Content

Einleitung in:

Burger Voss

Ausgeglaubt!, page 1 - 14

Warum Atheisten für die Gesellschaft wertvoll sind

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4218-2, ISBN online: 978-3-8288-7140-3, https://doi.org/10.5771/9783828871403-1

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung „Als ich ein junger Mann war, war Religion im Wesentlichen am Ende. Leute, die von Religion sprachen, waren sozusagen Idioten. Es schien un‐ denkbar, dass es ein Revival der Religion als zentrale Kraft in der Weltpo‐ litik geben würde. Religion war uncool. Dummerweise haben, während wir damit beschäftigt waren, cool zu sein, die uncoolen Leute die Welt übernommen.“ Sir Salman Rushdie Wir werden uns in diesem Buch zunächst mit der Existenz Gottes aus‐ einandersetzen, dann mit dem Glauben selbst (und schließlich mit dem Glauben an den Glauben). Wir werden uns hier aber nicht lange mit der korrekten Auslegung von Bibel- oder Koranstellen aufhalten, weil das in etwa so realitätsnah ist, wie sich mit der Grammatik der Zaubersprüche aus Harry Potter zu beschäftigen. Wenn ich Stellen aus diesen Werken zitiere, dann hauptsächlich um zu zeigen, was Men‐ schen daraus machen. Darüber hinaus setzen die heiligen Schriften voraus, dass es Gott gibt, und genau das ist keinesfalls eine etablierte Tatsache. Viel wichtiger ist zu betrachten, wie Religionen real gelebt werden. Gute Vorsätze interessieren nicht. Wenn Menschen leiden müssen, ih‐ nen Dinge aufgezwungen werden oder sie gar aus religiösen Motiven getötet werden, sollte das ausreichen, sich ein Bild von der „real exis‐ tierenden Religion“ zu machen, um einmal die ernüchterten Worte Erich Honeckers zu entleihen - im Jahre 1973 sprach er zum ersten Mal vom real existierenden Sozialismus und brachte so den Unter‐ schied zwischen Wunsch und Wirklichkeit zum Ausdruck. Und das alles wird in der Frage gipfeln, ob es, wie der Großteil der rund 36 % Konfessionsfreien in Deutschland es praktiziert, wirklich genügt, der Religion gegenüber nur achselzuckend distanziert zu sein. Oder ob es nicht doch wichtig ist, sich und seinen Interessen Gehör zu verschaffen und dafür zu sorgen, dass die Kirche zwar im Dorf, aber nicht im Staat bleibt. 1 *** Im Rahmen einer früheren Tätigkeit war ich beruflich viel in der isla‐ mischen Welt unterwegs, hauptsächlich in Jordanien, der Türkei und Indonesien, aber auch in Dubai, dem Libanon und dem Iran. Die Gastfreundschaft dieser Menschen ist für Deutsche geradezu beschä‐ mend, zumal ich nicht als Kunde dort war, sondern als Lieferant, der in Deutschland fast schon froh sein kann, durch die Vordertür herein‐ gelassen zu werden. Ich bekam in Jordanien einmal eine Packung vor‐ zügliches Baklava geschenkt. Als ich bei meinem nächsten Besuch nur fragte, wo ich meiner Frau eine Packung kaufen könne, rief mein Kun‐ de in seinem Büro in Damaskus an – ein Fahrer setze sich in den Wa‐ gen, kaufte bei Semiramis Sweets zwei Packungen und fuhr sie die 180 Kilometer über die Grenze zu uns ins jordanische Zarqa. Welcher deutsche Firmeninhaber tut so etwas für seinen Lieferanten? Hier kann der Deutsche an sich noch viel lernen. Religion hat auch schöne Seiten. Als ich im November 2013 mit meiner Frau in Jordanien die Zitadelle von Amman besuchte, war ich erstaunt von dem Altertumsmuseum, das sie beherbergt. Amman ist eines der ältesten Siedlungsgebiete der Welt, und seit 7500 v. Chr. las‐ sen sich Spuren von organisiertem Zusammenleben in dieser Region nachweisen. Beseelt vom Eindruck all der prähistorischen Steinwerk‐ zeuge, der altertümlichen Fruchtbarkeitssymbole und der römischen Münzen verließen wir das Gebäude. Dass es vierzehn Uhr war merkte ich daran, dass alle Muezzin der Stadt gleichzeitig von den Lautspre‐ chern der Minarette zum Freitagsgebet einluden. Die ganze Stadt hallte wider vom Echo der Gesänge, ich stand auf einem der höchsten Hügel der Stadt und bekam es aus allen Richtungen serviert. Was für ein Sound! Und ich merkte, dass ich feuchte Augen bekam. Ich weiß nicht warum. Ich hatte keine Angst vor der kollektiven Kraft, die eine der‐ maßen die Gesellschaft durchdringende Idee freisetzen kann; ich fürchtete keine aufgepeitschten Frömmler, die nach dem Freitagsgebet das dringende Bedürfnis haben würden, Nichtmuslimen ihre Überzeu‐ gungen mit der Holzlatte nahezubringen; ich fürchtete auch das Totali‐ täre, das Massen Mobilisierende nicht, das dem modernen Deutschen so unheimlich ist. Vielleicht wäre es mir in Saudi-Arabien oder Pakis‐ tan anders ergangen; in Jordanien muss man da keine Angst haben. Einleitung 2 Hier konnte ich von diesem Moment einfach ergriffen sein. Ich selbst habe eine ausgeprägte musische Ader – das Blut, das sie durchfließt, wird aber von Filmen, Büchern und Musik bereits ausreichend mit Sauerstoff versorgt, so dass ich keine weiteren Wundergeschichten be‐ nötige. Ein Jahr zuvor hatte ich ein paar teilweise ziemlich alkoholkranke Algerier durch Deutschland begleitet, und als wir in der Vorweih‐ nachtszeit in Dresden zu Mittag aßen und die Weihnachtsgesänge vor der Frauenkirche hörten, bekam auch einer von ihnen feuchte Augen, einfach weil der Moment so schön war. Christentum oder nicht, es be‐ wegte ihn. Machen wir uns nichts vor: Religion kann herzergreifende Mo‐ mente im Leben eines jeden hervorrufen. Das aber können Musik und Schauspiel auch. Es wäre unsinnig, bei Muezzingesang sofort an Selbstmordattentäter zu denken. Dennoch gibt es Dinge an der Religi‐ on als Idee, über die wir sprechen müssen. Atheist sein heißt nicht „Gott zu hassen“, denn man glaubt einfach nicht, dass es ihn gibt; Atheismus heißt auch nicht „Gläubige zu has‐ sen“, denn wer die Sünde hassen kann, aber nicht den Sünder, der kann bestimmt auch begreifen, dass Atheisten den Glauben als Idee kritisie‐ ren, aber nicht den Gläubigen. Wer den Menschen mehr schätzt als die Ideologie oder das Buch, ist Humanist. Ein Großteil der Christen in Deutschland dürfte Humanist sein, und das bedeutet, dass sie eine Or‐ ganisation unterstützen, deren Leitmotive sie eigentlich nicht teilen. Ein Bischof ist, verglichen mit seinen Schäfchen, ein religiöser Extre‐ mist, dem wesentlich mehr Gehör geschenkt wird als er verdient, und dem es mitnichten darum geht, dass alle glücklich sind. Ihn interessiert in erster Linie das Einhalten von Dogmen, was auch der Grund sein dürfte, warum die Deutsche Bischofskonferenz sich anlässlich der päpstlichen Umfrage von 2013 genötigt sah, die Fragen eins, zwei, fünf, sieben und acht von neun Fragen stellvertretend für die deut‐ schen Katholiken selbst zu beantworten.1 Die Themen dieser Fragen waren Ehe, gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft und Abtreibung. Es ist möglich, dass die deutschen Bischöfe ihren mangelnden Einfluss auf die Bevölkerung nicht nach Rom kommunizieren wollten und da‐ her zu diesem Schritt griffen – in jedem Fall aber haben sie sich in bes‐ Einleitung 3 ter Tradition über ihre Schäfchen hinweggesetzt, was dem Grundge‐ danken einer Umfrage direkt widerspricht. Trotz allem empfinden die meisten Menschen eher das Wort Athe‐ ist als abschreckend, nämlich weil sie die Position der Atheisten haupt‐ sächlich von Berufsreligiösen erklärt bekommen. Aus historisch ge‐ wachsenen Gründen ist die christliche Sichtweise in Deutschland noch immer die maßgebliche. Neun Prozent der Mitglieder in den Auf‐ sichtsgremien der deutschen Rundfunkräte vertreten die Interessen der Religionsgemeinschaften. Das klingt nicht nach viel, genügt aber, um ein regelmäßiges Wort am Sonntag stattfinden zu lassen, oder Pro‐ gramme wie Moment mal! auf NDR 2 direkt nach den 18 Uhr-Nach‐ richten, in denen Geistliche aus Norddeutschland täglich versuchen, Gott auf banale Alltagserlebnisse anzuwenden. Das ist an sich kein Problem, doch ist es nicht verwunderlich, dass dem Drittel Konfessionsfreier in Deutschland nichts Ähnliches gebo‐ ten wird? Es müssten nicht einmal „atheistische Bekehrungsversuche“ sein, sondern einfach Aufrufe zur Mitmenschlichkeit, zu Spenden im Katastrophenfall oder einfach gelegentliche Verschnaufpausen vom alltäglichen Hamsterrad. Diese Momente der Einkehr sind wertvoll, aber bislang ausschließlich religiös konnotiert, und das erweckt den Eindruck, nur Religion könne das leisten. Man könnte jederzeit genug Material, nun nicht über den Atheis‐ mus, aber über ein naturwissenschaftliches Weltbild bringen, das den Menschen ihre vermeintliche Wichtigkeit im Universum zurechtstutzt. Schaut, vom Saturn aus gesehen ist die Erde mit all ihren Menschen, deren Sorgen, Nöten, Hoffnungen und Wünschen nur ein kleiner blau‐ er Punkt im Vakuum! Schaut, ihr tragt die DNA von Bakterien in eu‐ ren Zellen! Schaut, das Universum dehnt sich mittlerweile schneller aus als das Licht! Laut statistischem Bundesamt lag der Anteil von Konfessionsfreien in der BRD im Jahre 1970 bei vier Prozent. Laut der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) lag ihr Anteil im Jahre 1987 schon bei elf Prozent, nach der Wiedervereinigung bei 22 Pro‐ zent, im Jahre 2004 bei 32 Prozent und im Jahre 2016 bei 36 Prozent. Die Konfessionsfreien sind mittlerweile die größte Gruppe der Weltan‐ schauungen in Deutschland, doch das ist ausschließlich ihr Privatver‐ gnügen – sie erhalten weder staatliche Zuschüsse, noch treibt der Staat Einleitung 4 Geld für sie ein, noch haben sie Sendezeit in Rundfunk oder Fernse‐ hen. Die Abwesenheit von religiösen Überzeugungen, so wirkt es, scheint auch Abwesenheit von Interessenvertretung mit sich zu brin‐ gen. Dabei ist der Staat doch offiziell säkular, also religionsfern! Dass christliches Denken in Europa maßgeblich ist, liegt daran, dass sie sehr lange die Sendehoheit hatten. Von der Kanzel aus, vom Balkon des Herrschers aus, über Radio und Fernsehen. Doch heute gibt es weitere Medien, die jeder auch ohne das entsprechende Vitamin B benutzen kann. Wenn Sie versuchen sich vorzustellen, wie der Ein‐ fluss der Kirchen auf die Gesellschaft vor YouTube und Facebook aus‐ gesehen hat, so ist es erstaunlich, wie wenig überzeugend ihre Argu‐ mente zu sein scheinen, wenn sie nur mit Sendemonopol und großem Druck auf die Bevölkerung aufrecht erhalten werden konnten. Noch vor zehn Jahren, so sagte der Philosoph Michael Schmidt-Salomon an‐ lässlich eines Vortrags im Jahre 2013, wurde er von Talkshows ausgela‐ den, wenn ein Bischof anmerkte, er werde nicht mit einem Atheisten diskutieren. Heute bietet der Sender dem Bischof an, zuhause zu blei‐ ben und stattdessen jemand Gesprächsbereiten zu schicken. Ein Wan‐ del zeichnet sich ab. Der moderne, offensiv auftretende Atheismus (auch Neuer Atheis‐ mus genannt) stammt aus den USA, wo er eine grundsätzlich verteidi‐ gende Haltung einnahm: es ging primär darum zu verhindern, dass Kreationisten Einfluss auf die Lehrpläne amerikanischer Schulen neh‐ men. Die Kreationisten glauben an die wortwörtliche Schöpfungsge‐ schichte der Bibel, also daran, dass Gott die Welt in sechs Tagen er‐ schaffe habe, und lehnen die Evolutionslehre als atheistische bis mar‐ xistische Erfindung ab. Interessanterweise sind diese Gläubigen mehr‐ heitlich Protestanten und nicht Katholiken. Es wäre bedauerlich genug, wenn sie es nur unter sich tun würden – stattdessen aber versuchen sie laufend, die biblische Schöpfungsge‐ schichte in den Biologieunterricht amerikanischer Schulen zu bringen. Aus dieser Bedrohung des säkularen Staates heraus (und unter dem Eindruck des 11. Septembers) beschloss eine ganze Reihe von Wissen‐ schaftlern und Philosophen im Gegenzug, ihren Atheismus nicht län‐ ger für sich zu behalten. Richard Dawkins‘ Buch Der Gotteswahn aus dem Jahre 2006 war ein weltweiter Erfolg mit drei Millionen verkauften Exemplaren und Einleitung 5 Übersetzungen in 35 Sprachen. Nur für die arabische Welt gab es keine Übersetzung, bis ein Araber namens Bassam Al-Baghdadi in Schwe‐ den die Arbeit auf sich nahm, die 464 Seiten ins Arabische zu überset‐ zen und kostenlos ins Netz zu stellen (wogegen Richard Dawkins übri‐ gens keine Einwände hatte). Die arabische Übersetzung wurde mittler‐ weile etwa 10 Millionen Mal heruntergeladen, allein drei Millionen Mal in Saudi-Arabien. Man muss sich vorstellen, was für eine Offenba‐ rung es für Zweifler in der islamischen Welt gewesen sein muss, ein‐ mal die Argumente der Atheisten selbst zu hören, statt immer nur von Theologen erklärt zu bekommen, wie der Atheist angeblich denkt. Was ist denn nun ein Atheist? Der Begriff Atheist birgt ein Missverständnis. Es gibt Agnostiker, die der Meinung sind, dass die Frage nach dem Schöpfer sich nicht beant‐ worten lässt. Dann gibt es Atheisten, die der festen Meinung sind, es gäbe keinen Schöpfer. Tatsächlich bin ich in der atheistischen Szene Deutschlands bisher keinem einzigen davon begegnet. So gut wie alle sind agnostische Atheisten – sie wissen, dass die Frage nach dem Schöpfer nicht zu beantworten ist, halten es angesichts wissenschaftli‐ cher Erkenntnisse und theologischer Widersprüche allerdings für sehr unwahrscheinlich, dass eine der etablierten Religionen Recht hat, und wittern Betrug. Als ich einer länger nicht wahrgenommenen Freundin davon er‐ zählte, dass ich neuerdings Vegetarier sei, bekam ich per Messenger- Service innerhalb weniger Minuten einen ganzen Kanon von Fragen und Argumenten geschickt wie: „Also ich werde von Grünzeug nicht satt“, „Pflanzen haben auch Gefühle“, „Das Tier ist doch schon tot wenn Du es kaufst“ und so weiter. Solche Fehleinschätzungen lassen sich ebenso auf die Wahrneh‐ mung eines modernen Atheisten übertragen. Ein Vegetarier ist nie‐ mand, der plötzlich nur noch Grünzeug mampft. Pizza Quattro Sta‐ gioni, Croque Camembert, Pommes mit Ketchup und Majo, Bratkar‐ toffeln, Spaghetti Arrabiata, Romanesco-Kartoffelauflauf oder Ome‐ lette sind allesamt vegetarisch oder ohne Fleisch möglich. Doch in der oberflächlichen Wahrnehmung des Gewohnheitsfleischessers knabbert Einleitung 6 der Veggie nur noch freudlos am Möhrchen – und ein Atheist ist je‐ mand, der mit hysterisch grinsender Fratze dem Abgrund entgegen‐ torkelt und weder Freude empfinden kann noch Moral besitzt. Aus pu‐ rem Hass auf Gott oder die Gesellschaft scheint er sich laufend auskot‐ zen zu müssen. Beides ist Blödsinn. Ich bin nicht den ganzen Tag aktiv damit beschäftigt, kein Fleisch zu essen. Ich urteile nicht über andere, weil sie „noch“ Fleisch essen; ich habe es einfach hinter mir und wende mich anderen Dingen zu, und das würde mir eigentlich genügen. Und nun stellen wir uns vor, es gäbe eine große, weltweite Organi‐ sation von Fleischessern mit einem alteingesessenen Zentrum in Rom, einigen Tausend Niederlassungen sowie dem größten Landbesitz in Deutschland und besten Verbindungen in die Politik, für die der Ver‐ zicht auf Fleisch so unverständlich, ja geradezu verstörend und vor al‐ lem gegen ihre gesellschaftlichen Interessen ist, dass sie sich gezwun‐ gen sehen, dringend etwas dagegen zu unternehmen. Kongresse und Debatten werden organisiert, der Staat zahlt fleißig an diesen Carni‐ vortagen in Hamburg oder Leipzig mit, es wird vor der Gefahr des Fleischverzichts gewarnt, YouTube-Kanäle füllen sich mit Videos, in denen mit tiefster Überzeugung in Hamburger gebissen wird, Live- Konversionen, Straßenpredigten und „Iss!“-Stände von carnivoren Ex‐ tremisten. Und wo sollen diese Vegetarier denn bloß ihre Nährstoffe hernehmen, und warum wollen die unbedingt so anders sein! Es ist doch egal, ob man zu den Schweineessern oder den Geflügelessern ge‐ hört, Hauptsache man isst Fleisch, denn ganz ohne, das kann man doch nicht machen! Die tun so, als wären wir Fleischesser alle dumm, und überhaupt: Hitler war Vegetarier! Wie kann man nur! Und sei froh, dass du in Europa lebst, du fleischfreier Schlaumeier! In Afrika oder auf der arabischen Halbinsel gelten andere Sitten, da würde man dir das Fleisch noch mit Anlauf in den Hals rammen, bis du wieder funktionierst! Wenn die da unten nur nicht so beschäftigt wären, im Moment tobt da ein Krieg zwischen zwei Gruppen, die einen wollen Rindfleisch nur grillen, die anderen wollen es nur braten, und außerdem geht es darum, wer der legitime Nachfolger des Großen Chefkochs von Damals ist, seine Kinder oder gewählte Nichtverwand‐ te, und ob man durchgaren oder medium grillen soll, mit Marinade oder ohne, morgens und abends oder nur abends, und es fließt deswe‐ Was ist denn nun ein Atheist? 7 gen schon ziemlich lange ziemlich viel Blut in dieser Region, und sie suchen mittlerweile auch bei uns Anhänger, und den Indern sind sie vollständig verhasst, weil sie allesamt Rinder schlachten, aber eines ist klar, das hat überhaupt nichts mit Fleischessen zu tun! Kein Fleisch zu essen ist einfach keine Lösung! So in etwa kommt sich der moderne Atheist vor, wenn er Religiöse reden hört. Dass ich im Rahmen dieser Metapher heute in Europa nicht mehr zum Fleischverzehr oder zur Angehörigkeit einer Religion genötigt werde, ist einem langen Kampf zu verdanken, in welchem man den Religiösen klar gemacht hat, dass ihre Sicht der Dinge nur eine von vielen ist und dass sie nur innerhalb ihrer eigenen Lehren, nicht aber in der realen Welt einen Absolutheitsanspruch besitzt. In anderen Teilen der Welt fehlt diese Erkenntnis noch. Schlimmer: sie wird aktiv bekämpft. In der Türkei galt bis vor kurzem noch eine strik‐ te Trennung von Staat und Religion. Sie wird unter der AKP täglich geschwächt. Hierin liegt auch der Grund für meinen Aktivismus. Ich wurde Vegetarier, als ich ein Bild einer Ziege sah, die während des islami‐ schen Opferfestes ängstlich um die Hausecke schaute, wo eine andere Ziege gerade geschächtet wurde. Ich fragte mich, was die Ziege wohl bei diesem Anblick empfand, ob ihr schwante, dass sie die nächste sei, und was sie in diesem Moment über Menschen dachte. Während des islamischen Opferfestes werden auf der ganzen Welt in wenigen Stun‐ den 100 Millionen Tiere geschächtet, um Abrahams Beinahe-Men‐ schenopfer zu gedenken und dem Allwissenden damit etwas zu bewei‐ sen. Doch keineswegs, so dachte ich mir, sollte das ein Grund sein, in einen Kulturimperialismus gegenüber „diesen Barbaren“ zu verfallen, denn zu Weihnachten sieht es in den deutschen Backöfen kaum anders aus, und auch das Thanksgiving in den USA wird in seinem Zynismus eigentlich nur gesteigert, wenn der US-Präsident EINEM Truthahn das Leben schenkt. Wenn es darum geht, das Leid empfindungsfähiger Tiere zu mindern, die nichts anderes wollen als einfach leben, und die beim Erreichen der Schlachtreife allesamt noch Kinder sind, dann ist das nicht mal der Tropfen auf den heißen Stein. Wer davon überzeugt ist, dass Mensch wie Tier insgesamt nur ein einziges Leben, nämlich dieses hier haben werden, der muss dieses Le‐ Einleitung 8 ben mehr schätzen. Fleisch essen aus bloßer Gewohnheit ignoriert eine entsetzliche Menge an industriell produziertem Leid, und der prä‐ ventive Masseneinsatz von Antibiotika und die daraus folgende Resis‐ tenzbildung bei Bakterien beginnen sich im humanmedizinischen Be‐ reich bereits zu rächen. Um meinen Duktus gegenüber Fleischessern von potenziellen Missverständnissen zu befreien: Wenn ich irgendwo eingeladen bin, läge mir nichts ferner, als mich in der Küche aufzustellen und in die Runde zu deuten, dass wir alle das hier nicht essen können, weil es Schinkenwürfel enthält. Wenn der Gastgeber Nachsicht hatte, hat er eine vegetarische Alternative bereitgestellt. Wenn nicht, füge ich mich und esse, was die anderen essen. Nichts läge mir ferner, als der gesam‐ ten Runde meine Vorstellungen aufzuzwingen. Mit meinem Vegetaris‐ mus halte ich es wie mit meinem Atheismus: ich muss nicht eingreifen, wenn jemand betet, und ich ziehe auch niemandem die Salami vom Brötchen. Genau das aber tun organisierte Religionen, und sie würden noch ganz andere Sachen tun, wenn man sie wieder so gewähren ließe, wie man sie in der Vergangenheit gelassen hat. Ein Disclaimer für Hysteriker Aus Gründen, die sich im öffentlichen Diskurs mit der Zeit festgesetzt haben, muss noch etwas gesagt werden. Ich unterscheide in diesem Buch (und auch sonst) zwischen Gläubigen und ihren Religionen. Christen und Muslime sind Menschen mit Rechten – das Christentum und der Islam sind Ideen, die aus sich heraus genauso wenig Respekt verdienen wie weltliche Ideologien. Und wenn ich den Islam oder das Christentum kritisiere, dann nicht um Menschen zu beleidigen. Ich bin lediglich der Meinung, dass diese Ideen zu selten einer kritischen Prüfung unterzogen werden, gerade weil sie sich selbst das Attribut „heilig“ gegeben haben. Was ich kritisiere, sind diese Ideen selbst, die Annahme, Kritik verbitte sich bei diesen Ideen grundsätzlich sowie das Ausmaß, in dem solche Ideen blind geglaubt werden, und die Folgen, die sich daraus ergeben. Der Nationalsozialismus wäre kein Problem gewesen, wenn Hitlers Mein Kampf ungelesen und ungeglaubt als Pflichtexemplar in einem Regal der Deutschen Nationalbibliothek ge‐ Ein Disclaimer für Hysteriker 9 endet wäre. Doch da diese Idee auch gelebt wurde, müssen wir uns mit ihrem historischen Erbe herumschlagen. Des Weiteren sollte selbstverständlich sein, dass ich, wenn ich über Osama bin Laden oder den Islamischen Staat rede, nicht alle Muslime meine. Es ist erstaunlich, wie oft man falsch verstanden wird – ver‐ mutlich liegt es auch daran, dass manche einen falsch verstehen wollen, um noch ein vermeintliches Argument zu haben. Noch nie in der Ge‐ schichte der Menschheit haben alle Vertreter eines Kulturkreises oder einer Idee im Kopf so synchron getickt wie Atomuhren. Zur Beschrei‐ bung des Ist-Zustandes geht es immer nur um Anteile, Verhältnisse, Tendenzen und Entwicklungen. Wer angesichts eines Umfrageergeb‐ nisses wie „91 Prozent der Muslime im Irak wollen die Scharia als Ge‐ setzgebung“2 freudig darauf hinweist, dass ja nicht alle so sind, weil da noch neun Prozent fehlen, der hat überhaupt nichts beigetragen, denn die eigentliche Frage ist, bei welchem Prozentsatz ihre grundsätzliche Ablehnung der Demokratie einmal angefangen hat. Zwei Probleme haben in der öffentlichen Debatte in letzter Zeit stark zugenommen. Das erste ist die Vereinfachung der Debatte da‐ durch, dass Ideen ohne weitere Differenzierung angeblich entweder gut oder schlecht sein sollen. Christentum ist gut, Islam ist schlecht, oder beide sind gut und keine schlechter als die andere. Ich gebe zu, Jaoder-Nein- und Null-oder-Eins-Ansätze halten das Denken einfach. Doch leider ist das Leben selten so einfach, wie man Denkaufwand einsparen möchte. Das zweite ist das größere Problem: der Tribalismus, also das Stammesdenken. Informationen oder Ansichten werden hier nicht an ihrem Wahrheitsgehalt gemessen, sondern daran, aus welcher Rich‐ tung sie kommen. Sagt die AfD etwas, ist es populistisch, rechtsextrem, menschenfeindlich und sowieso gelogen, so die Linke. Sagen die Grü‐ nen etwas, ist es naiv, deutschfeindlich, linksextrem und kurzsichtig, sagen die Rechten. Wann wäre die Welt jemals so einfach gewesen? Das Problem ist, dass die AfD als einzige Organisation von nen‐ nenswerter Reichweite Islamkritik betreibt (oder was sie dafür halten). Die Gegenseite nimmt daher an, dass Islamkritik grundsätzlich rechts sei, und verwirft den Gedanken umgehend als unbrauchbar, da er zum Weltbild des Feindes gehört. Islamisten können gegen Schwule, Lesben und Juden hetzen, aber da Kritik daran irgendwie rechts ist, verlegt Einleitung 10 man sich auf die Position, dass das dann halt keine islamischen Werte seien oder der Islamkritiker Menschen mit bestimmter Hautfarbe sol‐ che Abscheulichkeiten einfach unterstellen würde. Dabei kann der Kritiker selbst aus einem entsprechenden Kultur‐ kreis stammen. Der Brite Maajid Nawaz (liberaler Reformmuslim pa‐ kistanischer Herkunft) und die Niederländerin Ayaan Hirsi Ali (Ex‐ muslima somalischer Abstammung) wurden im Jahre 2016 vom ame‐ rikanischen Southern Poverty Law Center, das etwa 55.000 Schulen in den USA mit Unterrichtsmaterialien zur Toleranzförderung versorgt, in ihre Liste von „antimuslimischen Extremisten“ aufgenommen. Hier treffen sich beide angesprochenen Probleme: Man hält Nawaz und Ali für Extremisten, da sie tun, was man nur von Rechtsextremisten kennt, und daher müssen sie Extremisten sein – was sie tun, ist also extremis‐ tisch und ausländerfeindlich. Dieser Zirkelschluss könnte durchbrochen werden, indem man eine weitere Kategorie aufmacht: Islamkritiker ohne eigenen Extremis‐ mus. Aber das würde erfordern, dass man aufhört, das Leben an die Ideologie anzupassen, und stattdessen die Ideologie an das Leben an‐ passt. Das stünde nicht nur den Religionen, sondern auch weltlichen Ideologien einmal gut zu Gesicht, weshalb ich mich in diesem Buch mit beiden beschäftigen werde. Ein Disclaimer für Hysteriker 11 „Atheismus ist ein Zeichen, dass man die Religion ernst nimmt.“ Karl Popper

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Atheisten verunsichern. Aus irgendeinem Grund glauben Menschen, religiös zu sein sei grundsätzlich gut, und wer dagegen ist, der müsse einfach etwas im ­Schilde führen. Mittlerweile sind ein Drittel der Deutschen konfessionslos ­– dennoch scheint es in der öffentlichen Wahrnehmung einen Unterschied zu geben zwischen religiös Uninteressierten und ausgewachsenen Atheisten. Bei religiös Uninteressierten sagt man bestenfalls „Soll doch jeder glauben, was er will“, bei Atheisten wittert man Angriffe auf das Gute im Menschen, gesellschaftliche Verrohung und Haftanstalten für Christen.

Wir wollen in diesem Buch untersuchen, was an der Sache dran ist.