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Einleitung in:

Stefan Herse

Der Körper als Mittel zur Erlösung, page 1 - 4

Eine religionswissenschaftliche Untersuchung der Bedeutung des Körpers für religiöse Erfahrung, dargestellt am antiken monastischen Christentum

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4256-4, ISBN online: 978-3-8288-7139-7, https://doi.org/10.5771/9783828871397-1

Series: Religionen aktuell, vol. 25

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung Problemannäherung Die christliche Anthropologie trägt einen nicht zu unterschätzenden Anteil am traditionellen Dualismus von Geist und Körper und damit letztlich auch an der in der Gegenwart greifbaren Behandlung des Körpers in Form einerseits einer Körpervergessenheit bis hin zur -feindlichkeit und andererseits einer ausgeprägten Konzentration auf den Körper als Manipulations- und Perfektionierungsobjekt. Sie hat also indirekt auch eine Mitverantworrtung am heutigen „Körperboom“ und veranlasst auch TheologInnen zur Forderung nach einer größeren Thematisierung der damit zusammenhängenden Fragen.1 Hierbei interessiert allerdings primär die kulturelle „Geschichte“ und Sinnbildlichkeit des Körpers, welche auch die Kultur- und Sozialwissenschaften zu einem stärkeren Interesse angetrieben hat, in denen der Körper seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zunächst durch Impulse der Ethnologie und Genderforschung eine förmliche „Wiederkehr“ feierte und mit seiner Rolle in der spätmodernen Populär- und Alltagskultur korrelierte.2 Dessen Etablierung zu einer regelrechten Kategorie bis zu einem sogenannten body turn ist nicht von der Hand zu weisen, Körper bzw. Körperlichkeit wird zu einem Grund- und Schlüsselbegriff kulturwissenschaftlicher Erforschung.3 Die Religionswissenschaft, die sich immerzu zwischen den einzelnen Wissenschaftsbereichen (neu) positionieren muss, stellt im „Span- 1. 1 Siehe bspw. NAURATH, Theologie, bes. 76f.; für eine kurze und recht aktuelle Darstellung der Körperthematik in der Theolgie siehe: KOLL, Körper beten, 16–18. 2 Siehe dazu: ZETTELBAUER, Embodiment · Verkörperungen, 9f.; DUDEN, Repertory, 471–554, stellte eine umfangreiche Bibliographie auf; weiter: KAMPER/WULF (Hg.), Wiederkehr; für die Gründe und Ausmaße des Körperdiskurses gerade in den Sozialund Geisteswissenschaften: KOCH, Reasons, 3–41. 3 Vgl. hierfür nur MEUSER, „Leibvergessenheit“, 197–218; GUGUTZER, body turn, 9–56; LABOUVIE, Leiblichkeit, bes. 79. 1 nungsfeld von Interdisziplinarität und Interkulturalität“ gleichsam die Frage: weshalb eigentlich die Bedeutung von Körperlichkeit in den aktuellen Diskursen? „Welches sind die allfälligen Konsequenzen für unsere – religionsbezogenen – Wissenschaften?“4 Sie lässt dabei durch ihre bruchstückartige Bestimmung des Körperbegriffs Raum für innovative und transdisziplinäre Erforschungen der Bedeutung des Körpers in Religionen. Analoges kann durchaus von der religionswissenschaftlichen Behandlung der Kategorie „Erfahrung“ behauptet werden, indes in erkennbar entgegengesetzter Richtung. So gab es in der älteren Religionswissenschaft eine starke Konzentration auf das Phänomen religiöse Erfahrung, ja ein vordringliches Bestreben einer für Religionen wesenhaften Bestimmung, da selbige als universale und gleichzeitig durch ihre Differenzierung in den unterschiedlichen Kulturen empirisch erforschbare Erscheinung gesehen wurde.5 Abseits der Schwierigkeit, dass sich eine solche religiöse Erfahrung zu sehr im Fahrwasser theologischer Aussagen bewegte,6 haben religionswissenschaftliche Klassiker wie J. Wach, R. Otto, G. van der Leeuw, F. Heiler auf wissenschaftlich eher ungebührliche Weise „das religiöse Erlebnis, die religiöse Erfahrung, das religiöse Gefühl sowohl zum Gegenstand ihrer Forschung als auch zum Erkenntnisprinzip ihres forschenden Verstehens und damit des wissenschaftlichen Verstehens überhaupt […]“ gemacht.7 Woraus wohl auch zu erklären ist, dass gegenwärtig eher eine Art Verschränkung gegenüber dem Phänomen religiöse Erfahrung zu beobachten ist, insofern sie mehr umgangen oder ideengeschichtlich problematisiert wird.8 4 AUS DER AU/PLÜSS, Einleitung, 7. 5 Vgl. dazu KRECH, Religionswissenschaft, 229; FLASCHE, Joachim Wach, 294. 299. 6 So schon zurecht RUDOLPH, Geschichte, 28; über die Abhängigkeit von theologischen Denkmustern im Zuge der Entstehung der Religionswissenschaften informiert aufschlussreich HJELDE, Geburt, 9–28. 7 FLASCHE, Religionsmodelle, 262. 8 So bspw. COLPE, Erfahrung?, 67: er erarbeitet keine Definition von „religiöser Erfahrung“, sieht auch nicht wirklich das „tragende Element von Religion“ darin; in ähnlicher Weise das Credo von FLASCHE, Selbstbeschränkung, 170: es sei „deutlich gemacht, daß diese Fragehaltung der Religionenwissenschaft und der Religionensystematik im Besonderen sich in keiner Weise auf die religiöse Erfahrung richtet, sondern vielmehr auf deren Realisierung, das heißt auf empirisch nachweisbare Bedingungen und gesamtsystemische aufweisbare Relationen zu anthropologischen Einleitung 2 Zielrichtung und Methodisches Mit der vorliegenden Studie soll ein Beitrag zum Körperdiskurs und zu religiöser Erfahrung in den Relgionswissenschaften erarbeitet werden. Zentral soll dabei die Frage nach der Relevanz des Körpers und dessen Gebrauch in Form von spezifischen Körpermodifikationen und -techniken im Zuge religiöser Praxis sein. Trotz des schwierigen und z. T. offenen Verhältnisses zum Thema religiöse Erfahrung, spielt sie m. E. eine gewichtige Rolle – gerade in asketischen Traditionen, in welchen Religionen intensiv praktiziert, religiöser Glaube gelebt, erlebt, ja „erfahren“ werden will. Da jedoch das ursprünglich erkenntnistheoretische und intellektualistische Verständnis von religiöser Erfahrung inad- äquat ist, bietet besonders der Weg über den Körper einen lukrativen Ansatz. Religiöse Erfahrung soll in der Folge eher als somatische Erfahrung, als sinnliche bzw. ästhetische Erfahrung dargestellt werden. Sie soll zudem nicht so eng gefasst werden, sondern im Allgemeinen auf die (Er)Lebens- und Bewusstseinswelt abstellen. Caroline Bynum sagt, „‚[d]er Körper‘ ist entweder überhaupt kein Thema, oder er umfasst so gut wie alle Themen.“9 Das heißt gerade für die folgende Studie: der Körper bietet die Möglichkeit einer multi- und interdisziplinären Erörterung und dergestalt ein kulturanthropologisches Arbeiten an der Schnittstelle geistes- und naturwissenschaftlicher Erforschung religiösen Praktizierens und Erlebens. Auf der Basis eines holistisch-anthropologischen Verständnisses werden das Warum und Wie des Einsatzes des Körpers und dessen modifizierende und transformierende Bedeutung für Wahrnehmung und Bewusstsein erörtert. Geschehen soll dies exemplarisch am religionsgeschichtlichen Phänomen der frühen christlichen Mönche, primär jener des nord- ägyptischen Raumes. Sie können eindrücklich auf die Bedeutung des menschlichen Körpers in einer religiösen Tradition hinweisen. Denn insofern sich speziell am Körper die Vergänglichkeit und Sterblichkeit des Menschen zeigt, eignet ihm gerade in einer solchen auf Erlösung ausgerichteten Religion wie dem Christentum eine entscheidende Rol- 2. Grunddaten und deren Gerichtetheit auf das, was oben als Unverfügbarkeit bezeichnet wurde.“ 9 BYNUM, Theater, 1. 2. Zielrichtung und Methodisches 3 le, nicht zuletzt dadurch, dass die Frage aus Röm 7,24 („Wer wird mich erlösen aus dem Leib dieses Todes?“) an den am Körper Jesu Christi sich vollziehenden Elementen von Leiden, Tod und Auferstehung ihre Verwirklichung findet.10 Die Mönche leben diese erlösungsbezogene Bedeutung des Körpers und bieten mit ihren Zeugnissen einen reichen Fundus an intensivem Körpergebrauch und Erfahrung. Zudem bin ich überzeugt, dass eine eingehendere Beschäftigung aktueller religionswissenschaftlicher Fragen mit dem Christentum erfolgen sollte, welches man im Zuge ihres Erbes allzu oft eher der Theologie überlassen hat.11 Zum Aufbau der Studie: Zunächst kommt es in Teil I zu einer theoretischen Bestimmung der Größen „Körper“ und religiöse Erfahrung, indem auf der Basis des bisherigen Diskurses in den Religionswissenschaften ein Verständnis des Einflusses des Körpers und körperlichen Handelns auf Wahrnehmung und Bewusstsein im religiösen Raum extrahiert wird. Die Darstellung dieses Verständnisses am Phänomen der christlichen Wüstenväter verlangt nach einer Eingrenzung und Begründung des gewählten Quellenstoffs und einer kurzen Diskussion über die historische wie religionswissenschaftliche Verwertbarkeit dessen (Teil II). Da man nur schwer verstehen kann, welcher Grund und welches erhoffte Ergebnis hinter dem intentionalen Gebrauch des Körpers in religiöser Praxis steht, ohne die symbolische und soziokulturelle Bedeutung des Körpers in der jeweiligen Tradition zu kennen, wird diese für das antike monastische Christentum rekonstruiert (Teil III). Erst dann erfolgt in Teil IV auf dem Fundament des in Teil I Erarbeiteten eine ausgewählte Aufführung spezifischer Körperpraktiken und -techniken der Mönche mit einer jeweiligen Diskussion über die möglichen psycho-physiologischen Folgen durch Heranziehung wahrnehmungs- und medizinisch-psychologischer Fragen und Erkenntnisse. Die Schlussbetrachtung beinhaltet ein rekapitulierendes Fragen nach dem Gelingen und ein Resümee der Arbeit. 10 Vgl. dazu lediglich NOVAK, Christentum, 77; VON BRAUN, Art. „Körper“. 11 HJELDE, Religionswissenschaft, hat diese Problematik eingehend untersucht. Einleitung 4

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Zusammenfassung

Der Körper erhält zusehends auch in der Religionswissenschaft größere Aufmerksamkeit. Dabei wird immer deutlicher, dass Religionen „reale“ und – natürlich auch mit dem Körper – gelebte und praktizierte Symbolsysteme sind. Die vorliegende Studie kann als ein Vorhaben gelten, dieser Einsicht Rechnung zu tragen, indem sie dessen Bedeutung anhand eines spezifischen religiösen Phänomens, namentlich den frühen christlichen Asketen, exemplifiziert und danach fragt, welche Rolle und Funktion der Körper für sogenannte religiöse Erfahrungen spielt. Insofern sich auch die Religionswissenschaft als eine den Sozial- und Geisteswissenschaften zuzurechnende Disziplin modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen gegenüber nicht verschließen kann, stellt die Arbeit den Versuch dar, medizinische und biologische Variablen für diesen Diskurs fruchtbar zu machen, ohne anachronistischen Fehlinterpretationen anheim zu fallen.

„So gibt das vorliegende Werk einen tiefen Einblick in die religiösen Voraussetzungen der Asketen und zeigt zugleich die psychophysischen Wechselwirkungen ihrer Übungen in anschaulicher Weise auf. Eine uralte, weit entfernt liegende Tradition des frühen Christentums wird so in anschauliche Nähe gerückt und durch einen neuen Verständnisweg zugänglich gemacht. Naturwissenschaftliche und medizinische Herangehensweisen werden konstruktiv für eine religionswissenschaftliche Auswertung nutzbar gemacht, die sich des primär und für das Verständnis unverzichtbar religiösen Charakters ihres Gegenstandes bewusst ist.“

Professor Dr. Dr. Bertram Schmitz (Hannover/Jena 2018)