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1 Glauben heißt leugnen in:

Burger Voss

Ausgeglaubt!, page 15 - 96

Warum Atheisten für die Gesellschaft wertvoll sind

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4218-2, ISBN online: 978-3-8288-7140-3, https://doi.org/10.5771/9783828871403-15

Tectum, Baden-Baden
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Glauben heißt leugnen „Beten: darum bitten, dass die Naturgesetze zugunsten eines Bittenden aufgehoben werden, der zuvor eingestanden hat, dessen nicht würdig zu sein.“ Ambrose Bierce Es gibt keinen Gott, das ist eine ziemlich großspurige Behauptung. Im‐ merhin sind etwa 85 % der Weltbevölkerung anderer Meinung. Aber ist das dann auch wahr? Wenn Sie aus dem südlichen Indien stammen, sind Sie mit der größten Wahrscheinlichkeit Hindu. Wenn Sie aus Somalia kommen, werden Sie Muslim sein. Als weißer Ameri‐ kaner sind Sie wohl Christ, und wenn Sie aus China stammen, werden Sie es mit der Religion allgemein nicht so haben, was Sie vom Staat ge‐ nauso dogmatisch beigebracht bekommen haben wie ein getauftes Kind in der westlichen Welt das Christentum. Was sagt das über den Wert und den Wahrheitsgehalt der einzelnen Weltanschauungen aus, zumal sie sich gegenseitig oft widersprechen? Über religiöse Überzeu‐ gungen allgemein, wie wahr sie dem Einzelnen auch vorkommen mö‐ gen? Viel naheliegender ist: Religionen sind menschgemachte Funktio‐ nen ihrer Kulturkreise, mehr nicht. Deshalb steht weder im Koran noch in der Bibel eine Beschreibung derjenigen Teile des Planeten, die außerhalb des Gesichtskreises ihrer Stifter lagen. Regenwald? Perma‐ frost? Polarlichter? Beuteltiere? Nichts dergleichen. Es ist, als hätte Gott nur die Wüste sehen können, in der seine allerersten Anhänger lebten. Vergessen Sie das nie! Da ein Gottesbeweis zwar nicht zu erbringen, eine Gotteswiderle‐ gung aber genauso unmöglich ist, gestaltet sich das endgültige Über‐ winden der Gotteshypothese schwierig; klammern sich die Gottes‐ fürchtigen schließlich an die Restwahrscheinlichkeit, dass es ihn viel‐ leicht doch gibt. Denn die Alternative bestünde darin zu akzeptieren, dass die Gotteshypothesen jeglicher Religionen mittlerweile wirklich 1 15 genug Gelegenheit hatten, einen Beweis für ihre Richtigkeit zu erbrin‐ gen, und dass man sie daher getrost aufgeben kann. Man kann niemandem wirklich vorwerfen, gläubig zu sein, denn sie haben getan, was alle Kinder tun: sie haben ihre Eltern imitiert. Wohl aber kann man kritisieren, wenn jemand sich gegen rationale Argumente sperrt oder gar körperliche Züchtigung, eine Ablehnung der Schulmedizin oder Todesstrafen für religiöse Übertretungen pro‐ pagiert, Homosexualität „heilen“ will oder von allen wissenschaftli‐ chen Erkenntnissen nur die Evolutionslehre ablehnt, weil sie einer hei‐ ligen Schrift widerspricht. Sich etwas herbei lügen, um einen kogniti‐ ven Konflikt zu vermeiden, ist eine Sache; dafür die gesamte Gesell‐ schaft umkrempeln zu wollen, ist etwas völlig anderes. Hier muss dem freiheitsliebenden Bürger der Kamm schwellen, und hier liegt auch der Unterschied zwischen einem religiös Uninteressierten und einem athe‐ istischen Aktivisten wie mir. Die wissenschaftliche Methode Es dürfte kein Zufall sein, dass keine große Zeitschrift neben den Ru‐ briken Schlagzeilen, Wirtschaft, Sport, Kultur, Wissenschaft und Lus‐ tig Gemeintes eine feste Rubrik Religion hat, in der die neuesten theo‐ logischen Erkenntnisse präsentiert werden. Es gibt keine. Die Frage nach dem Schöpfer ist so alt wie der Mensch selbst. Es gibt auf der Welt nicht nur verschiedene Vermutungen betreffend sei‐ ne Natur und seine Absichten, die mit verschiedener Intensität vertre‐ ten werden. Es gibt auch grundverschiedene Ansätze, die Frage über‐ haupt anzugehen. Im Mittelalter suchte man für Ernteausfälle, Pestepidemien und ähnliche Katastrophen gerne Schuldige, die nach einigen Tagen der peinlichen Befragung mit gebrochenen Fingern, ausgerenkten Schul‐ tern, zerstochenen Augen und verbrannten Füßen alles Mögliche zuga‐ ben, nur damit die Folter endlich aufhörte. Die ganze Sache begann al‐ so bereits mit einem Denkfehler: der Annahme nämlich, dass Men‐ schen schlechte Sommer oder Heuschreckenplagen überhaupt verur‐ sachen könnten. 1.1 1 Glauben heißt leugnen 16 Die gängigsten Methoden, Verdächtigen Hexerei nachzuweisen, waren die Wasserprobe, die Feuerprobe und die Wiegeprobe. Bei der Wasserprobe warf man das Opfer gefesselt in einen Teich; konnte es aufschwimmen, war es mit dem Teufel im Bunde. Blieb es unter Was‐ ser, hatte man eine reine Seele identifiziert, die in Kürze von Gott ent‐ sprechend wohlwollend aufgenommen werden würde. Bei der Feuerprobe drückte man dem Delinquenten ein glühendes Stück Eisen in die Hand, mit dem er einige Schritte gehen musste. Ent‐ zündeten sich seine Brandwunden nach einigen Tagen nicht, war er unschuldig. Bei der Wiegeprobe wog man den Delinquenten gegen ein festgelegtes (!) Gewicht. War er leichter, lag das daran, dass er seine Seele dem Teufel verkauft hatte. Drei Dinge hieran sollten den aufgeklärten Menschen der heutigen Zeit stören. Zunächst die völlige Willkür, mit der die Regeln der Expe‐ rimente aufgestellt wurden. Bei der Feuerprobe war derjenige unschul‐ dig, dessen Wunden sich nicht entzündeten. Die Auslegung hätte ge‐ nauso gut auch anders herum verlaufen können. Wäre es nicht auch möglich gewesen, dass derjenige, dessen Wunden sich nicht entzünde‐ ten, vom Teufel beschützt und feuerresistent gemacht worden war, er‐ go einen Bund mit ihm geschlossen hatte? Na sicher. Die Interpretati‐ on des Ergebnisses trieft nur so vor Willkür. Aus dieser Willkür resultiert der zweite Punkt, der uns hieran stö‐ ren sollte: die völlige Wertlosigkeit des Beweises. Mit unserem heuti‐ gen Wissen ist klar, dass Bakterien die Entzündungen des Feuerge‐ probten verursachten, und wer die Wiegeprobe befürwortete, hätte erst einmal belegen müssen, dass eine Seele ein Gewicht hat, und welches. Die Wiegeprobe konnte aufgrund ihrer Regelsetzung gar nicht schief‐ gehen – wer überlebte, war schuldig, und wer nicht überlebte, war nun bei Gott. Wissenschaftliche Ahnungslosigkeit war die Grundvorausset‐ zung für diese Vorgehensweise. Drittens widerstrebt es unseren heutigen Überzeugungen, solch unnötige Gewalt anzuwenden, nur um eine Erkenntnis zu gewinnen. Aus heutiger Sicht ist es wahnwitzig, jemandem mit solchen Maßnah‐ men Schuld nachweisen zu wollen, nur weil er rothaarig, Linkshänder oder Autist war. Nichts daran passte zusammen, und dennoch war es jahrhundertelang der Maßstab – der letzte Hexenprozess in Deutsch‐ land fand im Jahr 1775 statt. Und selbst wenn die Motivation keine re‐ 1.1 Die wissenschaftliche Methode 17 ligiöse gewesen wäre, so ist es doch erstaunlich, dass die christliche Moral gegenüber solchen Abscheulichkeiten mindestens machtlos war. Wer sich mit der Frage nach dem Sinn des Seins beschäftigt, kommt heute um die Naturwissenschaften nicht mehr herum. Sie pro‐ duzieren Wahrheit zwar auch nicht mit irrungsfreier Zielsicherheit, aber sie sind bisher das Beste, was wir haben. Ihnen zugrunde liegt die wissenschaftliche Methode. Die wissenschaftliche Methode verlangt, kurz gesagt, dass man nicht nur versucht, seine Hypothese zu beweisen, sondern dass man auch selbst versucht, sie zu widerlegen. Ich werde das an einem Bei‐ spiel aus der Chemie erklären, da sie nun mal mein Fachgebiet ist - das Prinzip lässt sich aber auf so gut wie alle Bereiche menschlichen Den‐ kens anwenden. Stellen wir uns ein Reagenzglas mit Orangensaft vor. Wir vermu‐ ten, der Saft sei mit einem Gift X versetzt worden. Wir wissen auch, dass Gift X unter einer Rotfärbung mit Farbreagens Y reagiert, das wir in einem Fläschchen bereithalten. Nun können wir ein paar Tropfen des Farbreagens Y in den Saft pipettieren, um zu sehen, ob er sich rot färbt. So weit, so gut – wir pi‐ pettieren Farbreagens Y in den Saft, er färbt sich rot oder nicht, der Saft ist also mit Gift X vergiftet oder nicht. Richtig? Falsch. In Wirklichkeit haben wir noch gar keine Antwort. Denn es können zwei Dinge geschehen sein: eine andere Substanz in dem Saft kann ebenfalls mit Farbreagens Y unter einer Rotfärbung reagie‐ ren – dann wäre unser Ergebnis falsch-positiv. Wir würden Gift nach‐ weisen, wo gar keines ist, da der Saft selbst mit dem Farbreagens Y re‐ agiert. Es ist aber auch möglich, dass irgendetwas in dem Saft die Farb‐ reaktion blockiert. Es kann das Limonen des Orangenaromas sein, der hohe Kaliumgehalt oder der niedrige pH-Wert. Dann hätten wir ein falsch-negatives Ergebnis produziert – wir hätten Gift X übersehen, obwohl der Saft vergiftet ist. Um nun eine sichere Aussage treffen zu können, benötigen wir zwei weitere Reagenzgläser. In dem einen versetzen wir etwas Oran‐ gensaft absichtlich mit Gift X und führen dann die Farbreaktion durch. Das wollen wir die Positivprobe nennen. Färbt die Positivprobe (ver‐ gifteter Saft) sich bei Zugabe von Farbreagens Y nun tatsächlich rot, deutet alles darauf hin, dass die Farbreaktion in diesem Orangensaft 1 Glauben heißt leugnen 18 auch so funktioniert, wie es im Buch steht. Hätte der absichtlich vergif‐ tete Saft sich wider Erwarten nicht rot gefärbt, dann wüssten wir, dass mit dem Versuch etwas nicht stimmt und dass wir die Saftprobe daher versehentlich als „nicht vergiftet“ bezeichnet hätten. In dem anderen Reagenzglas versetzen wir Orangensaft, von dem wir wissen, dass er nicht vergiftet ist, ebenfalls mit Farbreagens Y und erwarten hier keine Rotfärbung. Dies sei die Blindprobe. Sie muss ne‐ gativ ausfallen, denn wenn sie positiv reagiert, bedeutet eine Rotfär‐ bung in der Saftprobe nicht mehr eindeutig, dass er vergiftet ist. Wir benötigen die Blind- und die Positivprobe jeweils nur einmal pro Ex‐ periment und können damit problemlos zehn Orangensäfte auf einmal untersuchen. Um zehn Säfte zu untersuchen, brauchen wir zwölf Re‐ agenzgläser, aber um einen einzigen Saft zu analysieren, brauchen wir immer noch drei. Beachten Sie das Wichtige. Wie auch immer die Farbreaktion in der eigentlichen Probe ausgeht, ist erst einmal egal – um dem Ergebnis vertrauen zu können, müssen die Blind- und die Positivprobe in der Praxis so ablaufen, wie sie es in der Theorie sollen. Die Blindprobe darf nie eine Farbreaktion zeigen, die Positivprobe muss immer eine Farbreaktion zeigen. Schlägt die Farbreaktion in der Positivprobe fehl, beweist man damit, dass man das Gift gar nicht hätte sehen können, wenn es da gewesen wäre. Bildet die Blindprobe eine Rotfärbung, so beweisen wir damit, dass wir das Gift überall sehen würden, wo es nicht unbedingt sein muss. Es genügt nicht, Farbreagens Y in einen Saft zu pipettieren und eine Rotfärbung abzuwarten. Man muss immer beide Gegenproben durchführen, wenn die Ergebnisse ernst genom‐ men werden sollen. Die systematische Suche nach Fehlern im eigenen Experiment ist eine Grundvoraussetzung dafür, am wissenschaftlichen Prozess teilzunehmen, sonst erntet man nur Spott und Gelächter. Die Sache hat aber immer noch einen Haken. Sicherlich können wir den Saft für die Positivprobe mit ein wenig Gift X versetzen, um auf falsch-negative Effekte zu testen. Aber für die Durchführung der Blindprobe können wir nicht den gleichen Saft nehmen. Wir müssen also einen anderen Orangensaft nehmen, um die Blindprobe durchzu‐ führen und auf falsch-positive Effekte zu testen. Dabei können wir nicht ausschließen, dass dieser andere Saft auf das Gift oder die Sub‐ stanz Y auch anders reagiert, weil etwa sein Kaliumgehalt oder sein pH- 1.1 Die wissenschaftliche Methode 19 Wert ein anderer ist als in der Saftprobe. Es bleibt immer eine gewisse Restunsicherheit. Sie lässt sich nie ganz beseitigen, sie kann nur auf ein Minimum reduziert werden. Immerhin ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Positivprobe und die Blindprobe in einem Versuch aus ver‐ schiedenen Gründen nicht funktionieren. Je mehr Gelegenheit wir der Sache geben, nicht zu funktionieren, desto häufiger wird sie es auch tun. Funktioniert sie dennoch, können wir davon ausgehen, dass der Test verlässliche Ergebnisse produziert. Und das gilt prinzipiell nicht nur für diesen konkreten Versuch, sondern für alles, was man mit der wissenschaftlichen Methode analy‐ siert. Sie ist daher in der modernen Wissenschaft weiterhin unum‐ gänglich, egal in welcher Disziplin, denn sie ist immer noch das beste Werkzeug, das wir zur Verfügung haben. Aus irgendeinem Grund aber vermeidet die Menschheit, eine der grundlegendsten Fragen menschlicher Existenz öffentlich mit dieser Methode zu untersuchen: die Frage nach einem Schöpfer oder, wie man in unserem Kulturkreis immer gleich weiterspringt: die Frage nach Gott. Wie es bei Anwendung der wissenschaftlichen Methode um ihn bestellt ist und warum das so enttäuschend wenig Wirkung hat, wollen wir in diesem Buch untersuchen. Die Stellung des Menschen im Universum Sowohl in der jüdischen, der christlichen als auch in der islamischen Theologie hat der Schöpfer die Welt in sechs Tagen geschaffen. Wobei die Frage erlaubt sei, wie Gott drei Tage konnte verstreichen lassen, wenn er die Sonne und all die anderen Himmelskörper erst am vierten Tag geschaffen hat. Wir wissen heute aus radiologischen Messungen der Erdkruste und von Meteoriten sowie aus der Beobachtung der Sonne und des Kosmos, dass das Universum 13,8 Milliarden Jahre alt ist, die Sonne und die Erde rund 4,6 Milliarden Jahre, und dass die Entstehung der Sonne und der Erde keine schlagartigen Ereignisse wa‐ ren, sondern langsame Prozesse, in denen sich Gas- und Staubwolken über Jahrmillionen langsam zu Himmelskörpern verdichteten. Die Staubwolken ihrerseits, aus denen sich auch die Erde formte, bestan‐ 1.2 1 Glauben heißt leugnen 20 den aus Elementen wie Sauerstoff, Silizium und Eisen, die es zu Be‐ ginn des Universums noch nicht gab. Dort gab es nur Wasserstoff, ein wenig Helium und noch weniger Lithium und Beryllium, die vier einfachsten Elemente im Periodensys‐ tem. Aus diesen simplen Elementen bildeten sich etwa 400 Millionen Jahre nach dem Urknall die ersten Sterne. All die Elemente jenseits des Berylliums sind erst hunderte Millionen Jahre später in den Superno‐ vae der ersten Sterne entstanden. Aus diesem Sternenstaub bestehen wir und alles, was wir essen, trinken, einatmen, produzieren, wegwer‐ fen, sehen, riechen und anfassen – und jeder Mensch, den wir lieben. Der Stern R136a1 in der großen Magellanschen Wolke ist etwa 163.000 Lichtjahre von uns entfernt, 35mal so groß wie die Sonne und 265mal so schwer. Er ist erst eine Million Jahre jung, wog bei sei‐ ner Geburt aber noch 320 Sonnenmassen, von denen er seitdem ge‐ mäß Einsteins E = mc2 etwa 55 Sonnenmassen per Kernfusion in Energie umgewandelt hat. Während unsere Sonne eine Oberflächen‐ temperatur von etwa 5.500 °C hat, herrschen auf der Oberfläche von R136a1 satte 40.000 °C. In einer weiteren Million Jahren wird er seine Masse von 265 auf etwa 80 Sonnenmassen reduziert haben. Dann wird er von Wasserstofffusion auf Heliumfusion umsteigen, noch ein paar weitere Schritte durchlaufen und schließlich in einer gewaltigen Super‐ nova explodieren, während der Rest seines Kerns zu einem Schwarzen Loch kollabiert. Unsere Sonne ist zu klein für einen solch fulminanten Untergang – sie wird sich in etwa 7 Milliarden Jahren einfach zu einem Weißen Zwerg zusammenziehen und dann belanglos durchs Weltall treiben, solange es das Weltall geben wird. Zu diesem Zeitpunkt wird jegliches Leben auf der Erde bereits seit Milliarden Jahren ausgestorben sein, und nichts kann das aufhalten. *** Ein Flug von Frankfurt nach New York dauert etwa siebeneinhalb Stunden – bei der gleichen Geschwindigkeit würde ein Flug zur Sonne etwa 21 Jahre dauern. Die Raumsonde Voyager 2 wurde im August 1977 gestartet und bewegt sich derzeit mit etwa 15 Kilometern pro Se‐ kunde durch das Sonnensystem, während ein Transatlantikflieger etwa 0,23 Kilometer pro Sekunde zurücklegt - Voyager 2 ist etwa 65mal 1.2 Die Stellung des Menschen im Universum 21 schneller. Nach zwei Jahren hatte die Sonde den Jupiter erreicht, nach vier Jahren den Saturn, nach achteinhalb Jahren den Uranus und nach zwölf Jahren, im Jahre 1989, schließlich den Neptun. Erst im Jahre 2019 verlässt sie das Sonnensystem und tritt in den interstellaren Raum ein – sie wird dann 42 Jahre lang mit Mach 44 durch das Son‐ nensystem geflogen sein. Wäre sie auf dem direkten Weg zu Proxima Centauri, mit 4,2 Lichtjahren Entfernung das sonnennächste Sternen‐ system, bräuchte sie bis dorthin etwa 85.000 Jahre, der Transatlantik‐ flieger aber fünfeinhalb Millionen Jahre. Unsere Milchstraße hat einen Durchmesser von etwa 100.000 Lichtjahren und besteht aus rund 200 Milliarden Sternen. Die uns na‐ heste Galaxie in etwa 2,5 Millionen Lichtjahren Entfernung ist der An‐ dromedanebel – die beiden Galaxien gleichen zwei 1-Euro-Münzen im Abstand von 50 Zentimetern. Es ist eigentlich sinnlos auszurechnen, wie lange Voyager 2 für eine Reise dorthin brauchen würde, da wir uns den Unterschied zwischen 85.000 Jahren bis zu Proxima Centauri und 50 Milliarden Jahren bis zum Andromedanebel ohnehin nicht vorstellen können. Und unsere Milchstraße und der Andromedanebel sind nur zwei von 150 Milliarden Galaxien im beobachtbaren Univer‐ sum. In jeder Sekunde, in der Sie dieses Buch lesen, explodiert irgendwo im Universum ein Stern in einer Supernova, und in jeder dieser Se‐ kunden wird unsere eigene Sonne durch die Umwandlung von Materie in Energie vier Millionen Tonnen leichter. Doch obwohl sie ein recht kleiner Stern ist, ist sie immer noch so groß und schwer, dass der Mas‐ severlust eines ganzen Tages sich nur in der siebzehnten Nachkomma‐ stelle ihrer Masse abspielt. Auch nach einer Milliarde Jahren Kernfusi‐ on hat sich ihre Masse erst in der sechsten Nachkommastelle geändert, was einem Schwund von mickrigen 0,0001 Prozent entspricht. Seit dem Zeitpunkt, als die Kernfusion in unserer Sonne zündete, hat sie also erst 0,0005 Prozent ihrer Masse in Energie umgewandelt – doch wenn Sie mit einem Jeep in der gleißenden Hitze der Wüste liegen bleiben, nützt Ihnen das auch nichts. Sie haben jetzt Gelegenheit, sich furchtbar wichtig und als Lieb‐ lingskreatur des Schöpfers vorzukommen, der die Sonne und die ande‐ ren Gestirne erst am vierten Tag schuf, die Erde aber als allererstes. Wie wahrscheinlich ist es wohl, dass die Bibel entgegen allen wissen‐ 1 Glauben heißt leugnen 22 schaftlichen Erkenntnissen Recht hat? Bedenken Sie, dass die Autoren der Heiligen Schrift nicht die geringste Ahnung hatten, wo sie sich be‐ fanden, wie groß das Spielfeld in Wirklichkeit ist und was außerhalb des mit dem bloßen Auge Sichtbaren noch existiert. Sie waren sogar davon überzeugt, dass die Sonne sich um die Erde drehe. *** Die Erde hat einen Umfang von 40.000 Kilometern, und rund drei Zehntel ihrer Oberfläche sind Land. Wenngleich die Erde zu grob sie‐ ben Zehnteln von Wasser bedeckt ist, beträgt der Massenanteil Wasser am Planeten nur 0,03 Prozent, die wiederum zu 97,5 Prozent aus Salz‐ wasser bestehen. Unser Lebensraum gleicht dem Atemhauch auf einer Billardkugel, der auch noch größtenteils ungenießbar ist. Das vielzellige Tierleben auf der Erde existiert seit etwa 550 Millio‐ nen Jahren, und in dieser Zeit hat es einige Dutzend weltweite Ausster‐ beereignisse gegeben, deren größte die Big Five genannt werden – hier starben jeweils mindestens 75 Prozent aller Spezies aus. Das macht nicht den Eindruck, als hätte die Schöpfung zielstrebig darauf hin ge‐ arbeitet, Menschen zu erzeugen, und für die ferne Zukunft verheißt es auch nicht viel. Der jüdische, christliche und islamische Gott hat nun drei Mal den gleichen Landstrich im Nahen Osten aufgesucht, um die gesamte Menschheit zu erleuchten. Zu Zeiten Jesu hatte Jerusalem schätzungs‐ weise 5.000 Einwohner, Peking bereits über 200.000. China besaß be‐ reits dreißig Mal mehr Einwohner als der Nahe Osten, und die Men‐ schen dort konnten größtenteils lesen. Die Stadt Teotihuacan in Mexi‐ co hatte zu jener Zeit ebenfalls Pyramiden und bereits zigtausend Ein‐ wohner, Rom hatte mindestens eine halbe Million. Dennoch suchte der Schöpfer des Universums sich einen kleinen trockenen Flecken im Nahen Osten aus, um sich zu manifestieren. Wie viele Menschen mehr hätte er auf einen Schlag erreichen können, wenn er sich eine beste‐ hende Metropole mit hoch entwickelter Logistik ausgesucht hätte? Und warum hat er sich als Allmächtiger nicht auf allen Kontinenten gleichzeitig manifestiert? Und zeigt die Geschichte von Moses nicht auch, dass Gott es keinesfalls scheuen musste, sich gleich mit ganzen Imperien anzulegen? 1.2 Die Stellung des Menschen im Universum 23 Evolution des Menschen Nachdem wir jetzt unsere Stellung im Universum geklärt hätten, wen‐ den wir uns einem der schlagendsten Beweise dafür zu, dass wir Men‐ schen in der Fauna des Planeten ebenfalls keine Sonderstellung ein‐ nehmen: der Endosymbiontentheorie. Wenn Sie sich, wie der deutsche Biologe Andreas Franz Wilhelm Schimper im 19. Jahrhundert, das Blatt einer Grünpflanze oder einer Alge unter dem Mikroskop betrachten, so können Sie in jeder einzel‐ nen Zelle kleine, grüne, reiskornförmige Objekte finden, die man Chloroplasten nennt – sie sind der Ort in der Zelle, an dem die Photo‐ synthese abläuft. Schimper stellte bei dieser Gelegenheit fest, dass diese Chloroplasten gewissen kleinen, einzelligen Algen namens Blaualgen erstaunlich ähnlich sehen. Er stellte die Vermutung auf, dass diese Chloroplasten einst selbst kleine Einzeller gewesen seien, die mit grö‐ ßeren Organismen eine Symbiose eingegangen waren – dabei hätten sich die kleineren Einzeller darauf spezialisiert, Photosynthese zu be‐ treiben, und der größere Organismus würde ihnen Schutz bieten und sie mit CO2 versorgen. Später, im Jahre 1905, übernahm der russische Biologe Konstantin Sergejewitsch Mereschkowski die Idee, bis die amerikanische Biologin Lynn Margulis knapp sechzig Jahre später die Endosymbiotentheorie formulierte. Was Schimper und Mereschkowski mangels Laborausrüstung und Kenntnissen in Molekularbiologie nicht wissen konnten: die Chloro‐ plasten in den Zellen von Pflanzen sehen nicht nur aus wie eigenstän‐ dige Organismen, sie haben auch ihre eigene DNA und eigene Riboso‐ men – kleine Zellbausteine, die Proteine herstellen. Die Chloroplasten vermehren sich innerhalb der Zelle selbstständig und ohne ihr Zutun. Und noch etwas fand man heraus: die Mitochondrien in den Zellen von Tieren und Menschen, die für den Energiestoffwechsel zuständig sind, sehen den Chloroplasten der Pflanzen abgesehen von der grünen Farbe erstaunlich ähnlich, und auch sie haben ihre eigene DNA, ihre eigenen Ribosomen und vermehren sich innerhalb der Zelle nach eige‐ nem Gutdünken. Doch das Allererstaunlichste ist, dass die Ribosomen unserer Mi‐ tochondrien genau der gleiche Typ sind wie die Ribosomen von Bakte‐ 1.3 1 Glauben heißt leugnen 24 rien. Beide haben eine Größe von 70 S*, die restlichen Ribosomen der Zelle haben eine Größe von 80 S. Und tatsächlich blockieren Antibioti‐ ka wie Tetracycline nicht nur die 70 S-Ribosomen von Bakterien, son‐ dern auch die 70 S-Ribosomen unserer Mitochondrien, weswegen wir uns bei einer Tetracyclintherapie etwas matt fühlen, denn unser Ener‐ giestoffwechsel wird von den Tetracyclinen gedämpft. Auf die 80 S-Ri‐ bosomen der restlichen Zelle wirken sie nicht. In jeder unserer Zellen tummeln sich also zahllose kleine Zellbe‐ standteile, die vor langer Zeit einmal eigenständige Bakterien gewesen sind und ohne die wir nicht leben können. Das Leben auf der Erde ist aus einem Guss, und wir Menschen nehmen da keinerlei Sonderstel‐ lung ein. Noch ein Nachtrag: der Begriff Theorie hat in der Wissenschaft eine andere Bedeutung als im Alltag. Im Alltag hat der Begriff Theorie die gleiche Bedeutung wie Vermutung. Die Vermutung aber heißt in der Wissenschaft Hypothese. Aus diesem Grunde sage ich auch nie Verschwörungstheorie, sondern Verschwörungshypothese. Eine Hypo‐ these wird durch Experimente überprüft, und wenn alle Experimente die Hypothese bestätigen und kein anderer Wissenschaftler Fehler da‐ rin findet, hat die Hypothese eine Chance, eine Theorie zu werden. Dabei gibt es noch einen wichtigen Unterschied zwischen dem Deut‐ schen und dem Englischen. Im Deutschen spricht man von Evoluti‐ onslehre und Gravitationslehre, im Englischen von theory of evolution und von gravitational theory. Eine Ausnahme bildet der Begriff germ theory of disease, der im Deutschen analog Keimtheorie genannt wird und die Ansicht beschreibt, dass Keime Krankheiten verursachen kön‐ nen, was schon länger nichts Neues mehr ist. Dennoch würde nie‐ mand ernsthaft behaupten, dass es sich dabei „nur um eine Theorie“ handeln würde – ein Einwand, der im englischen, aber auch im deut‐ schen Sprachraum häufig gegen die Evolutionslehre vorgebracht wird. Theorie im wissenschaftlichen Sinne heißt nicht Vermutung, son‐ dern aus Experimenten abgeleitetes Modell, das die Realität korrekt beschreibt und Vorhersagen zu leisten vermag. Aber glauben im reli‐ giösen Sinne heißt nicht „vermuten“, sondern „für sich persönlich zur * Sedimentationskoeffizient: ein Maß für Größe und Form von Proteinen in der Bio‐ chemie. 1.3 Evolution des Menschen 25 Wahrheit erklären“. Diese beiden Disziplinen könnten einander nicht ferner sein. *** Dass die Evolutionslehre die Geschichte des Lebens korrekt beschreibt, erkennt man auch an den kleinen Dingen im Körper, die keinen Nut‐ zen mehr haben und lediglich Überbleibsel früherer Entwicklungspha‐ sen sind. Wale haben immer noch Beckenknochen, die allerdings nicht mehr mit der Wirbelsäule verbunden sind und nur als lose Knochen im Fleisch stecken. Während die Flossen der Fische mit Flossenstrah‐ len aus hornartiger Substanz verstärkt sind, sind es bei den Walen ei‐ gentlich Arme – sie haben einen Oberarmknochen, darunter Elle und Speiche wie beim menschlichen Unterarm, und darunter finden sich beim Wal tatsächlich noch eine Handwurzel und fünf Finger. Da die Vorderflossen der Wale die gleiche Aufgabe erfüllen wie die Fischflos‐ sen, aber einen anderen evolutionären Ursprung haben, nennt man diese Organe zueinander analog. Im Gegensatz dazu nennt man Orga‐ ne, die den gleichen Ursprung haben, aber unterschiedliche Aufgaben erfüllen, homolog. Ein Beispiel für Homologie ist der Vogelflügel, der ebenfalls Elle und Speiche sowie Rudimente einer Hand mit Fingern besitzt und unserem menschlichen Arm daher homolog ist. Der Insek‐ tenflügel, der eine Ausstülpung der Haut ist (wie etwa unsere Ohren), ist dem Vogelflügel analog, denn beide dienen dem Fliegen, haben aber verschiedene evolutionäre Ursprünge. Es bedeutet auch, dass das Fliegen sich auf der Erde mindestens zweimal unabhängig voneinan‐ der entwickelt hat. Wenn Sie Meeresfrüchte mögen, dann wird Ihnen in einer Pa‐ ckung tiefgefrorener Tintenfische vielleicht schon mal eine merkwür‐ dige kleine Lanze aufgefallen sein, die an ein schmales Blatt oder eine Feder erinnert, aber sehr hart ist. Dies ist ein Gladius oder Schulp, der sich im Inneren des Tintenfisches befindet und ihm eine gewisse Stabi‐ lität in der Längsachse verleiht. Unter dem Mikroskop kann man an einem solchen Gladius noch kleine Kammern erkennen – das liegt da‐ ran, dass die Tintenfische von den schneckenähnlich aussehenden Ammoniten abstammen, die noch ein äußeres Gehäuse hatten und vor etwa 250 Millionen Jahren ausgestorben sind. Ihre Nachfahren sind die Tintenfische, und das teilungsfähige Gewebe des Gladius, das nach 1 Glauben heißt leugnen 26 links und rechts über den Körper eines Ammoniten wuchs und ihn so vor äußeren Einflüssen schützte, hat sich bei den Tintenfischen zu‐ rückentwickelt, ist aber nie ganz verschwunden. Die Perlboote (Nauti‐ lus) ähneln den Ammoniten heute noch. Die Ammoniten waren 330 Millionen Jahre lang die selbstverständlichste Gruppe von Lebewesen in den Meeren der Welt, bis sie vor 250 Millionen Jahren ausstarben. Den Menschen gibt es je nach Einschätzung erst seit 100.000 bis 200.000 Jahren, denn evolutionäre Prozesse sind langsam und zeichnen sich nie durch einen abrupten Wechsel aus. Die Frage ist also nicht, ob der Mensch sich aus einem Vorgänger entwickelt hat. Die Frage ist, wo in diesem Prozess man die Grenze zwischen unserem Vorgänger und dem Menschen zieht. Was eine Spezies ist, bestimmen wir Menschen selbst – die Taxonomie ist in der Biologie nur der menschliche Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen. Sind indische und afrikanische Elefanten verschiedene Spezies? Wir Menschen ha‐ ben entschieden: Ja. Der afrikanische Elefant Loxodonta africana un‐ terscheidet sich von seinem indischen Pendant Elephas maximus hin‐ sichtlich der Haut, der Zähne, der Stoßzähne (weibliche indische Ele‐ fanten haben kaum Stoßzähne) und in der Anzahl der Zehennägel, so dass Biologen entschieden, es handele sich um verschiedene Spezies. Demgegenüber sind die Haushunde, vom Chihuahua bis zur Däni‐ schen Dogge, allesamt die gleiche Spezies. Der Evolution, den Elefan‐ ten und den Chihuahuas selbst ist das egal – wir Menschen aber wol‐ len die Welt verstehen und müssen daher gelegentlich eine Entschei‐ dung treffen. Unser menschliches Steißbein ist der Rest eines Schwanzes, den unsere Vorfahren noch hatten. Im Mutterleib tragen wir alle diesen Schwanz noch etwa vier Wochen lang, bevor er verkümmert und schließlich bei der Geburt nur noch das Steißbein ist. Tatsächlich wer‐ den manche Menschen heute noch mit einem kurzen Schwanz gebo‐ ren. Die indischen Adligen Ranas von Saurashta führten ihren gene‐ tisch veranlagten Steißanhang stolz darauf zurück, dass sie angeblich vom indischen Affengott Hanuman abstammten.3 Was im Rest der Welt mit Argwohn beobachtet oder als Verfluchtheit ausgelegt wurde, war in Indien ein Zeichen von hoher Herkunft, wenn nur die Religion durch Zufall stimmte. 1.3 Evolution des Menschen 27 Ein wesentlicher anatomischer Unterschied zwischen Vögeln und den meisten Säugetieren ist an ihrer Unterseite zu beobachten. Wäh‐ rend die meisten Säugetiere separate Ausgänge für Exkremente und Nachwuchs haben, ist es bei den Vögeln derselbe. Er trägt den unge‐ schönten Titel „Kloake“, was auch der Grund ist, warum Eier auf ihrer Schale immer mit hohen Keimzahlen belastet sind. Das sollte nicht überraschen, wenn Eier und Exkremente abwechselnd aus demselben Loch kommen. Und interessanterweise kommt es auch beim Menschen in sehr seltenen Fällen zu einer solchen anatomischen Besonderheit. Das liegt daran, dass wir alle im Mutterleib kurzzeitig eine Kloake entwickeln, die sich dann aber in der sechsten bis siebten Woche in separate Aus‐ gänge auftrennt. Gelingt das aus irgendeinem Grund nicht, spricht man von einer persistierenden Kloake, die operativ behandelt werden muss. Man mag sich nun wieder fragen, was der Herrgott sich dabei denkt. Das ist aber auf Dauer immer wieder dieselbe Frage. Viel inter‐ essanter finde ich: warum ist keine Religion auf der Welt jemals auf die Idee gekommen, Eier als unreine Speise zu betrachten, wenn sie per Definition auf so unschöne Art gelegt werden? Schweinefleisch, Mee‐ resfrüchte und Unpaarhufer wie Pferde und Esel zu essen ist laut Bibel abscheulich, sich mit offenem Mund an der richtigen Stelle unter eine Kuh zu legen ist aber kein Problem, und Eier sind gar eine geschissene Gottesgabe, wie ein Dokumentarfilm von 1993 über das Leben in einem bayerischen Dorf schon im Titel bekannte. Man fragt sich, wo diese unverständlichen Prioritäten herkommen mögen. Es ist so will‐ kürlich wie die Deutung einer Feuerprobe. *** Wenn Sie sich die anthropologische Geschichte des Menschen an‐ schauen, genauer: die Schädel, die wir bisher haben ausgraben können, so werden Sie feststellen, dass das Gehirnvolumen unserer Vorfahren in der Vergangenheit laufend zugenommen hat. Vor anderthalb Mil‐ lionen Jahren betrug das Hirnvolumen unseres Vorfahren Homo habi‐ lis etwa 0,6 Liter. Vor einigen hunderttausend Jahren, bei homo erectus, lag es bei etwa 1,1 Litern. Der Neandertaler, dessen Spuren bis vor et‐ wa 28.000 Jahre zurückzuverfolgen sind und der wohl in unserer Spe‐ 1 Glauben heißt leugnen 28 zies Homo sapiens sapiens aufgegangen ist, hatte ein Gehirnvolumen von etwa 1,5 Litern. Der heutige Mensch hat etwa 1,4 Liter Hirnvolu‐ men, was eine leichte Schrumpfung bedeutet. Das muss aber nicht hei‐ ßen, dass Menschen dümmer würden, denn Hirnvolumen und Intelli‐ genz hängen nur sehr grob miteinander zusammen. Vielmehr kann es auch bedeuten, dass das Gehirn den zur Verfügung stehenden Raum heute besser ausnutzt, etwa durch einen komplexeren Aufbau und eine gestiegene Zahl von Hirnwindungen und neuronalen Verknüpfungen, die üblicherweise keine Fossilien hinterlassen. Zum Vergleich: Compu‐ ter sind, seit es sie gibt, immer leistungsfähiger geworden, aber nicht größer, im Gegenteil. Auch hier geht es nur darum, eine höhere Kom‐ plexität zu erreichen und den gegebenen Raum besser auszunutzen. Beim Computer waren es Forschung und Entwicklung, beim Gehirn waren es Mutation und Selektion. Das Becken der Frau ist in der Geschichte des Menschen allerdings nicht in gleichem Maße mitgewachsen wie der Schädel. Das liegt daran, dass Evolution kein Ziel verfolgt, sondern durch Mutation Vielfalt schafft und durch die Selektion nur das Überlebensfähige übrig lässt. Es gibt auch genug Beispiele, wo es nicht mehr zum Überleben der Spezies reichte. So hat der neuseeländische Kakapo, ein papagaienähn‐ licher Vogel, im Laufe der Jahrhunderte das Fliegen verlernt, da es auf seiner Insel keine Fressfeinde gab und es ihm daher einfach möglich war, einen bodennahen Lebensstil zu entwickeln. Mit der Ankunft des Menschen begegnete der Kakapo auch Hunden und Katzen, vor denen er nun allerdings nicht mehr fliehen konnte. Er wird heute nur noch mit großem Aufwand vom Aussterben abgehalten. Die Ankunft von Katzen auf der Insel muss dabei kein menschgemachtes Ereignis sein. Es kann auch die Neubildung einer Landbrücke durch Erdbeben oder sinkenden Meeresspiegel sein, oder das Wegfallen einer räumlichen Barriere durch Erdbeben, Feuer oder durch die Begrünung eines vor‐ her unpassierbaren Wüstenabschnitts durch Klimaveränderung. Spezi‐ es passen sich ihrem Lebensraum an – und plötzliche Veränderungen können Populationen zugrunde gehen lassen, weil die evolutionären Vorgänge nun mal wesentlich langsamer ablaufen. Beim Menschen muss es nicht zum Aussterben führen, wenn die Geburt schmerzhaft verläuft. Eine endgültige Grenze würde erst ge‐ setzt, wenn die Geburt dadurch unmöglich wird. Würde der Mensch 1.3 Evolution des Menschen 29 von heute auf morgen von der Erde verschwinden, gäbe es aber schon mal eine Tierart, die ihm direkt folgen würde: englische Bulldoggen. Ihre Schädel sind durch die Züchtungserwartungen des Menschen so groß geworden, dass eine natürliche Geburt nur noch selten möglich ist. Wenn Sie auf der Straße einer englischen Bulldogge begegnen, so ist sie mit großer Wahrscheinlichkeit per Kaiserschnitt auf die Welt ge‐ holt worden. Wir Menschen haben den Bulldoggen dieses Problem be‐ schert, und wir sind auch ihre einzige Abhilfe. Ohne unser Zutun wür‐ de die natürliche Selektion die Bulldoggen innerhalb einer Generation wegen Untauglichkeit aus dem Genpool der Spezies Haushund entfer‐ nen. Und warum erzähle ich das alles? Gemäß der Bibel (Genesis 3:16) erleidet die Frau bei der Entbindung starke Schmerzen, weil der Herr sie damit für die Sache mit der Schlange und dem Apfel strafte. Nicht nur Eva, sondern alle Frauen und für immer. Adam muss sich zur Strafe unter harter Arbeit vom Felde ernähren; nicht weil der Planet nie die Absicht hatte, Menschen zu ernähren, und weil auf der Welt nichts Gutes passiert, wenn man es nicht selbst in die Hand nimmt. Noch heute werden Hungersnöte, Kindstode oder Dürren in weiten Teilen der Welt als Gottesstrafen, mindestens aber als Teil von Gottes Plan gesehen, was bei den Gläubigen nichts anderes bewirkt als angst‐ volle Lethargie und mehr Religion, so als hätte man es einfach nicht angestrengt genug versucht. Und das nicht nur in Afrika oder Pakistan, sondern auch unter den Evangelikalen in den USA, die mittlerweile ein Viertel der amerikanischen Bevölkerung ausmachen. Wieder ein‐ mal hat die Theologie die falsche Erklärung zu einem Naturphänomen, wieder einmal ist wissenschaftliche Ahnungslosigkeit der Grund dafür, warum sie falsch liegt, und wieder einmal geht der Lösungsansatz in exakt die falsche Richtung. Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Evolutionslehre ist, dass es nie das Ziel gab, dem Menschen ein langes und glückliches Leben zu bescheren. Es wird gelebt, so lange und so gut es geht, auch mit Parasi‐ ten im Darm oder pellagrakrank durch Niacinmangel. Es gab nie den Plan, dass Menschen achtzig Jahre oder älter wer‐ den. In der Geschichte dieses Planeten haben bisher ca. 110 Milliarden Menschen gelebt – die meisten eher schlecht als recht. Noch vor ein‐ hundertfünfzig Jahren lag die Lebenserwartung eines deutschen Man‐ 1 Glauben heißt leugnen 30 nes bei etwa 40 Jahren, wobei Kinder unter fünf Jahren gar nicht erst Teil der Statistik wurden, da sie starben wie die Fliegen und den Schnitt beträchtlich nach unten gerissen hätten. Ludwig van Beetho‐ ven war das siebente von acht Kindern, Johann Sebastian Bach das achte von acht Kindern. Bach selbst hatte 20 Kinder, von denen die Hälfte das Erwachsenenalter nicht erreichte – die andere Hälfte wurde im Schnitt etwa fünfzig Jahre alt. Ich schreibe das nur, damit Sie einen Eindruck von den damaligen Verhältnissen bekommen. Ich kann nachvollziehen, warum der Mensch damals sein Heil in der Religion gesucht hat. Die Vorstellung, dass es keine höhere Macht interessieren sollte, wenn die Hälfte des Nachwuchses an Krankheiten oder Unterernährung krepiert, muss unter den damaligen Umständen schwer zu ertragen gewesen sein. Es ist ein immerwährender Wunsch des Menschen, der achselzuckenden Kaltschnäuzigkeit des Univer‐ sums ein bisschen mehr Leben abzutrotzen. Und dann bricht die Pest aus, oder ein Vulkan. Wir heutigen Menschen haben diese Sorgen kaum noch. Kindstode, Fehlgeburten, verbogene Knochen durch Vit‐ amin D-Mangel oder Blindheit durch Vitamin A-Mangel sind in der Ersten Welt heute praktisch Geschichte. Wann wäre ein Grundnah‐ rungsmittel wie Mehl oder Milch in Europa das letzte Mal knapp ge‐ wesen? Das ist Generationen her, und heute erinnert sich kaum noch jemand daran, wie es gewesen sein soll. Welches kleine Kind muss heute in Europa noch für eine Handvoll gekeimter Kartoffeln sein Lieblingsspielzeug hergeben? Welcher Junge sehnt sich heute noch nach sauberem Trinkwasser? Ihn quält die Wahl zwischen Cola Zero und einem hippen Energydrink. Das Wirken eines Gottes als Abweichung von den Naturgesetzen müsste schon alleine statistisch nachzuweisen sein, etwa indem die Gebete von Presbyteriern signifikant öfter erhört werden als die Gebe‐ te anderer Konfessionen. Stattdessen finden wir nur Grundrauschen. Naturkatastrophen gehen keine Konfessionslisten durch, während sie über das Land fegen. Es ist, als wäre Gott gar nicht da. Ich weiß, dass Gläubige über diesen Umstand gerne hinweglächeln und die Heraus‐ forderung an diesem an sich bereits entwaffnenden Umstand entweder nicht erkennen oder es einfach für „einen interessanten Gedanken“ halten, der jedoch jenen Teil ihres Gehirns, der sich für Wahrheit in‐ teressiert, nicht mehr erreicht. Sie sehen es dann eher als Prüfung ihres 1.3 Evolution des Menschen 31 Glaubens, sie hadern kurz mit Gott, um dann weiterzumachen wie bis‐ her. Wir müssen uns auch vorstellen, dass der Schöpfer dem Leid des Menschen über Jahrzehntausende zugeschaut hat, ohne einzugreifen. Menschen starben bei der Geburt, an Krankheiten, an Vitaminmangel, durch Blutvergiftungen, die durch kleinste Verletzungen zustande kommen konnten, sie starben durch Gewalt, durch schlechtes Wasser oder als Opfer von Raubtieren. Der Herrgott jedoch tat nichts. Dann plötzlich, um das Jahr null herum, fasste er einen Entschluss: er würde sich selbst als sein eigener Sohn auf die Erde senden, sich von den Menschen verraten, foltern und töten lassen und sie durch seinen Tod von ihren Sünden befreien. Wie wahrscheinlich ist es, und warum ist dem Schöpfer des Universums als Lösung nur eingefallen, was auch von den wissenschaftlich Ahnungslosen des Nahen Ostens hätte stam‐ men können? So, liebe Christen, es muss noch eine Gretchenfrage her: Die Menschheit heilt heute eine Krankheit nach der anderen. Warum ließ Gott über Jahrtausende Millionen von Männern, Frauen und Kindern an Zahnschmerzen, entzündeten Blinddärmen, Skorbut und Lungen‐ entzündung sterben, während solche Leiden heute mit einem kurzen Krankenhausbesuch oder schlicht mit abwechslungsreicher Ernährung beseitigt werden können? Warum ist die Zeitachse menschlicher Erfin‐ dungen hier ausschlaggebend? Die Antwort ist ganz klar. Gott will nicht, dass wir mit Wissenschaft Menschen heilen. Wenn Sie Ihre Reli‐ gion ernst nehmen, dann müssen Sie jeden Tod durch Krebs, Unter‐ ernährung oder Diabetes als gottgewollt akzeptieren. Gehen Sie nie wieder zum Arzt! Beten Sie stattdessen. Warum heilen wir Krankheiten und schreiben fesselnde Geschich‐ ten, warum bauen wir Passivhäuser, landen Roboter auf dem Mars und kreieren Nachtische aus 15 Zutaten? Weil wir mit dem Zustand dieser Welt nicht zufrieden sind. Wir wollen sie besser machen, als das Uni‐ versum sie uns hingerotzt hat. Echte Gottergebenheit hingegen bedeu‐ tet, nackt im Wald zu leben und dafür auch noch dankbar zu sein. *** Es mag kein schöner Gedanke sein, dass das Universum sich nicht für uns interessiert, dass wir uns keinen Schöpfer durch die richtige rituel‐ 1 Glauben heißt leugnen 32 le Handlung gewogen machen können, dass kein Jenseits auf uns war‐ tet und dass dem unperfekten, ungerechten und verwirrenden Leben, durch das wir uns kämpfen, kein Zustand von Perfektion und Wonne folgen wird. Aber haben Sie sich schon mal klar gemacht, dass es ge‐ nau das Ducken vor diesen Tatsachen ist, das auf Erden das meiste Leid verursacht? Wenn der gesamten Menschheit klar wäre, dass wir nur dieses eine Leben haben, dann würden wir es vielleicht mehr zu schätzen wissen. Nicht nur das eigene, sondern auch das der anderen, Tiere eingeschlossen. Die dafür notwendige Empathie tragen wir als soziale Wesen seit Urzeiten in uns; sie wird aber durch Dogmen weg‐ rationalisiert, oder diese Güte gilt nur für Mitglieder unseres Stammes, nicht aber für die anderen da drüben. So wie der Gedanke, man müsse nur das richtige Ritual finden, damit alles gut wird, auch für die Vor‐ stellung sorgt, man müsse andere davon abhalten, ihre falschen Rituale zu verbreiten, so würde das Akzeptieren unserer kosmischen Unbe‐ deutendheit uns alle vereinen können. Es steckt viel mehr Größe darin, es hinzunehmen und davon abzulassen, anderen die eigene Realitäts‐ flucht aufzuzwingen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob den meisten Christen und Musli‐ men klar ist, was sie im versprochenen Jenseits erwartet. Wir reden hier immerhin von der Ewigkeit, deren Ausmaß man schnell unter‐ schätzt. Am besten hat es wohl der britisch-amerikanische Journalist Christopher Hitchens gesagt, als er bereits unheilbar an Krebs erkrankt war, und den ich hier sinngemäß wiedergeben will: „Wir alle haben sicherlich irgendwann einmal den Moment erlebt, in dem wir die Hand auf der Schulter spürten und nicht etwa hörten, dass die Party vorbei wäre, sondern schlimmer: ‚Die Party geht weiter, aber Du musst gehen‘. Das stört uns doch eigentlich daran. Und nun stellen wir uns das Gegenteil vor. Jemand kommt in den Raum und sagt: ‚Gute Nach‐ richten allerseits, die Party geht weiter – und zwar für immer! Und Ihr könnt nicht gehen! Und der Boss besteht darauf, dass Ihr Euch amüsiert!‘ … Der Vater, den der Monotheismus vorschlägt, ist der Vater, der nicht stirbt. Der seinen Kindern versichert: ‚Keine Angst, ich verlasse Euch nie. Ihr werdet mein Ende niemals erleben. Ihr werdet nie die Chance erhal‐ ten, etwas zu bereuen. Ich bin immer da, ich bin der ultimative Diktator, und in meinem Gericht gibt es keine Berufung.‘ Denken Sie wirklich, dass das irgendjemanden aufmuntert, der zu Empfindsamkeit, Menschlichkeit oder zur Ironie fähig ist? Ich lege mal nahe, das sei außer Frage.“ 1.3 Evolution des Menschen 33 Im Islam ist das Paradies allein schon dadurch erstrebenswert, dass seine einzige Alternative die Hölle ist. Das moderne Christentum spricht nur noch ungern von der Hölle, sondern lieber von der „Tren‐ nung von Gott“. Die habe ich aber bereits, er spielt in meinem Leben nicht die geringste Rolle, und es lebt sich sehr gut. Und warum ist das Jenseits eigentlich so genau festgelegt, als ewige Gottesschau? Wenn ich wählen dürfte, wo ich nach dem Tod hingehe, dann wäre ich gerne mit meiner Frau allein im Welpenhimmel. Doch da Tiere keine Seele haben, die den Tod überwindet, kann das christliche Jenseits mich nur enttäuschen. Wissenschaft ist das Beste, was wir haben Wie Sie vielleicht schon wissen, war Isaac Newton einer der größten Wissenschaftler aller Zeiten, da seine Entdeckungen bahnbrechend waren. Bahnbrechend bedeutet, dass er den festen Trott menschlichen Denkens verließ und einen neuen, sehr gut begehbaren Weg fand. Newton war aber nicht nur ein begnadeter Physiker, er war auch ein religiöser Mann und glaubte an Alchemie. Dimitri Mendelejew, der das Periodensystem entwickelte, war ebenfalls sehr religiös und konnte recht aufbrausend werden, wenn man in seiner Gegenwart mutmaßte, Materie bestünde aus Protonen und Elektronen. Nochmal: der Erfin‐ der des Periodensystems lehnte die Existenz von Elektronen als un‐ wahrscheinliche Hypothese ab! Die meisten berühmten Naturwissen‐ schaftler waren genauso religiös wie ihre Zeitgenossen, und die Erklä‐ rung dafür werden wir in Kapitel 3 untersuchen. Linus Pauling war einer der wichtigsten Chemiker des 20. Jahr‐ hunderts und neben Marie Curie der einzige Träger zweier Nobelprei‐ se (Chemie 1954, Frieden 1962). Er glaubte jedoch, dass sich mit ge‐ nug Vitamin C im Körper praktisch jede Krankheit bis hin zu Krebs heilen ließe und nahm täglich einen Esslöffel davon zu sich.* Der ame‐ rikanische Biochemiker Kary Mullis, für seine Entwicklung der PCR- 1.4 * Da Vitamin C wasserlöslich ist, wird der aufgenommene Überschuss einfach über die Nieren ausgeschieden. Hätte er das von einem fettlöslichen Vitamin wie Vitamin A oder D behauptet, wäre er bestimmt nicht 93 Jahre alt geworden. 1 Glauben heißt leugnen 34 Methode zur Genanalyse im Jahre 1993 ebenfalls mit dem Nobelpreis geehrt, leugnet das Ozonloch und den Klimawandel ebenso wie den Zusammenhang zwischen einer HIV-Infektion und AIDS. Er behaup‐ tet, im Jahre 1985 in einer abgeschiedenen Hütte in Kalifornien eine Begegnung mit einem leuchtenden Waschbären gehabt zu haben, der ihn mit den Worten „Guten Abend, Doktor!“ begrüßte. Die Geschichte soll laut Mullis überhaupt nichts mit seinem damaligen LSD-Konsum zu tun haben. Sie sehen, auch Wissenschaftler von Weltruf sind keine Übermenschen. Albert Einstein hatte seine liebe Not mit der Quantenphysik, zu‐ mal er die Teilchennatur des Lichtes in seiner Arbeit bereits 1905 be‐ legt hatte und daher daran zweifeln musste, dass Licht eine Welle sei. Dennoch, und trotz seiner beträchtlichen Reputation, verließ sich nie‐ mand auf Einsteins Einschätzung der Sachlage, sondern betrieb eigene Forschung, die zu völlig anderen Ergebnissen führte, welche Einsteins Erkenntnissen direkt widersprachen, aber nicht weniger richtig waren: Licht kann auch Wellennatur haben, und es hängt von den Bedingun‐ gen ab, was wir jeweils beobachten. Hätte die wissenschaftliche Ge‐ meinde Einstein wie bei einer Religion die Fähigkeit zu göttlicher Of‐ fenbarung bescheinigt, hätte die Quantenphysik es wahrlich schwer gehabt, sich gegen eine dogmatisch gelehrte Relativitätstheorie durch‐ zusetzen. Doch Experimente, Beobachtungen und die gegenseitige Überprüfung von Fachartikeln beschieden ihr den verdienten Erfolg. Der ehemalige amerikanische Präsidentschaftskandidat Ben Car‐ son ist ein weiteres Beispiel. Er wuchs als Kind einer alleinerziehenden Mutter in einem Ghetto in Detroit auf. Seine Mutter sorgte dafür, dass ihr kleiner Ben regelmäßig die Bibliothek besuchte, um in der Schule gut abzuschneiden. Er wurde ein weltweit hoch angesehener Neuro‐ chirurg, der durch einige Trennungsoperationen an siamesischen Zwillingen berühmt wurde. Er ist aber auch Adventist und glaubt da‐ ran, dass Gott tatsächlich in sechs Tagen die Welt erschaffen habe. Er dankt Gott und der Liebe seiner Mutter für den Halt und den Erfolg, den er erfuhr.4 Wobei die Frage erlaubt sein muss, wie er nur mit Gott und ohne seine liebende Mutter abgeschnitten hätte. Das Wichtige am naturwissenschaftlichen Prozess ist, dass die per‐ sönlichen Ansichten des Einzelnen keine Bedeutung haben. Man kann jede Behauptung aufstellen, aber als gangbare Sichtweise auf die Natur 1.4 Wissenschaft ist das Beste, was wir haben 35 wird sie sich erst etablieren können, wenn die weltweiten Forscherkol‐ legen die Entdeckungen bestätigen können und der Versuch, die Ent‐ deckung zu widerlegen, fehlschlägt. Das menschliche Gehirn neigt zu einer ganzen Reihe von Denkfehlern, voreiligen Schlüssen und vor al‐ lem zu dem Wunsch, seine Sichtweise nicht ändern zu müssen. Wis‐ senschaftler sind auch nur Menschen mit den gleichen Neigungen, aber Wissenschaft selbst ist gelebte Schwarmintelligenz mit dem Ziel, die Wünsche, Überzeugungen und Denkfehler des Einzelnen aus der Betrachtung zu eliminieren und nur das allgemein und objektiv Gülti‐ ge zu behalten. Es ist daher eine immerwährende Quelle von Erheiterung, wenn Gläubige Albert Einstein oder Max Planck zitieren, die dieses oder je‐ nes über Gott gesagt haben sollen. Damit missachten sie eines der Grundprinzipien der Wissenschaft und tun, was sie immer tun: sie be‐ rufen sich auf eine Autorität, sei es Gott, Jesus, der Papst oder Werner Heisenberg. Mit einer gewissen Regelmäßigkeit geschehen aber auch in den Naturwissenschaften Skandale um gefälschte Messergebnisse oder fin‐ gierte Entdeckungen. Der Piltdown-Mensch wurde im Jahre 1912 im englischen Piltdown „entdeckt“ und wäre von wesentlicher Bedeutung für die Evolutionsgeschichte des Menschen gewesen, da er wesentlich weiter entwickelt war, als er gemäß dem angegebenen Alter von eini‐ gen hunderttausend Jahren hätte sein dürfen. Ein Großteil der wissen‐ schaftlichen Gemeinde war aufgrund dieser Tatsache der Meinung, man sei auf einen bahnbrechenden Fund gestoßen, der die bisher be‐ kannte Geschichte des Menschen revidieren würde. Doch je älter der Fund des Piltdown-Menschen wurde und je länger ähnliche Funde ausblieben, desto misstrauischer wurde man. Hier konnte schon rein statistisch etwas nicht stimmen. Erst im Jahre 1953 wurde der Schädel des Piltdown-Menschen mit der neu entwickelten 14C-Methode als Fälschung identifiziert, die erst wenige hundert Jahre alt war und der jemand den Unterkiefer eines modernen Schimpansen untergescho‐ ben hatte. Das Wichtige daran ist: der Piltdown-Mensch, wenn er authen‐ tisch gewesen wäre, hätte die bisher erforschte Stammesgeschichte des Menschen erheblich durcheinander gebracht, und zwar weil er den bisherigen Erkenntnissen widersprach. Als jedoch bessere Messmetho‐ 1 Glauben heißt leugnen 36 den entwickelt wurden, konnte der Fehler gefunden und korrigiert werden. Unser Bild von der Stammesgeschichte des Menschen erwei‐ tert sich heute noch täglich, und mit jedem Tag, an dem weitere Hin‐ weise eintreffen und glaubhafte Gegenbeweise ausbleiben, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass wir komplett auf dem falschen Dampfer seien und eines Tages wieder komplett von null anfangen müssten, um die Geschichte des Menschen zu verstehen. Hier tritt auch das Sparsamkeitsprinzip der Wissenschaft zutage, das Sie vielleicht als Ockhams Rasiermesser kennen. Was ist wahr‐ scheinlicher: dass ein einzelner Fund die gesamte Menschheitsge‐ schichte fundamental umkrempelt, oder dass mit dem Fund etwas nicht stimmt? Solche Fehler zu entdecken und zu korrigieren ist nur eine Frage der Zeit und der Messmethoden. Es gibt für das naturwis‐ senschaftliche Weltbild nur eine Richtung: es wird laufend schärfer, klarer, deutlicher, aber das Motiv wird sich kaum noch ändern, und zwar weil ihre Erkenntnisse nicht die dogmatisch wiederholten Offen‐ barungen Einzelner sind, sondern weil aller Unrat durch gegenseitige Überprüfung entfernt wird und nur das Brauchbare und Belastbare übrig bleibt. Mit jedem Tag Forschung wird die Schöpfungsgeschichte unwahrscheinlicher, und das seit Jahrhunderten. Das Internet wurde, als es noch sehr jung war, primär zur Kom‐ munikation zwischen Hochschulen benutzt, bis es schließlich auf die gesamte Menschheit ausgedehnt wurde. Der heutige, fließende Aus‐ tausch von Informationen zwischen Fachleuten weltweit ermöglicht auch eine schnellere Überprüfung der einzelnen Publikation und senkt damit die Überlebenschancen von Fälschungen erheblich. Allein schon statistisch muss eine ungeheuerliche Behauptung herausstechen und die Fachkollegen der Welt zur besonderen Bemühung animieren, der Behauptung ihre Fehler nachzuweisen. Nur wenn das nicht gelingt, hat die Behauptung eine Chance, ernst genommen zu werden. Das Wichtigste zum Schluss. Niemand liegt immer richtig. Nie‐ mand. Versuchen wir uns den Unterschied klar zu machen: ein Wis‐ senschaftler, der in seiner beruflichen Arbeit immer genauso von der Richtigkeit seiner Thesen überzeugt wäre wie ein frommer Gläubiger, würde im wissenschaftlichen Betrieb nicht lange überleben. Wer im‐ mer und grundsätzlich Recht zu haben glaubt, macht irgendetwas falsch und sollte allein deswegen bereits misstrauisch werden. Und 1.4 Wissenschaft ist das Beste, was wir haben 37 niemand wird in der wissenschaftlichen Gemeinschaft für seine Stand‐ haftigkeit belohnt, wenn er Gegenbeweise ignoriert und auf seinen persönlichen Überzeugungen beharrt. Er wäre vielmehr eine Schande für seine Zunft. Wieviel Anspruch auf Glaubwürdigkeit hat ein Weltbild, das selbst das beste Werkzeug, das wir zur Erforschung der Welt haben und das die grundlegendsten Behauptungen der Religionen laufend widerlegt, einfach links liegen lässt und stattdessen nur noch persönliche Über‐ zeugungen anführen kann? Ein Universum aus nichts In islamisch-salafistischen Kreisen, aber auch unter konservativen Christen wird oftmals über die Behauptung „der Atheisten“ hergezo‐ gen, dass das Universum einfach so aus nichts entstanden sei.* Bei Christen wird dann länglich über die Definition von Nichts diskutiert, und letzten Endes ziehen sie sich doch wieder auf die Be‐ hauptung zurück, dass ein Gott sagte „Sei!“, und das Universum war. Ich denke daher, wir sollten uns noch einmal über das Konzept eines Universums aus nichts unterhalten. Zunächst einmal sollte darauf hin‐ gewiesen werden, dass es sich dabei um eine Hypothese handelt, und nicht um eine etablierte wissenschaftliche Theorie wie Evolution oder Quantenmechanik. Die Hypothese geht folgendermaßen. Wenn Sie einen Apfel mit den Fingern vom Tisch anheben, dann wenden Sie Energie auf, denn Sie müssen der Schwerkraft entgegen‐ wirken. Die Energie, die Sie geleistet haben, ist nicht weg, sondern ist jetzt „gespeichert“ in der Tatsache, dass der Apfel weiter von der Erde weg ist als vorher. Zwei Körper entgegen ihrer Anziehungskraft von‐ einander zu trennen kostet Energie. Sie merken es jedes Mal beim Treppensteigen, wenn Sie die Distanz zwischen sich und dem Planeten vergrößern. Das gilt aber nicht nur für den Apfel und den Planeten Erde; das gilt auch für unsere Erde und ferne Galaxien, die sich ja auch „über 1.5 * Diese Behauptung stammt allerdings nicht aus dem Atheismus, sondern aus der Kosmologie, einer Teildisziplin der Physik. 1 Glauben heißt leugnen 38 der Erdoberfläche“ befinden, wenn auch in einer Höhe, die man um‐ gangssprachlich eher Entfernung nennt. Und es gilt auch für Galaxien untereinander. Berechnet man jetzt die Massen aller Galaxien im Uni‐ versum und ihre Abstände voneinander, so erhält man die Energie, die im Urknall nötig war, um all diese Massen räumlich voneinander zu trennen. Diesen Betrag nennen wir E1. Nun haben Sie vielleicht auch mal gehört, dass Masse und Energie dasselbe sind. Der Umrechnungsfaktor zwischen beiden ist das Qua‐ drat der Lichtgeschwindigkeit, und die entsprechende Gleichung lautet E = mc2. Nehmen wir nun alle Massen des Universums (plus die Dunkle Materie) und rechnen sie gemäß dieser Gleichung in Energie um (und addieren die Dunkle Energie), so erhalten wir E2. Und dieser Betrag entspricht gemäß den bisherigen Messungen ziemlich genau E1. Zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass Masse und Energie einerseits und Gravitation andererseits in der Physik entgegengesetzte Vorzei‐ chen haben. Masse ist positiv, Gravitationsenergie ist negativ. Wenn wir nun diese beiden Beträge miteinander verrechnen, erhalten wir (im Rahmen der Messungenauigkeiten) null. Die Energie, die alle Massen im Universum innehaben, ist so groß wie die Energie, die man benötigt, um sie auf ihre Abstände zu bringen. Es bedeutet, dass die Gesamtenergie des Universums null ist. Das ist gemeint mit „ein Uni‐ versum aus nichts“. Bisher gibt es keinen schlagenden Beweis dafür, dass es wirklich so sei. Die bisherigen Daten widersprechen der Nullenergie-Hypothese aber auch nicht. Das heißt aber nicht, dass die Wissenschaftler an den Zufall als Ur‐ sache glaubten; dass ein Universum spontan aufpoppte und jemand erschreckt beiseite springen musste, um nicht zu verdampfen wie Fahrzeuge und Zäune bei der Zeitreise in Terminator. Wir wissen ein‐ fach noch nicht, was die Ursache dafür war (wenn es denn so ist). Was genau das Nichts in diesem Prozess war, kann bislang auch niemand sagen. Das Nichts könnte sich im Urknall aber in Materie und Energie aufgespalten haben. Würden die Kosmologen auf eine andere Summe kommen als null, dann müsste man sich fragen, woher dieser Unter‐ schied kam und warum er da war, bevor Raum und Zeit im Urknall ebenfalls entstanden. 1.5 Ein Universum aus nichts 39 Wenn man sich nun im Lichte dieser Erkenntnisse mit der Defini‐ tion von Nichts beschäftigt, so könnte man (so denke zumindest ich) das „Nichts“ nicht mehr definieren als die Abwesenheit von Allem, sondern eher als das Minimum dessen, was sein kann, denn zumindest war im ursprünglichen Nichts das Potential vorhanden, sich in zwei gegensätzliche Dinge aufzuspalten. Dieses Minimum hat plötzlich be‐ schlossen, sich in Materie und Gravitation zu trennen. Die Ursache dafür ist weiterhin unbekannt, man hat hinsichtlich des genauen Ab‐ laufes lediglich eine fachmännische Vermutung. Es heißt aber auch nicht, dass die Ursache für die Entstehung des Universums gleich Gott sein muss, und zwar der christliche oder der islamische, und daher ist Homosexualität eine Sünde und Abtreibung Mord, oder Allah groß und seine Feinde Abschaum. Das sind ziemlich vage Schlussfolgerungen, die weiterhin durch nichts zu beweisen sind. Es ist der Sprung von Deismus (das Universum hat einen Schöpfer) zum Theismus (ich weiß, wer dieser Schöpfer ist und was er von uns erwartet). Der Grund für die Auseinandersetzung muslimischer Frömmler mit dieser Hypothese liegt in Sure 53 des Korans. Sie stammt aus der mekkanischen Phase, als Mohammed sich noch in theologischen Dis‐ kussionen mit wesentlich erfahreneren Scharlatanen versuchte. Sie lau‐ tet: „Oder sind sie etwa aus dem Nichts erschaffen worden, oder sind sie (gar) selbst die Schöpfer?“ Sure 53:35 Verstehen Sie, was hier vorgeht? Man wünscht sich, dass der Gegner behauptet, dass Alles aus Nichts entstanden sei, damit man umgehend diese Sure rausholen und Booyah! sagen kann. Dabei nimmt eigentlich niemand diese Nullenergiehypothese bisher wirklich ernst. Es grenzt an ein Strohmann-Argument, an dem man sich reiben und seine Frömmigkeit demonstrieren kann. Auf eine Frage mit unbekannter Antwort sofort „Gott!“ zu sagen, ist darüber hinaus akademisch ziemlich faul, genau wie Gott an den Anfang zu setzen und weitere Erklärungsversuche mit „Gott war schon immer da!“ abzubügeln. Für Wissenschaftler ist das höchst unbefriedi‐ gend, und sie haben sich in der Geschichte auch geistlosen Sentenzen wie „Gott brauchte einen neuen Engel“ widersetzt, stattdessen die Är‐ 1 Glauben heißt leugnen 40 mel hochgekrempelt und schließlich Antibiotika erfunden, um kranke Kinder zu heilen. Gott als Antwort auf dringende Fragen wurde als nirgendwohin führende Hypothese abgelehnt, und die Folge war eine erhebliche Verbesserung der Lebensqualität für alle. Was im Umkehr‐ schluss heißen muss: wer nur auf Gott vertraut, dem wird nicht viel Gutes widerfahren. Ordnung entsteht doch nicht von alleine! Wenn Sie sich jemals devot-muslimische oder christlich-kreationisti‐ sche YouTube-Videos angesehen haben, werden Sie feststellen, dass ei‐ nes ihrer Kernargumente immer das gleiche Prinzip hat: jemand gibt eine Handvoll Legosteine in eine Schachtel, schüttelt ein paarmal, holt nach einem cineastischen Schnitt ein Auto oder einen Hubschrauber heraus und schaut fragend in die Kamera um zu demonstrieren, dass das alles keinesfalls von alleine geschehen könne. Es müsse also ein Schöpfer im Spiel sein, denn die Wahrscheinlichkeit wäre sonst eins zu 1040.000 oder eine ähnlich astronomische Zahl. Das ist leicht zu widerlegen. Zum Beispiel, indem man eine Tüte Studentenfutter öffnet. Die Erdnüsse liegen alle unten, die Rosinen di‐ rekt darüber, dann kommen die Cashews und ganz oben die großen Paranüsse, weshalb dieser Prozess der Selbstsortierung auch Paranuss- Effekt genannt wird. Hat das jemand gemacht? Nein. Dieser Entmi‐ schungsprozess findet von allein statt, wenn die Tüte nur lange genug bewegt wird (zum Beispiel beim Transport). Oder nehmen wir Strand‐ gut. Je geringer die Dichte des Stückes, desto höher werden die Wellen es den Strand hinauf tragen. Das ist auch ein Sortierungsprozess, der ausschließlich auf der Basis von physikalischen Gesetzen stattfindet. Was die Selbstorganisation von Materie zu Lebensformen angeht, gelten andere Gesetze, denn das Ganze findet auf molekularer Ebene statt. Hier wirken elektrische Anziehungskräfte zwischen Atomen und Molekülen, chemische Bindungen verschiedener Stärke und quanten‐ mechanische Gesetze. All diese Dinge spielen beim Paranuss-Effekt oder beim Strandgut überhaupt keine Rolle. Auf der Ebene der Mole‐ küle allerdings sind sie entscheidend, und Eigenschaften wie Dichte oder Masse spielen wiederum in der Welt der Moleküle keine Rolle, 1.6 1.6 Ordnung entsteht doch nicht von alleine! 41 denn die elektromagnetische Anziehung zwischen zwei Elementarteil‐ chen ist etwa 1040 mal stärker als die Gravitation zwischen ihnen. Die Jungs auf YouTube werfen gerne mit astronomischen Zahlen um sich, und dann biete ich auch mal eine an, wenn auch eine wissenschaftlich abgesicherte. Wenn jemand also Legosteine in einer Schachtel schüttelt, um die vermeintliche Unmöglichkeit der Selbstorganisation von Materie zu demonstrieren, dann muss man sich eher vorstellen, dass die Legostei‐ ne Magnetflächen haben, die darüber hinaus dreieckig, viereckig, keil‐ förmig und oval sind, so dass nur bestimmte Magnetflächen zueinan‐ derfinden können. Schüttelt man einige Milliarden davon in einer Schachtel nur lange genug, so dürfte die eine oder andere bekannte Fi‐ gur dabei herauskommen. Das Beispiel endet hier; in der Realität kommt noch die Tatsache hinzu, dass die Bausteine und die Figuren Erbinformationen tragen. Und wenn sich eine komplexe Form einmal gebildet hat und ihre Erbinformationen weitergeben kann, dann bleibt sie erhalten. Es ist ja nicht so, dass jeder Säugling auf der Welt erneut aus Atomen zusammengeschüttelt werden müsse. Hier entstehen aber auch Mutationen, die die Basis für die Weiterentwicklung darstellen, die seit einigen Milliarden Jahren an der Artenvielfalt unseres Planeten arbeitet, aber auch an Krebs, Depressionen und Sichelzellanämie. Ein göttlicher, perfekter Plan sieht anders aus. Ja aber die Erbinformation muss ja irgendwo herkommen! Die DNA trägt, wie Sie sich bestimmt erinnern werden, in jeder Zelle den Großteil der Erbinformation. Nun ist es natürlich naheliegend an‐ zunehmen, dass jemand diese Information da auch aktiv hinterlegt ha‐ ben müsse – die DNA als Sprache Gottes. Das aber ist ein Fehlschluss. In Wirklichkeit ist die DNA ein Abkömmling der RNA, denn die RNA kann sowohl ein Träger von Information als auch ein Arbeitsmolekül sein. Sie ist flexibler in ihren Möglichkeiten als die DNA, dafür aber auch etwas weniger stabil. Viel wahrscheinlicher ist es also, dass die RNA als erstes in der Lage war, sowohl Kopien von sich selbst herzu‐ stellen als auch andere Moleküle zu bearbeiten. Lässt man diesen Pro‐ zess lange genug gewähren, so wird also nicht nur die RNA sich ver‐ 1.7 1 Glauben heißt leugnen 42 mehren (Rohstoffe vorausgesetzt), sondern sie wird auch eine Vielzahl von anderen Molekülen produzieren. Wenn jetzt einige darunter sind, die so etwas wie eine Hülle bilden können, dann wird dieses Stück ge‐ schützte RNA eine erhöhte Überlebenswahrscheinlichkeit haben. Auf diesem Wege dürften die ersten Zellen entstanden sein. Ich schreibe „dürften“, weil der endgültige Beweis nicht erbracht werden kann, denn die Sache ist immerhin einige Milliarden Jahre her und Bakterien hinterlassen keine Fossilien, sondern bestenfalls Erdöl. Die Versuche im Reagenzglas belegen aber, dass es absolut den Fähigkeiten der RNA entspricht, und wirken damit der Behauptung entgegen, dass Ordnung unmöglich von allein entstehen könne oder die Erbinformation in der DNA dort aktiv hinterlegt worden sein müsse. Es ist im Lichte echter wissenschaftlicher Erkenntnisse geradezu wahnwitzig zu behaupten, dass Materie sich niemals zu Proteinen oder Zellmembranen organisieren könne. Es ist kein Beweis für einen Schöpfer, sondern für die wissenschaftliche Ahnungslosigkeit derer, die es behaupten. Darüber hinaus ist es erstaunlich, mit welcher Hart‐ näckigkeit manche Apologeten von der Wissenschaft Beweise verlan‐ gen, die sie gar nicht verstehen, während sie gleichzeitig die Existenz Gottes zu einer Glaubensfrage erklären, die man nicht beweisen müsse oder auch nur könne. Das hohe Ross, auf dem sie zu sitzen glauben, steht in Wirklichkeit im Kinderkarussell. Natürlich ist es überwältigend, einem Motorprotein zuzusehen, wie es ein Transportvesikel voller Glückshormone wie einen Sack auf der Schulter ein Skleroprotein entlang transportiert. Es gibt dazu eine beeindruckende Animation der Harvard University namens The Inner Life of the Cell auf YouTube zu sehen. Ausgewachsenen Salafisten wie Pierre Vogel, Ibn Yakub oder Marcel Krass (immerhin ein studierter Ingenieur!) gereichen solche Details immer wieder zu der Annahme, dass das ein Schöpfer gemacht haben müsse, da es viel zu komplex sei, um durch chemische Evolution entstanden zu sein. Sie schmücken das dann aus, halten ein Smartphone hoch und stellen die rhetorisch-iro‐ nische Behauptung auf, dieses Smartphone sei daraus entstanden, dass der Blitz in eine Portion Sand eingeschlagen hätte, der dann die Schalt‐ kreise bildete. Dann wurde die ganze Sache von Erdöl umspült, das in der Sonne aushärtete und zur Hülle des Smartphones wurde. Und schließlich werfen sie dann noch mit astronomisch hohen Zahlen um 1.7 Ja aber die Erbinformation muss ja irgendwo herkommen! 43 sich, die die Unmöglichkeit dieser Behauptung unterstreichen sollen, und kommen zu der Schlussfolgerung, dass es einen Schöpfer geben müsse, der dann ganz zufällig immer der eigene ist. Das Ganze ist als Argument aber nichts Neues. Der britische Theologe William Paley argumentierte bereits im Jahre 1802, dass ein Eingeborener, der eine Taschenuhr am Strand findet, keine Ahnung haben dürfte, wie dieses Ding funktioniert oder wozu es da ist. Ihm würde aber sofort klar, dass dieses Ding nicht von allein auf die Welt gekommen sein kann. Der Astronom Fred Hoyle argumentierte im Jahre 1983, dass ein Tornado, der durch einen Schrottplatz fegt, nie‐ mals eine flugfähige Boeing 747 zusammensetzen könne. Und er hat Recht. Nur beschreibt sein Beispiel nicht annähernd die Mechanismen der Evolution, und den Evolutionsbiologen der Welt eine solch dämli‐ che Sichtweise oder gar absichtliches Lügen zu unterstellen gelingt nur mit völliger Ahnungslosigkeit über den Sachverhalt oder dem absicht‐ lichen Gebrauch eines Strohmann-Argumentes. Fred Hoyle, auch wenn er ein begnadeter Astronom war, hat sich damit wirklich keinen Gefallen getan. Man muss auch bedenken, dass man sich nicht einmal die Zeit‐ spanne vorstellen kann, die nötig war, um eine Zelle entstehen zu las‐ sen. Wir reden hier von einigen hundert Millionen Jahren, in denen Wellen gegen Felsen schlugen, Tümpel sich füllten und wieder ver‐ dunsteten, Vulkane auf dem Land oder am Meeresboden Unmengen von Rohstoffen ausspien und ganze Kontinente miteinander ver‐ schmolzen und wieder zerbrachen. Immer aber gab es Moleküle im Meer, die bei Kontakt sofort chemische Bindungen eingingen, bis die Sache sich gemausert hatte. Wenn man erst einmal auf das Märchen hereingefallen ist, die Er‐ de sei erst sechstausend Jahre alt, dann führt das natürlich zu weiteren Fehleinschätzungen. Das aber liegt daran, dass man gedanklich bereits falsch abgebogen ist und der Weg zurück bei jeder Fehlentscheidung immer länger wird. Zurückzugehen, ganz neu anzufangen und pein‐ lich genau auf Fehltritte zu achten ist den meisten Menschen wahr‐ scheinlich einfach zu viel. Selbst wenn ein religiöser Fanatiker die Rea‐ lität zweifelsfrei vorexerziert bekommt, wird es seinen Glauben nur be‐ stärken, denn er wurde einst ein Fanatiker, weil er eine starke innere Abneigung gegen das Umdenken hat. Der menschliche Geist ist nun 1 Glauben heißt leugnen 44 mal eine gnadenlose Vorwärtsmaschine; außer bei schweren morali‐ schen Verfehlungen hört die Stimme in Ihrem Kopf niemals auf, Ihnen Recht zu geben. Um auch den letzten Apologeten einmal zu verblüffen, nehmen wir noch ein anderes Beispiel für Komplexität, die von allein entsteht: Sprache. Wer genau hat aus dem Althochdeutschen das moderne Rheini‐ sche gemacht? Kennen Sie einen Namen, eine Technik, ein Ereignis, eine Entscheidung über Nacht? Warum können wir am Klang und an der Wortwahl einen Pfälzer von einem Sachsen unterscheiden? Das hat niemand aktiv bewirkt. Wenn Sie eine große Gruppe von Menschen, die alle exakt den gleichen Dialekt sprechen, auf zwei ein‐ same Inseln verteilen, dann werden ihre Sprachen sich früher oder später diversifizieren, also lokale Unterschiede in der Wortwahl und der Aussprache entwickeln – es würde an ein Wunder grenzen, wenn sie es dennoch nicht täten, so als wären sie durch ein unsichtbares geistiges Band miteinander verbunden. Daher können wir Deutsche, Österreicher und Schweizer an ihrer Sprache unterscheiden. Man sieht es unter anderem auch daran, dass es immer eine Jugendsprache gibt, die sich ihrerseits ebenfalls wandelt. Die Jugendsprache der 60er war eine völlig andere als die der 90er, und sie ist natürlich auch abhängig vom technologischen Stand einer Generation. Worte wie „Arschfax“ für ein Wäschezeichen, das aus der Hose ragt, hätte es in den 1960ern bereits geben können*, und doch kam dieses Wort erst später auf. Auch ist die Reichweite der Jugendsprache nicht festgelegt. Es gibt kei‐ nen Tag, an dem man eine unveränderliche Jugendsprache ablegt und fortan die Erwachsenensprache benutzt. Alles fließt, man kann es nicht oft genug sagen. Auch hier entstehen Komplexität und Vielfalt von allein nur dadurch, dass man die Sache gewähren lässt. Die Phan‐ tasie der Gehirne, die sich neue Begriffe ausdenken, sind in diesem Vergleich die Mutationen in der DNA, im weitesten Sinne also Abwei‐ chungen vom Status quo. Die Begeisterung, mit der sie übernommen und verbreitet werden, ist ein Maß für ihre Überlebensfähigkeit. Es ist das, was Richard Dawkins in seinem Buch Das egoistische Gen als * Bis dieses Manuskript in Druck geht, ist das Wort „Arschfax“ bestimmt schon wie‐ der total out. Sag man heute überhaupt noch „out“? 1.7 Ja aber die Erbinformation muss ja irgendwo herkommen! 45 Mem bezeichnete: eine Information, die sich durch Sprache und Schrift von Gehirn zu Gehirn verbreitet wie DNA in unseren Erbanla‐ gen. In Wirklichkeit sind das alles bestimmende Chaos und die Ten‐ denz eines jeden Systems, sich von einer vorgegebenen Ordnung weg zu bewegen, kein Argument für einen Schöpfungsakt, sondern der Motor hinter biologischer Vielfalt und Komplexität, die sich somit oh‐ ne eine Schöpfer erklären lassen. Es wäre viel erstaunlicher, wenn ein System sich trotz äußerer Einflüsse partout nicht verändern würde. 1.8 Schrittweise Evolution – mal in religiösem Kontext Es herrscht in evolutionsfeindlichen Kreisen die Ansicht, es gäbe so et‐ was wie nichtreduzierbare Komplexität. Es gibt Mechanismen auf bio‐ chemischer Ebene, so die Hypothese, die zur Hälfte nicht funktionie‐ ren können, wie zum Beispiel das menschliche Auge oder, als drasti‐ scheres Beispiel, die Motorproteine der Bakterienflagellen. Hier sitzt ein Proteinmolekül passgenau in einem zylindrischen, anderen Protein, und das innere Protein ist frei drehbar wie bei einem echten, mensch‐ gemachten Elektromotor. Und genau wie ein menschgemachter Elek‐ tromotor wird die Sache durch elektrische Ladungen angetrieben, die eine Drehung bewirken, so dass das Bakterium sich wie mit einem Au‐ ßenbordmotor durchs Wasser vorwärtsbewegen kann, wenn auch nur mit etwa 20 Zentimetern pro Stunde. In der Tat ist dieses Beispiel in der Hinsicht interessant, dass die Sache nicht funktionieren kann, wenn sie durch Mutation und Selekti‐ on erst zur Hälfte fertig geworden ist. Auch wenn der erste Denkfehler darin besteht, dass die Sache nicht mit dem Ziel eines Elektromotors mit freier Drehbarkeit entstanden ist, ist dieses Prinzip kein außerge‐ wöhnliches. Es taucht sogar in einem ganz anderen Zusammenhang auf. Die Azteken haben über Jahrhunderte jeden Tag ein Menschenop‐ fer dargebracht, da sie davon überzeugt waren, dass die Sonne sonst am nächsten Tag nicht aufgehen würde. Mal abgesehen von der unvor‐ stellbaren Grausamkeit und ihrer aus heutiger Sicht grotesken Begrün‐ dung stellt sich dem aufmerksamen Betrachter hierbei eine ähnliche Frage, nämlich: wie kam dieses Ritual zustande? 1 Glauben heißt leugnen 46 Es ist doch undenkbar, dass jemand von einem Tag auf den ande‐ ren behauptete, man müsse täglich ein Menschenopfer bringen, da sonst die Sonne nicht mehr aufginge. Die spöttische Antwort seiner Zeitgenossen würde gelautet haben: „Heute Morgen ging’s doch noch.“ Die Entwicklung hin zu diesem Ritual wird eine andere gewesen sein. Wahrscheinlich existierte das Ritual des Menschenopfers bereits vorher und wurde irgendwann inhaltlich umgedeutet. So wie Weih‐ nachten früher einmal die Wintersonnenwende beschrieb, den Zeit‐ punkt also, ab dem die Tage wieder länger werden, heute aber als das Fest der Geburt Christi gilt. Auch hier gab es einen Übergang in der Deutung, während das Ritual selbst sich nicht sonderlich verändern musste. So ein Übergang von der einen Bedeutung eines Rituals zur ande‐ ren kann dann auch getrost schlagartig erfolgen. Zum Beispiel, indem ein Herrscher eine neue Deutung anordnet und die Nichtbeachtung mit drakonischen Strafen ahndet. Dann dauert es nur wenige Genera‐ tionen, bis die neue Deutung die maßgebliche wird. Denn wer in eine Welt geboren wird, in der gewisse Ansichten mit Priorität behandelt werden, der wird denken, dass es schon immer so gewesen sei, auch wenn es nur wenige Tage vor seiner Geburt durchgesetzt wurde. Das funktioniert erst dann so richtig reibungslos, wenn diejenigen ausge‐ storben sind, die sich noch an andere Zeiten erinnern konnten. Zurück zum Bakterium und seinen Flagellen, die über freie Dreh‐ barkeit verfügen: aller Wahrscheinlichkeit nach haben sie sich aus dem sogenannten Typ-III-Sekretions- und Transportsystem entwickelt, einem nadelähnlichen Bakterienbaustein, mit dem Bakterien tierische Zellen anbohren und Gifte injizieren. Der Aufbau zwischen beiden ist bis auf wenige Unterschiede erstaunlich ähnlich, und eine Weiterent‐ wicklung von hier aus ist wesentlich wahrscheinlicher. Und mal ehr‐ lich: ist es wahrscheinlich, dass der Schöpfer einen Beweis für seine Existenz in so einem winzigen Detail versteckt, das man erst mit Elek‐ tronenmikroskopen erkennen kann? Entweder will er, dass wir ihm auf die Schliche kommen, oder er will es nicht, und die Sache mit dem Baum der Erkenntnis kann uns verdeutlichen, was er von der mensch‐ lichen Neugier allgemein hält. Wenn er es will, dann könnte er welt‐ weit gleichzeitig am Himmel erscheinen und alle Zweifel ein für alle Mal ausräumen. Wenn er es nicht will, hat er hier einen Fehler began‐ 1.8 Schrittweise Evolution – mal in religiösem Kontext 47 gen und sich erwischen lassen, was einem Allmächtigen sicher nicht passieren würde. Seele oder Psyche? Die Vorstellung, dass jeder Mensch eine Seele besitzt und dass nur Menschen, nicht aber Tiere Seelen besitzen, ist ein Eckpfeiler so gut wie aller Religionen. Wenn wir durch die Welt gehen, haben wir in je‐ dem Moment unserer Existenz das Gefühl, ein Beobachter zu sein, der im Kopf des Körpers wohnt, der hinter unseren Augen sitzt, der unsere Gedanken denkt, der die ganze Zeit mit uns redet. Die Tatsache, dass wir rund um die Uhr eine Stimme im Kopf haben, die wir den inneren Monolog nennen, hinterlässt natürlich den Eindruck, es gäbe einen Sprecher und einen Zuhörer. Aus dieser Annahme heraus ergeben sich der Gedanke des Leib-Seele-Dualismus und die Frage, wie Materie ein Bewusstsein erschaffen kann. Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Gehirn in einem Schädel. Das sollte nicht allzu schwer sein, denn Sie sind nun mal eins. Glücklicher‐ weise verfügen Sie über eine Reihe von Ausstülpungen, die Ihnen da‐ bei helfen, Informationen über Ihre Umgebung zu erhalten – diese nennen wir Sinnesorgane. Wir können Geräusche hören, Lichtreize wahrnehmen, wir spüren, wenn uns jemand berührt oder wir irgend‐ wo gegenrempeln. Sie haben auch Sinne, die Ihnen wahrscheinlich gar nicht klar sind. Zum Beispiel die Propriozeption – immerhin nicht we‐ niger als das Gefühl, einen Körper zu haben. Dies ist Voraussetzung für die Fähigkeit, sich blind mit dem Finger an die Nase zu fassen, denn Sie wissen zu jeder Zeit und auch mit geschlossenen Augen, wo im Raum sich Finger und Nase befinden – Sie müssen den Prozess nicht beaufsichtigen, Sie können ihn einfach durchführen. Der Teil des Gehirns, der für diesen Sinn verantwortlich ist, heißt Cerebellum und befindet sich am Hinterkopf dort, wo er in den Hals übergeht. Ist das Cerebellum durch Alkohol betäubt, gelingt Ihnen der Versuch nicht mehr genug, um einen Verkehrspolizisten zu überzeugen. Unser Gehirn ist auf Reize von außen angewiesen, um uns sicher durch die Welt zu navigieren, und so versucht es auch laufend, Vorher‐ sagen zu machen, um Zeit zu sparen. Immer glaubt unser Gehirn zu 1.9 1 Glauben heißt leugnen 48 wissen, was gleich geschieht. Aus diesem Grunde sind Musikrhythmen gleichmäßig, denn so sprechen sie unser Gehirn wesentlich besser an als unregelmäßige Geräusche. Wenn wir unser Gehirn bei solchen Vorhersageversuchen austricksen, nennen wir es je nach angewendeter Technik optische Täuschung oder Komik, deren zentrales Element das Durchbrechen der Erwartungshaltung ist. Der britische Neurowissen‐ schaftler Anil Seth nennt eine Halluzination daher eine unkontrollierte Wahrnehmung, während er unsere Wahrnehmung gar als eine kon‐ trollierte Halluzination beschreibt, denn der vorhersagende Teil des Bewusstseins ist wesentlich größer, als wir gemeinhin denken. Das kleine Männchen in Ihrem Kopf, das ununterbrochen zu Ih‐ nen spricht, gibt es nicht. Das waren schon immer Sie. Sie sind nicht der Denker hinter dem Gedanken, Sie sind der Gedanke; Sie sehen das Geschehen nicht auf einer geistigen Leinwand, ein Abbild des Gesche‐ hens findet in Ihnen statt, ganz ohne Zuschauer; Sie haben keinen Körper, Sie sind ein Körper. Ihr Gehirn redet laufend mit sich selbst, und Sie hören dabei nicht etwa zu – Sie sind das Gehirn. Es gibt keine Software, die auf einer Hardware namens Gehirn liefe, es gibt nur die Hardware. Der gefühlte Dualismus ist gar keiner. Besonders aufschlussreich werden die Mechanismen des Gehirns immer dann, wenn es nicht mehr richtig funktioniert. Bei einer Be‐ schädigung des rechten Gyrus fusiformis, einem Teil des Schläfenlap‐ pens, verliert der Mensch die Fähigkeit, Gesichter zu erkennen. Er sieht den Menschen noch, kann ihn aber nicht identifizieren – dieses Leiden heißt Gesichtsblindheit. Ist der Gyrus fusiformis hingegen über‐ mäßig aktiv, halluziniert man in jeden Autoreifen, in jeden Bierdeckel und in jedes Knie ein Gesicht. Vielleicht ist Ihnen der Fall Phineas Gage bekannt, ein Eisenbahn- Vorarbeiter, der im Jahre 1848 in Vermont einen Unfall erlitt, der die Physiologen der Welt erstaunte. Bei der Vorbereitung einer Sprengung stopfte er Schwarzpulver mit einer Eisenstange in ein Sprengloch, als die Eisenstange am Stein einen Funken schlug und das Schwarzpulver entzündete. Da das ganze System einer Kanone mit Pulver und Geschoss entsprach, schoss die Eisenstange vorwärts und traf Gage in den Kopf. Sie drang unter dem linken Auge in den Kopf ein und trat oben in der Mitte des Schädels wieder aus. Gage überlebte den Unfall, wenngleich er sein linkes Auge 1.9 Seele oder Psyche? 49 verlor. Sprachvermögen, Wahrnehmung, Gedächtnis, Intelligenz und Erinnerungsvermögen blieben ihm erhalten. Allerdings hatte er sich von einem ausgeglichenen, beliebten und verantwortungsvollen Indi‐ viduum in einen unbeständigen, respektlosen und impulsgetriebenen Menschen verwandelt, der seit dem Unfall auch oft zur Vulgärsprache griff und dem man den Vorarbeiterposten nicht mehr anvertrauen konnte. Das lag daran, dass die Eisenstange den Frontallappen verletzt hatte, der als der Sitz von Persönlichkeit und Sozialverhalten gilt. Im Frontallappen befindet sich auch der Motorcortex, der uns koordinier‐ te Bewegungen ermöglicht, der aber bei Phineas Gage nicht beein‐ trächtigt worden war. Im Falle von Rosemary Kennedy, der älteren Schwester des ermor‐ deten US-Präsidenten, verlief die Sache anders. Sie hatte einen Intelli‐ genzquotienten von 60 bis 70 und galt daher als retardiert. Mit den Leistungen ihrer Geschwister John und Robert konnte sie nicht annä‐ hernd mithalten. Da ihr streng katholischer Vater Joseph fürchtete, sie könne das Ansehen der Familie schädigen oder ungewollt schwanger werden, und gemäß dem Bibelwort „Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen“ erhielt sie auf Anweisung ihres Vaters im Alter von 23 Jahren eine Lobotomie des gleichen Frontallappens, der auch bei Phineas Gage verletzt worden war. Man erhoffte sich Linderung ihrer Stimmungsschwankungen und ihres leichtsinnigen Verhaltens. Doch der Eingriff schlug fehl. Rosemary hatte nach der Operation das geistige Vermögen einer Zweijährigen, wurde inkontinent und brauch‐ te zeitweise einen Rollstuhl. Ein zwei Zentimeter tiefer Schnitt ins Ge‐ hirn hatte ihr Leben ruiniert – sie verbrachte den Rest ihres Lebens in der St. Coletta-Heilanstalt in Wisconsin und starb dort im Jahre 2005 im Alter von 86 Jahren. Der Corpus callosum ist jener Teil des Gehirns, der die beiden Hälften miteinander verbindet wie bei einer Walnusshälfte. Zuweilen kam es in der Vergangenheit vor, dass bei Patienten eine Callosotomie vorgenommen wurde, um Epilepsie zu heilen – dabei wurde der Cor‐ pus callosum durchtrennt, so dass fortan zwei Gehirnhälften in einem Körper nebeneinander existierten. Die linke Gehirnhälfte kann Spra‐ che benutzen, die rechte Gehirnhälfte kann lesen und zeichnen, kann auch Sprache verstehen, aber nicht Sprache produzieren. Man kann 1 Glauben heißt leugnen 50 daher je nachdem, wie man die Antwort haben möchte, die beiden Ge‐ hirnhälften einzeln ansprechen. In einem Versuch des Neurologen Michael Gazzaniga zeigte er einem Patienten auf einem Bildschirm mit einer Trennwand gleichzei‐ tig einen Hammer und eine Säge, so dass die Augen jeweils nur Ham‐ mer oder Säge sehen konnten. Fragte er den Patienten, was er gesehen hat, so sagte er „Hammer“, weil seine linke Gehirnhälfte den Hammer gesehen hat und die Antwort mündlich mitteilen konnte. Die rechte Gehirnhälfte hatte die Säge gesehen, und wenn der Patient die Augen schloss und zeichnete, was er gesehen hatte, so zeichnete er eine Säge. Als Gazzaniga den Patienten fragte, warum er eine Säge statt einem Hammer gezeichnet hat, wie er eben selbst sagte, wusste er nicht war‐ um oder versuchte die Entscheidung im Nachhinein zu rechtfertigen – ich mag Sägen lieber als Hämmer oder Ähnliches. Die Erklärung ist: indem man die Frage mündlich beantwortet haben möchte, antwortet zwangsläufig auch nur die linke Gehirnhälfte, was sie gesehen hat, und sie hat nur den Hammer gesehen. Soll der Patient seine Antwort zeich‐ nen, antwortet nur die rechte Gehirnhälfte und zeichnet die Säge, die sie gesehen hat. Zeigt man solchen Patienten ein Bild des Renaissancemalers Giu‐ seppe Arcimboldo, der gerne Gesichter aus Obst und Gemüse gemalt hat, so erkennt die linke Gehirnhälfte verschiedene Obst- und Gemü‐ sesorten, während die rechte ein Gesicht erkennt. Das liegt daran, dass der Gyrus fusiformis des rechten Schläfenlappens für das Erkennen von Gesichtern zuständig ist. Der linke Schläfenlappen vermag das nicht. Beachtlicherweise kann man einer solchen Person gleichzeitig einen Kreis und ein Quadrat zeigen, und sie kann mit beiden Händen gleichzeitig beide Figuren sauber zeichnen. Bei Menschen, die einen solchen Eingriff nicht hatten, verwirren sich die beiden Gehirnhälften gegenseitig, so dass man weder das eine noch das andere sauber hinbe‐ kommt. Ein Callosotomie-Patient ist also dadurch, dass man das Ge‐ hirn zweigeteilt hat, auch zwei Personen in einem Kopf, die unabhän‐ gig voneinander gleichzeitig arbeiten können. Der Neurologe V. S. Ramachandran berichtet darüber hinaus von einem Fall, wo eine Gehirnhälfte an Gott glaubte, während die andere es nicht tat. Was die Frage aufwirft, ob man nun auch eine weitere See‐ 1.9 Seele oder Psyche? 51 le geschaffen hat und nun eine in die Hölle und die andere in den Himmel kommt. Die christliche Literatur sagt zumindest nirgendwo, dass der Mensch neue Seelen erschaffen könne, wenngleich man Per‐ sönlichkeiten erschaffen kann, indem man Gehirne zweiteilt. Es lassen sich zahlreiche weitere Beispiele dafür finden, wie Wahr‐ nehmung, Verhalten und Persönlichkeit sich durch Verletzung des Ge‐ hirns grundlegend verändern. Für fast jeden Teil Ihres Lebens gibt es einen Teil des Gehirns, der ihn bestimmt und kontrolliert – ob Sie Choleriker sind oder manisch-depressiv, ob Sie eine Suchtneigung ha‐ ben, ob Sie das Abenteuer suchen oder Ihnen beim Anblick eines Wingsuits sofort das Wort „Rollstuhl“ durch den Kopf geht. Seelen‐ blinde, deren Sehzentrum verletzt ist, können die Gestalt einer Rose beschreiben, können ihr aber nicht mehr das Wort „Rose“ zuordnen. Wird der Scheitellappen verletzt, kann ein Patient nicht mehr sagen, welches der beiden Gewichte in seinen Händen das schwerere ist, und wenn die parientale Hirnrinde beschädigt wird, wird der Patient eine seiner Körperhälften nicht mehr als Teil seines Körpers akzeptieren, sondern der Ansicht sein, das Bein und der Arm gehörten jemand an‐ derem. Patienten mit Temporallappenepilepsie neigen zu intensiven religiösen Erfahrungen, die Teil des sogenannten Geschwind-Syn‐ droms sind, und aus Spanien wird ein Fall berichtet, wo eine nicht sonderlich religiöse Frau über Monate immer religiöser wurde, mehr und mehr in der Bibel las und schließlich persönliche Gespräche mit der Jungfrau Maria zu führen glaubte. Wie sich herausstellte, war die Ursache ein Hirntumor, und die fünfwöchige Behandlung desselben mit Bestrahlung und Chemotherapie ließ sowohl den Tumor schrump‐ fen als auch die Religiosität wieder zurückgehen.5 Jeder Schaden am Gehirn hat irgendeine Auswirkung, und je mehr Schaden es erleidet, desto geringer werden unsere Möglichkeiten. Doch wenn das ganze Gehirn den Geist aufgibt, kann plötzlich etwas Übriggebliebenes in den Himmel aufsteigen, Petrus Rede und Antwort stehen, Verwandte erkennen und Glückseligkeit empfinden? Bisher deutet alles darauf hin, dass das Selbst und das Bewusstsein vollständig vom Gehirn erzeugt werden. Auf die Existenz einer Seele gibt es wei‐ terhin keinen Hinweis. Der schwedische Physiologe Hugo Lövheim veröffentlichte im Jah‐ re 2011 ein Diagramm, das als Lövheim-Würfel bekannt wurde.6 Löv‐ 1 Glauben heißt leugnen 52 heim ordnete die bereits bekannten Wirkungen von drei Hormonen dem jeweiligen Gefühlszustand zu, indem er für jede Achse eines Wür‐ fels ein Hormon setzte. Diese Kombinationen aus Noradrenalin, Sero‐ tonin und Dopamin funktionieren bei allen Menschen gleich. In Ta‐ bellenform sieht das so aus: Serotonin Noradrenalin Dopamin Emotion hoch hoch hoch Interesse/Aufregung hoch hoch niedrig Freude/Genuss niedrig hoch hoch Wut/Zorn niedrig hoch niedrig Angst/Schrecken hoch niedrig hoch Überraschung/Erstaunen hoch niedrig niedrig Verachtung/Ekel niedrig niedrig hoch Not/Pein niedrig niedrig niedrig Scham/Erniedrigung Die grundlegenden menschlichen Emotionen basieren auf Kombinationen von bestimmten Hormonen. Wenn wir in dieser Tabelle all jene Emotionen betrachten, in de‐ nen Serotonin niedrig ist, so finden wir Wut/Zorn, Angst/Schrecken, Not/Pein und Scham/Erniedrigung. Es fehlen Interesse/Aufregung, Freude/Genuss und Überraschung/Erstaunen, aber auch Verachtung und Ekel. Das Fehlen eines simplen Moleküls mit der Summenformel C10H12N2O führt Menschen in einen Zustand der Depression, der mit Medikamenten wie Citalopram gelindert werden kann, die den Sero‐ toninspiegel im Gehirn erhöhen können. Und was ist mit der Liebe? Sie wäre ohne Oxytocin nicht möglich, da es das Hormon für Liebe, Vertrauen und Bindung ist – aber auch die Wehen einleitet und somit gleich nach der Geburt eine starke Bin‐ dung zwischen Mutter und Kind bewirkt. Sie ist nicht nur evolutionär begründbar und biochemisch erklärbar, wir finden sie in einer Viel‐ zahl von Spezies, von Fischen über Mäuse und andere Säugetiere bis zum Menschen. Liebe hält die Spezies zusammen und begünstigt Ko‐ operation zwischen den Individuen. Fühlt sie sich deshalb unecht an? Sie durchflutet unser Primatengehirn, sie ist älter als unser Primaten‐ Tabelle 1: 1.9 Seele oder Psyche? 53 gehirn, sie ist fundamental, sie ist schön. Wo ist das Problem, wenn man sie sich erklären kann? Das einzig Unbequeme daran mag sein, dass sie mit dieser Erklärung weniger mystische, nur durch Gott er‐ klärbare Eigenschaften hat. Gewissheit Um es einmal deutlich zu machen: Es gibt kaum absolute Gewissheit auf Erden. Es gibt nur Wahrscheinlichkeiten und Modelle, mit denen wir uns der Realität nähern können. Wie sie wirklich aussieht, wird uns dauerhaft verborgen bleiben. Das ist keine Frage der jeweils aktu‐ ellen Technologie, sondern liegt in der Beschaffenheit der Realität selbst begründet. Wohl kaum etwas in den Naturwissenschaften ist so sehr geeignet, diese letztendliche Ungewissheit zu verdeutlichen, wie der Aufbau des Atoms selbst. Die geläufigsten Modelle sind die beiden folgenden. Das bohrsche Atommodell Im bohrschen Atommodell, das Niels Bohr Anfang des 20. Jahrhun‐ derts entwickelte, befindet sich der Atomkern majestätisch in der Mit‐ te, und die Elektronen umkreisen ihn auf definierten Bahnen wie die Planeten die Sonne. Wenn ein Elektron durch Hitze oder Strahlung angeregt wird, wird es auf eine höhere, energiereichere Bahn angeho‐ ben, und wenn die Anregung nachlässt, fällt es wieder in seine Lieb‐ lingsbahn zurück und gibt den Energieunterschied zwischen den bei‐ den Bahnen in Form einer Lichtwelle ab. Die Frequenz des Lichtes, sei‐ ne Farbe also, entspricht dem freigesetzten Energiebetrag. Rotes Licht entspricht einem Übergang zwischen zwei Niveaus, die sich energe‐ tisch weniger unterscheiden, und violettes Licht entspricht einem gro‐ ßen Unterschied zwischen den beiden Energieniveaus, denn violettes Licht enthält mehr Energie als rotes. Da das Atom in seinem Aufbau nur sehr wenig Spielraum hat, bewirken alle Strontiumatome im Uni‐ versum eine rote Flammenfärbung, alle Natriumatome eine gelbe, alle Bariumatome eine grüne, und alle Kaliumatome färben das Licht einer Flamme violett. Wenn Sie während eines Feuerwerks mal neben einem 1.10 1 Glauben heißt leugnen 54 Chemiker gestanden haben, werden Sie wissen was ich meine. Auch andere Metalle wie Quecksilber und Arsen unterliegen diesem Prinzip, die emittierten Wellenlängen liegen jedoch im ultravioletten Bereich, den unser Auge nicht sehen kann. Das Molekülorbitalmodell Das Molekülorbitalmodell, kurz MO-Theorie, ist komplizierter, aber auch logischer. Der grundlegende Gedanke ist, dass der positiv gelade‐ ne Kern und die negativ geladenen Elektronen einander ja anziehen und sich daher mit der größten Wahrscheinlichkeit sehr dicht beiein‐ ander befinden. Auf atomarer Ebene gibt es für das Elektron nämlich keine nennenswerte Fliehkraft, die ein Gegenstück zur Gravitation des Kerns wäre, so dass sich eine stabile Bahn ergäbe. Das ist das Modell‐ hafte und damit Unzutreffende am planetenähnlichen, bohrschen Atommodell. In der MO-Theorie ist die Aufenthaltswahrscheinlichkeit des Elek‐ trons umso größer, je näher wir dem Kern kommen, und wird nach außen immer unwahrscheinlicher. Dieses Orbital (das Wahrschein‐ lichkeitswölkchen, in dem sich das Elektron befindet) kann verschie‐ dene Formen haben. Kugelförmig, hantelförmig, donutförmig und ir‐ gendwie babyspielzeugförmig. Dieses Modell kann die Flammenfär‐ bung der Atome nicht erklären. Es ist aber ausgesprochen hilfreich zur Klärung der Frage, warum ß-Carotin eine rote Substanz ist, warum man mit Kohlenstoff so tolle und lebenswichtige Moleküle bauen kann und warum Diamant so hart ist. Die MO-Theorie ist die Erklärung, warum das riesige Feld der Chemie mit all seinen Gesetzmäßigkeiten letzten Endes nichts anderes ist als angewandte Quantenphysik. Hier ist nun der Knüller: das bohrsche Atommodell und die MO- Theorie sind beide gültig, obwohl sie sich direkt widersprechen. Im einen Modell nimmt man eine Art Planetensystem an, und man kann damit arbeiten und korrekte Vorhersagen machen. Im anderen ist das Elektron eine mathematische Welle, die auch mal direkt durch den Kern fliegen kann, wenn es gerade keinen Grund gibt, es nicht zu tun auch dieses Modell bietet korrekte Vorhersagen an, mit deren Hilfe man zum Beispiel neue Werkstoffe mit ungeahnten Eigenschaften ent‐ wickeln kann. Ein Quadratmeter Graphen kann eine vier Kilogramm 1.10 Gewissheit 55 schwere Katze tragen und ist mit seinen 0,7 Milligramm Gewicht dabei so leicht, dass er an die Zimmerdecke steigt, wenn man ihn loslässt. Die Tatsache, dass zwei sich direkt widersprechende Modelle zum Aufbau des Atoms gleichzeitig richtig sein können, lässt sich nur damit erklären, dass die Wirklichkeit dahinter noch wesentlich komplizierter ist und beide Modelle nur Näherungen sind. Tausende von Wissen‐ schaftlern haben über Jahrhunderte an diesen Modellen gearbeitet, und sie sind elementar daran beteiligt gewesen, unser heutiges Tech‐ nologieniveau zu entwickeln. Doch wie genau das Atom jetzt aufge‐ baut ist, weiß niemand. Gewisse Grundprinzipien aus dem Bereich der Quantenmechanik wie die heisenbergsche Unschärferelation deuten zudem darauf hin, dass wir es nie werden erfahren können, da es keine Frage der Technologie ist, sondern die Beschaffenheit der Realität selbst betrifft. Die Realität hat keinerlei Verpflichtung, uns gegenüber verständlich zu sein, denn unsere menschlichen Sinne und unser Abs‐ traktionsvermögen haben sich nur soweit entwickelt, wie es zum Über‐ leben in der afrikanischen Savanne erforderlich war. Messungen und Restunsicherheit Wir können durch chemische Messungen sagen, dass ein Thunfischfi‐ let 2,0 mg/kg Quecksilber enthält. Vielleicht können wir auch 2,02 mg/kg angeben, wenn wir die Messung oft genug durchführen und einen Mittelwert bilden. Es liegt in der Natur einer Messung, einen Messfehler zu haben, und die Ergebnisse, sofern man die Messung nur oft genug wiederholt, werden sich in Form einer gaußschen Glocken‐ kurve um den wahren Wert µ (sprich: mü) anordnen. Aber der wahre Wert µ mit beliebig vielen Nachkommastellen wird uns niemals be‐ kannt sein. Alles was wir produzieren können, sind Näherungen an diesen wahren Wert, und jede moderne Messung ist ein Kompromiss zwischen der erforderlichen Genauigkeit und dem entsprechenden Aufwand im Labor. Messwerte sind eigentlich keine Zahlen, sondern Intervalle, kleine Fenster der Wahrscheinlichkeit auf dem Zahlenstrahl. Wir können im Falle des Thunfischfilets sagen, dass der wahre Wert µ sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % zwischen 1,95 und 2,05 befindet, und wenn wir noch 30 Messungen drauflegen, können wir den wahren 1 Glauben heißt leugnen 56 Wert µ mit 99,9%iger Wahrscheinlichkeit vielleicht zwischen 1,99 und 2,01 verorten. Das Intervall, in dem sich der wahre Wert µ mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit befindet, wird dadurch kleiner. Wir können ein größeres Intervall wählen, in dem sich der wahre Wert µ mit 99,99%iger Wahrscheinlichkeit befindet, aber dieses Intervall ist dann wieder größer. Um das Intervall bei gleichbleibender Wahr‐ scheinlichkeit wieder kleiner zu machen und dadurch eine weitere gül‐ tige Nachkommastelle zu gewinnen müssen wir, Sie haben es erraten, mit der Anzahl der Messungen um eine Größenordnung hoch gehen, also in die hunderte. Und das will niemand bezahlen, denn es geht nur um ein Stück Fisch. Die wichtige Erkenntnis daraus ist: Ein Messwert ist immer entwe‐ der genau oder wahrscheinlich, aber niemals beides. Dennoch können wir näherungsweise sagen, ob dieses Fischfilet den Grenzwert für Quecksilber einhält oder nicht, und das können wir dann mit Fug und Recht eine gesicherte Erkenntnis im Rahmen des Erforderlichen nen‐ nen. Es ist nur keine absolute Gewissheit, denn die gibt es in diesem Universum fast nie – die Frage ist vielmehr, wo man die Grenze des Unglaubens zieht. Stellen Sie sich das Ausmaß, in dem man an Be‐ hauptungen zweifelt, wie ein Paar Schnürsenkel vor. Je fester Sie sie an‐ ziehen, desto mehr erwarten Sie Beweise für Behauptungen. Wer abso‐ lute Gewissheit will, würgt sich die Füße ab, und wer abseits aller Fak‐ ten nur auf den Glauben setzt, schlottert komplett ohne Schnürsenkel durch die Welt. Wenn Sie also vom Leben so etwas wie absolute Gewissheit erwar‐ ten, muss selbst die Wissenschaft Sie enttäuschen. Dennoch kann man, genügend Statistikkenntnisse vorausgesetzt, toxikologische Einschät‐ zungen vornehmen, Durchschnittswerte in Lebensmitteln bestimmen und Grenzwerte festlegen, die das Lebensmittel einhalten soll. Es hat unsere Lebenserwartung und die Lebensqualität in den letzten hun‐ dert Jahren erheblich erhöht. Es funktioniert, auch wenn es keine ex‐ akte Wahrheit bieten kann. Doch es gibt immer und überall eine Restunsicherheit nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern zum Beispiel auch in der Recht‐ sprechung. Daher sagen Richter zum Ende des Gerichtsverfahrens nicht „Der Angeklagte hat die Tat begangen“, sondern: „Das Gericht sieht es als erwiesen an“. Dass man dabei betont subjektiv vorgeht, soll 1.10 Gewissheit 57 daran erinnern, dass man es nie genau wird wissen können. Zuweilen genügt die Sachlage aber, um jemandem 25 Jahre Freiheitsentzug auf‐ zubrummen. Es gibt sowohl in der Quantenmechanik als auch in der makrosko‐ pischen Welt letzten Endes nichts als Wahrscheinlichkeiten. Es gibt aber einen Unterschied zwischen der 5 %igen Wahrscheinlichkeit, dass ein belastetes Fischfilet den Grenzwert für Quecksilber doch noch ein‐ hält, und der Wahrscheinlichkeit, dass der Schöpfer des Universums mit seinen 150 Milliarden Galaxien, die jeweils aus 200 Milliarden Sternen bestehen (das macht 3 x 1022 Sterne), von denen vielleicht die Hälfte Planeten besitzt (das macht 1,5 x 1022 Planeten), nur unseren Planeten mit Leben versehen hat, das er für würdig hält, ihn anzubeten. Dass wir per Abstammung ein bevorzugtes Verhältnis zu ihm haben (Judentum); dass wir so grässlich geraten sind, dass unser Gott sich umbrachte (Christentum); oder dass dieser Schöpfer noch einen drit‐ ten Anlauf startet (Islam), in dem er uns nichts zu bieten hat außer Ka‐ davergehorsam und Jenseitsversprechen. Wie wahrscheinlich ist das? Es riecht zumindest sehr menschgemacht. Es sei noch angemerkt, dass wir sehr wohl unterscheiden müssen zwischen einem wie auch immer gearteten Schöpfer und jenen, die in den großen Religionen der Welt dargestellt werden. Jene Schöpfer, die sich benehmen wie Warlords mit latenter Verachtung der Frau, der Homosexualität und allgemein allen Andersdenkenden. Es ist bemer‐ kenswert, wie Menschen sich an diese Restwahrscheinlichkeit einer an sich unsympathischen Gottheit klammern, nur um liebgewonnene Überzeugungen nicht aufgeben zu müssen. *** Ist bei all dieser Restwahrscheinlichkeit nicht auch Platz für den Gott der Bibel oder des Koran? Für Shiva, Odin und Huitzilopochtli, dem die Azteken über Jahrhunderte täglich ein Menschenopfer brachten? Versuchen Sie sich vorzustellen, wie sicher die Azteken sich ihrer Sa‐ che gewesen sein müssen! In einem Universum mit 150 Milliarden Ga‐ laxien gibt es eine, in deren westlichem Spiralarm eine kleine, sehr durchschnittliche Sonne mit 1,4 Millionen Kilometern Durchmesser ihre Bahn um das Zentrum der Galaxis zieht, und auf deren drittem Planeten eines von tausenden Völkern jeden Tag einem Menschen bei 1 Glauben heißt leugnen 58 vollem Bewusstsein die Brust unterhalb des Rippenbogens mit einem Obsidianmesser öffnete und in Sekunden das Herz herausschnitt, so dass es in der Hand des Zeremonienmeisters bestenfalls noch schlug. Damit wollten diese Menschen erreichen, dass die etwa eine Million Mal größere Sonne, um die sich der kleine Planet dreht, morgen früh wieder aufgehen würde. Wer immer sich als Christ oder Muslim da‐ rüber amüsiert, möge an das Fleisch Jesu Christi in seinem Mund, an das Menschenopfer seines Gottessohnes (ja, es ist eins) oder an seine abgetrennte Vorhaut denken, die ihrerseits eine stilisierte Version von Abrahams Menschenopfer ist. Ja aber das ist was anderes, das ist den Menschen von Gott direkt auferlegt worden! Nein. Es ist die gleiche Hingabe an einen Gott, und es ist nicht plausibler oder wahrer, nur weil es Sie und Ihre Familie, Ihre Nachbarn und Ihre Staatsoberhäupter betrifft. Euer Gott ist euch so selbstverständlich wie den Azteken der ihre. Der Unterschied: die Azteken haben täglich ein Menschenopfer dargebracht, und die Chris‐ ten gehen davon aus, dass ein einziges, besonderes Menschenopfer die Sache ein für allemal geklärt hätte. Aber die Azteken waren fehlgeleitet, weil Christen so furchtbar genau wissen, nicht glauben, sondern wis‐ sen, dass ihr Gott der richtige ist? Die Azteken haben dafür ohne zu zögern täglich getötet. So sicher waren sie sich. Nimmt man den Eifer der heutigen dschihadistischen Selbstmordattentäter zum Vergleich, so dürften manche aztekischen Menschenopfer sich sogar geehrt gefühlt haben, an einem so wichtigen Ereignis in prominenter Position teilzu‐ nehmen. Und noch etwas kann man am Beispiel der Azteken erkennen: die ganze Sache wäre in sich zusammengefallen wie ein Soufflet bei geöff‐ neter Backofentür, wenn irgendein Azteke es jemals gewagt hätte, die Sache zu überprüfen. Zum Beispiel, indem man das Menschenopfer einmal ausfallen lässt. Das aber scheint zu riskant, und eher legt man dann den Skeptiker auf den Altar, als die Hypothese zu überprüfen. Sie sehen, ein Wahn kann sich über Jahrhunderte in einer Gesellschaft halten. Ist es nicht erstaunlich, dass weder Poseidon, der Odysseus jahre‐ lang über die Ägäis irren ließ, noch Huitzilopochtli, noch Ra, Helios oder der ausgesprochen selbstbewusste Odin jemals wieder von sich hören ließen, nachdem ihre Anhänger ausgestorben waren oder den 1.10 Gewissheit 59 Gott gewechselt hatten? Hungern wir heute, weil wir Demeter nicht mehr huldigen? Gibt es keinen Wein mehr, seit Dionysos die Gefolg‐ schaft entglitt? Leben wir in ewigem Regen, weil wir Ba‘al missachten? Nichts dergleichen. Es ist, als wären all diese Götter immer nur Projek‐ tionen menschlicher Bedürfnisse gewesen. Und so gewinnt Gott jeden Krieg, weil beide Parteien sich auf ihn berufen und er daher immer auch auf der Gewinnerseite steht. Die Verlierer schreiben nun mal kei‐ ne Geschichte. Man dankt Gott gerne, aber man beschwert sich bei ihm nicht öffentlich, weil man dann nach einer Alternative suchen müsste, was den bisherigen Glauben irgendwie beliebig erscheinen lässt. Wenn es etwas auf der Welt gibt, das halbwegs gesicherte Erkennt‐ nisse produzieren kann, dann ist es die Wissenschaft, denn ihre Me‐ thode ist ungeschlagen. Alles andere ist Wunschdenken. Und wir soll‐ ten immer gewarnt sein, wenn jemand um die Ecke kommt und uns höhere Wahrheit oder Gewissheit aus Überzeugung auftischen will. Er verfolgt damit nur eigene Ziele, und seine Gewissheit ist subjektiv, was jedem religiös Überzeugten aus skeptischer Sicht eine gruselige Aura der selbstüberschätzenden Unzurechnungsfähigkeit verleihen muss. In der westlichen Welt gibt es das Phänomen des Gottes der Lü‐ cken. Es bedeutet, dass die Religion, immer wenn die Wissenschaft neue Erkenntnisse gewonnen hatte, ein Stück ihrer Position aufgeben musste. Kometen sind keine Vorboten göttlichen Zorns, sondern Bro‐ cken aus Eis und Staub, die sich der Sonne nähern und dabei einen Schweif aus Partikeln ausbilden, die der Sonnenwind herausgeschlagen hat. Die Pest war keine Seuche, die die Juden zusammen mit dem Teu‐ fel in die Welt gebracht haben, sondern eine bakterielle Infektion, die sich aufgrund der katastrophalen und ignoranten Hygienebedingun‐ gen des Mittelalters rasant ausbreiten konnte. Blitze sind kein göttli‐ cher Zorn, weil ich meine in wilder Ehe lebenden Nachbarn nicht zur Rede stelle, und die Erde ist nicht der Mittelpunkt des Universums, ja nicht einmal des Sonnensystems. Und der Mensch wurde nicht aus Lehm geschaffen, sondern ist durch einen Milliarden Jahre dauernden Prozess namens Evolution zu dem geworden, was er heute ist. Stellen Sie sich vor, Sie würden mit einem Menschen des Mittelal‐ ters diskutieren. Allerdings müssen wir eine kleine Änderung vorneh‐ men: dieser Mittelaltermensch sei nicht ignorant gegenüber der Frage, 1 Glauben heißt leugnen 60 welche Bedeutung Kindbettfieber, Missernten, Seuchen, Heuschre‐ ckenplagen und Blutstürze haben. Er bilde sich vielmehr ein zu wissen, dass dies göttliche Strafen seien. Wenn er ehrlich wäre und sich einge‐ stünde, dass er es nicht weiß, dann würde er wahrscheinlich die Argu‐ mentation benutzen, die man heute in anderen Zusammenhängen hört: Die Wissenschaft weiß ja auch nicht alles. Da ist noch Platz für Gott. Mit unserem heutigen Wissen können wir ihm klipp und klar er‐ klären, welche Ursachen diese Phänomene hatten. Kindbettfieber ist eine bakterielle Infektion durch mangelnde Hygiene bei der Entbin‐ dung; Missernten geschehen durch Wettereinflüsse, den falschen pH- Wert des Bodens, Virusinfektionen der Pflanzen, Insektenbefall oder Nährstoffmangel; Seuchen sind bakterielle Infektionen, die durch mangelnde Hygiene, das Fehlen einer Kanalisation und durch das Zu‐ sammenleben von Mensch und Tier auf engstem Raum begünstigt werden; Heuschreckenplagen geschehen einfach, wenn man den Heu‐ schrecken genug Futter anbietet, oder wenn der Winter mild war und die Larven den Frost überlebt haben; ein Blutsturz wie jener, der Atilla dem Hunnen die Hochzeitsnacht mit Ildico versaute, wurde durch das Platzen einer Krampfader in der Speiseröhre verursacht, die durch jahrzehntelangen Alkoholmissbrauch zustande kam, und war keines‐ falls ein göttliches Statement betreffend die Zukunftsfähigkeit dieser Ehe. Und nun übertragen wir dieses Verhältnis von Mittelaltermensch zu uns heutigen Menschen auf die Gegenwart. Nachdem die Religion so viele Behauptungen über die Beschaffenheit der Welt und die Be‐ deutung von Schicksalsschlägen aufgeben musste, klammert sie sich heute daran, dass man ja immer noch nicht weiß, wie aus Gehirnmate‐ rie Bewusstsein entsteht, was den Urknall verursachte und wie die ers‐ te Zelle entstand – allesamt Fragen, die die Religionsstifter sich noch gar nicht stellen konnten, da sie vom Urknall und von Zellen keine Ahnung hatten und gemäß Aristoteles vermuteten, das Gehirn sei nur dazu da, das allzu heißblütige und aufwallende Herz zu kühlen. Und indem sie solche Fragen stellen, glauben sie, die Wissenschaft vor sich her zu treiben, die blass und in kaltem Schweiß laufend um Erklärun‐ gen bemüht sei. Das ist sie aber nicht. Sie ist mit Forschung, Experi‐ menten, logischen Ableitungen und zulässigen Schlussfolgerungen be‐ 1.10 Gewissheit 61 schäftigt. Dass sie die Behauptungen der Religionen lächerlich ausse‐ hen lässt, ist nur eine Begleiterscheinung ihrer Arbeit. Wissenschaft empfindet keine Scham dabei zuzugeben, dass sie etwas nicht weiß – die vergangenen Jahrhunderte erfolgreicher Naturforschung lassen souverän in die Zukunft blicken. Sie wird immer etwas nicht wissen, denn sie selbst wirft laufend neue Fragen auf, die zuvor niemand ande‐ res stellen konnte, und auch in 500 Jahren wird noch ein Gläubiger ne‐ ben dem Forscher stehen und zufrieden feststellen, dass die Wissen‐ schaft „ja auch nicht alles weiß“. Um was für Fragen es dann gehen wird, muss die Wissenschaft erst noch herausfinden – die Theologie hat keine Ahnung, setzt sich aber in geballter Hochnäsigkeit an die Spitze des Diskurses. So zumindest in der westlichen Welt. Im Islam sieht das etwas an‐ ders aus. Hier gibt es keinen Gott der Lücken, sondern eine Wissen‐ schaft der Lücken. Sie darf nur die offenen Fragen beantworten, die der Koran gelassen hat. Wissenschaft hat im Islam hauptsächlich die Aufgabe, den Koran zu bestätigen. Gelingt das nicht, hat die Wissen‐ schaft Mist gebaut, wie der iranische Physiker Reza Mansouri es selbst bestätigte.7 Falls Sie sich fragen, was Wissenschaftler als ernstzunehmende Hinweise für einen Schöpfungsakt ansehen würden, kann ich Ihnen hier ein paar Beispiele nennen. 1. Wenn eine Schwangerschaft immer genau 268,0 Tage dauern wür‐ de, anstatt sich um den errechneten Zeitpunkt fast in einer gauß‐ schen Glockenkurve zu verteilen (von die Statistik beeinflussenden Maßnahmen wie Kaiserschnitten oder Wehen einleitenden Medi‐ kamenten abgesehen). Das wäre unstatistisches Verhalten ohne Grund und damit ein starker Hinweis darauf, dass die Sache nicht den Gesetzen der Natur folgt, sondern dass hier ein Exemplar von Gottes Lieblingskreatur nach besonderen Regeln in die Welt gesetzt wird. 2. Wenn das Jahr genau 365 Tage hätte anstatt 365,24219052 Tage. Wenn also das Verhältnis von Eigendrehungen der Erde zu Son‐ nenumrundungen exakt ganzzahlig wäre. Wie Sie den Nachkom‐ mastellen ansehen können, kommt etwa alle vier Jahre ein weiterer Tag zusammen, der dann zur Korrektur in einem Schaltjahr ausfällt, damit die Rechnung wieder stimmt. Allerdings ist der überschüssi‐ 1 Glauben heißt leugnen 62 ge Vierteltag nur fast einer. Also muss der Schalttag seinerseits alle 100 Jahre ausfallen. Damit aber überkorrigiert man die Korrektur, so dass das Ausfallen des Schalttages wiederum alle 400 Jahre aus‐ fallen muss. Die Eigendrehung der Erde und ihre Umrundung der Sonne haben keinerlei Einfluss aufeinander. Wenn das eine genau das 365,00000000fache des anderen wäre, dann würde man sich mit Fug und Recht fragen, wie das so perfekt zusammenpassen kann. Hier wäre ein Beleg für ästhetisch inspiriertes Design zu erwarten. Stattdessen deutet nichts daran auf einen Entwurf eines Schöpfers hin, es sind einfach zufällige Zahlen. Die Venus dreht sich sogar langsamer um sich selbst, als sie die Sonne umrundet – ein Tag auf der Venus dauert länger als ihr Jahr. Der Schöpfer hätte es für die Erde (und für alle anderen Planeten) klar und ganzzahlig machen können, um nebenbei einen echten Hinweis auf sich selbst zu ge‐ ben wie Alfred Hitchcock, der in seinen Filmen gelegentlich augen‐ zwinkernd am Rande zu sehen ist. 3. Wenn der geostationäre Orbit über der Erde in 3.000 km Höhe lie‐ gen würde statt in 36.000 km. Auf jeder stabilen Umlaufbahn ist die Zentrifugalkraft, die den Satelliten von der Erde weg schleudert, genauso groß wie die Anziehungskraft der Erde, so dass Gleichge‐ wicht herrscht. Es gibt aber nur einen Orbit, bei dem dieses Gleich‐ gewicht bei einer Geschwindigkeit stattfindet, die es dem Satelliten erlaubt, immer über dem gleichen Punkt der Erde zu sein und da‐ mit immer das gleiche Gebiet mit seinen Leistungen versorgt. Die‐ ser Orbit befindet sich in 36.000 Kilometern Höhe, was immerhin etwa zehn Prozent der Entfernung Erde-Mond sind. Satelliten unterliegen aber auch den Effekten der Relativitätstheorie – in diesem Fall zwei entgegengesetzten Effekten. Da Satelliten schnell sind, läuft ihre Zeit langsamer ab als für uns. Da sie sich im Gravitationsfeld der Erde aber auch weiter außen befinden, läuft ihre Zeit schneller als für uns, denn Gravitation verlangsamt hier auf der Erdoberfläche unsere Zeit. In einer Höhe von 3.000 km he‐ ben die beiden relativistischen Effekte sich genau auf, so dass wir uns in dieser Höhe um das Problem keine Sorgen machen müssen. So aber müssen die Uhren auf Satelliten, die in eine geostationäre Umlaufbahn in 36.000 Kilometern Höhe geschickt werden, langsa‐ 1.10 Gewissheit 63 mer laufen als normale Uhren auf der Erde, so dass sie beim Errei‐ chen der Umlaufbahn schneller und dann so schnell wie unsere Uhren auf der Erde laufen. Wären diese Phänomene, die sich auf verschiedene, voneinander unabhängige Effekte berufen, von Natur aus genau aufeinander abgestimmt (der Allmächtige sollte das hin‐ bekommen können), so dass ein Satellit immer über dem gleichen Punkt der Erde ist UND bei dem sich die beiden relativistischen Effekte perfekt ausgleichen, dann würde man sich in der Tat wun‐ dern, warum das so saugend-schmatzend ineinander passt, und hätte einen Hinweis auf göttliches Design (der aber als Beweis im‐ mer noch nicht taugen würde, denn es könnte immer noch Zufall sein). 4. Wenn das berühmte Exorzismusopfer Anneliese Michel neben der Behauptung, die Dämonen Luzifer, Nero, Judas, Fleischmann (ein böhmischer Priester aus dem 16. Jahrhundert), Hitler und Kain würden in ihr hausen, auch Saddam Hussein oder Kim Jong Un aufgeführt hätte. Saddam Hussein kam im Irak erst drei Jahre nach ihrem Tod an die Macht, Kim Jong Un wurde erst acht Jahre nach ihrem Tod geboren, und daher konnte sie von beiden nicht wissen. Hier hätte sich zeigen können, dass ihre Eingebungen echt waren. 5. Wenn wir alle genau 80,0 Jahre alt würden. Stattdessen mussten wir dieses Durchschnittsalter erst durch Hygiene, Haltbarmachung von Lebensmitteln und Schulmedizin möglich machen, und die restli‐ chen Details gehören dem Zufall. 6. Wenn das Verhältnis zwischen Männern und Frauen auf der Welt auch bei sieben Milliarden Menschen genau 50,00 zu 50,00 wäre und nicht 52,15 zu 47,85. 7. Wenn der Bau von Burj Khalifa in Dubai ähnliche Folgen gehabt hätte wie der Turmbau zu Babel. Da wir aber bereits in jenem Sprachgewirr leben, das anscheinend eine Strafe sein sollte, müsste dann eine ähnlich absurde Strafe geschehen. Verstehen Sie die wissenschaftliche Denke dahinter? Wenn die Dinge der Natur eine Chance haben, zufällig zu sein, dann sind sie es auch. Hier wäre eine Abweichung ein starker Hinweis auf Design oder einen Schöpfer; hier würde nicht nur der Laie sich wundern, sondern der Fachmann auch staunen. Doch nichts dergleichen. Wenn es einen 1 Glauben heißt leugnen 64 Schöpfer gibt, dann achtet er peinlich genau darauf, nicht als solcher erkannt zu werden. Doch selbst wenn das Universum Anzeichen von absichtlicher Ge‐ staltung zeigen würde, wäre damit noch keine theistische Position be‐ wiesen. Unser Universum kann genauso gut eine minutiös geplante Si‐ mulation eines Wissenschaftlers außerhalb unseres Universums sein, die auf einem Computer in einem höheren Universum läuft. Der Wis‐ senschaftler hat uns vielleicht noch gar nicht entdeckt, da die Zeit in seinem Universum wesentlich langsamer abläuft und wir als Spezies entstanden sind, während der Wissenschaftler noch auf dem Weg zur Arbeit ist und erst in 500 Millionen Erdenjahren sein Büro betreten wird. Gebete wären überflüssig; religiöse Regeln wie Fisch am Freitag oder Geschlechtertrennung in Moscheen, mit denen der Mensch Gott seinen Gehorsam demonstrieren will, würden unbeachtet verhallen; Naturkatastrophen hätten ihren Grund nicht darin, dass die Homoehe in allen Bundesstaaten der USA erlaubt wurde; Ihre Seele ginge nir‐ gendwohin, sofern Sie überhaupt eine besitzen. Und niemand kann beweisen, dass die Vermutung, unser Universum sei nur simuliert, falsch wäre. Mit genug Phantasie kann man alle möglichen Behaup‐ tungen aufstellen, und mit genug Humorlosigkeit und Gewalt kann man solche Ideen auch in der Gesellschaft verbreiten, bis die nächste Generation herangewachsen ist und nie etwas anderes kannte als die‐ sen Glauben. *** Natürlich kann man auch ein entspanntes, auf- oder abgeklärtes reli‐ giöses Weltbild haben. Der amerikanische Genetiker Francis Collins, Direktor des National Institute of Health in den USA, war einst Atheist gewesen, bis er auf einem Spaziergang einen gefrorenen Wasserfall sah, in den Eissäulen die heilige Trinität erkannte, ergriffen in die Knie sank und Jesus als seinen Herrn und Erlöser annahm. Auf seine Arbeit hat es aber keinen Einfluss, und den Kreationismus als Erklärungsan‐ satz für die Artenvielfalt lehnt er weiterhin entschieden ab. Nicko McBrain, Drummer der Band Iron Maiden, hatte im Jahre 1999 ein emotionales Erlebnis in einer Kirche in Florida. Er fühlte in seinem Herzen plötzlich eine Liebesgeschichte mit Jesus vorgehen und ist seitdem Christ. Ihm gefällt einfach der Gedanke, auch nach dem 1.10 Gewissheit 65 Tode mit seinen Jungs weiterzurocken. Es scheint, als wäre er mit die‐ sem Leben so zufrieden, dass er es verlängern möchte. Mir stellt sich nicht die Frage, ob diese Herren noch klar im Kopf seien. Wenn ich von jemandes Religiosität höre, stellen sich mir immer dieselben beiden Fragen: 1. Macht es ihn glücklich? 2. Macht er andere damit unglücklich? Punkt eins geht mich eigentlich nichts an. Punkt zwei aber geht uns al‐ le an. Denn das Problem ist, dass dieses Leben in den großen monothe‐ istischen Religionen nur das Vorspiel auf das Ewige Leben im Jenseits ist, bestenfalls die Eintrittskarte ins Paradies bei korrektem Benehmen. Da die monotheistischen Religionen weder Zweifel an ihrer Richtigkeit haben noch bei anderen zulassen, liegt es in ihrer Natur, sich selbst als den einzig wahren Weg zu sehen. Das Christentum ist der einzig wah‐ re Weg, Islam ist der einzig wahre Weg. Das abgeklärte Judentum lacht über beide. Hier liegt die Schwäche: eine Religion, und wenn sie noch so viel auf sich hält, ergibt maximal innerhalb ihres eigenen Weltbildes Sinn. Das Christentum macht in sich Sinn, wenn man drin ist. Der Islam macht in sich Sinn, wenn man den Worten des Korans vertraut, der sich selbst schon in den ersten Zeilen als das direkte Wort Gottes be‐ zeichnet, an dem es keine Zweifel gibt. Der Koran ist heilig, denn das steht im heiligen Koran. Von außen betrachtet sind beide lächerlich. Wenn man erst einmal im religiösen Weltbild feststeckt, kann man sich innerhalb dieses Weltbildes mit Logik fortbewegen. Es ist logisch, die Sakramente zu empfangen, wenn man in das Himmelreich treten will. Es ist logisch, Schweinefleisch zu meiden, wenn es den Allmächti‐ gen erzürnt. Es ist logisch, seinem Sohn die Vorhaut abzutrennen, wenn er nur dann ein Muslim sein kann. Ginge es nicht um Religion, befänden wir uns hier auf der Ebene der Paranoia. Doch wenn man sich ungebremst in die Religion hineinsteigert, erreicht man unweigerlich einen Zustand, in dem man beim besten Willen nur noch psychotisch genannt werden kann. Hier geht es darum, Antworten auf all die Fragen des Alltags zu finden, die die Re‐ ligion offen gelassen hat, weil alles, aber auch wirklich alles nach reli‐ 1 Glauben heißt leugnen 66 giösen Maßstäben beurteilt werden muss. In einer hochtechnisierten Welt ist das gar zwangsläufig. Der Berliner Prediger Ahmad Abul Ba‐ raa ließ ein YouTube-Video veröffentlichen, in dem er die Frage beant‐ wortet, ob man als Muslim sein Smartphone mit auf die Toilette neh‐ men darf. Es spielt dabei keine Rolle, ob dieser Knilch ein legitimer Prediger ist oder nie eine theologische Ausbildung erhalten hat. Seine Zuhörerschaft ist so weit, dass sie ihm solche unsinnigen Fragen stellt, und er hat eine Antwort, die man ihm glaubt. Das gesellschaftliche Problem ist vorhanden, denn ist die Psychose nur stark genug, wird je‐ de noch so banale Alltagshandlung zu einer Frage um Himmel und Hölle. Religion ist, was Menschen draus machen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.* Na kommen Sie, sagen Sie’s endlich! Was ich meine? Das letzte Ar‐ gument des Gläubigen natürlich, die Glückwünsche für das Jenseits, verpackt in ein mürrisches „Wir werden ja sehen, wer am Ende recht hat!“ Hier kristallisiert sich die wahre Bedeutung des Wortes „glauben“ heraus. Glauben im religiösen Sinne heißt nicht „vermuten“, sondern „für sich selbst zur Wahrheit erklären“. Die Gewissheit, dass man am Ende von den Unwürdigen aussortiert und vom Schöpfer des Univer‐ sums bevorzugt behandelt wird, ist nur gefühlt, lässt das Individuum aber vergessen, dass es den Bereich der Hypothese nie verlassen hat. Wenn man sich jedoch bereits so sicher ist, dass man das eigene, hypo‐ thetische Verhältnis zum Schöpfer als Argument benutzt, dann ist man mit rationalen Argumenten auch nicht mehr zu erreichen. Oder man will anderen einfach genau die Angst machen, die einen selbst einst in die Religion getrieben hat. Beides ist nicht schön. Oftmals offenbart sich in solchen Sentenzen auch die simple Schlechtigkeit, vom Himmel aus zuschauen zu wollen, wie die Atheisten in der Hölle gequält wer‐ den, wie der Heilige Thomas von Aquin in seiner Summa Theologica bereits feststellte.8 Mit moralischer Überlegenheit hat das rein gar nichts zu tun. Man kann ein schlechter Verlierer sein, aber ein schlech‐ ter Gewinner zu sein, ist noch armseliger – es offenbart all den Hass, * Falls Sie die Antwort benötigen: gemäß dem Propheten warten die bösen Geister auf der Toilette, daher sollte man seinen Besuch kurz halten. 1.10 Gewissheit 67 den man für Andersdenkende empfindet, und der nicht so loslegen darf, wie er gerne möchte. Doch die Gläubigen könnten sich irren, es ist sogar sehr wahr‐ scheinlich. Denn sie setzen voraus, dass die Geschichte nur zwei mög‐ liche Ausgänge haben kann, ihren oder meinen. Tatsächlich aber müssten wir jede Religion der Welt in die Berechnung mit einbeziehen, genauer: auch alle ausgestorbenen Religionen. Gibt es einen Grund an‐ zunehmen, dass die einzige Religion, die jemals recht hatte (und sofern es sie jemals gab), es auch unendlich lange durch die Zeitachse schaff‐ te? Sie könnte schon lange vom Angesicht der Erde verschwunden sein, weil fehlgeleitete, aber sehr gut ausgerüstete Frömmler in Überzahl ihre Anhänger vollständig unterworfen und zwangskonvertiert haben. Vielleicht ist diese Religion nicht einmal überliefert. Oder Sie und ich wachen nach unserem Tod in einer Welt der Dunkelheit auf, weil der Mensch einfach vergessen hat, diesem Gott der Azteken mit dem un‐ aussprechlichen Namen jeden Tag ein Menschenopfer zu schenken. Sie zweifeln an meinem Zweifel, haben selbst aber nichts weiter in der Hand als die tiefe Überzeugung, selbst richtig zu liegen. Gott – grundsätzlich gut, weil Menschen es so wollen Am Abend des 8. August 1969 beschloss der kalifornische Schüler Ste‐ ve Parent, seinen Schulkameraden William Garretson zu besuchen, der eine Kamera zu verkaufen hatte. Steve traf ihn im Gästehaus des An‐ wesens 10050 Cielo Drive, wo William einen Sommerjob als Haus‐ meister angenommen hatte. Nach dem Kauf der Kamera setzte Steve sich wieder in seinen Wagen, und als er das Grundstück verlassen wollte, kam ein Mann in der Einfahrt auf ihn zu und gab ihm zu ver‐ stehen, er solle den Motor ausmachen. Der Mann zog eine Waffe und schoss Steve Parent durch das offene Fenster viermal in den Körper. Am nächsten Morgen fand die Haushälterin Winifred Chapman die Leichen von Steve Parent, dem Starfriseur Jay Sebring, dem ange‐ henden Drehbuchautor Wojciech Frykowski, dessen Freundin Abigail Folger und der im achten Monat schwangeren Sharon Tate, Ehefrau von Roman Polanski, der sich zur Tatzeit für Dreharbeiten in Europa aufhielt. Die Täter waren junge Frauen und Männer der Manson Fa‐ 1.11 1 Glauben heißt leugnen 68 mily gewesen. William Garretson hatte im Gästehaus am anderen En‐ de des Grundstücks nichts von der Blutorgie mitbekommen und über‐ lebte. Nun stellt sich die Frage, was das sollte. Täter und Opfer hatten keinerlei Verbindung gehabt. Wie sich im Laufe der Ermittlungen he‐ rausstellte, waren diese bestialischen Morde im Auftrag von Charles Manson geschehen. Er hatte messiasähnliche Anwandlungen, denen zufolge die Beatles ihm mit ihren Songs, speziell denen auf dem Wei‐ ßen Album, Botschaften übermittelten. Manson deutete den Ausdruck Helter Skelter, einen britischen Ausdruck für Achterbahn, als zentralen Begriff für den ultimativen Rassenkrieg zwischen Schwarz und Weiß. Die Schwarzen, so Manson, würden diesen Krieg gewinnen, dann aber unfähig sein, sich selbst zu regieren. Manson und seine Anhänger wür‐ den schließlich aus ihrem Versteck im Death Valley kommen, und Manson würde zum König der Welt gekrönt werden. Kleiner hatte er es anscheinend nicht. Nur wollte dieser Rassenkrieg einfach nicht in die Gänge kommen. Manson beschloss daher, Killerkommandos auszusenden, um reiche Weiße zu töten und den Schwarzen, besonders den Black Panthers, diese Morde in die Schuhe zu schieben, damit die Fronten zu verhär‐ ten und die Dinge eskalieren zu lassen. Sharon Tate und ihre Freunde waren aber nicht das erklärte Ziel dieses Angriffs gewesen. Terry Mel‐ cher, Produzent der Beach Boys, hatte sich einst im Rahmen eines Vor‐ spielens über Mansons musikalische Fähigkeiten lustig gemacht und seine Adresse war Charles Manson ebenfalls bekannt. Melcher hatte sein Haus inzwischen an Roman Polanski verkauft. Manson wusste, dass Melcher mittlerweile nicht mehr dort wohnte, aber als er seinen willigen Helfern irgendeine Adresse von reichen Weißen nennen musste, wusste er immerhin eine. Das war der ganze Grund dafür, dass diese Menschen an jenem Tage so bestialisch ermordet wurden. Die Fragen, die ich mir selbst bei der Lektüre von Vincent Buglio‐ sis Buch Helter Skelter stellte, möchte ich nun an Sie weiterreichen. Welcher barmherzige Gott schaut bei so einer sinnlosen und aus‐ schließlich auf Zufall und Dummheit gegründeten Blutorgie tatenlos zu? Will er nicht eingreifen, ist er nicht barmherzig. Kann er nicht ein‐ greifen, ist er nicht allmächtig. Man kann sich die meisten Opfer wenn auch nur dürftig mit dem Besitzerwechsel des Hauses erklären, was 1.11 Gott – grundsätzlich gut, weil Menschen es so wollen 69 dem Allmächtigen auch nicht gerade hoch anzurechnen ist. Aber war‐ um dann auch noch Steve Parent, der 18jährige Kamerakäufer? Wenn es ein Paradebeispiel dafür gibt, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, dann ihn. Und der Allmächtige, so es ihn gibt, schaut einfach zu. Ich habe dieses Beispiel gewählt, weil tausende oder Millionen To‐ te die Eigenschaft haben, den menschlichen Verstand zu übersteigen. Eine Viertelmillion tote Muslime durch einen Tsunami in Indonesien am zweiten Weihnachtstag 2004 ist schon aufgrund ihrer schieren Größenordnung ein wesentlich tragischeres Ereignis und genauso sinnlos. Die Fragen aber sind die gleichen. Was soll das? Ging es nicht anders? Musste Gott diese Menschen für etwas anderes opfern? Dann ist er nicht allmächtig, er kann die Bedingungen setzen wie er will. Konnte Gott es also nicht verhindern, oder wollte er nicht? Wenn Sie eine Antwort darauf haben, wenden Sie sie zur Überprüfung mal auf den Holocaust an, oder auf die Spanische Grippe von 1918, die mehr Opfer gefordert hat als der Erste Weltkrieg. Wenn Sie sehr religiös sind, dann werden Sie diese Frage besten‐ falls „interessant“ nennen. Der Grund, warum Ihr Gehirn diesen Aus‐ weg sucht, ist der, dass die alternative Erklärung einfach nicht sein darf. Denn die offensichtliche Antwort ist: Es gibt keinen Gott, so wie die Religionen ihn beschreiben. Nicht wahr? Die Argumente für einen Schöpfer des Universums seitens der Religionen haben immer das Ziel, den eigenen Gott wahrscheinlicher zu machen. Dabei können sie es nie. Die Überzeugung, dass es irgendeinen Schöpfer des Universums gibt, heißt Deismus. Kein Atheist auf der Welt kann sicher ausschlie‐ ßen, dass es ihn gibt. Die Überzeugung zu wissen, wer er ist und was er von uns will, nennt sich hingegen Theismus. Alle Religionen der Welt mit ihren heiligen Schriften, Ritualen und Jenseitsversprechen sind Theismen. Aber keine von ihnen kann beweisen, dass ihr Gott der tat‐ sächliche ist. Die Versuche, es dennoch zu tun, sind allesamt sowohl lächerlich als auch intellektuell unbefriedigend, und die psychologi‐ schen Mechanismen dahinter werden wir in Kapitel 3 betrachten. Theisten behaupten zu wissen, wer der Schöpfer ist. Das ist Teil ihrer Definition. Geschieht dann etwas Unerklärliches und Unange‐ nehmes, ziehen sie sich in eine Wolke aus Phrasen zurück, aus der he‐ raus sie versuchen, dem Ereignis ein wenig Bedeutung abzuringen. Und zwar ganz gezielt eine Bedeutung, die sich mit ihren Überzeugun‐ 1 Glauben heißt leugnen 70 gen vereinbaren lässt. Weder darf es einen Schöpfer nicht geben, noch kann man selbst sich in seinem Gott oder in dessen Plan geirrt haben. Wenn etwas Wundervolles geschieht, kommt kein Christ auf die Idee, Shiva oder Hanuman dafür zu danken, sondern er dankt grundsätzlich seinem eigenen Gott. Man hat recht, Punkt. Für wen hält diese Realität sich eigentlich?! Es dürfte genug Gläubige geben, die die Morde der Manson-Fami‐ lie gar als Auswuchs des Atheismus betrachten und daraus ableiten, dass es diesen Menschen an Gott gefehlt habe, um solch grausame Ta‐ ten zu begehen. Weit gefehlt. Sie hatten ihren eigenen. Charles Manson war in der Lage gewesen, seinen Anhängern eine unvorstellbare Grausamkeit abzuverlangen. Die dafür erforderlichen Mechanismen waren dieselben wie bei allen Religionen: eine charis‐ matische, messianische Gestalt, die bevorstehende Apokalypse, das bessere Jenseits, bis dahin viel unangenehme Arbeit. Junge Frauen, mit den Idealen der 68er im Kopf aus ihren konservativen Elternhäusern oder gescheiterten Ehen geflohen, waren leicht beeinflussbare Beute. Der Mensch muss schwach, gebeutelt oder dumm sein, wenn er Rat‐ tenfängern wie Charles Manson oder den Rekrutierern des Islami‐ schen Staates auf den Leim gehen soll. Drogen können den Prozess be‐ schleunigen. Gibt man dem Menschen dann das Gefühl, an etwas Wichtigem mitzuarbeiten, kann man ihn zur Bestie umbauen. Alle Ideologien funktionieren so, und Religionen sind nur eine Untergrup‐ pe davon. So leid es mir tut, liebe Apologeten, Charles Manson hat mit den Gründern eurer Religion wesentlich mehr gemeinsam als mit einem modernen Atheisten, der die Welt eher naturwissenschaftlichskeptisch angeht und auf seinem Recht beharrt, die Dinge zu hinter‐ fragen. Charles Manson, die 1,57 m kleine Ausgeburt an Selbstherr‐ lichkeit und Ego, konnte sehr unangenehm werden, wenn man seinen Herrschaftsanspruch herausforderte. Und wie bei den Autoren der Bibel und des Koran war auch Charles Mansons gesamte „Theologie“ nur aus Dingen zusammenge‐ setzt, die ihn persönlich bewegt hatten. Als das ungewollte Kind einer 16jährigen, alkoholkranken Prostituierten wollte er als Erwachsener, der zum Zeitpunkt seiner letzten Verhaftung mehr als die Hälfte seines Lebens im Gefängnis verbracht hatte, nichts mehr als Anerkennung und Kontrolle über andere Menschen, bevor sie ihn wieder enttäu‐ 1.11 Gott – grundsätzlich gut, weil Menschen es so wollen 71 schen würden. Die Details seiner Version der Apokalypse waren da‐ rüber hinaus tief geprägt von den politischen und sozialen Gescheh‐ nissen seiner Zeit: ethnische Spannungen, Krieg, die drohende Auslö‐ schung der Welt im nuklearen Feuer. Schließlich würde die Welt bei ihm alles wieder gutmachen, indem er endlich der König würde, für den er sich schon immer gehalten hatte. Aus solchem Material werden Propheten gemacht. Charles Manson starb im Jahre 2017 im Alter von 83 Jahren, von denen er 68 Jahre im Gefängnis verbracht hatte. Vor zweitausend Jahren hätte er tatsächlich ein Heiliger werden können. *** Am 4. Oktober 2017 veröffentlichte die Website Katholisch.de (das In‐ ternetportal der katholischen Kirche in Deutschland) einen Artikel zum Massenmord in Las Vegas, dem 59 Menschen zum Opfer gefallen waren. Der Artikel zitiert Joseph Pepe, den Bischof von Las Vegas, im Rahmen eines interreligiösen Gebetsgottesdienstes in der Guardian Angel Cathedral mit den Worten: "Wir beten und singen und hören auf das Wort Gottes, um uns daran zu erinnern, dass inmitten dieser Tragödie Gott mit uns ist." Er fügte hinzu: "Gott weint mit unseren Tränen."9 Welcher Gott weint hier? Der Allmächtige, der all die Christen im Pu‐ blikum des Country-Festivals nicht beschützen konnte, und der Ku‐ geln auf friedliche Zuschauer niederregnen ließ und dem Attentäter zuvor nicht ins Gewissen hatte reden können? Der Angehörige stun‐ denlang auf den Fluren der Krankenhäuser bangen ließ, bis sie am En‐ de die Nachricht bekamen, ihre Tochter sei während des Eingriffs doch noch auf dem OP-Tisch verblutet? Der Gott, der jungen Ehepaaren, die nur ein Konzert besuchen wollten, durch einen Bein- oder Schul‐ tertreffer eine plötzliche Krankenhausrechnung von 100.000 Dollar einbrockte, die nicht nur die finanzielle Zukunft der Ehe, sondern auch die einzelnen Leben der Ehepartner zerstören kann? Gott hat uns den freien Willen gegeben, heißt es dazu oft, und der beinhaltet nun mal auch, dass jemand Schlechtes tut. Wie unethisch von Ihm! Vielleicht liegt es auch daran, dass wir Menschen in diese unperfekte Welt gestoßen wurden, da wir uns im Paradies versündigt haben. Dabei ist aber schwer verständlich, warum Gott alle Menschen 1 Glauben heißt leugnen 72 für alle Zeit dafür bestraft, weil Adam und Eva vom Baum der Er‐ kenntnis gegessen haben. Echte Barmherzigkeit sieht anders aus. Und doch wird gebetet und gesungen, als hätte es in der Geschich‐ te der Welt jemals etwas bewirkt. Es hat nichts ändern können, es wird beim nächsten Mal nichts ändern, und doch glauben die Menschen, es wäre nützlich. Es spendet Trost, sicher. Dieser Trost wäre aber nicht notwendig, wenn die betont christliche und waffenbesessene Rechte in den USA nicht alles Menschenmögliche unternehmen würde, um die irrsinnigen Waffengesetze in den USA so zu belassen, wie sie sind. Die Lösung des Problems kann nur eine irdische sein. Versuchen Sie die Anmaßung nachzuvollziehen, mit der sich ein Geistlicher ans Mikro‐ fon stellen kann um zu behaupten, er wüsste, wie die Situation zu deu‐ ten sei. Sobald man eine Religion von außen betrachtet, sieht man auf der Kanzel nur noch Psychopathen, die der Welt nicht besser helfen können als Wünschelrutengänger oder Astrologen, und es ist erstaun‐ lich, wie viel Durchblick und Geduld man als skeptischer Mensch von seinem mentalen Konto abbuchen muss, um ein solches Schauspiel zu ertragen. Religion ist eine Sonderform von Ideologie, und sie verfügt wie keine zweite über die Fähigkeit, den Verstand ihrer Anhänger auszuhe‐ beln, die Fesseln der Logik, des Mitgefühls und der Selbstachtung ab‐ zuwerfen und in der Schwerelosigkeit des Wunschdenkens rauscharti‐ ge Zustände zu bewirken. Was die eigenen Überzeugungen beweist, ist gut – was ihnen widerspricht, ist gefälscht, nur aus Boshaftigkeit vor‐ getragen oder durch Gottlosigkeit verblendet. Oder man hört im ent‐ scheidenden Moment einfach auf zu denken, weil es unangenehm wer‐ den könnte. Eine junge Frau entkommt knapp einer Vergewaltigung. Gott ist gut. Sie wird vergewaltigt, überlebt jedoch. Gott ist gut. Sie wird vergewaltigt, und bei der medizinischen Untersuchung entdeckt man einen Tumor, der später erfolgreich entfernt werden kann. Gott ist gut. Sie wird vergewaltigt und überlebt schwanger. Gott hat ihr ein neues Le‐ ben geschenkt! Gott ist gut. Sie wird vergewaltigt und umgebracht, ist jetzt aber dafür an einem besse‐ ren Ort. Gott ist gut. Gott ist immer nur gut, egal was geschieht. Doch ist es nicht entlar‐ vend, dass Gott laufend vom Vorwurf des Nichteingreifens und der 1.11 Gott – grundsätzlich gut, weil Menschen es so wollen 73 Kaltschnäuzigkeit entlastet werden muss? Ist es nicht verstörend und trostlos, in einem Universum zu leben, in dem Gott auf solch achselzu‐ ckende und lieblose Art auf seine Schäfchen aufpasst? Und das Beste daran ist: dieser Kanon an Apologetik funktioniert vollständig ohne ihn. Es muss ihn gar nicht geben, die menschliche Phantasie genügt hier vollkommen und kann das Spielchen sogar bis in wissenschaftlich aufgeklärte Zeiten treiben. Über Jahrhunderte haben Religionen mit dieser Selbsttäuschung eine Dynamik entwickelt, die sich auch in unserem Sprachgebrauch niedergeschlagen hat: „göttlich“ ist etwas Wundervolles, Erhabenes, das uns das Herz wärmt und Erwachsene wieder unschuldige Kinder vor dem gütigen Vater sein lässt. „Gottlos“ ist alles bar jeglicher ethi‐ schen Werte, mörderisch, rücksichtslos, jederzeit zu allem fähig, un‐ vollkommen, stumpfsinnig und gefährlich. So einen Blödsinn muss man erst einmal lancieren können. Das ist das Ergebnis jahrhunderte‐ langer Propaganda, sonst nichts. Wir werden uns mit diesem Thema in Kapitel 4 im Detail beschäftigen. Sie würden das Ausmaß des Betruges nicht glauben, wenn ich es Ihnen hier in wenigen Sätzen hinwürfe. Allmacht und Allwissenheit Stellen Sie sich etwas so Simples wie eine Flasche Wasser auf einem Tisch vor. Und nun versuchen Sie sich in jemanden hineinzuversetzen, der ALLES über diese Flasche Wasser weiß. Er weiß, in welchem Stern durch Kernfusion die Siliziumatome der Glasflasche entstanden sind, er weiß, durch wessen Harnblase die Wassermoleküle bereits gegangen sind, wann diese Menschen lebten und ob sie reinen Herzens waren. Er kennt jeden Moment des Universums, der in der Fertigung dieser Flasche Wasser kulminierte, und er weiß, welches Schicksal jedes ein‐ zelne Atom dieser Flasche Wasser dereinst haben wird. Und nicht nur die Flasche Wasser: er weiß es auch von dem Tisch, dem Haus, Ihnen, Ihrer Familie, dem Planeten Erde, unserer Sonne, Alpha Centauri, der Milchstraße und dem gesamten Rest des Universums mit den 1080 Atomen, aus denen es besteht. Ein Allwissender kennt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft jedes einzelnen subatomaren Partikels im Universum. Sollte es weitere Universen unter seiner Kontrolle geben, gilt es auch für sie. 1 Glauben heißt leugnen 74 Sie werden sich vorstellen können, dass ein solches Leben recht langweilig sein muss, aber das ist ein menschliches Kriterium, das wir nicht auf den Schöpfer des Universums anwenden sollten, denn wir wissen nichts über seine Persönlichkeit. Viel elementarer aber ist: wenn er alles weiß, was es über das Universum zu wissen gibt, und wenn er darüber hinaus außerhalb der Zeit lebt und alle Momente des Universums für ihn gleichzeitig stattfinden, dann hat er keinen Grund mehr, irgendetwas zu tun. Warum sollte er? Um zu schauen, wie die Sache sich entwickelt? Nein. Das Wie ist ihm bekannt, zumal das Wort „entwickelt“ den Faktor Zeit voraussetzt – und der spielt für ihn keine Rolle. Wir Menschen sind kein Experiment, da Gott den Ausgang ei‐ nes jeden Experiments bereits kennt. Man ist an dieser Stelle wieder geneigt, ihm als Motiv für das Lostreten der Vorgänge im Universum Langeweile zu unterstellen, aber die mussten wir eben bereits aus der Betrachtung entfernen, da sie eine menschliche Eigenschaft ist und ebenfalls den Faktor Zeit enthält. Der Kreis schließt sich, und es gibt objektiv und logisch keinen Grund mehr für ihn, Dinge geschehen zu lassen. Mit unserem freien Willen (sofern es ihn gibt) können wir einen Allwissenden auch nicht beeindrucken. Er weiß, ob Sie mastur‐ bieren und an wen Sie dabei denken werden, denn wenn der Allmäch‐ tige Sie so geschaffen hat, ist er auch verantwortlich für Ihr Handeln. Ein Allmächtiger hat keine Ausrede für irgendetwas mehr. Erstaunlicherweise waren die alten Griechen theologisch schon viel weiter. Ihre Götter waren mächtiger als Menschen, aber sie hatten kein Schicksal. Sie waren Götterbote, Waffenschmied oder Winzer und würden es immer bleiben. Im Gegensatz zu uns Menschen konnten sie sich nicht weiterentwickeln. Die Menschen, so die Philosophie der Griechen, konnten aus eigener Kraft Helden werden, was den Göttern verwehrt blieb. Und die Götter beneideten uns dafür. Atheismus – auch eine Religion? Ich bin durch viele Diskussionen mit Apologeten zu folgender Schluss‐ folgerung gelangt: Bei dem Versuch, die atheistische Position zu ver‐ stehen, verhalten sich Apologeten zuweilen wie Computer, die durch Null teilen sollen. Also muss die Null dringend durch irgendeine ande‐ 1.12 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 75 re Zahl ersetzt werden, wenn der Gläubige nicht durchbrennen soll. Man unterstellt den organisierten, sich auch öffentlich äußernden Atheisten also, ebenfalls so etwas wie eine Religion zu vertreten. Und plötzlich ist die Evolution dann so etwas wie ein Gott, und Charles Darwin oder Richard Dawkins sind die Propheten, und überhaupt denken Atheisten ja alle gleich. Es scheint wirklich schwer vermittelbar zu sein, dass man überhaupt nicht glaubt. Es ist, als wäre Glatze eine Haarfarbe, Aus ein Fernsehkanal, Fasten eine Mahlzeit, Enthaltsamkeit eine Sexstellung oder Nichtbriefmarkensammeln ein Hobby. Dabei könnte es so einfach sein: man denke einfach an all die Göt‐ ter, an die man selbst nicht glaubt, zählt die Gründe auf, warum der Glaube an diese Götter Blödsinn ist, und wendet das dann einfach mal auf seinen eigenen Gott an. Wenn nichts anderes übrigbleibt als per‐ sönliche Überzeugung, dann gilt sie auch für die Anhänger der ande‐ ren Götter. Wenn es in der Geschichte der Menschheit vielleicht 5.000 Götter gegeben hat, glaubt der Christ an 4.999 davon bereits nicht, und der Muslim ebenfalls – der Atheist geht dann nur einen Gott wei‐ ter. Anlässlich einer Unterschriften-Sammelaktion zur Einführung ei‐ nes Gottesbezuges in die Schleswig-Holsteinische Landesverfassung wurde der Schleswiger Bischof Gothart Magaard mit den Worten zitiert: „Es geht nicht um das Glaubensbekenntnis zu einem bestimmten Gott. Vielmehr sind wir dafür, den Gottesbezug in die Präambel aufzunehmen, um damit deutlich zu machen, nicht der Mensch ist das Maß aller Dinge. Es gibt eine höhere Instanz.“10 Oftmals gepaart mit dieser Behauptung ist die Unterstellung, der Athe‐ ismus, der angeblich religionsähnliche Züge trägt, wäre die Ursache für die größten Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts. Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot, allesamt Atheisten, hätten die größten Massenmorde der Geschichte begangen. Ich weiß nicht genau, wo ich anfangen soll. Vielleicht damit: von den elf blutigsten Kriegen der Menschheitsgeschichte haben neun in China stattgefunden. Die anderen beiden waren die Weltkriege. Die Liste ist elf Kriege lang, damit der Erste Weltkrieg überhaupt noch da‐ rin vorkommt. Haben Sie schon mal vom Krieg der Ming-Dynastie ge‐ gen die Quing-Dynastie gehört, der zur gleichen Zeit tobte wie der 1 Glauben heißt leugnen 76 Dreißigjährige Krieg in Europa? Dieser Krieg hat 25 Millionen Tote gefordert, von denen in Europa kaum jemand weiß, obwohl die Opfer‐ zahl etwa dreimal so hoch war wie die des Dreißigjährigen Krieges. Der Nationalsozialismus war alles andere als atheistisch. Hitler selbst war zeit seines Lebens römisch-katholisch. In Mein Kampf schrieb er schon im Jahre 1925: „Die ewige Natur rächt unerbittlich die Übertretung ihrer Gebote. So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“11 Atheismus klingt jedenfalls anders. In einer Rede am 28.10.1928 in Passau sagte er: „Welcher Glaube den anderen besiegt, ist nicht die Frage, vielmehr ob das Christentum steht oder fällt, das ist die Frage! … In unseren Reihen dul‐ den wir keinen, der das Christentum verletzt, der einem anders Gesinn‐ ten Widerstand entgegenträgt, ihn bekämpft oder sich als Erbfeind des Christentums provoziert. Diese unsere Bewegung ist tatsächlich christ‐ lich.“12 Zu Beginn des Dritten Reiches hatte der Deutsche Freidenkerbund, die größte atheistische Vereinigung im Lande, 650.000 Mitglieder und eine eigene Zeitung – ein ganzes Prozent der deutschen Bevölkerung waren atheistische Aktivisten! Bereits im März 1933, zwei Monate nach der Machtergreifung, wurde die Vereinigung aufgelöst, das Ver‐ mögen beschlagnahmt, der Präsident Max Sievers (er befand sich be‐ reits im Exil in Brüssel und organisierte von dort aus Flugblattaktio‐ nen) offiziell ausgebürgert, nach der Besetzung Belgiens inhaftiert und 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet. Das Ge‐ bäude des Freidenkerbundes wurde (ich erfinde nichts!) noch im März 1933 in eine „Reichszentrale zur Bekämpfung des Gottlosentums“ um‐ gewandelt.13 So ein Atheist war er, der Hitler. Der Nationalsozialismus unterschied jedoch zwischen den Begrif‐ fen Atheist und Konfessionsloser. Konfessionslosigkeit war gemäß dem philosophischen Wörterbuch von 1943 definiert als „amtliche Bezeich‐ nung für diejenigen, die sich zu einer artgemäßen Frömmigkeit und Sittlichkeit bekennen, ohne konfessionell-kirchlich gebunden zu sein, andererseits aber Religions- und Gottlosigkeit verwerfen.“14 Konfessi‐ onslosigkeit war im Dritten Reich grundsätzlich möglich, bedeutete aber, dass man gottgläubig war und seine Ansichten lediglich in keiner 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 77 der etablierten Kirchen wiederfand. Gottlosigkeit hingegen war ein Re‐ sultat des „zersetzenden jüdischen Geistes“. Im Juli 1933 wurde das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nach‐ wuchses erlassen, das bei Menschen mit verschiedenen erblichen Ge‐ brechen wie „zirkulärem Irresein“ (heute „bipolare Störung“), Epilep‐ sie, Schizophrenie, Taubheit, Blindheit oder körperlicher Missbildung eine Sterilisierung vorschrieb. Die Sterilisierung sollte „den Volkskör‐ per reinigen und die krankhaften Erbanlagen allmählich ausmerzen.“ Wie reagierten die Kirchen darauf? Die evangelische Kirche war in dieser Hinsicht alles andere als frei von Sünde. Im Folgenden dazu ein Flugblatt, das die taubstummen Protestanten dazu aufrief, dem Gesetz zu gehorchen und sich zum Wohle des Volkes sterilisieren zu lassen: „Ein Wort an die erbkranken evangelischen Taubstummen. Die Obrigkeit hat befohlen: Wer erbkrank ist, soll in Zukunft keine Kin‐ der mehr bekommen. Denn unser deutsches Vaterland braucht gesunde und tüchtige Menschen. Viele Menschen haben von Geburt an ein schweres Gebrechen oder Lei‐ den. Die einen haben keine gesunden Hände, die anderen sind am Geiste so schwach, daß sie die Schule nicht besuchen konnten. Wieder andere sind blind. Und du selbst, lieber Freund, leidest an Taubheit. Wie schwer ist das doch! Du bist oft traurig darüber. Du hast wohl oft gefragt: „War‐ um muß ich krank sein?” Und wie traurig sind wohl auch Deine Eltern gewesen, als sie merkten, daß Du nicht hören konntest! Es gibt taubstumme Kinder, deren Vater und Mutter auch taubstumm ist. Es gibt auch Taubstumme, deren Großeltern ebenfalls taubstumm waren. Sie haben das Gebrechen ererbt. Sie sind erbkrank. Zu diesen Menschen sagt die Obrigkeit: Du darfst Dein Gebrechen nicht noch weiter auf Kinder oder Großkinder vererben. Du mußt ohne Kin‐ der bleiben. Wenn Du an ererbter Taubheit leidest, bekommst Du eine Vorladung vor das Erbgesundheitsgericht. Da geht es um die Frage, ob Du auch niemals Kinder haben sollst. Vor allem eins: Nichtwahr, Du wirst die Wahrheit sagen, wenn Du gefragt wirst. Denn so will es Gott von Dir. Du wirst die Wahrheit sagen auch dann, wenn das unangenehm ist. Vielleicht bestimmt das Erbgesundheitsgericht: Du sollst durch eine Ope‐ ration unfruchtbar gemacht werden. Du wirst traurig. Du denkst: „Das möchte ich nicht. Ich möchte heiraten und Kinder haben. Denn ich habe Kinder lieb.” Aber nun überlege einmal: möchtest Du schuld daran sein, daß die Taubheit noch weiter vererbt wird? Würdest Du nicht sehr traurig werden, wenn Du sehen müßtest, daß Deine Kinder und Enkelkinder auch wieder taub sind? Müßtest Du Dir dann nicht selber schwere Vor‐ 1 Glauben heißt leugnen 78 würfe machen? Nein, das möchtest Du doch wohl nicht. Die Verantwor‐ tung ist zu groß. Sieh, da will die Obrigkeit Dir helfen. Sie will Dich bewahren vor Verer‐ bung Deines Gebrechens. Aber, sagst Du, unangenehm, sehr unangenehm ist das doch. Denn die Menschen klatschen darüber, wenn ich unfruchtbar gemacht bin. Sie ver‐ achten mich. Nein, so mußt Du nicht denken. Die Obrigkeit hat befohlen: Niemand darf über die Unfruchtbarmachung sprechen. Du selbst auch nicht. Merke wohl: Du darfst zu keinem Menschen darüber sprechen. Auch deine Angehörigen nicht! Und der Arzt, der Richter, sie alle müssen darüber schweigen! Gehorche der Obrigkeit! Gehorche ihr auch, wenn es Dir schwer wird! Denke an die Zukunft Deines Volkes und bringe ihr dieses Opfer, das von Dir gefordert wird! Vertraue auf Gott und vergiß nicht das Bibelwort: „Wir wissen, daß denen die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.” Reichsverband der evangelischen Taubstummen – Seelsorger Deutschlands“15 Es ist beschämend, wie offensichtlich manipulativ den Taubstummen hier ein schlechtes Gewissen gemacht wird, dass sie ihre Eltern ent‐ täuscht haben, wie man es ihnen als Gottes Willen verkauft, dass sie keine Kindern haben sollen, wie man immer wieder Obrigkeitsgehor‐ sam predigt und ihnen als Trostkeks einredet, es würde am Ende schon alles gut werden. Die katholische Kirche war über das Gesetz zur Verhütung erbkran‐ ken Nachwuchses empört, allerdings nicht aus dem Grund, den Sie jetzt vermuten mögen. Die Bischöfe schrieben: „Die Vertreter des Episkopats machten […] darauf aufmerksam, daß mit der Durchführung des Gesetzes für die private und öffentliche Sittlichkeit große Gefahren sich ergeben; denn die sterilisierten Männer und Frauen können sich nun ihrem Geschlechtsleben hemmungslos überlassen, da ja aus dem Verkehr keine Nachkommen entstehen. Von Seiten der Regie‐ rung wurden hier Schutzmaßnahmen zugesagt.“16 Die selbsternannten Hüter der Moral mokierten sich nicht über den chirurgischen Eingriff wider Willen bei zigtausend Menschen, sondern darüber, dass man ihnen ein permanentes Verhütungsmittel einbauen würde, das natürlich zu sexuellen Ausschweifungen einlud. Wenn Sie ein Beispiel für die Tatsache brauchen, dass religiöse Moral und menschliche Ethik zwei sehr verschiedene Dinge sind – hier haben Sie es. 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 79 Hitler arbeitete sehr eng mit den beiden Großkirchen zusammen. Geburtstagsglückwünsche an den Führer wurden von der Kanzel aus angeordnet, es wurde dem Führer versprochen, die Katholiken Deutschlands auf Parteilinie zu halten. Priester bekamen Nahkampf‐ spangen für Kampfeinsätze, und was man von „den“ Juden zu halten habe, ließ sich ebenfalls aus der Bibel, mindestens aber aus Luthers glühendem Antisemitismus ableiten: Christusmörder, allesamt. Julius Streicher, Verleger des Propagandablattes Der Stürmer, wies bei seinem Prozess in Nürnberg darauf hin, dass man nur getan habe, was Martin Luther einst gefordert hatte. Er sagte: „Antisemitische Presseerzeugnisse gab es in Deutschland durch Jahrhun‐ derte. Es wurde bei mir zum Beispiel ein Buch beschlagnahmt von Dr. Martin Luther. Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank. In dem Buch ‚Die Juden und ihre Lügen‘ schreibt Dr. Martin Luther, die Juden seien ein Schlangengezücht, man soll ihre Syn‐ agogen niederbrennen, man soll sie vernichten.“17 Erst zwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, im Zweiten Vatikani‐ schen Konzil, hat die katholische Kirche sich von ihrer Doktrin des jü‐ dischen Christusmördertums gelöst. Heute sind offiziell nicht mehr al‐ le Juden schuld, sondern nur noch die Individuen von damals. Bis heu‐ te ist Hitler nicht exkommuniziert worden, denn exkommuniziert wird man nur für die ganz schweren Vergehen wie Abtreibung, für das Ver‐ leihen der Priesterweihe an eine Frau oder, wie im Fall von Joseph Go‐ ebbels, wenn man eine Protestantin heiratet. Nein, im Dritten Reich hat der Mensch sich nicht „zum Maß aller Dinge gemacht.“ Man hatte sich ganz im Gegenteil eingebildet, an der Verwirklichung eines göttlichen Plans mitzuarbeiten. Im Übrigen lehrt uns die Geschichte auch, dass die Sache nie besser wurde, wenn je‐ mand Gott auf seiner Seite zu wissen glaubte. Die Kirchen waren im‐ mer ihre eigenen Maßstäbe, egal wer unter ihnen regierte, und egal was sie taten, sie sahen ihr Handeln immer als von Gott legitimiert. Sie würden mit dem Teufel paktieren, wenn dadurch wieder mehr über Gott geredet würde. *** Stalin, Mao und Pol Pot waren zwar Atheisten, aber sie haben ihre Gräueltaten nicht aus ihrem Atheismus heraus oder gar in seinem Na‐ 1 Glauben heißt leugnen 80 men begangen. In den Systemen, die sie vertraten, war Religion eine Konkurrenz zu ihren eigenen Weltbildern. Und die hatten den glei‐ chen Anspruch darauf zu wissen, wie die Welt aussieht und wie sie aussehen sollte. Monotheistische Religionen und der Kommunismus lassen sich in eine erstaunliche Deckungsgleichheit bringen, wenn man die transzen‐ denten Elemente weglässt und sich auf das Wirken dieser beiden Kräf‐ te auf Erden konzentriert. Dann sind beide von dem Gedanken beseelt, die Wahrheit gefunden zu haben; wer es anders sieht und sich der Idee verweigert, kann das nur aus niederen Motiven tun und muss daher ein schlechter Mensch sein. Er steht dem großen Plan im Wege und ist eine Gefahr. Beide verlangen unbedingten Gehorsam; kritisches Den‐ ken ist der direkte Weg zur Ausgrenzung, zur Bestrafung, zur Ausmer‐ zung. Beide haben, nun, kein Jenseitsversprechen, weil es im Kommu‐ nismus kein Jenseits gibt; beide aber haben ein Zukunftsversprechen. Die einen versprechen das Paradies, die anderen das Paradies auf Er‐ den, sobald die ganze Erde kommunistisch ist. Bei beiden ist es an eine Bedingung geknüpft; nicht kritisieren, nicht eigenständig denken. Aus vollem Herzen mitarbeiten, Abweichler denunzieren, nie verzagen, trotz Krieg, Entbehrung, Leid, Armut, Hunger, Krankheit und leeren Durchhalteparolen. Es geht nur um die Sache und nicht um Dich. Und für mich persönlich bei beiden am Störendsten: sie sind völlig humor‐ los. Es ist enttäuschend, wie oft dieser billige Trick in der Geschichte schon funktioniert hat. Religion war Konkurrenz, und der Unterschied bestand darin, dass Hitler sie zu kontrollierten Partnern machte, wäh‐ rend der Kommunismus sie als Konkurrenz beseitigen wollte. Der Sta‐ linismus, der auf eine jahrhundertelange Vergöttlichung des Zaren‐ tums folgte, hatte eine Inquisition (den NKWD), er postulierte Wun‐ der durch falsche wissenschaftliche Behauptungen (vier Ernten im Jahr dank Trofim Lyssenkos Behauptung, Organismen besäßen kein Erbgut und könnten je nach Umweltbedingungen beliebig umgeformt wer‐ den), und er hatte zeremonielle Dankesriten an den Zeremonienmeis‐ ter, bei denen man nicht durch mangelnden Enthusiasmus auffallen durfte – der GULAG war genauso allgegenwärtig wie die Hölle, nur tödlicher. Das Problem am Kommunismus war nicht seine Religionskritik (die gab es); das Problem war auch nicht die öffentliche Förderung des 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 81 kritischen, unabhängigen Denkens (die gab es nicht); das Problem war, dass der Kommunismus sich selbst wie eine Religion aufführte. Der wichtigste Unterschied, der mir auffällt, ist aber folgender: Im Kom‐ munismus hat man es nach dem Tode hinter sich. Das hat den meisten Bewohnern ermöglicht, sich nach dem Zusammenbruch des Kommu‐ nismus in Russland und Osteuropa neu zu orientieren. Wenn Sie ein‐ mal bei Spätaussiedlern zu Gast sind, also ethnischen Deutschen, die nach 200 Jahren Leben in Russland wieder nach Deutschland zurück‐ gezogen sind: sie gehen arbeiten, sie haben einen großen Fernseher, und am Wochenende wird gegrillt. Mehr verlangen sie der Gesellschaft eigentlich nicht ab. Der kommunistische Terror der Ex-Sowjets hat in Europa nie stattgefunden. Eine weitere Ausnahme vom religiösen Monopol auf wunderliche Behauptungen bildet Nordkorea, wo der Ewige Präsident Kim Il Sung auch nach seinem Tod noch immer das Amt des Präsidenten hält – sein Sohn Kim Jong Il war der Geliebte Führer, sein Enkel Kim Jong Un ist der Oberste Führer, und keiner von beiden besetzt das Amt des Präsidenten. Der Juche-Kalender in Nordkorea beginnt seine Zeitrech‐ nung mit dem Jahr 1912, dem Jahr von Kim Il Sungs Geburt. Weder er noch seine Söhne und Enkel haben angeblich Stuhlgang oder müssen jemals urinieren, denn Gottgleiche tun so etwas nicht. Ich versuche mir vorzustellen, was für eine Gefahr für die innere Sicherheit des Landes der Klempner darstellen muss, der in den Privatgemächern der Kims die Toiletten repariert. Wenngleich sie nicht von Gott gesandt sind, denn in ihrer Welt gibt es keine Götter neben den Kims, so ist das Schicksal doch ganz auf ihrer Seite, wenn es ihre Geburten mit doppel‐ ten Regenbögen und 10.000 Kranichen markiert, die ein Lied in Men‐ schensprache singen. Auf Koreanisch natürlich, der wichtigsten Spra‐ che in ihrer Welt. Was die heiligen Anführer, das unbedingte Festhal‐ ten an Ritualen wie dem jährlichen Arirang-Festival und den Familis‐ mus (die ganze Nation ist eine Familie) angeht, erinnert das Leben in Nordkorea nicht gerade an ein skeptisches Weltbild, das Behauptungen hinterfragt, sondern eher an eine Religion, an deren Dogmen nicht ge‐ rüttelt werden darf. Die Dogmen selbst scheinen zweitrangig gegen‐ über der Absicht, Menschen zu kontrollieren. 1 Glauben heißt leugnen 82 Welcher Gott überhaupt? Wenn man ohne Religion aufwächst und sich für das Thema zu inter‐ essieren beginnt, steht man nach ein wenig Recherche vor einem Prob‐ lem. Gemäß dem Christentum ist Jesus der Sohn Gottes, und wer ihn nicht als seinen Herrn und Erlöser annimmt, dem droht die christliche Hölle. Im Islam ist Jesus einer der Propheten, aber wenn Sie ihn für den Sohn Gottes halten, betreiben Sie Schirk, also Beigesellung. Wenn Sie sich weigern, davon abzurücken, droht Ihnen die islamische Hölle. Wenn Sie sich für die eine Religion entscheiden, kommen Sie in die Hölle der anderen. Beide können nicht gleichzeitig Recht haben. Ist es nicht merkwürdig, dass die größte Frage von allen, nämlich die nach dem Schöpfer, so viele sich direkt widersprechende Antworten hat und die jeweiligen Gläubigen es hauptsächlich ernst nehmen, weil sie es von ihren Eltern so gelernt haben? Zunächst einmal sollten wir einige Begriffe klären. Wenn jemand der Meinung ist, dass das Universum einen Schöpfer hat, dann ist er ein Deist (sprich: De-ist). Dem gegenüber steht der Theist, der sich si‐ cher ist zu wissen, wer dieser Gott ist und was er von uns will. Alle bis‐ her über den Schöpfer aufgestellten Behauptungen von Theisten sind reine Spekulationen, denen ein Schutzlack aus heiliger Idee und per‐ sönlicher Überzeugung verpasst wurde und der die Grenze zwischen dem Gott und seinem Glaubenden verwischen soll. Wer Gott kritisiert, der verletzt religiöse Gefühle – es ist, als würde man den Glaubenden damit an etwas Unangenehmes erinnern. Die Feststellung, man könne Gottes Nichtexistenz ja schließlich auch nicht beweisen, macht seine Existenz dabei nicht im Geringsten wahrscheinlicher. Dieses Argument ist bekannt als Russels Teekanne. Der britische Philosoph Bertrand Russel merkte zu den Gottesbehaup‐ tungen der Welt an, dass man auch nicht widerlegen könne, dass eine Teekanne zwischen Erde und Mars die Sonne umkreist.* Das muss aber nicht bedeuten, dass es sie gibt. Die Behauptung kann auch ein‐ fach unwahr sein. Die Quintessenz ist, dass derjenige, der die Existenz besagter Teekanne behauptet, auch die Beweise vorlegen sollte, und dass es keinesfalls die Aufgabe der Zweifler ist, seine Nichtexistenz zu 1.13 * Von einem roten Tesla Roadster wissen wir das allerdings. 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 83 belegen. Es gab eine Zeit, als es den Gott der Bibel in den Köpfen der Menschen noch nicht gab. Dann tauchte die Idee irgendwann auf der Zeitachse auf. Hier hätte ein Beweis für diese neue Behauptung erfol‐ gen sollen. Den aber gab es nie. Niemand kann beweisen, dass es den Gott der Bibel nicht gibt, aber daraus lässt sich nicht ableiten, dass der Theist mit seiner Vermutung Recht hätte. Es entlarvt außerdem das dringende Bedürfnis des Theisten, einen Gott zu sehen, egal ob da einer ist oder nicht, und die Tatsache, dass man es ihm nicht widerle‐ gen kann, scheint ihn glücklich zu machen. So kann man argumentativ schon lange in den Seilen hängen und sich trotzdem als Sieger fühlen. Zuweilen wird behauptet, die Auferstehung Jesu wäre ein Beweis. Sie ist aber kein Beweis, sie ist Teil der Behauptung. Stattdessen gebär‐ det man sich, als wäre das Ereignis eine etablierte Tatsache – man hat es für sich persönlich zur Wahrheit erklärt. Das ist etwas fundamental Anderes. Sollte einem aber tatsächlich gelingen, die Nichtexistenz der Teekanne zu beweisen, so kann man diesen Beweis dann auch auf all die Götter anwenden, an die man selbst nicht glaubt – und schließlich auf den eigenen. Außerdem gibt es noch Erik, den götterfressenden Pinguin. Erik frisst Götter, seit es das Universum gibt, und daher hat er auch bereits den Gott der Christenheit gefressen. Gott existiert daher nicht. Ein Theologe müsste nun beweisen, dass Erik nicht existiert, damit es sei‐ nen eigenen Gott wieder geben kann. Wenn es ihm aber gelingt zu be‐ weisen, dass Erik nicht existiert, dann hat er damit eine Methode ent‐ wickelt, die auch die Existenz Gottes widerlegt. Im ersten Szenario wurde Gott gefressen, im zweiten hat er nie existiert. Ich selbst bin kein eigentlicher Atheist, der sich sicher sei, das Uni‐ versum habe keinen Schöpfer. Ich bin agnostischer Atheist, da man es nicht sicher wissen kann, aber das beinhaltet auch meine Überzeugung, dass naturwissenschaftlich Ungebildete es ganz sicher auch nicht wis‐ sen. Wer dieser Schöpfer ist und was er von uns will, ist eine andere Frage, und man kann nicht oft genug betonen, dass niemand auf der Welt es weiß, egal, was sie behaupten. Der Schöpfer des Universums kann ein Wissenschaftler sein, der ein Modelluniversum an einem Computer erschaffen hat; er kann einer sommersprossigen Göre mit einer Lupe gleichen, die in der Nachmittagssonne mit Vergnügen 1 Glauben heißt leugnen 84 Ameisen verpuffen lässt. Unser Universum kann auch das Innere eines Schwarzen Lochs in einem viel größeren Universum sein, oder das In‐ nere eines Protons, oder von mir aus auch die zweite Seite eines Möbi‐ usstreifens – wir wissen es nicht. Doch vielmehr hat der Theist das Problem, irgendwie belegen zu müssen, dass seine Wahrnehmung des Schöpfers die richtige ist und woher er weiß, wer dieser Schöpfer ist, wen er mag und wen nicht, was wir tun und was wir lassen sollen, mit wem wir ins Bett gehen dürfen und unter welchen Umständen, und was für ein Problem er mit dem Genuss von Schinken oder Meeresfrüchten hat. Verstehen Sie, was für ein unglaublicher Sprung das ist? Selbst wenn wissenschaftlich festgestellt würde, dass das Universum einen Schöpfer haben muss, hat der Theist dadurch garnichts gewonnen – durch das Ausbleiben eines Gegenbeweises sind seine Ansichten vor‐ her verschont geblieben, sonst nichts. Sicher, er kann jetzt seine heilige Schrift zücken und behaupten, dass es einfach sein eigener Gott sein müsse – das aber können die Theisten aller anderen Religionen auch, mit Argumenten von jeweils vergleichbarer Beweiskraft, denn die hei‐ ligen Schriften sind nun mal allesamt nicht die Beweise, sondern nur die Behauptungen. Könnte die Wissenschaft nachweisen, dass das Uni‐ versum einen Schöpfer haben muss, hat der Theist gar nichts gewon‐ nen, und jeder weitere Versuch, Land zu gewinnen, endet für ihn in einem Patt mit allen anderen Religionen. Man kann die Behauptung aufstellen, dass die eigene heilige Schrift die richtige ist, aber die Be‐ hauptung ist nicht der Beweis. Falls Sie sich fragen, wie eine Welt aus‐ sehen würde, in der Gottheiten nicht existieren, sondern von Men‐ schen erfunden und herbeidebattiert werden: sie würde aussehen wie unsere. Die Landkarte der Meinungen Stellen Sie sich die Landkarte menschlicher Meinungen als ein Blatt Papier vor. Je weiter Sie nach rechts schauen, desto gesicherter sind die Erkenntnisse, und desto besser sind die Meinungen begründet. Links herrschen Willkür und Beliebigkeit. Hier kann man machen was man will, und die eigene Überzeugung von der Richtigkeit einer Sache zählt am meisten. 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 85 Auf der rechten Seite dieser Landkarte der Meinungen stehen wis‐ senschaftlich begründete Weltbilder, basierend auf Evolution, Kosmo‐ logie, Physik, einer skeptischen Haltung gegenüber abwegigen Erklä‐ rungen und vor allem basierend auf der Erkenntnis, dass es keine ab‐ solute Gewissheit gibt, weshalb keiner ganz rechts an der Kante steht. Zumindest mir sind keine Wissenschaftsextremisten bekannt. Wer wie ich auf dieser Seite der Landkarte der Meinungen steht und nach links schaut, kann ein kleines Rauchwölkchen am anderen Ende der Karte erkennen. Schaut man mit einem Fernglas hinüber, sieht man Religionen und ihre Anhänger im Streit. Vor einiger Zeit noch war die Rauchwolke viel größer; durch das Aufkommen des mo‐ dernen, säkularen Staates sind diese Auseinandersetzungen weniger geworden. Religionen ziehen heute nur noch selten gegeneinander zu Felde. Die Rauchwölkchen, die man heute noch sehen kann, stammen größtenteils aus Streitigkeiten innerhalb einer einzigen Religion. Es ist die Religion des Friedens. Die Landkarte der Meinungen ist sehr groß, denn es gibt mindes‐ tens so viele Meinungen, wie es Menschen gibt. Um ihre Größe einmal in Perspektive zu setzen: das winzige Rauchwölkchen am anderen En‐ de der Karte sind 34.000 Terroranschläge mit Hunderttausenden von Opfern, die nur seit dem 11. September 2001 stattgefunden haben. Je‐ der dieser Anschläge hat im Schnitt sieben bis acht Opfer gefordert, und neun von zehn Opfern dieser Terroranschläge sind selbst Anhän‐ ger der Religion des Friedens. Würde eine andere Religion den Anhän‐ gern der Religion des Friedens so dermaßen zusetzen, wäre der Auf‐ schrei unvorstellbar. So jedoch geschieht nichts, denn man hat ja be‐ schlossen, dass es die Religion des Friedens sei. Wer das bezweifelt, ge‐ rät ins gesellschaftliche Aus. Deshalb wird sich nichts ändern, aber das ist auch gar nicht notwendig, denn gemäß der Religion des Friedens ist dieses Leben nur eine Prüfung, in der man sich des Paradieses würdig erweist oder eben nicht. Das führt auch dazu, dass Raketenstellungen in dicht besiedelten Wohngebieten installiert werden, damit Israel sie bombardiert und als Kindermörder dasteht. Die Kinder selbst sind dann Märtyrer, womit sich die Frage nach ihrem jenseitigen Verbleib ebenfalls klärt. Instant paradise, was auch immer Achtjährige mit 72 Jungfrauen anfangen sollen. Die gestorbenen Mädchen hingegen wer‐ 1 Glauben heißt leugnen 86 den Ehefrauen von sonst wem. Wahrscheinlich aber von gottergebe‐ nen Kriegern. Das Erstaunliche an der Religion des Friedens ist, dass ihre An‐ hänger sich gegenseitig geradezu hysterisch vorwerfen, keine echten Anhänger der Religion des Friedens zu sein. Das führt gelegentlich zu Gewalt, die dann aber nicht von den angeblichen „Heuchlern“ ausgeht, sondern von den jeweils „wahren“ Anhängern der Religion des Frie‐ dens. Da dieses Spiel in alle Richtungen funktioniert und Hanafiten, Hanbaliten, Zwölferschiiten, Alaviten, Ahmadiyya und Sufi jeweils den Hanafiten, Hanbaliten, Zwölferschiiten, Alaviten, Ahmadiyya und Sufi vorwerfen, etwas falsch verstanden zu haben, ist kein Teil der Erde so sehr von religiös motivierter Gewalt überzogen wie jener, in dem die Religion des Friedens herrscht.* Wenn man die Anhänger der Religion des Friedens darauf an‐ spricht, lautet die übliche Argumentation: Unsere Religion ist perfekt, aber Menschen sind es nicht, daher die Gewalt. Komischerweise aber scheinen andere, weniger perfekte Religionen die Sache besser im Griff zu haben – besonders in den Ländern, in denen der Staat die Religio‐ nen in eine untergeordnete Rolle gezwungen hat. Das schützt nämlich davor, Religion über zu bewerten. Die Türkei war einmal so; in zehn Jahren wird sie nicht wiederzuerkennen sein und sich bei fortschrei‐ tender Tendenz vom Iran nur noch in theologischen Feinheiten unter‐ scheiden. Das gesellschaftliche Leben in der Türkei wird dem im Iran gleichen, Despoten lieben das nun mal. Die Evolutionslehre ist in der Türkei bereits vom Lehrplan gestrichen, stattdessen wird jetzt ein tiefe‐ res Verständnis des Dschihad gelehrt. * Wenn Sie mal den Nerv haben, eine Ausgabe des Magazins Dabiq zu lesen, die der Islamische Staat veröffentlichte, so werden Sie außer theologischer Hysterie vor al‐ lem eines bemerken: alle sind vom Islam abgefallen. Mohammed Mursi, Chef der Muslimbruderschaft in Ägypten; Pierre Vogel, Deutschlands bekanntestes Gesicht des Salafismus; Bilal Phillips, sein britisches Pendant; Erdogan, Präsident der Türkei. Sie alle gelten beim IS als Feinde des Islam, da sie nicht unentwegt Krieg gegen die Ungläubigen führen. Für die westliche Welt sind sie jedoch durchweg religiöse Ex‐ tremisten. Sigmund Freud nannte dieses Prinzip den Narzissmus der kleinen Diffe‐ renzen: ist eine Gruppe nur fundamentalistisch genug, wird sie sich von anderen ab‐ grenzen, die fast die gleichen Ansichten haben und sich nur in minimalen Details unterscheiden. 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 87 Im Übrigen ist es natürlich sehr einfach, eine Religion für perfekt zu erklären. Das zeigt aber nur, wie leichtfertig manche mit dem Be‐ griff „perfekt“ umgehen. Wenn die Religion des Friedens perfekt wäre, dann könnte sie Gewalt unter ihren Anhängern verhindern. Tut sie das nicht, so ist sie entweder nicht perfekt, oder Gewalt ist ein Teil ihrer „perfekten“ Lehre. So oder so, der Religion-des-Friedens-Apologet steckt nun in einer Zwickmühle, besonders wenn er Außenstehenden seinen Glauben als die Religion des Friedens verkaufen will. Entweder ist die Religion des Friedens nicht perfekt oder nicht friedlich. So zumindest denkt man nach europäischen Maßstäben. Das Ge‐ rede von der Religion des Friedens trotz aller offensichtlichen Gegen‐ beweise hat einen anderen Grund: Steinigungen, Enthauptungen und der Kampf gegen Andersdenkende sind, da der Islam perfekt ist, keine Akte der Gewalt, sondern göttliches Gesetz. Das arabische Wort Sa‐ laam für „Frieden“ leitet sich von der dreifachen Konsonantenwurzel S- L-M ab, also von den gleichen Wurzelkonsonanten wie das Wort Islam, das bekanntlich „völlige Hingabe an Gott“ bedeutet. Frieden heißt im Arabischen auch immer „Frieden mit Gott“ und bedeutet daher auch, sich Gott ergeben zu haben. In dieser Hinsicht ist der Islam tatsächlich eine Religion des „Friedens“, aber nur, solange sie den Begriff selbst definieren darf. Dass Verteidiger des Islam, die sich in der Religion auskennen, ihn trotz aller Terroranschläge und Konfessionskriege den‐ noch als die Religion des Friedens bezeichnen, kann dann nur zwei Gründe haben: entweder sie lügen absichtlich, oder ihnen ist einfach nicht klar, dass Nichtmuslime ein anderes, nämlich weltliches Ver‐ ständnis des Begriffes Frieden haben, in dem die Abwesenheit von Ge‐ walt im Vordergrund steht. Wenn Sie Salafisten predigen hören, dauert es gewöhnlich nicht lange, um jenen Kadavergehorsam herauszuhören, der in Europa einst zum Holocaust geführt hat. Was will man machen, der Schöpfer des Universums will es halt so, das steht hier in seinem perfekten Buch. Daran glaubt man, und dieser Glaube genügt, um die Gesellschaft in einen hysterischen Klumpen archaischer Gewalt zu verwandeln. Das ist das Gefährliche an Religion: sie kann die dem Menschen inhärente Ethik aushebeln und durch Dogmen ersetzen, die mit echter Ethik bes‐ tenfalls eine Schnittmenge gemeinsam haben, sie aber keinesfalls erset‐ zen können. 1 Glauben heißt leugnen 88 Der Monotheismus hat ein paar Besonderheiten, die ihn beson‐ ders gefährlich machen. Zwischen Polytheismus und Monotheismus liegt, simpel gesprochen, mindestens ein Gott Unterschied. Das gilt aber auch für den Monotheismus und den Atheismus. Und so wie sich der Atheismus und der Monotheismus dennoch qualitativ stark unter‐ scheiden, gibt es auch beträchtliche Unterschiede zwischen dem Mo‐ notheismus und dem Polytheismus. Zwischen Monotheismus und Duotheismus liegt kein Faktor zwei; sie sind wie Äpfel und Birnen. Wenn ich viele Götter habe, so kann mein Nachbar auch viele Göt‐ ter haben, sogar ganz andere. Die Quintessenz davon ist, dass sie ein‐ ander nicht ausschließen und sich die Frage, wessen Weltbild nun das richtige sei, sich nicht so brennend aufdrängt. Zwischen der Aussage „Zeus, Poseidon, Athene und Minerva sind die wahren Götter und Ju‐ piter, Mars, Saturn und Venus sind es nicht“ auf der einen Seite und „Mein Gott ist der wahre Gott und er sagt uns, Deine Götter sind es nicht!“ auf der anderen Seite liegt ein grundlegender Unterschied. In einem polytheistischen Gefüge sind die eigenen Überzeugungen relati‐ vierter und taugen eher dazu, zur Unterhaltung statt zur Sinnstiftung benutzt zu werden, so wie es sich für das 21. Jahrhundert gehört. Die monotheistische Sichtweise ist da eine ganz andere. Wenn es nur einen Gott gibt, muss er auch gleichzeitig der oberste Gott sein. Er ist für alles verantwortlich, und damit ist das gesamte Universum ge‐ meint. Das Universum und seine unvorstellbaren Ausmaße waren den Menschen vor einigen tausend Jahren nicht im Geringsten klar, aber was für eine Rolle spielt es denn! Was immer neu entdeckt wird, ge‐ hörte immer schon zu Seinem Reich, und seine Bedeutung wird damit immer nur noch größer. Sie beanspruchten es für sich, bevor sie von seiner Existenz wussten. Demut sieht anders aus. Das erste, was eine jede monotheistische Religion allerdings zum Heiligtum erklärt, ist sie selbst. Sie sehen, es liegen viel mehr Deutungshoheit und viel mehr Herr‐ schaftsanspruch im Monotheismus, als zu Zeiten der Vielgötterei je‐ mals möglich gewesen wäre. Denn der Monotheismus schließt als di‐ rekte Konsequenz seines Aufbaus andere Gottheiten und damit alle anderen Glaubensgefüge aus. Oftmals auch absichtlich; fragt man isla‐ mische Gelehrte, so ist die größte Sünde im Islam nicht Mord, Dieb‐ stahl oder die Lüge, sondern Schirk, die Beigesellung. Das geht sogar 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 89 so weit, das Christentum aufgrund seiner Dreifaltigkeitslehre als Poly‐ theismus zu bezeichnen.* Ich persönlich wittere hier eine Gelegenheit, dass auch Muslime mal stolz auf mich sein können, da ich dieses Ge‐ bot mit meinem Glauben an null Götter geradezu übererfülle. Aber das klappt wahrscheinlich auch nicht. Machen Sie nicht den Fehler, den Islam mit dem modernen Chris‐ tentum gleichzusetzen. Sie unterscheiden sich grundsätzlich. Zum einen, weil dem Christentum (und dem Islam eben nicht) seitens des Staates der eine oder andere Reißzahn gezogen wurde (wobei der Pro‐ zess auch heute noch alles andere als abgeschlossen ist). Zum anderen, weil der Islam von vornherein wesentlich verführerischer aufgebaut ist. Und hier kann man auch getrost „der Islam“ sagen, denn es betrifft alle seine Strömungen. Die Hauptunterschiede zwischen Islam und Christentum sind die folgenden: 1. Die Bibel ist eine Sammlung von Texten, die von ca. 40 Autoren über einen Zeitraum von anderthalb Jahrtausenden in mehreren Sprachen geschrieben und spätestens von Athanasius von Alexan‐ dria im vierten Jahrhundert aus einer wesentlich größeren Samm‐ lung von Texten zu einem Best-of kanonisiert wurden, das dann Bi‐ bel genannt wurde. Der Koran ist hingegen ein einziges Buch, das der Schöpfer des Universums einem einzigen Menschen Silbe für Silbe so in die Feder diktiert haben soll, wie er heute noch gedruckt wird. Das Wort „Bibel“ kommt deswegen in der Bibel kein einziges Mal vor, der Koran spricht regelmäßig von sich selbst (rund 70mal). Er preist sich entweder selbst, indem er sich bescheinigt, Menschen rechtleiten zu können, oder er warnt davor, ignoriert zu werden. Er bezeichnet sich selbst ganz unverblümt als frei von Widersprüchen * Und das sogar gemäß Koran 5:72: „Wer Allah (etwas) beigesellt, dem verbietet für‐ wahr Allah das Paradies, und dessen Zufluchtsort wird das (Höllen)feuer sein. Die Ungerechten werden keine Helfer haben.“ Und noch genauer auf das Christentum bezogen: "Fürwahr, ungläubig sind diejeni‐ gen, die sagen: ‚Gewiß, Allah ist einer von dreien.‘ Es gibt aber keinen Gott außer dem Einen Einzigen. Wenn sie mit dem, was sie sagen, nicht aufhören, so wird den‐ jenigen von ihnen, die ungläubig sind, ganz gewiss schmerzhafte Strafe widerfahren." Sure 5:73 1 Glauben heißt leugnen 90 und über jeden Zweifel erhaben. Damit trägt der Koran selbst schon einen ganz anderen Heiligenschein als die Bibel; versuchen Sie sich vorzustellen, was es für das Weltbild bedeutet, mit einem solchen Buch in der Hand großgezogen zu werden oder es als Kind auswendig lernen zu müssen. Hier spricht der Schöpfer des Univer‐ sums zu allen Menschen, aber nur wir Muslime haben die Bot‐ schaft bisher verstanden. Und wenn man es genau nimmt, dann gilt jede einzelne Silbe dieses Buches – sonst hätte der Schöpfer andere Worte benutzt. Deshalb haben wir alle, sobald der Islam die Welt erobert hat, auch gefälligst Arabisch zu lernen, damit wir die Bot‐ schaft des Schöpfers frei von Ungenauigkeiten der Übersetzung verstehen können. 2. Im Koran ist Jesus, auch wenn er genau wie Mohammed ein Pro‐ phet ist, nur ein Mensch, denn an seine Gottesabstammung zu glauben wäre Schirk, also Beigesellung neben Allah, was im Islam eine schwere Sünde ist. Das Besondere ist, dass im Koran nur der Koran göttlichen Ursprungs ist. Indem der Erzengel einem Men‐ schen diktiert, der weder lesen noch schreiben kann, ist nicht der Prophet das Wunder, sondern das Buch selbst. Der Islam hat in einigen Hinsichten aus den Fehlern der anderen Religionen gelernt. Er warnt vor seiner eigenen Verwässerung (was unausweichlich geschehen wird, wenn man Menschen über die Re‐ ligion herrschen lässt), und bezeichnet sich selbst allen Ernstes als die letzte gültige Religion; wahrscheinlich nur, um hinter sich dicht zu machen und nicht zu weiteren Optimierungsversuchen einzula‐ den. Die Schriften der Juden und der Christen waren auch von Gott, wurden aber durch Menschen verfälscht, und alles, was nach dem Koran kommt, können nur noch Freveleien sein. Immerhin musste Mohammed ja auch eine Legitimation für seine neue Bewe‐ gung schaffen, ohne sie gleichzeitig beliebig aussehen zu lassen oder andere anzuspornen, es auch einmal zu versuchen. Darüber hinaus hat der Islam von vornherein feste, theologisch sehr genau definierte Begriffe für Nichtmuslime (Kuffar) und jene, die den Islam nur halbherzig angehen (Munafiqun), und er gibt auch sehr genau vor, wie man sich gegenüber diesen Menschen ver‐ halten soll. Die Bibel tut das nicht – die Hexenverfolgungen, die In‐ quisition und die Sachsenkriege Karls des Großen waren quasi frei‐ 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 91 willige Leistungen der Christen an das Christentum, aber nicht von der heiligen Schrift vorgeschrieben. Religion ist, was Menschen draus machen – der Islam ist geschaffen, genau das zu verhindern. 3. Der Islam ist von vornherein politisch gedacht. Jesus war für zwei bis drei Jahre Wanderprediger, Mohammed hingegen war 23 Jahre lang Prophet, Kriegsherr, Staatsführer und oberster Richter. Es liegt daher in der Natur des Islam, sich nicht nur mit religiösen und transzendenten Fragen, sondern auch mit Politik, Ehe- und Steuer‐ recht zu beschäftigen. Die Verwirklichung einer Trennung von Staat und Religion muss daher immer bedeuten, dass man dem Is‐ lam nicht die Rolle zugesteht, die er für sich selbst grundsätzlich vorsieht. Ob der einzelne Muslim eine Theokratie verwirklicht se‐ hen will, ist eine andere Frage. Da es aber eine zentrale Forderung der islamischen Lehre ist, wird er im Zweifelsfall wenig Widerstand leisten und den Fehler bei sich selbst suchen. Ihm vorzuwerfen, er sei kein richtiger Muslim, wenn er nicht hinter der Theokratie steht, ist dann seitens der Theologie ein Leichtes. Das Potential ist latent vorhanden, es muss nur genutzt werden. 4. Der Islam verzichtet auf eine zentrale theologische Autorität und hat damit auch keine zentrale Auslegung der Schrift. Das hat den Vorteil, dass immer jemand die Gewalttat eines anderen als unisla‐ misch abtun kann, weil niemand als Schiedsstelle angerufen wer‐ den kann. Es gibt keinen islamischen Papst, der die Richtung be‐ stimmt, die beste Näherung für die Sunniten ist die al-Azhar-Uni‐ versität in Kairo. Gäbe es einen islamischen Papst, so müsste der Wahhabismus sich bei der äußerst konservativen Auslegung seiner Lehre innerhalb der islamischen Welt entweder gegen diesen hypo‐ thetischen Papst durchsetzen oder wäre von vornherein auf seiner Linie. Damit aber wäre der Vorgang wesentlich leichter erkennbar. So aber geht die Frustration des Westens auch nach dem x-ten Ter‐ roranschlag grundsätzlich ins Leere, da sich außer den Terroristen selbst (die ja nie etwas mit dem Islam zu tun haben) keine islami‐ sche Autorität damit identifizieren will, sich verantwortlich fühlt oder zur Rede gestellt werden kann. Schirk ist, wenn man den Herrschaften von Sharia4UK in England oder der deutschsprachigen Facebook-Gruppe Probleme und Lösungen im Islam (immerhin 38.000 Mitglieder!) glauben darf, auch der Grund 1 Glauben heißt leugnen 92 für ihre Ablehnung der Demokratie. Wer menschgemachten Gesetzen gehorcht, gesellt Allah schon etwas bei, und das ist nun mal Schirk. Schirk ist Auslegungssache. Wer diesen Begriff streng auslegt, kann nicht anders, als zum Demokratiefeind zu werden. Das ist auch der Grund, warum viele Salafisten, wenn sie vor Gericht stehen, bei der Urteilsverkündung nur müde lachen können. Was sind schon mensch‐ liche Gesetze! Der einzige, der mich überhaupt für irgendetwas beur‐ teilen darf, ist Allah! Und Allah will anscheinend, dass ich im Knast weitermache. Und das tun sie dann auch. Gefängnisse sind für diese Leute erstklassige Rekrutierungslager, denn sie sind voll von Verzwei‐ felten, die einen neuen Lebensweg suchen – ideale Beute für Frömmler, die gerne mit erhobenem Zeigefinger ewige Wahrheiten versprühen. Man fragt sich, wie man das wieder aus den Köpfen dieser Menschen heraus bekommen soll. Es verhält sich wie eine psychische Krankheit, eine Mischung aus Paranioa und Solipsismus, die wie ein Virus von Gehirn zu Gehirn springt, sie infiziert, sie umpolt und sie zwingt, es bei anderen Gehirnen auch zu versuchen. Es ist wie BSE. In seinem Buch Plötzlich Pakistan: Mein Leben im gefährlichsten Land der Welt beschreibt der SPIEGEL-Redakteur Hasnain Kazim ein Gespräch mit einem älteren Herren, dessen Haus während des Rama‐ dan von einer Flut zerstört wurde. Trotz des Elends und der vielen Dinge, die es zu tun gab, bestand der alte Mann auf dem Fasten, denn die Flut war seiner Meinung nach eine Strafe Allahs, weil sie keine richtigen Muslime gewesen seien. Jetzt das Fasten nicht einzuhalten wäre das Schlimmste, was man überhaupt tun könne. Auf Kazims Fra‐ ge, woher der alte Mann denn so genau wisse, dass der Islam die einzig richtige Religion sei, entwickelte sich ein merkwürdiges Gespräch. Der alte Mann konnte kein Arabisch, verstand auch den Koran nicht, aber der Anblick der gedruckten Worte gab ihm Gewissheit, dass es sich um das Buch Gottes handele. Er machte sich dann über die Dreifaltigkeits‐ lehre des Christentums lustig und sagte, die gingen da doch etwas zu weit, denn „eine Jungfrauengeburt, ganz ohne Mann, da müssten die Christen doch wohl etwas durcheinander gebracht haben“.*,18 * Es sei noch angemerkt, dass Marias unbefleckte Empfängnis auch in Sure 21:91 des Korans als Tatsache verkauft wird, aber dazu hätte der alte Mann tatsächlich lesen müssen. 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 93 Wie enttäuschend einfach der Mensch doch funktioniert! Man hat ihm einfach lange genug eingetrichtert, dass der Polytheismus die größtmögliche Sünde sei, und dann strickt man sich die nötigen Argu‐ mente. Dann findet man die Jungfrauengeburt lächerlich. Andernorts ist sie ein Wunder, aber sie taucht als göttliches Zeichen schon wesent‐ lich früher in der Geschichte auf, zum Beispiel bei Mithras. Dass Mo‐ hammed auf einem pferdeähnlichen Wesen von Mekka nach Jerusa‐ lem fliegt, um dort die Propheten zu treffen, mit ihnen das Paradies zu besichtigen und Gott persönlich von 50 Gebeten am Tag auf 5 Gebete am Tag herunterzuhandeln19, das ist nicht lächerlich. Der amerikanische Neurologe und Religionskritiker Sam Harris hat in einer Debatte bei Truthdig im Mai 2007 zum gesamten Inhalt dieses Kapitels einmal die passenden Worte gefunden: „Lassen Sie mich Ihnen einen Eindruck davon geben, wie es ist, in einer solchen Diskussion ich zu sein. Mir scheint, wir hätten diese Diskussion vor 500 Jahren haben können. Das Leben war schwierig, es gab viel Ver‐ zweiflung, Ernten misslangen, Krankheiten verbreiteten sich, Menschen erlitten schlagartige und katastrophale Schicksalsschläge, und die Ursache dafür war vor 500 Jahren sehr gut bekannt: es war Hexerei. Glücklicher‐ weise hatte die Kirche einige sehr energetische Herren hervorgebracht, die den Grips hatten, dieses Problem anzugehen. Und so wurden jedes Jahr einige hundert bis tausend Frauen lebendig verbrannt, weil sie ihre Nachbarn verhext hatten. Stellen Sie sich nun vor, Sie wären Teil der fünf, vielleicht zehn Prozent der Bevölkerung, denen klar war, dass der Glaube an Magie, an Hexerei, an gute und an schlechte Hexen nichts weiter war als eine bösartige Phan‐ tasie. Die weißen Hexen heilten Menschen mit Kräutertinkturen oder hal‐ fen Kinder gebären, aber sie hatten kein festeres Fundament als die schwarzen Hexen, die den Bösen Blick warfen. Das gesamte Glaubensge‐ füge war falsch. Stellen Sie sich vor, welche Kritik Sie ernten würden. ‚Neinein, das Problem besteht nur mit fundamentalistischer Hexerei, die Realität ist, dass Hexerei viel mehr Nuancen hat, und es gibt auch keinen Konflikt zwischen Wissenschaft und Hexerei. Wissenschaft beschäftigt sich mit physikalischen Gesetzen und physikalischer Kausalität, und He‐ xerei befasst sich mit Zaubersprüchen und der inneren Verbindung zwi‐ schen den Dingen‘. Die Vorstellung, dass wir diese offenkundig schlechten Ideen nicht an‐ zweifeln sollten, weil es Menschen beleidigen, ihre Verzweiflung unter den Teppich kehren oder andere Probleme außer Acht lassen könnte! Ich würde nie argumentieren, dass Religion das einzige Problem oder die ein‐ zige Quelle menschlichen Konfliktes auf der Welt ist, aber sie ist eine sol‐ che Quelle, und man hängt ihr emotional sehr an. Und wir werden verab‐ 1 Glauben heißt leugnen 94 scheut, wenn wir sie kritisieren, selbst wenn sie ihre hässlichsten Absich‐ ten und Überzeugungen zeigt. Das Problem mit der Bibel ist, wie auch immer Sie es angehen, wenn Sie sie wörtlich nehmen oder nur selektiv wörtlich nehmen, sie ist voll von entzweiendem Nonsens. Und daher bekommen Menschen Ideen wie dass Homosexualität eine Abscheulichkeit wäre, und warum unser Land die Homoehe diskutiert, als wäre sie die große moralische Frage unserer Zeit. Das stammt aus der Religion, und mir scheint es ist Zeit, dass wir eine aufrichtige Diskussion darüber führen.“20 Wenn ich der Religion als Idee beim Gelebtwerden zuschaue, fühle ich mich zuweilen wie die Römer in Das Leben des Brian, die neben der Steinigungsszene stehen und fassungslos den Kopf schütteln, während der Pulk sich in religiöser Hysterie zerfleischt – denn genau so war die Szene gemeint. Und nun die Gretchenfrage: würde ein Christ, wenn er einen un‐ zweifelhaften Beweis dafür erhielte, dass Shiva die einzige existierende Gottheit ist, sofort und ohne Widerspruch zur richtigen Religion wechseln? Sicherlich nicht. Man wird ja wohl noch Christ sein dürfen. 1.12 Atheismus – auch eine Religion? 95

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Atheisten verunsichern. Aus irgendeinem Grund glauben Menschen, religiös zu sein sei grundsätzlich gut, und wer dagegen ist, der müsse einfach etwas im ­Schilde führen. Mittlerweile sind ein Drittel der Deutschen konfessionslos ­– dennoch scheint es in der öffentlichen Wahrnehmung einen Unterschied zu geben zwischen religiös Uninteressierten und ausgewachsenen Atheisten. Bei religiös Uninteressierten sagt man bestenfalls „Soll doch jeder glauben, was er will“, bei Atheisten wittert man Angriffe auf das Gute im Menschen, gesellschaftliche Verrohung und Haftanstalten für Christen.

Wir wollen in diesem Buch untersuchen, was an der Sache dran ist.