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5. Geraubte auditive und visuelle Inhalte in israelischen Archiven in:

Bashar Shammout

Digitale Erhaltung des auditiven und visuellen Kulturerbes Palästinas, page 97 - 120

Grundlagen und Perspektiven

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4217-5, ISBN online: 978-3-8288-7138-0, https://doi.org/10.5771/9783828871380-97

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 18

Tectum, Baden-Baden
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97 5. Geraubte auditive und visuelle Inhalte in israelischen Archiven 5.1. Hintergrund Dieses Kapitel befasst sich mit dem kulturell und politisch hochsensiblen Thema der geraubten audiovisuellen palästina-relevanten Inhalte, die in diversen israelischen Archiven lagern und wovon große Teile immer noch nicht öffentlich zugänglich sind. Somit sind diese Inhalte weder für palästinensische Forscher*innen noch für Institutionen einsehbar, und man weiß nicht genau, welche Inhalte und Materialien dort zu finden sein könnten. Noch mehr als bei den anderen Teilen dieser Studie sind hierfür wissenschaftliche Erkenntnisse nur sehr beschränkt verfügbar, so dass die Erforschung dieses Themas auf diversen Gesprächen, Hintergrundwissen und Zusammenschlüssen basieren muss, in der Hoffnung, dass sie als Basis für weitergehende Grundlagenforschungen dienen könnte. Lediglich die israelische Forscherin und Historikerin Prof. Dr. Rona Sela an der Universität in Tel-Aviv lieferte einige belegbare und brauchbare Erkenntnisse über die in Frage kommenden audiovisuellen Inhalte in israelischen Militärarchiven. Sonst sind keine weiteren fundierten Informationen darüber zu finden. Fest steht, dass immer wieder bei militärischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern*innen wertvolle Kulturinhalte und auch wissenschaftliche Dokumente als „Kriegsbeute“ in die Hände des israelischen Militärs fielen und seitdem verschwunden sind. Lediglich in einem einzigen Fall, bei dem die israelische Armee während der Invasion des Libanon im Sommer 1982 das gesamte Archivmaterial des damals in Beirut angesiedelten und der PLO angehörenden „Palestinian Research Center“ (PRC) verschleppt hatte, kehrte das Archiv im Rahmen eines durch Frankreich ausgehandelten Gefangenenaustausches im November 1983 zu der PLO zurück.124 Das geschah, obwohl diese Praxis der illegalen Inbesitznahme im klarem Widerspruch zu mehreren rechtlich geltenden internationalen Vereinbarungen steht, die die bedingungslose Rückgabe rechtswidrig in Besitz genommenen kulturellen und wissenschaftlich-akademischen Gutes ohne Gegenleistung fordert.125 Wiederholt kam und kommt es immer wieder zu Raubaktionen von Kulturgütern und historischem Material durch das israelische Militär, die nicht spontan, sondern eigentlich immer systematisch und gezielt geplant und durchgeführt werden. Der erste bekannte und gut organisierte Fall war die Plünderung der vielen Büchersammlungen und Bibliotheken arabischer Palästinenser*innen aus Jerusalem unmittelbar nach der Nakba 1948. In den Jahren danach fanden immer wieder Beschlagnahmen von Sammlungen statt, die nicht als Einzelaktionen zu verstehen sind, sondern eher als ein langjähriger Prozess seitens des israelischen Staates: 124 Khaldi, Rashid. 1997. Palestinian Identity: The Construction of Modern National Consciousness. New York: Columbia University Press. Seite 90. 125 Unter anderem durch die UN-Resolution 3187 (XXVIII) „Restitution of Works of Art to Countries Victims of Expropriation“. 98 „The looting of archives has been ongoing and should not be understood merely as a violation of Palestinian property and rights, but rather as an ongoing performance of national sovereignty in which the persona of the ‘infiltrator’ plays a foundational role.“126 Das Problem liegt vorwiegend darin, dass es leider nicht bekannt ist, was genau an illegal in Besitz genommener Inhalte derzeit in israelischen Archiven zu finden wäre. Auf der einen Seite geben die israelischen Behörden nur sehr limitierte Informationen über die in deren Archiven existierenden geraubten Inhalte bekannt, und auf der anderen Seite führten die Palästinenser*innen wenig detaillierte Register oder Kataloge darüber, was sich in den besagten Archiven, Bibliotheken und Sammlungen befand. Daher existieren heute so gut wie keine brauchbaren amtlichen Listen darüber, welche kulturellen oder auch audiovisuellen Bestände aus welchen Sammlungen wann geraubt oder verschleppt worden sind. Inzwischen sind aber auch mehrere Fälle bekannt geworden, bei denen es sich um die Plünderung und Verschleppung kleinerer Sammlungen handelt, die aus privatem beziehungsweise geschäftlichem Besitz geraubt worden sind. Einige Beispiele dazu sind:127 • Fotoarchiv des palästinensischen Jerusalemer Fotografen Chalil Rissas • das Dokumenten- und Fotoarchiv des Büros von Rashid Al-Haj Ibrahim (dem Leiter des arabischen Nationalkomitees in Haifa) • Fotosammlung aus dem Familienhaus der Familie Nashashibi in Jerusalem • eine Fotosammlung, entnommen von einem getöteten arabischen Soldaten, der sie bei sich trug. Auch über solche kleineren Sammlungen, von denen es sicherlich viele weitere gibt, liegen so gut wie keine amtlichen oder brauchbaren Informationen auf palästinensischer Seite vor. Solche Informationen wären für das Wiederfinden und den Rechtsanspruch sehr hilfreich. Zu finden sind lediglich Zeugenaussagen, die man mündlich von den betroffenen Personen und deren Erben erfährt. So gesehen ist es eher eine reine „Glückssache“, irgendwelche der gesuchten Inhalte in israelischen Archiven wiederzufinden und anschließend deren rechtlich begründete Rückgabe zu fordern. 126 Azoulay, Ariela. 2015. “Photographic Conditions: Looting, Archives, and the Figure of the ‘Infiltrator’”. Jerusalem Quarterly, Ausgabe 61. Seite 6. http://www.palestine-studies.org/jq/fulltext/190751, aufgerufen am 07.12.2017. 127 Sela, Rona. 2017. The Genealogy of Colonial Plunder and Erasure – Israel’s: Control over Palestinian Archives. Essay, Department of Art History, The David and Yolanda Katz Faculty of the Arts. Tel Aviv: Tel Aviv University. Seite 2. 99 5.2. Rechtslage aus der israelischen Perspektive für den Umgang mit den in Besitz genommenen Inhalten Die in Frage kommenden Inhalte und Sammlungen befinden sich nicht in einem einzigen Zentralarchiv, sondern sie sind auf diverse israelische Archive verteilt und lagern jeweils dort, wohin sie die staatlichen Behörden weiterreichen. Da die Rechtslage seitens der israelischen Behörden mit unzähligen Hürden übersäht ist, wird die Suche noch komplizierter. Nach der israelischen Rechtslage müssen Archive, je nachdem, wie das jeweilige Archiv oder die sich darin befindende Sammlung eingestuft ist, nach einem Zeitraum zwischen 30 und 70 Jahren öffentlich zugänglich gemacht werden, in der Regel aber nach 50 Jahren.128 So wurden im Jahr 2017 etwa 150.000 Dokumente, die vor 50 Jahren während des 6-Tage-Krieges von 1967 von israelischen Behörden erstellt worden waren, öffentlich gemacht.129 Inhalte, die sich aber in diversen staatlich kontrollierten Archiven befinden, zum Beispiel im Militärarchiv der israelischen Armee (IDF),130 und deren Veröffentlichung aus politischen Interessen nicht erwünscht wird können gemäß der Archiv-Regelungen der IDF von dieser Regelung ausgenommen werden und unterliegen damit nicht den gesetzlichen Regelungen. Sela stellt folgende Tatsache fest: „… materials are classified on entry and become restricted, and the archive does not act to return materials to their owners (see also Caswell 2011). As of 22 February 2009, the IDF Archive stated on its website: “Records held by IDF and Defense Establishment Archives were created by security forces and therefore, pursuant to the Archives Law …“131 Sela erklärt in ihrem veröffentlichten Forschungspapier weiterhin, dass es auch für sie als anerkannte israelische Wissenschaftlerin und Professorin an der Uni in Tel Aviv nicht einfach ist, an diese Inhalte zu kommen, obwohl sie sie für ihre Studien benötigt. In einer schriftlichen Rückmeldung der IDF auf eine von ihr durch ihren Anwalt im Jahr 2008 gestellte Anfrage über die Zugänglichkeit zu bestimmtem fotografischen Material erhielt sie folgende Antwort: „After further review of the subject, it has been found that the photograph requested by your client, Dr. Rona Sela, is in the possession of the IDF as archival material, and as such is considered ‘restricted material’ as defined in paragraph 128 Sela, Rona. 2017. The Genealogy of Colonial Plunder and Erasure – Israel’s: Control over Palestinian Archives. Essay, Department of Art History, The David and Yolanda Katz Faculty of the Arts. Tel Aviv: Tel Aviv University. Seite 9. 129 Online-Zeitungsartikel (ohne Verfasser). AlGhad, Ausgabe vom 18.05.2017, Amman – Jordanien. 150000 ṣafḥa min alwaṯā’iq wa attasǧīlāt wa aššahādāt min ayyām alḥarb alʿarabiyya – al’isrā’īliyya. ‘isrā’īl tarfaʿ assirriyya ʿan aršīf ḥarb ḥuzairān 1976 (Deutsch: 150000 Dokumentenblätter, Aufnahmen und Zeugenaussagen des arabischisraelischen 6-Tage-Krieges. Israel macht das Archiv des Juni-Krieges öffentlich) http://alghad.com/articles/ 1619102- 1967-حزيران-حرب-أرشيف-عن-السرية-ترفع-ئيلإسرا ?search= الحرب%20ايام%20من%20والشهادات%20الوثائق%20من% .(aufgerufen am 22.09.2017 (Link-Adresse mit arabischen Schriftzeichen ,20العربية 130 Abkürzung für „Israeli Defence Forces“. 131 Sela, Rona. 2017. The Genealogy of Colonial Plunder and Erasure – Israel’s: Control over Palestinian Archives. Essay, Department of Art History, The David and Yolanda Katz Faculty of the Arts. Tel Aviv: Tel Aviv University. Seite 6. 100 7 (a) to the Archive Regulations (Study of archival material deposited in the archive), 1966. We are therefore unable to make the material in question public.“132 Abb. 40: Auszug aus dem Originalschreiben des IDF Archivs vom 26.11.2008, vertreten durch Benny Cohen an Shlomi Zecharya (Vertreter von Dr. Rona Sela) in dem erklärt wird, dass die von Dr. Rona Sela angefragten Fotografien nicht eingesehen werden dürfen. (Screenshot [Zeit: 10:30] aus dem Film “LOOTED & HIDDEN – Palestinian Archives in Israel“, Rona Sela. 2017). Vorher veröffentlicht auf „Made Public – Palestinian Photographs in Military Archives in Israel“ (Helena and Minshar Gallery, Tel Aviv, 2009, 123). Die rechtswidrige Inbesitznahme diverser Dokumente und Sammlungen durch die israelischen Behörden und auch die Restriktion deren Zugänglichkeit machen zwei Gesetze möglich: a.) Das Gesetz zum Eigentum von Abwesenden („The Absentee Property Law“), das weniger als ein Jahr nach der Ausrufung des Staates Israel, schon am 14. März 1950, verabschiedet wurde und praktisch den gesamten Besitz der vertriebenen Palästinenser*innen als „verlassenes Eigentum“ betrachtet und damit den Weg ebnet für die Übergabe dieses Eigentums an den israelischen Staat. Obwohl es dabei in erster Linie um Grund- und Immobilienbesitz geht, wird das Gesetz auch für die Inbesitznahme von audiovisuellen Kulturgütern von „nicht mehr anwesenden Palästinensern*innen“ angewendet.133 132 Ebd. 133 „The Absentee Property Law“ von 1950, https://unispal.un.org/DPA/DPR/unispal.nsf/0/E0B719E95E3B49488525 6F9A005AB90A, aufgerufen am 12.11.2017. 101 b.) Nach den offiziellen Archiv-Regulierungen der IDF dürfen Inhalte praktisch auf unbestimmte Zeit unter Verschluss gehalten, wenn sie als „eine Bedrohung für die Sicherheit des Staates, seine ausländischen Beziehungen oder das Recht auf Privatsphäre eingestuft werden: „… might seriously harm state's security, foreign relations or the right to privacy”.134 Abb. 41: Originaldokument, das von der israelischen Militärregierung von Süd-Jerusalem vom 31.05.1948 an einen Soldaten herausgegeben wurde. Es ermächtigt ihn, diverse Inhalte, deren Eigentümer als „nicht mehr anwesend“ gelten, aus arabischen Häusern in Jerusalem zu entnehmen und an staatliche Stellen zu übergeben. (Screenshot [Zeit: 6:45] aus dem Film „LOOTED & HIDDEN – Palestinian Archives in Israel“. Rona Sela. 2017). Vorher veröffentlicht auf „Made Public – Palestinian Photographs in Military Archives in Israel“ (Helena and Minshar Gallery, Tel Aviv, 2009, 141). Bei den immer wiederkehrenden Schwierigkeiten Zugang zu finden, insbesondere zu den Militärarchiven der IDF, ist die Forschungsarbeit Selas, die sie schon seit vielen Jahren betreibt, für das palästinensische audiovisuelle Kulturerbe äußerst bedeutend. Ihre Arbeit und die daraus resultierenden Erkenntnisse über den Verbleib diverser palästinensischer audiovisueller Inhalte in israelischen Archiven ist die bisher erfolgreichste gewesen. 134 Englische Übersetzung durch Rona Sela aus dem hebräischen Dokument unter dem Namen: „Kriterien für die Offenlegung von Archivmaterialien bei der IDF“. http://archives.mod.gov.il/pages/MISC/pdfs/IDFArchiv_kriteryon. pdf, aufgerufen am 09.11.2017. 102 Sie stellt fest, dass es zwei unterschiedliche Aspekte oder „Mechanismen“ gibt, die sich auf die Plünderung von Archiven und Sammlungen beziehen:135 • Beim ersten Mechanismus handelt es sich um das physische und systematische Rauben selbst, bei dem es um den eigentlichen Raub-Akt geht, seine Verschleppung in die israelischen Archive, Registrierung usw. • Beim zweiten geht es um die eigentliche Bewertung und spätere Verwaltung und Nutzung der geraubten Inhalte. Dabei geht es auch darum, wie diese unter Verschluss gehalten werden können beziehungsweise in welchem Kontext sie zugänglich gemacht werden dürfen, um dadurch den kolonialistischen Zielen desjenigen zu nutzen, der sie hält. Ungeachtet der zweifelslos rechtswidrigen Inbesitznahmen solcher Inhalte geht es den israelischen Institutionen demnach auch um das Generieren von Wissen und Sammeln von Information über Kultur, Geschichte, Traditionen, Verhaltens- und Denkweisen der Palästinenser*innen. Die daraus gewonnenen „wissenschaftlichen Erkenntnisse“ werden als die eigenen betrachtet und als solche genutzt und veröffentlicht, soweit sie im Sinne des kolonialistischen Kontexts einzusetzen sind. Sie entwickeln sich dadurch zur de facto zentralen Wissensquelle über die Palästinenser*innen: “It shows, among other topics, that since the 1930s, Palestinian archives and images were systematically and deliberately plundered/looted by Jewish/Israeli military entities or by civilians who had internalized the codes of power, and deposited in official Israeli archives. Subsequently, Israel becomes a central source of information about the Palestinians.”136 Trotzdem ist es Sela bisher nicht gelungen, genau und präzise in Erfahrung zu bringen, welches Volumen die geraubten audiovisuellen Materialien haben, in welchem technischen Zustand sie sich befinden und vor allem, in welchen von staatlichen Behörden kontrollierten Archiven sie lagern. Die ihr bisher bekanntgewordenen Informationen hat sie im Juli 2017 in einem Zeitungsinterview137 öffentlich gemacht und hofft dadurch, Aufmerksamkeit innerhalb der israelischen Gesellschaft und auch außerhalb Israels für das Thema zu wecken. In den israelischen Archiven wurde demnach seit 1948 zahlreiches audiovisuelles Material von den beziehungsweise über die Palästinenser*innen gesammelt. Nicht alle Inhalte sind 135 Sela, Rona. 2017. The Genealogy of Colonial Plunder and Erasure – Israel’s: Control over Palestinian Archives. Essay, Department of Art History, The David and Yolanda Katz Faculty of the Arts. Tel Aviv: Tel Aviv University. Seite 1. 136 Sela, Rona. 2017. The Genealogy of Colonial Plunder and Erasure – Israel’s: Control over Palestinian Archives. Essay, Department of Art History, The David and Yolanda Katz Faculty of the Arts. Tel Aviv: Tel Aviv University. Seite 6. 137 Aderet, Ofer. 2017. “Why Are Countless Palestinian Photos and Films Buried in Israeli Archives?”. Zeitungsinterview mit Rona Sela, haaretz. 01.07.2017. https://www.haaretz.com/israel-news/.premium-1.798565, aufgerufen am 01.11.2017. 103 durch Palästinenser*innen entstanden, sondern auch zum Teil von ausländischen oder israelischen Fotografen*innen und Kameraleuten, jedoch der gemeinsame Nenner alldieser Inhalte war immer die Relevanz zu den Palästinensern*innen, ihrer Lebensweise, Kultur, Geschichte, Traditionen usw. Allein im israelischen Militärarchiv des IDF nennt Sela folgende Bestände ohne deren Inhalt näher zu kennen:138 - 38.000 Filmrollen - 2,7 Mio. Fotografien verschiedener Formate - 96.000 Tonmitschnitte - 46.000 Landkarten und Luftaufnahmen Im Sommer 2017 produzierte Sela in eigener Organisation und Regie einen 50-minütigen Dokumentarfilm über die den Palästinensern*innen geraubten Foto- und Filmarchive. Der Film trägt den Titel „Looted and Hidden – Palestinian Archives in Israel“ und besteht ausschließlich aus geraubtem palästinensischem audiovisuellem Material, das Sela in den israelischen Archiven fand und wovon sie digitalisierte Kopien ziehen durfte. 5.3. Auflistung der wichtigen geraubten Kultursammlungen der Palästinenser*innen in israelischen Archiven 5.3.1. Büchersammlungen und Bibliotheken aus Privathäusern in Jerusalem 1948 In seiner Filmdokumentation von 2012 beleuchtet Benny Brunner den Raub von ca. 70.000 Büchern aus privaten und öffentlichen palästinensischen Bibliotheken während der Nakba, hauptsächlich in Jerusalem. Da zu der Raubaktion, die auf unterschiedlicher Art und Weise jedoch immer systematisch und koordiniert stattfand, kaum schriftliche oder überlieferte Dokumente existieren, beruht der Film fast ausschließlich auf Interviews und Zeugenaussagen.139 Daraus ist zu erfahren, dass der Raub der Bibliotheken in zwei Etappen geschah:140 - Die erste Etappe fand unmittelbar nach der Vertreibung der palästinensischen Bewohner*innen statt und wurde von den jüdischen bewaffneten Partisanen der Untergrundorganisationen ausgeführt. Sie nahmen unkoordiniert Bücher mit, soviel sie gerade noch tragen konnten, jedoch ohne deren Inhalte zu kennen. Sie gaben die Information weiter an die „offiziellen Kollektoren“ („official looters“). 138 Ebd. 139 The Great Book Robbery. Regie: Benny Brunner (israelischer Filmemacher). 2012. https://bbrunner.eu/movie/thegreat-book-robbery/, aufgerufen am 30.09.2017. 140 “The Great Book Robbery”, Benny Brunner, 2012, eingestellt von Al-Jazeera. YouTube (hochgeladen am 10.05.2012) Spieldauer 47:59. Szene mit Interview mit Ilan Pappe 7:00 bis 7:30. https://www.youtube.com/ watch?v=myvobIkwkNM&has_verified=1, aufgerufen am 30.09.2017. 104 - Die zweite Phase begann einige Stunden später, wo die offiziellen Kollektoren sich gezielt zu den jeweiligen Häusern begaben, die nun ohne Bewohner*innen waren. In diesen Häusern war inzwischen bekannt, dass sich dort weitere Büchersammlungen und Bibliotheken befinden, die dann systematisch beschlagnahmt wurden. Von den insgesamt ca. 70.000 geraubten Büchern wurden lediglich ca. 6000 registriert141. Sie lagern seit 1948 bis heute in Israel National Library als „abandoned property“ (deutsch: verlassenes Eigentum) und tragen alle eine Registrierungsnummer, die mit den Buchstaben „AP…“ anfängt, als Abkürzung für „Abandoned Property“.142 Abb. 42: Plünderungsakt von palästinensischen Büchersammlungen in der Stadt Qalqilya 1956 durch israelische Paramilitärgruppen. (Screenshot [8:55] aus dem Film „LOOTED & HIDDEN – Palestinian Archives in Israel“. Rona Sela. 2017). Vorher veröffentlicht auf „Made Public – Palestinian Photographs in Military Archives in Israel“ (Helena and Minshar Gallery, Tel Aviv, 2009, 108). 141 Mannes-Abbott, Guy. 2015. This is Tomorrow – On Emily Jacir's Art of Assembling Radically Generative Archives. In Dissonant Archives: Contemporary Visual Culture and Contested Narratives in the Middle East, herausgegeben von Downey, Anthony. London – New York: I.B.Taurus. Seite 119. 142 “The Great Book Robbery”, Benny Brunner, 2012, eingestellt von Al-Jazeera. YouTube (hochgeladen am 10.05.2012) Spieldauer 47:59. [Zeit: 14:10 bis 14:15]. https://www.youtube.com/watch?v=myvobIkwkNM&has_ verified=1, aufgerufen am 30.09.2017. 105 Auch hier wird seitens der israelischen Verantwortlichen für das Rauben der Büchersammlungen eine andere Sicht der Wahrheit verbreitet. In derselben Dokumentation äußert sich einer der damals Verantwortlichen fürs Einsammeln von Büchern aus palästinensischen Häusern in der Form, dass es sich bei den genannten Büchern nicht um geraubte Bücher handele, sondern um Bücher, deren Eigentümer nicht mehr anwesend waren und daher der Besitz der Bücher nun rechtlich an den Staat übergehen musste.143 Der Film behandelt ausschließlich das Thema des Raubes der Büchersammlungen. Da aber wohlhabende Palästinenser*innen, die es sich leisten konnten, Büchersammlungen und Bibliotheken zusammenzustellen, auch meisten weitere Kultursammlungen bei sich aufbewahrten, wie Foto- und Musiksammlungen, muss auch davon ausgegangen werden, dass während dieser Raubzüge auch zahlreiche Fotosammlungen144 und möglicherweise auch Schalplattensammlungen, die so oder so ähnlich mitverschleppt wurden, und möglicherweise heute stillschweigend in irgendwelchen israelischen Archiven deponiert sind. 5.3.2. Archiv des Palestinian Broadcasting Service (PBS) 1948 Ein wichtiger Teil des arabischen Dokumentenarchivs des im Jahre 1936 gegründeten ersten palästinensischen Rundfunksenders (PBS) befindet sich derzeit im israelischen staatlichen Nationalarchiv. Diese Materialien wurden nach der Gründung des Staates Israel und der damit verbundenen Stilllegung des arabischsprachigen Teils des Palestine Broadcasting Service beschlagnahmt und als „Abandoned Documents“ (Deutsch: „verlassene Dokumente“) deklariert (siehe Abbildung 29). Anschließend wurde das gesamte Material dem „Prime Minister Office“ übergeben und wird seitdem als Teil dessen Eigentum betrachtet. Lediglich eine Sammlung von etwa 100 Papierdokumente kann auf der Internetseite des israelischen staatlichen Nationalarchiv online eingesehen werden.145 Auditive oder hörbare Inhalte des PBS sind jedoch nach einer einfachen Online-Suche auf der Seite des Nationalarchivs nicht einsehbar. Da es aber eher unwahrscheinlich ist, dass nur eine relative kleine Sammlung von etwa nur 100 Papierdokumenten beschlagnahmt worden ist und nicht mehr, muss davon ausgegangen werden, dass weitere Dokumente, möglicherweise auch hörbare Inhalte, wie Schallplattensammlungen oder andere Tonaufnahmen, im israelischen staatlichen Nationalarchiv zu finden sein könnten. Denn in den 1940er Jahren war es im Radiobetrieb üblich, stark auf Schallplatten zurückzugreifen, um diese als Sendematerial direkt über den Rundfunk abspielen zu lassen, ohne sie vorher in eine zusammengeschnittene Radiosendung einzuarbeiten. Eine entsprechend große Sammlung von Schallplatten dürfte sich daher im Musikarchiv des damaligen Rundfunks befunden haben. 143 Ebd. Szene mit Interview mit Uri Palit, 15:15 bis 15:30. 144 Aderet, Ofer. 2017. “Why Are Countless Palestinian Photos and Films Buried in Israeli Archives?”. Zeitungsinterview mit Rona Sela, haaretz. 01.07.2017. https://www.haaretz.com/israel-news/.premium-1.798565, aufgerufen am 01.11.2017. 145 Dokumentenmappe des israelischen staatlichen Nationalarchiv, in der sich ca. 100 Originaldokumente des 1948 abgeschalteten arabischsprachigen PBS-Senders befinden. http://www.archives.gov.il/archives/#/Archive/0b0717 0680034dbf/File/0b0717068071b835/Item/0907170684e85202, aufgerufen am 12.11.2017. 106 Ab den frühen 1940er Jahren war es aber auch schon technisch möglich, Tonmitschnitte auf Magnetband zu erstellen. Nachweislich existieren im Archiv der British Library – National Sound Archive wenige Tonmitschnitte von englischsprachigen Radiosendungen, die in den Jahren zwischen 1946 und 1948 im PBS in Palästina ausgestrahlt wurden (siehe Punkt 6.1.13.). Daher liegt auch hier die Vermutung nahe, dass auch arabischsprachige Tonmitschnitte existieren müssten. Außer den bereits auf der Seite 55 erwähnten kleinen Funden, die der palästinensische Kulturhistoriker Ahmad Marwat vor wenigen Jahren einem israelischen Sammler in West-Jerusalem abgekauft hat, konnten bisher keine weiteren arabischsprachigen Aufnahmen des PBS lokalisiert werden. 5.3.3. Mehrere audiovisuelle Archive der PLO-Institutionen aus Beirut 1982 Es handelt sich hierbei um zweifellos die größte und womöglich die wichtigste audiovisuelle Sammlung palästinensischen Kulturerbes. Von dieser Sammlung befindet sich inzwischen nachweislich ein Großteil in den israelischen Militärarchiven der IDF. Dieser liegt jedoch überwiegend noch immer unter Verschluss, was wenig Raum für fundierte Erforschung der Inhalte lässt. Über das Verschwinden dieser Archive und Materialien wurde in diversen arabischen Medien viel gesprochen, vor allem aber, mangels bisher fehlender Beweise über den Verbleib sehr viel spekuliert. Dadurch wurden viele Fehlinformationen und Gerüchte verbreitet. In dieser Arbeit versuche ich, anhand der mir vorliegenden Informationen Klarheit in die recht komplex gewordene Fülle von Spekulationen zu bringen. Das folgende Zitat von Hind Al Awadi, einer kuwaitischen Filmemacherin und Forscherin resümiert die allgemeine Informationslage dar- über: „There are many myths surrounding the disappearance of the archive and its possible whereabouts today. The most common one is that Israel’s military or spies – given Israel’s history of silencing the Palestinian narrative – intentionally destroyed the archive during the siege.“146 Nach meinem jetzigen Wissensstand handelt es sich bei den vielen Diskussionen um das Verschwinden des Archivs („disappearance of the archive“) nicht um ein allgemeines zusammenhängendes PLO-Archiv, sondern in der Tat um mehrere audiovisuelle Archive und Sammlungen, die verschiedenen PLO-Institutionen gehörten und die auch geografisch an unterschiedlichen Stellen in Beirut stationiert waren, als die israelischen Truppen im Sommer 1982 einmarschierten. Dass diese Sammlungen allesamt systematisch vom israelischen Militär von den unterschiedlich gelegenen PLO-Institutionen geraubt und nicht vernichtet, sondern nach Israel verschleppt worden sind, belegt, dass das israelische Militär diese Raubaktion gezielt 146 Alawadi, Hind. 2012. On What Was, and What Remains: Palestinian Cinema and the Film Archive. Konferenzpapier der Asian Conference on Film and Documentary 2012, Official Conference Proceedings, University of Rochester – 2012. Seite 62. 107 geplant und systematisch durchgeführt hat. Keine einzige dieser Sammlungen konnte seinerzeit aus Beirut gerettet werden. Das gesamte Material, das aus Beirut weggeschleppt wurde, lagert seitdem im israelischen Militärarchiv der IDF, wird aber dort pauschal als „PLO-Archiv“ bezeichnet.147 Nach meinen Informationen dürften dazu unter anderem auch folgende Archive gehört haben: • Archiv und Film-Bibliothek der Palestinian Cinema Institution • Foto- Film- und Plakat-Sammlung der Kunst- und Kultur-Sektion der PLO • Ein Teil der Foto- und Filmsammlung der UNRWA • Filmmaterial aus dem Rock Studio,148 in dem viele Filme der PLO-Institutionen produziert wurden, insbesondere der Palestinian Cinema Institution Bedeutung und Wichtigkeit der Sammlungen: Das Thema des Raubs der Archive ist für die Palästinenser*innen und ihr kollektives Gedächtnis von enormer Bedeutung. Denn es handelt sich um die kulturelle Dokumentation und Wiederspiegelung eines der wichtigsten historischen Abschnitte der jüngeren palästinensischen Geschichte, der sehr tief in dem politischen Freiheitskampf und dem Werdegang der PLO verankert ist. Die Abwesenheit einer offiziellen nationalen oder internationalen Behörde, die sich mit der Suche und rechtlichen Rückgabeforderung geplünderter Inhalte befasst, führte dazu, dass private Einzelpersonen sich diesem Thema widmeten und sich aus eigener Initiative auf die Suche begaben. Die Regisseurin Azza el Hassan produzierte 2004 einen 62-minütigen Dokumentarfilm, in dem sie versuchte, dem Verschwinden der audiovisuellen Archive aus Beirut auf die Spur zu kommen, jedoch ohne eine klare Antwort über deren Verbleib liefern zu können.149 Zwei weitere kürzere Dokumentarfilme folgten in den Jahren 2009 und 2015, die sich auch mit dem Thema der verschwundenen Archive befassen.150 Aber auch diese regten nur das Thema an, ohne Belege zu liefern. Es wurden auch viele Interviews mit Zeitzeugen geführt, die aber auch schließlich im Rahmen der Vermutungen bewegten. Erfreulicherweise konnten aber inzwi- 147 Sela, Rona. 2017. The Genealogy of Colonial Plunder and Erasure – Israel’s: Control over Palestinian Archives. Essay, Department of Art History, The David and Yolanda Katz Faculty of the Arts. Tel Aviv: Tel Aviv University. Seite 5. 148 Die Benennung des Studios mit „Rock“ stūdiū aṣṣaḫra (Deutsch: Felsen) ist angelehnt an die Felsendom-Moschee in Jerusalem. 149 Filmtitel: mulūk wa kompārs (Englisch: „Kings and Extras“). 150 For Cultural Purposes Only. Regie: Sarah Wood (britische Filmemacherin). 2009, und Off Frame aka Revolution until Victory. Regie: Mohanad Yaqubi (palästinensischer Regisseur). 2016. 108 schen Kopien einiger der produzierten und veröffentlichten PLO-Filme im Ausland wiedergefunden werden, von denen Digitalkopien gezogen und ans Archiv des staatlichen palästinensischen Fernsehens gegeben werden. Ein Großteil davon stamm aus deutschen Archiven. Einige Fakten zum besseren Verständnis: - Über den Inhalt: Es handelt sich um zahlreiches Foto-, Film- und Tonmaterial, das die gesamte Historie der PLO, das zivile, politische, kulturelle und gesellschaftliche Leben von Millionen Palästinensern*innen in den Flüchtlingslagern in Libanon, Syrien, Jordanien und anderswo dokumentiert. Das Material enthält auch sehr viele RAW-Aufnahmen (ungeschnittene Film-Footages), die in der Zeit zwischen 1948 und 1982 (vorwiegend nach 1970) entstanden sind und somit womöglich einzigartige Aufnahmen enthalten, die noch nie veröffentlicht wurden. - Durch wen entstanden: Es waren mehrere Kollegen*innen, die fotografiert, gefilmt und Tonaufnahmen gemacht, und diese anschließend selbst bearbeitet haben. Diese Kollegen*innen waren in mehreren Medien- und Kultur-Institutionen der PLO tätig und haben im Rahmen ihrer Tätigkeit dort als Fotografen*innen oder Kameraleute oft mit ausländischen Kamerateams, Journalisten*innen und Künstlern*innen zusammengearbeitet, wodurch mehrere gemeinsame Produktionen und Projekte entstanden sind. Glücklicherweise blieben einige Kopien der gemeinsam geschaffenen Werke dort im Ausland, wo sie auch veröffentlicht wurden, so dass es heute durchaus möglich ist, weitere Kopien dieser Filme, und vielleicht Musikaufnahmen wiederzufinden, was auch teilweise – wie beschrieben – geschehen ist. - Menge und Volumen: Sela stellt fest, dass sich in den israelischen Militärarchiven derzeit mindestens ca. 1200 Filme und Film-Footages des aus Beirut verschleppten Materials befinden. Von denen wurden jedoch erst kürzlich nur wenige Dutzend öffentlich zugänglich gemacht: „The number of existing films is difficult to estimate, but recently, the archive opened in my presence a list of approximately 1200 films or film footages, some appearing several times in various versions. Only a few dozen films have been released to the public and the criteria for opening this material and making it accessible are not clear. Although some of the archive materials are from non-Palestinian entities, many of the existing materials in IDF Archive were filmed by Palestinians and shed light on the documentation of Palestinian visual history and resistance.“151 151 Sela, Rona. 2017. The Genealogy of Colonial Plunder and Erasure – Israel’s: Control over Palestinian Archives. Essay, Department of Art History, The David and Yolanda Katz Faculty of the Arts. Tel Aviv: Tel Aviv University. Seite 5. 109 Auf ihre Nachfrage hin konnte (oder wollte) man ihr keine genauen Angaben dazu machen, woher genau diese Inhalte stammen oder wann und wo man sie entnahm. „I was unable to find information in the IDF Archive regarding the identity of the institute/entity from which the films were seized. They are catalogued at the IDF Archive as ‘PLO Archive,’ where in fact no such institution exists.“152 Die wichtigsten aus Beirut entnommenen Sammlungen und Archive: 5.3.3.1. Die Palestinian Cinema Institution (PCI) Die Palestinian Cinema Institution hat sich aus der ursprünglich 1968 in Amman gegründeten kleinen Fotografie-Abteilung der Al-Fatah entwickelt und wurde im Laufe der 19070er Jahre zur de facto größten Film-Institution mit Sitz in Beirut. Hier arbeitete inzwischen ein Großteil der Kollegen*innen, die als Pioniere des palästinensischen politischen Kinos seit Ende der 1960er Jahre galten. Darunter Mustafa Abu Ali und Hani Jawhariyyeh, der 1976 während der Dreharbeiten durch eine Mörsergranate, die in seiner unmittelbaren Nähe aufschlug, getötet wurde. Im Archiv des PCI lagerten mit der Zeit bis 1982 die meisten Filme. Die PCI besaß dort eine eigene Archivabteilung sowie eine Filmbibliothek. In einem ausführlichen Gespräch mit der deutschen Filmemacherin Monica Maurer, die den Werdegang des Palästinensischen Kinos sehr gut kennt seit den frühen 1970er Jahre sehr aktiv begleitet und dort teilweise mitgewirkt hat, bestätigte sie mir, dass das Archiv der PCI aus einem etwa vier Meter breiten Regal bestand, das vom Boden bis zur Decke voll mit Filmen belegt war. Schätzungsweise entspricht das einem Volumen von mehreren hundert Filmrollen, die sich unter den 1200 Filmrollen im israelischen Militärarchiv befinden könnten.153 Doch eine andere Version über das Verschwinden des Archivs der PCI lieferte Frau Khadijeh Habashneh, die Ehefrau des verstorbenen Filmemachers und langjährigen Leiters der PCI Mustafa Abu Ali. Habashneh, die bis 1982 für die Verwaltung des Archivs der PCI zuständig war, lebt heute in Amman und bemüht sich, Kopien der verlorengegangenen Filme der PCI wiederzubeschaffen und das Filmarchiv zu rekonstruieren. Sie ist der Meinung, dass das Archiv der PCI nicht im Zuge der Mitnahme anderer Archive im Jahre 1982 nach Israel kam, sondern wenn es heute in Israel überhaupt ist, dann muss es erst später dorthin gekommen sein. In mehreren Interviews, in denen sie über das Archiv befragt wurde – unter anderem im arabischsprachigen französischen staatlichen Radiosender „Radio Monte Carlo“ am 152 Ebd. 153 Telefongespräch mit Maurer, Monica am 25.02.2017. 110 03.06.2016154 – argumentierte sie, dass das PCI-Archiv kurz vor dem Abzug der PLO-Kämpfer und der PLO-Führung gänzlich aus Beirut an die französische Botschaft übergeben wurde, um es vor Diebstahl oder Vernichtung zu schützen. Dort soll es bis etwa Mitte der 1980er Jahre geblieben sein. Danach verliert sich die Spur. Denn nach Habashnehs Ansicht musste die französische Botschaft etwa 1985 oder 1986 aus Sicherheitsgründen ihr Gebäude in Beirut für eine kurze Zeit schließen. In dieser kurzen Zeit sollte das PCI-Archiv verschwinden und gilt seitdem als vermisst. Da es sonst keine Hinweise über Brand oder Zerstörung des Archivs gibt, liegt nach Habashnehs Ansicht die Möglichkeit nahe, dass das Archiv durch Schwarzhändler an eine israelische Stelle verkauft wurde. Eine Klärung des Sachverhalts oder eine Stellungnahme der französischen Botschaft liegt jedoch nicht vor. Auch andere Kollegen*innen und Forscher*innen, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, konnten bisher diese Ansicht Habashnehs zum Verbleib des PCI-Archivs nicht bestätigen. Nach eigenen Angaben hat Habashneh inzwischen zu mehreren ausländischen Institutionen Kontakt aufgenommen, wie Filmfestivals und Cinematheken, und konnte dadurch inzwischen ca. 85 % der von der PCI produzierten Filme in Form digitaler Kopien von dort wiederbeschaffen.155 Tatsächlich sind inzwischen mehrere der vor 1982 produzierten PCI-Filme öffentlich auf YouTube zu sehen. Das staatliche palästinensische Fernsehen in Ramallah hat mir die Wiederbeschaffung von etwa 70 dieser Filme bestätigt, die nun im Archiv des Senders lagern. Da ein nicht geringer Teil dieser etwa 70 Filme an mehreren Filmfestivals in der ehemaligen DDR teilnahm oder durch Kooperationen mit DDR-Institutionen entstanden war, blieben einige analoge Kopien in deutschen Archiven erhalten. Für Finden und Übergabe digitalisierter Kopien an das palästinensische Fernsehen hat sich der aus dem Irak stammende Filmemacher Qais Al Zubaidi eingesetzt. Al Zubeidi hat in den 1960er Jahren in der ehemaligen DDR Filmregie studiert. In den 1970er und 1980er Jahren hat er sehr aktiv bei der PCI in Beirut mitgearbeitet und dort mehrere Filme produziert. Heute lebt und arbeitet Al Zubeidi in Berlin und hat mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes in Berlin und der palästinensischen Mission (der palästinensischen diplomatischen Vertretung in Berlin) bei dem Auffinden der Filme eine Schlüsselrolle gespielt.156 5.3.3.2. Audiovisuelle Sammlung der Kunst- und Kultur-Sektion der PLO Nach den mündlich überlieferten Informationen meines Vaters, Ismail Shammout (1930– 2006), der seit der Gründung der Kunst- und Kultur-Sektion und bis zum Krieg 1982 ihre Leitung übernahm, sammelte diese zahlreiche positive und negative Fotografien sowie einiges an Filmmaterial. Im Rahmen seiner Tätigkeit als organisatorischer und auch künstlerischer 154 Radiointerview mit Khadijeh Habashneh über das Schicksal des Filmarchivs der Palestinian Cinema Institution. Radio Monte Carlo. Sendung vom 03.06.2016. https://www.youtube.com/watch?v=DGyZPfMKgo4, aufgerufen am 08.11.2017. 155 Ebd. (14:00 – 16:05). 156 Telefongespräch mit Shahwan, Rula, Leiterin der Archivabteilung des palästinensischen Fernsehens, am 23.03.2017. 111 Leiter produzierte Shammout in der Kunst- und Kultur-Sektion auch dutzende Plakate sowie einige Filme. Da es sich um eine recht kleine Abteilung von insgesamt ca. zehn Mitarbeitern*innen handelte, hat er viele künstlerische Arbeiten oft selbst erledigt, wie Plakate gestaltet, Fotos geschossen, gefilmt und anschließend die Schnittarbeit und Regie durchgeführt. Im Rahmen der Kunst- und Kultur-Sektion hat er insgesamt fünf Dokumentarfilme produziert. Die komplette Foto- und Film-Sammlung, sowie alle Originalplakate und weitere Schriftdokumente, die sich im PLO-Gebäude in der Al Mazraa Street in Beirut befanden, wurden vom israelischen Militär geraubt und lagern heute nachweislich im israelischen Militärarchiv. Die Abbildung 45 zeigt ein Screenshot eines der von Shammout im Rahmen der Kunst- und Kultur-Sektion produzierten Filme mit der hebräischen Aufschrift, dass dieses Filmdokument als Eigentum des israelischen Militärarchivs zu betrachten ist. Unter den weggeschleppten visuellen Materialien befindet sich eines der wichtigsten Portrait- Bilder, die Shammout je gemalt hat. Es handelt sich um ein etwa zwei Meter hohes Öl-Portrait des 1970 verstorbenen ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, das Shammout anlässlich seines Todes am 28.09.1970 am gleichen Tag gemalt hat. Das Original-Portrait wurde während des auf den Straßen Beiruts stattgefundenen symbolischen Trauerzugs Ende September 1970 am PLO-Gebäude in der Al Mazraa Street aufgehängt. Bei mehreren Gelegenheiten ließ Shammout wissen, dass besonders der Raub dieses sehr wertvollen Portraits für ihn sehr schmerzhaft war. Das Portrait wurde in den 1970er Jahren sehr populär und auf sehr vielen Plakaten und in vielen Büchern und Zeitungen publiziert. Abb. 43: Screenshot aus einem PLO-Film (oder Film-Footage) von 1970, der nun im israelischen Militärarchiv der IDF lagert und den Trauerzug von Gamal Abdel Nasser vor dem PLO-Gebäude in Beirut zeigt. Auf dem Bild ist das riesige Gamal Abdel Nasser-Portrait zu sehen, das Shammout zu diesem Anlass gemalt hat und nach dem Einmarsch 1982 vom israelischen Militär weggeschleppt wurde. (Screenshot [Zeit: 36:45] aus dem Film „LOOTED & HIDDEN – Palestinian Archives in Israel“. Rona Sela. 2017). 112 Abb. 44: Dasselbe PLO-Gebäude in der Al Mazraa Street in Beirut im September 1982, als die israelische Armee das Gebäude besetzte und dessen kompletten Inhalt beraubte. Die Kunst- und Kultur-Sektion befand sich im dritten Stockwerk. (Veröffentlichung: haaretz 01.07.2017 – Foto: Shlomo Arad). Abb. 45: Screenshoot aus dem Film „Glow of Memories“ der Kunst- und Kultur-Sektion der PLO (Regie: Ismail Shammout, 1973), der sich derzeit im israelischen Militärarchiv der IDF befindet. Auf diesem Screenshot, das Rona Sela vom israelischen Militärarchiv zur Verfügung gestellt wurde, ist das Logo des Militärarchivs sowie weitere Angaben auf Hebräisch zu sehen, wodurch der Film als „Eigentum des Archivs“ kenntlich gemacht wird. Auch der Titel des Films wurde mit „Memories Of Glow“ aus dem Arabischen falsch übersetzt. (Veröffentlichung: haaretz 01.07.2017). 113 5.3.3.3. Sammlung der Volkskunstausstellung der PLO aus Beirut 1982 Die Kunst- und Kultur-Sektion sammelte bis Ende der 1970er zahlreiche Volkskunstobjekte aus Palästina, wie Trachten, Töpfereiprodukte, Volksmusikinstrumente, Holzschnitzereien usw. Nachdem die Sammlung zu groß wurde und mehrere hundert Objekte enthielt, organisierte die Kunst- und Kultur-Sektion eine Reihe internationaler Ausstellungen, die auf dieser Sammlung basierten. Die Ausstellung wurden in mehreren Hauptstädten unter der Schirmherrschaft der PLO-Führung gezeigt, unter anderem in Berlin, Madrid, Moskau, Warschau, Tokyo und vielen weiteren Hauptstädten. Im Rahmen der Raubzüge palästinensischen Kulturgutes aus Beirut im Sommer 1982 verschwand auch Teil der Sammlung, die sich seinerzeit in Kisten im PLO-Gebäude in der Al Mazraa Street befand.157 Da die Aufmerksamkeit anscheinend eher auf das Verschwinden der audiovisuellen Medien-Sammlungen gerichtet war, wurde bisher über das Verschwinden dieser Sammlung so gut wie noch nie berichtet. 5.3.3.4. Foto- und Filmsammlung der UNRWA Als Unterorganisation der UNO und von dieser finanziert übernahm die UNRWA seit ihrer Gründung im Jahre 1949 die Aufgabe der Gewährleistung von Schulbildung und Gesundheitsversorgung für die palästinensischen Flüchtlinge und bot ihnen dadurch begrenzte Arbeitsmöglichkeiten. Die Tätigkeit der UNRWA erstreckte sich auf alle palästinensischen Flüchtlingslager in der Region (Gaza-Streifen, Westbank, Jordanien, Syrien und Libanon). Ihr Hauptsitz jedoch befand sich bis Ende der 1970er Jahren in Beirut. Da der libanesische Bürgerkrieg Mitte der 1970er Jahre ausbrach und die Sicherheit der etwa 80 internationalen Mitarbeiter*innen nicht mehr gewährleistet werden konnte, entschied die UNRWA 1978, ihren Hauptsitz von Beirut in die UNO City nach Wien zu verlegen.158 Während ihrer langjährigen Tätigkeit hat die UNRWA zahlreiches Foto- und Film-Material selbst erstellt, das das Leben der Palästinenser*innen in den Flüchtlingslagern nach der Nakba, sowie ihre eigene Tätigkeiten über die Jahre und Jahrzehnte dokumentiert. Aus einem unbekannten Grund entschied die UNRWA jedoch, vor ihrem Umzug nach Wien, einen beachtlichen Teil dieser großen Materialmenge der PLO zu überlassen. Es ist auch nicht bekannt, ob es sich um Kopien oder Originale handelt. Der Rest hat die UNRWA mit nach Wien genommen, wo er heute noch lagert und von dem inzwischen digitalisiert wurde. Der Teil, der nicht nach Wien mitgenommen wurde, blieb also in Beirut und wurde in mehrere Metallkisten gepackt. Vor Abzug der UNRWA im Jahr 1978 wurden die Kisten an die PLO 157 Gespräch mit der Künstlerin el Akhal, Tamam, der damaligen stellvertretenden Leiterin der Kunst- und Kultur- Sektion, Gütersloh am 18.12.2016. 158 United Nations Press Release PAL/1832. 17.07.1996, http://www.un.org/press/en/1996/19960717.pal1832.html, aufgerufen am 08.11.2017 114 übergeben und landeten schließlich bei der Kunst- und Kultur-Sektion, die sich im PLO-Gebäude in der Al Mazraa Street in Beirut befand. Da die Kisten zu groß und sperrig waren und man mit dem vielen Film- und Fotomaterial nicht viel anfangen konnte, wurden sie so, wie sie waren, an die Palestinian United Media159 direkt weitergegeben, wo sie im Eingangsbereich des Gebäudes gelagert blieben.160 Das Bürohaus, in dem das United Media untergebracht war, befand sich im Stadtteil ṭarīq el ǧdīde in unmittelbarer Nähe der Arab University von Beirut, die auch umgeben war von zahlreichen anderen PLO-Büros und Institutionen. Das gesamte Gebiet um die Arab University war während der kriegerischen Auseinandersetzungen ein direktes Ziel der israelischen Angriffe und wurde als eines der ersten Gebiete Beiruts nach dem Einmarsch der israelischen Truppen besetzt. Nach dem Abzug der israelischen Truppen, etwa im September/Oktober 1982, war das gesamte Gebiet stark zerstört. Sämtliche Gebäude in diesem Gebiet wurden akribisch vom israelischen Militär durchsucht und wichtige Hinterlassenschaften und Dokumente systematisch mitgenommen; so geschah es auch mit den Kisten der UNRWA. Ein erster Beleg über die Existenz dieser UNRWA-Inhalte in israelischen Archiven wurde nun in dem am 01.07.2017 in der Zeitung haaretz veröffentlichten Interview mit Prof. Dr. Rona Sela geliefert, indem dort die offizielle Rückmeldung des israelischen Verteidigungsministeriums zitiert wird: „Defense Ministry response A spokesperson for the Defense Ministry, which was asked to comment on the holdings in the IDF Archive, the archive contains 642 “war booty films,” most of which deal with refugees and were produced by the UNRWA (the United Nations refugee relief agency) in the 1960s and 1970s.“161 Den Angaben des Ministeriums zufolge existieren im Militärarchiv weitere 127 Ordner mit positiven und negativen PLO-Fotografien.162 Ferner wurden dort erst kürzlich mehrere Kisten entdeckt, die noch immer die Originalstempel der PLO-Abteilungen für Information und nationale Orientierung (Arabisch: dāirat al iʿlām wattawǧīh al qawmī) und Information und Kultur (Arabisch: qism aṯṯaqāfa wa li‘lām) aufweisen, was darauf hinweist, dass diese Kisten und ihr Inhalt möglicherweise noch nicht bewertet worden sind. 159 Palestinian United Media (Arabisch: al i’lām al muwaḥḥad), eine von der PLO gegründete Dachorganisation, um alle inzwischen entstandenen palästinensischen Medien-Institutionen unter einem Dach zu bündeln. 160 Gespräch mit der Künstlerin el Akhal, Tamam, der damaligen stellvertretenden Leiterin der Kunst- und Kultur- Sektion, Gütersloh am 18.12.2016. 161 Aderet, Ofer. 2017. “Why Are Countless Palestinian Photos and Films Buried in Israeli Archives?”. Zeitungsinterview mit Rona Sela, haaretz. 01.07.2017. https://www.haaretz.com/israel-news/.premium-1.798565, aufgerufen am 01.11.2017. 162 Ebd. 115 5.3.3.5. Filmmaterial des stūdiū aṣṣaḫra (Rock Studio) Das „Rock Studio“ war de facto die Filmschmiede vieler PLO-Filme, die in den 1970er und Anfang der 1980er Jahre entstanden sind. Als eine der PCI angehängten Institution wurde das Rock Studio ebenfalls direkt oder indirekt von der PLO finanziert. Es besaß sogar eine Film- Kopiereinheit und auch eine bescheidene TV-Sendeeinrichtung, die dafür angedacht war, möglicherweise eines Tages einen eigenen palästinensischen TV-Sender betreiben zu können. Dort wurden auch junge angehende Techniker*innen auf das Betreiben einer Sendeeinrichtung trainiert, damit sie in Zukunft einen eigenen Sender betreiben könnten.163 Das Studio befand sich wie viele andere PLO-Büros und Institutionen in der Nähe der arabischen Universität und damit in unmittelbarer Nähe der PCI. In den Räumlichkeiten des Studios lagerte auch zahlreiches Original-Film- und Video-Material, das entweder auf die technische Bearbeitung wartete oder einfach nicht verwendet werden konnte. Auch dieses gesamte Material verschwand nach dem israelischen Einmarsch in Beirut. Obwohl es noch keine klaren Belege dafür gibt, dass das Material sich heute in israelischen Archiven befindet, gehen alle Beteiligten davon aus, dass es nach Israel mitgenommen wurde. 5.3.3.6. Archiv des Palestinian Research Center der PLO aus Beirut 1982 Das Palestinian Research Center (PRC) wurde 1965 als die akademisch-wissenschaftliche Institution der PLO gegründet, mit Sitz in Beirut. Ziel des PRC war, sich mit den geschichtlichen und politischen Ereignissen wissenschaftlich auseinanderzusetzen, diese zu erforschen und zu dokumentieren. Als akademische Institution war das PRC im Vergleich zu den anderen PLO- Institutionen recht fern vom politischen Alltag und rein akademisch-wissenschaftlich tätig, agierte recht sachlich und etablierte sich bald zu einer der renommiertesten Institutionen der PLO und hat sich damit in den arabischen Ländern und auch weltweit einen sehr guten Ruf erworben. Im Vergleich zu den anderen PLO-Büros und Institutionen, die recht nahe beieinander im westlichen Teil Beiruts angesiedelt waren, befand sich das Haus, in dem das PRC untergebracht war, am anderen Ende der Stadt, was die starke Unabhängigkeit von der politischen Kontrolle der PLO symbolisieren sollte. Das PRC war seit seiner Gründung eine der Institutionen, die im Visier des israelischen Geheimdienstes standen, der immer wieder versuchte, es einzuschüchtern und in den Jahren zwischen 1969 und 1974 mindestens drei Mal mit Bombenanschlägen attackierte.164 163 Telefongespräch mit Maurer, Monica am 25.02.2017. 164 Abu Fakhr, Saqr. 2016. nakbat ḏākira: baqāya markaz al abḥāṯ al falasṭīnī fī as ṣaḥrāa‘ al ǧazā ‘iriyya (Deutsch: Die Nakba eines Gedächtnisses: Die Reste des Palestinian Research Center in der algerischen Wüste). Online- Artikel, Alaraby. 28.11.2016. https://www.alaraby.co.uk/diffah/herenow/2016/11/24/ -األبحاث-مركز-بقايا-ذاكرة-نكبة الجزائرية-الصحراء-في-الفلسطيني , aufgerufen am 13.11.2017 (Link-Adresse mit arabischen Schriftzeichen). 116 Das Archiv des PRC bestand hauptsächlich aus wertvollen historischen Papierdokumenten und akademischen Studien, Mikrofilmen, alten und historischen Landkarten sowie viele Fotos, einigen Filmen und Audiomaterial. Während der Besatzung Beiruts wurde das PRC gezielt vom israelischen Militär attackiert und seines Inhalts beraubt. Nach seiner Verschleppung 1982 kehrte jedoch das Archiv im November 1983 zu der PLO im Rahmen eines mit französischer Hilfe ausgehandelten Gefangenenaustausches mit Israel zurück. Das PLO-Büro in Algier nahm die Sammlung entgegen, die insgesamt 113 verpackte Holzkisten ausmachte. Die Sammlung des PRC enthielt in etwa:165 - 5.000 Bücher in arabischer Sprache - 3.000 Bücher in hebräischer Sprache - 12.000 Bücher in englischer Sprache - viele Tondokumente (genaue Menge nicht bekannt) - diverse Originaldokumente aus der Zeit der britischen Mandatsregierung - zahlreiche Fotos, Luftbilder und Landkarten (genaue Menge nicht bekannt) Natürlich wird auch hier davon ausgegangen werden müssen, dass das gesamte Archiv von den Israelis vor der Rückgabe „gespiegelt“ (kopiert) wurde. Nach seiner Rückgabe blieb das Archiv in geschlossenen Kisten in Algerien, bis Teile davon 1994 nach dem Osloer Friedensabkommen und der Entstehung der palästinensischen Autonomieverwaltung nach Ramallah und Jerusalem zurückkehrten. Ein kleiner Rest lagert aus ungeklärten Gründen vermutlich heute noch in Algerien. Die Teile, die nach Ramallah und Jerusalem zurückkamen wurden dort auf drei oder vier verschiedenen Institutionen verteilt, wo es nicht ganz eindeutig ist, was heute mit dem vielen Material geschehen ist. Ein Teil wurde dem damals noch in Ost-Jerusalem existierenden „Orient House“166 übergeben, wo es bis zum Jahr 2001 blieb. 5.3.3.7. Weitere verschwundene Sammlungen aus Beirut Über diese bereits erwähnten Sammlungen hinaus liegen auch weitere Hinweise darüber vor, dass auch kleinere Archive und Sammlungen anderer in Beirut angesiedelten PLO-Institutionen während des Krieges 1982 verschwunden sind. Darunter: - Archiv der Ghassan Kanafani Foundation - Archiv der Zeitschrift „Palestine Revolution“ (Arabisch: filisṭīn aṯṯawara) - Archiv der Zeitschrift „Palestinian Issues“ (šu’ūn filisṭīniyya) 165 Ebd. 166 Eines der alten arabischen Häuser in Ost-Jerusalem. Es diente in den 1980er und 1990er Jahren als Treffpunkt für intellektuelle und politische Persönlichkeiten Ost-Jerusalems, sowie für offizielle Besucher aus dem Ausland. 117 - Archiv der Zeitschrift „Al Hadaf“ (al hadaf) - Filmbibliothek des palästinensischen Frauenverbands - Archiv des von der PLO finanzierten und betriebenen Radiosenders im Libanon „Voice of Palestine – Voice of the Palestinian Revolution“ (ṣauwtu filisṭīn ṣauwtu aṯṯawarati al filisṭīniyya)167 - Originalwerke der Internationalen Kunstausstellung für Palästina 1978168 Über diese und viele andere Bestände, die verschwunden sind, liegen fast ausschließlich nur mündlich überlieferte Informationen vor, die eine tiefgründigere Forschung derzeit kaum möglich machen. 5.3.3.8. Archive des Orient House aus Jerusalem 2001 Als eines der schönen alten arabischen Häuser Jerusalems beherbergte das Orient House bis 2001 den inoffiziellen Sitz der PLO in Jerusalem und wurde damit zu einer zentralen Anlaufstelle für ausländische Politiker*innen, Diplomaten*innen, Journalisten*innen und andere offizielle Besucher*innen des arabischen Teils der Stadt. Auch für die einheimischen Palästinenser*innen war das Orient House der wichtigste Treffpunkt, in dem man sich politisch und intellektuell austauschen konnte. Es enthielt ein großes Archiv, das neben Teile des Beiruter PRC Archivs auch Landkarten- und Urkundensammlungen besaß, ebenso viele historische Bilder von Jerusalem und dem Rest Palästinas. Im Zuge der politischen Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern überfiel die israelische Polizei im Jahre 2001 das Gebäude, konfiszierte es und beschlagnahm alle seine Inhalte, inklusive des Teils des zurückgegebenen Archivs des „Palestinian Research Center“, und hisste die israelische Flagge auf dessen Dach. Bis heute ist der Zugang zum Orient House von der israelischen Polizei gesperrt und steht seitdem unter ihrer Kontrolle. 167 Ein technisch bescheidener Radiosender, dessen Produktionsstudio im Al Fakhani Viertel in Westbeirut untergebracht war; das Sendestudio und die Sendeantenne jedoch befanden sich im libanesischen Süden, kurz vor der israelischen Grenze, um das Sendesignal möglichst nah in die besetzten Gebiete ausstrahlen zu können. Das recht überschaubare Archivmaterial bestand größtenteils aus politischen Nationalliedern mehrerer palästinensischer und arabischer Musiker. 168 Circa 200 palästinensische und internationale Künstler haben gemeinsam 1978 eine Kunstausstellung in Beirut organisiert, die als Zeichen der Solidarität mit dem palästinensischen Volk zu verstehen war. Nach dem Einmarsch 1982 war die Sammlung entweder zerstört oder geraubt worden. 2016 organisierte das Haus der Kulturen der Welt in Berlin eine Ausstellung über die Geschichte der Beiruter Ausstellung von 1978. http://www.hkw.de/de/programm/projekte/2016/zeit_der_unruhe/zeit_der_unruhe_start.php, aufgerufen am 30.11.2017. 118 Abbildung 46 Abbildung 47 Das Ostjerusalemer Orient House vor (links) und nach (rechts) der Beschlagnahme durch die israelische Polizei im Jahre 2001. (Fotos: Wikimedia Commons). Schlussfolgerung Anhand der inzwischen vorliegenden Belege kann nun definitiv festgestellt werden, dass sich die audiovisuellen Inhalte der wichtigen Sammlungen der Kunst- und Kultur-Sektion und zum Teil die der UNRWA definitiv in den israelischen Militärarchiven befinden. Obwohl es auch weitere deutliche Hinweise darüber gibt, dass sich die dritte und vielleicht wichtigste palästinensische Filmsammlung (PCI-Filmsammlung) auch in israelischen Archiven befindet, muss dies noch eindeutig geklärt und bestätigt werden. In diversen öffentlichen und nichtöffentlichen Diskussionen rund um den Raub palästinensischer Kulturinhalte wird oft pauschal argumentiert, dass es dabei dem israelischen Staat lediglich darum geht, das kollektive Gedächtnis der Palästinenser*innen zu löschen und damit deren historische Existenz in Palästina und der Anspruch auf Rückkehr in die verlorengegangene Heimat zu negieren. Nun nach eingehender Forschung und eigener Einschätzung müssen jedoch zwei weitere sehr wichtige Ziele zu dieser Argumentation hinzugefügt werden, die auch als Beweggründe für das gezielte Rauben audiovisueller palästinensischer Kulturgüter durch das israelische Militär und andere staatliche Behörden gesehen werden müssen. Es handelt sich demnach um die folgenden drei Hauptziele: 1. Es trägt zweifellos dazu bei, das kollektive Gedächtnis zu löschen und damit die Geschichtsschreibung maßgeblich zu beeinflussen. 2. Eigenes fundiertes Wissen über den „Feind“ (die Palästinenser*innen) zu erzeugen, indem man, durch die ungefilterte Fülle audiovisueller Inhalte, seine Denk- und Verhaltensweisen, seine Kultur und Ansichten bis in die Details studiert, ihn sehr genau kennt und dadurch seine Reaktionen vorher absehen kann. 3. Die geraubten materiellen Inhalte als „Druckmittel“ für etwaige spätere Verhandlungen einzusetzen, wie es mit dem Archiv des PRC der Fall war. 119 Nach diesen Erkenntnissen und Einschätzungen, stehen die Bemühungen um die Rückgabe gestohlener audiovisueller Kulturgüter noch sehr am Anfang. Angesichts der derzeitigen politischen Gegebenheiten, bedarf es hierfür sicherlich einer beachtlichen Menge an Arbeit, die in mehrere Richtungen gehen muss und eine Bündelung vieler Fachkräfte und Expertisen aus verschiedenen Bereichen voraussetzt. Für unsere heutige moderne und zivilisierte Welt müsste es möglich sein, die rechtliche Beanspruchung auf Rückgabe rechtswidrig geraubter Kulturinhalte – unabhängig von welcher Seite diese geschehen ist – zu fordern und auch durchzusetzen. So geschah es auch im Jahre 1991 mit der Rückgabe der 1268 historischen Schallplatten des Phonogramm-Archives an Deutschland,169 die im Jahre 1944 rechtwidrig als „Kriegsbeute“ in die damalige Sowjetunion weggeschleppt wurde und zu der viele arabische (darunter auch palästinensische) Musikplatten des Labels Baidaphon gehören. 169 Simon, Artur (Hg.). 2000. Das Berliner Phonogramm-Archiv 1900–2000. Berlin: Verlag für Wissenschaft und Bildung. Seite 200–201.

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References

Zusammenfassung

Palästina gehörte schon immer zu den Regionen, die im Zentrum des weltlichen Geschehens standen. Es gehört somit schon seit den ersten Tagen der Fotografie zu den visuell am meisten dokumentierten Gebieten weltweit. Auch kulturell und musikalisch war Palästina schon immer ein Knotenpunkt, an dem sich europäische wie orientalische Musikkulturen kreuzten. Doch die gravierenden politischen Veränderungen des Jahres 1948 brachten das rege kulturelle Leben völlig aus dem Gleichgewicht.

Im Schatten des politischen Widerstandes der Palästinenser*innen nach 1948 und mit der rasanten Verbreitung der audiovisuellen Medien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielten diese Veränderungen eine Schlüsselrolle. Es entstand in den 1960er- und 70er-Jahren eine Menge an audiovisuellem Material, das größtenteils in Beirut produziert und gelagert wurde. Nach dem Einmarsch der israelischen Armee im Jahr 1982 in den Libanon verschwand dieses riesige Erbe fast gänzlich – bis heute!

Was ist also mit den vielen Fotografien, Musikaufnahmen und Filmrollen passiert? Wo sind diese heute zu finden, und sind sie überhaupt zugänglich?

Erstaunlicherweise haben sich Europa und besonders Deutschland während dieser Studie als eine wahre Fundgrube für das palästinensische audiovisuelle Erbe erwiesen. Dank ausgereiftem Archivierungsfachwissen und der Wertschätzung vieler europäischer Institutionen konnte ein Großteil des palästinensischen Kulturerbes wiedergefunden werden. Doch die Suche muss weitergehen.

Bashar Shammouts Buch zählt zu den ersten wissenschaftlichen Studien, die sich mit dem Entstehen, dem Verbleib und der digitalen Erhaltung dieser Inhalte auseinandersetzen.