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Schlusswort in:

Bashar Shammout

Digitale Erhaltung des auditiven und visuellen Kulturerbes Palästinas, page 188 - 190

Grundlagen und Perspektiven

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4217-5, ISBN online: 978-3-8288-7138-0, https://doi.org/10.5771/9783828871380-188

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 18

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
188 Schlusswort Ziel dieser Arbeit war das Lokalisieren und Beleuchten von diversen auditiven und visuellen Sammlungen und Inhalten, die für das kulturelle Erbe Palästinas von wichtiger Bedeutung sind. Mit Blick auf die Zukunft, ging es mir ebenso darum, ihren Verbleib, der meist im Ausland ist, zu begründen und zu verstehen. Denn gerade im Ausland – also oft nicht in palästinensischer Hand – befinden sich bedeutende Sammlungen und Inhalte, deren Existenz erst durch diese Studie näher beleuchtet oder gar aufgedeckt werden konnten. Das trifft insbesondere für das Wiederentdecken der ersten Tonaufnahmen palästinensischer Musiker*innen zu. Denn gerade das auditive Erbe Palästinas wurde bisher kaum erforscht. Mit dem Fund der beiden Schellackplatten im Archiv des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin wurde nun zum Beispiel ein erster Beleg darüber erbracht, dass es bereits Mitte der 1920er Jahre Tonaufnahmen palästinensischer Musiker*innen gab, die auch mindestens ein Jahrzehnt älter sind als die, die Robert Lachmann Mitte der 1930er Jahre gemacht hat. Da seine Tonaufnahmen immer wieder in diverser Literatur als „die ersten Tonaufnahmen“ Palästinas schlechthin beschrieben werden, ist dieser Fund von besonderer Bedeutung. Bei meiner Forschung versuchte ich mich auf die folgenden Fragen zu konzentrieren: • Wie Inhalte entstanden sind; wer sie wie (und wo) kreiert hat? • Welche Bedeutung die verschiedenen Inhalte und Sammlungen für das palästinensische Kulturerbe und das kollektive Gedächtnis haben? • Wo diese Sammlungen sich derzeit befinden? • Ob sie digital vorliegen und in welcher Form und welchem Umfang sie zugänglich sind? Da das palästinensische Kulturschaffen in der jüngeren Geschichte sich sehr an die politischen Entwicklungen angelehnt hat, musste ich mich zwangsläufig mit verschiedenen politischen und historischen Ereignissen und Gegebenheiten auseinandersetzen. Dies war nötig, um das Entstehen audiovisueller Kulturinhalte in den richtigen geschichtlichen und politischen Kontext setzen zu können. Mit Blick auf die Zukunft der digitalen Kunst- und Kulturgüter und auch basierend auf meiner langjährigen Tätigkeit in der digitalen Musik-Archivierung, wollte ich im Schlussteil nur die technischen Hauptaspekte der digitalen Aufbewahrung und Bereitstellung anführen, ohne in die Tiefe dieses technisch recht komplexen Bereiches gehen zu müssen. Da digitale Technik und Kultur immer enger zusammenwachsen, habe ich es für wichtig gehalten, diesen Teil zu integrieren und nur kurz auf die Herausforderungen hinzuweisen. Denn diese werden in Zukunft immer komplexer und umfangreicher. In diesem Kontext soll der Schlussteil lediglich als Wegweiser dienen. Natürlich ist die bildende Kunst ein gewichtiger Teil des visuellen Kulturerbes, die aber nicht Teil dieser Studie ist. Als Sohn zweier Kunstmaler hätte ich sehr gerne auch den Bereich der bildenden Kunst mithineingenommen. Doch das hätte den Rahmen dieser Studie zu sehr ausgeweitet und den Fokus zu sehr gestreut. 189 Mit dieser Studie versuchte ich, die vielen geraubten Sammlungen, von denen sich ein großer Teil nun nachweislich in israelischen Archiven befinden, auf die Spur zu kommen und einen bescheidenen Beitrag zur Klärung ihres Verbleibs zu leisten. Ferner hatte ich vor, mich mit den rechtlichen Möglichkeiten zur Rückgabe dieser Inhalte auseinanderzusetzten. Doch angesichts der immer schwieriger werdenden politischen Realität gegenüber den Palästinensern*innen erschien mir diese Vision derzeit als kaum realisierbar, weswegen die rechtlichen Aspekte hier nicht weiter angesprochen wurden. Die Suche nach Inhalten endet also keineswegs mit dieser Studie. Im Gegenteil. Nach den inzwischen vorliegenden Ergebnissen könnten noch sehr viele Inhalte wiederentdeckt und ans Tageslicht gebracht werden. Das aufgestellte Register reflektiert lediglich die zurzeit bekannten und verfügbaren Inhalte. Die kommenden Schritte müssten dann sein: a) weitere Sammlungen und Bestände zu lokalisieren, b) nach rechtlichen und finanziellen Möglichkeiten zu suchen, die zu findenden Inhalte digital umzuwandeln, wissenschaftlich und systematisch zugänglich zu machen. Wie effizient die Suche nach weiteren Inhalten und ihre digitale Bereitstellung gelingen wird, hängt von mehreren Faktoren ab und erfordert das Bündeln mehrerer nationaler und internationaler Institutionen und Fachkräfte aus den Bereichen Kultur- und Kunstgeschichte, Audio- Video-Technik, Informatik, Rechtswissenschaften und Politik. Denn es handelt sich nicht nur um die reine technische und digitale Erhaltung von Kulturgütern, die für das palästinensische kollektive Gedächtnis wichtig sind, sondern auch im Kontext der politischen Auseinandersetzungen in der Nahost-Region soll diese Studie dazu beitragen, die Geschichtsschreibung ins richtige Licht zu setzen.

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Zusammenfassung

Palästina gehörte schon immer zu den Regionen, die im Zentrum des weltlichen Geschehens standen. Es gehört somit schon seit den ersten Tagen der Fotografie zu den visuell am meisten dokumentierten Gebieten weltweit. Auch kulturell und musikalisch war Palästina schon immer ein Knotenpunkt, an dem sich europäische wie orientalische Musikkulturen kreuzten. Doch die gravierenden politischen Veränderungen des Jahres 1948 brachten das rege kulturelle Leben völlig aus dem Gleichgewicht.

Im Schatten des politischen Widerstandes der Palästinenser*innen nach 1948 und mit der rasanten Verbreitung der audiovisuellen Medien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielten diese Veränderungen eine Schlüsselrolle. Es entstand in den 1960er- und 70er-Jahren eine Menge an audiovisuellem Material, das größtenteils in Beirut produziert und gelagert wurde. Nach dem Einmarsch der israelischen Armee im Jahr 1982 in den Libanon verschwand dieses riesige Erbe fast gänzlich – bis heute!

Was ist also mit den vielen Fotografien, Musikaufnahmen und Filmrollen passiert? Wo sind diese heute zu finden, und sind sie überhaupt zugänglich?

Erstaunlicherweise haben sich Europa und besonders Deutschland während dieser Studie als eine wahre Fundgrube für das palästinensische audiovisuelle Erbe erwiesen. Dank ausgereiftem Archivierungsfachwissen und der Wertschätzung vieler europäischer Institutionen konnte ein Großteil des palästinensischen Kulturerbes wiedergefunden werden. Doch die Suche muss weitergehen.

Bashar Shammouts Buch zählt zu den ersten wissenschaftlichen Studien, die sich mit dem Entstehen, dem Verbleib und der digitalen Erhaltung dieser Inhalte auseinandersetzen.