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1. Die Problemstellung des fragmentierten auditiven und visuellen Erbes Palästinas und die Vision vom grenzüberschreitenden audiovisuellen Netzwerk in:

Bashar Shammout

Digitale Erhaltung des auditiven und visuellen Kulturerbes Palästinas, page 21 - 28

Grundlagen und Perspektiven

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4217-5, ISBN online: 978-3-8288-7138-0, https://doi.org/10.5771/9783828871380-21

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 18

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
21 1. Die Problemstellung des fragmentierten auditiven und visuellen Erbes Palästinas und die Vision vom grenzüberschreitenden audiovisuellen Netzwerk Mit den rasant sich entwickelnden technischen Möglichkeiten zur Digitalisierung von analogen audiovisuellen Dokumenten und der weltweit zunehmenden digitalen Vernetzung entstand auch bei mehreren arabischen und palästinensischen Institutionen und NGOs das Bedürfnis, vorhandene Dokumente zu digitalisieren und sie für zukünftige Generationen zu wahren. Bei diesem Bedürfnis ging es in erster Linie um die Erhaltung von Schrift- und Papierdokumenten und nicht nur um die Präservation audiovisueller Sammlungen. Das gemeinsame Anliegen aller interessierten Historiker*innen, Intellektuellen und beteiligten Organisationen war und ist das Festhalten und Wiedergeben der wahren historischen Ereignisse und dadurch, die Geschichtsschreibung ins richtige Licht zu rücken. 1.1. Bemühungen zur koordinierten Zusammenarbeit für die Erhaltung des Kulturgutes So entstanden in den letzten Jahren zahlreiche Begegnungen, Workshops und Konferenzen, um sich auszutauschen und nach einer gemeinsamen Basis für eine überregionale arabische Zusammenarbeit zu suchen. Darunter zum Beispiel: • al aršīf wa ddawla al ḥadīṯa (Deutsch: Das Archiv und der moderne Staat) Konferenz – Kairo, Dezember 2010. • ʿawlamat filisṭīn: al aršīf al raqmī al filisṭīnī fī ǧāmiʿat bīrzeit fī siyāq duwalī – naḥwa niẓām fawḍawī (Deutsch: Die Globalisierung Palästinas: Das digitale palästinensische Archiv der Birzeit Universität im internationalen Kontext – In Richtung eines chaotischen Systems) Konferenz – Birzeit (Palästina), März 2014. • The Modern Heritage Observatory 1st Regional Symposium, Beirut, February 2013. • The Modern Heritage Observatory 2nd Regional Symposium, Beirut, November 2013. • mu’tamar attārīḫ aššafawī fī awqāt attaġīīr: alǧender wa ttawṯīq wa ṣināʿat al aršīf (Deutsch: Konferenz über die mündlich überlieferte Geschichte im Zeitalter des Wandels: Gender, Dokumentation und das Betreiben des Archivs) Konferenz – Kairo, September 2015. Die Diversität verschiedener Archive auditiver und visueller Kulturinhalte des Nahen Ostens, unter anderem auch der Palästinas, ihre Inkompatibilität zu einander, Nutzbarkeit, Zugänglichkeit (beziehungsweise Unzugänglichkeit) wird in dem 2015 erschienenen Buch „Dissonant Archives: Contemporary Visual Culture and Contested Narratives in the Middle East“ 22 aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet aber doch ausführlich beschrieben.13 Das Buch umfasst zahlreiche Beiträge von über 34 Autorinnen und Autoren und setzt sich dadurch mit der Thematik auseinander, dass Archive im Nahen Osten oft als geordnete (oder auch ungeordnete) Sammlungen von historischen Dokumenten betrachtet werden, jedoch ihre Wichtigkeit für die Bestimmung der Gegenwart und der Zukunft sind eigentlich entscheidend: „Archives are often viewed as ordered collections of historical documents that record information about people, places and events. This view nevertheless obscures a crucial element in these processes: the archive, whilst subject to the vagaries of time and history, is also concerned with determining the future. This feature of the archive has gained urgency in modern-day North Africa and the Middle East where it has come to the fore as a site of social, historical, theoretical, and political contestation.“14 Ferner wirft das Buch Licht auf die Art und Weise, wie Archive bisher im politischen und gesellschaftlichen Kontext der Staaten des Nahen Ostens interagieren. Diverse staatliche oder auch nichtstaatliche Institutionen, die Archive besitzen und betreiben, betrachten die archivierten Inhalte als eine Art Eigentum, das politische oder auch sozialpolitische Zwecke im Sinne derjenigen zu erfüllen hat, die das Archiv kontrollieren.15 Da immer mehr Archive entstehen, die audiovisuelle und auch andere Kultur-Inhalte und Objekte sammeln, wie Plakate, Volkstrachten, Volkskunst, bildende Kunst usw. wird auch das Bedürfnis für eine sinnvolle Nutzung für viele Künstler*innen und Interessierte immer grö- ßer.16 Dabei fehlt es oft an rechtlichen Grundregelungen zur Nutzung diverser Inhalte. Anders als in amtlichen Archiven in Europa und den USA, wo die Zugänglichkeit und Nutzung der dortigen Inhalte Urheberrechtsregelungen unterliegen, wird das Urheberrecht (Copyright) im Nahen Osten kaum in die Praxis umgesetzt. Oft fehlen sogar klare Archivgesetze und Archivregelungen. Vor allem jedoch, eine übergeordnete urheberrechtliche Regelung darüber, wer welche Inhalte archivieren darf beziehungsweise soll, und für wen sie wie zugänglich gemacht werden sollen, fehlen gänzlich im Nahen Ostens. Lediglich in Israel existieren einige gesetzliche Regelungen über den Umgang mit Archivinhalten, die jedoch primär politischen Absichten unterliegen. Auch die zunehmend wachsende Digitalisierung und der Aufbau digitaler Archive erfordert weiteres Fachwissen über die Metadatenstrukturen, die technischen Digitalisierungsvorgänge, die virtuelle Zugänglichkeit und den Datenschutz. 13 Herausgegeben von Downey, Anthony, 2015. Dissonant Archives: Contemporary Visual Culture and Contested Narratives in the Middle East. London – New York: I.B. Taurus. 14 Ebd., Klappentext. 15 Pad.ma, 2015. Theses on the Archive. In Dissonant Archives: Contemporary Visual Culture and Contested Narratives in the Middle East, herausgegeben von Downey, Anthony. London – New York: I.B. Taurus. Seite 335– 355. 16 Mannes-Abbott, Guy. 2015. This is Tomorrow – On Emily Jacir’s Art of Assembling Radically Generative Archives. In Dissonant Archives: Contemporary Visual Culture and Contested Narratives in the Middle East, herausgegeben von Downey, Anthony. London – New York: I.B. Taurus. Seite 109–127. 23 Diese offenen Fragen werden in den letzten Jahren sehr häufig auf diversen akademischen und institutionellen Ebenen intensiv diskutiert und angepackt. Die beiden erwähnten Symposien in 2013 in Beirut wurden von mehreren Organisationen gesponsert, unter anderen auch von den Vertretungen der EU und der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut.17 Im Gegensatz zu den diversen anderen Meetings und Veranstaltungen zum gleichen Thema, konzentrierten sich die Beiruter Treffen auf das visuelle und auditive Kulturerbe der arabischen Welt. Basierend auf den zahlreichen Diskussionen und Gesprächen mit den Vertretern und Vertreterinnen diverser arabischer Institutionen, denen es um die Erhaltung arabischen Kulturgutes geht, entstand die Idee, ein regional übergreifendes Netzwerk von digitalen Archiven anzustreben. Sinn dieser Vision ist es, Kulturdokumente und Inhalte vor dem Verlorengehen zu retten, sie nach einheitlichen beziehungsweise kompatiblen Vorgaben systematisch zu digitalisieren und schließlich für die Öffentlichkeit online zugänglich zu machen. Am 11.11.2013 unter dem Titel „The Fight For The Future“ fand das Schluss-Panel des zweiten Beiruter Symposiums18 statt, in der u.a. die praktischen Schritte zur Realisierung eines arabischen audiovisuellen Archiv-Netzwerkes (Arab Audiovisual Archive Hub) präsentiert wurde. Doch eine praktische Umsetzung dieser Idee erwies sich aus organisatorischen und vor allem finanziellen Gründen schnell als derzeit kaum realisierbar. Der Direktor des sich damals noch in der Bauphase befindenden Palestinian Museum, Jack Persekian, der am Beiruter Symposium teilnahm, stellte aber danach sein Interesse für ein palästinensisches audiovisuelles Archivnetzwerk dar. Sein Interesse basiert auf das Grundkonzept des neuen Palestinian Museum, für das die Digitalisierung und weltweite Vernetzung nicht nur eine Hauptvision ist, sondern in erster Linie eine Notwendigkeit, um das größtmögliche palästinensische Publikum in Gaza, den Flüchtlingslagern, in den benachbarten arabischen Ländern und der Diaspora zu erreichen. Diesen Palästinensern*innen ist die Einreise in die Westbank, wo sich das Museum befindet, derzeit aus politischen Umständen kaum möglich. Auf Einladung des Palestinian Museum und des Goethe Instituts in Ramallah fand schließlich im September 2015 das erste gemeinsame Treffen in den Räumlichkeiten des Goethe Institutes in Ramallah statt. Dabei ging es darum, die verschiedenen Initiativen der palästinensischen Institutionen, die audiovisuelle Inhalte archivieren, zu erörtern und nach einer gemeinsamen Grundlage für die Errichtung eines palästinensischen digitalen audiovisuellen Netzwerkes zu suchen. Das Resultat des 3-tägigen Treffens war, dass das Museum sich bereit erklärt hat, die nötigen Mittel zur Etablierung eines palästinensischen digitalen audiovisuellen Archivnetzwerkes bereitzustellen. 17 Modern Heritage Observatory presents its 2nd regional symposium on modern cultural heritage in the Middle East and North Africa. https://www.aub.edu.lb/ulibraries/Documents/news/MoHo-Regional-Meeting_English.pdf, aufgerufen am 08.08.2017. 18 Modern Heritage Observatory holds second regional meeting. http://www.modernheritageobservatory.org/article.php?id=70&c=11#.WYmx4xXyjcs, aufgerufen am 08.08.2017. 24 1.2. Ansätze zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturerbes in Palästina und der Region des arabischen Vorderen Orients Staatlich geförderte beziehungsweise kontrollierte Archive mit reinen auditiven oder audiovisuellen Inhalten sind im nahöstlichen arabischen Raum kaum zu finden, höchstens sind sie Teile der Archive der staatlich kontrollierten Rundfunkanstalten. Da aber oft das Bedürfnis bei vielen Intellektuellen und unabhängigen Institutionen existiert, Kulturgüter zu erhalten, jedoch die jeweiligen Staaten und Regime dafür keine Mittel bereitstellen, haben diverse Institutionen beziehungsweise unabhängige NGOs und auch Privatpersonen schon vor einiger Zeit aus eigener Initiative damit begonnen, auditive oder visuelle kulturrelevante Inhalte in Eigenorganisation und Eigenfinanzierung zu sammeln, zu digitalisieren und zu archivieren. Einige von Ihnen verstehen sich als Archivsammelpunkt für Inhalte nicht nur aus dem eigenen Land, sondern länderübergreifend aus dem gesamten arabischen Raum, also unabhängig von den derzeitigen politischen Staatsgrenzen des jeweiligen Landes. Denn im Allgemeinen herrscht oft bei vielen Intellektuellen, Kulturschaffenden und Kulturinteressierten heute noch der Geist des „Panarabismus“, der die Idee einer nationalistischen Bewegung verkörpert, die die arabische Kulturnation, im Sinne von gemeinsamer Sprache und Kultur in einen gemeinsamen Nationalstaat vereinen soll: „… Das Programm des Panarabismus geht auf die Zeit der Aufstände gegen das Osmanische Reich zurück, in dem die besetzten Provinzen in der arabischen Sprache einen gemeinsamen Nenner fanden, durch den sie sich von den türkischsprachigen Osmanen unterschieden. Eine große Rolle spielte der Panarabismus vor allem im Kampf gegen die europäischen Kolonialstaaten. Besonders engagiert vertrat ihn der ägyptische Staatspräsident Gamal Abd El-Nasser, unter dem sich Ägypten mit Syrien von 1958-1961 zur ‚Vereinigten arabischen Republik‘ verband …“19 Aus dieser Perspektive arbeiten und agieren diese Menschen und die von ihnen durchgeführten Kulturprojekte sehr stark länderübergreifend, wo auch palästina-relevante Inhalte wiederzufinden sind. Da die heutige Staatenteilung der arabischen Welt im Wesentlichen erst im 20. Jahrhundert entstanden ist, trifft das insbesondere zu bei Projekten, die sich mit historischen Inhalten, wie Archiven, auseinandersetzen. Palästinensische Kulturinhalte, die einen historischen Charakter haben, sind also durchaus verflochten und finden oft weitere Spuren in anderen Teilen der arabischen Welt. Die Rolle dieser oft in Eigenregie entstandenen Initiativen zur Erhaltung unterschiedlicher arabischer Kulturgüter sind für die Wiederfindung palästinensischer Inhalte daher enorm wichtig. Oft beruht die Entstehung dieser Initiativen auf privaten Sammlungen, die über die Jahre von leidenschaftlichen Sammlern*innen gewachsen sind, und wo deren Sammler*innen einen 19 Knipp, Kersten. 2011. Arabische Welt. Online-Artikel, der Freitag (08.09.2011). https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/arabische-welt, aufgerufen am 15.01.2018. 25 Beitrag für die Wahrung arabischer Kulturgüter leisten wollen und ebenso in der Lage sind, ihre Erhaltung und Veröffentlichung zu finanzieren. Einige Beispiele sind: - Buch: Palestine – Post Cards From The Collection Of Ezzedine Kalak: Eine Sammlung von 71 historischen Postkarten palästinensischer Städte um 1900). Herausgegeben etwa 1970 in eigener Organisation und Finanzierung. - AMAR – Foundation For Arab Music Archiving & Research: Basiert auf der Privatsammlung von Kamal Kassar, einem libanesischen wohlhabenden Musikliebhaber, der zahlreiche alte Schellackplatten arabischer Musiker*innen besitzt. Mittlerweile ist AMAR eine selbständige NGO in Beirut, die auf eigene Kosten Kassars alte arabische Schellackplatten sammelt, digitalisiert und einen Teil davon unter www.amar-foundation.org für die Öffentlichkeit bereitstellt. - Foto-Sammlung von Elia Kahvedjian (1910–1999), einem bekannten palästinensischen Fotografen aus Jerusalem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kahvedjians Sohn, Kevork Kahvedjian, hat 1998 eine Auswahl von der Sammlung seines Vaters in dem Buch „Jerusalem Through My Father’s Eyes“ eigenfinanziert veröffentlicht. - Das „Palestine Poster Project Archives“: Eine auf der privaten Plakat-Sammlung von Daniel J. Walsh (Washington D.C.) basierende Internet-Archiv-Initiative zur digitalen Erhaltung und Online-Veröffentlichung palästinensischer und palästina-relevanter Plakate aller Art. Mittlerweile enthält seine Sammlung mehrere tausend Plakate, die die palästinensische Historie (politische Geschichte, Kultur usw.) seit dem frühen 20. Jahrhundert wiedergeben. Alle dieser Plakate können online unter der von ihm betriebenen Internetseite www.palestineposterproject.org eingesehen werden. Doch auch zahlreiche institutionelle Initiativen zur Erhaltung, Digitalisierung und Veröffentlichung arabischer Kulturgüter sind in den letzten Jahren entstanden. Im Gegensatz zu den reinen privaten Initiativen, sind institutionelle Initiativen dieser Art im arabischen Nahen Osten und in Nord Afrika immer auf fremde Fördergelder angewiesen. Aber auch hier sind leidenschaftliche engagierte Initiator*innen und Mitarbeiter*innen die treibende Kraft, um solche Initiativen voranzutreiben und nachhaltig am Leben zu erhalten. Einige Beispiele sind: - Arab Image Foundation: Eine der bekanntesten NGOs, die Fotografien aus dem gesamten arabischen Raum sammelt, systematisch archiviert, digitalisiert und für Nutzer*innen und Forscher*innen bereitstellt. Arab Image Foundation wurde 1997 in Beirut gegründet und wird durch mehrere Stiftungen und Organisationen aus dem In- und Ausland finanziert. http://www.fai.org.lb/Home.aspx. - Irab20: Eine der kleineren NGOs, die sich ausschließlich mit der Digitalisierung von Audio- und Musik-Aufnahmen und Tonmaterial-Sammlungen aus dem arabischen Raum befasst, mit Sitz in Beirut. Leider hat diese NGO keine eigene Internetseite. Sie 20 Irab (Bedeutung des Namen „Irab“: eine bestimmte Form der Gesangsverzierungen in der arabischen Gesangsmusik). 26 beschränkt sich auf die Mitwirkung bei Musikveranstaltungen, Ausstellungen und die Veröffentlichungen von kleinen Büchern und Artikeln über Musik. - Nawa: Ähnlich wie Irab befasst sich Nawa, mit Sitz in Ramallah als einzige palästinensische NGO mit der Erhaltung und Wahrung des palästinensischen bürgerlichen Musiklebens. Im Vergleich zu Irab befasst sich Nawa nicht nur mit aufgenommenen auditiven Musikmaterial, sondern gleichermaßen auch mit Noten und überlieferten Musikdokumenten. https://www.facebook.com/NAWAPALESTINE - Al-Qattan Foundation: Mit ca. 100 Mitarbeitern*innen in der Westbank und im Gaza- Streifen ist sie eine der größten palästinensischen Privatstiftungen, die fast ausschließlich Kulturprojekte fördert und finanziert. Ein guter Teil Ihrer Förderung gilt dem audiovisuellen Kulturerbe. Mehrere Ansätze beziehungsweise Projekte zur Digitalisierung und Erhaltung von palästinensischen Filmen wurden in den letzten Jahren von der Al- Qattan Foundation finanziert, jedoch handelt es sich immer kleinere und um zeitlich begrenzte Projekte, die andere NGOs ausführen und nach dem Ende des Finanzierungsbudgets auslaufen. Weitere in den palästinensischen Gebieten existierende Archive sind ursprünglich als wissenschaftliche beziehungsweise akademische Archive entstanden, deren Sammlungen aber mittlerweile zu einem beachtlichen Teil aus auditiven oder visuellen Inhalten bestehen. Dazu zählen: • Archiv des Institute For Palestine Studies • Archive der verschiedenen Universitäten der Westbank, die im Laufe der Jahrzehnte entstanden sind, darunter: - Birzeit University - Al-Najah University - Bethlehem University Staatlich kontrollierte, also von der palästinensischen Autonomieregierung (direkt oder indirekt) finanzierte audiovisuelle Archivierungsprojekte, sind im Gegensatz zu den privaten beziehungsweise durch NGOs entstandenen Archive nur wenige. Dazu zählen zum Beispiel: • Audio- und Video-Archiv des Palestine Broadcasting Corporation: In diesem Archiv befindet sich die größte und wichtigste Sammlung von Audio- und Video- Dokumenten in den Palästinensischen Gebieten. Sie sind auch verhältnismäßig gut sortiert und katalogisiert. Obwohl das Archiv nicht öffentlich ist, können Forscher*innen und Interessierte auf begründete Anfrage Kopien bestimmter Inhalte beziehen. Es handelt sich überwiegend um Inhalte neueren Datums, die erst nach der Gründung der Palästinensischen Autonomiebehörde und der ihr unterstellten Palestine Broadcasting Corporation nach dem Osloer Abkommen im Jahre 1993 entstanden sind. • Palestine National Archive, das direkt dem Ministerium für Kultur unterstellt ist. Es enthält nur kleinere Bestände von Dokumenten, Büchern, einigen Fotografien und 27 wenigen Videobändern. Die Arbeitsweise und Funktionalität dieses Archivs ist jedoch eher bescheiden. Es handelt sich um eine kleine Abteilung des Ministeriums, in der kaum Inhalte digitalisiert worden sind. Die enthaltenen Sammlungen sind daher für wissenschaftliche Forschung vom begrenztem Nutzen. Weitere Palästina-relevante Archive und Sammlungen befinden sich derzeit noch bei israelisch kontrollierten Institutionen und sind für Palästinenser*innen kaum zugänglich. Auf diese wird später eingegangen.

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References

Zusammenfassung

Palästina gehörte schon immer zu den Regionen, die im Zentrum des weltlichen Geschehens standen. Es gehört somit schon seit den ersten Tagen der Fotografie zu den visuell am meisten dokumentierten Gebieten weltweit. Auch kulturell und musikalisch war Palästina schon immer ein Knotenpunkt, an dem sich europäische wie orientalische Musikkulturen kreuzten. Doch die gravierenden politischen Veränderungen des Jahres 1948 brachten das rege kulturelle Leben völlig aus dem Gleichgewicht.

Im Schatten des politischen Widerstandes der Palästinenser*innen nach 1948 und mit der rasanten Verbreitung der audiovisuellen Medien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielten diese Veränderungen eine Schlüsselrolle. Es entstand in den 1960er- und 70er-Jahren eine Menge an audiovisuellem Material, das größtenteils in Beirut produziert und gelagert wurde. Nach dem Einmarsch der israelischen Armee im Jahr 1982 in den Libanon verschwand dieses riesige Erbe fast gänzlich – bis heute!

Was ist also mit den vielen Fotografien, Musikaufnahmen und Filmrollen passiert? Wo sind diese heute zu finden, und sind sie überhaupt zugänglich?

Erstaunlicherweise haben sich Europa und besonders Deutschland während dieser Studie als eine wahre Fundgrube für das palästinensische audiovisuelle Erbe erwiesen. Dank ausgereiftem Archivierungsfachwissen und der Wertschätzung vieler europäischer Institutionen konnte ein Großteil des palästinensischen Kulturerbes wiedergefunden werden. Doch die Suche muss weitergehen.

Bashar Shammouts Buch zählt zu den ersten wissenschaftlichen Studien, die sich mit dem Entstehen, dem Verbleib und der digitalen Erhaltung dieser Inhalte auseinandersetzen.