Spaß hatte, lässt man sich wieder scheiden, und die Verurteilte darf dann offiziell hingerichtet werden. Ist es nicht erschüt‐ ternd, welche Scheußlichkeiten sich daraus ergeben, dass eine be‐ stimmte Regel nicht hinterfragt werden darf und das restliche Recht sich darum herumstricken muss? Die religiösen Regeln sind Sand im Getriebe einer jeglichen Fortentwicklung und vermehren das Leid in der Welt nur noch mehr. 3. Weil die Verschleierung eine Frage der Sittsamkeit ist Was wiederum im Umkehrschluss bedeuten muss, dass eine Unver‐ schleierte allein durch das Fehlen eines Schleiers eine ehrlose Schlam‐ pe ist, wie Fawzan bereits andeutete. Der Hidschab gilt als ein Aus‐ druck von weiblicher Haya, was am Ehesten mit Schüchternheit, Zu‐ rückhaltung oder Verschämtheit zu übersetzen ist und Allah gefällt. Als selbstbewusste Frau werden Sie immer Ärger bekommen. Wenn man die Meme der Islamaktivisten ernst nimmt, gleicht eine unver‐ 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 224 schleierte Frau einem ausgewickelten Lolli mit Fliegen und Dreck drauf, während die keusche Muslima brav darauf wartet, von ihrem Ehemann ausgepackt zu werden. Und wie die Vereinten Nationen in Kooperation mit Promundo festgestellt haben, wird dieses veraltete Frauenbild nicht nur von Männern gelebt, sondern auch von Frauen. In Ägypten, Marokko und Palästina sind mehr Frauen als Männer der Ansicht, dass eine provokativ gekleidete Frau an ihrer sexuellen Beläs‐ tigung selbst schuld ist.56 Da es beide Geschlechter betrifft, scheint die Begründung dafür keine patriarchalische, sondern eine religiöse zu sein. Denn im Libanon ist das anders, hier stimmte nur jede dritte Frau dieser Aussage zu.57 Liegt es daran, dass nur 54 Prozent der Be‐ völkerung des Libanon Muslime sind und Christen dort immerhin 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen, dass das Frauenbild eines Groß‐ teils der libanesischen Bevölkerung also nichtmuslimisch ist? Es ist die Religion, die dafür sorgt, dass beide Geschlechter (und damit die Ge‐ sellschaft) so ein schlechtes Frauenbild haben. All das versteckt sich in der Kairoer Erklärung der Menschenrech‐ te hinter der Formulierung in Artikel 6, dass die Frau dem Manne in ihrer Würde gleichgestellt sei, aber ein eigenes Bürgerrecht besäße. *** Artikel 9 der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam bezeich‐ net das Streben nach Wissen als Pflicht und schreibt vor, dass der Staat im Interesse der Gesellschaft die Vielfalt der Bildung garantieren muss, „damit der Mensch sich zum Wohle der Menschheit mit der Religion des Islam und den Tatsachen des Universums vertraut machen kann“. Das ist lediglich ein Aufruf zur Missionierung. Wissen ist hier in erster Linie Wissen über den Islam, und was die Tatsachen des Universums angeht, so sind die Erkenntnisse der Astronomie, der Kosmologie und der Planetologie wahrscheinlich nur lästige Behauptungen, mit denen der Westen Muslime vom Glauben abbringen will. Das Ziel ist explizit, sich mit der Religion des Islam vertraut zu machen – dem einzigen, was der Mensch wirklich wissen muss. Artikel 10 beschreibt den Islam als „die Religion der unverdorbe‐ nen Natur. Es ist verboten, auf einen Menschen in irgendeiner Weise Druck auszuüben oder die Armut oder Unwissenheit eines Menschen auszunutzen, um ihn zu einer anderen Religion oder zum Atheismus 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 225 zu bekehren“. Toleranz sieht anders aus, aber was will man von Men‐ schen auch erwarten, die den Schlüssel zum Glück bereits in Händen zu halten glauben und die das eigene Ableben leider nie vom Gegenteil wird überzeugen können. Artikel 17 gibt jedem das Recht, „in einer sauberen Umwelt zu le‐ ben, ohne Laster und moralische Korruption, einer Umwelt, die die ei‐ gene Entwicklung des Menschen fördert, und es obliegt dem Staat und der Gesellschaft im Allgemeinen, dieses Recht zu gewähren.“ Was zu‐ nächst nach Umweltschutz klingt, ist in Wirklichkeit ein ideologisches Hygienebedürfnis, das weder Kritik noch jegliche Entwicklung weg von Islam erlaubt. Artikel 22b gibt jedem „das Recht, für das Richtige einzutreten, das Gute zu propagieren und vor dem Falschen und der Sünde zu war‐ nen, wie es den Normen der Scharia entspricht.“ Artikel 22c beschreibt Information als lebensnotwendig für die Gesellschaft – „Sie darf nicht ausgebeutet oder in einer Weise missbraucht werden, die die Heiligkeit und die Würde der Propheten verletzt, moralische und ethische Werte untergräbt oder die Gesellschaft spaltet, korrumpiert oder ihr schadet oder ihren Glauben schwächt“.58 „Das Recht, für das Richtige einzutreten und vor dem Falschen zu warnen“ heißt hier, Nachbarn und Arbeitskollegen zu denunzieren, wenn sie einer religiösen Übertretung schuldig geworden sind; es heißt auch, aus seinen Kindern Extremisten zu machen, denn je mehr Reli‐ gion, desto besser, und es heißt allgemein, sich unausstehlich religiös zu benehmen, mit erhobenem Zeigefinger und dem Air des Gotterge‐ benen durch den Ort zu schreiten und sich in das Leben anderer ein‐ zumischen, als wäre man dazu berechtigt. Denn laut Artikel 22b ist man das. Vor allem aber geht es darum, die öffentliche Meinung zu besitzen. Die Facebook-Seite Atheist Republic ist die größte Vereinigung von Atheisten auf Facebook und hat 1,7 Millionen Mitglieder. Im Mai 2017 ging sie plötzlich offline. Der Grund: islamische Aktivisten der Gruppe Report anti-islamic pages aus Pakistan hatten die Gruppe über mehrere Accounts gemeldet, so dass ein Facebook-Algorithmus einsetzte, der die Seite automatisch sperrte. Die Entsperrung muss dann von den Be‐ treibern wieder aktiv beantragt werden, und bei Facebook müssen dann real existierende Personen eine Entscheidung treffen, ob die Seite 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 226 nicht schädlich oder gewaltverherrlichend ist oder illegales Material verbreitet. Kritik am Islam, und sei sie noch so fundiert, ist für die Frömmler sowohl schädlich als auch illegal, und Artikel 22b gibt ihnen Recht. Innerhalb eines Monats wurde eine ganze Reihe von Facebook- Seiten und Gruppen auf diese Weise angegriffen: Arab Atheist Network (23.500 Mitglieder) Arab Atheist Forum and Network (9.200 Mitglieder) Radical Atheists without Borders (23.500 Mitglieder) Arab Atheist Syndicate (11.000 Mitglieder) Arab Atheist Syndicate, backup (5.000 Mitglieder) Humanitarian Non-Religious (32.000 Mitglieder) Human Atheists (11.000 Mitglieder) Arab Atheists Forum and Network (6.400 Mitglieder) Mind and Discussion (6.500 Mitglieder)59 Falls Sie sich fragen, warum der Islam die Köpfe seiner Anhänger so sehr im Griff hat: weil er Kritik kategorisch ablehnt und so ihren ei‐ genen confirmation bias fördert. Hier hat eine kleine Gruppe von Frömmlern weltweite Verbindungen von Andersdenkenden attackiert, weil sie ihnen nicht nur missfällt, sondern weil ihre Heilige Schrift und auch die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam, die nur Scharia mit jüngerem Datum ist, es explizit nicht zulassen. Nun mag man einwenden, dass die Kairoer Erklärung der Men‐ schenrechte nicht rechtlich bindend ist. Das ist richtig. Viel verstören‐ der ist jedoch, dass 45 muslimischen Nationen offensichtlich nichts Besseres und vor allem Wegweisenderes einfällt als bei jeder Gelegen‐ heit darauf hinzuweisen, dass der Islam das Wichtigste überhaupt sei, und dass er geschützt werden müsse wie nichts anderes auf der Welt. Mit dieser Erklärung wird größtenteils nur zementiert, was schon be‐ kannt war. Dieses Dokument hätte ein Meilenstein sein können, doch es ist immer das Gleiche: religiöse Moral will Weiterentwicklung ver‐ hindern, mit allen Mitteln, denn im Falle des Islam wäre alles andere Bid’ah, unerlaubte Neuerung. Wenngleich die Erklärung Folter, Geiselnahmen, Kolonialismus und Massenvernichtungswaffen verbietet, redet sie ansonsten in jeder Hinsicht der Theokratie das Wort, und zwar gerade weil dieser Aspekt in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte nicht vorkam. Be‐ denken wir, dass dieser Text nicht von den Taliban oder dem Islami‐ schen Staat verabschiedet wurde, sondern von den Außenministern 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 227 von 45 islamischen Ländern. Was für uns Westler wie religiöser Extre‐ mismus wirkt, ist im Islam gar keiner, sondern ein Eintreten für das gefühlt Gute und Richtige. Hier stellt sich auch die Frage: welche Chance hatte der Arabische Frühling von 2011 eigentlich? Sobald menschgemachte Gesetze oder ökonomische Ideen versagen, fällt man auf die Scharia zurück. Es gibt genug Frömmler in Arabien, denen zur Lösung gesellschaftlicher Pro‐ bleme nichts anderes einfällt als mehr Islam, und es gibt noch mehr Muslime in Arabien, die das den Frömmlern glauben. Christliche Ethik? Nein, menschliche Ethik! Man hört es zuweilen von christlichen Apologeten: „Die Kirchen ha‐ ben die Moral! Und zwar von Gott! Sehen Sie doch nur all das Gute, das in der Bibel steht!“ Naja, in der Bibel steht so manches. Hier wird Feindesliebe gepre‐ digt, dort stiftet Gott zum Völkermord an den Amalekitern an. Woher weiß der moderne Christ, welchen Teil davon er ernst nehmen soll? Immerhin sind die Christen, die für Samstagsarbeit an der Tankstelle noch die Steinigung fordern wie im Buch Numeri 15:32-36 beschrie‐ ben, aus irgendeinem Grund heute mit der Lupe zu suchen. Die andere Wange hinzuhalten ist zumindest ein frommer Wunsch. Interessant daran ist, dass der moderne Christ bei einigen Stellen in der Bibel tiefste Abscheu empfindet, während ihm andere Stellen zusagen. Wie kann das sein, wenn wir unsere Moral aus der Bibel oder von Gott haben? Anders gefragt: was braucht der moderne Mensch, um zwischen hässlichen, unnötig gewalttätigen, geradezu blutrünstigen Passagen der Bibel und einer schönen, versöhnlichen, modernen Ethik in der Bibel zu unterscheiden? Richtig, eine moderne Ethik. Wenn die aber nur teilweise der Ethik der Bibel entspricht, kann sie nicht aus der Bibel stammen. Wir würden sonst zu jedem salomonischen Urteil und jeder drakonischen Strafe der Bibel Ja und Amen sagen. Außerdem ist es doch wohl bezeichnend, dass die über Jahrtausen‐ de gepredigte und gelebte christliche Ethik offensichtlich kein friedli‐ ches Zusammenleben schaffen konnte. Auf die Kreuzzüge, die Spani‐ sche Inquisition oder den 30jährigen Krieg braucht man da eigentlich 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 228 gar nicht erst hinzuweisen. Selbst wenn man die Religion nicht als Ur‐ sache dieser Konflikte betrachtet, so war sie mindestens machtlos, und das ist für Organisationen, die viel von Moral und Ethik reden, auch ziemlich wenig. Die Auflösung des ganzen Rätsels ist: menschliche Ethik ent‐ wickelt sich weiter. Zu Zeiten der alten Griechen war die Knabenliebe ein gesellschaftliches Gebot; heute ist sie eine Straftat. Die Vorstellung, dass Platon seinem Schüler Aristoteles nicht nur Philosophie, sondern noch ganz andere -philien beibrachte, wirkt auf uns Menschen des 21. Jahrhunderts völlig unverständlich bis so verstörend, dass wir es am liebsten leugnen möchten. Es passt einfach nicht in unser reinliches, minimalistisches Bild von schlicht gekleideten Philosophen, die durch einen Garten schreiten, Weintrauben und Feigen naschen und die mögliche Existenz von Atomen diskutieren. Nimmt man die Geschich‐ te der Griechen im perikleischen Zeitalter genauer unter die Lupe, so finden wir aus heutiger Sicht eine Bande von pädophilen Sklavenhal‐ tern vor, die einen Redner unabhängig von seinen Argumenten aus‐ buhten, wenn sein Gewand keine schönen Falten warf, denen die Kunst zu argumentieren wichtiger war als Fakten, die sich für körperli‐ che Arbeit schon seit langem zu fein waren, sie daher von Sklaven ver‐ richten ließen und die ihre Philosophie und ihre Kriege mit dem Be‐ stehlen ihrer Bundesgenossen finanzierten. In den Jahrhunderten nach dem griechischen Höhepunkt ver‐ schwand die Peiderastia nicht nur aus dem Leben, sondern auch von der Liste moralisch zulässiger Handlungen. In der Renaissance war es üblich, Geschäftspartner von Außerhalb ins Bordell einzuladen, um die örtlichen Sensationen angemessen präsentieren zu können. Das kann einen Versicherungsmanager heute den Job kosten. Zu Zeiten der Römer war es moralisch einwandfrei, Sklaven in der Arena gegen wilde Tiere antreten zu lassen; wenn es stattfand, ent‐ sprach es der gängigen moralischen Vorstellung. Im Nibelungenlied, das in der Spätantike spielt, wird die Heldin Kriemhild am Ende von Waffenmeister Hildebrand erschlagen, weil sie Hagen getötet hat. Ein Schwert in der Hand einer Frau! Für Hildebrand brach eine Welt zu‐ sammen, eine höhere Ordnung war gefährdet. Es durfte nicht sein. Es spielt hierbei keine Rolle, ob das Nibelungenlied auf der Realität ba‐ 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 229 siert oder nicht - die Autoren haben diese Ethik in ihrem Werk offen‐ bart. Vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert stopfte man in Frankreich in Ermangelung eines Fernsehers Katzen in ein Netz und ließ sie lang‐ sam ins Feuer hinab, um sich an ihren chancenlosen Versuchen zu amüsieren, dem Schicksal zu entkommen. Im Mittelalter galten Katzen noch als die Gesellen der Hexen, was zumindest eine Erklärung sein kann – erst im Jahre 1765 wurde diese Praxis abgeschafft.60 Solches Treiben ist heute nicht nur eine Straftat, sondern unmenschlich und von geradezu psychopathischer Qualität. Damals war es ein Genuss, und keinem Christenmenschen von Rang ist die überlieferte Idee ge‐ kommen, dass damit etwas nicht stimmen könnte. Tiere haben keine Seele. So wurde nicht argumentiert - es gab gar keine Argumentation. Es gab auch keinen Konsens, dass es rechtens wäre, ein Bündel Katzen den langsamen Hitzetod sterben zu lassen, am Rücken gegart, im Kopf noch wach, schlimmer - man dachte sich gar nichts dabei. Dass Tiere arm dran waren, Pferde, Hunde, Esel, Ziegen, Gänse, Hühner, alles was sich nützlich machen konnte, war einfach normal, und das ist es heute noch, auch wenn wir beim Gedanken an Massentierhaltung gerne Krokodilstränen weinen. Christliche Ethik hat hier gar nichts bewirkt, oder sie hat sich mit diesem Thema nie beschäftigt, was auch bedeuten muss, dass ihr das Problem nicht aufgefallen ist. Das aber spricht auch nicht für ethische Überlegenheit. Wir müssen uns auch vorstellen, dass ein Mann wie Thomas Jef‐ ferson, einer der Gründerväter der USA, auf seinem Landsitz Monti‐ cello in Virginia abends an seinem Schreibtisch an Sätzen wie „Alle Menschen sind gleich und haben ein Recht auf das Streben nach Glück“ bastelte, während er bei seiner Lieblingssklavin Sally Hemings einen Kaffee bestellte und sie bei dieser Gelegenheit anwies, sich etwas Hübsches anzuziehen und schon mal das Bett vorzuwärmen, er wäre hier gleich fertig mit der Freiheit aller Menschen und danach noch nicht wirklich müde.* * Sah er es nicht? In einem Brief an John Holmes verglich er 1820 die Freiheit für die Sklaven mit der Situation, einen Wolf bei den Ohren gepackt zu haben; man kann ihn nicht halten, aber man kann ihn auch nicht loslassen, ohne sich selbst zu gefähr‐ den. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 230 Heute gibt es Menschen, die aus ethischen Gründen Veganer sind. Sie argumentieren nicht nur, dass es ein Unrecht sei, Tiere wegen ihres Fleisches zu töten, für sie ist auch die Massentierhaltung zur Gewin‐ nung von Milch und Eiern eine Zumutung gegenüber den Tieren. Sie haben sehr gute, rationale Argumente dafür, und in der atheistischen Szene Deutschlands gibt es überproportional viele Vegetarier und Ve‐ ganer. Der YouTube-Kanal des Dresdners Patrick Schönfeld (Der Art‐ genosse) oder der Blog des Wiesbadeners Jan Hegenberg (Der Graslut‐ scher) setzen sich sehr detailliert mit den Argumenten ihrer Gegner auseinander und liefern selbst kaum zu widerlegende Argumente, de‐ nen auch ich mir als Vegetarier mit Hang zu Käsesauce und Rührei unterlegen vorkomme. So sieht gottlose Ethik in der Praxis aus. Die Behauptung, Atheisten wären religiösen Menschen moralisch unterle‐ gen, ist richtig – wir haben keine zementierte, ewige Moral (die Chris‐ ten ja auch nicht zu haben scheinen), aber stattdessen eine zeitgemäße Ethik. Wenn man Theologen vor das Thema Veganismus setzt und sie mit der Bibel eine Zeitlang allein lässt, werden sie früher oder später irgendeine Passage aus der Bibel anführen, mit der sie meinen belegen zu können, dass der Herrgott es eigentlich immer schon so gemeint habe. „Tierschutz steht schon in der Bibel“, wird es dann heißen. Nur fiel ihnen das komischerweise nicht auf, bevor die Frage nach dem Tierschutz in der Gesellschaft aufkam. Sie müssen erst von der Gesell‐ schaft lernen, wonach sie suchen sollen, und dann finden sie mit Si‐ cherheit und ein wenig Rückschaufehler auch etwas halbwegs Passen‐ des. Von allein geschieht da aber wenig, und wenn immer erst eine Veränderung in der Gesellschaft geschehen muss, damit Theologen drauf gestoßen werden können, dann können sie schwerlich als mora‐ lische Autoritäten gelten, sondern nur als Opportunisten. Außerdem stellt sich die Frage, warum der Herrgott seine Anweisungen in einer Form entstehen ließ, die bis zu ihrer korrekten Entschlüsselung teil‐ weise zweitausend Jahre braucht. Die Ethik einer Gesellschaft kann aber auch jederzeit wieder in barbarische Zustände zurückfallen, und einen Zustand von Empathie und Altruismus aufrecht zu erhalten ist endotherm und kostet Energie, wie der Chemiker sagt. Es ist also fast zwangsläufig, dass die Ethik einer Gesellschaft zu einem beliebigen Zeitpunkt immer teilweise der 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 231 Ethik eines Buches entspricht, solange es nur genug Aussagen macht (also lang genug ist) und die Aussagen vage genug sind, um neu inter‐ pretiert werden zu können. Das ist eine statistische Unausweichlichkeit. Sich dann aber unter völliger Nichtbeachtung von allen Passagen, die der modernen Ethik widersprechen, darauf zu berufen, dieses Buch hätte die Ethik mit Löffeln gefressen, ist substanzloses Wunschdenken. Und noch etwas hat sich über einen sehr langen Zeitraum verän‐ dert: das Ehrgefühl. Für einen Kreuzritter, für einen napoleonischen Kommandanten oder für einen General der Wehrmacht gab es Schlimmeres als den Tod: Den Ehrverlust, also den Eindruck zu hin‐ terlassen, man hätte für Volk und Vaterland nicht alles gegeben. Der amerikanische General George Patton betrachtete die Angelegenheit wesentlich nüchterner, indem er sinngemäß gesagt haben soll: „Man gewinnt Kriege nicht dadurch, dass man für seine Sache stirbt, son‐ dern indem der andere für seine Sache stirbt.“ Er sollte Recht behalten. Ist also zu leugnen, dass menschliche Wertgefüge sich weiterentwi‐ ckeln? Nein. Die Ansprüche des Menschen an sich selbst und beson‐ ders an die eigene Toleranz werden, zumindest in der westlichen Welt, laufend mehr. Noch vor wenigen Jahrzehnten war die körperliche Züchtigung in der Schule oder zuhause Gang und Gäbe. Homosexuali‐ tät war ein Verbrechen. Eine Sünde auch, sicher, aber auch weltlich ge‐ sehen ein Verbrechen. Tierschutz gab es nur wenig und beschränkte sich weitestgehend auf aussterbende Tierarten. Es gab kein Wahlrecht für Frauen, und sie brauchten die Erlaubnis ihres Gatten, wenn sie ein Anstellungsverhältnis eingehen wollten. Vergewaltigung in der Ehe ist in Deutschland erst seit 1997, nach 25 Jahren parlamentarischer Dis‐ kussion, eine Straftat. All diese Dinge muten uns rückblickend entsetz‐ lich und archaisch an. Dennoch geben Kleriker sich jeden Tag Mühe, unsere Zeit als furchtbar darzustellen, und das hauptsächlich wegen der Duldung der Homosexualität, der gemischtgeschlechtlichen Wohngemeinschaft oder der gesellschaftlichen Akzeptanz von Transsexuellen. Ich hätte gerne weitere Beispiele aus breiter gefächerten Gebieten aufgeführt; die Fixierung der Religionen auf Sexuelles beschränkt jedoch die Auswahl. Andererseits war auch der Wahlkampf Donald Trumps auf nichts an‐ deres ausgelegt als auf die Vorstellung, dass es mit Amerika gerade furchtbar bergab ginge, was nicht der Fall war. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 232 Die Kleriker benutzen dann gerne Satzbausteine wie „gerade in der heutigen Zeit“ oder „in Zeiten wie diesen“, womit sie seit 2000 Jah‐ ren die jeweilige Gegenwart meinen. Es ist eine wertlose Phrase. Sie tun das aber aus einem ganz bestimmten Grund: sie müssen Bedarf schaffen für ihre Sache, genau wie Trump. Dabei hat der kanadische Psychologe Steven Pinker in seinem monumentalen Werk Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit bereits 2011 mit großem Aufwand nachweisen können, dass die Welt von heute die friedlichste aller Zei‐ ten ist. Etwa 60 Prozent aller Skelette, die wir aus der Steinzeit ausgegra‐ ben haben, zeigen Spuren von tödlicher Gewalt: abgetrennte Köpfe, zerschmetterte Schädel, Pfeilspitzen in der Brust, gebrochene Genicke. Wenn der Zweite Weltkrieg 60 Prozent der Menschheit das Leben ge‐ kostet hätte, dann hätte er zwei Milliarden Menschenleben kosten müssen statt „nur“ 80 Millionen. Der größte Konflikt unserer heutigen Zeit ist der syrische Bürgerkrieg mit etwa einer halben Million Toten – das aber in sieben Jahren. Der Koreakrieg hat in drei Jahren etwa vier Millionen Menschen das Leben gekostet (1.300.000/Jahr), der Viet‐ namkrieg in zehn Jahren etwa vier Millionen Menschen (400.000/ Jahr), der Sowjetisch-Afghanische Krieg maximal 2 Millionen in zehn Jahren (200.000/Jahr) der Erste Golfkrieg zwischen Irak und Iran ma‐ ximal 800.000 in acht Jahren (100.000/Jahr), der Irakkrieg unter George W. Bush bis 2011 etwa 600.000 Tote in acht Jahren (75.000/ Jahr).* Der Syrische Bürgerkrieg ist da mit 72.000 Toten/Jahr eher niedrig angesiedelt. Der Ukrainekonflikt mit rund 11.000 Toten in vier Jahren ist in dieser Hinsicht fast schon vernachlässigbar, auch wenn je‐ der Tote einer zu viel ist. In vorstaatlichen Gesellschaften waren Stammeskriege an der Ta‐ gesordnung und die prozentualen Verluste wesentlich höher. Mit dem Aufkommen des Staates reifte auch die Entscheidung, nicht jeder ge‐ gen jeden aufeinander loszugehen, sondern das von Berufssoldaten er‐ ledigen zu lassen, was Konflikte in ihrem Ausmaß schrumpfen ließ – * Hier ist allerdings zu beachten, dass die größeren Kampfhandlungen im Mai 2003 nach bereits zwei Monaten abgeschlossen waren. Das Forschungsprojekt Iraq Body Count geht für den offiziellen Zeitraum des Konfliktes von etwa 8.000 getöteten Zi‐ vilisten und etwa 40.000 Kombattanten aus. Der Rest der Toten stammt aus dem an‐ schließenden, religiös motivierten Bürgerkrieg. 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 233 es sei denn natürlich, die Zivilbevölkerung war das erklärte Ziel der Aggression. Heutzutage jedoch sind es fast nur noch die Religiösen und Ideologen, die gegeneinander zu Felde ziehen. Der Rest der Welt ist durch Handel und Globalisierung viel zu abhängig voneinander ge‐ worden – selbst das kommunistische China macht dabei mit. *** Religionen haben nach langem Widerstand die Deutungshoheit über die Wissenschaft verloren, und der moderne Staat zwingt die Bürger nicht mehr in die Kirche, auch wenn es bei der Durchsetzung der Sä‐ kularisation noch viel zu tun gibt. Alles, was die Kirchen noch als Exis‐ tenzberechtigung anführen können, ist das hohe Ross der christlichen Moral. Doch auch darum ist es nicht annähernd so gut bestellt, wie sie gerne behaupten. Ob sie dabei absichtlich lügen oder ihre Argumente selbst glauben, kann ich nicht sicher sagen. Ich halte es für einen grup‐ pendynamischen Prozess, in dem die Kleriker sich ihre Thesen täglich gegenseitig bestätigen. Das ist ganz normal, wenn man hauptsächlich mit Gleichgesinnten spricht, denn das macht den eigenen Standpunkt nicht wahrer, lässt ihn aber selbstverständlicher erscheinen. Das Interessante an der christlichen Moral ist, dass es sie eigentlich gar nicht gibt. Oder sagen wir: aus dem schwer zu überschauenden Pool moralischer Behauptungen der Bibel werden immer die passen‐ den herausgesucht, die sich in die jeweilige Epoche einfügen lassen. Und wenn gar nichts hilft, dann wird so lange herum interpretiert, bis die Welt wieder in Unordnung ist und der christlichen Moral bedarf. Die sieht unter anderem so aus: „Als nun die Kinder Israel in der Wüste waren, fanden sie einen Mann Holz lesen am Sabbattage. Und die ihn darob gefunden hatten, da er das Holz las, brachten sie ihn zu Mose und Aaron und vor die ganze Gemein‐ de. Und sie legten ihn gefangen; denn es war nicht klar ausgedrückt, was man mit ihm tun sollte. Der HERR aber sprach zu Mose: Der Mann soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen draußen vor dem Lager. Da führte die ganze Gemeinde ihn hinaus vor das Lager und steinigte ihn, dass er starb, wie der HERR dem Mose geboten hatte.“ Numeri 15:32-36 „Der Mann aber soll das Haupt nicht bedecken, denn er ist Gottes Bild und Abglanz; die Frau aber ist des Mannes Abglanz.“ 1. Korinther 11, 5 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 234 „Nun bringt alle männlichen Kinder um und ebenso alle Frauen, die schon einen Mann erkannt und mit einem Mann geschlafen haben. Aber alle weiblichen Kinder und die Frauen, die noch nicht mit einem Mann geschlafen haben, lasst für euch am Leben!“ Numeri 31:17, 18 „Ihr sollt kein Aas essen – dem Fremdling in deinem Tor magst du es ge‐ ben, daß er's esse oder daß er's verkaufe einem Ausländer; denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott.“ Deuteronomium 14:21 Dies sind Passagen, die der moderne Christ nicht mehr hervorholt, um die Bibel als moralischen Leitfaden zu verkaufen. Man konzentriert sich lieber auf die brauchbaren Passagen. Dass dabei nur eine willkür‐ liche Auswahl herauskommen kann, liegt in der Natur der Sache. Wis‐ senschaftler aller Richtungen warnen sich gegenseitig vor diesem allzu einladenden Rosinenpicken, denn es kommt dann immer heraus, was man möchte, aber nie die Wahrheit. Das aber macht die Sache für Theologen so attraktiv, während ein Wissenschaftler mit solchen Tech‐ niken in kurzer Zeit dafür sorgen würde, dass ihm niemand mehr zu‐ hört. Darüber hinaus ist nicht einmal die Existenz des Gegenstandes ihrer Disziplin bewiesen, nämlich Gott selbst. Wir sollten das nicht aus den Augen verlieren. Das Christentum hat sich, als es noch stärker die Richtung der Ge‐ sellschaft bestimmte, nur in technologischer Hinsicht vom Islamischen Staat unterschieden. Was das Vernichten von unpassender Literatur, das Aufspüren und Ausmerzen von Kritikern, die Verbreitungsmetho‐ den der eigenen Lehre und die drakonischen Strafen für religiöse Übertretungen angeht, nehmen sich die beiden nicht viel. In Diskussionen zwischen Atheisten und christlichen Apologeten kommt von christlicher Seite früher oder später ein bestimmtes Argu‐ ment: „Wenn Sie so mit dem Islam umgehen würden, hätten Sie schon ganz andere Probleme!“ Der Neid, der hier mitschwingt, stammt aus der Frustration, die Gesellschaft nicht mehr so zu beherrschen wie einst oder der Islam den Nahen Osten heute noch. Es ist eine Sache, de facto keine Gewalt mehr anzuwenden, aber eine ganz andere, den Drang dazu nicht mehr zu verspüren, weil man ja weiß, dass man da‐ mit das Richtige tun würde. Diese Geißel der Menschheit darf nie wie‐ der entfesselt werden, denn wir sind noch dabei, die restlichen Geißeln 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 235 einzufangen. Wer sich entgegen allen Argumenten sicher ist, das Rich‐ tige zu vertreten, ist schon auf dem falschen Weg. Im Islam ist das mit der Moral noch etwas anders gelagert. Das Christentum annektiert, zumindest heute in seiner domestizierten Form, die ethischen Ansichten der Gesellschaft und behauptet, man hätte sie ohne das Christentum nie gehabt. Der Islam nimmt den Pro‐ pheten und macht alles, was er je getan hat oder gesagt haben soll, konsequent zum Vorbild. Wenn es Unterschiede zu den Auffassungen moderner Muslime gibt, dann liegt der Fehler einfach bei ihnen, denn man weiß ja, wie es sich gehört: Mohammed war perfekt, sein Handeln war perfekt, und wer es anders sieht, maßt sich anscheinend ziemlich viel an. Lassen Sie sich diesen Unterschied einmal auf der Zunge zergehen. Im Christentum haben wir eine laufende Anpassung an die bestehen‐ den Verhältnisse. Auch der Judenhass im Dritten Reich war damit machbar; als weltpolitische Größe hatten die Kirchen schon immer ziemlich schüttelbereite Hände. Im Islam wird alles, was ein Feldherr namens Mohammed jemals mit seinen Opfern gemacht hat, zur Tu‐ gend. Es ist das Übliche: die Männer töten und die Frauen an die Kämpfer verteilen, nachdem man sich die Schönsten zur Deckung des Eigenbedarfs herausgesucht hat. Im Christentum ist sündiges Verhal‐ ten sündiges Verhalten, von dem das meiste absolutiert werden kann. Im Islam ist die Sache etwas schamloser aufgezogen: Man nimmt den Menschen alles, was Spaß macht, und verspricht, es ihnen im Jenseits wiederzugeben, sofern sie sich im Diesseits an eine längliche Liste von Regeln gehalten haben. Wer hier den Betrug nicht bemerkt, der will ihn gar nicht bemerken. Für solche Gehirne ist es meistens zu spät. Das beliebteste Haustier in der islamischen Welt ist die Katze, Hunde gelten als rituell unrein. Der Prophet ordnete zwar gütiges Ver‐ halten gegenüber Hunden an, aber die Legende besagt, dass er einmal sogar mit seinem Dolch den Ärmel seines Gewandes abtrennte, weil er die darauf schlafende Katze nicht wecken wollte. Man fragt, sich, wozu eine Gesellschaft imstande ist, die jede noch so unspektakuläre oder schrullige Handlung eines Einzelnen zum Maßstab für die gesamte Gesellschaft macht. Mohammed heiratete Aisha, als sie sechs Jahre alt war, und vollzog die Ehe in ihrem neunten Lebensjahr;61 wenn er es getan hat, dann 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 236 war es gut und ist genehmigt. Die Hysterie, mit der Mohammed ver‐ göttert wird, macht jegliche Abweichung von seinem Vorbild verwerf‐ lich. Von seinem Vorbild abweichen zu wollen heißt bereits, ihn als Vorbild nicht zu akzeptieren. Das ist der Grund für Massenkinderhei‐ raten* in Gaza, bei denen minderjährige Mädchen, deren Lebensziel das Hausfrau und Muttersein ist, an Kämpfer verheiratet werden. Eine Konferenz in Norwegen Anfang 2013 hielt die Organisation Islam Net in Norwegen eine Frie‐ denskonferenz ab. Fahad Qurashi, der Gründer von Islam Net, hielt es für notwendig, auf die Missverständnisse der Ungläubigen in Bezug auf den Islam einzugehen. Und zwar, indem er klar machte, dass das Steinigen von Ehebrechern mitnichten eine exklusive Sichtweise von Extremisten ist. Er fragte die etwa 1500 Zuschauer: „Wie viele von Euch stimmen zu, dass die im Koran und der Sunna be‐ schriebenen Strafen – ob es der Tod ist, oder Steinigung für Ehebruch, was immer es ist, solange es von Allah und seinem Propheten ist – die bestmögliche Strafe für die Menschheit darstellt – und dass wir das in der Welt auch praktizieren sollten? Wie viele Stimmen dem zu?“ Die überwältigende Mehrheit der anwesenden Durchschnittsmuslime hob hier die Hand. Qureshi fragte: „Was, seid Ihr alle Extremisten?“ Das Publikum lachte amüsiert.62 Ist das alarmierend? Ja und nein. Es wäre unsinnig anzunehmen, dass jeder Durchschnittsmuslim in einem westlichen Land die Scharia mit all ihren Unappetitlichkeiten eingeführt sehen will. Das Problem ist eher, dass die Durchschnittsmuslime im Zweifelsfall die Extremis‐ ten gewähren lassen würden, da diese jedes Wort mit dem Koran und den Hadithen belegen können. Der Grund dafür ist die von Kindesbei‐ nen an eingetrichterte, hysterische Verehrung für Allah, den Koran und den Propheten. Wenn ein Durchschnittsmuslim wirklich gegen die Steinigung ist, weil sie ihm unnötig grausam oder archaisch vor‐ kommt, dann ist der Fall klar: das Problem liegt bei ihm, denn er kennt anscheinend die Heilige Schrift nicht gut genug, und er mag sich auch ein wenig dafür schämen. Es ist dann seitens der Extremisten * Ich hätte nie gedacht, dass ich ein solches Wort jemals würde schreiben müssen. 4.2 Religiöse Moral ist der Erzfeind wahrer Ethik 237 leicht, ihn in dieser Ansicht zu bestätigen, und die meisten von ihnen werden dann letzten Endes zustimmen oder wortlos den Weg freima‐ chen. Es sollte auch bedacht werden, wie klein der Schritt vom Gut‐ heißer zum Extremisten selbst ist, wenn man seinen Inhalten bereits grundsätzlich zustimmt. Im Begleittext des Videos auf YouTube schreibt die Organisation selbst: “Der Vorsitzende von Islam Net, Fahad Ullah Qurashi, fragte das Publi‐ kum, und die Antwort war klar. Die Anwesenden waren normale sunniti‐ sche Muslime. Sie sahen sich selbst nicht als radikale oder Extremisten. Sie glaubten, dass die Geschlechtertrennung [im Publikum] richtig wäre, sowohl Männer als auch Frauen stimmten dem zu. Sie unterstützten sogar die Steinigung oder welch immer andere Strafe der Islam oder der Pro‐ phet Mohammed (Friede und Segen über ihm) für Ehebruch oder jegli‐ ches anderes Verbrechen angeordnet haben. Sie glaubten sogar, dass diese Praktiken weltweit eingeführt werden sollten. Nun, was sagt uns das? Ent‐ weder sind alle Muslime und der Islam radikal, oder die Medien sind in ihrer Darstellung des Islam islamophob und rassistisch. Der Islam ist nicht radikal, noch sind Muslime allgemein radikal. Das bedeutet, dass die Medien schuld sind am Hass gegenüber Muslimen, der sich unter den Nichtmuslimen in westlichen Ländern verbreitet.”63 Das Köstliche an diesem Video ist die Tatsache, dass Fahad Qureshi mit dieser Frage ans Publikum klarzumachen glaubte, dass nicht alle Muslime Extremisten sind, und dass die westlichen Medien eine Hass‐ kampagne gegen den Islam schüren. Die Botschaft ist klar: wenn Sie den Inhalt des Videos problematisch finden, dann liegt das nur an Ih‐ nen. Dass Qureshi glaubt, die Vorbehalte gegen den Islam mit diesem Exempel entkräften zu können, zeigt eigentlich nur auf, wie groß die Kluft in den Weltanschauungen zwischen „dem Westen“ und der isla‐ mischen Welt sein kann. Er glaubte, den Spieß mit der Feststellung umdrehen zu können, dass ja alle Muslime so denken und dass es da‐ her kein Extremismusproblem gibt, sondern nur den Islam und igno‐ rante Abneigung dagegen. Die Botschaft ist: sie wollen Auspeitschen und Hände amputieren dürfen, und wenn Ihnen das nicht gefällt, sind Sie ein Islamhasser. Qureshi fordert Respekt für seine Glaubensfestig‐ keit ein, und nie wäre dieser Respekt unangebrachter gewesen. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 238 Der türkische Präsident Erdogan bestätigte Qureshis Sichtweise, als er bereits im Jahre 2007 sagte: „Diese Beschreibung [moderater Islam] ist hässlich und anstößig und eine Beleidigung unserer Religion. Es gibt keinen moderaten oder nicht‐ moderaten Islam. Islam ist Islam, und damit hat es sich.“64 Stellen wir uns vor, wir entdeckten im Amazonasgebiet einen Stamm, der jedes vierte Kind tötet, weil dann angeblich die Ernten besser aus‐ fallen. Müssten wir das auch respektieren, oder würden wir uns nicht verpflichtet fühlen, diesen Menschen Düngemittel und ertragreichere Maiszüchtungen zu bringen, damit das sinnlose Morden endlich auf‐ hört? Ich werde Ihnen sagen, wie es ablaufen würde: der Amazonas‐ stamm würde sich weigern, seine geheiligten Traditionen aufzugeben, und einige von uns würden den Versuch, das Leben dieser Menschen besser zu gestalten, als kulturimperialistisch oder gar als potenziell ras‐ sistisch ablehnen. Rassismus und seine nahen Verwandten Es gibt den Rassismus, der sich durch das Blut definiert, und es gibt den Nationalismus, der sich durch die Nation definiert. Leider sind diese Geißeln der Menschheit in Wirklichkeit Drillinge, und man hört das Wort Religionismus viel zu selten, wenngleich es nicht minder en‐ demisch verbreitet ist als seine Geschwister. Gemeint ist damit die Dis‐ kriminierung aufgrund des Glaubens. Ich möchte des Weiteren den Religionismus noch abgrenzen von jenem Rassismus, den der eine oder andere Gläubige in sich herumtra‐ gen mag. Sicherlich gibt es Christen, Juden, Muslime, Buddhisten und andere Gläubige, die auch Rassisten sind – der Süden der USA ist voll davon. Hier kann man monieren, dass die Religion, selbst wenn sie den Rassismus nicht vorschreibt, dennoch machtlos dagegen zu sein scheint. Die Hotspots des Rassismus in den USA sind aber auch gleichzeitig die religiösen Zentren. Das eine muss nicht ursächlich für das andere sein, aber diese Phänomene korrelieren eindeutig. Joseph Smith hatte es sich als Gründer des Mormonentums nicht leisten können, irgendjemandem die Teilnahme an seiner Bewegung vorzuenthalten. Als er im Jahre 1844 in Carthage, Illinois von einem 4.3 4.3 Rassismus und seine nahen Verwandten 239 wütenden Mob erschossen wurde, wurde Brigham Young sein Nach‐ folger, der 1845 erließ, dass Schwarze nicht Mormonenpriester werden oder an den Riten teilnehmen konnten. Hundertdreißig Jahre später, im Jahre 1978, spielte der Mormonenpräsident Spencer W. Kimball mit dem Gedanken, in Brasilien eine Zweigstelle aufzumachen. Ihm däm‐ merte bei dieser Gelegenheit, dass ein Großteil der Bevölkerung Brasi‐ liens ja gemischtrassig ist, und erhielt umgehend die passende Offen‐ barung: von nun an dürften alle Menschen unabhängig von Rasse oder Hautfarbe zum mormonischen Priestertum ordiniert werden. Wie pas‐ send, und vor allem vollständig ohne einen tatsächlichen Schöpfer möglich. Strenggläubige Muslime träumen unentwegt von der Umma, der weltweite Gemeinschaft aller Muslime, die sich als verschworene Trup‐ pe gegen den Rest der Welt wehren – wobei noch angemerkt sei, dass die aggressivsten Zeitgenossen gewöhnlich diejenigen sind, die sich umzingelt und der Vernichtung nahe wähnen, obwohl das gar nicht stimmen muss. Paranoia will gelebt werden und hält den Paranoiden auf Trab. Die Umma hält die Menschen im Glauben fest zusammen, träumt der Salafist, und Rassismus ist ein Phänomen, das es aus‐ schließlich im verhassten Westen gibt. Schaut man sich die Länder des Nahen Ostens genauer an, so sind sie jedoch voll von Diskriminierung und Tribalismus, also Stammesdenken. Als ich im Jahre 2012 etwa zum achten Mal im jordanischen Zarqa zu Gast war und wir im Ocean Restaurant in der Mecca Street zu Mit‐ tag aßen (es ist erstaunlich, welch hochwertige Fischrestaurants man in der Wüste hochziehen kann), geriet einer meiner Gastgeber, ein äu‐ ßerst liebenswerter Syrer aus Damaskus namens Haitham, in eine hit‐ zige Diskussion mit dem ebenfalls syrischen Oberkellner des Restau‐ rants. Da mein Arabisch mit „nichtexistent“ noch euphemistisch um‐ schrieben ist, fragte ich ihn anschließend, worum es bei der Diskussi‐ on gegangen sei – ich hatte mich bereits an meine Gabel geklammert, sollten Handgreiflichkeiten ausbrechen. Haitham erwiderte: Haitham: „Wir haben uns über Assad und den Krieg unterhalten. Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht nach Syrien zu‐ rückkehren werde, solange Assad an der Macht ist.“ Ich: „Und was hat er erwidert?“ 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 240 Haitham: „Unterm Strich hat er gesagt: Ich mag ihn ja auch nicht, aber er ist von meinem Stamm, was soll ich machen.“ Das Stammesdenken bestimmt in der arabischen Welt immer noch sehr viel, und es gibt keine Anzeichen, dass es besser werden würde. In Saudi-Arabien teilt sich die Gesellschaft neben der Religion noch in die Ethnie: da gibt es die Hadar, die nicht beduinischen Ursprungs sind, und diejenigen, die es sind. Wer keine beduinischen Vorfahren hat, kommt nur schwer an wichtige Positionen und wird meist auch gar nicht zum Militär zugelassen. Er bedankt sich dafür bei der herr‐ schenden Klasse mit dem Wort „Soroob“, was „Wilder“ heißt und an den beduinischen Bevölkerungsteil gerichtet ist, zu dem auch das Kö‐ nigshaus der Saud gehört. Khairallah Talfah, irakischer Exoffizier und Onkel sowie Schwie‐ gervater von Saddam Hussein, schrieb im Jahre 1981 ein zehnseitiges Pamphlet mit dem bescheidenen Titel Drei Dinge, die Gott nicht hätte erschaffen sollen: Perser, Juden und Schmeißfliegen, in dem er Iraner als „Tiere, denen Gott das Aussehen von Menschen gab“ und Juden als „einen Mischung aus Dreck und den Resten einiger Völker“65 bezeich‐ nete, während er den Schmeißfliegen immerhin zubilligte, dass wir Gottes Absicht bei ihrer Erschaffung noch nicht verstünden. Das Pam‐ phlet wurde fleißig an Schulkinder verteilt, und Saddam Hussein ließ sich den Buchtitel auf eine Plakette drucken, die er sich auf den Schreibtisch stellte. Das gängigste Wort für Schwarze in der arabischen Welt ist das Wort Abeed, was „Sklaven“ bedeutet und in seiner Schärfe dem N- Wort gleich steht. Der amerikanische Aktivist Dawud Walid vom Council on American-Islamic Relations (CAIR) sah sich in einem Ar‐ tikel in The Arab American News genötigt, seine Mitgläubigen darauf hinzuweisen, dass das Wort Abeed zutiefst beleidigend ist, obwohl es gleichzeitig einen tief gottgläubigen Menschen („Sklave Gottes“) be‐ deutet: „Es ist unaufrichtig zu sagen, dass es ein gutes Wort sei, weil zutiefst Gott‐ gläubige auch ‚Abeed‘ sind. Wenn Menschen diesen Ausdruck benutzen, dann nicht um darauf hinzuweisen, dass Schwarze die besten Gläubigen wären, und sie nennen auch Hellhäutige oder fromme Mitglieder ihrer Familie nicht ‚Abeed‘. Der Ausdruck hat hässliche Wurzeln und ist herab‐ würdigend. Sein Gebrauch sollte daher aufhören, anstatt es den Beleidig‐ 4.3 Rassismus und seine nahen Verwandten 241 ten weg zu erklären und ihnen zu sagen, sie sollten nicht so empfindlich sein, weil es ja etwas Gutes meine.“66 Und auch das Wort „Kaffer“, das zu Kolonialzeiten in Europa und auch später noch in den europäisch kontrollierten Gebieten Afrikas benutzt wurde, hat seine Wurzel im arabischen Wort Kuffar, das be‐ kanntlich für Ungläubige steht. Und wo wir gerade beim Thema Sklaverei sind: die nordafrikani‐ schen Barbaresken-Korsaren, die von Tripoli im heutigen Libyen aus operierten, haben zwischen 1530 und 1780 rund eine Million Europä‐ er durch Überfälle auf Küstenstädte versklavt oder für Lösegelderpres‐ sung gefangen genommen, so auch den spanischen Dichter Miguel de Cervantes, berühmt für seinen Don Quijote. Ihre Raubzüge führten sie über das gesamte Mittelmeer bis nach Frankreich, England, Irland und sogar bis nach Island. Im Juli 1785 kaperten Barbaresken-Korsaren zwei amerikanische Handelsschiffe, nahmen ihre Besatzung als Geiseln und verlangten 60.000 Dollar Lösegeld, in heutigem Wert einige Millionen. Thomas Jefferson und John Adams machten sich auf den Weg nach London, um dort den Gesandten aus Tripoli zu treffen. Auf die Frage, was diese konstanten Geiselnahmen und Versklavungen denn sollen, erwiderte der Botschafter (zitiert nach Jefferson): „Es stand in ihrem Koran geschrieben, dass alle Nationen, die den Pro‐ pheten nicht anerkannten, Sünder wären, die zu plündern und zu verskla‐ ven das Recht und die Pflicht der Gläubigen wäre; und dass jeder Musel‐ man, der in dieser Kriegführung fiele, mit Sicherheit ins Paradies käme. Er sagte auch, dass der Erste, der ein Schiff enterte, über seinen normalen Anteil hinaus einen Sklaven mehr bekommen würde…“67 Thomas Jefferson war der Ansicht, man solle nicht auf die Forderun‐ gen eingehen, da man die Korsaren damit nur zu weiteren Raubzügen ermutigen würde. Allerdings dauerte es noch, bis er Gehör fand, und so wurde das Problem stetig größer – im Jahre 1800 etwa gab der ame‐ rikanische Staat rund eine Million Dollar für solche Lösegeldforderun‐ gen aus, was gut 10 Prozent seiner gesamten Einnahmen ausmachte. Als Jefferson im Jahre 1801 selbst Präsident der USA wurde, ver‐ langten die Herrscher in Tripoli „auf gute Zusammenarbeit“ 225.000 Dollar Tribut von ihm. Jefferson weigerte sich, und so erklärte der Pa‐ scha den USA kurzerhand den Krieg, der als Amerikanisch-Tripolita‐ 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 242 nischer Krieg bekannt wurde und mit dem Sieg der USA im Jahre 1805 endete. Da andere nordafrikanische Freibeuter allerdings unverhohlen weitermachten, kam es im Jahre 1815 zum Zweiten Barbareskenkrieg, der dem Spuk endlich ein dauerhaftes Ende setzte. Die Piraterie der Muselmanen in Nordafrika war einer der drängendsten Gründe, war‐ um die USA sich jemals eine hochseetaugliche Flotte zulegten. Wer al‐ so den islamistischen Terror mit den Taten der USA im Nahen Osten rechtfertigt, der legitimiert auch die Existenz der US Navy mit dem gleichen Argument. Wie der schiitische Geistliche Mohammed Baqir Al-Qazwini vom Islamic Centre of America in Michigan vor wenigen Jahren erklärte, ist Unglaube das Schlimmste, was dem Menschen passieren kann. Daher ist es geradezu ein Akt der Gnade, Nichtmuslime zu versklaven, denn schließlich führt man sie damit an den Islam heran.68 In Jordanien kann man auf den Heckscheiben der Autos, die das Stadtbild zieren, gelegentlich einen Aufkleber in Form einer Krone se‐ hen. Ich fragte Haitham einmal, was das bedeute, und bekam zu hören, dass die Besitzer der Fahrzeuge sich damit als echte Jordanier kenn‐ zeichnen, im Gegensatz zum Großteil der Bevölkerung von Amman, die aufgrund der Migrationsbewegungen nach dem Sechstagekrieg pa‐ lästinensischer Abstammung ist. Wer die Krone auf seine Heckscheibe setzt, ist vom Stamme der Banu Haschim, der Haschimiten, die das jordanische Königshaus stellen und die vom Stamm der Banu Qura‐ isch abstammen, zu denen auch der Prophet gehörte. Nationalstolz im Angesicht von Migrationsbewegungen? Nicht doch, das gibt es nur im Westen. Dennoch ist Jordanien alles andere als ein schwerer Fall, was die übliche Korrelation zwischen Religiosität und Rassismus angeht, denn Amman ist eine der weltoffensten Städte im Nahen Osten. Für pakistanische Taxifahrer in Dubai sieht es da schon schlechter aus, Muslim oder nicht. Nehmen wir nun ein wirklich religiöses Land: Saudi-Arabien, Stif‐ ter des Wahhabismus, Herrscher über die Heiligen Stätten des Islam – die Sie als Nichtmuslim übrigens nicht betreten dürfen. Wenn Sie von Dschiddah aus auf dem Highway 40 nach Osten Richtung Mekka fah‐ ren, erreichen Sie nach einiger Zeit zwei Steinbögen über dem High‐ way – dies ist die Haram Boundary, etwa 20 Kilometer von der Großen Moschee entfernt. Wenn Sie die Boundary überhaupt erreichen, sind 4.3 Rassismus und seine nahen Verwandten 243 Sie wohl Muslim, denn ein Schild einige Kilometer zuvor hat Ihnen die letzte Gelegenheit gegeben, abzubiegen und Mekka nicht mit Ihrer An‐ wesenheit oder auch nur Ihrer Durchreise zu beleidigen. Das Ver‐ kehrsschild zeigt einen Pfeil geradeaus nach Arafat Makkah, der mit den Worten „Muslims only“ erklärt wird, und einen Pfeil nach rechts, der nach Dschiddah zurückführt und den Hinweis „Obligatory for non muslims“ trägt – für Nichtmuslime verpflichtend. Ich kann Sie aber beruhigen, es liegt nicht an den Menschen in Saudi-Arabien. Sure 9 des Korans besagt in Vers 28: „O die ihr glaubt, die Götzendiener sind fürwahr unrein, so sollen sie sich der geschützten Gebetsstätte nach diesem, ihrem Jahr nicht mehr nähern! Und wenn ihr (deshalb) Armut befürchtet, so wird Allah euch durch Sei‐ ne Huld reich machen, wenn Er will. Gewiss, Allah ist Allwissend und Allweise.“ Was will man da machen, der Oberste hat es nun mal bestimmt. Mit „Götzendienern“ sind vornehmlich Juden und Christen gemeint, aber auch Ahmadiyya dürfen nicht die Haddsch nach Mekka machen und werden aus der Stadt geworfen, sobald sie als solche erkannt werden. Auch Khola Maryam Hübsch zählt zu diesen Ausgestoßenen des Is‐ lam, den sie so leidenschaftlich verteidigt. Frau Hübsch gehört bei strenger Auslegung des Korans auch zu den im Folgenden Gemeinten. Die Sure 8 (Die Beute) besagt in Vers 55: „Gewiß, die schlimmsten Tiere bei Allah sind die, die ungläubig sind und (auch) weiterhin nicht glauben.“ Was in der westlichen Welt unverhohlener Rassismus wäre, käme es von irdischer Stelle, ist hier einfach vom Schöpfer des Universums vor‐ gegeben und daher nicht anzuzweifeln. Die genaue Chronologie der Sure ist nicht unumstritten. In der ägyptischen Standard-Reihenfolge ist Sure 8 die 88ste von insgesamt 114 Suren, in der Ordnung von Theodor Nöldeke ist sie die 95ste. In beiden Chronologien (die ägypti‐ sche ähnelt Nöldekes) ist sie bereits eine medinische. Sie hebt damit die friedlicheren, mekkanischen Suren auf, die zum Frieden und zu ge‐ genseitiger Toleranz einladen. Wer das als Muslim ernst nimmt, der kann nicht anders als den Westen zu hassen – tut er es nicht, versün‐ digt er sich. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 244 Wenn Kritik am Islam rassistisch ist (der Islam ist aber keine Rasse) und wir die Latte tatsächlich so tief setzen müssen, dann ist Allah an‐ scheinend ebenfalls ein Rassist. Das passendere Wort aber lautet Reli‐ gionist, denn hier benutzt niemand die Heilige Schrift als Ausrede für Rassismus – die Schrift selbst gibt vor, was man von Andersdenkenden zu halten hat. Das ist Religionismus – die Herabwürdigung Anders‐ denkender aufgrund von religiösen Überzeugungen. Und birgt die Tatsache, dass der Schöpfer des Universums seine letzte und wichtigste Botschaft den Menschen nur auf Arabisch gab, nicht bereits genug Po‐ tential für ungerechtfertigte Selbstüberhöhung? Wieviel Auserwählt‐ sein liegt allein darin, dass er seine Botschaft nicht auf Chinesisch ver‐ breitete, oder auf Altenglisch, oder auf Französisch, in der Sprache der Maya, auf Latein oder besser noch in allen Sprachen gleichzeitig? Nein, Gott liebt die Araber ganz besonders. Wie die arabisch-kanadische Ex‐ muslima Yasmine Mohammed auf ihrer Facebook-Seite Confessions of an Ex-Muslim feststellte: "Für arabische Muslime werden alle anderen Muslime immer Untergebe‐ ne sein. Sie sind nur Konvertiten, die ihr Bestes tun um sich anzupassen, aber das können sie nie, da sie nicht einmal das unübersetzte Wort Allahs verstehen. Sie werden immer einen arabischen Muslim brauchen, der ih‐ nen die Religion erklärt. Natürlich wollen sie, dass man konvertiert, da‐ mit sie die Umma vergrößern können, aber man wird den echten arabi‐ schen Muslimen niemals gleich sein."69 Und natürlich ist der Islam da nicht allein. Muss ich auf die Streitigkei‐ ten des Christentums mit anderen Religionen und mit sich selbst hin‐ weisen, auf die Sachsenkriege Karls des Großen, den Nordirlandkon‐ flikt, die Eroberung der Neuen Welt, die Christianisierung Europas und Amerikas, die Hexenverfolgungen, Bücher wie The Religious In‐ struction of the Negroes von Reverend Charles Colcock Jones aus dem Jahre 1843, den Dreißigjährigen Krieg, die Konflikte zwischen Chris‐ ten und Heiden, zwischen Katholiken und Protestanten, die wenn überhaupt dann erst der säkulare Staat beendet hat? Wieviel davon war Rassismus, für den nur religiös argumentiert wurde, wieviel davon war Nationalismus, und wieviel davon entstammte dem bloßen Über‐ legenheitswahn der eigenen Theologie? „Tötet sie, der Herrgott wird die Seinen schon erkennen“, wie der französische Bischoff Arnold Amalrich im Jahre 1209 bereits gesagt 4.3 Rassismus und seine nahen Verwandten 245 haben soll, als die Kreuzritter bei der Belagerung von Béziers nicht wussten, wie man die guten Katholiken von den Ketzern unterschei‐ den solle. Hier treffen sich der Religionismus und das Verschieben von Verantwortung nach oben wie die zwei Komponenten eines binären chemischen Kampstoffes. Religion ist Gift für das friedliche Zusam‐ menleben. Das aber nicht nur, wenn verschiedene Religionen sich be‐ gegnen. Religiöse Moral, naturtrüb und ohne säkulare Zusätze Farkhunda Im März 2015 ging eine junge Frau namens Farkhunda (wie viele an‐ dere in Afghanistan hatte sie keinen Nachnamen) in Kabul auf einen Verkäufer von Koranversen zu. Es ist in Afghanistan gängig, Zettel mit Koranversen am Körper zu tragen, die als eine Art Talisman gegen di‐ verses Übel wirken sollen. Da Farkhunda eine strenggläubige Muslima war und in Anlehnung an Koran und Artikel 22b der Kairoer Erklä‐ rung der Menschenrechte das Richtige propagieren sowie vor dem Fal‐ schen warnen wollte, stellte sie den Mann für sein unislamisches Ver‐ halten mit inquisitorischem Eifer zur Rede, denn diese Praxis ist nur ein lokaler Brauch, aber kein islamisches Dogma. Da der Mann um seinen Lebensunterhalt fürchtete, beschloss er die Argumentation schnell zu gewinnen, indem er ihr mehrfach und so laut vorwarf, einen Koran verbrannt zu haben, dass die Umstehenden hellhörig wurden. Schnell war man sich einig, dass Farkhunda nicht nur ein Apostat, sondern auch ein muslimfeindlicher Agent sei, der sich nur dem korrupten Westen andienen wolle. Unter dem Geschrei von antiamerikanischen und antidemokrati‐ schen Parolen ergriff man sie und schlug sie mit Fäusten und mit Holzlatten, bis eine Polizeistreife eingriff und die Blutende auf ein La‐ dendach rettete. Dort verloren die Polizisten anscheinend ihre Autori‐ tät oder hatten von vornherein mit dem Mob sympathisiert. Jedenfalls zog die Menge die verletzte Farkhunda wieder vom Dach, schlug sie bewusstlos, überfuhr sie mehrfach mit einem Jeep, steinigte noch de‐ monstrativ ihre Leiche und spendete schließlich Kleidung, um ihren 4.4 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 246 Leichnam noch vor Ort anzuzünden - ihre eigenen Textilien waren be‐ reits blutgetränkt und brannten nicht mehr. Anschließend warf man die Gegrillte in das trockene Flussbett. Auch hier wurde wieder fleißig gefilmt, falls Sie sich an solchen Bildern delektieren können. Interessant für unsere Betrachtung aber waren die Reaktionen auf diesen Vorfall. Hashmat Stanekzai, Polizeisprecher von Kabul, äußerte sich dahin gehend, dass Farkhunda wie so viele andere „Ungläubige“ mit ihrem schandhaften Verhalten nur auf eine Aufenthaltsgenehmi‐ gung in den USA oder Europa spekuliert habe, stattdessen aber das Leben verlor. Der stellvertretende Minister für Kultur und Information, Simin Ghazal Hasanzada, hieß die Exekution der Frau gut, die „für die Un‐ gläubigen arbeitete“. Zalmai Zabuli, Leiter der Beschwerdestelle des Parlamentes, postete ein Bild von ihr mit dem Text: „Dies ist die furchtbare und gehasste Person, die von unseren muslimischen Lands‐ männern für ihre Handlungen bestraft wurde. Sie bewiesen damit ihren [Farkhundas] Herren, dass Afghanen nur den Islam wollen und Imperialismus, Apostasie und Spione nicht dulden können.” Der islamische Gelehrte Maulavi Ayaz Niazi warnte die Regierung, dass jeglicher Versuch, die Männer zu verhaften, die den Koran vertei‐ digt hatten, zu einem Aufstand führen werde. Im Verlauf der nächsten Tage stellte sich dann heraus, dass Fark‐ hunda nie einen Koran verbrannt hatte und tatsächlich Muslima gewe‐ sen war. Die öffentliche Meinung schlug sofort in Bestürzung um, Pro‐ testmärsche wurden organisiert, und Ahmad Ali Jebreili vom Rat der Höchsten Religionsgelehrten verurteilte den Lynchmord und nannte ihn „dem Islam zuwider“. Abu Ammaar Yasir Qadhi, einer der angese‐ hensten islamischen Gelehrten in den USA, sagte dazu: „Wie zivilisiert eine Nation ist, erkennt man daran, wie sie ihre Frauen behandelt. Mö‐ ge Allah den Respekt und die Ehre wiederherstellen, die Frauen in un‐ seren Gesellschaften verdienen.“ Ob er damit auch nichtmuslimische Frauen meinte, ist nicht überliefert. In einem rekordverdächtig kurzen Gerichtsverfahren wurden be‐ reits zwei Monate später vier Täter zum Tode und acht weitere zu lan‐ gen Haftstrafen verurteilt. Elf Polizisten bekamen ein Jahr Gefängnis, da sie ihrer Pflicht nicht nachgekommen waren, die Angegriffene zu beschützen. 4.4 Religiöse Moral, naturtrüb und ohne säkulare Zusätze 247 Es gibt vieles an diesem Fall, über das wir reden könnten. Die Lynchjustiz, die Halbherzigkeit der Polizei, natürlich auch der religiöse Eifer. Ich habe dieses Beispiel jedoch gewählt, um auf etwas anderes aufmerksam zu machen: die Prioritäten. Als der Mob zu wissen glaubte, dass Farkhunda (selbst streng reli‐ giös und hierzulande wahrscheinlich ein Fall für den Verfassungs‐ schutz) einen Koran verbrannt hatte, hakte der Verstand kollektiv aus. Sämtliche Feindbilder von USA bis Demokratie allgemein wurden in einem pawlowschen Reflex herausgeholt, von dem die AfD noch was lernen kann. Hier ist sehr schön zu erkennen, wie das Feindbild aus‐ sieht: der Westen. Sie wissen schon, jener blutrünstige Moloch, der in den Achtzigern den Afghanen half, sich gegen die ungläubigen Invaso‐ ren aus der Sowjetunion zu wehren. Der Grund, warum wir Westler als Feind gelten, ist der: wir sind ohne Islam zufrieden. Das ist aus isla‐ mischer Sicht bereits Frevel genug. Im Kampf gegen die Sowjets waren die USA ein nützlicher Idiot gewesen – eine echte Partnerschaft hatte nie bestanden. Und das Leben eines Muslims scheint nicht nur in der Theologie, sondern auch in der islamischen Realität wertvoller zu sein als das eines Kafir. Die Mörder Farkhundas ernteten Beifall von Vertretern des Staates und der Theologie genau bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Verleum‐ dung als solche erkannt wurde. Dann erst begann man, von Unrecht zu sprechen, denn sie war tatsächlich eine echte Muslima gewesen. Was wäre geschehen, wenn sie tatsächlich einen Koran verbrannt hät‐ te? Das Gleiche, nur ohne den bereuenden Teil. Was, wenn sie eine Nichtmuslima gewesen wäre, die aber keinen Koran verbrannt hätte? Hätte ihr versehentlicher Lynchmord dann die gleiche Bestürzung aus‐ gelöst? Nur in der westlichen Welt, und Kritik an diesem Lynchmord wäre dann wohl ein Fall von antiislamischem Rassismus gewesen. Auch waren die Täter keine Taliban oder von der Religionspolizei gewesen, sondern der berühmte Ottonormalverbraucher auf einem Markt. Ich habe mir den Geisteszustand solcher Leute immer als einen Kippschalter vorgestellt, der nur allzu leicht umgelegt werden kann, aber das ist wahrscheinlich nicht richtig, denn sie wechseln nicht von einem gesunden Zustand in einen besessenen. Sie sind chronisch be‐ sessen. Ein treffenderes Bild ist, dass diesen Menschen von Kindesbei‐ nen an ein hochentzündlicher Haufen benzingetränktes Holz im Kopf 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 248 aufgeschichtet worden ist, der von jeder noch so kleinen Zündquelle entfacht werden kann. Auch das ist Monotheismus: die Vorfreude auf das Streichholz, das man gereicht bekommt. Ist es nicht auffällig, wie sehr im Verlauf dieses Falls zwischen einem moralisch richtigen und einem moralisch falschen Lynchmob unterschieden wurde? Verhaftung, Anklage, Verteidigung, Urteil, Re‐ vision sind Dinge, die „der Westen“ für notwendig hält, jener Haufen von Fehlgeleiteten, die „jedem Impuls folgen“. Die spontane Tötung einer Frau aufgrund eines Marktgerüchtes ist hingegen ein Akt von göttlicher Gerechtigkeit, sofern sie schuldig ist. Das Gerichtsverfahren, das man den Tätern überhaupt gab, basiert übrigens auf der Neuord‐ nung des afghanischen Staates durch die Alliierten nach der Beseiti‐ gung der Taliban 2002. Der Mörder lebe hoch Im Juni 2009 arbeitete die Christin Aasiya Noreen auf einem Feld in der pakistanischen Provinz Punjab. Als sie Wasser holen geschickt wurde (Christen werden in Pakistan eher für niedere Arbeiten einge‐ stellt), nahm sie sich mit der vorhandenen Blechkelle einen Schluck aus der Quelle, bevor sie den Krug füllte. Ein Nachbar sah sie dabei und warf ihr vor, sie dürfe nicht dasselbe Trinkgefäß benutzen wie Muslime, da sie als Christin unrein sei. Als man ihre christliche Religi‐ on beleidigte, sagte sie: „Ich glaube an meine Religion und an Jesus Christus, der am Kreuz für die Sünden der Menschheit starb. Was hat Mohammed jemals für die Menschen getan?“ Die frommen Nachbarn schwärzten Aasiya daraufhin bei einem örtlichen Geistlichen an. Am selben Abend drang der unvermeidliche wütende Mob in ihr Haus ein und schlug sie und ihre Familie. Als die Polizei eintraf, wähnte sie sich in Sicherheit – die Polizei nahm sie je‐ doch wegen Blasphemie fest. Gegen ihr Todesurteil ist mehrfach Beru‐ fung eingelegt worden, so dass sie heute (September 2018) noch lebt, doch auch im Falle einer Freilassung jederzeit mit einem Lynchmord rechnen muss. Salman Taseer, der Gouverneur der Provinz Punjab, setzte sich für ihre Freilassung ein und wagte es auch, sich für die Anerkennung der Ahmadiyya-Gemeinde als Muslime stark zu machen. Als er in einem 4.4 Religiöse Moral, naturtrüb und ohne säkulare Zusätze 249 Fernsehinterview an der Richtigkeit des pakistanischen Blasphemiege‐ setzes zweifelte, war das Maß anscheinend voll. Mumtaz Qadri, sein ei‐ gener Leibwächter, entleerte am 4. Januar 2011 in der Nähe von Tase‐ ers Haus in Islamabad das komplette Magazin seiner Kalaschnikow in Taseers Rücken. Qadri, sich selbst keines Unrechts bewusst, ergab sich auf der Stelle und wurde verhaftet. Salman Taseer bekam ein schlichtes Grab in seiner Heimatstadt Lahore, und 6.000 Menschen nahmen an seiner Beisetzung teil. Mehrere hundert Geistliche der einflussreichen islamischen Orga‐ nisation Jamaat Ahle Sunnat begrüßten die Tat und feierten den Mör‐ der als Helden. Qadri wurde im Oktober 2011 des Mordes und Terrors schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Sofort nach Bekannt‐ werden des Urteils brachen landesweite Proteste aus – der Richter, der das Urteil gefällt hatte, musste wegen Drohungen von Extremisten das Land verlassen. Am 29. Februar 2016 wurde Mumtaz Qadri in einem Gefängnis in Rawalpindi gehängt. Schätzungsweise 100.000 Personen nahmen an seiner Beisetzung in Bhara Kahu teil – ein viereinhalbminütiges Video zeigt eine endlose Kolonne von Fahrzeugen mit grünen Fahnen und erhobenen Zeigefingern. Mumtaz Qadri hat heute einen eigenen Schrein, der stets mit frischen Blumen geschmückt ist, die die Besu‐ cher seines Grabes in einem kleinen Laden kaufen können, der auch Bilder von Qadri in voller Bewaffnung oder als friedliche Leiche zeigt. Der Schrein wird immer noch ausgebaut. Bereits am ersten Tag nach seiner Beerdigung waren 80 Millionen Rupien an die Mumtaz Qadri Shaheed Foundation (Shaheed = Märtyrer) gespendet worden, was et‐ wa 640.000 Euro sind. Und schon gehen die Gerüchte, dass Gebete, die an seinem Schrein verrichtet werden, garantiert in Erfüllung gingen, denn als Märtyrer hat Qadri einen Platz im Paradies direkt neben dem Propheten, wo es mittlerweile ziemlich eng sein muss. Pakistan, das sich anlässlich der Gründung Indiens als eigener Staat für die indischen Muslime abspaltete, ist ein Land der Zerwürf‐ nisse. Es ist genau umgekehrt wie im Iran. Dort unterdrückt ein reli‐ giöses Regime das weitgehend säkulare Volk – in Pakistan muss der Staat, der offiziell Mörder vor Gericht stellen muss, jederzeit mit Auf‐ ständen durch die religiösen Massen rechnen, wenn der Religion nicht Vorrang gegeben wird. Immer muss abgewägt werden, was gesetzes‐ 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 250 konform und was islamkonform ist. Wie sonst kann man sich erklären, dass einer der fähigsten Geheimdienste der Welt, der pakistanische ISI, über Jahre nicht bemerkt haben will, dass Osama bin Laden in Abotta‐ bad nur 20 Gehminuten von der größten Militärakademie des Landes entfernt wohnte? Der ISI leugnet, davon gewusst zu haben. Der amerikanische Jour‐ nalist Seymour Hersh argumentiert, es sei nicht der Verdienst des CIA gewesen, bin Laden aufzuspüren, sondern der eines Informanten aus den Reihen des ISI, welcher bin Laden in fraglichem Anwesen als Faustpfand gegen die Taliban und Al-Qaida inhaftiert gehalten habe. Ist die Macht des Staates in Pakistan so fragil, dass sie mit Terroristen verhandeln müssen, weil ihre erfolgreiche Bekämpfung eh schon aus‐ sichtslos ist? Wenn das so ist, dann nur, weil religiöse Ideen in Pakistan wild grassieren, anstatt von einem säkularen Staat und einem aufge‐ klärten Volk im Zaum gehalten zu werden. *** Ich habe immer wieder die Beobachtung gemacht, dass exmuslimische Islamkritiker von Muslimen bevorzugt mit dem Vorwurf angefeindet werden, sie wollten nur Geld machen (wenn es ein Mann ist) oder sie wären unehrenhafte Schlampen (wenn es sich um eine Frau handelt). Der Islamische Staat hat in der Ausgabe seines Magazins Dabiq im Au‐ gust 2016 die Demokratie durch den Vorwurf kritisiert, der Westen würde damit nur seinen Impulsen folgen, statt dem Gesetz Allahs zu gehorchen. In London marschieren immer wieder islamische Funda‐ mentalisten mit Schildern wie „Sharia for UK“ oder „Freedom go to hell“ durch die Straßen, und sie meinen damit das Gleiche wie die Ini‐ tiatoren der deutschen Website Generation Islam, die sich kurz vor der Bundestagswahl im September 2017 im Rahmen eines Videos eben‐ falls dafür aussprachen, dass Muslime gefälligst nicht wählen gehen. Da Frömmler selten auf eigene Ideen kommen, dauerte es auch nicht lange, die theologische Herleitung für diese Ansicht zu finden. Der koranische Schlüsselbegriff lautet hier al-Hawa, was „Neigun‐ gen“ oder „Gelüste“ bedeutet. Als wichtige Stelle im Koran gilt hier die Sure 28, die die Vorgeschichte des Auszuges aus Ägypten zum Anlass nimmt, die Wichtigkeit des Gehorchens zu betonen und klarmacht, dass Moses (Musa) rechtgeleitet war und der Pharao (Fir‘aun) eben 4.4 Religiöse Moral, naturtrüb und ohne säkulare Zusätze 251 nicht, denn der Pharao machte seine eigenen Gesetze, Moses jedoch hielt sich an das Wort des Herrn. Vers 39 wirft dem Pharao vor, dass er und seine Heerscharen sich ohne Recht hochmütig auf Erden verhiel‐ ten, als würden sie nicht später zur Rechenschaft gezogen, und Vers 50 kulminiert schließlich in der Feststellung, dass die Ungläubigen nur ihren Neigungen folgen, wenn sie nicht auf Allah und den Propheten hören. „Und wer ist weiter abgeirrt als jemand, der seiner Neigung folgt ohne Rechtleitung von Allah!“ Wenn auf diesem Planeten jemand rechtgeleitet ist, dann sind es Muslime. Auch die, die per bloßes Hörensagen sofort zum Lynchmob wurden und ohne zu zögern ihre Gewaltphantasien auslebten, ohne die Sachlage zu kennen. Jemanden in religiösem Eifer zu zertrampeln ist religiöse Pflicht, und indem man sich an dieses ewige Gesetz des Schöpfers hält, zeigt man Rechtschaffenheit und Disziplin. Der Westen, fern vom Islam und den Geboten des Schöpfers, ist voll von Wilden. Güte, ein friedliches Miteinander und Gesetze zum Wohle aller sind menschliche Anmaßungen gegenüber Allahs Gesetz. Der wahre Mus‐ lim, so scheint es, denkt nicht selbst nach, sondern hält sich stumpf an die vorgegebenen Regeln des vermeidlichen Schöpfers und hält das tatsächlich für Edelmut. Dabei ist der Islam der Kulturkreis, in dem Frauen ihr Haar bede‐ cken sollen, da der Anblick von weiblichem Haar die Männer angeb‐ lich verrückt macht. Man kann von einem so rechtgeleiteten Kultur‐ kreis natürlich nicht erwarten, dass die Männer sich beherrschen. Die‐ ser ausgesprochen disziplinierte Kulturkreis freut sich auch wie kein anderer auf der Erde auf die Zeit im Paradies, wo man den ganzen Tag wie in Walhalla saufen und vögeln kann, soviel die Ausrüstung hergibt. Laut manchen Gelehrten erhält der Mann im Paradies sogar eine ewi‐ ge Erektion, um seinen Aufgaben angemessen nachkommen zu kön‐ nen, denn die Jungfernhäutchen der Jungfrauen wachsen immer wie‐ der nach. All das ungläubige Gesocks, das die frohe Botschaft des Is‐ lam entweder nicht kennt oder sie ablehnt, möge sich an diesen from‐ men Menschen ein Beispiel nehmen. Dem möchte ich an dieser Stelle die ersten beiden Wahrheiten Buddhas gegenüberstellen, die vereinfacht lauten: – Leben heißt Leiden. – Die Ursache des Leidens ist Verlangen. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 252 Bei beiden Lehren Buddhas handelt es sich um viel profundere Weis‐ heiten als das bloße Aufschieben irdischer Genüsse in das Jenseits, um im Diesseits Menschen zu kontrollieren. Es ist eine Aufforderung zum tatsächlichen Verzicht aus tiefstem Herzen – dazu, an sich selbst so lange zu arbeiten, bis man sich und andere durch die Jagd nach ober‐ flächlichen Begierden nicht mehr unglücklich macht. Damit aber wür‐ de der Islam nicht mehr funktionieren, denn er hat nur Scheinargu‐ mente, die mit Androhung von Höllenfeuer (Koran) und irdischer Ge‐ walt (Hadith) forciert werden. Etwa 200 Jahre nach Buddha kam der griechische Philosoph Epi‐ kur zu einem ähnlichen Schluss: mache dich glücklich, indem du dir Deine Wünsche erfüllst, aber arbeite zunächst an deinen Wünschen. Beide Ideen sind ein knappes Jahrtausend älter als der Islam. Der Grund, warum sie in der islamischen Welt kaum bekannt sind, ist de‐ ren profunde Ablehnung nichtislamischer Philosophie als simple und gefährliche Zeitverschwendung, die nur vom Islam wegführt. Es gibt keinen gründlicheren intellektuellen Stillstand als zu glauben, man hätte die Wahrheit bereits gefunden. Deshalb plant die westliche Welt heute die ersten bemannten Marslandungen, während andere sich fra‐ gen, ob sie im Ramadan Nägel kauen oder ihre eigene Spucke schlu‐ cken dürfen. Religiöse Moralvorstellungen sind kein Fortschritt, kein Segen für die Menschheit, und ganz besonders sind sie nicht die Ursache für die Ethik des modernen Menschen. Religiöse Moral ist ein Parallelgleis, und diese Gleise führen selten zum Wohlbefinden des Individuums. Wenn sie es tun, so hat das Individuum schlicht Glück gehabt. Religiö‐ se Moral führt in erster Linie zur Einhaltung religiöser Dogmen, die zwar eine gewisse Schnittmenge mit menschlichem Wohlempfinden haben können („Du sollst nicht töten“), im Zweifelsfall jedoch keine Rücksicht mehr nehmen, wenn sie hinterfragt werden. *** Im Januar 2016 befand sich ein 15jähriger junger Mann bei einem Freitagsgebet in einer Moschee in Pakistan. Der Imam stellte eine Fra‐ ge wie „Wer glaubt hier nicht an Gott?“, was in Pakistan aber durchaus als rhetorische Frage durchgehen dürfte. Der Junge aber verstand „Wer glaubt hier an Gott?“ und hob seine Hand. Er bemerkte seinen Irrtum, 4.4 Religiöse Moral, naturtrüb und ohne säkulare Zusätze 253 und da er sich versehentlich als Atheist bezeichnet hatte, gab er seiner Hand die Schuld und nannte sie hernach verflucht. Nach reichlich Ent‐ schuldigungsgebeten, die seine innere Zerwürfnis anscheinend nicht ausreichend beseitigen konnten, hackte er sich die verfluchte Hand schließlich ab. Er wurde durch diese Glaubensfestigkeit überregional bekannt, und sein gesamtes Dorf ist heute stolz auf ihn und seine Hin‐ gabe an die Religion.70 Die Huffington Post zitiert ihn mit den Wor‐ ten: „Warum sollte ich Schmerz oder Reue darüber empfinden, mir eine Hand abzuschlagen, die gegen den Propheten erhoben wurde?“71 Solcherlei Dinge sind allerdings keine Spezialität des Islam, denn das Christentum hat sich zu Spitzenzeiten nicht anders verhalten als der Mob von Kabul oder der einhändige Junge aus Pakistan. Das liegt daran, dass beide abrahamitischen Religionen sich am moralischen Beispiel Abrahams orientieren. Indem Abraham bereit ist, seinen Sohn auf Kommando zu opfern, beweist er das höchste Vertrauen an Gott. Das Wort Islam bedeutet übrigens „völlige Hingabe an Gott“. Um das Problem damit zu verdeutlichen, wenden wir uns vom ohnehin schon überstrapazierten Islam ab und schauen uns einmal näher an, woraus katholische Heilige gemacht werden. Agnes und die Wunderheiler Im Jahre 1952 gründete eine albanische Nonne namens Agnes Gonxha Bojaxhiu in Kalkutta ein Sterbehospiz. Sie hatte zu jener Zeit schon lange den Ordensnamen Mutter Teresa angenommen. Um der Schein‐ heiligkeit keinen unnötigen Vorschub zu leisten, werde ich sie im Fol‐ genden konsequent Agnes nennen. Nicht zuletzt aufgrund einer erheblichen Propagandaoffensive sei‐ tens der Kirche und eines äußerst gläubigen BBC-Journalisten namens Malcolm Muggeridge wurde Agnes in den Siebzigerjahren zum Sinn‐ bild der selbstlosen Wohltäterin, die für sich selbst nichts verlangt, aber den Ärmsten der Armen alles gibt. Muggeridge drehte im Jahre 1969 in Kalkutta den Film Something Beautiful for God, in dem er sich mit Agnes‘ Wirken wenig kritisch, da‐ für aber umso lobpreisender auseinandersetze. Da es in ihrem Hospiz allgemein recht schattig zuging und die ersten Filmaufnahmen versagt 4.5 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 254 hatten, beschloss der Kameramann Ken McMillan, einen neuen Kodak- Film mit höherer Lichtempfindlichkeit auszuprobieren. Dass die Bilder sich dann als brauchbar und von beeindruckender Klarheit erwiesen, führte Muggeridge darauf zurück, dass von Agnes „göttliches Licht“ ausginge. Es gelang ihm, dieses „Wunder“ medial auszuschlachten, und so erst wurde Agnes der westlichen Welt bekannt. Die Bilder von Armen, die auf dreckigen Matratzen dem Tode ent‐ gegensehen, sind sicherlich beeindruckend. Die ganze Sache gerät aber in ein merkwürdiges, geradezu psychotisches Licht wenn man bedenkt, dass Agnes zu jener Zeit bereits reichlich Spenden erhielt aber ihre Mitarbeiter anwies, die genutzten Gebäude auf äußerste Schlichtheit umzustellen und alles, was ihr luxuriös erschien (wie etwa frische Ma‐ tratzen) zu entfernen. Bei ihr würde gefälligst in Armut gestorben, wie es dem Herrgott gefällt. Der indische Arzt Aroup Chatterjee und Autor des Buches The Fi‐ nal Verdict beschreibt, dass Injektionsnadeln einfach mit kaltem Was‐ ser ausgewaschen wurden, dass die Krankenwagen zum Fahrdienst für Agnes‘ Schwestern umfunktioniert wurden und bei Bedarf stattdessen die Ambulanzen Kalkuttas Krankentransporte übernahmen. Die kanadischen Autoren einer Studie über die gesamte Literatur zu Agnes zitieren selbige mit den Worten: „Zu sehen, wie sie ihr Schicksal ertragen, hat auch etwas ganz Wundervolles. Sie leiden da‐ mit so wie Jesus Christus am Kreuz und kommen ihm damit näher.“ Millionen Dollar an Spendengeldern kamen nie bei den Armen an – Schmerzmittel bekamen auch die Todkranken nicht, Begründung siehe oben. Sie hatte auch keine Bedenken, Geld von Haitis Diktator François Duvalier anzunehmen, als der sich das Air eines Gönners ge‐ ben wollte. Als Agnes dafür kritisiert wurde, sprang ihr der Vatikan zur Seite, womöglich aus Angst, sie könne das Geld unter öffentlichem Druck tatsächlich zurückgeben.72 In ihrer Ansprache anlässlich der Verleihung des Friedensnobel‐ preises sagte Agnes im Jahre 1979: „Der größte Zerstörer des Friedens heute ist der Schrei des unschuldigen, ungeborenen Kindes. Wenn eine Mutter ihre eigenes Kind in ihrer eige‐ nen Gebärmutter ermorden kann, was hält Sie und mich dann davon ab, uns gegenseitig umzubringen?“ 4.5 Agnes und die Wunderheiler 255 Wie kann man von Abtreibung direkt auf Chaos und Gewalt schlie‐ ßen? Das nennt man ein Dammbruchargument: wenn wir diese Regel nicht einhalten, dann werden wir bald gar keine Regeln mehr einhal‐ ten, so als gäbe es nichts dazwischen. Dass Länder, die die Abtreibung erlauben, noch nicht ins völlige Chaos gefallen sind, scheint ihr noch nicht aufgefallen zu sein. Anlässlich einer Open-air-Messe in Irland sagte sie 1992: „Lassen Sie uns zu unserer Muttergottes beten, die Irland so sehr liebt, dass wir in diesem Lande niemals eine Abtreibung erlauben werden. Und keine Verhütungsmittel.“73 Es ist erstaunlich, wie jemand den schmerzhaften Tod von fünfjähri‐ gen Hindukindern als gottgewollt gutheißen kann, sich aber noch viel mehr um das Schicksal einer Ansammlung von acht oder 16 undiffe‐ renzierten Zellen sorgt, oder um Sex, der keine Fortpflanzung zum Ziel hat. Mittlerweile, im Mai 2018, hat das von der irischen Regierung im Januar 2018 beschlossene Volksreferendum mit einer Mehrheit von 66 Prozent die Abtreibung erlaubt. Agnes‘ Gebete wurden nicht erhört. In seinem Buch The Missionary Position – Mother Teresa in Theory and Practice zitiert Christopher Hitchens die ehemalige Schwester Su‐ san Shields, und sie beschreibt, wie die Schwestern angewiesen waren, die Todgeweihten auch gegen ihren Willen zu taufen: „Die Schwestern wurden gebeten, die Todkranken zu fragen, ob sie ein ‚Ticket in den Himmel‘ wollen. Zustimmung wurde als Einwilligung zur Taufe gewertet. Die Schwester sollte dann so tun, als würde sie den Kopf des Patienten mit einem feuchten Tuch kühlen wollen, während sie ihn in Wirklichkeit taufte und leise die notwendigen Worte sprach. Geheimhal‐ tung war wichtig, so dass nicht bekannt würde, dass Mutter Teresas Schwestern Hindus und Muslime tauften.“ 74 Shields beschreibt auch den unbedingten Gehorsam, den man gegen‐ über Agnes zu leisten hatte und der mit theologischer Untermauerung zu einem Kadavergehorsam wuchs, den man sonst nur im Islam fin‐ det: „Es gelang mir, mein klagendes Gewissen ruhig zu halten, da man uns ge‐ sagt hatte, der Heilige Geist leite Mutter. An ihr zu zweifeln war ein Zei‐ chen, dass uns Vertrauen fehlte und, schlimmer, dass wir des Stolzes schuldig waren. Ich stellte meine Einwände zurück und hoffte, ich würde eines Tages die vielen Dinge verstehen, die mir wie Widersprüche erschie‐ nen.“75 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 256 Auch schien Agnes genau den Fatalismus zu leben und zu versprühen, der das Leid auf der Welt so gottergeben betoniert und eine Verbesse‐ rung der Lebensumstände als Misstrauen gegen Gott deutet: „Eines Sommers bekamen die Schwestern des Noviziats in Rom eine gro‐ ße Menge Tomaten. Sie konnten die Tomaten nicht verschenken, da alle Nachbarn selbst welche anbauten. Die Mutter Oberin entschied, dass die Schwestern die Tomaten eindosen und dann im Winter essen würden. Als Mutter zu Besuch kam und die Tomatenkonserven sah, war sie sehr un‐ zufrieden. Missionare der Nächstenliebe lagern Dinge nicht ein, sondern müssen auf Gottes Vorsehung vertrauen.“76 Als Agnes im Jahre 1996 Herzprobleme bekam, vermutete sie eine dä‐ monische Besessenheit und ließ einen Exorzismus an sich durchfüh‐ ren.77 Mutter Agnes starb im September 1997 in Kalkutta, war jedoch zu willensschwach, um sich in ihrer Pein selbst Schmerzmittel vorzu‐ enthalten. Wir sollten die übliche christliche Nachsicht mit ihr haben. Wenn das alles noch nicht verstörend genug ist, so geht der verlo‐ gene Teil nach ihrem Ableben weiter. Im Jahre 1999, zwei Jahre nach ihrem Tod, leitete Papst Johannes Paul II. das Seligsprechungsverfah‐ ren ein, das normalerweise erst nach fünf Jahren beginnen darf. Es en‐ dete im Jahre 2003 mit ihrer Seligsprechung. Um den Sprung von der Seligen zur Heiligen zu machen, brauchte Mutter Agnes jetzt noch zwei Wunder. Das erste wurde bereits im Jah‐ re 2002 anerkannt, als der Inderin Monica Besra ein Bild von Mutter Agnes auf den Bauch gelegt wurde und ihr Tumor daraufhin ver‐ schwand. Allerdings, so einer der Autoren der kanadischen Studie, gab es keinerlei Hinweise auf ein Wunder: es habe sich dabei viel eher um eine Unterleibszyste gehandelt, die darüber hinaus auch medikamen‐ tös behandelt wurde. Aber wer ist denn schon so pingelig, wenn man an einer guten Sache arbeitet! Im Jahre 2015 wurde dann Agnes‘ zweite posthume Wohltat be‐ kannt: ein Brasilianer soll durch die Gebete seiner Angehörigen zu Mutter Agnes von mehreren Hirntumoren geheilt worden sein. Papst Franziskus entschied, es handele sich dabei um das notwendige zweite Wunder, und im September 2016 wurde Mutter Agnes tatsächlich hei‐ liggesprochen. Das erste Wunder war gar keines gewesen – das zweite muss auch kein Wunder gewesen sein, denn Spontanheilungen sind zwar selten, 4.5 Agnes und die Wunderheiler 257 aber keine Unmöglichkeit. Wenn man den Planeten lange genug ab‐ sucht, wird man auf solch einen Fall stoßen, das ist statistisch unaus‐ weichlich. Und genau das werden die Herren aus Rom getan haben. Findet jemanden, der von einem Leiden geheilt wurde (das der All‐ mächtige ihm aber auch beschert haben muss), und der zu Mutter Agnes betete (für die wir immerhin schon jahrzehntelang so viel Wer‐ bung gemacht haben). Das ist machbar, selbst wenn man nach den Re‐ geln spielt. Dass die Ärzte keine wissenschaftliche Erklärung für die Heilung des Brasilianers liefern konnten heißt nicht, dass es an Mutter Agnes gelegen haben müsse. Wenn die Ursache der Heilung nicht bekannt ist, dann ist sie einfach nicht bekannt, denn natürlich hat auch die Medi‐ zin noch viele offene Fragen. Wenn man aber bedenkt, wie viele Men‐ schen schon durch Antibiotika und Chemotherapie statt durch Beten geheilt wurden, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier einmal mehr der Gott der Lücken herausgeholt wurde. So entstehen Heilige: aus zweifelhaften Anfängen und mit viel confirmation bias. All die Millionen Nichtraucher, die schon an Lun‐ genkrebs gestorben sind, all die sportlichen Vegetarier, die trotzdem einen Prostatatumor erlitten, all die Kinder mit Leukämie oder Kno‐ chenkrebs spielen in der Betrachtung keine Rolle – Gott hat schon sei‐ nen Plan mit ihnen, und es ist ein guter Plan. Findet man jedoch einen Fall, der zumindest nicht kategorisch ausschließt, dass Gott seine güti‐ ge Hand im Spiel gehabt haben könnte, spricht man von einem Wun‐ der. Agnes, das Aushängeschild der Kirche und der Nächstenliebe, mag der Christenheit als Leuchtfeuer der selbstlosen Menschlichkeit dienen, aber nach modernen ethischen Maßstäben verdient sie es nicht. Den‐ ken Sie an die Bilder der kleinen, runzligen Frau mit stets gebeugter Haltung und gefalteten Händen, und Sie sehen in Wirklichkeit eine re‐ ligiöse Fanatikerin, dem Leiden ihrer Mitmenschen nicht nur gleich‐ gültig, sondern zustimmend gegenüber, arrogant bis an die Grenze zur Demut, stets voller Energie und bereit, nun, nicht das Richtige zu tun, sondern Gottgefälliges. Die keinen eigenen moralischen Kompass zu besitzen schien, sondern sich ausschließlich um die Einhaltung von Dogmen scherte. Die Kirchen machen es uns leicht, ihr Handeln mit 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 258 Ethik zu verwechseln, dabei entführen sie das menschliche Ethikemp‐ finden lediglich auf Parallelgleise, auf denen ein anderer Fahrplan gilt. Wie Christopher Hitchens abschließend feststellte: „Mutter Teresa war keine Freundin der Armen, sondern eine Freundin der Armut. Sie sagte, Leiden sei ein Geschenk Gottes. Sie verbrachte ihr Leben damit, das einzige bekannte Gegenmittel gegen die Armut zu be‐ kämpfen, nämlich die Selbstbestimmung der Frau und ihre Emanzipie‐ rung von einer aufgezwungenen Reproduktion, die der Tierzucht äh‐ nelt.“78 Moralisch richtig, ethisch fragwürdig Kurz nachdem Papst Franziskus im Jahre 2013 sein Amt angetreten hatte, sah er sich bereits einer unangenehmen Sache gegenüber. Ein australischer Priester namens Greg Reynolds hatte sich dreisterweise und vor allem öffentlich dafür ausgesprochen, auch Frauen ins Pries‐ teramt zu lassen. Es ist genauso schlimm, als würde man Abtreibungen vornehmen oder als Geschiedener wieder heiraten wollen. Im Gegen‐ satz zu Krieg, Folter, Massenmord und Diktatur (um Hitler einmal kurz zusammenzufassen) handelt es sich bei diesem Ansinnen jedoch um ein Vergehen, das eine Exkommunikation rechtfertigt. Gott vergibt jedem Psychopathen in der Todeszelle alles, sofern er nur die magischen Worte aufsagt. Das ist die ultimative Beseitigung echten moralischen Empfindens: selbst der Holocaust könnte vergeben werden, solange man nicht abtreibt oder Frauen ins Priesteramt lässt. Man fragt sich, wie die Verbreiter solcher Ideen ernsthaft für ethische Koryphäen gehalten werden können. Und die Antwort ist: solange man nicht darüber nachdenkt. Ein interessanter Aspekt bei der Exkommunikation ist, dass der Exkommunizierte weiterhin Mitglied der Kirche bleibt (ein Austritt aus der Kirche ist kirchenrechtlich tatsächlich nicht möglich) und auch weiterhin Kirchensteuer zahlen muss. Es sei denn, er tritt aktiv aus der Kirche aus. Wenn er das tut, wirft die Kirche ihm die Exkommunikati‐ on der Vollständigkeit halber noch hinterher. Bemerken Sie hier etwas? Die Hüter der Moral scheinen, seit sie ihren Job machen, entweder noch nicht bemerkt zu haben, was es alles Schlimmes auf der Welt gibt, oder sie hatten es nie auf der Agenda. 4.6 4.6 Moralisch richtig, ethisch fragwürdig 259 Haben Sie eine andere Erklärung für diese Diskrepanz, als dass die Einhaltung von Dogma den Kirchen schon immer wichtiger war als die Minimierung von Leid auf der Welt? Wenn man sich durch das Di‐ ckicht an rhetorisch ausgefeilten Ausflüchten kämpft, mit denen die Kirchen ihre Entscheidungen ausschmücken, dann wird klar, mit was für einem Verein wir es hier eigentlich zu tun haben. Sie haben ihre eigenen Wertvorstellungen, so wie auch die Mafia nicht gänzlich ohne Ehrencodex ist, und diese Moralvorstellungen haben mit einer zeitge‐ nössischen Ethik nur eine gewisse Schnittmenge gemeinsam, können sie aber keinesfalls ersetzen. Wenn Sie einmal Salafisten dabei sehen, wie sie Suppe an die Ar‐ men verteilen, dann wird klar: primär geht es nicht darum, den Hun‐ ger der Armen zu stillen. Das Zakat, das Almosen an die Armen, ist eine der fünf Säulen des Islam. Es geht darum, Punkte beim Obersten zu sammeln, und die Andächtigkeit, mit der die Teller der Hungern‐ den dann gefüllt werden, hat nichts mit selbstlosem Verhalten zu tun. Es ist mentale Masturbation, sonst nichts. Wenn der Schöpfer des Uni‐ versums befiehlt, den Armen zu geben, dann wird den Armen gegeben. Dieser Rahmen lässt die karitative Tat selbst in einem ganz anderen Licht erscheinen. Die Armen haben nur wenig Grund, den salafisti‐ schen Suppenspendern zu danken, denn sie hatten einfach Glück, dass es eine solche Anweisung gab. Befiehlt der Schöpfer des Universums, Straßenmagier wegen Hexerei zu enthaupten, dann werden mit dem gleichen Pflichtbewusstsein Straßenmagier enthauptet wie in Rakka 2015. Hier stellt sich noch eine grundlegende ethische Frage. Ist die Ab‐ sicht wichtiger als die Tat selbst, und ab welchem Punkt kann die Ab‐ sicht die Tat rechtfertigen? Unabhängig davon, warum genau den Ar‐ men Suppe gegeben wird, wird den Armen ja immer noch Suppe gege‐ ben. Ist es also gut, wenn Salafisten Suppe an die Armen verteilen, ein‐ fach weil Zakat eine der fünf Säulen des Islam ist? Na klar. Es sollte nur nicht ethisch genannt werden. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 260 Terrorismus Man hört es mit schöner Regelmäßigkeit: wann immer eine Gruppe von Unschuldigen von herumfliegenden Stahlkugeln verletzt, nieder‐ geschossen, enthauptet oder mit einem LKW überfahren wird, setzt sich im Rahmen der medialen Nachbereitung ein religiöser Würden‐ träger beliebiger Konfession in eine Talkshow und verkündet, der Ter‐ rorismus hätte nichts mit Religion zu tun. Das wird so oft vorgeturnt, dass man es fast glauben möchte. Es bleibt aber falsch. Terrorismus ist das Verbreiten einer Idee mit Gewalt. Er ist ein Mittel, eine Idee zu verbreiten. Diese Idee ist nicht der Terrorismus selbst, und der Terrorismus kommt ohne die Idee nicht aus. Terror um des bloßen Terrors Willen ist höchstens bei Einzeltätern zu finden, aber sie würden sich nie zusammentun, um ihren Sadismus gemein‐ sam effizienter ausleben zu können. Das zu vermuten ist in etwa so na‐ iv wie sich eine comichafte Organisation von Bösewichten vorzustellen, in der man sich trifft, um finster zu lachen und das Unglück anderer zu planen, und zwar ohne eine Agenda zu verfolgen oder sich selbst irgend einen Vorteil zu verschaffen. Bin Laden und seine Kämpfer sind nicht die Panzerknacker aus Donald Duck, al-Baghdadi vom Islami‐ schen Staat ist nicht der Joker aus Batman. Er ist promovierter Theolo‐ ge. Sehen Sie sich auf Fotos die Gesichter der IS-Soldaten an, wenn sie von der Schlacht zurückkehren: nichts als Glückseligkeit. Jeder Horror, den man auf dem Schlachtfeld erlebt oder selbst veranstaltet hat, war ein gottgefälliges Werk, der Täter dem Paradies ein Stück näher. Das Problem beim Terrorismus ist, wenn überhaupt, die Idee da‐ hinter. Das kann eigentlich jede beliebige Idee sein (es gibt sogar mili‐ tante Umweltschützer), in die das Individuum sich verstiegen hat. Es ist aber klar, dass eine Idee umso mehr zum Terror anstiftet, je explizi‐ ter sie zu Krieg und Gewalt einlädt und sie gutheißt. Gerade die medi‐ nischen Abschnitte des Koran, die auf der Zeitachse später liegen als die mekkanischen und nach dem Prinzip der Abrogation die mekkani‐ schen, friedlicheren Passagen aufheben, erklären den Kampf gegen die Ungläubigen zu einer gerechtfertigten Sache, besonders in Sure 9, der vorletzten nach Nöldeke. Der islamische Theologe Abu Hanifa (699-767 n. Chr.), Begründer der hanafitischen Rechtsschule, die sich immerhin von Ägypten bis 4.7 4.7 Terrorismus 261 nach Indien zieht, unterteilte die Welt in das Dar al-Islam (das Haus des Islam) und das Dar al-Harb (das Haus des Krieges), wo die Nicht‐ muslime wohnen. Kriege gegen die Ungläubigen sind jedoch keine Kriege, sondern Öffnungen des Islam in ihre Gebiete. Je nachdem, mit welchem Frömmler man es zu tun hat, leben wir in Europa entweder im Dar al-Harb, dem Haus des Krieges, oder im Dar al-Ahd, dem Haus des Vertrages, mit dem ein Waffenstillstand besteht, der aber grundsätzlich nur temporär sein kann. Waffenstillstände zwischen Muslimen und Nichtmuslimen haben muslimischerseits jedoch die Angewohnheit, als Hommage an Mo‐ hammeds Vertrag von Hudaybiyyah aus dem Jahre 628 aufgefasst zu werden. Hier hatte er mit dem polytheistischen Stamm der Banu Quraisch einen zehnjährigen Waffenstillstad ausgehandelt, den er aber nach zwei Jahren der Aufrüstung brach und die Quraisch unterwarf. Die Quellen sind sich nicht einig, ob Mohammed den Vertrag willent‐ lich brach oder ob Streitigkeiten zwischen seinem und dem gegneri‐ schen Fußvolk die Dinge eskalieren ließen. Wie ich in der Einleitung schrieb, liegt unser Ziel jedoch nicht darin, die Wahrheit hinter den Lehren der Religion herauszufinden, sondern zu schauen, was Men‐ schen daraus machen. Einer der Gründe, warum ein dauerhafter Frie‐ de zwischen Israel und den Palästinensern nicht möglich scheint, ist die Tatsache, dass Yassir Arafat als Rechtfertigung, warum er denn mit den verhassten Juden einen Friedensvertrag schloss, den Vertrag von Hudaybiyyah anführte. Die Israelis mussten also annehmen, dass das Oslo-Abkommen von einigen Palästinensern von vornherein als un‐ gültig angesehen wurde – indem sie sich auf eine Interpretation der Handlung des Propheten berufen, wäre ein Bruch des Abkommens je‐ derzeit sakrosankt, und die Israelis die Hereingelegten. Und genau hier liegt auch der Grund, warum islamische Apologe‐ ten so herrliche Beschwichtigungsarbeit leisten können. Wenn ein Ter‐ roranschlag in Europa stattfindet, kann man immer argumentieren, von einer Pflicht zum Dschihad stünde nichts im Koran, davon stünde auch nichts in den Hadithen, die Koransuren würden aus dem Kontext gerissen, die Täter waren keine Muslime, die hanafitische Rechtsschule ist nur eine von vieren, die Salafisten folgen gar keiner Rechtsschule, der Islam ist eine Religion des Friedens und wer etwas anderes prakti‐ ziert, missbraucht den Koran. Da jederzeit die Möglichkeit besteht, 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 262 dass Abkommen mit oder Zusagen an Nichtmuslime nie ernst gemeint waren, stellt sich auch die Frage, was die Muslimbruderschaft oder der Zentralrat der Muslime wirklich vorhaben, wenn sie Staatsverträge eingehen. Es muss immer davon ausgegangen werden, dass jemand sich auf den Propheten beruft und das letzte Wort alles andere als ge‐ sprochen ist. Da nicht jeder von uns ein Islamgelehrter sein kann, müssen wir solchen Worten vertrauen und an das Gute in der Religion glauben. Dennoch kann es weiterhin Millionen von Dschihadisten geben, die ihre Taten theologisch begründen können. Falls Sie hier an den Begriff Taqiyya denken, der Muslimen angeblich erlaubt, im Zweifelsfall zu lü‐ gen, so passt der Begriff hier nicht. Die Taqiyya ist zwar ein Konzept der Notlüge, seinen wahren Glauben in Gefahrensituationen zu ver‐ heimlichen, doch er existiert eigentlich nur im schiitischen Islam, und zwar zum Schutz vor Verfolgung durch Sunniten. Dennoch gab es auf der Iberischen Halbinsel nach der Rückeroberung Spaniens durch die Reconquista eine Fatwa, der zufolge Muslime zum Schein zum Chris‐ tentum konvertieren durften, um ihren tatsächlichen Glauben eher verdeckt weiterleben. Es ist kein Zufall, dass der spanische Cocido ma‐ drileño, ein Kichererbseneintopf, zu Zeiten der Inquisition zunehmend mit Schweinefleisch versetzt wurde, um Kryptojuden und Kryptomus‐ limen auf die Schliche zu kommen. In Anbetracht der feinseligen Theologie des Islam ist es fast ver‐ wunderlich, dass die ganze Erde noch nicht in Flammen steht. Das liegt daran, dass den meisten Muslimen dieses Leben doch etwas wert ist, und es hängt in einem beliebigen Land auch von der vorherrschen‐ den Lesart des Korans ab. Wer ihn wörtlich nimmt, und der Koran verlangt angesichts seiner behaupteten Perfektion vom Individuum im Grunde genau das, der muss über kurz oder lang die Messer wetzen, andernfalls macht er sich schuldig, gottloses Treiben gewähren zu las‐ sen. Es scheint jedoch eine Kraft zu geben, die die meisten Menschen dennoch davon abhält, diesem Ruf zu folgen. Es ist paradoxerweise ge‐ nau die menschliche Güte, die von den Religionen der Welt immer in Besitz genommen wird, die aber ohne Religion sehr gut auskommt, die älter ist als jedes Glaubensbekenntnis und die die Eskalation laufend verhindert. 4.7 Terrorismus 263 Sie erkennen sicher das Problem: wenn jemand, der mit dieser Ideologie aufgewachsen ist, um seine eigenen Schwächen und theolo‐ gischen Defizite weiß, dann gibt er sich selbst die Schuld, niemals aber der Idee. Er weiß, dass Ehebrecher eigentlich gesteinigt gehören, dass Homosexualität ein Verbrechen ist und Allah es nicht gut findet, wenn man nicht fünfmal am Tag betet. Er hat den Scheiterhaufen bereits im Kopf, und es riecht nach Brandbeschleuniger. Er muss sich laufend da‐ gegen wehren, den theologischen Erwartungen freien Lauf zu lassen. Ihn zur Umsetzung dieser theologischen Erwartungen zu überreden ist dann weniger aufwändig, als ihm ohne jegliche Basis den Terror einzureden. Das erklärt die verstörend breite Unterstützung, die der Is‐ lamische Staat in der muslimischen Welt erfährt: eigentlich handeln sie koranisch richtig. Auch nennen die Terroristen sich selbst niemals Ter‐ roristen – sie nennen sich Mudschaheddin, also „Menschen, die sich bemühen“. Inhaltlich bezeichnet das Wort einen Krieger genauso wie jemanden, der sich um ein tiefstmögliches Verständnis des Islam be‐ müht. In einer Umfrage des Pew Research Centers aus 2015 hatten er‐ hebliche Anteile der muslimischen Bevölkerung verschiedener Länder einen positiven Eindruck vom Islamischen Staat. In Syrien waren es 21 Prozent, in Tunesien 13 Prozent, in Pakistan neun Prozent (bei 62 Pro‐ zent Enthaltungen!), in der Türkei acht Prozent.79 Wie die Autoren des Artikels bereits in seinem Titel behaupten konnten, islamische Natio‐ nen hätten für den IS „viel Verachtung“ übrig, erschließt sich mir nicht. Wenn ein Fünftel der Deutschen in einer Sonntagsumfrage angeben würde, sie würden am liebsten die NSDAP wählen – wer würde einem solchen Artikel allen Ernstes den Titel „Mehrheit der Deutschen ver‐ achtet die NSDAP“ geben? Wer als Muslim dennoch davon angewidert ist, argumentiert mit theologischen Feinheiten, spricht den Terroristen das Muslimsein ab oder vermutet dahinter eine israelische Verschwörung. Eines darf nämlich nicht passieren: dass die Idee dahinter für ihre irdischen Kon‐ sequenzen verantwortlich gemacht wird, denn Religion ist ja grund‐ sätzlich gut. Der britische Exradikale Maajid Nawaz unterscheidet das Ausmaß, in dem Muslime an die Richtigkeit einer Konfrontation mit der nicht‐ muslimischen Welt glauben, anhand von konzentrischen Kreisen.80 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 264 Im Zentrum der konzentrischen Kreise befinden sich die globalen Dschihadisten, zu denen der Islamische Staat und Al-Qaida gehören. Ein Dschihadist will den Islam mit Gewalt über die ganze Welt ver‐ breiten und ewigen Krieg gegen die Ungläubigen führen. Der nächste Ring sind die regionalen Dschihadisten, die ebenfalls Gewalt anwenden, aber regional oder demographisch begrenzt sind, sich also mit ihren Anschlägen auf moderate Muslime oder auf eine andere religiöse Gruppe innerhalb ihrer Region beschränken. Die His‐ bollah (= „Partei Gottes“) und die Hamas (= „Eifer, Kampfgeist“), aber auch Boko Haram (= „Westliche Bildung verboten“) in Nigeria und al- Shabaab (= „die Jugend“) in Somalia fallen in diese Kategorie. Dschihadisten sind zahlenmäßig recht gering, aber sehr einfluss‐ reich, da sie oftmals militärisch und finanziell gut aufgestellt sind und andere Strömungen und die Öffentlichkeit mit Anschlägen gefügig machen können. Sie können dem jeweiligen Staat in Ländern wie Ni‐ geria, Afghanistan und Pakistan große Gebiete abspenstig machen, de‐ ren Rückeroberung einem Bürgerkrieg gleichen würde. Um den Kreis der Dschihadisten herum liegt der Kreis der Isla‐ misten, die sich in revolutionäre und politische Islamisten aufteilen. Personelle Wechsel zwischen Dschihadisten und revolutionären Isla‐ misten sind gängig. Die politischen Islamisten stellen die Mehrheit der Islamisten, sind aber innerhalb der Muslime immer noch eine Minder‐ heit. Dennoch streichen islamistische Parteien bei Wahlen in islami‐ schen Ländern im Schnitt 15 Prozent der Stimmen ein.81 Wenngleich nicht 15 Prozent aller weltweiten Muslime selbst Islamisten sein müs‐ sen, so schlägt ihr Herz doch für diese Sache. Islamisten wollen das Gleiche wie die Dschihadisten, nur nicht mit Gewalt, sondern mit po‐ litischem Einfluss wie zum Beispiel die aus Ägypten stammende Mus‐ limbruderschaft, die in einem Dutzend Länder im Nahen Osten und Nordafrika aktiv ist. Sie hat auch in Europa Niederlassungen und in Deutschland etwa 2.000 Mitglieder. Islamisten sind damit zufrieden, jegliche Form des Islam in der Gesellschaft zu verbreiten, denn von dort aus muss man nur noch Muslime radikalisieren – der zweite und leichtere Schritt. Die dritte Gruppe sind die konservativen Muslime, die laut Nawaz die Mehrheit der weltweiten Muslime ausmachen. Sie unterscheiden sich von den Islamisten dadurch, dass sie den Islam nicht als politische 4.7 Terrorismus 265 Kraft begreifen, sondern ihn nur im Privaten sehen wollen. Ein Grund dafür ist, dass sie sich die Lesart der Heiligen Schrift nicht von der Muslimbruderschaft oder ihrem jordanischen Ableger, der Islamischen Aktionsfront, vorschreiben lassen wollen. Konservative Muslime ste‐ hen typischerweise immer noch hinter der Genitalverstümmelung*, der Steinigung für Ehebruch sowie der Todesstrafe für Apostasie und sind glühende Antisemiten. Und dann kommen die moderaten Muslime, die gewöhnlich für die Mehrheit gehalten werden, ähnlich der Mehrheit der Christen in Deutschland, die höchstens zu Weihnachten in die Kirche geht. Der Anteil der moderaten Muslime an der weltweiten Umma ist spiegel‐ bildlich allerdings eher vergleichbar mit dem Anteil erzkonservativer Christen am europäischen Christentum. Der Mainstream im Islam ist konservativ. In so gut wie jedem islamisch geprägten Land war mehr als die Hälfte der Befragten in einer Pew Studie dafür, die Scharia zur Gesetzgebung des Landes zu machen.82 Stellen Sie sich vor, die Mehr‐ heit der Christen in Europa wäre gegen die Trennung von Staat und Religion, würde die Menschenrechte als atheistische Todsünde be‐ trachten, die Todesstrafe befürworten, Verhütungsmittel vollständig und ebenso verbieten wie Zinsnahme, Abtreibung, Gotteslästerung und Homosexualität. Dank der konservativen Revolution im Islam, die seit Ende der Siebzigerjahre stattfindet, ist der durchschnittliche Mus‐ lim heute in etwa so liberal wie ein Piusbruder. Lassen Sie sich von der Tatsache, dass der Großteil der Türken in Deutschland aus einer einstmals säkularen Türkei stammt, nicht täu‐ schen. Nicht von Serdar Somuncu, von Bülent Ceylan oder Fahri Yar‐ dim, von Sibel Kekilli, Mesut Özil oder Fatih Akin. Sie sind in einer weitgehend säkularen türkischen Gemeinschaft innerhalb und außer‐ halb der Türkei sozialisiert worden, die es heute nicht mehr gibt und die sich mit Riesenschritten auf eine Gesellschaftsordnung zu bewegt, die abgesehen von der genauen islamischen Konfession dem Iran äh‐ nelt. Die meisten der Aufgezählten haben ohnehin ein kritisches Ver‐ hältnis zum Islam und werden dafür von konservativeren Elementen * Die weibliche Genitalverstümmelung ist kein strikt islamisches Phänomen, sondern eher ein Nordafrikanisches. Die männliche Genitalverstümmelung hingegen ist ein islamisches und jüdisches Phänomen, dem weiterhin viel zu wenig Verachtung ge‐ schenkt wird. 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 266 auch oft genug angefeindet. In der heutigen Türkei wurde im Sommer 2017 beschlossen, die Evolutionslehre nicht mehr zu unterrichten, da sie zu umstritten und zu kompliziert sei. Stattdessen wird der Dschi‐ had als innerer Kampf um das bessere Muslimsein gelehrt. Zumindest gelangte es so in die Presse. Die Verherrlichung des Märtyrertums wegzulassen wäre für fromme Muslime allerdings eine erstaunliche Willkür. Wer als Muslim an den Dogmen herum interpretieren will, be‐ kommt entweder heraus was alle schon wissen, oder er riskiert einen Takfir wie Hamed Abdel-Samad oder Seyran Ateş. Lassen Sie es ein‐ wirken: wie schwer ist es, einem potenziellen Reformer oder Neuinter‐ pretierer zu begegnen, wenn es für solche Leute feste, abwertende theologische Begriffe wie Heuchler oder Abtrünniger gibt, die der Schöpfer des Universums selbst diktiert haben soll? Wenn sie beim ge‐ ringsten Anzeichen von eigenem Denken sofort in dem Geruch stehen, an Gottes Plan herumzunörgeln? Es ist das leichteste der Welt. So ein‐ fach, dass selbst ein Pierre Vogel sich mental nicht überanstrengen muss. Das Problem am Fundamentalismus sind nun mal die Funda‐ mente, und die sich derzeit am energischsten verbreitende Lesart des Korans ist die wortwörtliche. Ich denke daher, dass das Modell der konzentrischen Kreise um eine weitere Dimension ergänzt werden sollte. Wir sollten es als einen Wasserstrudel oder als einen Gravitationstrichter sehen, wie in jenen Computeranimationen, in denen die Krümmung des Raumes so gerne veranschaulicht wird. Und um auch noch die Gesetze der Physik in dieses Modell einzubringen: Wer am Rande dieses Trichters steht, muss laufend Energie darin investieren, nicht in die Mitte gezogen zu werden. Er muss sich abmühen, nur damit alles so bleibt wie es ist. Lässt er den intellektuellen Widerstand fallen, sinkt er unweigerlich in die Gewaltspirale. Übertreibe ich hier? Denken Sie an die Imame, die von Moschee zu Moschee tippeln und überall in Europa ihre Geschichten rausholen von den verkommenen Europäern, von den Frauen, die alle Huren sind und gezüchtigt gehören, die den Islam nicht annehmen möchten, selbst wenn man ihnen davon berichtet; das Sie-sind-alle-gegen-uns- Narrativ, das die Welt in die Umma und das Haus des Krieges aufteilt. Versuchen Sie sich vorzustellen, was einen ägyptischen oder marokka‐ 4.7 Terrorismus 267 nischen Imam dazu antreibt, nach Europa zu fahren um dort zu predi‐ gen. Er begibt sich nach eigener Wahrnehmung in Feindesgebiet, und sein Anliegen besteht entweder darin, den Islam zu verbreiten oder die Muslime im Feindesgebiet davor zu warnen, sich mit den Ungläubigen einzulassen. Er verwendet so viel Energie darauf, weil er es wirklich glaubt. Er weint, wenn er sieht, dass eine Muslima einen Kafir heiratet, ihre Religion also nicht über die Liebe stellt wie verlangt. Oder schlim‐ mer noch, dass die beiden Unzucht treiben, ohne verheiratet zu sein. Oder sagen wir, zuerst weint er. Dann spitzt er den Griffel, schreibt eine flammende Rede über sittliches Verhalten und hält sie auf YouTube oder in einer Moschee voller Leichtgläubiger. Sie kennen vielleicht die Argumentation, dass man sich bemühen muss, den Glauben der Muslime nicht zu provozieren, um eine Radi‐ kalisierung zu verhindern. Wenn wir dies oder jenes tun, dann bewir‐ ken wir nichts als Radikalisierung. Wenn wir extremistische Imame ausweisen, wird das Ergebnis nur Radikalisierung der Übriggebliebe‐ nen sein. Wenn wir sie nicht ausweisen, wird das eine weitere Radika‐ lisierung zur Folge haben, da die Imame dann ungestört arbeiten kön‐ nen. Wir scheinen mit allem, was wir tun, unter den Anhängern der Religion des Friedens immer nur eine Radikalisierung bewirken zu können. Stellen Sie sich im Lichte des Gravitationstrichters vor, was da geschieht: Menschen klammern sich mit den spärlichen Überresten an kritischem Denken, die die Religion ihnen gelassen hat, an den Rand des Gravitationstrichters, um nicht in den Strudel aus Gewalt und Ra‐ dikalisierung gezogen zu werden. Dann kommt jemand, der aus tiefs‐ ter Überzeugung religiöse Moral mit Ethik verwechselt, rüttelt am Trichter und füttert die Dschihadmühle. In Deutschland sind es besonders die christlichen Kirchen, die die terroristischen Auswüchse einer Ideologie schönreden wollen, die sich ironischerweise die Vernichtung auch dieser Kirchen als göttlichen Auftrag auf die Fahne geschrieben hat, von deren Wirkung auf den Gläubigen sie aber in Wirklichkeit fasziniert sind. Einem Berufschris‐ ten muss einfach das Herz lachen, wenn er 50.000 Muslime gleichzeitig auf die Knie fallen sieht. Wenn dann ein Bischof Jaschke in einer Talk‐ show sagt, der Islamische Staat habe nichts mit Religion zu tun, dann höre ich einen Junkie über den anderen sagen: „Lassen Sie mal, dem geht’s gut, der hat das unter Kontrolle.“ 4 Religion und Moral. Warum ihr Fachgebiet alles andere als ihr Fachgebiet ist 268 Denn Religion ist ja etwas grundsätzlich Gutes, und je mehr davon, desto besser. 4.7 Terrorismus 269

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References

Zusammenfassung

Atheisten verunsichern. Aus irgendeinem Grund glauben Menschen, religiös zu sein sei grundsätzlich gut, und wer dagegen ist, der müsse einfach etwas im ­Schilde führen. Mittlerweile sind ein Drittel der Deutschen konfessionslos ­– dennoch scheint es in der öffentlichen Wahrnehmung einen Unterschied zu geben zwischen religiös Uninteressierten und ausgewachsenen Atheisten. Bei religiös Uninteressierten sagt man bestenfalls „Soll doch jeder glauben, was er will“, bei Atheisten wittert man Angriffe auf das Gute im Menschen, gesellschaftliche Verrohung und Haftanstalten für Christen.

Wir wollen in diesem Buch untersuchen, was an der Sache dran ist.