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2. Das Palestinian Museum und seine Rolle zur digitalen Erhaltung des palästinensischen audiovisuellen Kulturerbes in:

Bashar Shammout

Digitale Erhaltung des auditiven und visuellen Kulturerbes Palästinas, page 29 - 34

Grundlagen und Perspektiven

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4217-5, ISBN online: 978-3-8288-7138-0, https://doi.org/10.5771/9783828871380-29

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 18

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
29 2. Das Palestinian Museum und seine Rolle zur digitalen Erhaltung des palästinensischen audiovisuellen Kulturerbes Das neuerrichtete und im Mai 2016 eröffnete Palestinian Museum auf einem Hügel in Birzeit in der Westbank hat, vertreten durch seinen damaligen Direktor Jack Persekian, sein Interesse und seine Bereitschaft erklärt, einen Beitrag zu der Wiederfindung, Digitalisierung und Speicherung der gefundenen Inhalte zu leisten. Es hat in Aussicht gestellt, die nötige logistische Unterstützung (soweit vor Ort machbar) und die technische Infrastruktur zu Verfügung stellt. Abb. 02: Das neuerrichtete Palestinian Museum in Birzeit (Offizielles Foto des Museums). Wegen der seit vielen Jahren und derzeit noch immer herrschenden politischen Gegebenheiten in den palästinensischen Gebieten erlauben die israelischen Behörden den meisten Palästinensern*innen (Palästinensern*innen im Gaza-Streifen und in der Diaspora) nicht die einfache Einreise in die Westbank. Ca. 70 % der Palästinenser*innen haben dadurch keinen Zugang zum „Haupt-Museum“ in ihrer Heimat Palästina. Das Museum beabsichtigte daher, die moderne digitale Internet-Technik für sich zu Nutze zu machen, um in virtueller Form das größtmögliche Publikum außerhalb der Westbank zu erreichen. Die Wahrung und Zurverfügungstellung auditiver und visueller Inhalte in digitaler Form fließt reibungslos in dieses Konzept ein.21 In Absprachen mit den Planern*innen und der Leitung des Museums soll das Museum in den kommenden Jahren eine Art „Knotenpunkt“ für diverse audiovisuelle Sammlungen und Archive bilden, wodurch Forscher*innen und Interessierte einen systematischen und wissenschaftlich strukturierten freien Zugang zu den archivierten Inhalten erlangen können.22 In der 21 F.R. 2015. Jack Persekian steps down: The $30m museum was due to open in May 2016. This has been postponed. Online-Artikel, The Economist. Prospero (09.12.2015). http://www.economist.com/blogs/prospero/2015/12/palestinian-museum, aufgerufen am 22.06.2017. 22 Jack Persekian leitete seit Beginn der Realisierung des Museumsprojekts (etwa 2010) bis Dezember 2015 das Team, das die Planung und Vorbereitung des Museums durchführte.Omar Al-Qattan ist seit Beginn der Planung 30 Vision des Museums geht es dabei nicht darum, die digitalisierten audiovisuellen Inhalte selber vor Ort zu speichern, sondern vielmehr, auf die externen kulturrelevanten Sammlungen und Archive, die für das palästinensische kollektive Gedächtnis von Bedeutung sind, hinzuweisen und sie für die Öffentlichkeit weiterzuleiten. So strebt das Museum an, diese Sammlungen miteinander zu verlinken und standarisierte Richtlinien für das Digitalisieren der Inhalte zu Verfügung zu stellen, wodurch möglichst kompatible Datenbanken zur digitalen Erhaltung dieses Kulturerbes entstehen können. 2.1. Entstehungsgeschichte des Museums Bereits Mitte der 1990er Jahre haben mehrere namhafte palästinensische Intellektuelle die Idee zur Entstehung eines palästinensischen Gedächtnis-Museums zur Wahrung der palästinensischen Identität und des palästinensischen Kollektiv-Gedächtnisses ins Leben gerufen. Dieses Vorhaben hat die unabhängige palästinensische Stiftung „Taawon-Welfare Association“ (Arabisch: mu’assat attaʿāwon)23 von Beginn an als ihre Aufgabe angesehen und führt sie bis heute weiter. 1997 wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die die Weichen für die Entstehung des Museums stellen soll. Die Arbeitsgruppe wurde von dem amerikanisch-palästinensischen Politikwissenschaftler Prof. Dr. Ibrahim Abu Lughod (1929–2001) von 1997 bis zu seinem Tod geleitet: „He also headed since 1997 the Project of Palestinian Memory Museum, whose objective was to establish a series of exhibits and museums to reconstruct a profile of the Palestinians in the twentieth century. He died while still working on these projects.“24 Die Idee zu einem palästinensischen Gedächtnis-Museum konzentrierte sich auf die Wahrung der kulturellen Identität25 und der modernen politischen Geschichte des palästinensischen Volkes. Dabei war es von Anfang an wichtig, mehrere Aspekte zu berücksichtigen:26 • Welche Kultur-Objekte und Sammlungen dürfen beziehungsweise sollen in einem solchen Museum aufbewahrt und ausgestellt werden, die das kollektive Gedächtnis der Palästinenser*innen reflektieren würden? des Museums der „Chair of the Palestinian Museum Taskforce“ mit Sitz in London. Die „Taskforce“ ist das Komitee, das für die Richtungsweisung und für die Beschaffung der finanziellen Mittel für das Museum zuständig ist. Dr. Mahmoud Hawari ist von April 2016 bis Anfang 2018 Direktor des Museums gewesen. 23 Taawon: Ist eine von mehreren wohlhabenden Palästinensern 1989 in Genf gegründete Stiftung, mit dem Ziel, soziale und sozialgesellschaftliche Projekte (darunter auch Kulturprojekte) für Palästinenser in Palästina und in der Diaspora zu unterstützen. http://www.taawon.org, aufgerufen am 22.06.2017. 24 Tamari, Salim. 2001. Ibrahim Abu Lughod: 1929–2001. Marxist Internet Archive (Juli/August 2001) https://www. marxists.org/history/etol/newspape/atc/1442.html, aufgerufen am 22.06.2017. 25 Siehe Seiten 5 bis 8 zur Definition der „palästinensischen Identität“. 26 Gespräch mit Persekian, Jack, dem früheren Leiter des Palestinian Museum. Ramallah, 12.09.2015. 31 • Wo soll das Museum entstehen, damit es möglichst vielen Palästinenser*innen und auch im gleichen Maße interessierten Forscher*innen sowie Publikum aus dem Inund Ausland die Möglichkeit gibt, es zu besuchen? • Welche Finanzierungsmodelle kann es für dieses Museum geben, um langfristig unabhängig existieren zu können? Nach fast zwei Jahrzehnten konnte das Museums-Projekt faktisch realisiert werden. Dazu wurde ein 40.000 m2 Grundstück auf einem Hügel in unmittelbarere Nähe der Birzeit-Universität in der Westbank erworben. Das Museumsgebäude wurde vom irischen Architekten Haneghan Peng entworfen und besitzt eine Gesamt-Ausstellungsfläche von etwa 3.500 m2.27 Die Finanzierung der Baukosten von etwa 24 Mio. US$ stellte die Taawon- Welfare Association weitestgehend selbst zur Verfügung.28 Die Gelder stammen zudem aus Spenden von wohlhabenden palästinensischen und anderen arabischen Personen und Institutionen, darunter die „Al-Qattan Foundation“, die „Bank of Palestine“ und die „Arab Fund for Social and Economic Development“ (eine komplette Liste der Geldgeber kann auf der Webseite des Museums eingesehen werden).29 Das Museumsgebäude wurde am 18. Mai 2016 unter der Schirmherrschaft des amtierenden palästinensischen Präsidenten, Mahmoud Abbas, feierlich eingeweiht. Es steht jedoch heute noch größtenteils leer. Das Museum soll vorerst nur als Ausstellungsräumlichkeit für tourende Ausstellungen sowie als digitale Plattform dienen. Eine Museumskollektion und permanente Ausstellungsobjekte würden dann mit der Zeit nach und nach gebildet werden: „… the Museum will launch without a collection. Its programming will rely on touring exhibitions and a state-of-the-art digital and interactive platform. Its permanent collection will then gradually be built over time.“30 27 Webseite des Palestinian Museum – „about“. http://www.palmuseum.org/about/the-museum, aufgerufen am 22.06.2017. 28 Gespräch mit Persekian, Jack, dem früheren Leiter des Palestinian Museum. Ramallah, 12.09.2015. 29 Webseite des Palestinian Museum – „support us“. http://www.palmuseum.org/support-us/donate, aufgerufen am 22.06.2017. 30 Webseite des Palestinian Museum – „about“. http://www.palmuseum.org/about/the-museum, aufgerufen am 22.06.2017. 32 Abb. 03: Der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas eröffnet das Museum in Birzeit am 18. Mai 2016 (Foto: TRT World and Agencies). Um auch im Ausland viele Palästinenser*innen erreichen zu können, strebt das Museum mehrere Partnerschaften mit anderen Museen im Ausland an, deren Räumlichkeiten als „erweiterte Ausstellungsflächen“ genutzt werden können. Dazu zählen unter anderem das jordanische Nationalmuseum in Amman und der Ausstellungssaal „Dar El-Nimer for Arts and Culture“ in Beirut.31 2.2. Umsetzungsplan des audiovisuellen Archiv-Projekts Die Finanzierung der laufenden Betriebskosten und der ans Museum angehängten Projekte (wie des audiovisuellen Archivs) müssen jedoch gesondert gesichert werden. Für die Finanzierung des geplanten audiovisuellen Projekts ist eine Gesamtsumme von etwa 3,3 Mio. US$ geteilt auf zwei Zeitabschnitte vorgesehen. Für den ersten Abschnitt, der sich auf die ersten drei Jahre beläuft, werden 1,9 Mio. US$ und für den zweiten Abschnitt der darauffolgenden zwei Jahre weitere 1,4 Mio. US$ benötigt.32 Einem anderen Papier des Museums nach soll der Aufbau des audiovisuellen Archivs in drei Phasen realisiert werden.33 Abhängig davon, ob und in welchem Zeitraum die Finanzierung sichergestellt und auch zu Verfügung stehen würde, kann sich der Plan etwas umstellen lassen. • In der Phase 1, die ursprünglich zwischen Januar und April 2016 abgearbeitet sein sollte, soll festgelegt werden, welche Ziele und Missionen das digitale Archiv im Kontext des Museums erfüllen soll. Ferner sollen in dieser Phase die Richtlinien zu 31 Gespräch mit Hawwari, Mahmoud, dem derzeitigen Leiter des Palestinian Museum. Birzeit, 07.08.2017. 32 Internes Report-Papier des Palestinian Museum mit dem Titel „Palestinian Audio-Visual Archive“, Dezember 2015. Seite 3. 33 Internes Plan-Papier des Palestinian Museum mit dem Titel „The 2016 Plan for the Audio-Visual Archive“, 2015. Seite 1–2. 33 den Metadaten-Strukturen, Zugänglichkeit der digitalen Inhalte, sowie Festlegung des mitwirkenden Personals (Anzahl und Expertise) und ggf. Schulungsprogramme ausgearbeitet werden. • Die Phase 2 war vorgesehen für den Zeitraum zwischen Mai und Juli 2016 und sollte sich auf die Vorbereitung der praktischen Durchführung des Projekts sowie auf die Einarbeitung des Fachpersonals konzentrieren. Dazu zählen Einstellung des benötigten Fachpersonals, Training des Personals und Aufbau der benötigten technischen Infrastruktur. Dies jedoch setzt voraus, dass die Auszahlung eines ersten Teils der zugesagten Finanzierung des Projekts seitens der vorgesehenen Förderer- Institution („Arcadia Fund – London“) tatsächlich stattgefunden hat.34 • In der dritten Phase, vorgesehen für den Zeitraum von August bis Dezember 2016, sollte das audiovisuelle Archivprojekt praktisch endlich starten. Dazu gehören: - Weitere Trainingsmaßnahmen des Personals - Technischer Ausbau (mobiles und stationäres technisches Equipment) - Veröffentlichung des Internetauftritts und Online-Bereitstellung der ersten digitalisierten Materialien. Bis zum Zeitpunkt des Erstellens dieser Studie stand aber die in Aussicht gestellte Finanzierung durch die „Arcadia Fund“ für den Aufbau eines umfassenden audiovisuellen Archivs noch nicht zur Verfügung. Das Museum hatte jedoch aus eigener Initiative bereits im November 2014 ein erstes Teil-Projekt unter dem Namen „Family Album Project“ als ersten Schritt zum Aufbau eines audiovisuellen Digitalarchivs gestartet.35 Das „Family Album Project“ soll der Grundstein für ein zukünftiges umfangreiches audiovisuelles Digital-Archiv sein und verwendet bereits existierende alte Foto-Sammlungen aus privatem Familienbesitz, vorwiegend Schwarz-weiß-Fotografien aus dem späten 19. Jahrhundert bis etwa Mitte des 20. Jh. Die digitalisierten Fotosammlungen sollen die Möglichkeit zum Erkunden der sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Geschichte Palästinas bieten. Die digitalisierten Inhalte werden in einer Datenbank gesammelt und sollen online für die Öffentlichkeit zu Verfügung gestellt werden. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit dem „Institute for Palestine Studies“ und der „Visualizing Palestine Initiative“ entwickelt (beide unabhängigen Nicht-Regierungs-Organisationen in der Westbank).36 Dabei ist es wichtig zu erwähnen, dass solche Fotosammlungen aus der damaligen Zeit sich vorwiegend im Besitz der Familien befinden, die damals als wohlhabend galten und sich den „Luxus“ des „sich fotografieren Lassens“ leisten konnten. Diese Familien lebten üblicherweise in den größeren Städten Palästinas, wie auch oft die namhaften Fotografen, die das 34 Internes Plan-Papier des Palestinian Museum mit dem Titel „The 2016 Plan for the Audio-Visual Archive“, 2015. Seite 2. 35 Webseite des Palestinian Museum – „research & collections“. http://www.palmuseum.org/projects/the-palestinian-museum-digital-archive#ad-image-thumb-1651, aufgerufen am 22.06.2017. 36 Webseite des Palestinian Museum – „Palestinian Journeys – An Interactive Timeline“. http://www.palmuseum.org/projects/the-palestinian-museum-digital-archive#ad-image-thumb-1651, aufgerufen am 22.06.2017. 34 Handwerk beherrschten. Foto-Sammlungen von ärmeren Familien aus ländlichen Gebieten sind dagegen weitaus weniger zu finden, so dass das „Family Album Project“ hauptsächlich das bürgerliche städtische Leben widerspiegelt. Abbildung 04 Abbildung 05 Historische Familien-Portraits aus Palästina, aus der Sammlung des „Family Album Project“ des Palestinian Museum. (Links: Stadt-Bewohner, rechts: Bewohner auf dem Lande)

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Zusammenfassung

Palästina gehörte schon immer zu den Regionen, die im Zentrum des weltlichen Geschehens standen. Es gehört somit schon seit den ersten Tagen der Fotografie zu den visuell am meisten dokumentierten Gebieten weltweit. Auch kulturell und musikalisch war Palästina schon immer ein Knotenpunkt, an dem sich europäische wie orientalische Musikkulturen kreuzten. Doch die gravierenden politischen Veränderungen des Jahres 1948 brachten das rege kulturelle Leben völlig aus dem Gleichgewicht.

Im Schatten des politischen Widerstandes der Palästinenser*innen nach 1948 und mit der rasanten Verbreitung der audiovisuellen Medien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielten diese Veränderungen eine Schlüsselrolle. Es entstand in den 1960er- und 70er-Jahren eine Menge an audiovisuellem Material, das größtenteils in Beirut produziert und gelagert wurde. Nach dem Einmarsch der israelischen Armee im Jahr 1982 in den Libanon verschwand dieses riesige Erbe fast gänzlich – bis heute!

Was ist also mit den vielen Fotografien, Musikaufnahmen und Filmrollen passiert? Wo sind diese heute zu finden, und sind sie überhaupt zugänglich?

Erstaunlicherweise haben sich Europa und besonders Deutschland während dieser Studie als eine wahre Fundgrube für das palästinensische audiovisuelle Erbe erwiesen. Dank ausgereiftem Archivierungsfachwissen und der Wertschätzung vieler europäischer Institutionen konnte ein Großteil des palästinensischen Kulturerbes wiedergefunden werden. Doch die Suche muss weitergehen.

Bashar Shammouts Buch zählt zu den ersten wissenschaftlichen Studien, die sich mit dem Entstehen, dem Verbleib und der digitalen Erhaltung dieser Inhalte auseinandersetzen.