Content

Vorwort der Herausgeberin in:

Bashar Shammout

Digitale Erhaltung des auditiven und visuellen Kulturerbes Palästinas, page 9 - 10

Grundlagen und Perspektiven

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4217-5, ISBN online: 978-3-8288-7138-0, https://doi.org/10.5771/9783828871380-9

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 18

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
9 Vorwort der Herausgeberin In globaler Perspektive ist die Politik der Archive durch eine rasante Entwicklung der Digitalisierung und den Möglichkeiten von Open Source in neue Diskurs- und Vermittlungsfelder eingetreten. Weitere Praktiken der Recherche und Information haben sich geöffnet und den Zugang zu Dokumenten im Wesentlichen erleichtert. Diese Entwicklung hat weltweit dazu geführt, dass große nationale Archive sich mit ihrem Inventar virtuell geöffnet haben und weltweit zugänglich sind. Die Informationen, die in Archiven bereitgestellt und der Forschung geöffnet werden, stellen aber nicht nur ein Reservoir von Wissen dar, sondern sind auch Bausteine für die Konstruktion des kulturellen und kollektiven Gedächtnisses, von historischen Erfahrungen, Wissenschaftsgeschichte und Erinnerungskulturen. Sie ermöglichen die aktive Teilnahme an gesellschaftlichen Diskursen und die Entwicklung kritischer Perspektiven auf bestehende Verhältnisse. Bisher aber liegen kaum Forschungen und Bestandaufnahmen zum auditiven und visuellen Kulturerbes Palästinas vor, zu einem in einer systematischen Erfassung und Erschließung der durch historische Ereignisse und militärischen Konflikte weltweit zerstreuten Sammlungen und Archivbestände, zum anderen im Kontext ihrer allgemeinen Zugänglichkeit und Verfügbarkeit. Denn noch immer befinden sich wichtige Sammlungsbestände zur Geschichte, Kunst und Kultur von Palästina gegenwärtig verschlossen in israelischen Militärarchiven und sind für die internationale Wissenschaftscommunity nicht zugänglich. Letzthin bedeutet dies auch, dass wichtige Forschungsfragen und Diskussionen in den palästinensischen Gebieten selbst nur bedingt geführt oder weiterentwickelt werden können und Lücken innerhalb der nationalen Gedächtniskonstruktion bestehen. In diesem Rahmen und den Spannungsfeldern der globalen Archivdiskurse bewegt sich die hier vorliegende Grundlagenforschung von Bashar Shammout. Sie öffnet einen tiefer gehenden und politisch mehr als brisanten Einblick in die historische wie aktuelle Situation palästinensischer Archive und ebnet Wege, die Geschichte und die aktuelle Lage palästinensischer Archivbestände in einem größeren Kontext wahrzunehmen und in wissenschaftlichen Bezugsfeldern wie in ihrer politischen Verfasstheit neu zu diskutieren. Diese Untersuchung kann daher als ein Wegweiser für die zukünftige Wahrnehmung und Erhaltung des bedeutenden, facettenreichen Kulturerbes von Palästina gesehen werden. Sie ermöglicht verschiedene Lesarten, schließt Lücken für die kulturhistorische Forschung und ist kulturpolitisch von hohem Stellenwert. Sie sensibilisiert insgesamt für die zentrale Bedeutung nationaler Archivbestände und der damit verbundenen kulturellen Identitätsbildung und verweist auf die gebotene Dimension von langfristigen Restitutionsfragen bei entwendeten Archivbeständen. Aus diesem Grund handelt es sich hier kulturwissenschaftlich, wissenschaftshistorisch wie auch kultur- und bildungspolitisch um einen wichtigen Beitrag, der folgend international auf eine breite Wahrnehmung hoffen kann. Jutta Ströter-Bender Juni 2018

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Palästina gehörte schon immer zu den Regionen, die im Zentrum des weltlichen Geschehens standen. Es gehört somit schon seit den ersten Tagen der Fotografie zu den visuell am meisten dokumentierten Gebieten weltweit. Auch kulturell und musikalisch war Palästina schon immer ein Knotenpunkt, an dem sich europäische wie orientalische Musikkulturen kreuzten. Doch die gravierenden politischen Veränderungen des Jahres 1948 brachten das rege kulturelle Leben völlig aus dem Gleichgewicht.

Im Schatten des politischen Widerstandes der Palästinenser*innen nach 1948 und mit der rasanten Verbreitung der audiovisuellen Medien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielten diese Veränderungen eine Schlüsselrolle. Es entstand in den 1960er- und 70er-Jahren eine Menge an audiovisuellem Material, das größtenteils in Beirut produziert und gelagert wurde. Nach dem Einmarsch der israelischen Armee im Jahr 1982 in den Libanon verschwand dieses riesige Erbe fast gänzlich – bis heute!

Was ist also mit den vielen Fotografien, Musikaufnahmen und Filmrollen passiert? Wo sind diese heute zu finden, und sind sie überhaupt zugänglich?

Erstaunlicherweise haben sich Europa und besonders Deutschland während dieser Studie als eine wahre Fundgrube für das palästinensische audiovisuelle Erbe erwiesen. Dank ausgereiftem Archivierungsfachwissen und der Wertschätzung vieler europäischer Institutionen konnte ein Großteil des palästinensischen Kulturerbes wiedergefunden werden. Doch die Suche muss weitergehen.

Bashar Shammouts Buch zählt zu den ersten wissenschaftlichen Studien, die sich mit dem Entstehen, dem Verbleib und der digitalen Erhaltung dieser Inhalte auseinandersetzen.